Zur Ahnenliste >Janecke< gehörend:
Fortsetzung der autobiografisch beschriebenen Bilder aus dem Lebensfilm von Chris. Janecke, aus Potsdam-Babelsberg.
Der Teil 2: Die Jahre von 1956 bis 1960, das elfte bis fünfzehnte Lebensjahr.
E-Mail: chris@janecke.name
aktuelle Durchsicht im April 2026
Zur Einstimmung in diesen Text gibt es einige Bilder – bitte hier klicken.
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Wer sich vornimmt, Gutes zu wirken, darf nicht erwarten, dass die Menschen ihm deswegen Steine aus dem Weg räumen, sondern er muss auf das Schicksalhafte gefasst sein, dass sie ihm welche darauf rollen.
Albert Schweitzer
Auch aus den Steinen, die dir in den Weg gelegt werden, kannst du Schönes bauen.
meint Johann Wolfgang v. Goethe
Apostel Petrus sagt: Wir heilten im Namen Jesu Christi Menschen...
... Er ist der Stein, von Euch Bauleuten verworfen, der nun zum tragenden Eckstein geworden ist.
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Meine bisher namentlich bekannten Vor-Mütter und Vor-Väter in gerader Linie:
Diese Tabelle kann auch gerne von unten nach oben gelesen werden –
aus der Gegenwart zurück in die Vergangenheit.
Gene- ration |
Ehemann |
Ehefrau |
Lebenszeit |
Orte der Lebens-mittelpunkte |
Bei der Generation 08 versiegt der Strom der Kenntnis bereits, weil die Kirchenbücher vernichtet worden sind. In anderen Orten lässt sich der gleiche Familienname wesentlich weiter zurück verfolgen – aber es fehlt mir die zuverlässige Belegbarkeit der Familien-Zusammengehörigkeit.
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09 |
Die Eltern von Joachim J. Die Lebenszeit mag etwa zwischen 1720 und 1790 gelegen haben. Eine Annahme: Es ist nicht ausgeschlossen, dass der junge Mann in Hoewisch aufwuchs und im Jahr 1743, mit 6 weiteren Hoewischern, entweder als Acker- oder Müllerbursche, 20 km weiter nach Calenberge „auswanderte" (nach einem Hinweis des Ortslexikons, Hoewisch betreffend). In Pollitz / Calenberge lebten Familien mit dem Namen >Ganeke< / >Gernecke<. Es könnte sich um Schreibvarianten für Personen des gleichen Familienstamms >Janecke< handeln. |
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08 |
Janecke, Joachim |
namentlich nicht bekannt |
um 1750 bis 1806 |
Calenberge = Pollitz-Kahlenberge, (Altmark), Prov. Sachsen => S.-Anh. |
07 |
Janecke, Andreas Christoph |
Later, Catharina Margarethe |
1778 bis 1849 |
Calenberge, Schönberg und Höwisch (Altmark) |
06 |
Janecke, Joachim Heinrich |
Betke, Catherine Elisabeth |
1807 bis 1887 |
Meseberg (Altmark), und Osterburg |
05 |
Janecke, Carl Friedrich August, der Ältere |
Neumann, Dorothee Elisabeth |
1842 bis 1912 |
Schmersau (Altmark) und Osterburg |
04 |
Janecke, Carl Friedrich August, der Jüngere |
Dittwaldt, Pauline Klara Antonie |
1869 bis 1950 |
Berlin, Rixdorf, Nowawes-Neuendorf |
03 |
Janecke, Alfred Richard |
Sommer, Anne-Marie |
1900 bis 2003 |
Rixdorf und Nowawes, Potsdam-Babelsberg |
02 |
Janecke, Chris.toph |
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1945 bis ins folgende Jahrtausend hinein |
Potsdam, in verschiedenen Ortsteilen |
01 |
Janecke, Kinder. |
Nähere Angaben sind sogar dem Autor bekannt, unterliegen aber dem allgemeinen Interesse des familiären Datenschutzes. |
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00 |
Janecke, Enkel. |
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1956 – Inzwischen zähle ich 10+ Jahre, bin somit im 11. Lebensjahr. Einige Begebenheiten:
Schöne Schule – bis zum Sommer bin ich noch im 4. Schuljahr.
Lehrer sind in der Nachkriegszeit oft unbemannte Frauen, öfter ältliche Frollein, also Lehrerinnen. Auch männliche Neulehrer gibt es, die als vom vergangenen Reich nicht belastet gelten, die sich den Lehrstoff manchmal selbst erst kurz vor ihrem Unterricht erarbeitet hatten. Kriegsinvaliden zählen auch zu diesem „schnell besohlten“ pädagogischen Personal. Besonders jüngere Genossen des Lehrerkollektivs wechselten bei uns des Öfteren wegen deren so genannter Flucht aus der Deutschen Demokratischen Republik.
Schul-Direktoren sind während jener Zeit bei uns in der Babelsberger Schule 17, in der Schulstraße 9: Herr Brepohl, dann Herr Russig und später wird es Frau Wieland sein.
Nachstehend einige unserer Lehrerinnen und Lehrer:
1. Klasse,
1952/53,
6.–7. J. |
Schule 30 in der Tuchmacherstraße, Klassenlehrerin: Frau Schollmeier |
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7. Klasse
1958/59
12.–13. J. |
Klassenlehrer: Herr Willy Donath, Herr Kuleschir (Russisch 7. / 8.), Herr Donath: (Zeichnen, Technisches Zeichnen, Chemie, Physik und Unterricht in der Produktion)
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2. Klasse
1953/54
7.–8. J |
Schule 30, Tuchmacherstraße
Fräulein v. Kidrowski |
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8. Klasse
1959/60
13.–14. J. |
Klassenlehrer: Herr Willy Donath Fräulein Heinrichs (Geschichte), Herr Fritz-P. Gnerlich: Biologie, Chemie. Frau Sadowski (Deutsch)
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3. Klasse
1954/55
8.–9. J. |
von nun an: Schule 17 in der Schulstraße 9. Klassenlehrerin: Fräulein Margarethe Karstedt, Herr Paetke, Frau Bischoff |
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9. Klasse
1960/61
14.–15. J. |
Klassenlehrer: Fritz-Peter Gnerlich. Herr Paul Ziegner (Erdkunde), Frau Lilly Osterland (Russisch), Herr Vogel (Mathematik, Physik) Herr Machner, Sport. Herr Leonhardt u.Herr Löwendorf: Musik
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4. Klasse
1955/56
9.–10. J. |
Klassenlehrer: Herr Grüneberg, später Herr Egon Lippelt, Herr Schulz, Klassenlehrer und Rechnen |
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10. Klasse
1961/62
15.–16 J. |
Klassenlehrer: Herr Fritz-Peter Gnerlich, Herr Pianowski (Russisch). Frau Wils (Musik), Herr Vogel: Mathe, Physik, Astronomie.
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5. Klasse
1956/57
10.–11. J. |
Klassenlehrer: Herr Dieter Ignor, Herr Lüders (stellvertretender Direktor und Geschichte), |
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11. Klasse
1962/63
16.–17. J. |
Betriebsberufsschule Großbeuthen, Klassenlehrer Herr Utemann, Direktor Herr Abromeit
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6. Klasse
1957/58
11.–12. J. |
Klassenlehrer: Herr Dieter Ignor, Sportlehrer: Herr Freydank |
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12. Klasse
1963/64
17.–18. J. |
Volkshochschule Potsdam, Klassenlehrerin Frau Nippert, Direktor der VHS: Herr Budach
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Neuerdings haben wir an jedem Schultag eine Matheprüfung
Wie man sich denken kann, kam dieser Einfall nicht von mir. Ich suchte mir das nicht aus. Weil so viele Lehrer (aber auch Menschen anderer Berufe) die DDR illegal, also ohne um Erlaubnis nachzufragen, einfach so verlassen und in den Westen gehen, fällt bei uns öfter ein bisschen Unterricht oder auch etwas mehr davon aus. Dadurch bleiben wir aber nicht dümmer als die Schüler in Hamburg oder München, dort, wo unsere Lehrer jetzt vielleicht gerade unterrichten, sondern im Gegenteil, wir werden früher selbständig, reifen schneller, weil wir uns dies' und jenes im intensiven angeleiteten „Selbststudium“ erarbeiten. Manchmal bekommen wir aber auch einen neuen Lehrer. So wie jetzt:
Es ist Herr Schulz. Unser neuer Klassenlehrer und Lehrer im Rechnen. Herr Schulz war wohl zu Kriegszeiten, also noch vor wenigen Jahren, ein Unteroffizier und wurde im Krieg leider schwer verwundet. Danach wurde er Neulehrer. Er hat gewiss inzwischen einen neuen festen Klassenstandpunkt erringen können, so dass er zu uns durfte. Herr Schulz sieht etwa so aus wie der Zwillingsbruder des Senators der Demokratischen Partei in den USA, Lyndon B. Johnson. Ein bisschen Sorge hat man schon, dass bei ihm was kaputtgeht, denn er läuft dank einer Beinprothese und deren metallische Mechanik knackt und schnappt vernehmlich bei jedem Schritt. Bisher passierte aber trotzdem nichts Schlimmes. Sein Kunstbein sieht in der Knieregion leicht seitlich abgeknickt aus. Wir denken es uns zumindest so nach der Form der Hose. Es ist nicht so ebenmäßig gebogen, wie bei einem echten Reiter oder dessen Säbel. Das lenkt bei den Aufgaben immer ab. Der Herr Schulz ist wirklich nicht zu beneiden und die Schüler sollten ihm das Leben beim Unterrichten nicht noch erschweren.
Äußerlich sieht man nichts mehr vom „Spieß“ aber etwas vom Unteroffizier steckt immer noch in ihm: Zum Beginn jeder Stunde müssen wir nicht nur zu Begrüßung stillstehen, sondern auch so stehen bleiben. Er ruft eine Rechenaufgabe laut in den Klassenraum und man darf / muss laut zurückrufen, also nur die richtige Lösung, ohne sich vorher zu melden. Nur der erste Rückruf wird gewertet und derjenige Schüler darf „rühren“, das bedeutet, er darf sich setzen. So wiederholt sich das sehr schnell knapp 30 x. Eine der Lieblingsaufgaben des Herrn Schulz ist die 7 x 8 = ? Er ist der Meinung: Im kleinen 1 x 1 und am Beginn des Großen gibt es nichts zu rechnen – da haben die Ergebnisse auswendig gelernt, im Gehirn eingeschliffen zu sein und wie aus der Pistole geschossen zu kommen. Seine Wunsch zur Geschwindigkeit erinnert uns sehr an ein Maschinengewehr. „Es hat euch das Rechnen in Fleisch und Blut überzugehen. Wenn ich euch nachts wecke, muss es noch im Schlaf kommen: 8 x 7 = 56“. Hoffentlich gibts da nicht zu viele Albträume und auch keine Alpträume.
Allerdings sammelt Herr Schulz in seiner Funktion als Klassenlehrer auch oft am Unterrichtsbeginn die Erträge, freiwillige Anteile, also Spenden von den Altstoffsammlungen, den „Rumpelmännchen-Aktionen“ ein. Mitunter müssen wir gemahnt werden, wenn die Beiträge zu zögerlich oder in zu kleinen Einzelmünzen kommen. Manchmal wird der Grad des Respekts vor ihm, auch mit einer „Kopfnuss“ oder des hilfreichen Hochziehens des Schülers aus der Bank an seinem Ohr erhöht. –
Inzwischen wird auch unser blondgelocktes Brüderchen mit zusätzlich gereichten Vitaminen versorgt. Allerdings ist es bei ihm nicht mehr unser alter Lebertran vom Meeressäugetier, sondern ein wohlduftendes und -schmeckendes „Travidyn“. Die Wale dürfen nun hoffentlich leben bleiben.
Der Kleine genießt also eine Art Trink-Kur in der Heimat und ich ... ich darf wieder fort fahren.
Oh Schatz – eine Erlösung vom Mathe-Drill: im Frühjahr habe ich habe Zusatzferien in Borna bei Oschatz in Sachsen
Im Winter erhalte ich nach der obligatorischen Untersuchung bei der Kinder- und Jugendfürsorge in der Babelsberger Karl-Liebknecht-Straße 113, von der Sozialversicherungskasse (SVK beim FDGB) den Aufenthalt in einem Kindererholungsheim, in dem ehemaligen Schloss eines Barons oder inzwischen: in einer großen alten Villa des Dörfchens Borna verordnet, geschenkt. Danke! Großen Dank!
Unsere Ankunft
Wir kommen nun also im April im Sachsenland an. Für einige Wochen dürfen wir Kinder in dieser alten Villa gemeinsam leben. Das Haus heißt „Sonnenblume“ und steht in der Straße der
Jugend 11, in Borna bei Oschatz, so ist die Anschrift, falls ihr mir mal schreiben möchtet. Die Bäume und auch Sträucher sind leider auch hier noch kahl aber im Sonnenschein ist es draußen schon schön warm.
Erste Eindrücke: Es sind vier Kinder aus Babelsberg dabei, die sich nun kennen lernen. Es sind Ingelore, Hartmut, Ernst und ich. Ingelore hat ausgangs des Sommers, im gleichen Jahr wie ich Geburtstag aber Hartmut ist schon ein Jahr älter. Ingelores Eltern haben große Kenntnisse und Fertigkeiten in der feinen Holzbearbeitung für Wohnräume. Hartmuts Vater ist Lokomotivführer bei der Deutschen Reichsbahn. Viele Kinder kommen aber aus den sächsischen Industriegebieten, um hier endlich einmal frische Luft schnappen zu können.
Ich selber bin leider allen Kindern und dem Personal schon in der ersten Stunde unseres Aufenthalts schnell bekannt geworden, man kann auch sagen „ich bin aufgefallen“. Das kam so:
Der große Schlafsaal der Jungen, der sich rechts-hinten an die große, mit dunklem Wand-Paneel ausgestatteten Eingangshalle anschließt, ist mit glänzend versiegeltem Parkett ausgestattet. Mit unseren filzbesohlten Hausschuhen veranstalteten wir bereits nach dem Auspacken der Koffer einen „Schlidderwettbewerb“. Nur so zum besseren Kennenlernen. Die freundlichen Erzieherinnen waren in ausreichender Ferne. Das ging auch recht gut, fast so gut, wie auf dem Eis, zumindest solange, bis ich ausrutschte und mit dem Kopf auf die Ecke eines der Eisenbettgestelle knallte. Ein „Loch im Kopf“, Blutvergießen, kleine Gehirnerschütterung und plötzlich viel der Dunkelheit um mich herum. Ein baldiges Aufwachen folgte unter fremden Stimmengewirr. – Wie fern und in Watte gepackt die Stimmen.
Die Narbe, ein „Denkzettel“, wird auch nach mehr als einem halben Jahrhundert noch sehr gut erhalten sein – eine Stelle „auf der kein Gras mehr wächst“. Findige und gesunde Kinderköpfe wählten für mich sofort den Indianernamen „Blutige Bärentatze“. Eine Bezeichnung, nicht völlig zutreffend für den Schaden, der ja weiter oben angesiedelt ist, ein nebensächlicher „Hauptschaden“ sozusagen. Nur soll ich mich in solch einem Falle oder Sturz nicht auf das Ändern von Zusatznamen verlegen, sondern diesen mit Würde tragen und gute Miene zu diesem Spiel machen. Bis zur Rückfahrt in die Heimat, wird das Ganze aber schon nicht mehr so sehr furchterregend aussehen.
Ganz toll und heimatverbindend ist für mich der Duft des neuen mitgebrachten Seifenstücks mit dem schmückenden Prägeeindruck in der ebenfalls neuen Seifenschale und der neuen Zahnpasta-Tube. Auch der kleine Taschenkamm gefällt mir (nur, dass ich mit diesem nur ganz vorsichtig und nur ein bisschen auf dem Kopf umherkämmen kann). Hat Mutti alles vor der Abfahrt besorgt. ...
Den Beitrag darüber, wie es mit dem Aufenthalt in Borna weiterging, lest ihr bitte auf der gleichen Internetseite unter: https://www.janecke.name/orte/borna-bei-oschatz Dort gibt es auch mehr Bilder und Beiträge anderer Leser zum Erholungsaufenthalt. |
Später, wieder zurück in Potsdam-Babelsberg:
Die alte Heimat ist in den ersten Minuten ungewohnt, etwas fremd geworden, sehr geschäftig. Der Laden der Eltern ist geöffnet, Kunden kommen und gehen und die Eltern haben im Alltag viel zu tun. Nach der Begrüßung fühle ich mich deshalb ein bisschen als Nebensache, fast überflüssig. Das ist beinahe so ein „Blauvogel-Gefühl“ – aber unser Struppihund ist „ganz aufgedreht“ und Mutti hat schon ein schönes Begrüßungsabendessen vorbereitet.
Ende April 56 – Vorbereitung unseres Frühlingsfestes
Zum großen runden 30-jährigen Geschäftsjubiläum der Eltern (1926 bis 1956), soll wieder ein Familienbild entstehen, damit Interessierte unser Wachsen besser verfolgen können und später auch das Altern. Wurden zum kurzzeitigen Erhellen unseres Wohnzimmers vom Photographen vor fünf Jahren auf einem Teller die sehr orientalisch anmutenden Magnesiumoxidbeutel abgebrannt, obwohl nun wirklich nicht Silvester war, also ein Flambeau veranstaltet, um uns ins rechte Licht zu rücken, so ist bei ihm inzwischen ein neuzeitlicher Stand moderner Beleuchtungstechnik eingezogen. Er setzt in diesem Jahr eine große ekelhaft blendende elektrische Dauer-Lampe mit blankem Reflektorschirm ein. Der Photo-Künstler platziert dieses neue heiße Eisen abstützend auf Muttis Nähkasten. Dann rückt er Köpfe und Ohren von uns Abzubildenden in die angeblich einzig richtige Position – das dauert eine Weile – und bevor er endlich auf den Auslöser drückt, riecht es schon recht brenzlig – und die Ölfarbe von Muttis Nähkasten (milchkaffeefarben) hat sich stellenweise zu einem kross-schwarzbraunen Röstprodukt erhoben. Opfer müssen gebracht werden, will man ein hehres Ziel erreichen. Ein ewiges Andenken an diesen schönen Tag. Abgebrannt ist das Haus für das Foto aber nicht und den Namen des Mannes verpetze ich nicht an euch! Vielleicht sollte er aber für ein Lampen-Stativ sparen. Das wäre gut für alle seine Kunden.
Maifreuden
Erster Mai, erster Mai, alle Menschen werden frei – puh, war die erste Hälfte des Tages wieder schrecklich. Morgens trafen wir uns in der Schule (Schulstraße) und nach langer Wartezeit ging die machtvolle Demonstration der werktätigen Schüler langsam voran. Langsam! Immer wieder Stau und Stehen und warten und Geduld haben. Dabei nicht enden sollender Kampfgeist und auch knurrender Magen. Am schlimmsten ist es am Leipziger Dreieck, weil von links, aus der Heinrich-Mann-Allee, viele Schüler und Erwachsene strömen, wir aus der Friedrich-Engels-Straße kommen und kein Ordner irgendwie ermessen kann, wie man einen Reissverschluss zweier Menschenströme harmonisch zuzieht. Ob ich auch mal mit wichtig-ernst-verzerrtem Gesicht so blöd und hilflos bin, sinnlos aufgeregt mit den Armen herumfuchtele, wenn ich erst erwachsen sein werde? Wollen wir's nicht hoffen.
Dabei scheint es so einfach aus jeder Straße schön abwechselnd jeweils einen Block von vielleicht 100 Demonstrationsfreudigen durchzulassen. Die Ordner beider Straßen können sich an dieser Stelle sogar sehen. Gut ist es, dass aus der dritten Straße, aus der Leipziger Straße nur wenige Menschen kommen. An der Tribüne, am Platz der Nationen angekommen, jubeln wir dann alle plötzlich ein bisschen mehr oder ein bisschen weniger.
Es ist auch gut, dass Walter Ulbricht uns die Richtung weist. So spricht er beispielsweise: „Bei uns hat das arbeitende Volk ein gesichertes Leben. Die Arbeiterklasse und die anderen Werktätigen haben hier jetzt ein Vaterland, für das es sich lohnt, alle Kräfte einzusetzen, für das es sich lohnt, zu lernen und zu schaffen wie nie zuvor, ja?“. – Das sind wirklich schöne Worte.
Ich bin in Gedanken schon am festlich gedeckten Mittagstisch, denn heute findet ja zu Hause wieder das Betriebsjubiläum statt. Das Dreißigste. Kotelett gibt es, mit Kartoffeln und Mischgemüse (Erbsen, Morrüben, ...).
Vati hat dazu wieder eine Festschrift als Andenken gestaltet und es gibt auch einen neuen Geschäfts-Schmuck-Stempel mit „30 Jahre“. Natürlich auch die neuen Fotos, für die wir neulich so lange still saßen.
Bald aber beginnt unser Abschied von der Wohnung in der Rudolf-Breitscheid-Straße 46.
Die neue Wohnung
Zehn Jahre, vom Januar 1946 bis zum Frühjahr 1956, eine lange Kinderzeit, lebten wir gemeinsam in der Rudolf-Breitscheid-Straße 46 – meine Eltern aber schon fünf Jahre eher. An dieser Stelle lebten vor langer Zeit Leute von Muttis Vorfahren, als hier, vor 1874, noch so ein ortstypisches Kolonistenhaus stand, in dem sie wohnten. Lindenstraße 39 hieß es damals. Das jetzige größere Gebäude ist sozusagen mein Elternhaus, auch wenn es nicht das Haus meiner Eltern ist, denn wir alle (zwei Mietparteien, Schuberts und wir) sind ja bloß Mieter.
Es gelang den Eltern irgendwie, eine neue, eine bessere Wohnung zu mieten. Das war kein rein eigenes Verdienst. Auch war es „geistig“ eher so, dass die Hauseigentümer uns gesucht hatten. Sie wollten nicht jeden beliebigen Mieter. Dazu muss ich erläutern, dass der Wohnraum (an sich, also allumfassend) staatlich bewirtschaftet und die Wohnungsvergabe demzufolge allein staatlich gelenkt wird. Als Hauseigentümer bekommt man also in eine frei gewordene Wohnung den Mieter hineingesetzt, den der Staat, mit seinem Rat der Stadt, Abt. Wohnraumwirtschaft, für richtig hält.
Eine Wahlfreiheit, wen er aufnehmen möchte, gibt es für den Besitzer des Hauses kaum.
Die neue Wohnung befindet sich keine 200 m von der bisherigen entfernt, in der Wattstraße 12, Hochparterre. „Watt" ist hier kein Fragefürwort in Berliner Mundart, sondern der Familienname des englischen James, des guten Physikers. Es steht auf dem Sockel jeder Glühlampe –beispielsweise: 220 Volt, 40 Watt oder besser 25 Watt. Wir wollen sparen.
Die Eigentümer und Hauswirtsleute sind Herr Karl Klawon und seine Frau Martha, beide im Rentenalter. Herr Klawon verdiente früher das Geld für seine täglichen Brötchen mit der Arbeit als „Oberpostschaffner“. Das ist eine Dienstpostenbezeichnung, mit der sein Aufgabenbereich beschrieben wird und die gleichfalls der Einstufung der finanziellen Vergütung seiner Tätigkeit (Alimentation) als Beamter diente. Er hatte also eine wichtige Arbeit im Briefverteilungsdienst bei der Post. Herr Klawon ist inzwischen schwer gehbehindert und hochgradig schwerhörig. Als Hörhilfe benutzt er manchmal die Hörtüten, wie wir sie sehr ähnlich als Lampenschirme finden, bei ihm an einem federnden Kopfbügel befestigt. Es sind also richtige Kopfhörer. Auch besitzt er einen Hut mit „Gamsbart", so etwa nach süddeutscher Gutsherrenart. Frau Klawon ist freundlich, sieht recht verhärmt aus und quält sich mit ihrem Mann redlich herum. Sie ist nicht zu beneiden. Bald schon ist klar: Sie ist es, die im Wesentlichen die Geschäfte dieses Rentnerzweiergespanns führt. –
Unser Wohnungsumzug wird aber kein völliger Bruch mit dem Bisherigen, denn das Geschäft befindet sich ja noch dort am alten Wohnsitz. Die Eltern haben vorerst nur das Schlafzimmer im Obergeschoss an den Hauseigentümer zurückgegeben.
Den beißenden Ammoniakgeruch von der Lichtpausanlage haben wir also einige Stunden weniger in den Lungen – wir werden diesen aber nicht vermissen müssen, denn der bleibt uns ja in den Geschäftsräumen erhalten.
Hier in der Wattstraße 12 ist alles so aufregend neu. Ganz toll.
Wir ziehen erst mal in die von uns gründlich gereinigte Wohnung ein. Raumdecken und Wände müssen nicht gleich gemalert werden. Zeit und Geld sind knapp.
Einen großen Teil des Umzuges, mit den nicht enden wollenden Utensilien, erledigen wir mit vielen Fahrten unseres großen Handwagens. Mehrere Fuhren unternimmt auch Herr Walter Brendler mit seinem zweirädrig-großrädrigem Tischler-Plattenkarren. Ein fremdes Lastauto benötigen wir dann nur noch für die wenigen großen Möbelstücke.
Herr Brendler ist es auch, der mit großem handwerklichen Geschick und einer Engelsgeduld die vielen Einbauten erledigt, zum Beispiel die Hütte für Vatis Selbstfahrer (Rollstuhl) im Vorgarten. Erst viel später, als auch die Geschäftsräume in der Rudolf-Breitscheid-Straße 46 aufgegeben werden, nimmt Herr Brendler den Einbau der Ammoniak-Kästen für das Entwickeln der Lichtpausen, das Einfügen eines stabilen Zwischenbodens im Korridor (in der Art einer abgehängten Decke) und den Einbau einer weiteren Tür vor. Der Elektriker aus der Kreuzstraße, Herr Buse, der täglich aus Wildenbruch mit dem Fahrrad zur Arbeit nach Babelsberg kommt, baut dann einen großen Ventilator zum Abziehen der Ammoniakdämpfe aus der Wohnung ein.
Wohin wir unser Kellergut einlagern sollen, ist nicht zu übersehen, denn außen an der Hauswand weisen noch aus der Kriegszeit die schrägen weißen Pfeile auf den Luftschutzraum hin. Ob man die Räume auch heute noch für Notfälle freihalten muss? Wir leben momentan im „Kalten Krieg“.
Ein gemeinsamer Rundgang durch die neue Wohnung:
Wir betreten zuerst den Wohnungskorridor. Links von diesem liegen das schmale Kinderzimmer, das Wohnzimmer und das Schlafzimmer. Geradezu geht es zur Küche, mit der Speisekammer und dem dahinter liegenden Bad. Nach rechts gehen vom Korridor die Türen zum Büro und zur Toilette ab. Viele Räume also, fast so, wie in einem Schloss.
Das Wohnzimmer liegt zwischen Kinderzimmer und dem kombinierten Schlaf-/ und Arbeitszimmer. Wegen dieser Lage wird es auch das Mittelzimmer genannt. Gegen das Schlafzimmer ist es mit einer hohen, zweiflügeligen Tür getrennt, die mit geschwungenen Glasscheiben ausgestattet ist, deren geschliffene Kanten das gelbweiße Sonnenlicht in seine bunten Spektralfarben zerlegt. „Genau wie in Sanssouci“ sagen unsere Eltern gleich. Diese Tür hatten Klawons für sich anfertigen lassen, als sie früher selbst diese Räume bewohnten. Das ist schon lange her.
Zur Zeit des Umzuges hat Muttis altes Sofa, das aus der „Priesterstraße“, Urlaub. Diese Couch bekommt einen schönen neuen, lindgrünen Stoffbezug und wird danach im Mittelzimmer vor dem Fenster aufgestellt, zieht also etwas später ein. Urlaub haben auch unsere „Kinderbetten“ aus weißem Stahlrohr. Deren „Wangen“, also die hohen Kopf- und Fußenden der Stahlrohr-Betten dürfen zu Herrn Schlosser-Meister Quast, der sie bearbeitet. Als sie wiederkommen, sind sie in ihrer Höhe gekürzt, um nicht zu sagen „erniedrigt“ worden. Sie erinnern nun nicht mehr an Krankenhausbetten, nein, wir haben jetzt moderne flache Liegen. Man könnte auch sagen: Wir besitzen eine Ruhelandschaft.
Beim Einzug, beim Aufstellen der Möbel, hat unser kleiner Bruder nicht viel zu tun, obwohl er schon könnte – er wird ja bald zwei Jahre alt. Er vertreibt sich die Zeit ein bisschen und erforscht so manches. So prüfte er im Wohnzimmer gerade die Steckdosenbuchsen mit Muttis Haarnadel und obwohl es in der Wohnung schlagartig dunkel wird, sieht er helle Sterne, zeitgleich gibt es eine Knall-Stichflamme, einen Aufschrei aber bis auf die elektrische Schmelz-Sicherung haben es alle anderen Anwesenden überlebt. Ja, das Erziehen solch kleiner Kinder ist eine schwere Aufgabe.
Zum Kinderzimmer der beiden Großen gelangen wir durch das Wohnzimmer. Es ist somit „ein gefangener Raum“. Meine Schwester und ich, wohnen nun erstmals in einem eigenen gemeinsamen Kinderzimmer, in dem die beiden neuen Liegen, ein Kleiderschrank, die schwesterliche Aussteuerkiste (mit Sammeltassen, Bettwäsche, Handtüchern, selbstgearbeiteten Topflappen und gar manchem mehr) stehen. Ein kleiner Korbtisch mit zwei Sesseln und der Ofen finden gerade so Platz. Es ist unbeschreiblich schön, wenn draußen die Sonne scheint und dieses Licht gedämpft durch die schräg gestellten grünlichen Lamellen der heruntergelassenen Splittjalousie ins Zimmer fällt.
Das Schlafzimmer der Eltern gilt gleichzeitig noch als Arbeitsraum, zumal er groß genug ist. Hierin ruht auch unser kleiner Bruder.
Die Küche – ist einer der wichtigsten Räume.
Hierin stehen der Waschtisch für Geschirr und die Körperreinigung – in diesen Nutzungs-Arten nacheinander anzuwenden. Das ist ein Tisch mit einem herausrollbaren Gestell, das zwei weiß emaillierte Schüsseln aufnimmt. Ein Fensterschränkchen ist unter dem Fenster fest eingebaut. Über dem halbrunden gusseisernem Ausgussbecken haben die Eltern einen „Aquatherm-Heißwasserspeicher“ installieren lassen. Das ist ein Tauchsieder in einem Glasbehälter, der an der Wand hängt. Man kann also gut zusehen wie das Wasser erwärmt wird. Zwischen Fensterschrank und dem Ausgussbecken befindet sich die Tür zur Speisekammer. Ansonsten haben noch der Kochherd und der Küchenschrank Platz. An der Tür zum Korridor ist die Kaffeemühle angeschraubt. Ein Wandmodell also, das nicht häufig benutzt wird. Kaffeebohnen sind teuer und auch deshalb knapp.
Eine Heizung gibt es für die Küche nicht. Bei der Körperwäsche nutzen wir im Winterhalbjahr während der Reinigungszeit eine elektrische „Heizsonne“ mit kreisrundem Aluminium-Reflektor. Viel später werden wir dann einen kleinen weißen Küchenofen mit Kochplatte vom Typ „Glutos“, für Holz und Braunkohle als Brennmaterial haben. Glutos hört sich so nach warmem Griechenland an, finde ich. Na ja, etwas lauwarm wird es im Raum – wenn die Platte lange glühend heiß ist.
Von der Küche aus geht man ins Bad, wenn man es möchte. Dort stehen im Wesentlichen nur die Wanne und der Kohlebadeofen. Zum ersten mal im Leben ein Bad! – Aber nicht lange, dann nimmt dieser Raum die Dunkelkammer-Einrichtung für die Fotokopierarbeiten auf. Nur eben sonnabends wird gebadet – aber in der Woche steht der Raum nicht leer, wird fleißig genutzt, sinnvoll ausgelastet.
Für Leute, die so wie wir bisher kein Bad haben, gibt es im Ort im Hause der Allgemeinen Ortskrankenkasse (AOK) die Warmbadeanstalt. Schwimmen kann man dort nicht. Man mietet zu besonderen Anlässen eben für eine halbe Stunde eine Badewanne mit dem warmen Wasser. Ein seltener Luxus – ich schrieb bereits darüber.
Mitbewohner im Haus Babelsberg, Wattstraße 12
Schon recht schnell lernen wir die alteingesessenen Hausbewohner kennen. Unten im Hausflur hängt „der stille Portier“, eine Tafel, ein ausgedientes, schwarz gestrichenes Zeichenbrett mit den Namen der Hausbewohner. Darauf stehen vermerkt:
Klawon, Karl und Martha, (ihr wisst schon – es sind die Hauseigentümer)
Hochparterre:
Burckert, Adolf, Schlosser und seine Frau
Familie Wesenberg
und nun ganz frisch:
Familie Janecke
1. Obergeschoss:
Klawon – würde an diese Stelle gehören. Sie wohnen genau über uns (aber als armer Hauseigentümer steht man eben an erster Stelle auf der Tafel und nicht dort, wo man wohnt). Einige Jahre nach unserem Einzug stirbt Herr Klawon und Witwe Martha Klawon siedelt zu ihren Kindern nach Adenau in die Eifel über. Sie hat das Haus, ihren gemeinsamen Lebensbesitz, wie es üblich war, wohl kostenlos dem Staat überlassen müssen. Vom Staat angesetzter Niedrigst-Preis gegen die Aufrechnung einer Rücklage für künftige Reparaturen. –
Des Weiteren wohnen eine Treppe hoch:
Schneider, Max, ein Schmied und seine Frau mit schöner blonder Tochter Ma., (letztere steht nicht auf der Tafel, ist nur so von mir als Zugabe, damit diese Zeile ziemlich voll wird).
Familie Tegge, das Ehepaar mit den beiden Söhnen
Günter Koppenhagen, Elektriker und seine Frau.
Das Ehepaar Koppenhagen wurde, als Frau Klawon, Rentnerin und Witwe, in die BRD zu ihrem Sohn übersiedelte, von der Polizei in Abstimmung mit der Staatssicherheit als Hausbuchbeauftragte und bald als Hausvertrauensleute eingesetzt, neben dem eigentlichen staatlich bestellten Hausverwalter, einem Herrn Thieme. Diese setzten also nun ihre revolutionäre Wachsamkeit gegenüber imperialistischen Klassenfeinden und Mitbewohnern ein.
Im Hof des Hauses steht / stand außer den Mülltonnen und der Teppich-Klopfstange auch ein älterer Apfelbaum mit wohlschmeckenden Äpfeln. Grün-rot, leicht säuerlich-herb. Von der Ernte spendeten Klawons immer ihren Mietern. Die erste Amtshandlung der Genossen Koppenhagen, als staatlich neu beauftragte Hausregenten bestand darin, diesen schönen, gesunden Apfelbaum, der niemandem etwas getan hatte, der niemandem im Wege stand, der von kargem Boden ausschließlich gute Früchte und einen schönen Anblick gebracht hatte, eines späten Abends zu fällen.
Wer waren denn diese Vorbesitzer Klawon? Noch im Kaiserreich geboren, mit dem Erlös der Hände ihrer Arbeit ein Haus erworben. Kapitalistische Manieren sozusagen, die man mit Stumpf und Stiel ausrotten sollte. An den Menschen – sie waren nicht mehr da – konnten die Genossen ihr Übermütchen nicht kühlen. An dem unschuldigen Obstbaum konnten sie sich mit der Säge 'mal so richtig abreagieren. Er konnte sich nicht wehren.
Ob ihr sinnloses, frevelhaftes Tun sie ein bisschen glücklich gemacht hat? –
Das eindeutige Ausrufe-Zeichen als Auftakt der neuen staatlichen Würde: Wir haben hier jetzt das Sagen, wir sind die Bestimmer! Plump und arrogant, überheblich und dumm. Wie manches im Großen geschah, so spiegelte es sich hier im Kleinen wider. In Kleinlichkeit – ohne Sinn und Verstand – ein Anlass zum Trauern. Eine Schau in die Zukunft.
Es war auch für mich sehr traurig und bezeichnend – ließ sich aber nicht zurückdrehen.
Die Sache mit dem Hausbuch und dem Doppel-Vertrauensmann dieses Ehepaares hatte natürlich nichts mit Vertrauen zu tun. Sie wurden ja nicht von der Hausgemeinschaft als besonders vertrauenswürdig ausgewählt. Es musste sich bei Ihnen jeder DDR-Besucher, der länger als drei Tage blieb, vorstellen, um sich in das Hausbuch einzutragen, die seltenen Besucher aus der BRD mussten das sogar schon bei einem Eintagesbesuch tun. Jede Zeile im Hausbuch war also eine Abschrift des Personalausweises mit genauen Zusatzangaben über das „Wer, Woher, Weshalb, Wie lange und Wohin?“
Ach, was für ein interessanter Lesestoff wird das wohl in dieser hellgrünen Kladde, dessen äußere Umschlagseite mit dem Staatswappen der DDR und mit dem Wort „Hausbuch“ geschmückt war, gewesen sein. „Wissen ist Macht“. Ansonsten achteten sie, also das Ehepaar Koppenhagen, recht aufmerksam bei den anderen Mietern auf Recht und Ordnung.
2. Obergeschoss: – hier wohnen
Ehepaar Vorwerk
Herr Gerhardt, Lehrer für Griechisch und Latein und seine Schwester
Hier wäre noch ein Mieter zu ehren, dessen Namen ich im letzten halben Jahrhundert bedauerlicher Weise einfach vergessen habe. Oder war es vielleicht der Herr Vetter?
In den viel kleineren Wohnungen des Dachgeschosses:
Tischler Arthur Schulz.
Der Rentner Tischler Schulz ist ab und zu als ein Massen-Kleindarsteller, als ein Komparse, bei der DEFA gewünscht. Ein kleiner Filmstar, wenn es um Volksaufläufe geht. Manchmal wohl auch sogar mit Tonaufnahme, wenn die Komparsen sich dann im Hintergrund bedeutungsvoll ansehen sollen und ständig so etwas zu sagen haben wie „Rhabarber, Brabbel, Rhabarber, Grummel, Brabbel, Rhabarber“, ... . Wenn Herr Schulz an das Telefon unserer Eltern gerufen wurde (Telefonanschlüsse waren in der DDR sehr knapp und er hatten keinen), mussten wir immer vom Parterre ins Dachgeschoss gehen, um zu sehen, ob er anwesend sei. Wenn nicht, wiederholte sich das Spiel und wir übermittelten ihm eine Zettelbotschaft – unser Service. War er aber anwesend und stieg die Treppe mit hinunter, kombinierte er seine Namensnennung am Telefon gleichzeitig mit der Frage nach dem Begehr des Anrufers. Das hörte sich dann stets so an: „Schulz, Üssn“ (was ist denn?) – Pause.
Das war sozusagen das Steno eines solchen gemeinten Textes: „Guten Tag. Hier spricht Arthur Schulz. Was wünschen Sie bitte?“ Und vom anderen Ende der Leitung bekam er schlicht das Datum für seinen nächsten Film-Dreh. Ein einfacher, ehrlicher Mensch. Den Telefon-Service hatten wir natürlich auch für die anderen Mieter. Er wurde aber nicht überstrapaziert. Man war bescheiden und zurückhaltend. Des Weiteren lebten im Dachgeschoss:
Frau Kleinofen, Herta, Arbeiterin, mit Enkelin Janicki
Herr Ende, Paul, Kassierer
Herr Wille, Johannes, Handelsvertreter
Herr Winkelmann
Was man bisher in persönlicher Absprache und bei kleinem sozial verbindenden Schwatz geregelt hatte – in diesem großen Mietshaus mit 15 Mietparteien, gibt es jetzt die Hausflurreinigungskarte, die unter den Mietern einer Etage wandert und eine Waschküchenanmeldeliste, in Zusammenhang stehend mit einer Dachbodennutzungsaufstellung für das anschließende Trocknen der Wäsche. Mal seh'n, was nun als nächstes bürotechnisch geregelt wird.
Heute, zu Pfingsten, im Juni '56 besuchen wir wieder Krankenschwester Renate Zaulek in Berlin-Steglitz. Dieses Haus in der Schloss-Straße 41a hatte 1903 der Herr Walter Kern gebaut. Seitdem steht es hier, ganz in der Nähe von Bahnhof und Rathaus.
Draußen regnet es. Die Gespräche der Erwachsenen erscheinen uns langweilig, höchst fruchtarm und ich spiele mit meiner Schwester in der Wohnung ein bisschen „Ankriegezeck“ oder „Einkriegezeck“, selbstredend ohne einen Krieg. „Fangen“ oder „Haschen“, sagt man in anderen Gegenden dazu. Oh, das war wohl soeben etwas zu laut, denn die Wände sind dünn und der Nachbar klopft an die Wand. Auf seiner Seite. Es ist mir, als offenbar den Hausfrieden störenden Gast unangenehm, als es anschließend sogar klingelt und mich dieser alte Herr Nachbar in seine Klause einlädt. Jedoch bittet er mich nicht in sein Reich, um mit mir zu schimpfen, sondern ich darf mir aus einer großen Anzahl von Stapeln alter und neuer Bücher ein völlig neues Buch aussuchen. Als ein Geschenk. Überrascht wähle ich ein schwarz-gelbes Buch mit Lackeinband – eine Aufmachung, wie ich sie noch nie gesehen habe. „Jan stellt 20 Fragen“, so lautet der Titel. Es ist ein dänischer Kinderkrimi der beiden Schriftsteller Knud Meister und Carlo Andersen, den der alte, gütige Herr Dr. Karl Hellwig, wie er es mit vielen anderen Geschichten auch schon getan hat, von der dänischen Schrift ins Deutsche übersetzte. Herr Dr. Hellwig schrieb Chris, dem kleinen Ruhestörer, auch eine persönliche handschriftliche Widmung in das Buch. Wen wird es also wundern, dass dieses Buch auch noch nach 60 Jahren, in einem meiner Bücherregale stand, bis ich es eines Tages weiter verschenkte.
Geburtstage (der anderen) bringen vorerst Sorgen
Mutti hat bald Geburtstag. Als Aufmerksamkeit „schwebt mir“ ein kleiner selbstgefertigter und auch selbst stehender Bilderrahmen vor. Mutig gehe ich den nur kurzen Weg zu unserem schon etwas entfernten Verwandten, dem Sarg- und Möbel-Tischler Otto Gericke in der Karl-Liebknecht Straße 24. Genau gegenüber auf der anderen Straßenseite war Mutti in der Priesterstraße 68 aufgewachsen. Nach dem Krieg aber wurde das Haus zur Karl-Liebknecht-Straße 121. Das ist aber eine weitere Geschichte. – So bat ich Otto Gericke um Unterstützung an Material, um guten Rat und einen Arbeitsplatz, weil der erste Versuch in unserem Keller nicht ansehnlich ausgefallen war. In der Tischlerei waren alle sehr freundlich zu mir. Das Kniffligste war das genaue parallele Sägen der Nute für die Doppel-Glasscheibe und das künftige Bild dazwischen sowie das vorsichtige Ausstemmen der Nute. Es ging nach dem nächsten schwierigen Übungsmodell letztlich aber leidlich und zum Schluss wurde das gute Stück ebenso wie die hier hergestellten Erdmöbel, auch noch dunkel gebeizt und lackiert. Die kleine Doppelglasscheibe für das Bildchen fertigte ich aber nicht an – das ritzte, brach und schliff dann ein alter Glaser so mehr aus junger Freundschaft zu mir.
Ferienspiele
In den Ferienspielen, im Volkspark Babelsberg – dem früheren Schlosspark des Kaisers, ist es immer schön.
Ich habe für alle Fälle und für alle Kinder stets die Sanitätstasche der Schule mit dabei. Heute aber hatten wir einen ganz besonderen Ausflug. Wir waren in Phöben. Hin fuhren wir mit dem Bus durch Werder an der Havel. In Phöben badeten wir am Sandhang, betätigten uns mit sportlichen Spielen, wie Zielwerfen und Tauziehen. Direkt an der Anlegestelle der „Weißen Flotte“ in Phöben befindet sich das Gasthaus „Alter Krug“ (an der Hauptstraße), in dem wir gegen den übermächtigen Durst für 12 Pfennige eine köstliche Fassbrause tranken. Am Nachmittag ging es dann mit dem kleinen Fährschiff „Nedlitz“, das nah der Badestelle abfuhr, wieder zurück nach Potsdam und von dort nach Babelsberg.
Alter Krug
Klubhaus des
VEB Schaltgerätewerk Werder
- Öffentliche Gaststätte -
Neulich sahen wir im „Thalia-Theater“ den französisch-schwedischen Film „Die blonde Hexe“ von André Michels. In der Hauptrolle die französische Schauspielerin Marina Vlady. Es ist ein trauriger Film über die Liebe eines Bauingenieurs zu einem Waldmädchen, das bei ihrer Großmutter im tiefen schwedischen Wald lebt. Beide Frauen werden von der Dorfbevölkerung als Hexen beschimpft, obwohl sie nur scheu, sensibel, leise, kräuterkundig und sehr tierlieb sind, viel besser, als die garstigen Frauen des Dorfes. Traurig war es, weil der Bauingenieur, der sagt, dass er sie liebt, mit ihr oft laut, sie anherrschend spricht und weil sie, die junge „Ina“, die niemandem etwas Böses getan hat, von der Dorfbevölkerung verprügelt und zum Schluss mit einem Steinwurf erschlagen wird.
Die Ina, also die Marina Vlady, ist sehr schön. Sie hat ganz tolle Augen in einem typisch slawisch gerundetem Gesicht – auch wenn sie in Clichy bei Paris am 10. Mai 1938 geboren wurde und der Film in Schweden spielt. Eigentlich, und daher auch ihr slawisches Aussehen, heißt sie ja ursprünglich Marina Catherina Poliakoff-Baidaroff – aber Vlady ist als Künstlerinnen-Name modern und für uns leichter zu merken.
Zaunkönig
„Gut Holz“, wünschen wir uns. Puh, ist das eine Hitze und viel gibt es zu tun in den Ferien. Onkel Christlieb Albrecht, der Küster, Organist und Kantor der Friedrichskirche, arbeitet in diesen Tagen als Handwerker. Und ich helfe ein bisschen dabei. Sein Sohn, Michael, ist ja noch zu klein. Die Familie wohnt in der Karl-Liebknecht-Straße 27 (bis 1945 hatte das Haus die Bezeichnung: Priesterstraße 22). Dieses Eckhaus war die erste böhmische Schule von Nowawes, erbaut im Jahre 1752 auf der ursprünglichen Parzelle Nowawes 64 (damals gab es noch keine Hausnummern). Der Garten hinter dem Grundstück erstreckt sich parallel zur Lutherstraße, etwa 40 m lang. Gegen den Fußweg der Straße ist das Grundstück mittels eines Zaunes begrenzt. Es ist ein geschlossener Bretterzaun nach böhmischer Art, wie sie hier im alten Nowawes (=> seit 1939: Potsdam-Babelsberg) ursprünglich alle waren. Hoch und ohne Bretter-Abstände, ohne gewollte Ritzen. Selten ein Astloch zum „Hindurchlinsen oder auch lunschen“. Dieser alte Bretterzaun ist aber sehr morsch. Und heute ist der Tag heran gekommen, da dessen Erneuerung ansteht. Wo mag bloß Onkel Christlieb so große Stapel schöner, nach Holz und Harz duftender Bretter erworben haben? Und die Schrauben- und Nagelpakete? Also, hier gibt es keinen Laden dafür. Der einzige und beste Betrieb am Ort ist unser beliebter „Leisten-Fischer“, der so manches bietet oder anfertigt – in den Größenordnungen von Streichhölzern bis Gardinenstangen – aber Bretter in solcher Menge, nein – habe ich noch nie auf einem Stapel gesehen. Schrauben und Nägel gibt es nur bei „Eisen-Balz“, nebenan in der Karl-Liebknecht-Straße.
Wir fangen an. Meine Arbeit besteht im lernenden Zuschauen und in verschiedenen Handreichungen. Es muss immer genügend Material in greifbarer Nähe vorrätig gehalten werden. Der alte Zaun wird vorerst stückweise abgebaut, neue Pfosten in Karboleneum getaucht, eingesetzt, das Erdreich verdichtet, waagerechte Haltelatten montiert und gestrichen, die Konstruktion nach hinten zum Garten haltbar „verschwertet“ wie Onkel Christlieb es nennt, und dann die neuen Bretter aufgenagelt. Wie viele mögen das gewesen sein? Die Bretter sind etwa 12 bis 14 cm breit. Da braucht man für die 40 m schon mal mindestens 308 Bretter und für diese dann 1.850 Nägel und den Ersatz für einige versehentlich krumm gehauene. Dabei darf man schon mal ins Schwitzen kommen. Das gesamte Werk ist natürlich nicht an einem Tag erledigt – aber Onkel Christlieb hat viel anderes zu tun – lange kann er sich damit nicht aufhalten. Noch ein Karbolineum-Anstrich und schon ist das Ganze fertig. 1,90 m hoch, so wie es in Böhmen von alters her Sitte war – das Private den fremden Blicken entzogen. Höchstens der übergroß gewachsene Berggeist „Rübezahl“ aus dem Riesengebirge im Sudetenland würde noch darüber schauen können. Er war wohl ein guter Bekannter des böhmischen Erzvaters Tschech.
Onkel Christlieb kann tatsächlich viel mehr, als „nur“ hervorragend die Orgel spielen. Für mich blieb allerdings kein Zaunstück übrig, an dem ich meine Lerninhalte hätte darstellen können. – Wir alle werden älter: Der nächste gleichartige Zaun wird an dieser Stelle etwa im Jahr 2003 gesetzt, also dürfen wir mit einer „Lebensdauer“ von rund 47 Jahren rechnen.
Scharfe Dienstleistung
Alle paar Wochen zieht ein mobiler Scheren- und Messerschleifer durch unsere Straße, der ähnlich wie der Schornsteinfeger, mit lautem Ruf auf sein ambulantes Dienstleistungs-Gewerbchen aufmerksam macht – nur mit anderer Absicht: Zum Scherenschleifer sollen die Leute mit ihren stumpfen Schneidwerkzeugen auf die Straße eilen. Wenn der Schornsteinfeger seinen langgezogenen Ruf durch die Treppenhäuser hallen lässt, sollen die Leute vorsichtshalber Drosselklappen und Ofentüren schließen.
Irgendwie erinnert mich der Schleifer an das Märchen vom „Hans im Glück“. Viele Vergleiche mögen etwas hinken, denn eine Maschine hatte jener ja früher nicht. Das Maschinchen unseres Herrn Schleifers war sogar einst in einer richtigen Fabrik entstanden. Der Grundkörper besteht nämlich aus einer betagten Singer-Nähmaschine aber auf größeren Rädern. Ein Stromanschluss ist nicht erforderlich. Die Maschinerie funktioniert immer – per Fußantrieb.
Er kam solange es ihm möglich war – und eben eines für ihn unguten Tages, dann nicht mehr. Einen Nachfolger für ihn gab es nicht.
1. September 1956: Das neue, mein fünftes Schuljahr beginnt
Es ist Weltfriedenstag. Alles ist friedlich. Das neue Schuljahr beginnt mit Erwartungsspannung.
Wir haben es leicht. Die Lehrer dagegen arbeiteten bereits schwer und erhielten schon in der Vorbereitungswoche ihren frischen Schliff.
Der erste Schultag nach herrlichen acht Wochen Ferien beginnt mit einem Fahnenappell und mit einer Darstellung der Schulleitung, deren Inhalt man zwischen Gelöbnis und Weissagung ansiedeln könnte. Es geht darum, diese kurze aktuell politische Stunde von nun an wirklich jeden Montag auf Kosten der ersten Unterrichtsstunde durchführen, durchstehen zu wollen. Und tatsächlich, einige Wochen gelingt das auch. Nun werden wir unter anderem damit bekannt gemacht, dass notwendiger Weise eine ZSGL gebildet wird. Das wird eine „Zentrale Schulgruppenleitung“ sein, die das fröhliche Lernen, die Disziplin und die außerschulischen gesellschaftlichen Aktivitäten der Schüler noch besser aktiviert, koordiniert, darstellt und abrechnet. Vielleicht war noch mehr an Aufgaben dabei. Ich war ja in der ZSGL nicht dabei, so dass mir der genaue Überblick von innen fehlt.
Die ZSGL setzt sich aus den Gruppenratsvorsitzenden aller Schulklassen zusammen. Es steuern, koordinieren also, auch FDJ-ler mit und ausgewählte Lehrer natürlich ebenso, damit alles Beabsichtigte in richtigen Bahnen läuft. Im Prinzip wissen wir, welche Ziele anzupeilen sind, so dass eine potenzielle Planung und Abrechnung aller Initiativen leicht fällt.
An Schulfächern bekommen wir nun Geschichte und Russisch hinzu. Heimatkunde wird von Erdkunde abgelöst. Dazu gehört auch ein Atlas mit dem Abschnitt: „Vom Bild zur Karte“. Geschichte bekommen wir vom stellvertretenden Direktor gelehrt. Herr Lüders sieht von der Statur so aus, wie ich mir einen alten Germanen vorstelle. Groß, breitschultrig, mittelblondes gewelltes Haar, helle Augen. Es sind interessante Geschichten die er über die Urgemeinschaft, über Jäger und Sammler erzählt. Bald folgt die Sklavenhalter-Gesellschaft, dann der Feudalismus – da wird es allemal ungemütlicher. Trotzdem gibt es immer wieder Jungen, die nicht ruhig zuhören wollen oder können. Nach fruchtlosen Ermahnungen, kurz bevor „seine Nerven am Ende sind“ arbeitet Herr Lüders dann zeitweilig effektiv mit „Ohrendrehern“ und „Rippentrillern“, wie er es nennt. Das macht seinem Herzen Luft und beruhigt die Nerven ganz ungemein, denn beispielsweise eine „Ohrfeige“, die flache Hand, darf nicht eingesetzt werden, „Schläge“ sind ja schließlich verboten. Wenn man aufnahmewillig mitarbeitet, besteht bestes Einvernehmen und alles ist recht spannend.
Und natürlich Russisch haben wir auch die ersten Stunden: „Nina, Nina tam Kartina, eto Traktor i Motor“. Fast mehr deutsch als russisch oder zumindest internationalism könnte man am Anfang meinen – aber natürlich in kyrillischer Schrift – nicht so, wie ich hier jetzt.
Die Überzahl der Schulbücher ist kostenlos, sind so genannte Freiexemplare. Pfleglich behandeln! Nach der Rückgabe bekommen die Schüler der nachrückenden Klasse diese Bücher.
Na Hilfe!
In den Ferien habe ich mich als Ergänzung zu dem schon in Borna Gelernten in Büchern von Tante Käte weiter mit der Ersten medizinischen Hilfe beschäftigt und sie um ihre Meinung gefragt. Sie war ja im Krieg auch als DRK-Schwester eingesetzt. Verschiedenes weiß sie von den Erzählungen meines Opas, ihres Vaters, aus seiner Zeit als Pferde-Betreuer. Sie selber ist eine große Anwenderin der Hahnemann'schen Homöopathie. Samuel hieß der Entwickler dieser Heilmethode mit Vornamen. Auch in der Kräzterkunde hat Tante Käte viele Kenntnisse. –
Ich rege bei der Schulleitung an, für untere Klassen, eine Arbeitsgemeinschaft oder einen Lehrgang für „Erste Hilfe“ einzurichten. So als gesellschaftlich nützlichen Punkt für die Abrechnung der schulischen Aktivitäten. Die Lehrer beraten ernsthaft darüber – und es soll so sein. Eine Arbeitsgemeinschaft „Junge Sanitäter“ wird gebildet. Die Leitung der Ausbildung soll ein heranzubildener verständiger FDJ-ler oder ein älterer Pionier übernehmen, denn es ist ja bekannt: ich bin vom Elternhaus, also von der sozialen Herkunft, noch nicht gefestigt genug und von dem Verlauf meiner Tage liest man ab, dass ich noch nicht recht die wirklich konforme rote Nelken-Blüte als günstigstes Ausstellungsstück bin. Außerdem gehöre ich noch zu den Jüngeren. – Immer wieder mal, egal aus welcher Richtung, wird mir gesagt: „Du denkst zu viel eigenes. Du träumst, planst und machst immer wieder was alleine. Nicht abgestimmt in der Gruppe, mit dem Kollektiv“. Also das meinen manche Erwachsene die das Sagen haben, denn meine Mitschüler interessiert das einen feuchten Kehricht. Ach, ist das schön! – denke ich und fühle mich wohl dabei.
Nun, die Schulleitung findet niemanden als freiwilligen Leiter für die „Jungen Sanitäter“ und einen bereits geschulten schon gar nicht. So mache ich das, nun schon wieder alleine – aber mit Auftrag, obwohl ich bloß ein einfacher Schüler bin. Es macht uns allen großen Spaß – einer Kindergruppe, aus mehreren Klassen „zusammengewürfelt“. – Und schon wieder: Ach, ist das schön.
Kleine Sozialbetreuung mit freundlichem Ergebnis
Unser Herr Mathe-Schulz ist erkrankt. Aber es ist keine ansteckende Erkrankung, so dass wir ihm unsere Grüße hinbringen können. Mein Klassenkamerad Harald und ich gehen und fahren zu ihm, denn er wohnt draußen in Potsdam-West, in der Gontardstraße. Ein alter königlicher Baumeister war der Namensträger. Der Straßenname durfte trotzdem bleiben, denn zum Anfang seiner Laufbahn hat Gontard wohl gemauert. Er ist somit einer von uns. Wir nehmen eine Packung Kekse für Herrn Schulz mit, die er hoffentlich später in Ruhe knabbern wird wenn wir wieder fort sind. Das ist aber wirklich keine Bestechung, sondern nur eine kleine Aufmerksamkeit. Unsere Besuchszeit vergeht ganz harmonisch. Herr Schulz ist nicht in der Art erkrankt, dass er nicht mit uns sprechen könnte. Er liegt auch nicht im Bett. So erzählen wir Drei unbefangen aus unseren Leben – keine Erzählung vom Krieg – und siehe da – er ist ein ganz anderer, als in der Schule. Wir erleben den Gestrengen nun von einer für uns völlig neuen Seite: so sehr leutselig, so was von gutherzig.
Literatur in Film und Buch
Wir sehen den schönen aber mich auch wieder ein bisschen traurig stimmenden Film: „Ich denke oft an Piroschka“, der in einem ungarischen Dorf mit einem überlangen, für mich nicht aussprechbaren Namen spielt. Den Namen der weiblichen Hauptperson kann man dagegen gut aussprechen und sich merken. Man kann diesen nicht mehr vergessen. Es ist Liselotte Pulver. Bloß, dass es für Verliebte oft so traurig ausgeht, dass sie nicht dauerhaft zusammenbleiben können , auch, wenn es zumindest einer möchte ...
