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Borna bei Oschatz in Sachsen

Aufenthalt im Kindererholungsheim „Sonnenblume“ im Jahr 1956


Zusammengestellt: Chris Janecke, Bearbeitung März 2016, E-Mail: christoph@janecke.name


Im Frühjahr 1956, in meinem 10. Lebensjahr, habe ich habe Zusatzferien in Borna!

Ausgangs des Winter erhalte ich nach der üblichen schulärztlichen Reihenuntersuchung von der Sozialversicherungskasse des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (SVK des FDGB) einen Aufenthalt im Kindererholungsheim verordnet, das in einem ehemaligen Schloss oder besser: in einer großen alten Villa in Borna untergebracht ist.


Ankunft in Borna

Nun ist es soweit. Im April kommen wir hier an. Für einige Wochen dürfen wir Kinder in dieser großen alten Villa gemeinsam leben und uns dabei vom Alltag erholen. Das Haus heißt „Sonnenblume“ und steht in der Straße der Jugend 11, in Borna bei Oschatz, so ist die Anschrift, falls ihr mir mal schreiben möchtet.


Erste Eindrücke

Viele Kinder sind es, die sich dort kennen lernen, darunter auch drei aus Babelsberg: Ingelore, der Hartmut (Namen geändert) und ich, Chris. Ich selber bin allen schon in den ersten Stunden zu schnell bekannt geworden und das kam so:

Der große Schlafsaal der Jungen im Hochparterre, ist mit glänzend versiegeltem Parkett ausgestattet. Mit unseren filzbesohlten Hausschuhen veranstalten wir bereits nach dem Auspacken der Koffer einen kleinen „Schlidderwettbewerb“. auf diesem Parkett-Fußboden. Das geht auch recht gut, zumindest solange, bis ich ausrutsche und mit dem Kopf auf eines der eckigen Eisenbettgestelle aufschlage. Eine plötzliche Dunkelheit um mich herum, ein „Loch im Kopf“, viel Blutvergießen, eine Gehirnerschütterung. Die Narbe ist heute, nach mehr als einem halben Jahrhundert, rechts am Scheitel, noch ausgezeichnet erhalten – eine Stelle „auf der kein Gras mehr wächst“.

Als eine freundliche Ärztin kommt, wache ich wieder auf, Haare werden abgeschnitten und ausrasiert, ein Verband angelegt. Findige Köpfe unter den Jungen wählen für mich sofort den Indianernamen „Blutige Bärentatze“. Eine Bezeichnung nicht völlig zutreffend für den Schaden, der ja weiter oben angesiedelt, – ist es doch ein „Hauptschaden“. Trotzdem verlege ich mich nach diesem Falle nicht auf das Protestieren. Bis zur Rückfahrt in die Heimat, wird das Ganze aber schon nicht mehr so furchterregend aussehen, obwohl mir mein neuer Ruf schon bis ins Elternhaus vorauseilt. Meine Tante Käte pflegt in solchen Fällen die Heilung mit derart tröstenden Sprüchen zu beschleunigen wie: „ungeschicktes Fleisch muss weg“ oder aber „eh' die Katz' 'n Ei legt, ist alles wieder gut“. Und genauso, wie von ihr vorausgesagt, trifft es ja dann auch ein. Ja, ja, sie hat schon eine große Lebenserfahrung.

Ganz toll und mit der Heimat verbindend, war schon beim Auspacken des Koffers der Duft eines neuen mitgebrachten Seifenstücks in der neuen Seifenschale und auch die nagelneue Zahnpastatube und Zahnputzbürste. Der neue kleine braune Taschenkamm tut sein Übriges dazu. Und auch die noch mitgeschickten Äpfel duften nach Heimat.

Das also, war der erste Tag.

Gleich am nächsten Vormittag sollen wir den Eltern schreiben, wie wir ankamen – also, dass wir gut ankamen und das es uns prächtig geht. Dazu hält das Heimpersonal Briefpapier, Marken und auch zwei Sorten von Ansichtskarten bereit. Nach meiner Ansicht reichen diese für's Erste – aber, wenn man öfter schreiben möchte? Auf der einen Karte sehen wir das Heim von vorne und auf der zweiten erblickt man das Heim von hinten, alles in schwarz-weiß-grau. Echt Original-Foto-Handabzug. Dass es sich um eine Kartenmotiv-Kleinserie handelt, liegt daran, dass Borna wohl kein riesengroßer Erholungsort mit vielen Sehenswürdigkeiten ist. Daher ist es besonders toll, dass die Erzieherinnen trotzdem immer wieder neue Ziele und interessante Wegstrecken für unsere Spaziergänge und Wanderungen finden.


Das Grundstück unseres Aufenthaltes.

