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Erlebnisreiche Tage – vom 15. August bis 04. September 1959

im Kindererholungsheim „Kraushübel“,

in Morgenröthe-Rautenkranz, im Sächsischen Vogtland gelegen.


Finanzträger: Freier Deutscher Gewerkschaftsbund - Sozialversicherung. Fachliche Zuordnung: zur Volkssolidarität bis 1951, dann der Volksbildung

angegliedert und später dem Gesundheitswesen der DDR unterstellt.

Bezeichnungen im Laufe der Zeit:

Kindererholungsheim - Kindergenesungsheim - Kinderkurheim


Kontaktpartner: chris@janecke.name Aktualisiert im Februar 2026

Zur Einstimmung diesen Text gibt es einige Bilder – bitte hier klicken.



Lied der jungen Naturforscher


Die Heimat hat sich schön gemacht, und Tau blitzt ihr im Haar.

Die Wellen spiegeln ihre Pracht wie frohe Augen klar.

Die Wiese blüht, die Tanne rauscht, sie tut geheimnisvoll.

Frisch das Geheimnis abgelauscht, das uns beglücken soll.


Der Wind streift auch durch Wald und Feld, er raunt uns Grüße zu.

Mit Fisch und Dachs und Vogelwelt stehn wir auf du und du.

Der Heimat Pflanzen und Getier behütet unsre Hand.

Und reichlich ernten werden wir, wo heut noch Sumpf und Sand.


Wir brechen in das Dunkel ein, verfolgen Ruf und Spur

Und werden wir erst wissend sein, fügt sich uns die Natur.

Die Blume öffnet sich dem Licht, der Zukunft unser Herz.

Die Heimat hebt ihr Angesicht und lächelt sonnenwärts.


Worte: Manfred Streubel Musik: Gerd Natschinski



Dieser Bericht bezieht sich im Wesentlichen auf jene Zeit meines eigenen Aufenthaltes in Rautenkranz, erwähnt in Wort und Bild aber auch einige Begebenheiten zu anderen Zeiten,

die nach dem Gedankenaustausch mit maßgeblich Beteiligten wichtig erscheinen, um notiert zu werden.

So bin ich nun fertig mit dem Zusammenschreiben. Das Darstellen der Erlebnisse ist länger geworden, als ich am Anfang vermutet hatte. Man kann diesen Bericht wohl nur in Etappen lesen, mit Erholungs-Pausen dazwischen. Im Interesse der besseren Übersicht hier eine Gliederung:



Die Vorbereitung

Es war der schon ein wenig schwerer hörende Schularzt, der im Winter recht laut und vernehmlich festgestellt hatte: „Der Junge ist sehr groß, etwas zu rank und auch recht blass. Er soll noch mal zum Erholungsaufenthalt. Das milde Reizklima eines Mittelgebirges würde ihm sicherlich gut tun.“ So verkündete der Medizinmann sein mir schon vorher geläufiges Untersuchungsergebnis und die Folgen dazu. Sehr schön.


Vergangen ist inzwischen rund ein halbes Jahr. Ich habe schon gar nicht mehr an die Schuluntersuchung gedacht, denn es gibt ja täglich so vieles an Interessantem zu bedenken – und plötzlich kommt da ein Brief mit der Nachricht, mit einer Einladung, mit der Aufforderung, den Koffer zu packen.

Die Sozialversicherung war in der Zwischenzeit dem ärztlichen Rat gefolgt, fleißig tätig und hatte für mich aus ihren Angeboten und Möglichkeiten einen dreiwöchigen Sommer-Sonnen-Sachsen-Aufenthalt ausgewählt. Die Erholung für meinen Körper, die Seele und den Geist soll in einem Haus, das „Kraushübel“ heißt, stattfinden. Ist diese Bezeichnung nicht etwas wundersam und gewöhnungsbedürftig? Das Gebäude steht außerdem in dem wohl schönen Doppelort mit dem Namen „Morgenröthe-Rautenkranz“, mir durchaus ebenfalls ungewöhnlich erscheinend. Der Ort liegt im tiefen Süden unseres Landes, im Bezirk Karl-Marx-Stadt. Dieser Bezirk ist eine riesige, teils mittelgebirgige Landfläche, für die vor einigen Jahren der Name „ ... -Stadt“ ausgewählt wurde, was ebenso etwas seltsam anmutet. Bez. ...-Stadt. Bezirksstädte sind sonst etwas ganz anderes, Stadtbezirke auch. In diese Stadt-Bezeichnung passt immerhin ein Teil des Erzgebirges, das Sächsische Vogtland und noch viel mehr. Man hätte vielleicht doch eher Karl-Marx-Land sagen können, denn wir können ja auch ins Thüringer oder Mecklenburger Land fahren. Doch wäre „Land“ vielleicht für Karl Marx zu unbescheiden gewesen oder hätte er sich andererseits sehr über diese Art von größerer, weitläufigerer Ehrung gefreut? – Ich kann ihn nicht mehr fragen. Ach, die Namenserfinder in der Regierung denken so viel ... aber manchmal fragt man sich doch ... und erhält keine Anwort darauf, die einen erhellt und zur Einsicht führt, so dass man überrascht rufen könnte: „Ah, deshalb also – jetzt verstehe ich!“ – Nein, eben nicht – das geht mir öfter so. Vielleicht liegt das mit solchen Gedanken und Empfindungen aber nur an mir. – Diese Stadt hatte bereits vorher einen Namen. Einen anderen: Chemnitz. Meine Tante Käte, der ich das alles erzähle, steht mir aber bei und sagt in ihrer Berliner Mundart, in die sie noch manchmal fällt: „Na, det ist ja wohl 'n Ding aus'm Tollhaus. Versteh't wer will“. In West-Deutschland gibt's ja etwas ähnliches, aber in umgekehrter Art. Da haben sie eine sehr große Stadt, mit bald 700.000 Einwohnern, an Rhein und Düssel liegend, und sie nennen die riesige Stadt Düsseldorf. Auch bei uns in Babelsberg gibt es eine Straße, die vor 200 Jahren gebaut wurde und die damals nach Abschluss der Bauarbeiten die sinnige Bezeichnung „Neue Straße“ erhielt. In der heutigen Wirklichkeit ist sie eine kurze kleine alte Straße aber ihr Name altert nicht mit – bleibt ewig jung und frisch. Den zuständigen Leuten beim Rat der Stadt ist seither nichts besseres eingefallen, obwohl es so viele schöne und auch hierher passende Namen gibt – obwohl, es gab eine Zeit, da mussten sie viele Ideen haben. 1945, bald nach dem Ende des schrecklichen Krieges, war auch in Potsdam das große Aufräumen angesagt: So wurden mit lebhaftem Ideenreichtum flugs 66 Straßen mit neuen Namen versehen. Die alte „Neue Straße“ aber behielt ihren Namen auch in der neuen Zeit, denn dieser Name war nicht anstößig und zur Umbenennung, beispielsweise in „Walter-Ulbricht-Straße“, ist sie viel zu ... und sowieso zu kurz. Die Mütter und Väter der Stadt haben im Rathaus mehr und wichtigeres zu tun und ich darf amtlichen Straßenschildern keine verbessernden Vorschlägen beifügen. Das ist verboten – und somit bleibt vieles beim komischen alten. Aber bedenken darf ich auch das – vielleicht schult ja Denken für das Leben.

Solcher Beispiele, wie Menschen mit ihrer Umgebung umgehen, wird es noch viele geben. Man soll sich eben schon von Anfang an Gedanken machen, wohin sich was entwickeln könnte, bevor man etwas festlegt, das sich als ungünstig erweisen könnte und dann das gesamte Leben lang an einem haftet – oder aber es beizeiten besser machen und achtsam modernsieren.

Dass mir der Doppelname Morgenröthe-Rautenkranz etwas ungewöhnlich vorkommt, liegt auch nur an mir, weil er für mich noch so neu ist. So gibt es beispielsweise einen sich lustig anhörenden Namen für gar unlustige Verhältnisse an der Grenze zu Westdeutschland bei Hirschberg: Töpen-Juchhö, heißt da ein Doppelort. Etwa wie ein Juchzer oder ein froher Jodler-Ruf, meine ich. Aber den Leuten dort ist es eher zum Heulen. Von den benachbarten Orten liegt der Eine auf der Ost- der andere auf der West-Deutschen Seite, so zerrissen, wie es manche Familien dort nun auch seit einigen Jahren sind.

Ich selber wohne ebenfalls in einer Stadt mit einem Doppelnamen: Potsdam-Babelsberg, was ich aber gewohnt bin und es mir daher ganz normal erscheint. Und was machen doch manche Leute denen dieser Name noch neu und ungewohnt ist – schreiben beispielsweise als Teil der Adresse versehentlich: „Postamt-Babelszwerg“ und ähnliches – nicht aus Bosheit, sondern weil sie es eben nicht richtig wissen – oder nur oberflächlich lesen und gleichgültig handeln. Die freundlichen Potsdamer Postleute müssen dann entscheiden, ob die Sendung zum Absender zurückgeht oder ob sie sich mühen wollen, den Empfänger nach angegebener Straße und Hausummer zu ermitteln oder bestimmte Paketsendungen als unzustellbar bezeichnen und in Volkseigentum überführen. –


Vor mir habe ich also eine Zeit, in der ich nicht hier in Potsdam-Babelsberg, meiner angestammten Heimat, weile. Das merkt jeder Wissende, der das (künftige) Foto unserer Schulklasse vom Beginn des achten Schuljahres betrachtet. Das bedeutet, man sieht mich eben nicht auf diesem Bild, denn ich allein darf statt zum schulischen Fototermin, zu dieser Zeit im Vogtland sein. Aber später weiß ich, dass auch dort ein sehr schönes Foto der gesamten Gruppe entstehen wird, welches mich mein Leben lang begleiten wird. Die „Großen Ferien“ sind für mich damit auch in diesem Jahr wieder etwas verlängert worden. Neun statt der üblichen acht Wochen. Nicht schlecht. Womit ich das wohl verdient habe?


Sonnabend, 15. August 1959 – unsere Reise durch das Land und die Ankunft im Heim

So fahren wir nun nach Morgenröthe-Rautenkranz, in einen Ort, der eine Anzahl von Busfahrstunden südlich meiner Heimatstadt liegt. Am Ende der langen Fahrt von Potsdam hierher in das Vogtland, ist es mir komisch zumute, dass wir dann plötzlich doch am Ziel eingetroffen sind – es nicht mehr weiter geht. Bald vor uns die Grenze zur befreundeten Tschechoslowakischen Republik. Da sind wir nun. Zwei Busse voller Kinder vor dem Kindererholungsheim „Kraushübel“, Rautenkranz, Carlsfelder Straße 17. Kleinere und größere Kinder, so etwa 75 an der Zahl.

Die Heimleiterin heißt Frau Böhm. Sie begrüßt uns freundlich, ruft unsere Namen von einer langen Liste auf und teilt uns dabei in verschiedene Gruppen ein. Vier Gruppen sind es zum Schluss. Die ganz Großen, Gruppe 1, werden ein paar Schritte weiter, an der Scheune und den Ställen vorbeigehend, im Haus „Kuckucksnest“ wohnen. Das ist dort, wo sich auch der Speisesaal befindet, aber eine Treppe über diesem. Ihr wisst ja: Kuckucksnester sind nur selten auf der Erde anzutreffen. An einer Seite des Speisesaals befindet sich auch die große Veranstaltungsbühne. Knapp 200 Meter sind es von unserem Haupthaus bis dorthin, das schaffen auch Erholungsbedürftige. Zwischen den Häusern sind hübsche Blumenrabatten angelegt mit Sommerazaleen und den überaus gesunden Ringelblumen (Calendula offizinalis oder so ähnlich), aus denen man eine prima Heilsalbe herstellen könnte, die somit nicht nur wie die Blumen auf die Augen gut wirken. Später erfahren wir, dass sich kein Gärtner darum kümmert – es gibt so eine Art Gruppenplan, aber nur für die Erwachsenen, und jeder vom Personal kümmert sich um ein Stück Erde mit den Blumen. Alle wetteifern miteinander, daher sind die Beete so gut gepflegt. Nun werden auch wir Kinder der Gruppen 2 bis 4 in die Zimmer eingewiesen. Ich gehöre zur Gruppe 2, zu den fast ganz Großen. Wir wohnen im Erdgeschoss des eigentlichen Heimes, des Haupthauses, mit dem Symbol der weißen Friedenstaube als Hauszeichen am dunkelbraunen Holz-Giebel. Eine Treppe höher wohnt die Gruppe III und im Dachgeschoss, bereits mit schrägen Wänden, leben die kleinen Mädchen. Dort oben sind auch unsere leeren Koffer untergebracht. Nachdem uns unser Zimmer gezeigt wurde, begann ein leichter kurzer Sturm auf die Betten mit den „besten“ Standorten. Das beruhigt sich gleich wieder, nachdem wir die Betten mit unseren Sachen kennzeichnend belegt haben. Taschen oder Koffer haben natürlich auf dem Bett „nichts zu suchen“. Zehn Betten sind es im Zimmer, die in zwei Fünfer-Reihen mit den Kopfenden an den Wänden aufgestellt sind.

Anschließend erfrischen wir uns mit einer kleinen Katzenwäsche. Der Waschraum befindet sich gleich nebenan. Man braucht ihn nicht lange suchen. In der Mitte des Raumes stehen zwei sich gegenüberliegende Reihen von Waschbecken. Alles ist hell gefliest und zwischen den Waschbecken werden die Zahnputzbecher aufgereiht.

Im Nebenraum: Links die Duschen für das tägliche wechselwarme bis kalte Benutzen und ganz rechts die tiefere breite Rinne für das Wassertreten. Das kalte Wasser wird etwa so getreten, wie der Storch es mit dem Salat tut, sagt der Volksmund zu dieser medizinischen Vorsorge- und Heil-Maßnahme, die wohl damals der medizinisch geschulte Pastor Kneipp allen warm ans Herz legte.

Im Anschluss an die Begrüßungs-Mahlzeit (Brühnudeln, siehe Erläuterungen im Anhang) stellt uns Frau Ursula Böhm auch gleich alle Leute des Hauses vor, die sich um uns bemühen, die uns den Aufenthalt angenehm gestalten werden: die freundlichen Erzieherinnen – sie sind ja auch gleichzeitig Lehrerinnen, so dass Kinder, die während der Schulzeit hier sind, nichts Wichtiges versäumen werden, – die heilende Krankenschwester, die ganz in weiß gekleideten Küchenkräfte, die viel schreibende Dame aus dem Büro, das emsige Reinigungspersonal, die Fleißigen der Nähstube und den Hausmeister im dunkelblauen Kittel. Viele Augenpaare sehen uns recht erwartungsvoll, ja einladend, an. Die meisten lächeln, als ob wir was Besonderes seien, obwohl wir ja nicht ihre einzigen Kinder sind. Wir wissen es ja: Vor uns waren andere Kinder hier, die vor kurzer Zeit erst abgereist sind und bald nach uns werden auch wieder weitere Erholungsbedürftige folgen.

Nur, gleich alle Namen der Erwachsenen zu behalten, ist eine zu schwere Aufgabe. Das muss nicht sein. Die Erzieherinnen für unsere Jungengruppe (wir sind 21 Mann – oder heißt es richtiger: wir sind 21 künftige Männer?) sind Fräulein Hennersdorf und Fräulein Lange – wie wir sie ansprechen sollen. Eigentlich heißt Fräulein Hennersdorf Inge und ist sehr nett. Blond und hübsch anzuschauen. Die dunkelhaarige Gisela Lange geht genauso freundlich mit uns um – richtige Kumpelinen. Fast! Später erfahre ich, dass Fräulein Lange die Tochter unserer guten Köchin und des kundigen Hausmeisters ist. Alle Erzieherinnen sind sehr adrett und unter anderem mit weißer, gestärkter Schürze und weißen Söckchen gekleidet, was uns daran erinnert, dass wir uns in einem Erholungsheim zur Kur befinden und nicht etwa denken, wir hielten uns in einem Kinder-Ferienlager allein nur zum Spaß und Vergnügen auf. Unsere Erzieherinnen sind etwa so groß wie wir, wie die größeren Jungen unserer Gruppe. Sie sind bestimmt auch nur ein paar Jährchen älter als wir.


Als wir bei der Ankunft unser Erholungsheim sahen, mit einer weißen Taube auf dem braun-hölzernen Dreieck des Hausgiebels, fiel mir gleich das passende Lied dazu ein:



Kleine weiße Friedenstaube


Kleine weiße Friedenstaube, fliege übers Land,

allen Menschen, groß' und kleinen, bist du wohlbekannt.


Du sollst fliegen, Friedenstaube, allen sag es hier,

dass nie wieder Krieg wir wollen, Frieden wollen wir.


Fliege übers große Wasser, über Berg und Tal.

Bringe allen Menschen Frieden, grüß' sie tausendmal.


Und wir wünschen für die Reise, Freude und viel Glück.

Kleine weiße Friedenstaube komm' recht bald zurück!


Text und Musik von Erika Schirmer,

Kindergärtnerin, Meisterin des Scherenschnitts aus Schlesien.

Geschrieben in der Nachkriegsheimat Nordhausen (Thüringen).



Dieses kleine Lied mit seinen großen und natürlichen Wünschen wird für immer aktuell bleiben.


Sonntag, 16. August Einige Notizen zum Haus und seiner näheren Umgebung

Das Wort „Hübel“ kommt aus dem vogtländischen Sprachschatz und bedeutet so viel wie „kleiner Berg“. Also, „Hügel“ könnte man wahrscheinlich frei übersetzt auch sagen – nur würde das hier vielleicht niemand verstehen. Diese hübeligen Wiesen, die das schöne Erholungsheim umgeben, gehörten früher mal, als sie noch nicht als Volkseigentum galten, möglicher Weise einem Acker- und Wiesen-Mann, der Kraus oder Krause hieß – vielleicht weil einer der Ersten seiner Sippe gekräuselte Haare auf dem Kopf trug oder krause Gedanken im Kopf hatte. Eine weitere, völlig andere Möglichkeit: Kraus(e) ist auch eine Bezeichnung für einen Krug, ein Henkelgefäß. Vielleicht gab es hier oben auf dem Hübel früher einen „Krug“, also eine einfache Schankwirtschaft und deshalb wurde der Wirt ebenso „Krause“ gerufen oder aber hier arbeitete ein Handwerker der Krüge = Krausen herstellte – wer weiß das schon noch – es wird damals gewesen sein, als die Familiennamen aufkamen. Lange Zeit her. Und dieser Name blieb über die Zeiten dann bis heute erhalten. Deshalb also: Kindererholungsheim Kraushübel. Die Möglichkeiten scheinen somit geklärt, wenn die damaligen tatsächlichen Verhältnisse für uns auch völlig unklar bleiben.

Nachtrag: Bald werde ich erfahren, dass „Hübel“ so selten gar nicht ist, es eine größere Menge solcher Orte gibt, und meine Verwunderung eigentlich nur den Grund hatte, dass ich zu wenig weiß. Meine Mutter wusste es sofort – hatte sie doch vor dem Krieg einen schönen, zu kurzen Ferienaufenthalt in Krummhübel, in Niederschlesien. Heute trägt der Ort den Namen Karpacz und liegt in der befreundeten Volksrepublik Polen.

Natürlich haben wir erstmal das Haus „beschnuppert“, uns mit den Einrichtungen vertraut gemacht. Es ist ein schönes Gebäude und es ist wohl sogar noch jünger als ich; das ist kein großes Alter für ein Haus. Zwar wurde es schon vor dem Krieg gebaut, auch damals für ausgesuchte Jugendliche, wurde wohl aber nicht ganz fertig, weil „man“, eben absichtlich, schon wieder einen Krieg begann.

Richtig zur Erholung genutzt wurde es dann erstmals ab 1948, also bereits, als es in Deutschland noch nicht einmal die DDR gab.

Und seit der Zeit des Beginns arbeitet auch unsere Heimleiterin in diesem Haus. Damals, als es eingeweiht wurde, und die ersten Kinder das Haus in ihren zeitweiligen Besitz nehmen durften, war Frau Böhm gerade 21 Jahre jung – das erfahre ich erst viel später und so nebenbei, denn über das Alter der Damen und der werktätigen Frauen wird hier nicht vorlaut geplaudert. Die Zukunft weiß, dass Frau Böhm viele Jahrzehnte, ihr gesamtes Berufsleben, die Heimleiterin sein wird, weil sie ihr Leben den Kindern und deren Gesundheit gewidmet hat.

Unten ist das Kraushübelhaus gemauert, oben aber ist das Balkenwerk mit dunkelbraun gebeizten Holzbrettern verkleidet. – Innen scheint das Haus viel größer, als es von außen wirkt.

Es gibt für die Kinder Gruppenräume für Spiele aller Art und darin auch genug Platz zum Schreiben und Lesen. Besonders schön ist es in der Sonnenveranda, die man seitlich an das Gebäude angefügt hat und die sich sogar noch um eine Hausecke herumzieht, so dass man lange Zeit am Tage schöne helle Plätze mit einer prima Aussicht auf die Wiesen und den Wald hat.

Vorgesehen wurde der Raum auch zur speziellen Gymnastik gegen Haltungsschäden, aber wir sind ja im Sommer hier und erledigen zumindest die allgemeinen Körperübungen draußen in freier Natur, denn dort befindet sich der Sport- und Spielplatz, auf dem auch ein Karussell und die Schaukeln stehen.


Außer dem eigentlichen Heim mit dem Bild der weißen Friedenstaube am Dachgiebel gibt es das Wirtschaftsgebäude. Hierin war früher „die Wirtschaft“, also eine Gaststätte des Ortes, mit der Wirtin, Frau Bindig. Später wurde in diesem Haus für die Kinder des Erholungsheims das Essen gekocht. Es war schwer, die vollen Essenkübel täglich zum Speisesaal hinüber zu tragen – da mussten die starken Hausmeister mit 'ran. Auf dem Rückweg war's dann viel leichter aber dafür waren die Kinder nun etwas schwerer. Die Heimleiterin, Frau Böhm, sorgte dafür, dass alle Menschen, die schwer für die Erholung und Gesundheit der Kinder arbeiteten, auch selber Erholungskuren bekamen.

Das weiße Steingebäude mit dem Speisesaal und den Räumen darüber, für die Gruppe des „Kuckucksnest“, sieht nicht so sehr typisch vogtländisch aus, sondern eben modern. Im Speisesaal stehen mehr als 20 Tische für jeweils 4 Kinder. Vorn die Bühne für kulturelle Veranstaltungen, so richtig erhöht und mit einem Vorhang wie im Theater. –

Einige Jahre weiter und Spezialisten sprengten in einer gefährlichen Aktion sehr vorsichtig einen schweren Felsen ziemlich dicht am Saal. Nachdem dessen große Bruchstücke abtransportiert waren, hatte man den Platz gewonnen, um eine neue Küche direkt an den Speisesaal anzubauen. Danach waren keine Wege mehr zwischen Küche und Speisesaal zurückzulegen. In der alten „Nicht-mehr-Küche“ wurden Wasch- und Trocknungsmöglichkeiten eingerichtet – der Waschraum für die Kleinerfrischung zwischen Wanderung und Einnahme des Essens, der Trockenraum für Kleidung und Schuhe / Stiefel, vor allem im Winterhalbjahr aber auch nach Regen in den anderen Jahreszeiten.

Ja, es wurde im Laufe der Jahre auf dem Heimgelände immer wieder etwas verbessert. Oftmals waren es große Neuerungen, die die Gäste nicht wahrnahmen konnten, weil sie die Unterschiede zwischen >Vorher< und >Nachher< ja nicht kannten.


Die Hausmeister müssen manches reparieren, auch Toilettenverstopfungen beseitigen und noch viel mehr. Wir hörten, dass vor Jahren auch das Betreuen von „gut milchenden“ Ziegen zu den Hausmeisteraufgaben gehörte. Heim-Ziegen gibt es hier heute nicht mehr. An Schweinen und Hühnern fehlt es auf dem Kraushübel-Grundstück jedoch nicht. Diese wohnen im Stall und in der Scheune neben dem Spielplatz, ohne dass man von dieser tierischen Landwirtschaft etwas riecht. Aber die Tiere sind weniger zum Kuraufenthalt hier. Im Moment brauchen diese Hausgenossen jedoch keine Sorgen haben – auf dem Speiseplan ist erst mal nichts vermerkt, was sie in Aufregung versetzen sollte. Höchstens als Beispiel „verlorene Eier“. Das aber geht nur die Hühner etwas an.


Nahe am Heim befindet sich eine Rodelbahn, aber es ist keine Sommerrodelbahn zum Rutschen oder für solche Sportgeräte mit Rädern, sondern eine sehr schöne nur für Schneekufen. Jetzt ist August, deshalb Rodelruhe.

Hinter dem Küchengebäude und dem Speisesaal mit Kuckucksnest haben wir zwischen den überkronenden Bäumen noch eine große halbschattige ebene Fläche für Sport und Spiel. Daran anschließend, im Wald zwischen den Granitfelsen, finden wir steinerne Pechpfannen. Das sind uns erhalten gebliebene „Zeugen“ der früheren Pechherstellung. Das muss ich wohl erst erklären, denn es hört sich doch komisch an, wenn jemand sagt: „Da habe ich Pech gehabt“, und ein anderer ergänzen würde: „Na, dein Glück – es wurde doch extra für dich hergestellt“. Eigentlich kennt es ja jedes Kind ein bisschen – von Frau Holle und den beiden Marie-Mädchen. Bei diesem Pech hier handelt es sich aber nicht um „schlechtes Glück“, sondern um eine Ausschmelze von Baumharz, die damals auch zum Schmieren der Wagenachsen und damit also für den Leichtlauf der Räder von Fuhrwerken gebraucht wurde. Wir bevorzugen stattdessen heute gern das „Abschmierfett, rot“ vom VEB Fettchemie Karl-Marx-Stadt. Der Schuhmacher nutzte dieses Pech zum Abdichten der Schuhsohlen gegen Nässe und zum Festigen der Nahtfäden. Der Böttcher brauchte es zum Dichten der Fässer, wie auch der Bootsbauer, der beim Kalfatern (siehe Erläuterung im Anhang) die Fugen mit dem pechgetränkten Werg oder Weißstrick schloss. Der Apotheker nutzte das Pech zum Einmischen in manche bittere Arznei und zu anderen Zwecken. Der Dichter nutzte es – zum Dichten nicht. Es galt also wirklich schon als gutes Glück, wenn man viel Pech hatte. Die Pechherstellung – eine Arbeit im Freien aber trotzdem bei schlechter, weil ständig verrauchter Luft. Trotz des großen Bedarfs für viele Einsatzgebiete wurde die Tätigkeit in der Pechproduktion nur gering entlohnt, so dass der Hunger ein steter Gast bei den Pechsiedern und ihren Familien war. –

Beim weiteren Erkunden der Heimumgebung kommen wir auch gleich zur „Hirschlecke“ – ein Ort mit besonderen Steinen im hübeligen Felsgelände, die von den Tieren des Waldes gern genutzt werden, um dringend benötigte Mineralien aufzunehmen. Schon die damaligen Tiere wussten genauso wie die heutigen sehr genau, was sie unter anderem an Erdalkalimetallen wie Calcium und Magnesium brauchen, um ohne Kuraufenthalt gesund zu bleiben. Übrigens: Nicht nur Hirsche bedienen sich da als Feinlecker.

Auf einem ersten Zick-zack-Kurs durchs Dorf lernen wir den Erholungsort ein bisschen kennen. Wir gehen in Richtung des Schönheider Berges und des „Feldbodens“, kommen am Bahnhof, am Landgasthof sowie an der Feilenhauerei vorbei (Erläuterung im Anhang) – die eigentlich viel Lärm um ihr Produkt macht – heute aber ist Sonntagsruhe. Wir gehen dann über zwei Bächlebrückle oder heißt es richtiger: Bächelbrückel? Auch das Werk der Brunner-Kommandit-Gesellschaft sehen wir. Das hört sich nur so schlimm an, hat aber nichts mit Banditen zu tun. Allerdings: Vor Jahren, im Zweiten Weltkrieg, haben dort eigentlich grundharmlose Rautenkranzer Menschen verschiedene Bauteile für Raketen, für die schrecklichen „Vergeltungswaffen V1 und V2“ hergestellt, hören wir. Kaum gab es andere Arbeitsstellen im Ort zur Auswahl und alle Leute hatten Hunger. Und protestierend auffallen wollte zu der damaligen Zeit vorsichtshalber auch niemand. Es wäre gefährdend gewesen.