Mein neues Buch „Jan stellt 20 Fragen“ hatte ich natürlich schnell ausgelesen. Ich nehme es mit in die Schule, weil wir dort gern unsere Bücher tauschen, damit mehrere Schüler sie lesen und neues Wissen erlangen können, Spaß und Freude am Lesen haben. Ich nehme das Buch also mit, um es einem meiner Schulkameraden auszuleihen. Dieser aber kann sich nicht zurückhalten und liest darin leider bereits während des Unterrichts. Es dauert nur wenige Augenblicke und sein Entrücktsein zieht die Aufmerksamkeit unserer Deutschlehrerin, Frau Wieland, auf sich. Das wäre an sich nicht weiter schlimm gewesen, wäre es doch beispielsweise ein schönes Buch über die Geschichte der Arbeiterbewegung oder zumindest über einen der jüngeren Kriege, von einem gut gewählten Autor gewesen. Eine kurze Ermahnung hätte die kleine Studier-Sünde bereinigt. – Dachte ich. Aber dem ist in diesem Beispiel nicht so. Hier liegt der Fall erheblich anders. Eine kleine Ermahnung des Lesers erübrigte sich ganz und gar. Und wieso denn kleine Sünde – es trifft ja überhaupt nicht den lesenden Schüler, sondern den Bucheigentümer, der schnell ermittelt wird. Frau Wieland erkennt es mit geübtem Blick, schon von Weitem lacht ihr der fremdartige Lackeinband des Buches entgegen, dass es sich um ein (dänisches) Westbuch kapitalistischer Prägung handelt, das also somit, unabhängig vom Inhalt, der „Schund- und Schmutzliteratur“ zuzurechnen sei. (Dieser Kinder-Krimi schult Aufmerksamkeit und regt kombinatorische Fähigkeiten an. Er enthält keinerlei politische Äußerungen, hat auch weder Mord noch Totschlag zum Inhalt).
Die allmächtige Lehrkräftin zieht also mein neues Buch schweigend ein, eisig. Kein Wort mehr darüber. Kein Versuch eines pädagogisch wertvollen Gesprächs zwischen Lehrerin und Schüler.
Keine Rückgabe des Buches an die erziehungsberechtigten Eltern. Letztendlich ist es doch gut, dass an ausgewählten Beispielen die sozialistischen Sitten und die Bräuche streng beachtet werden, ein Exempel statuiert wird, damit solche bedenklichen Tendenzen nicht Fuß fassen.
Aber letztendlich konnte die Chefin ja nichts dafür – sie marschierte lediglich stramm auf der von ihr gewählten und von ihr kritiklos akzeptierten Linie entlang, der sie sich zu unbedingter Treue verpflichtet hatte. Einen eigenen Inhalt für ihren Kopf brauchte sie wohl nicht mehr so dringend.
So sehr viele Menschen verlassen täglich dieses Land, gehen in den Westen, so viele Lehrer, so viele SED-Genossen verlassen uns, so viele Weitere – was so sehr schwer wiegt. Dagegen kann auch eine Frau Wieland so gar nichts tun. Sie ist schier hilf- und ratlos. Jedoch gegenüber einem harmlosen Buch, gegen einen Schüler (der immer noch treu hier ist), hat sie eine uneingeschränkte Machtfülle und kann diese leicht ausspielen. Kleinlich, engherzig, arrogant und verblendet. Das stärkt. Das befriedigt solche Leute.
Mein geistiges Auge wähnt also mein neues Buch bald auf dem hohen Scheiterhaufen der sehr harmlosen Literatur, die sie kraft ihrer Macht, auf den Index setzte. Das aber, ich gestehe es freimütig, fand gar nicht statt, ich sah zu schwarz in helle Flammen. Ich greife hier 'mal zeitlich vor, damit uns der „Faden“ nicht verloren geht: In sechs Jahren (!), zum Ende der Zeit in dieser Schule, erhalte ich dieses Literatur-Werk zurück. Als „Kompott“ zum Schulabgangs-Zeugnis. Ohne Kommentar, eisig schweigend. Ich werde wortlos, weil verblüfft, eine leichte Verbeugung, einen „Diener“ andeuten, als meinen verbindlichen Dank, denn dieser denkwürdige Vorgang kam ja für mich völlig überraschend, wie ein unerwartetes nochmaliges Geschenk. Zwar ist das Buch nicht mehr neu, sechs Jahre älter, zeigt leider durchaus die Spuren der Nutzung – aber immerhin, alle Achtung! Welch eine Größe, welch eine Gnade und welch eine unerwartete Freude des Wiedersehens. Und vielleicht hat es ja in der Zwischenzeit einer Reihe von Lesern aus dem Umfeld unserer Lehrerin Freude und Unterhaltung gebracht, Wissen vermittelt. So zumindest sieht es aus. – Vielleicht aber grabbelten auch nur die ungewaschenen Finger fremder Prüfer darin herum, um Schmutz und Schund zu suchen und nicht zu finden. In meinem Eigentum. Ein unappetitlich anmutender Gedanke. Wie es auch hewesen sein mag – Ich habe es gründlich gereinigt und gleich erneut gelesen. Es sind noch alle Seiten drin. Der Vorgang hat mir nicht geschadet – mich eher gestärkt und etwas abgehärtet. Die Lehrerin und spätere Schuldirektorin ist (später) verstorben, das Buch aber lebt und wird gehütet und geachtet und gelesen.
Nun aber wieder zurück in das Jahr 1956!
„Das Bock“
Unser Mitschüler H-J. hat es in seinem Leben nicht leicht.
Heute früh hielt gerade der Wagen der Brauerei mit den schweren „belgischen“ Kaltblutpferden vor dem Eisenbahn-Hotel in der Karl-Liebknecht-Straße. Die Männer mit den Ledermützen und Lederschürzen hatten gerade die Bierfässer an den Hakenstangen in den Kellerfenster-Schacht hinunter gelassen, wo sie unten an der Schachtsohle angekommen, dumpf auf das Lederkissen plumpsten. Auf dem nun eben unbewachten Wagen standen neben den Eichenholzfässern, hoch aufgetürmt auch die Kästen mit dem Flaschenbier. Gerade in diesem Moment kommt A. auf dem Schulweg an diesem Wagen vorbei – na, nicht ganz vorbei, denn es dürstet ihn gar schrecklich. So stibitzt eine sich Flasche des starken Bockbiers. Und die Pferde haben nicht richtig aufgepasst. Bei einem echten Wachhund wäre das nicht durchgegangen. Es war zudem sowieso kein Klau, er ist kein notorischer Dieb, es war ein fast nichtiger Mundraub, um den übermächtigen Durst zu stillen. Er trank diese Schlucke auf dem kurzen Wege bis zu unserer Schule. Der praktische Kipphebelverschluss begünstigte den Vorgang erheblich. In der Schule traf er bereits laut froh singend, schon ein wenig lallend, ein. Diese Leistung wurde jedoch nicht mit einer Fachnote gewürdigt. Wir, drei Schüler, wurden gebeten, das Sorgerecht über ihn wahrzunehmen. So brachten wir ihn nach Hause zur Bettruhe, zum verdienten Vormittags-Schlaf und vergaßen auch nicht, den Eimer sorgsam bereitzustellen. Schwamm drüber. Weitere Erste Hilfe war nicht zu leisten. Als wir wieder in der Schule eintrafen, war die Mathestunde vorbei.
Radiosendungen als Zeugen der Zeit
Im Herbst hören wir die bedrohlich wirkenden Nachrichten über den Volksaufstand in Ungarn und seine Niederschlagung mit Hilfe sowjetischer Panzerbesatzungen, die im Radio von den Westsendern übertragen und völlig anders kommentiert werden, als in unserer Zeitung oder auf unserem Radiosender. Das erinnert an die Ereignisse in unserem Land vor drei Jahren, rund um den 17. Juni. Das Leben ist bunt und alle möchten mitten im kalten Krieg sehr heiß und farbig die einzige Wahrheit verkünden. Trotzdem bleiben wohl mehr Grauzonen, als ich mir denken kann. –
Zu den größten mobilen Neuerungen in unserer Familie gehört ein gebraucht erworbenes größeres Radio, das wesentlich mehr Sender empfangen kann, als das kleine alte mit der langen breiten Drahtgazeband-Antenne, die immer hinter dem Wohnzimmerschrank hängt und deren Ränder mit Heftpflaster (Hansaplast / Leukoplast / Wirgoplast / Gothaplast oder Ankerplast) eingefasst sind, damit man sich daran nicht die Haut oder den Pullover aufreißt.
Ja, das neue Radio. Viel leistungsstärker und das tollste: „Das magische Auge“, das optisch in grün die Schärfeneinstellung des Tons anzeigt, besonders günstig also für die Leute, die die Radiosendungen nicht hören können.
Besuche von Klassenkameraden bei unserer Familie
Mein Vater Alfred Richard, also Tante Kätes Bruder, benutzt nie solche lockeren „schnoddrigen“ Aussprüche wie seine ältere Schwester, obwohl sie doch aus der gleichen Familie kommen. Er spricht nie „nachlässig“ in der Mundart von Berlin und Umgebung, sondern pflegt ein korrektes, deutlich artikuliertes Hochdeutsch. Er kann ja schließlich auch nicht bei seiner Kunstschrift-Arbeit „im Jargon“ schreiben. Eines ergibt das andere.
Wenn Klassenkameraden bei uns zu Besuch sind, neigt mein Vater bei deren eventuell undeutlicher Aussprache, bei deren „Kraftausdrücken“, bei grammatikalischen „Tritten ins Fettnäpfchen“ oder dergleichen, eher dazu, erst nochmals nachzufragen ob er richtig verstanden habe oder beginnt zu korrigieren, was mir stets unangenehm ist – denn wie unrichtig auch gesprochen wird – den gemeinten Sinn erfasst jeder. Die Kinder hatten es bei ihren Eltern nicht anders gehört, man nimmt sich nicht alles von anderen an, besonders dann nicht, wenn man nicht genau weiß, was nun richtig oder falsch ist. Erst in der Schule damit anfangen wollen es zu lernen, ist dann eher ein viel „härteres Brot“, als wenn man es von Kleinauf, „mit der Muttermilch“ mitbekommt. Denken wir auch an die Peinlichkeit, wenn Fremde erst auf die Fehler hinweisen.
Wir dagegen haben es nicht nur schön, sondern auch leichter.
Genauso kritisch hält es mein Vater aber auch mit schwarzen Fingernagelrändern von Mitschülern, wenn mal jemand zum Essen hier bleibt – so etwas geht gar nicht – aber Wasser, Seife, Bürste und Handtuch werden angeboten.
Einige Bewohner der Babelsberger Wattstraße, in unserer nahesten Wohnumgebung
Die Haus-Nr. 1 mit der Freitreppe ist das Polizeirevier mit teilweise vergitterten Fenstern.
Der Eckladen Nr. 2 ist eine Bäckerei, später dann ein Süßwarenladen. Hier gibt es unter anderem die süßen, rot-weißen Pfefferminztafeln und auch das wohl aus der Tschechoslowakei importierte köstliche Chalwa, eine Honig-Nuss-Backware.
Nach weniger als einem Jahr ist dieses Angebot wieder verschwunden und bald auch der gesamte Süßkrempel-Laden, weil man sich anheischte, in dessen Nachfolge dort besser Stickmoden, Woll- und Kurzwaren anzubieten. In unserem Handel herrscht eben häufiger Wandel.
Wattstraße 4: Hier wohnt mein Mitschüler H. Sch. mit seinem großem Bruder und der gemeinsamen Mutter, die bei der Post arbeitet und als SED-Genossin die Nase vorn hat.
In etwa drei Jahren wird auch diese Familie republikflüchtig geworden sein. Im Flüchtlings-Aufnahmelager West-Berlins, wird sie als „DDR-Unterdrückte, die es hier nicht mehr aushalten konnte, als liebe Schwester aus dem Osten“ auftreten. Dort wird die teure Genossin vermutlich ihre bisherige stramme Parteiverbundenheit nicht als Aushängeschild vor sich hertragen, sondern eher „dem bisherigen Klassenfeind in die Arme sinken“ und als Verfolgte, als Leidende, eher verhätschelt werden.
Im Hause Nr. 5 die Bank für Handwerk und Gewerbe und Dr. med. Balke.
Im Haus Nr. 8, es geht einige Stufen zum Laden hinauf. Hier befindet sich eine „Komplex-Annahmestelle“. Nein, das ist keine psychotherapeutische Einrichtung, in der man seine seelischen Komplexe loswerden kann, sondern eine Dienstleistungsvermittlung. Eine Annahmestelle für das Reparieren von Uhren, das Aufnehmen von Laufmaschen in Damenstrümpfen, für das Kunststopfen von Brandlöchern oder Dreiangeln in Herrenhosen, für das Nachschärfen gebrauchter Rasierklingen und für so manches mehr, was dort gesammelt und dann in die verschiedensten Betriebe zur Bearbeitung verschickt wird.
Wattstraße 9, Herr H. mit Frau und Sohn. Herr H. war im Krieg verschüttet und ist seither oft hochgradig nervös. So hält er es beispielsweise bei Gewitter nur aus, wenn er draußen umherlaufen und sich mit anderen Leuten unterhalten kann, die aber dann im strömenden Regen kaum Lust zu einem Palaver mit ihm verspüren.
Bei uns im Nebenhaus Nr. 10, im Parterre „die Lichtenfeldten“ als Hausbesitzerin, weißhaarig auf Kissen gestützt, gern am offenen Fenster auf das Fensterbrett gestützt. Ihr Drahthaarfoxterrier neben ihr. Dann Elly Schneider, Krankengymnastin mit den erwachsenen Kindern. Und im gleichen Hause die Familie Pu. mit drei zarten jüngeren Kindern. Ein Schulkamerad erinnert mich daran, dass jener Vater Pu. ein schmächtiger, stets freundlicher Kegelbruder war. Gekegelt wurde beim Sportverein „Motor Babelsberg“. Wettkämpfe fanden auch in der Gaststätte „Haushalter“ statt, die bis etwa 1945 „Zum Kaiserpark“ hieß. Anschrift: „Am Schwarzen Damm“, vorher, am gleichen Standort: „Alt Nowawes 20“. Die Kegelbahn endete unmittelbar vor dem Waisenfriedhof. Natürlich wird dort nicht ausschließlich gekegelt, sondern auch gehoben. Das Gehobene getrunken. Das Getrunkene wird am dunklen Heimweg wieder ausgepinkelt. Ein Polizist (dein Freund und Helfer) verlangt vom Kegler Pu., der ja nicht augenblicklich fortrennen kann, 5,- Deutsche Mark der DDR wegen dieses öffentlichen, wenn auch notwendigen und nur von einer Person interessiert beobachteten Ärgernisses. Der sonst so stille aber momentan etwas beschwingte Mann reagiert auf die Forderung in Geberlaune überschwänglich generös mit den Worten: „Hier ham Se 10 Mark, Genosse, denn een Furz war ooch noch mit dabei“. Ich hoffe, die Nachkommen des Verursachers dieses Anekdötchens nehmen es mir nicht zu sehr übel, dass ich freundlich an ihren guten Vater und diese Begebenheit erinnere.
Nr. 11: Autoelektrik Rückheim, später PGH „Max Reimann“. Das aber ist der Besitzer nicht.
Wattstraße 16: Der erste Schuhmacher zu unserer Zeit, war Herr Götsch. Er ist es geworden, weil sein Vorgänger, der gute Herr Karl Friedrich Wilhelm Engel (nomen est omen) bei seiner Arbeit am 26. Februar 1950 gestorben war. Am 19. Mai 1883 hatte jener kleine Karl in dem Dörfchen Nitzow in der Westprignitz das Licht seiner nahesten Umgebung erblickt. Nur 2 Jahre konnte er im Alter von der Mindestrente zehren.
Nun also Herr Götsch. Er vergibt stets Abholtermine für die zu reparierenden Schuhe, die selten eingehalten werden. Vielleicht unterstützte ihn der Alk. in der Säumigkeit. Man sollte viel Zeit mitbringen und konnte sich dann in seinem Laden in Wartestellung begeben ... und das Fußkunstwerk dann frisch bearbeitet wieder mitnehmen. Sein Nachfolger – mit Namen Kirsch – war heiter, offen, noch freundlicher und sehr zuverlässig.
Dahinter, das Eckgrundstück zählt zur Ernst-Thälmann-Straße 28, Bauschlosserei Sotscheck. Im Grundstücksteil Wattstraße – eine Kfz-Bude (und Versuchswerkstatt), in der in den 1930-er Jahren auch mal mindestens eine Rakete gebaut wurde. Nicht zu Silvester. Für den Film „Die Frau im Mond“ wurde sie dann auch abgefeuert, wohl nicht völlig ohne Probleme.
Über die E.-Thälmann-Straße hinweg, der bekannte Tischler: Meister Dobbrunz.
Die linke Ecke zur Dieselstraße: Die Gastwirtschaft „Sturmecke“.
Bekannte Menschen aus der etwas erweiterten Umgebung
Mit dem Umzug, wenn auch die Entfernung von der Rudolf-Breitscheid-Straße 46 bis zur Wattstraße 12 nur etwa 200 m beträgt, ändern sich auch Feinheiten im Einkaufsverhalten. So gehört jetzt die Fultonstraße mit zu meiner Einkaufsstrecke: In der Fultonstraße sind mir bekannt:
An der Ecke Kopernikusstraße, Haus Nr. 2, linke Straßenseite die Fleischerei.
Nr. 5 Herr Erich Quast, dessen Wohnung ich bereits in der R.-Breitscheid-Straße erwähnte. Herr Schlosser-Meister Erich Quast hat hier seine Werkstatt. In diesem Haus lebte (vor meiner Zeit) der Seemann und Elektriker Carl Robert Runge; ein Verwandter unserer Familie. Der Bauherr und erste Eigentümer des Hauses und auch der Nr. 3, war (um 1904) der Schlossermeister Hermann Kabbert, wiederum ein Verwandter von uns.
Dann der Kohlenhandel, Nr. 4 / 6. Auf diesem und dem Nachbargrundstück werden sich nach 2004 Wohn-Neubauten erheben.
Am letzten Haus der Fultonstraße vor der Siemensstraße (also in der Nr. 8) der Milch-Eck-Laden, zu dem es einige Stufen aufwärts geht. Bewirtschaftet wird er von Herrn Brauer. Zu ihm folgen anschließend noch einige Gedenkworte.
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite hatte der Gemüsehändler Schulz im Haus Nr. 7 sein einfaches Verkaufsangebot, über eine Außentreppe zu erreichen. Er war der Vater des Pfarrers Johannes Schulz aus Potsdam, eines Taufpaten meines kleinen Bruders.
Der Milchkauf
Siemensstraße – Ecke Fultonstraße 8, die „Brauer-Ecke“. Bei Herrn Brauer kaufen wir kein Bier, sondern stets 2 Liter der guten Vollmilch. Er verkaufte auch „entrahmte Frischmilch“ – im Volksmund ist dafür aber nur die alte Bezeichnung „Magermilch“ geläufig. Anfangs wurde das weiße fettreduzierte Gemelk mittels des Schöpfmaßes von der großen Kanne in die kleine Kanne des Kunden transferiert. Zu späterer Zeit wird es stattdessen einen „Syphon“ geben: Das weiße flüssige Gold pumpt Herr Brauer dann aus der Transportkanne in einen gläsernen Standbehälter hoch, wo jeder Kaufwillige den Füllstand mit seinen eigenen Augen ablesen kann. Die Milch läuft dann, der Schwerkraft gehorchend, durch einen Auslaufhahn in das vom Kunden mitgebrachte Gefäß. Den bekannten Preis für 2 Liter weist Herr Brauer in bärentiefer Stimme mit „Einsfuffzich“ aus. Mit diesem sonoren Bass agiert Herr Brauer abends auch als Komparse = Kleindarsteller im Potsdamer Hans-Otto-Theater, um anderen Menschen Freude zu bringen und ein „Zubrot“ zu verdienen. Dort sah ich ihn neulich im Bühnenhintergrund als Schmied in dem Stück „Der Zigeunerbaron“ das Eisen im rechten Takt schmieden, solange es noch warm war.
Ja, der Milchkauf. Es gehört zu den sehr kleinen Kunststücken meines Einkaufslebens, die volle Milchkanne aus Aluminium ähnlich einer Riesenradgondel am ausgestreckten Arm im senkrechten Kreis zu schleudern, ohne dass auch nur ein Tröpfchen der Milch das Behältnis verlässt. Die Fliehkraft, die Zentrifugalkraft, macht's möglich. Zu dieser Zeit wird aus irgendeinem dringenden Grunde eine neue Milchkanne angeschafft. Eine hellgelbe Plastekanne mit schwarzem Tragehenkel und eingepasstem Deckel. Plastekanne? „Chemie bringt Brot, Wohlstand und Schönheit“ und eben auch Plastekannen für den Garten und für die Milch. Es gehört auch zu meinen kleinen Pflichten, beim Abwaschen des Geschirrs zu helfen. So fülle ich auch diese Kanne mit heißem Wasser und unternehme mit dem gut eingepassten Deckel Kompressionsversuche mit dem Wasserdampf. Lebendige Physik. Das Ergebnis war, dass die Kanne, die vorher modern, zylindrisch aber etwas nach unten verjüngt, nunmehr recht bauchig aussieht, wie eine „gemütliche“ Vase – nur, dass Jedermann wusste: Es ist keine Vase. Und es passen nun auch gut 2½ Liter hinein. Es wurde nicht etwa eine andere Kanne gekauft, sondern ich habe fürderhin zu meiner Schande, zur Belustigung anderer Leute, mit diesem „Ballon“ einkaufen zu gehen. Fast immer habe ich sie nun in einen Beutel gestellt. Selbst verursachtes Glück.
Ansonsten nutzen wir für die größeren Einkäufe die Einkaufstasche, einen Korb und / oder ein Netz. Das Wort oder den Gegenstand „Plastetüte / Tragetasche aus Plaste“ (im Osten) oder „Plastictüte“ (im Westen), gibt es bei uns noch nicht. Solch ein Gegenstand ist noch unbekannt. Wird auch wohl nicht benötigt.
Hauswirtschaftliches
Was gibt es da Beachtenswertes, was später vielleicht wieder aus der Mode kommen wird und es deshalb gedanklich aufbewahrt und hier erwähnt werden sollte? Ich denke momentan an
– Die doppelwandige mit Watte gefüllte Wärmehaube für die große Kaffeekanne, mit
Wachstuchoberfläche, um sie feucht reinigen zu können.
– Die kleinen Hauben als Eierwärmer oder besser: Warmhalter, oft gestrickt.
– Den Tropfenfänger für die Kaffee- oder Tee-Kanne, eine kleine Schaumgummirolle unter der
Kannentülle, mit Rundgummisträngen gehalten, die gleichzeitig als Deckelhalter dienen. Ein
Kunstschmetterling hält diese Gummistränge zusammen
– Kaffeefilteraufsätze für Kaffeekannen
– Kaffeefilteraufsätze für die Einzeltassenzubereitung, ach ja und
– Kaffemühlen überhaupt. Diese, die man beim Mahlen zwischen die Knie klemmt und jene, die als
Wandmodell gefertigt wurden. Unser Wandmodell besteht aus einem Keramikbehälter mit einem
Holland-Dekor zum Aufnehmen der Bohnen Dieser Behälter abgedeckt mit einem
Stufenkegeldeckel aus Aluminium. Unter diesem Einfüllbehälter das Schneckenmahlwerk aus
Eisenguss, angetrieben von einer Handkurbel. Eine Stellschraube ermöglicht es, die
Kaffeebohnen oder eher anderes Mahlgut nur grob zu schroten oder zu feinerem Pulver zu
zermahlen. Unter dem Mahlwerksgehäuse der Auffangbehälter für das Mahlgut, mit einem
Federteller von unten an das Mahlwerksgehäuse gedrückt.
Getränkeliste. Was wir Kinder am Tage so weg tranken
– Köstlich gesalzenes Kartoffelwasser (abgegossen, nach dem Kochen der Salzkartoffeln.
– Gekörnte Brühe oder Brühwürfel – natürlich vorher in heißem Wasser aufgelöst.
– Leitungswasser, natürlich abgekocht und wieder erkaltet, mit „einem Schuss“ Fruchtsirup.
– Auch mal Brausepulver (aus dem Papiertütchen) mit Wasser oder auch ohne Wasser (dann nicht
als Getränk).
– Kräutertee
– Selten: Fassbrause, die Flasche zu 12 Pfennigen, genauso wie die „Selters“.
Und mal zum Sättigen für zwischendurch: eine Schnitte mit Sirup aus Finkenheerd im Oderland. Der Rüben-Sirup aus dem gewachsten Pappbecher, später dann aus dem „Marmeladen“-Glas.
Gesammelte Kurzmeldungen des Jahres
Im Werkunterricht feilen wir gerade ein Boot aus einem Holzquader heraus. Das wird noch eine Weile dauern. Ich möchte es je nach Witterungsbedingungen gern mit einem Segel und mit einem Wärmemotor (Kerzenantrieb oder Spiritustabletten) ausstatten. Auch mit Batterie und einer Propellerschraube wäre es gut denkbar. Für eine große 4,5 V-Flachbatterie wäre das Boot aber zu klein.
Am Abend lese ich „Mädchen von Siebzehneinhalb“. Ich darf es nur nebenbei lesen, denn meine große Schwester ist die Hauptleserin. Sie hat es sich von Schulkameradin Karin ausgeliehen.
Nebenan, bei Freund Hartwig, hören wir ab und zu Schellack-Schallplatten im 78-er Rotationstempo. Gesangsstücke von Joseph Schmidt, Richard Tauber oder kurze Konzertausschnitte. Im dortigen Haushalt steht nämlich ein Elektrola-Grammophonschrank mit Schalltrichter. Vorkriegsmodell. Mit einer Handkurbel kann man das „Uhrwerk“ aufziehen, und die Federspannung hält eine Schallplatten-Vorstellung lang den Drehteller in gleichmäßigem Schwung.
Gegenüber von uns liefert gerade „Eis-Fix“ aus der Wiesenstraße 28–32 das Stangeneis für die Eis-Schränke an, denn die Lebensmittel sollen lange frisch bleiben. Bei diesem Geschäft muss er sich tatsächlich immer beeilen, fix sein – aber der Firmeninhaber heißt auch wirklich so: Paul Fix. Eine Stange Nuthe-Wasser kostet 1,10 D-Mark. Die Querschnittkantenlänge der Stange beträgt vielleicht 25 bis 30 cm, die gesamte Stangenlänge etwa 100 cm. Ich habe nie mit dem Zentimetermaß (andere sagen immer noch: mit dem Zollstock) daneben gestanden und gemessen, sondern nur mal grob geschätzt – deshalb meine ungenauen Zahlenangaben zum Eis.
Herangefahren werden die Stangen mit einem weißen wärmegedämmten „Koffer“-Transporter vom Typ „Opel-Blitz“, zugelassen für eine halbe Tonne Traglast. Auch dieser ist ein Vorkriegsmodell, denn neuere Opel gibt es nur in Rüsselsheim und dort kann kein DDR-Bürger etwas kaufen. Mit Haken werden die Eisstangen „angepickt“ und aus dem Wagen heraus gezogen. Der Eis-Mann trägt eine derbe weiße Latzschürze, ein ebensolches aber gepolstertes Schulterleder, Handschuhe und eine Mütze – alles aus weißem Wachstuch. Halbe oder ganze Stangen trägt der fixe Eismann auf der Schulter in die Haushalte. Auf Wunsch werden die Stangen geteilt, denn nicht jeder Haushalt hat einen großen Eisschrank, sondern einen geringeren Bedarf. Kleine Stücke, die von der Stange abgehackt werden, holen sich die Leute in Schüsseln vom Fahrzeug ab. In den Eisschränken hält sich das Eis etwa 3-5 Tage, bis es zu Wasser zerläuft.
Wir haben keinen Eisschrank. Karten-Lebensmittel kann man sowieso nicht lange bevorraten, Gemüse wird frisch gekauft. Streichfette kommen im Sommer in ein sauberes Kästchen und dann in das Ofenloch, in die kühle Zugluft. Marmelade bedarf des Kühlens nicht. Der Fixe-Eisbetrieb wurde im Jahre 1897 gegründet, gerade zu der Zeit, in der meine Tante Käte geboren wurde.
Am Wochenende fand im Park Babelsberg das Pressefest der „Märkischen Volksstimme“ statt.
Der Marine-Stützpunkt der GST, das ist die Gesellschaft für Sport und Technik zur vormilitärischen Ausbildung, bot dort auch das Kutter-Rudern auf der Havel an. Ich ruderte eine Runde mit über den „Tiefen See“. Den Nachmittag beendete ich mit einem Bad an der Steintreppe, unterhalb des Matrosenhauses.
In Mode sind bei uns stets Schreibspiele wie „Stadt-Land-Fluss“, „Onkel Otto plätschert lustig in der Badewanne“ aber auch „Käsekästchen“ oder „Schiffe versenken“ sowie „Misthaufen“.
Zu meinen Kopfhörern soll sich noch ein Kristalldetektor gesellen, dann habe ich ein ganz eigenes Radio. Bei meinem Vater war es in dessen Kinderzeit so, dass der Detektor in eine größere Blechschüssel gelegt wurde, die dann als ein schallverstärkender Trichter diente, so dass die gesamte Familie ohne Kopfhörer ein wenig Gequake hören konnte.
Ich bin auch an ungemein wichtigen Dingen tätig, wie zum Beispiel eine Geheimsprache zu entwickeln und zu üben – es fehlen nur noch die zuverlässigen Gesprächs- oder besser: geeignete Brief-Partner. Eine unlesbare Geheimschrift mit Essigwasser ausgeführt, nutze ich ab und zu, besonders im Winterhalbjahr, da sie dann gut lesbar wird, wenn das ganz geheime weiße Blatt einen Moment in der Wärmeröhre des Kachelofens neben den Bratäpfeln liegt. Für später Geborene: Die Wärmeröhre ist kein „Rohr“, sondern ein quaderförmiger fest eingebauter Blechkasten innerhalb des Ofens mit einer Tür oder mit sogar zwei Öffnungen.
Unser Hausbesitzer Kalle, Herr Karl Klawon, wollte mir sein Fahrrad günstig verkaufen – es ist so ein Modell – ich schätze mal, vielleicht von 1910? Vollballonreifen, 26", mit denen kann man getrost durch tiefen Wüstensand fahren, falls die Beinkraft dafür ausreicht. Herr Klawon spricht, wie ihr wisst, in einer hier unüblichen Mundart: „Kriestof, is noch Friedensware, nich so ein Tinneff wie heute“, tönt mir noch heute das Angebot nach. Ich weiß, ich weiß. Der Stahlrahmen war erst verkupfert, dann im Zinkbad, bevor Farb- und Lackschicht drauf kamen. Mir aber erscheint es bereits ohne Tiefenprüfung, also rein optisch, als schrottreif. Ein Kaufabschluss kommt nicht zustande. Und unsere DDR-Fahrräder? Mifa, meine eingeschränkte Erfahrung: na ja, gut. Diamant: Sehr gut! Stahlrahmen in Chrom-Vanadium-Legierung. So etwas kann ich mir aber nicht leisten. Woher sollte ich das Geld nehmen? Vom Altflaschen- oder Alt-Zeitungs-Sammeln und deren Verkauf? Darüber würde ich genauso wie das Sammelgut: eben alt. Doch einen für mich gangbaren, besser: befahrbaren Weg werde ich finden! Verlasst euch nur schon mal darauf – aber nur wenn ihr wollt – ihr müsst ja nicht alles glauben!
1957 – Mein 12. Lebensjahr, 5. / 6. Schuljahr.
In diesem Frühjahr wird meine Schwester in den Kreis der Erwachsenen-Gemeinschaft aufgenommen. Ihre Konfirmation steht bevor. Sie eilt mir immer einige Jahre voraus. Ich könnte das genauer ausführen aber bei jungen Damen spricht man kaum darüber. Bei älteren gar nicht.
Zu diesem Anlass soll das Wohnzimmer neu tapeziert werden und auch die Küche benötigt einen frischen Farbanstrich. (Was sind nur das für lange Umschreibungen? Damals, 1955 in Grünheide, hätten meine sächsischen Kumpels aus Leipzsch kurz gesagt: „Mer misse vorrichtn.“ Fertsch!)
Für mich ist es das erste Mal, mich mit solchen Arbeiten zu befassen. Allein. Ihr wisst ja, wie man das macht – oder –? (Also in dieser Zeit, denn alles ist dem Wandel unterworfen).
Vorbereitung der Malerarbeiten. Man nehme – mein Rezept:
Werkzeuge: Sieb, Quirl, Rührholz, Lappen, Eimer, Schüssel, Bürste, Geschirrspülmittel, Streichbürste, (erst später wird es leichter, wenn die Farbrolle erfunden sein wird), ferner Pinsel für Ecken, Kanten und verborgene Stellen. Alle Pinsel / Streichbürsten vor der Arbeit zum Quellen in lauwarmes Wasser stellen, damit beim Arbeiten keine Borsten „herausgezogen“ werden!
Fünf Teile Schlämmkreide abmessen und im lauwarmen Wasser einsumpfen. Ständiges umrühren.
Ein Teil Tapetenleim in Wasser einrühren und quellen lassen, so lange rühren, bis keine Leimklümpchen mehr vorhanden sind. Durch ein Haarsieb geben. Vorsicht: Der Leim lässt das Sieb schnell rosten und mit angetrocknetem Leim bekommt man es schlecht sauber. Sieb also gleich abwaschen und dabei sauber bürsten!
Beide Komponenten (Schlämmkreide und Leim) über Nacht stehen lassen und am nächsten Tag innig miteinander verrühren. Dabei schluckweises Zugeben des Leims.
bei Bedarf Farbpulver auflösen, in eine kleinere Menge der nun flüssigen Schlämmkreide geben, anhaltend miteinander verrühren. Dann in die große weiße Kreidemenge geben und wieder rühren. Achtung bei der Farbmenge. Im Eimer sieht der Farbton meist dunkler aus, als getrocknet an der Wand oder Decke. Also zwischendurch erst Farbproben auf einen Tapetenrest streichen und trocknen lassen. Die Herdplatte spart Wartezeit.
Damit sich der Anstrichstoff schmiegsamer streichen lässt, einen „Schuss“ Geschirrspülmittel, in eine kleinere Menge des Anstrichstoffs geben, gut verrühren und dann in die große Menge gießen und wieder gut verrühren.
Alle Arbeitsgeräte / Werkzeuge möglichst bald reinigen und trocknen.
Und nun das Tapezieren:
Werkzeuge und Materialien: Bleistift, Winkel, Metermaß, Hämmerchen, Kneifzange, gerußte Schlagschnur mit Gewicht, Messer, Spachtel.
Tapeten-Zell-Leim (wie vorher zubereitet), Tapete (gemessene Menge plus Rand- und Rapportzugabe + Reparaturstücke (für später), Bürste, Andrückrolle für die Nähte, Tapetenleiste und Drahtstifte.
Alte Tapete an der Wand mit dem Messer einritzen, mit lauwarmen Wasser einweichen und mit der Hand abziehen. Reste mit dem Spachtel abstoßen. Trocknen der Alttapete und bereitlegen für die Altstoffsammlung.
Auf den Wandputz, als Makulatur alte Zeitungen kleben. (Später wird es flüssige „Fasermakulatur“ geben. Das ist eine große Erleichterung und Zeitersparnis).
Je einen Tapetenrand der neuen Rollentapete längs beschneiden
Tapetenbahnen quer so trennen, dass sich der Musterrapport, das ist die Musterwiederholungskennzeichnung, immer an der gleichen Stelle befindet. Den dabei entstehenden Verlust / Abfall als Schmierpapier (Rückseite) aufheben.
Einstreichen der (Rückseite) der Tapetenbahn auf dem großen Tisch. Zusammenlegen der Bahn, damit der Leim nicht schon trocknet aber die Bahn weicht. Dauer je nach Tapetendicke etwa 5 bis 7 Minuten. Die Tapetenbahn darf nicht in der Hand unter ihrem Eigengewicht an den oberen Ecken reißen. In solchem Falle: kürzere Einweichzeit.
Erste Tapetenbahn richtet sich nach dem senkrechten Strich, den wir mit der gerußten Schlagschnur erzeugen. Bahnen so überlappend kleben, dass die Muster passen und die obenauf überlappende Bahn zum Fenster zeigt, damit kein störender Schattenwurf auftritt.
Den oberen Rand der Bahn festklopfen, mit der Bürste eventuelle Luftpolster / Luftblasen von der Mitte nach außen, fischgrätenartig schräg von oben nach unten ausstreichen. Die senkrechte Überlappung, die „Naht“ andrücken, anklopfen oder noch besser: anrollen.
Die Tapete nie über die Zimmerecke herumziehend kleben, weil sie beim Trocknen schrumpft, sie sich aus der Ecke herauszieht, ein Hohlraum entsteht. Deshalb senkrecht nochmals teilen und genau in der Ecke enden lassen, also in die Ecke hineinkleben.
Weil in dieser Zeit im Allgemeinen noch nicht bis zur Decke geklebt wird, den oberen Tapetenabschluss mit Tapetenleiste versehen zum Abdecken kleiner Ungenauigkeiten am oberen Rand. Annageln mit Drahtstiften. Untere Ränder noch feucht auf genaue Länge schneiden, mit Messer und Stahlschiene, wenn man über eine solche verfügt.
Die erforderlichen Materialien hole ich aus dem Kellerladen der Drogerie Schukat in der Potsdamer Bauhofstraße (frühere Priesterstraße). Er hat wohl so ziemlich alles, was man benötigt. – Wenn ich die Arbeitsanweisung eben so scheinbar schlau schrieb, will ich freimütig gestehen: Beim Versuch des Klebebeginns der ersten Bahn habe ich mich, oben auf der Leiter stehend, in die Tapetenbahn beinahe eingewickelt. Sie klebt auch schnell an sich selbst fest zusammen. So ist das Leben. Man soll sie trotz aller gebotenen Sparsamkeit tatsächlich nicht zu knapp einkaufen.
Nach kurzer Erholung kam die Küche dran. Oben Leimfarbe (hellblau) – den Farbton mögen Fliegen nicht, unten Ölfarbe. Es sieht frisch und kühl aus. Geschafft. Ich bin froh, obwohl ich weiß: ein Meister hätte hier und da gemäkelt, vielleicht hätte ich alles noch einmal besser machen müssen.
Nach abermaliger Erholung:
19. Mai 57. Die Konfirmation meiner Schwester
Zu den Gästen zählen auch Inge Kramer mit Tochter, Charlotte Dyck, Liesel Hasait aus Potsdam, also die Cousine von Opa Max Sommer, Friedel Liebnow aus Pankow-Heinersdorf und Muttis Jugendfreundin Gretel Baensch, eine Tauf-Patentante meiner Schwester, dann Frau Krüger, Tante Elfi und Christlieb Albrecht, der auch ein Patenonkel meiner Schwester ist, Tante Luzie und Erich Kaiser, Anna Kirchhoff. Wolfgang Iskraut, das ist ihr Konfirmationspfarrer und Dorothea, seine Ehefrau. – Ein festlicher Tag für alle.
12. Juni. Ehrentag aller Lehrerinnen und Lehrer, Hortnerinnen und Hortner, Kindergärtnerinnen und Kindergärtner.
Heute haben wir schon wieder einen Feiertag! Es ist Lehrertag. Morgens Fahnenappell mit dem Üblichen, geleitet von den Zeremonienmeistern: Schuldirektor und Pionierleiter. Es gab ein zu Herzen gehendes Gedicht zum Lehrertag und Blumensträuße. Danach geht es in die Klassenräume. Unser beliebter Klassenlehrer ist Herr Ignor. Weil wir eine „reine“ Jungenschule sind und demzufolge auch unsere Klasse ausschließlich aus Jungen besteht, ist der Lehrertisch nicht so geschmückt, sind die Aufmerksamkeiten nicht so ausgesucht, als wenn da noch eine weibliche Komponente für einen Lieblingslehrer etwas ausgesucht und „drapiert“ hätte. Für unsere Verhältnisse aber gut.
Also, Herr Dieter Ignor ist ein Mann des Sports. Genauer: Er ist ein großer Anhänger der berühmten Fußballmannschaft Brieske-Senftenberg. Das kommt daher, weil er dort in der Nähe mal gewohnt hat. Er selber ist einem persönlich aktiv betriebenen Fußballspiel auch nicht abgeneigt. Aber er raucht auch sehr gerne und viel. So sieht er seinen Lehrertisch mit einem Blumenstrauß geschmückt, umgeben von einem größeren bunten Kranz der Zigarettenschachteln (neu, voll) aller erdenklichen Marken, die der Einzelhandel so anbietet. Welch ein schönes Bild. Was gab es da alles zu sehen? Karo, Turf, Muck, Juwel, Real, Ernte 23, Orient – waren wohl dabei (F6 kam erst später, Papirossi lag nicht auf dem Tisch). Alles Beiträge für die Sportlergesundheit.
Wenn man von einer Gegenleistung dafür sprechen möchte, kann man sagen, dass wir bei allen festlich gestimmten Lehrern einen sehr harmonischen Geschichten-Vorlese-Vormittag hatten.
Über sein weiteres Leben kann ich nichts anmerken. Er ging uns durch einen Arbeitsstellenwechsel verloren – wir verloren ihn aus den Augen ... aber ein nochmaliger Kontakt kam im Mai 2017 zustande – wurde durchs Internet begünstigt.
Ich habe es besonders gut, denn bald darf ich schon wieder fort von hier – weil...
Mein Aufenthalt im Kindersanatorium in Bad Frankenhausen, im Sommer 1957.
Die Einladung zum Verreisen kam wieder von der Sozialversicherungskasse. Sie kam, weil ich angeblich zu dünn und recht lang gewachsen sei und außerdem in dem elterlichen Geschäftshaushalt ständig die „beißende Ammoniak-Luft“ einatmen muss. Die SVK hatte vom Kinderarzt aus der Kinder- und Jugendfürsorgestelle in der Babelsberger Karl-Liebknecht-Straße 113 den Bescheid über die Zweckmäßigkeit einer solchen Kur für mich bekommen.
Eine sechswöchige Erholungskur im Kindersanatorium „Helmut Just“, im Solbad
Bad Frankenhausen am Südhang des Kyffhäuser-Gebirges, das in der Diamantenen Aue liegt. Das also steht für mich ganz oben auf dem Plan. Es hört sich doch schon sehr gut an. Ein Teil der Zeit wird in den großen Sommerferien liegen, so versäume ich nicht zu viel vom Unterrichtsstoff in der Schule. Wäre es aber anders, würde ich das ebenfalls gerade so aushalten.
Ankunft und Begrüßung
Nach langer Busfahrt, denn das kleine Kyffhäusergebirge liegt zwischen dem Harz und dem thüringischen Mittelgebirge, kommen wir in Bad Frankenhausen an. Der Bus bringt uns direkt bis vor das Heim in der Thomas-Müntzer-Straße. Am Treppenaufgang zum Haus stehen kräftige Fliederbüsche, die vor einiger Zeit noch süß-aromatisch geduftet haben sollen. Wir kennen das.
Das Kurhaus ist ein riesiges Gebäude. Etwa 100 Kinder können sich hier in jedem Durchgang erholen und jene, die ernsthaft krank sind, sollen auch möglichst wieder gesund werden. Das Haus steht am „Weinberg“. Wein sehen wir momentan nicht so recht, vielleicht wird er eben gerade deshalb auch noch Fliederberg genannt. Direkt rechts neben dem Grundstück, wenn man von der Straße aus auf den Hang sieht, befindet sich der gleiche Höhenzug, der nun aber „Schlachtberg“ genannt wird. Keine schöne Bezeichnung. Der Berg erhielt diesen Namen zum Gedenken an die kurzen, grausigen Kämpfe am Ende der Zeit des Bauernkrieges 1524 / '25.
Gleich nach dem Aussteigen aus dem Bus werden wir freundlich von der Leiterin des Sanatoriums begrüßt. Es ist Frau Ruth Liesegang. Sie schaut schon auf eine Reihe von Jahren ihrer Leitung dieses Sanatoriums zurück. Man kann also sagen, alles ist ihr hier sehr vertraut, nur wir sind für sie im Moment neu. Nun werden wir nach Altersstufen in Gruppen aufgeteilt.
Zu unserer Gruppe gehören neben der Erzieherin, die wir ja zuerst nennen möchten, 26 Jungen. Zu den größeren, aber eben besonders zu den längeren, gehöre auch ich. Zu dieser jetzigen Zeit bin ich elfeinhalb Jahre alt und habe etwa die gleiche Größe wie unsere nette Erzieherin, Fräulein Jödicke, die aber auch Regina heißt. Die Erzieherinnen tragen eine Art Berufsbekleidung: Wir sehen sie stets mit weißen, gestärkten Schürzen in Haus, Hof und Garten – beim Wandern aber anders. Acht Erzieherinnen sind im Sanatorium tätig, zwei Krankenschwestern und ein Arzt. In meiner Gruppe sehen die Jungen allerdings nicht besonders krank oder schwächlich aus. Alles fröhliche Kumpel – so ist mein Eindruck. Ich bin medizinischer Laie.
Einige Worte zum Haus und zur Kur
Seit 1818 wird diese Art von Heilkunst in Frankenhausen schon gepflegt. In diesem Sanatorium aber noch nicht solange, denn das Gebäude ist bedeutend jünger. Das erste Kinderkurheim richtete Frau Minna Hankel im Jahre 1879 an der Wipper ein, an dem kleinen Flüsschen, das sich seinen Weg durch Frankenhausen bahnt. Der Minna Hankel zu Ehren trägt eine kleine Straße ihren großen Namen. Der Bau „unseres“ Erholungsheimes wurde vom Gewerkschaftsbund der Angestellten unter dem Vorsitz des Herrn Hermann Hedrich (1853 bis 1927) in Auftrag gegeben und in den Jahren 1926 und 1927 errichtet. So schnell ging das damals. Und im gleichen Jahr 1927 wurde der Stadt auch der Titel „Bad Frankenhausen“ verliehen. – und das nicht nur leihweise. Vor jener Zeit leitete dieser Herr Hedrich in Hamburg auch eine große Krankenkasse für weibliche Angestellte. Das Haus ist also seinem Bemühen und seinen Geldquellen zu verdanken. Der Architekt des Hauses war der Leipziger Herr Georg Wünschmann (er lebte von 1868 bis 1937). Errichtet hat die „MIMA“ das Gebäude, das war die Mitteldeutsche Massiv-Sparbau GmbH aus Frankenhausen, unter der Führung des Herrn Carl Boettger, der zum Bau noch weitere Auftragnehmer einbezog. Das Bauwerk besteht im Wesentlichen aus dem heimischen Muschelkalksandstein. Meeresmuscheln in höheren Mittelgebirgslagen! – wer hätte das als Laie schon gedacht? Ein Haus aus versteinerten Schnecken und doch kein Schneckenhaus. Ja, ich würde gern auch ein Architekt oder Bauingenieur werden und solche schönen Bauten entwerfen.
So, nun wissen wir es: Das von Natur aus schneeweiße Gebäude ist gerade 30 Jahre jung, kein großes Alter für ein Haus. Und gut gepflegt. Deshalb sieht es ja auch noch ziemlich neu aus.
Im Jahre 1929 erhielt das Kurhaus, das „Hermann-Hedrich-Heim“, wie es hieß, eine eigene Solewasserleitung für die Kuranwendungen gelegt. Herr Hedrich brachte auch die Oberin (die Vorsteherin, die Leiterin) für das Haus und außerdem die ersten betreuenden Krankenschwestern aus Hamburg mit. In den folgenden Jahren erholten sich deshalb hier auch besonders viele kranke und schwache Kinder aus dem Raum Hamburg. Im Jahre 1935 erfolgte dann links am Haus der Anbau einer Salzwasser-Schwimmhalle.
Als leider schon bald im Zweiten Weltkrieg (1939 bis 1945) erste Bomben von Flugzeugen auf Bad Frankenhausen abgeworfen wurden, schloss man das Erholungsheim vorsichtshalber und es wurde wohl erst um 1949 wieder eröffnet.
Vor wenigen Jahren bekam das Sanatorium einen neuen Namen, obwohl der Herr Hedrich, der das Heim bauen ließ, ein sehr guter und sozial denkender Mensch war, wie man hört. Aber er hatte einen großen Makel: Er hatte in Hamburg gelebt. Zwar an der nördlichen Elbe aber doch im Westen – wie man es heute betrachten muss.
Das Sanatorium heißt jetzt „Helmut Just“. Dieser Helmut Just hat mit dem Gebäude überhaupt nichts zu tun. Er war auch nie in Bad Frankenhausen zu Besuch. Das Hedrich-Heim erhielt diesen neuen Namen zur Erinnerung an ihn: Der Helmut Just war ein junger DDR-Berliner Grenzpolizist. In Berlin am 02. Juli 1933 geboren – er war also gerade nur ein Jahrzehnt älter als die Ältesten von uns. Er hatte den Beruf eines Malers gelernt, diente anschließend in Berlin bei der Grenzpolizei. Bei diesem Dienst wurde er am 30. Dezember 1952 bei kurzem Schusswechsel von der Kugel eines illegalen Grenzgängers tödlich getroffen. Er war noch nicht einmal 20 Jahre alt. Diese Geschichte ist für seine Familie und auch für uns furchtbar traurig. Es hätte genauso schlecht auch umgekehrt geschehen können, denn das Überschreiten der Grenze ohne Genehmigung ist streng untersagt. Es ist unter Lebensgefahr verboten, sich auszusuchen, wo man gerne wohnen möchte. Die meisten der Republikflüchtigen besitzen aber wohl keine Waffen und bei uns kann man auch keine im Laden kaufen. Das ist gut so.
Wir hatten gerade noch im Mai vor dem Ende des Schuljahres die Schul-Wandzeitung unter dem Motto fertig gestellt: „Wir steh'n im Kampfe Tag und Nacht – der Grenzschutz unser Land bewacht“. Es gibt immer wieder schreckliche Nachrichten über schlimme Vorkommnisse.–
Doch nun zurück in unsere Gegenwart:
Wir wohnen in freundlichen hellen Zimmern. Das gesamte Haus ist sehr sauber, gepflegt und es riecht überall ein wenig ähnlich wie in der Schwimmhalle. Aber es ist kein Chlor. Einen ganz treffenden Geruchsvergleich habe ich nicht. Das macht die Sole ohne „h“, der Salzwassergeruch, der von den Behandlungsräumen, die im Keller liegen, auch nach oben dringt.
Anmerkung. Die Weiterführung des Beitrages über Bad Frankenhausen findet ihr auf der gleichen Internetseite unter: https://www.janecke.name/orte/bad-frankenhausen Dort gibt es auch mehr Bilder und Beiträge von Lesern. |
Nun wieder zurück im Babelsberger Alltag:
Statt scheckiger Fahrradeinzelteile ein schwarzes Ganzes
Der Gedanke an ein eigenes Fahrrad ist mir inzwischen nicht abhanden gekommen. Ich habe nur mit dem Erzählen eine Pause machen müssen, weil sich so sehr vieles ereignet. Aber gesammelt habe ich inzwischen durchaus. Oder besser von Anfang an: Aus gebrauchten aber ordentlichen Teilen baue ich mir ein Fahrrad zusammen. Eine gute Unterstützung bei der späteren Montage erhoffe ich mir in unserem erfahrenen Nachbarn Hartwig. Einige Teile konnte ich in Kellern und auf Dachböden bei unseren Altstoffsammlungen erwerben. Anderes finde ich auf dem Schrott-Zwischenlagerplatz an der Wetzlarer Straße hinter dem Bahnhof Drewitz, zu dem auch das Anschlussgleis des Karl-Marx-Werkes führt. Dort wird der Metallschrott zum Abtransport mittels Güterzügen bereit gestellt, gelegt, geschüttet. Bestimmt ist der Schrott für „Martin“, den Siemens-Martin-Hochofen. Man muss nur sehr aufpassen wegen scharfkantiger Bleche und scharfer spiraliger Langspäne von den Drehmaschinen der Lokomotivbaufirma, damit man sich nicht verletzt. Bei einer Schlagaderblutung wäre man hier ziemlich rettungslos verloren.
Bei meinem Bemühen handelt es sich um eine länger anhaltende Sammelaktion, weil nicht alles Benötigte zur gleichen Zeit als Angebot bereit liegt – doch es kommt ja stets frische Ware herein. Man muss nur immer mal wieder nachschauen und zeitlich vor den Mit-Interessenten da sein, was ja kaum jedesmal gelingen kann.
Vieles des dort auf dem Schrottplatz Abgelegten regt zum Basteln an, zum kreativen Gestalten. Dazu gehören Kupferdrahtspulen für den Katapultbau (Zwille), genauso wie Magnete aus Autowinkern (die Vorgänger späterer Blinkleuchten), auch ein Unfall-Motorrad – davon passt für ein Fahrrad nichts, Glühlampen aus Autorückleuchten und vieles andere mehr. Man muss schon immer einen Sack mitführen, der sich auch gut tragen lässt – noch habe ich kein Fahrrad, sondern gehe zu Fuß. Manchmal fahre ich auch mit dem O-Bus bis in die Nähe des Schrottplatzes, bis zum Bahnhof Drewitz.
Eines sehr erfreulichen Tages ist mein Gemischtwaren-Schatzlager so gefüllt, dass ich an den Beginn des Montierens denken kann. Es fehlen noch: Eine Bowdenzug-Vorderrad-Felgenbremse, wenige Kugellager, 1 Reifen 26 x 1,75 x 2, die Rückleuchte und die Klingel, sowie der Lenker. Also Lenker gab es mit Farbe oder auch rostig mehrere aber es sollte möglichst ein sauberer, ein blank-chromiger Ochsenkopflenker sein und einen solchen gab es bisher nicht auf dem Schrottplatz, sondern nur in den Läden, in Berlin-West. Ähnlich verhielt es sich mit der gewünschten Modequalität der Rückleuchte. Es gibt solche auch in Vollplastik, die ohne Blechgehäuse wie eine leuchtende Halbkugel nach fast allen Seiten strahlen. Aber eben: Es gibt sie dort und nicht hier.
Doch diese mühsam zusammengesuchten Teile bilden bald einen Fundus für Schenkungen.
Ich hätte einen Soli-Basar aufmachen können. Wie das – und warum, fragt ihr? Ganz einfach!
Als ich nun fast fertig war mit dieser angenehmen Quälerei, eröffnet mir mein Vater feierlich, dass ich, als Auszeichnung für meine langzeitigen intensiven Bemühungen, sein Fahrrad haben könne, da er es ja ohnehin nicht mehr nutzen kann. Es hängt, so lange ich mich erinnern kann, in der „Werkstatt“ an der Wand und sieht schwarz aus – nicht so kunterbunt, wie meine Einzelteile, die ich nun verschenken kann. Es ist ein ganz besonderes Fahrrad aus den Adlerwerken in Frankfurt am Main, Vorkriegsmodell, mit einer Drei-Gang-Schaltung im Tretlager. So etwas hat hier noch kein Mensch meiner Altersgruppe gesehen. Und Laufräder mit Trommelbremsen. Die Attraktion!
Viele, viele Jahre hatte Vatis Fahrrad ungenutzt in der sogenannten „Werkstatt“ an der Wand gehangen. Für mich unerreichbar.
Wieso eigentlich besaßen meine Eltern nach dem Krieg denn noch ein älteres Fahrrad?
Meine Mutter ist in ihrer Jugendzeit, viel gelaufen, gewandert, viel mehr, als heute im Durchschnitt üblich. Mein Vater ist gehbehindert und nutzte daher gern sein Fahrrad. So wurde während ihrer Verlobungszeit für ein zweites Fahrzeug, für meine Mutter, gespart und gemeinsam unternahmen sie gar manche Ausflugstour. Bis in die Zeit des zweiten Weltkrieges hinein.
Nachdem im April und Mai 1945 die sowjetischen Kampftruppen der Roten Armee auch hier, noch für beide Seiten verlustreich, durch Potsdam und Umgebung gezogen waren, hatten die nachfolgenden militärischen Dienste mehr Zeit und Muße, sich mit dem Hab und Gut der Leute zu befassen.
Das Fahrrad meiner Mutter wurde in der Stunde des Entdeckens mitgenommen. Das teurere meines Vaters, das mit der Gangschaltung innerhalb des Tretlagers, befand sich auch bereits in den Händen eines Rotarmisten. Wir, also meine Mutter, mit mir in ihrem Bauch, konnten es von dem russischen Freund wieder „entgegennehmen“ – es hätte dies eine doppelt lebensgefährdende Situation werden können. Der Rotarmist, der sich auf das Rad geschwungen hatte, ließ die Beute aber fallen, weil er meinte, sie sei kaputt, unbrauchbar. Der Handschalthebel war in seiner „Kulisse“ momentan nicht in einem der Gänge eingerastet, sondern auf Leerlauf eingestellt und so konnte er damit nicht fahren, trat schwungvoll in die Pedale aber damit gleichsam ins – Leere. Das wird möglicher Weise bei ihm in Nähe der Sattelnase kräftige Schmerzen verursacht haben. Die Pedalarme dreht sich im Leerlauf wie die Windmühlenflügel aber das Kettenblatt rührt sich nicht und damit verharren naturgegeben auch Kette und Hinterrad im Zustand der Ruhe und das gesamte Fahrrad kommt nicht vom Fleck. Nur deshalb war eben ein Fahrrad, dieses „unbrauchbare“ Fahrrad noch bei uns. Das hatte nun ich bekommen. Na dann los.
Ganz behutsam, Stück für Stück wird das Fahrrad modernisiert, so dass es den dieses Treiben aufmerksam beobachtenden Erblasser nicht schmerzt und der Umbau auch mit meinen Finanzierungsmöglichkeiten vereinbar ist. Zuerst ein moderner Sport-Sattel, dann der große Flachbatterie-Scheinwerfer gegen eine stromlinienförmige Lampe getauscht und zum Schluss kommt der altmodische Gesundheitslenker aus den 1930-er Jahren wieder zurück in die Werkstatt.
Für die Ausflüge erhielt ich von den Eltern die Karte „Potsdam und Umgebung“ die heute noch existiert, in einer ledernen Kartentasche mit großem Sichtfenster.
Sorgen hatte ich auf den Ausflügen mitunter um das Fahrrad, weil jeder Junge, wo ich auch anhielt, gern damit eine Runde fahren wollte, weil es eben, wegen des Gangschalt-Tretlagers mit dem Gestänge für die Handschaltung, einen gut sichtbaren Seltenheitswert besaß.
So unternahm ich eine Anzahl von Ausflügen, z. B. Nach Saarmund (Gaststättenbrause 0,12 M), nach Kähnsdorf, Fresdorf, Wildenbruch, natürlich auch Caputh, Ferch, und Geltow, ... .
Schon recht schön ist unser Radrenn-Oval im nahen Birkenwäldchen aber noch viel besser das stark hügelig-baumbestandene Trial-Gelände in der Nähe des Jagdschlosses >Am Stern<. Das macht „Lunte“ (gute Laune). Es erweitert sich mein Aktionsradius mit dem Fahrrad ganz gewaltig.
Es gibt nicht nur Fahrräder!
Für meinen kleinen Bruder, er wird drei Jahre alt, baue ich zum Geburtstag eine klappbare Autorennbahn mit Mitteltrennung, damit zwar Wettfahrten möglich sind, aber ohne Karambolagen. Aber auch solche „mit“ sind gewährleistet, wenn man die Rennwagen auf einer gemeinsamen Fahrbahn startet. Die Querfuge am Klappscharnier lässt die leichtesten Autos mit den kleinsten Rädern tolle Sprünge vollführen. So wie es manchmal unerwünscht im richtigen Leben vorkommt.
Für Weihnachten und dann „für lange Winterabende“ bastele ich für denselben nahen Verwandten einen Rahmen (und dazu einen Ständer), in den ich Zeichenblätter im Format DIN A 4 schnell auswechselbar stecken kann, dahinter steht eine Lampe.
Das wird also eine Art Kasperletheater ohne Puppen. Oder ein Kino-Bilderbuch ohne Bucheinband und Schrift, denn die Texte werden ja von mir gesprochen. Nun muss ich nur noch Märchenbilder zeichnen und dann kann ich, wenn ich Märchen erzähle, ihn dabei auch mit den hinterleuchteten Märchenbildern erfreuen. Mein Heimkino. Mit den Eltern habe ich in die Vorbereitung dieser Überraschung besprochen, sie also eingeweiht.
