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Nachricht!

Lieber Wolf. Eys., mehrmals habe ich versucht, eine Antwort (auch mit Bildanhang) an Deinen angegebenen Mail Absender zu schicken. Meine Post kam aber jedesmal als unzustellbar zurück. Vielleicht hat sich ein Fehler in diese eher ungewöhnliche Zahlenreihung eingeschlichen. Auch habe ich es über Stay Friends versucht, jedoch keine Antwort erhalten.

Beste Grüße, Chris


Zur Ahnenliste „Janecke“ gehörend.

Fortsetzung der autobiografisch beschriebenen Bilder aus dem Lebensfilm von

Chris Janecke,

geboren in Potsdam-Babelsberg.


Der Teil 3: Die Jahre 1961 bis 1965, mein 15. bis 19. Lebensjahr.


Autor und Kontaktpartner für Fragen, Meinungen und Ergänzungen:

Aktualisiert im November 2021 E-Mail: christoph@janecke.name


Zur Einstimmung in diesen Text gibt es einige Bilder – bitte hier klicken.


Ach, meine lieben Leser – ich habe die folgenden Zeilen zum Schluss nochmals „überflogen“ und fühle mich nachträglich gehalten, einige Worte zum gegenseitigen Verständnis voranzustellen:

Für mich als Laien ist eine Unterhaltung über vergangene Zeiten unverfänglicher, als das Schreiben. Beim Sprechen lässt sich von der Mimik der Teilnehmer und von deren „Körpersprache“ im Gesamten mitunter deren Gemütsbewegung ablesen. Man kann nachfragen, ergänzen, klarstellen, nochmals andere Worte wählen. Beim Schreiben ist das Wort gedruckt und abgesandt – vorerst unabänderlich. Man sieht es nicht, man merkt es nicht, wie es beim Leser ankommt – ob mit Kopfschütteln quittiert, mit Übereinstimmung beschmunzelt, ein „Aha“ auslösend oder als störend wirkend. Das bedeutet für mich auch: Die Gefahr des Verletzens des Anderen ist beim Schreiben größer, obwohl ich weder den Gefühlen anderer Menschen zu nahe treten möchte, selbst posthum nicht, noch die Gesinnung des Lesers zu wandeln beabsichtige. Ich schreibe nur Notizen über meine Lebenszeit und darüber, wie ich diese empfand. Mein Empfinden, meine Ausdrucksweise und meine Reaktionen muss nicht jeder Mensch gleichermaßen teilen und akzeptieren. Leser sollen von meiner Darlegung nicht zu Betroffenen werden, falls sie sich nicht selber zur Betroffenheit führen.

Es ist mir bewusst, dass der eine oder andere Leser hier geschilderte Begebenheiten ähnlicher Art ebenfalls erlebte, diese aber vielleicht völlig anders als ich empfand, er andere Schlussfolgerungen zog als ich und bestehende Probleme auf andere Weise verarbeitete.

Daraus können sich Anschauungen bilden, die von den meinigen stark abweichen.

Ich denke, das ist zulässig, normal und mag sogar sehr gut sein.

Ich erhebe auch nicht den Anspruch eine „absolute Wahrheit“ vertreten zu wollen, möchte keinesfalls jemanden „politisch missionieren“. Es mag jeder Andersdenkende getrost auf seinen Ansichten beharren oder auch andere Erkenntnisse hinzu gewinnen.

Auch kann ich mich nicht für die Richtigkeit eines jeden notierten Datums, für jedes Wort eines damaligen Gesprächs verbürgen – inzwischen ist seit jenen Begebenheiten mehr als ein halbes Jahrhundert vergangen.

Als ein stets Wacher notiere ich einfach einige Episoden aus meinem Erleben, versuche mitunter Ursachen und Wirkungen darzustellen oder – meist als ein Nicht-besser-Wissender – einfach nur zu fragen. Ich schreibe „frank und frei“ mein Empfinden, meine Meinung. Das heute zu dürfen, empfinde ich als ein großes gutes Geschenk.

Im Interesse des Datenschutzes ließ ich verschiedene Namen fort, obwohl ich diese hinreichend kenne; auch sind weitere Namen aus Rücksichtnahme geändert wiedergegeben.



1961 – mein 15. Lebensjahr, das heißt, kurz vor dem Jahresende begehe ich den 15.

Bis zum Juli besuche ich das 9. Schuljahr in der Schule 17 in Potsdam-Babelsberg

und im September beginnt das 10. Lernjahr und damit das letzte in dieser Schule.


Winter 1961 * Januar

In diesem Winter erhalte ich nach jugendärztlicher Verordnung zum letzten Mal die Auszeichnung für einen Aufenthalt in einem Kindererholungsheim. In diesem Jahr ist es das Heim in Rottleben am Kyffhäusergebirge. Dort in der Nähe, in Bad Frankenhausen, durfte ich ja schon vor vier Jahren sein. Nur ein Stündchen lebhaften Spaziergangs sind die beiden Orte voneinander entfernt. Damals war ich allerdings im Sommer dort. Beim jetzigen Aufenthalt ist die Landschaft verschneit. Gewiss wird es wieder eine schöne, erholsame Zeit im Gebirge. Bei „Kyffhäusergebirge“ denkt man natürlich zuerst einmal an hohe Berge – aber das Dorf Rottleben befindet sich nur etwa

145 m über dem Meeresspiegel und liegt verhältnismäßig flach und außerdem trocken im Regenschatten des Kyffhäusergebirges, zwischen den Tälern der Diamantenen Aue und der Goldenen Aue. Eine fruchtbare Gegend, wovon eben im Sommer die „goldenen“ Getreidefelder zeugen.

Das Erholungsheim hat die Größe, dass in die vier Fassadenflächen, die sich über drei Etagen erstrecken, etwa 70 Fenster passen und die Türen, aber nur im Erdgeschoss, natürlich auch.

Das Grundstück ist so gestaltet, dass es einen stattlichen Vordereingang von der Heimstraße aber auch einen Hintereingang besitzt. Wir benutzen stets den hinteren Nebeneingang. An der offenen Grenze des Grundstücks begrüßt uns im Schneegestöber schwanzwedelnd der freundliche Schäferhund Wotan, der treue Wächter. Leider ist der Arme immer, Tag und Nacht an der kurzen Eisen-Kette, vor oder in seiner feuchten, kalten schneebedeckten Hütte. Offensichtlich hat er nicht ein so gutes Leben wie unsere Schulkaninchen oder wie wir. Hier. Weshalb derartige Unterschiede? Warum ist das so eingerichtet? Hoffentlich wird er nicht krank. Ob er dann auch einen Platz im Erholungsheim erhalten würde?

Die Betreuerin unserer Gruppe heißt Fräulein Rauschenbach. Das erinnert doch gleich an die Wipper, die am Ort so munter vorbeifließt oder einfach an viele flinke Bächle. In diesen Tagen denke ich auch wieder an die früheren Erholungsaufenthalte und unsere Erzieherinnen – an die Geschwister Maiwald, die gern zu einem Scherz aufgelegt waren, an die wahrhaftige Naturwissen-schaftlerin Fräulein Jödicke und an das ganz junge herzensfreundliche Fräulein Hennersdorf. Während wir Kinder und Jugendlichen inzwischen so viel unterschiedliches erlebten, haben sie immer wieder neuen Kindergruppen wichtiges aus der Heimat erzählt, ihnen etwas fürs Leben beigebracht. Von den Kindern gefällt mir sogleich die 12-jährige Gisela Ko., die in Stendal zu Hause ist. Wenn die Witterung es zulässt, sind wir alle täglich draußen auf Wanderungen und beim Rodelvergnügen. Diese für uns wichtigen Tätigkeiten bereiten natürlich einen gesunden Appetit vor und mit geröteten Wangen und angeregtem Kreislauf kehren wir zurück. So soll es sein. Der Heimleiter, Herr Friedrich Arndt, kontrolliert häufig, ob wir auch unsere Stiefel im Heizkeller sorgsam getrocknet und danach mit Schuhcreme gepflegt haben, weil sie bei dieser Winterwitterung arg strapaziert werden. Diese prüfenden Besichtigungen kann er so nebenbei erledigen, denn vom Heim zu seiner benachbarten Wohnung wandert er eben am besten durch diesen warmen trocknen Keller hindurch, statt im Schneegestöber beim Wotan vorbei. So wird er nicht gebissen – in seinem Gewissen. Das mit dem Kellergang ist etwa so eingerichtet wie in vielen Schlössern dort jedoch mit räumlicher Trennung von Küche und Speisesaal – miteinander verbunden dank des ganz „geheimen" Unterirdischen.

Fräulein Rauschenbach singt uns das recht traurige Lied vor:Unter'n Erlen steht 'ne Mühle, also dort am rauschenden Bach. Schier zerrupfend vor Herzeleid tönt es. Ich habe später den wertvollen Text von zu Hause aus nirgendwo erreichen können, um diesen in meine Liedersammlung einzuordnen. Niemand sonst scheint es zu kennen. Ich mache es mir einfach und nehme für euch ersatzweise das ähnlich traurige Lied- und Dicht-Werk „In einem kühlen Grunde“ auf.Irgendwie scheinen mir beide Lieder eng miteinander verwandt zu sein. Ich notiere es hier 'mal und merke dabei, dass es trotz seiner berühmten Schöpfer nicht fröhlicher werden will. Ob die Herren Eichendorff und Gluck zur rechten Einstimmung ihrer Sinne auf das Trauerthema, als Mittagsmahl vielleicht nur Schwarzwurzelsalat gegessen hatten und dazu einen Trunk des „Feuchtwanger Tränenacker“, dieses vorzüglichen Tropfens, nahmen? Oder ob sie bei dieser Arbeit fröhlich beisammensaßen? Vielleicht sogar mal ein bisschen herumgealbert hatten und mit dem Geigenbogen lustig ein wenig „auf den Busch geklopft“? wer weiß das schon ich war ja nicht dabei.

Hier ist das Liedl – ihr werdet euch selber eine Meinung bilden.



In einem kühlen Grunde


Text:

Joseph Freiherr v. Eichendorff 1788–1857

Melodei: Johann Friedrich Gluck 1797–1840


In einem kühlen Grunde

da geht ein Mühlenrad.

Mein Liebchen ist verschwunden,

das dort gewohnet hat.


Sie hat mir Treu' versprochen,

gab mir ein' Ring dabei.

Sie hat die Treu' gebrochen,

das Ringlein sprang entzwei.



Ich möcht' als Spielmann reisen

wohl in die Welt hinaus

und singen meine Weisen

und geh'n von Haus zu Haus.


Ich möcht' als Reiter fliegen

wohl in die blut'ge Schlacht

um stille Feuer liegen

im Feld bei dunkler Nacht


Hör' ich das Mühlrad gehen,

ich weiß nicht, was ich will;

ich möcht' am liebsten sterben,

da wär's auf einmal still.


