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Drei herrliche Wochen des Aufenthalts

im Kindererholungsheim Schellerhau (Ost-Erzgebirge)

in der Zeit vom 05. Juni bis 25. Juni 1958


Bearbeitung: August 2022 E-Mail des Kontaktpartners: christoph@janecke.name


Zur Einstimmung in diesen Bericht gibt es einige Bilder – bitte hier klicken



Im Frühtau zu Berge


Im Frühtau zu Berge wir gehn, vallera

es grünen die Felder, die Höhn vallera

I: Wir wandern ohne Sorgen singend in den Morgen,

noch ehe im Tale die Hähne krähn. :I


Ihr alten und hochweisen Leut, vallera,

ihr denkt wohl, wir wären nicht gescheit, vallera.

I: Wer sollte aber singen, wenn wir schon Grillen fingen

in dieser herrlichen Frühlingszeit. :I


Werft ab alle Sorgen und Qual, vallera,

und wandert mit uns aus dem Tal, vallera.

I: Wir sind hinausgegangen, den Sonnenschein zu fangen.

Kommt mit und versucht es doch selbst einmal. :I


Worte und Melodie nach einem schwedischen Volkslied.

Deutsche Nachdichtung von Walther Hensel



Das Vorbereiten einer großen Reise

Die Ärztin in der Kinder- und Jugendfürsorge in Potsdam-Babelsberg hatte bei der medizinischen Untersuchung empfohlen, dass ich nochmals in ein Kindererholungsheim fahren solle. Der vorgesehene Zeitraum liegt in der Schulzeit, kurz vor den Großen Ferien. Deshalb bin ich auf dem Klassen-Foto vom Ende des Schuljahres nicht zu sehen. Anschließend werde ich in den Ferien etwas für die Schule, also für mich, nacharbeiten müssen – das aber wird so aufwendig nicht sein. Die Vorfreude auf die Reise und die vorgezogene Verlängerung Ferien überwiegt natürlich. Allergrößte Ferien! 11 Wochen Ferien mit nur einer Ein-Wochen-Unterbrechung, um mich vom Schuljahr zu verabschieden.

Es soll „wegen des milden Reizklimas“ in das östliche Erzgebirge gehen. Fein. in dieser Gegend war ich bisher noch nie in meinem Leben.


Was erwartet uns hier im Lesestoff und auch dort im Gebirge?

Wir, die Leser dieser Zeilen, begleiten den „halbwüchsigen“ Chris durch jene drei Wochen des Erholens vom Alltag, indem wir in seine Notizen hineinschauen dürfen, aus denen er nach Hause zu seiner Familie denkt, den Angehörigen seine Erlebnisse zum Teil auch schon aufschreibt und ihnen später alles ausführlich erzählen wird.


Nun geht es richtig los. Nun fahr'n wir richtig los:

Wir sammeln uns zur gemeinsamen Abfahrt in Berlin. Wir, das sind einige Jungen, wohl aus den Bezirken Rostock, Schwerin und Potsdam. Mit dem Zug fahren wir vorerst nach Dresden / Dräsdn in Sachsen und etwas darüber hinaus. In Freital (das ist doch schon 'mal ein schöner Name) steigen wir mit vielen anderen Kindern, die im Raum Leipzig / Leipzsch zu Hause sind, in einen kleineren Zug, der uns nach Kipsdorf bringt. Es ist eine Kleinbahn mit einer Spurweite von
750 mm, wie man sie beispielsweise ebenso im Harz-Gebirge findet, wo jene hoch zum Brocken schnauft oder ähnlich auch an der Ostsee zwischen Bad Doberan und den Kur-Bädern Heiligendamm und Kühlungsborn, dort jedoch auf einer Spurbreite von 900 mm. Das ist schon mal recht spannend, weil einige dieser Loks bei mir zu Hause gebaut wurden. „Bei mir zu Hause“ bedeutet nicht etwa in unserer Küche, sondern im Herstellerbetrieb „Orenstein & Koppel“, in dem lange vor dem Zweiten Weltkrieg mein Vater im Lokomotivenkonstruktionsbüro tätig war, mein Opa auch dort aber in der Abteilung für die Angebote und den Verkauf der Dampfloks. Diese Arbeitskräfte wurden immer benötigt, denn solche Lokomotiven werden nicht nur einmal entwickelt, sondern ständig verbessert, um mit deren Maschinenleistung und Qualität mit an der Weltspitze zu stehen. Außerdem haben die meisten Besteller technische Sonderwünsche, die bereits vor der Herstellung auf dem Papier, auf den Bauplänen, berücksichtigt werden mussten. Heute heißt der gleiche Herstellerbetrieb „VEB Lokomotivbau Karl Marx, Potsdam-Babelsberg“. Dort hat auch unsere Klasse schon den Polytechnischen Unterricht. –

Von hier an, also von Kipsdorf aus, brauchen wir nicht mehr auf unseren Koffer aufpassen, denn ein Pferdefuhrwerk mit zwei sehr treu aussehenden Braunen, schleppt diese Last bis zu unserem Ziel. Wir Kinder und angehende Männer laufen nun aber nicht leichtfüßig ohne Koffer, sondern rollen von Kipsdorf aus die letzten sechs Kilometer sehr bequem mit dem Bus auf der Landstraße nach Schellerhau. Bis vor die Haustür. Insgesamt eine ganz schön weite Reise.


Liebe Eltern, liebe Geschwister und lieber Struppi – spitze bitte sehr gut Deine Terrier-Ohren!


Mittwoch, 05. Juni

Unsere Fahrt hierher nach Schellerhau verlief gut. Der Bus hielt in der Dorfstraße vor einem weißen Gebäude mit der Hausnummer 38. Das Oberteil des Hauses ist mit schwarzbraunen Holzbrettern verkleidet, also befindet sich vielleicht ein Fachwerk dahinter. Das also ist unser Erholungsheim. So ähnlich, wie dieses Gebäude, sehen hier viele der Häuser aus, die meisten der anderen sind aber kleiner. Das Haus steht unmittelbar an der Dorfstraße aber wie es scheint, ist es trotzdem recht ruhig. Kaum Verkehr auf der Hauptstraße.

Der Busfahrer wünscht uns einen guten Aufenthalt und fährt wieder los. Da stehen wir nun in einer Schlange. Die Leiterin des Heimes, Schwester Marie ist ihr Name, begrüßt uns recht freundlich. Sie stellt uns alle Erzieherinnen, das Küchenpersonal, die Raumpflegerinnen und den Hausmeister sowie sich selber vor, damit wir uns schnell kennen lernen. Also, sie heißt Marie Badstübner, ist aber weder eine katholische Nonnen-Schwester, noch eine evangelische Diakonisse. Sie läuft in „zivil“ daher, ich meine ohne eine Schwesterntracht. Vielleicht hat sie ja zuerst Krankenschwester gelernt, bevor sie Heimleiterin wurde. Und möglicher Weise war es zusätzlich folgendermaßen: Als die Familiennamen aufkamen, betrieb ihr Vorfahre eine private Badestube (also keinen echten VEB), somit war er der Badstübner. Solche Leute haben nicht nur die Mitmenschen gebadet, sondern waren oft auch Barbiere, also Frisöre, aber außerdem ebenso Zahnreißer, Steinschneider, Hühneraugenoperateure und ähnliches – praktizierten also nebenbei ohne etwa ein großes Medizinstudium die edle handwerkliche Kunst der Kleinchirurgie. Ihre Dienstleistungen waren begehrt – diese Art von Kunsthandwerk war aber auch teilweise sehr gefürchtet. Man kann also sagen, dass jener Vorfahre ein Kleinmedikus war und das hat vielleicht etwas abgefärbt und so die Schwester Marie mit eben diesem Ehrentitel versorgt: Leiterin und Schwester der genesenden Kinder – so könnte es gewesen sein. Oder ganz anders.

Erzählt hat sie es uns noch nicht. Etwas seltsam ist es aber schon: Die höchste ältere Dame sollen wir mit Titel und vertraulich mit ihrem Vornamen anreden, zu den anderen, den jungen ansprechenden müssen wir dagegen mit einem gewissen Abstand Frollein sagen und dürfen dazu aber nur deren Nachnamen nennen. So streng wird das gehalten. Die Erzieherinnen heißen: Fräulein Maiwald I und II, Frau Münzer und Fräulein Walther. Natürlich erst viel später bekommen wir so nebenbei mit, dass Frau Münzer auch Anita heißt und Fräulein Walther den schönen Vornamen Renate trägt. Sonnhild ist der seltene, so schöne Vorname des Fräulein Maiwald. Ihre Schwester trägt den ebenso erlesenen Namen Ariane.– Im Büro arbeitet fleißig die Frau Berger, die in unsere Versicherten-Ausweiskarten unter „Diagnose“ eintrug, dass wir hier zur Erholungskur pünktlich eingetroffen sind. Der umsichtige Meister für die Technik des Hauses ist Herr Horst Klammer. Es ist wohl nicht zuviel an komplizierter Technik im Haus aber er hat den ganzen Tag vollauf zu tun.


Weil ich schon 12½ Jahre alt bin, werde ich der Gruppe der großen Jungen zugeordnet. In der gleichen Gruppe wie ich sind Bernd, Eberhard, Günter, Hartwig, Henri, Holmer, Jürgen, Karl-Heinz, Karl-Otto, Manfred, Walter und noch einige andere, deren Namen ich mir noch nicht merken konnte. Wir wählen uns im Schlafsaal jeder ein blütenweiß bezogenes Bett und packen die Koffer aus. Unsere Erzieherin, also das Fräulein Maiwald, scheint recht nett zu sein. Ich kann schon sagen, dass mir das Heim gut gefällt. Doch haben wir noch nicht viel erlebt, worüber ich schon berichten könnte.


Donnerstag, 06. Juni:

Gleich heute haben wir eine Schreibstunde, um auch die Eltern wissen zu lassen, dass wir gut angekommen sind. Es wird auch geprüft, dass keiner nur so tut als ob – denn alle Eltern sollen ja beruhigt sein und auch wir wollen ja gerne Post von zu Hause bekommen. Unser Absender ist ganz einfach, denn das Heim hat keinen schwierigen Namen – oder richtiger: dieses Heim hat überhaupt keinen Namen. Niemandem ist dazu 'was Hübsches eingefallen und dabei gibt es doch so viele Namen zwischen „A und Z“, wie zum Beispiel „Ahornbaum“, „Kinderland“, „Sonnenblume“ oder „Zaunkönigshorst“. Auch „Erster Mai“ oder „Roter Oktober“ werden wohl recht gern genutzt. Nein, unsere Erholungsstätte heißt schlicht und einfach „FDGB-Heim“. (Das bedeutet: Freier Deutscher Gewerkschaftsbund als Eigentumsbezeichnung). Also, die Frau Münzer schreibt als Absender: FDGB-Kindererholungsheim, Schellerhau über Dippoldiswalde, weil das die bekanntere Kreisstadt ist. Und die Post macht es anders, sie stempelt so: Schellerhau über Kipsdorf, weil das der übliche Postweg ist. Die Straße sollen wir nicht etwa im Absender angeben denn die Post kommt auch so an, so sehr berühmt ist hier im Dorf das Kindererholungsheim. Aber ich verrate es Euch trotzdem: Das Heim steht auf dem Grundstück Dorfstraße Nr. 38 – und das ist auch die Hauptstraße. Ein halbes Jahrhundert später wird das gleiche Grundstück die Hauptstraße 95 sein, obwohl dann die meisten Häuser noch an der gleichen Stelle stehen – das jetzige Kindererholungsheim allerdings dann bald nicht mehr – aber das wissen wir jetzt noch nicht. Es ist also eine kleine Weissagung.


Ach, fast hätte ich es vergessen: Wichtig war, dass wir am Vormittag alle auf die Waage kamen – also tatsächlich zwar alle, aber einzeln, nacheinander. Das Gleiche wird sich dann kurz vor der Abfahrt wiederholen. Die Kinder sind aus verschiedenen gesundheitlichen Gründen hier, doch der Erfolg des Erholens wird dann wohl hauptsächlich mit der Gewichtszunahme bestimmt, denn die schönen Erlebnisse und die frische Luft, lassen sich ja schlechter messen und dem Heimatarzt mitteilen. Doch ich weiß nicht so recht – ich habe auch zu Hause schon ganz gut gegessen. Hoffentlich kann man dann in drei Wochen trotzdem einen schönen Unterschied feststellen. Und wenn nicht – dann darf ich ja vielleicht noch einmal irgendwohin fahren – für einen weiteren Versuch.