Jetzt gebe ich euch einige Erläuterungen zum Grundstück, auf dem wir zu Gast sind: Etwa seit dem Jahr 1200 soll hier schon das ursprüngliche Schloss gestanden haben. Im 30-jährigen Krieg wurde es aber völlig zerstört und 1677 wieder aufgebaut. Vorsichtshalber nur über eine Zugbrücke, die über einen breiten Wassergraben führte, konnte man das Schloss erreichen. Unter dem neuen Besitzer, dem Herrn von Byern (nein, nicht v. Bayern!) wurde 1877 das alte Schloss bis auf die gewaltigen Grundmauern abgetragen und darauf das jetzige Gebäude im Historismus-Stil errichtet. 1949 baute man diesen Herrensitz in das Kindererholungsheim „Sonnenblume“ um, was unseren Aufenthalt ermöglicht. Aber um richtige Sonnenblumen sehen zu können, die dem Hause alle Ehre machen würden, ist es in dieser Jahreszeit noch viel zu früh. Die Natur zeigt sich noch kahl.


Es ist wohl beabsichtigt nach uns, also wenn wir schon lange wieder in unseren Heimatorten leben, vielleicht im nächsten Jahr aus der „Sonnenblume“ ein Dauerheim für Waisenkinder oder für solche Kinder aus schwierigen sozialen Verhältnissen zu gestalten, damit sie es besser, so gut wie möglich haben.


Die nahe Umgebung des Heims

Nur ungefähr 50 m am Erholungsheim vorbei, schlängelt sich ein kleines Flüsschen durch die Landschaft. Eher ist es ein breiter Graben, Döllnitz mit Namen. Streckenweise ist das Ufer des Gewässers mit Bäumen bestanden. Borna weist in der näheren Umgebung einige Waldflächen auf, aber im Wesentlichen sind es Felder, die in dieser Jahreszeit noch etwas zu kahl aussehen.


Die weitere Umgebung

Umkreisen wir in Gedanken einmal gemeinsam den Ort Borna: Zum Laufen in die hügelige Umgebung gibt es viele Möglichkeiten, zumal die Dörfer hier recht nahe beieinander liegen. Manche Orte gelten als direktes Wanderziel für uns aber wir nehmen auch mal einen Rundkurs.

Bis Liebschütz über Schönnewitz, Terpitz und Gaunitz im Nordwesten von Borna, sind es knapp 7 km. Der Liebschützer Berg ist mit fast 198 m, die höchste Erhebung der Umgebung. Auf diesem Berg steht die alte Bockwindmühle, die noch fleißig das Getreide zermalmt. Nach Kleinragenitz, über Bornitz im Südwesten, sind es etwa 2,5 Kilometer. Bis zur Kreisstadt Oschatz in gleicher Richtung läuft oder fährt man 6 km. Der Ort Ganzig, reichlich 3 km entfernt, liegt im Süden von Borna. Der Ortsname Ganzig kommt aus dem Slawischen und bedeutet soviel wie: „Besitz des Ritters Jan“. Aha! Verwandtschaftliche Beziehungen zu mir?

Wadewitz mit dem schönen Teich am Sandbach, liegt auf dem Waldweg nur 300 m südlich des Heimes und gehört mit zu Borna. Wir haben also viele Wanderziele recht hübsch dicht beieinander.

Canitz im Osten, liegt 3,5 km entfernt und nordöstlich liegt Strehla an der Elbe, in 5 ½ Kilometer Entfernung. Auch dort trafen im Mai 1945 zum Ende der Hitlerherrschaft, also vor knapp 11 Jahren, sowjetische und amerikanische Soldaten aufeinander. Auf halben Wege dorthin finden wir in Zaußwitz noch eine Turmwindmühle und auch eine am Wege nach Clanzschwitz auf dem Käferberg, immer schön auf den Hügeln stehend. Bei uns zu Hause sind diese Windmühlen wohl fast alle abgerissen oder werden nur noch als Museum genutzt – hier aber ...

Habt ihr gemerkt wie viele Ortsnamen mit „-tz“ enden? Ich finde das schon erstaunlich. Für die Eingeborenen ist es dagegen ganz normal und die wundern sich darüber, dass man sich darüber wundert. Nun gut, eine der Ausnahmen ist „unser“ Dorf, denn wir sind ja nicht in Bornatz zu Gast aber immerhin nicht weit entfernt von Oschatz.


Einige Anmerkungen zur weit zurückliegenden Vergangenheit

Etwa im 6. Jahrhundert wanderten in dieses Gebiet slawische Sorben ein. Deshalb noch heute die fremdländischen Bezeichnungen.