Heute werden in diesem Betrieb nur nützliche und vor allem friedliche Haushaltsgeräte produziert, von denen man einige in der Küche wiederfindet. Ein Brunnenbau-Betrieb, wie man denken könnte, ist das also nicht! Und „Kommandit-Gesellschaft“ scheint auch ziemlich harmlos – das kann schon so etwas Halbstaatliches sein, als Übergang vom kleinen kapitalistischen Privatbetrieb zur großen sozialistischen volkseigenen Fabrik – und alles in den Räumen der gleichen Gebäude.

Dann wandern wir zum Teich am Wald. Ein werktätiger Arbeiter macht extra für uns eine großzügig-ausladende Armbewegung und sagt, uns aufklärend, über diese Stelle im Wald so etwas wie: „Dos is de Ufenhähle“ – aber verstanden haben wir überhaupt nicht so ganz richtig, was er damit meint – vielleicht eine Höhle, die heute am Sonntag, geöffnet ist und zur Besichtigung einlädt? Wir können aber keine Höhle erkennen. Oder will er uns weismachen, wir stünden hier gerade am Eingang der Hölle? Keine Ahnung. Die vogtländische Sprache scheint schwierig zu sein. Nur für Eingeweihte. Wir sehen aber sehr wohl die Behelfsheime, einfache Häuschen aus braunem Holz, die in der Kriegszeit schnell als Wohnstätten für Flüchtlinge oder Bombenopfer errichtet wurden. Unterkünfte, die damals dringend erforderlich waren und auch heute noch erhalten und bewohnt sind. Das Haus Nr. 1 sieht am besten aus. Den Haiserln gegenüber, also jenseits des Weges, erstrecken sich am sanft abfallenden Hang die Wiesen. Im Juni wird das Gras gemäht. Jetzt im August ist die Zeit des zweiten Schnitts gekommen. Das geschnittene Gras muss zum Trocknen mehrmals gewendet und dann auf den Hausboden gebracht werden, bevor es regnet. Auf dieses duftende spätere Heu freuen sich schon jetzt die Kaninchen, die man aber im Vogtland und im benachbarten Erzgebirge allen Ernstes und gegen vorhandenes Wissen als „Hasen“ bezeichnet; die richtigen wild lebenden Hasen werden jedoch nicht etwa Kaninchen genannt. So ist das hier also! Bleibt viel Heu auf dem Dachboden, stellt es für den Winter einen guten Kälteschutz dar. Auch außen werden zu gleichem Zweck die Unterteile der Häuser mit gesammeltem Reisig „eingepackt“, das aber nach und nach als Brennholz genutzt wird.

In der Zwischenzeit, wenn also weder gemäht noch gewendet wird, legt man auf der Wiese die weißen Wäschestücke aus. Auch Erzieherinnenschürzen und weiße Söckchen können dazu gehören. Sie werden der Sonne ausgesetzt und mit Wasser bespritzt. Bleichwiesen – für strahlendes Weiß – völlig ohne Chemie.

Genau wie bei unseren breiten Straßen zu Hause, wo früher die armen Weber vor den Häusern ihre Webware auf den Straßen-Wiesen ausbreiteten. Zu jener Zeit gab es noch keine Autos.


Das mit den Hasen ist für mich alles besonders interessant, weil wir im September mit unserem Biologielehrer, Fritz-Peter Gnerlich, in der Schule mit der außerunterrichtlichen Kaninchenzucht beginnen wollen. Das hat etwas damit zu tun, dass Walter Ulbricht vor einiger Zeit so sehr mahnend ausrief: „Mehr Fleisch für die Volkswirtschaft, Genossen! Ja?“ Da haben auch die Genossen der Lehrer sogleich nachgedacht und sind auf den schönen Gedanken gekommen, dass die Schüler so nebenbei Kaninchen züchten und mästen könnten. Kaninchen werden aber irgendwann geschlachtet. Und eben auch von anderen Leuten aufgegessen. Mir wäre deshalb eine Katzenzucht noch angenehmer. Dazu wird aber von der Regierung wohl kaum jemand aufrufen. –


Unsere Gruppe umrundet das schöne Freibad des Dorfes. Wir durchlaufen die Ziegengasse und kommen nach einer Weile von der entgegengesetzten Seite zum Heim zurück. –

Wir hören und wir sehen es auch leibhaftig, dass Rautenkranz ein nur kleinerer Ort ist. Etwa 800 Einwohner leben hier. Das Dorf ist von ausgedehnten Wäldern umgeben. Hauptsächlich sind das Fichtenwälder. Man brauchte früher viel Brennholz für die Eisenhütten, die Köhlereien und die Pechherstellung. Man benötigte auch Bauholz für Häuser und als Stützen für den Ausbau der Bergwerksstollen. Wollen wir dabei nicht an Weihnachtskuchen denken. Stollen, so werden die Gänge innerhalb des Berges genannt. Senkte sich mal ein Gangabschnitt unter der Last des Berges, gab das ausgehöhlte Gebirge also etwas nach, so knarrten warnend die nun stärker belasteten stützenden Hölzer und die Bergleute konnten sich vorsichtig und schnell zurückziehen, „Reiß-aus“ nehmen. Aber nicht immer gelang ihnen das. – Für alle diese genannten Zwecke benötigte man also Holz. Brenn- und Bauholz. Statt des natürlichen aber gefällten Mischwald-Bestandes pflanzte man vor allem Fichten nach, weil diese viel schneller wachsen als Buchen, Eichen oder Tannen. Aus dem Wald wurden die gefällten Bäume mit „Rücke-Pferden“ gezogen. Erst wurde das Holz geschlagen und dann wurde es verrückt. Für den Waldboden, die Baumwurzeln und für die Ohren der Waldbewohner ist das viel schonender als die Arbeit mit Traktoren.

Gleich erfahren wir Kinder, dass die Zapfen der Fichten hängen, die Zapfen auf den Zweigen der Tannen aber stehen, etwa wie die Kerzen am Weihnachtsbaum. Der Fichtenzweig trägt die Nadeln ringsherum (wie ein Quirl), der Tannenzweig dagegen ist flach benadelt.


Ach so, ja, an diesem Tag nach der Ankunft sollen wir den Eltern berichten, dass wir gut angekommen sind, und manche schreiben ihnen auch gleich unsere ersten Erlebnisse. Es wird darauf geachtet (durchgezählt), dass ja kein Kind seine Eltern ohne eine Nachricht lässt, vielleicht die Daheimgebliebenen bei den vielen neuen Eindrücken einfach vergisst. „Auch in den Schulferien gilt bitte: Schönschrift! Eure Eltern haben sie verdient“, meint Fräulein Hennersdorf. So erwerbe auch ich hier meine erste Ansichtskarte vom Heim. Briefmarken, also die beliebten Postwertzeichen, hatte ich von zu Hause mitgenommen.


Montag, 17. August – erstmal viel Organisatorisches

Ja, Kindererholungsheim. Das merken wir am Vormittag, denn wir werden gemessen, gewogen, abgehorcht und beklopft, kurz befragt sowie mit ernsten, ärztlichen Augen prüfend betrachtet. Alle die dabei gewonnenen sehr wichtigen Ergebnisse werden in eine Karteikarte geschrieben. Unser Erholungserfolg wird bestimmt später nach der Zunahme an Gramm, Zentimetern, Bauchumfang und Art der Gesichtsfarbe bewertet. Vielleicht gibt es dafür Farbvergleichskarten – oder Noten von 1 bis 5?


Wir erfahren heute, dass es nun eine täglich wechselnde „Gruppe vom Dienst“ und eine „Erzieherin vom Dienst“ geben wird. Die diensthabende Gruppe sorgt zum Beispiel für vorbildliche Ordnung bei der Ausgabe und der Wieder-Einordnung der Spiele. Sie organisiert auch den Tischdienst im Speisesaal.

Die Gruppen haben wie in der Schule einen Gruppenrat und die Diensthabenden schauen täglich nach Ordnung und Sauberkeit in den Zimmern. Das betrifft die Ordnung der Schrankinhalte, der Schönheit der Betten, auch der Garderobe und der Sauberkeit der Schuhe in den Regalen ... bis hin zur Hygiene der Zahnputzbecher wird alles gemeinsam kurz angeschaut und bewertet.

Auch wählt die diensthabende Gruppe den Tischspruch des Tages aus und ein Kind trägt diesen vor, spricht diesen mit möglichst guter Betonung, damit es uns fast noch einmal so gut schmeckt.

Wir erziehen uns somit gegenseitig. Wer manches zu Hause „noch nicht mitbekommen“ hat, wird also „mitgezogen“ und lernt es hier – aber die Erzieherinnen bleiben uns trotzdem noch erhalten. Nach dem morgendlichen Rundgang und dem Frühstück wird das Ergebnis der Bewertung des Tages bekannt gegeben. Wir alle „fiebern“, welche Gruppe heute den Wanderwimpel für den Tisch als Auszeichnung erhalten wird. Man muss fein achtgeben, dass der Wimpel nicht zu schnell wieder fort wandert. Es lässt sich aber nicht vermeiden, denn die Kinder aller Gruppen geben sich ja Mühe sehr ordentlich zu sein – aber ganz absichtlich ist nur ein Wimpel vorhanden.


An dieses Ritual werde ich mich noch drei Jahre später lebhaft erinnern, weil es dann in „meinem“ Lehrlingswohnheim ähnlich läuft. Dort aber wird in die Bewertung sogar das Bohnern von Mustern mit dem schweren gusseisernen Bohnerbesen auf dem rotbraun gestrichenen Anhydritfußboden* in die Waagschale der Bewertung geworfen, wie auch die künstlerisch-geschmackvolle Selbst-Ausgestaltung der Zimmer und die Pflanzenpflege.

(*Anhydrit ist Calciumsulfat = Gips, eine vor der Aushärtung breiige Masse, aus der ein Fußboden hergestellt wird).


Nun einige meiner Worte zum Orte

Uns erscheinen beide Namen dieses Doppel-Ortes „Morgenröthe-Rautenkranz“ ungewohnt. Das schrieb ich ja bereits. Wie die Ansiedlungen zu ihren Namen kamen, hat man uns aber erklärt. Ich schreibe es jetzt mal auf, denn einer muss es ja tun. Es ist aber kein Märchen, sondern wahr! Das war damals ungefähr so:

Es war vor langer, langer Zeit, dass ein uns namentlich und auch persönlich nicht Bekannter in der Gegend des heutigen Ortes Rautenkranz eine Hütte, gemeint ist eine kleine Fabrik, errichten durfte. In einem dazugehörenden hohen Ofen konnte er aus Erzbrocken bestimmte Metalle schmelzen. Er nutzte die aus dem Gestein erschmolzenen Metalle Zink und Kupfer, um eine so genannte Legierung herzustellen, die als Ergebnis die schöne blanke Bezeichnung „Messing“ bekam. Eine edle Sache. Diese „Erz- und Metall-Hütte“ bestand bereits im Jahre 1622.

Später kam ein Mann, der Hutschenreuther-Hans, aus dem nahen Ort Eibenstock gewandert und mochte sich hier ebenfalls gerne niederlassen und ansiedeln. Auch dieser wollte nicht nur eine Wohnhütte bauen, nein, er wollte ebenso recht gern ein Hammerwerk am Flüsschen errichten, um das aus dem Berg geförderte Erz zu pochen. Gewaltsam und fein zerstoßen sollte das Gestein dort werden, um es anschließend verhütten zu können. Das bedeutet, das Erz soll von der Hitze des Feuers im Hochofen in flüssiges Metall und „taubes Gestein“ geschieden werden. Dazu brauchte der Hutschenreutherhans das Erz, Wasser und viel Holz. Das alles war hier schon reichlich vorhanden. Noch wichtiger aber war: Vor der Verwirklichung seiner Wunsch-Pläne brauchte auch der Hutschen'-Hans ein Genehmigungspapier, „ein Privileg“ vom Sächsischen Kurfürsten Johann Georg I., das man schwer, fast nur ausnahmsweise, erhalten konnte. Der Mann aber bat in artig gesetzten Worten inständig um das Privileg. Er war ein aufrechter Mann, der nicht winselnd bettelte. Auch wusste er genau, dass der Fürst ja durchaus nach gutem Metall für mancherlei Zwecke trachtete. So erhielt der Hutschen'-Hans sein Privileg tatsächlich am 15. Juli 1652 für den Bau eines Hammerwerkes, nahe der Einmündung der Großen Pyra in die Zwickauer Mulde. Das ist hier ganz in der Nähe. Wenn wir vom Hübel-Heim die Carlsfelder Straße hinunter ins Tal gehen, würden wir dann nicht nach rechts zum einladenden Landgasthof eilen, sondern nach links in Richtung Schule und Muldenhammer schreiten. Bald hinter dem „Sackhaus“ sehen wir den Zusammenfluss von Pyra und Mulde. Das alles spielte sich dort also in der Zeit ab, nachdem auf 30 Jahren Krieg, dann bereits vier Jahre Frieden gefolgt waren.

Aus untertänigstem Dank sann der Hutschen-Hanselmann darüber nach, wie er zum Wohlgefallen des Kurfürsten das Hammerwerk und die umliegenden Häuser nennen könne und er verfiel auf den schönen Namen „Rautenkranz“ (damals aber anders geschrieben). Das ist ein grünblättriger Kronenreif. Auch das spätere Königlich-Sächsische Wappen trug eine Raute, die allerdings nicht zum Kranz gerundet war, sondern mit diagonal-gestreckter Raute das Wappen zierte. Daher für die neue Ansiedlung nun dieser Name, der dem Fürsten sehr wohl gefiel. Auch erzählt die Geschichte des Weiteren von einem Elias Steininger, der ebenfalls ein Hammer-Herr werden durfte. Wenn das damals alles richtig aufgeschrieben wurde, nahm dann die Entwicklung der Arbeitsstätten und Wohnkaten zu einem richtigen Ort seinen Lauf. Darüber wurde 1679 eine Urkunde ausgestellt, die den Ortsnamen nennt. Es ist die älteste schriftliche „Quelle“ die uns erhalten geblieben ist. Obwohl schon lange her, scheint es mir recht spät zu sein, denn beispielsweise über meine Heimatstadt Potsdam gibt es eine Urkunde aus dem Jahre 993, aus einer Zeit, zu der Potsdam schon lange bestand – aber das nur nebenbei, denn hier geht es ja um den Namen des ach so jungen Ortes „Rautenkranz“. Rautenkranz liegt etwa 620 bis 650 m über dem Meeresspiegel. Der Ort zieht sich vom Tal in die Höhe, deshalb meine von–bis-Angabe.


Mit dem im Bergwerk beim Abbau grob gebrochenen und nun im Hammerwerk fein zerkleinerten Erz geht es – wie schon oben kurz erwähnt – dann mit der Verhüttung im Hochofen weiter, wo aus der Metall-Ader des Gesteins das Rohmetall erschmolzen wird. Dieses später erkaltete Roheisen ist noch zu splitterig-spröde. Es muss deshalb anschließend in der Frischhütte erneut geschmolzen werden. Dabei wird frische Luft (davon gibt es hier sehr viel) in den Schmelzofen, den steinernen Hochofen, eingeblasen und mit dieser Behandlung der Kohlenstoffanteil in der Eisenschmelze gesenkt. Erst danach lässt sich dieses Eisen, solange es warm ist, schmieden, also hämmernd zu Werkzeugen und Gerätschaften formen und, ist es sogar kochend, auch gut gießen. Aber nicht nur um Eisen, Kupfer oder Zink geht es. In Morgenröthe wurde schon 1618 auch ein Zinnbergwerk erwähnt.

Wie aber kam es damals zu dem Namen „Morgenröthe“ für dieses Nachbardorf?

Der Name hängt noch enger mit dem Gruben-Bergbau zusammen. Die erste Begehungsöffnung zur Stollen- und Schachtanlage des Berges, das so genannte Mundloch, das die Bergknappen nutzten um in den Berg zu steigen, zeigte gen Osten. Wenn die Bergarbeiter der Nachtschicht, aus dunkler Bergeshöhle kamen, sahen sie zu bestimmter Jahreszeit am Morgen froh und müde als erstes die Strahlen der rötlich aufgehenden Sonne.

Es ist auch heute noch so: Wenn man von Rautenkranz aus nach Süd-Osten schaut, sieht man den Ortsteil Morgenröthe und dann tatsächlich auch manchmal die Morgenröte. Zuviel Morgenröte ist aber nicht gut, es könnte ein Zeichen dafür sein, dass der Tag dann recht regnerisch wird – das ist eine alte vogtländische Bauernbinsenweisheit.

Den Ort schrieb man früher ganz normal mit „th“, genauso wie Thaler, Thier, Thor, Thür und so weiter – das hat man erst im Jahre 1901 mit einer Reform der Rechtschreibung geändert. Bei Eigennamen wie diesem Ortsnamen bleibt die alte Schreibweise aber erhalten. Deshalb muss ich es mal so – und mal moderner schreiben, damit es in jedem Fall richtig ist. Also bitte nicht an dieser Stelle den Rotstift zücken, um es mir anzukreiden.

Der Rautenkranz und die rot aufgehende Morgensonne sind im Wappen des Doppelortes enthalten. Dazu auch noch ein Teil des „Gezähes“. Dieser Ausdruck ist erzgebirgisch und in vogtländisch sehr ähnlich – und bedeutet zu hochdeutsch in Langschrift: „des Bergmanns Handwerkzeug“, bestehend aus dem Schlägel (oder Fäustel), dem Keilhammer (auch Bergeisen genannt) und der Schlacke- oder Frischegabel. Gutes, gepflegtes Handwerkzeug brauchte man selbstverständlich, um in den erzgebirgischen und vogtländischen Stollen, in deren steinhartem Eibenstocker Granit, das Erz in Handarbeit zu brechen.

Die Dörfer Morgenröthe und Rautenkranz wurden dann wohl zu einem Doppelort zusammengefasst, nur weil es dem Grundherrn, der diese Stücken Land besaß, so gefiel.


Diese Erzählung der Bergbaugeschichte erinnert mich deutlich an das vorige Jahr. Zwischen Januar und April 1958 drehten die Kollegen der DEFA bei uns in Potsdam-Babelsberg den Film „Der Lotterieschwede“. Gerade unsere Schulklasse wurde ausgewählt, um in den DEFA-Studios, im großen „Tonkreuz“, so benannt nach der Form des Gebäudegrundrisses, für diesen Film das Bergmannslied „Glück auf, Glück auf, der Steiger kommt ...“, hell und klar zu singen. Zwar musste nach der ersten Tonprobe Jörg der Brummer ausgesondert werden, aber dann lief es ganz gut. – das Lied und auch der Zufluss für unsere Klassenkasse. Wir hatten vorher dafür geübt und unser Klassenlehrer, Herr Donath, hat erst sich – und dann uns – etwas mit dem Thema beschäftigt.

Seit ungefähr 1740 wird das Lied gesungen und es hat seither verschiedene kleine verbessernde Änderungen „erlebt“; man „feilte“ daran herum. So darf es unterschiedlich vorgetragen werden. Deshalb braucht man gar nicht darüber reden, was am Text vielleicht „falsch oder richtig“ sei.

Ja, das ist ein „Leib- und Magenlied“ besonders der erzgebirgischen - vogtländischen - sächsischen Bergleit, ihrer Familien und auch aller anderen, die sich mit ihrer Gebargs-Haamit* verbunden fühlen. *Für unkundige Laien: das heißt Bergleute und „Gebirgs-Heimat“. In unserer Gruppenbeschäftigung des Heimes lernen sowieso alle Kinder, die es noch nicht kennen, auch dieses Lied.

Glück auf, Glück auf ...“ (Die Texte der genannten Lieder befinden sich am Ende dieses Berichts, damit ihr auch kräftig mitsingen könnt ... ohne nur verlegen „la, la, la“ lallen zu müssen).


Für diesem Lotterie-Film, der nach der Novelle von Martin Andersen Nexö im Jahre 1880 spielt, hatte man als Ort – als Land der Handlung, wohl Schweden ausgewählt. Es geht es darum: Ein Steinbrucharbeiter hat mit seiner Familie ein sehr hartes, karges, ein armes Leben. Man kann nicht davon reden, dass es arm+seelig gewesen sei. Von seinem Lohn erwirbt er jedesmal ein Lotterie-Los, in der Hoffnung, das Leben etwas zu verbessern. Er erwartet stets erneut einen Gewinn, der aber nicht eintrifft. Vor Kummer gibt er auch noch Geld in der Kneipe aus, um diesen Kummer zu ersäufen. Und er setzt sogar noch auf das Würfelspiel, doch er verliert wiederum, bis sein Geld völlig alle ist. So gibt er dabei als Pfand sein letztes Los her – dass Letzte was er besaß – und einige Tage später gewinnt dieses Los eine große Summe Geldes – aber das Los gehörte ja nicht mehr ihm. Er sieht keinen Ausweg mehr und nimmt sich das Leben. Seiner Familie hilft das allerdings überhaupt nicht. Erst sein klügerer Sohn wird erkennen, dass das Glücksspiel keine Lösung für die täglichen Probleme ist ..., dass nur die Arbeiterklasse gemeinsam einen erfolgreichen Kampf gegen Ausbeutung und Unterdrückung, gegen menschenunwürdige Arbeits- und Lebensbedingungen führen kann. –

Ja und wir in diesem problembeladenen Stück mit dem Bergmannslied irgendwo dazwischen.


Die Art der Sprache, man sagt auch: die Kunst der Mundart ist hier in Morgenröthe-Rautenkranz eine deutlich andere, als bei uns im Potsdam-Berliner Raum. Es ist auch keine nur sächsische Mundart, denn das wäre mehr so eine Art Sammelbegriff – womit ich sagen möchte: Schon das Sächsische allein hat viele Mundarten. Es ist vielleicht etwas kompliziert: einige Leute (Leitle) sprechen erzgebirgisch, andere scheinen Wert darauf zu legen vogtländisch zu reden – denn gerade hier bei uns verläuft die alte Grenze. Wir brauchen aber keinen Ausweis vorzeigen, wenn wir diese „Grenze“ überschreiten. Ein Stückchen weiter hinter dem Sachsengrund benötigt man dagegen schon einen „Propusk“ oder ähnliches, will man Freunde in der CSR besuchen. Diese böhmischen Dörfer sind nicht weit entfernt. Dort wird dann in erzgebirgisch-tschechischer Mundart gesprochen. Kommt aber ein Besucheraustausch zustande (?), dann wird wohl eher mit der Zunge „geradebrecht“, also die jeweils eigene grade, ordentliche Sprache etwas gebrochen. Die Erwachsenen fallen dann in eine Art Baby-Sprache zurück, damit sie sich angeblich leichter verstehen.

Schwerer als wir zu Hause haben es die Kinder hier leider auf jeden Fall, weil sie in der Schule völlig anders schreiben müssen, als die übliche Mundart der Erwachsenen es ihnen vorgibt. Es trotzdem möglichst richtig zu machen – darauf achten die Lehrer und die Erzieherinnen. Manche, wohl aber sehr wenige Eltern, achten darauf, dass bereits ihre kleinen Kinder die gleichartige Schul-Schrift und Laut-Sprache erlernen. Das erleichtert die ganze Angelegenheit bedeutend.


Kaum sind wir zwei Tage hier, erfahren wir, dass unser Fräulein Hennersdorf heute Geburtstag hat! Nur haben wir leider kein kleines Geschenk. Ein größeres aber auch nicht. Dafür wollen wir zumindest besonders freundlich sein, uns nette Scherze überlegen. Folgsam sein, ja ohnehin.

Wir gratulieren ihr und beglückwünschen auch ihre Mutter, die wir aber nicht sehen, dass sie eine so feine Tochter hat, wünschen ihr gute Gesundheit und immer freundliche Kinder.


Die wichtigsten Neuigkeiten sind nun erst 'mal erzählt, so dass ich in den nächsten Tagen weniger schreiben werde. Im Moment ist das ja viel mehr, „als es die Schule erlauben würde“.


Der Tagesablauf im Erholungsheim

Gegen 7.00 Uhr werden wir geweckt, dass heißt, es wäre wohl meist nicht nötig aber für uns ist das zumindest ein Signal nun Aufstehen zu dürfen. Das gilt auch für den Sonntag. Dann waschen wir uns, erst trocken, dann nass. Das Trockene ist eine Bürstenmassage, die die Haut innen gut durchblutet und den vielleicht noch ein wenig schläfrigen Kreislauf in Schwung bringt. Zu dieser Zeit, meint die Heimleitung, seien zum richtigen Wachwerden kalte Güsse angezeigt, die in grauer Vorzeit Herr Sebastian Kneipp erfunden haben soll. Jener war aber wirklich kein Gastwirt, sondern ein Pastor. Anschließend „machen“ wir die Betten. „Bitte recht ordentlich“, heißt es, den Bezug „Ecke auf Ecke gelegt, glatt gezogen und auch mal Hilfestellung für die Kleineren“. Einige der Jungen kennen das Lied, in dem die Zeile vorkommt: „... Dann machen wir die Betten und streichen sie schön glatt, damit das Fräulein (Inge) an uns nur Freude hat. Hali Hallo, Hali Hallo, wir sind Erholungskinder, vergnügt und immer froh. Hallo!“

Aufzuräumen ist im Zimmer nicht viel, aber umherliegen darf auch nichts. Dann endlich sammeln wir uns vor dem Speisesaal, in einer Zweierreihe geordnet angestellt, wo uns schon das leckere Frühstück erwartet. Oder wir haben mal ein bisschen zu warten. Dann stimmen die Erzieherinnen ein Lied an und wir fallen (nach Lust und Laune) mit ein. So ist eine kleine Wartezeit, bis die Speisesaal-Türen geöffnet werden, schnell überbrückt. Ja, die guten Küchenfrauen werden schon eine reichliche Weile früher ihr Tagewerk begonnen haben (mit Bürstenmassagen?), längst bevor wir aufstanden. Nach dem Frühstück, das wir zwischen 8.00 und 8.30 einnehmen, treffen wir uns zum Losgehen – auf unsere kleine Wanderschaft. Meist kehren wir mit einem Bärenhunger zurück, auch mal mit dem etwas kleineren Wolfsappetit und manchmal mit müden Füßen.

Etwa um 12.00 Uhr müssen wir zurück sein, denn zu dieser Zeit steht das schmackhafte Mittagessen für uns bereit. Vorher aber gibt es noch den täglichen Vitamin-Frucht-Saft. Wir erhalten diesen in Gläsern, die ein bisschen Ähnlichkeit haben mit den „Römern“, die bei uns zu Hause stehen aber selten benutzt werden. Nur sind diese hier etwas kleiner und haben keinen massiven Glasstiel, sondern einen Hohlfuß, den man umgreift.

Nach 12.30 Uhr dann eine Runde Wassertreten oder die kühle Dusche.

Zwei Stunden, also von 13.00 bis 15.00 Uhr dauert die anschließende Mittagsruhe. Liegeruhe! Wir müssen nicht unbedingt schlafen, uns aber in den Betten ruhig und ruhend verhalten.

Gegen 15.00 Uhr gibt es das kürzere, fröhliche Milchkafetrinken, „Vesper“ genannt, zu der wir ein Milchbrötchen oder ein Stück Kuchen bekommen.

Und wieder steht eine rund dreistündige Freizeitbeschäftigung mit stets wechselnden Themen im Plan.

Pünktlich um 18.00 Uhr schreiten wir dann zur Abendmahlzeit. Es gibt meist Brot, Butter und verschiedene Wurstsorten. Manchmal auch „ä Fettbemme“, – das ist eine Schnitte mit Schmalz bestrichen und leicht gesalzen. Die Brotscheiben dürfen wir einzeln belegen. Zu Hause gibt es meist „Klappstullen“, um leichter satt zu werden – das sind zwei Brotscheiben mit einmal Belag.