Hinter dem Haus, am Berghang, aber auf einer waagerecht-geebneten Fläche, befindet sich unser Spiel- und Sportplatz.

Am Nachmittag unternehmen wir den ersten Spaziergang in die schöne Umgebung, um ganz tief die frische Luft einzuatmen. Sparsam werde ich von den schönsten Motiven auch einige Bilder mit dem „Pouva-Start“-Fotoapparat knipsen, den ich zum Weihnachtsfest geschenkt bekam.

(Geheim: 16,50 Deutsche Mark der DDR).


Freitag, 07. Juni:

Unser Tagesablauf: Morgens nach dem Wecken geht es schnell zum Waschen und Zähneputzen. Fast alle liegen ja zu dieser Stunde bereits munter in den weiß bezogenen „Startlöchern“. Im Heim haben wir sechs Toiletten. Auf dem Hof am Haus findet dann die Morgengymnastik, der Frühsport, statt.

Dann werden die Betten „gemacht“ oder „gerichtet“ und die Zimmer aufgeräumt. Die Betten müssen immer ganz ordentlich aussehen, so dass wir auch mal helfen, damit beim Zimmerdurchgang kein Stirnrunzeln bei unserem Fräulein Maiwald auftritt. Helfen ja – aber nur in unserem Zimmer. Bei den kleineren Jungen, in den anderen Räumen, unterstützen wohl auch die Erzieherinnen.

Zum Frühstück gibt es Brot, köstliche richtige Butter in Sternchen-Portionen, oft noch mit „Tautropfen“ drauf, denn vorher waren sie im Wassertopf damit sie nicht zusammenkleben. Dazu verschiedene Marmeladen und Michkafé – ich schreibe das Wort extra so, damit man sieht, dass nicht etwa teure aufregende Bohnen dabei sind, sondern vielmehr gesundes Getreide und Malz und so 'was.

Nach dem gemeinsamen prüfenden Zimmerdurchgang geht es dann zum Spielen, zu Spaziergängen oder zu größeren Wanderungen, die bis auf wenige Ausnahmen von Tagestouren, so eingeteilt werden, dass wir gegen 12.00 Uhr wieder zurück sind, um uns nach dem Händewaschen an den Mittagstisch zu setzen. Das Essen ist recht schmackhaft und reichlich.

Anschließend folgt eine Mittagsruhezeit. Wir, die Großen, müssen nicht unbedingt sehr fest schlafen, uns aber zumindest ruhig ruhend auf oder in den Betten verhalten. Anschließend die Nachmittagsmahlzeit, Vesper genannt, mit Brötchen, Butter und Marmelade. Am Wochenende soll es sogar Kuchen geben.

Zum Abendessen um 18.00 Uhr stehen wir wieder zu zweit nebeneinander angestellt vor der Tür des Speisesaales. Zur Abendmahlzeit gibt es dann Brot, Butter, Käse und Wurstscheiben verschiedener Sorten und den guten Tee, der bestimmt mit für den Erholungserfolg verantwortlich gemacht wird. Ich vermute, er besteht aus einer Vielzahl von typisch erzgebirgischen Heil- und sonstigen Kräutern.

Wir Großen haben einen Schlafraum für uns. In den Zimmern stehen 6 Betten. Das passt auch gut zu den 6 Toiletten – fast ist es so, wie bei den 7 Zwergen. Wir sind hier eben einer weniger aber dafür erheblich größer. In jedem Durchgang sind 42 Jungen hier. Es kommen auch viele erholungsbedürftige Mädchen ins Haus, vorsichtshalber aber nie vermischt mit den Jungen, sondern in einem anderen „Durchgang“. Das ist ein bisschen schade aber so werden wir vom Erholen nicht abgelenkt. Zwischen dem Zubettgehen und dem Beginn der Nachtruhe um 20.00 Uhr, singt der Chor der Erzieherinnen mit glockenreinen Stimmen auf dem Gang schöne Volkslieder und während dieser Zeit bleiben die Schlafraumtüren geöffnet. Die meisten Lieder, die in diesen Tagen gesungen werden, sind mir vom Elternhaus vertraut, die Texte bekannt. Neu ist für mich dagegen das kurze Ruhe spendende Lied, mit der den Schlaf fördernden sanften Melodie:



    Oh, du stille Zeit, kommst, eh wir's gedacht. I: Über die Berge weit :I Gute Nacht.

    In der Einsamkeit rauscht es nur so sacht. I: Über die Berge weit :I Gute Nacht.




Das passt auch gerade zu Schellerhau. Die so sehr wahren Worte wurden von dem Romantiker Joseph v. Eichendorff (1788–1857) gereimt, der also vor gerade 100 Jahren starb und in einer leider nicht durchgängig friedlichen Zeit lebte.

Auf der Gitarre spielen auch ab und zu Schwester Marie und Frau Münzer.

Das alles zeigt sich recht harmonisch, wie in einer großen, guten Familie. Dann aber, mit dem Beginn der Nachtzeit, muss auch in den Schlafräumen Ruhe herrschen. Es wird darauf streng geachtet, damit sich alle Kinder ausreichend erholen.

Unsere Gruppenerzieherin Sonnhild, äh, das Fräulein Maiwald, ist tatsächlich ganz toll.


Sonnabend, 08. Juni:

Nachdem wir nun das Heim und die nahe Umgebung erkundet haben, kann ich nach Hause schreiben: „Liebe Eltern, hier ist es fein. Es gefällt mir sehr gut. ...“. Wir lernten schon die Sage kennen, wie der Ort Schellerhau und der Name „Schinderbrücke“ entstanden ist.

Also, das war damals so: Eines unguten Tages hatte sich der Teufel mal wieder heftig mit seiner Großmutter gezankt – (schuld an den Ursache solchen Gezänks waren in Wirklichkeit wohl meist beide). Weil der jüngere quastenbeschwänzte Satan beim Herumstreiten meist unterlag, da er in schneller Kampfwortauswahl noch nicht so erfahren war wie die ebenfalls gehörnte teuflische Oma, reichte ihm das nun endgültig und er wollte lieber in die weite Welt hinaus wandern und irgendwo weit fort von der Großmutter, eine hübsche kleine Deibels-Siedlung nach seinen eigenen moderneren Ideen aufbauen. Wütend nahm er also einen großen Sack, steckte viele Häuschen und auch Haisle hinein und schritt damit fürbass durch das Erzgebirge. Ihm war allerdings entgangen, dass beim hektischen Packen des Sackes ein Stückchen Kohlenglut des Höllenfeuers mit in den Sack hinein geraten war, das im Laufe der Zeit des Wanderns ein Loch in die Sackjutewand gebrannt hatte. (Im Berliner Sprachraum sagt man dagegen eher: in det jute Sackjewebe.)

Als er nun in die Nähe des heutigen Ortes Schellerhau gekommen war, fielen durch dieses immer größer werdende Brandloch nach und nach die Häuser aus seinem Sack heraus, ohne dass der blutrotfellige leibhaftige Unmensch Luzifer es merkte. Erklärlich: Bei der langen Wanderung ermüdet selbst der Scheitan, dieser Pferdefußbehufte, und die Bürde, auch wenn sie geringer wurde, war diesem Deibel noch schwer genug. Er verlor also die Häuser und so entstand das sehr lange Dorf Schellerhau. Als sich der Teufel, der fast Unaussprechliche, nun dem Flüsschen „Rote Weißeritz“ näherte, merkte er dann doch, dass seine geschulterte Bürde immer leichter wurde und es fiel ihm auf, dass er fast alle Häuser verloren hatte. So nahm er auch das letzte Gebäude aus dem Sack heraus, warf es weit fort und sagte dabei: „zum Schinder mit dir“, denn er konnte ja nicht gut sagen „zum Teufel oder zum Beelzebub mit dir“, denn der war er ja wirklich selber und das Haus sollte ja nicht wie ein Bumerang zu ihm zurückkehren. Und danach wurde die Brücke am Ortsausgang in Richtung Altenberg benannt, die über das Gewässer führt: Die Schinderbrücke. Seither musste dort, weitab von der Dorfmitte, abgesondert auch von der Dorfgemeinschaft, der Schinder (der Tierkörper-Beseitiger, auch Abdecker genannt) leben und seiner traurigen Tätigkeit nachgehen, die zu den „unehrlichen“ Berufen gezählt wurde. Und es ist wohl auch nicht weiter verwunderlich, dass ausgerechnet dort der Geisterweg beginnt, der später sogar noch in den Leichenweg übergeht. Das soll wohl den Leuten die ihrem Urlaub hier verbringen zu guter Laune verhelfen aber die Einheimischen ängstigen sich nachts vor jenem grauslichen Ort.

Der teuflische Samiel hatte seine Macht über die Häuschen nun also freiwillig aufgegeben, auf eine richtige Teufelssiedlung verzichtet. Und deshalb leben seit jener Zeit in Schellerhau nur biedere, brave, rechtschaffene Menschen. Diese waren über lange Zeit sehr arme Leit', die ihr karges Brot im Bergbau, mit Fuhrmanns-Leistungen und verschiedenen handwerklichen Tätigkeiten zu verdienen suchten. –

Jetzt, in der DDR, ist das Leben auch hier viel organisierter und bedeutend reicher geworden.

Über diese Schinderbrücke führte schon in früherer Zeit die alte Zinnstraße von Altenberg nach Freiberg, auf der die Fuhrwerke das Erz und auch die Holzkohle für die Freiberger Schmelzhütten sowie das Rohmetall zu den Stätten der Weiterverarbeitung transportierten.

Ja, es ist schon wahr – der Teufel hat damals die Häuser versehentlich sehr unregelmäßig und in größeren Abständen verloren, fallen lassen. Schellerhau hat heute rund 450 Einwohner und das Dorf ist etwa 4.500 m lang. Das sind weniger als 90 Haisle und diese auf beide Seiten der Hauptdorfstraße und den Matthäusweg nach Bärenfels verteilt. Da will man wirklich nicht direkt von einer Großstadt sprechen. Das braucht auch nicht sein, denn deshalb ist die Luft hier herrlich rein. Bis auf die Winterzeit, wenn die Schornsteine oder die Essen der Kachelöfen rauchen und die Witterung mal ungünstig ist. Dann aber haben die Kinder feine Rodelbahnen. Wir jedoch sind im Frühsommer hier. –

Übrigens – war von meinen Klassenkameraden inzwischen jemand bei Euch, um die neuen Schul- oder Hausaufgaben und auch das alte Diktat zu bringen? Ich hoffe, es steht eine recht niedrige rote Zahl darunter.


Sonntag, 09. Juni:

Heute wanderten wir bei strahlendem Wetter nach Bärenfels. Wir gingen bei der Kirche hinab ins Tal. Von dort aus beschritten wir nach links den Matthäusweg, wie auf einer Berg- und Talbahn, gingen später ein Stückchen auf der Böhmischen Straße entlang und schon waren wir am Kurpark des Ortes. Dort steht als ein besonderes Schmuckstück seit drei Jahren ein Glockenturm mit Porzellanglocken, den „Glocken des Friedens“. Zehn Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde der Turm errichtet. Fleißige Leitle hatten in Meißen die 25 Porzellanglocken hergestellt. Nur deshalb tragen sie, obwohl sie Friedensglocken sind, die gekreuzten Schwerter – als Markenzeichen des Meißener Porzellans. Schon bald nach dem Zweiten Weltkrieg kamen die Glocken als Geschenk aus Meißen hierher, als Dank dafür, dass die Bärenfelser Einwohner bei der Reparatur des Meißener Ferienheim „Misnia“ sehr unterstützt hatten. Misnia ist lateinisch und bedeutet ganz schlicht > Meißen <. So einfach und lebendig kann Latein sein, diese tote Sprache. Damals, 1947, gab es aber noch keinen Glockenturm, so dass man das Glockenspiel nach acht Jahren des hurtigen Vorbereitens, erstmals am Tage der Einweihung, am 18. September 1955, hören konnte. An diesem Glockenturm sind zwei Tafeln angebracht. Auf der Tafel links vom Fenster steht: „Glocken des Friedens“ und auf der rechten Tafel: „Gestiftet von der Staatlichen Porzellanmanufaktur Meißen – erbaut 1955“. Drei Jahre ist nun der junge Glockenturm alt.