August 57 – Segelschiff >Pamir<
Eine erschütternde Nachricht geht um die Welt: Die riesige Viermastbark „Pamir“, ein westdeutscher Großsegler, ein Segelschulschiff und Handelsfrachter, ist im Atlantik während eines Orkans gesunken.
Das Schiff wurde 1905 bei Blohm und Voss in Hamburg gebaut. Die Namen sind niederdeutsch und bedeuten „Blume“ und „Fuchs“. Der Heimathafen diese Schiffes war Lübeck. Nun liegt es im Atlantik bei den Azoren auf dem Meeresboden.
Nach vier Tagen der Suche konnten nur noch fünf Seeleute aus einem stark beschädigten Beiboot gerettet werden. 80 Matrosen waren ertrunken. (Näheres in der Rubrik „Zeitgeschichte 1901–2000“ auf dieser Internetseite).
Das Schiff hatte eine Länge von über 100 Metern bei einer Wasserverdrängung von mehr als 3.000 Brutto-Register-Tonnen. Es handelte sich um ein Schiff mit 86 Mann Besatzung, darunter 16 Kadetten, die ihre erste Fahrt der Ausbildung zu späteren Offizieren der Handelsmarine absolvierten. Sie befanden sich auf der Rückfahrt von Buenos Aires (Argentinien) und hatten Getreide geladen. Die Hafenarbeiter streikten gerade und so wurde das Schiff von der argentinischen Armee und der Schiffsbesatzung beladen.
Das Schiff kenterte wegen des Verrutschens der Ladung im Hurrikan „Carry“, da selbst die Ballastwassertanks, die der Schiffsstabilisierung dienen, widerrechtlich aus Profitgründen und gegen alle Regeln der Technik mit Getreide gefüllt wurden. Der Erste Offizier und der Bootsmann wollten den Kapitän, noch vorher im Hafen, zum teilweisen Wieder-Entladen bewegen, wurden vom Kapitän jedoch mit Waffengewalt zum Stillschweigen gezwungen, bzw. wären wegen Meuterei angeklagt worden. Es hätte auch durchaus die Möglichkeit gegeben, nach den Orkan-Warnungen dem Hurrikan auszuweichen aber der Kapitän setzte aus Zeit- und damit aus Geldgründen im Sinne des Reeders das Beibehalten der Route und somit den gefährlichen Kurs der Kollision mit dem Hurrikan fort. Das Schiff erlitt durch das verrutschende Getreide immer mehr an Schräglage, bis es vollends umschlug und sank. Den SOS-Ruf des sinkenden Seglers hörten mehrere Schiffe, diese waren aber viel zu weit entfernt, um noch rechtzeitig die verunglückte Besatzung aufnehmen zu können. An der Suche nach den Schiffbrüchigen waren etwa 60 Schiffe und 20 Flugzeuge beteiligt. Am neunten Tag nach dem Unglück wurde die Suche nach weiteren Überlebenden eingestellt. Auch das zweite Rettungsboot wurde nie gefunden.
Nur sechs Überlebende gab es: einen Seemann, der vom Schiffsarzt auf der Hinreise auf hoher See operiert worden war und bereits in Buenos Aires ins Krankenhaus gekommen war, ferner der Bootsmann und vier Kadetten, die sich in ein stark beschädigtes, fast voll Wasser gelaufenes Beiboot retten konnten. Vier Tage trieben sie in der rauen See ohne Versorgung mit Lebensmitteln oder Wasser bis sie gefunden wurden. Ursprünglich waren es drei Gerettete mehr, von denen einer jedoch im Rettungsboot starb, zwei weitere das Rettungsboot geistesverwirrt unter Halluzinationen verließen und ertranken. Diese vielen Details erfuhren wir zu jener Zeit allerdings nicht, sondern erst etwa 50 Jahre später, als der Film „Pamir“ gezeigt wurde.
Die DDR besitzt zu dieser Zeit das kleinere Dreimast-Segelschulschiff „Wilhelm Pieck“.
September – das Ritual am Weltfriedenstag – und mein sechstes Schuljahr beginnt
Nach den großen Ferien ist jetzt wieder angesetzt, jeden Montag auf dem Schulhof einen Fahnenappell mit langem Stehen zu vollziehen. Dazu gehören Vollzähligkeitsmeldungen der einzelnen Gruppenratsvorsitzenden (also jeder der etwa 20 Klassen) an den Freundschaftsratsvorsitzenden und anschließend dieser an den „Pi-lei“, den Pionierleiter. So hört sich das dann etwa an: Vorn ertönt das militärische Kommando „Stüll-stann", hinten wird noch geschwatzt und gelacht, diesmal ohne rügende Unterbrechung der Veranstaltung – „zur Meldung an den Pionierleiter dieee Auuugen links!“ – also jetzt alle nicht mehr auf die agierenden Personen, sondern auf die interessante Mauer gucken. Der Freundschaftsratsvorsitzende meldet dann an den Pil-ei und dieser an den Schuldirektor mit dessen huldvoller Entgegennahme „Herr Soundso, ich melde, die Pioniere und Schüler der Schule 17 sind (mehr oder weniger vollzählig) mit 364 von 372 Schülern zum Fahnenappell angetreten“ (die Zahlen sind hier nur beispielhaft genannt). Wem und wofür diese mündlich aufwendige Schülerzählung und Weitermeldung etwas nutzt, bleibt im Dunkeln der sozialistischen Schulgeschichte, denn die richtigen Zahlen stehen von der täglichen Anwesenheitskontrolle ja in jedem der Klassenbücher. Nach dieser Meldung und vor dem Hissen (Hochziehen) der Pionier- und der FDJ-Fahne an ihrem Mast, kommt das Kommando: „Dieee Auuugen gerade-aus!“ Also auf die Fahne geheftet und dann, nach der befehlenden Aufforderung: „Heißt Flagge“ wird die Fahne am Mast geheißt, oder auch gehisst, also hochgezogen, begleitet von einem anhaltenden Trommelwirbel. Hiernach ertönt das Kommando: „Rührt euch!“ Einige Pioniere rühren ganz erheblich, schütteln betont alle möglichen Glieder zur lockernden Entspannung aus. Dann folgen das Aufsagen / Anhören von Partei-Sprüchen, die Rezitation eines Gedichts, Absingen eines Liedes, zum Beispiel: „Von all’ unsern Kameraden war keiner so lieb und so gut, wie unser kleiner Trompeter, ein lustiges Rotgardistenblut...“. usw. Darauf folgen Belobigungen und / oder Rügen wie auch andere wichtige Mitteilungen des Lehrkörpers. – Alles wohl so etwa nach sowjetischem Vorbild oder besser noch – noch etwas besser, ähnlich also, wie es bei Bestschülern üblich ist.
Also, ich hätte ja auch zusammenfassen und kürzer schreiben können: „Fröhlich sein und singen".
Dieses Appell-Verfahren hält man im Allgemeinen nach den Großen Ferien bis zum ersten Regen durch, in dem es aufgeweicht wird und es schläft dann ein, bis es „von außen“ wieder erweckt wird. Meist zu hohen Staatsfeiertagen. Ich habe nicht bemerken können, ob und welche Dissonanzen es sehr vielleicht, halboffen oder versteckt innerhalb der Glieder des Lehrkörpers gegenüber diesem Ritual gegeben haben mag.
Eine kurze Zeit wird uns auch vorgegeben zur tieferen Entspannung in den Großen Hof-Pausen zwischen den Unterrichtsstunden, bei gleichzeitiger Erhöhung der Disziplin, das im „Gänsemarsch-Gehen“ im Kreise zu üben – aber das schlief zum großem Glück aller, noch schneller ein. Es ist überflüssig zu erwähnen, dass es auf Gefängnishöfen durchgehalten wird. Deshalb steht es hier.
Unsere neueste schulische Errungenschaft: Ein Toilettenpalast.
Wir haben jetzt zwei kleinere Schulhöfe. Der vormals große Schulhof wird von jetzt an von einem herrlichen Lang-Neubau in seiner vollen Ausdehnung geteilt. Darin finden Platz: Die Toiletten, ein Speiseraum und ein Turnraum, ein Waschraum , ein Werkraum und mehrere „Nebengelasse“. Wir nennen das Gebäude gleich den „Toilettenpalast“. Ich weihe diesen auch mit einer Funktion ein – ich bin in den Pausen Milchgeld- und Essengeld-Kassierer. Eine gesellschaftlich nützliche und wichtige Aufgabe mit Bestellannahme, Kassierung, Kartenausgabe (als Quittung und Berechtigungsschein), Abschneiden dieser innerschulischen Lebensmittelmarken, in dem Moment, bevor diese „abgegessen“ werden. Man darf diese Mittagessen-Wochenkarte auf keinen Fall verlieren – außer wenn man gerade abnehmen möchte. Mit diesen Arbeiten sind meine Erholungspausen gefüllt. Wir erhalten je nach Wunsch-Bestellung täglich jeweils eine Viertel-Liter-Glasflache mit weißer Vollmilch, rosa Fruchtmilch, sogar Kakaomilch oder eine kürzere Zeit auch mit Vanille-Geschmack. Als Lohn für das aufwendige Kassieren bin ich dann ein „Freiesser“.
Es gab immer mal was „zeitweilig" – so wie zum Beispiel den Vanille-Geschmack. Auch außerhalb der Schulspeisung. So die begehrte Margarinesorte „Mohrle“, die man auch gut ohne Brot essen konnte. Sie verschwand bald wieder vom Ladentisch, denn für die Beschaffung der ausländischen Rohstoffe (Kakao) benötigte man „Valuta“ „Devisen“, eine harte Währung, die auf dem Weltmarkt etwas galt. Deshalb war diese luxuriöse Margarine für uns besser entbehrlich. Andere Margarinewürfel wie Sahna und Vita als Brotaufstrich – Sonja und Marina dagegen zum Kochen und Braten, gab es ständig. Problemlos.
Der Turnraum im neuen Toilettenpalast, ist wie eine kleine Halle, nur nicht so hoch und weniger lang, wie auch nicht zu breit, muss aber bald gesperrt werden, weil sich das zu frische Parkettholz dehnt und „aufwirft“, höhere Wellen und Täler bildet, weil es nicht weiß, wohin es in seinem Quell-Zustand soll. Die Zukunft weiß, dass er auch nicht repariert wird, um den Raum wieder nutzen zu können. Wir verwenden ihn als Raum, um die Unmengen der von uns im Herbst in der Stadt für die Tiere des Waldes gesammelten Eicheln und Kastanien zu lagern, die der Staatliche Forstwirtschaftsbetrieb als schmackhafte Winterzusatzkost irgendwann abholen soll und anbieten will. Diese müssen stets gewendet und damit belüftet werden, damit sie nicht zu sehr schimmeln. Erstaunlich ist es, wie viele Maden in den Eicheln wohnen. Von dieser Aktion hat das Holz und die Luft des Turnraumes einen „recht arteigenen“ Geruch angenommen, der für immer darinnen bleiben wird. Nun – was bedeutet für immer? So lange wird der nagelfrische Toilettenpalast ja nicht stehen bleiben – wir wissen jetzt noch nicht, dass es etwa 4 Jahrzehnte sein werden – etwa genauso lange, wie die DDR bestehen bleiben wird. Auch das wissen wir jetzt noch nicht.
Für mich mit meinen langen Extremitäten ist die Gerätearbeit (Bock und Barren, Pferd und Kasten sowie Reck) nicht so freudbetont und erfolgreich, als dass es bei mir den Begriff „Turnen“ wirklich verdient hätte. Um da aber nicht immer nur einmal in der Woche in der Leistungskontrolle zu schwitzen, sondern um ein bisschen freudvoller üben zu können, ohne Schuldruck „diesem Interesse“ nachgehen zu können, habe ich mich bei „Motor Babelsberg“, Betriebssport-Gemeinschaft des Karl-Marx-Werks (Motorsporthalle), also der Lokomotivbaufabrik, im Konsumhof 5 (Straßenschild), eingeschrieben. Richtig mit braunem Klappausweis und Foto, wie auch kleinem Mitgliedsbeitrag. Das macht dort mehr Spaß – aber sehr „relativ“ bleiben meine Geräteturn-Künste trotzdem. Bei der Rolle auf dem Barren, mit Hilfestellung denkbar, wusste ich in dieser Sekunde nie, wo oben oder unten ist oder ob ich mit „meinem breiten Kreuz“ bereits zwischen den Holmen, am Durchfallen war.
1957 – Roter Oktober – der erste Start ins Weltall
Tante Helene Runge, die Mutter von Onkel Hellmut, musste ja leider schon vor längerer Zeit in das Pflegeheim. Ich besuche sie dort von Zeit zu Zeit. Es ist das erste Haus der Holzmarktstraße auf dieser Straßenseite. Seit dem Kriegsende beginnt die Straße auf dieser Seite mit der Haus-Nr. 5. –
Das Zimmer in dem Tante Helene wohnt, liegt im Hochparterre gleich neben dem Eingang.
Ich erzähle ihr von dem ersten künstlichem Weltraumflugkörper der modernen Menschheit, „Sputnik 1“, der seit dem 4. Oktober die Erde umkreist und bringe ihr auch ein Bild aus der Zeitung mit. Sie kann es kaum glauben, dass es so einen „Spudding“ gibt, wie sie es leichter auszusprechen vermag. Ach, so 'was aber auch, wie ein ganz kleiner selbst gemachter Mond?
Der Satellit, der in einer Rakete steckend von Baikonur aus gestartet wurde, ist eine auf Hochglanz polierte Kugel aus 2 mm dickem Aluminium-Blech, 84 kg schwer, bei einem Durchmesser von etwa 58 cm. Diese Kugel trägt vier Antennen mit Längen von 2,4 bis 2,9 Metern. Ihr Inhalt besteht aus Stickstoff, Funksendern die einen Piepton abgeben, Batterien und vielleicht weiteren gewichtigen Bauteilen, die ja nicht gleich bekannt gegeben werden müssen. Die maximale Geschwindigkeit des Begleiters der Erde beträgt 29.000 km je Stunde. Für eine Erdumrundung benötigt der Satellit etwa 96 Minuten, wenn ihm nichts in den Weg kommt.
Die Sowjetunion hat also den Wettlauf, wer das Weltall als erster erreichen und dort einen künstlichen Erdtrabanten aussetzen wird, gegen die USA mit mehr als einem Jahr Vorsprung gewonnen. Das scheint „im Kalten Krieg“ unheimlich wichtig zu sein. Ein Schock für die Weltraumexperten der USA. –
Vom Pflegeheim der Tante Helene sind es nur wenige Schritte bis zum Straßenbahndepot. Ein schöner Anblick, wenn morgens dort die Straßenbahnen nebeneinander aufgereiht zur Ausfahrt bereitstehen. Ich mache dort also ab und zu auch Kombinationsbesuche.
Meine Tante Käte bekommt zu ihrem Geburtstag ganz neues Geld –
verschiedene Leute sind darüber wie vom Blitz getroffen.
Heute sind wir am Nachmittag bei Tante Käte. An diesem Tag wurde sie geboren. Allerdings 1897. Es ist also ein schöner runder Geburtstag, etwa so, wie die Torte sein wird. – Ich kenne ihre Mamá nur vom Bild – das ist schon lange her. Auf jenem Foto sieht sie überhaupt nicht wie (m)eine Großmutter aus, denn sie war zu jener Zeit der Bildentstehung 28 Jahre jung.
Außerdem findet heute, am 13. Oktober 1957 die „Aktion Blitz“ unserer Regierung statt. Das gute Papiergeld aus dem Jahre 1948 wurde zu alt. Es wird schlagartig ungültig. Es ist umzutauschen in ganz neues unzerknittertes Geld. Das wurde gestern angekündigt und heute zwischen 12.00 und 22.00 Uhr darf man umtauschen. Man muss nicht. Möglich ist das bis zu einem Barvermögen von 300,-- DM (Deutsche Mark der DDR). Och, Reichtum! Wer hat noch mehr mehr? Besitzt jemand mehr, so kann er sich melden und diesen Altbarbestand heute auf sein Konto einzahlen, um von den „Staatsorganen“ prüfen zu lassen, aus welcher – doch hoffentlich rechtmäßigen – Quelle es stammen könnte. Viele ärmere Leute finden binnen weniger Stunden viele Freunde, die ihnen vertrauensvoll für wenige Stunden ihre Sparstrumpf-Inhalte anbieten, zum Umtausch mitgeben, ja geradezu aufdrängen wollen. Das ist verständlich. Zu arge Höhenunterschiede der Barschaft könnte man ein wenig nivellieren. Insgesamt werden aber größere Verluste in der Bevölkerung vermutet und von der Regierung gern hingenommen. Die neuen Scheine sind schon älter. Sie tragen als Druck- bzw. Ausgabezeitraum die Jahreszahl 1955. Aha, da hat sich bei langer Vorbereitung die Ausgabe ein wenig verzögert.
Verschiedenes aus diesem Jahr
Kultur im Heim.
Unser Kinderzimmer hat eine kalte Außenwand zum Treppenhaus. Deshalb ist sie von innen, hinter der Tapete, mit einer Korktafelschicht versehen, damit die Wärme besser im Raum gehalten wird. Das ist praktisch für unsere innerfamiliäre „Wandzeitungsgestaltung“. Es hängen dort über unseren Betten Schauspielerbilder, die meine Schwester aus West-Illustrierten ergattern konnte. Darunter auch die italienische Schauspielerin Gina Lollobridgida, die am 4. Juli zwar schon 30 Jahre alt wurde – aber immerhin. Sie spielte auch in „Die Schönen der Nacht“ und „Der Glöckner von Notre Dame“ wichtige Rollen. Nein, nicht den Glöckner Quasimodo. Auch Conny Froboess und Peter Kraus hängen dort an unserer Wand. Sie in roter Bluse, er mit blauem Hemd. Rücken an Rücken. Die Bilder sind untergebracht auf unterschiedlichen geometrischen Flächen, deren Begrenzungen mit Rohrkolbenstängeln realisiert wurden. Natürlich sind auch die Kolben (genannt: Bumskeulen oder Schmackeduzien) noch dran. Wir haben sie mit „Fixativ“ behandelt, weil sie sonst „ausflocken“, was sehr staubend wäre.
Wir halten uns auch mal im Palast auf.
Die Firma der Eltern verkauft neben den Karten für die Theater auch Karten für das Varieté, für den Friedrichstadtpalast in Berlin. Und nicht nur die Karten, sondern auch die bebilderten Programme. Die duften schon nach besonderen Druckfarben auf dem neuen Hochglanzpapier. Manchmal. Und eine Artistin, ach sieht die süß aus. Schon auf dem Foto und dann begab es sich gerade zu dieser Zeit, dass wir eine Vorstellung in der sie auftrat, besuchen durften. Ich war hin und weg – so ein besonders „kameradschaftlich wirkenderTyp“ – und turnen konnte sie ...! In der gleichen Veranstaltung hatte später Nicole Felix aus Paris „Ciao, ciao Bambina“ dargeboten – aber davon bekam ich dann nicht mehr ganz so viel mit.
Junge Schar
Von diesen Jahr an besuche ich an jedem zweiten Sonnabend die evangelische Jungschar im Hofgebäude der Karl-Liebknecht-Straße 23, oder wie Mutti immer noch sagt: In der Priester-18 – das ist exakt das gleiche Haus. Die Zusammenkünfte sind recht inhaltsreich und schön. Wir singen Lieder und hören Geschichten. Es treffen sich bis zu 200 Jungen im Saal. Erst später werde ich wissen, dass dieses Grundstück seit etwa 1761 im Besitz unserer Verwandtschaft war, bevor es als Verkaufsobjekt an die Kirche überging.
Sowjetische Sprache?
Kleine Unstimmigkeit in der Schule: Siegbert erwähnt im Deutschunterricht beiläufig in einer sonst richtigen Antwort einen völlig falschen Begriff: die „Russen“. Sofort wird er etwas geschärft zurechtgewiesen. Künftig wird er sich des Wortes: die „Sowjetmenschen“ bedienen. Im Russischunterricht erwähnt ein Schüler vorsichtshalber, dass wir die sowjetische Sprache erlernen. Da kann der Lehrer nur verständnislos mit dem Kopf schütteln: Sowjetische Sprache ist blanker Unsinn. So etwas gibt es nicht. Wir lernen Russisch! – Das Leben stellt hohe Anforderungen an uns.
Filmwerke
Von der Schule aus, also zum Schulunterricht gehörend, sahen wir irgendwann die Filmwerke
Ein wahrer Mensch, ein sowjetischer Film über den Großen Vaterländischen Krieg. Der junge Leutnant Alexej Maresjewo, wird mit seinem Flugzeug von Deutschen abgeschossen, verliert beide Beine und robbt schwerverletzt knapp 3 Wochen in Eiseskälte durch den sibirischen Schnee. Er kann geheilt werden und steigt als Invalide wieder ins Flugzeug, um die Heimat weiter zu verteidigen.
Ernst Thälmann – Sohn seiner Klasse und Film 2: Ernst Thälmann – Führer seiner Klasse.
„Lohn der Angst“ und „Gejagt bis zum Morgen“ sowie „Fünf Patronenhülsen“.
„Schmalz“
Wenn der Haarwirbel nicht liegen will oder eine Enten-Frisur gestaltet werden soll oder eine nach vorn gedrückte „Tolle“, so wie bei Bill Haley, gab es früher „Brillantine“, eine „Pomade“ (na ihh}. Heutzutage heißt unser Erzeugnis „Glätt“, die grün bedruckte Tube für normales Haar, die braune Variante für fettiges Haar. Auch gibt es „Fixativ“ für den gleichen Zweck aber nicht fettend. So etwas benutzen gern Verkäuferinnen für Fleisch- und Backwaren, die sich mit Haarnetz nicht chic oder schick genug finden, als Ausrede und als „flüssiges Haarnetz“.
Dezemberfreude
Zu Weihnachten bekommen wir von den Eltern einen Dia-Projektor, auch gern genannt „Bildwerfer“, namens „Laterna Magica“ von der Fa. Karl Pouva aus Freital bei Dresden und einige ganz bezaubernd gezeichnete Märchenfilme von „ASCOP“. Filme sind in diesem Falle Dias auf Filmmaterial. Stehende Einzelbilder, eben wie im Bilderbuch aber leuchtend und groß an der Wand zu sehen. Das ist 'was! So prächtig hätte ich das mit meinem Heimkino ja nie hinbekommen. Dagegen verblassen natürlich meine ersten schlichten Zeichnungen – und ohne dass ich darüber etwa eifersüchtig werde oder mich in Trauer kehre, schließe ich die Bearbeitung meiner Sommer-Idee, meinen kleinen Bruder mit einem selbstgestalteten Heimkino zu erfreuen, einfach ab. Baue es ab, zerlege es. Es ist eben einfach alles schön und gut – so wie es nun ist.
1958
– Im Dezember hatte ich das 12. Lebensjahr vollender, bin
nun im 13. Lebensjahr.
Mein 6. und 7.
Schulhalbjahr
Januar – Hartung – Jänner
Es ist sehr kalt. Es liegt viel Schnee. Und unsere Volkswirtschaft kann es nicht anders, als eine Pause bei der Versorgung mit dem schwarzen Gold einzulegen, denn die Braunkohlen-Tagebaue bei Cottbus und Leipzig sind auch eingefroren.
Von Hartwig habe ich ein paar Schlittschuhe geerbt, die ich jetzt probeweise unter meine Skistiefel schnalle. Vorne mit Lederriemen zu befestigen, hinten mit Zwinge und scharfen Klemmbacken, die sich seitlich in die Stiefelabsätze einkrallen, wenn sie mit der Kurbel festgezogen werden. Er hatte mich gewarnt – es seien die alten „Hackenabreißer“ und noch ohne Hohlschliff. Na ja, ein paar Mal habe ich das wacklige Laufen an der Horstbrücke auf den überschwemmten Nuthewiesen geübt, dort wo später das Neubaugebiet „Schlaatz“ entstehen wird. Davon aber ahnen wir noch nichts. –
In der Winterzeit wird die schwarze, wärmespendende Kohle knapp. Zuhause haben wir die hoch veredelten Briketts namens „Record“, in der Schule unter dem Schnee die Haufen aus Klumpen gefrorener Rohbraunkohle. Bei der Anlieferung im Sommer waren es Riesenhaufen, die einen Teil des Schulhofes einnahmen und nun ist es nur noch ein Häufchen, mit Regenwasser vollgesaugt oder vollgesogen aber nun gefroren, ein Rest, der täglich „weiter schmilzt“. Dass der Hausmeister diese „Blumenerde“ überhaupt noch zum Anbrennen bekommt – darf als achtes Weltwunder gelten. Aber so geht es eben nicht weiter. Der Schulunterricht fällt aus und wir holen uns an jedem der Tage nur noch die Hausaufgaben von der Schule und geben unsere schriftlichen Selbststudienergebnisse des Vortages ab. Auch nicht schlecht. Es grämt uns nicht wirklich.
Bulldoggen
Nicht weit von unserer Wohnung entfernt, in der Siemensstraße 4, hat Herr Fritz Jahn, der in Nr. 1 wohnt, sein immer noch privates Fuhrunternehmen. Er betreibt es mit Vorkriegs-Traktoren der Firma Lanz-Bulldog und mehreren Anhängern. Morgens dauert es bei der Kälte länger als gewöhnlich, wenn er die Diesel-Motoren von außen mit den feurig fauchenden Lötlampen eine Weile vorheizt bis das ebenfalls vorgewärmte Dieselöl zündwillig auf die Glühkopfkerzen reagiert, wenn die Kurbelwelle und die Kolben mit der Handkurbel in erste Bewegungen versetzt werden, die Ungetüme dann losbullern und bereit sind, die Anhänger hinter sich herzuziehen.
Generatoren und anderes
Brennstoffprobleme gibt es auch mit manchem Lkw. Vor unserem Haus steht gerade einer mit „Panne“. Der Besitzer hatte sich von der knappen Benzin-Versorgung störfrei machen wollen und hat auf der Ladefläche den Holzgaserzeuger installiert. Irgendwie ging aber auch ihm sein Brennstoff-Vorrat und der Ofen aus. Dagegen hilft überhaupt kein Jammern. Nun muss er Anwohner erstmal um Holz bitten und vielleicht eine Runde hacken, bis seine Anlage wieder in Schwung kommt.
Wir selber heizen ziemlich gleichmäßig auf „Sparflamme“ und kommen so gut durch den Winter.
Ganz neue Richtung
Alle Schüler sollen ein neues Antlitz bekommen
Im Februar ordnet die Regierung an: „Wir stehen am Beginn der Entwicklung von der bisherigen demokratischen Schule, zu der künftigen sozialistischen Schule. Das bedeutet: auch der Schüler will künftig nunmehr das tun, was er tun soll“. Aha.
Da liegt Musike drin!
Hurra! Wir haben wieder einen Musiklehrer. Ein junger, mit dunklem gewellten Haar. Er kam jetzt gradwegs aus Thüringen hierher gezogen, mit Gitarre und folkloristisch geblümt besticktem Umhängeband für das Instrument. In diesem Jahr haben wir den Musikunterricht oben in dem Raum im Dachgeschoss, zu dem die eiserne „Feuer-Treppe“ führt. Wir finden schnell miteinander einen guten Kontakt. Unser neuer sehr freundlicher Lehrer textet und komponiert selber. Er singt uns seine neuen Lieder vor und begleitet dabei seinen Gesang mit seiner Gitarre. Nach ein-, zweimal Zuhören versuchen wir es, seine Lieder mitzusingen. Hier eine „Kostprobe“:
„Kennt ihr Tante Emma mit dem blanken Klemmer? Wenn die in die Tasten haut, alle Welt verwundert schaut. Singt der Sänger tief und schwer, summt sie leise hinterher. Ja, das klingt, und ein Jeder gerne singt: Tante Emma, du Seele vom Abend, dich zu sehen das ist so erlabend. Dich zu hören, dass ist ein Genuss. Ach, Tante Emma, du kriegst einen Kuss.“
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(so oder sehr ähnlich war der Text).
Wir hören und singen aber auch das Lied bei ihm:
„Ein Rollmops namens Bubi schneuzt, vor Heimweh nach der See. Per Pitty* rast er los und kreuzt die Hauptstadt an der Spree. Am Alex, Alex, Alex, ja da ist Kreisverkehr und weil er das nicht weiß, so fährt der Arme statt zum Meer, seit Wochen schon im Kreis.“
* ein Motorroller aus Ludwigsfelde Text und Musik: Richard Hambach
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Ich gestehe es: Der Name dieses freundlichen Musiklehrers ist meinem Gedächtnis entfallen. Das gilt schon als etwas ungewöhnlich, doch ich finde eine leichte Erklärung für diesen schwerwiegenden Umstand: Er weilte leider nur sehr kurze Zeit bei uns und ging dann auch – fuhr also erst mal mit der Bahn ein Stückchen in Richtung Nordosten nach Berlin, also in den Westen. Ich glaube mit großer Sicherheit sagen zu dürfen, dass viele Lehrer und auch Vertreter anderer Berufszweige, völlig egal welcher politischen Partei, hier eine Anstellung aufnahmen, nur um eine aktuelle Wohnanschrift der Berliner Umgebung in den Personalausweis zu bekommen. Es ist so, dass man als Potsdamer nach Ost-Berlin zwangsläufig durch West-Berlin fahren muss. (Das wird sich erst in ein paar Jahren ändern). Für jemanden, der in seinem Ausweis beispielsweise aber Rostock oder Erfurt als Wohn-Anschrift stehen hat, ist dies bei der Ausweiskontrolle im Zug an der Zonen-Grenze bereits recht verdächtig und hätte zur zwangsweisen Fahrtunterbrechung mit der „Klärung eines Sachverhaltes“ führen können. Ja, hätte unser Musiker länger hier verweilt, hätte ich seinen Namen nicht vergessen und mehr Lieder von ihm präsentiert. So aber ... Vielleicht lesen ja seine Kinder oder Enkel meinen Bericht und möchten diesen ergänzen? – Wer weiß.
1958 – unsere Klasse macht klasse Akustik-Kino
Im März sind wir bei der DEFA die großen Akteure. Dazu wurde unsere Schulklasse von den Filmleuten ausgewählt. Gedreht wird der Film „Der Lotterieschwede“. Das wird ein Filmwerk der Erich-Albrecht-Produktion. Die Regie führt Joachim Kunert, die Kamera hält Otto Merz und für die Bauten trägt Gerhard Helwig die Verantwortung. Gedreht wird der Film in einem Steinbruch, am Strand von Kap Arkona auf Rügen, in der Stadt (Krämerladen und Gaststätte) und natürlich in den Studios – im Babelsberger „Tonkreuz“ in dem wir jetzt gerade stehen. Geplant sind 60 Drehtage (30 für Innen-, 30 für Außenaufnahmen), zwischen dem 29. Januar und dem 30. April 1958. Also für uns aber nur ein Tag so am Rande des Geschehens. Zu den Schauspieler-Stars, also zu gut deutsch: den Sternen am Filmhimmel, gehören Erwin Geschonneck, Sonja Suttner und Günter Simon aber auch viele andere ... auch Kinder und Tiere als Kleindarsteller. Ich weiß das so genau, weil mein Vater die Entwürfe der Drehpläne zu den Filmen sauber schreibt und vervielfältigend lichtpaust. Er schreibt also nicht die Drehbücher, sondern die Pläne, die Anweisungen ab, was, wo und mit wem an jedem der Tage gefilmt wird.
Die DEFA suchte für den Film einen Chor jugendlicher Bergleute, der das Lied „Glück auf, Glück auf, der Steiger kommt“ singen kann. Wieso man bei der Suche ausgerechnet auf unsere Schule, auf unsere Klasse kam? Egal – ich könnte mir vieles denken aber eine wirklich zutreffende Antwort hierauf weiß ich nicht. Wichtig ist, dass die DEFA -Leute den Reiseaufwand für einen echten erzgebirgischen Bergmann-Chor in richtiger Bergmanns-Festkleidung scheute und sparte. Sonst hätten sie nach Freiberg, Herzogenrath, Zwickau, Sonneberg oder sonst wohin fahren müssen.
Die Sache mit unserer fehlenden Bergmanns-Festkleidung war für den Film auch nicht schlimm, war kein Problem, denn wir Menschen wurden ja nicht gefilmt, sondern nur unsere Stimmen. Wurde auch sonst im Musikunterricht leider viel Unsinn gemacht, das Fach nicht so ernst genommen, hier konnten wir es plötzlich hinreichend – das Einstudieren nach dem Gehör. Noten hätten wir nur verständnislos angeschaut, denn wegen des häufigen Lehrerwechsels (Republikflucht und andere Gründe) wurden uns keine Noten gelehrt. Lediglich Jörg-Peter wurde bei den Übungen von der Regie als Brummer ausgesondert. Einen echten Bass hätten sie noch gerne akzeptiertn der war er aber nicht. Es lief ansonsten ganz gut. Herr Donath, unser Lehrer, hat uns begleitet, umsichtig geleitet. Wir haben für diesen Tag schulfrei bekommen. Aber wir hatten nicht viel davon, denn mit dem Üben und den wiederholten Aufnahmen war der Schultag mehr als verbraucht. Immerhin haben wir einen Beitrag für unsere Klassenkasse bekommen. Die DEFA war da nicht zimperlich und auch nicht so geizig wie bei den echten Bergleuten. Nur – habe ich diesen Film mit unseren schönen Stimmen niemals gesehen. Vielleicht sollte ich mal ins Archiv. Für diesem Film, der nach der Novelle von Martin Andersen Nexö im Jahre 1880 spielt, hat man als Ort – als Land der Handlung, wohl Schweden ausgewählt. Es geht darum: Ein Steinbrucharbeiter hat mit seiner Familie ein sehr hartes, karges, ein armes Leben. Man kann nicht davon reden, dass es arm+selig gewesen sei. Von seinem Lohn erwirbt er jedesmal nebenbei ein Lotterie-Los, um das Leben mit dessen möglichem Glück etwas zu verbessern. Er hofft stets erneut auf einen Gewinn, der aber nicht eintrifft. Wir hätten ihm mehr „Glück auf“ gewünscht. Vor Kummer gibt er auch noch Geld in der Kneipe aus, um diesen Gram zu ersäufen. Und er setzt dann auch auf das Würfelspiel, doch er verliert wiederum, bis sein Geld völlig alle ist. So gibt er dabei als Pfand sein letztes Los her – das Letzte was er besaß – und einige Tage später gewinnt dieses Los eine große Summe Geldes – aber das Los gehörte ja nicht mehr ihm. Er sieht keinen Ausweg mehr und nimmt sich das Leben. Seiner Familie hilft das allerdings überhaupt nicht. Erst sein Sohn wird erkennen, dass das Glücksspiel keine Lösung für und gegen die täglichen Probleme ist ..., dass nur die Arbeiterklasse gemeinsam einen erfolgreichen Kampf gegen Ausbeutung und Unterdrückung, gegen menschenunwürdige Arbeits- und Lebensbedingungen führen kann. – Ja und wir also in diesem problembeladenen Stück mit dem Bergmannslied irgendwo dazwischen.
Glück auf! Glück auf!
1. Glück auf! Glück auf! Der Steiger kommt! II: Und er hat sein helles Licht bei der Nacht. :II II: Hat's angezünd't.:II
2. Hat's angezünd't. Das gibt ein' Schein. II: Und damit so fahren wir bei der Nacht :II II: in's Bergwerk 'nein. :II
3. Die Bergleut' sein, so hübsch und fein. II: Sie graben das feinste Gold bei der Nacht :II II: aus Fels'gestein. :II
4. Einer gräbt Silber, der andere das Gold II: und den schwarzbraunen Mägdelein – bei der Nacht :II II: den sein sie hold. :II
5. Ade, nun ade, Herzliebste mein! II: Und da drunten im tiefen Schacht bei der Nacht :II II: da denk' ich dein. :II
6. Und kehr ich heim zum Liebchen mein, II: dann erschallt der Bergmannsgruß bei der Nacht :II II: Glück auf, Glück auf. :II
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Ansonsten sehen wir in diesem Jahr den Kino-Farbfilm „Unternehmen Xarifa“, eine spannende Meeres-Tauchexpedition von und mit Hans und Marianne Hass. Sie sind aber sehr freundlich.
Nicht vergessen werden darf der schöne Film „Das Wirtshaus im Spessart“ nach der Geschichte von Wilhelm Hauff. In der Oberhauptrolle: Schon wieder Liselotte Pulver aus den Schweizer Bergen.
Wir begehen 1958 einen runden Geburtstag
Der Flatow-Turm im Park Babelsberg wird 100 Jahre alt!
Der Flatow-Turm im Babelsberger Park ist ruinös, obwohl er für ein Haus noch nicht so sehr alt ist. Die eigentliche Tür ist zugemauert. Im Turm war ich heute mit Hartwig drin, weil die Abenteuerlust, also schon Größerer vor uns, dort zu sehr und erfolgreich löchernd an die zugemauerte Tür geklopft hatte. Wir haben im Interesse der äußeren Sicherheit dafür die Zeit der Dämmerung abgewartet. Das war etwas unheimlich, da die steinerne Wendeltreppe im Innern wegen des auf den Stufen liegenden Bauschutts eigentlich fast schon eine „spiralige geneigte Ebene“ darstellt und es stets an den offenen Fenstern vorbei geht, durch die der Wind pfeift. Wir besichtigen alles, was es da an Verwahrlosung und Zerstörung zu sehen gibt. Einzig, der Ausblick würde sich lohnen ... wenn es hell genug gewesen wäre. War es aber nicht. Wohlbehalten kommen wir später am Ende dieses windigen Kriminalstücks wieder unten an. Zu unserem Glück hat in der Zwischenzeit unten niemand den engen Zugang erneut zugemauert, sonst hätte ich diesen Bericht nicht mehr schreiben können. Mit kalten Händen, eingestaubt, mit neuen Eindrücken vom Heimatkunde-Unterricht der praktischen Art, geht es nach Hause. Als der Turm ganz neu, noch unfertig war, hat darin unser Vorfahre August Gericke als junger Zimmermann gearbeitet und seinen schrecklichen Absturz-Unfall erlitten, ja, der Großvater von dem Gericke, in dessen Tischlerei ich den kleinen Bilderrahmen bastelte. Seinen Namen hat der Flatow-Turm nur daher, weil die hellgelben Steine von den Prinzengütern Flatow und Krojanke stammten, die heute in der Volksrepublik Polen liegen.
Ich erwähne das nur, weil ein Mitschüler von mir immer „Flatterturm“ sagt und gar nicht weiß, warum er es so sagt – und die wahre Bedeutung nicht kennt. Spätestens hier wird er aufgeklärt.
Die armen Pferde, die die überschweren steinbeladenen Wagen von Flatow bis hierher ziehen mussten – als wenn es hier bei uns nicht auch genügend Ton- und Lehmgruben gäbe ... aber die Regierenden werden sich schon irgendetwas dabei gedacht haben, sagt man immer wieder. ...
Oder aber kam vielleicht nur das Geld für den Bau von dort?
Die dem Turm benachbarte Gerichtslaube: Gern möchte ich ins Obergeschoss, aber die eiserne Wendeltreppe ist ja vorsichtshalber abmontiert und der „olle Kaak“ über dem Prangerpfeiler grinst bloß blöd über diesen meinen Herzenswunsch. Später träume ich davon – ungeachtet der schwierigen Wasser- und Energieversorgungsprobleme, – dort droben zu wohnen. Romantik pur.
Näheres unter anderen auch zu den Bauten: Flatow-Turm und Gerichtslaube mit vielen Bildern auf der gleichen Internetseite in der Rubrik „Ortsgeschichte“ => „Park Babelsberg“. Oder hier: |
Ein fröhlicher Nachsatz: Beide Gebäude – Turm und Laube werden nach der „Politischen Wende 1989“ wieder sehr fein herausgeputzt, grundlegend saniert, sehen wie neu aus! ... und bei weitem nicht nur diese Bauten. Ein Besuch kann sich sehr lohnen!
1. Mai, Kampf- und Feiertag aller Werktätigen
Zum Festtag sind Ideen gefragt. Einige Schüler fertigen eine Wandzeitung, andere schmücken die Fenster des Klassenraumes. Harald und ich, wir geben die Verpflichtung ab, ein prächtiges Demonstrations-Transparent mit Sinnspruch anzufertigen und dieses bei der machtvollen Demonstration zu tragen. Wir reichen diesen Vorschlag als Ehrenaufgabe ein, den wir auch mit Bestätigung gleich rück-übertragen bekommen. Fahnen und Transparente trägt ja, weil unhandlich, eigentlich niemand sehr gerne kilometerweit, da sie zwangsläufig die Eigenheit aufweisen, einen zügigen Heimweg ebenfalls zu erschweren. Eine zweckmäßige angemessene Gestaltung lag nun aber in unseren zuverlässigen Händen. Wir sind unseres Glückes eigene Schmiede. Gelungene eigene Schöpfungen trägt man doch sowieso eher gerne mal zur Schau.
Zuerst beschaffte ich geeignete Holzlatten von Herrn Paulus Fischer und seiner Frau Christa, Fa. Leisten-Fischer, für ein nicht allzu großes Transparent. Dorthin gehe ich nicht häufig aber sehr gerne einkaufen. Das Ganze wird ein flächiges Gestell mit zwei senkrechten Handhaltestangen. Diese sind mit Flügelschrauben so gestaltet, dass man das Ganze nach Gebrauch des Transplakates sehr transportfreundlich zusammenklappen oder zerlegen kann, die Flächenausdehnung dann also „nicht ausufernd, sondern sozial verträglich“ ist. Das langgestreckte Lattenrechteck wurde mit Zeichenkarton bezogen, auf dem ein unkonventionell fröhlicher Gruß-Spruch aus eigener Handarbeit Platz fand.
Der Haupt-Clou unseres Gerätes besteht aber darin, dass wir den Holz-Rahmen des Spruchbandes mit vielen kleinen farbigen Lämpchen in Porzellanfassungen aus dem Erbgut meines mütterlichen Elektro-Techniker-Großvaters Max Sommer versehen, die unser Spruchwerk gleichsam leuchtend einrahmen. Die 4,5-Volt-Batterien mit Schalter befinden sich an den beiden Tragestangen.
Besonders heroische oder markige Sprüche werden ja vom Tribünensprecher beim Defilee an der Tribüne über Mikrofon und Lautsprecher abgelesen, quasi vom „Herold“ ausgerufen. Gewohnter Weise waren über die „Presse“, in den Zeitungen, vorher eine größere Anzahl liebsamer Losungen vorgegeben, die dann gebetsmühlenartig auf den Transparenten und über den Lautsprecher ständig wiederholt wurden – wir rangen und mühten uns dagegen vorher erfolgreich um eigene Worte für unser Spruchband. Unser Spruch war beim Vorlesen über den Lautsprecher dann nicht dabei. Vom Sprecher wird auch manch wichtiger Berufsstand und Betriebsname der vorbei schreitenden werktätigen Massen angesprochen, wie auch immer wieder die unverbrüchliche Freundschaft zur Sowjetunion besiegelt. Eine unzerbrechliche Freundschaft scheint mir derzeitig noch eingängiger und es drängte sich mir in abschweifender Weise der Gedanke an den fast unverbrüchlichen Kunststoff „Bakelit“ auf.–
„Wauuu, det hat ja 'n Würker jemacht“, hörten wir anschließend von Klassenkameraden als Anerkennung – das schönste Lob für uns. Es gab wohl keine zweite beleuchtete machtvolle Kampflosung an diesem Mai-Feiertag in Potsdam, wahrscheinlich auch in der gesamten Republik nur einmalig, denke ich. Während des Bauens war das Ganze im halbdunklen Keller wirklich wunderschön feierlich leuchtend. Leider aber fand die Haupt-Kampfdemonstration für Frieden und Sozialismus auch in diesem Jahr wieder am Tage statt. In den Augenblicken, an denen die Sonne schien, wird man von Weitem von der Gesamtpracht unserer Beleuchtung also nicht alles erkannt haben aber uns blieb das erhebende Gefühl wieder etwas Gutes für den weiteren Aufbau der Republik, zumindest aber für „deren Ansehen“ vollbracht zu haben. Die Mühe hatte indessen eine kurze Lebensdauer. Den Vergleich mit einer Eintagsfliege brauchen wir aber nicht zu scheuen. Das wieder zerlegte Material hat noch einigen weiteren guten Zwecken gedient.
Lebensmittelkarten adé – es tut nicht weh. Habt nur den Mut, uns geht es allen so sehr gut.
Ende des Monats Mai geht es der Bevölkerung so gut, dass die Lebensmittel-Rationierungskarten abgeschafft werden. Jetzt ist es so, dass für ausgewählte Lebensmittel das „Anschreiben“ in der Stammverkaufsstelle eingeführt wird. Die Verkäuferin muss also eine irrsinnig lange Namens-Liste aller ihrer Kunden führen und in dieser vermerken, was die einzelne Familie einkaufte und darauf achten, dass je Zeiteinheit nicht mehr als zulässig ge- und verkauft wurde. Jeder Einkauf dauert und dauert ... Der Einkaufende erhält den Artikel aber auch nur in seiner Stamm-Verkaufsstelle – eben dort, wo sein Name in der Liste steht, eingetragen unter Vorlage des Personalausweises.
Zu den Mangel-Lebensmitteln gehören: Zucker, Butter, Milch, Fisch und Fleisch und ...
Schwimmende Probleme
Ein, zwei Tage nach unserer Prüfung des Fahrten-Schwimmens ist nun auch unser Sportlehrer in den Westen gefahren und lieber nicht zurück gekehrt. Diesen Umstand hatte ich an anderer Stelle, im Jahre 1955, als einen Zeitvorgriff, bereits kurz erwähnt.
Vorher waren die Doppelzeugnisblätter (DIN A 4, Querformat, links das Freischwimmer-Zeugnis, rechts der noch freie Vordruck für den Fahrtenschwimmer-Eintrag) eingesammelt worden.
Unsere Zeugnisse finden sich nach der Flucht unseres Sportlehrers aber nicht in der Schule. Es mögen für zwei Klassen etwa 50 bis 60 Dokumente sein. Ein kleiner eigentlich auffallender Stapel. Vielleicht warten sie im verlassenen Zuhause des Herrn Freydank? Die Staatssicherheit und die Volkspolizei (also unsere Freunde und Helfer) prüfen auch diese Wohnung gründlich und veranlassen die Auflösung des Wohninhalts. Aber es würde selbstverständlich nicht zu ihren Aufgaben gehören, Massen gültiger Zeugnisse an junge Schüler rückzuverteilen oder an deren Schulleitung zu geben. Andererseits sollte man dem flüchtigen Lehrer nicht die Vermutung anlasten, dass er auf seiner Wanderung mit kleiner Aktentasche etwa ein halbes Hundert Schülerzeugnisse durch die Grenzkontrolle in den Westen entführt, ja, geschmuggelt habe. Naheliegend wäre dagegen, dass Herr Freydank unsere Zeugnisse an den VEB Badeanstalten, in der Hegelallee (im „Werner-Alfred-Bad“) zum Eintragen der bestandenen Prüfung abgegeben hatte, so dass sie von dort nur noch von einem Lehrer oder anderem Beauftragten geholt werden brauchten.
So etwas wie meine komischen Gedanken gehören allerdings nicht zum aktuell politischen Interesse im Lehrkörper-Wirrwarr, im Zeitrahmen dieser offiziell verbrecherischen, für uns aber eher alltäglichen Republikflucht und deren „wissenschaftlicher Auswertung und Aufarbeitung“– es gibt jetzt wohl weitaus Wichtigeres zu bedenken.
So sind unsere Freischwimmer-Zeugnisse fort, gelten als für immer verloren und die neuen Fahrtenschwimmer-Zeugnisse haben wir ebenfalls nicht erhalten. Wir dürfen dieses Thema vergessen. Diese sehr eigenartige Verfahrensweise unserer unmittelbaren Oberen, unserer leuchtenden Vorbilder, bedrückt mich bald nicht mehr, ist diese doch nicht untypisch. Aber vergesslich bin ich eben auch nicht. Und dafür bin ich dankbar.
Es geht auf und ab in der Gefühlswelt:
Schon wieder: Drei herrliche Wochen des Aufenthalts in einem Kindererholungsheim.
Diesmal Schellerhau im Ost-Erzgebirge, 05. Juni bis 25. Juni 1958
Die maßgeblichen der Beschäftigten in der Kinder- und Jugendfürsorge in Potsdam-Babelsberg hatten bei der ärztlichen Untersuchung empfohlen, dass ich besser erneut in ein Kindererholungs-heim fahren solle. Alle Jahre wieder hatten sie so ein ähnliches Empfinden. Immer wieder gibt es an mir 'was auszusetzen. Ist das nicht toll? Der Zeitraum liegt innerhalb der Schulzeit vor den Großen Ferien. Deshalb bin ich auf dem Klassen-Foto vom Ende des Schuljahres wieder nicht zu sehen. Anschließend werde ich entweder „für die Schule“ oder für mein Leben etwas nachzuarbeiten haben – das aber wird so aufwendig nicht sein. Es sind ja dann die Kern-Aufgaben; nicht die gesamte lange Unterrichtszeit. Die Vorfreude auf die vorverlängerten Großen Ferien überwiegt schon deshalb natürlich. Es soll „wegen des verordneten milden Reizklimas“ in das östliche Erzgebirge gehen. Fein. Dort war ich bisher noch nie.
Wir sammeln uns zur gemeinsamen Abfahrt in Berlin. Wir, das sind einige Jungen, wohl aus den Bezirken Rostock, Schwerin und Potsdam. Mit dem Zug fahren wir vorerst nach Dresden = Dräsdn und etwas darüber hinaus. In Freital steigen wir mit vielen anderen Kindern, die im Raum Leipzig = Leipzsch zu Hause sind, in einen kleineren Zug, der uns nach Kipsdorf bringt. Es ist eine Kleinbahn mit einer Spurweite von 750 mm, wie man sie beispielsweise ebenso im Harz-Gebirge findet oder auch an der Ostsee zwischen Bad Doberan und Heiligendamm. Von hier an, also von Kipsdorf aus, brauchen wir nicht mehr auf unseren Koffer aufpassen, denn ein Pferdefuhrwerk mit zwei sehr treu aussehenden Braunen, schleppt diese Last bis zu unserem Ziel. Wir Kinder aber rollen von Kipsdorf aus die letzten sechs Kilometer mit dem Bus über die Landstraße nach Schellerhau. Bis vor die Haustür. Insgesamt wieder eine weite Reise.
Anmerkung. Den gesamten Beitrag über meine Erlebnisse in Schellerhau findet ihr auf der gleichen Internetseite unter: https://www.janecke.name/orte/schellerhau Dort gibt es auch mehr Bilder zu sehen. |
Jetzt aber sind Große Sommer-Schulferien des Jahres 1958. Acht Wochen lang.
Unsere Tage im „Haus am See“, am Beetzsee bei Brandenburg.
In den Großen Ferien bin ich von der Jungschar der evangelischen Kirche für einige Tage in Mötzow am Beetz-See bei Brandenburg zur „Jugendrüstzeit“.
Rüsten hat hier nichts mit militärischer Aufrüstung im bestehenden „Kalten Krieg“ zu tun. Wir rüsten uns, schaffen uns eine „Rüstung“ an, eine Stärkung aus Freude, Freundschaft und Gesundheit für das neue arbeitssame Schuljahr, gewinnen Klarheit für das Leben, wir kräftigen und erholen uns in den Ferien. Über einen Rentner dem es gesundheitlich gut geht, darf man sagen: Er ist rüstig. So etwa ist es auch bei uns. Nur dass wir zusätzlich viel jünger sind. Diese Zeit ganz ohne Verpflichtungen, ohne Appelle, ohne Gelöbnisse, ohne politische Wandzeitungsarbeit, „ohne alles“– aber mit viel gutem Inhalt. Es sind auch hier herrliche Tage.
Nach dem Wecken beginnt jeder Morgen mit einem Dauerlauf durch die taunassen Wiesen zur Badestelle. Dabei erfolgt immer auch gleich das Waschen im flachen Wasser am Ufer des Sees. Jeder trägt Seifenschälchen, Bürste, Lappen und Handtuch bei sich. Nach der Rückkehr zum Haus gibt es Frühstück. Das stärkt uns für die gemeinsame Zeit der Andacht und die anschließende individuelle Freizeit. Oft gibt es gemeinsame Unternehmungen in der nahen Umgebung.
Mittags müssen wir stets pünktlich wieder zurück im „Haus am See“ sein, wenn Herr Jagdhuhn pünktlich um 12.00 Uhr vor dem Haus mittels des geflochtenen Stricks (dem Quast) die Andachts- und Essens-Glocke läutet, die unter dem kleinen Glockendach hängt. Wir bringen dann immer einen gesunden Appetit mit. Jeder kann wohl verstehen, dass die Zubereitung des guten Essens viel Arbeit macht und nicht immer genau dann fertig sein kann, wenn die Uhr es verspricht und die Hand an der Glocke richtete sich eben nicht nach der Küche, sondern nach der Uhr.
Dann sitzen wir auf den Bänken und es wird das Lied gesungen, das von unserem Eintreffen kündet: „Wir haben II: Hunger :II, haben II: Hunger :II, haben Durst. Wo bleibt der II: Käse :II, bleibt der II: Käse :II bleibt die Wurst? Mir war der Text anfangs nicht so recht, weil es sich statt höflicher Bitte, so fordernd anhört und wir selbst ja auch von unserem Küchen- und Tischdienst wissen, dass alles viel Arbeit macht ... aber es ist hier eben so üblich, die Küche macht fröhlich mit – und ich gewöhnte mich daran.
Das „Auskellen“ des Eintopfes braucht dann seine Zeit für die große Jungenschar aber wir warten natürlich und nach dem gemeinsamen Tischgebet mit unserem Dank beginnt das Essen.
Es ist gut, nach fröhlich-lauterem Tun vor dem Essen ruhig zu werden, „sich zu sammeln“, einen Moment still zu sein, darüber nachzuspüren, dass vieles in unserem Leben nicht selbstverständlich gut sein muss – vieles aber gut ist, dass es Gründe gibt, dankbar zu sein – letztlich auch für diese reichhaltige Mahlzeit, die sehr viele Menschen auf der Erde nicht haben. Eine Mahlzeit, die wieder Fleißige für uns zusammenstellten, die nicht wie wir reine Freizeit haben.
Sehen schon einige von uns den Boden des Tellers, so ertönt aus Richtung des Essenskübels auch schon der übliche, laut-fragende Ruf: „Wer will noch 'mal, wer hat noch nicht?“ Natürlich war aber klar, dass jeder schon einmal hatte.
Einen größeren Zeitraum nimmt das gemeinsame Singen ein. Wir singen entweder aus dem Kopf – also aus dem Mund des Kopfes ja sowieso – oder aus der „Mundorgel“, dem Heftchen mit den Texten zum Teil kirchlichen Liedern. Wir singen aber auch andere Volkslieder oder ganz lustige Weisen, genauso, wie sonst in der Jungschar auch.
Wir betrachten hier beim Lesen aber unseren Mundorgel-Jahrgang, denn von der „Mundorgel" erscheinen im Laufe der Zeit viele Ausgaben mit teilweise stark wechselnder Zusammenstellung der Lieder.
Ganz typisch ist ja das heimatliche Spottlied über den Brandenburger Friseur Johann Friedrich Andreas Bollmann (1852 bis 1901). Friedrich = Fritz, ein fleißiger Mann, hatte 11 Kinder, sprach in einer Notlage aber öfter dem Alkohol zu, um seine Sorgen für Stunden zu dämpfen. Er wurde öfter verspottet und auch das folgende Lied über ihn verfasst. Allerdings ertrank er nicht wirklich im See, sondern starb mit nur 49 Jahren im Brandenburger Krankenhaus. Hier ist das Lied über ihn:
In Brandenburg uff'm Beetzsee, da steht 'n Angelkahn II: und darin sitzt Fritze Bollmann mit seinem Angelkram. :II
Fritze Bollmann wollte angeln, doch da fiel de Angel rin, II: Fritze Bollmann wollt' se langen, dabei fiel er selber rin. II
Fritze Bollmann schrie um Hilfe: „Liebe Leute rettet mir, II: denn ick bin doch Fritze Bollmann, aus der Altstadt der Barbier.“ :II
Nur die Angel ward gerettet, Fritze Bollmann der ersuff. II: Und seit dem jeht Fritze Bollmann uff'n Beetzsee nich mehr ruff. :II
Fritze Bollmann kam in'n Himmel: „Lieba Petrus lass mir durch, II: denn ick bin ja Fritze Bollmann, der Barbier aus Brandenburch“ :II
Und
der Petrus ließ sich rühren und der Petrus ließ ihn rin:
Fritze Bollmann der balbierte, Petrus schrie: „Oh Schreck, oh Graus, II: tust mir schändlich massakrieren, det hält ja keen Deibel aus.“ :II
„Uff de jroße Himmelsleita kannste wieda runter jeh'n, II: kratz' man unten feste weiter, ick lass mir 'nen Vollbart steh'n“. :II
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In einer der Nächte gab es in Mötzow ein heftiges Gewitter mit gewaltigem Sturm, der den Beetzsee aufwühlte. Auch am Morgen, als wir zum Waschen liefen, zeigte sich der See noch sehr schwarz, bewegt und die Wellen waren mit weißen Schaumkronen versehen. Weit vor uns auf dem See trieb kieloben ein Segelboot, das vom Sturm losgerissen und umgeschlagen worden war. Wir schon größeren Schwimmer konnten das Boot in gemeinsamer anstrengend-schwimmender Aktion umdrehen, obwohl es schwer und voll Wasser war, denn mit dem Mast nach unten, konnten wir es ja nicht ins Flachwasser ans Ufer bringen und bergen. Ein kleines Abenteuer, das uns viel, viel zu spät zum Frühstück kommen ließ, was wir mit umso größerem Appetit wieder ausglichen. Herr Jagdhuhn verständigte telefonisch die umliegenden Bootsstände von dem Fund, soweit diese über einen Telefon-Anschluss verfügten.
Bald schon konnte ein froher Eigentümer das Boot bei uns abholen und übergab uns eine Spende – einen Finder- und Bergungslohn für das Rüstzeitheim. Als die Sonne wieder strahlte sangen wir:
II: Jetzt fahr'n wir über'n See, über'n See, jetzt fahr'n wir übern :II See, II: mit einer hölzern Wurzel, Wurzel, Wurzel, Wurzel, mit einer hölzern Wurzel, ein Ruder war nicht :II dran.
II: Und als wir drüber war'n, drüber war'n und als wir drüber :II war'n, II: da sangen alle Vöglein, Vöglein, Vöglein, Vöglein, da sangen alle Vöglein, der helle Tag brach :II an.
Ein Jäger blies ins Horn, blies ins Horn, ein Jäger blies ins :II Horn. II: Da bliesen alle Jäger, Jäger, Jäger, Jäger, da bliesen alle Jäger, ein jeder in sein :II Horn.
II: Das Liedlein, das ist aus, das ist aus, das Liedlein das ist :II aus. II: Und wer das Lied nicht singen kann, singen, singen, singen kann, und wer das Lied nicht singen kann, der fängst von vorne :II an.
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Noch weitere besondere Erlebnisse – aber ohne aufregende Zwischenfälle – folgten. Dazu gehörten unsere große Nachtwanderung durch Wald und Feld und die Lagerfeuer-Abende.
Spannende Geschichten, die langen in Fortsetzungen, gab es mehrere zu hören.