Zu den Schnitten gibt es meist Kräutertee. Eine Stunde haben wir dann nochmals Freizeit. Danach folgt das Waschen. Duschen findet aus Gründen der Gesundheitsförderung kühl statt, dann das Zähneputzen und anschließend geht es schon wieder „in die Federn“, denn wir sollen uns ausreichend erholen. In dieser Zeit können wir uns noch etwas unterhalten oder Fräulein Hennersdorf liest uns eine Geschichte vor oder die Erzieherinnen singen draußen im Flur etwas vom vogtländischen Volks- und Abend-Liedgut, wobei die Türen zu den Schlafräumen offen stehen, damit wir etwas davon haben.

Um 20.00 Uhr ist dann Nachtruhe. Zu dieser Zeit ist auch das Schwatzen einzustellen, weil selbst für wichtige Mitteilungen auch am nächsten Tag noch genügend Zeit bleibt.


Dienstag, 18. August – Wanderungen und Besichtigungen. Unsere Entdeckungen

Eindrücke sammeln wir in diesen Tagen viele, denn das Wetter ist meist gut zum Wandern geeignet und Fräulein Hennersdorf erzählt und zeigt uns eine ganze Menge. Auch wird viel gesungen. Sie hat eine zart-melodische, glockenreine Sopran-Stimme. Man muss sich also recht in ihrer Nähe halten, wenn man alles mitbekommen möchte. Da ist es außerdem von Vorteil, dass ich fast alle der bisherigen Lieder schon kenne, die Texte auswendig kann.


Besonders schön finde ich auf unseren Spaziergängen die kleinen Bäche, deren Wasser bergab gurgelt, plätschert und über Steine springt. Zwischendurch probieren wir das Wasser mit den Füßen, heimlich und schnell, denn die Gruppe zieht sich beim Wandern sonst zu sehr in die Länge. Hui, ist das aber kalt. Eine Kostprobe, mit der hohlen Hand geschöpft, beweist, dass es wohlschmeckend ist. Kleine „Baumborken-Schiffe“ setzen wir aus, zu einer gefahrvollen Reise durch die Stromschnellen. Bei uns zu Hause geht so etwas in der Straße nur nach einem starken Gewitterregen, wenn das anfangs schmutzige, später klarere Wasser im Rinnstein zum Straßengully läuft. Hier aber geht das jeden Tag – auch ohne Gewitter – läuft es auch jede Nacht mit kristallklarem Wasser.

Wir besuchen natürlich auch die „Große Pyra“, begleitet sie doch, sich schlängelnd, die Straße zwischen Rautenkranz und Morgenröthe. Ihr braucht aber keine Angst um uns haben, denn die Große Pyra, das ist keine Schlange, wie man vermuten könnte, auch wenn sie von weit oben etwa so aussehen mag. Sie ist eine dieser größeren Bächle oder ein kleiner Fluss. Sie wird bei Rautenkranz von der Natur mit der Zwickauer Mulde vereinigt. Schrieb ich schon. Beide wirken sie so harmlos und doch kam es vor fünf Jahren nach einem harten, langen und schneereichen Winter zu einem gewaltigen Hochwasser, bei dem beide Gewässer über ihre Ufer traten, weite Teile des Tales und viele Keller überfluteten und Möbel in Erdgeschosswohnungen umherschwimmen ließen – also trauriger Weise große Schäden anrichteten. An einigen Häusern sieht man Blechtafeln, auf denen der damalige Wasserstand gekennzeichnet ist. Fast unglaublich aber wahr und schlimm.


Die Erhebungen und Höhenzüge erreichen hier durchaus beachtliche Meterzahlen. Der Thierberg 785 m. Der Gipfel mit dem berühmten „Schneckenstein“, diesem Halbedelstein-Topasfelsen, misst 883 m, der Königshübel (auch Königsgipfel genannt) 888 m, der Aschberg im Süden soll 936 m hoch sein und der Schneehübel sogar 974 m. „Er ist dr hechste Barg im Vugtland“. So wird es uns stolz gesagt. Jo, dos is e Barg! „Wo aber können wir den nächsten Tausender stürmen?“ – frage ich, ungewohnt vorlaut. Die Antwort auf solch eine leichte Frage ist sehr schwer.

Das mit der Bezeichnung „-Hübel“ erscheint hier wie eine untertreibene Bescheidenheit. Fast einen ganzen Kilometer hoch! Nur sehen wir das nicht so genau, weil uns ja der Vergleich zur Meereshöhe fehlt – denn wir können ja nicht zur gleichen Zeit ... Bei uns zu Hause sind die „richtigen Berge“ zwischen 60 bis höchstens 200 Meter hoch, bei der Lage der Stadt von 35 m über normal Null.

Die Kleinbahn ist hübsch anzusehen. Solche kleinen Dampflokomotiven wurden damals auch bei uns in Neuendorf und Drewitz in der Firma Orenstein & Koppel gebaut, wo Opa und Vati gearbeitet hatten – auf dem gleichen Betriebsgelände des heutigen VEB Maschinenbau „Karl Marx“ in Potsdam-Babelsberg. Von dort aber kommen natürlich auch die riesengroßen Schnellzuglokomotiven der 01-er bis 03-er-Baureihe mit ihren über mannshohen Rädern.


In Morgenröthe gibt es die Eisengießerei mit dem gewaltigen Hochofen aus dem Jahre 1819, der aber bereits im 18. Jahrhundert einen Vorgänger hatte. Hier wurden sogar Kirchenglocken aus Eisen gegossen und zwar „nach einem Geheimrezept“. Zwar aus der Eisenschmelze aber mit verschiedenen hineinlegierten Zusätzen. Ein neuer „Klanghartguss“, der den alten Glocken in der Schönheit des vollen Tones in nichts nachstehen sollte aber sich außerdem viel preisgünstiger stellte. Sonst waren die Glocken ja früher eher aus Bronze, einem Schmelzgemisch, also einer Legierung, aus Kupfer und Zinn. Ebenfalls wurden in diesem Betrieb Bauteile für Öfen und Herde mit schmuckverzierten Oberflächen gegossen, Denkmalstafeln und sogar Figuren – Erzeugnisse des aufwändigen Gießerhandwerks, deshalb auch besonders ehrend, Kunstguss genannt. (Gunstkuss ist dagegen 'was ganz anderes.) Das Werk wurde wohl ungefähr seit 1618 betrieben und seit 1798 bis 1945 von Söhnen der Familien Lattermann geleitet, die dann als „Hammerherren“ bezeichnet wurden. Der letzte Hammerherr aus der Familie, der Lattermann, Johann Gottfried L. (1879 bis 1950) war von seinen Interessen her wohl kein geborener Metallurge. Lieber beschäftigte er sich in freien Stunden mit dem Schreiben von Gedichten und auch eine Anzahl von Liedern verfasste er. Sehr bekannt wurde sein

Dr Schwamma-Marsch“, der sich mit dem Sammeln von Pilzen befasst. Nein, das ist hier kein Schreibfehler von mir. Hinter Dr fehlt überhaupt kein Punkt, denn einen Doktor Schwamma gibt es natürlich nicht. Diese Kürzung ist so eine Art berechtigter Mundart-Stenografie. Zu diesem literarischen Schaffen gehörte auch ein kleines Volks-Theaterstück.


Lieder des Herrn Lattermann

Schwarzbeer-Lied

Gedichte

Bleb raacht lang be uns!

Trutz-Liedl

Dr gute Hannl

Dr Hammerschmied

Winterlaahm

Dr Wühler

Dr Lockzessig

Dr Schwamma-Marsch

Heimatglocken

Dr tapfre Heinerich


Wo ist Gott?

Glückauf un Willkomme

Volksstück („Schwank“)

Zen neie Gar

Mei Haamitlied

De Schatzgräber



Über weitere Ereignisse um die Familie Lattermann hören wir nichts – ich werde erst viel später davon erfahren: Der Betrieb war bis nach dem Kriegsende, also wie meist üblich, ein privater, damit also ein kapitalistischer und die Lattermanns wurden somit als Ausbeuter ihrer Arbeiter bezeichnet – völlig unabhängig von ihrem wirklichen Sozialverhalten. Der jüngere Lattermann, der Herr Gottfried L. war sogar Mitglied in der national-sozialistischen Arbeiterpartei. Es gab nur noch die Eine. Ein Partei-Genosse war er. Möglicher Weise war er nach dem wirtschaftlichen Tiefpunkt der Weltwirtschaftskrise, nach Arbeitslosigkeit der Arbeiter und Hunger in den Familien sogar froh, dass es wieder aufwärts ging und wollte etwas mitbewirken. Damals war der Eintritt in die Arbeiter-Einheitspartei gewünscht, heute muss das als sehr schlecht bewertet werden! Das versteht sich dann von selbst, wenn man bedenkt, was während der Nazi-Zeit Schreckliches bis 1945 geschah, das Unmenschliche absichtlich getan wurde. Vielleicht haben sich der Herr Lattermann, und auch so sehr viele andere Menschen, nicht frühzeitig den Überblick verschafft, dass diese Partei und deren Führung künftig das Leben unzähliger Menschen grausam missachten würde und sogar einen Zweiten Weltkrieg anstrebte und ausführte. Andere und darunter vor allem persönlich Betroffene hatten das früh geahnt, vermutet, später deutlich erkannt.

Diesen Makel, ein Parteigenosse in der Diktatur des National-Sozialismus gewesen zu sein, trug der Herr Lattermann nicht allein. 1933 hatte Deutschland 3,9 Millionen Genossen in der NSDAP, 1943 waren es, obwohl der schreckliche Weltkrieg allen vor Augen geführt wurde, sogar etwa 8,5 Millionen Deutsche! Und die sind auch heute ja nicht etwa alle ganz fort. Das macht die Sache nicht besser, nein, es ist schlimm zu verkraften. Für die Massen hörte es sich ja (anfangs) gut an: Für die deutsche Nation! Für einen nationalen sozialen Sozialismus! Für die Interessen der Arbeiterschaft! Doch der als Gesicht ausgesuchte Name ist eben nicht immer der wahre Inhalt. Doch warum hatten die Leute dann nach einem eventuellen späteren Erkenntnisprozess die Parteizugehörigkeit nicht haufenweise aufgekündigt, das Parteibuch nicht zurück gegeben, sondern irgendwie mitgelaufen? – auch dafür gibt es natürlich Gründe.

Also, der Herr Lattermann war nicht als Soldat im Krieg, er hat niemanden totgeschossen oder anderweitig drangsaliert, sondern hat hier mit Frau und Sohn den Betrieb wohl nur so leidlich geführt und war als Chef auch eigenwillig und nicht für alle die gewünschte „sozial durchdrungene Vaterfigur einer größeren Betriebs-Familie“, sagt man. Er hat viel lieber still in seinem Zimmer gesessen und gedichtet. Wegen dieses schlimmen Verhaltens in jenen widrigen Umständen wurde die Familie Lattermann 1946 von der neuen Regierung im Sinne und in Ausführung der Diktatur des Proletariats beim Aufbau eines nun eher „internationalen“ Sozialismus, enteignet. Das bedeutete: Das Eigentum, also die Produktionsanlagen mit Hochofen, Eisenbearbeitung und Gießerei sowie das Grundstück und ihr Wohnhaus wurden der Familie Lattermann zur Strafe weggenommen. Ohne eine Entschädigung. Das Fortnahmegut wurde ein Eigengeschenk des Staates an den Staat. Es wurde zum „Volkseigentum“ erklärt. – So ging es in tausenden Menschenschicksalen und oft sogar noch dramatischer für die Betroffenen aus.

Die Familie Lattermann musste auch ihre Wohnung ohne ihr wesentliches Mobiliar verlassen, wurde quasi über Nacht zum obdachlosen Flüchtling im eigenen Land und bekam in dem etwa 20 km entfernten Ort Sorga bei Auerbach einen kleinen Wohnraum unter dem Dach eines Gebäudes des Volkseigenen landwirtschaftlichen Gutes, dem vormaligen aber genauso enteigneten Rittergut, zwangsweise zugewiesen – da gab es nichts zu wählen. Aus ihrem Mansardenfenster konnten sie nun zusehen, wie jetzt sozialistisch gewirtschaftet wurde. Ihr früheres Eigentum, ihr Vaterhaus, durften sie nicht mehr besuchen, nie mehr betreten. In Sorga starb Herr Lattermann wenige Jahre später an Krankheit und vor Gram und auch vielleicht des Alters wegen. –

Die Kenntnis auch dieses Schicksals hat mich tief berührt und bewegt, gab mir zu denken.


Wir haben nun erfahren, dass sich die Familie Lattermann mit dem metallischen Kunstguss beschäftigt hatte. Der Familienname weist aber noch auf einen anderen Beruf zu sehr viel früherer Zeit hin. Nicht, dass Ihr jetzt vorschnell denkt : Latter? Holz-Latten-Zaun? – da muss es wohl Tischler oder Zimmerleute in der Familie gegeben haben. Nein, nein, der Begriff kommt aus dem niederdeutschen Sprachraum von „lassen“ – eine Kurzdarstellung des Aderlassens, um z. B. den Blutdruck zu senken. Eine Art entnommener Blutspende zum Wohle des Patienten. Und so war dieser Lasser-Mann / Aderlasser / Blutzapfer vermutlich ein „Barbier“ (Frisör) mit Kenntnissen in der Kleinchirurgie, ein „Bader“ oder in vornehmen Fällen gar der „Stadtphysikus“. So viele Ärzte für solche einfachen Behandlungen gab es ja noch nicht – das oblag eben anderen Berufen und das alles fand etwa im 12.-13. Jahrhundert statt, als für die Leute endlich Familiennamen aufkamen. Der Lasser, auch Lesser oder eben Lattermann, war also die Bezeichnung für einen Menschen, der sich bemühte mit seiner Tätigkeit der Gesundung anderer Leute zu dienen.


Wir umrunden auch die Kirche im Ort. Diese ist mehr als 100 Jahre älter als wir. Man hat damals sehr gründlich daran gebaut. Von 1838 bis 1842 dauerte es. Einen Deckel für das Taufbecken, denn es sollen ja um Himmels Willen weder viel Staub noch ein Kind hineinfallen, spendete der damals amtierende Hammerherr Lattermann. Selbstverständlich war dieser Schmuckdeckel auch im Morgenröther Eisenwerk hergestellt worden.


Mittwoch, 19. August

Das Singen geht hier ganz frei von Seele und Zunge. Jeder, der kann und will, macht mit. In der Schule ist der Musikunterricht dagegen etwas seltener und sehr gezwungen. Potsdam-Babelsberg (DDR) liegt ja direkt an West-Berlin und so ist auch die Anstellung für so einige Lehrer an unserer Schule wie ein „Sprungbrett“ in den Westen (nähere Erläuterung im Anhang) und so gibt es bei uns viel und ganz leisen Musikausfall.

Dr Vugelbeerbaam“ – ein Lied über die (medizinisch wertvolle und optisch schöne) Eberesche. Die Eberesche steht in der Zeit unseres Aufenthaltes schon in voller orange-farbener Beerenpracht. Wie ich bereits erwähnte, singen und schreiben die Arzgebargler und die Vogtländler etwas unterschiedlich. Ich möchte nicht „dazwischen kommen“, ich meine: zwischen Ebereschenbaum und dessen Borke oder richtiger: Rinde. Deshalb versuche ich den Text der ersten Strophe ziemlich unparteiisch auf Hochdeutsch aufzuschreiben. Beim Singen würden mir ansonsten gewiss auch viele Mundartfehler unterlaufen.



Der Vogelbeerbaum


Kein schön'ren Baum gibt's, als den Vogelbeerbaum, Vogelbeerbaum, Vogelbeerbaum.

Kein schön'ren Baum gibt's, als den Vogelbeerbaum, Vogelbeerbaum, ei ja.

(und dann geht die Wissensvermittlung sehr lustig weiter mit:)

Ei ja, ei ja, der Vogelbeerbaum, der Vogelbeerbaum, der Vogelbeerbaum,

ei ja , ei ja, der Vogelbeerbaum, der Vogelbeerbaum, ei ja.



Ist das nicht ein so recht zu Herzen gehender Text? Nur soviel von mir zu einer der vogtländischen „Nationalhymnen“, denn ich merke schon, dass ich die Fortsetzung doch lieber einer Fachfrau oder einem Fachmann überlassen sollte.


Na gut, ein weiterer Versuch noch zur „Entschädigung“. Eine Volksweise, wohl aus Baden, einem Gebiet das heute in Westdeutschland liegt, die zu uns herüber geschwappt ist. Und die geht so:

Heut' kommt der Hans zu mir“ ... lesen wir am Ende dieses Berichts „im Liederbüchlein“ nach.


Gemeinsam aber etwa Schlager zu singen, geht gar nicht, ist hier nicht üblich. Frau Böhm legt großen Wert auf die gute Pflege des Volksliedgutes. Das ist ja schließlich auch nicht schlecht. Aber wir Jungens tauschen uns schon mal gedanklich aus, denn es gibt so viele schöne Schlager, deren Texte ich hier nicht extra aufschreibe – aber wenn ich wollte, könnte ich es schon. Na ja, es ist sowieso etwas schwierig mit diesen Schlagern, weil ja nicht alle Sängerinnen und Sänger ihren Wohnsitz in der Deutschen Demokratischen Republik gewählt haben. Vielleicht reichen die Radiosender mit diesen Liedern auch nicht alle bis hierher. Ja, – einen tschechischen Radiosender könnten wir bestimmt ganz ausgezeichnet empfangen – aber wir haben und brauchen hier auch kein Radio, wir vermissen es nicht, denn jeder Tag ist gut und voll ausgefüllt.


Irgendwie ist mir aber net so recht gut dabei, würde ich euch Leserinnen und Lesern die Wohllaute des Vogtländischen nur wegen meines Unvermögens unterschlagen. Deshalb gebe ich fei einige Sätze aus berufenem Munde zur Probe (mit denen viel, viel später) die Rautenkranzer Familie namens Stahl ihre Pensionsgäste begrüßen und jene Besucher herzlich erfreuen wird. Zwar darf ich den Text mit ihrer Zustimmung übernehmen und hier zeigen aber gesprochen wird er sich immer etwas anders anhören. Wir wissen ja: wenn beispielsweise die Wiegen von zwei Vorlesenden nur einige Kilometer voneinander entfernt standen aber eben die hohen Hübel trennend dazwischen stehen, so dos sich de Aussproochen verschieden entwickelten, weil man zu wenig Kontakt miteinander haben konnte. Geschrieben wird es ja sowieso unterschiedlich und ist somit immer richtig, weil es ja kaanen Mundart-Duden nich geben kaa.


Los geht es mit einigen mundartlichen Beispielen:

Begrüßung:

Wir freie uns, dos ihr bei uns seid!

Ihr sollt eich bei uns genausu wohlfühln wei bei eich drhamm. Wir wünschen eich e paar schiene Tog in unnerer Sommerfrische Morgenröthe-Rautenkranz.

Wir wolle eich e wen'g off unnere scheene Haamit mit ihren machtgen Wassern, klaaren Bacheln, bunten Bargwiesn un geheimnisvollen Hochmooren einstimme. In und um unner schienes Dorf gibt's su manniches ze saah.“


Mensch, wenn du willst wirklich gelücklich sei, laaf ner racht weit in' Wald drei nei,

wu's Bachel rauscht, wu's murmelt und klingt, wu's Vögele sei Liedel singt“.


Wenn ihr su durch unner Wald wannert, kennt ihr de gesunde Bargluft genießn und su manniges Naturwunner auf eire Seele wirken lassen: Gewaltige Baamer, stille Bargweiher und munter plätschernde Bächel. Oftmals birgt a su manniges Klaanes wos wunderbares – sei's e klaanes Blümel, e Schmotterling oder e Käferle. Und Schwamme gibts gedes Gahr im Herbst – dos ist ne wahre Pracht. Dr Lattermann, Gottfried, aus dr Morgenröth, hat nämlich aah den Schwamme-Marsch ausgedacht.

In unnern Waldgebiet an dr Grenz zwischen Arzgebirg, Vugtland und Böhme gibts enne Menge aazegucken. Net nur den Wald – a Museen und Haamitstubn, Warkstätten un net ze vergassen: unnere Wirtschaften und Gasthaiser. Hier habt ihr alles zesamm un dos alles kennt ihr eich in und um Morgenröth'-Rautenkranz aagucken.

Wenn ihr emol wos wissen wollt, braucht ihr fei net an Harzdricken ze schtarm. Frocht uns ner aafach.


Wenn's Watter mol racht garstig is, un kaaner hat su richt'ge Lust zum Wannern, gibts Spiel un Sport. A de Kinner ham viel Platz, wo se rimbaldobern kenne.


Am Ohmd:

Gerod, wann mer den ganzen Tog lang gewandert sinn, is es immer schie, wenn mer am Ohmd besamm' hocken kaa. Bei unnern Liedern kimmt de Stimmung dann von allaa.


Abschied:

Vielleicht kummt ihr aah emol wieder verbei. Mir täten uns freie.

Bis dohi wünschen mir eich alles Gute!


Danke, sage ich für diese sprachlich-farbenfrohe Einstimmung!


Nun aber wieder zurück zum heutigen Mittwoch und zu unseren neuesten Erlebnissen des Tages:

Nach dem Frühstück, vor den Wanderungen, achten Fräulein Lange und Fräulein Hennersdorf auch darauf, dass unsere Schuhe pflegend gefettet sind und wir ordentlich aussehen. Das klappt meist, denn wer möchte schon neben ihnen sehr unordentlich „abstechen“?

Die Schuhe putzen wir, wenn sie wieder ausreichend trocken sind, vor dem Haus. Nur wenn es emol rächnet, dann im Treppenhaus. Bald entsteht dann eine „schwere Schuhputzduftwolke“, die zu Kopfbrummen führen kann. Fast alle von uns nutzen die gute feste Hartschuhcreme der Firma „VEB Wittol“ aus Wittenberg an der Elbe (also der Lutherstadt, bitte nicht verwechseln mit der Stadt Wittenberge an der Elbe, doch in der Prignitz liegend), manche haben die cremige aus der Tube, von „Eg-Gü“, also der Firma von dem Herrn Egbert Günther aus Dresden – an der gleichen Elbe. Ein Junge hat eine vornehme Blechbüchse von „Erdal mit dem Frosch“, mit einem Knebelöffner am Deckel, dabei. Die kommt wohl von sehr weit her – aus dem Westen – und ist vielleicht von einem Weihnachtspaket übrig geblieben. Oder so. Wir anderen aber krallen wie üblich schlicht die Plastedeckel mit den Fingernägeln von den Plastedosen herunter – das geht auch – und wollen die Nägel (schon deshalb) nicht gar zu kurz schneiden, denn die Pflege der Schuhe findet an jedem Tag statt.

Nun aber gehen wir endlich los.

Wir wandern die Schönheider Straße entlang, vorbei am Landgasthof. Dann auf der Straße „Am Filz“. Das hat nichts mit einem alten Hut oder Lodenmantel zu tun. Nein, der Ausdruck möchte ein sumpfiges Wiesengebiet bezeichnen. Daran denkt man als Laie gar nicht, da dieses Gebiet am sanften Hang liegt – wie könnte dort an der Schräglage die Wassermenge wohl einen Sumpf bilden? Hier sehen wir das große Gebäude der wichtigen Elektroumspann- und Verteilerstation des VEB Energieversorgung, von der auch unser Heim den Strom bekommt. An wenigen Häusern gibt es noch Ziehbrunnen im Garten, das sind Kesselbrunnen mit einem Eimer an der Kette hängend. Im Eimer wird das Wasser aus der Tiefe heraufgekurbelt. Dann, ein Stück weiter, wieder bergab, biegen wir gleich hinter der Mulde und dr Feilenhauerei (Firma Neubert) nach links in den Wald nei. Hier sind wir an der Grenze – links der „Feile“ Erzgebirge, rechts von diesem Gebäude – das Vogtland. Nun gehen wir auf dem Ameisenweg am Wiesenrain entlang. Manometer, gibt es hier aber viele und riesige Wohnhübel der Roten Waldameisen, der „Volkspolizei des Waldes“. „Vielvölkerpolizei“ müsste man eigentlich sagen. Ein quirliges chaotisches Durcheinandergekrabbel – denken wir vielleicht und dabei hat doch jedes der Tierchen seine wichtige Aufgabe und erfüllt diese – offenbar ohne viele Fragen und anscheinend ohne jeden murrenden Widerspruch. Emsig und, zumindest für unsere Ohren, lautlos.


Sodann treffen wir vorerst auf den gefährlichen „Todesfelsen“. Manche Einwohner nehmen wohl dieses Wort wegen der Grauslichkeiten des Ganzen nur hinter vorgehaltener Hand in den Mund. Fräulein Hennersdorf hält dagegen hier einen kleinen Vortrag über unterschiedliche Gesteinsarten bei denen der Granit den Vorrang hat, ferner über die zu schützenden heimischen Tiere. Kreuzottern zählt sie auch dazu, die sich gern fei auf dem Weg sonnen – wir aber sahen keine und das war für uns kein echter Verlust. Sie spricht über die Schönheiten der Pflanzen überhaupt ... und, dass man in gefährlichen Situationen (Todesfelsen) nicht etwa drängelt oder andere schubst, die Jungen nicht und nicht die Mädchen, sondern, dass man sich achtsam verhält und sich gegenseitig kameradschaftlich hilft. – Irgendwie war da aber auch noch von Hexen die Rede. –

Hexen? Ja, richtig, wenn man auf dem Ameisenweg vor dem Felsen steht, befindet sich unten links eine Fels-Ausbuchtung, eine felsüberdachte große Nische, „de Hex'nküch'“. Tisch und Bank haben darin Platz. Recht gemütlich. Besonders wenn es regnet. Auch wird dann die Suppe nicht verdünnt. Wegen dieser H.-Küche soll eigentlich „Hexenfelsen“ die „richtige wissenschaftliche Bezeichnung“ für diesen Felsen sein, hören wir – und nicht etwa solch eine volkstümelnde Benennung als „Todesfelsen“. Was aber mag nun ganz wirklich wissenschaftlich besser d'ran sein an dr Hex'? Das ist bisher das Einzige, was die sonst so klugen gruppenbetreuenden Erzieherinnen auch nicht genau wissen. Ich denke, es könnte eher ä Krutkundige odr ä Schwammeweible gewese sei, das sich hier von des Tages Anstrengung und von ihres Lebens Müh' un Plag' ausruhte, etwas sehr Schönes träumte und aus Altersschwäche ganz friedlich in die Ewigkeit hinüberschlummerte. Doch meine Vermutung ist ja auch nicht wissenschaftlich belegt … es ist mehr so eine Wunschantwort auf eine Glaubensfrage, die zum Meinungsstreit führte. Mein Glaube bedeutet: Ich denke schon, dass es so gewesen sein könnte aber ich kann es nicht beweisen. So zumindest hätten wir hier die freundlichen Doppelnamen „Morgenröthe-Rautenkranzer Hexen-Todesfelsen“ geschaffen, hätten eine schöne Geschichte und endlich eine durchaus glaubhaft-mögliche Erklärung für die Felsenbezeichnung. Alle diese Namensstreithähne wären damit vielleicht ein bisschen miteinander versöhnt. Es muss doch durchaus nicht immer mit Mord und Totschlag einhergehen und es fiel ja wohl nicht einmal der berüchtigte Hexenschuss. Wie es auch gewesen sein mag – ob nun der ruhespendende Gevatter Tod beim Kräuterweiblein seine gerippige Hand sanft anlegte oder aber mit einem wissenschaftlichem Umweg über de Hex' – egaa.

Trotzdem dringend zu beachten: Suppe aus dr Hexenküch' und deren Inhaltsstoffe! Die orangefarbenen Hüte vieler Fliegenpilze am Wegesrand locken die Einen und warnen die Anderen. Alle Tiere wissen schon ganz von alleine was ihnen gut tut und was gemieden werden muss.