Schluchz ... und ich lag bisher nur an Lagerfeuern. Herr Eichendorff wollte damals aber sogar um stille Feuer herumliegen. Er war einer der Großen seiner Zeit.


Ein Nachtrag – viele Jahre später: Nun habe ich das andere Lied doch gefunden, denn erfunden sind inzwischen nicht nur Computer, sondern auch das Internet. Diese ermöglichten das Finden leichter. So trage ich das Lied hier nach und auch Fräulein Rauschbachs Mühen bleiben uns damit erhalten. Allerdings gibt es sogar mehrere Textvarianten – ich mische hier das Volksliedgut, dieses Volkseigentum völlig unautorisiert ein wenig, damit alle Ideengeber, alle die nicht nennbaren Teilautoren gewürdigt und geehrt werden und vor allem das vollständige Anliegen dieses Liedes:





Unter'n Erlen steht 'ne Mühle


Unter'n Erlen steht 'ne Mühle

wo das wilde Wasser rauscht.

D'runten in der Mondnacht Stille

steht der Müllerbursch und lauscht.

Und in stiller Mondesnacht Kühle

steht der junge Bursch und horcht.


Leise öffnet sie ihr Fenster,

greift ein zarter Händedruck.

Schüchtern schenkt des Müllers Liesel

ihrem Liebsten einen Kuss.

Heimlich reicht der Müllerbursche

seiner Liebsten einen Kuss.


Und der alte Müller-Meister

stellt die Räder bald zur Ruh'.

Durch des Fensters schmale Spalte

schaut er seiner Tochter zu,

doch die beiden Fensterflügel

schließt sie leise wieder zu.


Höre Tochter, lass dir sagen,

heut zum allerletzten Mal,

dass du diesen Müllerburschen

nie und nimmer lieben darfst,

dass du jenen armen Burschen

nie und nimmer freien kannst.


Morgen muss ich dich verlassen,

ob's uns recht ist oder nicht,

denn ich darf dich nicht mehr lieben,

meine Eltern, die leiden's nicht.

Denn ich darf dich nimmer lieben,

lebe wohl, vergiss mein nicht."



Worte: in mehreren Variationen, unbekannte Verfasser,

Weise: Unbekannter Komponist. Es passen auch: „Wahre Freundschaft soll nicht wanken“ und manch andere Volks-, Küchenlieder- und Bänkelmelodien.


Meine Mutter will's nicht haben

und mein Vater nicht viel mehr.

Darum müssen wir jetzt scheiden,

fällt der Abschied uns auch schwer.

Sollten wir uns deshalb jetzo trennen,

sehnen wir uns doch so sehr. –


Durch den Garten huscht ein Schatten

hinterher der Müllerbursch.

Und so stürzen sich die Beiden

in des Erlbachs dunkle Flut.

Auf des Mühlbachs tiefstem Grunde

finden beide traurige Ruh.


Nun, da unten in der Mühle

weint man um zerstörtes Glück.

Hilft kein Jammern, nutzt kein Klagen. –

Keines kehret je zurück.

Frommt kein' Zähren, hilft kein Zagen. –

Niemand kommt ins Haus zurück.


An dem kalten Sonnentage

senkt man sie zur Grabesruh.

Und man deckt mit kühler Erde

zwei verliebte Herzen zu.

Nun mit kühler Muttererde

deckt man treue Liebe zu.


D'rum ihr Eltern, lasst euch sagen:

störet nie der Kinder Glück,

denn es kommen bittere Stunden,

wenn ihr denkt an sie zurück,

denn ihr habt nun selbst erfahren,

was es heißt, wenn Liebe bricht.



Seit 1951 gibt es auch „Das Rennsteiglied“, das der singende und klingende Suhler Friseur-Meister und Komponist Herbert Roth (1926–1983) für uns schuf, auf das wir das Heimatliche, das Haamitliche so recht verinnerlichen  und pflegen mögen:

Das Rennsteiglied Musik: Herbert Roth, Text: Karl Müller

(Das ist aber nicht jener Müller, der das Lied

Das Wandern ist des Müllers Lust“ schrieb.

1. Ich wand're ja so gerne am Rennsteig durch das Land,

den Beutel auf dem Rücken, die Klampfe in der Hand.

Ich bin ein lust'ger Wandersmann – so fröhlich, unbeschwert.

Mein Lied erklingt durch Busch und Tann', das jeder gerne hört:


Refrain:

Diesen Weg auf den Höhen bin ich oft gegangen, Vöglein sangen Lieder.

Bin ich weit in der Welt habe ich Verlangen, Thüringer Wald, nur nach dir.


2. Durch Buchen, Fichten, Tannen, so schreit' ich durch den Tag,

begegne vielen Freunden, sie sind von meinem Schlag.

Ich jodle lustig in das Tal, das Echo bringt's zurück,

den Rennsteig gibts ja nur einmal, und nur ein Wanderglück.


R.: Diesen Weg ...


3. An silberklaren Bächen sich manches Mühlrad dreht.

Da rast' ich, wenn die Sonne so blutrot untergeht.

Ich bleib solang es mir gefällt und ruf' es allen zu:

Am schönsten Plätzchen dieser Welt, da find' ich meine Ruh'.


R.: Diesen Weg ...


Und auch folgende Weise gehört zu den bekannten Roth-Liedern, das der Herbert gern im Zweiklang mit der Waltraut Schulz singt. Wir lernten es gerne und wohl ohne große Mühe.


Am schönen Saalestrand


Am schönen Saalestrand, da hab' ich ein Mädel gefunden.

Jodelt frohgemut, ist mir lieb und gut.


Ein kleines Paddelboot beschert uns die glücklichsten Stunden,

schwimmt durch das herrliche Thüringer Land, am Saalestrand.


Wälder, Wasser, Wein, laden heute ein.

Komm' mein kleines Paddelboot, wir bleiben nicht daheim.


Wenn die Winde weh'n, ist es wunderschön.

Jena, Saalfeld, Rudolstadt, gebt uns ein Wiedersehn.


Am schönen Saalestrand, da hab' ich ein Mädel gefunden.

Jodelt frohgemut, ist mir lieb und gut.


I: Ein kleines Paddelboot beschert uns die glücklichsten Stunden,

schwimmt durch das herrliche Thüringer Land, am Saalestrand.:I


Wir besuchten das nahe gelegene Bergmassiv auch von innen, um in Regencapes versteckt, die gute Soleluft tief einzuatmen, was besonders für die Kinder wichtig ist, die an Asthma leiden. Zu meinem Glück geht es mir ja aber recht gut. Neulich wanderten wir in Richtung Steinthalleben zur Barbarossahöhle, die 1865 auf der Suche nach Kupfererz entdeckt wurde. Besichtigt werden konnte diese Höhle vom staunenden Publikum bereits im Jahr nach ihrer Entdeckung. Diese Höhle hat Räume die bis zu 30 m hoch sind. Die Höhlenausdehnung beträgt ungefähr 25.000 Quadratmeter, hat kristallklare Seen und teilweise, so im Raum namens „Gerberei“, auch von der Decke herabhängende Anhydrit-„Lappen aus hartem Gips. Ich hatte diese Höhle ja schon vor vier Jahren kennengelernt, habe also noch manches davon im Kopf aber eine offizielle Führerin hat man unserer Gruppe doch vorn an die Spitze gestellt. Die Erzieherinnen, die diese Besichtigungen ja andauernd staunend mitlaufen, können gewiss auch schon im Schlaf all' die Geschichten erzählen. Aber die Führerin ist wichtig, schon, weil für sie ja Eintrittsgeld genommen wird und auch, damit niemand aus Spaß in der Höhle zurückbleibt und dort gemütlich übernachtet. Solche Späße gibt es höchstens in alten Schlössern. Hier gelten solche Scherze als unzulässig. Und auf dem Gebirgsmassiv darüber, finden wir die Ruinenreste der Falkenburg, die aber vermutlich bereits um das Jahr 1458 mutwillig zerstört wurde – wie so vieles und so häufig. Menschenabsicht – Menschenunwerk.

Die Zeit dieses Erholungsaufenthaltes verging wie im Fluge und schon sind wir wieder zu Hause, ein Jeder in seinem Ort.


hrend meiner Abwesenheit von der Schule, haben aber auch die Mitschüler nicht die gesamte Zeit hart am Unterrichtsstoff gearbeitet. Der Beweis: Sie schrieben mir Ende Januar eine große Ansichtskarte von der Klassenfahrt, die ich nun versäumt habe. Das ist aber aufmerksam und freundlich. Die Karte haben Peter Gericke und unser Klassenlehrer, Herr Gnerlich, geschrieben. Ihre Fahrt ging nach

Stalinstadt – erste sozialistische Stadt Deutschlands“,

so steht es auf der Bildpostkarte. Wie ein bisschen übermäßig stolz das klingt: Von ganz Deutschland. Und es stimmt. Aber ist das nicht auch etwas zwiespältig bald acht Jahre nach des Stalins Tod? Im vierten Jahr nachdem Nikita Sergejewitsch Chruschtschow mit dem toten Stalin, mit dem Kult um ihn und mit seiner früheren grausamen Politik aufgeräumt und abgerechnet, ja gebrochen hatte? Auch Walter Ulbricht hatte ihn damals gleich anschließend aus der Reihe der Klassiker des Sozialismus / Kommunismus genommen: Marx, Engels, Lenin und nun – ups – klafft eine Lücke. Wer schiene geeignet, diese zu füllen? Vor Jahren veröffentlichte man bereits, dass der Stählerne als Diktator, als Despot mit seinen vielen gleichgesinnten Mannen Millionen Menschen, meist völlig unschuldige Menschen, hinrichten ließ oder in die Straflager an Verbannungsorte im Fernen Osten schickte, um sie dort vorzeitig sterben zu lassen.

Und nun ganz frisch diese DDR-Werbepostkarte wie zu seinem, Stalins, hochehrenden Gedenken!

Ein schönes Bild. Ich habe es dankbar aufbewahrt. Auch Herr Johannes Robert Becher, er kannte die Probleme um Stalin, denn er lebte in Kriegsjahren auch in der Sowjetunion, hat ein großes Dankgedicht über die Leistungen des Großen Despoten geschrieben. 27 Verse dick. Und darin jubeln ihm alle des deutschen Volkes zu – egal, ob sie in Hamburg, München oder Leipzig leben, denn bald werden ja endlich alle stalinistisch-kommunistisch sein, so J. R. Becher.