Schöne, ausgefüllte Tage. Nun geht es wieder heim. Vielleicht treffen wir uns im nächsten Jahr wieder hier, möglicher Weise aber auch in Hirschluch bei Storkow, südöstlich von Berlin.
Roter Kopf für braune Hose – eine seltsame Verständigung zwischen reiferen Menschen
Es war wirklich notwendig. Ich benötige eine neue Hose. Das sieht schon jeder, der es gar nicht sehen soll und überhaupt nicht sehen will. Wie eben der Volksmund in Reichsbahnkreisen manchmal spricht: es wurde „höchste Eisenbahn“. So ging Mutti mit mir zum KONSUM-Bekleidungshaus in der Rudolf-Breitscheid-Straße, Ecke Karl-Liebknecht-Straße, früher: Linden- Ecke Eisenbahnstraße. Genau das Gebäude, das früher für Fa. Tengelmann errichtet wurde.
Der Verkäufer unterbrach eigens für uns seine Mittagspause (während der Öffnungszeit des Hauses), in der er an einem Fischbrötchen mampfte und fragte nach unserem Begehr. So sprach denn meine Mutter: „Herr Bensch, wir hätten gern für unseren Jungen hier (in Wirklichkeit nannte sie sogar meinen nur innerfamiliär zulässigen Spitznamen) ein paar Burschen-Buchsen." –
„Aber Mutti!!!“, entfuhr es mir unwillkürlich. Ich hätte vor unbehaglichem Schamgefühl in den Boden versinken mögen aber der Verkäufer überhörte meinen Beitrag, erkannte sehr wohl inhaltlich das geäußerte Anliegen und so wurde es eine braune Feinripp-Cordhose, von Herrn Bensch fachmännisch beäugt, wie diese so an meinem schlanken Körper hing. Er äußerte, dass sie bezüglich „ihrer Länge wunderbar auf den Stiefel falle“. Es sollte sich erübrigen zu erwähnen, dass ich natürlich mitten im Sommer Halbschuhe trug! „Aber Herr Bensch !!!“ zu sagen, verkniff ich mir. Irgendwie schien seine Wortwahl zur Fachidiomatik zu gehören. Die beiden Erwachsenen verstanden sich in ihrer Ausdruckskunst eigenartiger Weise. Wieso eigenartig? Ich verstand es ja auch, würde es mir aber keinesfalls annehmen, nicht für meinen Sprachgebrauch nutzen.
Landleben in der Stadt
Wie schön. Im Frühsommer hat uns Tante Lucie (die nicht unsere Tante ist, sondern Muttis Freundin aus gemeinsamer Schulzeit) zur Kaffeezeit eingeladen. Sie haben ein Wochenendgrundstück, ein Schrebergärtchen am Horstweg. Leider war die Jauchegrube, also jenes Sammelbecken der menschlichen Verdauungsüberreste vormals köstlicher oder deftiger Speisen, nur mit alten, inzwischen morsch gewordenen Brettern überdeckt. Jeder Kenntnisreiche machte einen Bogen darum. Meine Schwester trat voller Vertrauen darauf, das Holz brach unter ihrem relativen Leichtgewicht zusammen oder besser: auseinander und sie stürzte mit einem Bein in die Grube, sie rutschte mit der Beininnenseite an der Jauche-Mauer entlang – bis zum Ende, wobei das andere Bein draußen blieb. Das Ergebnis sah nicht gut aus. Es waren so einige Tropfen die da flossen, wasserhelle und rosenrote, die vereint in die braune Brühe rannen.
Man soll eben nicht in alles blinden Glauben und Vertrauen setzen, sondern auch mal denkend prüfen! Unfallschutz geht alle an und Eigentum verpflichtet.
Trostspruch: Unjeschicktet Fleisch muss wech! – Aber: eh die Katz' 'n Ei lecht, is allet wieder jut.
Landleben auf dem Land
Im Sommer sind wir ab und zu bei entfernten Verwandten, Familie Z., in dem uns nahen Ort Caputh zu Besuch. Es ist ein riesiges Grundstück, zwischen dem Schmerberger Weg und dem Spitzbubenweg gelegen und an zwei Seiten eben von diesen Wegen begrenzt. Viel weißer, nährstoffloser Sand, eine „strukturlose Beetkrume“, ähnlich der, die man an Ostseestränden vorfindet. Viel Sonne, ein kleines Häuschen auf dem Scheitelpunkt des Grundstücks, wesentlich näher dem Spitzbubenweg hinzu gelegen. Daneben der Hühnerstall und mit gehörigen Abstand in Richtung Schmerberger Weg das hölzerne Häuschen: Die Trockentoilette mit der Jauchegrube. (Schon wieder.) Hier ist der Ort, dessen Stoffe den Pflanzen etwas geben könnte. Diese Grube ist aber nicht zugedeckt; hier kann man überhaupt nicht versehentlich auf „die Decke“ oder auf den Deckel treten. Alles offenbart sich dem Auge. Das ist gut!
In Caputh steht in der Waldstraße das Sommerhaus von Prof. Albert Einstein. Das Gebäude ist ein Holz-Haus aus vorgefertigten Bauteilen, das der Architekt Prof. Konrad Wachsmann für ihn entwarf und konstruierte. Hier in Caputh erholte sich Einstein an Sonntagen vom Berliner Arbeitsalltag, sinnierte auf Waldspaziergängen, in ausgebeulten Cordhosen steckend oder rauschte mit seiner Segeljolle über die Potsdamer Gewässer. In diesem Haus verbrachte er nur wenige Sommer, bis die dämlichen, brutalen National-Sozialisten auch diesen übermächtigen Geist bedrohten, auch dessen Leben gefährdeten. Er riss noch rechtzeitig aus – in die USA. Viel zu viele konnten das nicht. Und Deutschland wurde grausamer und ärmer und überzog mehr als halb Europa mit Krieg.
Die Bustour von Potsdam, Bassinplatz, nach Caputh kostet uns 80 Pfennig Fahrgeld. Die Rückfahrt ebenso. Normaler Weise. Die Busse fahren oft mit Anhänger, den der Bus an einer dreieckigen Anhänger-Zuggabel hinter sich her zieht. Der Anhänger ist mit einer breiten einfachen mechanischen Schiebetür versehen. Der kassierende Schaffner muss von Haltestelle zu Haltestelle zwischen Bus und Anhänger wechseln, zwangsweise also auf dem Weg zwischen diesen Fahrzeugen immer wieder relativ frische Luft schnappen. Am heutigen Abend auf der Rückfahrt ist es im Anhänger schon stockdunkel und wir, meine Schwester und ich, sind die einzigen Fahrgäste. Eine Fahrgästin und ein Fahrgast. Es kommt kein Schaffner, nicht einer. Er sieht uns nicht im dunklen Anhänger. Ich bin schon ganz unruhig, weil ich die Beförderungsleistung entgegennehme ohne diese bezahlen zu können. Am Leipziger Dreieck in Potsdam hält der Bus kurz, weil jemand vorn vom Maschinenwagen aussteigen wollte – und wir hinten. Kaum sind wir draußen, fährt der Bus weiter. Bloß gut dass wir nicht erst mit einem Bein ... . So müssen wir unser Fahrgeld leider schuldig bleiben. Bis heute.
Morgentau
Mein Freund Hartwig hat mich eingeladen, heute mit den Fahrrädern in die Ravensberge zu rollen um Rehe zu beobachten. Dazu muss ich den Wecker auf 3.00 Uhr stellen, bin aber kurz vorher wach. Wir fahren bis zum Teufelssee, suchen für die Fahrräder gute Deckung und auch für uns Verstecke und warten ... und warten bis dann tatsächlich die Rehe frühstücken und am Seeufer ihr Frühstücksgetränk nehmen. Hasen sehen wir auch. Natur – fast ohne Menschen, wie schön. Alles geht so harmonisch, ruhig und friedlich vor sich. Zu unserem eigenen Frühstück kommen wir nicht zu spät zurück. – Kein Teufel ist uns begegnet und auch kein Wildschwein.
September ist's und mein siebentes Schuljahr beginnt
Mit dem Beginn des neuen Schuljahres gehen wir nicht mehr in die Mittelschule (das Mittelteil von Grund-, M. und Oberschule), nein wir gehen jetzt in die ZAPO, die Zehnklassige Allgemeinbildende Polytechnische Oberschule, was früher etwa Realgymnasium genannt wurde. Im neuen Schuljahr wird vom 7. Schuljahr an, außerhalb des Unterrichts aber im Schulhaus, die Vermittlung der englischen Sprache angeboten. „Fakultativ“ sagt man dazu – ein richtiger Engländer weiß das und übersetzt: Man hat die Möglichkeit, das Fach zusätzlich wählen zu dürfen. Nun ja, man wird dann zugelassen, wenn man in den Hauptfächern jeweils eine bestimmte Mindestnote erreichte (dabei Deutsch mindestens 2 und Russisch mindestens 3). Bei weniger als „3,0“, also hier: bei höheren Zahlenwerten, besteht die Möglichkeit des Teilnehmens nicht. Was ich noch nie ahnte: Die freundliche Frau Engemann hat auch in dieser fremden Sprache gute Kenntnisse und unterrichtet uns. Bei ihr haben wir ansonsten keinen regulären Unterricht. Nachmittags ist der Umgang zwischen Lehrerin / Lehrer und Schülern viel lockerer. Wir sind eine kleine Englisch-Klasse von 10 Schülern, aus der 7a und 7b zusammengestellt. Frau Engemann trägt ihr Haar stets ordentlich frisch onduliert.
Ein Rückblick zum 13. Juni 1958 – das ist nochmals eine Erinnerung an die Tage in Schellerhau.
Bei meiner Notiz zum singenden Herrn Liebscher hatte ich erwähnt, dass mich dieser an unseren netten neuen Musiklehrer erinnert, der aus Thüringen zu uns kam. Ja, das ist nur noch eine Erinnerung, ist schon wieder Geschichte. Schade. – Jetzt zum Anfang des neuen Schuljahres teilte man uns mit, dass unser Musiklehrer in den Großen Ferien ungenehmigt das Staatsgebiet der DDR verlassen habe, republikflüchtig geworden sei und er somit den Ersten Arbeiter- und Bauernstaat auf deutschen Boden an die Bonner Kriegstreiber verraten habe. Wieder einer von so sehr vielen Menschen.
Und gleich noch etwas zum Schuljahresbeginn:
Es ist die Sensation!
Ein reines Mädchen kommt in unsere reine Jungen-Schule. Das ist eine etwas komische Sensation. Warum das? Es gibt in Babelsberg und Potsdam viele gemischte Schulen, also für Mädchen und Jungen gemeinsam. Sie aber wird ausgerechnet uns zugewiesen. Gibt es da einen Haken und wenn ja, wo ist dieser? Hübsch ist sie und plaudert gleich sehr weltgewandt und wie mit uns bekannt, ganz unbefangen mit allen Jungen. Sie heißt „René“– ich Unwissender dachte immer das sei ein reiner Jungen-Name. Wir werden von unserer Deutschlehrerin, Frau Wieland, aufgeklärt. Nicht zu unseren Fragen – aber wir sollen es wissen: „Die Eltern von René gehörten der westdeutschen Kommunistischen Partei (KPD) an, fühlten sich im Kapitalismus sehr unwohl und sind zu uns geflüchtet, in die wahre Heimat eines jeden deutschen Arbeiters und Bauern, weil hier der Sozialismus aufgebaut wird.“ So! –
(Kleine Anmerkung von mir: Die KPD wurde in der BRD am 17. August 1956 verboten).
Ooch. Die schöne René ist eine Exotin! Die Familie ist sozusagen gegen den üblichen Strom geschwommen. Extra zu uns geflüchtet – na, das ist ja was! Da soll sie es bei uns gut haben und sich wohl fühlen!
Leider bleibt René uns nicht lange erhalten. Waren es vielleicht vier Wochen? Dann war die Familie wieder spurlos verschwunden. Ohne Abschiedswort. Wie bei Nacht und Nebel. Hatte unser sozialistischer Aufbau den Erwartungen der Eltern doch nicht ganz zu 100% entsprochen? War der Familie vielleicht die hier gewiss erfolgte Befragung „der staatlichen Organe“ über ihr vergangenes Leben zu intensiv? Vielleicht sind sie in die Sowjetunion weitergezogen, um das wahre Glück zu finden, denn dort wird ja schon der Kommunismus aufgebaut. Oder hatten sie eventuell von „oben“ einen Auftrag, der sie an einen anderen Ort schickte? Vielleicht haben sie aber auch nur eine 30-Pfennig-Fahrkarte nach West-Berlin gekauft, weil sie das gesuchte Paradies hier nicht fanden? Viele Fragen denkender Schüler – aber keinerlei Antworten für sie. Ganz anders als beim Willkommensgruß „zur Einführung“, gab es beim Ende „der Besuchszeit“ für uns keine Aufklärungshinweise der Schulleitung. Das alles ist wieder weniger vertrauensbildend.
Das ging alles schnell, still und heimlich, etwas unheimlich – wir hatten keine Gelegenheit der René noch alles Gute für die Zukunft zu wünschen – und wieder eine hübsche Sensation weniger.
UTP
Bisher hatten wir das Schulfach „Werken“ mit verschiedenen Bastelarbeiten. Mit Beginn des neuen Schuljahres haben wir jetzt an einem Tage jede zweite Woche UTP. Unterrichtstag in der Produktion. Wir sind in der LPG – Landwirtschaftliche Produktions-Genossenschaft – im Dorf Satzkorn, wohin unser kunstsinniger Zeichenlehrer, Herr Donath, mit uns fährt. Hin- und Rückfahrt mit dem Zug, der lange Weg vom Bahnhof bis ins Dorf – ein gutes „Stück“ Zeit bleibt, um verschiedene Arbeiten in der Landwirtschaft kennen zu lernen. Kleinere Aufgaben auf dem Hof, auf dem Feld oder im Stall. Großaktion aber ist die herbstliche Kartoffelernte. Diese liegt außerhalb des UTP. In diesen Tagen des Kartoffelsammelns verdienen wir sogar etwas. Waren es 10 oder 15 Pfennige je 25-Kilogramm-Kiepe? Ich weiß es nicht mehr – die Größenordnung stimmt.
Herr Donath unterrichtet nicht nur Zeichnen, Chemie und Physik, sondern ist jetzt auch unser UTP-Begleiter und Klassenlehrer. Wo Herr Ignor, unser bisheriger Klassenlehrer sich inzwischen aufhält, vermag ich nicht zu sagen. Keine Aufklärung für uns. Wir haben ihn leider aus den Augen verlieren müssen.
Durchsichtige Unterrichtsauflockerungen
Mehrmals besuchen uns Glasbläser, die aus Lauscha und Umgebung zu uns hergewandert kommen. Ihr wisst schon: Mit der großen Kiepe aus Weidengeflecht durch den finsteren Tann', wie auch über Berg und Tal – so war's früher. Ein weißer und ein golden scheinender Hirsch aus feinstem Glase röhrten fast 50 Jahre in unserem Schrank hinter Glas. Ehre den alten Meistern! Auch zierliche Vögel und Flaschenteufel und Weihnachtsbaumkugeln wurden geblasen und damit eine relative Ruhe der Andacht im Klassenraum erzeugt. Auch Sonnenmühlen wurden gezeigt, solche aber nicht in der Schule gefertigt. Glasaugenkünstler hatten immer noch wegen der Nachsorgen des Krieges viel Arbeit, um möglichst in rechter Größe und Farbe eine geplant nicht funktionierende Augenprothese dem zweiten, noch sehenden Organ kosmetisch anzugleichen.
Nachmittagstaten
Wir sammeln permanent Altstoffe. Martin braucht Schrott – das ist der Siemens-Martin-Hochofen. Siemens wollen wir aber nicht mehr sagen. Das riecht entsetzlich nach Kapitalismus und Ausbeuterei. Deshalb sprechen wir den Schmelztiegel lieber nur mit einem Vornamen an. Buntmetalle erbringen selbstmurmelnd höhere Erträge für uns, als das alte Eisen. Das Erfassen und Fortbringen von Flaschen, Gläsern und sauber gebündelten Zeitungen ist aber auch wichtig.
Wir klappern immer wieder die Haushalte ab, räumen in engeren Grenzen fremde Keller und Dachböden auf. Unsere „fliegende“, temporäre, Haupt-Aufkaufstelle befindet sich auf dem Weberplatz. Weil diese eben nicht ständig dort angesiedelt ist, benötigen wir bis zum Abgabe- und Aufkauf-Termin einige Zwischenlager.
Ergebnis: Solidaritäts-Geld-Abführung in der Schule und auch ein Teil für den eigenen Lebensunterhalt. Zusätzlich zum Erlös gibt es auch manchmal lehrreiche Heftchen zur Heimatkunde. So beispielsweise über die „Wanderung von Werder nach Glindow“ oder „Der Park Babelsberg“. Hier kann man einen Teil des wirklich Wichtigen nachlesen, was man sonst vielleicht nicht so erfährt.
Zitat: „Am 1. April 1927 wurde der Park Babelsberg Eigentum des Volkes, aber die Weimarer Zeit hat nicht die Geschichte weitergeführt und nicht durch neue Denkmäler den Sieg des werktätigen Volkes dargestellt. Das blieb erst unseren Tagen vorbehalten“. Ja.
Ja, so soll es sein. Ein Ausflug in die zeitnahe Geschichte. Aber wieso „blieb ... vorbehalten“? Ein „werktätiges Sieges-Denkmal unserer Tage“ können wir, kann niemand im Park Babelsberg zu keiner Zeit sehen, so sehr ich auch darauf wartete und danach suchte – bis 1989.
In sozialistischen Literaturerzeugnissen lehrt man eben auch mal eine Mär! Gewiss aber befand es sich längst im Stadium der Planung – oder solch ein Satz musste einfach noch untergebracht werden, damit der Zensor die Genehmigung zum Druck freigab. Wer weiß das schon so genau?
Was sonst noch so geschah:
Gestern musste ich wieder nach Potsdam in die Wilhelm-Külz-Straße 11. Meine Eltern sind immer noch ein bisschen altmodisch: sie sagen „Breite Straße“. 'Tschuldigung. So hieß sie bis nach 1945. Das ist ein kleines Stück vor der schräg gegenüberl stehenden Turmruine der Garnisonkirche. In der Külz-Straße ist von Drogerie-Firma Schukat Ammoniak zu holen. Das Haus Külzstraße 11 hat einen Hintereingang von der Parallelstraße aus, da ist es die Bauhofstraße 14a. Und hinter diesem Schukat-Haus in der Bauhofstraße, hat mal ein richtiger evangelischer Bischof namens Eylert gelebt; deshalb sagt Mutti auch noch Priesterstraße, wie sie bis 1945 hieß. Der Bischof hat für die Königin Luise, von der Mutti manchmal spricht, den Lebenslauf geschrieben. Dieser hat auch die Urgroßeltern unserer Mutti getraut – als Luisenbrautpaar, im Gedenken an die sehr früh gestorbene Königin. Sie, die Königin, wohnte gleich nebenan am Alten Markt, in dem Gebäude, das jetzt die Stadtschlossruine ist. Im Winter lebte sie aber meist in Berlin. Hauptsächlich regiert hat aber ihr Ehemann: König Friedrich Wilhelm III. v. Hohenzollern. Aber das kenne ich nur so oberflächlich vom Hören. In der Schule lernen wir aus diesen Zeiten nichts ... oder findet es später vielleicht eine Erwähnung aus dem Blickwinkel der Arbeiterklasse?
Der Wichtigste momentane Punkt ist für mich, dass ich mit dem schweren Kanister die weite Strecke nach Hause laufen muss. Mit dem stechend riechenden 25-prozentigen Ammoniak in der Straßenbahn – undenkbar, verboten – wenn da etwas ausgelaufen wäre ... es wäre eine große Katastrophe. – so ist es für mich eher eine kleine, mit häufigem Absetzen und kurzem Ausruhen.
Fahrzeuge
Seit einiger Zeit gibt es ein tolles Auto aus unserer Produktion. Also „unserer“ bedeutet in diesem Falle: aus Zwickau ist es. Der „P 70“. Auch Papp-70 genannt. Er sieht besser aus, als sein eher einfallsarmer Name es erwarten lässt. Seine Karosserie besteht nicht mehr wie beim IFA F 8 aus Sperrholz, mit Kunstleder überzogen, nein der neue Rohstoff kommt von den Baumwollfeldern, aus südlichen Gegenden der ruhmreichen Sowjetunion, aus Usbekistan. Eine Schicht Baumwolle wird bei uns in Zwickau in eine Metall-Form gelegt, die so aussieht wie das künftige Autoteil, man tränkt diese Lage Wolle mit halbflüssigem, warmen Phenolharz, – auch liebevoll: „Pertinaxbrühe“ genannt. Es ist aber eher eine dicke Suppe oder ein dünnerer Brei. Man drückt die getränkte Matte maschinell ein wenig stärker in die Form und fertig ist nach zehnminütigem Trocknen die „Presspappkarosse“, offiziell: Duroplastischer Kunststoff. Daran kann nichts verrosten und nichts verbeulen (es könnte bei großer Gewalteinwirkung nur ein bisschen zersplittern). Und leicht ist sie auch. Nur etwa 35 kg Karossenmasse muss der Motor schleppen. Ja, jetzt endlich ist ein Traum Wirklichkeit geworden. – Auto-Überschlags-Versuche zum Haltbarkeitstest für Fahrzeuge mit einer „Pete“-Kunststoffkarosse unternahm ja schon bis zum Kriegsbeginn die Firma „DKW“ hier nebenan, am Hang des Reiherberges in Golm bei Potsdam. Die erfolgreichen Versuche wurden von den Ingenieuren des Ingolstädter Zweigwerks, Berlin-Spanau, geleitet. Testobjekt waren die Fahrzeuge vom Typ F 7. Wegen des Krieges war mit den Tests und der Produktion erst mal Zwangspause. Aber jetzt geht's damit weiter voran – aber eben nur in der DDR.
Auch alte Autos können praktisch sein: Interessant ist es, dass die Potsdamer Post große Paket-Lkw mit Elektromotorantrieb mittels Akkumulatoren fahren lässt, die schon vor dem Krieg gebaut und eingesetzt wurden. Von hinten kann man noch die Kette sehen, welche die Kraft des Motors auf die Hinterachse überträgt.
Kriegsmunition ist auch heute noch schrecklich allgegenwärtig
Ein schreckliches Ereignis: unserem Haus gegenüber, in der Siemensstraße 5, drei Treppen hoch, wohnte bis heute der K. M., ungefähr drei Jahre älter als ich. Von geöffneten Patronen soll er das Schwarzpulver gesammelt und schon mal zwischendurch für Silvester geübt haben. Vor einiger Zeit hatte er wohl, das wird nachträglich so berichtet, einen größeren Sprengkörper, einen funktionstüchtigen Blindgänger mit Zünder in den Ravensbergen gefunden. Bei der Manipulation damit im Keller, erfüllte das Gerät die ihm ursprünglich zugedachte Funktion. Im Hause gab es eine gewaltige Detonation, die auch noch in unserem Haus hörbar war. Polizei kam und wohl auch ein Arzt. Nach langer Zeit fährt der Krankenwagen leer fort und ein schwarzes Auto kommt herbei. Den Jungen gibt es nicht mehr.
Mitmieter machten sich Vorwürfe, dass sie „um des lieben Friedens Willen“, über die Knallereien während der Mittagsruhe nur ergebnislos mit K. M. und seinen Eltern gesprochen und das nicht bei der Polizei angezeigt haben – Denunziationen (egal ob berechtigt oder grundlos) wegen kleinster oder scheinbarer Vergehen gehören in verschiedenen Bevölkerungs-Kreisen sonst zur Tagesordnung. Hier aber war es für eine Meldung zu spät.
Das neue Alt-Radio
Meine alleinstehende Tante Käte besuchen wir zwar oft in der Pestalozzistraße 10, sie ist auch öfter bei uns aber sie ist auch viel allein. Das zu ändern, suche ich ein Mittel: Mein Großcousin, ein ganz pfiffiger Bastler, hat sich von mir bereden lassen, für sie aus seinem Fundus ein altes, defektes aber noch gut aussehendes Radio neu zusammenzulöten und mir danach preisgünstig zu überlassen. Ich brauche nur die einfachen Reinigungs- und Pflegearbeiten verrichten, so dass das Gerät äußerlich nun fast wie völlig neu aussieht. Ein „Schaub-Junior“ mit einer großen hell beleuchteten kreisrunden Sichtscheibe für die Sender-Skala, die das Zimmer wie eine kleine Lampe, einem Vollmond ähnlich, gemütlich erleuchtet. Ein Schmuckstück. Ein gutes Geschenk zu ihrem bevorstehenden Oktober-Geburtstag, – das sie aber nicht glücklich macht – und mich somit auch nicht. Leider kann Tante Käte inzwischen nicht nur noch mäßig sehen, sondern leider noch viel schlechter hören und das Hörgerät schafft es nicht zwischen Ohr und Radio ein hinreichender Vermittler zu sein. Schade. Es war ein Versuch. Das „Geburtstagskind“ kommentiert ihr Gebrechen selbstbewusst: „Ich höre sehr gut – nur verstehe ich jetzt manchmal etwas schlechter“.
Was brachte die Unterhaltungsmusik in diesem Jahr? Das kann man auf dieser Internetseite unter „Unterhaltungsmusik“ lesen. https://www.janecke.name/unterhaltungsmusik/schlager-1951-bis-1960 |
Die Volksröntgenaktion ist ein Segen – diesmal aber wird nicht meine Lunge geröntgt.
Ich benötige dringend ein paar Schuhe. Nach mehreren Anläufen in unserer Stadt geben wir es auf und setzen uns in die S-Bahn. Aus einem Geburtstagsgruß ihrer Cousine, Tante Dörthe, stammend, hat Mutti etwas fremdländisches Geld in der Hand, dass sie jetzt für ihren Sohn opfern möchte. Wir betreten damit in Berlin nahezu lautlos den Einkauftempel „Leiser“. Dort stehen für die Einkaufswilligen vorerst Schuhputzautomaten am Empfang, damit wir vorgereinigt diesen Palast der Schuhe betreten können. Wir lassen uns beraten und bekommen eine Anzahl von Schuhen in der vermuteten richtigen Größe vorgestellt. Ich brauche aber nur ein Paar. Beim Anprobieren von Schuhen braucht sich niemand auf das manchmal trügerische Tragegefühl verlassen, ob sie vielleicht später doch noch irgendwo drücken könnten, nun wirklich direkt passen oder sie sogar noch etwas Spiel auf Zuwachs bieten – nein, man tritt an einen vorne offenen Kasten heran, einem kleinen Rednerpult ähnlich, stellt den Fuß mit Schuh unten hinein und schon wird im Röntgenbild auf einer Mattscheibe exakt angezeigt, wie sich Fuß und Schuh zueinander verhalten. Sieht großartig aus, ist wohl aber auch nicht so sehr gesund, wenn man da öfter neue Schuhe kaufen würde. Und die Gesundheit der Verkäuferinnen, die dabei andauernd zugucken? Sie tragen keine schwere graue Bleischürze gegen die Streustrahlung. Wir kauften also wunderschöne mittelbraune Schuhe mit gerippter „Specksohle“, die aussieht wie ein halbdurchsichtiger weicher Radiergummi. Ich trete damit so auf, dass es dem Namen „Leiser“ alle Ehre macht, leiser gehts wohl nimmer. Das Kaufhaus hätte aber genausogut „Weicher“ heißen können. Die arg verschlissenen alten Schuhe ließen wir besser gleich in Berlin, die neuen durfte ich mir sogar etwas schmutzig machen und hielt die Füße in der Bahn im Schatten unter der Sitzbank. Man muss nicht mit neuen Dingen „angeben“. Besonders nicht, wenn die S-Bahn im West-Ost-Grenzbahnhof zur Kontrolle hält.
Herbststurm
Unseren Mitschüler Hartmut Sch. ereilt eines Tages das ungütige Schicksal: In Potsdam gastiert auf dem Alten Markt der Zirkus Aeros. Das Großzelt steht zwischen der Ruine des Stadtschlosses und dem Alten Rathaus, der noch kriegs-kuppellosen Nikolaikirche und dem trümmerberäumten Platz, wo bis zum April 1945 das Palais Barberini stand und anschließend noch dessen Trümmer. Hartmut beehrte die Zirkuswelt mit seinem Besuch gerade an dem Tag, an dem ein starker Sturm aufkam und sich hier austobte. Der große Zeltmast wurde vom Sturm aus seiner Verankerung gerissen, umgeworfen und dieser kippte zwischen die Zuschauer, nicht ohne unserem Mitschüler zwei Rippen seines Brustkorbes zu brechen. Oh, oh, wie schmerzhaft. Doch hätte es noch schlimmer ausgehen können. Für einige Tage war Hartmut nun der Held, der alles aushält. Zum großen Glück für alle Potsdamer sind bei den Unwetterfolgen weder Elefanten noch Löwen ausgebrochen, sie hatten sich wohl verkrochen. Viel lieber, hätten sie ihre freie Zeit aber gewiss frei in der Savanne verbracht.
NAW und VMI
Für gemeinnützige Leistungen beim „weiteren Aufbau des Sozialismus“ haben wir kleine Klappkärtchen, in die wir uns nach vollbrachter Leistung den Gegenwert – Wertmarken des NAW – Nationales Aufbauwerk – kleben können und diese dann irgendwohin ablegen dürfen. „Wichtige Quittungen“ sind das. Dieses Prinzip wurde jahrelang beibehalten und diente auch den Erwachsenen zum Nachweis ihrer freiwillig und unentgeltlich erbrachten zusätzlichen Arbeitsstunden. Das waren beispielsweise offiziell anerkannten Bauhilfsarbeiten während der Feierabendzeit. Diese Markensammlung konnte man stolz vorweisen wenn man sich um eine Wohnung bewarb. Schon aus diesem Grunde hatten sie für uns Kinder oder Jugendliche keinen schwer wiegenden Nutzen. Später, als der sozialistische Nachkriegsaufbau im wesentlichen abgeschlossen zu sein scheint, wird eine Umbenennung von NAW auf VMI stattfinden. Das ist dann die „Volkswirtschaftliche Masseninitiative“ freier unentgeltlicher Arbeit. Marken konnte man auch dafür wieder in ein Nachweiskärtchen hineinkleben. Ich konnte mir dafür nichts kaufen. Ich weiß aber auch nicht, ob manch ein Erwachsener diese Ehrenpunkte vorlegen wollte, wenn er eine Autobestellung aufzugeben wünschte, um das Jahrzehnt der Liefer-Wartezeit abzukürzen.
Wieder ein Abschied
21. Dezember 1958. Es stirbt mit fast 85 Lebensjahren meine Tauf-Patentante Elisabeth Gandert, eine Diakonissen-Schwester der Oberlin-Klinik. Am 29. Dezember wird sie beerdigt.
Ich silvestriere
Überzähliges Geld für Knallkörper haben wir nicht. Aber ich leiste mir mal eine Kinderei, über die ich eigentlich „mit der Vernunft“ schon hinaus sein sollte: Ein alter Rollfilm wird fest in ein Stück Papier eingewickelt, angezündet und dann ausgetreten, so dass es nur noch „leise“ schwelt. Im Treppenhaus. Eine vorzügliche Stinkbombe, die die Mieter nicht gerade erfreut – aber unten die Haustür geöffnet und oben ein Fenster, zieht der rauchige Gestank bald wieder hinaus. Ja, auch ich war nicht immer „brav“. – doch gefährlich war es nicht.
1959 – Ich bin 13+, also im 14. Lebensjahr. Die Schulhalbjahre der 7. und 8. Klasse
Die „Hundehütte“
Meines Vaters Gehbehinderung machen ihn zunehmend immobiler. Es wurde immer schwieriger mit dem Laufen-können. Die Eltern entschlossen sich, ein einsitziges Dreirad-Fahrzeug mit Moped-Motor der Firma Louis Krause in Leipzig, Elsbethstraße 22, zu kaufen. Es trägt die stolze Bezeichnung: „Krause-Piccolo-Trumpf“, rotweinrot. Wir kauften es im Fahrzeuggeschäft der KONSUM-Genossenschaft, in der Babelsberger Ernst-Thälmann-Straße, (bis 1945 und nach 1990 wieder Großbeerenstraße). Am Findling, für rund 2.000 Deutsche Mark der DDR. Eine stolze Summe und zwei Hände voll Rabattmarken gab es auch dafür.
Der KONSUM unterhält dort gegenüber dem Megalithen namens „Findling“, neben dem Weg „An den Windmühlen“ zwei Pavillons als Verkaufsstellen. Trotz der großen mit eloxierten Aluprofilen eingefassten Fensterflächen ist es drinnen auch im Hochsommer nicht zu warm, denn die großen alten Linden überschatten diese Bauten angenehm. Im rechten Pavillon gibt es Fahrräder, wohl fast alle Ersatzteile für Diamant und Mifa und Reparaturlacke vieler Farbtöne (Nitro 90 Pf. das Fläschchen), auch Kinderwagen aus Zeitz, Dreiräder und Mopeds aus Suhl. Nun also auch das Modell „KPT“ aus Leipzig.
Der Verkaufsstellenleiter ist der stets freundliche und hilfsbereite Herr Neumann.
Im linken KONSUM–Pavillon kann man Radio-Apparate, Plattenspieler, Tonbandgeräte und Fernsehapparate kaufen.
Als Familien-Fahrzeug hatten die Eltern eigentlich 1939 ein VW-Käfer für 999 Reichs-Mark angepeilt, der damals in seiner Null-Serie noch KdF-Wagen genannt wurde, wegen der Aktion und der auch hier in Aussicht gestellten: „Kraft durch Freude“. Aber mit dem Kriegsbeginn war dieses Sparziel zunichte und das Geld auch bald futsch. Die Produktion sowieso, die wurde auf ein Produkt als Militär-Kübelvariante und eine schwimmfähige Version umgestellt. Auch 80 Jahre später sieht man noch manchmal diese VW-Kübel-Fahrzeuge, solche inzwischen verhätschelten Exotikmodelle.
Der gute Tischler-Meister Walter Brendler baut uns im Vorgarten des Hauses aus gut erhaltenen Abrissbrettern einen wetterfesten Unterstand für Vatis Fahrzeug und unsere Fahrräder. Natürlich helfe ich dabei. Meine Aufgabe ist es dann, das Pappdach zu teeren und diese gescheckte „Hundehütte“ mit olivgrüner Ölfarbe schön einheitlich anzustreichen, damit die Hütte nicht die Augen der Vorübergehenden beleidigt und sich im Sommerhalbjahr die Tönung dem Farbaussehen der Pflanzenblätter unterordnet. Weil ich nun gerade bei solch einer schönen Arbeit bin, lege ich gleich noch elektrisches Licht in diese kleine Bude. Niemand braucht später dazu im Dunkeln einen Schalter suchen; es wird von der Wohnung aus geschaltet. Beim Bearbeiten der Metallrohr-„Panzerleitung“ rutsche ich allerdings ab und reiße mir den Daumen auf. Die Wunde versorge ich gleich fachmännisch selber aber es wird lebenslang eine längere „wirklich ausgezeichnete“ Narbe bleiben. Übrigens war in Wirklichkeit nie vorgesehen unseren lieben Hund in diese Schutzhütte einzusperren.
Wir bereiten uns energisch darauf vor, endlich die Teil-Stadt West-Berlin zu umfahren
Wir fahren mit der Eisenbahn und wer kommt mit? Bisher ging es in die Hauptstadt der DDR von Potsdam aus immer durch West-Berlin hindurch. Seit einigen Jahren wird fleißig gebuddelt. Die DDR-Führung lässt eine neue Eisenbahnstrecke bauen. Den Außenring, eine südliche Umfahrung von Berlin. Manometer, welch eine Wirtschaftskraft!
Das erinnert mich deutlich an das Ausschachten des Teltow-Kanals – eine südliche Berlin-Umfahrung ... vor fünf Jahrzehnten, als unter dem Kaiser Wilhelm II. ... was aber hat sich in dieser Zwischen-Zeit doch alles geändert!
Die Idee zu einer solchen Bahnstrecke ist nicht neu, nur die Beweggründe waren früher andere. Die National-Sozialisten hatten solches schon mal ins Auge gefasst aber die Geologen und die Brückenkonstrukteure sprachen über den Zeitaufwand und ergänzten mit Argumenten von hohen Kosten und vor allem mit den technischen Schwierigkeiten, eine sichere Gründung für Brückenpfeiler und Bahndamm in den Tiefen des Templiner Sees, zwischen der Potsdamer Pirschheide und dem Forsthaus Templin, unter der mächtigen Schlammschicht hinzubekommen. Und die Nazis hatten wenig Zeit aber viele weitere Ziele. Also wurde die Verwirklichung verschoben. Die DDR macht das jetzt, hier wird nichts verschoben. Die neue Umfahrungsstrecke wird an den Dörfern Bergholz und Saarmund vorbei führen. Auch ein Bahnhof „Genshagener Heide“ wird, weiter entfernt von der menschlichen Siedlung Ludwigsfelde eingerichtet. Die Strecke wird dann in Berlin-Schönefeld enden – also am Acker. Das benachbarte Dorf heißt seit Hunderten von Jahren einfach nur schlicht „Schönefeld“ und „Berlin-Schönefeld“ heißt nur der künftige Bahnhof. Mit Berlin als Großstadt hat das nichts zu tun. So aber schließt sich dann der Kreis einer Berlin-Umfahrung. Wenn wir später die Strecke benutzen, weil wir nach Berlin-Friedrichstraße möchten, kommen wir dann von der entgegengesetzten Seite als bisher ans Ziel. Da müssen wir umdenken lernen. Bei Vorwärtsfahrt die Stationen rückwärts denken. So wird das Fahren durch West-Berlin erfolgreich vermieden, weil diese Strecke für uns gesperrt wird. Wir sehen nun für den gleichen Fahrpreis, in viel, viel längerer Zeit, wesentlich mehr von der Welt. So schön ist das.
Ich bin jetzt mal dort, wo im Herbst die Hirsche röhren werden
Die Großen Ferien beginnen vielversprechend. Erst Muttis Geburtstag, dann Jugendrüstzeit. Diesmal bin ich nicht in Mötzow am Beetzsee bei Brandenburg, sondern in Hirschluch bei Bestensee. Dort ist es auch sehr schön. Fast am Besten.
Auch andere Spitzenerlebnisse gibt es getreu dem Motto. „Höher – weiter – schneller“: Das Meteorologische Institut Potsdam verkündet uns: Am 11. Juli 1959 herrscht die Rekordtemperatur von 38,4°C im Potsdamer Schatten. Puh, ist das eine Hitze. Die Potsdamer sind DDR-Spitze! Ist doch gut, dass wir uns im schattigen Hirschluch aufhalten. Noch schöner wäre es allerdings auch jetzt, so wie im Vorjahr, im See zu schwimmen, um ein Boot zu retten. Es bietet sich hier allerdings momentan keines an.
Besuch in der Alten Mark und am Rande der Prignitz
Zurückgekommen, geht es schon bald erneut auf große Tour. Mein Vater hat doch jetzt diesen „Krause-Piccolo-Trumpf“ ein Dreirad-Fahrzeug mit Mopedmotor, wegen seines Bein-Handicaps und wegen des Preises, der gerade noch erschwinglich war, weil lange gespart wurde. Und ich habe dafür sein Fahrrad, das wisst ihr ja. Wir besuchen unsere Verwandten in Wittenberge an der Elbe, in der Prignitz, im Bezirk Schwerin. Der Weg dorthin führt uns von Babelsberg durch Werder an der Havel und das große Obstanbaugebiet sowie durch Brandenburg mit seinem Stahl- und Walzwerk. Dann verlassen wir schon bald unseren Bezirk Potsdam und überrollen unbemerkt die Grenze zum Bezirk Magdeburg. Es geht ein frischer Wind, ein Gegenwind und ich habe ganz schön zu kämpfen, um mit dem Moped mitzuhalten. Na, einige Male hält Vati an und wartet auf mich und eine zweite Frühstückspause halten wir ja auch zwischendurch. Das nächste Zwischenziel ist Genthin, bekannt durch den VEB Waschmittelwerk (Henkel lässt aus der Vergangenheit grüßen) und dann Jerichow. Bald sind wir in der altmärkischen Stadt Tangermünde mit seiner alten Kaiserpfalz. Hier halten wir eine Mittagsmahlzeit in der „Pony-Bar“. Es gibt hier ausschließlich Pferdefleisch-Erzeugnisse. Wir wählen Bouletten und als Kraftfahrer Fassbrause dazu. Die Portionen sind so groß, dass man sie durchaus „Boul“ (ohne den französischen Verkleinerungssuffix) hätte nennen können.
Dann geht es weiter nach Stendal. Hier sind 110 km geschafft und wir entschließen uns, dass ich an diesem stärker gegenwindigen Tag die restlichen 50 km mit dem Fahrrad im Eisenbahnwagen zurücklege. Dafür entrichte ich am Fahrkartenschalter 4 D-Mark + Fahrradkarte. Vati rollt indessen auf eigenen Achsen vorerst gen Osterburg. Das ist die Geburtsstadt seines Vaters und somit also die meines Großvaters Karl Friedrich August Janecke. Das Wohnhaus von dessen Eltern steht noch – aber heute sehen wir es nicht. Ich werde es später besuchen!
Weiter führt der Weg durch Seehausen dem Norden entgegen. Als wir die Elbe überqueren, verlassen wir den Bezirk Magdeburg. Am Bahnhof in Wittenberge, inzwischen im Bezirk Schwerin angekommen, treffen wir uns wie verabredet wieder – welch ein Wunder – um gemeinsam am Ziel einzutreffen.
Viel erlebe ich in diesen Tagen, denn diese Gegend habe ich noch nicht besucht. Der Stadtrundgang gibt einen groben Überblick. Dann geht es in die Details, die ich nur kurz mal aufzähle: Bahnhof, Heimatmuseum, Rathaus, das neue Kulturhaus, Jugendstilviertel, das Gelände der Gasanstalt in der früheren Schützenstraße. Das ist dort, wo mein Großonkel, der Zimmermann Wilhelm Janecke wohnte, meines Opas Bruder, der aber als Soldat aus dem Ersten Weltkrieg nicht zurück kam. Angeschaut werden der Uhrenturm vom VEB-Veritas-Nähmaschinen-Werk, Wasserturm, Schule und im alten Ortskern zwischen Stern und Hafen das Steintor, die evangelische Stadt-Kirche. Stadtpark, Russenteich, Postamt. Dann die Ölmühle, das Reichsbahnausbesserungswerk, in dem mein Onkel Karl Giese sein Berufsleben als Schlosser verbrachte. Die Elbbrücke, welche die Eisenbahn und der Straßenverkehr gemeinsam nutzen, nur vorsichtshalber zu unterschiedlichen Zeiten, ist eine besondere Attraktion. Die mächtige, rund 1 km lange Brücke von 1911, war zum Kriegsende, am 12. April 1945, gesprengt worden. Sowjetische Pioniere bauten schon im '45-er Herbst eine Behelfs-Holzbrücke, bald kamen auch Reparaturleistungen aus Stahl dazu. Und seit 1950 wird sie nun abwechselnd von Schienen- und von Straßenfahrzeugen genutzt. Diese eher sehr seltene Art und Weise wird bis 1976 anhalten.
Aber weiter mit den Besichtigungen: Ich sehe die Wohnstätten meiner Vorfahren Janecke und Jochmann, die nicht mehr am Leben sind. Meine Führerin durch diese interessanten Tage ist meine schöne Großcousine G., die genauso jung ist wie ich – wir wurden im gleichen Monat des gleichen Jahres geboren. Aber von verschiedenen Müttern, die sich allerdings kannten.
Irgendwie ist es schon komisch und schade, dass ich diesen Familienzweig erst jetzt kennen lerne. Es sind schöne, erlebnisreiche Tage. Insgesamt eine feine Bildungsreise.
Als wir an einem dieser Tage vom Straßenbaum vor dem Hause einige reife Birnen ernten, statt sie vergammeln zu lassen, weil diese niemand erntet, sprach uns niemand dazu an. Aber ein ganz mutiger Volkskorrespondent hatte das fein und still aber genau beobachtet. Am nächsten Tag stand über unsere Untat ein halblanger Zeitungsartikel in der sozialistischen Presse des Kreisblattes – über ungehörige Jugendliche, die wohl nichts weiter zu tun haben, als ... und der Herr Volkskorrespondent hatte nicht einmal gewusst, dass man das darf. An einem anderen Tag waren wir, meine liebe Großcousine und ich mit den Rädern über Weisen nach Perleberg gefahren, um auf dem Markt Kirschen zu kaufen. Die Früchte hüpften auf dem Rückweg etwas zu sehr in den Spankörben, wenn sie auch nicht heraus springen konnten. Die etwa 12 km lange Straße weist eine Kopfsteinpflasterung auf und nicht immer kann man exakt am Rand rollen, wo sich ein bisschen ausgleichender Sand gesammelt hatte. Kurz: Unsere Hinterradfelgen sah beim Eintreffen in W'berge kräftig rot aus und alles klebte „ganz prächtig“ vom süßen Saft. Die Kirschen kannten zwar keinen Schüttelfrost aber sie hatten die Schüttelhitze erlebt.
In der Zeit unseres Aufenthalts in der Elbestadt stößt auch Hartwig zu uns. Gemeinsam treten wir den Rückweg nach Potsdam an. Diesmal über Weisen, Perleberg und dann auf der F 5, (Fernverkehrsstraße Nr. 5), der Chaussee Hamburg, - Berlin immer geradeaus gen Südwesten, über Gumtow und Kyritz. Hier legen wir eine Ruherast ein und Hartwig fotografiert ein wenig. Dann rollen wir durch Wusterhausen, Friesack, Nauen, Wustermark und schließlich durch Potsdam, nach Babelsberg. 152 km haben wir strampelnd zurückgelegt und schlafen anschließend sehr gut. Selbst mein Vater, der ja auf der Reise die Moped-Motor-Unterstützung genoss, bemerkt am nächsten Tag scherzhaft: „Wie kann ein einzelner Mensch so sehr müde sein“. Das war keine Frage, sondern eine Feststellung. Obwohl, die Friedensfahrer auf der Drei-Länder-Radrenntour, leisten ähnliches, auch längere Distanzen – und in viel kürzerer Zeit.
Aber schon kommen Tage mit neuen Eindrücken auf mich zu – oder ich reise zu diesen hin:
Erlebnisreiche Tage vom 15. August bis 04. September 1959 im Kindererholungsheim, dem späteren Kinderkurheim, „Kraushübel“ in Rautenkranz, im Sächsischen Vogtland
Die Vorbereitung
Es war der wahrscheinlich schon ein wenig schwerer hörende Schularzt, der im Winter recht laut und vernehmlich festgestellt, hatte: „Der Junge ist sehr groß, etwas zu rank und auch recht blass“, „Er soll man noch mal zum Erholungsaufenthalt. Das milde Reizklima eines Mittelgebirges würde ihm sicherlich gut tun.“ So etwa verkündete der Medizinmann schon wieder sein Untersuchungsergebnis – und die späteren Folgen dazu werden sehr schön sein.
Vergangen ist inzwischen rund ein halbes Jahr. Ich habe schon gar nicht mehr an die Schuluntersuchung gedacht, denn es gibt ja täglich so vieles an Interessantem zu bedenken – und plötzlich kommt da ein Brief mit der Nachricht, einer Einladung, der Aufforderung den Koffer zu packen.
Die Sozialversicherung war in der Zwischenzeit dem ärztlichen Rat gefolgt, fleißig tätig und hatte für mich aus ihren Angeboten und Möglichkeiten einen dreiwöchigen Sommer-Sonnen-Sachsen-Aufenthalt ausgewählt. Die Erholung soll stattfinden in einem Haus, das „Kraushübel“ heißt. Ist das etwas gewöhnungsbedürftig und wundersam? Das Gebäude steht außerdem irgendwo in dem schönen Doppelort mit dem mir durchaus ungewöhnlich erscheinenden Namen „Morgenröthe-Rautenkranz“, im tiefen Süden unseres Landes, im Bezirk Karl-Marx-Stadt, gelegen. Dieser Bezirk ist eine riesige, teils mittelgebirgige Landfläche, die komischer Weise den Namen „-Stadt“ trägt, was ebenfalls etwas seltsam anmutet. Vielleicht liegt das ja aber auch nur an mir. Meine Tante Käte, der ich das alles erzähle, steht mir aber bei und sagt in ihrer Berliner Mundart, in die sie noch manchmal sprachlich fällt: „Na, det ist ja wohl ein Ding aus'm Tollhaus. Versteh'et wer will“.
Na ja, die Leute im Westen haben es ja auch nicht viel anders gemacht. Dort am Rhein und an der Düssel haben sie eine riesengroße Stadt, die in dem schrecklichen Krieg zum großen Teil zerstört wurde. Deren Einwohnerzahl geht jetzt aber schon wieder auf die 700.000 Personen zu. Und wie wird diese große Stadt genannt? Richtig: Düsseldorf! Siehste.
Morgenröthe-Rautenkranz – der Name für einen Doppelort
Dass mir der Doppelname Morgenröthe-Rautenkranz etwas ungewöhnlich vorkommt, liegt gewiss nur an mir, weil er für mich noch so neu ist. So gibt es ja auch einen lustig scheinenden Namen für gar unlustige Verhältnisse an der Grenze zu Westdeutschland bei Hirschberg: Töpen-Juchhö. Hört sich an, wie ein Jauchzer oder zumindest wie ein Juchzer. Ein Ort liegt auf der Ost- der andere auf der Westseite der Grenze, so wie manche geteilte Familien, denen eher zum Heulen ist. Und ich selber wohne ja ebenfalls in einer Stadt mit einem Doppelnamen: Potsdam-Babelsberg, was ich aber gewohnt bin und es mir daher ganz normal erscheint. Und was machen doch manche Leute denen dieser Name noch neu und ungewohnt ist – schreiben beispielsweise als Teil der Adresse versehentlich: „Postamt-Wabelszwerg“ und ähnliches – nicht aus Bosheit, sondern weil sie es eben nicht richtig wissen. Die freundlichen Polit-Kriminal-Kommissare des Potsdamer Postzollamtes müssen dann entscheiden, ob die Sendung zum Absender zurückgeht oder ob sie sich mühen wollen, den Empfänger nach angegebener Straße und Hausnummer zu ermitteln. Für den verbleibenden unklärbaren Rest gibt es große Sammelbehälter, die ständig wieder geleert werden müssen. Man munkelt, dass dort hinein auch gerne die „fehlerhaft-unklärbaren“ Weihnachtpakete kommen. Was gilt als fehlerhaft? Wenn die lieben Brüder und Schwestern aus dem Westen vergessen, wie vorgegeben „Geschenksendung – keine Handelsware“ zu notieren. Mitunter liest man stattdessen äußerst unkorrekte Bezeichnungen wie >Liebesgabe< oder auch noch ganz frech geschrieben >Ostzone!< oder SBZ (Sowjetische Besatzungszone), statt >Deutsche Demokratische Republik< oder zumindest doch >DDR<. Mitunter fehlt innen auch das vorgeschriebene Inhaltsverzeichnis. So etwas gehört zu den Gründen der Unzustellbarkeit. Da ist es doch nicht verwunderlich, dass es mit der Zustellung nicht immer so klappen kann. Aus jenen zahlreichen Sammelbehältern darf nichts vom Guten verderben. Wird es wohl auch nicht. –
Vor mir habe ich also wieder eine Zeit, in der ich nicht hier in Potsdam-Babelsberg, meiner angestammten Heimat, weile. Das merkt jeder, der das Foto unserer Schulklasse vom Beginn des achten Schuljahres betrachtet. Das bedeutet, man sieht mich eben nicht auf diesem Bild, denn ich darf statt zum schulischen Fototermin zu dieser Zeit im Vogtland sein. Ein Verlust wird es nicht sein, denn die Zukunft weiß, dass dort in Rautenkranz ein sehr schönes Gruppenfoto entsteht, das mich mein Leben lang begleiten wird. Die „Großen Ferien“ sind für mich auch in diesem Jahr wieder etwas verlängert worden. Neun statt der üblichen acht Wochen. Nicht schlecht. Womit ich das wohl verdient habe?
Sonnabend, 15. August – Unsere Reise durch das Land. Die Ankunft im Heim
So fahre ich nun nach Morgenröthe-Rautenkranz, in einen Ort, der eine Anzahl von Busfahrstunden südlich meiner Heimatstadt liegt. Am Ende der langen Fahrt von Potsdam hierher in das Vogtland, ist es mir komisch zumute, dass man dann plötzlich doch am Ziel eingetroffen ist – es nicht mehr weiter geht. Da sind wir nun. Zwei Busse voller Kinder vor dem Kindererholungsheim „Kraushübel“, Rautenkranz, Carlsfelder Straße 17. Kleinere und größere Kinder, so etwa 75 an der Zahl.
Die Heimleiterin heißt Frau Böhm. Sie begrüßt uns freundlich, ruft unsere Namen von einer langen Liste auf und teilt uns in verschiedene Gruppen ein. Vier Gruppen sind es zum Schluss. Die ganz Großen aus Gruppe I verlassen gleich wieder das Gebäude, denn sie werden ein paar Schritte weiter, an der Scheune und den Ställen vorbeigehend, im Haus „Kuckucksnest“ wohnen. Knapp 200 m sind es von unserem Haupthaus bis dorthin. Das ist dort, wo sich auch der Speisesaal befindet, aber eine Treppe darüber. Ihr wisst ja: Kuckucksnester sind nur selten auf ebener Erde anzutreffen. An einer Seite des Speisesaals befindet sich auch die große Veranstaltungsbühne. Zwischen den Häusern sind hübsche Blumenrabatten angelegt mit Sommerazaleen und den überaus gesunden Ringelblumen (Calendula offizinalis oder so ähnlich), aus denen man eine prima Heilsalbe herstellen kann. Später erfahren wir, dass sich kein Gärtner darum kümmert – es gibt so eine Art Gruppenplan, aber nur für die Erwachsenen. Jeder vom Personal kümmert sich um ein Stück Erde mit den Blumen. Nun werden auch wir Kinder der Gruppen II bis IV in die Zimmer eingewiesen. Ich gehöre zur Gruppe II, zu den fast ganz Großen. Wir wohnen im Erdgeschoss des eigentlichen Heimes, des Haupthauses, mit dem Symbol der kleinen weißen Friedenstaube als Hauszeichen am dunkelbraunen Holz-Giebel. Eine Treppe höher die Gruppe III und im Dachgeschoss, bereits mit schrägen Wänden, die Mädchen. Dort oben sind auch unsere leeren Koffer untergebracht. Nachdem uns unser Zimmer gezeigt wurde, begann ein leichter kurzer Sturm auf die Betten mit den „besten“ Standorten. Das beruhigt sich gleich wieder, nachdem wir die Betten mit unseren Sachen kennzeichnend belegt haben. Taschen oder Koffer haben natürlich auf dem Bett „nichts zu suchen“. Zehn Betten sind es im Zimmer, die in zwei Fünfer-Reihen mit den Kopfenden an den Wänden aufgestellt sind.
Anschließend machen wir uns mit einer kleinen Katzenwäsche frisch. Der Waschraum befindet sich gleich nebenan. Man braucht ihn nicht lange suchen. In der Mitte des Raumes stehen zwei sich gegenüberliegende Reihen von Waschbecken. Alles ist hell gefliest und zwischen den Waschbecken werden die Zahnputzbecher aufgereiht.
Im Nebenraum: Links die Duschen für das tägliche wechselwarme bis kalte Benutzen und ganz rechts die tiefere breite Rinne für das Wassertreten. Das kalte Wasser wird etwa so getreten, wie der Storch es mit dem Salat tut, sagt der Volksmund zu dieser kalten Vorsorge- und Heil-Maßnahme, die wohl damals der medizinisch geschulte Pastor Kneipp allen warm ans Herz legte.
Im Anschluss an die Begrüßungs-Mahlzeit (Brühnudeln, siehe Erläuterungen im Anhang) stellt uns Frau Ursula Böhm auch gleich alle Leute (de Leit) des Hauses vor, die sich um uns bemühen, die uns den Aufenthalt angenehm gestalten werden: die freundlichen Erzieherinnen sind ja auch gleichzeitig Lehrerinnen, so dass Kinder während der Schulzeit nichts versäumen werden, die heilende Krankenschwester, die appetitlichen Küchenkräfte, die viel schreibende Dame aus dem Büro, das emsige Reinigungspersonal, die Fleißigen der Nähstube und den Hausmeister im blauen Kittel. Viele Augenpaare sehen uns recht erwartungsvoll, ja einladend, an. Die meisten lächeln, als ob wir was Besonderes seien und das ist schön, obwohl wir ja nicht ihre Einzigen sind. Wir wissen es ja: Vor uns waren andere Kinder hier, die erst vor kurzer Zeit abgereist waren und bald nach uns werden auch wieder weitere Erholungsbedürftige folgen.
Nur, gleich alle Namen der Erwachsenen zu behalten, ist eine zu schwere Aufgabe. Das muss nicht sein. Die Erzieherinnen für unsere Jungengruppe – wir sind 20 Mann oder heißt es richtiger: wir sind 20 künftige Männer?) – sind Fräulein Hennersdorf und Fräulein Lange – wie wir sie ansprechen sollen. Eigentlich heißt Fräulein Hennersdorf Inge und ist sehr nett. Blond und hübsch anzuschauen. Die dunkelhaarige Gisela Lange geht genauso freundlich mit uns um – richtige Kumpelinen. Fast! Später erfahre ich, dass Fräulein Lange die Tochter unserer guten Köchin und des Hausmeisters ist. Alle Erzieherinnen sind sehr adrett – unter anderem mit weißer, gestärkter Schürze und weißen Söckchen gekleidet, was uns daran erinnert, dass wir uns in einem Erholungsheim zur Kur befinden und nicht etwa denken, wir hielten uns in einem Kinder-Ferienlager zum Spaß und Vergnügen auf. Unsere Erzieherinnen sind etwa so groß wie wir, wie die größeren Jungen unserer Gruppe. Sie sind bestimmt auch nur ein paar Jährchen älter als wir.
Anmerkung. Die gesamte Schilderung meiner Erlebnisse in Rautenkranz findet ihr auf der gleichen Internetseite unter : https://www.janecke.name/orte/rautenkranz Dort gibt es viele Bilder zu Rautenkranz und auch Beiträge anderer Erholungskinder. |
September 1959 – Mein 8. Schuljahr beginnt und ich bin immer noch im 14 Lebensjahr
Kunstschulungen
Nun sind die Großen Ferien vorbei und ich komme einige Tage zu spät zum Schuljahresbeginn. Wie schön, zu unserem Glück gibt es schon wieder eine Auflockerung, weil am 14. September unser Klassenlehrer, Herr Willy Donath (aus Bergholz-Rehbrücke, In den Gehren 4), Geburtstag hat. Herr Donath ist unser Klassenlehrer. Er ist schon älter und gemütlich. Gewiss wird er uns wieder etwas von seinen früheren Kunst-Studienreisen durch Italien erzählen.
Er war bereits vor dem Krieg Studienrat, eine Bezeichnung, ein Titel, die in der DDR keine Erwähnung / Würdigung mehr findet. Gewiss war ihm die frühere Epoche mit Malerstudienreisen wertvoller in der Erinnerung, als heute Jungen die Grundzüge des Zeichnens beizubringen, darunter auch solchen, die dazu nicht immer Lust haben. Das wirkt sich stark auf mangelnde Disziplin im Unterricht aus.