Der viele neue Lernstoff aus Fräulein Hennersdorfs Pflanzenwissen braucht uns jetzt aber nicht belasten – ich hänge ganz hinten mal eine Liste an. Diese könnte auch genauso gut aus der Notizkladde „der alten Kräuterfrau vom Felsen“ stammen, über die wir eben sprachen. Unser Kräuterfräulein sieht aber zwischen den Bäumen, Sträuchern und Blumen eher aus wie eine gute Waldfee, eine blutjunge.


Der Ameisenweg, der ansteigende Hochwald und andere Orte auch, werden von den Einwohnern stets „sauber“ gehalten. Die vielen sonst umherliegenden Fichtenzapfen, Bruchholz und Reisig sammelt man gern auf, denn sie sind als kienig prasselndes Feuerholz sehr begehrt. „De Leit räume auf, wos for de Ameisen zu schwer“. Man hilft sich eben kameradschaftlich – hier wie da. Ich betreibe das Sammeln des Holzes zu Hause bequem mit dem Handwagen. Ein Sammelschein „für Knackholz“ kostet für's Jahr bei unserem „Staatlichen Forstwirtschaftsbetrieb“ 3,- Mark ... für einen vollen Holzschuppen und eine warme Wohnung. –

Die vogtländischen Winter sind hart, kalt und ähnlich lang wie die erzgebirgischen. Das „Sächsische Sibirien“ sagt man zu dieser rauen Gegend. Das Sommerhalbjahr geht hier schneller vorbei, als im Flachland und deshalb gedeihen hier beispielsweise auch keine Kirschen. Das ist also ganz natürlich. Wir wissen das, denn in unserer DDR gibt es ja natürlich auch nur zu Weihnachten beispielsweise Bananen und Apfelsinen, falls die Post, diese Früchte in Paketen verpackt, bestimmten Leuten in die Wohnung bringt. Aber das ändert sich demnächst, denn man kann die Produkte der Natur auch durch Handelsbeziehungen mit den vielen befreundeten Ländern gut ausgleichen.

Deshalb lehrt Walter Ulbricht uns gerade auch in diesen Tagen ganz frisch die Weisheit:


„Die Deutsche Demokratische Republik wird auf allen wichtigen Gebieten der Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln und Konsumgütern, Westdeutschland einholen und zum Teil übertreffen. Obwohl grundsätzlich die Überlegenheit der sozialistischen

Gesellschaftsordnung über das kapitalistische System in Westdeutschland schon jetzt

feststeht, wird diese Überlegenheit in den nächsten Jahren auf allen Gebieten bewiesen

und der Sozialismus ... zum Siege geführt.“ (Ausführungen zum 7-Jahr-Plan)


Na, mal sehen – wollen wir alles Gute dazu tun.


Wir aber sind vorerst noch auf unserer Wanderung: Weitere Schauergeschichten gibt es über Hochmoore und Menschen, die darin versanken – doch ich wette, Fräulein Lange weiß noch mehr darüber, als sie uns erzählt. Das wäre aber vielleicht auch für die Jüngeren in unserer Gruppe nicht so gut – deshalb schweigt sie zu diesem Thema.

Gut aber, dass die Sonne die Landschaft in ein so freundlich warmes Licht taucht, denn von hier an könnte es einen sonst eher frösteln. … Die Sehenswürdigkeiten werden immer grauslicher, wenn man nicht übermütig oberflächlich umhertollt oder gar „rimbaldobert“, sondern sich in die schrecklichen Wahrheiten der menschlichen Geschichte hinein vertieft:

Der nächste Haltepunkt am „Sandigen Weg“ ist nämlich der Jungfernfelsen. Das ist hier gar nicht so lustig und romantisch wie es beispielsweise damals bei „Katjuscha“ war. (Lied am Ende des Berichts). Es begab sich nämlich vor etwa 333 Jahren, ja, genau hier im Rautenkranzer Wald. Ausgehungerte Soldaten des General Tilly und des ziemlich streng katholischen österreichischen Kaisers wollten, mitten im Krieg der genau 30 Jahre dauerte, ein völlig unschuldiges Mädchen fangen und mit ihr, gern irgendwelche zu derben Späße treiben. In ihrer Not eilte der weibliche Backfisch (das ist diesmal ein mehr norddeutscher Ausdruck, der im Vogtland sonst wenig Geltung bekommt), hoch auf das Felsenversteck. Als sie aber gewahr ward, dass sie den Häschern, diesen ungehobelten Grobianen, nicht entkommen konnte, kein guter Ausweg für sie frei blieb, fasste sie ihr Herz sowie einen endgültigen Entschluss und sprang vom Schwindel erregend hohen Felsen hinab in die Tiefe. Sie suchte das Entrinnen in die Freiheit und fand aber, ach, nur den viel zu frühen Tod. In dieser schrecklichen Kriegszeit stand ihr kein einziger Schutzengel rechtzeitig bei.

Eine anrührende, sehr traurige und wahre Geschichte. Am Felsen steht leider nicht, wie denn das arme Mädchen überhaupt hieß. Da müsste man in der Chonik zum alten Kirchenbuch nachsehen, um für sie eine ganz persönliche Gedenktafel aufzustellen und als Mahnung für andere. Man könnte diese vielleicht in dauerhaftem, rostfreien Morgenröther Kokillen-Kunstguss fertigen. Ach was, nur so eine Idee – das holde Mägdelein hätte ja nichts mehr davon. Und war es nicht überhaupt so, dass die Siedlung um diese Zeit hier erst gegründet wurde? Da waren der Pastor und sein Kirchenbuch wahrscheinlich überhaupt noch nicht anwesend.


Bei diesem Jungfern-Gedenkfelsen zweigt der Weg ab, der uns, vorbei am Vogtlandsee, nach Grünheide führen könnte. 1,5 Kilometer wären das nur noch. Dort durfte ich mich vor etwa vier Jahren auch schon einmal zum Erholen aufhalten.

Eigentlich wollte ich nun, zur Abwechselung und Entspannung, etwas fröhliches erzählen und notieren aber in der Wirklichkeit geht das nicht immer so, wie man es wünscht. –


Jetzt also kommt es noch schlimmer: genau genommen – doppelt so schlimm, als ein Todessprung:

Nur ein kleines Stück des Wegs weiter – wir konnten uns gerade an den großen, im Sonnenlicht blau und grün schillernden Libellen erfreuen, die sich am Zinsbach tummeln – sie zählen auch genauso zu den Raubtieren wie die Löwen – und schon wieder taucht vor unseren geistigen Augen ein weiteres Blutbad, ein doppeltes, auf. Auch dieses ist wiederum leider sehr wahr. Es ereignete sich am 23. Mai 1903. Erst vor einem reichlichen halben Jahrhundert – trotzdem vor einer schier endlos langen Zeit. Und das war damals so:

Zwei Forstmänner, der Forstassessor namens Hertel und der Waldwärter Röder wollten hier gern einen Wilddieb zur Strecke bringen, der den schönen haamitlichen Wald für die Tiere unsicher machte. Das aber sollte schließlich nur den Forstleuten vorbehalten bleiben. Dieser namentlich noch unbekannte Wilderer ging in den Wäldern seit längerer Zeit seinem kostengünstigen aber ungenehmigten Waidwerk nach.

Schon schön, dass beide Jagdleute dem gleichen edlen Gedanken nachgingen. Weniger gut, dass sie beide nicht vom gleichen Gedanken des anderen wussten und deshalb unabhängig voneinander am Abend, zu gleicher Zeit, leise durch das Unterholz desselben finsteren Fichtentanns schnürten. Sie hatten ihre gute Tarnbekleidung angelegt – dunkelgrüner Lodenmantel unn ä Filzhütle, – konnten sich daher weder riechen noch sehen. Nur ihre lauschend spielenden Gehöre vernahmen den jeweils anderen und beide vermuteten im unterdrückten Räuspern oder beim Knacken von Zweigen, ungewollte Lebensäußerungen des diebenden Wildmörders. Schließlich schossen sie kurzentschlossen sehr kurz nacheinander. Aufeinander, – also auf den vermeintlichen Wilderer. Und sie waren als wackere Forst- und Jagdleute recht treffsicher.

Der Förster Hertel, zu Tode verwundet, schleppte sich, ein rotes Blutrinnsal hinter sich herziehend (Schweißspur sagt der Waidmann), gerade auf dem Ameisenweg entlang, auf dem wir soeben hierher kamen, bis hinunter zur Feilenhauerei. Die gab es damals schon. Dort brach er, des Blutes verlustig, zusammen. Man konnte ihn noch den ach zu weiten Weg – bis hin auf den Operationstisch im Zwickauer Krankenhaus bringen. Doch in der Klinik angekommen, schloss der gute Mann leider noch vor der vielleicht rettenden Operation für immer seine Augen.

Der Herr Waldwärter Röder, war ebenfalls so stark getroffen, dass er noch im Walde starb. Mehrere Kinder hatten nun keine Väter mehr, waren plötzlich halbe Waisen. Der einzige, der wohl frohen Mutes und auch satt war sowie gesund blieb, war der Wilddieb. Dessen Namen, Gesicht und seine weitere Lebensgeschichte kennen wir nicht – vielleicht gar niemand – außer ihm selbst.


Wir aber wandern weiter, dass heißt, eigentlich schließen wir bald den Spazier-Kreis, denn wir sind schon wieder auf dem Heimweg. Nochmals kurz zum Filz und dann auf dem Höhenweg entlang. Hier sind wir hoch über der Schönheider Straße und sammeln uns am Cottafelsen.

Also, dieser Felsen trug noch nicht immer diesen Namen. Man nannte ihn einfach so, um auch endlich im Vogtland den großen, gutmütigen Forstwissenschaftler und Waldbiologen Heinrich Cotta zu ehren (er lebte von 1763 bis 1844). Leicht und locker war er befreundet mit Johann Wolfgang v. Goethe, dem Älteren (1749 bis 1832), mit Alexander von Humboldt (1769 bis 1859) und noch weiteren Menschen. Also, im Jahr 1842 bekam dieser Felsen eine schmucke Gedenktafel, die nun auch uns an den Herrn Cotta erinnert. Er sah sie noch. – Genau an solch eine Morgenröther Kunstgusstafel dachte ich vorhin als Denk- und Mahnmal für den Jungfernsprung-Felsen.

Wir haben es von hier nur noch ein kleines Stück des Weges, bis wir wieder unten auf der Straße sind und können gleich fast geradeaus die Carlsfelder Straße bis zum Heim gehen. Immer leicht bergan – und das leckere Mittagessen wartet schon und zieht uns an wie ein Magnet. – Ja, wir können sagen: uns geht es hier sehr gut. Das liegt an Frau Böhm als Leiterin, an den Erzieherinnen, an den Küchenkräften, dem weiteren Personal ... und vielen fleißigen Menschen die wir gar nicht kennen, die uns und hunderten anderer Kinder diesen Aufenthalt ermöglichen, denn am Ende dieser Zeit bekommen wir ja nicht etwa für die Eltern eine Rechnng in die Hand gedrückt – es geht alles so! Im Alltag fällt einem das nicht auf aber hier darf man schon mal froh und dankbar darüber nachdenken.

Ich aber muss jetzt auch mal daran denken, dass ja Schulferien sind: Ich kann nicht über jede Wanderung soviel schreiben, sonst wird das noch fast ein Wanderheft und die Vogtländer Lehrer wundern sich dann, was da ein ganz fremder Schüler so aufschreibt, obwohl es doch ihre Haamit ist. Aber es ist ja eben alles von Fräulein Hennersdorf und sie hat es zum Teil von eben diesen Lehrern und aus alten Büchern. Ich dagegen lasse ja hier nur mal den Füller über's Papier gleiten. Sonst nichts weiter. Es ist somit ein guter Kreis-Spaziergang des Wissens. Wenn ich nicht alles so genau erzähle, wie es vor vielleicht zweihundert Jahren berichtet wurde, na, dann nehmt es bitte nicht zu tragisch – ihr kennt doch gewiss auch das Gesellschaftsspiel „Stille Post“?


Nach den Wanderungen, vor dem Essen, schauen die erziehenden Gruppenbetreuerinnen auch mal bei einigen von uns, „bei ihren Pappenheimern“ nach, ob die Fingernägel keine „Trauerränder“ aufweisen, sauber gebürstet sind. Zwar hat Fräulein Hennersdorf, was man nach ihrer Bezeichnung (Fräulein) ja vermuten kann, noch keine Erfahrung mit eigenen Kindern aber dafür ist sie immerhin Erzieherin und kommt mit den vielen Kindern der Gruppe recht gut klar – besser wahrscheinlich, als manche Eltern es verstehen. Und ihre eigenen Fingernägel sehen immer rosa-weiß, schneesauber aus. Na ja, sie macht schließlich auch keine dreckigen Arbeiten, gräbt auch auf den Wanderungen keine interessanten Steine mit den Fingern aus und so was ähnliches.


Am heutigen Nachmittag finden Sportspiele statt. In jedem Durchgang ist das so. Das hat Frau Böhm als Heimleiterin so vorgesehen. Schon von Anfang an! – Nicht erst, als der Erste Sekretär des Zentralkomitee der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands und Erster Stellvertreter des Vorsitzenden des Ministerrates der Deutschen Demokratischen Republik, Walter Ulbricht, aufmunternd-mahnend den Finger hob und verordnete: „Jedermann an jedem Ort – einmal in der Woche Sport!“– bevor er selbst zur Tischtenniskelle und zu den Schlittschuhen griff, um zu zeigen wie das so geht. Frühsport kann man täglich betreiben und in vielen Betrieben wird den Kollektiven der sozialistischen werktätigen Massen sogar regelmäßig eine gemeinsame Pausengymnastik angeboten.


Donnerstag, 20. August – weitere kulturelle Erlebnisse

Heute wird von uns allen draußen in der Natur ein Gruppenfoto gefertigt, damit wir bis zum Lebensende auf dem Papier eine lebendige Erinnerung an diese schöne Zeit in den Händen halten können. Unsere Jungengruppe ist im Bilderteil zu sehen.

Zur Schreibstunde zeigt uns Fräulein Hennersdorf wie wir den Rand des Briefbogens künstlerisch verschönern können. Dazu wird ein langer farbiger Papierstreifen, ungefähr zwei Zentimeter breit, nach Ziehharmonika-Art gefaltet, um diesen dann mit Schmuckschnitten (mit der Schere) zu verzieren. Nach dem Entfalten hat man dann ein immer wiederkehrendes Muster. Anfangs, na ja, sah es recht grob aus aber mit der Zeit des Übens machte es Spaß und gelang besser. Die Muster werden feiner und die Schnitte sauberer. Dieser Streifen, anschließend aufgeklebt, macht den Brief zusätzlich zur Schönschrift und zum Inhalt, noch viel wertvoller für den Empfänger. Hoffen wir.


Besuch kommt am Nachmittag aus Lauscha, einem Ort in Thüringen. Auch dort liegt viel Schnee, vernahmen wir. Aber jetzt ist August. Lauscha! Nein, nein, in diesem Ort werden keine orthopädischen Hörhilfen hergestellt. Es kam von dort ein Kunst-Glasbläser zu uns. Das Glasblasen war früher ein recht ungesunder Beruf, wie wir hörten. Der Herr brachte zierliche Tierchen aus dünnem Glas, in allen möglichen Farben mit und blies auch einige vor unseren Augen. Künstliche Augen hatte er auch dabei, für uns aber nur so als Anschauungsmaterial. Das Auge ist viel größer, als man vermutet, weil man ja im Normalfall nur ein Stückchen davon sieht. Solch ein Auge erhielt nach dem Krieg unser Onkel Anton aus Rudolstadt wegen seines Augenverlusts nach dem Granatsplitter-Treffer. Heute müssen schon nicht mehr so viele Augen hergestellt werden, wie damals und das ist gut so. Allerdings gibt es die Kunst-Augen nur, damit sich andere Leute nicht erschrecken. Sehen kann man trotz aller Kunst damit natürlich nicht. Andere Versehrte tragen aber lieber ständig eine schwarze Augenklappe, wie der israelische General Moshe Dajan, der ein Auge im Libanon-Krieg verloren hatte. – Wie schön wäre es, brauchte man überhaupt keine Kunstaugen. Wie gut wäre es, würden sich auch erwachsene Menschen verständigen und vertragen können – völlig ohne Kriege! Etwa so wie wir.

Glasbucker, Kugeln oder Murmeln mit bunten spiraligen Fäden, stellt der Lauschaer Kollege auch her, das ist aber viel einfacher, als ein Auge extra so zu produzieren, dass es in Größe und vor allem in seinen Farben genauso aussieht wie das noch vorhandene, natürlich gewachsene. Diese Glaskugeln bläst er aber keinesfalls, die sind massiv, schwer, kommen von der Glas-Stange. Dünnwandige Weihnachtsbaumkugeln werden dagegen geblasen.

Kleine Mühlen im Glas hatte der Glaskünstler ebenfalls dabei, mit schwarzen und metallisch-blanken Flügeln, die sich im Sonnenschein hurtig drehen. Kleine Sonnen-Kraftwerke – würde man sie zu solch einem Zweck nutzen.


Interessant – auch unser Besuch in der Heimatstube. Hier sahen wir Geräte, wie sie in der Holzwirtschaft der Forstbetriebe genutzt wurden und werden. Eine weitere Abteilung befasst sich mit dem Bergbau, der Erzbearbeitung, dem Hüttenwesen und der Gießerei- und Schmiedetechnik in Morgenröthe. Auch zur Geschichte des Ortes und der Umgebung sind im Museum eine Anzahl von Schriften aufbewahrt. Ebenso vermitteln eine alte Schulbank und verschiedene Haushaltsgegenstände einen Einblick in das damalige Leben der Rautenkranzer und Morgenröther Einwohner.

Einige bedeutende Menschen der Orte werden hier mit Bild und Erläuterungen geehrt. Unter diesen ist auch Karl Alwin Gerisch, der in Rautenkranz, Ziegengasse 45, am 14. März 1857, mittags um 1 Uhr (also 13.00 Uhr nach unserer Zeit), als Sohn eines Waldarbeiters und besonders seiner lieben Frau geboren wurde. Nachdem er später die Schule verlassen hatte, erlernte er das schwierige Handwerk des Bauens von Maschinen. Viel später teilte er sich mit Paul Singer für einige Zeit den Vorsitz der SPD, die es bei uns so allein nicht mehr gibt. Beide waren sie gut bekannt mit August Bebel und vielen weiteren Arbeiterführern. Alwin Gerisch schrieb so nebenbei eine Anzahl wertvoller Bücher über das karge Leben einfacher Menschen in Erzgebirge und Vogtland sowie über die Ursachen von deren Armut.

Der Lehrer, Herr Böhm, hatte vor einiger Zeit etwas Gutes über Herrn Gerisch zu dessen

100. Geburtstag verfasst. Schade nur, dass dieser es nicht mehr lesen konnte, denn er war bereits 1922 in Berlin gestorben. Gefreut hätte er sich bestimmt über diese Schrift.


Anfangs hatten zwei von uns, also von den Kleineren, etwas Heimweh, aber mir ist es eher mulmig, weil nun schon das Bergfest vorbereitet wird. Zum Üben für die kommenden Feste wird die Bühne des Speisesaales jeden Tag benutzt. Bei Fräulein Hennersdorf lernen wir jetzt, da wir ebenso auf das Heimatfest des Dorfes zusteuern „Beim Kronenwirt ...“. Von den Liedern werden wir dann bei den Festen etwas vortragen. Für die Erzieherinnen vielleicht etwas langweilig, denn sie hören ja die gleichen Lieder in jedem Durchgang wieder. Weil sie aber so viele Lieder kennen, wechseln sie diese aber auch mal und dann ist es mit den Wiederholungen für sie bestimmt nicht mehr ganz so schlimm. Eine Anzahl von Liedern kann man ja auch nur in einer zum Text gut passenden Jahreszeit anbieten.


Wenn wir beim Basteln oder Spielen sind, erzählt Fräulein Hennersdorf auch mal von Festen in anderen Jahreszeiten, die die Kinder hier mit vorbereiten und erleben. Wird für eine festliche Veranstaltung ein Programm einstudiert, dann schreibt Fräulein Hennersdorf dem Kind dessen Beitrag (Gedicht oder ähnliches) auf ein Blatt Papier und so hat es eine gute Grundlage zum auswendig lernen. In den anderen Gruppen ist das bestimmt ähnlich üblich.

In den Vorbereitungen der Weihnachtszeit wird ein besonders umfangreiches Programm für die Vorstellung in dem dann herrlich geschmückten Speisesaal vorgesehen. Zum feierlichen Beginn dieses extra für die Kinder zeitlich etwas vorgezogenen Weihnachtsfestes gehört das Vortragen des Gedichtes: „Die zwölf Lichter“, mit verteilten Rollen, und bei jedem vorgetragenem Satz wird eine weitere Kerze angezündet, von jeweils einem anderen Kind auf der Bühne getragen.



Die zwölf Lichter


Aus den Wolken auf die Felder schneit ein daunig weißes Kleid.

Und die Tannen in den Wäldern flüstern: Es ist Weihnachtszeit.

Haltet ein in euren Werken! Dieser Tag will stille sein!

Aus den schneebemützten Häusern trinkt die Dämm'rung Kerzenschein.

Nun entzündet jedem Wunsche, den ihr hegt, ein Weihnachtslicht,

dass es durch die Welt hinleuchte, bis es Nacht und Dunkel bricht!


(Erstes Licht)

Du leucht' dem Frieden, heiß ersehnt in uns'rer Not!


(Zweites Licht)

Du leucht' der Freiheit!


(Drittes Licht)

Du leucht' dem Brot!


(Viertes Licht)

Du leucht' der Einheit, Deutschlands Einheit, leuchte Licht,

dass aus Osten und aus Westen wieder werde ein Gesicht!


(Fünftes Licht)

Du leucht' dem Glauben an die Zukunft junger Saat!


(Sechstes Licht)

Du leucht' der Arbeit! Leucht' dem Werk und leucht' der Tat!


(Siebtes Licht)

Du leucht' den Völkern und der Völker Freundschaftsband!


(Achtes Licht)

Du leucht' dem einen, unserm deutschen Vaterland!


(Neuntes Licht)

Du leucht' dem Hause, das uns Heimat gibt und Ruh'!


(Zehntes Licht)

Du leucht' der Liebe – ja, der Liebe leuchte du!


(Elftes Licht)

Du leucht' den Müttern, die des Lebens Hüter sind!


(Zwölftes Licht)

In frohem Glänzen, zwölftes Licht, du leucht' dem Kind!


(Es rufen alle die zwölf auf der Bühne stehenden, ihr Kerzenlicht tragenden Kinder jetzt im Chor):


Nun ertönt ihr Weihnachtsglocken! Strahle hell, du Lichterbaum!

Allen Völkern dieser Erde wird in deinem Glanze Raum!


- Edith Bergner, (* Pretzsch 1917, † Halle 1998) -

Dieses Gedicht steht auch im Buch „Wunderweiße Nacht“, erschienen im VEB Friedrich-Hofmeister-Verlag, 1960.



Mit diesen Lichten werden dann alle Kerzen auf den Tischen angezündet, so dass davon der gesamte Saal festlich erstrahlt und auf die elektrische Beleuchtung verzichtet wird. (Auf den Brandschutz wurde dabei selbstverständlich streng geachtet.) Danach singen die Kinder gemeinsam das Lied: „Sind die Lichter angezündet ...“ und dann ging es weiter im anspruchsvollen Programm mit einem vorweihnachtlichen Theaterstück, weiteren Liedern und einstudierten Gedichten (wie „'s Raachermannel“ – das ist schwierig weil mit ihm die vogtländische Mundart gepflegt wird –, deshalb wurde es vorher übersetzend besprochen). „Weihnachten“ von Joseph v. Eichendorff“, „Am Abend vor Weihnachten“ von Wilhelm Lobsien, dem Schneeflockentanz der Kinder ... dann aber bald gefolgt von einer fröhlichen Kafe-Tafel und zum Schluss sogar der Besuch des Weihnachtsmannes. Für jedes Kind hat er ein Geschenk dabei und jedes Kind erhält auch einen kleinen Stollen, als ein Gruß für die Eltern und die Geschwister Daheim. Sogar an die Erzieherinnen und Wirtschaftskräfte hat der Weihnachtsmann gedacht – niemand soll leer ausgehen. Alle sollen sich freuen können. Ein Tag voll der vielen schönen Bräuche im Heim. –


Wenn wir nun aber bitte mal wieder aus dem Fenster sehen – mitten hinein in den August: Reifes Korn und gar koan Schnee. Heben wir uns Weihnachten also in den Gedanken auf.


Heimatfest ist im Dorf zur Erntezeit. Ein frohes Treiben. Einige Buden mit Speis' und Trank. Wir üben uns im Vogelschießen mit der Armbrust und Pfeilen, vorn mit Gummisaugpuffer, damit ja nichts ins Auge gehen kann. Das Ziel ist ein aufgestellter Adler aus Pappe mit „Pappfedern“, die er auch ruhig mal verlieren soll, wenn sie getroffen werden.


Wir singen also jetzt: „Beim Kronenwirt ...“ und überhaupt: „wo man singt, da lass' dich ruhig nieder – böse Menschen singen keine Lieder“. Wir singen viel. Jeden Tag. Und sind fröhlich.


Zwischendurch aber ruhen wir uns manchmal bei gemeinsamen Spielen etwas aus, bei „Halma“, „Dame“, auch „Mensch, ärgere dich nicht“, „Mau, mau“, „Schwarzer Peter“ und weiteren Kartenspielen. Bauwerke errichten wir. Auch Kreis- oder Stuhlspiele sind dabei wie: „Ringlein, Ringlein, du musst wandern“, „Hänschen, piep einmal“ und andere mehr. Dafür bin ich eigentlich schon längst zu groß. Aber man machts eben mit. Es gehört dazu. – Einer der Jungen hat ein kleines Westauto von Schuko zum Aufziehen von zu Hause mitgebracht. Man kann machen, was man will, es fällt nie vom Tisch hinab auf den Fußboden, sondern es stoppt vorsichtshalber ganz allein an der Tischkante, als wenn es den Abgrund sieht, und wechselt selbsttätig die Fahrtrichtung. Interessant anzusehen wie das so funktioniert, mal anfassen ist schön aber ich brauche das nicht unbedingt auf Dauer, denn mit der Zeit wird es schnell langweilig.

Dann haben wir wieder eine Schreibzeit. Ich freue mich darüber, wenn ich alle zwei, drei Tage Post erhalte und so sollen Mutti, Vati und meine Geschwister auch lesen, was wir hier alles erleben dürfen. Struppi spitzt gewiss ebenfalls aufmerksam seine Ohren, von Lola erwarte ich das nicht.


Freitag, 21. August – einer der großen Basteltage

Heute am Vormittag ist Fräulein Lange erst mal allein bei unserer Gruppe. Fräulein Hennersdorf hat in dieser Zeit frei und kommt zum Mittagessen zu uns. Sie verrichtet gewiss am Vormittag einige Nützlichkeiten oder geht mal wieder ins Freibad – also baden, schwimmen und sonnen. Kraft auftanken für ihre Tätigkeit bei uns. Dieses Bad ist natürlich künstlich. Früher musste man ein Eintrittsgeld von zehn Pfennigen bezahlen. Für die Pflege der Umkleidekabinen und Toiletten, für das Aufsammeln von Papier – und der Bad-Wärter wollte sich ja auch ernähren. Heute braucht man nichts mehr zu bezahlen, denn es ist nun ein echtes Frei-Bad und des Volkes Eigentum sowieso. – Allerdings muss man trotzdem aufpassen, denn es nehmen dort nicht nur Menschen, sondern auch bissige Wesen, ja sogar giftige Kreuzottern öfter ein Sonnenbad. Manche Schlangen baden gerne selbst im tiefen Wasser, erzählt uns unsere mutige Erzieherin. „Otterzungen oder Natterzungen“ sind dagegen Pflanzen, hören wir von ihr. Schöneres gibt es für uns allerdings, als beispielsweise ein Kreuzotterwettschwimmen. Viel besser wäre es für die Menschen, wenn diese Tiere im nahegelegenen Bahnhofsteich baden, der sich bis zur Brunner-Fabrik erstreckt. Dieser Teich oder richtiger: „Weiher“ wäre für sie noch natürlicher, weil nicht aus Beton. Er ist auch auch voller Seerosen, die von den Fröschen so sehr geliebt werden. Diese Rosen im See werden hier in der vogtländisch-sächsischen Sprache gern „Mummeln“ genannt. Durch jene bahnen sich Wildenten ihren Weg. Diese schnäbeln auch ab und zu miteinander: „In den Mummeln können sie sich tummeln – im See der Rosen, ist gut kosen“. Libellen brummen über die Entenköpfe hinweg.