Der Ortsname Borna ist slawischen Ursprungs. „Borna“ bedeutet ganz einfach: Siedlung am Born, an der Quelle oder am Wasser, denn am Ort fließt das Bächlein „Döllnitz“ vorbei, wie wir bereits lasen. Also, das ließ sich ja auch für einen Germanen piepeleicht übersetzen, obwohl wir ja erst im nächsten Schuljahr, also in der 5. Klasse, mit dem Erlernen einer slawischen Sprache beginnen.


Im 10. Jahrhundert: 929 eroberte Heinrich I. diesen friedlichen Slawengau und unterwarf dessen bisherige Bewohner. Erste deutsche Ansiedler zogen in das Gebiet, blieben oder wanderten früher oder später weiter.

Die alte „Hohe Salzstraße“ aus Halle (Saale) über Leipzig führt durch Borna, an Clanzschwitz und Liebschütz vorbei, über Penig, Chemnitz und Reitzenhain weiter in Richtung Böhmen. Die Straße wird zum „Herrenweg deutscher Ritter“.

Von etwa 1150 an, siedelten hier dann ständig deutsche Bauern.

Das Dorf wurde dann im Jahre 1185 in einer Urkunde des Markgrafen Otto erwähnt. (Meine Heimatstadt Potsdam wurde dagegen bereits 993 vom Kaiser Otto III. verschenkt und jetzt haben wir aus der Familie Grotewohl wieder einen Otto als stellvertretenden Ministerpräsidenten).

Über die Siedlung Wadewitz (also einem Ortsteil von Borna) fand sich eine Urkunde, aber erst aus dem Jahre 1350. Deshalb, sagen die Leute, ist dieser Ortsteil eben fast 250 Jahre jünger.

Ein erstes Schloss soll dort schon im 12. Jahrhundert gestanden haben.


1547 zog Kaiser Karl V. mit seinem Heer auf dem Wege zur Schlacht bei Mühlberg (Kaiserweg in Schönnewitz) durch die Bornaschen Feldflure.

Borna, Schönnewitz und Bornitz sind durch die Rittergüter eng miteinander verbunden.

Die vorige wesentliche Erneuerung der alten Kirche aus dem 13. Jahrhundert, fand 1606 statt.

Im 30jährigen Krieg (1618–1648) zerstörten die „befreundeten“ schwedischen Soldaten nicht nur die Häuser der Bewohner, sondern sogar die Wasserburg Borna.

Zwischen 1681 und 1693 wurde die Gegend von der Pest heimgesucht. Manche vermuten aber, dass es die Cholera war. Man kann das von heute aus nicht so genau sehen.

Der letzte freundliche Wolf wurde im Jahre 1760 in dem schmalen Waldgürtel zwischen Borna und Wadewitz erlegt.

1770 und 1771 waren Hungersnöte wegen der Missernten zu verzeichnen – aber wegen der Ausbeutung der Menschen durch die Herrschaft war sowieso oft der Hunger zu Gast.

Am 30. Dezember 1777 brach in der Bornaer Schäferei ein Feuer aus, bei dem weit über 1.000 Schafe, die armen Hütehunde und viele Schweine jämmerlich in den Flammen umkamen.

Viel Zeit verging seitdem. Neue Tiere wurden angeschafft, mehr auf das Feuer aufgepasst.


Die zweite deutsche Eisenbahnstrecke, also der erste sächsische Schienenstrang von Dresden nach Leipzig führt durch Bornitz. Er brachte „neues Leben“ in dieses Gebiet. Manchmal aber auch ein Unheil: Wenige Wochen, bevor wir hier ankamen, nämlich am 25. Februar 1956, ereignete sich in Bornitz ein großes Unglück auf der Eisenbahnstrecke, als an einer Weiche ein D-Zug und ein Güterzug zusammenstießen. Die Lokomotiven stürzten um und 43 Menschen überlebten dieses Unglück nicht. 55 Personen wurden verletzt.

Am 14. Oktober 1950, also vor nicht ganz 6 Jahren, gab es einen großen Brand in Borna, dem auch viele Häuser zum Opfer fielen. Deshalb wurde an der Oschatzer Straße beispielsweise eine Neubauernsiedlung errichtet.


Jetzt aber gehen wir wieder in die friedliche Gegenwart. Unsere Vorhaben in den Tagesabläufen:

Jeden Tag versorgen uns die Küchenfrauen mit gutem, schmackhaften Essen. Das Geschirr, die Schüsseln mit den Mahlzeiten und die Getränke werden mit einem Aufzugskasten an dem dicken Seil von der Küche durch einen dunklen Schacht in den hellen Speisesaal hochgezogen. So braucht niemand mit vollen Händen auf der Treppe stolpern.