Dem Kunstsinnigen, eher Stilleren, war es nicht gegeben, sich als Lehrer „gewaltsam“ gegen Schüler zu behaupten, geschweige denn seinen Willen gegen die Schüler durchzusetzen, die zeitweilig nicht so mitarbeiteten, wie es wünschenswert gewesen wäre. Es war seine Sache nicht, sich mit „Ohrendrehern“, „Rippentrillern“, fliegenden Kreidestücken oder Schlüsselbunden durchzusetzen. Wenn es ihm im Unterricht zu laut, zu turbulent wurde, er jene aber nicht stärker zurechtweisen wollte, hatte er eine ganz eigene Methode für seine Nerven ein Ventil zu öffnen, angestauten Druck abzulassen. Und er begann während des Zeichnens verhalten zu sprechen, bis zum laut werdenden Deklamieren. Sein Text, den er stets beibehielt, lautete:
„Ja, ja, so war es und dann kam der Krieg. Die Brötchen wurden immer kleiner und kleiner und zuletzt waren sie nur noch auf Lebensmittelmarken zu bekommen. (Forte) Und du bist hier so faul in der Schule (abflauend) und deine armen Eltern sitzen nachts aufrecht im Bett, um die letzten Kupferpfennige zu putzen“.
Ja, Herr Donath ertrug diese Jungen wohl mit fast immer äußerlich scheinendem Gleichmut, ließ vieles über sich ergehen, seine Lebendigkeit war wohl eher gekapselt, nach innen gekehrt. Viel lieber hätte er uns wohl tiefer in die Kunst eingeführt, hätte er wissbegierigere Schüler gehabt.
Ich selber habe mich oft für Verhaltensweisen anderer Schüler geschämt, die keine Ohren, keine Augen, kein Verständnis für sein Wesen, für sein Wissen und Können hatten.
Er unterstützte sehr die unbeholfeneren Schüler beim Zeichnen. Manche Arbeiten stellte er in groben Zügen, schnell mit wenigen charakteristischen Strichen fast selber fertig. An die Tafel zeichnete er einmal einen Elefanten und versah diesen, als er fertig war, mit einem Löwenschwanz und dem Namen eines Mitschülers. Ein großes Werk, dass er uns aufgab war, unsere Vorstellung von einer Mondlandschaft zu Papier zu bringen. Zwar war noch niemand dort aber trotzdem ähnelten sich die Zeichnungen sehr, weil ja jeder Kleinstkünstler auch Betrachter der Zeichnungen der anderen Mitschüler war. Es gab mächtige Krater und Raketen zu sehen. Ich versuchte die laute Umgebung für mich abzuschalten und war vom Gefühl her selber auf dem Mond – eine geraume Zeit. So etwas ist dem Lehrer nicht entgangen und so wird er in mein nächstes Jahres-Zeugnis schreiben: „Christoph ist ein ruhiger Schüler. Seine Haltung war stets gut, doch zeitweilige Verträumtheit lässt ihn dann und wann die Wirklichkeit verpassen“. Kann es sein, dass er sich in diesen Worten etwas spiegelte?
(„Seine Haltung …“ wie meinte er denn das eigentlich? – hatte ich mich doch auch mal geflegelt oder krumm gesessen).
Ich besuche Herrn Donath auch nach seinem Ableben in Bergholz-Rehbrücke. Er hätte es sehr verdient, von den Schülern mehr freundliches, aufmerksames Entgegenkommen erfahren zu dürfen.
Unserem Klassenlehrer und seiner Frau – zum ehrenden Gedenken: |
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Willy Donath |
* 14. September 1910 |
† 14. Februar 1997 |
86 Jahre alt |
Liselotte Donath |
* 10. April 1919 |
† 01. September 1970 |
61 Jahre alt |
Das Unterrichtsfach Geschichte haben wir in diesem Jahr bei Fräulein Heinrichs, einer brünetten hübschen Lehrerin. Sie vermittelt uns über längere Zeiten etwas über den Bau der Bagdad-Bahn. Bei ihr ein wochenfüllendes Thema. Ob sie selber daran beteiligt war?
Was noch anzumerken wäre: Unsere Klassenstärke ist etwas schlanker geworden. In den Großen Ferien sind auch Detlef A. und Hartmut Sch. umgezogen – als Angehörige ihrer Familien. Allesamt. Nun braucht die Bundesrepublik wahrscheinlich wieder einige Gastarbeiter weniger anzuwerben.
UTP – das ist alle zwei Wochen, der Unterrichtstag in der Produktion.
Im vorigen Jahr waren wir in der LPG Satzkorn, einer landwirtschaftlichen Genossenschaft.
In diesem Schuljahr haben wir den „Unterrichtstag in der Produktion“ im Volkseigenen Gut Sputendorf, Betriebsteil Schenkenhorst. Der Künstler unter den Lehrern, Herr Donath, fungiert als unser bäuerlicher Begleiter.
Das volkseigene Staatsgut war bis zur Enteignung 1945 ein Rittergut. Hier können wir praktisches lernen und helfen, noch besser um die Erfüllung des Staatsplanes zu ringen. Da ist es gut, dass wir nicht wie im Vorjahr, mit dem Zug fahren und noch laufen müssen. Wir sparen Zeit. Wir werden auf einem Lastkraftwagen, der mit einem „Glaskastenaufbau“ ausgestattet wurde, von der Schule abgeholt und auch hierher wieder zurück gebracht; man kann das Fahrzeug vielleicht auch einen schlichten aber robusten, sehr hochrädrigen Auto-Bus nennen.
Der Lehrkörper folgt dem Ulbricht folgsam. Einige Schüler folgen dem Lehrkörper freudig.
In der Versorgung der Bevölkerung gibt es immer mal ständige Engpässe, sagen die Optimisten. Irgend jemand hat gegen den Mangel eine gute Idee. Das Politbüro der SED greift diese auf und für unsren derzeitigen Stellvertretenden Ministerratsvorsitzenden Walter Ulbricht wird die Idee in einen Aufruf umgeformt. So ruft er diesen in dem von ihm bekannten „Timbre“, um die Menschen aufzurüttelnd zu begeistern: „Mehr Fleisch für die Volkswirtschaft, Genossen, ja?“, ruft er. Und sinngemäß hängt dort still daran: Macht euch Gedanken, habt Ideen. Von manchem als Hilferuf aufgefasst, gar als ein Flehen, von anderen als Befehl gehört. Nur Letztgenannte lagen richtig mit ihrem Empfinden, die übrigen lernten es noch. Auch unsere Genossen Lehrer hören Ulbricht aufmerksam zu und reagieren und es reift der Gedanke. Wir werden auf dem Schulhof Kaninchen züchten und mästen und so einen wertvollen Beitrag leisten und haben 'was Konkretes zum Abrechnen der Verwirklichung jenes Aufrufes. Wir ??? Ich sehe das betretene Schweigen des Lehrerkollegiums vor meinem geistigen Auge. Sie brauchen sich aber nicht ängstigen, solch ein Parteiauftrag läuft für Beteiligte oft völlig harmlos, ohne weitere Beteiligung. Man muss es ihnen plausibler erläutern, man muss das Problem und dessen Lösung „auf breite Schultern verteilen“ – so wird der junge Genosse und willige Biologielehrer Fritz-Peter Gnerlich beauftragt, eine Arbeitsgemeinschaft „Junge Kaninchenzüchter“ zu bilden, aus verständigen FDJ-Mitgliedern, Pionieren als Nachwuchs und, notfalls aufgefüllt mit anderen Schülern. Kurz: Das größte Jugendobjekt der Schule soll entstehen. Soll aus dem Boden gestampft werden. So etwa läuft das Thema aber auch in anderen Schulen. Man war etwa der Auffassung: „Zehntausende aufwendig dezentral und ganz nebenbei von Kindern gemästete Kaninchen könnten vielleicht den Inhalt eines kleineren Schweinestalls aufwiegen. Das wird sich für unsere Volkswirtschaft gut rechnen“.
Die Werbe-Praxis seitens des Lehrkörpers zeigt, dass die FDJ-ler nachmittags immer sehr viel anderes zu tun haben, schon total überlastet sind, wie's scheint. Mitglieder der Pionierorganisation zu gewinnen scheint dagegen leichter, denn siehe: fast alle Schüler sind ja sowieso bei den Pionieren – ja, da haben wir schon mal Frank Ni. Irgendeinen vergessen? Es gibt anfangs temporär Mitschaffende. Von den anderen übrigen, nicht als Pionier organisierten Schülern ist da: Christoph J. – In einem Jahr bekommen wir Mädchen in unsere Klasse. Dann wird auch Uschi Stö. mitmachen – doch das kann momentan noch niemand wissen.
Der „übrige Schüler“ Christoph J. wird also zum Leiter der ehrenamtlichen „Kaninchenzüchterbrigade“ bestimmt. Ansprechpartner für die Schulleitung soll er sein. Es bedarf nicht des Herausstellens einer Funktion, eines Namens, einer Person der Jungen untereinander. Die Wenigen, die sich gern zum Mitmachen bereiterklärten, geben gleichberechtigt und gleichermaßen ihr Bestes. Zuerst bauen wir in der „Station Junger Techniker“, im früheren Forsthaus, Friedrich-Engels-Straße, Ecke Friedhofsgasse Nr. 2, die Ställe für die Tiere nach unseren zeichnerischen Entwürfen. Das gemeinsame Werken an den Nachmittagen macht Freude, schweißt uns besser zusammen als der Schul-Unterricht es vermag und es ist gut zu sehen, wie das gemeinsame Werk vernünftige Formen annimmt.
Dort, in der Station, stehen auch viele nagelneue Waschmaschinen zum Ausschlachten. Eine Versuchsproduktion von Ultraschall-Waschmaschinen, mit dem Namen „Waschbär“, die beim Waschen wohl nur ganz leise summen, ohne großartige Wäschebewegung und -durchwirbelung und ohne verschleißende Beanspruchung ganz toll reinigend wirken sollen. Ein neuer Zauber, ein großes Wunder! – Man munkelt aber, dass die Maschinen die Wäsche nicht sauber bekommen, hingegen versuchsweise illegal zum Schwangerschaftsabbruch genutzt wurden – und deshalb hier zum Basteln stehen. Falls mal wieder jemand eine Idee hat oder einen Hilferuf ausstößt oder einen Befehl erteilt – dann findet man hier eventuell eine hervorragende Materialreserve und kann gleich aktiv loslegen ... denn aus den neuen Waschmaschinen haben wir keine Kaninchenställe gebaut.
Nachdem wir unsere eigenen Stall-Bauten für hinreichend gut befunden haben, bringen wir sie per Handwagen auf den Schulhof. Auf den ruhigen Schul-Sportplatz hinter den Toilettenpalast, der den vormals großen Hof halbiert. Sodann beschaffen wir mit Sicheln und Säcken von den volkseigenen Nuthe-Wiesen Grünzeug und lassen es auf dem hinteren Schulhof bei mehrfachem Wenden zu duftendem Heu werden. Es soll das Heim der Tiere zur Begrüßung gemütlich machen: Die erste Einstreu, das erste Raufutter. Hernach erhalten wir die Berechtigung mit Bezugsschein, im Rahmen der sozialistischen Hilfe einige Kaninchen (Blaue Wiener, Widder und Promenadenmischungen) im „Haus der Pioniere“, Potsdam, „Am Neuen Garten“ bargeldlos einzukaufen. Der Transport per Einkaufstasche mit der Straßenbahn klappt vorzüglich.
So, da sind sie nun in neuer Umgebung und mit ihrem Erscheinen ist die erhöhte tägliche Verantwortung da. Man kann auch sagen: Die Schulleitung mitsamt dem Pilei (Pionierleiter) ist gut bei ihrer Verpflichtung weggekommen, haben diese mit dem 1. Teil bereits bravourös erfüllt. Wir legen ihnen dieses Ergebnis für ihre Abrechnung nach oben uneigennützig souverän-salopp vor, nicht völlig ohne Stolz und wir machen diese Arbeit auch gerne. Vor allem schneiden wir nachmittags von den Wiesen Gräser als Frischfutter und für den Winter als Heu. Möhren, Kartoffeln und Co. zweigt jeder mal von zu Hause ab. Verschiedene Schüler bringen Kartoffelschalen mit. Große Rüben bringen wir vom UTP im VEG Sputendorf mit. Zu Feiertagen gibts auch mal Haferflocken. Für Kleie bekamen wir einen Berechtigungsschein zum kostenlosen Bezug von der VEAB (Volkseigener Erfassungs- und Aufkaufbetrieb, hier für landwirtschaftliche Produkte), den Herr Gnerlich erwirkte. Auf dem kargen Boden des Schulhofs bauen wir Markstammkohl an und die Kaninchen selbst liefern dazu den Dünger frei Haus.
Unser Tagesablauf ist ein regelmäßiger: Frühstücks-Füttern vor Beginn des Unterrichts, nach dem Rechten sehen in den Großen Pausen, nochmals zur Schule zum Füttern, Ausmisten usw. zur Abendbrotzeit, zwischendurch Schularbeiten, Hausaufgaben erledigen und auf entfernteren volkseigenen Wiesen Futter „werben“, eintreiben oder zusammensuchen – in jedem Falle aber sicheln, schneiden, heranschleppen. Auch Sonnabends / Samstags ist in jener Zeit sowieso noch Schultag aber auch am Sonntag knurrt den kleinen Pelzen der Magen. So sind wir täglich mit der Schule verbunden. In den Ferien darf jeder mal wegfahren. Wir lösen uns kameradschaftlich ab. Es ist eine sehr kleine, feine, eingespielte kameradschaftliche Truppe. Gegen Mucki-Diebe sicheren wir die Tordurchfahrt des Toilettenpalastes mit einem „Sperrfix“ – einen Zweitschlüssel hatte der Sportlehrer.
Wir hatten aber auch Rückschläge. So bekamen wir eine Myxomatose, eine Virus-Infektion in den Bestand, die weitgehend tödlich verlief.
So geht unser Mühen vom September 1959 bis zum Frühsommer 1961 (8. / 9. Schuljahr). Und wir dürfen froh sein, während dieser Zeit in vorderster „Nationaler Front“ einen sehr kleinen, höchst wichtigen Beitrag zur Versorgung der Bevölkerung und zum weiteren Aufbau zu tun. Jeden Tag.
Das ist unser Erfolg! Hierin steckt unser Lohn! Wer dann aus der sozialistischen Bevölkerung diese Kaninchen verzehrte, haben wir nie erfahren. Es ist auch egal – ob die Schuldirektorin, Herr Meier Lieschen Müller oder der Große Initiator Walter Ulbricht. Wir, als die Vertreter der hier ganz konkret langzeitig und mit eigenen Zuschüssen wirkenden Schüler-Arbeiter(klasse) wurden zumindest nicht gefragt, ob wir „Bedarfsträger“ für Kaninchenfleisch seien – war auch nicht nötig. Wir hätten sowieso: „Nein, danke“ gesagt – waren doch die „Muckis“ für uns inzwischen Familienangehörige.
Den Werbeslogan „Nimm ein Ei mehr“ (statt Fleisch) war noch akzeptabel aber der Beitrag „Kaninchen sind gesund“, meinte tatsächlich dieTierchen, wenn sie tot waren.
Nach uns war niemand mehr bereit, dieses persönlich aufwendige, uns täglich stark fordernde Vorhaben weiterzuführen. Das hat wohl auch der Genosse Ulbricht für den großen Landesmaßstab eingesehen und ein solches Thema fallen gelassen. Es wird neue Einfälle geben.
Ein entfernter Bekannter ist fort, ist entfernt worden
Auch während dieser Zeit verlassen weiterhin viele Menschen die Republik. Der Großteil „hält aber die Stange“. Es kursiert der Mut-Machende, vielleicht etwas hämische Treueschwur: „Und ist der Weg auch hulperich, wir bleiben doch bei Ulberich“. So was bitte nur hinter vorgehaltener Hand. Witzchen solcher oder ähnlicher Art können bereits für den Erwachsenen Gefängnis bedeuten.
Ein Bekannter von einem meiner Bekannten ist nun fort. Bei einer fröhlichen Geburtstagsfeier in der Hausgemeinschaft spielte er Musik vom Tonbandgerät. Dabei wurde gewiss auch etwas Alkohol getrunken – zumindest war die Aufmerksamkeit dieses Tonbandbesitzers nicht mehr ganz auf dem benötigten Spitzenwert und die Hausgemeinschaft hörte plötzlich vom Tonbandgerät den westdeutschen Entertainer und Komiker Peter Frankenfeld, der gerade einen Witz über die DDR-Regierung, „über Pankow“, zum Besten gab. Niemand der kleinen Gesellschaft schien Anstoß daran zu nehmen, vielleicht ging mal einer zum Pinkeln – doch einige Zeit später löste die Volkspolizei die Feier auf und nahm das Tonbandgerät und dessen Besitzer zur Klärung eines Sachverhalts mit. Etwa eineinhalb Jahre kostete ihn diese kurzzeitige leichtfertige Sekunden-Unaufmerksamkeit, eine Zeit im Gefängnis bei harter Straflagerarbeit. Das Tonbandgerät blieb eingezogen, wurde vermutlich zum Volkseigentum.
Und die Musi spielt dazu
Wir haben wieder einen Musiklehrer. Dass der sich hier bei uns verdingt? Er, Siegfried L. ist eigentlich der Chef einer uns bekannten „Combo“. Er redet uns, das Klassenkollektiv, stets ganz kumpelhaft mit „Männer“ an und schätzt die Pflege flotter Tanzmusik. Ooch – bald schon isser wieder wech. Dieser aber musste wohl, ob er nun wollte oder nicht.
Von der Schule aus sehen wir den Film: >Ein Menschenschicksal<. Ein sowjetischer Film über das bewegende Schicksal des Soldaten Andrej Sokolow im Zweiten Weltkrieg.
Wir haben großes Glück
Mit unserem Biologielehrer, Herrn Gnerlich, er ist jetzt 26 Jahre alt, haben wir großes Glück. Fritz-Peter heißt er und ist der Sohn des Fritz Gnerlich in Camburg bei Jena. Wir kommen prima mit ihm aus. Und ich habe das ziemlich sichere Gespür, dass dieser uns nicht so schnell abhanden kommen wird wie andere Lehrer, denn:
1. sucht er Potsdam nicht als ein kurzzeitiges „Sprungbrett“ in den Westen, denn er ist schon vier Jahre hier, weil er an der Potsdamer Pädagogischen Hochschule studiert hat.
2. Er ist Genosse der SED. Schwamm drüber – wissen wir doch aus Erfahrung, dass das nicht viel bedeuten will.
3. Es geht ihm trotz blühender Jugend nicht so gut – er hat leider so'was dramatisch-rheumatisches, da würde er sich im rauen, rücksichtslosen Westen schwerer durchsetzen, dort würden ihn die kapitalistischen Wölfe wohl zerfetzen.
4. Und überhaupt täte ihm wohl hier in der vertrauten Fremde eine feste Familienbindung gut.
Abriss befohlen
Die Ruine des Potsdamer Schlosses am Alten Markt beginnt man seit einiger Zeit abzureißen. Man braucht sie nicht als Teil des Stadtzentrums. Ein Stadtzentrum gibt es dort ohnehin nicht mehr – während unserer Zeit noch nie! Man benötigt nicht so ein großes Gebäude, dessen Umfassungsmauern im wesentlichen noch fest stehen. Zwar schufen es Arbeiterhände aber bitte für wen? Wem, wem, diente es, na? Richtig! Und deshalb fort damit. Wir beerdigen damit den Feudalismus, den Monarchismus, der schließlich in den Kapitalismus und in seiner Höchststufe, in dem nationalsozialistischen Faschismus mit dem Chauvinismus endete.
Friede den Katen – Krieg den Resten der Paläste(n).
Im Gesundungshaus verliere ich keine Backzutaten
Wenn wir mal eine Erkältung mit Angina tonsillaris im Halse hatten, gab es statt festen Brotes bei schmerzenden Schluckbeschwerden eine große Tasse gesüßter Milch, mit eingeweichten Weißbrotwürfeln. Dieses Vergnügen endet jetzt bei dieser Art von Gesundheitsstörung. Zumindest wird die Erkrankungsnebenursache aus dieser Welt geschafft. Nach meinem herbstlich-grippalen Infekt sollen nun die Rachen-Mandeln, die ja ihren Nutzen nur haben solange sie gesund sind, entfernt werden. Dazu schreibt uns Herr Dr. med. Kurzhals, Facharzt für HNO, er hat seine Praxis in der Straße der Jugend 21, eine Überweisung für das St.-Josefs-Krankenhaus aus, wo er auch operiert. Dort ist für mich ein Aufenthalt vom 13. November bis 23. November vorgesehen. 10 Tage für zwei Mandeln. Der Operateur ist also Dr. Kurzhals. Es könnte sein, dass er in der Halswirbelsäule einen Wirbel weniger besitzt als ich.
Das Krankenhaus ist sehr katholisch. Für eine Aufnahme des Patienten ist diese Konfessionszugehörigkeit jedoch kein „Muss“. Die Stationsschwester heißt Gregoria, nicht Fräulein, nicht Frau, sondern Schwester Gregoria. Wer einmal mit ihr zu tun hatte, wird sie kaum jemals wieder vergessen können: Eine hünenhafte Matronenfigur – sowohl auf die Höhe, als auch auf den Durchmesser bezogen. Die Breite des Türausschnitts gut ausgefüllt mit der schwarz-weißen, weit ausladenden Flügelhaube für ihren Großkopf. Hinter der Stimme dieser Burschikosen, hätte sich jede Wagner-Sängerin verstecken können. Das war eine Stimme, ähnlich der eines bärenhaften Feldwebels, bei der man jeden aufkeimenden Widerspruch hinunterschluckte bevor die Zunge versucht hätte, diesen zu artikulieren. Aber ein grundgutes Herz hat man ihr zugebilligt.
Im Zimmer sind vier junge Männer untergebracht. Komisch. Durch die Tür darf nur das Personal treten. Neben der Tür hat die Wand eine Rundglasscheibe, ein „Bullauge“. Hinter jenem können Angehörige vom Flur aus mal still durchs Glas winken oder ihre Mätzchen machen. Es lohnt den Aufwand des Herkommens nicht. So streng sind hier die Bräuche. Man gewinnt von sich den Eindruck, dass man hochinfektiös sei oder zumindest besonders giftig. Vielleicht möchte man tunlichst verhüten, dass irgendwelche Krankenhauskeime aus den Zimmern auf Besucher überspringen? –
Also am 14. November bin ich dran. Als Außenstehender denkt man: Der Patient kann ja in dieser Zeit schön schlafen – ein wahres Vergnügen wird das sein.
Nun, 1959 sieht das noch anders aus. Zwar war es ein Segen, dass jemand die Äthernarkose überhaupt erfunden hat aber es war ja beileibe nicht so wie heute: Kleine Spritze – einschlafen – netter Traum – na, gut geruht?
Zu „meiner Zeit“, im „Ätherzeitalter“ war das anders. Erst kam das Anschnallen bei lebendigem Leibe auf dem OP-Tisch. Dann kam die Tropfmaske, dann der Äther. „Na, dann beginne jetzt mal langsam laut zu zählen – von 1 bis ... “. Man hörte die einzelnen Tropfen fallen, bald entfernt tönend wie auf eine Metallplatte, dann das sich Wehren gegen das entsetzliche Gefühl des Erstickens (deshalb die Ledergurte), bei 23 kam ich mit dem Zählen ins Stocken, dann hörte ich noch: „Hör' mal, wie tief der atmet – jetzt schläft er“. Und mir fehlte die Kraft um zu rufen: „nein, er schläft überhaupt noch lange nicht“ – bis mich Morpheus endlich in seine Arme nahm.
Aufwachend fühlte ich Schnüre durch den Mund gespannt, an einem Ende an blutstillenden Tampons im Halse steckend, die äußeren Enden mit Heftpflaster außen an den Wangen angeklebt.
Kaum hatte man sich etwas erholt, wurden dann die blutverkrusteten Tampons mit kurzem, scharfen Ruck aus ihrer Verklebung der Wunde gerissen. Der Doktor war ein starker Mann seines Fachs. Ich hörte die Englein singen. Das aber war nur mein eimaliger Eindruck, weil sich keine Gewöhnung daran einschleichen brauchte – wurden mir doch nur einmal diese Mandeln herausgeschält. Zum Trost gab es aber an jedem Tag gegen den Wundschmerz im Hals ein kleines Speiseeis – es sollte angeblich geeignet sein, die Wundflächen und deren Umgebung stundenlang, ganztags, zu kühlen. Als Kompott zu diesem Eis, gab es Malzbier. Damals war das Reinheitsgebot noch nicht so streng, deshalb bekamen auch kleine Kinder dieses M.-Bier. Ende des Jahrhunderts werden wir uns dann eher ein Malzgetränk oder einen Malztrunk einschänken. Und der therapeutische Zweck des Ganzen? Ich hörte „von anderer Seite“, dass Malzbier den Milchfluss anregen würde. Und wie gerne hätte ich gewusst, was es da so auf der Jungenstation mild bewirkt ... . Es gibt immer noch Geheimnisse im menschlichen Leben!
Nach zehn Tagen war ich wieder draußen und dann kam mein kleiner Bruder dran. Ich habe ihm aber alle meine Erlebnisse vorerst verschwiegen. Der Erfahrungsaustausch kam erst hinterher.
Die schöne Auswertung zum Ergebnis dieser Quälerei nahm ich dann alleine vor: Ich hatte nie wieder eine Angina tonsillaris, kaum eine so genannte Erkältung. Schnee fegen konnte ich nun, nur mit der Badehose bekleidet. Danke Herr Dr. Kurzhals, danke Schwester Gregoria.
Das '59-er Weihnachtsfest steht bald vor der Tür
Werbung von unerwartetem Erfolg gekrönt
Und deshalb gibt es auch in der Schule so manche Winter- und Weihnachtsgeschichte. Unser derzeitiger Russischlehrer, das ist ganz toll, verliert sich oft in langen Geschichten, in denen das Russische an sich nicht die vorderste Stelle einnimmt. Der Lehrer heißt mir Nachnamen Kuleschir und kommt aus dem rumänischen Halbbruderland. Na ja? Der blasse Herr Kuleschir: äußerlich groß, mit breiten Schultern, schütterem grauen Haar, dieses mit Wasser gefestigt über den glatzialen Teil gekämmt, großer würfelähnlicher Kopf, schmale Lippen mit hängenden Mundwinkeln. Er stellt für mich einen optischen Widerspruch in sich dar. Wer weiß, was er alles durchlebt hat? Er hat es wohl nicht immer leicht. Aber wenn er aus der Heimat, die er aus Gründen verließ, erzählen kann, lebt er förmlich auf. Das freut uns und wir hören ihm gern zu. Als Freund der Jugend redet er uns sehr gern mit „Freunde“ an und wir lassen ihn gewähren. Ein Widerspruch wäre 1. unsinnig, 2. vielleicht dem Zensurenspiegel abträglich und 3. wissen wir schon lange aus dem traurig-hoffnungsvollen Lied „Jugend aller Nationen...“, dass Freundschaft siegt. Aber Herr Kuleschir ist sich wohl noch nicht völlig sicher, dass wir jeder seiner Geschichten unbedingten Glauben schenken – und so wird er nicht müde, öfter zwischendurch daran zu erinnern: „Genau so war es, Freunde! Ein Lehrer lüget nicht!“ – Ich weiß nicht genau warum, aber die meisten Schüler reden ihn mit Herr Kulischeer an, das flitzt wohl ungehinderter über die Zunge, und komischer Weise hat er, soweit ich weiß, dem nie korrigierend widersprochen. Er war so etwas wohl auch nicht gewohnt und nicht geübt. Er war zu uns stets freundlich, soweit ich mich richtig erinnere. – Heute ist wieder mal die altbekannte Geschichte von seinem Bruder dran, also dem Kuleschir, der da wohl immer noch in der Gegend, wo einst Graf Dracula ... Jedenfalls: „Freunde, das muss ich euch erzählen. Mit meinem Bruder habe ich nichts mehr zu tun. Er ist ein Pfaffe in Rumänien – ich hab‘ mit so'was, njet. Er hat nichts richtiges gelernt. Er hat bloß Theologie studiert. Otschen plocho. Alles nicht so gut. Oft muss er, wie jetzt oder schlimmer, im tiefen Winter durch die Wälder der Karpaten in entlegene Dörfer, nur weil dort jemand stirbt oder heiratet und dazu seinen Beistand braucht. Keine so gute Arbeit wie hier bei euch, bei uns. Und die hungrigen Wölfe in der Nacht, die grüngelben Augen, die leuchten dann wie die Laternen am Schlitten. Wenn sie die trabenden Pferde anfallen wollen und er dann mit der Peitsche ... alle rettet. Ja, Freunde glaubt mir das. Ein Lehrer lüget nicht.“ ... und so weiter.
Das erfordert schon, dass wir denken: Alle Achtung! Ja eine gewisse Hochachtung wäre oft schon angemessen, wenn eben nicht gleichzeitig so vieles „sehr schlecht“ wäre, wie er sagt.
Und allen ein frohes Weihnachtsfest
Herr Kuleschir hat Kummer. Wir können es nachfühlen. Wir können es deutlich ablesen: Seine Mundwinkel im breiten blassen Gesicht hängen herab. Das Jahresende naht und er hat das ihm von der Parteigruppe übertragene Ziel nicht erreicht, den Plan nicht erfüllt. Aber der Mann kann doch gar nichts dafür! Man wirft ihm vor, er hätte zu wenig getan. Das ist schwerwiegend. Als hehres Ziel hatte er wohl den Auftrag bekommen, die Anzahl der Pioniere unter den Schülern deutlich von etwa 85% auf möglichst 100% zu erhöhen und den Anteil-Rest der „der nur Schüler“ um etwa den gleichen Betrag zurückzudrängen. Es gibt zwar „nur Schüler“ (ich denke dabei auch an mich), die gesellschaftlich äußerst positiv aktiv sind, „fortschrittlicher“ als mancher Pionier und unter denen auch noch weniger Republikflüchtlinge sind als unter den Pionierfamilien – aber das wollen wir hier hin nicht in die Waagschale hineinplumpsen lassen, denn darum geht es ja nicht in seinem Auftrag. Er soll nicht abrechnen, was diese jungen Leute, diese „nur Schüler“ denken und auch nicht das, was sie alles tun. Er soll das Pionierbeitritts-Soll erbringen und das bereitet ihm große Sorge und schlafarme Nächte. In den Parteiversammlungen steht unter anderem stets der Punkt „Kritik und Selbstkritik“ auf der Tagesordnung. Für ihn bleibt wohl nur die sorgfältige Ausarbeitung der zweiten Sparte. Er tut mir leid. – Ich weiß aber, ich könnte einen Beitrag leisten und den Genossen Kuleschir ein wenig retten. Es liegt nur an mir, es liegt in meiner Hand – wie mit einem Fingerschnips ... alles ist so einfach ... ein organisierter Pionier in der Pionierorganisation zu werden. Ein Schüler – dann in vorderster Stellung – das sind doch fast alle! Was man mitbringen und einhalten soll ist mir altbekannt. Ähnliches gibt es doch sinngemäß schon seit hunderten, ja seit tausenden von Jahren. Das mache ich alles sowieso. Ich gucke aber noch mal nach, ob ich alle Eignungen für einen vorbildlich-wahren Pioniercharakter wirklich mitbringen würde.
Irgendwelche Vergleiche mit anderen, „die schon längst über mir stehen“, also Vergleiche mit der Realität außerhalb von mir, verkneife ich mir, sie sind nicht nötig, wären eher hinderlich.
Also los: Es geht bei den Eigenschaften, die einen Pionier vor anderen Schülern auszeichnen, um folgende Eigenschaften:
Lieben und achten muss er: das Vaterland, die Eltern, den Frieden, die Arbeit, die arbeitenden Menschen, die Wahrheit. – Geht in Ordnung –
Machen: Er muss sich vertraut machen mit der Technik und den Naturgesetzen – Ja, gewiss –
Halten: Der Pionier muss Freundschaft halten mit allen (na, ja), sowie den Körper sauber und gesund halten sowie Sport treiben. – Einverstanden –
Lernen: Er soll die Schätze der Kultur kennenlernen. – Natürlich, gerne –
Sein soll er: zuverlässig und fröhlich. – Stets im Rahmen des Möglichen –
Und für einen zeitlichen Anschluss: Die Verpflichtung zur Fortsetzung als wertvolles Glied der „Freien Deutschen Jugend“. Was ich heute noch nicht lesen kann: Später wird es heißen ... als Kampfreserve der SED. Ist das schon eine Vorentscheidung anderer über den mündigen Menschen vom Kindesalter bis zum Arbeits- oder Lebensende? Das allerdings fühlt sich doch schon etwas zu engbrüstig an. Für die anderen demokratischen Parteien soll dann überhaupt kein Nachwuchs mehr, keine „Kampfreserve“ mehr übrig bleiben? Diese Parteien „austrocknen“? Wird keine andere Partei mehr übrigbleiben? Vergleiche zur Jugendzeit unserer Eltern und dem gesellschaftlichen Rahmen jener Zeit drängen sich immer wieder mal auf – selbst, wenn diese nicht vergleichbar sind. Darüber wollen wir später, wenn wir es erfahren, nachdenken und zu gegebener Zeit darüber plaudern und es dann möglichst vernünftig ausleben. Versprochen. Ich komme darauf zurück. –
In der Geschichte gab es gemäß der Bibel, vielleicht etwa 1.500 bis 1.000 Jahre vor unserer heutigen Zeitrechnung, die Gesetze für das wahre Mensch-sein, an Mose gegeben und von ihm an das Volk Israel gerichtet. Darin lesen wir, dass im Prinzip die Menschen fast alles dürfen, was die Weisheit als gut und richtig betrachtet. Weil es aber recht unterschiedliche Auffassungen, Auslegungen und manche Zweifel gibt, wird kurz, in zehn Punkten dargestellt, was zu beachten, was den Menschen geboten ist. Ich formuliere es hier so, wie ich es verstehe und was ich mir heute darunter vorstelle.
Du sollst keinen anderen Göttern dienen: Das bedeutet mir ...
- Erkenne die Urkräfte des Universums (an) und das Vorhandensein kosmischer
Naturgesetze.
- Trachte nicht danach Schätze anzuhäufen, nur um diese zu besitzen („Götzen“).
- Hänge dich geistig / geistlich nicht an vermeintliche „Übermenschen“ – vermeide es, ein
Anhänger von Personenkult zu sein.
Du sollst das Beste, also das Göttliche, bewahren, in Ehren halten, und damit keinen Missbrauch (auch keinen sprachlichen) treiben. Du sollst nicht fluchen oder lästern.
Du sollst an Sonn- und Feiertagen von der Arbeit ausruhen und diese Zeit zur Erholung und „Erbauung“ nutzen. Die Schönheit der Natur, auch Werke der Menschen betrachten.
Du sollst Vater und Mutter ehren sowie genauso deine Vorfahren, Verwandten, Freunde und weitere Mitmenschen.
Du sollst nicht töten. Insbesondere nicht aus fehlender Notwendigkeit, nicht aus Hass, nicht auf den Befehl anderer, nie „aus rohem Spaß“.
Du sollst nicht ehebrechen.
Du sollst nicht stehlen.
Du sollst kein falsches Zeugnis reden. Keine wissentliche Falschaussage abgeben. Du sollst nicht lügen.
Du sollst das Eigentum anderer ohne Neid achten, ohne es dir aneignen zu wollen. (Das 9. und 10. Gebot habe ich hier in diesem einen Punkt zusammengefasst.)
Über allem aber steht sinnbildlich: Alles was du denkst und tust, mache es mit warmen Herzen, mit helfender Hand, mit Liebe – sei in deinem Leben nie „lau“ und gleichgültig.
Das ist schon ein ganzer Sack von Anforderungen an Moral und Ethik, die damals vor rund 2.000 Jahren die entstehende christliche Religion übernommen hat. –
Nun also kommt mein Weihnachtsgeschenk für Herrn Kuleschir:
Es ist ein Entgegenkommen von mir, ohne das Aufgeben der eigenen Grundsätze.
Dazu mache ich mich innerlich völlig frei. Völlig befreie ich mich von dem Einfluss eines bisherigen äußeren Drucks, ich befreie mich von dem deutlichen Empfinden des bisher vordergründig spürbaren Holzhammers, ich befreie mich innerlich von der Anteilnahme an dem vormilitärischen Gehabe. Ich konzentriere mich auf die alten immer gültigen menschlichen Werte. Für jene setzte ich eben die bejahenden Häkchen. Ich weiß, dass ich schon immer für meine Heimat und deren umfassende Pflege bin, für die Eltern, sinnvolles Schaffen, soziales Verhalten, Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit, Zuverlässigkeit, Fröhlichsein + Singen, Reinhaltung von Körper und Geist, für Kultur, Natur, Technik, Frieden, Freiheit, Freundschaft, Solidarität, Völkerverständigung, Gerechtigkeit, für freimütigen Meinungsaustausch, ohne mich verbiegen zu müssen, ohne das Mäntelchen in eine wechselnde Hauptwindrichtung zu hängen – für mich ist das vorerst Wesentliche klar ... und ich gehe ebenso die zusätzlichen Punkte der vorstehenden Zehn Gebote durch, bei denen ich gleichfalls und genauso danach strebe sie zu erfüllen.
Ich überreiche also unserem Russischlehrer, dem eingezwängten Herrn Kuleschir, meinen sauber ausgefüllten Antrag zur Aufnahme in die Pionierorganisation, denn er jammerte deswegen schon lange – und, ihr wisst ja, er dauert mich. Mancher Wunsch findet seine (weihnachtliche) Erfüllung.
Er
kann es kaum glauben. Er liest das bekannte Formblatt langsam, prüft
es ausführlich. Ich kann es kaum glauben – er umarmt mich nicht
direkt aber legt mir pseudoväterlich die Hand auf die Schulter, so
wie man eben einen zu weihenden Jungmann zum Ritter schlägt und
spricht: „Christoph, ich habe schon immer gewusst, dass du ein
guter Sozialist bist“. Das ist mir zutiefst klar, (egal wie man es
in welchem System auch gerade benennt). Ich habe ja oben auch die
Kriterien abgewogen und mit leichter Hand abgehakt, dafür bedurfte
es nicht der Bestätigung durch andere. Und der Lehrer, Genosse
Kuleschir, ist ein wahrer Menschenkenner. Das Stück Papier bewegte
ihn, mich und meine ohnehin gefestigte Gesinnung spontan zu erkennen.
Ob wir aber innerlich alles ganz genauso meinten, wie es
äußerlich schien, blieb dahingestellt.
Ich denke, der Pioniergeburtstag, das Weihnachtsfest und die ihm drohende Soll-Abrechnung des Parteiauftrages fielen bei Herrn Kuleschir recht günstig zusammen. Und ich durfte das mit meinem bescheidenen Beitrag ein kleines bisschen mitlenken.
Jetzt habe ich plötzlich die Eigenschaften eines vorbildlichen Pioniers – und bin nach wie vor derselbe Mensch. Alle Ziele und auch das Pioniertuch habe ich in Ehren gehalten, letzteres war bei dem nach kurzer Zeit altersgemäßen Ausscheiden aus der Pionierorganisation, (am Ende dieses Schuljahres) noch ausgezeichnet erhalten.
Au weia, Weihnachtsfeier
Wir zwei Schüler haben den Drang, den Klassenraum kurz vor den Weihnachtsferien mit einigen Kiefern- oder Fichtenzweigen zu schmücken und sind mit den Fahrrädern, einer kleinen Handsäge und dem alten Rucksack, in die Ravensberge gerollt. Als wir gerade den künftigen Raumschmuck mit dem Fuchsschwanz ... (Fuchsschwanz passt doch schon mal recht gut zum Wald, nicht wahr?) ... trat aber ein bewaffneter Forstmann sehr ernst aus seinem Versteck. Fast schien es so, als hätte er uns schon erwartet. Wir hätten kaum jemandem geschadet, denn im Allgemeinen werden von den Weihnachtsbäumen die untersten Zweige sowieso entfernt. Da wir weder einen Ausweis noch Strafgeld dabei hatten, konfiszierte der Forstmann die Corpi delicti: Säge und Sack, die wir tags darauf im Forsthaus auslösen sollten. „Ja, bitte gern, dann und tschüß – bis bald“. – Unsere wirtschaftliche Vergleichsrechnung mahnte uns jedoch, lieber die Rostsäge im alten Sack abzuschreiben und beides besser in der sicheren Verwahrung beim Waidmann zu belassen. So blieben ihm diese als gegenständliche mahnende Zeugen von Botanik-Wilderei oder auch als Trophäen seiner Jagdkunst erhalten – vielleicht tauglich für eine forstmuseale Ausstellung? Aber wir waren mit der Ernte einiger Reiser für unsere löbliche Schmückungsabsicht, für ihn ja nur kleine Waldfische. Er hatte gewiss nur so todernst geguckt weil er auf Leute gewartet hat, die komplette Weihnachtsbäume absägen wollten. Hoffentlich haben wir ihn somit nicht allzu sehr enttäuscht, denn so etwas soll man nicht tun.
Kurze Blitzlichtqual
Nun ist es für mich höchste Zeit das Fotostudio zu besuchen. Mein 14. Geburtstag naht, deshalb habe ich den ersten Personalausweis zu beantragen und für diesen benötige ich ein Foto, das mir möglichst ähnlich sehen soll.
1960 – 14+ bin ich am Jahresanfang und werde am Jahresende das 15. Lebensjahr vollenden. 8. / 9. Schuljahr
Zum Anfang des Jahres erhalte ich mein erstes blaues 12-seitiges Personalausweisheftchen, das von nun an für eventuelle Personenkontrollen stets „am Mann“ mitzuführen ist. Das trifft aber selbstverständlich auch für Mädchen zu. In diesem Heftchen gibt es für bessere Fahndungserfolge und so, die Seite „Besondere Merkmale“. Ob ich da die Narben angeben und vorzeigen muss? Die von Borna, zwischen meinen Haupthaaren und die von der „Hundehütte“ auf dem Daumen und diese hinten im Hals, an der Stelle der früheren Rachen-Mandeln? Das sind schon recht besondere, einmalige Kennzeichen. Die Volkspolizei sei da sehr genau, habe ich gehört. Eine Seite für „Besondere Vorkommnisse“, so eine Art Kerbholz, ist aber nicht enthalten – das wird woanders notiert, dort, wo man es nicht selber lesen kann.
Die knappe Zeit und die interessante Zeitung
Ich will in der Pionierorganisation bitte noch viel Gutes tun aber die Zeit läuft mir davon – denn in diesem Schuljahr, in kurzer Zeit, endet meine gerade begonnene Mitgliedschaft altershalber. Meinem Wunsch, meiner Bereitschaft, ein bisschen zu Schreiben, kann zügig entsprochen werden, denn die Klasse ist überzeugt davon, dass ich innerhalb des Gruppenrates* eine gute Arbeit als Wandzeitungs-Redakteur leisten könne. Ein Wahlzeitraum ist nicht in Sicht. Ich werde deshalb nicht ordentlich gewählt, sondern nur ausgewählt, kooptiert. Auf zu neuen Ufern!
Gleich meine erste Wandzeitung hatte nicht nur Zeitungsausschnitte plakativer Überschriften mit Bildern und handschriftlichen Lobeskommentaren, nein, ich hatte auch verschiedenes für eine neue Rubrik: „Was sonst noch geschah“ (Kurzmeldungen – durchaus der Tageszeitung nachempfunden) aber auch eine kleine Witzecke eingerichtet. Ich hatte Sorge dass diese aufmunternden Zeilen eventuell entfernt werden müssen aber beide ungewohnt neuen Spalten fanden das eigentliche Schüler-Leser-Interesse und durften bleiben.
*) Zum Gruppenrat einer jeden Klasse gehören: Der Gruppenratsvorsitzende, sein Stellvertreter, der Kassierer (für Pionier-Mitgliedsbeiträge) und der Wandzeitungs-Redakteur und praktisch Ausführende dieses Aushangs. Wohl alles etwa nach unserem sowjetischen Vorbild.
Zur Abwechslung ein gelbes Fahrrad. Trari Trara, die Post ist da!
In den Winterferien will und darf ich zum ersten Mal berufstätig sein. Ein Werktätiger. Ich verdinge mich bei der Post, Hauptpostamt Potsdam, für zwei Wochen als Telegrammbote. Arbeitskräfte werden dringend gebraucht. Unser „Boteneingang“ liegt in der Juliot-Curie-Straße. Dort steht „mein“ gelbes Fahrrad im Fahrradkeller. Ich setze damit eine Tradition fort. Mein Urgroßvater war zeitweilig Landbriefträger. Aber nur zu Fuß. Viele Kilometer am Tag. Das Veloziped war noch nicht erfunden. Aber der Urgroßvater war kein richtiger Werktätiger. Er zählte wohl bloß zu den Königlichen Postbeamten. Dessen Vater (also mein Altvater) war zeitweilig Postillon, mit Pferden, Kutsche und Signalhorn. Doch die Bezeichnungen ändern sich auch immer mal. Sind mitunter Schall und Rauch. Das wollen wir hier nicht vertiefen. –
Ich trage keine Postuniform. Ausgestattet bin ich mit meinem privaten „Zivil“ und einer dienstlichen dunkelroten Umhänge-Ledertasche, am Schulterriemen seitlich zu tragen. Der Aktionsradius der Zustellaufträge bezieht sich auf das Stadtgebiet von Potsdam. Wir arbeiten in zwei Schichten. Manchmal sind die Empfänger schwer zu ermitteln, wenn die Anschrift nicht eindeutig stimmt. Nehmen wir mal an, die Anschrift auf dem Telegramm lautet „Wollerstraße 15“. Solch eine Zustelladresse gibt es nicht. Entweder ist es dann die Wollnerstraße in der Berliner Vorstadt Potsdams oder die Wollestraße in Babelsberg. Dazwischen liegen so einige Kilometer. Der richtige Empfänger muss nun von mir ermittelt werden, bevor ich die Telegramme in die richtigen Hände übergeben kann. Jetzt, im Februar, ist es nicht nur streckenweise sehr glatt, sondern auch zeitig dunkel. Außer den Telegrammen haben wir auch ab und zu telegrafische Geldanweisungen zu überbringen. Wann schreibt man schon ein Telegramm? Entweder sind es traurige Anlässe oder freudige. Manchmal auch eilige. Wir Zusteller platzen also auch mal in eine Hochzeitsgesellschaft hinein oder ein neues Kind ist gerade zu begießen. Wenn der telegrammatische Inhalt dem Empfänger besonders zu Herzen geht, gibt es mitunter ein Trinkgeld. Bei Brief-Telegrammen selten. Bei großformatigen Schmuckblatt-Telegrammen eher. Man muss dieses Spenden-Geld aber nicht unbedingt vertrinken, dazu gibt es keine Vorschrift., es heißt eben nur so.
Mit den eiligen Telegrammen ist das nach meiner Ansicht so eine Sache. Schreibt jemand heute eine Ansichtskarte an Tante Gerda, dann kann sie (die Karte) wenn man Glück hat, morgen dort bei ihr ankommen. Sende ich aber ein Telegramm, dann dauert das vom Absender-Postamt zum Empfangsort-Postamt nur Sekunden bis Minuten. Dann ruht es dort ganz dringend. Möglicher Weise Stunden, weil alle Telegrammboten tagsüber unterwegs, auf Achse sind. Wenn später, vielleicht nach sieben Stunden die nächste Schicht beginnt, dann bekommt der Zusteller sein Bündel neuer Telegramme, damit er für die Schichtdauer ausgelastet ist. Die ersten Empfänger sind anschließend immer fein dran und bald bedient. Kreuz und quer geht es mit dem Fahrrad durch die Stadt – im Durchschnitt wird alle 5 bis 8 Minuten eine Telegrammzustellung als erledigt abgehakt. Die letzten der etwa 40 bis 45 Telegramme sind dann nach etwa sieben Arbeitsstunden verteilt und so kommen manche Telegramme später an, als eine Ansichtskarte. In dringenden Fällen sollte man also am besten beide Nachrichtenwege zeitlich parallel nutzen. Nach meiner neu erworbenen Ansicht. Die meisten Empfänger sind aber sowieso werktätig und auf ihrer Arbeit. Sie bekommen das Telegramm eben dann mit der Ansichtskarte zusammen, wenn sie gewillt sind, es nicht vergessen, in ihren Briefkasten zu schauen. – Für kurze Zeit habe ich dort eine feine Arbeit als amtlicher Radfahrer und oft eiskalte Finger. – Pakete werden dagegen per Elektro-Lkw spazieren gefahren, das ist noch gemütlicher.
1960 – Wir bekommen neue Küchen-Gardinen
Die Eltern haben das Geld für eine Waschmaschine zusammengespart, denn Mutti ist zu stark belastet. Es handelt sich um das neueste Modell WM 60, also die Waschmaschine vom Typ des Jahres 1960, aus dem VEB Waschgerätewerk Schwarzenberg im Erzgebirge. Ein Erzeugnis mit der mechanisch waschaktiven Komponente „Wellrad“. Die ist viel besser als die aus der befreundeten CSR, die Maschine mit der rotierenden Schnecke, um die sich die Wäsche fest wickelt oder als die ältere >Thurm-Perle<, deren mechanischer Arm die Wäsche im Holzbottich im Halbkreis hin- und herschwenkt, angetrieben von dem mächtigen Motor, der hoch oben über dem Holzfass „sitzt“. Außen hat unsere moderne eine graue Farbgebung, einen weißen Deckel, innen ist der Waschbehälter schwarz-weiß-geflockt emailliert. Die Maschine löst nun das bisherige sehr aufwendige, kräftezehrende Verfahren in der Waschküche mit Einweichen, Kochen, Schrubben, Spülen ... spielend ab. Sie kann es in Windeseile. Die maximale Dauer für den Waschvorgang ist mit der mechanischen Zeitschaltuhr auf acht Minuten begrenzt. Dann nur noch die Spülbäder in den Wannen, Wasser auswringen, aufhängen und trocknen – alle Behälter dann wieder ausschöpfen, damit die Pflanzen im Vorgarten gießen, das ist dann schon alles. Man könnte aber auch die Wäsche von der Maschine spülen lassen, müsste dann aber auch mehrmals per Hand das Spülwasser wechseln.
Unsere ersten Testobjekte sind die geblümten Küchengardinen, nicht mehr neu. Och, wie kräftig das Wellrad den Stoff unter die Wasseroberfläche zieht, wie das aber wirbelt, strudelt und saugt! Das wird nicht nur sauber werden, sondern rein! (sinngemäß aus einem BRD-Werbeslogan). Nach vier Minuten ist alles fertig. Deckel wieder auf – aber ach, oh Schreck: Viele Blumen der Gardine schwimmen einzeln auf der Wasseroberfläche, das textile Flächengebilde ist in Streifen zerlegt. Ja, man soll nichts älteres, „mürbes“ mehr waschen, sondern eher weniger. Strapazierfähige Wäsche sollen die Leute verwenden! Man hätte nur eine Minute statt derer vier einstellen brauchen – vielleicht hätte alles geklappt und für was Kleines, was ganz Empfindlich-Feines wurde ein kleineres Einkaufsnetz mitgeliefert, in das natürlich keine Gardine hinein geknautscht werden kann.
Ich denke so in meinem jugendlichen Leichtsinn: Vielleicht hätte man auch einfach einen Zwischenboden, also eine Lochplatte oder ein flächiges quadratisches Siebgebilde vorsehen, mit anbieten können, um den Direktkontakt zum Wellrad, um die gewaltige Kraft, wahlweise bei Bedarf, auszuschließen oder vertragbar zu gestalten. Na ja, ich bin bloß ein einfacher Schüler aber kein erfahrener Wama-Konstrukteur. Die wissen doch bestimmt alles Erforderliche – schon – vielleicht.
Waschen ist im Prinzip schon ganz gut. Die Zukunft aber wird zeigen, dass es sich um ein Unikum, ein Universalgerät handelt, so auch das noch beliebtere Nachfolgemodell WM 66. Mehr als nur waschen ist also besser. Die Maschine ist beispielsweise unschlagbar als portabiler Würstchen-Erwärmer – man braucht nicht unbedingt die Gulaschkanone auffahren und dieser erst Feuer unterm ... . Reparaturwerkstätten nehmen sie sehr gerne zur Intensivreinigung verschmutzter Maschinenbauteile, Bereitung von Badewasser für Kleinkinder? Kein Problem mehr! Und und und.
Diese Gardinen brauchen wir also nicht mehr zum Trocknen auf die Leine hängen. Ansonsten trocknen wir die Wäsche im Sommerhalbjahr auf dem Hof. Im Winter nutzen wir den Dachboden, wo die Wäsche schnell hart gefriert. Von der Leine abnehmen dürfen wir sie erst dann, wenn die Feuchtigkeit völlig von der Luft aufgenommen wurde, lyophilisiert ist und sie wieder weich ist, weil sonst die Gewebe-Fasern brechen würden.
Makellosigkeit durch Weihe wäre eine Zier ...
Ja, nun, ein vorbildlicher Pionier bin ich. Dieses mündliche Attest habe ich im Kasten. Wie schön.
An mir haftet jedoch trotz allem ein erkannter weiterer fetter dunkler Makel. Ich habe noch keinen Antrag zur Jugendweihe abgegeben. Ich bin ein Säumiger mit meiner Antragsabgabe. Jugendweihe ist was Schönes. Man wird in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen und mit Teilrechten ausgestattet. Das hat Tradition. In Deutschland bemüht man sich seit 100 Jahren darum und die Indianer erst mal ... jene bereits viel früher. Die meisten Schüler meiner Altersgruppe bereiten sich auf die Jugendweihe vor und wählen auch schon FDJ-Hemden aus. („Blusen“ heißen diese Kleidungsstücke ausnahms- und komischer Weise offiziell, selbst für künftige junge Männer. Warum das so ist, weiß gar niemand.)
Weil ich bereits lange zur Konfirmation für den gleichen Zielzeitraum angemeldet bin, denke ich so vor mich hin: Eine gute sozialistische Jugendweihe kann ich auch noch im nächsten Jahr – doch es wird sich zeigen, dass ich hier irre, richtig falsch denke. „Ach was“, sagt man mir, vorerst freundlich-bestimmt, hm, eigentlich richtiger sagt man es über mich und meinen Willen und meine Planung hinweg bestimmend, „eine Konfirmation kannst du auch im nächsten Jahr – so machen es doch alle, die es unbedingt wollen. Ein klares Bekenntnis zum Sozialismus ist aber hier und heute gefragt – nicht im nächsten Jahr“. Gefragt ist nur das, was der Arbeiter und Bauer hier sehen und materiell anfassen kann, nicht etwa wenig greifbare oder sonstige Hirngespinste und idealistische Irrlehren und neben dem Geist vielleicht auch noch Seele im Menschen – so richtig wissenschaftlich Ungeklärtes, vielleicht unklärbare Sachen. – Nein! So nicht!, junger Mann!
Vor dem Jugendweihe-Gelöbnis gibt es zu dessen Vorbereitung an zehn Tagen Jugendstunden. Man hört in diesen etwas über den immerwährenden Kampf der Arbeiterbewegung, über den Krieg, über die Zerschlagung des National-Sozialismus und über den Aufbau des eher internationalen Sozialismus in der DDR.
Frohe Jugendstunden für die Vorbereitung zum Gelöbnis und auf das weitere Leben
Ich bekomme zwei Gratis-Werbe-Schnupper-Einladungen zur Festigung meiner Überzeugungen und auch zur Läuterung, darf also kostenlos an zwei der herrlichen zehn vorbereitenden Jugendstunden teilnehmen, obwohl der dringend eingeforderte Antrag zur Jugendweihe von mir noch aussteht. Eben: Werbeveranstaltungen über Frieden, Freude und frohes Jugendleben im Sozialismus. Das wird auf mich beschleunigend und entscheidungsfindend wirken, sagt man sich.
In der ersten Jugendstunde handelte es sich um den Besuch einer Parlaments-Sitzung beim Rat des Bezirkes Potsdam. Unverhofft spricht in jener ein Abgeordneter, der Herr Bär, in einer lebhaften Rede über kommunale Unzulänglichkeiten, über vermeidbare wirtschaftliche Schwierigkeiten und volkswirtschaftliche Verluste, so dass wir Zuhörer überhaupt nicht absehen konnten, dass – bald überraschend ein Ende in Einmütigkeit bevorstehen wird. Die Leute, also unsere Volksvertreter, sahen nach dieser schrecklich-kritischen Aufzählung trotzdem irgendwie zufrieden aus. Es war alles gleichgültig gut.
Warum dieses, fragte ich mich angesichts der vielen mit Beispielen belegten Kritikpunkte und: warum sagen dazu nicht andere auch etwas? Warum stützen sie nicht den Bären oder widerlegen seine Darstellungen, sollen sie, die Vertreter des Volkes, doch unser Leben nach dem Erkannten positiv gestalten. Ob er, der Bär, irgend etwas bewirkt hat, lässt sich für uns natürlich nicht erkennen – waren wir doch kurzzeitige Gäste.
In der zweiten Jugendstunde nehmen wir erstmals im Leben an einer Gerichtsverhandlung teil.
Zwei ältere Schüler haben sich zu verantworten. Es sind wie wir noch halbe Kinder. Sie wollten dieses Land verlassen und woanders wohnen. Hatten sie wirklich das Gefühl so sehr zu leiden, dass sie sich zu diesem Weg entschlossen? Wir wissen es nicht. Oder war es eine unbedachte Jugendeselei, eine unbedachte Abenteuerlust? – Wir werden es nie erfahren. Mit Fragen zu den Ursachen ist es nicht getan – die braucht man nicht ergründen. Wichtig sind Tatsachen. Sie sind der Vorbereitung und des Versuchs der Flucht aus der Deutschen Demokratischen Republik angeklagt. Ein hochkriminelles Delikt! Ein Verbrechen gegen den Staat. Nach einer scharfen Ansprache (kann man dazu auch Plädoyer sagen?) über die Verwerflichkeit an sich, über das Verletzen der Gesetze der Deutschen Demokratischen Republik, über das bedenkenlose Sich-Hineinwerfen-Wollen in die Fänge des einen Blitzkrieg vorbereitenden Klassenfeindes der im Westen sitzt, über den Verrat an der Arbeiterklasse, die diese Jugendlichen nährt, zum Untergraben des Weltfriedens durch dieses Vorhaben, ... und so weiter.
Einige von uns zittern mit, ob es angesichts eines derart schweren aber alltäglichen Verbrechens mit einem „blauen Auge“, vielleicht mit dem Einsitzen im Jugendwerkhof abgehen wird?
Die Worte des bestellten Rechtsanwalts schienen mir „sehr blass“ und waren wohl auch sowieso von vornherein bedeutungslos. Den schon in der Untersuchungshaft „weichgekocht-zerknirschten“ Jugendlichen stand ein letztes Wort zu. Sie baten völlig eingeschüchtert mit leiser Stimme um ein mildes Urteil. „Das hätten Sie sich vorher überlegen sollen“, donnerte scharf die Antwort vom Richtertisch. Ich meinte, das Urteil wird gewiss bereits vor der Schauverhandlung festgesetzt worden sein – auch ohne Rechtsanwalt und „letztes Wort“. Es werden drakonische Strafen verhängt – letztendlich dafür, dass Menschen – fast immer aus Gründen – woanders leben möchten. Dafür gibt es harte Strafen, Zuchthaus, Arbeitserziehungslager.
Was aber, wenn diese beiden Schüler in unmittelbarer Grenznähe einige Sekunden oder Schritte weitergekommen wären – dann wären sie möglicherweise erschossen worden, wie so sehr viele andere vor und nach ihnen.