Wir, die rund 75 Kinder, sind hier übrigens nicht ganz alleine. Auf den Wanderungen treffen wir immer mal auf andere Kindergruppen. So gibt es zum Beispiel noch ein weiteres Kindererholungsheim in Morgenröthe. „Sachsengrund“ heißt es, mit der Leiterin Frau Braun. Das ist nicht weit fort von hier. Ebenso gibt es ein Heim in Schöneck. Der Heimleiter ist Herr Schuster hören wir. Dann gibt es die Erholungsheime in Vogelsgrün und in Grünheide, wo ich auch schon mal sein durfte. Ziehen wir den gedachten Kreis größer, werden es immer mehr. Erholungsstätten. Prima!


So ganz nebenbei erfahre ich, dass wohl fast alle Kurdurchgänge vier Wochen dauern. Wir aber sind drei Wochen hier. Vielleicht liegt das daran, dass wir nicht so ganz richtig krank sind. Da haben es ja andere Kinder viel nötiger, die in Gegenden mit schlechter Luft wohnen, zum Beispiel in Merseburg bei Leuna oder in Schkopau bei Buna oder in Bitterfeld und Wolfen. Auch jene, die an den strahlenden Wismut-Abraum-Bergen, beispielsweise in Ronneburg und Umgebung leben – wie gut haben wir es da in unserem Heimatlandstrich. Und die Kur, na ja – weil ich groß und dünn bin und der Kreislauf manchmal bei zu niedrigem Blutdruck spinnt. Ich meine: Kleiner werde ich von dem Erholungsaufenthalt in diesen drei Wochen wohl nicht, fett oder besonders muskulös ebenfalls nicht und mit breiteren Schultern wird auch kaum zu rechnen sein – wer sollte sonst auch meine Hemden tragen? Wir können es auch so verstehen: Wir haben in den drei Wochen die schöne und schwere Aufgabe uns derart intensiv zu erholen, als wären wir einen vollen Monat hier.

Mir reicht es tatsächlich, dass es hier interessant ist, schön und harmonisch sowie friedlich ist.

Es gibt aber auch Kinder, die ganz besondere Heilbehandlungen bekommen wie:

- eine besondere Gymnastik, das Haltungsturnen, speziell auch Fußgymnastik,

- Atemgymnastik unter freiem Himmel in der besonders gesunden Vogtlandluft

- Trocken-Bürstenmassage der Haut – für alle sowieso täglich

- Wasseranwendungen nach Sebastian Kneipp mit dem Treten des Wassers und kalten Güssen

und auch kühlem Duschabschluss.

- Entspannungsübungen mit Musik

- Einschlafhilfen mit dem Tonbandgerät „Smaragd“ und vielleicht dazu passend das Lied: „Schlafe

mein Prinzlein, schlaf' ein“.

- Haut- und Seelenbehandlungen gegen bestimmte „Hautausschläge“ und

- Schulungen, um mit dem Asthma besser fertig zu werden. Mit Inhalationen und Entspannung,

- „Mastkuren“ für Kinner, die gar zu dünn sind.


* Zu dicke Kinder, die Abnehmdiätkuren brauchen? Solche Leute gibt's hier bei uns nicht.


Denken wir bei der Frage, ob nun drei oder vier Wochen Kurdauer besser daran, dass die Erzieherinnen, genau wie die Küchenkräfte und Reinigungsdamen, eine Verschnaufpause zwischen den Durchgängen brauchen und auch der Hausmeister ungestört 'was in Ruhe reparieren muss oder ein Maler mal leergeräumte Räume frisch streichen soll. Vielleicht macht aber das Personal in dieser abgeknappsten Woche auch einen gemeinsamen Heimausflug in eine ganz andere Gegend, um sich kurz von den vielen Kindern und der täglichen Arbeit zu erholen. An einen richtigen Urlaub für die Erwachsenen müsste man sowieso zusätzlich denken. Für diese Notwendigkeiten wollen wir doch gern mit dem Geschenk von drei Wochen sehr zufrieden sein. –

Andere Kinder, die demnach eine Woche länger Zeit in ihrem Durchgang hier sind, erleben noch mehr an Besichtigungen von Sehenswürdigkeiten. Vielleicht können wir auch außerhalb dieser Erholungszeit herkommen, hier nur kurz mal „Guten Tag“ sagen, und noch viel mehr von dem sehen, was jetzt für uns zu Fuß zu weit wäre, momentan unerreichbar ist.


Es könnten dazu gehören:

Ich denke ihr erkennt schon: Je größer der Aktionskreis, desto mehr spannende Ziele für Besichtigungen, so dass ich hier das Aufzählen einfach abbreche, sonst finde ich kein Ende. –


Heute ist für uns Bastelnachmittag. Für andere Kindergruppen zur gleichen Zeit ebenso, denn es regnet ja für alle gleichermaßen. Das stört aber keinesfalls. Ihr wisst ja: Jede Gruppe hat für diese Beschäftigungen einen eigenen Gruppenraum, mit ausreichend vielen Tischen, mehr als 20 Stühlen und den Schränken das Spielzeug und Bastelmaterial. Material gibt es genug. Frau Böhm hat da gute Verbindungen zu vielen Leuten und auch die Spender freuen sich, dass ihr Restmaterial nicht einfach in den Müll kommt. Zum Beispiel bekommen wir aus der Kunstleder- und Wachstuchfabrik Tannenbergsthal, dieser Betrieb steht im Tal der kleinen Pyra, gut brauchbare Reststücke aus deren Produktion. Kunststücke und Abfälle machen wir dann daraus. Kunstleder besteht aus einem Baumwoll-Gewebe, das in der Maschine mit vorerst flüssigem Kunststoff (PVC) beschichtet wird. Nun erzählt uns unser Fräulein Hennersdorf, wie die farbigen Muster oder auch die Tiefen-Prägung des Materials entsteht. Man könnte denken, sie bearbeite das täglich selbst. Das Kunstleder kann unterschiedliche Farben haben und künstlich gemustert werden. Man kann es auch mit „Narben“ prägen, damit es so aussieht wie eine lederne Tierhaut. Andere Leute sagen aber dazu: „Das ist somit unwahr und zählt zum >Kitsch<“. Auch Wachstuch ist ein Gewebe, was mit einer Art künstlichem Kautschuk getränkt wurde und nach dem Trocknen auf der Oberseite glänzend und abwaschbar ist. Es hat heute also nichts mehr mit Wachs zu tun – weder von Bienen, noch von Kerzen – nur noch den Namen. Und die abwaschbare Tischdecke wächst auch nicht. Wir suchen im Heim und in Gedanken an unser Zuhause Beispiele für die Verwendung von Wachstuch und Kunstleder und nennen diese. Anschließend geht es endlich ans Basteln.

Zuerst wählen wir uns Material aus dem großen Karton. Wir suchen entweder völlig gleichartige Stücke aus oder solche, die nach unserer Ansicht gut zusammen passen, sich also „nicht beißen“. Sollte der „Geschmack“ sich mal etwas verirrt haben oder wir Unsicherheiten haben, hilft Fräulein Hennersdorf mit gutem Rat und leichter Hand. Wir basteln Kammetuis oder Ausweishüllen. Wer es möchte, kann auch einen Untersetzer für Getränkegläser gestalten. Manche Mädchen interessieren sich auch für das Fertigen einer Taschentuchtasche. Dann üben wir das Anzeichnen mit Stift und Schablone, danach das saubere Ausschneiden des Rohlings. Anschließend erfolgt die Randlochung mit der Lochzange in gleichmäßigen Abständen und zum Schluss das Durchfädeln des Bändchens, das die beiden Hälften zusammenhält. Auch Faltkästchen aus farbigen Lack-Papier, für das Aufbewahren manchen kleinen Krimskrams oder nur so zur Freude des Anblicks, lernen wir zu fertigen. Das sind für Daheim viel schönere Mitbringsel, als ein im Landgasthaus gekauftes Andenken. Auch im KONSUM, kurz vor dem Bahnhof, gibt es nebenbei so'n kleinen Schnickschnack: beispielsweise eine Baumscheibe mit Foto, Thermometer mit Fichtenzapfen auf einem Brettchen und anderes – aber auch Ansichtskarten. Der KONSUM hat fast alles, was man benötigt.


Sonnabend, 22. August

Frau Böhm hat als Heimleiterin mit unserer Gruppe kaum etwas zu tun. Na ja, sie ist ja die beliebte Meisterin der Erzieherinnen und zusätzlich der Wirtschaftskräfte und auch noch die Chefin des Hausmeisters. Die Erzieherinnen sind mindestens gleichzeitig Lehrerinnen, wie ich schon erwähnte. Deshalb fällt es ihnen auch überhaupt nicht schwer, zwischendurch mal einen ernsthaften Unterricht zu halten, damit die Kinder nicht zu weit dem heimatlichen Schulunterricht hinterher hinken. Wir sind aber in den Großen Ferien hier, da ist es zwischen uns mehr kollegial und nicht so lehrerhaft.

Inzwischen weiß ich, wer von den Erwachsenen hier im Heim was tut und einen größeren Teil der Namen konnte ich mir inzwischen auch einprägen. Es gehören dazu:

In der Küche – und das ist sehr wichtig: Die Köchinnen Frau Lisbeth Siegert, Frau Marianne Lange und Frau Annel Leonhardt. Als Küchenhilfen: Frau Auguste Büttner, Frau Anna Rieger und Frau Wilhelmine Kalinowski, Fräulein Emeline Schönfelder und Fräulein Karin Baumann.

Frau Büttner und Frau Rieger sind bereits seit der Eröffnung des Heimes hier tätig. – (Später, das weiß aber erst die Zukunft, werden Erika Meinhold und Doris Petzoldt zu dieser Gruppe gehören.)

Wir bemühen uns zwar, nicht viel schmutzig zu machen und doch werden die Räume gepflegt von Frau Lina Gärtner, Frau Helene Frister, Frau Wally Hausstein, Frau Christine Pöhland. In den Räumen unserer Gruppe II ist die Frau Hedwig Strobel mit Besen, Wischeimer und Schrubber unterwegs. Nur in unserer Abwesenheit. Das Aufwischtuch wird hier kurz >Feudel< genannt oder auch >Hader<.

Zu den Erzieherinnen gehören Fräulein Monika Thränert und Fräulein Saupe. In der Gruppe I ist Fräulein Christel Eckert. Für Gruppe II sind es Fräulein Inge Hennersdorf und Frl. Gisela Lange. Das Fräulein Regina Spitzner ist sonst auch eigentlich dabei, aber momentan abwesend – sie hat wohl sehr mit ihren Zwillingen zu tun (zu sehen sind diese Drei aber nicht). Des Weiteren gibt es Fräulein Margitta Pape. Später werden andere Kinder zu ihr >Frau Günnel< sagen. So ändert sich manches im Laufe der Lebenszeit ... dann wird es als männlichen Erzieher (ohne weiße Schürze – wo bleibt hier die Gleichberechtigung?) auch noch Herrn Heinz Ferchland geben ... und andere werden folgen, denn nicht jede und nicht jeder Erziehende bleibt bis zu seinem Eintritt in das Rentenalter hier.

Mit der Nähmaschine und stichelnder Hand sind die Damen Helene und Ursel Frister fleißig bei den Reparatur-Arbeiten. – Hoffentlich habe ich nun bloß nicht zu viel von Frauen und Fräulein durcheinander gebracht. Man sieht ihnen das ja nicht genau an der Nasenspitze an und bei den meisten ändert sich das sowieso.


Von Anfang an sind schon im Heim dabei:

Böhm, Ursula – die Chefin des Heims

Schiefer, Ursula
Pietsch oder Pitsch, Hilde (später verehelichte Donnerhack)
Hausstein, geb. Schneidenbach, Helga 
Bindig, Elisabeth (Köchin, war die frühere Besitzerin der Gaststätte im Wirtschaftsgebäude)
Riegert, Anna (Küche)
Kalinowski, Auguste (Küche)
Hohmann, Elisabeth (Küche)
Büttner, Auguste (Küche)
Wolf, Barbara (Hausgehilfin, später verheiratete Sauer)
Gläser, Willi (Hausmann + Meister)


Nun mal ein völlig anderes Thema: An Gespenster glaubt ja kaum jemand. Nachts, wenn die Erzieherinnen zu Hause schlafen, schleichen jedoch mal Frau Elisabeth Hohmann oder Herr Kurt Lange durch die Räume und schauen nach dem Rechten. Herr Lange ist oft Tag und Nacht unterwegs, denn er ist nicht bloß Nachtwächter, sondern gleichzeitig am Tage ein Hausmeister, genauso wie Herr Willi Gläser – beide haben interessante Aufgaben. In Notfällen müssen sie eigentlich alles können. Vielleicht werde ich ja auch mal ein Hausmeister. Eventuell bei Kindern oder vielleicht auch in einem Tierheim. Außerdem gibt es noch eine Krankenschwester im Behandlungsraum und zwei Isolier- und Krankenzimmer. Im Büro ist Frau Elsbeth Frieß tätig und sorgt dort dafür, „dass alles ordentlich läuft“, was von Frau Böhm so bedacht wurde.

Insgesamt sollen es für rund 75 Kinder etwa 28 erwachsene betreuende Personen sein – ein bisschen auf zwei Schichten und ganz wenig auf die Nacht verteilt. Wenn mal zusätzlich etwas gebraucht wird – dann beschafft oder fertigt es ein weiterer Mensch aus dem Dorf. Frau Böhm weiß sehr gut, wen sie da ansprechen kann und alles hat seine gegenseitigen Vorteile – also für das Erholungsheim und für die Ortsbewohner.

Wenn ich das hier so notiere merke ich, dass ich über die anderen freundlichen Erzieherinnen kaum 'was zu schreiben weiß. Da klemmt es mit der Gleichberechtigung. Die Haupt-Erzieherin unserer Gruppe ist aber nun eben Fräulein Inge Hennersdorf und deshalb wird sie auch öfter mal erwähnt. Es hätte genauso jede andere treffen können. Denn sie alle geben sich täglich Mühe, um uns die Zeit hier besonders schön zu gestalten. Das muss ‘mal gesagt werden. Über andere Erzieherinnen werden dann eben Kinder aus anderen Gruppen ihre eigenen Berichte schreiben und wahrscheinlich treffen dann hier viele Berichte dankbarer Kinder zusammen.


Eigentlich ist es ja so, dass wir uns während der Mittagsruhe still in den Zimmern aufhalten sollen. Wenn aber mal einer ganz nötig zur Toilette muss, darf es sicherheitshalber die Ausnahme eines Hausspaziergangs geben – und wenn er großes Glück hat, dann kann er hören, wie Fräulein Hennersdorf im Büro Akkordeon spielen übt. So spielt sie auch: „Wenn die bunten Fahnen wehen, geht die Fahrt wohl übers Meer ...“. An diesem Beispiel sieht man, dass die Erzieherinnen nicht schlafen dürfen, während wir es möglichst sollen. Sie also dürfen nur mal so an ihren Urlaub denken, davon im Wachen träumen.


Viel lernen die Rautenkranzer Schulkinder bei ihrem Musikkundigen, dem Herrn Klaus Fraas. Herr Heinrich Glöckner, ist auch Lehrer. Er leitet den Gesangsverein und die Chöre. Er komponiert aber auch selbst heimatliche Musikstücke und dichtet noch dazu die Texte. Zu diesem Schatz gehört auch das Lied „Rein wie Gold – stark wie Erz“. Ja, so fühlen sich eben de Leit' in Rautenkranz. Hoffentlich ist da nichts von Herrn Richard Wagner abgeguckt. Der schrieb ja auch schon was über das „Rheingold“.


23. August. Heute ist Sonntag.

Wir alle wissen ja: Erzieherinnen haben zum Teil Familien und auch die Fräulein, die noch keine solche haben, müssen sich zumindest an einem Tag in der Woche ausruhen oder privates erledigen können. Deshalb geht sonntags alles ein bisschen ruhiger und mit weniger Betreuungsaufwand vonstatten.

Frühstück gibt es erst um 9.00 Uhr. Anschließend gehen wir spazieren. Das ist eine lange Schlange, weil alle 75 Kinder sonntags eine gemeinsame Groß-Gruppe bilden.

Mein Vorschlag: Wie wäre es denn, wenn das Heim einen oder mehrere gelehrige Schäferhunde beschäftigte, die das Rudel auf der Wanderung zusammenhalten – sie hätten hier bestimmt ein gutes Leben und würden sich ihr Essen spielend verdienen. Als weitere Maßnahme für die Unterstützung der Gesundheit des Gemüts mancher Kinder, könnte der Arzt dann noch den Punkt: Kraul- und Tier-Spielstunde auf den Plan setzen und die großen Erfolge abrechnen. Wer dem treuen Hund gegenüber noch ein kleiner Schisser ist, würde dabei ganz zutraulich, mutig und charakterlich gefestigt.

Zirkus mit Zahmwölfchen auf Podesten und mit Springreifen gäbe es dann vielleicht auch noch, falls man fei keinen Löwen zur Hand hat – eine verlockende Idee für die Abschlussfeste, nicht wahr? –

Also Sonntags-Spaziergang: Wir gehen wie üblich die Carlsfelder Straße hinunter und gleich hinter dem Bahngleis nach links in Richtung der Schule und an dieser vorbei, eben immer entlang der Zwickauer Mulde, die die Straße links von uns begleitet. Bald zweigt nach rechts das Sträßlein „Hohehausberg“ ab. Oben steht nur ein klaanes Häufle von Haisle. Man hat von hier aus einen schönen Ausblick. Sogar bis zu unserem Heim mit dem Bild der weißen Friedenstaube am dunkelbraunen Giebeldreieck können wir sehen. Nachdem wir uns sattgesehen haben, geht es wieder hinunter zur Hauptstraße. Weil unsere Kinderschlange sonntags so lang ist, begegnete sich diese auf dem Hin- und Rückweg selber und zusätzlich begleiten uns öfter Kinder aus dem Dorf, schließen sich unserer Schlange gern an. Mit der Zeit kennen wir uns schon ganz gut. Auf diesem Wege sahen wir mehrere friedliche silbergraue Ringelnattern. Unser Rundweg, von Ebereschen mit orangefarbenen Früchten begleitet, führte uns an den Wiesen entlang, durch die das Wasser des Wiesbachs eilt. Dann beschritten wir den Pyratalweg. Von hier aus ist es ein kurzes Stück des Wegs bis zu der berühmten Radiumquelle, über die man manch Heilsames hört. Wir aber sind ja hier nicht zu einer Trinkerkur angereist. Das Schlucken der Radioaktivität ist wohl sowieso mehr 'was für Erwachsene – ich hörte dazu schon früher mal etwas in einem Vortrag über Bad Brambach. Mal heißt es im Radio Radium, ein anderes mal Radon. Zum Schluss gehen wir dann noch auf dem Sackweg entlang, der aber für uns keine Sackgasse darstellt. Am Sackhaus hat uns das Rautenkränzel schon wieder und wir kommen pünktlich zuerst im Waschraum und dann im Speisesaal an.


Nach dem Mittagessen fällt aber selbst am Sonntag die Mittagsruhe nicht aus.

Um 15.00 Uhr gibt es Milchkafe und Kuchen. Die Bezeichnung „Muckefuck“ für das Getränk wäre nicht echt vogtländisch. An den Nachmittagen der Sonntage erhalten die Tische im Speisesaal extra Feiertagsdecken. Danach stehen gemeinsame Gesellschaftsspiele auf dem Plan. Dazu werden erst mal die Stühle im Kreis aufgestellt und es geht los mit: „Dreht euch nicht um, der Plumpsack geht um“ aber das heißt hier aber irgendwie anders. Jakob und Jakobinchen (Jakob, wo bist du)? Oder Gedächtnisübungen wie: „Ich packe meinen Koffer und nehme mit: ...“ sowie: „Ach du armer, armer schwarzer Kater“ (lachen verboten!) und noch vieles andere mehr.


Montag, 24. August – Die Schönheiten des sächsischen „Erzgebirgsvogtlandes ...“

Solch ein Wort darf nie ein echter Eingeborener hören, sonst würde ihm vielleicht schlecht werden und ich als Verursacher bekäme den Ärger. Es heißt entweder so – oder so, denn es sind scheinbar ganz unterschiedliche Landschaften. Wir aber überschreiten eben oft die Grenze und verbinden für uns damit beide – im Kopf und unter den Füßen. Und ich verrate Euch mal: Ich habe gesehen, dass die Bäume im Vogtland, denen des Erzgebirges sehr, sehr ähnlich sehen. Deshalb sehe ich das als unsächsischer Ausländer und Laie nicht gar so streng. Das ist nur meine Vorrede, denn ... am Nachmittag sehen und hören wir einen farbigen Lichtbildervortrag, auch über andere Gegenden des Vogtlandes und des Erzgebirges, in die wir jetzt nicht kommen, denn dazu ist das Land zu weit – es gibt nämlich das Vogtland sowohl in Sachsen, als in auch in Thüringen und früher konnte man im Süden, also inzwischen im Westen liegend, auch das bayerische Vogtland erreichen. Es soll sogar in der Tschechoslowakei (CSR) auch noch einen Vogtlandteil geben. Das ist ganz in der Nähe. Ein ganz anderes Land. Dazu passt das Lied: „Singt das Lied wunderbar – Burschen aus Mystrina, tolle Schar“. Von den rauen Böhmen-Burschen und dem lieblich-klugen Ännchen handelt es. Diesen wunderbaren Liedtext findet ihr am Ende des Berichts – im Liederheft.


Der Herr, der den Lichtbildervortrag hielt, ist einer der Lehrer in der Schule in Morgenröthe und in der Schule von Rautenkranz. Es ist aber nicht irgendein Lehrer, sondern Herr Erhard Böhm, der Ehemann unserer Heimleiterin. Weiß der aber viel. Bestimmt fast alles über die Gesteine, die Pflanzen und Tiere der Heimat aber auch über kleine Briefmarken und das große Universum. Das Letztgenannte erwähnte er nur mal kurz, weil es ja zu groß für den Rahmen eines Vortrags übers Vogtland ist.

Beim Dia-Vortrag wurde uns außer der Landschaft so einiges über die Herstellung der Musikinstrumente in Klingenthal und über das komplizierte Klöppeln der textilen Spitze gezeigt. Wir erhielten Einblicke in die Kunst der erzgebirgischen feinen Schnitzereien, in die Drechseltätigkeit, sahen Laubsägearbeiten und manches mehr. Ein prall gefüllter Nachmittag.


Dienstag, 25. August – Besichtigungen, Sport und Lieder – für uns immer wieder

Am Vormittag besuchen wir die benachbarte Stickerei. Es handelt sich um eine Maschinenstickerei. Interessant, was der Mensch die Maschine so für unterschiedlich farbige Muster „zaubern“ lässt. Die Produkte sollen vor allem im kapitalistischen Ausland sehr beliebt sein, so dass man diese wenig in unseren sozialistischen Verkaufseinrichtungen sieht. Leider gibt es bei den Produkten wohl selten 2. oder 3. Wahl – dann hätte man bei uns im Lande eher eine Chance.

Wir lernen dabei auch kennen, wie früher die Handkunststickerei erfolgte. Das ist ganz schön schwierig. Der Mensch, es ist also kein reiner Frauenberuf, sitzt am „Stickrahmen“ der so ähnlich aussieht wie ein Tisch ohne Platte. An deren Stelle befindet sich ein Holzrahmen, über den das zu bestickende Tuch gespannt wird. Unten, kurz über dem Fußboden, zwischen den Füßen des Menschen, ist ein Spiegel montiert, der die Unterseite des Tuches und jeden Handgriff, jede Einstichstelle zeigt, denn gestickt wird immer von „links“, von unten, für die Augen normaler Weise verdeckt. Beide Seiten der Stickerei sollen gut aussehen. Man braucht dazu scharfe Augen und einen guten Farben- und Ornamentsinn. Man kann auch Mustervorlagen benutzen. Bei den Vorlagen gibt es auch solche, die man auf die zu bestickende Fläche aufbügeln kann. Das dann sichtbar „vorgedruckte“ Muster erleichtert die Abeit wesentlich. Des Weiteren benötigt man ruhige Hände, Geschmack und den nicht nur auf der Zunge, viel Geschick, Übung und Geduld. Es gibt noch eine Anzahl von Familien, in denen die Leutchen die alte Kunst der Handstickerei beherrschen.

Also für mich ist das mal völlig neu, obwohl wir zu Hause auch Tischdecken haben, die Mutti nach einem aufgebügelten blass-blauen Muster mit farbigen Stickereien geschmückt hat. Ohne Maschine, ohne einen passenden Rahmen und auch ohne Spiegel. Mit der rechten Hand stickt sie und mit der linken wendet sie dabei das nicht gespannte Tuch ein bisschen, um die Einstichstelle sehen zu können. Wahrscheinlich aber ist es so noch mühsamer. Es ist ja nicht ihr Beruf, sie übt solche Tätigkeit nicht oft aus.


Am Nachmittag finden draußen bei schönstem Wetter die Sportspiele statt.

Heute lernen wir außerdem: „Auf, du junger Wandersmann!“ und etwas über den wandernden Müller und seine Lust, die er dabei empfindet. – Das hat nichts mit dem Spazierengehen in einem Kindererholungsheim zu tun. Fräulein Hennersdorf erklärt den Kindern, wie es damals so war mit der Wanderschaft der Handwerksburschen, die als Gesellen einige Zeit von einem Handwerksmeister zum anderen wanderten, um von diesen immer noch etwas dazu zu lernen, bevor sie sich selber zur Meisterprüfung anmelden durften. Außerdem sollte diese Reisefreiheit durchs In- und Ausland dazu dienen, den allgemeinen Bildungsstand des Gesellen zu heben.

Hier sollte ich anmerken, dass wir früher in unserer Familie, also sehr weit früher, auch Müller hatten, die gewandert sind, von denen einige darüber hinaus Zimmerer oder Tischler gelernt hatten, dann Mühlen-Meister waren, die ihre Mühlen selber bauten und reparieren konnten.


Den Verkehrsgarten habe ich überhaupt noch nicht erwähnt. Er ist recht interessant. Er gefällt mir. Da kann man richtig mit Menschen und Fahrzeugen die Verkehrserziehung üben. Ein prima Parcours, direkt am Kurpark.


Mittwoch, 26. August

Heute notiere ich mal etwas über unseren Speiseplan und nehme einige Stichpunkte davon mit. Dann braucht Mutti sich nicht für jeden Tag etwas neues einfallen lassen und sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Die Beispiele findet ihr am Ende dieses Berichts, hinter dem Liederheft.