Diese Glocken können eine ganze Reihe erzgebirgischer Heimatlieder sowie andere Volkslieder spielen. Es handelt sich um eine große und schöne Seltenheit. Es ist so eingerichtet, dass die Glocken oftmals am Tag spielen, denn es geht alles „von ganz alleine“, es muss also kein Glockenist dort sitzen und immer wieder die gleichen Lieder spielen. So etwas habe ich vorher in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen! Bei uns zu Hause in Potsdam gab es bis zu den letzten Kriegstagen auch ein Glockenspiel im Kirchturm der Garnisonkirche, auf dem vor allem der Herr Musik-Professor Otto Becker ernsthaft spielte.


Liebe Eltern: Wenn Ihr Sangesfreudigen das Glockenspiel auch hören könntet, würde Euch „so recht das Herz aufgeh'n“. Natürlich – Ihr wisst es, habe ich fast all' diese Lieder von Euch gelernt und kann sie auswendig. So richtig versteht man die Glocken aber erst, wenn man dazu einige der Lieder in der hier üblichen schönen Mundart hört.


Der Höhenluftkurort Bärenfels ist noch etwas kleiner als Schellerhau. Ungefähr 340 Leute, also die Eltern mit ihren Kindern und auch deren Großeltern, haben hier ihr Zuhause. Der Ort liegt zwischen dem Spitzberg (750 m) und dem Hofehübel (740 m hoch), im Tal der Roten Weißeritz und wird vom Pöbelbach begleitet. Zum Hofehügel könnte man auch Hügel sagen aber das würde hier niemand verstehen. In unserem Flachlandverständnis ist dieser Hügel schon ein ganz schön hoher Berg. Unsere „Berge“, die sich aus dem Flachland erheben, würde man hier sicherlich eher als „Hübelchen“ bezeichnen.

Bärenfels ist so wie wohl fast jeder Ort hier „Die Perle des Erzgebirges“.

Das Wasser der Roten Weißeritz sieht tatsächlich rötlich aus. Das kommt wohl von der Auswaschung, von dem Abrieb des roten Porphyrgesteins aber die „Wellenkämme“ bleiben trotzdem weißlich aussehend, wenn das Wasser über die Steine springt.

Den Rückweg von Bärenfels nach Schellerhau gingen wir rechts von der Chaussee durch den Wald, hielten uns also zwischen dem Spitzberg und dem Pöbeltal. Da sah man so recht, wie klein wir Menschen eigentlich sind. Nach links war es nicht möglich, bis zur Spitze des steil ansteigenden Berges zu sehen und nach rechts ging es ebenfalls steil hinab, so dass man – wegen der Tiefe – auch nur grün sah, oft den Grund nicht erkennen konnte. Aus dieser Tiefe wachsen kerzengerade die Fichten, vielleicht 30 bis 40 m oder sogar noch höher, zum Licht empor.

Nach unseren Rufen: „Was essen die Studenten?“ oder „Wie heißt der Bürgermeister von Wesel?“ echote es deutlich zu uns zurück. Das machte ein Weilchen Spaß.

Am Wegesrand blühen jetzt zum Beispiel weiß-gelbe Margeriten, blaue Glockenblumen, roter Klatschmohn, der Wegerich und der schöne, wenn auch giftige lila Fingerhut. Fräulein Maiwald hat uns belehrt, dass man diesen nicht anfassen und schon gar nicht kosten darf – nicht mal, wenn wir damit etwa eine Herzerkrankung heilen möchten. Ja, die Aufklärung für uns scheint vorsichtshalber nötig. Die klugen Tiere des Waldes wissen das dagegen von ganz alleine. Große dicke schöne weißgraue Weinbergschnecken eilen mit ihren Häusern quer über den Weg. Wir kamen auch an einem Hochsitz der Jäger vorbei, den sie auch „Anstand“ nennen. Ich weiß ja nicht, was es mit Anstand zu tun hat, harmlose Tiere totzuschießen. Wir finden auch große Disteln, Löwenzähne und Brennnesseln, die sehr gesund sein sollen aber im Abendtee sind diese nicht zu finden.

Manch einer von uns, zu denen auch ich gehöre, sammelt besondere Steine als Andenken fürs Fotoalbum, ein Herbarium oder Aquarium. Hier finden wir den roten Porphyr. Er sieht so aus, wie auf dem Sportplatz. Quarz-Porphyr!

Auf den besonnten Wegen gleißt uns Quarz-Porphyr entgegen“. Das ist kein neues Lied, sondern der Reim fiel mir vorhin beim Wandern ein. Damit hat es eine ganz besondere Bewandtnis: Ist man einige Meter entfernt, dann strahlt der Quarz ganz doll. Wenn man näher kommt und ihn greifen will, wenn sich also unsere Sichtweise oder der Blickwinkel ändert, ist er nur noch schwer erkennbar. Das geht aber sowieso eben nur bei Sonnenschein. Ansonsten sieht man gar nichts glitzern. Unscheinbar sehen die Steinchen dann aus. Wenn man die Kristalle stolz anderen Leuten zeigen möchte, muss man wohl mit der Taschenlampe nachhelfen, damit die Betrachter nicht nur gelangweilt mit den Schultern zucken, sondern in ein „Ah“ oder „Oh“ ausbrechen. So weit wie die Quarze strahlen, könnte ein Juwelier diese auch gut und gern in einen Damenring ... dann erscheinen diese Steine natürlich künstlich, und würden viele Meter weit gleißen können ... oder auch auf ein Verkehrszeichen – vielleicht so als Kristall-Pulver aufgebracht, würde helfen, dass man es in der Dunkelheit nicht zu leicht übersieht – wenn man es anleuchtet, würde es garantiert stark zurückleuchten – ein nützlicher Beitrag zur Verkehrssicherheit.

Es gefallen mir besonders diese kleinen munter plätschernden Bäche und Rinnsale.

Wir lernen im Heim auch Volkslieder selber singen. Das hört sich dann ungefähr so an:

Koan scheenren Baam gibt's, als den Vugelbeerbaam“. Das richtig aufzuschreiben ist für mich nicht einfach und wird gewiss als fehlerhaft angesehen, denn es gibt keine einheitliche deutsche Mundartsprache. Ä DUDEN dafür a net. Einige Kilometer heißt es dann schon wieder anders aber ebenso ziemlich richtig: „Kan schinnern Baam, gibs wie an Vugelbärbaam ...“. Man kann eine Einheitlichkeit nicht erzielen, weil ja die hohen Hübel dazwische seind. – In diesem Jahr trägt der Baam aber noch keine orangefarbenen Ebereschen-Früchte. Das beginnt ja erst im Hochsommer.

Bergbau und Volkslieder – dabei fällt mir eine Geschichte ein, die ich hier den Kumpels erzählte: Die DEFA drehte neulich, das heißt von Januar bis April, den Film „Der Lotterieschwede“. Einige Außenaufnahmen entstanden im Norden der Insel Rügen am Kap Arkona aber die meisten Szenen wurden im „Tonkreuz“ in Babelsberg gedreht. Diese Halle der Babelsberger Filmstudios heißt nur wegen der Form ihres Grundrisses „Kreuz“. Hier war es möglich, erstmals Tonfilme zu drehen. Vorher gab es ja nur Stummfilme, die ein Klavierspieler musikalisch „untermalte“ oder „umrahmte“ und ein Erklärer mit dem Zeigestock in der Hand vorn an der Leinwand die Filmhandlung erzählte – was bei dieser manchmal bestimmt störte.

Also gut. Unsere Schulklasse wurde ausgewählt, um im Tonkreuz für diesen Schweden-Film der DDR die „Erzgebirgische Nationalhymne“, „Glück auf, Glück auf, der Steiger kommt“ zu singen, nachdem bei den ersten Versuchen dieses „reinen Knabenchors“ von der Regie unser bekannter Brummer (Jörg-Peter ist sein Name) ausgesondert worden war. An dem Tag gab es wegen dieser „gesellschaftlich nützlichen Tätigkeit“ Schulfrei. Nur schnell mal ein Liedchen trällern – und dafür schulfrei? Nein, einen Freizeitgewinn hatten wir nicht davon, denn diese Ton-Aufnahmen dauerten und dauerten – aber immerhin: einen schönen Zuwachs für unsere Klassenkasse bekamen wir dafür. Die DEFA ist da nicht zimperlich, denn für einen echten Bergmannschor hätten sie ins Erzgebirge fahren müssen und das wäre vielmals teurer geworden. – Und das war es dann:



Glück auf! Glück auf!


1. Glück auf! Glück auf! Der Steiger kommt!

II: Und er hat sein helles Licht bei der Nacht. :II

II: Hat's angezünd't.:II


2. Hat's angezünd't. Das gibt ein' Schein.

II: Und damit so fahren wir bei der Nacht :II

II: in's Bergwerk 'nein. :II


3. Die Bergleut' sein, so hübsch und fein.

II: Sie graben das feinste Gold bei der Nacht :II

II: aus Fels'gestein. :II


4. Einer gräbt Silber, der andere das Gold

II: und den schwarzbraunen Mägdelein – bei der Nacht :II

II: den sein sie hold. :II


5. Ade, nun ade, Herzliebste mein!

II: Und da drunten im tiefen Schacht bei der Nacht :II

II: da denk' ich dein. :II


6. Und kehr ich heim zum Liebchen mein,

II: dann erschallt der Bergmannsgruß bei der Nacht :II

II: Glück auf, Glück auf. :II



Nur – habe ich diesen Film mit unseren schönen Stimmen darin niemals gesehen. Vielleicht sollte ich mal ins Archiv. Für diesen Film, der nach der Novelle von Martin Andersen Nexö im Jahre 1880 spielt, hatte man als Ort – als Land der Handlung, Schweden ausgewählt. Es geht es darum: Ein Steinbrucharbeiter hat mit seiner Familie ein sehr hartes, karges, ein äußerst armes Leben. Man kann nicht 'mal davon reden, dass es arm+selig gewesen sei. Von seinem Lohn erwirbt er aber jedesmal auch ein Lotterie-Los, um mit dessen Erlös das Leben etwas zu verbessern. Er hofft stets erneut auf einen Gewinn, der aber nicht eintrifft. Vor Kummer gibt er auch noch Geld in der Kneipe aus, um diesen zu ersäufen. Und er setzt auch auf das Würfelspiel, doch er verliert wiederum, bis sein Geld völlig alle ist. So gibt er dabei als Pfand sein letztes Los her – dass Letzte was er besaß – und einige Tage später gewinnt dieses Los eine große Summe Geldes – aber das Los gehörte ja nicht mehr ihm – ein anderer der Spieler wurde reich. Er sieht keinen Ausweg mehr und nimmt sich das Leben. Seiner Familie hilft das allerdings überhaupt nicht. Erst sein Sohn wird erkennen, dass das Glücksspiel keine Lösung für die täglichen Probleme ist ..., dass nur die Arbeiterklasse gemeinsam einen erfolgreichen Kampf gegen Ausbeutung und Unterdrückung, gegen menschenunwürdige Arbeits- und Lebensbedingungen führen kann. –

Ja und wir in diesem problembeladenen Stück mit dem Bergmannslied irgendwo dazwischen.


Montag, 10. Juni:

Heute unternahmen wir eine Wanderung zum ungefähr 824 bis 825 m hohen Geising-Berg direkt bei Altenberg. Bei guter Sicht kann man bis in das Elbsandsteingebirge blicken. Allein der Hinweg hat etwa 9 km Länge. In Altenberg besuchten wir das Bergbaumuseum. Sehr interessant. Hier in der Gegend wurden in grauer Vorzeit zuerst „Zinngraupen“ aus den Bächen gefischt, also lose Metallstückchen oberirdisch, das heißt, „über Tage“ und gleichzeitig „unter Wasser“, gewonnen. Auf der böhmischen Seite begann man schon im 15. Jahrhundert, die zinnhaltigen Erze „unter Tage“ abzubauen aber auf sächsischem Gebiet wurde erst etwa hundert Jahre später im Berg zinnhaltiges Gestein gebrochen. Auch Lithium-Glimmer baute man ab. Viel später erst gewann man dann auch noch den Roteisenstein. Die Roherzbrocken kamen in die Pochwerke. Dort wurden sie zerstoßen, Metalladerstücken zum Teil aus dem Gestein freigelegt und waschend gespült, um daraus in den Schmiedeberger Hochöfen das Rohmetall zu erschmelzen und – ja eben: es dann nach „dem Frischen“ zu schmieden, wie es uns der Name des Ortes schon sagen will. Das Abbauen des erzhaltigen Gesteins war eine körperlich sehr schwere Arbeit. Früher hatten die Bergleute dafür nur einfache Handwerkzeuge, wie Schlägel (Fäustel) und Keilhammer (Bergeisen). Sie arbeiteten in der ewigen Finsternis bei dem eigenen, selbst mitgebrachten Funzel-Licht. Das alles, auch die einfachen Gerätschaften, kann man im Bergbaumuseum besichtigen.