Aber wie meine jetzigen Gedanken, so wird es dann auch im Laufe des Jahres 1961 bei uns soweit sein, dass verschiedene Umbenennungen stattfinden werden. Ich war da, wie's scheint, nur wieder ein bisschen arg zu vorschnell, politisch zu aufgeweckt denkend. Das ist nicht immer gut. Umbenennungen – wir kennen das ja:

Es lebte einmal ein Mensch, ach in Wirklichkeit waren es tausende Leute, in dem Städtchen Fürstenberg. An einem Morgen im Jahre 1953, wachte er wie üblich auf und wohnte von Stund an in Stalinstadt, was erstmal ein bisschen an Georgien, später aber eher an Grusinien erinnern sollte und an dessen größten älteren aber jüngst verstorbenen Sohn. Wieder reichlich sieben Jahre später, ungefähr jetzt, findet er sich (also „unser Mensch“ oder die vielen Leute ebenso) plötzlich in Eisenhüttenstadt wieder. Alles in einem kleinen Jahrzehnt und ohne auch nur einmal Straße und Hausnummer gewechselt, ohne je einen Möbelwagen benötigt zu haben. So kann das manchmal gehen. Aber irgend eine Sinnes-Verbindung zwischen dem neuen Eisen und dem alten Stahlin scheint sich aufdrängen zu wollen, scheint nicht vollends abgerissen zu sein.

An einer frischen Ansichtskarte mit altem Bild aber einem besseren neuen Aufdruck-Text zum Vergleich, mit dem neuen Namen, fehlt es noch in meiner Sammlung.


Februar:

In den Winterferien fahre ich wieder bei der Deutschen Post der DDR Telegramme, Wertsendungen und Geldüberweisungen spazieren. Bei Eis- und Schneeglätte. Diesmal mit einem Moped SR 2. Das bedeutet: „Stadtroller, 2. verbesserte Ausführung“. Die Hersteller: VEB Simson Suhl und Rheinmetall. Aus dem „Postrennstall“ wurde mir das etwas „verwürgte“ Moped Nr. 5 zugewiesen, bei dem Motorritzel und Hinterrad-Kettenblatt nicht sauber fluchteten. Man kann auch sagen: das Fahrzeug spurte nicht. Es hatte offenbar „eine schwere Jugend“ hinter sich bringen müssen. Bei diesem Moped sprang deshalb mindestens zweimal je Schicht die Kette ab. Das Hinterrad ist dann auf der Straße zu lösen, auszurichten neu zu spannen. Die schwarzfettgeschmierte Kette ist dabei mit winterlich eiskalten Händen wieder aufzulegen und nachzuspannen. Oft im Dunkeln oder unter der Straßenlaterne. Kein reines Vergnügen. Und die Telegramme müssen trotz der schwarz-ölverschmierten Finger relativ sauber bleiben, wollten weiter ausgeteilt werden. Andernfalls wäre es für die Daktyloskopen der Kripo eine Freude gewesen das anzuschauen. Die Fahrzeugwerkstatt der Post hat das reparaturtechnisch nicht hinbekommen. Wie gegensätzlich gemütlich ist doch da das Ausfahren der Pakete mit den akku-betriebenen mittelgroßen Vorkriegs-Elektro-Lkw, die leise, sauber und problemlos durch die Straßen schnurren. –

Beim Zustellen von Hochzeits-Telegrammen gab es fast immer ein so genanntes Trinkgeld – man durfte dieses auch anders anlegen. Einmal war es mir vor der Aushändigung eines Telegramms etwas eigenartig zumute, mulmig. Es war in Babelsberg, „Am Jägersteig 3“, gegenüber dem DEFA-Filmgelände. Der Briefumschlag zeigte im Dunkeln eine schwache Aufschrift – irgendetwas mit Foto... Auf mein Klingeln kam niemand. Es brauchte auch niemand zur Tür kommen, denn diese stand offen. Im Winter. In der Dunkelheit. Ich erwog schon einen Unfall oder ein Verbrechen, eventuell in einem Foto-Atelier mit obszön-schlüpfrigen Aufnahmen? Ich ging vorsichtig und verhalten hallo-rufend ins Haus. Im Wohnzimmer lag ein Mann im Sessel, die Beine weit über dem Couchtisch ausgestreckt. Meine Besorgnis konnte wieder abebben. Der Mann lebte. Der zeitweilige Nutzer dieses Hauses war der griechische Schlagersänger Perikles Fotopoulos – und er entlohnte mich „fürstlich“. Für ein einfaches Brief-Telegramm (je Wort 5 Pfennige) – 10,- Mark der DDR als „Trinkgeld“. Wau oder Wow! Das war für mich etwa ein ganzer runder Tagesverdienst zusätzlich! Dafür könnte man es schon aushalten mal öfter „einem Verbrechen auf die Spur“ zu kommen. Ich denke aber: bei seiner Gage hat er sich das leisten können – vielleicht enthielt ja das Telegramm schon seinen nächsten Auftrittstermin mit „Goldregen“. „Frau Holle lässt grüßen“, denke ich. Was sagt ihr da? Euch ist dieser begnadete Sänger momentan nicht so recht geläufig? Macht nichts, ging es mir doch eben ebenso. Das ändert sich noch. Im vor uns liegenden Jahrzehnt wird er uns in deutschem Zungengebrauch eine bunte Schlagerreihe zu Gehör bringen. Zu dieser werden gehören:

Wenn ihr noch etwas Zeit hättet, dann könnte ich die Titel für euch ja kurz mal anstimmen. –


Frühjahr 1961 * April – Mai – Juni

12. April 1961 – ein denkwürdiges Datum

Nach dem Sputnik-Schock von 1957 schon wieder ein Erdbeben oder richtiger ein All-Beben für die ganz weit westliche Welt: Am 12. April 1961 findet der erste Weltraumflug der Neuzeit statt – der sympathische Offizier Juri Gagarin (1,58 cm lang) passte in die kleine Raketenkapsel und erlebte in ihr einen ballistischen Flug durch das Weltall und überlebte gut das Wiedereintauchen in die Atmosphäre und auch die Landung. Er ist nicht nur Held der Sowjetunion – wir freuen uns genauso mit.


Welche Deutschen sind mehr gut? – und welche weniger?

In der Schule stellt uns unsere Deutschlehrerin und Direktorin Frau Wieland, also die Chefin das Aufsatzthema: Ein guter Deutscher“. Na ja. Das kann ein leichter Spaziergang sein oder auch etwas schwieriger werden. Wie man's so macht. Je nach Geschmack, nach Wissen und Zeitfonds, nach Lust und Laune. Fast alle Schüler der Klasse schreiben entweder über das Leben von Ernst Thälmann, Karl Liebknecht oder Lenin. Über Stalin jetzt also nicht mehr. Dafür gab es reichlich biografische Vorlagen, derer man sich bedienen konnte – in der Schule, in der Bibliothek. Ein Aufsatz? Die Aufgabe bestand eigentlich darin, aus dem Vorhandenen eine Anzahl geeignet erscheinender Sätze abzuschreiben. Aus diesem Grunde waren selbst Voneinander-Abschreibereien nicht verwerflich. Abschreiben – man muss ja sowieso, lebten diese Großen doch zu anderen Zeiten. Diese Kollektiv-Arbeiten glichen wohl etwa wie ein Ei dem anderen und waren fix erledigtnun, es war ja auch in jeder Quelle jeweils der gleiche Mensch aus gleicher Sicht betrachtet, da gibt es eben nicht viel an Unterschieden. Das Lesen des stets Wiederkehrenden wahrscheinlich etwas langweiligst, einschläfernd. Die Ergebnisse waren im Durchschnitt mit sehr gut oder gut bewertet. Die Schüler hatten „die Spielregeln zur Anpassung an das Übliche“ beachtet. Ich hatte es erst mir und dann der Chefin erheblich schwerer gemacht. Bei der Rückgabe der Aufsätze lag meine Arbeit zuunterst. Sie bedurfte einer intensiveren Auswertung vor der Klasse, denn ich hatte Dr. theol. Martin Luther gewählt, über diesen geschrieben. Hui, so etwas sollte man sich vorher reiflich überlegen. Zwar waren Ausdruck und Form 1 aber der Inhalt ... der Inhalt. Da war ich in ein Erd-Wespennest getreten und hatte die Königin getroffen. Der Inhalt – weniger die inhaltliche Darstellung aber überhaupt über solch ein Leben schreiben! Nein! Was konnte man daran als „gut“ bezeichnen? Gab es da überhaupt etwas in gewünschter Art? Den neuen zusätzlichen Inhalt oder Anhang zu meinem Aufsatz: 1½ A 4-Seiten Aufklärung in roter Tinte. Das hat aber Arbeit bedeutet! Diesen trug die Lehrerin laut vor der Klasse vor: Schon Luthers Vater war ein ausbeutender, vorkapitalistisch blutsaugender Kupferbergwerksbetreiber im Mansfeldischen, Martin Luthers soziale Herkunft deshalb bereits nicht als gut bezeichnet werden könne. Und dieser Sohn, weder Handarbeiter noch Bauer, sondern ein Mönch und Prediger, habe den Bauernkrieg mit angezettelt aber als ein sich anbiedernder Diener der Junker trotzdem keine Revolution gewollt, sondern nur eine weiche Reformation in ungreifbaren, unnützen Glaubensfragen. Luther habe gegen diese Kampfeswilligen gewettert, habe die Sache der Bauern verraten sein Beitrag sei nicht vom kollektiven Klassenkampf getragen worden, ihm sei es nicht um das Wohl der Arbeiter und Bauern gegangen usw. usf. – Thomas Müntzer, auch ein Mönch und Prediger, hingegen ... war ein Kämpfer für Gerechtigkeit und Frieden. –


Gut! Ich war als laienhafter Schüler eben davon ausgegangen, dass nicht Luther die Bauern in eine Schlacht geführt hatte, in der ihre Leben aufgerieben wurden, sondern der Thomas Müntzer.

Luther hatte sich wider einen mistgabelbewaffneten Kampf der Bauern gegen fürstliche Kanonen gestellt. Er hatte die Unterlegenheit der Bauern im Voraus erkannt. Gewiss war er selbst sehr wohl vom Fürsten (Friedrich der Weise) abhängig, der ihm ja auf der Wartburg Schutz geboten, der sein Leben gerettet hatte.

Luther hatte ohnehin nie eine Revolution des Volkes im Blick, sondern ausschließlich die Reformation der Kirche beabsichtigt. Ich dachte, er hätte viel für die deutsche Sprachentwicklung getan, dabei viele verfeinernde Worte erfunden, die wir heute gebrauchen, hätte gegen Betrug und Wucher, gegen den Ablasshandel zum Sündenerlass durch Bußgeldzahlung gearbeitet, sei einer der maßgeblichen Bibelübersetzer gewesen und hätte mit/nach der Reformation auch einiges für die Bildung des Volkes getan.

Richtig – ich habe unter anderem eingesehen – aber schon vorher gewusst: Luther war weder ein guter Sozialist, noch ein aufrechter Kommunist. Er war darüber hinaus kein fehlerfreier Mensch.

