Zurück zum Inhaltsverzeichnis

Erlebnisreiche Tage vom 15. August bis 04. September 1959

im Kindererholungsheim, dem späteren Kinderkurheim, „Kraushübel“

in Rautenkranz, im Sächsischen Vogtland

Zu diesem Text gibt es einige Bilder aus dem Jahr 2013.



Die Vorbereitung

Es war der wahrscheinlich schon ein wenig schwerer hörende Schularzt, der im Winter recht laut und vernehmlich festgestellt, hatte: „Der Junge ist sehr groß, etwas zu rank und auch recht blass“, (das wusste ich alles schon), „Er soll man noch mal zum Erholungsaufenthalt. Das milde Reizklima eines Mittelgebirges würde ihm sicherlich gut tun.“ So etwa verkündete der Medizinmann schon wieder sein Untersuchungsergebnis und die Folgen dazu. Sehr schön.


Vergangen ist inzwischen rund ein halbes Jahr. Ich habe schon gar nicht mehr an die Schuluntersuchung gedacht, denn es gibt ja täglich so vieles an Interessantem zu bedenken – und plötzlich kommt da ein Brief mit der Nachricht, einer Einladung, der Aufforderung den Koffer zu packen.

Die Sozialversicherung war in der Zwischenzeit dem ärztlichen Rat gefolgt, fleißig tätig und hatte für mich aus ihren Angeboten und Möglichkeiten einen dreiwöchigen Sommer-Sonnen-Sachsen-Aufenthalt ausgewählt. Die Erholung soll stattfinden in einem Haus, das „Kraushübel“ heißt. Ist das etwas gewöhnungsbedürftig und wundersam? Das Gebäude steht außerdem in dem schönen Doppelort mit dem mir durchaus ungewöhnlich erscheinenden Namen „Morgenröthe-Rautenkranz“, im tiefen Süden unseres Landes, im Bezirk Karl-Marx-Stadt, gelegen. Dieser Bezirk ist eine riesige, teils mittelgebirgige Landfläche, die komischer Weise den Namen „-Stadt“ trägt, was ebenfalls etwas seltsam anmutet. Vielleicht liegt das ja aber auch nur an mir. Meine Tante Käte, der ich das alles erzähle, steht mir aber bei und sagt in ihrer Berliner Mundart, in die sie noch manchmal fällt: „Na, det ist ja wohl ein Ding aus'm Tollhaus. Versteh's wer will“.


Vor mir habe ich also wieder eine Zeit, in der ich nicht hier in Potsdam-Babelsberg, meiner angestammten Heimat, weile. Das merkt jeder, der das Foto unserer Schulklasse vom Beginn des achten Schuljahres betrachtet. Das bedeutet, man sieht mich eben nicht auf diesem Bild, denn ich darf statt zum schulischen Fototermin zu dieser Zeit im Vogtland sein. Die „Großen Ferien“ sind für mich auch in diesem Jahr wieder etwas verlängert worden. Neun statt der üblichen acht Wochen. Nicht schlecht. Womit ich das wohl verdient habe?


Sonnabend, 15. August – Unsere Reise durch das Land und die Ankunft im Heim

So fahre ich nun nach Morgenröthe-Rautenkranz, in einen Ort, der eine Anzahl von Busfahrstunden südlich meiner Heimatstadt liegt. Am Ende der langen Fahrt von Potsdam hierher in das Vogtland, ist es mir komisch zumute, dass man dann plötzlich doch am Ziel eingetroffen ist – es nicht mehr weiter geht. Da sind wir nun. Zwei Busse voller Kinder vor dem Kindererholungsheim „Kraushübel“, Rautenkranz, Carlsfelder Straße 17. Kleinere und größere Kinder, so etwa 75 an der Zahl.

Die Heimleiterin heißt Frau Böhm. Sie begrüßt uns freundlich, ruft unsere Namen von einer langen Liste auf und teilt uns in verschiedene Gruppen ein. Vier Gruppen sind es zum Schluss. Die ganz Großen aus Gruppe I verlassen gleich wieder das Gebäude, denn sie werden ein paar Schritte weiter, an der Scheune und den Ställen vorbeigehend, im Haus „Kuckucksnest“ wohnen. Das ist dort, wo sich auch der Speisesaal befindet, aber eine Treppe darüber. Ihr wisst ja: Kuckucksnester sind nur selten auf ebener Erde anzutreffen. An einer Seite des Speisesaals befindet sich auch die große Veranstaltungsbühne. Knapp 200 m sind es von unserem Haupthaus bis dorthin. Zwischen den Häusern sind hübsche Blumenrabatten angelegt mit Sommerazaleen und den überaus gesunden Ringelblumen (Calendula offizinalis oder so ähnlich), aus denen man eine prima Heilsalbe herstellen könnte. Später erfahren wir, dass sich kein Gärtner darum kümmert – es gibt so eine Art Gruppenplan, aber nur für die Erwachsenen, und jeder vom Personal kümmert sich um ein Stück Erde mit den Blumen. Nun werden auch wir Kinder der Gruppen II bis IV in die Zimmer eingewiesen. Ich gehöre zur Gruppe II, zu den fast ganz Großen. Wir wohnen im Erdgeschoss des eigentlichen Heimes, des Haupthauses, mit dem Symbol der kleinen weißen Friedenstaube als Hauszeichen am dunkelbraunen Haus-Giebel. Eine Treppe höher die Gruppe III und im Dachgeschoss, bereits mit schrägen Wänden, die Mädchen. Dort oben sind auch unsere leeren Koffer untergebracht. Nachdem uns unser Zimmer gezeigt wurde begann ein leichter, kurzer Sturm auf die Betten mit den „besten“ Standorten. Das beruhigt sich gleich wieder, nachdem wir die Betten mit unseren Sachen kennzeichnend belegt haben (Taschen oder Koffer haben natürlich auf dem Bett „nichts zu suchen“). Zehn Betten sind es im Zimmer, die in zwei Fünfer-Reihen mit den Kopfenden an den Wänden aufgestellt sind.

Anschließend machen wir uns mit einer kleinen Katzenwäsche frisch. Der Waschraum befindet sich gleich nebenan. Man braucht ihn nicht lange suchen. In der Mitte des Raumes stehen zwei sich gegenüberliegende Reihen von Waschbecken. Alles ist hell gefliest und zwischen den Waschbecken werden die Zahnputzbecher aufgereiht.

Im Nebenraum: Links die Duschen für das tägliche wechselwarme bis kalte Benutzen und ganz rechts die tiefere breite Rinne für das Wassertreten. Das kalte Wasser wird etwa so getreten, wie der Storch es mit dem Salat tut (sagt der Volksmund) zu dieser medizinischen Vorsorge- und Heil-Maßnahme, die wohl damals der medizinisch geschulte Pastor Kneipp allen warm ans Herz legte.

Im Anschluss an die Begrüßungs-Mahlzeit (Brühnudeln, siehe Erläuterungen im Anhang) stellt uns Frau Ursula Böhm auch gleich alle Leute (de Leit) des Hauses vor, die sich um uns bemühen, die uns den Aufenthalt angenehm gestalten werden: die freundlichen Erzieherinnen (sie sind ja auch gleichzeitig Lehrerinnen, so dass Kinder während der Schulzeit nichts versäumen werden), die heilende Krankenschwester, die appetitlichen Küchenkräfte, die viel schreibende Dame aus dem Büro, das emsige Reinigungspersonal, die Fleißigen der Nähstube und den Hausmeister im blauen Kittel. Viele Augenpaare sehen uns recht erwartungsvoll, ja einladend, an. Die meisten lächeln, als ob wir was Besonderes seien (und das ist schön), obwohl wir ja nicht ihre Einzigen sind. Wir wissen es ja: Vor uns waren andere Kinder hier, die eben erst abgereist waren, und bald nach uns werden auch wieder weitere Erholungsbedürftige folgen.

Nur, gleich alle Namen der Erwachsenen zu behalten, ist eine zu schwere Aufgabe. Das muss nicht sein. Die Erzieherinnen für unsere Jungengruppe (wir sind 21 Mann – oder heißt es richtiger: wir sind 21 künftige Männer?) sind Fräulein Hennersdorf und Fräulein Lange – wie wir sie ansprechen sollen. Eigentlich heißt Fräulein Hennersdorf Inge und ist sehr nett. Blond und hübsch anzuschauen. Die dunkelhaarige Gisela Lange geht genauso freundlich mit uns um – richtige Kumpelinen. Fast! Später erfahre ich, dass Fräulein Lange die Tochter unserer guten Köchin und des Hausmeisters ist. Alle Erzieherinnen sind sehr adrett (also unter anderem) mit weißer, gestärkter Schürze und weißen Söckchen gekleidet, was uns daran erinnert, dass wir uns in einem Erholungsheim zur Kur befinden und nicht etwa denken, wir hielten uns in einem Kinder-Ferienlager zum Spaß und Vergnügen auf. Unsere Erzieherinnen sind etwa so groß wie wir, wie die größeren Jungen unserer Gruppe. Sie sind bestimmt auch nur ein paar Jährchen älter als wir.


Sonntag, 16. August Einige Notizen zum Haus und seiner näheren Umgebung

Das Wort „Hübel“ kommt aus dem vogtländischen Sprachschatz und bedeutet so viel wie „kleiner Berg“. Also, auch „Hügel“ könnte man wahrscheinlich frei übersetzt ebenso sagen – nur würde das hier wohl niemand verstehen. Diese hübeligen Wiesen, die das schöne Erholungsheim umgeben, gehörten früher mal, als sie noch nicht als Volkseigentum galten, einem Acker- und Wiesenmann, der Kraus oder Krause hieß – vielleicht, weil einer der Ersten seiner Sippe gekräuselte Haare auf dem Kopf trug oder krause Gedanken im Kopf hatte – wer weiß das schon noch – es wird damals gewesen sein, als die Familiennamen aufkamen. Und dieser Name blieb über die Zeiten dann bis heute erhalten. Deshalb: Kindererholungsheim Kraushübel. Das ist somit geklärt.

Natürlich haben wir erstmal das Haus „beschnuppert“, uns mit den Einrichtungen vertraut gemacht. Es ist ein schönes Gebäude und es ist wohl sogar noch jünger als ich; das ist kein großes Alter für ein Haus. Zwar wurde es schon vor dem Krieg gebaut, damals auch für ausgesuchte Jugendliche, wurde wohl aber nicht ganz fertig, weil der Krieg dazwischen kam. Richtig zur Erholung genutzt wurde es dann erstmals 1948, als es in Deutschland noch nicht einmal die DDR gab. Und seitdem arbeitet auch unsere Heimleiterin in diesem Haus. Damals, als es eingeweiht wurde, und die ersten Kinder das Haus in ihren zeitweiligen Besitz nehmen durften, war Frau Böhm gerade 21 Jahre jung – das erfahre ich erst viel später und so nebenbei, denn über das Alter der Damen wird nicht geplaudert. Die Zukunft weiß, dass Frau Böhm viele Jahrzehnte, ihr gesamtes Berufsleben, die Heimleiterin sein wird, weil sie ihr Leben den Kindern und deren Gesundheit gewidmet hat.

Unten ist das Haus gemauert, oben aber mit dunkelbraun gebeizten Holzbrettern verkleidet.

Innen scheint das Haus viel größer, als es von außen wirkt.

Es gibt für die Kinder-Gruppen Räume für Spiele aller Art und darin auch genug Platz zum Schreiben und Lesen. Besonders schön ist es in der Sonnenveranda, die man seitlich an das Gebäude angefügt hat und die sich sogar noch um eine Hausecke herumzieht, so dass man lange Zeit am Tage einen schönen hellen Platz mit einer prima Aussicht auf die Wiesen und den Wald hat.

Vorgesehen wurde auch ein Raum zur Gymnastik gegen Haltungsschäden, aber wir sind ja im Sommer hier und erledigen das draußen, denn dort befindet sich der Sport- und Spielplatz, auf dem auch ein Karussell und die Schaukeln stehen.


Außer dem eigentlichen Heim mit dem Bild der weißen Friedenstaube am Dachgiebel gibt es das Wirtschaftsgebäude. Hierin war früher „die Wirtschaft“, also die Gaststätte der Frau Bindig. In diesem Haus wird für uns gekocht. Die Frauen haben es nicht leicht, die schweren, vollen Essenkübel täglich zum Speisesaal hinüber zu tragen – auf dem Rückweg ist's leichter. Da könnten sich die Hausmeister mal ein bisschen ihre Köpfe zerbrechen, um den Transport zu verbessern. Man könnte mit einem Wagen oder auf einer kleinen Schienen-Rollbahn, ... es wäre nicht schwierig Wirbelsäule und Gelenke zu schonen. Auch ist in diesem Haus der Trockenraum für feuchte Kleidung untergebracht und der Waschraum, den wir aufsuchen, wenn wir von den Wanderungen heimkommen, bevor wir zum Essen gehen. Zusätzlich wohnen zwei Familien unseres Heimpersonals in diesem Haus. Auch das zweite weiße moderne Steingebäude mit dem Speisesaal und dem Kuckucksnest darüber, sieht nicht so sehr typisch vogtländisch aus. Im Speisesaal stehen mehr als 20 Tische für jeweils 4 Kinder. Vorn die Bühne für kulturelle Veranstaltungen, so richtig erhöht und mit Vorhang wie im Theater.


An Schweinen und Hühnern fehlt es auf dem Kraushübel-Grundstück auch nicht. Sogar „gut milchende“ Ziegen gibt es. Die wohnen bei der Scheune neben dem Spielplatz – aber sie sind wohl weniger zum Kuraufenthalt hier. Insgesamt könnte man es einen kleinen Heimtierpark nennen. Im Moment brauchen diese Hausgenossen sich auch keine Sorgen machen – auf dem Speiseplan ist erst mal nichts vermerkt, was sie in Aufregung versetzen sollte. Allerhöchstens „verlorene Eier“ von den Hühnern.

Nahe am Heim befindet sich eine Rodelbahn, aber es ist keine Sommerrodelbahn zum Rutschen oder für solche Sportgeräte mit Rädern, sondern eine sehr schöne nur für Schneekufen. Jetzt ist August, deshalb Rodelruhe.

Hinter dem Küchengebäude und dem Speisesaal mit Kuckucksnest haben wir zwischen den überkronenden Bäumen noch eine große halbschattige ebene Fläche für Sport und Spiel. Daran anschließend, im Wald zwischen den Granitfelsen, finden wir steinerne Pechpfannen, erhalten gebliebene „Zeugen“ der früheren Pechherstellung. Das muss ich wohl erst erklären, denn es hört sich doch komisch an, wenn jemand sagt: „Da habe ich aber Pech gehabt“, und ein anderer darauf antworten würde: „Na, das wurde doch extra für Dich hergestellt“. Eigentlich kennt es ja jedes Kind ein bisschen – von Frau Holle und den beiden Marie-Mädchen. Bei diesem Pech handelt es sich also nicht um „schlechtes Glück“, sondern um eine Ausschmelze von Baumharz, das damals beispielsweise zum Schmieren der Wagenachsen und also auch der Räder für Fuhrwerke gebraucht wurde. (Wir bevorzugen stattdessen heute gern das „Abschmierfett, rot“ vom VEB Fettchemie Karl-Marx-Stadt) .Der Schuhmacher nutzte dieses Pech zum Abdichten der Schuhsohlen gegen Nässe und zum Festigen der Nahtfäden. Der Böttcher brauchte es zum Dichten der Fässer, wie auch der Bootsbauer, der beim Kalfatern (siehe Erläuterung im Anhang) die Fugen mit dem pechgetränkten Werg oder Weißstrick schloss. Der Apotheker brauchte Pech zum Einmischen in manche bittere Arznei und zu anderen Zwecken. Es galt also insgesamt schon als gutes Glück, wenn man viel Pech hatte. Die Pechherstellung – eine Arbeit im Freien aber trotzdem bei schlechter Luft. Trotz des großen Bedarfs für viele Einsatzgebiete wurde die Tätigkeit nur gering entlohnt, so dass der Hunger ein steter Gast bei den Pechsiedern und ihren Familien war. Beim weiteren Erkunden dieser Heimumgebung kommen wir auch gleich zur „Hirschlecke“ – besondere Steine im hübeligen Felsgelände, die von den Tieren des Waldes gern genutzt werden, um dringend benötigte Mineralien aufzunehmen, abzulecken. Schon die damaligen Tiere wussten genauso wie die heutigen sehr genau, was sie unter anderem an Erdalkalimetallen wie Calcium und Magnesium brauchen, um ganz ohne Kuraufenthalt gesund zu bleiben. Übrigens: Nicht nur Hirsche bedienen sich da als Feinlecker.

Auf einem ersten Zick-zack-Kurs durchs Dorf lernen wir den Erholungsort ein bisschen kennen. Wir gehen in Richtung des Schönheider Berges und des „Feldbodens“, kommen am Bahnhof, am Landgasthof sowie an der Feilenhauerei vorbei (Erläuterung im Anhang) – eigentlich mit viel Lärm um sein Produkt, aber heute ist Sonntagsruhe. Wir gehen über zwei Bächlebrückle. Auch das Werk der Brunner-Kommandit-Gesellschaft sehen wir. Das hört sich nur so schlimm an, hat aber zum Beispiel nichts mit Banditen zu tun. Allerdings: Vor Jahren, im Zweiten Weltkrieg, haben dort eigentlich harmlose Rautenkranzer Menschen verschiedene Bauteile für Raketen, für die schrecklichen „Vergeltungswaffen V1 und V2“ hergestellt, hören wir. Sehr viel andere Arbeitsstellen gab es nicht zur Auswahl und sie alle hatten Hunger. Und protestierend auffallen wollte zu der damaligen Zeit vorsichtshalber auch niemand.

Heute werden in diesem Betrieb nur nützliche und vor allem friedliche Haushaltsgeräte produziert, von denen man einige in der Küche wiederfindet. „Kommandit-Gesellschaft“ – das kann schon so etwas Halbstaatliches sein, als Übergang vom Privatbetrieb zur volkseigenen Fabrik.

Dann wandern wir zum Teich am Wald. Ein Arbeiter macht eine großzügige Armbewegung und sagt über diese Stelle so etwas wie: „Dos is de Ufenhähle“ – aber verstanden haben wir nicht richtig, was er damit meinte – vielleicht eine Höhle, die heute, am Sonntag, geöffnet ist oder hat und zur Besichtigung einlädt? Wir können aber keine Höhle erkennen. Wir sehen aber die Behelfsheime, einfache Häuschen aus braunem Holz, die in der Kriegszeit schnell als Wohnstätten für Flüchtlinge errichtet wurden. Unterkünfte, die damals dringend erforderlich waren und auch heute noch erhalten und bewohnt sind. Das Haus Nr. 1 sieht am besten aus. Den Haiserln gegenüber, also jenseits des Weges, erstrecken sich am sanft abfallenden Hang die Wiesen. Im Juni wird das Gras geschnitten. Jetzt im August ist die Zeit des zweiten Schnitts gekommen. Das geschnittene Gras muss zum Trocknen mehrmals gewendet und dann eingebracht werden, bevor es regnet. Auf dieses duftende spätere Heu freuen sich schon jetzt die Kaninchen (die man aber im Vogtland und im Erzgebirge allen Ernstes als „Hasen“ bezeichnet; die richtigen wild lebenden Hasen werden jedoch nicht etwa Kaninchen genannt).

In der Zwischenzeit, wenn also weder gemäht noch gewendet wird, legt man auf der Wiese die weißen Wäschestücke aus. Auch Erzieherinnenschürzen können dazu gehören. Sie werden der Sonne ausgesetzt und mit Wasser begossen. Bleichwiesen – für strahlendes Weiß – völlig ohne Chemie.

Genau wie bei unseren breiten Straßen daheim, wo früher die armen Weber vor den Häusern auch ihre Webware auf den Straßen-Wiesen ausbreiteten. Zu jener Zeit gab es noch keine Autos.


Das ist für mich alles besonders interessant, weil wir im September mit unserem Biologielehrer, Fritz-Peter Gnerlich, in der Schule mit der Kaninchenzucht beginnen wollen. Das hat wohl etwas damit zu tun, dass Walter Ulbricht vor einiger Zeit so sehr mahnend ausrief: „Mehr Fleisch für die Volkswirtschaft, Genossen!“ Da haben auch die Genossen der Lehrer sogleich nachgedacht und sind auf den Gedanken gekommen, dass die Schüler so nebenbei Kaninchen züchten und mästen könnten. Kaninchen werden aber irgendwann geschlachtet. Mir wäre deshalb eine Katzenzucht sehr angenehm. Soweit ich weiß, kennt die Kriminalgeschichte aber sogar „Dachhasen“.