Die Pinge bei Altenberg ist ein großer trichterförmiger Einbruchkessel in den Berg hinein, fast
150 m tief. (Man darf die Pinge aber auch „mit'm bappsch'n P“ sprechen, meinen die Leipziger). Also gut, die Binge entstand um 1620, weil das Gebirge bei der Suche nach Erz und bei dessen Abbau bereits damals bis in eine Tiefe von 250 m von Stollen und Schächten durchzogen war und demnach etwa so aussah wie ein Schweizer Käse – was man von außen nicht sehen konnte. Der Berg gab dann einfach nach, stürzte zum Teil in sich zusammen. Eine schreckliche Katastrophe war es, der zahlreiche Bergleute zum Opfer fielen. Man kann sich das vorstellen, denn auch heute noch, nach fast 340 Jahren, sind die steilen Schutthänge kahl, nur wenige Pflanzen können sich dort festklammern. Eine ständige Mahnung, die Eigenheiten der Natur und ihre Gesetzmäßigkeiten zu beachten.

Die Wiesen an den Berghängen sehen „sehr viel fröhlicher“ aus, als bei uns im Bezirk Potsdam. Es handelt sich weniger um grüne Gräserwiesen, als um Blumenblütenwiesen mit vielen geschützten Pflanzenarten. Deshalb darf man nichts pflücken und auch die Kühe und die Pferde auf der Weide ... – wir aber haben sie dabei ertappt – sie wollen offenbar gesund leben. Man findet die gelbe Arnika-Heilpflanze, viele Buschnelken und wenn man Glück hat auch mehrere Sorten von Orchideen, die Trollblume, das Wollgras und andere seltene Pflanzen, deren Namen ich aber nicht alle behalten habe. Später werde ich mal „nachschlagen“. Zwischen diesen Blumen tummeln sich Hummeln und außer den zahlreichen anderen Insekten auch graugrüne Eidechsen, gelb- bis orange-schwarze Salamander, Blindschleichen und Ringelnattern. Wird gesagt. Vor uns schienen sie an diesem Tage aber alle rechtzeitig die Flucht ergriffen zu haben. Bei den angedrohten Kreuzottern war mir das auch ganz recht. Man kann also sagen: derartige Wiesen sind ein vielfältiger Lebensraum, ein Lehrgarten ohne Zaun.


Auf dem Rückweg kamen wir an den „Galgenteichen“ vorbei. Im großen Galgenteich befindet sich eine Insel. Es gibt auch noch den kleinen Galgenteich. Keine erfreulichen Namen. Sie erinnern mahnend daran, dass sich hier in früheren Zeiten 'mal eine Hinrichtungsstätte für Verbrecher befand und für jene Menschen, die man zumindest als Rechtsverletzer ansah. Man denkt unwillkürlich an ein längeres Zwangsbad. Ich jedoch habe andere Gedanken: Hätte man mehr Zeit und befände sich nicht in der fröhlich schwatzenden Kindergruppe, sondern wäre mehr alleine, dann könnte man sich hier bei Ferienstimmung, Sonnenschein, Wasser, Wald und Insel, in die romantisch-abenteuerliche Geschichte von Tom Sawyer und Huckleberry Finn hineinträumen, über die Mark Twain schrieb. Ein Floß mit einem Zelt oder einer Überdachung sollte dann hier noch am Steg liegen. Ein ausreichender Vorrat an Speisen und Getränken wäre auch nicht zu verachten. Na gut, mit dem Baden wäre es nichts, denn der größere Teich ist ein Staugewässer und er dient als Trinkwasserreserve, als Reservoir. Man, da kann aber viel getrunken werden! Bei dem Wort „Teich“ dürft Ihr Euch bitte keine falschen Vorstellungen machen. Es ist kein Gartenteich. Der „Große Galgenteich“ besitzt eine Fläche von ungefähr 180.500 m² und ist maximal 5½ m tief. Das Wort „Teich“ soll nur bedeuten, dass es sich um ein künstliches Gewässer handelt, kein natürlicher See ist. Das Gebiet war nämlich früher ein Hochmoor, aus dem Torf als Brennmaterial zum Heizen und Kochen gestochen wurde, bis es vollends ausgebeutet war. Seit dem Einleiten von Wasser, ist das Gebiet eine „große Wanne“, die nach unten von vulkanischem Gestein abgedichtet wird und deshalb kaum etwas versickert. Im kleinen Galgenteich ist das Baden dagegen erlaubt.Wassermühlen soll es hier früher eine größere Anzahl gegeben haben. Davon ist aber heute nicht mehr viel zu sehen.

Vermisst Struppi mich sehr in seinem Rudel? Frisst er trotzdem noch etwas? Ich werde ihm später auf unseren Spaziergängen noch einmal erzählen, was ich hier Nettes erlebe.


Dienstag, 11. Juni:

Für den heutigen Tag war für unsere Gruppe Turnstunde auf dem Spielplatz hinter dem Haus angesetzt und es hat Spaß gemacht, denn Geräteturnen wie Barren und Reck waren ja nicht dabei. Völkerball wurde gespielt.

Auf dem Nachmittagsspaziergang sammelte ich als Andenken für zu Hause, besonders große Fichtenzapfen. Die Jungs, die aus der Leipziger Gegend kommen, sagten, mich korrigierend, fachmännisch so etwas wie: „Dos sinn Dannezappn“. Mit den Unterschieden stehender und hängender Zapfen wollte ich nun nicht angeben. Danne ist ja noch gut übersetzbar aber manchmal gibt es auch Schwierigkeiten und ich komme ins Grübeln und muss dann nachfragen, wie es mir bei Modschekiebsche erging oder auch bei Berdenacksbrieh. Es tut gut, 'mal einen winzigen Höreindruck aus der großen sächsischen Sprachfamilie gewinnen zu dürfen. So meinte ein Junge, der Fuchs, dass der bekannte Pkw EMW-240 aus den Eisenacher Motorenwerken mit Euel fahre. „Was hat der geladen, Uhus – bis nach Athen fahren, andere Eulen und Käuze transportieren?“, frage ich sinngemäß. „Nu, nu, der läuft nu äbend ega mit Euel“ – oder so ähnlich sprach er es ernst. Aha! Er nannte mir also den öligen Treibstoff, der den Ehrennamen des Herrn Rudolf Diesel (1858–1913) trägt. Wenn das man überhaupt stimmt, was der Fuchs da so erzählt. Der Kraftstoff „Benzin“ ist dagegen nicht vom Namen des Herrn Carl Friedrich Benz (1844–1929) abgeleitet. – Das kann ich glaubhaft versichern. – Wir verstehen uns alle recht gut.


Ihr könnt Euch vielleicht vorstellen, dass es hier im Dorf wenige Autos aber viele Handwagen gibt. Anders als bei uns im Flachland, sind die großen sogar mit Handbremse ausgerüstet, weil auf den geneigten und manchmal steilen Straßen und Wegen, niemand die Wagen halten kann, wenn sie schwer beladen sind. Es fehlt ihnen allerdings noch ein Antrieb, wenn es bergan gehen soll.


Zum ersten Mal ging ich heute etwas später schlafen: Am Vorabend des Lehrertages, „wenn um 20.00 Uhr schon alles schläft“, wollten die Erzieherinnen ihre Leiterin, also die Schwester Marie, mit einem Blumenstrauß überraschen und das mündlich mit einem Gedicht von Johannes Robert Becher verbindend würzen – obwohl morgen nun wirklich kein Tag der Schwestern ist. Diese Überraschung gelingt wohl regelmäßig in jedem Jahr. Das mir noch unbekannte Gedicht vorzutragen, dazu wurde ich von den Erzieherinnen etwa zwanzig Minuten vorher ausgewählt – auch das war eine total gelungene Überraschung. So habe ich mir dann fix das Gedicht eingepaukt – es ging ganz gut, war nicht zu lang, und ich habe noch einige persönliche Worte, also keine vom Kulturminister und Dichter Johannes R. B., hinzu gefügt. Nicht auszudenken, wenn ich im Text stecken geblieben wäre, vor allen Erwachsenen, die so feierlich guckten und lächelten.

Viele Grüße von mir bitte auch an Frau Dyck, Tante Luzie, Tante Liesel sowie an Herrn Hansen.


Mittwoch, 12. Juni:

Heute ist nun der richtige Lehrertag und somit also auch Ehrentag der Kindergärtnerinnen, Erzieherinnen und Hortnerinnen sowie der Pionierleiterinnen und genauso für ihre männlichen Kollegen, die wir hier aber nicht besitzen. Bis auf Herrn Klammer, den Hausmeister. Der aber gilt ja nun nicht direkt als Lehrer, obwohl man bestimmt eine Menge an interessanten Kniffen von ihm, als Meister seines Faches, lernen kann. Gleiches trifft auch für die fleißigen Küchenfrauen und die Raumpflegerinnen zu. Wir ehren sie und ihre Arbeit trotzdem. Eigentlich jeden Tag – nur merkt man das nicht so deutlich, weil es von uns dafür keine staatliche Ehrung, mit Blumen, Gedicht, Urkunde oder so, ist., sondern nur ziemlich still, mit Dank und manchmal mit Bewunderung.

Jede Gruppe überreichte ihrer Erzieherin, schon wieder als unerwartete Überraschung, einen Blumenstrauß, den Schwester Marie rechtzeitig vorher besorgt hatte. Den Strauß unserer Gruppe durfte ich mit freundlichen Worten unserer Erzieherin überreichen – diesmal ohne Gedicht aber dafür bei einem Fahnenappell auf dem Spielplatz, damit es besonders staatlich-feierlich aussah und mit meinem warmen Händedruck, stellvertretend für die gesamte Gruppe. Die Staatsfahne der ersten deutschen Arbeiter- und Bauern-Macht wurde ausschließlich für die Erzieherinnen, die ja gleichzeitig auch Unterstufenlehrerinnen sind, für deren Ehrung gehisst; keine anderen ernsthaften Anlässe gab es. Unser Fräulein Maiwald sagte, sie habe sich sehr darüber gefreut und las uns, als Dank für die staatlichen Marie-Badstübner-Blumen, eine spannende Geschichte vor. Es ist also auch mal zwischendurch so wie Sonntag. Aber so ist hier ja fast jeder Tag für uns. Von mir aus könnte auch öfter mal im Jahr Lehrertag sein. Verdient hätten sie ihn – und wenn es dann noch Geschichten gibt.

Vielen Dank für Eure Post. Mir geht es gut, ich esse viel.


Donnerstag, 13. Juni:

Wir gingen endlich 'mal einer nützlichen Beschäftigung nach. Es war ein reichliches Stündchen – oder waren es zwei kurzweilige? Ein Lese-Steine-Sammel-Einsatz. Also wir haben dabei nicht richtig 'was gelesen – wir lasen Feldsteine von einer Ackerfläche der LPG (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft) auf, weil in jedem Jahr neue kleine Felsen aus dem steinigen Boden hochgepflügt werden, diese also quasi „aus dem Acker heraus wachsen“. Und derer sind es viele! Wenn die Menschen dieser Gegend früher auch recht arm waren – steinreich waren sie schon immer. Was mit den Steinen gemacht wird? Also, wir trugen sie in Körben ja nur zum Feldrand, zum Rain, und schütteten sie dort als Haufen auf. Aber dort bleiben sie nicht. Irgendwann, wenn wir schon längst wieder zu Hause sein werden, wird man die Steine abholen und auf die Reise schicken. Ständig lief ja zu Hause im Radio das Lied: „Steine für Rostock, der Hafen muss wachsen. Steine für Rostock, am Kai ist kein Platz …“, am internationalen Überseehafen, an einem der DDR-Tore zur weiten Welt! So wird aus lauter Solidarität dann langsam auch das Erzgebirge zur Ostseeküste gebracht, die Berge werden hier immer kleiner und kleiner. Hoffentlich kommt davon die Erdkugel nicht aus ihrem naturgegebenen Gleichgewicht. Das könnte Folgen für's Klima haben. Viel Erz des Gebirges ist aber in diesen Steinen nicht zu sehen. Nur manchmal glitzert metallisch ein Körnchen. Und sollten hier mal ein paar Steine nicht abgeholt werden und liegen bleiben, können sich vielleicht kleine Tiere darunter ein Versteck bauen oder, wenn die Steine von der Sonne durchwärmt sind, sich oben darauf aalen, sich darüber freuen. Nun ja, echte Aale werden es kaum sein, eher ähnlich aussehende Nattern. Das weiter biowissenschaftlich zu beobachten, reicht aber die Zeit unseres Hierseins nicht. Wir haben zu tun.