Das ermuntert uns junge schauende Zuhörer, festigt die Teilnehmer, weist ihnen hilfreich die Richtung. Gewiss beeinflusste uns das. Unterschiedlich. Verschieden. Auch aus unseren Schulklassen hinterließen ja Schüler Fehlstellen. Auch Lehrer, gute Lehrkräfte, auch Genossen der SED, gingen von uns, gehen uns am laufenden Band in Richtung Bundesrepublik verloren. Das Land blutet seit Jahren aus. Den Ursachen, dem großen „Warum?“ nachzugehen, sich an die eigene Staats-Nase zu fassen, ist nicht gefragt. Ist selbstverständlich auch kein Thema für den Gerichtssaal. Das diskutieren zu wollen, um manches besser zu machen, ist verboten. Es wird auch erst recht nicht in den nächsten Jahrzehnten „Mode“ werden – bis zum Ende nicht.
(Bis zum Sommer 1961 werden es etwa 2,7 Millionen Menschen sein,
die diesen Weg wählen und die DDR verlassen).
Walter Ulbricht bewertet diese Jugendstunden in einer Ansprache vor Schülern folgendermaßen:
„Bei uns hat sich die wertvolle Tradition entwickelt, durch die Jugendweihe und die vorbereitenden Jugendstunden euch und allen euren Altersgefährten einen würdigen, unvergesslichen Übergang von der Kindheit in das gesellschaftliche und persönliche Leben der Erwachsenen zu schaffen.
Die Jugendstunden sind hervorragend geeignet, um alle Mädchen und Jungen zu überzeugen, dass die persönliche Entwicklung ... unlösbar mit der gesellschaftlichen Entwicklung verbunden ist, die unaufhaltsam und unabwendbar zum Sozialismus schreitet. – Die Jugendweihe ist mit ihren Vorbereitungsstunden ein großes menschliches Erziehungswerk“. –
Ja so ist es. Ich habe den Eindruck dieser beiden Jugendstunden nie wieder vergessen können.
Meine evangelische Konfirmation – und die auf mich wartende sozialistische Jugendweihe – in ausgewalzter Betrachtungsweise
Bei mir lief die Vorbereitung bisher so: Ich nahm bereits sieben Jahre am Religionsunterricht teil, bin gern bei der evangelischen Jungschar. Unser hervorragender Katechet und Kantor Hans-Jörg Lippert (1930–2021) schrieb mir in das letzte Zeugnis vor den Großen Ferien des Vorjahres, also kurz vor meinen Fahrten nach Wittenberge und nach Rautenkranz: „Christoph hat sich mit einer Aufgeschlossenheit und Ernsthaftigkeit am Unterricht beteiligt, wie man sie selten findet“.
Dann besuche ich seit September '59 den Konfirmanden-Unterricht bei Herrn Pfarrer Paeplow, weil meine Konfirmation im Frühling, am 15. Mai 1960 stattfinden wird, um in die Gemeinschaft der Erwachsenen aufgenommen zu werden. Während dieser langen Jahre hörte ich viel über die Jahrtausende alte Geschichte, über das Mensch-Sein, über Judentum, die Christenheit – durch verschiedene Geschichtsepochen, bis in die heutige Zeit. Höre und lese, was Menschen ihrer Zeit in schriftlicher und bildhafter Darstellung niedergelegt und weitergegeben haben, welche Erscheinungen sie notierten, was ihnen der Erkenntnisstand ihrer Zeit vermittelte, lese, welche Vergleiche sie führten. Oft unter politischem Druck oder Verfolgung in der Gesellschaftsordnung, in die sie hineingeboren wurden, der sie ausgesetzt waren.
Andere Menschen übersetzten diese Literatur-Sammlungen, ließen dabei wohl manches fort, modifizierten wahrscheinlich daran herum, fügten vielleicht ihnen genehm erscheinendes hinzu und entschieden, was letztlich „in das Buch“ hineingehört und was eher nicht so günstig dafür wäre. Viele Antworten zu interessanten Fragen zu dem: „Wie ist das und jenes möglich oder denkbar?“ blieben dabei für mich offen. Hier interessierten mich beispielsweise
die verschiedenen beschriebenen Himmelfahrten und deren wahrhafte Möglichkeiten
Heilungen durch zuwendende Worte und mit / nach Körperberührungen
Wundersame Vermehrung von Fischen und Broten – wörtlich zu nehmen oder nur mit helfend-erklärendem Übersetzer zu verstehen? Vielleicht als geistige Nahrung die sich vermehrt, je mehr daran teilnehmen?
die junge Frau Maria und ihre Wandlung zur jungfräulichen Mutter durch den Heiligen Geist – wie soll man das verstehen können? Wahrheit oder ein Fehler?
und so weiter.
Unser sanftmütiger Theologe Helmut Paeplow (1910 bis 1968), ein älterer Junggeselle, erschien mir eigentlich über lange Zeit als sehr konservativ, im Vermitteln des Stoffes zu „salbungsvoll“. Er war für mich Jungen nicht „das Feuer und die Flamme“, die ich mir wünschte, um Antworten zu finden. Er war ein eher zurückhaltend-bedächtiger Mensch. „Knifflige“ Fragen oder den Bezug zu aktuellen Problemen besprachen wir überhaupt nicht in der Konfirmandengruppe.
Hier gehörte zum Umfang der Gespräche: der Kleine Katechismus, das Glaubensbekenntnis, das Vaterunser. Verschiedene altbestehende Texte, wenig frei modernisiert, die für mich in ihren formulierten Inhalten bereits Glaubenshürden bereithielten. Das hätte wohl der reformierende, modernisierende Dr. Martin Luther nicht geahnt?
Erst in kürzeren Zweier-Gesprächen konnte ich unseren Pfarrer zu wenigen Punkten des Buches, der Bibel befragen, zu seiner Auffassung zur wahrhaftigen Wortwörtlichkeit, zu wenigen für mich nicht deutbaren Ereignissen, zu den Möglichkeiten und Grenzen des heutigen Anerkennens damals notierter „Wunder“ im Gegensatz zum „blinden Glauben“ an das Unfassbare. Das fiel ihm in dieser Art offenbar leichter, als die Meinungsäußerung in der Jungengruppe, also unter mehreren halbwüchsigen Zeugen unterschiedlicher Herkunft zu solchen Fragen, die eventuell sogar in eine Verbindung zu aktuell politischen Problemstellungen gerückt werden könnten oder auch generell zu Fragen des Glaubens, vorhandenen Zweifeln und des Lebens mit diesen.
Und er sagte sinngemäß zu mir: Ach Christoph, du greifst sehr intensiv und tief mit deinen Fragen, du solltest nicht alles ganz genau wissen wollen und nicht alles hinterfragen. So weit sind wir nicht, um auf alle alten Fragen die richtigen und erschöpfenden Antworten geben zu können – und das können und wollen wir auch gar nicht in jedem Fall, an jedem Beispiel. Die Große Linie, der Sinn ist entscheidend. Generationen von Theologen bemühen sich um das Auslegen und Erläutern als „Lösungsangebote“ zu solchen Fragen, wie sie dich bewegen. Vieles lässt sich aber global beantworten:
Die Ereignisse, die im Alten Testament erwähnt sind, die vor tausenden Jahren stattgefunden haben mögen, wurden über viele Generationen mündlich weitergegeben, wahrscheinlich ausgeschmückt und auch wieder gekürzt, bis Später-Geborene diese aufschrieben, als Begebenheiten inzwischen zu größeren Legenden verbrämt und Tatsachen mit Dichtwerken verflochten waren. Dass sie stattfanden ist als wahr anzunehmen und wie sie sich ereigneten, gehört zu Annahmen, gehört zu den bleibenden Problemen. Man mag sie glauben oder zum Teil auch nicht. Der Eine glaubt sie wortgetreu, ein anderer zweifelt kritisch, der nächste versucht verschiedene Möglichkeiten die er sieht, zu erläutern, der nächste kennt bildhafte Vergleiche, ein weiterer lehnt rundweg ab. Glaubensfragen eben.
Die Alten schrieben es wohl auf, weil es ihnen wichtig erschien, weil manches sich als außergewöhnlich darstellte oder jenes was ihnen unerklärbar blieb. Aufgehoben für späteres Erkennen. Vielleicht.
Sie empfanden und interpretierten das selbstverständlich „als Kinder ihrer Zeit“, als man die Erde als Fläche, als Scheibe, ansah. Sie glaubten, weil es ihnen als Geschichte von ihren Vorfahren überliefert wurde und dass, obwohl sie sich manches nicht erklären konnten. Auch die mündliche Ausdrucksweise war damals eine wesentlich andere als heute, weshalb manches schon deshalb dem heutigen Laien schwer verstehbar erscheint. Es waren wohl nicht in jedem Falle genaue Tatsachenberichte. Eher in Form einer Symboldarstellung in kräftigen vergleichenden Bildern aus dem Alltag der Leute, wie zum Beispiel: „Eher geht ein Kamel durchs Nadelöhr, als dass ein Reicher in den Himmel kommt“. Heute sehen wir alles schwarz auf weiß im Buch und wollen alles wortgetreu verstehen, nachprüfen können.
Dieses damals in ganz anderer Zeit, in einem völlig anderen Kulturkreis Aufgeschriebene wurde mehrfach übersetzt. Schon allein das Übersetzen aus dem Aramäischen (der Sprache Jesu) und dann von der hebräischen Konsonantenschrift in das Griechische, lässt oftmals eine ganz unterschiedlichen Wortwahl zu und in deren Folge auch verschiedene Deutungsmöglichkeiten und Darstellungsweisen der Texte. Auf mögliche inhaltliche Fehler und Missverständnisse dieser Menschen bei der Textübertragung wollen wir unsere Gedanken hier gar nicht einmal ausweiten. Diese Bearbeitungen waren bereits von der Gedankenwelt, von den Kenntnissen, vom Glauben des Übersetzers beeinflusst. Man übersetzte also, um dem alten Text „in seinem Geiste“ möglichst gerecht zu werden, in den Begriffen modernerer Sprachen. Luther zum Beispiel musste beim Übersetzen aus der griechischen und lateinischen Vorlage verschiedentlich erst neue Begriffe für die deutsche Sprache bilden / schöpfen und prägen, um überhaupt sein Gefühl für die Inhalte ausdrücken zu können, weil er keine treffenden Wortentsprechungen in der deutschen Sprache and. Er glaubte trotz mancher Zweifel wohl daran, es hinreichend gut zu machen.
In der Natur und in der Gesellschaft gibt es auch heute noch viel Geheimnisvolles, viel Unbestätigtes, Unbekanntes zwischen Himmel und Erde, das niemand belegen kann. Unsere Erkenntnismöglichkeiten fußen auf den Naturgesetzen, sind von Zeit und Raum abhängig und Vorgänge sind nach unserem allgemeinen Alltagsverständnis an die Abfolge von Ursache und Wirkung gebunden. Aber es gibt tatsächlich (und das auch hier bei uns) ganz andere Phänomene, die diesen „Alltagsrahmen“ verlassen und doch bestehen, durchaus existieren, funktionieren.
Selbst den Wissenschaftlern, die vieles wissen, bleibt deshalb also (noch) so manches verschlossen, wenn Darstellungen über die ihnen bekannten Bedingungen hinaus gehen – „es ist nicht zu fassen“!, weil eine solche Erkenntnismöglichkeit uns nicht gegeben, nicht in uns angelegt ist. Vorgänge, die erkanntermaßen nicht auf den uns bekannten Naturgesetzen fußen, sind deshalb auch nicht Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen.
Wiederum weitere Menschen glauben, ihnen Unbekanntes rundweg ablehnen zu müssen. Weil sie es nicht erkennen können, es ihnen deshalb nicht plausibel erscheint. Deshalb meinen sie, wäre es „unwissenschaftlich“ etwa nach Ursachen, nach Erklärungen, nach größeren Zusammenhängen zu fragen und zu suchen. Der Einfachheit halber wird gesagt, es sei etwas veraltetes, idealistisches, vielleicht mystisches, etwas aus dem „Märchenbuch“. Es scheint ihnen wertlos – weil sie damit nichts anzufangen wissen – und damit tun sie es ab, negieren sie es. Sozialistisch-materialistischer Lehrsatz: „Nur was die Arbeiter und Bauern sehen und anfassen können, nur das existiert auch“.
Doch in uns allen ist naturgemäß ein Glaube an irgendwas, an irgendwen, sogar an einen möglichen Grund zur Verneinung angelegt – und da brauchst du nicht im steten Zweifel verweilen. Nimm dir einfach das zu Herzen, was du als gut und richtig erkennst und auch vertreten möchtest.“
Es ist denkbar, dass ich als kritischer junger Mensch manches anders auffasste, als der studierte Theologe es meinte, es aus seiner Sicht vermitteln wollte. Auch möglich, dass er seine Ansichten mit etwas anderen Worten sagte, als ich diese nach über einem halben Jahrhundert notiere. Aber einige Gedanken blieben für mich verstehbar und gültig, die vertiefend und mit Literaturhilfen später noch weiter durchdacht wurden, auch wenn ich dafür letztendlich nicht die treffendsten beschreibenden Worte finde. Seine Worte und mein Empfinden überlagern sich, verschmelzen hier offenbar – auch mit eigenen Erfahrungen im Laufe der Zeit. – Thomas Mann prägte den Satz vom „Leben im Lichte der Gedanken“.
oder „veränderliche Lebenseindrücke im Schein der Erinnerung und der Gedanken“. – ergänze ich nach meinem Gefühl. Man darf viel an meinen Auffassungen herumdeuteln, sie verwerfen oder diese auch sprachlich besser ausdrücken, als ich es laienhaft vermag.
Das ist möglich, durchaus zulässig und bedarf keinesfalls meiner Zustimmung.
Was nahm ich unter anderem noch aus diesen kürzeren Zwiegesprächen an Gedankenimpulsen sinngemäß mit?
Gott – was ist das Göttliche?
Der/die/das gedachte Gott (eigentlich „namenlos“, „bildlos“, „ungeschlechtlich“ und unpersonifiziert) – die universale Kraft / die umfassende Ur-Energie, die alles im Makro-, wie auch im Mikrokosmos bewegt, in einer kosmo-naturgesetzlichen phantastischen Ordnung hält – gepaart mit „Weisheit, Verstand und Vernunft“ für die Anwendung in allem Natürlichen.
Deshalb wenden sich Menschen an diese Begrifflichkeit „Gott“, mit der sinngemäßen Bedeutung des Begriffs für: „Der Angerufene“, „der Angesprochene“, „der Gesprächspartner“, „mein Gedankenpartner“. Die männlich übliche Form soll hier nicht entscheidend sein, weil eine „Urquelle“, stets allumfassend ist, genauso die weiblichen Elemente enthält und uns mit diesen ebenso unterschiedslos anspricht.
Ein „bildloses Abbild“ des Göttlichen (der Kraft) im Kleinen, in uns selbst, ist das Gute, ist das Beste, was an Eigenschaften in Geist und Seele in uns ist. Mancher nennt es den göttlichen Funken in uns. Das wollen und sollen wir bewahren und pflegen. Ein Geschenk an jeden Menschen und eine Lebensaufgabe. Allumfassende Liebe und Wahrheit als Grundlage der Existenz soll auch für uns der Ausgangspunkt von allem sein.
Das anzunehmen, kann Glaube an Gott, an das Göttliche Prinzip, an Göttlichkeit bedeuten.
Schöpfung
Im vorigen Jahrhundert sagte die Wissenschaft, der Mensch sei keine „Schöpfung“, sondern habe sich evolutionär vom Affen zum Menschen entwickelt. Seit Darwin ist man der Auffassung, dass der Mensch nicht vom Affen abstamme, sondern Menschen und Affen wohl gemeinsame Vorfahren hätten – andere Leute vermuten, die Menschen traten plötzlich auf, wurden mittels einer Kreuzung fremder weit fortgeschrittener außerirdischer Zivilisationen mit Erdbewohnern geschaffen. – Vielleicht hat man in 100 oder 200 Jahren weitere, neue oder verfeinerte Erkenntnisse.
Die „Geschöpfe“ – nach der Evolutionslehre – Ergebnisse einer langen Entwicklung, nicht an wenigen Tagen abgeschlossen, wie biblisch nur bildhaft übermittelt. „Ein (dort genannter) Tag sind viele tausende Jahre“, sind Milliarden Jahre – seit dem Bestehen des Kosmos. Wir sind noch immer mitten drin, in der Evolution. Aber: Wer konnte sich schon damals wie heute eine wortwörtlich nicht völlig nennbare Entwicklung über Milliarden Jahre vorstellen, eine solche erfassen? Und der Schöpfer des Ganzen? Schauen wir nochmals nach oben zu der Frage: Was ist Gott?
Paradiese
In unseren Tagen nehmen viele Menschen an, dass in der Bibel beschriebene Paradies könnte in Mesopotamien, im Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris gelegen haben. Oder vielleicht doch eher doch in Afrika, weil dort noch ältere Hominiden-Knochenteile gefunden wurden – oder besser doch auf / in Atlantis, wo auch immer das gewesen sein mag. – Ist das erheblich? Nun, sehr viele Gegenden und Landschaften der Erde können auch heute als geradezu paradiesisch gelten. Sie haben die Grundlage zur Ernährung, zu guter Entwicklung im Überfluss, manchmal zu relativ freier gesellschaftlicher Entwicklung.
Früher waren es zum Teil gewiss andere gedachte Gebiete als heute, da sich im Laufe der Zeiten das Klima, die Wasserversorgung, die Vegetation und damit die Ernährungssituation änderte.
Warum der Mensch als „aus dem Paradies“ vertrieben gilt, ist wohl eine Sache, die er selbst zu vertreten hat. Wir brauchen nicht auf das vielleicht genehme Bild einer „strafenden Person Gottes“ auszuweichen, denke ich.
In der Zeit, als das Alte Testament geschrieben wurde, dachte man bei „Gott“ wohl an eine gütige Vaterkraft mit fester Hand, die seine Kinder erzieht und bei Ungehorsam straft. Deshalb wurde die Geschichte so geschrieben, wie wir sie noch heute lesen. Es gibt aber keine strafende Überperson – glaube ich!
Denn:
In meiner „gedachten Wirklichkeit“ haben die Menschen ihre Paradiese verlassen, nicht vordergründig als Ortswechsel aufzufassen und auch nicht immer aus einer Not im Lebensraum heraus, sondern indem sie ohne objektive Notwendigkeit in ihrem Leben Tür und Tor öffneten – beispielsweise
- für Mord und Totschlag an ihren „Brüdern und Schwestern“, Ausleben von Rachsucht
- für Kriege und Versklavung,
- für Ausbeutung und Unterdrückung anderer aus Habgier,
- für Unfrieden wegen Neid, Missgunst und Eifersucht – durch Kontrollmechanismen zu ungunsten
der anderen.
- für Betrügereien, in der Absicht persönliche Vorteile zu erzielen.
- für die Missachtung der Natur, für den Raubbau an der Natur, Eingrenzung, Fortnahme und
Vernichtung von Lebensräumen für Tiere und Menschen.
- für vorsätzliche Vermüllung der natürlichen Lebensräume, auch für gedankenlose
Wegwerfmentalität in Bezug auf Nahrungsmittel und Stoffe der Erde.
- für die Vergiftung unserer Lebensgrundlagen.
- für Menschenhaltung unter einschränkender Vorgabe seitens der Machthaber, mit der Vorgabe
(gestatteter / gesetzlicher) Anschauungen und Verhaltensweisen und der Bestrafungen bei
Nichteinhaltung.
- für das Töten von Tieren ohne Notwendigkeit, insbesondere aus rohem „Spaß und Vergnügen“.
- für Tierhaltung unter quälenden Bedingungen.
- für die Ignoranz gegenüber der Daseins-Gleichberechtigung anderer. ... und so weiter
Die Menschen haben eine überlange Kette an Grausamkeiten geschaffen. Bewusst und mitunter auch aus Gleichgültigkeit beibehalten.
Die immer wiederkehrende, eher naiv-komische Frage: „Wenn es da wirklich einen Gott (mit Rauschebart über den Wolken) gibt, warum lässt er, dieser Mann, das einfach zu?“ Diese Fragestellung ist unsinnig. Sie beruht auf einer völligen Abwegigkeit, die es zu korrigieren gilt (siehe oben: Was ist Gott?). Die Menschen sind für ihr Tun verantwortlich – man kann die Verantwortung für ein Einschreiten gegen schlechte Taten eben nicht einer kosmischen Urkraft zuschreiben / dieser übertragen wollen.
Eingedenk des Beispiels des National-Sozialismus in Deutschland und dessen Krieg, stellen wir fest, dass es schrecklich zuging in der Welt. Die Zukunft wird wissen, dass die Menschheit aus der Geschichte keine ausreichenden Lehren zog. Wiederholungen von globalen Grausamkeiten wird es in China geben, in Vietnam (von außen hineingetragen), im Kongo, in Kambodscha/Kampuchea und vielen, vielen weiteren Ländern – und wer von den Machthabern legt Wert auf paradiesische Zustände für das Volk?
Es hat sich die Menschheit aus den paradiesischen Zuständen entfernt, sich ausgeschlossen, die Tür zugeschlagen – aber der Schlüssel steckt, man könnte die Tür zum Paradies jederzeit öffnen. Die Bedingungen dazu sind im Grunde genommen einfach, werden aber von den Menschen in ihrer Gesamtheit kaum als erfüllbar angesehen, von „einigen“ auch nicht als ein erstrebenswertes Ziel akzeptiert. („Ich profitiere – vom Profit – nach mir die Sintflut“).
Was aber sind die Voraussetzungen zur Rückkehr in ein Paradies? Keine supergroßen Anstrengungen, keine unerschwinglichen Investitionen – nur das Unterlassen des soeben oben Aufgeführten! Nicht mehr – und nicht weniger. Achtung der Würde jeglicher Kreatur, Toleranz gegenüber den anderen, gegenüber anders gearteten Individuen. Gewaltfreiheit, Güte sowie Eigen- und Nächsten-Liebe im täglichen Leben, Wahrheitsliebe, Fairness, Freiheit, Gerechtigkeit, Verzicht auf Machtmissbrauch über andere.
* Kurz: Mit einer persönlichen Annäherung an das Göttliche. Der Frieden für diese Erde kann nur entstehen, aus dem Frieden in einem Jeden von uns selbst, der dann von jedem einzelnen Menschen ausgeht.
Der Glaube – einige Beispiele
- Ich denke über einen Themenkreis nach, weil ich glaube, dass sich ein Erkenntnisgewinn lohnt.
- Ich denke schon, dass manches möglich ist, dass manches existieren mag, was ich nicht
erfassen kann, dessen Existenz aber auch nicht erst durch mich eine Bestätigung erfahren muss.
- Ich glaube, dass es vieles gibt, was der Mensch nicht mit seinen Sinnesorganen, mit seinem
Bewusstsein erfassen kann. Somit bleiben diese Probleme als Glaubensgegenstände bestehen.
- Ich halte eine Möglichkeit für wahrscheinlich, für wahr.
- Ich nehme das, was man mir erzählt als Gewissheit an – nehme es „für bare Münze“.
- Ich vermute stark, ja bin davon überzeugt, dass dies und jenes richtig sein wird, ohne dass man
mir den naturwissenschaftlichen Beleg mitliefert – ich glaube es einfach und mir „fehlt“ die
Überheblichkeit, bestehende Möglichkeiten generell abzulehnen / auszuschließen, nur weil diese
„meinen eigenen Horizont“ überschreiten. Und selbst in der Mathematik, diesem Gebiet der
Logik, gibt es Problemfälle, die selbstredend für wahr gehalten werden, obwohl jene noch nicht
bewiesen werden konnten.
- Ich glaube, dass es möglich wäre, meine Erfahrungen zu einem Problem und dessen Lösung
wegen der vielen Übereinstimmungen auf ein anderes Problem übertragen zu dürfen.
- Schreitet die Wissenschaft aber soweit voran, dass sie einen Glaubenssatz, eine vertraute
Annahme als unrichtig beweist, soll man den Glaubenspunkt / den Glaubensinhalt korrigieren.
- Glauben – eine feste Zuversicht gegenüber gefühlten Umständen höherer Wahrscheinlichkeit.
- Etwas erscheint mir als glaubwürdig, obwohl mir davon bis heute nichts bewiesen werden kann.
- In etwas wirkliches Vertrauen setzen zu dürfen, es als vertrauenswürdig zu empfinden, ohne dass
ich es prüfen will / kann, ohne dass ich es in jedem Falle zu kontrollieren vermag, ist wichtig im
Leben.
- Der Inhalt des Glaubens ist eine als gut empfundene Vorstellung.
Woran glaubt „man“? – Woran der Eine oder der Andere glaubt
* Herr A. glaubt an die Lösung aller Energiefragen mit der Kern-Energie.
Seit einigen Jahren (Bezug 1960) gibt es die Atomkraft zu unserer Nutzung und „man“ glaubt in der Wissenschaft, sie sei die sichere und die einzige völlig saubere Energieform. Etwas besseres gäbe es nicht!
Trotz der schlimmsten Erfahrungen von Hiroshima und Nagasaki wird so gedacht.
Gemach. Vielleicht geht die Entwicklung sogar weiter und die Leute nutzen (außer Kohle und Gas) noch andere Formen der Energieumwandlung an die derzeitig noch niemand denkt und heutige Überzeugungen ändern sich.
* Frau B. erhofft den weltumspannenden Sieg des Kommunismus. Sie glaubt an diesen und damit an die nunmehr bald eintretende Wiederholung paradiesischer Zustände.
Nach dem Ersten Weltkrieg hatte die Sowjetunion ein überragendes Programm, ein riesengroßes, ein überraschend schlicht erscheinendes Programm für den Aufbau des Landes. Lenin verkündete:
Die Macht der Räte (Diktatur des Proletariats) + Elektrifizierung des Landes = Kommunismus.
(GOELRO-Plan. Das neue Paradies auf Erden). Kommunismus = Jeder (arbeitet) nach seinen Fähigkeiten – jedem Menschen wird nach seinen Bedürfnissen gegeben. Ja, sehr viele Menschen glauben an den Kommunismus als an die gerechteste und wohlhabendste Gesellschaftsform, mit allumfassendem Frieden in Freiheit. Als Lenin starb, führte Stalin dessen Werk weiter. Sehr wahrscheinlich wurden in diesem Zuge des Aufbaus des Kommunismus Millionen oft unschuldiger Landsleute ermordet. Aber nicht durch Stalin allein. Mit Hilfe hunderttausender Gleichgesinnter. Machthungriger. Blutrünstiger. Und trotz dieser Kenntnis ist auch heute Wunsch und Glaube an diesen Weg und an dieses Ziel stark verwurzelt, ist bei vielen Leuten ungebrochen.
Da taucht ganz nebenbei – für eine Zwischenbilanz, die Frage auf, ob es allen Bürgern in der Sowjetunion heute (1960) inzwischen so sehr gut geht – schon fast paradiesisch? Aber nichts überstürzen. Wie mag es 40 Jahre später aussehen – im Jahr 2000 – hier und dort – mit dem entwickelten Sozialismus und Kommunismus? Wer kann das heute ermessen?
* Antike Bautechnik
Denke doch mal an die Pyramiden in Ägypten, die vor tausenden Jahren errichtet wurden. Wie lange rätselt und forscht man bereits, um herauszufinden, wie sie wirklich entstanden. Das Wissen darum scheint verloren. Die Bilderschrift (Hieroglyphen) aber war bereits weit entwickelt. Verschiedene Forscher glauben sehr genau zu wissen wie die Bauwerke entstanden – andere Wissenschaftler scheinen völlig andere Auffassungen (Glaubensrichtungen) zu den damaligen Technologien zu haben und verwerfen die Überzeugungen der ersten Gruppe oder sie tappen völlig im Dunkeln. Bewiesen hat es noch niemand. Die Mehrzahl jedoch hängt tatsächlich mehreren verschiedenen Glaubensrichtungen nach.
Ja, man glaubt immer ein Stückchen ziemlich sicher zu wissen – soweit man im Moment gerade sehen kann. Den übergroßen Rest kann man vermuten. Entweder man glaubt den Theorien – oder lehnt sie ab oder hat die „Ahnung, ein Gespür“ für einen weiteren Weg.
„Zum Glauben gibt es eine unüberschaubare Menge von Beispielen.
Im Prinzip glaubt jeder etwas – zum Beispiel glauben die Wissenschaftler fest daran, dies und jenes zu wissen – und da brauchst Du dich nicht als ungläubig und abseits stehend fühlen, weil Du Zweifel hast“, sagte mir unser Pfarrer und: „Glaube Du an den göttlichen Frieden, an das Beste in Dir und gib davon Deiner Umgebung reichlich ab, in Deinem Denken, in Deinen Worten und mit Deinem Handeln, dann ist es recht so.“
Die Wunder
Wir haben diese vorerst angenommen, wie sie uns überliefert wurden. Sie scheinen im Widerspruch zu dem zu stehen, was wir bisher über die Natur wissen. Sie erscheinen uns rätselhaft. Oder stellen sie sich gar gegen Naturgesetzmäßigkeiten, die auf der Erde gelten?
Mag man den Darstellungen über Wunder nun glauben oder nicht. Diese sind ohnehin nicht unbedingt alle wörtlich zu nehmen. Es sind oft lebhafte, bildlich eingängige Darstellungen, Vergleiche, die moralische Prinzipien darstellen oder die uns Beispiele für wahrscheinlich gangbare Wege aufzeigen wollen. Oft regen sie uns zum Mitdenken an, wenn sie uns hinter Bildern „den übertragenden Sinn“ darbieten möchten. Ob wir einen solchen erkennen und diesen dann auch noch verstehen? Wir benötigen eben Hilfen und Auslegungen, um manches „richtig“ erfassen und verstehen zu können.
Wir dürfen eine Darstellung auch ablehnen, wenn sie uns übertrieben, unwirklich erscheinen mag. Die Überlieferungen gelten uns als Angebote – sie enthalten keinerlei Akzeptanz-Verpflichtung.
Die Erzählungen über Wunder bilden kein Almanach historisch belegter Vorkommnisse. Sie zeigen Ergebnisse ohne detailgetreue „Labormitschriften tatsächlicher Vorgänge und deren Abläufe“ in jener Zeit, sondern sind ein Sammelband damals einer Anzahl von Menschen wichtig erscheinender Geschichten.
Daneben gibt es ja genauso Ausführungen wohl vergleichbaren Alters, die von uns zum Teil inzwischen durchaus als real erkannt wurden, von der Wissenschaft bestätigt werden konnten und somit nicht mehr als „Wunder“ im ursprünglich aufgefassten Sinne gelten.
Wird bei einer Überlieferung also von der Wissenschaft bestätigt, dass es solch ein Phänomen geben kann – gut. Wird aber der wissenschaftliche Beweis für einen Ausschluss, für die Unmöglichkeit eines vermeintlichen Wunders geführt, soll man sich neuen Erkenntnissen nicht verschließen – auch ohne die jeweiligen Passagen der historischen Bücher jeweils ausradieren oder umschreiben zu müssen. Ein weiterer Erläuterungsband schiene dann aber wohl günstig.
Am Beginn wissenschaftlicher Arbeiten stehen mitunter auch Vermutungen und Annahmen, die auf Glaubenssätzen oder Hypothesen beruhen. Es kann sich erweisen, dass diese richtig waren – oder später doch Korrekturnotwendigkeiten der Annahmen erkannt und vorgenommen werden.
Das bedeutet verallgemeinernd: auch der Glaube an etwas, das als ziemlich sicher gilt, kann der Notwendigkeit der ändernden Aktualisierung unterworfen sein.
Und wir wissen auch, dass streng geplante wissenschaftliche Untersuchungen „unter gleichen Bedingungen“, also technisch exakt wiederholbar gestaltet, „auf wundersame Weise“ unterschiedlich dokumentierte Ergebnisse erbringen können, je nach dem, welche Intentionen die Versuchsleiter verfolgen und somit eine unbeabsichtigte Verlaufs- und Ergebnisbeeinflussung durch Glaubenssätze, Gedanken und Gefühle eintreten kann.
Selbst in der Mathematik gibt es noch unbeantwortete Fragen und ungelöste Probleme, um deren Klärung sich Menschen seit alters her bemühen und doch noch nicht bis zu Lösungen vordrangen. Und die Mathematik ist völlig logischer Weise nicht so ganz unwissenschaftlich? (Ich bin da Laie).
Berichte über eine Anzahl angegebener Heilungen, die auf freudiger Fabulierkunst, auf großer Übertreibung (um das „Wunder“ noch zu „verstärken“) fußen könnten, betrachten wir im Folgenden nicht. Dazu gab es schon vorstehend Anmerkungen.
Gab es / gibt es glaubhafte Phänomene, die schulmedizinisch-wissenschaftlich heute lediglich noch nicht ergründbar sind?
* Beispielsweise „Wunder-Heilungen“ oder Heilungsanstöße durch Gedanken, durch Worte und Handauflegen – sind das Wunder?
Wer von uns kann belegen oder ausschließen, dass nicht beispielsweise Jesus Christus über besondere Gaben verfügte, besonders stark ausgeprägte Kräfte besaß, die über das allgemeine Vorstellungsvermögen hinausgingen? In der Geschichte, und auch aus jüngerer Zeit, gibt es eine Vielzahl weiterer bekannter Menschen, die als Beispiele für eine solche prinzipielle Gabe herangezogen werden können.
Ich werde es erst viel später praktisch selbst erfahren, dass ein Handauflegen als Hilfe sehr wirksam sein kann – und nicht nur bei Körperkontakt / Anwesenheit wirkt, sondern auch als gedankliche Fernunterstützung zur Heilung, also bei oder trotz örtlicher Abwesenheit. Diese positive Einflussnahme kann möglich sein, ohne einen Glauben an diese Prinzipien, und sogar, zumindest im Rahmen einer Fürbitte moralisch akzeptierbar, ohne das Wissen des Bedürftigen. Somit ist nicht von einer Glaubenssache oder von einem Placebo-Effekt auszugehen, zumal solch ein System des Helfens auch Bewusstlosen, Babys, Tieren und Pflanzen helfen kann.
Denke bitte auch an den Arzt oder den Heiler, der nicht „nur“ Tabletten verschreibt, sondern ebenfalls (ganzheitlich) Herz und Seele des Patienten anspricht, die „scheinbar“ von der Krankheit nicht betroffen sind. Dieser Heilende kann mitunter ohne Chemie eine heilende Wirkung, große Erfolge erzielen. Warum sollte das früher anders gewesen sein? Also, das Überzeugt-sein und das Gutheißen von „Dingen“ und „Umständen“, selbst wenn ich diese nicht sehe, sie nicht „begreifen“ kann, mich diesen aber herzlich zuneige / hingebe – ist Glaube (siehe oben).
Auch heute sind Spontan-Heilungen bei geschulter Einflussnahme möglich aber auch eine „Stärkung“, wenn beispielsweise Kranke zu einer „heiligen Stätte“ gebracht werden und dort Genesung oder Erleichterung erfahren.
Denken wir auch an die Möglichkeit des Übertragens von Gedanken, Gefühlen und Wünschen – schließlich gehört das zum Kern des Bittens, des Gebetes. Es ist der Ausdruck eines Vertrauens, eines sich Hinwendens, einer Sehnsucht des Herzens zur Erfüllung der Bitte. Diese Möglichkeiten letztlich ausschöpfen zu können, setzt einen Glauben daran voraus, und eine Gewissheit, dass die heute von uns Menschen erkannten Zusammenhänge des Materiellen noch nicht alles sind, was es zwischen Himmel und Erde Wichtiges und Wirkendes gibt. Egal ob es vom Vertreter des Materialismus grob, überheblich und unwissend, als purer Unsinn abgetan wird – nur weil man (noch) nicht in der Lage ist, die Grundlagen und die Zusammenhänge zu erkennen, wissenschaftlich zu analysieren.
* Die Himmelfahrten
Vor rund zwei Jahren (4. Oktober 1957) hat die Sowjetunion mit einer Rakete einen künstlichen Satelliten in die Erdumlaufbahn gebracht. Wieder mal ein Vorgriff: Am 12. April 1961 wird Juri Gagarin als erster uns bekannter Mensch der Neuzeit dem Weltall einen Besuch abstatten. Eine große Leistung, die viele vorbereitende Väter und Mütter hat. Es ist aber auch bekannt, dass in China bereits vor tausend Jahren die Raketentechnik genutzt wurde.
Die Alten gaben bereits vor Jahrtausenden die Überlieferungen über Himmelfahrten mündlich weiter, die dann in „jüngerer Zeit“, in das Alte Testament (und frühere Quellen) beschreibend aufgenommen wurden – einschließlich der Erwähnung der dazu gesehenen Technik – mit damaliger Wortwahl.
Ob nun Jesus und auch Maria ebenfalls sichtbar körperlich von der Erde „in den Himmel“ aufgestiegen sind – sei dahingestellt. Aber abgesehen von materialistischen Erklärungsversuchen steht hier wieder der Symbolgehalt: Die Seele (des Verstorbenen) so meinte man, wurde gerettet, sie steige demzufolge auf zum Himmel – andernfalls in die Hölle geschickt.
* Die Speisung der Fünftausend mit sehr wenigen Lebensmitteln
Auch hier möchte man als Laie versuchen abzuwägen: Ist es ein Ausdruck purer und leicht durchschaubarer Übertreibung in sehr freudiger, euphorischer Stimmung eines Erlebnisses oder ist es eher ein Gleichnis, das uns „im übertragenen Sinne“ sagen will: Das Volk dürstete nach der Verkündung der neuen Lehre, nach Verheißung des Heils mit dem Ziel der Erleichterung des irdischen Lebens. Der Hunger nach Zuspruch und der Wissensdurst so vieler wissbegierigen Menschen wurde gestillt – mit dem Inhalt der Rede. – Wissenschaftlich geklärt ist es wohl nicht.
* Die Geburt von Jesus durch Maria, der Ehefrau Josephs
Maria gebar ihr erstes Kind als junge Frau, (nicht als Jungfrau) so glaube ich es. Jesus als geistiger Sohn, als „Abgesandter“ des Göttlichen, mit besonderen Fähigkeiten ausgestattet.
Das Symbol: „Seht, hier entsteht ein außergewöhnliches, ein besonderes Leben, auch wenn Jesus ein Menschensohn und Gotteskind ist, wir es im Prinzip alle sind. Er wird den göttlichen Funken, der in jedem von uns wohnt, besonders stark in sich tragen und einen solchen bei Jenen, die es wollen, entfachen, damit wir ihm geistig / geistlich folgen mögen / können. Dazu wird er uns eine ganz neue frohe Botschaft verkünden / lehren – von Liebe, Vergebung und Frieden, was die bisher von den Menschen aufgeschriebenen Auffassungen zu den Lebensinhalten über Kampf („Auge um Auge, Zahn um Zahn“), Sieg / Niederlage und Strafe / Sühne / Höllenfeuer, Buße / Einkehr) für das entstehende Neue (später Christentum genannt) vollständig wandelnd ablösen soll. Er wird den Weg der Erlösung des Volkes und jedes einzelnen Menschen aufzeigen. Er wird heilen können – und solange die Menschen es wollten, ihr Bruder sein.“
- Aus dem Tierreich ist bekannt, dass es „Jungfrauengeburten“ gibt – aber wohl nicht bei
Säugetieren.
* Die Auferstehung nach dem irdischen Tod und das ewige Leben? – in einer anderen Form?
Das Weiterbestehen der Seele und auch der Kreislauf von Wiedergeburten wird in fast allen Kulturen (seit Jahrtausenden) diskutiert und „beobachtet“. Von vielen wird an diese geglaubt.
Es wurde uns überliefert, dass Jesus (drei Tage nach seinem Tode oder seinem Schein-Tode) als Auferstandener der Maria Magdalena erschien (wenn es diese konkrete Situation gegeben hat). Sie aber erkannte ihn vorerst nicht sicher / direkt / unmittelbar. Sie konnte / sollte ihn auch nicht berühren. Aber eine gewisse Erscheinung trat auf und eine Kommunikation war möglich, wird beschrieben. War seine anscheinende Leiblichkeit lediglich eine Erscheinung des Geistes oder der Seele? Die (anscheinende) Verkörperung aus Erwartung, aus einem Wunsch, aus der Sehnsucht der Maria Magdalena? Man soll es nicht ausschließen. Von mehreren Zeugen gibt es eine Bestätigung. Beispiele ähnlicher Begebenheiten jüngerer Art gelten als vielfach belegt. Trotzdem muss diesen Berichten niemand glauben, der es nicht möchte.
* Das Bestehen-bleiben von Seelen?
Wir kennen den Satz von der Erhaltung der Energie. Nichts an Energie geht verloren! Was ist die Materie? Eine kompakte Form der Energie. Bewusstsein ohne Körper? Wer war schon tot und darf behaupten: Wenn die lebende Materie gestorben ist gibt es absolut nichts mehr vom Menschen! Wir kennen nur die Eindrücke jener Menschen, die schon einmal an der Schwelle zum Tod standen aber wieder in das Leben zurück kamen. Wird unsere Seele danach etwas von der Weiter-Existenz wissen, nachdem der müde verbrauchte Körper abgelegt wurde? Eine Frage hoffenden Glaubens.
Es gibt allerdings besonders empfängliche Vermittler, medial veranlagte, sensitive Menschen, die an vielen und sehr eindrucksvollen Beispielen glaubhaft belegen können, dass eine Kommunikation mit den Seelen Verstorbener möglich ist.
Vielleicht gelingen der Wissenschaft riesige Fortschritte auf diesem Gebiet und sie kann uns dann mehr sagen als sie heute weiß.
Es wurde mir bewusst, dass es dem Pfarrer wohl nicht möglich war, Antworten auf meine Fragen noch klarer dazulegen, es nicht möglich war, alles auf den Punkt, auf der Weisheit letzten Schluss zu bringen, es nicht möglich war und ist „des Pudels Kern“ für jedes Beispiel, von denen es in der Bibel ungezählte gibt, darzubieten.
Aber eben – auch meine Empfindungen und Gedanken aus dem Lauf der Zeit fließen hier mit ein. Des Pastors Anmerkungen fanden zumindest teilweise eine Verbindung zu meinen Gedanken, auch wenn ich diese im voran stehenden Text anders, nur völlig laienhaft und mit Unsicherheiten der Kenntnisse notiert habe.
Leider viel später erst werde ich erfahren, dass mein recht unabhängig denkender Großonkel, der Philologe Dr. Wernher Bauer einige der bekannten theologischen Texte nach eigenem Empfinden in eine neue und naturalistische Weise umgeschrieben und Teile davon auch vor einer Hörerschaft vorgetragen hatte, weil er wohl meinte, nicht nur die geschichtliche Entwicklung müsse beschrieben werden, sondern einmal Erfasstes müsse ebenso der weiteren menschlichen Entwicklung textlich angepasst werden, um kraftvoll-verständlich zu bleiben. Vielleicht hatten die von ihm „modern“ gestalteten Texte nun sogar eine Inhaltsdarstellung, die sich besser verstehbar mit den Naturwissenschaften vertrug. Modernere Versuche, um Frieden in gegensätzliche erscheinende Weltanschauungen zu bringen. Leider hatte er mir nicht mehr den neuen Wortlaut seiner Bearbeitungen übermittelt – ich war gewiss noch „zu grün“.
Jugendweihe-Werbung, der weitere Teil – ist deren letzte Etappe
Um meine Antrags-Unterschrift zur staatlich festlichen Weihe, zum Gelöbnis zu beschleunigen, wird von der Schulleitung, nach meiner Teilnahme an den beiden Jugendstunden, ein Elternbesuch geplant und durchgesetzt. Die Schule ist in diesem Sinne ja nicht nur eine Stätte der Wissensvermittlung, sondern auch der verlängerte Arm der Partei, der SED, mit ihrem Jugendverband, der FDJ, im Gefolge. Zur fachlich-politisch begründeten Überzeugungsarbeit schließen sich nun also die Schuldirektorin Frau Wieland (SED), ihr Stellvertreter Herr Lüders (Block-CDU) und Herr Kleibier (SED) vom „Elternbeirat“, als gewollt überzeugend agitierende Aufklärer zusammen.
Ich, als die Hauptperson für das Gespräch, der nun in die Reihen der Erwachsenen aufgenommen werden soll, durfte „natürlich“ bei dieser Zusammenkunft nicht zugegen sein, wurde quasi ausgeladen. Man wollte nun eben die Eltern agitieren und so musste ich im Nebenzimmer warten und konnte aber durch die Tür hören, jedoch nicht sehen, was gesprochen wurde. Ich dachte: Ob vielleicht mein von Frau Wieland eingezogenes Buch noch da ist, ob sie das mit ins Gespräch bringt oder gar zurück gibt? Einleitendes Geplänkel über dies und jenes, den stolzen Aufschwung und den kühnen Aufbau. Meine Mutter erwähnte, das Gespräch zum „Punkt“ führend, dass ich jetzt reif genug sei, kurz vor der Aufnahme in den Kreis der Erwachsenen stünde und selber, allein entscheiden würde, ja entschieden habe – ob zuerst Jugendweihe oder zuerst Konfirmation. Bei uns seien innerfamiliäre Entscheidungen ohne äußeren Druck üblich.
– „Was für eine versteckte, indirekte, ungeheuerliche Unterstellung. Was für ein unausgesprochen deutlich anspielender Vergleich? Wir, wieso denn Druck? Was heißt hier innerfamiliär? Wo bleibt bei der Entscheidung der sozialistische Staat, dem die erste Stelle gebührt? In welcher Agitationsschule hat die Frau gelernt solche Bemerkungen wie ganz nebenbei einzubringen?“ – so etwa mögen die Genossen gedacht haben.
Mein Vater allerdings nannte klar einige Beispiele der staatlichen Restriktionen, Einschränkungen, der staatlichen Materialabschneidungen für ihn, den „Selbständig Gewerbetreibenden“, die sich existenzbedrohend auswirken und durchaus nicht von persönlicher Freiheit, schwunghaftem Aufbau und wachsender Wirtschaftskraft unter positiven Nutzung aller gesellschaftlichen Kräfte künden. Frau Wieland hatte zu bestehenden Tatsachen keinerlei Gegenargumente vorbereitet. Wahrscheinlich war ihr dieses tägliche Leben der anderen Menschen völlig unbekannt, sie hatte versäumt sich auf eine solche Situation pädagogisch vorzubereiten, versäumt, sich ein Bildungs- und Erziehungsziel dieser Lektion für meine Eltern auszuarbeiten und meinte nur: „Sie sind ja direkt verbittert in unserem schönen...“. Herr Lüders sprach indessen kein einziges Wort. Herr Kleibier wurde offenbar von einer Unruhe und Angst gepackt, dass das Gespräch trotz der geballten Kraft dieser Drei nicht nur fruchtlos enden würde, sondern auch noch völlig „aus dem Ruder“, in eine „schiefe Richtung“ laufen würde. Deshalb unterbrach er die Schulleiterin, nahm er sich das Wort und rief erregt und laut: „Jugendweihe erst nächstes Jahr oder wie – oder ob überhaupt? Wenn Sie Ihren Sohn nicht jetzt zur Jugendweihe bringen, dann... dann... wer nicht jetzt mit uns geht, ist für den Krieg!“
Über das Denken und das Wissen:
...dann gibt es solche Leute, die nicht wissen, die aber denken, dass sie wissen. Diese sind gefährlich! Geh ihnen aus dem Weg! – – – Man soll alles im gesellschaftlichen Geschehen so nehmen wie im privaten Leben: ruhig, großzügig und mit einem milden Lächeln.
Rosa Luxemburg
– – –
Schön ist es für dich, Gedanken verfolgen zu können, Dinge zu tun, die du möchtest, die du für gut und richtig hältst. Manchmal bedarf es dagegen etwas Mut, um Gedanken, Dinge, oder Handlungen abzulehnen, die andere Leute für dich wollen oder von dir fordern.
nach Gedanken der Amalia v. Wendingen
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Ich sah vor meinem geistigen Auge in der „führenden Hand“ des Genossen Kleibier deutlich „den roten Holzhammer“ der Angst und der Dummheit, gepaart mit der Arroganz äußeren Machtanspruchs. Ich dachte mir: „Jetzt sitzt mein Vater mit hochrotem Kopf da und wird hoffentlich nicht gleich platzen“. Aber ich irrte mich. Er bemühte sich mit seiner starken Gehbehinderung zu Herrn Kleibier hin und sagte ziemlich leise, so dass ich es kaum verstehen konnte. „Ich habe Sie deutlich verstanden, dass wir für einen Krieg seien. Da das Ihr Ausdruck des Führens zum wahren menschenfreundlichen Sozialismus ist, verlassen Sie jetzt bitte unsere Wohnung.“
Ich, im Nebenraum, dachte mir: „Das ist die Katastrophe. Wer einen fleißig und sehr aktiv in der DDR arbeitenden halbwüchsigen Schüler und dessen Eltern mit untadeliger Vergangenheit und ohne einen tatsächlich sachbezogenen Anlass als Kriegstreiber, als Kriegsvorbereiter bezeichnet, als jemanden, der für den Krieg ist, kann ein guter Sozialist nicht sein. Das kann ich nicht gutheißen. Der hat bei mir verspielt.“
Auch der Genosse Kleibier lebte tatsächlich in dem Wahn, dass persönliche Drohungen, Einschüchterungsversuche und geübte Beschimpfungen gute und geeignete Mittel seien, jemanden von dem Agitatoren und von einer Sache, hier: der Sache des Sozialismus als hehres Ziel, zu überzeugen. Das war bezeichnend und durchaus keine Ausnahmeerscheinung. Weshalb merken diese studierten, allseitig sozialistisch gebildeten Menschen überhaupt nicht, dass doch gerade sie die Bremsen und Verhinderer für eine wahre harmonische demokratische Aufwärtsentwicklung darstellen und sie selber ungeeignet sind für diese Aufgaben des Führens, Leitens, Beratens und Bildens? Das sie es sind, die die Menschen aus dem Land treiben. – Ja eben, auch diese Leute glauben. Sie glauben vielleicht das Beste für den weiteren Aufbau, für das Formen des sozialistischen Menschen zu tun, ohne sich die Frage zu stellen, geschweige diese zu beantworten, was das Beste für diesen oder jenen Menschen sei, was das Beste für die Menschengemeinschaft ist.
Zum Erinnern: Das offiziell erklärte Ziel dieser Genossen war einzig und allein das Einladen zur Weihe des „freien deutschen Jugendlichen mit sozialistischem Antlitz“. Eines wurde wieder überdeutlich klar: Gerade diese Sorte von Leuten, die ständig laut vom Kampf für den Frieden und die Freiheit reden, – gerade diese säen oft Unfrieden und sorgen mit Druck oder Zwang für Unfreiheit.
Dieses Einfache kann ich, als 14-jähriger Schüler, ihnen aber nicht beibringen. Zumindest bat ich inständig alle guten Mächte darum, dass ich im Verlaufe meines Alterungsprozesses nicht eben so verbogen und dumm werden möge – es zu verhindern will ich auch gern aktiv mein Teil beitragen.
Es gab zum Gesprächsende kein bemerkenswertes Abschiedszeremoniell. Als die Besucher an mir vorbei gingen, wurde ich, als „die Hauptperson“, um die es ja eigentlich ging, kaum beachtet. Von dem eingezogenen Buch war keine Rede. Die drei gingen recht schnell. Ergebnislos.
Und ich hatte mich geirrt: Mein Vater sah ungewohnt sehr blass aus.
Neulich erst wurde ich vom Genossen Lehrer Kuleschir als „schon immer ein guter Sozialist“ bezeichnet. So war ich, jener, der ständig aktiv in der Schule rackert, für einige Tage ein vorbildlicher Pionier, ein Aushängeschild gesellschaftlich positiver Leistungen.
Einige Zeit später, also heute, sind meine Eltern und ich als „Kriegstreiber“ erkannt. Entlarvt. So schnell ändern sich die gefestigten Ansichten von führenden Vertretern der Arbeiterklasse im Sozialismus. Man muss eben flexibel sein. Ja, und dabei mit wachem, ruhigen Verstand agieren, zumindest versuchen selber mit Vernunft zu reagieren.
Ich bedachte in meiner Jugendlichkeit allerdings nicht, dass dieses dreiköpfige sozialistische Agitatoren- und Pädagogenkollektiv die Erfüllung ihres „Soll“ vor dem in der Hierarchie nächst höheren Parteimenschen zu vertreten, Rechenschaft abzulegen hatte und eventuell deshalb „zum momentan Äußersten“ gegriffen hatte, um ihr Ziel damit sicher zu erreichen.
Vielleicht denke ich aber zu weit und es war einfach nur die Sorge, dass eine in Aussicht gestellte oder zumindest erwartete Prämie, eine Kopfprämie, entschwinden könnte? – Ich weiß es nicht.
Zumindest ist es doch sonst auch meist so einfach mit den jungen Leuten: Man sagt jemandem der unschlüssig scheint oder sich gar sträubt: „Also Jugendfreund, wenn du auf die Erweiterte Oberschule willst, um das Abitur abzulegen oder wenn du später sogar mal studieren willst, ..., hoho, na dann“ ... da springen doch gleich die meisten, die ein solches Ziel sehen. Warum denn aber so ängstlich und überbeflissen? Einfach, weil als junger Mensch bereits gewaltsam verbogen. Lieber ganz anders gedacht, als dann gemacht und schon gelogen. Steht das nicht sogar in völligem Gegensatz, im Widerspruch zum Ehrenkodex der Pioniergebote und dem der FDJ?
Was hat dieser natürliche Prozess des Reifens, den irgendwie jeder junge Mensch auf dieser Erde durchläuft, mit einer Forderung zu einem unkritischen Gelöbnis auf die Art der politischen Denk- und Handlungsweise einiger zeitweilig / momentan führenden älteren Männer, zu tun? Was hat der Übergang vom Jugendlichen zum Erwachsenen zu tun mit einem Gelöbnis auf deren schwerwiegende Fehler in schwierigen Jahren? Die Einladung auch unter politischem Druck, ja, mit kriminalisierender Ansprache – „Wenn du nicht sofort tust was wir fordern, Freundchen – dann schieben wir dir eben unter, dass du für Krieg und Verderben seiest. Dann bist du unser Feind!!!“ – Eine etwas sehr seltsame aber unmissverständlich deutliche Art „freundlich werbender Einladung“, denkt man sich als noch unfertiger junger Mensch, – der hier geformt werden soll.
Das Ziel ist: Ein Freier Deutscher Jugendlicher!!! Wie stolz das klingt. Aber wieso soll und muss dieser auch beispielsweise sinngemäß und zwangsweise dabei geloben, dass er die „Kampfreserve der SED“ sein wird? Die „Reserve“, in freier, in freiwilliger Nachfolge dieser Leute, die uns eben zutiefst beschimpften ... und gar vieles mehr? Ich finde eine „günstige“ Antwort dazu nicht in meinem Gewissen und Wollen!
Da kann ich das Nachkriegs-Weltjugendlied nennen, welches zum
Ausdruck bringt, dass es eher die Freundschaft ist, die siegen wird!
Ich sprach darüber mit meiner resoluten Tante Käte. Sie sammelte ihre Gedanken einen Moment und sagte nur kurz: „Ach Christoph, lass' die Heiden toben – Du gehst aufrecht Deinen richtigen Weg“. – Auch diese kurzen Worte zu jenem Vorgang unterstützten mich in meinem Bekenntnis:
„Wir tuen recht und scheuen Niemanden!“
(Und auch das war wirklich nicht jedem recht.)
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Es gab nie eine Entschuldigung dieses Dreier-Agitations-und-Propaganda-Gespanns für jenen „Ausrutscher“. Ich hatte gehofft, dieses Ereignis als einen solchen werten zu dürfen.
Diese Überzeuger-Gruppe hat mich sozusagen fest in die pastörlichen Arme geschoben. Diese studierten Schulleute haben das wohl überhaupt nicht begriffen, in ihrer Lebenszeit wohl nie verstanden. Dafür waren sie zu sehr von sich selbst, von der Schönheit ihrer Ansichten, vom Anschein den eigenen Leistungen überzeugt.
Es stellte sich heraus, dass von der Schule / vom Staat überhaupt kein Interesse mehr daran bestand, mich nach der Konfirmationzum Jugendlichen zu weihen. Der Druck-Termin war ja vorbei. So lebte ich staatlich-ungeweiht weiter. Auch zur Freien Deutschen Jugend (FDJ) hat man mich nicht mehr gebeten. „Eine gewisse politische Grundunzuverlässigkeit“ meiner friedliebenden Kriegstreiber-Person wurde da wohl postuliert, ich mit einem kleinen, dauerhaften Stigma gezeichnet.
Was lehrte mich dieser Auftritt der Hohen-Dreier-Gruppe? Im Grunde ging es also gar nicht darum zu schauen, ob der heranwachsende Jugendliche die Reife zur Weihe hatte. Es ging nicht darum, was er, als Hauptperson, sich wünschte. Es ging nicht darum, was seine leiblich Nächsten, was die Eltern dachten. Es ging ausschließlich darum: Die Zeit ist (nach Geburtsdatum oder nach „Klassensatz“) reif für das uneingeschränkte Gelöbnis der unkritischen Treue zur aktuellen Politik des Staates und zu den Personen seiner führenden Partei. Der Machtanspruch war zu festigen und durchzusetzen! Und was passiert da? Kommt doch da plötzlich solch ein junges Menschlein und spricht: „Hoppla, Moment mal, es geht um mein Leben – da möchte ich doch gern noch etwas über das Was und Wie und Wann mitentscheiden“. Hat die Welt so 'was schon mal gesehen? Unerhört. Kriegstreiber!
Eines der bei der Jugendweihe für die anderen Mitschüler ausgegebenen Bücher „Weltall – Erde – Mensch“ las ich trotzdem. Natürlich.
Es hat mir alles nichts geschadet – mich nur schneller positiv reifen lassen. Das gehörte zum Erfolg jenes „Erziehungsbeitrages“. Ich vertraue meinem eigenen und wohl eher weniger verbogenen Gespür und handle im Wesentlichen nach meinen Erkenntnissen, nach meinem Willen. Ich vertraue meiner eigenen und hoffentlich gesunden Gestaltungskraft. Keine Werbung oder Drohung hat mich je daran gehindert.
Ich habe später trotzdem weiterführende Schulen besucht, auch habe ich mich in mehreren Fernstudiengängen weitergebildet, mein gesamtes Leben lang gelernt und dabei viel gewonnen und auch anderen manches gegeben.
Am 15. Mai 1960 findet meine Konfirmation statt. Ich bin in der Gruppe der Konfirmanden der Einzige meines Jahrgangs, die anderen sind älter. Ein festlicher Tag. Ich habe nichts versäumt.
Komisch: Ich bin trotz alledem völlig unspektakulär in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen worden. Mit Pflichten und Rechten – allein schon wegen des Abfallens der Blätter vom Kalender.
Der Alltag in der Schule verlief so, als hätte überhaupt nie solch ein Gespräch stattgefunden.
Ich dache mir, wenn ich mal Kinder habe, dann soll es, wenn sie 14 sind, eine familiäre Feier sein, ein Gedenken an das geistige und körperliche Reifen, an die Übernahme von mehr Verantwortung, vielleicht schon mit Gedanken zu den Vorstellungen an eine künftige berufliche Tätigkeit versehen, zu der man sich hingezogen fühlt. Heranziehen der Gedanken von Geistesgrößen, die dazu schon gescheiteres gesagt hatten, als ich es zu formulieren in der Lage bin.
Späterer Nachtrag: Genau so haben wir es als Eltern gehalten! Und das ging ganz ausgezeichnet!
Wie schön ist doch unsere DDR-Nationalhymne denke ich beim Lesen und singen.