Unsere Gruppe umrundet das schöne Freibad des Dorfes, wir durchlaufen die Ziegengasse und kommen nach einer Weile von der entgegengesetzten Seite zum Heim zurück. –

Wir hören auch und sehen es, dass Rautenkranz ein nur kleinerer Ort ist (rund 800 Einwohner), von ausgedehnten Wäldern umgeben. Hauptsächlich sind das Fichtenwälder. Man brauchte früher viel Brennholz für die Eisenhütten, die Köhlereien und die Pechherstellung. Man benötigte auch Bauholz für Häuser und als Stützen für den Ausbau der Bergwerksstollen. So werden die Gänge genannt. Senkte sich mal ein Grubenabschnitt, gab das ausgehöhlte Gebirge also etwas nach, so knarrten warnend die belasteten, stützenden Hölzer und die Bergleute konnten sich vorsichtig und schnell zurückziehen. Aber nicht immer gelang das. Für alle diese genannten Zwecke benötigte man also Holz. Statt des natürlichen, aber gefällten Mischwaldbestandes pflanzte man vor allem Fichten nach, weil diese viel schneller wachsen als Buchen, Eichen oder Tannen. Aus dem Wald wurden die gefällten Bäume mit „Rücke-Pferden“ gezogen. Für den Waldboden, die Baumwurzeln und für die Ohren der Waldbewohner ist das viel schonender als mit Traktoren.

Gleich erfahren die Kinder, dass die Zapfen der Fichten hängen und die Zapfen auf den Zweigen der Tannen aber stehen, etwa wie die Kerzen am Weihnachtsbaum. Der Fichtenzweig trägt die Nadeln ringsherum (wie ein Quirl), der Tannenzweig dagegen ist flach benadelt.


Ach so, ja, an diesem Tag nach der Ankunft sollen wir den Eltern berichten, dass wir gut angekommen sind, und wir schreiben ihnen auch gleich unsere ersten Erlebnisse. Es wird darauf geachtet (durchgezählt), dass ja kein Kind seine Eltern ohne eine Nachricht lässt, vielleicht die Daheimgebliebenen bei den vielen neuen Eindrücken einfach vergisst. „Auch in den Schulferien bitte: Schönschrift! Eure Eltern haben sie verdient“, meint Fräulein Hennersdorf. So erwerbe auch ich hier meine erste Ansichtskarte vom Heim. Briefmarken hatte ich von Zuhause mitgenommen.


Montag, 17. August – erstmal viel Organisatorisches

Ja, Kindererholungsheim. Das merken wir am Vormittag, denn wir werden gemessen, gewogen, abgehorcht und beklopft, kurz befragt sowie mit ernsten, ärztlichen Augen prüfend betrachtet. Alle die dabei gewonnenen sehr wichtigen Ergebnisse werden in eine Karteikarte geschrieben. Unser Erholungserfolg wird bestimmt später nach der Zunahme an Gramm, Zentimetern, Bauchumfang und Art der Gesichtsfarbe bewertet. Vielleicht gibt es dafür Farbvergleichskarten?

Wir erfahren heute, dass es nun eine täglich wechselnde „Gruppe vom Dienst“ und eine „Erzieherin vom Dienst“ geben wird. Die diensthabende Gruppe sorgt zum Beispiel für vorbildliche Ordnung bei der Ausgabe und der Wieder-Einordnung der Spiele. Sie organisiert auch den Tischdienst.

Die Gruppen haben wie in der Schule einen Gruppenrat und die Diensthabenden schauen täglich nach Ordnung und Sauberkeit in den Zimmern. Das betrifft die Ordnung der Schrankinhalte, der Schönheit der Betten, auch der Garderobe und der Sauberkeit der Schuhe in den Regalen ... bis hin zur Hygiene der Zahnputzbecher wird alles gemeinsam kurz angeschaut und bewertet.

Auch wählt die diensthabende Gruppe den Tischspruch des Tages aus und ein Kind trägt diesen vor, sagt ihn mit möglichst guter Betonung auf, damit es fast noch einmal so gut schmeckt.

Wir erziehen uns somit gegenseitig. Wer manches zu Hause noch „nicht mitbekommen“ hat, wird also „mitgezogen“ und lernt es hier (aber die Erzieherinnen bleiben trotzdem noch). Nach dem morgendlichen Rundgang und dem Frühstück wird das Ergebnis der Bewertung des Tages bekannt gegeben. Wir alle „fiebern“, welche Gruppe heute den Wanderwimpel für den Tisch als Auszeichnung erhalten wird. Man muss fein achtgeben, dass der Wimpel nicht zu schnell wieder fort wandert. Es lässt sich aber nicht vermeiden, denn die Kinder aller Gruppen geben sich ja Mühe ordentlich zu sein aber absichtlich ist nur ein Wimpel vorhanden.


An dieses Ritual werde ich mich sogar noch drei Jahre später lebhaft erinnern, weil es dann in „meinem“ Lehrlingswohnheim ähnlich läuft. Dort aber wird in die Bewertung sogar das Bohnern von Mustern mit dem schweren gusseisernden Bohnerbesen auf dem rotbraun gestrichenen Anhydritfußboden in die Waagschale der Bewertung geworfen, wie auch die künstlerisch-geschmackvolle Ausgestaltung der Zimmer und die Pflanzenpflege.

(Anhydrit ist Calciumsulfat // Gips, hier eine vor der Aushärtung breiige Masse, aus der ein Fußboden hergestellt wird).


Einige Worte zum Orte

Uns erscheinen beide Namen dieses Doppel-Ortes „Morgenröthe-Rautenkranz“ ungewohnt. Das schrieb ich bereits. Wie die Ansiedlungen zu ihren Namen kamen, hat man uns aber schnell erklärt. Ich schreibe es jetzt mal auf. Es ist aber kein Märchen, sondern wahr! Das war damals ungefähr so:

Es war vor langer, langer Zeit einmal ein Mann namens Hutschenreuther, Hans. Er kam aus dem nahen Ort Eibenstock gewandert und wollte sich hier ansiedeln. Aber nicht nur eine Wohnhütte sollte es sein, nein, er wollte recht gern ein Hammerwerk am Flüsschen errichten, um das aus dem Berg geförderte Erz zu pochen. Fein zerstoßen sollte es dort werden, um es anschließend verhütten zu können. Das heißt, das Erz soll von der Hitze des Feuers im Hochofen, in flüssiges Metall und „taubes Gestein“ getrennt werden. Dazu brauchte der Hutschenreutherhans Erz, Wasser und viel Holz. Das alles war hier schon vorhanden. Noch wichtiger aber war: Vor der Verwirklichung seines Wunsches brauchte der Hutschen'-Hans eine Genehmigung, „ein Privileg“ vom Sächsischen Kurfürsten Johann Georg I., das man nur schwer, fast nur ausnahmsweise, erhalten konnte. Der Mann aber bat in artig gesetzten Worten inständig um das Privileg. Er war ein aufrechter Mann, der nicht winselnd bettelte. Auch wusste er genau, dass der Fürst ja durchaus nach gutem Metall für mancherlei Zwecke trachtete. So erhielt der Hutschen'-Hans das Privileg tatsächlich am 15. Juli 1652 für den Bau eines Hammerwerkes, nahe der Einmündung der Großen Pyra in die Zwickauer Mulde. Das ist hier ganz in der Nähe. Wenn wir vom Hübel hinunter ins Tal gehen, würden wir dann nicht nach rechts (zum Landgasthof) gehen, sondern nach links, in Richtung Muldenhammer. Bald hinter dem „Sackhaus“ sehen wir den Zusammenfluss. Das alles spielte sich dort also in der Zeit ab, nachdem auf 30 Jahre Krieg, dann bereits vier Jahre Frieden gefolgt waren.

Aus untertänigstem Dank sann der Hanselmann dann darüber nach, wie er zum Wohlgefallen des Kurfürsten das Hammerwerk und die umliegenden Häuser nennen könne und er verfiel auf den schönen Namen „Rautenkranz“. Das ist ein grünblättriger Kronenreif. Auch das spätere Königlich-Sächsische Wappen trug diagonal eine Raute, die aber eben nicht zum Kranz gerundet war. Daher für die neue Ansiedlung nun dieser Name, der dem Fürsten sehr wohl gefiel. Soviel also zum Namen des Ortes „Rautenkranz“. Rautenkranz liegt etwa 620 bis 650 m über dem Meeresspiegel. Es zieht sich vom Tal in die Höhe. Die Urkunde, die älteste die uns erhalten ist, nennt den Namen „Rautenkranz“ im Jahre 1679. Aber da bestand der Ort bereits.


Mit dem im Bergwerk beim Abbau grob gebrochenen und nun im Hammerwerk fein zerkleinerten Erz geht es – wie schon oben kurz erwähnt – dann zur Verhüttung im Hochofen weiter, wo aus der Metall-Ader des Gesteins das Rohmetall erschmolzen wird. Dieses im Kalten noch zu spröde Roheisen muss aber dann anschließend in der Frischhütte erneut geschmolzen werden. Dabei wird frische Luft in den Schmelzofen, den steinernen Hochofen, eingeblasen und mit dieser Behandlung der Kohlenstoffanteil in der Eisenschmelze gesenkt. Erst jetzt lässt sich dieses Eisen schmieden, also hämmernd zu Werkzeugen und Gerätschaften formen und auch gut gießen.

Das Zinnbergwerk Morgenröthe wurde schon 1618 erwähnt.

Wie aber kam es damals zu dem Namen „Morgenröthe“ für dieses Nachbardorf?

Dieser Name hängt noch enger mit dem Bergbau zusammen. Die erste Begehungsöffnung zur Schacht- und Stollenanlage des Berges, das so genannte Mundloch, das die Bergknappen nutzten um in den Berg zu steigen, zeigte gen Osten. Wenn die Bergarbeiter aus der Nachtschicht, aus dunkler Bergeshöhle kamen, sahen sie zu bestimmter Jahreszeit am Morgen froh und müde die ersten Strahlen der rötlich aufgehenden Sonne.

Es ist noch heute so: Wenn man von Rautenkranz aus nach Süd-Osten schaut, sieht man den Ortsteil Morgenröthe und dann tatsächlich auch manchmal die Morgenröte. Zuviel Morgenröte ist aber nicht gut, es könnte ein Zeichen dafür sein, dass der Tag dann recht regnerisch wird (das ist eine alte vogtländische Bauernregel).

Den Ort schrieb man früher ganz normal mit „th“, wie auch Thier, Thür, Thor und so weiter – das hat man erst im Jahre 1901 mit einer Reform der Rechtschreibung geändert. Bei Eigennamen wie diesem Ortsnamen bleibt die alte Schreibweise erhalten. Deshalb muss ich es mal so – und mal anders schreiben. Also bitte zumindest hierfür nicht den Rotstift zücken, um es mir anzukreiden.

Der Rautenkranz und die rot aufgehende Morgensonne sind im Wappen des Doppelortes enthalten. Dazu auch noch ein Teil des „Gezähes“ (das ist erzgebirgisch und in vogtländisch ähnlich – zu hochdeutsch in Langschrift: „des Bergmanns Handwerkzeug“), bestehend aus dem Schlägel (oder Fäustel), dem Keilhammer (auch Bergeisen genannt) und der Schlacke- oder Frischegabel. Gutes, gepflegtes Handwerkzeug brauchte man selbstverständlich, um in den erzgebirgischen und vogtländischen Stollen, in deren steinhartem Eibenstocker Granit, das Erz in Handarbeit zu brechen.

Die Dörfer Morgenröte und Rautenkranz wurden dann wohl zu einem Doppelort zusammengefasst, weil es dem Grundherrn, der diese Stücken Land besaß, so gefiel.


Diese Erzählung der Bergbaugeschichte erinnert mich deutlich an das vorige Jahr. Zwischen Januar und April 1958 drehten die Kollegen der DEFA bei uns in Babelsberg den Film „Der Lotterieschwede“. Gerade unsere Klasse wurde ausgewählt, um in den DEFA-Studios, im großen „Tonkreuz“ (so benannt nach der Form des Gebäudegrundrisses), für diesen Film das Bergmannslied „Glück auf, Glück auf, der Steiger kommt ...“, hell und klar zu singen (ein Brummer musste nach der ersten Probe ausgesondert werden). Wir hatten vorher dafür geübt und unser Klassenlehrer, Herr Donath, hat erst sich – und dann uns – etwas mit dem Thema beschäftigt.

Seit ungefähr 1740 wird das Lied gesungen und es hat seither verschiedene kleine Änderungen „erlebt“; man „feilte“ daran herum. So darf es unterschiedlich vorgetragen werden. Deshalb braucht man gar nicht darüber reden, was am Text vielleicht „falsch oder richtig“ wäre.

Ja, das ist ein „Leib- und Magenlied“ besonders der erzgebirgisch - vogtländisch - sächsischen Bergleute, ihrer Familien und auch aller anderen, die sich mit ihrer Gebargs-Haamit* verbunden fühlen (*für unkundige Laien: das heißt „Gebirgs-Heimat“). In unserer Gruppenbeschäftigung des Heimes lernen sowieso alle Kinder, die es noch nicht kennen, auch dieses Lied.

Glück auf, Glück auf ...“ (Anmerkung: die Texte der genannten Lieder befinden sich am Ende dieses Berichts, damit ihr auch kräftig mitsingen könnt ... ohne verlegen „la, la, la“ zu lallen).


Die Art der Sprache (man sagt Mundart) ist hier in Morgenröthe-Rautenkranz eine deutlich andere, als bei uns im Potsdam-Berliner Raum. Es ist auch keine nur sächsische Mundart, denn das wäre mehr so eine Art Sammelbegriff – womit ich sagen möchte: Schon das Sächsische allein hat viele Mundarten. Sie gilt vielleicht als etwas kompliziert, denn einige Leute sprechen erzgebirgisch, andere scheinen Wert darauf zu legen, vogtländisch zu reden – denn gerade hier verläuft die alte Grenze. Wir brauchen aber keinen Ausweis vorzeigen, wenn wir diese „Grenze“ überschreiten. Ein Stückchen weiter hinter dem Sachsengrund benötigt man dagegen schon einen „Propusk“ oder ähnliches, will man die Freunde in der CSR besuchen. Diese böhmischen Dörfer sind nicht weit entfernt. Dort wird dann in erzgebirgisch-tschechischer Mundart gesprochen. Kommt aber ein Besucheraustausch zustande(?), dann wird wohl eher mit der Zunge „geradebrecht“, also die jeweils grade, ordentliche Sprache gebrochen. Die Erwachsenen fallen dann in eine Art Baby-Sprache zurück.

Schwerer als wir zu Hause haben es die Kinder hier leider auf jeden Fall, weil sie in der Schule völlig anders schreiben müssen, als die übliche Mundart der Erwachsenen es ihnen vorgibt. Es trotzdem möglichst richtig zu machen – darauf achten die Lehrer und die Erzieherinnen. Manche, wohl aber sehr wenige Eltern, achten darauf, dass bereits ihre kleinen Kinder die gleichartige Schul-Schrift und Laut-Sprache erlernen. Das erleichtert die ganze Angelegenheit bedeutend.


Kaum sind wir zwei Tage hier, erfahren wir, dass unser Fräulein Hennersdorf heute Geburtstag hat! Nur haben wir leider kein kleines Geschenk. Ein größeres aber auch nicht. Dafür wollen wir zumindest besonders freundlich sein, uns nette Scherze überlegen. Folgsam sein ja ohnehin.

Wir gratulieren ihr und beglückwünschen ihre Mutter (die wir aber nicht sehen), dass sie eine so feine Tochter hat, wünschen ihr gute Gesundheit und immer freundliche Kinder.


Die wichtigsten Neuigkeiten sind nun erst 'mal erzählt, so dass ich in den nächsten Tagen weniger schreiben werde. Im Moment ist das ja viel mehr, „als es die Schule erlauben würde“.


Der Tagesablauf im Erholungsheim

Gegen 7.00 Uhr werden wir geweckt, dass heißt, es wäre wohl meist nicht nötig aber für uns gilt es zumindest als Signal zum Aufstehen. Das gilt auch für den Sonntag. Dann waschen wir uns, erst trocken, dann nass. Das Trockene ist eine Bürstenmassage, die die Haut gut durchblutet und den vielleicht noch ein wenig schläfrigen Kreislauf in Schwung bringt. Zu dieser Zeit, meint die Heimleitung, seien zum richtigen Wachwerden kalte Güsse angezeigt, die in grauer Vorzeit der Pastor namens Sebastian Kneipp erfunden haben soll. Anschließend „machen“ wir die Betten. „Bitte recht ordentlich“, heißt es, den Bezug „Ecke auf Ecke gelegt, glatt gezogen und auch mal Hilfestellung für die Kleineren“. Aufzuräumen ist nicht viel, aber umherliegen darf auch nichts. Dann endlich sammeln wir uns vor dem Speisesaal, in einer Zweierreihe geordnet angestellt, wo uns schon das leckere Frühstück erwartet. Oder wir haben mal ein bisschen zu warten. Dann stimmen die Erzieherinnen ein Lied an und wir fallen (nach Lust und Laune) mit ein. So ist eine kleine Wartezeit, bis die Speisesaal-Türen geöffnet werden, schnell überbrückt. Ja, die guten Küchenfrauen werden schon eine reichliche Weile früher ihr Tagewerk begonnen haben, längst bevor wir aufstanden. Nach dem Frühstück, das wir zwischen 8.00 und 8.30 einnehmen, treffen wir uns zum Losgehen – auf unsere kleine Wanderschaft. Meist kehren wir mit einem Bärenappetit zurück und manchmal auch mit müden Füßen.

Etwa um 12.00 Uhr müssen wir zurück sein, denn zu dieser Zeit steht das schmackhafte Mittagessen für uns bereit. Vorher aber gibt es noch den täglichen Vitamin-Frucht-Saft. Wir erhalten diesen in Gläsern, die ein bisschen Ähnlichkeit haben mit den „Römern“, die bei uns zu Hause stehen aber selten benutzt werden. Nur sind diese hier etwas kleiner und haben keinen massiven Glasstiel, sondern einen Hohlfuß, den man umgreift.

Nach 12.30 eine Runde Wassertreten oder die kühle Dusche.

Zwei Stunden, also von 13.00 bis 15.00, Uhr dauert die anschließende Mittagsruhe. Liegeruhe! Wir müssen nicht unbedingt schlafen, uns aber in den Betten ruhig und ruhend verhalten.

Gegen 15.00 Uhr gibt es das kürzere, fröhliche Milchkafetrinken, „Vesper“ genannt, wozu wir ein Milchbrötchen oder ein Stück Kuchen bekommen.

Und wieder steht eine rund dreistündige Freizeitbeschäftigung mit stets wechselnden Themen im Plan.

Pünktlich um 18.00 Uhr schreiten wir dann zur Abendmahlzeit. Es gibt meist Brot, Butter und verschiedene Wurstsorten. Manchmal auch eine „Fettbemme“ (Schnitte mit Schmalz bestrichen und leicht gesalzen). Die Brotscheiben dürfen wir einzeln belegen. Zu Hause gibt es meist „Klappstullen“, um leichter satt zu werden – das sind zwei Brotscheiben mit einmal Belag. Zu den Schnitten gibt es meist Kräutertee. Eine Stunde haben wir dann nochmals Freizeit. Darauf folgt das Waschen. Duschen findet aus Gründen der Gesundheitsförderung kühl statt, dann das Zähneputzen und anschließend geht es schon wieder „in die Federn“, denn wir sollen uns ausreichend erholen. In dieser Zeit können wir uns noch etwas unterhalten oder Fräulein Hennersdorf liest uns eine Geschichte vor oder die Erzieherinnen singen draußen im Flur etwas vom vogtländischen Volks- und Abend-Liedgut, wobei die Türen zu den Schlafräumen offen stehen, damit wir etwas davon haben.

Um 20.00 Uhr ist dann Nachtruhe. Zu dieser Zeit ist auch das Schwatzen einzustellen, weil selbst für wichtige Mitteilungen ja auch am nächsten Tag noch genügend Zeit bleibt.


Dienstag, 18. August – Wanderungen und Besichtigungen, unsere Entdeckungen

Eindrücke sammeln wir in diesen Tagen viele, denn das Wetter ist meist gut zum Wandern geeignet und Fräulein Hennersdorf erzählt und zeigt uns eine ganze Menge. Auch wird viel gesungen. Sie hat eine zart-melodische, glockenreine Sopran-Stimme. Man muss sich also so recht in ihrer Nähe halten, wenn man alles mitbekommen möchte. Da ist es außerdem von Vorteil, dass ich fast alle der bisherigen Lieder schon kenne, auswendig kann.


Besonders schön finde ich auf unseren Spaziergängen die kleinen Bäche, deren Wasser bergab gurgelt, plätschert und über Steine springt. Zwischendurch probieren wir das Wasser mit den Füßen, schnell und heimlich, denn die Gruppe zieht sich beim Wandern sonst zu sehr in die Länge. Hui, ist das aber kalt. Eine Kostprobe, mit der hohlen Hand geschöpft, beweist, dass es wohlschmeckend ist. Kleine „Schiffe“ setzen wir aus, zu einer gefahrvollen Reise durch die Stromschnellen. Bei uns zu Hause geht so etwas in der Straße nur nach einem starken Gewitterregen, wenn das anfangs schmutzige, später klarere Wasser im Rinnstein zum Straßengully läuft. Hier aber geht das jeden Tag – auch ohne Gewitter – läuft es auch jede Nacht, mit kristallklarem Wasser.