Anschließend hatten wir einen Bären-Appetit und das schöne Gefühl, auch mal 'was Gutes getan zu haben, nicht immer nur bedient zu werden. Heute nach diesem Arbeitseinsatz und auch freitags, wird geduscht. Ansonsten waschen wir uns nur gründlich und die Füße mindestens an jedem zweiten Tag oder wenn es vorher nötig ist. Mancher versucht schon von alleine darauf zu achten, dass die Haut nicht zu dünn wird aber die Erzieherinnen sehen manchmal nach, ob die Finger richtig sauber sind, bevor es zum Essen geht.

Oben erwähnte ich das Rostocker Lied. Es gibt aber nicht nur aktuelle Lieder über Steine. Hier haben wir zwar kein Radio aber zu Hause tönt es, außer den Volksliedern, in der Schlagerwelt so: „Souvenirs, Souvenirs“, von Bill Ramsey // „Weißer Holunder“ von und für Bärbel Wachholz // „Lollipop“ (oder so, nur in englisch) // „Bueno Sera Seniorina“, singt Louis Prima, auf italienisch;

der „River-Kwai-Marsch“ wird gepfiffen und Fred Bertelmann singt: „Zwei gute Freunde“. Verschiedene dieser Lieder, nämlich jene, die gleich von nebenan aus Berlin kommen, aus West-Berlin, versteht sich, versteht man im Radio aber nur sehr schlecht, weil unser eigener starker DDR-Störsender das Zuhören erschwert. Das ist Absicht. Man soll nur auf Gutes hören, also auf das Rechte, was aber mehr von links kommt. Noch viele weitere Schlager gibt es – doch man vermisst sie hier in Schellerhau gar nicht sehr, denn die Tage sind voll ausgefüllt.

Zu dieser Fülle gehören auch die erzgebirgischen Lieder, die der Schellerhauer Einwohner Herr Helmut Liebscher für uns am heutigen Nachmittag singt. Dieser ist aber noch kein älterer Herr, sondern so Mitte dreißig. Er lebt also etwa im Mittelalter. Wenn er langsam und deutlich singt, kann man auch die Texte ziemlich gut verstehen und das will er ja auch, denn die Lieder, also Texte und Melodien, hat er zum Teil selbst erdacht. Er erinnert mich sehr an unseren neuen Musiklehrer in der Schule, der aus Thüringen zu uns kam. Auch jener greift fröhlich in die Saiten seiner Gitarre, die mit dem weiß-grün-rot bestickten Trageband geschmückt ist und singt mit uns seine frischen Eigenkompositionen, wie zum Beispiel:

auch lernten wir bei ihm


Beim vorigen Musiklehrer, bis dieser dann eines Tages nicht mehr da war, hatten wir uns mit den „Moorsoldaten“ und mit „Spaniens Himmel breitet seine Sterne...“ beschäftigt. Das war wichtig aber durchaus nicht lustig.


Zurück, denn ich wollte ja eigentlich noch etwas zu Herrn Liebscher (1925–2004) schreiben.
Helmut Liebscher wurde in Schellerhau am 26. Juli 1925 in einer bäuerlichen Familie geboren und schon früh begann er zu reimen, später zu dichten und einer Anzahl seiner Dichtwerke gab er eigene Singweisen dazu. Auch er übte in der Familientradition den Beruf eines Landwirts aus. Egal ob auf dem Acker oder im Stall, – sogar die Kühe, Ochsen und Pferde hörten ihm gerne aufmerksam zu.

In der schweren Nachkriegszeit, als er 24 Jahre jung war, schrieb er für und über seinen Heimatort das „Schellerhauer Lied“ und ersann auch die Melodie dazu.

Später war Helmut nacheinander als Bergarbeiter, Koch und Herbergsvater tätig und natürlich war seine fröhliche Singstimme sowie die Gitarre stets dabei. Die Wahl seiner Worte war schlicht, tiefgreifend und oft mit Humor, wohl manchmal auch mit feinem Hintersinn gewürzt.



Schellerhauer Lied


An Kahleberg uff freier Höh, do liegt mei Schellerhau.

Und pfeift dr Sturm aah noch su sahr, de Leit, die sei net rauh.


De Haisle ziehn sich übern Kamm so längs dr Landstroß hi,

's Vögle singt sei Lied dernaabn in oller Herrgottsfrüh.


Im Harbist waarn de Falder laar, schie rötlich blüht de Haad.

Dr Bauer sponnt de Uchsen ei un ockert für de Saat.


Un kimmt de liebe Winterschzeit, nort zieht wing Frieden ei;

dann ka dr Naabel Fatzen ziehn, im Stübel is racht fei.


Text und Melodie: Helmut Liebscher, Schellerhau 1949



Freitag, 14. Juni:

Wir besuchten auf unserer Tageswanderung, einer der Strecken von mehr als 9 Kilometern, das Hochmoor bei Zinnwald-Georgenfeld und durchwanderten es auf Holzstegen, weil man sonst sofort versinken würde – 4 bis 5 Meter tief. Mit „Glucks“ würde sich das Moor bedanken. Na danke! Wir mussten recht gut auf uns aufpassen und niemand durfte Unfug treiben. Dazu gibt es grausige Geschichten, die mit ihren Schauplätzen wohl auch weit ins böhmische Gebiet reichen, weil sich dort sogar der mit zwei Dritteln weitaus größere Teil des Hochmoores befindet. Man muss wohl demzufolge von erheblich mehr Grausligkeiten auf tschechoslowakischer Seite ausgehen. Moorbehandlung war früher auch so eine zuverlässige Methode, wenn der Galgen geschont werden sollte.

In weit zurückliegenden Tagen wurde hier Torf als Brennmaterial gewonnen. Wegen dieser Tätigkeit ist unser Hochmoor-Teil, diesseits der Grenze, so klein geworden. Aber heute überlässt man den Rest des Moores, aus Naturschutzgründen, sich selber. Sehr seltene Pflanzen z. B. die Kuhschelle oder auch Küchenschelle genannt, den klebrigen Sonnentau – eine genüsslich Fleisch verzehrende Pflanze, die Trollblume und das Knabenkraut konnten wir betrachten. Wir sahen sie auch schon am Geising – alte Bekannte. Das Wollgras und den Siebenstern sahen wir selbstverständlich auch. Und das Wichtigste: Das Moos im Moor. Im Moor wachsen Kiefer-Kuscheln (sie werden niederdeutsch „Kussel“ ausgesprochen) und auch die Latschenkiefern, die wir schon von der würzig-erfrischenden Fuß-Einreibung kennen. Auch sahen wir bei dem gutem Wetter über die Grenze sehr weit in das Land der Tschechoslowakischen Republik hinein – das war aber nichts Besonderes – diesmal keine Überraschung – dort sieht alles sehr ähnlich aus wie bei uns. Der Kahleberg ist etwa 905 m hoch, die höchste Erhebung weit und breit.


Sonntag, 16. Juni:

Heute hatten wir am Nachmittag einen herrlichen Lichtbildervortrag über unsere sorbischen Mitmenschen der Lausitz: Über den Spreewald, das Kahnfahren – egal ob die Post, das Heu,Tiere transportiert oder Menschen befördert werden, – über säuerliche Salz-Gurken-Rezepte, das Bemalen von Ostereiern, viel Stickerei und die Plauderei der Frauen dabei. Männer bemalen weniger Eier und plaudern erheblich weniger. Eine Frau in echter sorbischer Tracht saß beim Vortrag mit uns im Speisesaal (vielleicht war es die Frau des Dia-Vorführers oder Lichtbildners). Die Sorben gehören zu den alten Wenden und die wiederum zu den Slawen. Richtig sozialistisch ist aber nur die Bezeichnung „Sorben“, als geehrte und gepflegte schöne Menschen-Minderheit in der DDR. Alles über ein lebendiges Groß-Museum. Sehr interessant war das.

Grüßt bitte auch Tante 'Lene Runge und Tante Lieschen Hasait herzlich von mir.


Montag, 17. Juni:

Unser Fräulein Maiwald macht es uns nicht immer leicht. Wenn nach dem Mittagessen die Post verteilt wird, liest sie unsere Namen immer rückwärts laut vor und man meldet sich dann sofort, wenn man seinen Namen, seine Post erkannt hat – falls man sie haben möchte.

Klar, man muss aufpassen aber nach zwei Tagen war das mit dem Raten für alle nicht mehr so neu. Einige haben vorher erst mal geübt, ihren Namen rückwärts aufzuschreiben, zu lesen und langsam leise vor sich hin zu sprechen, und manchmal auch so als Absender auf den Brief zu schreiben: So wird dabei aus dem deutsch-polnischen Kidrowski plötzlich der ziemlich echt norwegische Name Ikswordik, aus dem deutschen Müller entsteht der türkische Rellüm, aus Janecke wird Ekcenaj, aus Eisenkolb wird Bloknesie und der einfache Baumann wird zu dem typisch arabischen Namuab gemodelt, was mich an „Mutabor“ aus der Geschichte „Kalif Storch“ von Wilhelm Hauff erinnert – . Oder Kunze = Eznuk, nicht wahr? Hört sich das nicht an, wie ein umgekehrter Name aus dem sowjetischen Kinderbuch „Im Königreich der schiefen Spiegel“? So 'was alles macht sie als echte Pädagogin mit uns.

Ansonsten war heute kein offizieller Gedenktag. Vor fünf Jahren begann es in der Berliner Stalinallee ungemütlich unruhig zu werden. In Stalinstadt auch ein bisschen. Kennt Ihr auch dieses zukunftsweisende Gedicht von Johannes R. Becher über Stalin und die deutsche Wiedervereinigung zu einer neuen sozialistischen Republik? Gut, dass ich sowas nicht vortragen brauchte. – 27 Verse lang.

Ich freue mich immer sehr über Eure Briefe, obwohl Ihr ja bei der vielen Arbeit nicht so viel Neues und Schönes erlebt, wie wir hier.


Dienstag, 18. Juni:

Heute wurde mir das Vertrauen geschenkt, dass ich während der Zeit der Beschäftigung alleine zum Schellerhauer Friseur (oder zu gut deutsch: zum Haarsör) gehen durfte, weil ich meinte, dass es dringend nötig sei. „Bitte einmal Kurzschnitt“, bestellte ich. „Recht so, der Herr, macht 85 Pfennige“. Genau der gleiche Preis wie zu Hause in Babelsberg. Der Weg ist nicht weit: Man verlässt das Heim nach rechts in Richtung Ortsmitte, geht vorbei an Heimatstube und Kirche und dort wo von links aus dem Tal heraufkommend der Schellermühlenweg einmündet, ist man schon da. Kein langer Weg für den kurzen Sommer-Haarschnitt. Nun sehe ich wieder ordentlich aus.


Wir hörten, dass es ein alter Brauch sei, in der Advents- und Weihnachtszeit selbstgeschnitzte und bemalte Lichter-Engel und Lichter-Bergmännle innen an die Fenster zu stellen. Für jedes Kind der Familie, die Mädchen natürlich als Engel dargestellt, die Jungen als männliche Bergleute, wurde eine neue eigene Figur geschnitzt oder gedrechselt. So konnte man an den Fenstern von außen ablesen, wie reich die Familien an Kindern waren. Manchmal war bei den armen Leuten gar nicht mehr genug Platz am Fenster – ein wahres Gedrängel. Geschnitzt habe man aber nicht nur aus Spaß bei Kerzenlicht zur Feierabendzeit, sondern, besonders als der Zinnbergbau zurückging, als notwendigen Nebenverdienst, um die Familien zumindest dürftig nähren zu können.