Weil er eben kein „Guter“ war, hatte ich somit das Ziel des Aufsatzthemas etwas sehr weit verfehlt. Was ich hier eben aufschrieb ist eine nur sinngemäße Wiedergabe, denn den untauglichen Aufsatz zerriss ich mitsamt dem langen, gewiss mühevoll verfassten, wirklich durch und durch roten Zusatztext. Weil ich der Chefin nicht weh tun wollte, tat ich es aber erst nachdem sie uns den Rücken gekehrt und den Klassenraum verlassen hatte. Insgesamt habe ich bei der Bearbeitung dieses Aufsatzes und bei dessen Auswertung aber erheblich mehr vom Leben – für das Leben gelernt, als hätte ich beispielsweise aus einer vorgedruckten Biografie nur schnell einige Passagen zum bekannten Leben von Ernst Thälmann übernommen.


Ein Blick in die Zukunft: Als die DDR 1983 das Luther-Gedenkjahr, 500 Jahre Wiederkehr des Geburtstages, feierlich begeht, wird mir das gesamte Thema und die damalige Situation wieder deutlich vor Augen stehen. Ich erinnere mich dann zwei Jahrzehnte später lebhaft jener Schulszene, die mir gemacht wurde. Und jetzt (1983) im gleichen Staatsgefüge in diesem Punkt nun scheinbar alles völlig verändert: Ehrung eines der besten Söhne des Volkes, dem leidenschaftlichen Kämpfer für den Fortschritt“ usw. Was wurde da für ein stattlicher staatlicher Aufwand betrieben – mit Büchern, Vorträgen, im zeitlichen Vorfeld sogar mit der Sanierung vieler Bauten, in die der Luther vielleicht 'mal 'reingeguckt hatte. Gedenkbriefmarken und verschiedene Münzen, dazu auch Medaillen werden herausgegeben. Kurz: Martin Luther hinten und Dr. Luther vorn.



Von der Parteien Gunst und Hass verwirrt, schwankt sein Charakterbild in der Geschichte.“


Friedrich Schiller

Aus dem Prolog zum Wallenstein



Ach, Herr Dr. med. Schiller, wieso benötigt man dazu das Widerstreiten mehrerer unterschiedlicher Parteien? Wir sind da schon viel weiter. Bei uns kann das eine Partei ganz alleine.

Mein damaliger Aufsatz war wohl wieder nur um zwei Jahrzehnte zu früh geschrieben?

Oder aber waren Sinn und Zweck des ganzen Gedenkjahr-Spektakulums letztendlich, die eigene staatliche Wendehalsigkeit (für die Zeitspanne eines Gedenk-Jahres) zu ehren, zu feiern und um Devisen-Touristen einzuladen, um mehr Anerkennung vom westlichen Ausland zu erlangen?

Mal sehen, was da noch so alles auf uns zukommen mag an „auf und nieder“ – 2016 werden wir dann 500 Jahre Reformation begehen. Die Wechselfälle im Leben sind ja so 'was von spannend.


Schade, dass Erwachsene, beispielsweise aus dem Kreis jener, die uns in der Schule führen, mitunter so verkniffen sind, humorarm, freudlos, „selbstbewusst-verunsichert“ waren oder resigniert hatten, so dass wir mitunter zwischen Vormittag und Freizeit unterschiedliche Sprachen und Verhalten ausformten, um nicht anzuecken, in „Fettnäpfchen“ oder „Wespennester“ zu treten.


Unser Lehrermangel ist chronisch. Republikflucht, mal eine Schwangerschaft und auch mal ein Schnupfen gehören zu den bekannten Hindernissen. Für mich bringt dieser Zustand eine Auszeichnung: Ich darf einige Stunden Biologie in der 8. Klasse geben, obwohl wir Schüler haben, die einen wesentlich höheren Zensurendurchschnitt aufweisen als ich, denn ich liege eher im Mittelfeld. Der Stoff war mir ja bekannt und nach meiner gründlichen Vorbereitung machte mir das großen Spaß (es hätte öfter sein können) und den eigenen Unterrichtsausfall holte ich spielend nach. Mein vorheriger „missratener“ Deutschaufsatz war für unseren Bio- und Klassenlehrer kein ideologisches Hindernis für solchen Einsatz. Hätte ja sein können – eher wertete ich diese als einen Vertrauensbeweis – zum gegenseitigen Vorteil. Danke.


1. Mai 1961. Nach der offiziellen machtvollen Kampfdemonstration begehen wir innerfamiliär das 35-jährige Bestehen des Geschäfts der Eltern. Trotz aller Material- und sonstigen Schwierigkeiten wird der Tag stets festlich begangen und es entsteht auch wieder ein Familienfoto, wie alle fünf Jahre.


Eine große Neuerung: Unser Klassenlehrer berät mit uns (Peter Gericke und mir) als Vertreter des Gruppenrates gemeinsam bei sich zu Hause die Formulierung für die Beurteilungen der Schüler für die Jahreszeugnisse.


Am 15. Juni 1961, zwei Wochen vor seinem 69. Geburtstag, hält Walter Ulbricht wieder mal eine Pressekonferenz. Zu seinen Ausführungen fragt die westdeutsche Journalistin Annamarie Doherr von der Frankfurter Rundschau zu „gewissen Planungen“ in der DDR: „Bedeutet Ihre Absicht der Bildung einer >freien Stadt< (Berlin), dass die (DDR-) Staatsgrenze am Brandenburger Tor errichtet wird?“

Und der Staatsratsvorsitzende Ulbricht antwortet darauf – anscheinend nicht so recht passend – aber er wollte offenbar seinen Punkt wohl unbedingt hierbei >unterbringen<:

Das ist eindeutig! Recht so. So soll man es den Leuten beibringen damit sie es verstehen!

Sommer 1961 * Juli – August – September

Juli 1961: Unsere herrliche Klassenfahrt an die Ostsee, nach Lieschow.

Die Fahrt unserer beiden Klassen 9a und 9b. Ich bin in der b-Klasse der Babelsberger Schule 17.

Auf zur Ostsee! Auf nach Rügen! Wir fahren nach Lieschow/Ummanz am Kubitzer Bodden.

Der Weg führt uns durch Stralsund, über den Rügendamm, Altefähr, Ramin und Gingst, nach Lieschow auf der Halbinsel Lieschow.

Lieschow ist eigentlich kein zusammenhängendes Dorf, sondern eine Anzahl von Wegen, an denen vereinzelt einige einsame Gehöfte liegen und deren Häuser stehen. Die Straßen oder eben besser die Wege, die durch die Landschaft führen, haben keine Namen. Sie heißen so, wie die Grundstücks- oder Haus-Nummern der Gehöfte, also zum Beispiel: „Lieschow 12“, steht auf einem solchen Straßenschild – bei den anderen sinngemäß ebenso. Aber eben etwas anders.

Ansonsten flaches Land bis zum Wasser, saftige Schwachsalz-Wiesen und ein hoher Himmel.

Die Postanschrift „Schule Lieschow/Ummanz“ ist für den Laien schon etwas verwirrend, denn die gesamte Halbinsel heißt Lieschow, die zu Ummanz im Norden der Halbinsel gehört. Andererseits gibt es benachbart noch die große Halbinsel Ummanz, mit einem Dorf gleichen Namens darauf. Die Postboten aber sind irgendwie wissend! Post kommt bei uns an. Das ist leicht: wir Fremdlinge tragen ganz andere Namen als die wenigen bekannten Eingeborenen.

Wir wohnen also in Lieschow auf dem Grundstück der Schule. Es ist ein kleineres Haus, so ähnlich wie in Babelsberg die Nowaweser Weberhäuser. Des Weiteren steht dort ein Stallgebäude und im Hof oder Garten eine Turnhalle, die größer ist, als die gesamte Schule. In dieser Turnhalle leben/schlafen wir auf die aneinander auf den Fußboden gelegten alten Seegras-Matratzen und auch Luftmatratzen, gerade so wie der Vorrat reichte. Wir haben graue und braune Decken dazu. Es geht recht gut so.

Am Morgen des ersten Tages gingen wir, eine kleine Gruppe, vor dem Frühstück los, um schnell mal nach Badestellen und guten Fotomotiven Ausschau zu halten. Das Gelände wurde immer unwegsamer, die Sonne meinte es gut und die Insekten hatten genau solch einen Appetit wie wir. Allerdings waren wir erst wieder zur Mittagszeit in der Schule. So war das nicht geplant aber der uns führende Lehrer kannte sich im weitläufigen Gelände eben so aus wie wir. Am nächsten Tag, dem Sonntag, liefen wir alle zur Heuinsel hinüber. Dazu wateten wir etwa eine Stunde durch das hüfthohe Wasser des Boddens. Auf dem Rückweg überraschte uns ein kräftiger anhaltender Regen aber wir konnten Zuflucht in einer Scheune nehmen. Anschließend waren die aufgeweichten lehmigen Wege zu glitschig, um zügig voran zu kommen.

In romantischer Abendstimmung: Aus dem Kofferradio eines der Dorfjungen tönt gerade Connie Francis: „Schöner fremder Mann“ und Sigrid durfte sich auf der nächtlichen Straße mal eine Runde auf seinem Jawa-Moped versuchen. Gewiss so ähnlich wie Connie woanders.

An einem weiteren Tag fuhren wir zum Kap Arkona und besichtigten den Kreidefelsen „Königsstuhl“ und die anderen Steilküsten-Abschnitte der „Stubbenkammer“. Auch den Sassnitzer Fährhafen bekamen wir zu sehen. Von Schaprode aus schipperten wir sogar zur Insel Hiddensee hinüber und wanderten dort eine Strecke. Zur Insel einige Notizen:

Die Insel Hiddensee gehörte bis 1815 zu Schweden, war Ausland mit einer für uns fremden Amtssprache. Um 1800 zählte man auf der Insel 800 Bewohner. Davon waren mehr als die Hälfte erbuntertänig = Leibeigene und damit an den Gutsherrn und seinen Festlegungen gebunden – sie waren Mägde und Knechte, hatten Frondienste zu leisten. Nur wer Geld hatte konnte sich
freikaufen – aber dieses Geld (50 bzw. 30 Taler) hatte ja niemand. Nach 1815 wurden diese Menschen durch Aufhebung der Leibeigenschaft erlöst.

Kloster: Das Kloster besteht nicht mehr. Der Ort Kloster erhielt 1912 das Hotel „Zum Dornbusch“. Auf dem Nordteil der Insel, dem Dornbusch, steht auch der Leuchtturm.

Vitte: ... ist eine mittelalterliche Bezeichnung für einen Verkaufsort, eine gewerbliche Niederlassung – wahrscheinlich bestehend aus Schuppen zur Fischverarbeitung. Vitte ist der größte Ort auf der Insel. Als Dauergäste hatten hier der Holzgroßhändler und Hobbymaler Oskar Kruse und seine Frau zwischen 1900 und 1920 die Sommerurlaube verbracht. Sie hatten 1903/04 die „Lietzenburg“ gebaut. Auch dessen Bruder Max Kruse war mit seiner zweiten Frau Käthe, der Gestalterin der „Käthe-Kruse-Puppen“, oft hier. Gerhart Hauptmann war in der Zeit zwischen 1885 und 1943 häufig zu Gast auf Hiddensee, aber auch abwechselnd im Riesengebirge und in Italien, wohnte hier im Insel-Hotel mit Thomas Mann zusammen. Am 06. Juni 1946 starb Gerhart Hauptmann und er wollte hier, wo er sich erholte und viele seiner Werke schuf, bestattet sein. Wir haben sein Grab auf dem Friedhof in Kloster besucht.