Wir besuchen natürlich auch die „Große Pyra“, begleitet sie doch, sich schlängelnd, die Straße zwischen Rautenkranz und Morgenröthe. Ihr braucht aber keine Angst um uns haben, denn die Große Pyra, das ist keine Schlange, wie man vermuten könnte, auch wenn sie von weit oben etwa so aussehen mag. Sie ist eine dieser größeren Bächle oder ein kleiner Fluss. Sie wird in Rautenkranz von der Natur mit der Zwickauer Mulde vereinigt. Schrieb ich schon. Beide wirken sie so harmlos und doch kam es vor fünf Jahren nach einem harten, langen und schneereichen Winter zu einem gewaltigen Hochwasser, bei dem beide Gewässer weit über ihre Ufer traten, weite Teile des Tales und viele Keller überfluteten und Möbel in Erdgeschosswohnungen umherschwimmen ließen – trauriger Weise große Schäden anrichteten. An einigen Häusern sieht man Blechtafeln, auf denen der damalige Wasserstand gekennzeichnet ist. Fast unglaublich aber wahr und schlimm.


Die Erhebungen und Höhenzüge erreichen hier durchaus beachtliche Meterzahlen. Der Thierberg 785 m. Der Gipfel mit dem dem berühmten „Schneckenstein“, diesem Halbedelstein-Topasfelsen, misst 883 m, der Königshübel (auch Königsgipfel genannt) 888 m, der Aschberg im Süden soll 936 m hoch sein und der Schneehübel sogar 974 m. „Er ist dr hechste Barg im Vugtland“. So wird es stolz gesagt. Jo, das is e Barg! „Wo aber können wir den nächsten Tausender stürmen?“ – frage ich, vielleicht ein wenig sehr vorlaut.

Das mit der Bezeichnung "-Hübel "erscheint hier wie eine untertriebene Bescheidenheit. Fast einen ganzen Kilometer hoch! Nur sehen wir das nicht so genau, weil uns ja der Vergleich zur Meereshöhe fehlt – denn wir können ja nicht zur gleichen Zeit ... Bei uns zu Hause sind die „richtigen Berge“ zwischen 60 bis höchstens 200 Meter hoch, bei der Lage der Stadt von 35 m üNN. Da kann man also noch einiges abziehen. –

Die Kleinbahn ist hübsch anzusehen. Solche kleinen Dampflokomotiven wurden damals auch bei uns in Neuendorf und Drewitz (Firma Orenstein & Koppel) gebaut, wo Opa und Vati gearbeitet hatten – auf dem gleichen Betriebsgelände des späteren VEB Maschinenbau „Karl Marx“ in Potsdam-Babelsberg. Von dort aber kommen natürlich auch die riesengroßen Schnellzuglokomotiven der 01-er bis 03-er-Baureihe mit ihren über mannshohen Rädern.


In Morgenröthe gibt es die Eisengießerei mit dem gewaltigen Hochofen aus dem Jahre 1819, der aber im 18. Jahrhundert bereits einen Vorgänger hatte. Hier wurden sogar Kirchenglocken aus Eisen gegossen und zwar „nach einem Geheimrezept“. Zwar aus der Eisenschmelze aber mit verschiedenen hineinlegierten Zusätzen. Ein „Klanghartguss“, der den alten Bronzeglocken in der Schönheit des vollen Tones in nichts nachstehen sollte und sich außerdem viel preisgünstiger stellte. Sonst waren die Glocken ja früher eher aus Bronze, einem Schmelzgemisch (einer Legierung) aus Kupfer und Zinn. Ebenfalls wurden in diesem Betrieb Bauteile für Öfen und Herde mit schmuckverzierten Oberflächen gegossen, Denkmalstafeln und sogar Figuren – Erzeugnisse des aufwändigen Gießerhandwerks, deshalb auch besonders ehrend, Kunstguss genannt. Das Werk wurde wohl ungefähr seit 1618 betrieben und seit 1798 bis 1945 von Söhnen der Familie Lattermann geleitet, die dann als "Hammerherren" bezeichnet wurden. Der letzte Hammerherr aus der Familie, der Lattermann, Johann Gottfried (1879 bis 1950) war von seinen Interessen her wohl kein geborener Metallurge. Gern beschäftigte er sich in freien Stunden mit dem Schreiben von Gedichten und auch eine Anzahl von Liedern verfasste er. Sehr bekannt wurde sein

"Dr Schwamma-Marsch", der sich mit dem Sammeln von Pilzen befasst. Zu diesem literarischen Schaffen gehörte auch ein kleines Volks-Theaterstück.


Lieder

Schwarzbeer-Lied

Heimatglocken

Bleb raacht lang be uns!

Trutz-Liedl

Wo ist Gott?

Dr Hammerschmied

Winterlaahm

Zen neie Gar

Dr Lockzessig



Dr tapfre Heinerich

Gedichte

Volksstück (Schwank)

Glückauf un Willkomme

Dr gute Hannl

De Schatzgräber

Mei Haamitlied

Dr Wühler



Über weitere Ereignisse um die Familie Lattermann hören wir nichts – ich werde erst viel später davon erfahren: Der Betrieb war bis nach dem Kriegsende, also wie meist üblich, ein kapitalistischer und die Lattermanns waren als Ausbeuter ihrer eigenen Arbeiter bezeichnet. Der jüngere Lattermann, der Herr Gottfried L. wurde sogar Mitglied in der national-sozialistischen Arbeiterpartei. Ein Partei-Genosse. Es gab nur noch die Eine. Möglicher Weise war er nach dem wirtschaftlichen Tiefpunkt der Weltwirtschaftskrise, nach Arbeitslosigkeit der Arbeiter und Hunger in den Familien sogar begeistert, dass es wieder aufwärts ging und wollte etwas mitbewirken. Damals war der Eintritt in die Partei gewünscht, heute muss das als sehr schlecht bewertet werden! Das versteht sich dann von selbst, wenn man bedenkt, was während der Nazi-Zeit Schreckliches bis 1945 geschah, Unmenschliches aktiv getan wurde. Vielleicht haben sich der Herr Lattermann, und auch andere Menschen, nicht frühzeitig den Überblick verschafft, dass diese Partei und deren Führung künftig das Leben unzähliger Menschen grausam missachten würde und sogar einen Zweiten Weltkrieg anstrebte. Andere und darunter vor allem persönlich Betroffene hatten das früh geahnt, vermutet, später deutlich erkannt.

Diesen Makel ein Parteigenosse in der Diktatur des Nationalsozialismus gewesen zu sein, trug er nicht allein. 1933 hatte Deutschland 3,9 Millionen Genossen in der NSDAP, 1943 waren es 7,7 Millionen Deutsche! (Wikipedia 2016). Das macht die Sache nicht besser, nein, schlimm zu verkraften. Aber warum nach einem eventuellen Erkenntnisprozess die Parteizugehörigkeit nicht haufenweise aufgekündigt, zurück gegeben wurde – auch dafür gibt es natürlich Beweggründe.

Also, der Herr Lattermann war nicht als Soldat im vorigen Krieg, hat niemanden totgeschossen, sondern hat hier mit Frau und Sohn den Betrieb wohl nur so leidlich geführt und war als Chef auch eigenwillig und nicht für alle die gewünschte "sozial durchdrungene Vaterfigur einer größeren Betriebs-Familie", sagt man. Wegen dieser widrigen Umstände wurde die Familie Lattermann 1946 von der neuen Regierung im Sinne und in Ausführung der Diktatur des Proletariats enteignet. Das bedeutete: Das Eigentum, also die Produktionsanlagen mit Hochofen, Eisenbearbeitung und Gießerei sowie das Grundstück und ihr Wohnhaus wurden der Familie Lattermann zur Strafe weggenommen. Das Fortnahmegut wurde ein Eigengeschenk vom Staat an den Staat. Es wurde "Volkseigentum". – So ging es in Tausenden Fällen und oft sogar noch dramatischer für die Betroffenen.

Die Familie Lattermann bekam von der Abteilung Wohnraumwirtschaft in dem etwa 20 km entfernten Ort Sorga bei Auerbach einen kleinen Wohnraum unter dem Dach eines Gebäudes des Volkseigenen landwirtschaftlichen Gutes (des vormaligen enteigneten Rittergutes) zwangsweise zugewiesen – da gab es nichts auszuwählen. Ihr früheres Eigentum durften sie nicht mehr besuchen. In Sorga starb Herr Lattermann wenige Jahre später an Krankheit und vor Gram und vielleicht des Alters wegen. –


Wir umrunden auch die Kirche im Ort. Diese ist mehr als 100 Jahre älter als wir. Man hat damals sehr gründlich daran gebaut. Von 1838 bis 1842 dauerte es. Einen Deckel für das Taufbecken, denn es sollen ja um Himmels Willen weder Staub noch Kind hineinfallen, spendete der damals amtierende Hammerherr Lattermann. Selbstverständlich war dieser Schmuckdeckel auch im Morgenröther Eisenwerk hergestellt worden.


Mittwoch, 19. August

Das Singen geht hier ganz frei von Seele und Zunge. Jeder, der kann und will, macht mit. In der Schule ist der Musikunterricht dagegen etwas seltener und sehr gezwungen. Potsdam-Babelsberg (DDR) liegt ja direkt an West-Berlin und so ist auch die Anstellung für so einige Lehrer an unserer Schule wie ein „Sprungbrett“ in den Westen (nähere Erläuterung im Anhang).

Dr Vugelbeerbaam“ – ein Lied über die (medizinisch wertvolle und optisch schöne) Eberesche. Auch wenn es bei dem schönen Baum 'was mit Medizin zu tun haben kann, setzt man hinter das erste Wort keinen Punkt. Diese Kürzung, also so eine Art berechtigter Mundart-Stenografie, bedeutet nämlich nicht „Doktor“, sondern „Der“. Die Eberesche steht in der Zeit unseres Aufenthaltes schon in voller Beerenpracht. Wie ich bereits erwähnte, singen und schreiben die Arzgebargler und die Vogtländer etwas unterschiedlich. Ich möchte nicht „dazwischen kommen, ich meine: zwischen Ebereschenbaum und Borke“ und versuche den Text der ersten Strophe deshalb ziemlich unparteiisch auf Hochdeutsch aufzuschreiben. Beim Singen würden mir ansonsten gewiss auch viele Mundartfehler unterlaufen.


Der Vogelbeerbaum


Kein schön'ren Baum gibt's, als den Vogelbeerbaum, Vogelbeerbaum, Vogelbeerbaum.

Kein schön'ren Baum gibt's, als den Vogelbeerbaum, Vogelbeerbaum, ei ja.

(und dann geht es weiter mit:)

Ei ja, ei ja, der Vogelbeerbaum, der Vogelbeerbaum, der Vogelbeerbaum,

ei ja , ei ja, der Vogelbeerbaum, der Vogelbeerbaum, ei ja.



Ist das nicht ein so recht zu Herzen gehender Text? Nur soviel von mir zu einer der vogtländischen „Nationalhymnen“, denn ich merke schon, dass ich die Fortsetzung doch lieber einer Fachfrau oder einem Fachmann überlassen sollte.


Na gut, ein weiterer Versuch noch zur „Entschädigung“. Eine Volksweise, wohl aus Baden, das heute in Westdeutschland liegt, die zu uns herüber geschwappt ist. Und die geht so:

Heut' kommt der Hans zu mir“ ... lesen wir am Ende dieses Berichts „im Liederbüchlein“ nach.


Gemeinsam aber etwa Schlager zu singen, geht nicht, ist hier nicht üblich. Frau Böhm legt großen Wert auf die gute Pflege des Volksliedgutes. Das ist ja schließlich auch nicht schlecht. Aber wir Jungens tauschen uns schon mal gedanklich aus, denn es gibt so viele schöne Schlager, deren Texte ich hier aber nicht extra aufschreibe – aber wenn ich wollte, könnte ich es schon. Na ja, es ist sowieso etwas schwierig mit diesen Schlagern, weil ja nicht alle Sängerinnen und Sänger ihren Wohnsitz in der Deutschen Demokratischen Republik gewählt haben. Vielleicht reichen die Radiosender mit diesen Liedern auch nicht alle bis hierher. Ja, – einen tschechischen Radiosender könnten wir bestimmt ganz ausgezeichnet empfangen – aber wir haben und brauchen hier auch kein Radio, wir vermissen es nicht, denn jeder Tag ist gut und voll ausgefüllt.


Irgendwie ist mir aber net so recht gut dabei, würde ich euch Leserinnen und Lesern die Wohllaute des Vogtländischen nur wegen meines Unvermögens unterschlagen. Deshalb gebe ich fei einige Sätze aus berufenem Munde zur Probe (mit denen viel, viel später) die Familie Stahl ihre Gäste begrüßen und jene Besucher herzlich erfreuen wird. Zwar darf ich den Text mit ihrer Zustimmung übernehmen und hier vorzeigen aber gesprochen wird er sich immer etwas anders anhören, wenn beispielsweise die Wiegen von zwei Vorlesenden nur einige Kilometer voneinander entfernt standen und eben die hohen Hübel dazwischenlagen, so dos sich de Aussprochen verschieden entwickelten, weil man wenig Kontakt miteinander hatte. Geschrieben wird es ja sowieso unterschiedlich, weil es ja kaanen Mundart-Duden nich geben kaa. Schwer für die Lehrer und erst recht für die Schüler.


Los geht es mit einigen mundartlichen Beispielen:


Begrüßung

Wir freie uns, dos ihr bei uns seid!

Ihr sollt eich bei uns genausu wohlfühln wei bei eich drhamm. Wir wünschen eich e paar schiene Tog in unnerer Sommerfrische Morgenröthe-Rautenkranz.

Wir wolle eich e wen'g off unnere scheene Haamit mit ihren machtgen Wassern, klaaren Bacheln, bunten Bargwiesn un geheimnisvollen Hochmooren einstimme. In und um unner schienes Dorf gibt's su manniches ze saah.“


Mensch, wenn du willst wirklich gelücklich sei, laaf ner racht weit in' Wald drei nei,

wu's Bachel rauscht, wu's murmelt und klingt, wu's Vögele sei Liedel singt“.


Wenn ihr su durch unner Wald wannert, kennt ihr de gesunde Bargluft genießn und su manniges Naturwunner auf eire Seele wirken lassen: Gewaltige Baamer, stille Bargweiher und munter plätschernde Bächel. Oftmals birgt a su manniges Klaanes wos wunderbares – sei's e klaanes Blümel, e Schmotterling oder e Käferle. Und Schwamme gibts gedes Gahr im Herbst – dos ist ne wahre Pracht. Dr Lattermann, Gottfried, aus dr Morgenröth, hat nämlich aah den Schwamme-Marsch ausgedacht.

In unnern Waldgebiet an dr Grenz zwischen Arzgebirg, Vugtland und Böhme gibts enne Menge aazegucken. Net nur den Wald – a Museen und Haamitstubn, Warkstätten un net ze vergassen: unnere Wirtschaften und Gasthaiser. Hier habt ihr alles zesamm un dos alles kennt ihr eich in und um Morgenröth'-Rautenkranz aagucken.

Wenn ihr emol wos wissen wollt, braucht ihr fei net an Harzdricken ze schtarm. Frocht uns ner aafach.


Wenn's Watter mol racht garstig is, un kaaner hat su richt'ge Lust zum Wandern, gibts Spiel un Sport. A de Kinner ham viel Platz, wo se rimbaldobern kenne.


Am Ohmd

Gerod, wann mer den ganzen Tog lang gewandert sinn, is es immer schie, wenn mer am Ohmd besamm' hocken kaa. Bei unnern Liedern kimmt de Stimmung dann von allaa.


Abschied

Vielleicht kummt ihr aah emol wieder verbei. Mir täten uns freie.

Bis dohi wünschen mir eich alles Gute!“


Nun aber wieder zurück zum heutigen Mittwoch und unseren neuesten Erlebnissen des Tages:

Nach dem Frühstück, vor den Wanderungen, achten Fräulein Lange und Fräulein Hennersdorf auch darauf, dass unsere Schuhe pflegend gefettet sind und wir ordentlich aussehen. Das klappt meist, denn wer möchte schon neben ihnen sehr unordentlich „abstechen“?

Die Schuhe putzen wir, wenn sie ausreichend trocken sind, vor dem Haus. Nur wenn es emol rächnet, dann im Treppenhaus. Bald entsteht dann eine „Schuhputzduftwolke“, die zu Kopfbrummen führen kann. Fast alle nutzen wir die gute feste Hartschuhcreme der Firma „VEB Wittol“ aus Wittenberg an der Elbe, manche auch die cremige aus der Tube, von „Eg-Gü“, also der Firma von dem Herrn Egbert Günther aus Dresden – auch an der gleichen Elbe. Einer hat eine Blechbüchse von „Erdal mit dem Frosch“, mit einem Knebelöffner am Deckel dabei. Das kommt wohl von sehr weit her – aus dem Westen – und ist vielleicht von einem Weihnachtspaket übrig geblieben. Oder so. Wir anderen aber krallen wie üblich schlicht die Plastedeckel mit den Fingernägeln von den Plastedosen herunter – das geht auch – und wollen sie (deshalb) nicht gar zu kurz schneiden, denn Schuhe-putzen ist jeden Tag.

Aber nun gehen wir endlich los.

Wir wandern die Schönheider Straße entlang, vorbei am Landgasthof. Dann auf der Straße „Am Filz“. Das hat nichts mit einem alten Hut oder Lodenmantel zu tun. Nein, der Ausdruck möchte ein sumpfiges Wiesengebiet bezeichnen. Daran denkt man als Laie gar nicht, da dieses Gebiet so am sanften Hang liegt – wie kann dort an der Schräglage die Wassermenge einen Sumpf bilden? Hier sehen wir das große Gebäude der wichtigen Elektroumspann- und Verteilerstation des VEB Energieversorgung, von der auch unser Heim den Strom bekommt. An wenigen Häusern gibt es noch Ziehbrunnen im Garten, das sind Kesselbrunnen mit dem Eimer an der Kette. Dann, ein Stück weiter, wieder bergab, biegen wir gleich hinter der Mulde und dr Feilenhauerei (der Firma Neubert) nach links in den Wald nei. Hier sind wir an der Grenze – links der „Feile“ Erzgebirge, rechts von diesem Gebäude – das Vogtland. Nun gehen wir auf dem Ameisenweg am Wiesenrain entlang. Manometer, gibt es hier aber viele und riesige Wohnhübel der Roten Waldameise, der „Volkspolizei des Waldes“. „Vielvölkerpolizei“ müsste man eigentlich sagen. Ein quirliges Durcheinandergekrabbel – denken wir vielleicht und dabei hat doch jedes der Tierchen seine wichtige Aufgabe und erfüllt diese – ohne viele Fragen und anscheinend ohne jeden Widerspruch. Emsig und (für unsere Ohren) lautlos.


Sodann treffen wir vorerst auf den gefährlichen „Todesfelsen“. Manche Einwohner nehmen wohl dieses Wort wegen der unbekannten Grauslichkeit des Ganzen nur hinter vorgehaltener Hand in den Mund. Fräulein Hennersdorf hält dagegen hier einen kleinen Vortrag über unterschiedliche Gesteinsarten bei denen der Granit den Vorrang hat, ferner über die zu schützenden heimischen Tiere (Kreuzottern zählt sie auch dazu, die sich gern fei auf dem Weg sonnen – wir aber sahen keine und das war kein echter Verlust). Sie spricht über die Schönheiten der Pflanzen überhaupt ... und, dass man in gefährlichen Situationen (Todesfelsen) nicht etwa drängelt oder andere schubst, die Jungen nicht und nicht die Mädchen (irgendwie war da aber noch von Hexen die Rede), sondern, dass man sich achtsam verhält und sich gegenseitig kameradschaftlich hilft. Hexe? Ja, richtig, wenn man auf dem Ameisenweg vor dem Felsen steht, befindet sich unten links eine Fels-Ausbuchtung, eine felsüberdachte große Nische, „de Hex'nküch'“. Tisch und Bank haben darin Platz. Recht gemütlich. Besonders wenn es regnet. Auch dann wird die Suppe nicht verdünnt. Wegen dieser H.-Küche soll eigentlich „Hexenfelsen“ die „richtige wissenschaftliche Bezeichnung“ für diesen Felsen sein, hören wir – und nicht etwa solch ein volkstümelnder Todesfelsen. Was aber mag nun ganz wirklich wissenschaftlich d'ran sein an dr Hex'? Das ist bisher das Einzige, was die sonst so klugen Erzieherinnen nicht wissen. Ich denke, es könnte eher e Krut- un Schwammeweible gewesen sein, das sich hier von des Tages Anstrengung und von ihres Lebens Müh' un Plag' ausruhte, etwas Schönes träumte und aus Altersschwäche ganz friedlich in die Ewigkeit hinüber schlummerte. Doch auch meine Vorstellung ist ja nicht unbedingt wissenschaftlich … es ist mehr so eine Wunschantwort auf eine Glaubensfrage. Mein Glaube bedeutet: Ich denke schon, dass es so gewesen sein könnte aber ich kann es nicht beweisen. So zumindest hätten wir hier die freundlichen Doppelnamen „Morgenröthe-Rautenkranzer Hexen-Todesfelsen“, hätten eine schöne Geschichte und endlich eine (fast wissenschaftliche) glaubhafte Erklärung für die Felsenbezeichnung. Alle diese Namensstreithähne wären vielleicht ein bisschen miteinander versöhnt. Es muss doch durchaus nicht immer mit Mord und Totschlag einhergehen und es fiel ja wohl nicht einmal der berüchtigte Hexenschuss. Wie es auch sei – ob nun der ruhespendende Gevatter Tod beim Weiblein an sich oder mit einem wissenschaftlichem Umweg über de Hex' – egaa.