Wir gehen auch ins Kino. Das ist kein richtiges Kino. Es findet in der Frischhütte statt. Das ist aber keine richtige Frischhütte. – Also, ich fange besser noch einmal von vorne an, denn eigentlich ist alles ganz einfach: Einmal in jeder Woche kommt der „Landfilm“ auch nach Rautenkranz. Die Filme werden den Zuschauern im Saal des Landgasthofs vorgeführt. Dieses große Restaurant trägt nur den Namen „Frischhütte“, was uns an die Roheisen-Veredelung erinnern soll, die ebenfalls in der Nähe (in Morgenröthe) stattfindet. Der Landgasthof steht im Tal, nahe bei der Mulde und dem Bahnhof. Wir gehen zum Kinobesuch also wie üblich die Carlsfelder Straße hinab. Vorbei geht es an der Bäckerei Kunzmann, dann am Haus Nummer 2, einem alten Gebäude mit ungewohnt gotisch-spitzbogigen Fenstern, das früher mal ein Haus für ganz arme Leitle des Dorfes war. Rechts des Weges „Am Kirchberg“ wohnt der Schneider, Albert. Manche sagen auch nur kurz: Dr Schneideralbert. Schneider aber ist der Familienname des Herrn. Beruflich verkauft er Obst und Gemüse. Sehr gern werden hier erst die Nachnamen genannt und dann die Vornamen angehängt. Ich kannte das schon von Berichten über den Bergsteiger „Trenker, Louis“. Wir überqueren den Kreuzweg. Man könnte auch gut sagen: ein Wegekreuz, eine Straßenkreuzung. Viel besser wäre jedoch noch: „Wegestern“, denn hier treffen sich unsere Carlsfelder Straße, der Weg „Am Kirchberg“, der Weg zum Friedhof, sowie die Bahnhofstraße und auch noch, von der linken Seite, die Morgenröther Straße. Links vor der Bahnschranke steht das Haus der Fleischerei und rechts der KONSUM. Dann überspazieren wir die Bahngleise sowie die Muldebrücke und wenden uns nach rechts. Die Schrankenwärterin der Deutschen Reichsbahn winkt uns freundlich aus ihrem Bahnwärterinnen-Haisle zu, als würde sie uns alle kennen. Wir winken fröhlich zurück. Das Fräulein Lange kennt sie wohl seit langer Zeit tatsächlich recht gut aber Fräulein Hennersdorf noch viel besser. „Deutsche Reichsbahn“ heißt es immer noch, obwohl wir doch schon so lange kein „Deutsches Reich“ mehr haben. Schwupps – schon stehen wir vor dem Landgasthaus in der Schönheider Straße 5. Insgesamt ein kurzer Weg zum Kino, wenn man dabei plaudert. Nur wenn man den Weg anderen Menschen beschreiben möchte, zieht er sich auf dem Papier in die Länge.

Wir sehen den Film: „Tinko“. Das Buch, also den Text zum Film, erdachte Erwin Strittmatter und der Film wurde vor drei Jahren in Mecklenburg an der Müritz und bei uns zu Hause in Potsdam-Babelsberg gedreht (DEFA-Film Nr. 196, bearbeitet vom 05. August bis 20. November 1956). Günter Simon (sonst für Ernst Thälmann zuständig) spielte den Ernst Kraske und Hans Peter Minetti den Lehrer Kern. Ich weiß das nur deshalb so gut, weil Vati wieder den Drehplan dazu bearbeitet hatte, wobei ich ja immer mal mitlese und auch Partner bei der Korrektur-Prüfung des Ergebnisses bin.


Donnerstag, 27. August

Wir üben für das Abschlussfest. Es sind einige artistische Einlagen, die von unserer Gruppe vortragen werden. Leider ohne Hunde oder Großkatzen – das wäre die Sensation, da hätten alle ihre Augen vor Freude und Erwartungsspannung aufgerissen. Aber man sieht leider nur uns. Ich bin noch bei einem lustigen Gespräch oder Sketsch mit ein bisschen Quatsch und wechselnden Rollen dabei. Dafür muss ich noch fleißig lernen und kann deshalb jetzt nicht viel schreiben.


Freitag, 28. August

Wir singen eine russische Volksweise aus der befreundeten ruhmreichen Sowjetunion. Ein Frühlingslied über das junge Mädchen Katja mit den semmelblonden Zöpfen und den irisierenden baikalblauen Augen. Man kann sie in der üblichen Liebkoseform „Katjuscha“ rufen oder, wenn man es ganz besonders gut mit ihr meint, darf man ganz leise sogar „Katjuschenka“ zu ihr sagen. Das „ju“ möchte dabei betont werden. Den Text in russischer Sprache schrieb der sowjetische Bürger Michail Issakowski. Für uns hat es der Herr Alexander Ott in deutsche Worte umgedichtet und das ist ihm sehr gut gelungen. Die Melodie aber stammt von Matwej Blanter. In russisch kann ich es auch ziemlich, muss dabei vorsichtshalber aber noch ein bisschen auf den Spickzettel schielen.

"Raswjetali Jabloni i Gruschi ...". Sieht das aber unkyrillisch komisch aus, nicht wahr?


Die Erzieherinnen kennen noch viel mehr Lieder. Ich weiß nicht, wie es die fleißigen Frauen in der Küche bei ihrer Arbeit mit der Pflege des Liedguts halten – Küchenlieder sind seit alters her bekannt. (Kostprobe: Mariechen saß weinend im Garten ... .) Beim feuchten Feudeln in den Zimmern klänge manches gewiss auch recht schön und am besten natürlich im Waschraum, mit dem Nachhall-Effekt – aber nicht alles können wir in dieser kurzen Zeit miterleben. Die Lieder über den Frühling (Katjuscha ist eine Ausnahmeerscheinung) und jene über die Weihnachtszeit bleiben jetzt sowieso im Schubfach. Aber eins scheint schon klar: Wenn unsere Erzieherinnen auch mal Kinder haben werden, dann ist bestimmt alles ganz anders, als bei anderen Eltern, die sich noch neben der Arbeit, mit der Aufzucht ihrer Kinder herumplagen. Unsere Betreuerinnen kennen schon alle Lieder und eine Unmenge an Spielen, welche andere Eltern erst mal selber lernen müssen, um sie ihren Kindern beibringen zu können. Und als Erzieherinnen und Lehrerinnen werden sie bestimmt fast immer alles richtig machen, was bei anderen einfachen Eltern manchmal schief läuft. Eitel Freude und Sonnenschein im Leben darf man also als Erzieherinnen-Kind oder -Ehemann erwarten – oder?


Sonnabend, 29. August

Kleiner Spaziervortrag von Fräulein Hennersdorf über die Tiere des Waldes (ohne einen solchen geht es nicht) zu denen wir unter anderen Rehe, Hirsche und Wildschweine sowie Ameisen zählen aber auch Hasen, Füchse, Eichhörnchen und verschiedene Vögel. Ein Bussard zog gerade suchend seine Kreise über uns. Der Eichelhäher warnt bei Gefahren mit seinem durchdringenden Schrei die anderen möglichen Beutetiere. Wenn er steht oder sitzt sieht er graubraun aus, mit schwarzen Schwanzfedern. Unscheinbar. Eine gute Tarnfarbe – könnte man denken. Es ist hübsch anzusehen, wenn er zum Flug seine Schwingen auffächert. Erst dann erkennt man nämlich neben dem Schwarz auch das auffällige weiß-blaue Gefieder.

Von Wölfen hat uns Fräulein Hennersdorf nichts erzählt und uns auch keinen „Bären aufgebunden“. Alles was sie uns erzählt ist wahr. Ja. Auch beispielsweise über Pilze. Der Sammelbegriff für Pilze ist hier eigentlich „de Schwamme“ oder so. Man nennt wohl sogar jene so, deren Hutunterseite nicht den Schwamm zeigen, sondern mit Lamellen ausgestattet sind. Wir lernen verschiedene Schwamme-Arten kennen, die in die Gruppen: Speisepilze, ungenießbare Pilze und ausgesprochen giftige Vertreter eingeordnet werden. Sammeln dürfen wir von den Guten unter Anleitung und strenger Schwammesachverständiginnenkontrolle – aber auf dem Kinder- und Jugend-Speiseplan dürfen sie vorsichtshalber trotzdem nicht erscheinen – und erst recht nicht auf dem Gästeteller. Da bleibt Frau Böhm eisern aber es „opfern“ sich völlig freiwillig einige Erzieherinnen. Fräulein Saupe und Fräulein Eckert gucken schon 'mal ganz erwartungsvoll in die Pfanne (oder in den Tiechel?) und keine von ihnen hat wohl von solch einem köstlichen Zusatzmahl je einen ernsthaften Schaden genommen.

Weil ich vorhin Bären erwähnte, fällt mir ein: Heidelbeeren oder Blaubeeren gibt es viele. In rauen Mengen. Hier werden sie aber Schwarzbeeren genannt. Vielleicht, weil es im tiefen Wald so dunkel ist, dass man die Farbe nicht erkennt. Das ist so ähnlich wie mit den Afrikanern: Sobald sie leicht gebräunt daherkommen, sagen doch manche Leute glatt: „Das ist ein Schwarzer“. Am Nachmittag geht es von den Tieren des Waldes dann zum Wasser, denn wir singen das Lied: „Jetzt fahr'n wir übern See ...“. Immer wenn ich dieses Lied höre, erinnert es mich an Theodor Fontane und an den „Großen Stechlin“ (den tiefsten und klarsten See Deutschlands) bei Neuglobsow und an meine ersten (Mit)-Fahrten in einem Ruderkahn – völlig ohne hölzern' Wurzel und damals noch ohne die Schwimmkunst zu beherrschen. Genauso erinnere ich mich gern an unsere spannende Segelbootsrettungsaktion nach dem Sturm in Mötzow am Beetz-See bei Brandenburg. – Das waren noch Zeiten. –


Sonntag, 30. August

Die Tage vergehen wie im Fluge. Schon wieder ein Sonntag, an dem „die gesamte Meute“ gemeinsam wandert. Es wird nicht ganz soviel erzählt, meint man, denn derart viele Kinder können die lehrreichen Worte der Erzieherin gar nicht verstehen.

Unsere Erzieherinnen vermitteln uns den Lehrsatz oder auch den üblichen Reim vom Heim:

Lass' Blumen stehen und den Strauch, denn and're Menschen, freu'n sich auch“. Ja, das ist wahr. Fräulein Hennersdorf dagegen verfeinert ja immer gern ein bisschen und schwärmt:

Prächtig an des Weges Rand, schmücken Blumen unser Land“. Oder auch:

Am Wegesrand die Blumen steh'n – sie sind gar herrlich anzuseh'n“. Ist das nicht schön?

Vielleicht ist das aber auch von Goethe? Das sähe ihm ähnlich. Nun kennen wir diesen Satz und beherzigen das Thema sowieso. Sie, also nicht die Frau von Goethe, nicht die Christiane Vulpius oder die anderen, sondern unsere Erzieherin, erzählt auch 'was über die alte griechische Göttin der Früchte „Pomona“, die damals noch recht jung war und über die Göttin der Blumen und Blüten, mit Namen „Flora“.


Wer verschiedene Pflanzen bislang noch nicht kannte, darf jetzt unter Anleitung unserer Gruppenerzieherinnen endlich Bekanntschaft mit ihnen schließen: unter anderem mit der Pflanze, die den Mädchennamen Erika erhielt, und die auf der Heide blüht. Deshalb kann man sie auch Heidekraut nennen. Lateinobotanisch bleibt es aber bei Erica oder, weil es so viele davon gibt: bei den Ericaen. Weiterhin sehen wir verschiedene Farne und Schachtelhalme, die in früheren Zeiten, als es hier noch keine Menschenseele gab, haushoch wuchsen. Zum Glück gibt es davon aber Bilder und wohl auch Versteinerungen. Auch Schafgarbe – ich verwechsele diese Pflanze immer wieder mit Scharfgabe – das geht noch – aber bitte aufgepasst: Diese Doldenblütler nie mit dem Schierling verwechseln. Das wäre etwa so lebensgefährlich wie der Todesfelsen oder ein Jungfernsprung. Ferner das Zinnkraut. Zinkkraut ist dagegen unbekannt. Den Frauenmantel, auch die Orchidee namens Frauenschuh: ganz streng unter Naturschutz stehend, wie eigentlich alles, was mit Mädchen zu tun hat. Wir bekommen davon aber nur ein Bild vor Augen. Pferdekümmel ist auch so ein Beispiel. Richtiger Menschenkümmel soll besonders gut in Thüringen wachsen und gar nicht, wie es das Sprichwort sagt, in der Türkei. Kamille – na, das sind doch für mich „olle Kamellen“, die echte wächst noch stärker ebenfalls nebenan in Thüringen und bei uns zu Hause die ähnlich oder gar noch hübscher aussehende Hundskamille. Haufenweise. Wasserspeichernde samtweiche Moose, Glockenblumen, Rot- und Weißklee ... ach was, ich höre jetzt damit auf und erinnere euch an de Kräuterhex'-List' am Ende des Berichts. Zwischendurch gibt es aber nicht nur diese Einbahnstraßen-Lehrstunde, sondern auch Gespräche über die Pflanzen und Tiere mit Rückfragen an uns, damit wir möglichst viel im Kopf behalten und wenig vergessen, denn schon allein dieses blumige Vortragen ist anstrengend genug und soll sich lohnen, soll Früchte tragen.


Es ist kein großes Geheimnis: Ich vermute – ausgerechnet Fräulein Hennersdorf, die allerjüngste Erzieherin des Heimes, hat die schwersten Aufgaben: Sie ist neben der normalen Arbeit der Betreuung der kleineren Kinder und uns Jugendlichen, nicht nur die Spezialistin für alles Musische. Tirilieren müssen die anderen Erzieherinnen wohl auch gut können aber ob da so viel gesungen wird, wie ausgerechnet in unserer Gruppe? – ich weiß ja nicht –, sondern sie ist auch die Meisterin für heimische Zoologie und Botanik. Das habt ihr bestimmt schon gemerkt. Wenn sie mal ausnahmsweise etwas nicht weiß, hat sie aber auch die anderen Erzieherinnen für den Gedankenaustausch, einige Bücher aber an erster Stelle natürlich den Herrn Böhm als Lehrer für alles Haamitliche und vieles Weltliche. Ich glaube, dessen Vorfahren sind wohl auch ganz früher aus der Tschechoslowakei aus- und nach hierher ein-gewandert. Vielleicht war der Weg gar nicht so sehr weit. Das mag schon so lange her sein, dass er darüber nichts genaueres weiß – oder besser hört sich die Vermutung an: „So wie ich ihn kenne, hat er diese Umstände längst erforscht.“


Am Nachmittag steht ein „Lustiger Rätselnachmittag“ auf dem Programm. Jeder der die Lösung des Rätsels weiß, erhält aus der Spiele-Sammlung einen Spielstein als Punkt. Aus dem kleinen Kreis derer, die besonders viele Punkte sammeln, wird natürlich der Rätselkönig bestimmt – ganz gerecht, nach dem Auszählen der Punkte. Die anderen brauchen aber nicht jammern – es gibt Preise für alle. Kleine Preise können auch schon mal als große Trostpreise gelten.

Wusstet ihr es auch schon? ... „Es zogen auf sonnigen Wegen ... .“ Das besingen auch wir gleich.


Dienstag, 01. September

Für andere ist heute der erste Tag des neuen Schuljahres. Wir aber haben Ferienverlängerung. Können gähnen, uns rekeln, noch genüsslich strecken ... . – Doch ein bisschen wie Schule ist es schon: Ich habe den Eindruck, dass unsere Erzieherin und Lehrerin heute besonders viel über die Pflanzen erzählt, die am Wegesrand stehen. Ein heimlicher Ausgleichsversuch? Lebensschule!


Medizinische Abschlussuntersuchung! Die gleiche Prozedur wie zum Beginn unseres Aufenthalts vor knapp drei Wochen findet heute nochmals statt, damit ein Vergleich zwischen den ermittelten Werten vorgenommen werden kann. Unserem Rückweg wird vielleicht ein triumphierender Brief des Arztes über das Erholungsergebnis folgen, zur SVK (Sozialversicherungskasse) oder an den Schularzt geleitet. Auszeichnungen gibt es hierbei für die Sieger mit der größten Gewichtszunahme allerdings nicht, doch zum Schluss wird es klar sein: Wir alle haben gewonnen!

Was wir dann an Wissen zugenommen haben, auf welche schönen Erlebnisse wir zurückblicken, wie viele Anregungen wir bekamen, welche Erholung für Geist und Seele wir erfuhren, hat uns bei der Abschlussuntersuchung niemand gefragt. Es steht wohl auch auf keiner Karteikarte. Aber gerade das erscheint uns Kindern doch als das Wichtigste. Dass wir hier herrlich frische Luft mit Nadelbaumduft „schnappen“ können und gut zu essen bekommen, nett betreut werden, das ahnt doch schließlich jeder, das ist doch normal. Wer aber mehr wissen möchte, dem erzählen wir alles „haarklein“ – ähnlich, aber doch vielleicht anders, als ich es bisher nur in groben Zügen tun konnte.


Mittwoch, 02. September. Schon naht das Ende unserer Erholungs- und Kurzeit

Kurz vor der Abreise kommt der Fotograf, wieder mit Baskenmütze und der braunen, abgegriffenen Aktentasche. Er bringt die Gruppenfotos mit. Hat er gut gemacht. Wir sehen alle ziemlich echt aus. Mutti wird sich freuen, denn ich habe für das Foto extra den Hemdkragen aufgemacht, so wie es auf den Friedrich-Schiller-Bildern üblich ist, „damit auch ja genug frische Luft an den Körper kommt“, wie sie sagt. Davon ist hier zum Glück reichlich vorhanden.

Einer von uns hatte von seinem Zuhause kein ausreichendes Taschengeld mitbekommen können, da haben wir für ihn diese noch fehlenden Pfennige für das Bild untereinander gesammelt. Das war für uns keine Belastung aber er war sehr dankbar und hat sich gefreut.

Mein kleiner Geldvorrat reichte gut, weil ich keine weiteren „Andenken“ kaufte und Briefpapier und das Porto, also die Briefmarken, von zu Hause mitgebracht hatte. Ansichtskarten vom Heim habe ich allerdings zum Herumzeigen und zur eigenen Erinnerung erworben.


Vor kurzem kamen wir hier an, erlebten viel und schwupps, steht uns schon leider die Abreise bevor. Das Abschiedsfest findet natürlich auf der großen Bühne im Speisesaal statt und jede Gruppe hat ein kleines Programm eingeübt.

Späterer Nachsatz am Abend: Es klappte damit bei uns recht zufriedenstellend.


Donnerstag, 03. September, leiser Vor-Abschied

Heute mag ich gar nicht viel schreiben. Es schleicht sich schon ein Gefühl des Abschieds ein. Eigentlich wäre es gut, noch eine Woche länger hier zu bleiben. Fräulein Hennersdorf kennt noch so viele Lieder, weiß noch viel über Pflanzen und Tiere zu erzählen und von den sonst üblichen Wanderungen haben wir auch noch längst nicht alle geschafft. Und man wird sich wohl nie mehr im Leben wiedersehen.

So besuche ich ganz alleine, ohne fröhlich-lautes Schwatzen mit anderen, schnell noch mal verschiedene Stätten, die Plätze des Grundstücks, der Heim-Umgebung, um Abschied zu nehmen.


Freitag, 04. September – unsere Abreise

Was soll ich jetzt große Worte machen – ich muss nur mal kurz schlucken. Und dann sagen:


Danke für das Umsorgen bei unserem Aufenthalt, liebe Frau Böhm,

danke liebes Fräulein Hennersdorf, danke Ihr fleißigen Küchenkräfte,

Dank dem Heimpersonal ingesamt!

Auf Wiedersehen – schönes Rautenkranz!


Nach dem Abschied, auf der Rückfahrt ist es erst mal stiller. Viele hängen ihren Gedanken nach – aber natürlich freuen wir uns auch schon auf unser Zuhause und am kommenden Montag hat uns der Alltag mit der Schule wieder.


Gewiss wird Herr Donath, unser Klassenlehrer, den üblichen Aufsatz schreiben lassen –

Mein schönstes Ferienerlebnis“.

Das wird für mich nicht schwierig sein – hoffentlich finde ich dabei ein Ende.

Ihr kennt das nun schon.


Besucht doch Morgenröthe-Rautenkranz auch einmal – es lohnt sich bestimmt!


––––––––––––––


Anhang 1: Auszug aus meinem Rautenkranzer Liederheft



Ein Bergmannslied – Glück auf! Glück auf!


1. Glück auf! Glück auf! Der Steiger kommt!

II: Und er hat sein helles Licht bei der Nacht. :II

II: Hat's angezünd't.:II


2. Hat's angezünd't. Das gibt ein' Schein.

II: Und damit so fahren wir bei der Nacht :II

II: in's Bergwerk 'nein. :II


3. Die Bergleut' sein, so hübsch und fein.

II: Sie graben das feinste Gold bei der Nacht :II

II: aus Fels'gestein. :II


4. Einer gräbt Silber, der andere das Gold

II: und den schwarzbraunen Mägdelein – bei der Nacht :II

II: den sein sie hold. :II


5. Ade, nun ade, Herzliebste mein!

II: Und da drunten im tiefen Schacht bei der Nacht :II

II: da denk' ich dein. :II


6. Und kehr ich heim zum Liebchen mein,

II: dann erschallt der Bergmannsgruß bei der Nacht :II

II: Glück auf, Glück auf. :II


Text und Musik aus der Zeit um 1700. Den Text gibt es in verschiedenen Versionen. In diesem Beispiel Strophen 1-3 von dem Zwickauer Bergmann Friedrich Fritsch notiert.



Heut' kommt der Hans zu mir


Heut' kommt der Hans zu mir“, freut sich die Lies'.

Ob er aber über Oberammergau oder aber über Unterammergau

oder aber überhaupt nicht kommt, ist nicht gewiss.“


Na, ja mit den Liedern ist das so eine Sache. Von älteren Leuten wird gern gesagt: Die Texte der heutigen Schlager sind so „seicht“, aber die Worte der alten Volkslieder sind so wertvoll, sind so 'was von gut. Ich sage vorsichtshalber noch 'mal: Na ja. –

Einige der Jungs kannten davon (vom Hans) noch eine weitere Strophe:


Hans isst gern Schweizerkäs' ohne Gebiss.

Ob er aber mit'm Oberkiefer kaut oder aber mit'm Unterkiefer kaut

oder aber überhaupt nicht kaut, ist nicht gewiss.



Wir haben und brauchen hier auch kein Radio, denn jeder Tag ist voll ausgefüllt.

Und Schlager singen wir hier nicht.

Trotzdem: Zu den aktuellen Schlagern gehört unter vielen anderen diese kleine Auswahl:


Weißer Holunder blüht wieder im Garten...

Bärbel Wachholz

Zwei gute Freunde ... die sagen nicht adé beim ...

Fred Frohberg

Ich lege mein Schicksal in deine Hand ... so leg auch du

Conny Froboess

Come Prima ... (auf italienisch)

Leo Leandros

Diana Mademoiselle ...

Conny Froboess

Hula-Baby. Auf der Insel Hella-Lella ...dort im Märchenland

Peter Kraus

Lollipop ...

The Cordettes

Mandolinen und Mondschein in der südlichen Nacht...

Peter Alexander

River-Quai-Marsch .. (Andere Leute schreiben „River-Kwai-“)

(gepfiffen)

Wenn, wenn du sagst ... olé, dann komm' ich bei Regen ...

James Brothers

Am Tag als der Regen kam ... lang ersehnt, heiß erfleht

Dalia Lavi

Banjo-Boy. Jeden Abend geht er ... durch die Straßen ...

Jan + Kjeld Wennick

Charlie Brown. Wer lernt die Vokabeln nicht ... wer spielt

Honey Twins

Ciao, ciao Bambina .... (andere Leute singen: Tschau ...)

Caterina Valente

Damals (Da-ha-mals) war alles so schön, doch wir waren

Bärbel Wachholz

Die Gitarre und das Meer ... Juanita hieß das Mädchen

Freddy Quinn

Die Sonne geht schlafen ... der Tag ist vorbei

Louis Armstrong

Junge Leute brauchen Liebe ... und solange es die Liebe ...

Doris Day

Kriminal-Tango ... in der Taverne, dunkle Gestalten, rote ...

Hazi-Osterwald-Sextett

Marina. Bei Tag und Nacht ...denk' ich an dich, Marina

Rocco Granata

Petite Fleur. Sag Adieu ... (Instrumental)

Chris Barber

Red River Rock ... Komm' zurück in das Tal unsrer Träume

Johnny // Hurricans

Schwarze Maria ... mit den blanken Äugelein

Robert Steffan

Souvenirs, Souvenirs ... einer großen Zeit, das sind die ...

Bill Ramsey

Unter fremden Sternen ... Es kommt der Tag, da will man ...

Freddy Quinn

Volare oho, Cantare oho ... (auf italienisch)

Rocco Granata


... und davon gibt es noch viel mehr.


Wenn die bunten Fahnen wehen


1. Wenn die bunten Fahnen wehen, geht die Fahrt wohl über's Meer.

Woll'n wir ferne Lande sehen, fällt der Abschied uns nicht schwer.

Leuchtet die Sonne, ziehen die Wolken, klingen die Lieder weit übers Meer.


2. Sonnenschein ist uns'e Wonne, wie er lacht am lichten Tag!

Doch es geht auch ohne Sonne, wenn sie 'mal nicht scheinen mag.

Blasen die Stürme, brausen die Wellen, singen wir mit dem Sturm unser Lied.


3. Hei, die wilden Wandervögel ziehen wieder durch die Nacht,

singen ihre alten Lieder, dass die Welt vom Schlaf erwacht.

Kommt dann der Morgen, sind sie schon weiter über die Berge, wer weiß wohin.


4. Wo die blauen Gipfel ragen, lockt so mancher steile Pfad.

Immer vorwärts ohne Zagen, bald sind wir dem Ziel genaht!

Schneefelder blinken, schimmern von Ferne her, Lande versinken im Wolkenmeer.




Beim Kronenwirt Komposition und Text: Olden / Rosemeier


Beim Kronenwirt, da ist heut' Jubel und Tanz, hei didel dei didel dö.

Die Kathrein trägt heut' ihren heiligen Kranz, hei didel dei didel dö.

die Musik, die spielt, und es jubelt und lacht, die Knödel, die dampfen,

der Kronenwirt lacht, Ha, ha, hei didel ha, ha, ha.


Der Krischan, der hat beim Pfarrer sein'n Platz, ...

und rot wie der Mohn blüht die Kathrein, sein Schatz. ...

Er sieht nach der Uhr, und es ist erst halb vier,

bis sieben Uhr bleiben die Brautleute hier.


Der Lehrer, der hält eine feurige Red', ....

er weiß, dass es ohn' die Red' gar net geht. ....

Und weil er beim Messnern und läuten dabei,

so schafft er für zwei, doch er isst auch für drei.


Auf einmal wird's still denn der Hans bläst 'nen Tusch,

das Brautpaar ist plötzlich verschwunden, husch, husch,

die Mädel, die blicken verlegen und stumm,

mit 'nem Jauchzer da schwenken die Burschen sie rum.


Die Nacht ist so lau und der Mond scheint so klar,

noch einmal schreiten zum Tanzen die Paar.

Vom Tanze erdröhnet das uralte Haus,

beim Kronenwirt geht nun das Lämpeli aus.




Burschen aus Mystrina (aus dem Slowakischen nachgedichtet von E. Burkert)


Singt das Lied, sing das Lied wunderbar, Burschen aus Mystrina – tolle Schar.

Ja, das klingt vom Wald herüber und das singt, wenn sie lachen und ihr Lied den Mädchen winkt.

Aber ich rate dir, rate dir sie nicht zu seh'n, wenn sie zum Tanz durch die Wiesen geh'n.


Burschen, die stark sind wie Pilsner Bier, zittern vor keinem, auch nicht vor dir.

Prahlt ein Prahlhans, schlagen sie ihn windelweich, werfen ihn in hohem Bogen in den Teich,

lachen, und weg sind sie, wünschen ihm recht viel Glück – laufen die Wiese zum Dorf zurück.


Ännchen mein, halte ein, huste nicht! Reg dich nicht, 'bitte dich, tue es nicht!

Finden uns die Burschen hier nicht dich und mich, hab' ich dich und küss' ich dich und singe ich.

Sing' und tanze ich. Alle im Dorfkrug seh'n, Mädchen dich, Liebste dich, klug und schön.




Auf, du junger Wandersmann!


1. Auf, du junger Wandersmann! Jetzo kommt die Zeit heran,

die Wanderszeit, die bringt uns Freud'.

Woll'n uns auf die Fahrt begeben, das ist unser schönstes Leben,

große Wasser, Berg und Tal, anzuschauen überall.


2. An dem schönen Donaufluss* findet man ja seine Lust *(oder auch Mulde–Fluss)

und seine Freud' auf grüner Heid',

wo die Vöglein lieblich singen

und die Hirschlein fröhlich springen;

dann kommt man vor eine Stadt, wo man gute Arbeit hat.