Die Erholungskinder, die zur Winterszeit hier sind, unternehmen dann aber eher Rodelfahrten, statt wie wir eine Schnitzeljagd als Geländespiel und wenn wir heut putzmunter am Bach zur Putzmühle wandern, stapfen sie durch den tiefen Schnee, denn der Winter mit Kälte, Eis und Schnee, kommt hier früher und bleibt länger, als bei uns im eher milderen Flachland.


Mittwoch, 19. Juni:

Hier in Schellerhau sah ich wieder einen solchen weinroten Krankenfahrstuhl mit Moped-Motor von der Firma Krause, Ihr wisst schon: aus Leipzig, Elsbethstraße 7, der so eine ähnliche Vorderrad-Verkleidung hat, wie der Pitty-Motorroller aus Ludwigsfelde, nur etwas breiter. (Diesen Pitty-Motorroller konnte ich ja schon oben am 13. Juni in dem Lied erwähnen). Dieses Dreirad schafft sogar die erzgebirgischen Berge! Das wäre auch ein nützliches Zugfahrzeug für die schweren Handwagen über die ich schon Euch vor neun Tagen berichtet hatte.

Der Besuch der Heimatstube, also es ist ein kleines Museum, war für uns recht lehrreich. Man sieht viel darüber, wie die Leute früher gelebt haben. Besonders ausführlich ist die harte Arbeit der Bergleute und das schwere bäuerliche Leben dargestellt. Auch Arbeitsgeräte und Hausrat sind zu sehen. – Die Dorfkirche ist mit Schiefertafeln gedeckt. Sie soll mit der kunstvollen Innenmalerei eine der reizvollsten im Erzgebirge sein. Wir waren aber nicht drinnen. Das Bauwerk ist schon über 350 Jahre alt, sieht aber wesentlich jünger aus. Sieht neuer aus, als unser gutes Erholungsheim.


Donnerstag, 20. Juni:

Am heutigen Tage besuchten wir eine Filmvorführung. Wir sahen den sowjetischen Farbfilm „Das gefiederte Geschenk“. Ein Film über eine Königsadler-Familie. Es gibt in Schellerhau aber kein richtiges Kino. Es ist der Landfilm, der die Filmwerke im Cronau-Heim zeigt. Wie weit es bis dorthin ist? Na, von der Dorfstraße biegt man beim Friseur nach links in den Schellermühlenweg ab, der hinab ins Tal führt. Wir überqueren das Flüsschen „Rote Weißeritz“, begleiten es nach links einige Schritte, um es dann nochmals nach links gehend auf der Brücke des Heims der Frau Margarethe Cronau erneut zu überschreiten. Man kommt also nur über das Bächle und die Brückle in dieses Ferienheim und ins Kino. So ähnlich sieht es vielleicht in Venedig aus, dort aber altstädtischer.

In der Beschäftigungszeit übten wir uns im Schießen mit der Armbrust – aber nur auf einen Adler aus Pappe mit angesteckten „Federn“. Also nur so aus Spaß – und nicht auf Königsadler oder gar Menschen. Die Pfeile haben Gummisaugpuffer. Ihr braucht Euch also keine Sorgen zu machen.


Freitag, 21. Juni:

Der Botanische Garten ist für den kleinen Ort – und weit über seine Grenzen hinaus – eine große Sehenswürdigkeit. Und das schon seit seiner Gründung im Jahre 1906. Man kann sich auf dem Wege dorthin nicht verlaufen. Vom Heim aus geht man immer die Dorfstraße in Richtung Altenberg entlang und muss dann nur noch, etwa 55 Hausnummern von hier, hinter dem rechtwinkligen Linksknick der Straße, rechtzeitig anhalten. Es wäre noch schöner, wenn zwischen der vielen Botanik darin auch einige Tiere Platz hätten. Na ja, einige haben sich im Laufe der Zeit schon von allein angesiedelt, weil's ja so verlockend ist dort zu wohnen – wenn nur nicht die Besucher dauernd stören würden. – Für den Besuch bei Großtiere muss man schon bis Dresden fahren.

Nicht weit hinter unserem Heim beginnt der Weg, der zur Stephanshöhe führt. 804 m hoch sind wir dort und haben einen guten Ausblick auf die Umgebung. Doch Vorsicht! Bald dahinter beginnt das Pöbeltal. Das ist ja nun erst mal 'was. Schon allein dieser Name – das wollen wir doch nicht. –

Heute habe ich wieder Waschraumdienst und vor der Nachtruhe soll alles blank und sauber sein. Für das Abschiedsfest haben wir schon geprobt. Unsere Gruppe der Großen führt für die Kleineren, für das Küchenpersonal und für die Erzieherinnen ein Laienspiel auf (was sonst – wir sind ja keine beruflichen Künstler) und wir haben auch unseren Spaß dabei und etwas „Lampenfieber“ – ob auch alles gut „klappen“ wird? –

Danke für Euren langen Brief. Viele Grüße an Hartwig!


Sonnabend, 22. Juni:

Heute besuchten wir tatsächlich den Dresdener „Zo-ologischen Garten“. So „gebrochen“ wird ja zumindest die Station „Zoo“ bei der Berliner S-Bahn immer ausgerufen, also in West-Berlin, denn unser viel größerer DDR-Tierpark befindet sich ja in Berlin-Friedrichsfelde. Im Sommer vor drei Jahren wurde dieser unter der Leitung von Herrn Professor Dr. Dathe gegründet. Solche Arten von Tieren, wie Löwen, Elefanten, Bären und Nashörner könnte man natürlich nicht im Botanischen Garten Schellerhau ansiedeln. Das ist schon klar. Aber tierlieb sind die Schellerhauer Einwohner bestimmt. Besonders die Bären scheinen es ihnen angetan zu haben, denn wir wissen ja: Es gibt in der Nähe die Orte Bärenfels, Waldbärenburg, Oberbärenburg, Bärenstein, etwas weiter entfernt Bärenklau sowie Bärenhecke – und sogar einen Tierarzt dazu.

Aber im Ernst: Ein früherer Herrscher dieser Gegend soll bereits um 1530 ein Herr zu Bernstein gewesen sein, der sich später „Bärenstein“ schrieb, vielleicht weil es hier nicht so viel versteinertes Ostsee-Baumharz gibt. Dieser Mann kennzeichnete alles Mögliche in der Nachbarschaft mit dieser Bären-Benennung als sein Eigentum. Ber-lin gehörte aber nicht mehr zu seinem Reich, wenn auch im Wappen der Hauptstadt keine Bernsteine, sondern ebenfalls ein Bär zu sehen ist. Erstaunt war ich beim Besuch von Bärenfels, dass uns dort, in der Nähe des Glockenspiels, kein Bär, sondern ein steinernes Widdertier begrüßte. Auch dieser Umstand wird seine wichtige Geschichte haben.


Montag, 24. Juni:

Für Mutti habe ich mal aufgeschrieben was es bei uns alles so zu essen gibt, dann braucht sie sich in der nächsten Zeit nicht für jeden Tag selbst etwas Neues einfallen lassen. Also:

Also recht abwechselungsreiche Mahlzeiten.

Oft gibt es auch Nachtisch wie Apfelmus // Rote Bete // Stachelbeerkompott – aber diese herrlichen Früchte haben in Wirklichkeit gar keine Stacheln. Nicht Stachelbeerstrauch – nein, richtig müsste es deshalb eher heißen: Beeren-Stachelstrauch!

Das ist so ähnlich wie mit größeren Zahlen. Die müssen wir schwierig durcheinander, in unrichtiger Folge sprechen, um richtig verstanden zu werden. Sprich 375! Erst die 300, dann die 5, dann die 70 – verkehrte Welt – und es kann noch viel schlimmer werden. Doch weiter: es gibt auch Apfelschnitzel mit ohne Kerngehäuse. Es hat alles prima geschmeckt und wir sind auch stets gut satt geworden. –


Beim Abschiedsfest haben die Aufführungen ordentlich geklappt. Heute schreibe ich Euch nun zum letzten Mal, denn unser erlebnisreicher Aufenthalt neigt sich schon wieder seinem Ende zu.


Dienstag, 25. Juni:

Wie Ihr vielleicht bemerktet, habe ich nicht alles von jedem Tag aufgeschrieben. Das wäre zu viel. Es gab also zum Beispiel noch andere Speisen. Auch an den Tagen, für die ich es nicht extra aufzählte, hatten wir nette Beschäftigungen mit Gesellschaftsspielen, Basteln, Malen, Sport, einer Kasper-Theatervorstellung und auch Post-Schreibstunden sowie noch weitere Wanderziele.

Heute aber heißt es: Koffer packen. Fräulein Maiwald hakt bei jedem von uns am Inhaltsverzeichnis im Kofferdeckel ab, ob auch alles vorhanden ist. Es braucht kein Andenken hierbleiben. Wir hängen unseren Gedanken nach – für das Personal aber stehen kurze emsige Tage bevor, sobald wir weg sind. Alles muss wieder geputzt werden, die Betten frisch bezogen, ... denn es kommen schon bald weitere erholungsbedürftige Kinder und jede Erzieherin muss sich in wenigen Stunden schon wieder rund zwanzig neue Namen merken.

Morgen früh geht es nach drei besonders kurzen Wochen fort von hier. Ein eigenartiges Gefühl.

Die letzte Nacht wird für uns nur wenige Stunden Schlaf haben und keiner will verschlafen.


Mittwoch, 26. Juni:


Tschüss liebes Heimpersonal und danke für alles, das wir hier erleben durften.

Auf ein späteres Wiedersehen – schönes Schellerhau im Osterzgebirge!


In halber Nacht bringt uns ein Bus den kurzen Weg nach Kipsdorf. Von dort fahren wir um 4.21 mit der Weißeritztalbahn weiter. In Freital findet dann das große Verabschieden statt, weil wir von dort aus in kleinen Gruppen, in alle möglichen Himmelsrichtungen fahren. Jeder von uns bekam als Andenken an das Erholungsheim für die Fahrt noch eine Tüte voll Proviant mit. Als weitere Souvenirs habe ich mitgenommen: Einige Ansichtskarten (die ja im Laufe der Zeit schon zu Hause angekommen sind), ein Abziehbild mit der Ortsansicht in Wappenform sowie dazu noch mehrere Fotos, die ich ja aber selbst noch nicht gesehen habe, weil sie sich noch auf dem Film im Fotoapparat befinden. Und nicht zu vergessen – die Quarz-Porphyrsteine und einige schöne, etwas harzig duftende Fichtenzapfen, an denen noch kein einziges Eichhörnchen genagt hat.

Viel zu schnell sind diese herrlichen, abwechselungsreichen Tage „vorbeigeflogen“ aber natürlich freue ich mich auch schon wieder auf das Babelsberger Elternhaus (wir leben in einer Mietwohnung) und die Schule – eigentlich müsste ich ja schnell allerlei nacharbeiten aber in
10 Tagen, pünktlich zu Muttis Geburtstag am 6. Juli 1958, beginnen sowieso die Großen Ferien und ich werde alle Schulaufgaben schön verteilen, mir Zeit und Ruhe lassen, denn die „Nachkur“ muss ja vorzüglich wirken können und der Schularzt soll mit mir zufrieden sein – ich werde ihn froh anstrahlen.


Gewiss wird unser Klassenlehrer, Herr Willy Donath, im September wieder einen Aufsatz schreiben lassen – „Mein schönstes Ferienerlebnis“. Das wird für mich nicht schwierig sein – habt Ihr doch eben das Wesentliche dazu gelesen.


Besucht doch Schellerhau und seine reizvolle Umgebung auch einmal!


Das sind spätere Notizen, – wie Kompott als Nachtisch zur Mahlzeit –

denn ich denke oft an Schellerhau


Der dreiwöchige Aufenthalt in Schellerhau, der von der Sozialversicherung des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes in Verbindung mit dem Staatlichen Gesundheitswesen der DDR ermöglicht wurde, war für mich und ungezählte weitere Kinder eine Zeit der Erholung für Körper, Geist und Seele, eine Zeit mit prächtigen Erlebnissen, die ich bis heute nicht vergessen habe, derer ich mich gern und dankbar erinnere.