Trotzdem: Suppe aus dr Hexenküch? Die orangefarbenen Hüte vieler Fliegenpilze locken und warnen uns am Wegesrand, sind sehr aufmerksam zu beachten.

Der viele neue Lernstoff aus Fräulein Hennersdorfs Pflanzenwissen braucht uns jetzt aber nicht belasten – ich hänge ganz hinten mal eine Liste an. Diese könnte auch genauso gut aus dem Merkheft „der alten Kräuterfrau vom Felsen“ sein, über die wir eben sprachen. Uns're sieht aber zwischen den Bäumen, Sträuchern und Blumen eher aus wie eine gute Waldfee, eine blutjunge.


Der Ameisenweg, der ansteigende Hochwald (und andere Orte auch) werden von den Einwohnern stets „sauber“ gehalten. Die vielen sonst umherliegenden Fichtenzapfen, Bruchholz und Reisig sammelt man gern auf, denn sie sind als kienig prasselndes Feuerholz sehr begehrt. De Leit räumen auf, wos den Ameisen zu schwer. Man hilft sich eben kameradschaftlich – hier wie da. Die vogtländischen Winter sind hart und kalt und ähnlich lang wie die erzgebirgischen. Das „Sächsische Sibirien“ sagt man zu dieser rauen Gegend.

Ich betreibe das Sammeln ja auch zu Hause mit dem Handwagen. Ein Sammelschein „für Knackholz“ kostet für's Jahr bei unserem Förster 3,- Mark ... für einen vollen Holzschuppen und eine warme Wohnung.


Weitere Schauergeschichten gibt es über Hochmoore und Menschen, die darin versanken – doch ich wette, Fräulein Lange weiß noch mehr darüber, als sie uns erzählt. Das wäre aber vielleicht auch für die Jüngeren in unserer Gruppe nicht so gut.

Gut aber, dass die Sonne die Landschaft in ein so freundlich warmes Licht taucht, denn von hier an könnte es einen frösteln. … Die Sehenswürdigkeiten werden immer grauslicher, wenn man nicht übermütig oberflächlich umher tollt oder gar „rimbaldobert“, sondern sich in die Geschichte hineinvertieft:

Der nächste Haltepunkt am „Sandigen Weg“ ist nämlich der Jungfernfelsen. Das ist hier gar nicht so lustig und romantisch wie es beispielsweise damals bei „Katjuscha“ war. (Lied am Ende des Berichts). Es begab sich nämlich vor etwa 333 Jahren, ja, genau hier im Rautenkranzer Wald. Ausgehungerte Soldaten des General Tilly und des ziemlich streng katholischen österreichischen Kaisers wollten (mitten im Krieg, der genau 30 Jahre dauerte), ein völlig unschuldiges Mädchen fangen und mit ihm = ihr irgendwelche zu derben Späße treiben. In ihrer Not eilte der weibliche Backfisch (das ist diesmal ein mehr norddeutscher Ausdruck, der im Vogtland sonst wenig Geltung bekommt) hoch auf das Felsenversteck. Als sie aber gewahr ward, dass sie den Häschern, diesen ungehobelten Grobianen, nicht entkommen konnte, kein guter Ausweg für sie frei blieb, fasste sie ihr Herz sowie einen endgültigen Entschluss und sprang vom schwindelerregend hohen Felsen hinab in die Tiefe. Sie suchte das Entrinnen in die Freiheit und fand aber, ach, den viel zu frühen Tod. Und in dieser schrecklichen Kriegszeit stand ihr kein Schutzengel rechtzeitig bei.

Eine anrührende, sehr traurige und wahre Geschichte. Am Felsen steht leider nicht, wie denn das arme Mädchen überhaupt hieß. Da müsste man in dem alten Kirchenbuch nachsehen, um ihr eine ganz persönliche Gedenktafel aufzustellen und als Mahnung für andere (könnte man vielleicht als Morgenröther Kokillen-Kunstguss fertigen). Ach was, nur so eine Idee – das holde Mägdelein hätte ja nichts mehr davon. Und war es nicht überhaupt so, dass die Siedlung hier erst gegründet wurde? Da waren der Pastor und sein Kirchenbuch wahrscheinlich überhaupt noch nicht hier.


Beim Jungfern-Gedenkfelsen zweigt der Weg ab, der uns, vorbei am Vogtlandsee, nach Grünheide führen könnte. 1,5 Kilometer wären das nur noch. (Ihr wisst vielleicht noch: Dort durfte ich vor etwa vier Jahren auch schon einmal sein).

Eigentlich wollte ich nun, zur Abwechselung und Erholung, etwas fröhlicheres erzählen aber in der Wirklichkeit geht das nicht immer. Jetzt also kommt es noch schlimmer: genau genommen – doppelt so schlimm, als ein Todessprung.

Nur ein kleines Stück des Wegs weiter – wir konnten uns gerade an den großen, blau und grün im Sonnenlicht schillernden Libellen erfreuen, die sich am Zinsbach tummelten (sie zählen auch zu den Raubtieren, so, wie die Löwen) – schon wieder taucht vor dem geistigen Auge ein weiteres Blutbad auf. Und auch das ist wiederum leider wahr. Es ereignete sich am 23. Mai 1903. Erst vor einem reichlichen halben Jahrhundert – trotzdem vor einer schier endlos langen Zeit. Und das war damals so:

Zwei Forstmänner, der Forstassessor Hertel und der Waldwärter Röder wollten hier gern einen Wilddieb zur Strecke bringen, der den Wald für die Tiere unsicher machte. Dieser Wilderer ging in den Wäldern seinem kostengünstigen aber ungenehmigten Waidwerk nach.

Schon schön, dass beide Jagdleute dem gleichen edlen Gedanken nachhingen. Weniger gut, dass sie beide nicht vom gleichen Gedanken des anderen wussten und unabhängig voneinander am Abend zu gleicher Zeit, leise in den finsteren Fichtentann gingen. Zwar hatten sie gute Deckung und auch ihre Tarnbekleidung an (dunkelgrüner Lodenmantel unn e Filzhütle), konnten sich aber weder riechen noch sehen. Nur ihre lauschenden Gehöre vernahmen den jeweils anderen und beide vermuteten ein Räuspern oder das Knacken von Zweigen, als Lebensäußerung des Wilddiebes. Schließlich schossen sie sehr kurz nacheinander aufeinander, also auf den vermeintlichen Wilderer. Und sie waren recht treffsicher. Der wackere Forstmann Hertel schleppte sich schwer verwundet, eine Blutspur (Schweißspur sagt der Waidmann) hinter sich herziehend, gerade auf dem Weg entlang, den wir soeben kamen, bis hinunter zur Feilenhauerei. Die gab es damals schon. Dort brach er zusammen. Man konnte ihn noch den weiten Weg bis hin auf den Operationstisch im Zwickauer Krankenhaus bringen. Doch in der Klinik schloss der gute Mann für immer seine Augen. Der Herr Waldwärter Röder, war ebenfalls so stark getroffen, dass er noch im Walde verstarb. Mehrere Kinder hatten nun keine Väter mehr, waren plötzlich halbe Waisen. Der einzige, der wohl froh war und gesund blieb, war der Wilddieb (dessen Namen, Gesicht und seine weitere Geschichte wir aber nicht kennenlernten – vielleicht gar niemand).


Wir aber wandern weiter, dass heißt, eigentlich schließen wir bald den Spazier-Kreis, denn wir sind schon wieder auf dem Heimweg. Nochmals kurz zum Filz und dann auf dem Höhenweg entlang. Hier sind wir über der Schönheider Straße und sammeln uns am Cottafelsen.

Also, dieser Felsen hieß nicht schon immer so. Man nannte ihn einfach so, um auch im Vogtland den großen, gutmütigen Forstwissenschaftler und Waldbiologen Heinrich Cotta zu ehren (er lebte von 1763 bis 1844). Leicht und locker war er befreundet mit Johann Wolfgang v. Goethe, dem Älteren (1749 bis 1832) und mit Alexander von Humboldt (1769 bis 1859). Also, im Jahr 1842 bekam dieser Felsen eine schöne Gedenktafel, die an den Herrn Cotta erinnert. Er sah sie noch.

Wir haben es von hier nur noch ein kleines Stück bis wir wieder unten auf der Straße sind und können gleich fast geradeaus die Carlsfelder Straße bis zum Heim gehen. Immer bergauf – aber das leckere Mittagessen wartet schon und zieht uns an wie ein Magnet.

Ich muss jetzt mal daran denken, dass ja Schulferien sind: Ich kann nicht über jede Wanderung soviel schreiben, sonst wird das noch ein fast richtiges Wanderheft und die Vogtländer Lehrer wundern sich dann, was da ein fremder Schüler so alles aufschreibt, obwohl es doch ihre eigene Haamit ist. Aber es ist ja eben alles von Fräulein Hennersdorf und sie hat es zum Teil von eben diesen Lehrern und aus alten Büchern. Ich selbst lasse hier ja nur mal den Füller über's Papier gleiten. Sonst nichts weiter. Es ist somit ein guter Kreis-Spaziergang des Wissens. Wenn ich nicht alles so genau erzähle, wie es vor vielleicht zweihundert Jahren berichtet wurde, na, dann nehmt es bitte nicht zu tragisch – ihr kennt doch auch das Gesellschaftsspiel „Stille Post“?


Nach den Wanderungen, vor dem Essen, schauen die Erzieherinnen auch mal bei einigen von uns, „bei ihren Pappenheimern“ nach, ob die Fingernägel keine "Trauerränder" aufweisen, sauber gebürstet sind. Zwar hat Fräulein Hennersdorf, was man nach ihrer Bezeichnung (Fräulein) ja vermuten kann, noch keine Erfahrung mit eigenen Kindern aber dafür ist sie immerhin Erzieherin und kommt mit der Gruppe recht gut klar – besser wahrscheinlich, als manche Eltern es verstehen. Und ihre eigenen Fingernägel sehen immer rosa-weiß, schneesauber aus. Na ja, sie macht schließlich auch keine dreckigen Arbeiten, gräbt auch auf den Wanderungen keine interessanten Steine mit den Fingern aus und so was ähnliches.


Am Nachmittag finden Sportspiele statt. In jedem Durchgang ist das so. Schon von Anfang an!

Nicht erst, als der Erste Sekretär des Zentralkomitee der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands und Erster Stellvertreter des Vorsitzenden des Ministerrates der Deutschen Demokratischen Republik, Walter Ulbricht, aufmunternd-mahnend den Finger hob und verordnete:

Jedermann an jedem Ort – einmal in der Woche Sport!“– bevor er selbst zur Tischtenniskelle und zu den Schlittschuhen griff, um zu zeigen wie das so geht. Frühsport kann man ungestraft täglich betreiben und in vielen Betrieben wird den Kollektiven der sozialistischen werktätigen Massen sogar regelmäßig Pausengymnastik angeboten.


Donnerstag, 20. August – weitere kulturelle Erlebnisse

Heute wird von uns allen draußen in der Natur ein Gruppenfoto gefertigt, damit wir bis zum Lebensende auf dem Papier eine lebendige Erinnerung an diese schöne Zeit in den Händen halten können.

Zur Schreibstunde zeigt uns Fräulein Hennersdorf wie wir den Rand des Briefbogens künstlerisch verschönern können. Dazu wird ein langer farbiger Papierstreifen, ungefähr zwei Zentimeter breit, nach Ziehharmonika-Art gefaltet, um diesen dann mit Schmuckschnitten (mit der Schere) zu verzieren. Nach dem wieder Entfalten hat man dann ein immer wiederkehrendes Muster. Anfangs, na ja, sah es recht grob aus aber mit der Zeit des Übens macht es Spaß und gelingt besser. Die Muster werden feiner und die Schnitte sauberer. Dieser Streifen, anschließend aufgeklebt, macht den Brief (zusätzlich zur Schönschrift und zum Inhalt) noch viel wertvoller für den Empfänger.


Besuch kommt am Nachmittag aus Lauscha, einem Ort in Thüringen. Auch dort liegt viel Schnee, vernahmen wir. Aber jetzt ist August. Lauscha! Nein, nein, in diesem Ort werden keine orthopädischen Hörhilfen hergestellt. Es kam ein Kunst-Glasbläser zu uns. Das Glasblasen war früher ein recht ungesunder Beruf, wie wir hörten. Der Herr brachte zierliche Tierchen aus dünnem Glas, in allen möglichen Farben mit und blies auch einige vor unseren Augen. Künstliche Augen hatte er auch dabei, für uns aber nur so als Anschauungsmaterial. Das Auge ist viel größer, als man vermutet, weil man ja im Normalfall nur ein Stückchen davon sieht. Solch ein Auge erhielt nach dem Krieg unser Onkel Anton wegen seines Augenverlusts nach dem Granatsplitter-Treffer. Heute müssen schon nicht mehr so viele Augen hergestellt werden, wie damals und das ist gut so. Allerdings gibt es die Kunst-Augen nur, damit sich andere Leute nicht erschrecken. Sehen kann man trotz aller Kunst damit natürlich nicht. Andere Versehrte tragen aber lieber ständig eine schwarze Augenklappe, wie der israelische General Moshe Dajan, der ein Auge im Libanon-Krieg verloren hatte. – Wie schön wäre es, brauchte man überhaupt keine Kunstaugen, würden sich auch erwachsene Menschen verständigen können – völlig ohne Kriege!

Glasbucker, Kugeln oder Murmeln mit bunten spiraligen Fäden, stellt der Lauschaer Kollege auch her, das ist aber viel einfacher, als ein Auge extra so zu produzieren, dass es genauso aussieht wie das noch vorhandene. Diese Glaskugeln bläst er aber keinesfalls, die sind massiv, schwer, kommen von der Glas-Stange. Weihnachtskugeln werden dagegen geblasen.

Kleine Mühlen im Glas hatte der Glaskünstler ebenfalls dabei, mit schwarzen und blanken Flügeln, die sich im Sonnenschein hurtig drehen. Kleine Sonnen-Kraftwerke – würde man sie zu solch einem Zweck nutzen.


Interessant – auch unser Besuch in der Heimatstube. Hier sahen wir Geräte, wie sie in der Holzwirtschaft der Forstbetriebe genutzt wurden und werden. Eine weitere Abteilung befasst sich mit dem Bergbau, der Erzbearbeitung dem Hüttenwesen und der Gießerei- und Schmiedetechnik in Morgenröthe. Auch zur Geschichte des Ortes und der Umgebung sind im Museum eine Anzahl von Schriften aufbewahrt. Ebenso vermitteln eine alte Schulbank und verschiedene Haushaltsgegenstände einen Einblick in das damalige Leben der Rautenkranzer und Morgenröther Einwohner.

Einige bedeutende Menschen der Orte werden hier mit Bild und Erläuterungen geehrt. Unter diesen ist auch Karl Alwin Gerisch, der in Rautenkranz, Ziegengasse 45, am 14. März 1857, mittags um 1 Uhr (13.00 Uhr) , als Sohn eines Waldarbeiters und seiner lieben Frau geboren wurde. Nachdem er später die Schule verlassen hatte, erlernte er das schwierige Handwerk des Bauens von Maschinen. Viel später teilte er sich mit Paul Singer für einige Zeit den Vorsitz der SPD, die es bei uns nicht mehr so gibt. Beide waren sie gut bekannt mit August Bebel und vielen weiteren Arbeiterführern. Alwin Gerisch schrieb so nebenbei eine Anzahl wertvoller Bücher über das karge Leben einfacher Menschen im Erzgebirge und über die Ursachen von deren Armut. Der Lehrer, Herr Böhm, hatte vor einiger Zeit etwas Gutes über Herrn Gerisch zu dessen 100. Geburtstag verfasst. Schade nur, dass dieser es nicht mehr lesen konnte, denn er war bereits 1922 in Berlin gestorben. Gefreut hätte er sich bestimmt über diese Schrift.


Anfangs hatten zwei von uns, also von den Kleineren, etwas Heimweh, aber mir ist es eher mulmig, da nun schon das Bergfest vorbereitet wird. Zum Üben (für die kommenden Feste) wird die Bühne des Speisesaales jeden Tag benutzt. Bei Fräulein Hennersdorf lernen wir jetzt, da wir auch auf das Heimatfest des Dorfes zusteuern „Beim Kronenwirt ...“. Von den Liedern werden wir dann zu den Festen etwas vortragen. Für die Erzieherinnen vielleicht etwas langweilig, denn sie hören ja die gleichen Lieder in jedem Durchgang wieder. Weil sie aber so viele Lieder kennen, wechseln sie diese aber auch mal und dann ist es mit den Wiederholungen für sie bestimmt nicht mehr ganz so schlimm. Eine Anzahl von Liedern kann man ja auch nur in einer passenden Jahreszeit anbieten.

Heimatfest ist im Dorf zur Erntezeit. Ein frohes Treiben. Einige Buden mit Speis' und Trank. Wir üben uns im Vogelschießen mit der Armbrust und Pfeilen, vorn mit Gummisaugpuffer, damit ja nichts ins Auge gehen kann. Das Ziel ist ein aufgestellter Adler aus Pappe mit „Pappfedern“, die er auch ruhig mal verlieren soll, wenn sie getroffen werden.


Wir singen also jetzt: „Beim Kronenwirt ...“ und überhaupt: „wo man singt, da lass' dich ruhig nieder – böse Menschen singen keine Lieder“. Wir singen viel. Jeden Tag. Und sind fröhlich.


Zwischendurch aber ruhen wir uns manchmal bei gemeinsamen Spielen etwas aus, bei Halma, Dame, auch „Mensch, ärgere dich nicht“, „Mau, mau“, „Schwarzer Peter“ und weiteren Kartenspielen. Bauwerke errichten wir, usw. Auch Kreis- oder Stuhlspiele sind dabei wie: „Ringlein, Ringlein, du musst wandern“, „Hänschen, piep einmal“ und andere mehr. Dafür bin ich eigentlich schon längst zu groß. Aber man macht eben mit. Es gehört dazu. Einer der Jungen hat ein kleines Westauto von Schuko zum Aufziehen von zu Hause mitgebracht. Man kann machen, was man will, es fällt nie vom Tisch hinab, sondern es stoppt vorsichtshalber an der Tischkante (als wenn es den Abgrund sieht) und wechselt von alleine die Fahrtrichtung. Interessant anzusehen wie das so funktioniert, mal anfassen ist schön aber ich brauche das nicht unbedingt auf Dauer, denn mit der Zeit wird es schnell langweilig.

Dann haben wir wieder eine Schreibzeit, denn ich freue mich ja auch, wenn ich alle zwei, drei Tage Post erhalte und so sollen Mutti, Vati und meine Geschwister auch lesen, was wir hier alles erleben dürfen. Struppi spitzt gewiss ebenfalls aufmerksam seine Ohren.


Freitag, 21. August – einer der großen Basteltage

Heute am Vormittag ist Fräulein Lange erst mal allein bei unserer Gruppe. Fräulein Hennersdorf hat in dieser Zeit frei und kommt zum Mittagessen zu uns. Sie verrichtet gewiss am Vormittag einige Nützlichkeiten oder geht mal wieder ins Bad – also baden, schwimmen und sonnen. Dieses Bad ist natürlich künstlich. Früher musste man dafür ein Eintrittsgeld von zehn Pfennigen bezahlen. Für die Pflege der Umkleidekabinen und Toiletten, das Aufsammeln von Papier – und der Wärter wollte sich ja auch ernähren. Heute braucht man nichts mehr bezahlen, denn es ist nun ein Frei-Bad und des Volkes Eigentum sowieso. – Allerdings muss man trotzdem aufpassen, denn es nehmen dort nicht nur Menschen, sondern auch bissige, ja sogar giftige Kreuzottern öfter ein Sonnenbad. Die Schlangen baden gerne selbst im Wasser, erzählt uns unsere mutige Erzieherin. „Otternzungen“ sind dagegen Pflanzen, hören wir von ihr. Schöneres gibt es für uns allerdings, als beispielsweise ein Otternwettschwimmen. Viel besser wäre es für die Menschen, wenn diese Tiere im nahegelegenen Bahnhofsteich baden, der sich bis zur Brunner-Fabrik erstreckt. Dieser Teich oder besser „Weiher“ wäre für sie noch natürlicher, weil nicht aus Beton. Er ist auch ist auch voller Seerosen, die von den Fröschen so sehr geliebt werden. Diese Rosen im See werden hier in der vogtländisch-sächsischen Sprache gern „Mummeln“ genannt. Durch jene bahnen sich Wildenten ihren Weg. Diese schnäbeln auch ab und zu miteinander: „In den Mummeln können sie sich tummeln – im See der Rosen, ist für sie gut kosen“. Libellen brummen über die Entenköpfe hinweg.