3. Mancher hinterm Ofen sitzt und gar fein die Ohren spitzt,

kein Stund' vor's Haus ist kommen aus;

den soll man als G'sell erkennen oder gar ein'n Meister nennen,

der noch nirgends ist gewest, nur gesessen in sein'm Nest?



und



Komisch nicht wahr? Jener, der den Text für das folgende Lied geschrieben hat, war der Müller. Wilhelm Müller – aber der ist schon vor langer Zeit gestorben, genauso wie der Komponist dieser Melodie. Das war Herr (man sagte damals nicht etwa „Kollege“, so wie heute) Karl Zöllner.


Das Wandern ist des Müllers Lust


1. II: Das Wandern ist des Müllers Lust :II das Wandern.

Das muss ein schlechter Müller sein,

II: dem niemals fiel das Wandern ein, :II das Wandern,

das Wandern, das Wandern, das Wandern, das Wandern, das Wandern.


2. II: Vom Wasser haben wir's gelernt, :II vom Wasser.

Das hat nicht Ruh' bei Tag und Nacht,

II: ist stets auf Wanderschaft bedacht, :II das Wasser,

das Wasser, das Wasser, das Wasser, das Wasser, das Wasser.


3. II: Das seh'n wir auch den Rädern ab, :II den Rädern!

Die gar nicht gerne stille steh'n

II: und sich bei Tag nicht müde dreh'n, :II die Räder,

die Räder, die Räder, die Räder, die Räder, die Räder.


4. II: Die Steine selbst, so schwer sie sind, :II die Steine,

sie tanzen mit den munter'n Reih'n

II: und wollen gar noch schneller sein :II die Steine,

die Steine, die Steine, die Steine, die Steine, die Steine.


5. II: Oh, wandern, wandern meine Lust, :II oh Wandern!

Herr Meister und Frau Meisterin,

II: Lasst mich in Frieden weiterzieh'n :II und wandern,

und wandern, und wandern, und wandern, und wandern, und wandern.





Es zogen auf sonnigen Wegen


1. Es zogen auf sonnigen Wegen drei lachende Mädchen vorbei (ja vorbei).

Sie schwenkten die Röcke verwegen und trällerten alle – eins, zwei, drei.

So trallerallala ...


2. Ihr Lied klang so hell in die Weite, sie liefen so froh durch den Mai (durch den Mai).

Ich konnte mich für keine entscheiden, drum küsst ich sie alle – eins, zwei, drei.

(Die erste mit'm Dutt, die zweite mit'm Zopf, die dritte mit 'nem II:wunder:II schönen Bubikopf)

So trallerallala ...


3. Doch ach, eine jede wollt' haben, dass ich ihr Alleiniger sei (ja es sei).

Kein Drittel, den ganzen Knaben, den wollten sie alle -– eins, zwei drei.

So trallerallala ...


4. Du Schwarze, du Blonde, du Braune, vergebt und vergesst und verzeiht (ja verzeiht).

Will keiner verderben die Laune, drum lass' ich Euch alle – eins, zwei, drei.

So trallerallala ...




Jetzt fahr'n wir übern See.

(Wer über „den Bremsklotz“ drüber, in die Pause singt, muss ein Pfand abgeben. So ist es halt).


1. Jetzt fahr'n wir über'n See, über'n See, jetzt fahr'n wir über'n ... ... See.

Mit einer hölzern Wurzel, Wurzel, Wurzel, Wurzel,

mit einer hölzern Wurzel, ein Ruder war nicht ... ... dran.


2. Und als wir drüber war'n, drüber war'n und als wir drüber ... ... war'n,

da sangen alle Vöglein, Vöglein, Vöglein, Vöglein

da sangen alle Vöglein, der helle Tag brach ... ... an.


3. Ein Jäger blies ins Horn, blies ins Horn, der Jäger blies ... ... ins Horn.

Da bliesen alle Jäger, Jäger, Jäger, Jäger,

das bliesen alle Jäger, ein jeder in sein ... ... Horn.


4. Das Liedlein, das ist aus, das ist aus, das Liedlein das ist ... ... aus,

und wer das Lied nicht singen kann, singen, singen, singen kann,

und wer das Lied nicht singen kann, der fängt von vorne ... ... an.




Katjuscha


1. Leuchtend prangten ringsum Apfelblüten,

still vom Fluss zog Nebel noch in's Land.

II: Durch die Wiesen kam hurtig Katjuscha

zu des Flusses steiler Uferwand. :II


2. Und es schwang ein Lied aus frohem Herzen,

jubelnd, jauchzend sich empor zum Licht,

II:weil der Liebste ein Brieflein geschrieben,

das von Heimkehr und von Liebe spricht.:II


3. Oh, du kleines Lied von Glück und Freude,

mit der Sonne Strahlen eile fort.

II:Bring' dem Freunde geschwinde die Antwort,

von Katjuscha Gruß und Liebeswort.:II


4. Er soll liebend ihrer stets gedenken,

ihrer zarten Stimme Silberklang.

II:Weil er innig der Heimat ergeben,

bleibt Katjuschas Liebe ihm zum Dank.:II


5. Leuchtend prangten ringsum Apfelblüten,

still vom Fluss zog Nebel noch in's Land.

II: Fröhlich singend ging heimwärts Katjuscha –

einsam träumt der sonnenhelle Strand. :II


Anhang 2: Beispiele aus dem Speiseplan


Tag

Frühstück

Mittagessen

Vesper

Abendbrot

Montag

Puddingsuppe,

Brot,

2 Buttersterne

(mit Tautropfen),

Marmeladensorten

Blumenkohl mit Gemüsegeschnitzel,

Kräuterkartoffeln, Obst als Nachtisch

Kümmelhörnchen

Mischbrot,

Streichfett,

Käse und eine

Wurstauswahl

Dienstag

Grießbrei,

Brötchen,

2 Buttersterne,

Kunst-Honig / Marmelade

Soljanka,

Thüringer Bratwurst, Sauerkraut,

Kartoffelsalat, Obst

Vollkornbrötchen,

Birne

wie oben, zusätzlich Quarkspeise

Mittwoch

Milchreis,

Brot,

2 Buttersterne,

Marmeladensorten

Suppe,

Eierkuchen mit

Zucker mit Zimt

und Apfelmus

Pflaumenkuchen

Roggenbrot,

Sauermilchkäse,

Saure Gurke

Donnerstag

Haferflockensuppe,

Brötchen / Brot,

2 Buttersterne,

Kunst-Honig / Marmelade

Kasslerscheibe,

Mischgemüse (Erbsen / Möhren),

Salzkartoffeln, Soße,

Pflaumenkompott

Milchbrötchen

oder Rosinenbrötchen

Mischbrot,

Schmelzkäse,

Wurst,

Radieschen


Freitag

Puddingsuppe,

Brot,

2 Buttersterne,

Marmeladen

Rührei mit Spinat,

Wurststückchen und gehackten Kräutern (Petersilie und Schnittlauch), Apfel

Quarkspeise,

Zwieback oder Knäckebrot bei Bedarf

Vollkornbrot, ansonsten wie vorstehend, zusätzlich

ein Ei vom Huhn

Sonnabend

Grießbrei

Brot / Brötchen,

2 Buttersterne,

Konfitüre

Nudelsuppe mit einer Kraftbrühe,

Brot bei Bedarf,

frischer Salat

Butterzopf

aus (Milchbrötchenteig)

warmes und kaltes Buffet – nach eigener Auswahl

Sonntag

Brötchen,

2 Buttersterne

Kunst-Honig /

Marmeladen

Suppe,

Rinderbraten, Soße,

Salzkartoffeln,

Rotkohl = Blaukraut

Mischkompott

Apfelkuchen, offen

Brot, sortiert,

kaltes Buffet zur

Selbstauswahl



Das Angebot zum Frühstück und Abendessen wiederholte sich ja aber mittags gab es weiterhin:

* Vor den Mahlzeiten den Vitamintrunk, anschließend oft einen kleinen Obst- oder Gemüse-Salat

- Gulasch nach deutsch-ungarischer Art mit Nudeln und Tomatensoße. - Salatauswahl.

- Bouletten, Mischgemüse, Kartoffeln, - Apfelschnitzel.

- Reis mit Hühnerklein in Brühe. Salat.

- Kartoffelbrei mit zerlassenem Fett und Zwiebelringen. - Quarkspeise.

- Eier in Senfsoße. – Es hieß, es seien „verlorene Eier“. In Wirklichkeit waren sie aber vorhanden.

- Eintopf – grüne Bohnen mit Fleischeinlage. - Dessert.

- Hefeklöße, gelbe Vanillesauce mit Schwarzbeeren, wahlweise auch mit blauen Heidelbeeren.

- Fisch, gekocht in Dillsauce, (Hhm!), Salzkartoffeln. - Pflaumen.

- Klopse mit Kapern oder ähnlichen Früchten in weißer Soße, Salzkartoffeln. - Joghurt.

- Kräuterquark mit Pellkartoffeln, Apfel oder anderes Obst nach dem Handels-Angebot der Woche.

- Quarkkeulchen mit Vanillesoße und Apfelmus. - Fruchtquark.

- Eierhackstückchen in Kräutersoße mit Salzkartoffeln und Mischgemüse. - Salat.

- Gemüsesuppe, Brot; - oder Möhreneintopf mit Brot als Sättigungsbeilage. - Pudding.

- Jägerschnitzel, also gebratene Jagdwurstscheibe, mit Muschelnudeln in Tomatensoße.

- Milchreis, im Wechsel mit weichem Hartweizen-Grießbrei, mit Zucker und Zimt, - Kirschkompott.

- Kartoffelsuppe, Roggenbrötchen („Schusterjungs“). - Salat. ... und so weiter


Anhang 3: Auswahl aus heimischen Pflanzenarten

Diese Liste ist nach Erzählungen von Fräulein Inge Hennersdorf notiert.


Name der Pflanze


Die guten Wirkungen der Pflanzen auf Tier und Mensch

Ampfer, Sauer-A.

Er ist ein Knöterich-Gewächs. Als Gemüse und Salat gilt er als Nahrungsbeilage und besonders vorteilhaft gegen Verdauungsbeschwerden.

Arnika

Gut gegen Rheuma, als Auflage mit A-Tinktur getränkt oder Salbe. Heilend bei Blutergüssen, Zerrungen, Quetschungen. Hemmt Entzündungen.

Blutwurz oder

Tormentill

Die Blüten sind gelb, der Saft ist aber rot. Herzförmige Blütenblätter. Wächst gern im Steingarten. Pflanze enthält Gerbstoffe. Tötet Bakterien. Gut anwendbar bei Blutungen, gegen Entzündungen, stillt Durchfälle.

Echter Ehrenpreis oder Veronica

Dieses „Allerweltskraut“ hat für seine vielen Dienste einen „Ehrenpreis“ verdient. Man kann ihn zum Genuss, gegen den Hunger und für die Anregung des Appetits, als Salat oder Gemüse essen. Dabei wirkt er still vorbeugend gegen Gicht und Rheuma, pflegt die Atemwege und lässt sich bei Hals- und Mandelentzündungen fein als Gurgelmittel verwenden.

Farne

Merke: Weil giftig, hole sie aus der Apotheke – als Laie nicht aus dem Wald. Wurmfarn vertreibt Würmer. Äußerlich: Tinktur zur Hilfe bei Krampfadern, aber nur, wenn du welche hast. Auch zur Linderung deines Rheumas.

Ein Ruhekissen darf mit Farn-Wedeln gestopft werden (kein giftiger Duft).

Frauenmantel

Wirkt bei und gegen viele(n) Wehwehchen: Blutreinigend, blutstillend, harntreibend, krampflösend, hilft gegen Erkältungen, Fieber, Asthma, Entzündungen und Durchfallerkrankungen. Unterstützt den Körper bei der Zuckerkrankheit, wirkt gegen die schädliche Aderauskleidung mit einer Fettschicht (im Volksmund: Kalk) und tut gut gegen Herzbeschwerden.

Frauenschuh

Es handelt sich um eine ganz wilde und sehr geschützte Orchidee. Sie verbessert die Atemluft in Räumen und ist auch essbar. Für schnelle Wundheilung. Gegen Hautausschläge und Frauenleiden mancherlei Art.

Goldrute oder Goldraute

Besonders in Rautenkranz wollen wir sie gern vorzugsweise Goldraute nennen. Obwohl: die Raute im Wappen sieht grün aus.

Die Goldraute ist eine Einwanderin aus Kanada.

Sie wurde berühmt wegen ihrer Wirkung gegen Gicht und Rheuma, gegen Blasen- und Nierenentzündungen, wird wegen ihrer blutreinigenden Wirkung geschätzt. Sie fördert die Wundheilung. Nicht roh kauen!

Hahnenfuß

Ein Ranunkel-Gewächs mit kleinen gelben, wie lackierten Blüten und mit Blättern, die aussehen wie Hühnerfüße. Ist recht hübsch anzuschauen.

Heidekraut oder Erica

Ein köstlicher Blütentee von Erika hilft bei Gicht und Rheuma, wirkt schmerzlindernd, blutreinigend und harntreibend.

Hirtentäschel

Der lauwarme Tee hilft gegen Blutungen aller Art, innerlich und äußerlich. Auch zur Linderung von Rheuma kann man getränkte Packungen auflegen.

Johanniskraut

Es wirkt, z. B. als Tee, beruhigend, schlaffördernd und nervenstärkend.

Als feuchte Auflage fördert es die Wundheilung.

Kamille, echte,


nicht die schöne

Hundskamille

Ein Blüten-Mittel für und gegen fast alles. Als Tee oder feuchte Auflage oder als Salbe. Für das Hemmen von Entzündungen, zum schnelleren Heilen von Wunden. Gegen Bakterien und Krämpfe ist dieses Kraut gewachsen. Als Inhalations-Dampf zum Freihalten der Atemwege bei Erkältungen geeignet.

Kümmel

Als Gemüsezugabe (Würze) oder als Schnaps zu reichen. Regt den Appetit an, hilft bei Verdauungsstörungen, wirkt gegen Durchfall und Erbrechen, hat keimtötende und krampflösende Eigenschaften.

Kuhblume (echt vogtländisch),

auch

Hundeblume

genannt und ...

... wir kennen sie des Weiteren als Löwenzahn (Blattform), Butterblume (kräftig gelbe Blütenblätter) oder zur Zeit der Samenbildung („Fallschirme“) als Pusteblume. Sie bietet sich uns als gutes Würzkraut und Vitaminspender (wie Petersilie) an. Günstig bei Rheuma und gegen Hautausschläge, als Abführ- und Harntreibungsmittel, gut gegen manche Gefühle – zum Beispiel der Völlerei und soll den Fettgehalt im Blut senken.

Otterzunge

oder auch Natterzunge ...

... ist ein Wiesenknöterich. Man kann die Blätter schon ohne ernsten Grund als Wildgemüse einsetzen oder es auch bei Schlangenbissen geben. Dann trotzdem ganz schnell zum Arzt. Schlangen-Namen dort nennen, wenn dieser bekannt ist. Die Schlange selbst am Tat- und Beißort lassen.

Pferdekümmel

oder

Wiesenbärenklau

Vorsicht. Doldenblütler mit Blättern, die sich wie ein Bärenfell anfassen (ihr kennt das gut). Er vermag starke Hautreizungen zu verursachen!

Ein Tee davon wirkt ausscheidungsfördernd.

Schafgarbe

Zur Unterstützung der Blutstillung und Heilung der Wunden. Als Tee krampflösend. Gegen Magen- und Gallenbeschwerden und auch als Mittel der Frühlings-Abnehm- und Entschlackungskuren für den, der es braucht.

Spitzwegerich ...

... wird als Hackkräutel bei der Wundbehandlung und bei Insektenstichen aufgelegt. Heißer Tee würde die wertvollen Wirkstoffe teilweise zerstören, deshalb als kalten Presssaft geben bei Husten, bei Reizungen und Entzündung der Luftwege, auch bei Hautreaktionen auf Nervenbelastungen.

Weidenröschen

Ein Tee aus Blättern der Waldform hilft gegen Leiden der Vorsteherdrüse – bei Frauen wird davon eher die Blase gesünder. Bei Männern außerdem.

Wiesen-Storchschnabel

Es handelt sich um eine Geranien-Pflanze. Gut für die Haut, zur Blutstillung. Für die Verdauung, wirkt gegen Durchfall, hilft dem Magen und dem Darm, sich wohlzufühlen.

Zinnkraut

bitte nicht mit Zink...verwechseln

Wir nennen es zu Hause oft Acker-Schachtelhalm. Es hilft bei Rheuma und gegen Gicht, bei der Reinigung des Blutes, bei einem Angriff der für uns schädlichen Bakterien, bei Entzündungen der Harnwege und der Nieren.


Merke:

Den Wald als Apotheke möchten wir nicht missen – wir kennen nun etwas vom rechten Wissen!


Nun fehlen zur Liste nur noch die Bilder der Blütenpflanzen. Deshalb gehen wir nochmals an den Waldesrand und auf die Wiese und nehmen das Bestimmungsbuch mit.

Nimm niemals Pflanzen mit, die unter Naturschutz gestellt wurden!

Auch können wir wenige Pflanzen pressen und ein Herbarium anlegen. Schwarz-grau-weiße Fotos würden sich weniger lohnen. – Achte aber bei der Ernte darauf: Vereinzelt pflücken und ohne Wurzeln, damit sie wieder gut nachwachsen.

Viele der Pflanzen kann man als Salat und Gemüse essen. Man merkt allerdings nicht, dass man eine Kräuter-Kur isst. Vielleicht hätte man sonst eine Krankheit bekommen, von der man aber wegen der Kräuter verschont bleibt.

Kaum eines dieser Naturheilmittel von Wald und Wiese bringt schädliche Nebenwirkungen – kaum kann man etwas falsch machen und alles kostet fast nichts außer ein bisschen Mühe.

Alle diese Pflanzenbeispiele setzt die Natur- und Volksmedizin heilend ein. Ganz ohne Hexerei.

Manches wird aber auch in Fabriken ähnlich künstlich hergestellt – gibt es dann in der Apotheke zu kaufen. Dort kostet es aber wesentlich mehr.


Das ist nur eine kleinere Aufzählung. Sehr erfahrene Frauen (vielleicht auch „das Kräuterweiblein vom Hexenfels“) wussten und wissen noch viel mehr von der Volksmedizin. Ärzte, Apotheker und Drogisten sowie Heilpraktiker manchmal auch.


Anhang 4: 1959 war's – Einige Gedanken zum Abschluss – und die Wiederkehr in der

Zukunft

Der Aufenthalt in Morgenröthe-Rautenkranz war für ungezählte Kinder eine Zeit der Anwendung gezielter medizinischer Therapie bei pädagogisch durchdachter Begleitung, guter Erholung, schöner Erlebnisse – jahrzehntelang bleibender wertvoller Erinnerungen.

Diese Heime hießen in den ersten Jahren, als sie zur Sozialversicherungskasse und zur Volksbildung der DDR gehörten: Kinder-Erholungsheime. In späteren Jahren, als sie dem Gesundheitswesen unterstellt wurden, waren die gleichen Einrichtungen Kinder-Kurheime.


Weltweite Bekanntheit erlangt Rautenkranz aber 20 Jahre später, als Heimatort des ersten Kosmonauten der DDR und des „geteilten Gesamtdeutschland“: Sigmund Jähn (13.02.1937–21.09.2019, 82 J.), der in Morgenröthe-Rautenkranz geboren wurde. Der Lehrer, Herr Erhard Böhm, der nebenberuflich den Kindern des Kraushübel-Heimes in Lichtbildervorträgen viel Wissenswertes von der Heimat vermittelte, zählte Sigmund Jähn zu den ersten seiner Schüler. Leben und Lernen in Rautenkranz, das in eine lebenslange Freundschaft zwischen Lehrer und Schüler mündete.

Jahre später wuchsen auch die Schülerinnen des Lehrers Böhm heran, die Erzieherinnen / Lehrerinnen wurden und von denen einige im Kindererholungsheim arbeiteten. Für die meisten von ihnen war diese berufliche Tätigkeit eine lebenslange Berufung für die Sorge um das Wohl der Kinder. Ehemalige Schüler aus dem Ort wurden beispielsweise auch als Hausmeister im Heim tätig.

Morgenröthe-Rautenkranz ist mit dem inzwischen errichteten Welt-Raumfahrtzentrum schon wieder um eine große Attraktion reicher.


Nach dem Eintritt in das Rentenalter begann das frühere Kur-Kind Chris, das wir hier kennenlernten, seine Lebenserinnerungen aufzuschreiben. Zu jenen gehört auch der vorstehende Bericht, der nun erst nach über einem halben Jahrhundert entstand. Manches ist in jener Zeitspanne in der Erinnerung verblasst, anderes steht ihm noch deutlich vor Augen – manches aber wurde erneut aufgefrischt.

Seine Anfrage an den Heimatverein in Morgenröthe-Rautenkranz beantwortete Bürgermeister Konrad Stahl freundlich und ausführlich. Dieser sandte Chris auch zeitgenössischen Kopien der Ansichtskarten des Heimes, das Bild des Wappens und sah gemeinsam mit Ehefrau Heike und deren Eltern den Textentwurf durch, den Konrad um einige Informationen ergänzte. Diese Unterstützung war für Chris eine wertvolle Erinnerungshilfe. Dafür sei an dieser Stelle noch einmal herzlich gedankt.


Ein „Zufall wollte es“, dass die Tochter der damaligen Heimleiterin Ursula Böhm im Frühsommer des Jahres 2013 eine Notiz von Chris über Rautenkranz las. Das bedeutete den Beginn eines lebhaften Austauschs an Erinnerungen, denn sie hatten sich ja in der hier beschriebenen Zeit des Sommers '59 bereits ein wenig in Rautenkranz kennengelernt. Ebenso kam der Kontakt mit der damaligen Erzieherin Fräulein Hennersdorf zustande, die inzwischen ein Fräulein nicht mehr ist, sondern Mutter, Großmutter und erfahrene Pädagogin. Ein gemeinsamer Besuch in Rautenkranz im Herbst 2013 frischte viele der alten Eindrücke und Erinnerungen auf. Nach dem herzlichen Willkommen in der Pension von Heike und Konrad Stahl gab es in jenen Tagen interessante Gespräche mit Regina, Horst, Heike und Konrad sowie Inge und Elke bei neuen Wanderungen „auf den alten Wegen“ mit bewegenden Wieder-Begegnungen, bei denen einige Fotos entstanden.


Alle unsere guten, freundlichen Gesprächsinhalte über das 1959-er Jahr, über die damalige Zeit, durften mir „als Anhaltspunkte“ dienen und wurden in den vorliegenden Bericht hineingenommen, so dass hoffentlich nichts Wesentliches dieser Tage verloren ging, was die Erzieherinnen damals vermittelten und was den Kindern als wichtig erschien.

Ja, es ist das Kindes-Empfinden, das hier dargestellt wurde. Für einen Gesamtblick auf die damalige Zeit wäre es nur ein kleiner Ausschnitt, weil die Situationen der Erwachsenen wenig Berücksichtigung finden konnten. Das Mühen um das Wohl der Kinder, die persönlichen alltäglichen Probleme des Personals, die Sorge allein schon um die regelmäßige Anreicherung des Speiseplanes mit Obst und Gemüse, um die ausreichende Versorgung mit Fleisch wurden hier nicht widergespiegelt – das waren in der damaligen Zeit keine einfach zu lösenden Aufgaben – von denen die Kinder bei ihrem unbeschwerten Aufenthalt nichts merkten.


Deshalb sei auch heute nochmals allen diesen guten Menschen recht herzlich gedankt!


Diese Worte wähle ich trotz des Wissens, dass viele der Damaligen, auch im Text namentlich Erwähnten, heute nicht mehr unter uns weilen.


Vieles hat sich seither verändert – in der Natur und in der Gesellschaft, also in unserem Leben.

So sieht man heute beispielsweise vom Hohehausberg das Grundstück des Kinderheims nicht mehr. Die Bäume in der Nähe der Mulde sind für diesen Blick viel zu hoch gewachsen. „Sie haben aber das uneingeschränkte Recht dazu“.

Vieles hat sich seither verändert.

Die Gebäude des Heimes stehen 2013 noch – seit Jahren aber nicht mehr zur Nutzung für Kinderkuren. Seit Jahren auch nicht für eine sinnvolle anderweitige Nutzung gebraucht. Teils besteht eine provisorische Fremdnutzung von Räumen, teilweise ist ein Leerstand zu verzeichnen.

Kein fröhliches Lachen klingt mehr durch die Räume der Häuser des ehemaligen Kurheims.


Kinderkuren vorbeugender und heilender Art in dem Umfang, wie sie damals in der DDR betrieben wurden, rechnen sich nicht“ – meinen die heutigen Entscheidungsträger – somit richtend über viele Einrichtungen ähnlicher Art im Lande, die demzufolge ein vergleichbares Schicksal erlitten.

Für viele Menschen von uns ist das Leben finanziell reicher geworden – für viele andere Mitbürger nicht. Worin mag der Einzelne den „Reichtum“ für sich sehen? Worin erblickt er Defizite? Was möchte er gern und was vermag er selber aktiv verändernd zu gestalten, für sich, für seine Familie, für die Zukunft der Kinder und der Enkel, für die Gesellschaft? Wofür müht er sich vergeblich? Was gehört zu den künftigen Zielen und was zu den nächsten Etappen auf dem Wege einer relativ reichen, sich immer irgendwie weiter und schneller entwickelnden Gesellschaft?

Viele Fragen, wenige konkrete Antworten – oft noch weniger sinnvolles Handeln. Ein weites Feld!


Ein Nachtrag vom Juni 2014:

In diesem Monat wurde das „Haupthaus“ des Kinderkurheims, das Gebäude mit der Sonnenveranda und dem Symbol der weißen Friedenstaube am Giebel, „rückgebaut“ wie es „rücksichtsvoll“ heißt, also abgerissen.

Es besteht nicht mehr. Für uns, die hier weilen durften, bleibt es in der Erinnerung erhalten!


Anhang 5: Quellenangaben:

- Der Mundarttext stammt aus dem Begrüßungs- und Begleitbuch für die Gäste in der

Pension „Waldesruh'“ (mit den Ferienwohnungen „Weidmannsdank“ und „Raumstation“) von

Heike und Konrad Stahl, in der Carlsfelder Straße 22, Muldenhammer, Ortsteil Morgenröthe-

Rautenkranz.

- Wanderheft 29: „Rund um den Schneckenstein“, von Erhard und Ursula Böhm, Rautenkranz.

- Gespräche mit Ehepaar Haupt, Ehepaar Stahl und Frau Heidrich, die zum Personal des

Kinderkurheimes gehörten. Unterhaltung mit Frau Gnauck, die in Rautenkranz in engster

Beziehung zum Kur-Heim aufwuchs.

- Lattermann, Wikipedia-Notizen und Informationen von Herrn Dr. Ing. Strobel, Plauen, verarbeitet

im Geschichtsmagazin „Historikus *Vogtland*“, im Artikel: „Dichtender Eisengießer mit Bierbrauer-

Lehre“.

- Erinnerung des Kurkindes Chris Janecke. Der Autor verfügt über verschiedene weitere Bilder.


Anhang 6: Verzeichnis der benutzten Abkürzungen

CSR: Czecho-Slowakische Republik (Tschechoslowakische ...), später CSSR: ... Sozialistische ...

DEFA: Deutsche Film-Aktiengesellschaft. Deren Betriebssitz: Potsdam-Babelsberg.

DDR: Deutsche Demokratische Republik, bestand von 1949 bis 1990, als ein Teil Deutschlands.
DR: Deutsche Reichsbahn (in der DDR), wurde auch hier nach 1990 von der Bezeichnung DB =

Deutsche Bundesbahn abgelöst.

KPD: Kommunistische Partei Deutschlands
SED: Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (am stärksten in der DDR vertreten).

SPD: Sozialdemokratische Partei Deutschlands

SVK: Sozialversicherungskasse des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) in der DDR. Daneben gab es die DVA: (die Staatliche) Deutsche Versicherungsanstalt der DDR.

VEB: Volkseigener Betrieb. Staatlicher Betrieb ohne privates Eigentum an Produktionsmitteln.