Der Trog“ zwischen Schaprode und der Hiddenseer Fährinsel soll vor dem Ausbaggern bei günstigen Witterungsbedingungen durchlaufbar gewesen sein. Darauf weist auch der Name hin: Das slawische „Sza broda“ bedeutet „bei der Furt“.

Neuendorf entstand auf der alten, wüst gewordenen Ansiedlung namens Glambeke.

Plogshagen: Der Hagen war eine mit Zaun oder Hecke eingefriedete Fläche, die einem Mann namens Plog gehörte. – das habe ich später in dem Buch von Herrn Arnold Gustavs „Die Insel Hiddensee – ein Heimatbuch“ noch einmal gründlicher nachgelesen, und gedanklich vertieft. –

Am Rostocker Hafen sahen wir ein Schiff mit 10.000 BRT (Brutto-Register-Tonnen) vom Typ „Frieden“. Wir hatten schöne, inhaltsreiche Tage an der Ostsee.


13. August 1961

Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten“, hatte der höchste Repräsentant des Staates, Walter Ulbricht am 15. Juni ungefragt der Welt erklärt und damit vorerst den festen Begriff „Mauer“ für den weiteren Ausbau der Grenzbefestigungsanlagen der DDR geprägt. Alles das hatte sich so angehört, als hätte er seinen markanten Worten vorangestellt: „Ich schwöre und gelobe“.

Nur zwei Monate später, am Sonntag, den 13. August 1961 war es dann schon soweit:

Ab 1 Uhr in der Nacht begann die Nationale Volksarmee der DDR eine rund 145 km lange Grenzbefestigung um West-Berlin zu ziehen. Die vor kurzer Zeit von Ulbricht erwähnte aber von ihm völlig ausgeschlossene Mauer wird gebaut! Die Grenze wird geschlossen, um uns vor den West-Berlinern und vor den „Bonner Ultras“ mit ihren gegen die DDR lang gehegten Blitzkriegsplänen zu schützen, so sagt man uns.

Walter Ulbricht erhält einen weiteren Spitznamen: „August, der XIII.“

Die Mauer“ wird seitens der DDR-Führung inzwischen, nach neuer Überlegung, aber nun als „Antifaschistischer Schutzwall“ betitelt. Jeder, der nicht allzu verblendet ist, weiß natürlich, dass sich Mauer und Waffen im Wesentlichen gegen die eigene Bevölkerung richten, um die unwahrscheinlich starke Fluchtbewegung aus dem Lande zu stoppen, also nicht mit vernunftgeführten Inhalten, sondern erneut mit Gewalt.

Diese Grenze zwischen beiden deutschen Staaten wird etwa 1350 km lang sein, später auf der Ostseite vermint und mit Selbstschussanlagen ausgestattet. Man schätzt, dass der Bau der Grenzanlagen das Land etwa 10 Milliarden Mark gekostet habe und etwa 60.000 Arbeitskräfte gebunden, die in der landwirtschaftlichen oder der industriellen Produktion fehlten.


Wie war es doch gleich mit der Wahrheitsliebe unserer DDR-Staatsführung? Oder sollte das eher in das Schubfach „durchdachte Strategie und Taktik“ eingeordnet werden?

Wir als Schüler werden indessen natürlich weiterhin „hübsch“ zu sozialistischer Wahrheitsliebe erzogen, sofern wir diese nicht ohnehin vom Elternhaus mitbekommen haben.


Das allseits bekannte Lied der Arbeiterjugend:

Wir sind jung, die Welt ist offen,

oh, du schöne weite Welt. Unser Sehnen, unser Hoffen ...“


wird nun leider auch nicht mehr gesungen, weil wohl ein trauriger Spott befürchtet wird,

dabei ist es gar nicht nötig, damit hinter dem Berge zu halten, denn ...


Unser Sehnen, unser Hoffen geht (nämlich nur hinaus) hinaus in Wald und Feld.“...


...der heimatlichen Natur. Von Italien-Urlaubswünschen hat hier niemand etwas geäußert.


Helle Aufregung in der Schule am 1. September, an unserem ersten Schultag. S. und U. sind nicht zur Schule erschienen. Nein, plötzlich gemeinsam erkrankt sind sie nicht. Nach kurzer Zeit wird die Ahnung, das Gerücht zur Gewissheit. Auch sie haben dem sozialistischen Vaterland den Rücken gekehrt, befinden sich nicht mehr auf dem Boden der Republik. Bald wird gemunkelt, dass sie wohl auf den Wagen eines Interzonen-Güterzuges aufgesprungen seien ... aber was davon wahr ist, weiß niemand von uns. Auf jeden Fall gab es Quellen, aus denen etwas sickert, was sich auch viel später bestätigen wird. Wir sehen sie in unserer Klasse nicht wieder. Auch in den nächsten 28 Jahren des Mauerbestehens nicht – aber nach rund 35 Jahren wird es dann soweit sein – ein Wiedersehen beim Klassentreffen der inzwischen älter gewordenen Jugend.

Noch in der Woche nach dem 13. August verlässt Klaus die DDR im Geschwindschritt über die prinzipiell schon gesperrte Glienicker Brücke zwischen Potsdam und West-Berlin. Diese trägt auf der Potsdamer Seite – für ihre halbe Länge – hämisch den Namen „Brücke der Einheit“. Klaus grüßt dabei so selbstverständlich forsch die wachenden und die bauenden Soldaten, dass ihn niemand aufhält.

Der bereits etwas ältere Herr Karl Z., der bisher in einem Westberliner Reisebüro tätig war, erhält bald eine Stelle im Potsdamer Reisebüro in der Otto-Nuschke-Straße zugewiesen. „Eine völlig andere Berufswelt“, sagt er bedrückt. Viel mehr sagt er nicht. Sieht aber unglücklich aus, obwohl er doch nicht mehr so weit zur Arbeit fahren muss.

Es ist in diesen Fällen des Grenzgängertums „gut gegangen“ – und manchmal weiß man, und so auch ich, überhaupt nicht warum, unter welchen so sehr unterschiedlichen Einflüssen, Bedingungen oder Unterlassungen. „Schicksal“?, „Glück gehabt“? Was ist „Zufall“?


Für meine Interessen zerlege ich nun mein Moped „SR 1“ in seine Einzelteile. Es wird umgebaut. Eigentlich hatte ich mir den Sattel einer MZ und einen Tank der Sport-Awo gewünscht – aber nicht bekommen; insbesondere nicht den Erfordernissen entsprechend preisgünstig – Es erhält daher ersatzweise eine Sitzbank vom Motorroller „Wiesel“ und den Tank des Motorrades Touren-Awo, einen Motorradlenker, eine wesentlich größere rote Rückleuchte sowie eine Auspuffrohr-Verlängerung, die bis über den Durchmesser des Hinterrades reicht, so dass der Reifengummi keine Benzin-Öl-Abgase mehr abbekommt. Für die jüngeren Leser: „AWO“ heißt hier nicht Arbeiterwohlfahrt, sondern ist die Abkürzung von „AWTOVELO“, einer russischen Bezeichnung für die Sowjetisch-DDR-Zweirad-Fahrzeug-Aktiengesellschaft, die in der schönen thüringischen Stadt Suhl ihren Sitz hatte – in den Fabrikanlagen des früheren privaten Betriebes der Familie Simson.

Die notwendigen Schweißarbeiten hat mir mein väterliche Freund, der gutherzig-wortkarge Schlosser-Meister Erich Quast, in seiner Werkstatt der Fultonstraße 5, kunstvoll erledigt. Das Ganze, also das Moped, lasse ich mir von der Galvanisieranstalt Traue in der Potsdamer Jägerstraße 40, vom bisherigen Farbton „Milchkaffee“, nach dem Sandstrahlen auf metallic-weinrot („metallisch irisierend glänzend“) umspritzen und den Lack einbrennen. Die Räder dagegen lackiere ich weiß. Dieses Aussehen ist wohl einmalig für ein Moped in der DDR. Natürlich wurde ich im Laufe der Zeit mehrmals von der Deutschen Volkspolizei der DDR kontrollierend angesprochen aber diesbezügliche Gespräche machten mir Spaß, da der Umbau in den Fahrzeugpapieren selbstredend als genehmigt vermerkt war.


Erntefreuden

Bald nach den zurückliegenden acht Wochen Sommer-Ferien, kam Ende September schon wieder eine Abwechselung in den Schulalltag: Die „Kartoffelferien“. Von der Schule holte uns ein Lkw ab, der uns bis zu den Kartoffeln brachte. Eine lustige Zeit. Morgens ist die Erde noch taufrisch, da gibt es schnell Niednägel an den Fingern. Mit dem Klettern der Sonne wird der graue Sand, die so genannte Mutter-Erde unseres Vaterlandes, dann immer feiner und staubiger. Die Mittagsmahlzeit nehmen wir am Feldrain ein. Es ist eine herzhafte Kost, aus Eintöpfen bestehend.

Für eine Kiepe mit 25 kg Kartoffeln gab es 10 Pfennige für das Einsammeln, das heißt erst Abschnitte von einer Papierrolle, nein, von einer viel schmaleren (vom Typ „Kinokarte“), die dann am Abend in lustig klingende Münzen umgewandelt wurden.

In diesem Schuljahr sind wir zum Unterrichtstag ESP, „Einführung in die sozialistische Produktion“, bei den VBMW in der Gartenstraße beschäftigt. Nein, nein, der Betriebsname VBMW hat nichts mit „Volkseigene Bayerische Motorenwerke“ zu tun. Die Abkürzung hat vielleicht ein zweideutelnd Listiger erfunden. Es sind die „Vereinigte Babelsberger Mechanische Werkstätten“. Hier werden vielerlei Produkte hergestellt, auch Fahrpreisanzeiger für Taxis, so genannte Taxameter. Das sind spezielle „Uhr“-Werke, die nach der Voreinstellung per Hand auf: „Stadtfahrt“, „Landfahrt“ und „Anzahl der Fahrgäste“, bei Bedarf auch auf „Nachttarif“ oder „Stillstand / Wartezeit“, dann die Fahrkosten ständig fortlaufend berechnen und dem Fahrgast gut lesbar anzeigen. So kann er seinen Fahrtwunsch rechtzeitig kürzen, wenn er vor Augen hat, dass sein Geld bald zu Ende geht. Äußerlich ähnelt das Gerät einem Elektrozähler-Gehäuse, ist aber innen weitaus komplizierter. Wir sind in der Montage der gröberen Bauteile eingesetzt, um die Grundlagen des Produktionswesens kennenzulernen. Die Taxi-Autos oder Miet–Kraftdroschken, wie man früher sagte, sind einheitlich schwarz und unter den Fensterscheiben waagerecht mit einem umlaufenden schwarz-weiß-„karierten“ Band umgeben. Also: Band oder Streifen ist nur sinngemäß gemeint – der schwarz-weiß-Wechsel ist in der Lackierung enthalten. Eigentlich sind ja nur weiße Quadrate aufgebracht, weil ja der Untergrund bereits schwarz ist. Taxis sind stets schwarz.