Wir, die rund 75 Kinder, sind hier übrigens nicht ganz alleine, denn auf den Wanderungen treffen wir immer mal auf andere Kindergruppen. So gibt es zum Beispiel noch ein Kinderkurheim in Morgenröthe, Ortsteil Sachsengrund (Leiterin: Frau Braun), das ist nicht weit fort von hier. Ebenso gibt es ein Heim in Schöneck (Heimleiter: Herr Schuster), hören wir sowie die Erholungsheime in Grünheide und Vogelsgrün.


So ganz nebenbei erfahre ich, dass fast alle Kurdurchgänge vier Wochen dauern. Wir aber sind drei Wochen hier. Vielleicht liegt das daran, dass wir nicht so richtig krank sind. Da haben es ja andere Kinder viel nötiger, die in Gegenden mit schlechter Luft wohnen, zum Beispiel in Merseburg bei Leuna oder in Schkopau bei Buna oder in Bitterfeld bei Wolfen. Auch jene, die an den strahlenden Wismut-Abraum-Bergen, beispielsweise in Ronneburg und Umgebung leben – wie gut haben wir es da in unserem Heimatlandstrich. Und Kur, na ja – weil ich groß und dünn bin und der Kreislauf manchmal mit niedrigem Blutdruck spinnt. Ich meine: Kleiner werde ich von dem Erholungsaufenthalt in diesen drei Wochen wohl nicht, fett ebenfalls nicht und mit breiteren Schultern wird auch kaum zu rechnen sein – wer sollte sonst auch meine Hemden tragen?

Mir reicht es tatsächlich, dass alles schön und harmonisch sowie friedlich ist.

Es gibt aber auch Kinder, die besondere Heilbehandlungen bekommen wie:

- eine besondere Gymnastik (Haltungsturnen), speziell auch Fußgymnastik,

- Atemgymnastik unter freiem Himmel in der besonders gesunden Vogtlandluft

- Bürstenmassage der Haut (für alle täglich, sowieso)

- Wasseranwendungen nach Sebastian Kneipp mit dem Treten des Wassers und kalten Güssen

- Entspannungsübungen mit Musik

- Einschlafhilfen mit dem Tonbandgerät „Smaragd“ und vielleicht dazu passend: „Schlafe mein

Prinzlein, schlaf' ein.“

- Haut- und Seelenbehandlungen gegen bestimmte „Hautausschläge“ und

- Schulungen, um mit dem Asthma besser fertig zu werden. Mit Inhalationen und Entspannung,

- Mastkuren für Kinder, die gar zu dünn sind.


Zu dicke Kinder, die Abnehmkuren brauchen? Solche Leute gibt's hier bei uns nicht.

Denken wir bei der Frage, ob nun drei oder vier Wochen Kurdauer – besser daran, dass die Erzieherinnen, genau wie die Küchenkräfte eine Verschnaufpause zwischen den Durchgängen brauchen und auch der Hausmeister ungestört 'was in Ruhe reparieren muss. Vielleicht macht aber das Personal in dieser abgeknappsten Woche auch mal einen gemeinsamen Heimausflug in eine ganz andere Gegend, um sich mal kurz von den vielen Kindern zu erholen. An einen richtigen Urlaub für die Erwachsenen müsste man sowieso zusätzlich denken. Für diese Notwendigkeiten wollen wir doch gern mit dem Geschenk von drei Wochen sehr zufrieden sein. –

Andere Kinder, die demnach eine Woche länger Zeit in ihrem Durchgang haben, erleben noch mehr an Besichtigungen von Sehenswürdigkeiten. Vielleicht können wir auch außerhalb dieser Erholungszeit herkommen (hier nur kurz mal „Guten Tag“ sagen) und noch viel mehr von dem sehen, was jetzt für uns zu Fuß zu weit wäre, unerreichbar ist.


Es könnten dazu gehören:

Ich denke ihr erkennt schon: Je größer der Aktionskreis, desto mehr spannende Ziele für Besichtigungen, so dass ich hier das Aufzählen einfach abbreche, sonst finde ich kein Ende. –


Heute ist Bastelnachmittag. Material gibt es genug. Zum Beispiel bekommen wir aus der Kunstleder- und Wachstuchfabrik Tannenbergsthal (dieser Betrieb steht im Tal der kleinen Pyra) gut brauchbare Reststücken aus deren Produktion. Kunststücke und Abfälle machen wir dann daraus. Kunstleder besteht aus einem Gewebe (Baumwolle), das in der Maschine mit vorerst flüssigem Kunststoff (PVC) beschichtet wird. Nun erzählt uns unser Fräulein Hennersdorf, wie die farbigen Muster oder auch die Tiefen-Prägung des Materials entsteht. Man könnte denken, sie bearbeite das täglich selbst. Das Kunstleder kann unterschiedliche Farben haben und künstlich gemustert werden. Man kann es auch mit „Narben“ prägen, damit es so aussieht wie eine lederne Tierhaut. Andere Leute sagen dazu: „Es ist somit unwahr und zählt zum >Kitsch<“. Auch Wachstuch ist ein Gewebe, was mit einer Art künstlichem Kautschuk getränkt wurde und nach dem Trocknen auf der Oberseite glänzend und abwaschbar ist. Es hat heute also nichts mehr mit Wachs zu tun (weder von Bienen, noch von Kerzen. Und die abwaschbare Tischdecke wächst auch nicht). Wir suchen im Heim und in Gedanken an unser Zuhause Beispiele für die Verwendung von Wachstuch und Kunstleder und nennen diese. Dann geht es endlich ans Basteln.

Zuerst wählen wir uns Material aus dem großen Karton. Wir suchen entweder völlig gleichartige Stücke aus oder solche, die nach unserer Ansicht gut zusammen passen, sich also „nicht beißen“. Sollte der „Geschmack“ sich mal etwas verirrt haben oder wir Unsicherheiten bemerken, hilft Fräulein Hennersdorf mit gutem Rat und leichter Hand. Wir basteln Kammhüllen oder Ausweishüllen. Wer es möchte, kann auch einen Untersetzer (für Getränkegläser) gestalten. Manche Mädchen interessieren sich auch für das Fertigen einer Taschentuchtasche. Dann üben wir das Anzeichnen mit Stift und Schablone, danach das feine Ausschneiden des Rohlings. Anschließend erfolgt die Randlochung mit der Lochzange in gleichmäßigen Abständen und zum Schluss das Durchfädeln des Bändchens, das die beiden Hälften zusammenhält. Auch Faltkästchen aus farbigen Lack-Papier, für das Aufbewahren manchen kleinen Krimskrams oder nur so zur Freude des Anblicks, lernen wir zu fertigen. Das sind für Daheim viel schönere Mitbringsel, als ein im Landgasthaus gekauftes Andenken. Auch im KONSUM, kurz vor dem Bahnhof, gibt es nebenbei so'n kleinen Schnickschnack (Baumscheibe mit Foto, Thermometer mit Fichtenzapfen auf einem Brettchen usw.) aber auch Ansichtskarten. „Der KONSUM hat fast alles“.


Sonnabend, 22. August

Frau Böhm hat als Heimleiterin mit unserer Gruppe kaum etwas zu tun. Na ja, sie ist ja die beliebte Meisterin der Erzieherinnen und zusätzlich auch der Wirtschaftskräfte und die Chefin des Hausmeisters. Die Erzieherinnen sind mindestens gleichzeitig Lehrerinnen, wie ich schon erwähnte. Deshalb fällt es ihnen auch überhaupt nicht schwer, zwischendurch mal einen ernsthaften Unterricht zu halten, damit die Kinder nicht zu viel dem heimatlichen Schulunterricht hinterher hinken. Wir sind aber in den Großen Ferien hier, da ist es zwischen uns ganz kollegial und nicht so lehrerhaft.

Inzwischen weiß ich auch, wer von den Erwachsenen hier im Heim was tut und einen großen Teil der Namen konnte ich mir inzwischen auch einprägen. Es gehören dazu:

In der Küche – und das ist sehr wichtig: Die Köchinnen Frau Lisbeth Siegert, Frau Marianne Lange und Frau Annel Leonhardt. Als Küchenhilfen: Frau Auguste Büttner, Frau Anna Rieger und Frau Wilhelmine Kalinowski, Fräulein Emeline Schönfelder und Fräulein Karin Baumann.

Wir bemühen uns zwar, nicht viel schmutzig zu machen und doch werden die Räume gepflegt von Frau Lina Gärtner, Frau Helene Frister, Frau Wally Hausstein, Frau Christine Pöhland und in den Räumen unserer Gruppe II ist die Frau Hedwig Strobel mit Wischeimer und Schrubber unterwegs. In unserer Abwesenheit.

Zu den Erzieherinnen gehören Fräulein Monika Dähnert und Fräulein Saupe. In der Gruppe I ist Fräulein Christel Eckert. Für Gruppe II sind es Fräulein Hennersdorf und Fräulein Gisela Lange. Fräulein Regina Spitzner ist sonst auch eigentlich dabei, aber momentan abwesend.

Mit der Nähmaschine und stichelnder Hand sind Helene und Ursel Frister fleißig bei der Arbeit.

Hoffentlich habe ich bloß nicht zu viel von Frauen und Fräulein durcheinander gebracht. Man sieht ihnen das ja nicht genau an der Nasenspitze an und bei den meisten ändert sich das sowieso. –

An Gespenster glaubt ja niemand. Des Nachts, wenn die Erzieherinnen zu Hause schlafen, schleichen jedoch mal Frau Elisabeth Hohmann oder Herr Kurt Lange durch die Räume und schauen nach dem Rechten. Herr Lange ist oft Tag und Nacht unterwegs, denn er ist nicht bloß Nachtwächter, sondern gleichzeitig am Tage der Hausmeister, genauso wie der Herr Willi Gläser – beide haben interessante Aufgaben. In Notfällen müssen sie eigentlich alles können. Vielleicht werde ich ja auch mal ein Hausmeister. Eventuell bei Kindern oder vielleicht auch im Tierheim. Außerdem gibt es noch eine Krankenschwester im Behandlungsraum und ein Isolier- und Krankenzimmer. Im Büro ist Frau Elsbeth Frieß tätig und sorgt dort dafür, „dass alles ordentlich läuft“, was von Frau Böhm so zu bedenken ist.

Insgesamt sollen es für rund 75 Kinder etwa 28 erwachsene betreuende Personen sein – ein bisschen auf zwei Schichten und ganz wenig auf die Nacht verteilt. Wenn mal zusätzlich etwas gebraucht wird – dann beschafft oder fertigt es ein weiterer Mensch aus dem Dorf. Frau Böhm weiß sehr gut, wen sie da ansprechen kann und alles hat seine gegenseitigen Vorteile – also für das Erholungsheim und für die Ortsbewohner.

Wenn ich das hier so notiere merke ich, dass ich über die anderen freundlichen Erzieherinnen kaum 'was zu schreiben weiß. Da klemmt es mit der Gleichberechtigung. Die Haupt-Erzieherin unserer Gruppe ist aber nun eben Fräulein Inge Hennersdorf und deshalb wird sie auch öfter mal erwähnt. Es hätte genauso jede andere treffen können. Denn sie alle geben sich täglich Mühe, uns die Zeit hier besonders schön zu gestalten. Das muss ‘mal gesagt werden. Und über andere Erzieherinnen werden dann eben Kinder aus anderen Gruppen ihren Bericht schreiben.


Eigentlich ist es ja so, dass wir uns während der Mittagsruhe still in den Zimmern aufhalten sollen. Wenn aber mal einer ganz nötig zur Toilette muss, darf es auch mal die Ausnahme eines Hausspaziergangs geben – und wenn er großes Glück hat, dann kann er hören, wie Fräulein Hennersdorf im Büro Akkordeon spielen übt. So spielt sie auch: „Wenn die bunten Fahnen wehen, geht die Fahrt wohl übers Meer ...“. An diesem Beispiel sieht man, dass die Erzieherinnen nicht schlafen dürfen, während wir es möglichst sollen. Sie also dürfen nur mal an ihren Urlaub denken.


Viel lernen die Rautenkranzer bei ihrem Musikkundigen, dem Herrn Klaus Fraas. Herr Heinrich Glöckner, ist auch Lehrer. Er leitet den Gesangsverein und die Chöre. Er komponiert aber auch selbst heimatliche Musikstücke und dichtet noch dazu. Zu diesem Liederschatz gehört auch

Rein wie Gold – stark wie Erz“. Ja, so fühlen sich de Leit' in Rautenkranz. Hoffentlich ist da nichts von Herrn Richard Wagner abgeguckt. Der schrieb ja auch schon was über das „Rheingold“.


23. August. Heute ist Sonntag.

Wir alle wissen ja: Erzieherinnen haben zum Teil Familien und auch die Fräulein, die noch keine haben, müssen sich zumindest an einem Tag in der Woche ausruhen können. Deshalb geht sonntags alles ein bisschen ruhiger und mit weniger Erzieherinnen vonstatten.

Frühstück gibt es erst um 9.00 Uhr. Anschließend gehen wir spazieren. Das ist eine lange Schlange, weil alle 75 Kinder sonntags eine gemeinsame Gruppe bilden.

Wie wäre es denn, wenn das Heim einen oder mehrere gelehrige Schäferhunde beschäftigte, die das Rudel auf der Wanderung zusammenhielten – sie hätten hier bestimmt ein gutes Leben und würden sich ihr Essen spielend verdienen. Als weitere Maßnahme für die Unterstützung der Gesundheit des Gemüts mancher Kinder, könnte der Arzt dann noch den Punkt: Kraul- und Spielstunde auf den Plan setzen und die großen Erfolge abrechnen. Wer noch ein kleiner Schisser ist, würde dabei ganz zutraulich, mutig und charakterlich gefestigt.

Schäferzirkus mit Podesten und Springreifen gäbe es dann vielleicht auch noch (falls man fei keinen Löwen zur Hand hat) – eine verlockende Idee für die Abschlussfeste, nicht wahr? –

Also Sonntags-Spaziergang: Wir gehen wie üblich die Carlsfelder Straße hinunter und gleich hinter dem Bahngleis nach links in Richtung der Schule und über diese hinaus, eben immer entlang der Zwickauer Mulde, die die Straße links von uns begleitet. Bald zweigt nach rechts die Straße „Hohehausberg“ ab. Oben steht nur ein klaanes Häuflein an Haisle aber man hat von hier aus einen schönen Ausblick, sogar bis zu unserem Heim mit dem Bild der weißen Friedenstaube am dunkelbraunen Giebeldreieck. Nachdem wir uns sattgesehen hatten, ging es wieder hinunter zur Hauptstraße. Weil unsere Kinderschlange so lang ist, begegnete sich diese auf dem Hin- und Rückweg selber. Auf diesem Wege sahen wir mehrere friedliche silbergraue Ringelnattern. Unser Rundweg, hier von Ebereschen mit orangefarbenen Früchten begleitet, führte uns an den Wiesen entlang, durch die der Wiesbach eilt. Dann beschritten wir den Pyratalweg. Von hier aus ist es ein kurzes Stück des Wegs bis zu der berühmten Radiumquelle, über die man manch Heilsames hört. Wir aber sind ja hier nicht zu einer Trinkerkur angereist. Das Schlucken der Radioaktivität ist wohl sowieso mehr 'was für Erwachsene (ich hörte dazu schon früher mal etwas in einem Vortrag über Bad Brambach). Mal heißt es Radium, ein anderes mal Radon. Zum Schluss gehen wir dann noch auf dem Sackweg entlang, der aber für uns keine Sackgasse darstellt. Am Sackhaus hat uns das Rautenkränzel schon wieder und wir kommen pünktlich zuerst im Waschraum und dann im Speisesaal an.


Nach dem Mittagessen fällt aber selbst am Sonntag die Mittagsruhe nicht aus.

Um 15.00 Uhr gibt es Milchkafe (die Bezeichnung „Muckefuck“ wäre nicht echt vogtländisch) und Kuchen. Danach stehen gemeinsame Gesellschaftsspiele auf dem Plan. Dazu werden erst mal die Stühle im Kreis aufgestellt und es geht los mit: „Dreht euch nicht um, der Plumpsack geht um“ (das heißt hier aber irgendwie anders). Jakob und Jakobinchen (Jakob, wo bist du?). Oder Gedächtnisübungen wie: „Ich packe meinen Koffer und nehme mit: ...“ sowie: „Ach du armer, schwarzer Kater“ (lachen verboten!) und noch vieles andere mehr.


Montag, 24. August – Die Schönheiten des sächsischen Erzgebirgsvogtlandes ...

(solch ein Wort darf kein echter Eingeborener hören, sonst würde ihm vielleicht schlecht werden und ich als Verursacher bekäme den Ärger). Es heißt entweder so – oder so, denn es sind scheinbar ganz unterschiedliche Landschaften. Wir aber überschreiten eben oft die Grenze und verbinden für uns damit beide – im Kopf und unter den Füßen. Und ich verrate Euch mal: Ich habe gesehen, dass die Bäume im Vogtland, denen des Erzgebirges sehr, sehr ähnlich sehen. Deshalb sehe ich das als Ausländer nicht gar so streng. Das ist aber nur die Vorrede:


Am Nachmittag sehen und hören wir einen farbigen Lichtbildervortrag, auch über andere Gegenden des Vogtlandes und des Erzgebirges, in die wir jetzt nicht kommen, denn dazu ist das Land zu groß – es gibt nämlich das Vogtland sowohl in Sachsen, als in auch in Thüringen und früher konnte man im Süden (also inzwischen im Westen liegend) auch das bayerische Vogtland erreichen. Es soll sogar in der Tschechoslowakei (CSR) auch noch einen Vogtlandteil geben. Das ist ganz in der Nähe, beginnt bald hinter Morgenröthe-Sachsengrund. Ein ganz anderes Land. Dazu passt das Lied: „Singt das Lied wunderbar – Burschen aus Mystrina, tolle Schar“. Von den rauen Böhmen-Burschen und dem lieblich-klugen Ännchen handelt es. (Diesen wunderbaren Liedtext findet ihr ganz am Ende des Berichts – im Liederheft).


Der Herr, der den Lichtbildervortrag hielt, ist einer der Lehrer in der Schule in Morgenröthe. Es ist aber nicht irgendein Lehrer, sondern Herr Böhm, der Ehemann unserer Heimleiterin. Weiß der aber viel. Bestimmt fast alles über die Gesteine, die Pflanzen und Tiere der Heimat aber auch über kleine Briefmarken und das große Universum. Das Letztgenannte erwähnte er nur mal kurz, weil es ja zu groß für den Rahmen eines Vortrags übers Vogtland wäre.

Beim Dia-Vortrag wurde uns außer der Landschaft so einiges über die Herstellung der Musikinstrumente in Klingenthal und über das komplizierte Klöppeln der Spitze gezeigt. Wir erhielten Einblicke in die Kunst der erzgebirgischen feinen Schnitzereien, in die Drechseltätigkeit, sahen Laubsägearbeiten und manches mehr.


Dienstag, 25. August – Besichtigungen, Sport und Lieder – für uns immer wieder

Am Vormittag besuchen wir die benachbarte Stickerei. Es handelt sich um eine Maschinenstickerei. Interessant, was der Mensch die Maschine so für unterschiedlich farbige Muster „zaubern“ lässt. Die Produkte sollen vor allem im Ausland sehr beliebt sein, so dass man sie nicht in jedem unserer Läden sieht.

Wir lernen dabei auch kennen, wie früher die Handkunststickerei erfolgte. Das ist ganz schön schwierig. Der Mensch (es ist also kein reiner Frauenberuf) sitzt am „Stickrahmen“ der so ähnlich aussieht wie ein Tisch ohne Platte. An deren Stelle befindet sich ein Holzrahmen, über den das zu bestickende Tuch gespannt wird. Unten, kurz über dem Fußboden, zwischen den Füßen des Menschen, ist ein Spiegel montiert, der die Unterseite des Tuches und jeden Handgriff, jede Einstichstelle zeigt, denn gestickt wird immer von „links“, von unten, für die Augen normaler Weise verdeckt. Beide Seiten der Stickerei sollen gut aussehen. Man braucht dazu scharfe Augen und einen guten Farben- und Ornamentsinn – wenn man nicht Mustervorlagen benutzt. Des Weiteren ruhige Hände, Geschmack und den nicht nur auf der Zunge, viel Geschick, Übung und Geduld. Es gibt noch eine Anzahl von Familien, in denen die alte Kunst der Handstickerei beherrscht wird.

Also für mich ist das mal völlig neu, obwohl wir zu Hause auch Tischdecken haben, die Mutti nach einem aufgebügelten blass-blauen Muster mit farbigen Stickereien geschmückt hat. Ohne Maschine und auch ohne Spiegel. Mit der rechten Hand stickt sie und mit der linken wendet sie dabei das nicht gespannte Tuch ein bisschen, um die Einstichstelle sehen zu können. Wahrscheinlich aber ist es so mühsamer und weil das ja nicht ihr Beruf ist, sie solche Tätigkeit selten ausübt. –


Am Nachmittag finden draußen bei schönstem Wetter die Sportspiele statt.