VEG: Volkseigenes Gut, oft vor 1945 ein „Rittergut".


Anhang 7: Einige schon weniger gebräuchlich gewordene Begriffe Begriffe aus dem Text

Brühnudeln: Es handelt sich um so genannte Eierteigwaren. Auch Hartweizenerzeugnisse sind als Ausgangsmaterial möglich. Man bot diese beispielsweise als kurze Bandnudeln,

Muscheln oder Buchstaben an. Diese Nudeln wurden kurz in Wasser aufgekocht, sodann mit heißer Fleischbrühe aufgefüllt, Suppengrün dazugegeben und auf kleinster Flamme nachgegart. Brotscheiben konnten dazu gereicht werden. Dieses einfache Gericht war für den Ankunftstag besonders geeignet. Das Essen konnte pünktlich um 12.00 Uhr fertig sein aber man wusste nicht, ob die Busse mit den Kur-Kindern ebenso pünktlich zur Stelle sein würden. Die Brühnudeln ließen sich besser warm und ansehnlich halten, als Kartoffeln, Fleisch, Soße und Gemüse. Einige Kinder sagten zu den Brühnudeln auch

„Rennfahrersuppe“, weil sie so schnell durch den Körper, und besonders in die Blase ging.


Feilenhauerei: Seit dem Altertum gibt es Raspeln und Feilen zum Bearbeiten von Holz, Metall und Mineralien als Handwerkzeuge. Das Material ist heute ein legierter Werkzeugstahl, den man in Form von Flachstahl-Stangen aus dem Walzwerk erhält. Diese Werkzeuge bestehen aus dem Feilenblatt, der Feilenangel und dem Feilenheft. Das Feilenblatt wird die eigentliche Arbeitsfläche des künftigen Werkzeugs. Die Angel ist ein spitz zulaufend geschmiedetes Ende. Dieses nimmt das Heft, wie man den aufgesteckten Handgriff nennt, auf. Die Feilen glätten die Oberfläche der Werkstücke mit ihren Zähnen (dem Hieb). Bei der Herstellung einer solchen Feile muss der Werkzeugmacher diese Zähne in den Feilen- Rohling aus Flachstahl einschlagen = einhauen, damit die bisher glatte, gewalzte Oberfläche gezahnt-rau, also spanabhebend wird. Dazu wird der Rohling aber vorerst weichgeglüht, dann vorgerichtet (begradigt), die Flächen werden geschliffen sowie die Kanten entgratet. Man kann unterschiedliche Anordnungen der Zähne wählen und auch eine verschiedene Anzahl von Zähnen für den benötigten Feinheitsgrad vorsehen. Früher wurde dieses Einhauen der Zähne in Handarbeit mittels Hammer und Meißel verrichtet, heute erledigt das die Werkzeugmaschine – ja eben, die Feilenhaumaschine. Anschließend, nach dem Einbringen des Hiebes in das Feilenblatt, wird die Feile wieder gehärtet, um ihr eine lange Gebrauchsdauer (Standzeit) zu geben. Nach Ihrer Form und dem beabsichtigten Verwendungszweck gibt es die verschiedensten Feilensorten. Solche Feilenhaumaschinen stehen auch in Rautenkranz in einer Fabrik, in einer Werkhalle, eben in der Feilenhauerei, weil dort nichts anderes produziert wird. Man hat sich auf Feilen spezialisiert.


Kalfatern: Einstemmen von vorbehandeltem Werg / Hanf / Weißstrick in die Bretterfugen, z. B.

eines Schiffes, um diese abschließend mit Pech wasserundurchlässig zu machen.


Karl-Marx-Stadt: Diesen Namen trug die Stadt Chemnitz in den Jahren von 1953 bis 1990. Der

damalige gleichnamige „Bezirk Karl-Marx-Stadt“, war eine politisch gewollte Verwaltungseinheit, die Benennung für eine große Landesfläche. Sie gehört zum

heutigen Land Sachsen.


Kollektive: Gemeinschaften, hier: betriebliche Arbeitsgruppen.


Manometer: Eigentlich die Bezeichnung für ein Gerät zur Druckmessung. Hier aber ein Ausruf des Staunens, ein „harmloses Kraftwort“, ohne technische Bedeutung.


Kommandit-Gesellschaft, eine „KG“. Mehrere Personen schließen sich als Teilhaber einer Firma zusammen. Oft in der Form eines halbstaatlichen Betriebes.


Propusk: Aus dem Slawischen für Pass, Passierschein, Grenzausweis.

Sprungbrett in den Westen“: Es gab in jenen Jahren viele Republikflüchtlinge, also Bürger der DDR, die illegal in die BRD ausreisen wollten. Es bestand auch eine Anzahl von Grenzübergängen zwischen beiden Staaten (nach dem 13. August 1961 erheblich weniger). Bis zu jenem Zeitpunkt musste man, wenn man beispielsweise von Potsdam- Babelsberg (DDR) in den Ostteil der Stadt Berlin (Hauptstadt der DDR) reisen wollte, durch West-Berlin fahren. Und manch einer wollte eher, also bereits dort in Westberlin „endgültig“ aussteigen. Vom Bahnhof Babelsberg bis in den amerikanischen Sektor von Berlin-West (Bahnhof Wannsee), waren es knapp 6 Minuten reine Reisezeit mit der Bahn für 30 Pfennige der DDR. Dazwischen aber, auf halbem Wege, lag der Grenzbahnhof mit Namen: Griebnitzsee. Hier fand die DDR-Grenzkontrolle statt: Personalausweis, Gesicht, Gepäck und Kleidung sowie mitunter die äußere und innere Leibesvisitation in den „Holzbuden“ auf dem Bahnsteig. Jede Bahn hatte hier also eine längere Aufenthaltszeit.

Wollte aber jemand, der gemäß Ausweisanschrift nicht aus dem nahen Berliner Umland stammte, sondern gemäß Personalausweis beispielsweise aus Thüringen oder Mecklenburg kam, Richtung Berlin reisen, so galt das bereits als verdächtig, war es ein Grund zum Nachforschen, zum Beginn einer hochnotpeinlichen Befragung, auch zu Rücksprachen im Heimatort des Reisenden, zum Beispiel auch in dessen Beschäftigungsbetrieb oder im Mehrfamilien-Wohnhaus.

Deshalb suchten auch Lehrer, die die DDR verlassen wollten, vorerst eine Anstellung in unmittelbarer Grenznähe (das „Sprungbrett“), um im Personalausweis eine unauffällige grenznahe Wohnanschrift stehen zu haben und diese den Grenzpolizisten vorweisen zu können.

So konnten sie schnell mal nach Berlin-West reisen (offiziell war das jedoch Staatsbediensteten untersagt), von dort zurück kommen oder dort bleiben oder sich von dort in die BRD ausfliegen lassen. Das ging aber nur bis zum 13. August 1961, dem Tag des Beginns des „Mauerbaus“. Ansonsten wäre die Bevölkerung dieses Landes, der DDR, weiterhin dramatisch geschrumpft, „ausgeblutet“, wie es oft gesagt wurde.


Trenker, Louis: Alois Franz Trenker, Lebenszeit 1892 bis 1990, ein damals bekannter Bergsteiger,

Schauspieler, Regisseur und Schriftsteller.

Volkspolizei: Bezeichnung für die Polizei in der DDR zwischen 1949 und 1990.


W. Ulbricht: Nach dem Ableben des Ministerpräsidenten Wilhelm Pieck, war Walter Ulbricht von 1960–1973 Staatsratsvorsitzender (höchstes Amt) in der DDR. Höchste Leitungsfunktionen vorerst in der KPD, später in der SED bis zum Beginn seiner Entmachtung 1971, die hauptsächlich von seinem „treuen politischen Ziehsohn“ und

Nachfolger im Amt, seinem Parteigenossen Erich Honecker betrieben wurde.


West-Berlin: Die Stadt Berlin wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von den Siegermächten in vier Sektoren aufgeteilt. West-Berlin bestand aus dem Amerikanischen, Britischen und Französischen Sektor. Der Ostteil der Stadt war der Sektor, der von der

sowjetischen Militäradministration verwaltet / kontrolliert wurde.

Der Ostteil von Berlin war die Hauptstadt der DDR.

Zur Hauptstadt / zum Regierungssitz der BRD wurde im geteilten Deutschland die Stadt Bonn am Rhein gewählt.

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Anhang 8: Das Gästebuch



Bestimmt erinnern sich noch viele „Kinder“ an einen damaligen schönen Aufenthalt im Kindererholungsheim, später Kinder-Kurheim Kraushübel

Gästebuch –

Gern kannst du etwas zu deinen eigenen Erlebnissen des Aufenthaltes in Rautenkranz

schreiben oder einen Kommentar zu dem vorstehenden Beitrag notieren.

Darf dein bereichernder Beitrag hier veröffentlicht werden?
Wenn ja, unter welcher Namensbezeichnung? Mit Absender-Anschrift – oder ohne?

Richte deinen Beitrag bitte an die E-Mail-Adresse:

chris@janecke.name



2021: Eine Leserin suchte und fand in einer Ablage in ihrer Wohnung, sorgsam aufbewahrt, eine Rarität, einen Zeitungsartikel über die Einweihungsfeierlichkeit, dessen Inhalt ich hier aus der mehr als 70 Jahre alten Zeitung wiedergeben darf:




Freie Presse Lokalausgabe Auerbach, den 5. Juni 1848



Eröffnung in Kraushübel


R a u t e n k r a n z. Das neuerrichtete Kreis-Kindererholungsheim der Volkssolidarität auf dem Kraushübel prangte am 30. Mai in besonderem Schmuck. Flatternde Fahnen, Girlanden und eine große Willkommen-Aufschrift wiesen auf ein großes Ereignis hin. In den Nachmittagstunden strömte aus nah und fern jung und alt herbei, um der Eröffnungsfeier des Kindererholungsheimes des Kreisausschusses Auerbach der Volkssolidarität beizuwohnen. Die Besucher gaben bei der Besichtigung des Kinderheimes immer wieder ihrer Überraschung und Anerkennung Ausdruck.


Das Bezirksorchester Klingenthal spielte zum Auftakt und Abschluß der Feier muntere Weisen. Der Männerchor Rautenkranz sowie der Gemischte Chor Tannenbergsthal umrahmten die Veranstaltung durch gute gesangliche Darbietungen. Der Kreisvorsitzende der Volkssolidarität, Alfred Gläser, Auerbach, begrüßte die zahlreich erschienenen Gäste und dankte allen Helfern, Handwerkern und Arbeitern, die durch ihre Mitarbeit den überaus neuzeitlichen Bau entstehen ließen. Landessekretär Kleinert, Dresden, vom Landesausschuß der Volkssolidarität, hielt die Weiherede. Dabei stellte er besonders die Verdienste Alfred Gläsers in den Vordergrund. Ebenso wurde die Arbeit des Kreissekretärs der Volkssolidarität, Herrn Michel, Auerbach, anerkennend gewürdigt. Als Zeichen der Verbundenheit und Unterstützung überreichte Landessekretär Kleinert dem Kreisausschuß der Vokssolidarität, unter großem Beifall der Versammelten, einen Scheck in Höhe von 85.000 Mark. Anschließend versprach Bürgermeister Seifert das Kinderheim in die besondere Obhut der Gemeinde zu nehmen und überreichte ein Geschenk. Die Jüngsten brachten Blumen. Kinder aus Reichenbach, die in einem Heim im benachbarten Sachsengrund zur Erholung weilen, deklamierten einen Weihespruch und sangen ein selbstverfaßtes nettes Lied vom neu eingerichteten Kindererholungsheim Kraushübel. Die Schuljugend von Rautenkranz führte Reigen auf und sang erzgebirgische und vogtländische Heimatlieder.

Nach den Vorführungen wurden die Handwerker und Mitarbeiter am Bau des Kindererholungsheimes besonders geehrt.

H. H.

Die ersten Erholungsgäste

R a u t e n k r a n z. 55 acht- bis vierzehnjährige erholungsbedürftige Kinder aus den niedriger gelegenen Orten des Kreises Auerbach trafen am 1. Juni im neueröffneten Kreiskinderheim „Kraushübel“ der Volkssolidarität ein; sie werden sich vier Wochen in Licht, Luft und Sonne bei guter Verpflegung bestens erholen.




Das Kindererholungsheim „Kraushübel“ wurde am 1. Januar 1951 von der Volkssolidarität an

die Trägerschaft der Sozialversicherungsanstalt Sachsen übergeben.

Die fachliche Arbeit für das Kindererholungsheim wurde der Volksbildung zugeordnet.


Zu den ersten Mitarbeiterinnen aus dem Ort gehörten zu dieser Zeit auch:

Ursula Böhm, Hilde Pietsch, Ursula Schiefer und Helga Schneidenbach.

Für das leibliche Wohl der Kinder sorgten um 1951 in der Küche: Elisabeth Bindig als Köchin.

Sie war die frühere Besitzerin der Gastwirtschaft auf dem gleichen Grundstück in der Carlsfelder Straße, dessen Gebäude in das Areal des Kindererholungsheimes eingbezogen wurde.

Als weitere Küchenkräfte wirkten: Auguste Büttner, Elisabeth Hohmann, Auguste Kalinowski

und Anna Riegert.

Barbara Wolf war mit der Raumpflege beschäftigt – und der einzige männliche Mitarbeiter war Willi Gläser als Haushandwerker – auch mit Arbeiten im Stall und auf der Wiese beschäftigt.

Mit ihrer Erwähnung soll die Erinnerung an sie wachgehalten, sollen sie noch einmal geehrt werden.


In späteren Jahren ging die Trägerschaft von der Volksbildung an das Gesundheitswesen über und mit diesem Wechsel wurde aus dem Kindererholungsheim ein Kinderkurheim.




Eine freundliche und aufmerksame Leserin fand bei Aufräumarbeiten noch mehrere Fotos

vom Heim, die sofort in die Bildergalerie dieses Beitrages aufgenommen wurden.

Diese Aufnahmen stellen einen wahren idellen Schatz dar.

Vielen Dank.




Im August 2023 – Es gibt interessante Neuigkeiten aus Rautenkranz zu berichten:

Inmitten des Waldes und nahe am Pyratalweg und Sackweg, aber nur wenige Schritte vom Ort entfernt, wurde vor fast 90 Jahren eine Quelle eingefasst und überdacht, die den Forstleuten von Alters her bekannt war. Eine Quelle, die ungezählten Tieren den Durst gelöscht hatte und ihnen als Heilquelle diente. Die Untersuchung von Qualität und Eigenschaften des Wassers hatte schon damals zu dem Ergebnis geführt, dass das kühle Nass, aus dem Granitgestein entspringend, einen gut vertragbaren Radiumgehalt aufweist, Radongassprudel spendet.

In der Nähe dieses Quellortes führen zwei bedeutende Wanderrouten vorbei: Der bekannte Vogtland-Panoramaweg und sogar der Europa-Fernwanderweg, der die Wandersleut' bis nach Budapest leitet – so sie es mögen.

Die offene überdachte Quellstube unweit der Morgenröther Straße, bedarf einer regelmäßigen Pflege, genauso wie deren nähere Umgebung, an der es wohl über lange Zeiten mangelte. Diese übernehmen nun die tatkräftigen ehrenamtlichen Mitglieder des derzeitig etwa vierzigköpfigen Heimatvereins Morgenröthe-Rautenkranz, an deren Spitze der frühere ideenreiche Bürgermeister Konrad Stahl wirkt. Die Vereinsmitglieder befassen sich sowohl mit der Aufarbeitung der Geschichte des Ortes, als auch mit praktisch sichtbarem Tun – eine angenehme Außenwirkung der abwechselungsreichen und interessanten Aufgaben. Den Auftakt zum Thema „Quelle“ gab ein Arbeitseinsatz der Mitarbeiter des Heimatvereins.

Der Forstwirtschaftsbetrieb sagte zu, auf die kleine Lichtung um die Quelle noch mehr Licht zu bringen, diese aus dem Dämmerzustand herauszuholen. Dafür wird sie einige Bäume entnehmen und achtsam aus dem Terrain ziehen. Im Sinne des ökologischen Waldumbaus gilt das als Maßnahme zum Vorteil aller. Der Heimatverein will die Beschilderung mit Hinweisen zur Quelle verbessern und vielleicht lässt sich auch noch eine Ruhebank ermöglichen.


Wünschen wir der Arbeit des Heimatvereins viele schöne Erfolge, den Ort und seine Umgebung noch attraktiver zu gestalten und bitten wir die Wanderer, diese Arbeiten zu achten und sorgsam mit diesem gestalteten Kulturgut umgehen.


Silke Kirchner




An alle Lesenden!


In Rautenkranz durften wir wunderschöne Erholungswochen genießen.

Am 1. Juli 1958 begann hier unser Aufenthalt.

Ich war in der Gruppe von Frau Haustein und Fräulein Hennersdorf.


Danke!


Marianne Erler





 Hallo Herr Janecke,                                                                                                  16. März 2024



Vielen Dank für Ihren ausführlichen Beitrag zur Erinnerung an das Kurheim

Morgenröthe-Rautenkranz, wo ich im Oktober / November 1977 mit elf Jahren zu

Gast war. Wir reisten mit dem Bus nach Rautenkranz. Sieben Stunden dauerte die Fahrt.

Ihre Berichte von den Bürstenmassagen und dem kalten Strahl aus dem

Wasserschlauch kann man unverändert auch in mein Besuchsjahr übertragen.

Sogar die Namen von unseren beiden Erziehern, Herrn Ferchland und Frau Günnel hab ich

im Gedächtnis behalten.



Dass Siegmund Jähn dort aufgewachsen war, erfuhren wir nach meiner Erinnerung

nicht zeitnah – oder ich hatte es damals nicht mitgekriegt.

Wir waren eine große Gruppe. Ich selbst war aus Rö. Einige Freunde kamen aus

Gräfenhainichen, Naumburg, Sangerhausen und Volksstedt. Mit mehreren gab es noch

Briefwechsel Jahre danach. Der Mitstreiter Andreas aus meiner Gruppe 2

schrieb später sogar aus dem Westen (BRD), der war noch vor der Wende 'rüber

gekommen, aber wie, das weiß ich nicht mehr.



Ich erinnere mich noch an die dekorativen Steine, Katzengold, Ansichtskarten

u. a. Souvenirs, die meinen kleinen Etat damals sehr belastet hatten.

Es war eine eiskalte Zeit für Anfang November, draußen waren wir aber

trotzdem jeden Tag, auch gab es mitunter Tränen des Heimwehs aber niemals

irgendwelche Geschichten von Mißhandlungen oder verstörende Momente, wie ich

jetzt aus anderen Heimen las und hörte.

Ich selbst war eher zurückhaltend und taute erst gegen Ende meiner Zeit dort

ein wenig auf.

Die Spaziergänge entlang der Zwickauer Mulde und der Pyra, muntere Flüßchen

kurz vorm Zufrieren, und die kleinen Arbeitseinsätze (Tannengrün um die

Rosenrabatten ausbringen) sind mir noch ebenso gut in Erinnerung wie die

Schulstunden und Frühstücksrituale: Ich aß fast nur Erdbeermarmelade, die war

immer da und ich sollte eigentlich an Gewicht zunehmen, was nicht gelang, denn ich nahm ab.



Freundliche Grüße sendet

Frank B.



P. s. Für den Bildteil einige meiner Ansichtskarten und die Übersicht zu meinem schmelzenden Vermögen – aber insgesamt hat es sehr gut gereicht.


Kommentar zum Brief:

Auch der Autor dieses Berichts, Chris J., steht noch mit einigen inzwischen ebenso älteren Rautenkranzern in Verbindung. Das hält die Erinnerungen jung. Deshalb kann er auch zu dem freundlichen Brief von Frank einige Kurznotizen hinzufügen:


Ja, Frau Günnel – eine warmherzige Frau, ein mütterlicher Typ. Sie konnte Heimwehphasen gut verstehen und darauf eingehend, sowohl Trost, als auch Ablenkung spenden.


Heinz Frehland, – ein sportlicher forscher Typ, wusste besonders gut die größeren Jungen zu nehmen.


Sigmund Jähn: Er war ein Freundlicher, Gebildeter, aus einfachen Verhältnissen kommend. Zu dieser Zeit war er nur selten zu Hause in Rautenkranz aber oft im Ausland, besonders in der Sowjetunion, im >Sternenstädtchen<. Das heute zu bestaunende Rautenkranzer Raumfahrtzentrum gab es ja 1977 auch noch nicht.


Tatsächlich ist es in Rautenkranz oft bereits im späteren Herbst recht kalt. Häufig fällt schon zeitig viel Schnee. Die Gegend wurde damals auch das kleine Sibirien (des Vogtlandes oder gar der DDR) genannt. Aus diesem Grund gibt es dort auch keine Kirschbäume. Die Kirschen wären nicht gereift. Gereicht hat es hingegen gut für den Vogelbeerbaum, die Eberesche. Zugefroren ist in kalten Wintern die kleine Pyra. Die Mulde und die Große Pyra sind zu breit und fließen zu schnell.


Völlig richtig: Ein etwa unfreundlicher Umgang des Personals untereinander oder mit den Kindern war undenkbar. Das bestehende freundlich-liebevolle Verhalten brauchte die Heimleiterin nicht „anzuweisen“. Auch Chris J. durfte mehrmals und in verschiedenen Orten und Einrichtungen der DDR Kurgastkind sein. Er hat stets ausschließlich Positives, Bereicherndes erlebt.


Wenn kleinere Kurkinder an Appetitlosigkeit litten, setzten sich, wenn es im Speiseraum schon ruhig geworden war, auch eine der Küchenfrauen zu ihnen, erzählten ablenkend Geschichten, um vom Heimweh abzulenken, versuchten zu unterstützen, wenn die gute Speise nicht so recht rutschen wollte. Diesem Tun, manchmal von herzhaftem Lachen begleitet, blieb der Erfolg meist nicht verwehrt.


Auch Chris J. war einer von denen, die nicht an Gewicht zunahmen – bei viel Bewegung an frischer Luft. Aber zugenommen an Wissen und schönen Erinnerungen hatte er. – Und die fehlenden Gramm – „die Nachkur wird's schon richten“. Aber: Er ist auch heute noch schlank.


11. November 2024


Gleich nach der Ankunft im Heim, am 15. August 1959, hatte ich das Lied

>Kleine weiße Friedenstaube<

eingefügt. Es war gestaltet worden von der Kindergärtnerin Erika Schirmer,

die als Jugendliche den Zweiten Weltkrieg, Vertreibung und Flucht mit all'

seinen Schrecken durchleben musste.


Eine interessierte und wohl auch sehr kundige und treue Leserin dieser Seite, sandte mir

ein neues Gedicht, ebenfalls von Frau Erika Schirmer, dass jene nun sieben Jahrzehnte

später, in ihrem 90. Lebensjahr schrieb. Sie verfasste es als einen aufrüttelnden Ruf, weil

sie sieht und miterlebt, dass die Menschheit aus der Vergangenheit, aus der Geschichte,

zu wenig gelernt hat.

Sie sieht, so wie auch wir, dass es viele schreckliche Interessen gibt, die ein friedliches

Zusammenleben der Menschen stören oder gar ausschließen, so dass immer wieder

grausame Vernichtungskriege zur Durchsetzung dieser Machtansprüche begonnen werden.


Die Worte gibt Frau Schirmer einem Jeden von uns, der Menschheit, mit auf unsere Wege:




Weltfriedenstag

1. September


Sage es laut, dein


>Ja<


für den Frieden!


Blicke dich um, du bist nicht allein.

Stelle vor jeden unmenschlichen Krieg

fest und entschlossen dein mutiges


>Nein<


Jeder Krieg fordert unzählige Opfer,

Flucht und Zerstörung,

unendliches Leid.

Wir mahnen und fordern:

Wir wollen Frieden

nicht nur für uns, nein,


Frieden weltweit!


Erika Schirmer




Rund 66 Jahre ist mein Rautenkranz-Aufenthalt nun her – aber schon wieder erreicht mich ein herzerwärmender Brief:

17. Februar 2025



Hallöchen Chris,



mich hat es fast umgehauen als ich diese Internet-Seite wiedergefunden habe.
Auch ich war in diesem Kurheim, mit meiner größeren Schwester. Durch sie hatte
ich kein Heimweh.
Diese Kur ist unvergesslich in meinem Gedächtnis geblieben.
Ich war so 10 ... 12 Jahre und habe noch nie so viel Schnee gesehen wie dort.

Bis heute weiß ich sogar noch genau wo ich im Speiseraum meinen Platz hatte.
Hinter der Bühne war ein Theaterfundus an Kostümen und wir sollten ein Märchen
auf der Bühne vorführen.
Es war „Die goldene Gans“, ich war der Hofgelehrte Weisenstein.
Die Aufführung war ein voller Erfolg.
Wir waren sehr oft an der frischen Luft und jedes mal wenn die Sonne durch die Wolken kam, hieß es „an die Wand und Nase hoch“ - selbstverständlich sah man

auch am Abschluss der Kur eine gesunde Gesichtsfarbe.
Alle Lieder die Sie aufgeführt haben, wurden von uns zu gerne geträllert ... .
Danke für diese wunderschöne Seite und dass Sie alles so schön schriftlich festgehalten haben.
Morgen werde ich 69 Jahre und bin wirklich sehr erfreut, dass diese Erinnerungen wieder durch Sie wach gerufen wurden.



Ganz liebe Grüße und herzlichen Dank,
Heidrun



Hallo Herr Janecke,  15. März 2025

 

durch Zufall bin ich auf Ihre Schilderungen zum ehemaligen Kinderkurheim Kraushübel in Rautenkranz gestoßen.

Ich erinnere mich noch gut an die Wochen dort im August 1966, ich war dort zur Kur, um etwas zuzunehmen, ob mit Erfolg, kann ich nicht mehr genau sagen, wahrscheinlich eher wenig. Ich mußte dort auch den von mir so gehaßten Quark essen und Milch trinken, hab es überlebt. Solch ein Muss  wäre heute nicht mehr denkbar. Ich war neben einem Kurkind aus Karl-Marx-Stadt der einzige kleine Sachse, die anderen Jungen kamen alle aus dem Raum Neubrandenburg. 

Trotz täglicher Kaltdusche und Bürstenmassagen haben wir uns wohlgefühlt, wir wurden streng aber freundlich behandelt, sind viel gewandert und haben Sport getrieben. Interessant wäre zu wissen, was aus den damaligen Erziehern, Herrn Gernot Becker und Fräulein Ute Poppe geworden ist, vielleicht sind sie noch am Leben. Einige Zeit habe ich mich noch mit einem Jungen aus Neustrelitz geschrieben, aber irgendwann ist es dann eingeschlafen, schade.

Traurig finde ich den Abriß des Gebäudes, aber heute zählen nur noch Großeinrichtungen, das Geld entscheidet.

Ich war in den 60er Jahren mehrfach in Rautenkranz-Morgenröthe mit meinen Eltern im Urlaub, Reichsbahnerholungheim, gibt es auch nicht mehr, weil abgebrannt.


Beigefügt einige Bilder, können Sie gern alles veröffentlichen.


Viele Grüße

Eberhard N.

Vielen Dank. Die mitgesandten Bilder sind in der Bilderstrecke zu sehen.

Völlig richtig – besonders wurde in der Kureinrichtung auf einen sehr ausgewogenen Speiseplan geachtet. Es war in jener Zeit dort nicht einfach, die Lebensmittel in ihrer Vielfalt und den Mengen termingerecht zu beschaffen. Auch die effektive Körperpflege hat vielen Kindern sehr geholfen.


Bei Kurkindern gings von Mund zu Mund:

Die Milch, der Quark sind sehr gesund.

Calcium-Quark! Der macht dich stark!

Doch isst du Quark nur ganz allene,

pass uff, dann kriegst'e weiche Beene.

–––––––––––

Wir warten auf deinen bereichernden Text- und Bild-Beitrag. 
Wenn dieser erschienen ist, könnte hier stehen:

- vorläufiges Ende -

Noch aber ist reichlich Platz für deine Post in Wort und Bildern
an die Mail-Adresse:  chris@janecke.name
Danke.