Herbst und Winter 1961 * Oktober – November – Dezember

Nun heißt es Ausbildungspläne für einen späteren Beruf schmieden. In knapp einem Jahr ist es schon soweit. Es soll ja etwas mit Tieren sein. Im Park von Sanssouci steht die „Villa Liegnitz“, in der das Zo-ologische Institut untergebracht ist. Das hört sich ja schon gut an. Logisch. Von dort bekomme ich das Angebot einer Ausbildung zum Präparator. Dafür sei ein Ausbildungsplatz und für später auch eine gute Stelle frei. Mutti war mit mir zum Bewerbungsgespräch dort – der Professor hat uns alles ausführlich gezeigt. Viel Zeit aufgewendet. Ich will nicht undankbar sein – aber nein – zwar handelt es sich sehr wohl um Tiere aber diese sind mir doch schon viel zu tot. Man kann weder mit ihnen reden, noch ihnen 'was Gutes tun. Das allein kann mein berufliches Lebensziel nicht sein.

Also weitersuchen: Eine Veterinär-Techniker-Ausbildung in Rostock wäre möglich. Tierarzt scheint vielleicht etwas zu hoch gestochen – für beide Studienrichtungen benötigt man als Voraussetzung aber eine abgeschlossene landwirtschaftliche Ausbildung mit Tierhaltung.

Die nächste Ausbildungsstätte für die Landwirtschaft ist in Großbeuthen, im Kreis Zossen, knapp 25 km von Babelsberg entfernt. Eigenartig: Zum Ende des 8. Schuljahres war es, als unsere Klasse sich in drei Gruppen gliederte: 1. Abgänger aus der Achten. 2. Weiterverbleibende in der Schule bis zum 10. Schuljahr und 3. wenige, die zu einer erweiterten Oberschule (EOS), also zur Helmholtzschule oder in die Humboldtschule gehen wollten und durften. Damals sagte mein Banknachbar Edwin, dass er nach dem Abgang von der Achten Landwirt werde. Bauer. Das lag mir damals gedanklich noch gar nicht nahe. Heute stehe ich selbst vor dieser Frage und sie scheint mir willkommen.


30. Oktober 1961. Es starb im Pflegeheim, in der Potsdamer Holzmarktstraße 5, Tante Helene Runge, geborene Beerbaum, die Frau von Carl Robert Runge (Seemann und Elektriker), in ihrem 92. Lebensjahr. Geboren war sie in Biesenthal am 13. April 1870. Ihr Vater war Eduard Beerbaum.

Helene Runge hatte dort im Alten- und Pflegeheim schon Jahre fest im Bett gelegen. Ihr Sohn, unser Onkel Hellmut, wohnt allerdings seit Jahren „nebenan“ in West-Berlin, konnte und durfte nach staatlicher Festlegung die Mutter deshalb weder besuchen, auch nicht zum 90. Geburtstag, noch bei ihrer Erkrankung. An der Beerdigung durfte er ebenfalls nicht teilnehmen. Es gab für ihn von der DDR keine Einreisegenehmigung. Weil er vor vielen Jahren seinen Wohnort von Babelsberg nach Westberlin (seinen Geburtsort) verlegt hatte, hätte man ihn lieber heute noch wegen Republikflucht, was offiziell Verrat an der Arbeiterklasse bedeutete, eingesperrt. Die innerdeutsche Grenze ist für Normalbürger undurchdringlich, unüberwindbar.

Das Haus Holzmarktstraße 5 ist das zweite Gebäude in der der Straße, weil die Bauten 1 bis 3, zur Stalinallee // Berliner Straße hin, zerbombt sind. Dort finden wir eine grüne Brachfläche. Tante Helene hatte nebenan bei uns in der Rudolf-Breitscheid-Straße 45 (im „Weberhaus“ des Herrn Wagner) den Laden „Schöne Spielwaren – Hellmut Runge“, zusammen mit ihrem Sohn, dem Cousin meiner Mutter, bewirtschaftet. –


Hätten meine Großeltern auch ein so langes Leben gehabt wie Tante 'Lene, hätte ich viel mehr von deren Familien erfahren können, aus diesen Leben.


Im Kino sahen wir den westdeutschen Farbfilm: „Das Wirtshaus im Spessart" (nach Wilhelm Hauff) mit Liselotte Pulver als gräfliche Comtesse und auch als Räuberhauptmannsbursche. Ist die süß.


1962 – mein 16. Lebensjahr * Winter: Januar – Februar – März

Hali-Hallo. Wir haben in der Schule schon wieder einen Musikpädagogen zu begucken!! Einen weiblichen! Eine Musiklehrerin.

Frau Wils, groß, blond und kräftig, will uns in das klassische Liedgut einführen, gibt sich viel Mühe und spielt uns gern Arien vom Tonband vor. Das Gerät ist ein „Smaragd“, mit Dioden bestückt, etwa 15 kg Masse. Sie benötigt für den Transport einen Geräteträger. Wir haben es leicht, denn die Arien brauchen wir nicht nachsingen – nur aufmerksam zuhören sollen wir und Verständnis entwickeln. Für den Beginn einer Notenkunde scheint es nach unseren vielen Musikausfällen angesichts dieser schmalen verbleibenden Restzeit zu spät. So nutzen verschiedene Schüler die Zeit leider für Unsinn, für Unruhe und machen auch dieser Lehrerin das Leben schwer. Auch sie meint es mit uns gut – bis auch sie diese Klasse kaum noch aushält.


Nach den Unterrichtstagen der Einführung in die sozialistische Produktion bei VBMW, sind wir die zweite Hälfte des Schuljahres im dort benachbarten VEB Apparatebau (Physikalische Prüf- und Messgeräte - Laborgeräte, Potsdam-Babelsberg, Gartenstraße 2-10) beschäftigt. Hier spezialisiere ich mich sofort auf das Anfertigen der Lichtpausen von den technischen Zeichnungen. Den starken Ammoniakgeruch des Entwicklergases, ja das gesamte prinzipielle Arbeits-Verfahren bin ich ja vom Privatbetrieb der Eltern zu Hause gewohnt und brauche nicht erst angelernt werden. Die Belichtungszeit wird hier allerdings von der Stoppuhr abgelesen. Das ist insofern unpraktisch, weil man die Zeitdauer immer nachschauend prüfen muss, also nicht akustisch gerufen wird, wenn die Belichtungszeit zu Ende ist. In dieser Zeit kann man also nichts tun, was vielleicht etwas Konzentration erfordert. Ich verrate euch mal ein Geheimnis: Mein Vater hat eine „klingelnde“ Belichtungszeit-Uhr, eine so genannte Zeitschaltuhr von 1925. Die ist aber fest installiert und ich kann sie leider nicht mitbringen, um sie als sensationell neue Apparatebau-Erfindung vorstellen. Die Belichtungszeit dauert hier außerdem erheblich länger, als im Betrieb meines Vaters – bei ihm mit der gleißend hellen Kohlestab-Lichtbogenlampe – hier im Apparatebau mit Glühlampen (so wie in der Medizin der Lichtkasten) und auch können hier nicht viele Originale zeitgleich vervielfältigt werden. Daher dauert alles recht lange. Kein Geheimnis ist es also, dass diese Arbeitsweise 1962 hier im staatlichen Betrieb rückständiger ist, als die Ausstattung in unserem kleinen privaten Familien-Betrieb mit dem Stand der Technik der 1920-er Jahre. Aber immerhin – es geht. Am liebsten hätte ich diese Ganztags-Arbeitsaufträge mit nach Hause genommen und dort in kurzer Zeit erledigt, aber – das geht nicht. Die Ruhe, in den Wartezeiten irgendetwas zu lesen, hat man aber auch nicht und wir sollen ja nichts lesen, sondern 'was lernen. Beispielsweise üben: voller Interesse das Wandern des Uhrzeigers auf dem Zifferblatt der Stoppuhr zu verfolgen. – Da könnte man doch noch besser ein Taxameter aus dem benachbarten VBMW zu einem Kurzzeit-Rufwerk ergänzen, um das System komfortabler einzurichten, wenn man schon einer Eieruhr nicht traut. Die Chefs der Nachbarbetriebe sollten sich mal darüber unterhalten – was ihren Betrieben zum gegenseitigen Vorteil gut tun würde. Also „studiere“ ich während der Wartezeiten die technischen Zeichnungen die ich pause und lerne dabei manches was andere Leute im Betrieb machen aber meine Mitschüler nicht zu Gesicht bekommen. Einen leichten Anschnauzer habe ich trotzdem gleich am Anfang eingefangen, weil ich die Stoppuhr als wertvolles Messgerät auf dem mit rotbraunen Laborfliesen belegten Tisch abgelegt hatte, statt besser auf ein herumliegendes Stück Pappe als Zwischenlage. Schlechtes Gewissen meinerseits, doch wer sollte das wissen? Eine Anleitung gab es vorher nicht. Die Fliesen sind superglatt – beschädigen die Uhr nicht und die Temperatur ist auch die gleiche, die Fliesen sind nicht kälter. Nun habe ich mir für die Uhr ein kuschelig gelbes Staubtuch von zu Hause mitgebracht, damit die Uhr es gut hat und sie weich liegend, ordentlich arbeitet. Und der Ausbilder war bei diesem Anblick versöhnt – obwohl ich sein olles abgefetztes Stück Pappe missachtet und es ihm dankend zurück gegeben hatte. Es ist alles gut.

Am Ende des Schuljahres erhalte ich vom Betrieb dann für vorbildliche Arbeit eine Buchprämie: „Haustiere – Gefährten des Menschen“, Deutscher Bauernverlag 1959, über Tierhaltung – das lässt erkennen, dass unser Klassenlehrer Fritz-Peter Gnerlich bei Auswahl und Einkauf wohl sehr maßgeblich beteiligt war.