Heute lernen wir außerdem: „Auf, du junger Wandersmann!“ und etwas über den wandernden Müller und die Lust, die er dabei empfindet. – Das hat weniger etwas mit dem Spazierengehen in einem Kindererholungsheim zu tun. Fräulein Hennersdorf erklärt den Kindern, wie es damals so war mit der Wanderschaft der Handwerksburschen, die als Gesellen einige Zeit von einem Handwerksmeister zum anderen wanderten, um von diesen immer noch etwas dazuzulernen, bevor sie sich selber zur Meisterprüfung anmelden durften.

Hier sollte ich anmerken, dass wir früher in unserer Familie, also ganz früher, auch Müller hatten, die gewandert sind, von denen einige darüber hinaus Zimmerer oder Tischler gelernt hatten – Mühlen-Meister waren, die ihre Mühlen selber bauten und reparieren konnten.


Den Verkehrsgarten habe ich überhaupt noch nicht erwähnt. Er ist recht interessant. Er gefällt mir. Da kann man richtig mit Menschen und Fahrzeugen die Verkehrserziehung üben. Ein prima Parcours, direkt am Kurpark.


Mittwoch, 26. August

Heute notiere ich mal etwas über unseren Speiseplan und nehme einige Stichpunkte davon mit. Dann braucht Mutti sich nicht für jeden Tag etwas neues einfallen lassen und sich darüber den Kopf zerbrechen. Die Beispiele findet ihr ganz am Ende dieses Berichts, hinter dem Liederheft.


Wir gehen auch ins Kino. Das ist kein richtiges Kino. Es findet in der Frischhütte statt. Das ist aber keine richtige Frischhütte. – Also ich fange besser noch einmal von vorne an, denn eigentlich ist alles ganz einfach: Einmal in jeder Woche kommt der „Landfilm“ auch nach Rautenkranz. Die Filme werden den Zuschauern im Saal des Landgasthofs vorgeführt. Dieses große Restaurant trägt nur den Namen „Frischhütte“, was uns an die Roheisen-Veredelung erinnern soll, die ebenfalls in der Nähe (in Morgenröthe) stattfindet. Der Landgasthof steht im Tal, nahe bei der Mulde und dem Bahnhof. Wir gehen zum Kinobesuch also wie üblich die Carlsfelder Straße hinab. Vorbei geht es an der Bäckerei Kunzmann, dann am Haus Nummer 2, einem alten Gebäude mit ungewohnt gotisch-spitzbogigen Fenstern, das früher mal ein Haus für ganz arme Leitle des Dorfes war. Rechts des Weges „Am Kirchberg“ wohnt der Schneider, Albert. Manche sagen auch nur kurz: Dr Schneideralbert. Schneider aber ist der Familienname des Herrn. Beruflich verkauft er Obst und Gemüse. (Sehr gern werden hier erst die Nachnamen genannt und dann die Vornamen angehängt. Ich kannte das schon von Berichten über den Bergsteiger „Trenker, Louis“). Wir überqueren den Kreuzweg. Man könnte auch gut sagen: ein Wegekreuz, eine Straßenkreuzung, besser noch ein Wegestern, denn hier treffen sich unsere Carlsfelder Straße, der Weg „Am Kirchberg“, der Weg zum Friedhof sowie die Bahnhofstraße und auch noch, von der linken Seite, die Morgenröther Straße. Links vor der Bahnschranke steht das Haus der Fleischerei und rechts der KONSUM. Dann überspazieren wir die Bahngleise sowie die Muldebrücke und wenden uns nach rechts. Die Frau Schrankenwärterin der Deutschen Reichsbahn winkt uns freundlich aus ihrem Bahnwärterinnen-Haisel zu, als würde sie uns alle kennen. Wir winken fröhlich zurück. Fräulein Lange kennt sie wohl seit langer Zeit tatsächlich recht gut aber Fräulein Hennersdorf noch viel besser. Schwupps – schon stehen wir vor dem Landgasthaus in der Schönheider Straße 5. Insgesamt ein kurzer Weg zum Kino, wenn man dabei plaudert. Nur wenn man ihn beschreiben möchte, zieht er sich auf dem Papier in die Länge.

Wir sehen den Film: „Tinko“. Das Buch, also den Text dazu, erdachte Erwin Strittmatter und der Film wurde vor drei Jahren in Mecklenburg an der Müritz und bei uns zu Hause in Potsdam-Babelsberg gedreht (DEFA-Film Nr. 196, bearbeitet vom 05. August bis 20. November 1956). Günter Simon spielt den Ernst Kraske und Hans Peter Minetti den Lehrer Kern. Ich weiß das nur deshalb so gut, weil Vati wieder den Drehplan dazu bearbeitet hatte (wobei ich ja immer mal mitlese und auch Partner bei der Korrektur-Prüfung des Ergebnisses bin).


Donnerstag, 27. August

Wir üben für das Abschlussfest. Es sind einige artistische Einlagen, die wir, unsere Gruppe, vortragen wird (leider ohne Hunde oder Großkatzen – das wäre die Sensation, da hätten alle ihre Augen vor Freude und Erwartungsspannung aufgerissen). Aber man sieht leider nur uns. Ich bin noch bei einem lustigen Gespräch oder Sketsch mit wechselnden Rollen dabei. Dafür muss ich noch fleißig lernen und kann deshalb jetzt nicht viel schreiben.


Freitag, 28. August

Wir singen eine russische Volksweise aus der befreundeten ruhmreichen Sowjetunion. Ein Frühlingslied über das junge Mädchen Katja mit den blonden Zöpfen und den herrlich baikalblauen Augen, die man in der üblichen Liebkoseform „Katjuscha“ rufen kann oder die man, wenn man es ganz besonders gut mit ihr meint, ganz leise sogar „Katjuschenka“ nennen darf. (Das „u“ möchte dabei betont werden). Den Text in russischer Sprache schrieb der sowjetische Bürger Michail Issakowski. Für uns hat es der Herr Alexander Ott in deutsche Worte umgedichtet und das ist ihm sehr gut gelungen. Die Melodie aber stammt von Matwej Blanter. In russisch kann ich es auch ziemlich, muss dabei vorsichtshalber aber noch ein bisschen auf den Spickzettel schielen.

"Raswjetali Jabloni i Gruschi ..." (sieht das aber unkyrillisch komisch aus, nicht wahr?)


Die anderen Erzieherinnen und unser Fräulein Hennersdorf kennen noch viel mehr Lieder. Ich weiß nicht, wie es die fleißigen Frauen in der Küche bei ihrer Arbeit mit der Pflege des Liedguts halten – beim feuchten Feudeln in den Zimmern klänge es gewiss recht schön und am besten im Waschraum – aber nicht alles können wir in dieser kurzen Zeit miterleben. Die Lieder über den Frühling (Katjuscha ist eine Ausnahmeerscheinung) und jene über die Weihnachtszeit bleiben jetzt sowieso im Schubfach. Aber eins scheint schon klar: Wenn unsere Erzieherinnen auch mal Kinder haben werden, dann ist bestimmt alles ganz anders, als bei anderen Eltern, die sich noch neben der Arbeit, mit der Aufzucht ihrer Kinder herumplagen. Die Erzieherinnen kennen schon alle Lieder und eine Unmenge an Spielen, welche andere Eltern erst mal selbst lernen müssen, um sie ihren Kindern beibringen zu können. Und als Erzieherinnen und Lehrerinnen werden sie bestimmt fast immer alles richtig machen, was bei anderen Eltern manchmal schief laufen mag.


Sonnabend, 29. August

Kleiner Spaziervortrag von Fräulein Hennersdorf über die Tiere des Waldes (ohne diesen geht es nicht) zu denen wir unter anderen Rehe, Hirsche und Wildschweine sowie Ameisen zählen aber auch Hasen, Füchse, Eichhörnchen und verschiedene Vögel. Ein Bussard zog gerade suchend seine Kreise über uns. Der Eichelhäher warnt bei Gefahren mit seinem durchdringenden Schrei die anderen möglichen Beutetiere. Wenn er steht oder sitzt sieht er graubraun aus, mit schwarzen Schwanzfedern. Unscheinbar. Eine gute Tarnfarbe – könnte man denken. Es ist hübsch anzusehen, wenn er zum Flug seine Schwingen auffächert. Erst dann erkennt man nämlich neben dem Schwarz auch das auffällige weiß-blaue Gefieder.

Von Wölfen hat uns Fräulein Hennersdorf nichts erzählt und uns auch keinen „Bären aufgebunden“. Alles was sie uns erzählt ist wahr. Ja. Auch beispielsweise über Pilze. Der Sammelbegriff für Pilze ist hier eigentlich „de Schwamme“ oder so. Man nennt wohl sogar jene so, deren Hutunterseite nicht den Schwamm zeigen, sondern mit Lamellen versehen sind. Wir lernen verschiedene Schwamm-Arten kennen, die in die Gruppen: Speisepilze, ungenießbare Pilze und ausgesprochen giftige Vertreter unterschieden werden. Sammeln dürfen wir von den Guten unter Anleitung und strenger Schwammesachverständiginnenkontrolle – aber auf dem Kinderspeiseplan dürfen sie vorsichtshalber trotzdem nicht erscheinen. Da bleibt Frau Böhm eisern aber es „opfern“ sich völlig freiwillig einige Erzieherinnen. Fräulein Spitzner, Fräulein Saupe und Fräulein Eckert gucken schon 'mal ganz erwartungsvoll in die Pfanne (oder in den Tiechel?) und keine von Ihnen hat wegen des wohl köstlichen Zusatzmahls je einen ernsthaften Schaden genommen.

Weil ich vorhin Bären erwähnte, fällt mir ein: Heidelbeeren oder Blaubeeren gibt es viele. In rauen Mengen. Hier werden sie aber Schwarzbeeren genannt. Vielleicht, weil es im tiefen Wald so dunkel ist. Am Nachmittag geht es von den Tieren des Waldes dann zum Wasser, denn wir singen das Lied: „Jetzt fahr'n wir übern See ...“. Immer wenn ich dieses Lied höre, erinnert es mich an den „Großen Stechlin“ bei Neuglobsow und an unsere Fahrten mit dem Ruderkahn – völlig ohne hölzern' Wurzel. Genauso erinnere ich mich gern an unsere Segelbootsrettungsaktion in Mötzow.


Sonntag, 30. August

Die Tage vergehen wie im Fluge. Schon wieder ein Sonntag, an dem „die gesamte Meute“ gemeinsam wandert. Es wird nicht ganz soviel erzählt, meint man, denn so viele Kinder können die gesprochenen lehrreichen Worte der Erzieherin gar nicht verstehen. Nur soviel an erneuten Mahnungen, etwa wie diese: "Großsträucher dürfen wir nicht pflücken". Das wissen wir längst.

Unsere Erzieherinnen vermitteln uns den Lehrsatz oder auch den üblichen Reim vom Heim:

Lass' Blumen stehen und den Strauch, denn and're Menschen, freu'n sich auch“. Fräulein Hennersdorf dagegen verfeinert ja immer gern ein bisschen und schwärmt:

Prächtig an des Weges Rand, schmücken Blumen unser Land“. Oder auch:

Am Wegesrand die Blumen steh'n – sie sind gar prächtig anzuseh'n“. Ist das nicht schön?

Vielleicht ist das aber auch von Goethe? Nun kennen wir diesen Satz und beherzigen das Thema sowieso. Sie, also nicht die Frau von Goethe (nicht die Christiane Vulpius oder die anderen), sondern unsere Erzieherin, erzählt auch 'was über die alte griechische Göttin der Früchte „Pomona“, die damals noch recht jung war und über die der Blumen und Blüten, mit Namen „Flora“. Dass man diesen huldigte, weil man sie mochte und im Geiste liebenswert fand, das geht dann schon wieder in den Bereich der Glaubensfragen.


Wer verschiedene Pflanzen bislang noch nicht kannte, darf jetzt unter Anleitung unserer Gruppenerzieherinnen endlich Bekanntschaft mit ihnen schließen: unter anderem mit der Pflanze, die den Mädchennamen Erika erhielt, die auf der Heide blüht. Deshalb kann man sie auch Heidekraut nennen. Lateinobotanisch bleibt es aber bei Erica oder, weil es so viele gibt: bei den Ericaen. Weiterhin sehen wir verschiedene Farne und Schachtelhalme, die in früheren Zeiten, als es hier noch keine Menschenseele gab, haushoch wuchsen. Auch Schafgarbe – (ich verwechsele diese Pflanze immer wieder mit Scharfgabe – aber bitte aufgepasst: Diese Doldenblüter nie mit dem Schierling verwechseln. Das wäre etwa so lebensgefährlich wie der Todesfelsen oder ein Jungfernsprung). Ferner das Zinnkraut (Zinkkraut ist dagegen unbekannt). Den Frauenmantel, auch die Orchidee namens Frauenschuh (ganz streng unter Naturschutz stehend, wie eigentlich alles, was mit Mädchen zu tun hat. Wir bekommen davon nur ein Bild vor Augen).

Pferdekümmel ist auch so ein Beispiel. Richtiger Menschenkümmel soll besonders gut in Thüringen wachsen und gar nicht, wie es das Sprichwort sagt, in der Türkei. Kamille – na, das sind doch für mich „olle Kamellen“, die echte wächst noch stärker ebenfalls nebenan in Thüringen und bei uns zu Hause die ähnlich aussehende Hundskamille, haufenweise. Wasserspeichernde samtweiche Moose, Glockenblumen, Rot- und Weißklee ... ach was, ich höre jetzt damit auf und erinnere Euch an de Kräuterhex'-List' am Ende des Berichts. Zwischendurch gibt es aber nicht nur diese Einbahnstraßen-Lehrstunde, sondern auch Gespräche über die Pflanzen und Tiere mit Rückfragen an uns, damit wir möglichst viel im Kopf behalten und wenig vergessen, denn schon allein das blumige Vortragen ist anstrengend genug und soll sich lohnen, soll Früchte tragen.


Es ist kein großes Geheimnis: Ich vermute – ausgerechnet Fräulein Hennersdorf, die jüngste Erzieherin des Heimes, hat die schwersten Aufgaben: Sie ist neben den normalen Aufgaben der Betreuung der kleineren Kinder und uns Jugendlichen, nicht nur die Spezialistin für alles Musische (tirilieren müssen die anderen Erzieherinnen wohl auch gut können aber ob da so viel gesungen wird, wie ausgerechnet in unserer Gruppe? – ich weiß ja nicht – ), sondern sie ist auch die Meisterin für heimische Zoologie und Botanik. Das habt ihr bestimmt schon gemerkt. Wenn sie mal ausnahmsweise etwas nicht weiß, hat sie aber auch die anderen Erzieherinnen für den Gedankenaustausch, einige Bücher aber an erster Stelle natürlich den Herrn Böhm als Lehrer für alles Haamitliche und vieles Weltliche.


Am Nachmittag steht ein „Lustiger Rätselnachmittag“ auf dem Programm. Jeder der die Lösung des Rätsels weiß, erhält aus der Spiele-Sammlung einen Spielstein als Punkt. Aus dem kleinen Kreis derer, die besonders viele Punkte sammeln, wird natürlich der Rätselkönig bestimmt – ganz gerecht, nach dem Auszählen der Punkte. Die anderen brauchen aber nicht jammern – es gibt Preise für alle. Kleine Preise können auch große Trostpreise sein.

Wusstet ihr es auch schon? ... „Es zogen auf sonnigen Wegen ... .“ Das besingen wir auch gleich.


Dienstag, 01. September

Für andere ist heute der erste Tag des neuen Schuljahres. Wir aber haben Ferienverlängerung. Können gähnen, uns rekeln, noch genüsslich strecken ... . – Doch ein bisschen wie Schule ist es schon: Ich habe den Eindruck, dass unsere Erzieherin und Lehrerin heute besonders viel über die Pflanzen erzählt, die am Wegesrand stehen. Ein heimlicher Ausgleichsversuch? Lebensschule!


Medizinische Abschlussuntersuchung! Die gleiche Prozedur wie zum Beginn der Kur vor knapp drei Wochen findet heute nochmals statt, damit ein Vergleich zwischen den ermittelten Werten vorgenommen werden kann. Unserem Rückweg wird vielleicht ein triumphierender Brief des Arztes über das Erholungsergebnis folgen, zur SVK oder an den Schularzt geleitet.

Auszeichnungen gibt es hierbei für die Sieger mit der größten Gewichtszunahme allerdings nicht, doch zum Schluss wird es klar sein: Wir alle haben gewonnen.

Was wir dann an Wissen zugenommen haben, auf welche schönen Erlebnisse wir zurück blicken, wie viele Anregungen wir bekamen, welche Erholung für Geist und Seele wir erfuhren, hat uns bei der Abschlussuntersuchung niemand gefragt. Es steht wohl auch in keiner Karteikarte. Aber gerade das erscheint uns Kindern doch als das Wichtigste. Dass wir hier herrlich frische Luft mit Nadelbaumduft „schnappen“ können und gut zu essen bekommen, nett betreut werden, das ahnt doch schließlich jeder, das ist doch normal. Wer aber mehr wissen möchte, dem erzählen wir alles „haarklein“ – ähnlich, aber doch vielleicht anders, als ich es bisher nur in groben Zügen tun konnte.


Mittwoch, 02. September. Schon naht das Ende unserer Erholungs- und Kurzeit

Kurz vor der Abreise kommt der Fotograf, wieder mit Baskenmütze und brauner, abgegriffener Aktentasche. Er bringt die Gruppenfotos mit. Hat er gut gemacht. Wir sehen alle ziemlich echt aus. Mutti wird sich freuen, denn ich habe für das Foto extra den Hemdkragen aufgemacht (so wie es auf den Friedrich-Schiller-Bildern üblich ist), „damit auch ja genug frische Luft an den Körper kommt“, wie sie sagt. Davon ist hier zum Glück reichlich vorhanden.

Einer von uns hatte von seinem Zuhause kein ausreichendes Taschengeld mitbekommen können, da haben wir für ihn diese fehlenden Pfennige für das Bild untereinander gesammelt. Mein kleiner Geldvorrat reichte gut, weil ich keine weiteren „Andenken“ kaufte und Briefpapier und das Porto, also die Briefmarken, von zu Hause mitgebracht hatte. Ansichtskarten vom Heim habe ich allerdings zum Herumzeigen und zur eigenen Erinnerung erworben.


Vor kurzem kamen wir hier an, erlebten viel und schwupps, steht uns schon wieder die Abreise bevor. Das Abschiedsfest findet natürlich auf der großen Bühne im Speisesaal statt und jede Gruppe hat ein kleines Programm eingeübt.

Späterer Nachsatz am Abend: Es klappte damit bei uns recht zufriedenstellend.


Donnerstag, 03. September, leiser Vor-Abschied

Heute mag ich gar nicht viel schreiben. Es schleicht sich schon ein Gefühl des Abschieds ein. Eigentlich wäre es gut, noch eine Woche länger hier zu bleiben. Fräulein Hennersdorf kennt noch so viele Lieder, weiß noch viel über Pflanzen und Tiere zu erzählen und von den sonst üblichen Wanderungen haben wir wohl auch noch längst nicht alle geschafft. Und man wird sich wohl nie mehr wiedersehen.

So besuche ich ganz alleine, ohne fröhliches-lautes Schwatzen mit anderen, schnell noch mal verschiedene Stätten, die Plätze des Grundstücks, der Heim-Umgebung, um Abschied zu nehmen.


Freitag, 04. September – unsere Abreise

Was soll ich jetzt große Worte machen – ich muss nur mal kurz schlucken. Und dann sagen:



Danke für das Umsorgen bei unserem Aufenthalt, liebe Frau Böhm,

danke liebes Fräulein Hennersdorf, danke ihr fleißigen Küchenkräfte,

Dank dem Heimpersonal ingesamt!

Auf Wiedersehen – schönes Rautenkranz!



Nach dem Abschied, auf der Rückfahrt ist es erst mal stiller. Viele hängen ihren Gedanken nach – aber natürlich freuen wir uns auch schon auf unser Zuhause und am kommenden Montag hat uns der Alltag mit der Schule wieder.


Gewiss wird unser Klassenlehrer, der Herr Donath, den üblichen Aufsatz schreiben lassen –

Mein schönstes Ferienerlebnis“.

Das wird für mich nicht schwierig sein – hoffentlich finde ich dabei ein Ende.


Besucht doch Morgenröthe-Rautenkranz auch einmal – es lohnt sich bestimmt!


- Anhänge


Ein Auszug aus meinem Rautenkranzer Liederheft


Glück auf! Glück auf!


1. Glück auf! Glück auf! Der Steiger kommt!

II: Und er hat sein helles Licht bei der Nacht. :II

II: Hat's angezünd't.:II


2. Hat's angezünd't. Das gibt ein' Schein.

II: Und damit so fahren wir bei der Nacht :II

II: in's Bergwerk 'nein. :II


3. Die Bergleut' sein, so hübsch und fein.

II: Sie graben das feinste Gold bei der Nacht :II

II: aus Fels'gestein. :II


4. Einer gräbt Silber, der andere das Gold

II: und den schwarzbraunen Mägdelein – bei der Nacht :II

II: den sein sie hold. :II


5. Ade, nun ade, Herzliebste mein!

II: Und da drunten im tiefen Schacht bei der Nacht :II

II: da denk' ich dein. :II


6. Und kehr ich heim zum Liebchen mein,

II: dann erschallt der Bergmannsgruß bei der Nacht :II

II: Glück auf, Glück auf. :II





Heut' kommt der Hans zu mir


Heut' kommt der Hans zu mir“, freut sich die Lies'.