Wieder zu Hause, in den Großen Sommerferien des Jahres 1958, schaute ich im „sozialistischen Einzelhandel“ nach, ob es vielleicht als ein weiteres Andenken, einige Bilder über diese Erholungs-Region gibt – und siehe da – ich wurde fündig. Der Fachhandel „Foto - Kino - Optik“ in der Babelsberger Karl-Liebknecht-Straße hat fast alles! Ich erstehe einen Dia-Film, in schwarz-weiß-grau, mit dem verheißungsvollen Titel: „Im Wandergebiet von Altenberg-Schellerhau“, Fotoaufnahmen der Staatlichen Fotothek in Dresden. Das macht neugierig, was wohl andere Leute schon vor mir so gesehen haben. Gern würde ich auch euch, liebe Leserinnen und männliche Betrachter, daran teilhaben lassen. Das darf aber aus urheberrechtlichen Gründen leider nicht sein und nur deshalb sind diese Bilder hier nicht zu sehen.

So kann ich „nur“ den Eltern, Geschwistern und Freunden noch besser zeigen, das heißt, mit dem Dia-Projektor tatsächlich vor ihre Augen führen, welche Landschaft auch ich durchwanderte, wie es in Schellerhau wirklich aussieht. Das vermeidet falsche Fantasien und geistige Irrwege.

Der erforderliche Dia-„Bildwerfer“ aus schwarzem Duroplast-Kunststoff, namens „Pouva magica“ von der Fa. Karl Pouva KG in Freital / Sachsen, Preis: 22,10 DM, war schon in unserem Haushalt vorhanden, war mit einer 40-Watt-Allgebrauchslampe, ausgestattet. Da die schwarz-weißen Bilder des farbenfrohen Erzgebirges auf der Leinwand enttäuschend matt und mausgrau-blass aussahen, ganz anders als in der Natur, wählte ich lieber eine eigentlich viel zu starke 75 Watt-Glühlampe und setzte einen kühlenden Ventilator unter das Gehäuse. Nun war der sommerlich lebendige Eindruck, die besonnte Erinnerung an Schellerhau, wieder da, wenn auch noch nicht direkt farbig. Jetzt konnten die Bildervorführungen unter der Überschrift: „Mein schönstes Ferienerlebnis“ beginnen – das erspart doch einen längeren schriftlichen Aufsatz!


Notizen zum Ankunftstag, den 05. Juni 1958 – viel später notiert:

Die Schmalspurbahn zwischen Freital und Kipsdorf besteht seit 1882 und ist damit die älteste deutsche Schmalspurbahn. Auf dieser reichlich 26 km langen Strecke muss der Zug etwa 351 Höhenmeter überwinden.

Zehn Lokomotiven der 99-er Baureihe sind hier in Sachsen mit ihren Wagen heute auf dieser Strecke unterwegs. Schmalspur heißt es deshalb, weil der Mittenabstand der Schienenköpfe (die Spurweite) 750 mm beträgt, dagegen die Normalspur, oder auch Regelspur genannt, einen Schienenabstand von 1.435 mm aufweist. Diese Schmalspur ist demnach reichlich halb so breit oder „fast doppelt so schmal“. als die Normalspur.

Es handelt sich um 4 Lokomotiven mit jeweils 600 PS Zugleistung (1952 bis 1956 gebaut) aus dem „Lokomotivbauwerk Karl Marx“ in Potsdam-Babelsberg.

Eine Lok mit nur 200 PS stammt aus der Zeit noch vor 1921, zusammengeschraubt und genietet in der Maschinenfabrik von Richard Hartmann in Chemnitz (heute Karl-Marx-Stadt, also in der Stadt mit den „drei O“, wie es sich im Scherz des Volksmundes anhört). Aber auch jene mit minderer Leistung zog tapfer und erfolgreich den Zug.

Die restlichen 5 Loks, mit je 600 PS Leistung, baute man in der Zeit der „Weimarer Republik“ zwischen den beiden Weltkriegen, bei der Firma Schwartzkopf in Berlin und auch bei Hartmann in Chemnitz.


Kipsdorf ist viel größer als Schellerhau“. Der Ort hatte im Jahre 1950 mit etwa 900 Personen seine höchste Einwohnerzahl. Von dieser Zeit an gab es eine Absenkung der Bevölkerungszahlen. Waren es im Jahre 1958 dann 800 Menschen, so gibt es im Jahr 2002 nur noch 347 Bewohner zu zählen. Somit ist Kipsdorf nun kleiner als Schellerhau im Jahre 1958.

Kipsdorf hatte ab 1935 den größten Kleinbahn-Kopfbahnhof Deutschlands. Die Züge fuhren damals in Spitzenzeiten des Urlauberverkehrs im 10-Minuten-Abstand. 120 Jahre lang wurde die Strecke Freital-Hainsberg bis Kipsdorf, von 1882 bis zur Naturkatastrophe im August 2002 durchgängig betrieben. Sie ist heute (2011) noch im Wiederaufbau und wird bereits wieder zwischen Freital und Dippoldiswalde befahren.


Ergänzung des Berichts zum 6. Juni 1958

Inzwischen heißt die Anschrift des Ortes nicht mehr „Schellerhau, Kreis Dippoldiswalde“, auch nicht „Schellerhau über Kipsdorf“, sondern nach der jüngsten Kreis- und Gemeindegebietsreform, kurz: „Schellerhau, Stadt Altenberg, Kreis Sächsische Schweiz / Osterzgebirge“.

Ein etwas „sperriger“ Ortsname vielleicht, aber recht fürsorglich anmutend, hat man doch viele der Schönheiten aus der Region wörtlich in diese Bezeichnung mit hineingelegt – und alles passt sogar hübsch auf das Ortseingangsschild üblicher Abmessung 'rauf oder auch 'nauf.


Zum 8. Juni 1958

Ja, so war das also mit dem Streit zwischen dem Teufel und seiner Großmutter. Schellerhau ist dann aber erst später, im Jahre 1543, amtlich gegründet worden, im Zusammenhang mit dem feudalistischen Bergwerksbesitzer Herrn Schelle. Sagt man. Aber nur, weil man eine frühere urkundliche Erwähnung nicht mehr gefunden hat. Doch auf einem Siedlungsplatz gab es hier bestimmt schon viel früher Menschen. Und auch der Teufel mag streng darauf geachtet haben die Haisle, inclusive Kindererholungsheim, bereits weitaus früher zu streuen und nicht erst – siehe oben – zur Zeit als Thomas Müntzer die Bauern zum Befreiungskampf aufrief und Martin Luther sie schimpfpolternd zur Ruhe mahnte. Also auch diese beiden Prediger haben sich gestritten – und die armen, fleißigen aber kriegsunkundigen Bauern dazwischen. Mit den bekannten schrecklichen Folgen.

Der Name „Schellerhau“ rührt aber „trotzdem“ nicht daher, dass Bergleute und Bauern diesen Bergwerksbesitzer während des Bauernkrieges vielleicht verhauen hätten, sondern weil eben zinnhaltiges Erz aus dem Gestein der Gruben des Schellerbesitzes herausgehauen wurde. Man stelle sich das vor: Da erbt oder kauft ein Mann für kleineres Geld einfach einen großen Berg, ein Stück von der Erdkugel, das doch Allgemeingut, Volkseigentum sein sollte, das doch eigentlich für alle da ist und macht mit dem Inhalt des Berges einen Haufen Gewinn für sich. – Oder man sagt es so: Er gab der armen Bevölkerung – den Bergleuten, Kleinbauern und Waldarbeitern, Arbeit, Lohn und Brot.

Noch solch ein Beispiel:

Wir waren gerade gemeinsam im Jahr 1543. Meine jung aussehende Stadt Potsdam ist da viel älter. Der schon lange bestehende Ort wurde im Jahre 993 mit Haus und Hof, mit Mann und Maus, von dem jungen Herrscher Otto III. seiner Tante Mathilde, der Äbtissin von Quedlinburg, als ein Geburtstagsgeschenk überreicht. Weil er sie so lieb hatte. So also kann es laufen. In unserer Familie geht es da bescheidener zu.


Die alte Schinderbrücke. Es ist eine Brücke aus Porphyr, die in den Jahren 1789 und 1790 aus einem Bogen bestehend, vom Landesbaumeister Knöffel entworfen und gebaut wurde. Beim Bauen war er aber nicht ganz alleine werktätig. „Diese neue Brücke löste eine >elende< Holzbrücke von 8 Ruthen (das sind etwa 31,6 m) Länge ab, deren Knuppel im Moraste leicht faulten“. Dieses Bauwerk der alten Handelsstraße ist heute „nicht mehr alleine“. Als das Hotel „Stephanshöhe“ gebaut wurde, wäre sie überlastet und bekam eine tragfähigere Betonbrücke beigesetzt.


Zum 13. Juni 1958

Bei meiner Notiz zu Herrn Liebscher hatte ich erwähnt, dass mich dieser an unseren netten neuen Musiklehrer erinnert, der aus Thüringen zu uns kam. Ja, das ist nur noch eine Erinnerung. Schade. Jetzt zum Anfang des Schuljahres teilte man uns mit, dass unser Musiklehrer in den Großen Ferien ungenehmigt das Staatsgebiet der DDR verlassen habe, republikflüchtig geworden sei und er somit den Ersten Arbeiter- und Bauernstaat an die Bonner Kriegstreiber verraten habe.

Einer von so sehr Vielen.


Einige Zeit ist seither vergangen.

Mein erneuter Besuch in Schellerhau im Jahre 2011


Mit dem Eintritt in das Rentenalter, beginne ich (das damalige Erholungsurlaubskind Chris) meine Lebenserinnerungen aufzuschreiben. Dazu gehört auch der vorstehende kleine Bericht, der nun erst nach über einem halben Jahrhundert anhand der aufbewahrten Briefe, der geistigen Bilder nachhaltiger Erinnerung und mit Hilfe weniger Fotos entstand. Manches aus jener Zeitspanne scheint ein wenig verblasst, anderes steht mir noch deutlich vor Augen. Und wenn mal etwas nicht ganz exakt beschrieben wurde – seien wir tolerant. Ist es doch schließlich die Sichtweise eines damals Halbwüchsigen.


53 Jahre nach meinem damaligen Erholungsaufenthalt besuchte ich das Dörfchen nochmals. In der Zeit vom 3. bis 6. Juli 2011 weilte ich in Schellerhau, um das Alte nochmals zu sehen, Erinnerungen aufzufrischen, „damit der Kreis sich schließen möge“ und um neues im Ort zu begrüßen.

Vorher hatten wir eine längere Periode prächtigen Wetters, die wunderschöne kommende Wandertage versprach. – Schon am 2. und 3. Juli regnete es im Raum Dresden wie aus Kannen.


Sonntag, 3. Juli 2011

Mit dem Bus fuhr ich – nicht wie 1958 mit der schmalspurigen Weißeritztalbahn bis Kipsdorf – , denn auch der Gleiskörper dieser Bahn war, wie bereits erwähnt, vom gewaltigen Hochwasser in der Zeit zwischen dem 12. und 19. Juli 2002 streckenweise hinweggespült worden. In Dippoldiswalde war man jetzt noch bei Reparaturarbeiten an der Straße – bis dorthin fährt die von Freital-Hainsberg kommende Schmalspurbahn vorerst, bis alle Schäden beseitigt sein werden. Nach einer Stunde beschaulicher Fahrzeit von Dresden aus, kam ich mit dem Bus in Schellerhau an meinem Ziel, der Haltestelle „Café Rotter“ an.

Sehr freundlich wurde ich von Anita und Christoph Rotter, in der sehr angenehmen Unterkunft, Hauptstraße 97, aufgenommen (Tel. 035052 / 67933).

Das frühere Grundstück des Kindererholungsheims in der Dorfstraße 38, ist nun die Hauptstraße 95. Das Kindererholungsheim steht heute jedoch nicht mehr. Im Jahre 2000 wurde es abgerissen und das Grundstück neu bebaut. Auf dem Nachbargrundstück errichtete Familie Rotter ab 2001 das Café in der Hauptstraße 96.


Zu Mittag speiste ich in der Gaststätte „Heimatstuben“, in dessen oberer Etage das Museum des Ortes untergebracht ist. Diese Ausstellung bezog ich natürlich gleich gründlich in meine Besichtigungstour ein. Nach dem Essen ließ ich mich in den Erinnerungen treiben und besuchte auch die Kirche.

Die frühere HO-Gaststätte „Gebirgshof“ an der Dorfstraße besteht nicht mehr und ist dem Verfall preisgegeben. Im Veranda-Anbau des verschlossenen Gebäudes, das den neuen Fußweg etwas einengt, kann man Sportgeräte ausleihen.