Schade, wenn die Worte anders aussehen, als die ausgeübte Praxis es lehrt.
Hier ist deren dritter Vers oder die dritte Strophe:
Lasst uns pflügen, lasst und bauen, lernt und schafft wie nie zuvor, und der eignen Kraft vertrauend, steigt ein frei Geschlecht empor. Deutsche Jugend, bestes Streben, uns'res Volks in dir vereint, wirst du Deutschland neues Leben, und die Sonne schön wie nie II: über Deutschland scheint. :II
Text: Johannes Robert Becher (* München 1891 bis † Berlin, DDR 1958) Melodie: (Johannes) Hanns Eisler (* Leipzig 1898 bis † Berlin, DDR 1962)
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Den Vorgang der Jugendweihe-Werbung habe ich so ausführlich geschildert, weil er für mich ein zwar kurzes aber doch ein einschneidendes Erleben war, was mich auch prägte. Es hat mich jedoch keinesfalls „bockig“ gemacht. Der „Kriegstreiber“ wird mir gegenüber nicht wiederholt. Von der Direktorin nicht und von ihrem Stellvertreter schon gar nicht. Vielleicht hat ihnen das nicht vorher abgestimmte Vorpreschen des Genossen Kleibier auch nicht so sehr gut gefallen? Ich werde es nie erfahren. Nun, er ist kein großer Pädagoge. Er ist ein menschlich Kleiner, Unbeherrschter, wenn auch vielleicht ein Großer in seiner Arbeitsstelle, in der Druckerei der „Märkischen Volksstimme“, dem „Presse-Organ“ der SED.
Werde ich es nie erfahren? – Mein Zweifel wird gestillt. Ich erlebe das, was man so einen zwar bestätigenden, wenn auch etwas hinkenden Vergleich nennt. Unter der ersten Septemberwoche dieses Jahres (also weiter unten) werde ich es notieren. Dann weiß ich es erneut ganz aktuell: Nicht nur der Genosse Kleibier versucht Menschen ohne einen tatsächlichen Grund in unwürdiger Art klein zu machen. Die hochstudierte Pädagogin, die Schulleiterin tut es genauso ... und Tausende und Abertausende anderer Kleingeister ebenfalls ... werde ich erst später wissen.
Wir werden erfahren, dass jene Genossen versuchen, ihre Ziele gegen normale, fleißige, vernunftbegabte Bürger selbst mit krimineller Energie durchzusetzen, obwohl das objektiv gesehen, überhaupt „nicht nötig“ wäre, ja sogar kontraproduktiv wirkt! Die Staatsführung, die leitenden Köpfe der führenden Partei begreifen das nicht, weil nur sie sich im Recht sehen. –
Jeder aus seiner Sicht, wird diese bestehenden Verhältnisse völlig unterschiedlich bewerten.
Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten? Sie fliehen vorbei, wie nächtliche Schatten. Kein Mensch kann sie wissen, kein Jäger erschießen. Es bleibet dabei: Die Gedanken sind frei.
Ich denke, was ich will und was mich erquicket. Und das in der Still und wenn es sich schicket. Mein Wunsch und Begehren kann niemand mir wehren, wer weiß, was es sei? Die Gedanken sind frei.
Ja fesselt man mich in finstrem Kerker, so sind das doch nur vergebliche Werke. Denn meine Gedanken, zerreißen die Schranken und Mauern entzwei. Die Gedanken sind frei.
Ich liebe den Wein, die Mädchen vor allem, und dies' tut mir allein am besten gefallen. Ich sitz nicht alleine bei einem Glas Weine, mein Mädchen dabei. Die Gedanken sind frei.
Text: 18. Jahrhundert, Melodie um 1815
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Wir alle sollen kämpfen. In der Schule den harten Kampf für Frieden und Sozialismus, in der evangelischen Gemeinschaft – den guten „Kampf“ des Glaubens und der Friedfertigkeit.
Und ich? Ich starte meine nächste „Große Initiative“. Ich kämpfe im Moment auch noch gegen Hugo Leichtsinn.
Mein Kampf gegen Hugo Leichtsinn
Meine Mutter fragt besorgt: „Junge ist das nicht zuviel? Damals mit den Jungen Sanitätern ließ es sich ja gut an. Dazu die Essen- und Milchgeldkassierung, die Kaninchen der Schule täglich und ganztags, die eigentliche Schul-Unterrichtszeit halbtags, Schularbeiten, häusliche Aufgaben, Redakteur der Wandzeitung im Gruppenrat, manchmal Unterstützung für die Gestaltung von Pioniernachmittagen anderer Klassen und jetzt auch noch ... Du solltest vielleicht nicht so viel in der Schule machen, Du weißt doch, Du solltest mehr für die Schule und damit also für Dich tun. Denk mal vor allem an Mathe und auch in Russisch könntest Du mehr üben ... denk auch mal an die spätere Bewerbung für eine Lehrstelle.“
Ich erwidere etwa: „Na, na, es ist ja nicht alles zeitgleich. Die Sanitäter sind ja schon lange ausgelaufen und das Milchgeld gebe ich zum Schuljahreswechsel an einen Jüngeren ab. – Ja, ja, alles klar – aber erst mal das Wichtigste und Interessanteste“. Natürlich hat Mutti recht. Ich sollte mehr tun. Ich gehöre durchaus nicht zu den Schülern mit Spitzenzensuren. Ich schwimme im Mittelfeld. Aber ach – große begründende Ausrede: Ich sehe eben nicht einige Spitzenzensuren als wichtig an, sondern die gesamte Bildung und das pralle Leben in meiner Gegenwart.
Schon schön geprüft
Und es ist so: Es verunglücken immer wieder Kinder bei Unfällen im Straßenverkehr und in der sozialistischen Tagespresse lese ich regelmäßig die Notizen: „Was sonst noch geschah“ und die Beiträge über „Hugo Leichtsinn“. Das ist entweder ein Verkehrsrowdy oder manchmal ist er auch nur sträflich nachlässig – menschlich oder technisch oder unaufmerksam, abgelenkt. Da muss man 'was tun, einfach ein Beispiel geben. Vielleicht schließen sich sogar andere Schulen an.
Dieses Thema habe ich gerade als einen der Artikel für die Wandzeitung gewählt. Natürlich reicht das nicht im Sinne einer aktuell politische Rundschau. Ich habe es aber immerhin mit einer weiteren hohen Selbstverpflichtung gewürzt. Ich rege an, in der Schule einen „Zirkel zur Verkehrserziehung“ für jüngere Schüler zu gründen. Und die Lehrkraft dazu bringe ich gleich wieder mit: Ich bereite mich doch auf die Mopedprüfung vor. Ich bin zwar erst 14 geworden aber Vaters Behinderten-Dreiradfahrzeug versagt ab und zu und er kann es dann allein nicht in jeder Situation im Straßenverkehr ... kurz und gut, Vati stellte einen schriftlichen Antrag an die Genossen des Volkspolizei-Kreisamtes Potsdam, ob der verantwortungsbewusste Sohn nicht ausnahmsweise schon vor dem regulären Alter, dem vollendeten 15. Lebensjahr, ... denn er (der Vater) – brauche mich dringend als Begleiter. Die Sicherheit im Straßenverkehr erfordere dieses.
Der Leiter des Volkspolizeikreisamtes (VPKA) antwortete, das sei nicht üblich, kaum verantwortbar und es gäbe schließlich bindende gesetzliche Regelungen ... – aber der Sohn solle mal mit dem Moped dann und dann vorbeikommen. Schiebend!!! Und dann werde man sehen. Und man sah. Man sah eine strenge Sonderprüfung seitens zweier freundlicher weißbemützter Genossen Volks-Verkehrs-Polizisten. Ich hatte
1. Eine Reihe von Fragen zur Straßenverkehrsordnung zu beantworten. Das war recht nett.
2. Dann ging es zu den Vorfahrtsproblemen („an den Sandkasten“) mit kleinen Autos auf Straßen.
Das rollt dort zügig und fehlerfrei.
3. Es waren dann mit dem noch ungewohnten Moped (SR 1) einige Kreise und Achten zu
rollen („Hast du das irgendwo geübt, he?“) und
4. hätte ich ihnen noch gern Vergaser und Auspuff zerlegt und dann wieder zusammengesetzt, doch das wollten sie nicht mehr.
Strahlend kam ich also mit dem Moped-Berechtigungsschein zurück gefahren, mit der Mini-Fahrerlaubnis. Viel später wird man wieder Führerschein sagen, als der Begriff nicht mehr so stark politisch-ideologisch belastet scheint. Ich habe diesen, meinen persönlich-sozialistischen Plan reichlich vorfristig erfüllen dürfen. Nun will ich das Wissen nicht nur für mich behalten, sondern mache in der Schule nebenbei Verkehrserziehung, in der Hoffnung, dass weniger Kinder unter die Räder kommen. Eine Landschaftsplatte mit allen möglichen Straßensituationen habe ich mir schon vorbereitet – auch mit der Eisenbahnstrecke und dem Bahnübergang, mit grünen Wiesen. Alles mit Leim und eingefärbten Sägespänen gestaltet, sowie mit überzähligen Häuschen von der elektrischen Eisenbahn und selbstgefertigten Verkehrszeichen. Es wirkt daher nicht so nüchtern-amtlich und nicht nur aufgemalt, wie bei der Polizei. Aber auch dort war es sachlich und sehr gut.
Auch diese neue Aufgabe des Verkehrsunterrichts macht mir Freude. Wir beschäftigen uns „im Zirkel“ mit unserem Verhalten gemäß den Feinheiten der Straßenverkehrsordnung. Wir bauen auf dem Schulhof einen kleinen Parcours für das Fahrrad-Geschicklichkeitsfahren auf, mit Kreisen, Slalomstrecke, Spurrinne, Einhandfahren mit Wasserbecher (ohne Ausschwappen des Inhalts) und mit einer Wippe. Die Schüler können ihre eigenen Fahrräder mitbringen, damit wir sie gemeinsam auf technische Sicherheit prüfen und zusammen Kleinreparaturen durchführen. Die Erste medizinische Hilfe binde ich immer wieder mit ein und mit diesem Programm unterstütze ich auch mal in Gruppennachmittagen anderer Klassen.
Warum, frage ich mich nur, muss man den Lehrern alles fachlich-spannende aufdrängen, fertig-mundgerecht präsentieren, obwohl es doch gerade die Genossen sind, die so große markige Worte hören lassen. Das Einzige hier sichtbare was von ihnen kam, war die Sache mit den Kaninchen – aber auch nur, weil der Befehl oder die Anregung des Ulbricht von oben als Druck kam und einige Schüler unten bereitwillig waren, kostenlos alle Arbeiten zu erledigen.
Ausflug nach Blankensee am blanken See
Noch im April hat Herr Gnerlich für uns eine Fahrradfahrt in die Jugendherberge Blankensee organisiert. Der Ort liegt etwas nördlich einer gedachten Linie zwischen Beelitz und Trebbin, also südlich von Potsdam. Man kann ihn gut über Rehbrücke, Saarmund und Tremsdorf erreichen. Der Blankensee ist etwa 3 km² oder 300 Hektar groß. Es ist ein Verlandungs-See, der nur eine Tiefe von 1,5 bis 2,0 m aufweist. Leider soll man darin nicht baden. Viele heimische Vögel leben am See aber auch Zugvögel finden hier einen geplanten Rast-Aufenthalt. Das Flüsschen Nieplitz durchquert den See aber man kann ihm dabei nicht zuschauen, ihn nicht sehen. Wir besuchen das Bauernmuseum mit seiner historischen Inneneinrichtung und einigen landwirtschaftlichen Geräten sowie die alte Schmiede. Der Ursprung der Kirche reicht bis in das 14. Jahrhundert zurück. In Schloss und Park wohnte der Schriftsteller Sudermann. Auch diesen Park hat Peter Joseph Lenné gestaltet. Wir übernachten in der Jugendherberge. Ich dachte voher eher an das Schlafen im Heu aber wir sind in Zwei-Bett-Zimmern ganz vornehm untergebracht.
Es ist ein prima Ausflug, der letzte gemeinsame, denn unsere Klasse wird sich Anfang Juli, zu Beginn der Großen Ferien aufgliedern. Vier Mitschüler gehen auf die EOS, auf die Erweiterte Oberschule, die zum Abitur führt. Ein Schüler verlässt uns mit dem Ende des achten Schuljahres, weil er ab September Landwirt lernen möchte und dort sowieso gleich wieder zur Berufsschule geht. Der Rest bleibt zusammen weiter auf der Schule 17. In der Parallelklasse ist es vergleichbar. Ab September werden die entstandenen Schüler-Lücken erstmals planmäßig mit Mädchen aufgefüllt, so auch für die jetzigen, bereits „schmaleren“ 9. Klassen, die dann im September das 10. Schuljahr beginnen.
Meine Schwester und ich mieten uns für einige Stunden mal wieder ein Paddelboot in der Potsdamer Burgstraße. Die Grundstücke führen bis zum Wasser hinunter, bis zur „Alten Fahrt“, dem älteren der beiden „Havelarme“, welche die Freundschaftsinsel umschließen. Die Häuser der Burgstraße sind nach den Bombentreffern vom 14. April 1945, 15 Jahre ist das jetzt her, zum Teil unbewohnt, sind teilweise Ruinen, aber die Paddelboote, die vermietet werden, sind in Ordnung.
Große Ferien – Schierke im Harz
Im August halten wir uns in Schierke im Harz auf. Ach, wie ist unsere Heimat doch schön!
Wir, das sind aber nur ein Teil unserer Familie, das sind Vati, meine Schwester und ich. Wir dürfen zwei Wochen im Handwerker-Erholungsheim in Schierke verbringen, weil der Familien-Kleinstbetrieb unserer Eltern als Handwerksbetrieb mitgezählt werden kann. Das ist zulässig, obwohl wir „großen Kinder“ keine Handwerker sind.
Vati hat die Hälfte seines 60. Lebensjahres überschritten. Meine Schwester ist 17½ Jahre jung.
Ich habe das 8. Schuljahr am Anfang des vorigen Monats vollendet und bin 14½ Jahre alt.
Somit haben Vati und meine Schwestern Urlaubszeit, ich aber bin in den Großen Ferien.
Nur Mutti kann leider nicht mitfahren. Sie muss zu Hause bleiben und führt inzwischen in Babelsberg das Geschäft und den Haushalt ganz alleine weiter – ohne Erholung.
Sie hat aber unseren Jüngsten, zur Unterhaltung und als tüchtige Hilfe. Er hat gerade die Kindergartenzeit zurückgelegt und freut sich schon gespannt auf das erste Schuljahr.
Mutti war auch mal in Schierke zur Erholung – allerdings im Jahr 1928, als sie etwa so alt war wie ich jetzt, mit ihrer Mutter Margarethe, ihrer Tante Johanna Seehafer, ihrem Vater Max und ihrer jugendlich-gleichaltrigen Potsdamer Freundin Annemarie („Mausel“) Muster, der Tochter ihres Tauf-Patenonkels, des Architekten Paul Muster. Gern hätte sie den Ort noch einmal gesehen und sich bestimmt an viele Einzelheiten des damaligen Aufenthaltes erinnert. Aber über ihr in-Babelsberg-bleiben-müssen klagt sie nicht. Wir aber sollen statt ihrer nachschauen, ob die damalige Pension „Waldesruh“ der Wirtsleute Massow heute noch steht und ob in der Bode noch der große „Sofastein“ liegt, auf dem die damaligen Mädels sich gerne aalten und auch ein Erinnerungsfoto knipsten. Zumindest werden wir ihr schon mal per Post und dann nach unserer Rückkehr, über alles ganz genau berichten, vielleicht sogar bildlich vorführen können.
Der 1. Urlaubs- und Ferientag
Unsere Fahrt in den Urlaubsort ist „nicht so ganz ohne“, denn außer unseren zwei großen Koffern und der Ein-, Um- und Aussteigehilfe für Vati, haben wir ja in Potsdam, Magdeburg, Halberstadt, Wernigerode und Schierke auch immer den „Selbstfahrer“, den langen handbetriebenen Rollstuhl mit dem schweren Stahlrohrrahmen, fix in den Gepäckwagen am Ende des Zuges zu bugsieren, bzw. beim Aussteigen schnell wieder in Empfang zu nehmen, weil die Bahnen bei unserem Umsteigen auf den Bahnhöfen, nicht lange halten. Wir aber sind ja verhältnismäßig gut aufeinander eingespielt, so dass alles klappt.
Aber ein Kunststück ist das wohl sowieso nicht. Zu den zurückliegenden Kuraufenthalten von Vati, hatte Mutti das mit Unterstützung der guten Leute von der Bahn alleine zu bewältigen. Und auch das schaffte sie.
Also, bei uns fing es damit an, dass wir diesen Selbstfahrer halb rollend, halb tragend die Treppe zur S-Bahn des Bahnhofs Babelsberg hochwuchteten. Das sind 36 Stufen, zwischendurch mit 2 Absätzen „zum Erholen“, um von Höhenniveau der Straße auf die Bahnsteighöhe von 5,40 m zu kommen.
Ich notiere euch mal unseren Fahrplan, damit ihr unseren Weg kennenlernt: Die Verbindung war ja aus dem Kursbuch schnell herauszulesen und ein freundlicher Bahnangestellter half mir dabei:
Bahnhof |
Zugart |
ab / an |
Fahrzeit (min.) |
Entfernung (km) |
Bf Babelsberg |
S-Bahn |
08.10 |
|
|
Bf Potsdam Hbf |
|
08.13 |
3 |
3 |
|
|
|
|
|
Bf Potsdam Hbf |
D-Zug |
08.38 |
|
|
Bf Magdeburg Hbf |
|
10.00 |
82 |
125 |
|
|
|
|
|
Bf Magdeburg Hbf |
Beschleun. Pers.-zug |
10.26 |
|
|
Bf Halberstadt |
10.56 |
30 |
60 |
|
|
|
|
|
|
Bf Halberstadt |
Eil-Zug |
11.03 |
|
|
Bf Wernigerode |
|
11.17 |
14 |
22 |
|
|
|
|
|
Bf Wernigerode |
Pers.-Zug |
11.40 |
|
|
Bf Schierke |
|
12.41 |
61 |
23 |
|
Reisezeit: 4 Stunden u. 31 Minuten |
Reine Fahrzeiten: 3 Stunden u. 10 Min. |
Reiseweglänge: 230 km |
|
Am Fahrplan erkennt ihr schon, dass der erste Ferientag, bezogen auf den Urlaubsort, eigentlich nur ein halber Tag ist.
Zur Erläuterung: Diesen Fahrplan schätzte ich erst im Jahre 2011 nach üblichen Fahrzeiten. Die Entfernungen sind etwa gleich geblieben. S-Bahn ist die elektrische Schnell- oder Stadtbahn – hier auf der Strecke zwischen Berlin und Potsdam. Der D-Zug ist eine schnelle Durchgangsbahn, die nur auf wenigen Hauptstationen hält. Für den D-Zug wird ein Fahrkarten-Preiszuschlag von 3,- DDR-Mark erhoben. Der beschleunigte Personenzug hält nicht auf allen Unterwegsbahnhöfen – ähnlich wie der noch etwas schnellere Eilzug, für den ein Kostenzuschlag von 1,50 DDR-Mark erhoben wird (bei uns ist er aber im D-Zug-Preis bereits enthalten). Der Personenzug ist der langsamste. Er hält auf jedem Bahnhof. Der Reisekilometer kostet 8 Pfennige in unserer 2. Klasse. Für die Fahrt in der 1. Klasse wären 11 Pfennige pro km zu entrichten. Wir bezahlen also etwa 21,40 Mark je Person (230 km x 0,8 Mark / km = 18,40 M zuzüglich 3,00 Mark D-Zug-Zuschlag).
Die Fahrzeit verging schnell – wir spielten „Stadt-Land“ und „Käsekästchen“ sowie „Onkel Otto plätschert ...“, betrachteten die besonnte, erntereife Sommerlandschaft und achteten natürlich darauf, das wir uns jeweils rechtzeitig auf das Umsteigen vorbereiteten. Ich hatte ja zur Konfirmation von den Eltern eine Armbanduhr geschenkt bekommen, in Glashütte hergestellt.
Am Zielbahnhof angekommen. Auf dem Wege vom Bahnhof Schierke zum Ort, auf dem es stets abwärts geht, werden dann die Bremsen des Selbstfahrers glühend heiß und irgendetwas verzieht sich am Fahrzeug und schleift – eine Begleitmusik, dem Zirpen einer Grille ähnlich. Vom Bahnhof bis zum Ortsbeginn sind es etwa 1,25 km und von dort aus bis zum Handwerker-Heim nochmals etwa 1,14 km. Könnten wir vom Bahnhof aus wie die Vögel oder die Brocken-Hexen, die Luftlinie zum Erholungsheim wählen oder zumindest den steilen, für uns aber zu schmalen Waldpfad, dann wären wir bereits nach 670 m am Ziel. So aber, wie es ist, ist unser Weg 3,6 x so weit. Insgesamt legen wir, den größeren Koffer quer auf dem Selbstfahrer-Rahmen liegend, den abwärts führenden Weg recht zügig zurück. Einmal fragen wir sicherheitshalber zwischendurch nach dem Weg, um mit dem Gepäck nicht etwa einen Umweg zu riskieren.
Das Erholungsheim für die Handwerker steht in Unterschierke, im tiefer liegenden Süden, in der Dorfstraße 9. Unterschierke ist nur ein Teil des Ortes, aber wohl schon seit Ausgang des Mittelalters die Dorfmitte, denn hier standen auch schon immer die Kirchen. Zurzeit die dritte der nachweisbaren Bauten solcher Art.
Das Handwerker-Erholungsheim war früher das private Hotel der Familie Hoppe. Heute gehört es der Handwerkskammer Potsdam und scheint uns schon deshalb von weitem ein bisschen vertraut. Viele der Erholungssuchenden kommen deshalb auch aus dem Bezirk Potsdam. Es war wohl nicht leicht, diesen Urlaubsplatz zu erhalten, denn die Urlauber müssen „zuverlässige und ehrliche Menschen“ sein, weil der Ort Schierke im Grenzgebiet liegt. Bis an die Grenze zur BRD ist es nicht weit. Braunlage ist der naheste West-Ort und sogar der Brocken ist ja „geteilt“, also „begrenzt“ kann man sagen und wird so zur doppelten Freude – für die West- und die Ostdeutschen, gemeinsam getrennt. Der gesamte Gipfel gehört aber ausschließlich zur DDR. Wieso wir den Urlaubsplatz trotzdem bekommen haben, nach diesem schwierigen Schuljahr – hatte denn niemand Sorge, dass wir mit dem Versehrten-Rollstuhl eventuell die DDR-Staatsgrenze anschubsend verletzen oder gar durchbrechen könnten? Aber solche trüben Gedanken quälen uns hier nicht. Vielleicht wechselten die wichtigen Informationen nicht zu schnell und nicht so sehr hin und her. Wer weiß dazu mehr?
Bei der Ankunft mahnt oder ermuntert ein großes Transplakat an der Fassade des Heims alle Erholungssuchenden mit der Losung: „Vorwärts zu neuen Erfolgen im 2. Fünfjahrplan“.
Ja, nun, gewiss, was denn sonst? Sind wir nicht deshalb extra hierher gekommen?
Im Hause bekommen wir in der Etage über dem Hochparterre, also über der Club-Veranda und dem Kultur-Speisesaal, links am Ende des langen, breiten Ganges und somit ganz außen, ein hinreichend großes, zweckmäßig eingerichtetes Zimmer mit drei Betten, Nachttischen, Schrank und dem Tisch mit Stühlen. Alles Wesentliche ist vorhanden. Es ist freundlich, sauber und das Schönste: Ein großer Eck-Balkon. Vom Balkon aus blicken wir in das Elendstal, auf Bäume (das ist aber heutzutage gar nicht so schlimm, wie es sich anhört – ich schreibe später noch etwas Beruhigendes dazu) ... auf Bäume also, zwischen denen sich die schmale Bode (dieses Flüsschen) schlängelt – vielleicht 70 bis 80 m vor uns, aber von den Baumkronen überkront und unseren Blicken vom Balkon aus entzogen.
Die Feriengäste treffen nach und nach im Heim ein. Wir gegen 13.20 Uhr. Deshalb gibt es heute noch kein gemeinsames Essen und jeder kann dort Platz nehmen, wo er möchte und nach längerer Reise gleich mit dem Essen beginnen. Erst morgen werden wir platziert, wie es sich gehört. Weil sich eine andere aufwändigere Mahlzeit ungünstig zu allen möglichen Zeiten der Ankunft servieren ließe, gibt es zur Begrüßung auch hier eine kräftigende Brühnudelsuppe mit Weißbrotscheiben, so viel wie jeder essen möchte und ein Schälchen Obstkompott. Diese Verfahrensweise ist mir aus den Kindererholungsheimen in denen ich sein durfte, vertraut.
Ein Radio gibt es nicht im Zimmer aber wir (also Vati nicht) summen oder trällern auch mal die gängigen Melodien, die zu Hause mittwochs die „Schlager der Woche“ von und mit Fred Ignor bringen. Dazu gehören beispielsweise: – Ach nein, ich merke schon beim Zusammenkritzeln – das wird jetzt zu lang. Ich weiß es aber schon – wir brauchen nicht ganz dringend ein fremdes Radio für unsere eigene Musik.
Nun ist das Auspacken der Koffer angesagt und bei den ersten Mahlzeiten heißt es, die anderen Handwerksleute in der Umgebung unseres künftigen Stammplatzes „zu beschnuppern“. Ob denn viele vom Alltag mit Sägemehl bestaubte Tischler, wettergegerbte Zimmerer in schwarzen, perlmuttknopfbesetzten Cordanzügen und Hut, Maurer mit ausgearbeiteten schwieligen Händen und Schmiede, so stark wie Bären aussehend, darunter sind?
Der 2. Tag
Schierke liegt auf etwa 580 bis 640 m Höhe über dem Meeresspiegel N. N. (Normal Null). Das ist keine ungefähre Angabe, sondern sie will uns zeigen, dass es im Ort sehr bergauf und bergab geht. Die Gesamtlänge des Dorfes mag reichlich 3 km betragen. Im Ort leben ungefähr 600 Einwohner. Viel mehr Platz und in größeren Häusern ist aber für Urlaubsgäste vorgesehen, die in ihrer Anzahl die Einwohner um ein Mehrfaches übertreffen.
Im Jahre 1590 wurde der Name des Ortes erstmals in den alten, also damals neuen Urkunden erwähnt – allerdings noch nicht als Urlaubsort.
Recht schnell merken wir, dass nur die Gäste „Schierke“ sagen. In der Harzer Mundart wird der Ortsname „Schirrke“, also ordentlich gesprochen. Das hat aber nichts mit Geschirr, nichts mit Ski (Schier) und Rodel zu tun, denn der Ortsname bedeutet „Blankes Holz“. Warum – fragen wir uns, denn die gesunden Bäume sind nicht blank, sondern besitzen eine Rinde, die auch meist rau ist. Häufig sind das wohl Fichten. Zumindest heute. Es besteht ein Harzer Urwald heut' nicht mehr. Aber vielleicht haben sich auch nur die sprachforschenden Wissenschaftler ein bisschen geirrt und ein sehr ähnliches Wort bedeutet 'was ganz anderes? Ich werde mal unseren darin bewanderten Großonkel, den Philologen, Sprachforscher und Volksbuchwart, Dr. Wernher Bauer, in Rangsdorf lebend, zu seiner Meinung befragen.
Wir wollen den Ort und die Umgebung möglichst gut erkunden, zumindest soweit, wie wir mit Vatis Selbstfahrer kommen, denn wir wollen und können ihn ja nicht im Erholungsheim sitzen lassen und dann nur allein wie die Gemsen oder Steinböcke .... das wäre nicht die gemeinsame Erholung.
Erkunden, ja, mit den Augen, denn eine günstige und wirklichkeitsgetreue Karte der Umgebung gibt es nicht – hier für die Wege im Grenzgebiet. Eine genaue Wanderkarte könnte ja zum Fluchthelfer in Richtung BRD werden. Zugelassen ist unsere übliche Harz-Karte im Maßstab 1:100.000 – doch diese ist mehr für schnelle Autos geeignet, als dass sie uns den Ort abbilden würde und die Fußwanderziele der näheren Umgebung zeigte. Macht nichts – so haben wir mehr echt zu erforschen.
Der 3. Tag
Es dauert nicht lange, bis wir uns mit anderen Gast-Familien anfreunden – aber in solch einer eher seltenen „Handwerksbranche“ wie unser Vater, ist keiner dieser anderen guten Leutchen tätig. Somit findet er keine direkten Anknüpfungspunkte für eine Fachsimpelei – muss ja im Urlaub auch nicht unbedingt sein.
Oft sind wir mit der Familie des Bäckermeisters H. aus Jüterbog, mit ihrer hübschen, frischen, kräftigen Tochter zusammen. Dann ist da noch das Bäcker- und Konditormeister-Ehepaar St. aus Potsdam, in der Stalinallee 8 wohnend, mit ihrer schwarzhaarigen, ebenfalls schönen, lebhaften Tochter. Aber auch für diese bin ich, weil noch zu jung, sowieso nicht weiter interessant. „Leider“ könnte ich anfügen ...
... aber, Kopf hoch, es gibt ja noch mehr Menschen, die sich hier versammelt haben.
So gehe ich durchaus nicht leer aus, sondern freunde mich, mit Herzklopfen, mit der blonden, zarten Ursula aus Nordhausen an. Ursel ist ein knappes Jahr jünger als ich, und somit bin diesmal ich der Große. Schon jetzt bin ich also dafür gewappnet, falls im September das Aufsatzthema „Mein schönstes Ferienerlebnis“, als Hausaufgabe kommen sollte. Na ja, in solchem Ernstfall würde ich natürlich trotzdem nichts darüber aufschreiben. Ursels Vater muss wohl irgendeinem Büro-Handwerk nachgehen, zumindest ein Chef sein, denn er trägt selbst im Urlaub stets einen Anzug mit Schlips oder Krawatte. Er ist kein Waldwanderer. Auch Ursels Mutter sieht recht vornehm aus – nach meiner Ansicht. Ursel nicht – ganz herrlich natürlich.
Der 4. Tag
Heute ist es regnerisch und daher ist ein Briefschreibe- und Lese-Tag angesagt. Fix beschaffen wir einige Ansichtskarten aus dem Kiosk, grad' gegenüber. Die Tochter unseres Vaters schreibt zuerst an Mutti und Bruderkind in Babelsberg, wir setzen unsere Grüße dazu. Ich schreibe an diesen und auch an jenen, an die Klassenkameraden nicht – es sind ja Ferien und die Post würde in der Kellerwohnung der Babelsberger Schule 17 bei Hausmeister Roelofsen liegen bleiben (er sagt aber immer, dass er im „Souterrain des Schulgebäudes“ lebe). Bei ihm muss jeder vorbei. Aber unserem Biologielehrer Fritz-Peter Gnerlich sende ich eine Karte. Er wohnt in der Potsdamer Lennéstraße 12 a, im Hinterhaus oder besser beschrieben: im Gartenpalast. Mit einem Sprung über den Zaun könnte er schon im Park Sanssouci sein. Wegen seines Rheumas springt er jedoch wenig. In den schönen Park kann er ja zumindest immer dann ungehindert blicken oder gehen, wann er es möchte. Dort gibt es sehr viel Biologie, was auch mir viel lieber ist, als Mathematik. Im kommenden Schuljahr wird er dann den guten Herrn Donath als Klassenlehrer ablösen. Das wissen wir schon.–
Wir spielen heute gemeinsam „Stadt – Land“ und „Mensch ärgere dich nicht“. Die Bibliothek des Erholungsheimes haben wir natürlich bereits besucht und uns manches ausgeliehen, uns „reich eingedeckt“, falls eine Serie von Regentagen folgen sollte.
Doch schon kommt die Sonne aus dem Wolkengetürm wieder heraus und wir erledigen einige Erinnerungsfotos, damit Mutti später sehen kann, wie gut es uns hier ging. Meine kleine „Pouva-Start“ ist nicht dabei. Vor einiger Zeit hat sich Hartwig einen besseren Fotoapparat zusammengespart und ich habe seine „Exa 1“ geerbt. Dieses schwarze Bakelit-Gerät probieren wir jetzt aus. Wir benutzen einen gleichen Rollfilm wie für Muttis Agfa-Box von 1927, aber es passen auf den Film nicht nur 8 Bilder des Formates 6 x 9 cm, sondern 12 Stück im Format 6 x 6 cm. Es ist eben eine moderne Kamera.
Zuerst fotografiert meine Schwester uns, Vati und mich, im Zimmer vor dem hellen Fenster sitzend. Also von mir ist so eine Art schwarzer „Scherenschnitt“ erkennbar und von Vati der durchsonnte, etwas schüttere Haarschopf. Sehr schön. Dann das große Hin- und Herrücken auf dem Balkon, bis das gnädige Fräulein die richtige Positur eingenommen hat. Wie auf einem Zeitschriftentitelbild und ganz doll gefährlich über dem Abgrund, so mit halber Po-Backe auf der Balkonbrüstung „im Damensitz reitend“ – recht fotogen, damit kann sie sich brüsten.
Anschließend unternehmen wir einen Spaziergang, um den Ortsteil Oberschierke zu erkunden.
Am Abend des 5. Tages
Es strömen ungewohnt viele Leute zum Kino und wir strömen den für uns nur kurzen Weg mit, leisten uns das Vergnügen. Es wird ein westdeutscher Farbfilm gezeigt: „Ich schwöre und gelobe“, Geheimnisse in einer Frauenklinik, ist sein Titel. P 18. Zwar bin ich, wie schon angemerkt, 14 ½ sehe aber doch recht verständig und vernünftig und vor allem groß aus, etwa so wie 18-jährig. Außerdem komme ich ja nicht als neugieriger, halbstarker Zuschauer, sondern als unerlässliche Begleitperson und Stütze meines Vaters. Die Kontrolle am Einlass führt zu einem ähnlichen Ergebnis wie meine vorzeitige Mopedprüfung. Der Film handelt von werdenden Müttern, einer Geburtskomplikation, chirurgischen Schwierigkeiten mit Todesfolge und einer Gerichtsverhandlung. Mit dem Chefarzt Dr. Feldhusen, dem Dr. Neugebauer und der Patientin Frau Roth, die mit der roten Baskenmütze – es ist also wahrlich kein Lustspiel.
Tags darauf muss ich der wissensdurstigen Ursel, die ja nicht mitdurfte, alles genauestens berichten, habe aber dann doch einiges weggelassen, was die allerinnersten Frauensachen betraf. Wahrscheinlich wäre ihr das Fortgelassene am Wichtigsten gewesen – aber das so richtig zu erkennen und zu benennen, war für mich schwierig und ein wenig schüchtern-gehemmt war ich auch ihr gegenüber, um darüber nun große Reden zu führen, alles noch besser darzustellen, als die Ärzte es vor Gericht taten.
Vom Heim zum Kino haben wir es nur etwa 200 m weit. Das Lichtspieltheater liegt an der Verlängerung der Dorfstraße (Sackgasse) in Richtung Bode, es ist ein Anbau an der „Alten Burg“. Das Kino trägt keinen eigenen Namen. Es sieht schlicht und einfach aus, wie eine große, fensterlose Holz-Baracke. Ganz links befindet sich der doppeltürige Eingang mit Kartenverkauf und strenger Alters-Gesichtskontrolle.
Die „Alte Burg“ ist noch ziemlich jung. Sie wurde „recht verspielt“, eben wie eine uralte Burganlage mit Türmchen und Söller (mit Schießscharten) erst 1888 als Wohnanlage errichtet. Der Bauherr war der Oberstleutnant Schumann aus Magdeburg. Nicht lange hat er hierin gewohnt, denn bereits 1892 verkaufte er das Anwesen mit den Gebäuden an einen Herrn Emil Nickel. Unter diesem wurde dann die „Burg“ wohl zum ersten Hotel in Schierke. Heutzutage wohnen darin aber ganz normale Menschen wie du und ich und wenn sie einen Mauerziegel (oder zwei) aus der Wand ihres Wohnzimmers lösen würden, könnten sie jeden Abend vom Sofa aus einen Film sehen. Fernsehen. Aber das tun sie nicht. Wir wollen sie auch nicht dazu verführen. Sie sind hoffentlich alles ausgezeichnete Sozialisten – was ja ziemlich garantiert sein wird, wegen ihrer Dauerwohnberechtigung im Grenzgebiet ... und wer möchte denn aus dieser herrlichen Gegend auch schon fortziehen wollen?
Am 6. Tag
Nach dem Frühstück gehen und rollen wir in Richtung Kirche.
Betrachten wir erst einmal die „Nicht-mehr-Kirche“: Am 21. August 1691 wurde die vorige Kirche geweiht. Diese, für die geistlich-geistige Erbauung und auch eine benachbarte Wirtschaft für das leibliche Wohl, ließ Graf Heinrich-Ernst zu Stolberg-Wernigerode errichten. Die Kirche stand näher am Wasser, als die heutige. Sie war also fast schon deshalb ein Kirchenschiff. Eine Art von Arche. Ohne Turm. Ein gesondertes Gebäude, der „Glockenstuhl“ genannt, setzte man rund 40 Jahre später, als wieder etwas Geld vorhanden war, ein Stück weiter neben die Kirche. Dem Schulmeister, der die Kinder ja ohnehin in der Religion unterwies, wurde nun zusätzlich die Aufgabe übertragen, auch den Erwachsenen „aus der Schrift“ zu lesen.
Ab 1716 gab es dann einen höher geschulten Pastor. 190 Jahre lang tat dieses Kirchengebäude seinen Dienst. Heute aber (1960) beherbergt die ehemalige Kirche Sommerferienwohnungen und auch der Glockenstuhl ist als dringend benötigter Wohnraum umgebaut. Interessantes Wohnen – wenn auch vielleicht nicht ganz so romantisch wie mein Wunsch mit der Babelsberger Gerichtslaube.
Die neue Kirche errichtete man in der Zeit von 1876 bis 1881 im Auftrage des Grafen Otto zu Stolberg-Wernigerode. Dieses neue Gebäude steht auf einem Berg, der seit dieser Zeit Kirchberg heißt. Evangelische „Bergkirche“ ist daher ihr einprägsamer Name. Sonntags kann man hier (manchmal) die Bergpredigt hören. Das sakrale Bauwerk wurde am 17. Juli 1881 geweiht. Es ist völlig aus Granitblöcken errichtet. Wie von außen, so sieht man die Steine auch von innen. Das Gebäude ist also unverputzt und schmucklos. Es kann kein Putz abbröckeln und den Anblick mindern.
Angenehm „warm“ wirken als Kontrast dazu die Holzbänke, das Kreuz, die hölzerne Kanzel mit den figürlichen Darstellungen von vier Aposteln und der ebenfalls geschnitzte Holz-Ständer für die Taufschale. Diese Arbeiten kamen aus Hand und Werkstatt eines alten Wernigeroder Holzbildhauer-Meisters.
Den recht stabilen Altar fertigte der Schierker Steinhauermeister Wilhelm Wenzel aus rotem Granit. Darauf darf man also getrost und gefahrlos mehr als eine schwere Bibel ablegen. Dieser Tisch hält was er verspricht! Die heute noch genutzten Taufgerätschaften stammen aus dem Jahre 1691 und das Abendmahl-Geschirr ist mit 1730 datiert. Die vorhandene Orgel wurde mehrmals umgebaut, modernisiert.
Im Kirchturm befinden sich zwei Glocken. Die kleinere aus Bronze wurde 1742 gegossen. Aus dem 13. Jahrhundert stammt die größere der Glocken. Beide blieben, wer weiß warum, von den mehrfachen kriegsbedingten „Metallsammlungen“ verschont.
Verschiedene Stifter sorgten für die schönen farbigen Fenster des Kirchenschiffes.
Beheizt wird das Gebäude mit einem Ofen aus der Zeit um 1600, der aus der Eisenhütte zu Ilsenburg kam. Die gusseisernen Platten tragen bildhaften Reliefschmuck mit biblischen Motiven. Ein wahrer Kunstguss – für viele Sehende auch ein Kunstgenuss. –
Weil wir anschließend bis zum Mittagessen etwas noch Zeit haben, besuchen wir wieder den kleinen Stein-Kur-Park und den Heiligen See. Das passt doch so recht zum vorherigen Thema.
Das Essen mundet uns wie stets recht gut. Ein großes Lob den fleißigen Köchinnen und Köchen!
Der 7. Tag
An
diesem sonnigen Tage brechen wir nach dem Frühstück zum Brocken
auf, dem höchsten Berg des Harzes. Würden wir zum Brocken zu Fuß
wandern, dann würden wir durch Oberschierke gehen. Doch wir fahren
mit dem Zug. Es ist eine gute Kräftigungsübung, Vati mit dem
Selbstfahrer die knapp zweieinhalb Kilometer zum Bahnhof bergan zu
schieben. Unter-Schierke liegt etwa
580 m hoch aber der
außerhalb des Kurdorfes angeordnete Bahnhof in rund 685 Metern Höhe.
Vatis Selbstfahrer hatte ja inzwischen genug Zeit, sich wieder „zu
erholen“, nur ich war bereits zu Beginn dieser „Reise“ nach dem
Bergauf-Schieben nass. – und das nicht nur unter der Zunge.
Am Bahnhof bleibt dieses Muskelfahrzeug dann stehen, wird abgestellt und angeschlossen.
Der schöne Tag entschädigt uns für die Mühe.
Wir fahren mit der Brockenbahn nach Norden und nach oben. Nur eine Station – weiter geht es nicht. 14 km beträgt die gesamte Streckenlänge, Fahrzeit 31 Minuten. Diese Strecke ist etwa doppelt so lang, als der kürzeste der verschiedenen Wander-Aufstiege zum Brocken, dafür aber weniger steil. Die Fahrzeit vergeht bei dem Schneckentempo von durchschnittlich 27 km/h aber trotzdem wie im Fluge.
Seit
reichlich sechs Jahrzehnten rollt diese Schmalspurbahn auf 1.000 mm
breiten Gleisen täglich durch das harzige Gebirge. Diese geringere
Spurweite ermöglicht engere Kurvenradien, als die Normalspurweite
mit ihrem 1.435 mm Schienenkopfmittenabstand. Seit dem 20. Juni 1898
rollt die Harzquerbahn von Wernigerode nach Nordhausen, im Süden des
Harzes liegend – aha, daher dieser Name – und dann ab 4. Oktober
1898 auch die Brockenbahn. Von Drei Annen Hohne
(* Anmerkung zum
Ortsnamen am Tagesende) über Schierke bis zum Brocken-Gipfel.
Vom Bahnhof Schierke bis zum Bahnhof Brocken haben die Züge mit den emsige Lokomotiven etwa 440 Höhenmeter zu überwinden. Die wandernden Leute aber auch. Die durchschnittliche Streckensteigung für die Bahn beträgt reichlich 3%, dass bedeutet, die Gleise steigen auf jedem Meter ziemlich gleichmäßig um etwas mehr als 3 cm (zwischen 30,00 – 33,33 mm Höhendifferenz je 1.000 mm Länge des Gleises) an. So genau wurde das Bahn-Gelände in der wilden Gesteins- Landschaft nivelliert und das Schotterbett geschüttet und gefestigt, sowie die Gleise gelegt.
Der Bahnhof Brocken liegt in 1.125 m Höhe. Bis zum Gipfelpunkt sind es dann nochmals rund 26 Höhenmeter – die Gelehrten streiten sich wohl ein bisschen darum, ob der höchste Berg des Harzes und damit auch der höchste von Norddeutschland, nun 1.141 oder 1.142 m hoch ist. Auf einigen Ansichtskarten wird sogar mit 1.143 m geprahlt. In jedem Fall aber ist er der höchste Berg Deutschlands, der von einer Bahn erklommen wird, die keine Zahnrad-Kletterhilfe nutzt. Ebenfalls zeichnet sich der Berg durch seine „höchste Dominanz“ aus, dass bedeutet, er steht „solitär“, da ihm an Höhe in weitem Umkreis kein anderer Berg gleichkommt oder seine Höhe überbietet. Das tritt dann erst in einer Entfernung von rund 200 km auf. An meinen Ausführungen erkennt ihr wohl, dass der gesamte Berg „Brocken“ genannt wird und nicht nur der große Felsbrocken, der oben auf dem Gipfel liegt, gemeint ist. Vielleicht ist es möglich, dass man diesen extra herauf geschleppt hat, um auf die 1.143 m zu kommen. Eine praktische Korrektur scheint sowieso ab und zu angemessen, denn die Herbst- und Winterstürme schleifen ja auch immer etwas von der Kuppe ab, machen den Berg im Laufe der Zeit niedriger aber der Stolz der Harzer lässt wohl eine solche Einsicht wohl nicht zu.
Für die Schmalspur-Lokomotiven der 99-er Baureihe, hat sich Vati recht begeistert. Derartige bergfreudige Maschinchen stellte man ja auch bei Orenstein & Koppel in Drewitz / Neuendorf her, dort wo Vati und sein Vater August in diesem Betrieb eine Reihe von Jahren gearbeitet hatten. Heute tragen diese Orte den gemeinsamen Namen: Potsdam-Babelsberg. Die neuesten Schmalspur-Loks für die Harzer Bahnen wurden 1956 im Folgebetrieb: VEB Lokomotivbauwerk „Karl Marx“ gebaut, also ebenfalls bei uns zu Hause. In den gleichen Hallen wie früher. Aber Karl Marx , das ist bekannt, war weder Lokomotivbauer noch der Führer einer dieser Maschinen.
Fleißige Maurerhände errichteten das Gebäude des Brocken-Bahnhofs im Jahre 1924 aus Granitblöcken. Wir sehen es auf dem Bild, auf welchem Vati und meine Schwester so einsam zu sehen sind. Obwohl – wir sind durchaus nicht die Einzigen hier. Allein im Monat Juli, also neulich, beförderte die Brockenbahn etwa 90.000 Fahrgäste. Solch eine Anziehungskraft besitzt also der Brocken, obwohl man auf oder in ihm noch kein Magneteisenstein gefunden hat.
Der hohe Holzturm der Wetterwarte steht seit 1895 auf dem Brocken – dem Regen, der Sonne und den eisigen Schnee-Stürmen trotzend.
1938 erbaute man den ersten Fernsehturm der Welt (das ist ein Sendemast für die Bilder und natürlich auch den Ton dazu) auf dem Brocken. Das muss einmal festgehalten werden! Zu jener Zeit hatten aber erst wenige Menschen einen Fernsehapparat, so dass es leider nicht weiter auffiel.
Das Klima hier oben soll etwa mit der Insel Island vergleichbar sein. Im Jahresmittel beträgt die Temperatur ungefähr +5°C. Am 1. Februar 1956 war es -28°C kalt.
Im Durchschnitt liegt auf dem Berg an 120 Tagen Schnee. Meist ist es viel Schnee, bis über
3 m hoch. Schwere Stürme fegen über den Gipfel hinweg und an etwa 300 Tagen im Jahr hat man viele Wolken, Nebel, dazu angeblich Brockengespenster, die die Augen der ängstlichen Besucher narren und für trübe Aussichten sorgen. Wir kennen soetwas schon vom Erlkönig.
Wir aber sind bei sehr gutem Wetter hier oben. 1912 schien die Sonne auf den Brocken nur 972 Stunden lang, also eine kurze Zeit, aber 1921 gab es 2005 Stunden eitel Sonnenschein. Wie mag es damit im Jahr 2005 aussehen?
1890 legte man den Brockengarten an. Wegen des besonderen Klimas, von dem auch die Pflanzen- und Tierarten abhängen, wird er auch stolz „Alpengarten“ genannt. Der Brocken-Gipfel liegt knapp über der Waldgrenze, so dass hier oben zerzaustes Gesträuch und zahlreiche flachliegende Gräserarten wachsen und zu sehen sind aber eben keine Bäume.
Johann Wolfgang v. Goethe würdigte nach seinem Besuch des Brockens im Jahre 1771 diesen Ort in seinem Dichtwerk „Faust“. Und auch Heinrich Heine schrieb in seiner „Harzreise“ über den Brocken. Den Mathematiker Carl Friedrich Gauß interessierte hier mehr die Landvermessung. Er legte über die markanten sichtbaren Punkte „Brocken“, „Hoher Hagen“ und „Großer Inselsberg“ ein gedachtes großes Dreieck und rechnete allerhand aus. (Hierzu nichts Näheres – ich habe Ferien).
Zurückgekommen ins Handwerker-Erholungsheim, fallen wir nach dem guten Essen am Abend bald müde in die Betten. Auf dem Brocken, dem hechsten Barg, gewesen zu sein war schön. Ein erlebnisreicher langer Ferientag. Doch uns ist auch bewusst, dass nichts ewig währt, dass leider schon wieder Halbzeit des Urlaubs ist, so dass wir heute unser „Bergfest“ im doppelten Sinne begingen.
Ach so, bevor ich es vergesse: Einige Worte noch wollte ich ja zu dem Namen des Umsteige-Bahnhofs Drei Annen Hohne notieren.
Nein, nein, keine Sorge. Hier wurde nicht etwa die Anne 3x verhöhnt. Also, das war damals in Wirklichkeit so: Um 1770 bekam die Gattin des Grafen Christian Friedrich zu Stolberg-Wernigerode eine Tochter. Etwa zeitgleich aber auch die Schwester des Grafen. Beide Töchter, also die Cousinenbabys, erhielten den gleichen schönen Taufnamen „Anna“ zu Ehren ihrer bereits längere Zeit vorhandenen gräflichen Großmutter Anna. Somit gab es drei Annas oder Annen in der Familie. Zu deren Gedenken erhielt die spätere, am Waldesrand gelegene Gaststätte, den Namen „Drei Annen“. Das „Hohne“ stammt dagegen nicht von den Grafen. Es wurde einfach nur so angefügt nach dem sich in der Nähe befindenden „Forsthaus Hohne“, an der flüssigen Hohne gelegen.
Am 8. Tag
Mit der lieben Ursel an meiner rechten Hand, wandere ich, vielleicht etwas linkisch aber mit einem gutem Gefühl und heißem Herzen, an der Kalten Bode entlang. Ein ähnliches Stimmungsbild beschrieb Friedrich Schiller damals, 1782 war's, mit folgenden Worten:
„Noch ganz wie aus den Händen des Schöpfers, unschuldig, die schönste, weichste, empfindsamste Seele, und noch kein Hauch des allgemeinen Verderbnisses am lauteren Spiegel ihres Gemüts ... und Wehe demjenigen,
der eine Wolke über diese schuldlose Seele zieht!“
– sprach unser Arzt und Dichterfürst. – Und genauso war Ursel auch am Ende des Urlaubs, erwidere ich. Ich schwöre und gelobe! Das Gesagte mag auf viele Holde zutreffen, doch nicht immer ist ein Schutzengel in der Nähe, lieber Herr Dr. Friedrich Schiller. Das wusste er natürlich. –
Seit Menschengedenken nutzen Pilger, Kräuterweiblein und Jagdleute, Pilzsucher wie auch Holzsammler diesen Weg an der Kalten Bode, gerade so, wie jetzt wir.
Der Weg an der Bode führte zur Kaiserstraße. Jene wurde damals so genannt, weil sie die Kaiserpfalzen Nordhausen und Goslar miteinander verband. Der Kaiser hatte nämlich keinen festen Regierungssitz, sondern wurde mal hier, mal dort im Lande gebraucht und also dort tätig, eben auf diesen Pfalzen. So wie die Situationen es erforderten. Reisekaiser also. So war es üblich.
Im Mittelalter wurde bei Elbingerode bergmännisch der Roteisenstein gebrochen. Die Schmelzhütte, in der das Roheisen aus dem Erz erschmolzen werden sollte, stand aber 12 km weiter in Schierke. In schweißtreibender Arbeit für Mensch und Zugtier, brachten die Karrenmänner das Erz also auf genau diesem Weg, den wir heute unbeschwert spazieren, vom Bergwerk zu den Schmelzöfen. Wegen der herab rieselnden Wässer und wegen kleiner Bäche, führte der Weg teilweise über Holzknüppeldämme. Kaiserliche Verhältnisse.
An dieser Stelle scheint es mir höchste Zeit zu sein, zwei Versprechen einzulösen – also mitnichten bei lieb Ursula, denn sie hat keines je von mir verlangt. Nein, der „Steinforschung“ muss ich mich zuwenden. Irgendwo in der Bode lag nämlich schon damals ein besonderer Stein, als unsere Mutti mit ihren Eltern (Max und Margarethe Sommer), ihrer Tante Johanna Seehafer und der Freundin Annemarie Muster, im September des Jahres 1928 hier in Schierke in der Pension „Waldesruh“, bei Familie Massow weilten (ich erwähnte das schon am Anfang unserer Reise). – „Manometer“, ist das eine kaum vorstellbar lange Zeit her –, damals war Mutti 15 Jahre jung, so alt wie ich bald werde. Also, dieser Stein war kein gewöhnlich aussehender. Es handelte sich um einen großen Felsen, der die Form eines überdimensionierten Sofas hatte und der zur Ruhe einladend, mitten in der Bode lag. Wir wollen nun nachsehen, ob ich wirklich in der Vergangenheitsform sprechen muss (er lag in der Bode), weil er vielleicht heute in irgendeinem warmen Wohnzimmer herumliegt – oder aber doch noch in der Kalten Bode?
– Einige Zeit vergeht. Vieles Wasser rauscht durch die Bode. Das ist jetzt das Zwischenspiel des Suchens –
Ja, tatsächlich. Wir werden fündig. Das zu suchende Objekt hat sich uns förmlich aufgedrängt. Das „Sofa“ liegt auch nach 32 Jahren noch an der gleichen Stelle und wir fertigen ein Vergleichsfoto von seiner momentanen Beschaffenheit. Der Spaziergang ist somit ein voller Erfolg – sonst aber passiert weiter nichts Aufregendes. Na ja, zwischen der Bode und dem Weg sehen wir eine Schlammsenke (so etwa wie eine Badeanstalt) und viele frische Wildschweinspuren, die hinein und heraus führen. Trittsiegel der Hufe, sagt der Waidmann. Hier wollen wir dann doch nicht verweilen – man stört ja nicht gerne beim Schlammbad und wie sollte ich die Ursel retten? All' überall glitschige oder bemooste Felsen, fast senkrecht bergan. Kein Fluchtweg! Aber ansonsten, an günstigerer Stelle – das schöne Ursel aus großer Gefahr retten dürfen – eine verlockende Idee. Dann aber vielleicht besser vor einem der Nebelgespenster, als vor Wildschweinen vor Bachen und Keiler. Denn wir wissen ja: Durch ein Nebelgespenst kann man ungestraft hindurch gehen aber bei Wildschweinen sind mindestens! 20 m (oder besser mehr) Abstand erforderlich, weil das Tier sich sonst nicht zur Flucht wendet, sondern sich eher zum Angriff entschließt.
Ach so, ja. Der zweite heimatliche Wunsch: Die Pension „Waldesruh“ können wir für die Daheim gebliebene Mutti nicht finden. Hat der Zahn der Zeit die Waldesruh' vielleicht zernagt? Wir sehen nur eine Villa, die eine Ähnlichkeit mit dem Haus „Waldesruh“ aufweist, gleich hinter dem Knick der Dorfstraße, gegenüber dem FDGB-Heim „Heinrich Heine“. Sie hat nur den Nachteil, dass sie auf den Namen „Charlotte“ hört und ein wenig anders dreinschaut. Vielleicht war es zumindest der gleiche Architekt, der dieses Haus schuf? Doch, doch, Ähnlichkeit hat „Charlotte" schon durchaus mit „Waldesruh“.
Am 9. Tag
Nachdem wir am Nachmittag vom Regen etwas eingeweicht wurden, erlaubt Vati uns, (also nicht Ursel, sondern meine Schwester, gilt hier als einbezogen), etwas von dem „Schierker Feuerstein“ zu kosten, um einer drohenden Erkältung vorzubeugen. Dieser ist hier sehr berühmt und gefragt. Gebraut nach einem uralten Geheimrezept aus Harzer Kräutern. Bestimmt haben früher die Brockenhexen schon solch ein köstlich' Gebräu zusammengerührt. Wer weiß aber, was noch alles dazu gehört. Wir kennen soetwas vom Gießen der Freikugeln aus der Oper „Der Freischütz“. Heute aber befindet sich die neue Magenbitterfabrik an der Schierker Hauptstraße und kann ohne große Geheimniskrämerei bei Tageslicht besichtigt werden. Verkostung inclusive.
Am 11. Tag
Nachdem wir vorgestern familienintern den Schierker Feuerstein-Kräuter probiert hatten, besuchen wir, Ursel und ich, heute die Feuersteinklippen. Sie befinden sich nur wenige Schritte nördlich des Bahnhofs, ihr „Fuß“ auf etwa 690 m über dem Meeresspiegel. Sie bestehen aber in Wirklichkeit überhaupt nicht aus Feuerstein, sondern aus mächtigen, von der Natur übereinander geschichteten Granithärtlingen. Die ortsübliche Feuerstein'sche Bezeichnung soll eher daher kommen, meinen die Kundigen, weil dort oben am Berge früher gern Feuer zu kultischen Zwecken entfacht wurden, wie beispielsweise ein Osterfeuer oder ein Sonnenwendfeuer, ein Freudenfeuer mit freier Anlassgestaltung oder ein kleines Lagerfeuer gegen die grimmigste Winternachtkälte. Auch hätte man, so sagen andere Wissende, sehr vielleicht von diesem Orte aus mittels eines Signalfeuers Nachrichten übermitteln können, so ähnlich wie ein Heliogramm nach dem Morsealphabet. Herr Samuel Morse wurde aber erst viel später, 1791, geboren und nicht in Schierke – es ist daher also ein nur unverbindliches Beispiel.
Somit ist die Feuerstein-Namensherkunft ziemlich wissenschaftlich geklärt. Man braucht also gar nichts mehr fragen, sondern nur noch beides glauben oder sich für eins entscheiden. Hauptsache, man weiß es. So einfach kann manches im Leben sein. Diese Granithärtlingsklippen an den Feuerstellen wurden von den Einwohnern des Ortes als markantes Wahrzeichen für den Ort gewählt und ebenso hielt es auch der Eigentümer des Magenkräuterbitterfabrikationsgebäudes.
Aber nicht nur wir waren hier bei den Klippen, sondern zum Beispiel auch Johann Wolfgang von Goethe. Bereits vor uns. Allerdings hatte er gar keine Zeit, anders als ich, hier mit einer schönen Ursel Urlaubstage zu verbringen, da er viel zu tun hatte. Vielmehr betrieb er, gemeinsam mit dem Maler Melchior Kraus, am 04. September 1784 geologische Studien an den hohen Klippen. Ernsthafte Forschungsarbeit. Er hatte dabei wohl nicht derart tiefe Empfindungen wie Schiller und ich. In Herrn Goethes Lebenslauf steht, dass er sogar zweimal den Harz besucht hatte. Ach. Auch Heinrich Heine war hier und hat darüber eine viel schönere Abhandlung geschrieben, als ich es jetzt tue. Wir sollten sie wieder 'mal lesen.