Ob er aber über Oberammergau oder aber über Unterammergau

oder aber überhaupt nicht kommt, ist nicht gewiss.“


(Na, ja mit den Texten ist das so eine Sache. Von älteren Leuten wird gern gesagt: Die Worte der heutigen Schlager sind so „seicht“, aber die der alten Volkslieder sind so wertvoll, sind so 'was von gut.)

Einige der Jungs kannten davon (vom Hans) noch eine weitere Strophe:


Hans isst gern Schweizerkäs' ohne Gebiss.

Ob er aber mit'm Oberkiefer kaut oder aber mit'm Unterkiefer kaut

oder aber überhaupt nicht kaut, ist nicht gewiss.




Wir haben und brauchen hier auch kein Radio, denn jeder Tag ist voll ausgefüllt.

Und Schlager singen wir hier nicht.

Trotzdem: Zu den aktuellen Schlagern gehört unter vielen anderen diese kleine Auswahl:




Weißer Holunder ...

Bärbel Wachholz

Zwei gute Freunde ...

Fred Frohberg

Ich lege mein Schicksal in deine Hand ...

Conny Froboess

Come Prima ...

Leo Leandros

Diana Mademoiselle ...

Conny Froboess

Hula-Baby. Auf der Insel Hella-Lella ...

Peter Kraus

Lollipop ...

The Cordettes

Mandolinen und Mondschein ...

Peter Alexander

River-Quai-Marsch ...

(gepfiffen)

Wenn, wenn du sagst ...

James Brothers

Am Tag als der Regen kam ...

Dalia Lavi

Banjo-Boy. Jeden Abend geht er ...

Jan + Kjeld Wennick

Charlie Brown. Wer lernt die Vokabeln nicht ...

Honey Twins

Ciao, ciao Bambina ...

Caterina Valente

Damals (Da-ha-mals)

Bärbel Wachholz

Die Gitarre und das Meer ...

Freddy Quinn

Die Sonne geht schlafen ...

Louis Armstrong

Junge Leute brauchen Liebe ...

Doris Day

Kriminal-Tango ...

Hazi-Osterwald-Sextett

Marina. Bei Tag und Nacht ...

Rocco Granata

Petite Fleur. Sag Adieu ... (Instrumental)

Chris Barber

Red River Rock ...

Johnny // Hurricans

Schwarze Maria

Robert Steffan

Souvenirs, Souvenirs ...

Bill Ramsey

Unter fremden Sternen ...

Freddy Quinn

Volare oho, Cantare oho ...

Rocco Granata



Wenn die bunten Fahnen wehen


1. Wenn die bunten Fahnen wehen, geht die Fahrt wohl über's Meer.

Woll'n wir ferne Lande sehen, fällt der Abschied uns nicht schwer.

Leuchtet die Sonne, ziehen die Wolken, klingen die Lieder weit übers Meer.


2. Sonnenschein ist uns'e Wonne, wie er lacht am lichten Tag!

Doch es geht auch ohne Sonne, wenn sie 'mal nicht scheinen mag.

Blasen die Stürme, brausen die Wellen, singen wir mit dem Sturm unser Lied.


3. Hei, die wilden Wandervögel ziehen wieder durch die Nacht,

singen ihre alten Lieder, dass die Welt vom Schlaf erwacht.

Kommt dann der Morgen, sind sie schon weiter über die Berge, wer weiß wohin.


4. Wo die blauen Gipfel ragen, lockt so mancher steile Pfad.

Immer vorwärts ohne Zagen, bald sind wir dem Ziel genaht!

Schneefelder blinken, schimmern von Ferne her, Lande versinken im Wolkenmeer.




Beim Kronenwirt


Beim Kronenwirt, da ist heut' Jubel und Tanz, hei didel dei didel dö.

Die Kathrein trägt heut' ihren heiligen Kranz, hei didel dei didel dö.

die Musik, die spielt, und es jubelt und lacht, die Knödel, die dampfen,

der Kronenwirt lacht, Ha, ha, hei didel ha, ha, ha.


Der Krischan, der hat beim Pfarrer sein'n Platz,

und rot wie der Mohn blüht die Kathrein, sein Schatz.

Er sieht nach der Uhr, und es ist erst halb vier,

bis sieben Uhr bleiben die Brautleute hier.


Der Lehrer, der hält eine feurige Red',

er weiß, dass es ohn' die Red' gar net geht.

Und weil er beim Messnern und läuten dabei,

so schafft er für zwei, doch er isst auch für drei.


Auf einmal wird's still denn der Hans bläst 'nen Tusch,

das Brautpaar ist plötzlich verschwunden, husch, husch,

die Mädel, die blicken verlegen und stumm,

mit 'nem Jauchzer da schwenken die Burschen sie rum.


Die Nacht ist so lau und der Mond scheint so klar,

noch einmal schreiten zum Tanzen die Paar.

Vom Tanze erdröhnet das uralte Haus,

beim Kronenwirt geht nun das Lämpeli aus.




Burschen aus Mystrina (aus dem Slowakischen nachgedichtet von E. Burkert)


Singt das Lied, sing das Lied wunderbar, Burschen aus Mystrina – tolle Schar.

Ja, das klingt vom Wald herüber und das singt, wenn sie lachen und ihr Lied den Mädchen winkt.

Aber ich rate dir, rate dir sie nicht zu seh'n, wenn sie zum Tanz durch die Wiesen geh'n.


Burschen, die stark sind wie Pilsner Bier, zittern vor keinem, auch nicht vor dir.

Prahlt ein Prahlhans, schlagen sie ihn windelweich, werfen ihn in hohem Bogen in den Teich,

lachen, und weg sind sie, wünschen ihm recht viel Glück – laufen die Wiese zum Dorf zurück.


Ännchen mein, halte ein, huste nicht! Reg dich nicht, 'bitte dich, tue es nicht!

Finden uns die Burschen hier nicht dich und mich, hab' ich dich und küss' ich dich und singe ich.

Sing' und tanze ich. Alle im Dorfkrug seh'n, Mädchen dich, Liebste dich, klug und schön.




Auf, du junger Wandersmann!


1. Auf, du junger Wandersmann! Jetzo kommt die Zeit heran,

die Wanderszeit, die bringt uns Freud'.

Woll'n uns auf die Fahrt begeben, das ist unser schönstes Leben,

große Wasser, Berg und Tal, anzuschauen überall.


2. An dem schönen Donaufluss* findet man ja seine Lust *(oder auch Pyra–Fluss)

und seine Freud' auf grüner Heid',

wo die Vöglein lieblich singen

und die Hirschlein fröhlich springen;

dann kommt man vor eine Stadt, wo man gute Arbeit hat.


3. Mancher hinterm Ofen sitzt und gar fein die Ohren spitzt,

kein Stund' vor's Haus ist kommen aus;

den soll man als G'sell erkennen oder gar ein'n Meister nennen,

der noch nirgends ist gewest, nur gesessen in sein'm Nest?




und




Komisch nicht wahr? Jener, der den Text für dieses Lied geschrieben hat, war Herr Müller. Wilhelm Müller – aber der ist schon vor langer Zeit gestorben, genauso wie der Komponist dieser Melodie. Das war Herr (man sagte damals nicht etwa „Kollege“, so wie heute), Karl Zöllner.


Das Wandern ist des Müllers Lust


1. II: Das Wandern ist des Müllers Lust :II das Wandern.

Das muss ein schlechter Müller sein,

II:dem niemals fiel das Wandern ein, :II das Wandern,

das Wandern, das Wandern, das Wandern, das Wandern, das Wandern.


2. II: Vom Wasser haben wir's gelernt, :II vom Wasser.

Das hat nicht Ruh' bei Tag und Nacht,

II: ist stets auf Wanderschaft bedacht, :II das Wasser,

das Wasser, das Wasser, das Wasser, das Wasser, das Wasser.


3. II: Das seh'n wir auch den Rädern ab, :II den Rädern!

Die gar nicht gerne stille steh'n

II: und sich bei Tag nicht müde dreh'n, :II die Räder,

die Räder, die Räder, die Räder, die Räder, die Räder.


4. II: Die Steine selbst, so schwer sie sind, :II die Steine,

sie tanzen mit den munter'n Reih'n

II: und wollen gar noch schneller sein :II die Steine,

die Steine, die Steine, die Steine, die Steine, die Steine.


5. II: Oh, wandern, wandern meine Lust, :II oh Wandern!

Herr Meister und Frau Meisterin,

II: Lasst mich in Frieden weiterzieh'n :II und wandern,

und wandern, und wandern, und wandern, und wandern, und wandern.





Es zogen auf sonnigen Wegen


1. Es zogen auf sonnigen Wegen drei lachende Mädchen vorbei (ja vorbei).

Sie schwenkten die Röcke verwegen und trällerten alle – eins, zwei, drei.

So trallerallala ...


2. Ihr Lied klang so hell in die Weite, sie liefen so froh durch den Mai (durch den Mai).

Ich konnte mich für keine entscheiden, drum küsst ich sie alle – eins, zwei, drei.

(Die erste mit'm Dutt, die zweite mit'm Zopf, die dritte mit 'nem II:wunder:II schönen Bubikopf)

So trallerallala ...


3. Doch ach, eine jede wollt' haben, dass ich ihr Alleiniger sei (ja es sei).

Kein Drittel, den ganzen Knaben, den wollten sie alle -– eins, zwei drei.

So trallerallala ...


4. Du Schwarze, du Blonde, du Braune, vergebt und vergesst und verzeiht (ja verzeiht).

Will keiner verderben die Laune, drum lass' ich Euch alle – eins, zwei, drei.

So trallerallala ...





Jetzt fahr'n wir übern See.

(Wer über „den Bremsklotz“ drüber, in die Pause singt, muss ein Pfand abgeben. So ist es halt).


1. Jetzt fahr'n wir über'n See, über'n See, jetzt fahr'n wir über'n ... ... See.

Mit einer hölzern Wurzel, Wurzel, Wurzel, Wurzel,

mit einer hölzern Wurzel, ein Ruder war nicht ... ... dran.


2. Und als wir drüber war'n, drüber war'n und als wir drüber ... ... war'n,

da sangen alle Vöglein, Vöglein, Vöglein, Vöglein

da sangen alle Vöglein, der helle Tag brach ... ... an.


3. Ein Jäger blies ins Horn, blies ins Horn, der Jäger blies ... ... ins Horn.

Da bliesen alle Jäger, Jäger, Jäger, Jäger,

das bliesen alle Jäger, ein jeder in sein ... ... Horn.


4. Das Liedlein, das ist aus, das ist aus, das Liedlein das ist ... ... aus,

und wer das Lied nicht singen kann, singen, singen, singen kann,

und wer das Lied nicht singen kann, der fängt von vorne ... ... an.





Katjuscha


1. Leuchtend prangten ringsum Apfelblüten,

still vom Fluss zog Nebel noch in's Land.

II: Durch die Wiesen kam hurtig Katjuscha

zu des Flusses steiler Uferwand. :II


2. Und es schwang ein Lied aus frohem Herzen,

jubelnd, jauchzend sich empor zum Licht,

II:weil der Liebste ein Brieflein geschrieben,

das von Heimkehr und von Liebe spricht.:II


3. Oh, du kleines Lied von Glück und Freude,

mit der Sonne Strahlen eile fort.

II:Bring' dem Freunde geschwinde die Antwort,

von Katjuscha Gruß und Liebeswort.:II


4. Er soll liebend ihrer stets gedenken,

ihrer zarten Stimme Silberklang.

II:Weil er innig der Heimat ergeben,

bleibt Katjuschas Liebe ihm zum Dank.:II


5. Leuchtend prangten ringsum Apfelblüten,

still vom Fluss zog Nebel noch in's Land.

II: Fröhlich singend ging heimwärts Katjuscha –

einsam träumt der sonnenhelle Strand. :II




Beispiele aus dem Speiseplan


Tag

Frühstück

Mittagessen

Vesper

Abendbrot

Montag

Brot

2 Buttersterne


Marmeladensorten

Blumenkohl mit Gemüsegeschnitzel,

Kräuterkartoffeln, Obst

Kümmelhörnchen

Mischbrot

Streichfett

Käse

Wurstauswahl

Dienstag

Brötchen

2 Buttersterne

Kunst-Honig/Marmelade

Soljanka,

Thüringer Bratwurst, Sauerkraut,

Kartoffelsalat, Obst

Vollkornbrötchen

Birne

wie oben, zusätzlich Quarkspeise

Mittwoch

Brot

2 Buttersterne

Marmeladensorten

Suppe

Eierkuchen mit

Zucker und Zimt

Apfelmus

Pflaumenkuchen

Roggenbrot

Sauermilchkäse

Saure Gurke

Donnerstag

Brötchen/Brot

2 Buttersterne

Kunst-Honig/Marmelade

Kasslerscheibe

Mischgemüse (Erbsen/Möhren)

Salzkartoffeln, Soße

Pflaumenkompott

Milchbrötchen oder Rosinenbrötchen

Mischbrot

Schmelzkäse,

Wurst,

Radieschen


Freitag

Brot

2 Buttersterne

Marmeladen

Rührei mit Spinat

Wurststückchen und gehackten Kräutern (Petersilie und Schnittlauch), Apfel

Quarkspeise

Zwieback oder Knäckebrot bei Bedarf

Vollkornbrot, ansonsten wie vorstehend, zusätzlich

ein Ei

Sonnabend

Brot/Brötchen

2 Buttersterne

Konfitüre

Nudelsuppe mit Kraftbrühe

Brot bei Bedarf

frischer Salat

Butterzopf (Milchbrötchenteig)

warmes und kaltes Buffet - nach eigener Wahl

Sonntag

Brötchen

2 Buttersterne

Kunst-Honig/

Marmeladen

Suppe

Rinderbraten, Soße

Salzkartoffeln

Rotkraut

Mischkompott

Apfelkuchen, offen

Brot, sortiert,

kaltes Buffet zur

Selbstauswahl



Das Angebot zum Frühstück und Abendessen wiederholte sich ja täglich aber mittags gab es noch:

* Vor den Mahlzeiten den Vitamintrunk, anschließend oft einen kleinen Obst- oder Gemüse-Salat

- Gulasch nach deutsch-ungarischer Art mit Nudeln und Tomatensoße. - Salatauswahl.

- Bouletten, Mischgemüse, Kartoffeln - Apfelschnitzel.

- Reis mit Hühnerklein in Brühe. Salat.

- Kartoffelbrei mit zerlassenem Fett und Zwiebelringen. Quarkspeise.

- Eier in Senfsoße. (Es hieß, es seien „verlorene Eier“. In Wirklichkeit waren sie aber vorhanden).

- Eintopf (grüne Bohnen mit Fleischeinlage). - Dessert.

- Hefeklöße mit Schwarzbeeren, gelbe Vanillesauce (wahlweise auch mit blauen Heidelbeeren).

- Fisch, gekocht in Dillsauce, (Hhm!), Salzkartoffeln. - Pflaumen.

- Klopse mit Kapern (oder ähnlichen Früchten) in weißer Soße, Salzkartoffeln. - Joghurt.

- Kräuterquark mit Pellkartoffeln, Apfel oder anderes Obst nach dem Handels-Angebot der Woche.

- Quarkkeulchen mit Vanillesoße und Apfelmus. - Fruchtquark.

- Hackeierstücken in Kräutersoße mit Salzkartoffeln und Mischgemüse. - Salat.

- Gemüsesuppe, Brot; - oder Möhreneintopf mit Brot als Sättigungsbeilage. - Pudding.

- Jägerschnitzel (gebratene Jagdwurstscheibe) mit Muschelnudeln in Tomatensoße.

- Milchreis (im Wechsel mit weichem Hartweizen-Grießbrei) mit Zucker und Zimt, Kirschkomplott.

- Kartoffelsuppe, Roggenbrötchen („Schusterjungs“). - Salat. ... und so weiter ...



Die kurze Liste – eine Auswahl aus vielen heimischen Pflanzenarten

Diese hier ist nach Erzählungen von Fräulein Inge Hennersdorf notiert.


Name der Pflanze


Die guten Wirkungen der Pflanzen

Ampfer, Sauer-

Es ist ein Knöterich-Gewächs. Als Gemüse und Salat gilt er als Nahrungsbeilage und besonders gegen Verdauungsbeschwerden.

Arnika

Gut gegen Rheuma, als Auflage mit Tinktur getränkt oder Salbe. Heilend bei Blutergüssen, Zerrungen, Quetschungen. Hemmt Entzündungen.

Blutwurz oder

Tormentill

Die Blüten sind gelb, der Saft ist aber rot. Herzförmige Blütenblätter. Wächst gern im Steingarten. Pflanze enthält Gerbstoffe. Tötet Bakterien. Gut anwendbar bei Blutungen, gegen Entzündungen, stillt Durchfälle.

Echter Ehrenpreis oder Veronica

Dieses „Allerweltskraut“ hat für seine vielen Dienste einen „Ehrenpreis“ verdient. Man kann ihn zum Genuss, gegen den Hunger und für die Anregung des Appetits als Salat oder Gemüse essen. Dabei wirkt es still vorbeugend gegen Gicht und Rheuma, pflegt die Atemwege und lässt sich bei Hals- und Mandelentzündungen gut als Gurgelmittel verwenden.

Farne

Merke: Weil giftig, hole sie aus der Apotheke – als Laie nicht aus dem Wald. Wurmfarn vertreibt Würmer. Äußerlich: Tinktur zur Hilfe bei Krampfadern, wenn du hast. Auch zur Linderung des Rheumas.

Ein Ruhekissen kann mit Farn-Wedeln gestopft werden (kein giftiger Duft).

Frauenmantel

Wirkt bei und gegen viele(n) Wehwehchen: Blutreinigend, blutstillend, harntreibend, krampflösend, hilft bei Erkältungen, Fieber, Asthma, Entzündungen und Durchfallerkrankungen. Unterstützt den Körper bei der Zuckerkrankheit, wirkt gegen die schädliche Aderauskleidung mit einer Fettschicht (im Volksmund: Kalk) und tut gut gegen Herzbeschwerden.

Frauenschuh

Es handelt sich um eine ganz wilde und sehr geschützte Orchidee. Sie verbessert die Atemluft in Räumen und ist auch essbar. Gegen Hautausschläge und Frauenleiden mancherlei Art. Zur Wundheilung.

Goldrute oder Goldraute

Besonders in Rautenkranz wollen wir sie gern vorzugsweise Goldraute nennen. Obwohl: die Raute im Wappen sieht grün aus.

Die Goldraute ist eine Einwanderin aus Kanada.

Sie wurde berühmt wegen ihrer Wirkung gegen Gicht und Rheuma, gegen Blasen- und Nierenentzündungen, wird wegen ihrer blutreinigenden Wirkung geschätzt. Sie fördert die Wundheilung. Nicht roh kauen!

Hahnenfuß

Ein Ranunkel-Gewächs mit kleinen gelben, wie lackierten Blüten und mit Blättern, die aussehen wie Hahnenfüße, ist auch recht hübsch anzuschauen.

Heidekraut oder Erica

Ein köstlicher Blütentee von Erika hilft bei Gicht und Rheuma, wirkt schmerzlindernd, blutreinigend und harntreibend.

Hirtentäschel

Der lauwarme Tee hilft gegen Blutungen aller Art. Auch zur Linderung von Rheuma kann man getränkte Packungen auflegen.

Johanniskraut

Es wirkt, z. B. als Tee, beruhigend, schlafunterstützend und nervenstärkend. Als feuchte Auflage fördert es die Wundheilung.

Kamille

Ein Blüten-Mittel für und gegen fast alles. Als Tee oder feuchte Auflage oder als Salbe. Für das Hemmen von Entzündungen, zum schnelleren Heilen von Wunden. Gegen Bakterien und Krämpfe ist diese Kraut gewachsen. Als Dampfbad zum Freihalten der Atemwege bei Erkältungen.


Kümmel

Als Gemüsezugabe (Würze) oder als Schnaps zu reichen. Regt den Appetit an, hilft bei Verdauungsstörungen, wirkt gegen Durchfall und Erbrechen, hat keimtötende und krampflösende Eigenschaften.

Kuhblume (echt vogtländisch), auch

Hundeblume

genannt.

Wir kennen sie des Weiteren als Löwenzahn (Blattform), Butterblume (kräftig gelbe Blütenblätter) oder zur Zeit der Samenbildung („Fallschirme“) als Pusteblume. Sie bietet sich uns als gutes Würzkraut und Vitaminspender (wie Petersilie) an. Günstig bei Rheuma und gegen Hautausschläge, als Abführ- und Harntreibungsmittel, gut gegen Gefühle – zum Beispiel der Völlerei.