Das nahegelegene große FDGB-Ferienheim „Casino“, ist geschlossen und unterliegt dem Vandalismus.

Das Ferienheim „Schellermühle“, nahe dem Cronau-Heim, besteht nur noch als Ruine.

Ja, man sieht es: Zeit ist vergangen, die Verhältnisse wurden drastisch verändert, ohne Vorhandenes erhalten und einer sinnvollen Nutzung zuführen zu können – wie zu oft im gesamten Land.

Am Botanischen Garten, an dem gerade der Naturkostmarkt abgehalten wurde, sah ich eine Anzahl von Verkaufsständen mit vielfältigen Angeboten aber keinen Besucher – zumindest zur Zeit meines Ganges, an dem mäßiger Regen und Starkregen einander abwechselten. Böiger Wind versuchte den Nebel zu vertreiben und zauste die Markttische.

Die Schinderbrücke an der Roten Weißeritz mit dem neueren „Hotel Glückspilz“ besuchte ich. Zurück lief ich durch den Wald. Vom berühmten „Schellerhauer Blick“ (778 m hoch, nördlich des Matthäusweges) hatte ich bei dem Regenwetter natürlich ebenfalls keine Aussicht, hätte diesen Ausblickpunkt fast verpasst.


Montag, 4. Juli 2011

Von Sonntagmittag bis Montagmittag stürzten auch auf Schellerhau 80 Liter Regen / m² bei maximal 12°C hernieder und das blieb auch weiterhin so.

Fernsicht? Oftmals im Nebel keine 50 Meter weit. Dunkelgrau selbst um 12 Uhr am Mittag, als wenn der späte Abend eingeläutet werden sollte.

Daher gibt es auch kaum neue Fotos von mir. Aber Ansichtskarten konnte ich erstehen, sogar noch Exemplare aus der DDR-Zeit. Sie haben sich über zwei Jahrzehnte wunderbar gehalten.

Die prima Einkaufsstätte für Lebensmittel, Ansichtskarten und alles Sonstige, heißt „Elektro-Rümmler“ – ein kleines Warenhaus. Wie gut, dass es diese Einrichtung im Ort gibt! Wie viele Dörfer und deren Bewohner stehen heute völlig unversorgt da.


An diesem Tag ging ich über den Matthäusweg nach Bärenfels und besuchte natürlich auch das Glockenspiel, lauschte um 10.00 Uhr den Liedern: „Am Brunnen vor dem Tore“ und „Wenn alle Brünnlein fließen“. War der Glockenturm bei meiner vorigen Besichtigung 3 Jahre alt, so besteht er inzwischen 56 Jahre. Im Jahre 2006 erhielt das Werk eine elektronische Steuerung. Erst seit dieser Zeit kann ein erweitertes Repertoire automatisch geregelt und zu Gehör geboten werden. Zum Programm des Bärenfelser Glockenspiels gehören nun:

Ännchen von Tharau // Am Brunnen vor dem Tore // Auf dem Berg, da ist's halt lustig // Der Vogelbeerbaum // Im Frühtau zu Berge // Im schönsten Wiesengrunde // Wenn alle Brünnlein fließen // Oh Erzgebirg', wie bist du schön // Oh Täler weit, oh Höhen // Sah ein Knab' ein Röslein steh'n. // 'S ist Feierabend. – Zur Advents- und Weihnachtszeit ertönen dann auch: Am Weihnachtsbaume, die Lichter brennen // Bald nun ist Weihnachtszeit // Der Blumenwalzer aus der Nussknackersuite // Kling Glöckchen klingelingeling // Schneeflöckchen, weiß Röckchen.

Heutzutage kann man das Glockenspiel sogar schon im Internet hören, sich also bequem ins eigene Wohnzimmer einladen.


Zurück ging es „auf dem 1958-er Weg“ wieder auf der Böhmischen Straße in Bärenfels entlang, dann durch den Wald, in Augenhöhe von windgezausten Wolken umgeben, vorbei an kerzengeraden Nadelgehölzen, die irgendwo tief unten im vernebelten Abgrund fußen, ging hinaus über die Stephanshöhe (804 m) und das „Steinmeer“ zurück nach Schellerhau.


Dienstag, 5. Juli 2011

Ich wanderte nach Altenberg, besuche die Tourismus-Information am Bahnhof, das Bergbaumuseum und die Galgenteiche, dehnte aber den Besuch wegen des Dauerregens nicht weiter aus.

Dort, wo wir damals (1958) vom Feld Steine aufsammelten, besteht kein Acker mehr.

Fast alles Land ist in Wiesen und Weiden umgewandelt.


Das Haus des Friseurs an der Dorfstraße, Ecke Schellermühlenweg, den ich am 18. Juni 1958 „beehrte“ (heute befindet sich daneben die Bushaltestelle „Talblick“) steht noch, aber als „reines“ Wohnhaus, nicht mehr als Salon einer Haarkünstlerin oder eines passenden männlichen Gegenstücks. Am Giebel verkündet ein sehr verblasster Schriftrest: „Da ...“. Da ist es! Zu „meiner Zeit“ stand dort wohl deutlich lesbar „Damen- und Herrenfriseur“, worin sinngemäß auch „Kinderfriseur“ als einbezogen galt, denn ich kam ja auch dran.

Heute, im Juli 2011 gibt es aber keinen Talblick, sondern ausschließlich eine dicke „Nebelsuppe“. Das Licht der Scheinwerfer entgegenkommender Autos, durchdringt den Nebel nur wenige Meter.


Mittwoch, 6. Juli 2011

An meinem Abreise-Vormittag lacht mir ein strahlender Morgen entgegen. Zum Abschied – Schellerhau im Sonnenschein. Wie schön – wäre er doch schon eher hiergewesen!


An dieser Stelle sollen die guten Menschen geehrt werden,

die uns, „ihre Kinder“, damals so freundlich umsorgten.

Für einige ist es mir möglich sie namentlich zu nennen.

Später tragen die jungen unter ihnen einen anderen Namen, den Ehenamen.

Auch weitere, die ich hier nicht nennen kann, sollen nicht vergessen sein.

Gewiss sehr viele der Erholungskinder, so auch ich, denken gern an sie zurück.


Heimleiterinnen

Die frühere, ältere Chefin: Marie Badstübner.

Die spätere, jüngere Leiterin: Gisela Bellmann. Unter ihrer Tätigkeit

wuchs das Personal zu einer noch froheren Gemeinschaft zusammen.


Erzieherinnen – Pädagogisches Personal

Anita Münzer / Müntzer – Renate Walther

Gretel Domaschke – Traudel Kretschmer

Brigitte Klammer – Gisela Base – Elisabeth Kuprat


Hinzu kamen zeitweilig Pädagogik-Praktikantinnen

wie Ariane Maiwald,

Sonnhild Maiwald (sie war meine Praktikanten-Gruppenerzieherin)

Nicht alle genannten Erzieherinnen waren zur gleichen Zeit im Kindererholungsheim tätig.


Im Büro – der Heimverwaltung

Erst Frau Berger und als ihre Nachfolgerin: Frau Jutta Horn.


Die „technischen“ Kräfte

In der Küche: Elli Tenschert, Frau Liebscher, Isolde Lohse und Sonnja Günzel, ...

Mit der Raumpflege beschäftigt war auch Ursula Littmann

Der Hausmeister des Anwesens war Horst Klammer


Mein besonderer Dank gilt allen, mit denen ich zum Thema „Schellerhau 1958“

in Erinnerung schwelgen durfte, die mir Gedankenstützen gaben. Es gehören dazu:





Gästebuch


Wenn du einen eigenen Erlebnisbericht zu dieser Kur-Einrichtung hinzufügen möchtest oder einen Kommentar zu diesem Bericht, so sende diesen bitte an meine

E-Mail-Adresse: christoph@janecke.name.


Denke bitte daran ausdrücklich zu vermerken, ob deine Zuschrift hier veröffentlicht werden darf / soll und mit welchem Namen oder Absendersignum.



Zu meiner großen und freudigen Überraschung erreichte mich die folgende Zuschrift

im Juni 2022, von meiner damaligen Erzieherin Sonnhild Maiwald,

64 Jahre nach dem vorstehend beschriebenen Erholungsaufenthalt.


Sie schrieb mir sinngemäß – und ich darf es hier veröffentlichen:


Die Zeit in Schellerhau war für mich eine unvergesslich schöne, eine glückliche und mich prägende Zeit. Mein größter Wunsch war es bereits als Jugendliche, mit Kindern arbeiten zu dürfen. So war es denn mein Berufsziel Erzieherin oder Lehrerin zu werden.

So bekam ich im Kindererholungsheim Schellerhau einen berufsvorbereitenden Praktikumsplatz. Hier fand ich die besten Voraussetzungen, um herauszufinden, ob die Tätigkeit tatsächlich meinen Vorstellungen und Wünschen entsprechen würde, ob mein Wunsch auch unter den Anforderungen der täglichen Praxis weiterhin bestehen bliebe, um dauerhaft Freude und Erfolg bei dieser Arbeit zu haben und weiterzugeben und um mich mit dem Sammeln praktischer Erfahrungen auf ein Studium der Pädagogik vorzubereiten. Im Heim erhielt ich gute Unterstützung und vielerlei Anregungen von allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, so dass mein Berufswunsch bestätigt und weiterhin gefestigt wurde.


Die Leitern des Heims, Frau Marie Badstübner, war für mich eine großartige und bewundernswerte Frau. Sie leitete das Heim mit viel Sachkenntnis und aufopferungsvoller Liebe, die sich überall widerspiegelte. Ihr Bestreben war es den Kindern die gesundheitliche Probleme hatten eine schöne Zeit zu gestalten, sie von Sorgen und Problemen abzulenken, um die Kinder gestärkt und gesünder ihren Eltern wieder übergeben zu können.

Um dieses Ziel erreichen zu können, standen im Vordergrund: Das Schaffen einer harmonischen Atmosphäre mit vielen Anlässen zur Fröhlichkeit, viel Bewegung und natürlich auch eine gute Ernährung.

Mit den Kindern unternahmen wir an jedem Tag, bei jeder Witterung zumindest eine kleine Wanderung – auch wenn es Schneetreiben gab, egal ob der Regen uns begleitete oder sommerliche Hitze bestand. Gewiss achteten wir auf die angepasste Kleidung. Auch das dichte Nadel- und Blätterdach des Waldes bot Schutz vor manchen plötzlich auftretenden Unbilden.

Die frische saubere Luft trug zum Gesundwerden der Kinder ebenfalls bei. Auf den Wanderungen erfuhren die Kinder viel über die Natur, die heimischen Pflanzen dieser Region und natürlich Wissenswertes über den Ort Schellerhau und dessen osterzgebirgische Umgebung. Langweilig war es wohl für die Kinder nie. Es war für sie – und auch für mich – einfach herrlich!!!

Mir selbst hat jeder Tag der Arbeit mit den Kindern viel Freude bereitet. Nie empfand ich meine Tätigkeit mit den Kindern als Arbeit (im Sinne einer Belastung), sondern als ein großes Glück.


Noch im Herbst 1958 begann ich im Institut für Lehrerbildung ein Studium und schloss dieses als Unterstufen-Lehrerin natürlich erfolgreich ab. Mein Schwerpunkt war das Fach Musik.

So führten mich meine Zeit in Schellerhau und das Studium der Pädagogik zu meinem Traumberuf, den ich mein gesamtes Berufsleben über gerne ausfüllte. –


Ja, und später, als auch darüber hinaus – im Ruhestand? Es blieb der Wunsch zum Ausleben der Kreativität – seit 20 Jahren arbeite ich in der Senioren-Theatergruppe „SENTHA“ am Theater in Meissen. Unser Programm enthält seit Jahren eine größere Zahl an Märchen für Kinder. Es kommen viele junge Theatergäste aus Kindergärten und Schulen. Kinder sind dankbare und begeisterungsfähige Zuschauer. So bleibt durch diese schöne Tätigkeit die lebhafte Verbundenheit auch mit dieser jüngsten Generation erhalten. Diese erfüllende Berufstätigkeit wie ich sie ausübte und eine solch inhaltsreiche schöne Seniorenfreizeit wie ich sie durchleben darf, wünsche ich möglichst vielen Menschen.


Mit vielen lieben Grüßen für die Leser –

Sonnhild Schulz geborene Maiwald



Gästebuch – An dieser Stelle könnte d e i n wertvoller Beitrag stehen