Auf dem Rückweg gehen wir die lange Straße nach Elend. Das ist kein Grund traurig zu sein, denn es ist ein hübscher kleiner Ort, der überhaupt nicht so „elendiglich“ aussieht, wie man es tönen hört. Die Ortsbezeichnung kommt als „eli-lenti“ aus dem Althochdeutschen und bezeichnet nur „ein anderes, uns noch fremdes Land“. Später wurde es im Mittelhochdeutschen in „Ellende“ gewandelt und im Neuhochdeutschen entschied man sich eben für das „Elend“. Noch zu Goethes Lebenszeit benannte man mit dem „elenden Lande“ deshalb einen fremden Landstrich, mochte er auch noch so lieblich aussehen, noch so fruchtbar sein. Das sollte man wissen, noch ehe man des Namens wegen ausreißt, bevor man es überhaupt gesehen hat. Da es uns nun nicht mehr unbekannt ist, könnte man es ja auch umbenennen. Ein verdienter Name, wie Paradies, könnte wahrscheinlich eher für Touristenströme sorgen. Aber ach, das darf ja wegen der Grenznähe nicht sein.
Wir
besichtigen dort die kleine, helle Holzkirche. Nur von außen, denn
leider ist sie verschlossen. Es soll das kleinste Holzkirchlein der
DDR oder sogar ganz Deutschlands sein. Große Eichen stehen am Haus.
Man darf die Jahresringe ja aus Gründen nicht zählen aber Botaniker
schätzen ihr Alter auf mehr als 700 Jahre. Die Bäume standen also
lange Zeit vor der Ortsgründung schon dort, die die Urkunden auf
1782 beziffern. Sie wurden nicht etwa erst nach dem Bau der Kirche
dort gepflanzt, wie es oft üblich ist. Die Kirche wurde als
Fachwerkbau im neogotischen Stil errichtet und das Balkengestell mit
Holzbrettern beplankt. Das 1897 gebaute Kirchenschiff misst
11
x 5 m und ist auf den rund 55 m² mit 80 Sitzplätzen ausgestattet.
Schiffe dieser Größenordnung fahren auch bei uns auf der Havel.
Am 27. Juni 1897 fand der Weihe-Gottesdienst statt. Als 1904 das Spendenaufkommen ausreichte, wurde die Kirche wegen des damit nun angebauten Turmes 2 m länger. Die schlichte, ebenerdige Kanzel ist mit schönem Schnitzwerk gearbeitet, ebenso der Altar. Dieser ist praktischer Weise mit Rädern versehen. So ist der Altar ortsveränderbar und die Kirche kann „stets gut gefüllt“ wirken – der Pastor steht nie allein, nie zu weit entfernt von seiner Gemeinde. Beachtung verdienen auch die farbigen Bleiglasfenster. Die Firma Friedrich Ladegast, aus Weißenfels an der Saale, baute auf einer schmalen Empore die Orgel mit 400 Pfeifen in den Abmessungen von 15 mm Kürze bis 2.400 mm Länge. Die Bronzeglocke im Holzturm hat eine Masse von knapp 200 kg. Erstaunlich. Schwerer dürfte sie für den Turm auch gar nicht sein. Ich hätte ihm eine nur wesentlich geringere Glocken-Masse zugemutet. Die mutigen Harzer aber haben es sich einfach getraut. Es klingt so auch viel schwingender, als eine nur kleinere Bimmel.
Bevor diese Kirche gebaut wurde, wanderten die Gläubigen zum Gottesdienst tapfer die 12 km nach Elbingerode und zurück – eine wahre sonntägliche Pilgerstrecke für den einzigen Ruhetag, zur „Erholung und Erbauung“ nach der harten Arbeitswoche. Ihr wisst ja, es ist die moddrige, ausgefahrene Erztransportstrecke. Sie gingen nicht etwa in die Kirche des nur reichlich 2 km entfernten Ortes Schierke. Nein, das verhinderten damals schon Grenzen. „Kirchengrenzen“.
Nur gehunfähige Alte und Kranke erhielten ersatzweise den Segen, aber sehr selten, in der Schulstube von Elend. –
Dann wählen wir den Rückweg durch das Elendstal und tauchen in Schierke am Mühlweg wieder zur Straße am Kirchberg auf.
Der 12. Tag
In dieser Gegend ist der Rothirsch zu Hause. Auch Rehe sind vertreten. Sie müssen wegen der Unfallgefahren sehr aufpassen, denn die großen nebeneinander liegenden Felsen bilden oftmals Spalten. Unter dem Gestein entstehen Löcher, sogar Höhlen. Wie schnell kann man sich da die Beine verstauchen oder sogar brechen. Mufflons und Hasen sind da weniger gefährdet. Allerdings bieten diese Hohlräume auch unzählbare Wohnunterschlupfkammern für andere Tiere und für die Bäume Wasserspeicher. Der schwarz-weiß-graue Frech-Dachs streift durch das Gelände. Über die Wildschweine sprachen wir schon kurz und wie wo überall, darf auch der Fuchs nicht fehlen. Vor kurzem wurden Waschbären gesichtet. Sie kommen eigentlich aus dem Norden des Doppelkontinents Amerika. Also nicht, dass sie bis hierher geschwommen wären – nein, weit gefehlt, sie wurden in westdeutschen Pelztierfarmen, also im Westharz gehalten, sind von dort, weil sie sich ihres Lebens nicht sicher wähnten, ausgebüxt, und haben sich hier angesiedelt, weil es ihnen hier offenbar sehr gut gefällt. Leider rauben die Waschbären nachts Vogelnester aus und schlagen sogar Niederwild nieder. Putzig sehen sie zwar aus aber solche Komplimente über diese Räuber sind nicht angebracht. Selten geworden sind wohl der Auerhahn und auch die Auerhühner. Der Rote Milan und der Habicht gelten als die Polizei der Luft mit ihren scharfen Augen. Selten, aber im Prinzip hier heimisch, sind der Sperlingskauz, der Gartenschläfer und die Ringdrossel.
Doch Tiere leben ja nicht allein auf dem Erdboden oder in der Luft. In der Bode fand und fing man von alters her Forellen, Schmerlen und Ellritzen. Als um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert das Hotelgewerbe erblühte, legte man im Elendstal neben der Bode, am Weg zwischen Schierke und Elend, Forellenteiche an. So waren die Gastwirte in der Lage, die „reicheren Luftschnapper“ stets mit Frischfischfleisch versorgen zu können. Das liest sich fast so schwer wie „Fischers Fritze fischt frische Fische, nicht wahr? So war es aber eben wirklich! Im Winter wurde dann dort Eis gehackt und gesägt, um es in den Eiskellern einzulagern. So konnte es zur Kühlung der Speisen noch im Sommer verwendet werden. Soweit also mein neues Wissen zur Fauna – der Tierwelt.
Jetzt aber noch einige Worte zu den pflanzlichen Gewächsen oder zur Flora. An die Begriffe muss ich mich erst gewöhnen, denn auch in der sozialistischen Werbung spielen „Flora und Jolante“ eine wesentliche Rolle, wobei erstere aber eine gut milchende Kuh ist, die Pflanzen isst aber selber keine Pflanze ist und Jolante stellt das gemeine intelligente Hausschwein dar, das wir hier aber nur in der ursprünglichen Wildform vorfinden oder auch mal vorliegen haben. Andererseits gibt es auch Leute, die in einer Botanisiertrommel Raupen, Schmetterlinge und anderes Getier sammeln, die ja nun wirklich völlig unbotanisch sind. Verkehrte Welt.
Also gut. Flora: Die Gelehrten sprechen davon, dass in den Hochlagen des kleinen Harzer Mittelgebirges „Hochmontane beziehungsweise subalpine Bedingungen“ herrschen, was sich wesentlich auf die vorkommenden Pflanzenarten auswirkt. Schon seit der mittleren Steinzeit, so ermittelten es die Forscher in ihrer Rückschau, herrschte in den oberen rauen Lagen die Fichte vor, deren Nadeln ringförmig um die Zweige angeordnet sind und deren Zapfen hängen. Nach unten. An geschützteren Hängen, wie im Elendstal, herrscht dagegen ein Buchenmischwald vor, in dem außer den Rotbuchen ebenfalls Fichten, aber auch der Bergahorn und die Eberesche (Vogelbeerbaum) sowie weitere Gehölze gedeihen. An den wassernahen Standorten wachsen besonders die Erle und der Bergholunder ganz prächtig.
Andere Forscher haben herausgefunden, dass es hier, in diesem schmalen tiefen Tal auch oft Klima-Umkehrverhältnisse gibt (Inversionen). Dann ist es auf den besonnten oberen Hängen viel milder und die kalte Luft liegt unten, schwer, in dem fast 200 m tief eingeschnittenen dunklen Kerbsohltal der Bode.
Zahlreiche Kräuter und Gräserarten bieten ein abwechslungsreiches Bild und eine gesunde Wildtiernahrung. Es gehören dazu: Das Hainkreuzkraut, weit gefächerte Farne, die Heidel-, Blau- oder Schwarzbeere, der Alpen-Milchlattich, der Waldsauerklee, das Milzkraut, das lustige Springkraut (wenn's erst mal reif ist), der Storchenschnabel, der Baldrian, den auch die Katzen und der wilde Luchs so sehr gern mögen, der weiße Pestwurz, der platanenblättrige Hahnenfuß, die Buschwindröschen. Den rauhaarigen Kälberkropf habe ich noch nicht gekannt. Es lohnt sich also, von den Pflanzen, sofern diese nicht streng unter Naturschutz stehen, ein kleines Herbarium anzulegen, beispielsweise für den Biologie-Unterricht (da könnte unser Bio-Lehrer Fritz-Peter Gnerlich staunen) oder für die Schul-Wandzeitung oder für das Gestalten des Ferien-Fotoalbums. Also für's Album nur Vertreter der Flora – bitte nichts von der großwüchsigen Fauna.
Unsere Kaninchen auf dem Schulhof würden eine Auswahl jener Pflanzen gewiss ebenfalls zu schätzen wissen. Dichterfürst Goethe hatte wohl seine Sammlungen mit der Postkutsche voraus nach Hause geschickt. Unser Freund Alexander von Humboldt vertraute sie auch mal dem Schiff für die weite Heimreise an. Das ging nicht immer gut. Wir aber übernehmen gern eine tragende Rolle und schleppen im Koffer alles eigenhändig gen Heimat. Na gut, die Bahn hilft uns dabei.
Der 13. Tag
Nun aber neigen sich die schönen Ferientage ihrem Ende zu. Heute werden, bis auf das Nötigste, die Koffer gepackt, denn morgen, nach dem Frühstück, geht es schon wieder fort von hier.
Es geht – nicht ohne Abschiedsschmerz.
Wir werden lange an diese schöne Zeit denken. Ursel und ich verabreden ganz unnötiger Weise, dass wir uns bald schreiben werden. Kurze Zeit später hat uns der Alltag wieder.
Einige wichtige Nachträge
Nach der Rückkehr: Als wir Ende August 1960 wieder in Babelsberg eintreffen, empfängt uns Mutti mit einem herzhaften Festessen. Trotz all ihrer Arbeit mit dem Geschäft, ist die Wohnung auf Hochglanz geputzt und für die Mattglasscheiben der Wohnungstür hat sie neue Scheibengardinen angefertigt. Nun wird es Zeit, dass sie sich ein wenig erholen müsste, was aber kaum denkbar ist.
Zu Hause wartet schon Post auf mich. Eine farbige Karte von Grit „schöne Grüße aus West-Berlin“. Niemand von uns ahnt, dass jener Berlin-Besuch der Letzte für die nächsten drei Jahrzehnte war, denn ein Jahr später, am 13. August 1961 und in den darauffolgenden Zeiten, wird ja die innerdeutsche Grenze enorm befestigt, mit den nach innen, auf die eigene Bevölkerung gerichteten Selbst-Schussanlagen, von den Erbauern offiziell vorerst als „die Mauer“, später lieber als „der Antifaschistische Schutzwall“ (also gegen Nachbar-Einflüsse) benannt, obwohl es ja in Wirklichkeit viel mehr war.
So wird es dann auch für Schierke weitere drastische Besuchereinschränkungen geben und auch der Brocken kann auf der Ostseite überhaupt nicht mehr besucht werden, ist durch Stacheldraht in Ost und West fast unüberwindbar geteilt. Aus politischen Gründen ist der Brocken nun wohl der einzige nicht besteigbare Berg dieser Erde. So wird auch der Personen-Zugverkehr zum Brocken am 13. August 1961 eingestellt. Wir hatten diesen noch erlebt. – Während des Zerfallsprozesses der DDR (Deutsche Demokratische Republik) erreichen die Bürger am 13. Dezember 1989 die Öffnung der Grenzanlagen am Berg. Damit wird auch der Abbau dieser Anlagen zwischen Ost und West „eingeläutet“. In der Folge wird die Sanierung der teilweise marode gewordenen Strecke vorgenommen. Am 15. September 1991 wird dann nach drei Jahrzehnten wieder der erste zivile Personenzug der Brockenbahn fahren.
Empfindungen am Rande von Zeitabläufen
1928 war unsere Mutti mit ihren Angehörigen hier in Schierke. Damals war sie 15 Jahre jung.
32 Jahre später, also 1960, verleben wir hier unseren Urlaub. Eine schier unermesslich lange Zeitspanne, liegt dazwischen – mehr als das Doppelte meines eigenen Lebens, – denn 14 ½ Jahre alt bin ich zu dieser Zeit.
Die erneuerte Brockenbahn werde ich am 16. September 2011 nochmals nutzen – rund
fünf Jahrzehnte nach unserem hier beschriebenen Besuch, 50 Jahre nach der Stilllegung der Bahnstrecke und 20 Jahre nach deren Wiederinbetriebnahme.
Eine Vorausschau: Eindrücke im Jahr 2011
Am 16. und 17. September 2011, also nach einem halben Jahrhundert, huch – schwupps, war das aber eine kurze Zeit, zieht es mich wieder nach Schierke zurück, um dort „nochmals nach dem Rechten“ zu sehen, zu schauen, zu erkunden, was sich so seit neulich, seit 1960, verändert hat. Einfach – um die Erinnerungen „aufzuwärmen“. (Am Morgen um 9.00 Uhr haben wir hier 6°C).
Bunter ist der Ort geworden, wie die Hausfassaden zeigen. Nett ist Schierke anzusehen, ist gut gepflegt.
Das nach der deutschen Wiedervereinigung leerstehende Handwerker-Erholungsheim wurde im Jahre 2005 von „zündelnden älteren Kindern oder jungen Jugendlichen“ abgebrannt. Die Ruine riss man im Frühjahr 2009 ab. Nichts blieb davon, als nur die Erinnerung und ältere Fotos. Ähnlich ging es anderen großen Heimen, wie dem benachbarten Erholungsheim „Heinrich Heine“.
Der Barackenanbau an der „Alten Burg“, das Kino, steht zwar noch, ist aber ungenutzt.
In der alten früheren Kirche, dem baulich vernachlässigten Kirchenschiff von 1691, befindet sich der Schierker Kindergarten. Der daneben stehende ursprüngliche Glockenturm, Am Kirchberg 8, dient als Ferienwohnung, wird von Frau Helga Thorndike aus Babelsberg vermietet.
Das große Rathaus steht leer, denn Schierke ist inzwischen zur Stadt Wernigerode eingemeindet.
Für den Hin-Weg, für eine Strecke, von Schierke zum Brocken wähle ich aus Zeitgründen die Bahn. Fahrpreis 18,00 EURO. 1960 bezahlte ich wohl etwa 1,12 DDR-Mark, für diese Wegstrecke. (14 km x 8 Pfennige je km in der 2. Wagen-Klasse).
Auf den Brocken, für den die Höhe von 1.141 m ermittelt wurde, schleppte man einen Granitfelsen, der nun die Höhenmarke 1.142 m ausweisen kann, die eher „als volkstümlich“ bekannt ist. Auf dem Brocken verspricht man eine momentane Sichtweite von 50 km – doch bald ziehen dunkle Wolken auf.
Zurück laufe ich auf dem felsenübersäten Waldweg, dem Eckerlochstieg. (Knochenbrecherweg).
Auch eine Waldwanderung vom Brocken über den „Erdbeerkopf“ ist Balsam für die Seele.
Am Naturlehrpfad erfahre ich lesend, dass sich die menschenscheuen Wildkatzen wieder angesiedelt haben und auch ein größerer Katzenvertreter, der Luchs, hier inzwischen seine Reviere betreut.
Die Kirche in Elend sieht noch genauso hübsch und gepflegt aus, wie vor 50 Jahren. –
Die Melodien der damals gängigen Unterhaltungsmusik kann ich natürlich auch heute noch aus dem Kopf und teilweise „wesentliche“ Textpassagen.
Nur – Ursel begegne ich nicht.
Einige Tage später skizziere ich die Erlebnisse dieser „Exkursion“, einiges von dem, was ich sah, für unsere Enkeltochter. –
Doch das 1960-er Jahr ist ja noch nicht zu Ende – also geht es weiter:
1. September 1960. Weltfriedenstag. Das 9. Schuljahr beginnt
Beim ersten Fahnen-Appell werden wir daran erinnert, dass die Zeit für uns gereift sei, nun nach der „Trommel“ den gedruckten, aktuell-politischen Wissensspeicher „Junge Welt“ zu abonnieren. Mit Beginn des 9. Schuljahres werden wir plötzlich von den Lehrern mit „Sie“ angesprochen. Das ist nach der Jugendweihezeit, nach dem Hinübergleiten in den Erwachsenenstatus so üblich aber es ist auch genauso üblich, dass man (nicht individuell aber klassenweise) Ausnahmen vereinbart, und mit den Lehrern, mit denen „man gut kann“, die „neue Üblichkeit“ zurück dreht und beim „Du“ und „Ihr“ bleibt.
Jeden Montag haben wir jetzt morgens die „Aktuelle Stunde“. Das geht von der Zeit des Fachunterrichts ab. Zur Vorbereitung wählen wir zu Hause aus der Zeitung einige politische Überschriften und Grobinhalte und bringen sie in die Schule mit, für eine positiv-fortschrittliche Diskussion, also indem wir die Zeitungsaussagen bestätigen.
Einige Tage später:
Was uns bereits im Juli angekündigt wurde, tritt nun auch ein. Unsere Schule bekommt Zuwachs durch Mädchen und somit unsere Klasse auch, – unsere Klasse allerdings mit leichter Verspätung. Neun Mädchen. Dass nun aber gerade diese Mädchen zu uns kommen, ist so eine Sache, hat eine ganz unerhörte Vorgeschichte! Diese Mädchen waren nämlich der Schule 16, die nach unserem Volksastronomen Bruno Hans Bürgel benannt wurde, zugewiesen worden. Dort haben ihnen weder das Gebäude noch die Jungen gefallen und sie haben protestiert, „gestreikt“, wollten sofort wieder fort von diesem Ort. So etwa also wie die unterdrückten Arbeiter in den USA, in England oder nebenan in der BRD. – Und, mag wagt es kaum zu erwähnen – sie haben sich durchgesetzt, sind umgetauscht worden, sind nun bei uns. Daher also deren etwas verzögerte Ankunft. Ob sie es damit besser erwischt haben ist fraglich – aber sie konnten ja sowieso nicht mehrmals nacheinander streiken und prüfen, ob es endgültig die genehme Schule ist und die dort lebenden Zeitgenossen die richtigen sind. Nicht wahr? Die Jungen der Schule 16 bekamen als Ersatz andere, wohl weniger renitente Mädchen. –
Einige Kräfte meinen, so etwas könne man nicht durchgehen lassen und es müsse zum Beginn ein festes Zeichen gegen derartige Tendenzen gesetzt werden. Frau Christa Wieland, unsere Schuldirektorin und Deutschlehrerin, gestaltet dazu eine Möglichkeit: In der ersten schönen Stunde fordert sie dazu auf, dass wir Jungs uns kurz namentlich vorstellen. Sie selbst kennt natürlich alle Namen: Die unseren und die der hinzugekommenen Mädchen. Dann bittet sie recht herzlich die „neuen“ Mädchen sich ebenfalls vorzustellen, damit wir schnell kameradschaftlich miteinander warm würden. Bei dem dritten Mädchen, das direkt vor ihr in der ersten Reihe sitzt, und ihren Namen nennt, greift die Pädagogin (mit vorbereiteter Rede und zusammengekniffenen Augen) unterbrechend ein: „Sagen Sie uns, stammen Sie aus der Familie des faschistischen Generals, dieses Kriegsverbrechers mit gleichem Namen?“ Das Mädchen antwortet nur ein leises „Nein“ – Es wird so sein, dass ich auch diese wenigen Sekunden, die Dauer der Fragestellung, nie wieder im Leben vergessen werde. Und ich bin gedanklich sofort bei dem damaligen Elternbesuch in unserer Wohnung, als wir als Kriegstreiber bezeichnet wurden und vorher als das Buch, mein Eigentum, eingezogen wurde.
Die Direktorin hatte die einzig mögliche Antwort zu ihrer Frage gewiss bereits recherchiert, um diese zu wissen. Wäre das Mädchen durch ihren Vater belastet gewesen, hätte die Partei im Verbund mit den anderen Staatlichen Organen und der vorherigen Schule, die Schuldirektorin darüber ausreichend informiert. Auch hätte die wissbegierige Direktorin die Schülerin „unter vier Augen“ fragen können. – Huch, könnte man meinen, mal wieder ein kleiner Ausrutscher einer reifen Pädagogin. Nein, das war es durchaus nicht. Die hochstudierte Lehrerin fühlte sich bemüßigt, geplant vor „versammelter Mannschaft“ an einem unschuldigen 14-jährigen Mädchen am Tage des „warmherzigen Willkommens“ in deren noch fremder Umgebung ein demütigendes Exempel ihrer Macht zu statuieren: „Seht! So geht es hier bei uns lang!“ Kein Versehen – es hat System. Es liegt am System und dessen ausgewählten Leuten. Was hätte sich die Schulleiterin wohl für eine rot geschriebene Rede zurechtgelegt, wäre der Fall eingetreten, dass das Mädchen hätte mit „Ja“ geantwortet – was ja die Direktorin längst gewusst hätte, ohne Notwendigkeit erst fragen zu müssen?
So, wie in der Vergangenheit wird es auch in der Zukunft bleiben. Es fehlt in dieser Ideologie das Einfühlungsvermögen, die Vertrauensbildung, das wahrhaft Pädagogische – auch wenn man dieses Fach an der Hochschule studiert hat, es fehlt das soziale Verständnis für ein harmonisches demokratisches Miteinander. „Das Kollektive“ wird lediglich vordergründig-plakativ herausgestellt „vor sich hergetragen“ aber kaum ausgelebt. Schaut man etwas tiefer, sieht man stets erneut deutlich und hässlich den Hang zur Konfrontation, das Durchsetzen-wollen nur der eigenen oder eben der „führenden“ Meinung, für die der willenlose Anschluss gefordert wird. Das Säen von Unfrieden und Zwietracht. Selbstverständlich gibt es auch viele Menschen, die es anders halten.
Unser bisheriger Russisch-Lehrer, dem ich versuchte sein „Partei-Soll“ zu erfüllen, damit er wieder ruhiger schlafen kann und etwas froher dreinschaut, also der Herr Kuleschir, ist nicht mehr zu sehen. Uns wird keine Auskunft zuteil, ob (und wenn ja, warum) er an einer anderen Schule lehrt oder während der Ferien, wie so viele, in den Westen gegangen ist. So 'was fragt man auch nicht! und wen auch sollte man fragen ... die Personen des allgemeinen Vertrauens in der Umgebung.
Wir bekommen einen neuen Russisch-Lehrer. Es ist Herr Pianowski. Herr Pianowski sieht ein bisschen so aus, als stamme er von dem jüngeren Lenin ab. Er unternimmt gerne Hausbesuche für einen „großen Aufriss“. So passierte es ihm in seiner Erregung, dass er nicht immer unbedingt die richtigen Eltern aufsuchte, wenn er diesen Unbescholtenen Vorhaltungen über „ihren“ ungeratenen Sohn machte, der aber zu anderen Eltern, nicht zu der gegenwärtig besuchten Adresse gehörte. Eine schöne Bescherung – eine schöne Erleichterung für die Eltern. – Kann alles im Leben passieren. Ich halte ihn für einen guten Lehrer. Er ist stolzer Besitzer eines neuen roten Trabant 500. Sieht etwa aus wie eine kleine Feuerwehr. Diese Limousine ist eine Neuentwicklung, die den „P 70, das erste Auto mit Kunststoffkarosse“ ablöst. – Frau Sadowski wird bei uns nur mal einige Vertretungsstunden halten. Sie ist allein, also eine sich allein erziehende Lehrerin.
Von der Schule aus sehen wir den Film: „Fünf Patronenhülsen“, über den Bürgerkrieg in Spanien.
Mandeln - Zähne - Rheuma – hier lauern große Gefahren. Es gibt Mittel dagegen. Manchmal.
Wir hatten schöne Große Ferien. Acht kurze Wochen lang. Unser Bio- & Chemielehrer und nunmehrige Klassenleiter Fritz-Peter Gnerlich leider nicht. Mit ihm hatte man Großes vor, wollte ihm gern helfen. Er quält sich bereits in seinem jugendlichem Alter von 25 Jahren bei starken Schmerzen mit Beschwerden, die als Rheuma diagnostiziert wurden. Während wir frohe Tage verlebten, entfernte man ihm im Polizeikrankenhaus in Berlin, Scharnhorststraße, die Rachenmandeln und sämtliche Zähne und versorgte ihn mit starken Medikamenten und auch mit einem künstlichen Gebiss – auf dass es ihm besser gehen möge. Ein großer körperlich und auch psychisch belastender Aufwand. Dort in der Klinik habe ich ihn kürzlich besucht. Genutzt hat es ihm alles leider nichts. Es war ein sehr gut gemeinter Versuch – ohne den erhofften Erfolg.
ESP
Mit dem Beginn des 9. Schuljahres wechselt auch unsere praktische Tätigkeit. Wir haben jetzt nicht mehr den Unterrichtstag in der landwirtschaftlichen Produktion, sondern die „Einführung in die sozialistische Produktion“. Diese findet im Karl-Marx-Werk statt. Das ist die Lokomotivbaufabrik, in der schon mein Vater und Großvater tätig waren, als das Werk noch „Orenstein & Koppel“ hieß. Heute werden dort aber keine Dampflokomotiven mehr hergestellt, sondern es wird an Dieselloks gearbeitet. Nur bis vor einigen Jahren gab es hier noch den Bau von Schmalspurloks der 99-er Baureihe, wie sie im Mittel-Gebirge und an der Ostsee fahren. Außer den Lokomotiven kommen aus dieser Spezialfabrik des Schwermaschinenbaus momentan „1.000 Kleine Dinge“ für den Alltag der Menschen innerhalb der Konsumgüterproduktion. Flexibilität ist gefragt. Bald wird man sich aber auf die Herstellung von Autodrehkränen orientieren. Da ist schon gedanklich in Vorbereitung.
Anfangs sind wir dort im Konstruktionsbüro. Denn bevor man baut, muss man denken und dann das Gedachte aufzeichnen – die beredte Sprache des stummen Konstrukteurs. Erst war der Geist – dann die Materie. Oder wurde es andersherum gelehrt. Unser Betreuer ist der Herr Turban. Er wohnt direkt neben dem Betrieb in der Ernst-Thälmann-Straße Nr. 107. Den ersten Tag verbringen wir mit den Versuchen, eine Streichholzschachtel fachgerecht zu skizzieren und dann zu zeichnen. In allen Ansichten, die sie uns zur Verfügung stellen kann. Dann versuchen wir uns auch an einer Perspektiv-Zeichnung. Bald aber wird es an die Bearbeitung kleinerer Metall-Werkstücke mit feilen, bohren und so weiter gehen. Ich habe noch heute, nach 65 Jahren meinen Lötkolbenständer, der dort als mein privates Zusatz-Erzeugnis (eine Pausenarbeit) entstand.
Fröhlich sein und singen. Schwingt euch wie die Lerchen ... und tirilieret bitte auch so
Eine Neuigkeit! Wir haben jetzt schon wieder einen Musiklehrer! Er macht das nur so nebenbei. Hauptberuflich ist er der Chef der Siegfried-Leonhardt-Combo. Sein Gebiet ist die zeitgemäße flotte Tanzmusik. Für einen Lehrer ist sein Umgang mit uns sehr locker und entspannt – er redet uns stets mit „Männer“ an. Aus einem uns nicht bekannten Grund wird er jedoch bald abberufen. –
Aber ich kann diesmal nach kürzerer Zeit über eine Neuigkeit berichten: Wir haben jetzt schon wieder einen Musiklehrer! Er macht das nur so nebenbei. Hauptberuflich ist er Altersrentner. Er ist 69 Jahre jung. Es ist der Herr Wilhelm Löw. Wurde er so sehr dringend zu uns gebeten? Warum hat er sich das bloß angetan? Warum nun ausgerechnet mit unserer Klasse? Er war doch ein Erfahrener. War ihm ein Schutzengel abhanden gekommen? Drohte ihm zu Hause vor Langeweile das Dach auf den Kopf zu fallen? Er hat etwas Besseres, hat Ruhe verdient.
Hatten wir vor Zeiten noch Kampflieder der Arbeiterbewegung, kürzlich fröhliche Thüringer Eigenschöpfungen, gefolgt von etwas flotter Tanzmusik und nachmittags Schlager, oft Rock'n Roll,
– so versucht jetzt der gute Herr Löw. uns als würdiges Kontrastprogramm ausgerechnet in der DDR das württembergische Liedgut des vorigen Jahrhunderts ans Herz zu legen – oder mochte es badischer Herkunft sein? Das konnte ja nicht gut gehen! Er gab uns als Einstand das Liedl vor:
„I fahr, i fahr, i fahr mit der Poscht, fahr mit der Schneckenposcht, die mi koa Kreutzer koscht“. Wer oder was mag den Guten bloß dazu bewegt haben? War das seine eigene Idee? Wurde er von besonderer Seite beraten? Im Lehrplan stand das wohl so nicht ausdrücklich ... vermute ich.
Damit rutschte er aufgrund böslicher Schülerreaktionen, die ihm das Leben unverdient schwer machten, knapp an einem Nervenzusammenbruch vorbei. Er hat sich sehr bemüht. Eine kurze Episode, die für ihn nicht länger hätte währen dürfen.
Eine Neuigkeit! Wir haben jetzt wieder keinen Musiklehrer.
Wir haben ein Anrecht darauf
Für dieses Schuljahr haben wir von der Schule ein Theateranrecht für das Hans-Otto-Theater in der Zimmerstraße vermittelt bekommen. In der Folgezeit sehen wir beispielsweise „Gasparone“, „Frau Luna“, „Rigoletto“, „Der Zigeunerbaron“, mit herrlichen Darstellungen und Kulissen, wie ich solche, ein halbes Jahrhundert später bei neuen Kunstauffassungen in den Inszenierungen, sehr vermissen werde. Zum „Freischütz“ waren wir in der Park-Oper im Park von Sanssouci, nahe beim Drachenhaus gelegen.
Auch wurde mal „ein neuzeitliches Stück, ein Gegenwartswerk“ von bleibendem Wert, gegeben.
„Ein irrer Duft von frischem Heu“ – leider mit Unruhe und Buhrufen als Schülerreaktion. Das hatte nicht der Stückeschreiber auszuhalten, sondern die Akteure, so dass die armen Schauspieler verzweifelten und kurz davor waren, die Vorstellung vorzeitig zu beenden. Es „schrammte“ mit einer Beruhigungs-Zusatzpause und einigen ernsten Worten an die jugendlichen Zuschauer gerade noch so am Abbruch vorbei. Das war mir persönlich sehr unangenehm, auch wenn ich mein Missfallen nicht geäußert hatte, denn die Leistung der Schauspieler, besonders in dieser schwierigen Situation, unter erschwerten Bedingungen, war ohne Zweifel anerkennenswert. Welchen Inhalt uns das Stück vermitteln wollte, hat sich mir nicht eingeprägt. Nein, darüber schrieb ich auch nichts für die schulische Wandzeitung.
Wir müssen uns wappnen – ernste Kriegsspiele für den Frieden
Keine Produktion von Kriegsspielzeug mehr, nie wieder Krieg – hieß es noch vor wenigen Jahren. So global gesehen, wäre das inzwischen ein Ausdruck totaler ideologischer Unklarheit, ein Tritt ins Fettnäpfchen. Man muss es differenzierter sehen: Es kommt darauf an, in wessen Händen sich die Waffen befinden! Und es gibt schließlich ungerechte und gerechte Kriege, die zu unterscheiden sind.
Wir stärken jetzt unsere Verteidigungsbereitschaft, um vor den blitzkriegslüsternen Bonner Ultras die Errungenschaften unserer Arbeiter, Bauern und den anderen Werktätigen zu schützen.
Für heute wurde zu Schaukämpfen auf dem Weberplatz, direkt vor der Kirche eingeladen. Panzerspähwagen / Schützenpanzerwagen rollen zwischen den Eichen über den Platz. Deckung der mit Kleinkaliber und Platzpatronen ausgestatteten Kämpfer hinter den Bäumen. Platzpatronen platzen, Pulver raucht und natürlich erfolgt die souveräne Überwältigung aller neuen „Faschisten“ durch unsere Kasernierte Volkspolizei – nur diese zum Glück selbstverständlich ohne eigene Verluste. Die Leichen der Feinde werden eingesammelt.
Vor weniger als zwei Jahrzehnten wurde bei Streit und Händel zwischen „Rechts“ und „Links“ an eben dieser Stelle auf dem Kirchplatz der Lehrling und Jungkommunist Herbert Ritter erschossen. Heute wird geballert, um die Überlegenheit und den großen Sieg darzustellen. „Soll'n die mal von >Drüben< ruhig zugucken und unruhig werden, damit sie erkennen, was ihnen so blühen würde!“
Der Rummel auf dem Babelsberger Weberplatz
Was ist das nur für ein Wort? Ein typisch berlinerisches? In anderen Gegenden sagt man „Jahrmarket“, in Thüringen gerne „Vogelschießen“ (natürlich ohne echte Vögel) und so hat jede Region ihre eigene Ausdrucksweise.
Hier treffen wir gar viele Vergnügungsmöglichkeiten an. Die Überschlagschaukeln in Bootsform reizen mich nicht so sehr. Schön sind dagegen die elektrischen Autoscooter in der Formgebung der längst vergangenen 1950-er Jahre. Allerdings wird von verschiedenen Leuten immer wieder darauf abgesehen, starke Zusammenstöße der gummiwulstgeschützten Fahrzeuge zu provozieren. Mit einer bewundernswert ruhigen Stimme ertönt zwischen den begleitenden Musiktiteln immer wieder die Aufforderung des Besitzers der Autos: „Bitte rechts halten und links herum fahren“.
Interessant ist auch das Zuschauen beim Motorradfahren an der Wand „im Zylinder“, Mann und Fahrzeug von der Fliehkraft an die senkrechte Fahrbahn-Wand gedrückt, die in diesem Falle aber eine Straße aus Holzbrettern darstellt. Und dann kandierte Äpfel, Würstchen, Zuckerwatte, Losbuden, Gespensterbahn. Schießstände für Luftdruckfreunde, Spiegelkabinett, Kinderkarussells, und und und ... Manchmal sogar Riesenrad und Achterbahn – diese finden dann aber auf dem Weberplatz nicht genügend Raum.
Hier noch eine Information, bevor es zu spät ist
Wenn ein noch Uneingeweihter die Preise für S-Bahn-Fahrkarten benötigt, hier sind sie:
Preisstufe 1 (zumindest bis zum nächsten Bahnhof): 0,20 DM; Preisstufe 2: 0,30 DM; Preisstufe 3: 0,50 DM; Preisstufe 4: 0,70 DM – (für eine Fahrt von Potsdam bis Mitte Berlin), Preisstufe 5 kostet dann 1,10 DM. Die Preisstufen beziehen sich auf die gewünschten Entfernungen
Kartoffeleinsatz
In den Herbstferien befinden wir uns im Kartoffelerntesammeleinsatz. Eine volle Weiden-Kiepe mit
25 kg Inhalt bringt uns, wenn ich mich richtig erinnere, 15 Pfennige = 0,15 DM der DDR. Beim Kiepenwechsel, wenn die Kiepe voll abgeholt wird, gibt es jeweils einen Wertbon, wie etwa eine Kinokarte von der Abreiß-Rolle und diese wertvollen Schnipsel tauschen wir dann später zum Schluss in richtiges Geld um, in bare blanke Münze, sozusagen. Das füllt die Kassen wieder auf.
Schulunterricht kann schön sein
Wir haben in Biologie die Aufgabe bekommen, einige Blätter zu sammeln, zu pressen und zu bestimmen. Das war so ein schön gestaltbares Herbst-Thema, eine angenehme Aufgabe nach meinem Geschmack. Eine größere Anzahl schön aufgeklebt und beschriftet, in durchsichtige Hüllen eingelegt. Ein richtiges Herbarium.
Das machte vergleichbar viel Freude, wie in Erdkunde das Zeichnen farbiger Länderkarten (mit Überschrift in „plastischen“ Buchstaben). Hatte man sich mit dem Land richtig auseinandergesetzt, dann war es in der Klassenarbeit nur noch ein Klacks, die „Stummen Karten“, mit einigen blauen Linien (Flüsse) auf dem weißen Grund, mit Leben zu füllen – ein Spaß ohne Zaudern, Raten oder Bangen. Richtig schön! In diesem Fach Erdkunde unterrichtet uns nun Herr Ziegener, genannt: Skizzen-Paulchen. Wir halten ein wenig mehr Abstand von ihm. Er transpiriert kräftig und seine Aussprache ist ausgesprochen untrocken. Ständig zieht er mit der bekreideten Rechten nervös-ruckartig seine Hose hoch. Zur Zeit eilt er mit uns in seinen 1.500-km-Etappen durch die ruhmreiche Sowjetunion. Und die Etappenstädte, die auf seiner gedachten Achse liegen und deren Besonderheiten, prüft er dann in seinen „Blitzarbeiten“. Blitzkontrollen sind seine Spezialität. Wir brauchen / dürfen keine Sätze schreiben, weil er bei deren Zeitdauer einen Informationsaustausch der Schüler untereinander wittert. Nein, er nimmt sich diese Angst davor, indem er eine Kurzfrage stellt und unsere Antwort darf eine blumenreiche Umschreibung nicht sein – nur ein bestimmter Begriff, ein Wort, ist als Antwort richtig. Drei Sekunden Zeit, dann die nächste Frage. Entweder man weiß es – oder man weiß es nicht. So ist eine längere Klassenarbeit in wenigen Minuten geschafft und angeblich kann niemand abschreiben – denkt Herr Skizzen-Paulchen. Und er hat die Zeit, weiteren Unterrichtsstoff zu vermitteln. Und sein Aufwand zur Kontrolle und Bewertung der Arbeiten hält sich schön in Grenzen. Vor dem Ende des Unterrichts stellt auch immer wieder interessante Schnellfragen in dieser Art: Jeder wievielte Mensch ist ein Chinese? Welcher ist der tiefste See? Welcher ist der zweitgrößte Kontinent? Wie groß ist Indien? usw.
31. Oktober. Reformationstag. Verlängertes Wochenende.
Mein Vater und ich, wir sind wieder in Wittenberge an der Elbe zu Gast. Bitte trotz des Reformationstages nicht versehentlich daran denken, dass wir in Wittenberg _ an der Elbe weilen.
So etwas kommt als mitunter schwerwiegender Irrtum bei den Leuten immer wieder vor.
Ich fahre diesmal nicht mit dem Fahrrad, sondern mit dem Moped. Zwar wollen wir nicht faul werden aber die rund 150 km rollen sich auf diese Art viel bequemer. Insgesamt sind es 300 km.
Bloß gut, dass ich dieses Fahrzeug habe, denn auf dem Rückweg kommen wir abends in ein anhaltendes Unwetter und Vatis stolzes Fahrzeug versagt auf der Fernverkehrsstraße 5 zwischen Wusterhausen und Kyritz. Sein „Krause-Piccolo-Trumpf“ ist mit einem unüberdachten Seitenbord-Mopedmotor, sehr ähnlich dem meinem, ausgestattet und stellt in dem Starkregen seinen Betrieb ein. Bei der Fehlersuche habe ich über meinem Kopf und dem notdürftig abgetrockneten Motor einen schwarzen Folien-Regenmantel. Darunter sieht man fast nichts mehr. Aber man kann fühlen und ich habe sowohl das Gefühl und zwischen den Zähne auch noch die kleine Taschenlampe. Ich hocke also dort und wechsle die Zündkerze, unternehme Wiederbelebungsversuche am Motor. Ergebnislos. Ich wechsle Zündkerzenstecker und -Kabel, mit gleichem Erfolg. Ich zerlege den Vergaser, reinige ihn innen (es war nichts zu reinigen) und setze ihn wieder zusammen – alles in der Hocke, im fast Dunkeln, ringsum außerhalb der Folie das Rauschen, innerhalb nur das Tropfen. Inzwischen wurde es auch außerhalb der Regenfolie dunkel. Nach längeren Versuchen des Anschiebens, sagt der Motor ein paar Takte, ich eile zurück, hole mein Moped – und Vatis Karre bleibt stehen – auf den Schienensträngen eines Bahnübergangs. Der gefährlichste Moment der Reise. Der aufmerksame Schrankenwärter hilft aber nicht etwa das Fahrzeug vom Gleiskörper zu schieben. Er tut warnend und mahnend so, als ließe er die Schranke wegen eines (nicht wirklich) herannahenden Zuges herunter (lässt die Schrankenglocke ertönen), auf das der Fremdkörper sich beeilen möge diese Gefahrenzone schleunigst zu verlassen. Das geht aber erst, als ich mit dem Moped nachkomme und das Gefährt mit Vater vom Bahnkörper hinweg schiebe. Mit Hilfe der Blendlaterne des Schrankenwärters – er war dann doch ganz freundlich – probierte ich nochmals trocknend alle potenziellen Schwachpunkte durch ... und der Motor sprang tatsächlich an. Und so ging es etwa 23 km weiter bis kurz hinter Friesack – dort aber ein neuer Streik des Fahrzeugs. Ich also schiebe den Vater weitmöglich abseits der Fahrbahn und lasse ihn mutterseelenallein im Dunkeln, im Regen unter dem Folienmantel sitzen. Bestimmt ein Bild zum Lachen, wäre es Tag und die Welt in Ordnung gewesen. Ich fuhr also indessen zurück in den Ort (Friesack) um ein Fuhrwerk, ein Gütertaxi oder einen Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr oder des DRK zu ermuntern, eine Heldentat zu vollbringen – alles vergebens, weil kein echt Kranker, kein Toter, kein Unfall, kein Brand, überhaupt nichts in Sichtweite vorhanden und zu retten war. Alle Pferde schlafen brav im trocken Stall. Das haben sie verdient (es war inzwischen 20.30 Uhr). Ein Gütertaxi wäre am folgenden Tag vielleicht in Kyritz oder Nauen erreichbar. Geistesgegenwärtig frage ich im HO-Hotel des Ortes, im „Goldenen Stern“ an. Tja, das Haus sei fast leer, ein Zimmer können wir zum gegenseitigen Vorteil gern sofort bekommen. Dankend per Handschlag besiegelt. Nun konnte ich mein Moped in einem Schuppen des Hotels unterstellen und begab mich zu Fuß auf den Weg, um den Vater in der Dunkelheit irgendwo zwischen der Fahrbahn und dem Straßengraben wieder aufzuspüren und ihn zum „Goldenen Stern“ zurück zu schieben. Ein Kinderspiel, denn es ging leicht bergab. Das Fahrzeug untergestellt und dessen sensible Areale trocken gerieben. Hernach gleiches bei uns.
Das Zimmer war zwar eingedenk unseres sehr plötzlichen Erscheinens kalt aber wir konnten „uns auswringen“, abtrocknen und unsere sämtliche, völlig durchnässte Kleidung in der Küche abgeben. Dort wurde sie an Herd und Ofen getrocknet – fast wie „bei Muttern“. Wir bekamen als sehr späte, einsame Gäste sogar noch etwas Warmes zu essen und konnten ein Telefongespräch nach Babelsberg führen, dass wir erst am kommenden Tage auf der dortigen Bildfläche erscheinen würden.
Am nächsten Morgen war draußen alles trocken und drinnen unsere Kleidung auch. Och, bei der Schnell- und Starktrocknung ein bisschen angesengt, was machte das schon. Kleines gutes Frühstück und der Plan, eine Werkstatt zu suchen, die bessere Diagnosemöglichkeiten hat als ich.
Vorerst aber mit erfrischtem Mut dem Motorchen gut zureden und nochmals probieren. Und siehe da, welch Wunder, die Karre läuft, sie schnurrt wieder – die restlichen 64 km bis nach Babelsberg.
Ich habe einen Tag Schulversäumnis ohne vorherige entschuldigende Erlaubnis. Aber schön war es doch!
Reisen bildet schön – was lehrte uns die Aktion? Was lernte ich aus ihr?
1. Fahren bei Regenschein – das lasse möglichst sein. Weil 1. nicht immer einhaltbar ist, gilt:
2. Für unseren guten Schlosser, Herrn Erich Quast, Fultonstraße 5, fertige ich eine Zeichnung und er macht daraus eine ausgezeichnete Blechüberdachung für diesen Außenbord-Motor, besonders wertvoll für dessen Vergaser. Passt wie angegossen. Und vermeidet gleiche Probleme „für alle Zeiten“.
3. Hinzu kommt die Halterung für einen 5-Liter-Benzinkanister als reichliche Notreserve.
4. Wir lassen bei der Fahrzeugelektrik-Werkstatt „Rückheim“ in der Wattstraße 11, eine Akku-Standlichtanlage einbauen, damit man nicht mehr im Dunkeln unbeleuchtet und hilflos auf der Straße herumstehend, sich und andere gefährdet.
Dieses Dreirad ist zwar als Versehrten-Fahrzeug konzipiert und verkauft, doch an derartige Ausrüstungen hat niemand gedacht. Nun haben wir das Fahrzeug mit kleinem, die Zuverlässigkeit erheblich erhöhenden Mindestkomfort nachgerüstet aber natürlich ist die Einzelanfertigung dann doch wieder teurer, als diese bei einer Produktion in der Serie wäre.
5. Ich habe für mein Bildungs- und Erziehungsprogramm im Verkehrsunterricht der Schule, einige interessante neue Aspekte zu besprechen und eine Geschichte, die sich in Bezug auf unseren Verkehrsunterricht ausbauen lässt.
6. Kurz, wir sind schon wieder ein Stück zufriedener, ja, fast glücklicher. Gewappnet für eine noch schönere und pannenärmere Reise. Wohin das bloß noch führen soll wenn das so weiter geht?
Die Löwen sind los. Wir sind die Löwen los
In der Nacht ist in unserem Miet-Haus ein ganz gemeines Verbrechen geschehen. Neben unserer Wohnungstür haben wir an der Wand ein schönes dickes Holzbrett mit geschwungenen Kanten – so ähnlich wie alte Wappenschilde aussehen. Das Brett hatte ich erst vor einiger Zeit frisch farblos lackiert. Es wird mit zwei Messingschrauben mit blumenblütenartigen Zierköpfen an der Wand gehalten. Genauso sah es noch bei fast allen Mietern aus. Es ist der Originalzustand von 1912. Gewesen. Auf dem Brett befestigt ist unser Name, von Vati in Kunstschrift geschrieben und mit einer dicken Glasplatte überdeckt, die geschliffene Kanten aufweist. Die Kanten zeigen uns in der Sonne alle Regenbogenfarben. Als „Klingelknopf“ war darunter (bis gestern Abend) ein schöner Löwenkopf aus dickem, massiven Messing, mit einem Beißring, der zur Betätigung der Klingel anzuheben war und somit den elektrischen Kontakt schloss. Er erinnerte mich – bis auf die Nase – etwas an Beethoven.
„Ist noch aus Friedenszeiten“, wie der Hauswirt , Karl Klawon, gern sagte. –
Eingedenk der Tatsache, dass man ja auch offiziell davon spricht, dass wir uns im „Kalten Krieg“ befinden, ist das wohl gar nicht so falsch (?), auch wenn es sich schrecklich altmodisch anhört.
Über Nacht ist er nun verschwunden (unser Beethoven), wie von den anderen Wohnungstüren auch. Nun schauen nur noch zwei abgerissene Drähte traurig aus dem Loch des Brettes heraus.
Seit dem heutigen Nachmittag ziert das Brett ein 08/15-Klingelknopf aus schwarzem Duroplast, den ich aus dem Elektro-Konsum holte. Bloß gut, dass Klawons (als Hauseigentümer) das nicht mehr erleben mussten. Den Hausvertrauensverwalter scheint das nicht arg zu kümmern, auch kein Polizist nimmt eine Spur auf. Warum nicht?
Waren die Täter kleine fleißige Buntmetallsammler – wie leicht hätte doch beim Klauen versehentlich der Drahtkontakt geschlossen werden können und die Klingel hätte es einer nächtlichen Sirene gleich getan. Es waren offenbar Könner mit Zeit und Nacht-Ruhe. Oder waren es vielleicht eher große Kunstraubhändler? Man hört ja so einiges, dass es im Westen immer vornehmer werden soll und gegen „harte Währung“ von unserer Seite gern vieles hinübergeschoben wird. In solch einem Falle erübrigt sich dann eine polizeiliche Verfolgung.
Spätere Anmerkung: Damals wusste ich noch nicht, dass die sozialistische Staatsführung selbst, uns ausblutend, alle möglichen Kunstschätze in der DDR, auch von jenen aus privatem Besitz, die dem Staat also nicht gehörten, beschlagnahmte und gegen West-Geld, also Valuta, Devisen, „harte“ konvertierbare – dass heißt tauschbare, weltmarktanerkannte Währung, in den bösen Westen verschleuderte, sogar hin bis zum superschweren historischen Kopfstein-Straßenpflaster, sagte man und dazu ein regelrechtes Imperium, verquickt mit dem Staatlichen Kunsthandel und dem Ministerium für Staatssicherheit betreibt. Bekannt wird in späteren Jahren die KoKo (Kommerzielle Koordinierung) zur Devisenbeschaffung unter dem treuen Genossen Oberst der Staatssicherheit Dr. jur. Alexander Schalck-Golodkowski. Dessen Promotionsthema ebenfalls im Rahmen und im Interesse der Stasi-Belange zur Devisenbeschaffung. Zu seinen betreuenden und anleitenden „Doktorvätern“ gehörte auch der Genosse Erich Mielke, der General der Staatssicherheit mit dem wohl mittelmäßigen Schulabschluss, der also selber kein Dr. jur. war. Die bisherigen Besitzer der Kunstgegenstände wurden enteignet, wohl oft genug in den Tod getrieben. Das kümmerte die SED-Staatsführung nicht.
Es ist schon nicht einfach. Man sieht es immer wieder an bestimmten Beispielen: Stets wird von uns Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit, ein einwandfreier fester Arbeiter-Klassenstandpunkt gefordert und andererseits sieht man wieder auf's Neue, dass jene, die es von uns einfordern, es selbst ganz anders halten. Das gehört wohl so zum sozialistisch-dialektischen Widerspruch.
Besondere Alltags-Artikel aus der DDR
Wäscheklammeraufbewahrung in einem „Kleidchen-Behälter“ mit Bügel.
Ziemlich kleinbürgerlich anmutend.
Für den kleinen Einkauf: Dederon-„Seiden“-Beutel, auch in wasserdichter Ausführung ... habe ich gern genutzt. Ferner Dederon-Mini-Einkaufsnetze, sehr weit dehnbar.
Dederon ist eine Kunstfaser in der die Abkürzung DDR steckt – als Faser vergleichbar mit dem westdeutschen Perlon und dem amerikanischen Nylon.
Platzsparender Camping-Klappbecher aus einzelnen Ringen mit Spiegel auf der Unterseite und überhaupt viel an Plaste-Geschirr, manches in ausgezeichneter Qualität – für die „ewige“ Nutzung. Im Westen aber wird das Material „Plastic“ genannt und wir Doofen werden später , nach der „Wende“ nachsichtig belächelt, weil wir es ganz falsch sagen.
Für Spaß und Spiel: Der „Neckball“ an der Gummischnur. Na so 'was Lustiges aber auch.
Der Flummi, ein kleiner Gummiball mit enormer Sprungkraft.
Modern wird Hula Hupp, im Westen natürlich Hoop. Bunte große Ringe aus Plastematerial gibt es zu kaufen, die man mit dem richtigen Hüftschwung in Taillenhöhe hält, damit sie nicht auf den Boden fallen -– in der Herstellung bei uns mit einiger Verzögerungszeit gegenüber der BRD – aber immerhin.
Das Glas Fassbrause kostet immer noch 12 Pfennige.
Für das Bier, Hell 0,3 l, zahlen wir 48 Pfennige, das Pilsener Bier kostet 51 Pfennige.
Besondere Gerüche und Düfte – und das nicht nur im Dezember 1960
Zum Jahresende mal einen Rückblick auf bestimmte Sinneseindrücke – in den vergangenen Jahren gesammelt. Aktuelle Geruchseindrücke lassen lang zurückliegende Erinnerungen frisch aufleben. Man kann diese Sinneseindrücke oftmals anderen Menschen für eine Gleichempfindung nicht genau mitteilen, nicht erschöpfend mit Worten beschreiben aber für den Betreffenden sind sie da. Eindeutig und unverwechselbar. Es gehören bei mir unbedingt und unauslöschlich dazu:
der Geruch des sonnenerwärmten Wachstuchverdecks meines Schleiflack-Kinderwagens, der sich im Farbton „elfenbein“ präsentierte,
der Geruch, der aus dem Zeitungs-Verkaufswagen von „Oma Schmidt“ (Schulstraße) quoll, als mein Leben drei Jahre zählte,
Die Köstlichkeit des Milchkafe-Ersatz-Extraktes im Kindergarten vom 3. bis zum 5+. Lebensjahr während der Pause des zweiten Frühstücks, im Sommer genossen auf „Bayerischem Bierzeltmobiliar“,
die etwas muffig-feucht riechende Luft in unserem Keller, in dem auch die Kartoffeln lebten,
Lebertran vom Säugetier namens „Walfisch" zum Vorbeugen gegen Rachitis – damit war aber keine innere Halsentzündung gemeint,
Rübensirup als Brotaufstrich, in unserer Region aus Finkenheerd im Oderland kommend,
der Brennstoffverschlag mit Brikettstaubgeruch aber lange Zeit vom frischen Duft des im Sommer gespaltenen Kiefernholzes überlagert,
Düfte aus dem Nachbarhaus in der Rudolf-Breitscheid-Straße 47, Bäckerei und Konditorei Weber, speziell der Eisverkauf mit zartestem Eis- und Waffelduft aus dem Ladenfenster,
Düfte aus leeren Kartons der Duftwässer des „Frisörsalon Heue“ in dessen Abstellschuppen auf „unserem“ Hof,
die Hühnerexkremente der Hauswirts-Nutztiere,
die Karbidlampen der Fahrräder, gilt nunmehr als Mär, weil lange Zeit vorüber,
der klassische Duft einer Kombination von Bohnerwachs und Bohnenkaffee in der Wohnung meines Patenonkels, des Stadtbauinspektors Ferdinand Pehlke (im Ruhestand) und seiner Frau Betty in der Babelsberger Karl-Liebknecht-Straße 110,
das Karbolineum z. B. als Holzschutz, auf den „Böhmischen Holzzaun“ in der Lutherstraße und anderswo gestrichen,
der Geruch von Westkaugummis,
Westbleistifte, mit „Bonbonlack“ überzogen,
verführerischer Bratäpfelduft in der Warmhalteröhre des Kachelofens,
von unserer eigenen Arbeits=Wohnung will ich gar nicht ausführlich schreiben. Von der Lichtpaus-Entwicklung waberten ständig scharfe Dämpfe aus der 25%-igen, ätzenden Ammoniaklauge durch alle Räume und merzten jeden Fremdgeruch sofort.
der Geruch unseres Terriers Struppi nach dem Baden. Wenn man besonders sauber ist, riecht man stärker,
die Gerüche der Waschküche sowohl während ihrer „Trockenzeit“, als auch besonders aber völlig anders während der Waschzeit,
der Erdboden nach dem Regenguss,
Weihnachtswestpakete mit ihrem Duft der Liebesgaben,
das Holzpflegemittel der Holzdielen in der Schule (Petroleum, Terpentin, jeweils nach den Ferien), vom Hausmeister ausgebracht.
Gummiabrieb beim Schlauchwechsel am Fahrrad, stärker natürlich der Kleber „die Gummilösung“ beim Flicken eines Loches im Schlauch,
ebensolche aromatischen Kohlenwasserstoffe des Sohlenklebers (Mökol aus dem VEB Schuhchemie Mölkau) bei unserem Schuhmacher und der Geruch des Gummistaubes der am Schleifbock frisch bearbeiteten Sohlenkanten,
Gegorenes Silagefutter in der Landwirtschaft – ein ganz eigener Pseudo-Sauerkrautgeruch,
Das Moped-„Motodix“ in meiner kleinen Werkstatt, ein Hochtemperatur-Dichtmittel
die Strohballen auf dem Feld und das Heu in der Scheune,
Wohnstätten von Kühen und Pferden, Lebensräume von Schweinen und Schafen,
das Melkhaus, Sammelstelle des Produkts der lieben Milchspenderinnen,
die Dieselabgase der Lastkraftwagen,
der Duft grüner Tomaten, also auch der Ranken / Rispen und Blätter
die S-Bahn-Züge zwischen Schönefeld und Oranienburg – rochen in den 1960-er und Siebziger Jahren sehr pseudofischig-penetrant. Es soll an dem Reinigungsmittel gelegen haben, welches nur auf dieser Strecke angewandt wurde.
„Gekörnte Brühe“ aus dem braunen Glas oder Würfelbrühe aus dem Goldpapier.
Fresien als Frühlingsboten,
Grüne Augustäpfel, köstlich
frischer Dill, Dillspitzen,
Pflaumen, frisch aufgeschnitten,
Saft der Kapuzinerkresse,
der Geruch von Kürbiskernen, getrocknet,
dicke saure Milch, die vormals als frische Milch „aufgestellt“, die wir dann leicht gezuckert verspeisten, bevor die Milch bitter wurde und die bei uns in den hellgrünen Glasschälchen gereicht wurde,
auf Ruinen- und Abrissgrundstücken, der versottete Schornstein und der alte Feuchtmörtel,
Gekochtes Bitumen zur Asphaltstraßenherstellung und -reparatur. Man riecht schon förmlich die Krebsgefahr.
Das Rasierwasser „Pitralon“,
das viel später kreierte Damenparfum „Raffinesse“.
Kreuzkümmel, der mich leider stets etwas an Schweiß erinnert,
Knoblauch – na, ja
Baby-Penatenchreme.
Phenolharzerzeugnisse bei deren Bearbeitung / Erhitzung. Ich hörte mal den sächsischen Begriff „Berdenaxbriehe“ = noch halbflüssige „Brühe“ für ein Pertinax-Erzeugnis. Eher aber eine dicke Suppe oder ein dünner Brei. Denken wir dabei an die Karossen der Pkw „DKW“ (in Versuchsserie), „P 70“ und „Trabant“.
und so weiter – und so fort und trotzdem jetzt Schluss damit.
Nun neigt sich das Jahr 1960 seinem Ende zu. Wir bereiten das Weihnachtsfest vor, lassen das vergangene Jahr noch einmal Revue passieren und freuen uns auf viele noch nicht absehbare Erlebnisse in der kommenden Zeit. Bestimmt hält das Jahr 1961 einen Sack, prall gefüllt mit Überraschungen, für uns bereit.
Liebe Leserinnen, liebe Leser,
der 2. Teil des Berichtes über das Leben dieses Menschen endet hier. Tapfer habt ihr bisher durchgehalten.
Die Fortsetzung „Janecke, Chris (Teil 3)“ ist als Datei bereits vorrätig und begleitet
uns Leser durch die Jahre 1961 bis 1965.
Freundliche Grüße, Chris Janecke
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