Gleich nebenan in Schönnewitz können wir die Wassermühle besichtigen. In der Dorfaue konnte man in früheren Zeiten im Frühjahr oft nicht über den 200 m breiten Platz von einem Haus zum anderen gehen, wenn die kleine Döllnitz das große Schmelzwasser nicht mehr fassen konnte und das Wasser weit über die Ufer trat. Auf dem Liebschützberg steht eine Windmühle. Auch in Wadewitz können wir eine Mühle betrachten.

Tonlagerstätten, Brauneisenstein (Klappersteine) und verkieseltes (versteinertes) Holz gibt es bei Zaußwitz. Hier steht eine prächtige Holländer-Windmühle. An diesem Ort führt auch eine Kleinbahnlinie, eine Nebenstrecke vorbei.


Zu unseren vielseitigen Freizeitbeschäftigungen in diesen Tagen gehört auch das Schnitzen kleiner Boote aus dicker Borke der abgeholzten, stark duftenden Kiefernstämme. Beliebt ist deren heimliche Ausstattung mit Gummibaumblattsegeln. Gummibäume stehen im Heim zur Verfügung und mancher lässt auch mal freiwillig ein Blatt fallen. In der Gartenanlage des Heimes kann man die Boote in einem Teich prächtig fahren lassen.

Für die Zeit, wenn der Himmel mal voller Wolken hängt und Wasser ablässt, haben wir eine große Bibliothek. Ich lese gerade ein spannendes Buch über den Aufenthalt einer sowjetischen Jungengruppe in Sewastopol auf der Krim, im Ferienlager „Artek“, von (gespielten) Admiralen und deren Adjutanten, von der gesamten Schiffsmannschaft und über die Abenteuer, die sie zu bestehen haben.


Auch mehrere neue Lieder lernen wir. Es gehören dazu ein Cowboylied und ein altes Seemannslied – und das mitten in Sachsen, mitten im Sozialismus – und so hören sie sich an:



Im Kanton bin ich geboren


Im Kanton bin ich geboren

bin als Cowboy ausgezogen

nach dem Süden.

Hab mein Lasso ausgeschwungen,

und ein Liebeslied gesungen

für Koschita. / (Seniorina)


Refrain:

Hab an dich gedacht

bei Tag und auch bei Nacht,

denn ich bin ja nur ein Reiter

und die Sehnsucht treibt mich weiter

nach dem Süden hin.


In der Schenke der Seniore'

saßen wir an langen Tischen

tranken Whisky.

Tranken Schnaps und sangen Lieder,

diese Zeit kehrt niemals wieder,

oh Koschita. / (Seniorina)


Fern im Süden will ich sterben,

denn ich hab ja keine Erben

nur Koschita.

Sie allein nur konnt' ich lieben

sonst ist mir nichts geblieben,

als die Sehnsucht.



Winde wehn, Schiffe gehn



Winde weh'n, Schiffe geh'n

weit in fremde Land'.

II: Nur des Matrosen allerliebster Schatz

bleibt weinend steh'n am Strand.:II




Wein doch nicht, lieb' Gesicht,

wisch die Tränen ab!

II: Und denk an mich und an die schöne Zeit,

bis ich dich wiederhab'.:II




Silber, Gold – Kisten voll,

bring ich dann mit mir.

II: Ich bringe Seide, schönes Sammetzeug,

und alles schenk ich dir.:II






Volkslied der in Finnland lebenden Schweden. In das Deutsche gedichtet um 1925 von Erich Spohr

und Hermann Gumbel.


Ja, und so vergingen diese Wochen wie im Fluge. Bald schon fahren wieder nach Hause.

Auch das ist schön.


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Und nun wieder Daheim – in den ersten Minuten etwas fremd, alles ist hier inzwischen ungewohnt, sehr geschäftig und arbeitsam – keine Kurlaubsstimmung. So etwa muss es damals dem Jungen „Blauvogel“ (im Indianerbuch) zumute gewesen sein.

Der Laden ist geöffnet. Fremde Leute kommen und gehen. Die Eltern haben im Alltag viel zu tun – aber Mutti hat schon ein schönes Begrüßungsabendessen vorbereitet und Struppi, unser Hund, ist „ganz aufgedreht“. Später kann ich dann alles von Borna erzählen.


Schön, dass alle Kinder zum 1. Mai wieder zu Hause sind – es ist sowieso ein staatlicher Feiertag und auch in unserer Familie gibt es eine stattliche Feier, denn Vatis kleiner Betrieb feiert sein 30jähriges Geschäftsjubiläum. Dieser Betrieb ist also ist noch viel älter als die DDR.


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Nach über einem halben Jahrhundert aufgeschrieben von Chris Janecke.

E-Mail: christoph@janecke name



Erinnern sich denn heute noch „andere Kinder“ an einen damaligen schönen Aufenthalt im Hause „Sonnenblume“?