14. Januar 1962. Sechs Jahre nach der Bundesrepublik erlässt die DDR nun auch ein Wehrpflichtgesetz. Der Dienst und der Fahneneid werden zur Ehrenpflicht: „Ich schwöre der DDR, meinem Vaterland allzeit treu zu dienen und sie auf Befehl der Arbeiter- und Bauernregierung gegen jeden Feind zu schützen.“ Das Gesetz war wichtig, weil die Anzahl der Jugendlichen kriegsbedingt zahlenmäßig schwach war und von denen dann auch noch alleine bis 1961 etwa 15% in den Westen geflohen waren, so dass nicht genug junge Männer als Freiwillige geworben werden konnten. Natürlich waren vonseiten Walter Ulbrichts dazu vorher diplomatische Verhandlungen mit der Sowjetunion erforderlich, die bei N. S. Chruschtschow Zustimmung gefunden hatten.


Februar 1962: In den Winterferien unsere letzte gemeinsame Klassenfahrt. Nach Jena geht es, ins Thüringer Land. Das Gros fährt mit der Bahn aber unser Lehrer Herr Pianowski, der so genannte Russisch-Schreck der Schule, hat neben dem Gepäck in seinem feuerwehrroten „Trabant 500“ zwei Schülerplätze frei. Es steht also ein Angebot und Herr Pia, er sieht Lenin in dessen Jugend entfernt sehr ähnlich, weiß nicht so recht: Schüler können eine Belastung sein aber in Notfallsituationen – man will solche ja nicht herbei reden – eventuell auch eine Hilfe. So „bewerben“ sich Frank und ich bei ihm. Der Handel ist schnell unter Dach und Fach. Wir drei fahren vornehm mit dem Auto, der große Rest der Klasse mit Herrn Gnerlich und einer Lehrerin fröhlich mit der Bahn. Kaum haben wir mit dieser „kleinen Feuerwehr“ die Autobahn erreicht, fällt die Heizung des Autos aus. Wir durften hinfort weder schwitzen noch atmen, denn jegliches wässerige Kondensat gefror sofort innen an der Scheibe und ich, als körperlich Größerer, vorne Sitzender, hatte ständig zu tun, die Kristalle von der Scheibe abzukratzen, damit unser Fahrer etwas sehen konnte. Aber auch mein emsiges Schaben in seinem Blickfeld schränkte sein Sehen stark ein. Zum Glück ging es die rund 250 km von Haus zu Haus auf der zweispurig breiten und beinahe leeren Autobahn eher gemächlich entlang.

Unser Aufenthaltsort für die nächsten Tage ist die Jugendherberge „Grüne Tanne“ in Jena. Unser Hiersein kostete 80 Pf = (0,80 Mark), inclusive Bettwäsche, pro Übernachtung.

Am Tage nach der Ankunft fuhren wir gen Weimar auf den nahen Ettersberg, um die Nationale Gedenkstätte, das ehemalige Konzentrationslager Buchenwald, zu besuchen. Hier wurden viele unschuldige Menschen vom Naziregime ermordet, so auch Ernst Thälmann (KPD), Pfarrer Reinhold Schneider und Rudolf Breitscheid (SPD). Darüber, dass nach der Befreiung 1945 durch die Rote Armee, von dieser die gleichen Anlagen für weitere fünf Jahre genutzt wurden und in diesem Zeitabschnitt dort nochmals ungezählte Menschen umkamen, die wohl keine Kriegsverbrecher waren, hörten wir nichts – die Zeit unseres Aufenthaltes war zu kurz.

In Weimar besuchten wir das Schiller-Haus und das Goethe-Museum. Dann lernten wir in Jena das Planetarium kennen. An einem anderen Tag die Besichtigung des Naturkundemuseums. „Bitte aufmerksam besichtigen und ohne Quatsch zu machen! Wir werden in der Schule etwas darüber schreiben. Vielleicht über den gebürtigen Potsdamer >Ernst Haeckel – sein Leben und sein Werk<“ ... so wird es dann auch sein.

In der Jugendherberge hielt sich zeitgleich mit uns eine Klasse aus Colbitz (Altmark), aus dem Bezirk Magdeburg auf. Direkt an der großen Colbitz-Letzlinger-Heide liegt das Dorf. Peter K. sagte gleich etwas großsprecherisch: Gollwitz, alles klar, kenne ich schon lange vom Fußball. Ich werde Euch besuchen. – Es könnte sein, er ist niemals dort angekommen, wo unsere neuen Bekannten wohnen – falls er es je versucht hat.

In Jena sahen wir im Vorübergeh'n außerdem den verschneiten Jenzig, den Hausberg, das Rathaus, den Johannisplatz, den Fuchsturm, die Universität und die Paradiesbrücke, die über die Saale führt.

Während dieser Reise gewannen wir viele neue Eindrücke, lernten gar manches kennen. Die Tage der Gemeinsamkeit gaben uns Kraft für den Endspurt, in dem vorerst letzten Schulhalbjahr. Nur unser Klassenlehrer, der ja in dieser Gegend zu Hause ist, aus Camburg stammt, hat es schwer mit ständigen Gelenkrheuma-Schmerzen und Bewegungseinschränkungen. Ihm habe ich statt Wanderungen durch die Kälte, besser ein warmes Moorbad gewünscht. –


03. März 1962. Wir lesen eine kurze Zeitungsnotiz von einem Unglück mit einem Zug der Deutschen Reichsbahn:


Märkische Volksstimme


Organ der Bezirksleitung Potsdam der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands

Sa., den 3. März 1962 Einzelpreis 15 Pf., 17. Jahrgang, Nr. 53

Eisenbahnunglück auf der Strecke Berlin – Leipzig

Berlin. In den Abendstunden des 1. März ereignete sich aus bisher noch unbekannten Gründen auf der Strecke Berlin – Leipzig in der Nähe des Bahnhofes Scharfenbrück ein Eisenbahn-unglück. Dabei kam ein Reisender des D-Zuges ums Leben, eine Person wurde schwer und 10 leicht verletzt. Den Verletzten wurde sofort am Unfallort jede ärztliche Hilfe zuteil. An mehreren Wagen des D-Zuges entstand Sachschaden.


Die meisten der Menschen, die an diesem Unglück nicht beteiligt waren, werden eine solche kurze Zeitungsnotiz schnell wieder vergessen haben. So darf es auch sein. Anderen, den Beteiligten, ist das Ereignis für immer ins Gedächtnis eingebrannt. Erst Jahre nach der politischen Wende, rund 50 Jahre nach dem Unglück, werden wir erfahren was damals dort passiert war. Werden erst dann etwas erfahren, als die Menschen sich trauten das staatlich verordnete Schweigegebot nach dem Zusammenbruch der DDR langsam aufzulösen.

Was war das für ein nicht näher bezeichnetes Unglück mit völlig unbekannter Ursache? Was war damals wirklich passiert?

Durch mehrere damalige Augenzeugen wird ein Bild zusammengesetzt und wir erfahren nun nach einem halben Jahrhundert durch eine solche Zusammenstellung:

Am 01. März 1962 ereignet sich zwischen 18.30 Uhr und 19.00 Uhr eine Eisenbahn-Katastrophe in der Nähe des Ortes Kliestow, südlich von Trebbin. Um diese Zeit herrscht bereits Dunkelheit. Eine sowjetische Panzereinheit fährt nach einer Gefechtsübung vom Gelände „Altes Lager“ bei Jüterbog mit einem Sondergüterzug wieder zurück in Richtung Berlin / Potsdam. Von den mitgeführten 30 Panzern stehen jeweils zwei auf jedem der 15 Flachgüterwagen. Weiterhin sind etwa sieben oder acht geschlossene (bedachte) Holzgüterwagen für die Soldaten des Truppentransportes angehängt, üblicher Weise und auch hier denkbar, jeder der Wagen mit 30 bis 50 Soldaten besetzt und wahrscheinlich gibt es weitere Güterwagen mit mehreren Lkw im Güterzug. Diesem Militärtransport begegnet bei Kliestow ein D-Zug (Schnellzug mit der Geschwindigkeit von etwa 120 km/h) von Berlin nach Leipzig fahrend, mit etwa 800 Fahrgästen besetzt. Unmittelbar bevor die Züge sich begegnen, schwenkt das nicht gesichertes Kanonenrohr eines Panzers herum, und beschädigt bei dem gewaltigen Aufprall die Dampf-Lokomotive des Schnellzuges. Ferner reißt das Kanonenrohr die Blechwände von vier der Reisezugwagen auf. Die Waggons des Schnellzuges wurden „zum Glück“ nicht auf der Abteilseite, sondern auf der Gangseite aufgerissen. Nur deshalb gab es „lediglich“ ein Todesopfer und etwa 11 verletzte DDR-Bürger unter den Fahrgästen des Schnellzuges.

Infolge des mächtigen Anpralls wird der schwere Panzer vom Güterwagen gerissen und die folgenden Mannschafts-Wagen des Militärzuges entgleisen. Die nachdrückenden Waggons mit Holzbeplankung schieben sich in- und übereinander, türmen sich zerstört, ineinander verkeilt, mehr als 15 m hoch auf – in diesen zerstörten Wagen – bis zu etwa 300 sowjetische Soldaten. Die zerborstenen Holzbretter der Güterwagen richten mit ihren gewaltigen Splittern grauenvolle, oft tödliche Verletzungen an. Das Gebiet ist erfüllt von den Schreien der Verletzten und Sterbenden.

Nicht selber verletzte sowjetische Offiziere sind aufgeregt, zum Teil vielleicht auch geschockt, brüllen ihre Kommandos, beschimpfen das deutsche Bahnpersonal als Faschisten.

Bald am Unglücksort eintreffende Mitarbeiter der Feuerwehr, des Katastrophenschutzes / der Zivilverteidigung, des DRK, der Polizei helfen so wie es in ihren Kräften steht, um Verletzte zu bergen, sie in das nahegelegene Krankenhaus Luckenwalde zu bringen. Auch Bürger der Umgebung sind mit ihren Personenkraftwagen an diesen Rettungs-Fahrten beteiligt. Dann treffen aus der nächstgelegenen sowjetischen Garnison offene sowjetische Lastwagen ein. Deren Verletzten-Transporte geschehen grob, rücksichtslos, brutal: die Schwerverletzten werden (nach Augenzeugen) auf die Ladeflächen der Lkw geworfen(!) und mit uns unbekanntem Ziel abtransportiert. Zurück bleiben die Toten, an der Bahnstrecke nebeneinander aufgereiht. Es mögen etwa 70 bis 90 tote Soldaten gewesen sein, vielleicht auch mehr. In der Dunkelheit, Aufregung und Schnelligkeit der Abläufe hat wohl niemand der deutschen Rettungshelfer, der Augenzeugen, sie exakt zählen können, abgesehen davon, dass bei den fortschreitenden Aufräumarbeiten in den völlig zerstörten Waggons gewiss weitere Verstorbene gefunden wurden, und das dann zu einer Zeit, in der wohl deutsche Helfer keinen Zutritt mehr zum Katastrophengebiet hatten.