Otternzunge

oder auch Natternzunge

... ist ein Wiesenknöterich. Man kann die Blätter schon ohne ernsten Grund als Wildgemüse einsetzen oder es auch bei Schlangenbissen geben. Trotzdem ganz schnell zum Arzt. Nur Schlangen-Namen dort vorstellen, wenn dieser bekannt ist. Die Schlange am Beißort lassen.

Pferdekümmel oder

Wiesenbärenklau

Vorsicht. Doldenblütler mit Blättern, die sich wie ein Bärenfell anfassen (Ihr kennt das). Er vermag starke Hautreizungen zu verursachen.

Ein Tee davon wirkt ausscheidungsfördernd.

Schafgarbe

Zur Unterstützung der Blutstillung und Heilung der Wunden. Als Tee krampflösend. Gegen Magen- und Gallenbeschwerden und auch als Mittel der Frühlings-Abnehm- und Entschlackungskuren für den, der es braucht.

Spitzwegerich

wird gern als kalter Presssaft gegeben oder als Hackkräutel aufgelegt, weil Hitze (heißer Tee) die wertvollen Wirkstoffe teilweise zerstört. Zur Wundbehandlung, bei Insektenstichen, hustenstillend, bei Reizungen und Entzündungen der Luftwege. Bei Hautreaktionen auf Nervenbelastungen.

Weidenröschen

Ein Tee aus Blättern der Waldform hilft gegen Leiden der Vorsteherdrüse – bei Frauen wird davon eher die Blase gesünder. Bei Männern außerdem.

Wiesen-Storchschnabel

Es handelt sich um eine Geranien-Pflanze. Gut für die Haut, zur Blutstillung. Für die Verdauung, wirkt gegen Durchfall, hilft Magen und Darm sich wohlzufühlen.

Zinnkraut

Wir nennen es zu Hause oft Acker-Schachtelhalm. Es hilft bei Rheuma und Gicht, bei der Reinigung des Blutes, bei einem Angriff für uns schädlicher Bakterien, bei Entzündungen der Harnwege und der Nieren.


Merke: Den Wald als Apotheke möchten wir nicht missen – wir kennen 'was vom rechten Wissen!


Nun fehlen zur Liste nur noch die Bilder zu den Blütenpflanzen. Deshalb gehen wir nochmals an den Waldesrand und auf die Wiese und nehmen das Bestimmungsbuch mit. Auch können wir wenige Pflanzen pressen und ein Herbarium anlegen. Schwarz-grau-weiße Fotos würden sich weniger lohnen. – Achte aber bei der Ernte darauf: Vereinzelt pflücken und ohne Wurzeln, damit sie wieder gut nachwachsen. Niemals aber jene entnehmen, die unter Naturschutz gestellt wurden.


Viele der Pflanzen kann man als Salat und Gemüse essen, dann merkt man nicht, dass man eine Kräuter-Kur isst, sonst vielleicht eine Krankheit bekommen hätte aber wegen der Kräuter eben davon verschont bleibt.


Kaum eines dieser Naturheilmittel von Wald und Wiese bringt schädliche Nebenwirkungen – kaum kann man etwas falsch machen und alles kostet fast nichts außer ein bisschen Mühe.

Alle diese Pflanzenbeispiele setzt die Natur- und Volksmedizin heilend ein. Ganz ohne Hexerei.

Manches wird aber auch in Fabriken ähnlich künstlich hergestellt – gibt es dann in der Apotheke. Dort kostet es dann wesentlich mehr.


Das ist nur eine kleinere Aufzählung. Sehr erfahrene Frauen (vielleicht auch „das Kräuterweiblein vom Hexenfels“) wussten und wissen noch viel mehr von der Volksmedizin. Ärzte, Apotheker und Drogisten sowie Heilpraktiker manchmal auch.

Ein Nachtrag:


1959 war's – Einige Gedanken zum Abschluss – und die Wiederkehr in der Zukunft


Der Aufenthalt in Morgenröthe-Rautenkranz war für ungezählte Kinder eine Zeit der Anwendung gezielter medizinischer Therapie, guter Erholung, schöner Erlebnisse – jahrzehntelang bleibender wertvoller Erinnerungen.

Diese Heime hießen in den ersten Jahren, als sie zur Sozialversicherungskasse und zur Volksbildung der DDR gehörten: Kinder-Erholungsheime. In späteren Jahren, als sie dem Gesundheitswesen unterstellt wurden, waren die gleichen Einrichtungen Kinder-Kurheime.


Weltweite Bekanntheit erlangt dieser Ort aber 20 Jahre später, als Heimatort des ersten Kosmonauten der DDR und des „geteilten Gesamtdeutschlands“: Sigmund Jähn, der in Morgenröthe-Rautenkranz Anfang des Jahres 1937 geboren wurde. Der Lehrer, Herr Erhard Böhm, der nebenberuflich den Kindern des Heimes in Lichtbildervorträgen viel Wissenswertes von der Heimat vermittelte, zählte Sigmund Jähn zu den ersten seiner Schüler. Ein Leben und Lernen in Rautenkranz, das in eine in lebenslange Freundschaft zwischen Lehrer und Schüler mündete. Jahre später wuchsen die Schülerinnen des Lehrers Böhm heran, die Erzieherinnen/Unterstufen-Lehrerinnen wurden und im Kinderkurheim arbeiteten. Für viele von ihnen war diese berufliche Tätigkeit eine lebenslange Berufung für die Sorge um das Wohl der Kinder. Ehemalige Schüler aus dem Ort wurden beispielsweise auch als Hausmeister des Heims tätig.

Morgenröthe-Rautenkranz ist mit dem inzwischen errichteten Welt-Raumfahrtzentrum schon wieder um eine Attraktion reicher.


Nach dem Eintritt in das Rentenalter begann das damalige Kur-Kind Chris seine Lebenserinnerungen aufzuschreiben. Dazu gehört auch der vorstehende Bericht, der nun erst nach über einem halben Jahrhundert entstand. Manches ist in jener Zeitspanne in der Erinnerung verblasst, anderes steht ihm noch deutlich vor Augen – manches aber wurde erneut aufgefrischt.


Seine Anfrage an den Heimatverein in Morgenröthe-Rautenkranz beantwortete Bürgermeister Konrad Stahl freundlich und ausführlich. Dieser sandte auch die zeitgenössischen Kopien der Ansichtskarten des Heimes, das Bild des Wappens und sah den Textentwurf durch, den er um einige Informationen ergänzte. Seine Unterstützung war für Chris eine wertvolle Erinnerungshilfe. Dafür sei ihm an dieser Stelle noch einmal herzlich gedankt.


Ein „Zufall wollte es“, dass die Tochter der damaligen Heimleiterin Ursula Böhm im Frühsommer des Jahres 2013 eine Notiz von Chris über Rautenkranz las. Das bedeutete den Beginn eines lebhaften Austauschs an Erinnerungen, denn sie hatten sich ja vor vielen Jahren kennengelernt. Ebenso kam der Kontakt mit der damaligen Erzieherin Fräulein Hennersdorf zustande. Ein gemeinsamer Besuch in Rautenkranz im Herbst 2013 frischte viele der alten, teilweise bruchstückhaft vorhandenen Eindrücke und Erinnerungen auf. Nach dem herzlichen Willkommen in der Pension von Heike und Konrad Stahl gab es in jenen Tagen interessante Gespräche mit Regina, Horst, Heike und Konrad sowie Inge und Elke bei Wanderungen „auf den alten Wegen“ mit bewegenden Wieder-Begegnungen, bei denen einige Fotos entstanden.


Alle unsere guten, freundlichen Gesprächsinhalte über das 1959-er Jahr, über die damalige Zeit, durften mir „als Anhaltspunkte“ dienen und wurden in den vorliegenden Bericht hineingenommen, so dass hoffentlich nichts Wesentliches dieser Tage verloren ging, was die Erzieherinnen damals vermittelten und was den Kindern als wichtig erschien.

Ja, es ist wie beabsichtigt das Kindes-Empfinden, das hier dargestellt wurde. Für einen Gesamtblick auf die damalige Zeit wäre es nur ein kleiner Ausschnitt, weil die Situationen der Erwachsenen wenig Berücksichtigung finden konnten. Das Mühen um das Wohl der Kinder, die persönlichen alltäglichen Probleme des Personals, die Sorge allein schon um die regelmäßige Anreicherung des Speiseplanes mit Obst und Gemüse, um die ausreichende Versorgung mit Fleisch wurden hier nicht widergespiegelt – das waren in der damaligen Zeit keine einfach zu lösenden Aufgaben – von denen die Kinder bei ihrem unbeschwerten Aufenthalt nichts merkten.

Deshalb sei auch heute nochmals allen diesen guten Menschen recht herzlich gedankt!


Diese Worte wurden trotz der Kenntnis gewählt, dass viele der Damaligen

heute nicht mehr unter uns weilen.



Vieles hat sich seither verändert – in der Natur und in der Gesellschaft, also in unserem Leben.

So sieht man heute beispielsweise vom Hohehausberg das Grundstück des Kinderheims nicht mehr. Die Bäume in der Nähe der Mulde sind für diesen Blick viel zu hoch gewachsen. „Sie haben das uneingeschränkte Recht dazu“.

Vieles hat sich seither verändert.

Die Gebäude des Heimes stehen 2013 noch – seit Jahren aber nicht mehr zur Nutzung für Kinderkuren. Seit Jahren auch nicht für eine sinnvolle anderweitige Nutzung. Teils besteht eine provisorische Fremdnutzung von Räumen, teilweise ist ein Leerstand zu verzeichnen. Dort, wo jahrzehntelang eine vorbildliche Pflege üblich war.

Kein fröhliches Lachen klingt mehr durch die Räume der Häuser des ehemaligen Kurheims.


Kinderkuren vorbeugender und heilender Art in dem Umfang, wie sie damals betrieben wurden, rechnen sich nicht“ – meinen die Entscheidungsträger für viele Einrichtungen ähnlicher Art im Lande, die ein vergleichbares Schicksal erfuhren.

Für viele Menschen von uns ist das Leben finanziell reicher geworden – für andere unter uns nicht.

Worin mag der Einzelne den Reichtum für sich sehen? Worin erblickt er Defizite? Was möchte er gern und was vermag er verändernd zu gestalten, für sich, für seine Familie, für die Zukunft der Kinder und der Enkel, für die Gesellschaft? Wofür bemüht er sich vergeblich? Was gehört zu den künftigen Zielen und was zu den nächsten Etappen auf dem Wege einer relativ reichen, sich immer irgendwie weiter entwickelnden Gesellschaft?

Viele Fragen, wenige konkrete Antworten – oft noch weniger sinnvolles Handeln. Ein weites Feld!


Ein Nachtrag vom Juni 2014:

In diesem Monat wurde das „Haupthaus“ des Kinderkurheims, das Gebäude mit der Sonnenveranda und dem Symbol der weißen Friedenstaube am Giebel, „rückgebaut“ wie es „rücksichtsvoll“ heißt, also abgerissen, um Platz für ein neues Eigenheim zu schaffen.

Für uns, die hier weilen durften, bleibt es in der Erinnerung!

Anhänge

Quellenangaben:

- Der Mundarttext stammt aus dem Begrüßungs- und Begleitbuch für die Gäste in der

Pension „Waldesruh'“ (mit den Ferienwohnungen „Weidmannsdank“ und „Raumstation“) von

Heike und Konrad Stahl, in der Carlsfelder Straße 22, Muldenhammer, Ortsteil Morgenröthe-

Rautenkranz.

- Wanderheft 29: „Rund um den Schneckenstein“, von Erhard und Ursula Böhm, Rautenkranz.

- Gespräche mit Ehepaar Haupt, Ehepaar Stahl und Frau Heidrich, die zum Personal des

Kinderkurheimes gehörten. Unterhaltung mit Frau Gnauck, die in Rautenkranz in engster

Beziehung zum Kur-Heim aufwuchs.

- Lattermann, Wikipedia-Notizen und Informationen von Herrn Dr. Ing. Strobel, Plauen, verarbeitet

im Geschichtsmagazin "Historikus *Vogtland*" im Artikel: "Dichtender Eisengießer mit Bierbrauer-

Lehre".

- Erinnerung des Kurkindes Chris Janecke. Der Autor verfügt über verschiedene weitere Bilder.


Verzeichnis der benutzten Abkürzungen, die heute schon in Vergessenheit geraten könnten

CSR: Czecho-Slowakische Republik (Tschechoslowakische), später CSSR: ... Sozialistische ...

DEFA: Deutsche Film-Aktiengesellschaft. Deren Betriebssitz: Potsdam-Babelsberg.

DDR: Deutsche Demokratische Republik, bestand von 1949 bis 1990 innerhalb Deutschlands.
DR: Deutsche Reichsbahn (in der DDR), wurde nach 1990 von der Bezeichnung DB abgelöst.

KPD: Kommunistische Partei Deutschlands
SED: Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (am stärksten in der DDR vertreten).

SPD: Sozialdemokratische Partei Deutschlands

SVK: Sozialversicherungskasse des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) in der DDR. Daneben gab es die DVA: (die Staatliche) Deutsche Versicherungsanstalt der DDR.

VEB: Volkseigener Betrieb. Staatlicher Betrieb ohne privates Eigentum an Produktionsmitteln.

VEG: Volkseigenes Gut (meist vor 1945 ein "Rittergut").


Einige Begriffe aus dem Text, die vielleicht nicht jedem Leser geläufig sind oder die zum Teil heute bereits außer Gebrauch gekommen sind

Brühnudeln: Es handelt sich um so genannte Eierteigwaren. Auch Hartweizenerzeugnisse sind als Ausgangsmaterial möglich. Man bot diese beispielsweise als kurze Bandnudeln,

Muscheln oder Buchstaben an. Diese Nudeln wurden kurz in Wasser aufgekocht, sodann mit heißer Fleischbrühe aufgefüllt, Suppengrün dazugegeben und auf kleinster Flamme nachgegart. Brotscheiben konnten dazu gereicht werden. Dieses einfache Gericht war für den Ankunftstag besonders geeignet. Das Essen konnte pünktlich um 12.00 Uhr fertig sein aber man wusste nicht, ob die Busse mit den Kur-Kindern ebenso pünktlich zur Stelle sein würden. Die Brühnudeln ließen sich besser warm und ansehnlich halten, als Kartoffeln, Fleisch, Soße und Gemüse. Einige Kinder sagten zu den Brühnudeln auch

„Rennfahrersuppe“, weil sie so schnell durch den Körper, besonders in die Blase ging.


Feilenhauerei: Seit dem Altertum gibt es Raspeln und Feilen zum Bearbeiten von Holz, Metall und Mineralien als Handwerkzeuge. Das Material ist heute ein legierter Werkzeugstahl, den man in Form von Flachstahl-Stangen aus dem Walzwerk erhält. Diese Werkzeuge bestehen aus dem Feilenblatt, der Feilenangel und dem Feilenheft. Das Feilenblatt wird die eigentliche Arbeitsfläche des künftigen Werkzeugs. Die Angel ist ein spitz zulaufend geschmiedetes Ende. Dieses nimmt das Heft, wie man den aufgesteckten Handgriff nennt, auf. Die Feilen glätten die Oberfläche der Werkstücke mit ihren Zähnen (dem Hieb). Bei der Herstellung einer solchen Feile muss der Werkzeugmacher diese Zähne in den Feilen- Rohling aus Flachstahl einschlagen/einhauen, damit die bisher glatte, gewalzte Oberfläche gezahnt-rau, also spanabhebend wird. Dazu wird der Rohling aber vorerst weichgeglüht, dann vorgerichtet (begradigt), werden die Flächen geschliffen sowie die Kanten entgratet. Man kann unterschiedliche Anordnungen der Zähne wählen und auch eine verschiedene Anzahl von Zähnen für den benötigten Feinheitsgrad vorsehen. Früher wurde dieses Einhauen der Zähne in Handarbeit mittels Hammer und Meißel verrichtet, heute erledigt das die Werkzeugmaschine – ja, eben die Feilenhaumaschine. Anschließend, nach dem Einbringen des Hiebes in das Feilenblatt, wird die Feile wieder gehärtet, um ihr eine lange Gebrauchsdauer (Standzeit) zu geben. Nach Ihrer Form und dem beabsichtigten Verwendungszweck gibt es die verschiedensten Feilensorten. Solche Feilenhaumaschinen stehen auch in Rautenkranz in einer Fabrik, in einer Werkhalle, eben in der Feilenhauerei, weil dort nichts anderes produziert wird. Man hat sich auf Feilen spezialisiert.


Kalfatern: Einstemmen von vorbehandeltem Werg/Hanf/Weißstrick in die Bretterfugen, z. B.

eines Schiffes, um diese abschließend mit Pech wasserundurchlässig zu machen.


Karl-Marx-Stadt: Diesen Namen trug die Stadt Chemnitz in den Jahren von 1953 bis 1990. Der

damalige gleichnamige „Bezirk“ (politisch gewollte Verwaltungseinheit/Benennung

einer großen Landesfläche) gehört zum heutigen Land Sachsen.

Kollektive: Gemeinschaften, hier: betriebliche Arbeitsgruppen.


Manometer: Eigentlich die Bezeichnung für ein Gerät zur Druckmessung. Hier aber ein Ausruf des Staunens („harmloses Kraftwort“) ohne die vorgenannte technische Beziehung.


Kommandit-Gesellschaft (eine „KG“). Mehrere Personen schließen sich als Teilhaber einer Firma zusammen. Oft in der Form eines halbstaatlichen Betriebes.


Propusk: Passierschein, Grenzausweis (aus dem Slawischen).

Sprungbrett“ in den Westen: Es gab in jenen Jahren viele Republikflüchtlinge, also Bürger der DDR, die illegal in die BRD ausreisen wollten. Es bestand auch eine Anzahl von Grenzübergängen zwischen beiden Staaten (nach dem 13. August 1961 erheblich weniger). Bis zu jenem Zeitpunkt musste man, wenn man z. B. von Potsdam-Babelsberg (DDR) in den Ostteil der Stadt Berlin (Hauptstadt der DDR) reisen wollte, durch West- Berlin fahren. Und manch einer wollte eher dort in Westberlin "endgültig" aussteigen. Von Babelsberg bis in den amerikanischen Sektor von Berlin-West (Bahnhof Wannsee), waren es knapp 6 Minuten Reisezeit mit der Bahn für 30 Pfennige der DDR. Dazwischen aber lag der Grenzbahnhof Griebnitzsee. Hier fand die DDR-Grenzkontrolle statt: Personalausweis, Gesicht, Gepäck und Kleidung sowie mitunter Leibesvisitation in den „Holzbuden“ auf dem

Bahnsteig. Jede Bahn hatte hier also eine längere Aufenthaltszeit.

Wollte aber jemand, der gemäß Ausweisanschrift nicht aus dem nahen Berliner Umland stammte, sondern gemäß Personalausweis beispielsweise aus Thüringen oder Mecklenburg kam, Richtung Berlin-West reisen, so galt das als verdächtig, war es ein Grund zum Nachforschen, zum Beginn einer hochnotpeinlichen Befragung, auch zu Rücksprachen im Heimatort des Reisenden, zum Beispiel auch in dessen Beschäftigungsbetrieb oder im Mehrfamilien-Wohnhaus.

Deshalb suchten auch Lehrer, die die DDR verlassen wollten, vorerst eine Anstellung in unmittelbarer Grenznähe (das „Sprungbrett“), um im Personalausweis eine unauffällige grenznahe Wohnanschrift stehen zu haben und diese den Grenzpolizisten vorweisen zu können.

So konnten sie schnell mal nach Berlin-West reisen (offiziell jedoch u.a. Staatsbediensteten untersagt), von dort zurück kommen oder dort bleiben oder sich von dort in die BRD ausfliegen lassen. Das ging aber nur bis zum 13. August 1961, dem Tag des Beginns des Mauerbaus. Ansonsten wäre die Bevölkerung dieses Landes weiter geschrumpft.


Trenker, Louis (Alois Franz Trenker, Lebenszeit 1892 bis 1990, bekannter Bergsteiger, Schauspieler, Regisseur und Schriftsteller.


Volkspolizei: Bezeichnung für die Polizei in der DDR zwischen 1949 und 1990.


W. Ulbricht: Nach dem Ableben des Ministerpräsidenten Wilhelm Pieck, von 1960–1973

Staatsratsvorsitzender (höchstes Amt) in der DDR, höchste

Leitungsfunktionen in KPD und SED bis zum Beginn seiner Entmachtung 1971, die hauptsächlich von seinem „politischen Ziehsohn“ und Nachfolger im Amt, seinem

Parteigenossen Erich Honecker betrieben wurde.


West-Berlin: Die Stadt Berlin wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von den Siegermächten in vier Sektoren aufgeteilt. West-Berlin bestand aus dem Amerikanischen, Britischen und Französischen Sektor. Der Ostteil der Stadt war der Sektor, der von der

sowjetischen Militäradministration verwaltet/kontrolliert wurde.


(Der Ostteil von Berlin war die Hauptstadt der DDR.

Zur Hauptstadt/zum Regierungssitz der BRD wurde im geteilten Deutschland die Stadt Bonn am Rhein gewählt).



–––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––



Chris Janecke, Potsdam, Bearbeitungsstand: Mai 2016,

E-Mail-Adresse: christoph@janecke.name