Die von deutschen Hilfskräften transportierten Verletzten werden im Krankenhaus Luckenwalde versorgt. Krankenschwestern und viele anwesende Schwesternschülerinnen arbeiten mit Hochdruck. Im Operationssaal wird pausenlos operiert, um Leben zu retten. Sowjetische Offiziere treiben das medizinische Personal brüllend zur Eile an, die Verletzten „wieder heraus zu geben“. Noch in der gleichen Nacht, vom 1. zum 2. März werden fast alle Verletzten aus der Klinik – egal ob ihnen eine lebensrettende OP noch bevorsteht, egal ob sie frisch operiert sind, egal ob aus medizinischer Sicht eine Transportfähigkeit gegeben ist, aus den Krankenzimmern geholt und auf offene Militärlastwagen verfrachtet, in der Kälte zu uns unbekannten Zielen verbracht. Die Augenzeugen meinen, diese Vorgänge seien an Grausamkeit kaum zu überbieten gewesen. Angenommen wird, dass auf diesen Transporten sehr wahrscheinlich weitere Verletzte starben.

Noch in der Nacht werden Film-Scheinwerfer von der DEFA aus Babelsberg geholt, um überhaupt eine Übersicht über das Unglücksgebiet zu bekommen und um baldmöglich mit den Aufräumarbeiten beginnen zu können.

Die Vernehmung und Einschüchterung der helfenden Zeugen, die Vertuschung, die Desinformation der Bevölkerung beginnt sofort.

Soweit die Berichte von helfenden Zeitzeugen über die Geschehnisse im März 1962.


Frühjahr 1962 * April – Mai – Juni

Im Monat Mai: Von unserem Lehrer, Herrn Donath, erhalten wir im Unterrichtsfach „Technisches Zeichnen“ als Hausaufgabe den Auftrag, den Grundriss unseres Wohnzimmers im Maßstab 1:50 aufzuzeichnen. Das ist fix erledigt. Ihr wisst ja: Für viele Aufgaben bin ich sehr begeisterungsfähig.

Weil ich gerade so dabei bin, entstehen auch gleich noch Grundrisse für „Das Haus eines Tierarztes“ mit dem Kellergeschoss (Garage, Hobbyraum, Heizung usw.), dem Parterre für den veterinärmedizinischen Praxisraum, verbunden mit dem Warteraum und einer Futterküche, sowie der Gästetoilette. Die obere Etage wird für die Wohnräume der Tierarztfamilie vorbereitet. In diese Grundrisse setze ich dann auch Vorschläge für die zweckmäßige Möbelierung hinein. Die Möbeldraufsichten, das sind Papierflächen in unterschiedlichen Farbtönen. Damit aber nicht genug. Es wurde dazu aus starkem Zeichenkarton noch das Haus als Modell gefertigt und zusammengeklebt. Hierbei – außerhalb von Aufgabe und Zensierung, unterstützte mich Vati sehr, d. h. seine Mitarbeit nach meinem Entwurf, konnte und brauchte seine „Handschrift“ nicht verleugnen. Das Haus erhielt durchscheinende Fenster aus Transparentpapier und ich sah eine Innenbeleuchtung vor. Im Stil dieses Hauses hielt ich mich an die Gestaltungs-Prinzipien der Bauhaus-Meister aus Weimar und Dessau, eine uns zwar bekannte aber auch heute noch ungewohnte Modernität der zwanziger und dreißiger Jahre. Das Papp-Gebäude wurde auf eine Platte gestellt und mit angebauten kleinen Freiluft-Zwingern für Hunde, Katzen und andere Kleintiere ergänzt. Meine Vision beim Basteln: „Es besteht auf dem Grundstück ein angenehmes Klima. Ein Brunnen plätschert beruhigend und den Durst stillend. Im Halbschatten der sonnigen Tage erholen sich die Tiere unter Linden und Kastanien-Bäumen“.

Straßenlaternen, Bäume und sonstiges Zubehör von der elektrischen Eisenbahn dienten als schmückendes Zubehör. – Das Modell-Haus („in groß“) ist einer der Wunschträume für einen späteren Lebensabschnitt und es ist eine schöne, praxisverbundene schulische Aufgabe, so ganz nach meinem Sinn. So, nun ist alles fertig und kann der Schulklasse präsentiert werden.

Abschließend versuche ich noch ein Foto, weil man ja das Pappmodell nicht „ewig“ aufbewahren kann. Mit meinem einfachen Fotokistchen namens „Pouva-Start“ ist das nicht so einfach, weil man einen großen Abstand braucht, damit es halbwegs scharf wird und weil kein Blitzlicht vorhanden ist. Na, mal sehen, was daraus wird.

Etwas später kommt dann noch die Konstruktion einer doppelwandig winddichten und wärmegedämmten Hütte „für einen Hund großwüchsiger Rasse“ hinzu. Die armselige Rheuma-Behausung des Rottlebener Schäferhundes „Wotan“ hatte mich dazu angeregt. Er selbst hatte nichts davon.

Man kann vieles im Leben besser machen, als die gegenwärtige Praxis es uns zeigt. Das wird mir immer wieder bewusst werden. Und man soll, ich soll es besser machen. Das ist mein innerer Auftrag. Diesen erkenne ich und will ihn mit Leben erfüllen – ohne eine übliche Notwendigkeit vorheriger Parteibeschlüsse.


Der Gedanke an die Landwirtschaft, an die Tiere, begleitet mich stets. Wäre doch ganz schön, wenn daraus etwas werden würde. Auch in den Fächern Erdkunde und Biologie bietet es sich oft an, mit Spaß und Freude viel mehr zum Thema zu erarbeiten, als gefordert wird.

Eigentlich sollte ich ein bisschen mehr für die Schule, für die Vorbereitung auf die Abschlussprüfungen arbeiten aber interessanter ist es mir, schon jetzt auch etwas für die praktische Zukunft zu tun. Seit März bin ich gleich nach der Schule, als Helfer in den Nachmittags-Sprechstunden und abends zu großen Operationen in der Tierarztpraxis von Frau

Dr. vet. med. Ilse Worseck. Nach den Sprechstunden, vor den Operationen, trinken wir zum Aufmuntern immer Mokka, der in kleinen Ein-Portionen-Tütchen aus Aluhartfolie abgepackt ist (kreisrunde Grundfläche aber oben flach zusammengedrückt). „Presto“, heißt die schnelle Marke. Der Ehemann von Frau Dr. Worseck, Herr Dr. Michel Worseck, ist Leiter des Veterinäruntersuchungs- und Tiergesundheitsamtes in der Potsdamer Jägerallee 2. Bei manchen schwierigen Operationen ist er ebenfalls abends zugegen.


Im Elektrowarenhandel gibt es jetzt Taschenlampen, deren eingebauten Akku man in der Steckdose wieder aufladen kann. Das spart Wegwerf-Batterien. Schön und zweckmäßig.


Juni: Für die beiden zehnten Parallel-Klassen, deren Schulzeit nun zur Neige geht, endet zum Beginn der Abschlussprüfungen, für die der Zeitraum zwischen dem 2. Juni und dem 7. Juni 1962 angesetzt ist, auch der Unterricht, statt wie sonst nach der ersten Juli-Woche.

Die Vorbereitung der Abschlussveranstaltung bringt einen ganz schönen Aufwand mit sich:


Aus unserer Abschlusszeitung lesen wir hier

Das Lied über die Schule:



Heute wollen wir euch singen

unser Liedchen hell und klar.

Von der Schule soll es klingen,

wie sie für uns Schüler wirklich war.


Ja, heut' können wir es sagen,

denn für uns ist jetzt nun Schluss.

Geht's den Lehrern an den Kragen

ist's für jeden ein Genuss.


Fritz-Peter Gnerlich

seit Jahren unser Klassenlehrer ist,

er hält die Bande fest im Griff.

Seine schönen weißen Ratten,

die er gebracht in großer Zahl,

wir auf Herz und Nieren prüften,

Mensch, war das für uns 'ne Qual.


War er dann auch mal böse

und die Schlüssel hab'n gekracht –

ob er es nicht wirklich hörte?

In den Bänken hat's gelacht.


Paul Ziegner

Erkenntnisse vom Erdenrund

gab er uns stets in Geo kund.

Notizen auf den Zetteln klein,

soll'n ihm große Hilfe sein.

Oft riss am Hosenbund sein Daumen,

weiß von Kreide – kaum zu glauben.

Und es war ja keinem klar

was er damit wohl bezweckte,

ob nur der Gürtel lose war?


Lilli Osterland

In dem lila Streifenpulli

stand sie freundlich und in Ruh'

in jeder Paus' im Treppenhaus

(und fragt)

Na, mein Freund, wohin willst du?“

und der Schüler spricht im Nu:

Die Zigaretten hol ich nur heraus.“


Herr Machner

ist ein prima Sportsman.

Turnt er am Barren oder Reck

jubelt gerne ein jeder Fan,

selbst wenn er fällt in'n Dreck.

Mit manchem tollen, kühnen Sprung,

hält er sich fit, scheint immer jung.



Herr Vogel,

der ein strenger Lehrer ist,

geht bestimmt nie in die Lüfte,

wie's den Vögeln eigen ist.

Auf festem Boden, das ist klar.

lehrt Mathe und Physik er, Jahr für Jahr.


Wenn Herr Donath guter Laune,

malt' er einen Elefant,

der von ihm ganz still und leise

heimlich „Lupo“ ward benannt.


Dann der Mann mit rotem Trabi,

der sich „Pia“ kurz nur nennt,

raubt den Schülern oft die Pause,

ihn ein Jeder deshalb kennt.

Ja, es gäbe auch sehr viele,

die gern liefen von ihm weg,

denn in unserm Schulgebäude

spricht man nur vom Russisch-Schreck.


Frau Wieland

Als der Löscher die Chefin hat besprüht

und ihr grünes Kleid getrübt,

ist sie außer Rand und Band

in ihre Studien 'reingerannt.


Oft sagt sie uns dienstbeflissen:

Weil ich heute gar nichts weiß,

doch bei mir schon rinnt der Schweiß,

wollen wir zusammentragen,

was ich eigentlich Sie müsst' fragen.

Dazu lehnen Sie sich an,

weil man dann besser denken kann.“


Frau Wils

Singe, wem Gesang gegeben –

dieser Spruch ist ziemlich alt.

In ihrer Zeit, in unser'm Leben

ließ sie das alles scheinbar kalt.

Denn sie spielte stets vom Tonband

manche Arie – immerzu.

Es fehlte nicht viel, dass wir sagten:

Ach, lass' uns damit bloß in Ruh'.“



Reime ohne Melodie von:

Sigrid W. + Christoph J., Mai 1962

vom Tonband mit Geräuschkulisse und Musik über Lautsprecher im Saal abgespielt.



Festschrift-Anzeigenteil (von unserem Klassenlehrer Fritz-Peter Gnerlich gestaltet):

Gedanken von Lehrern und Schülern – über Lehrer und Schüler: (von Sigrid und Christoph berichtet)

Anschließend gab es für die Lehrer von uns die Verleihung von Orden am Halsband. Auf diesen waren ihre hervorstechenden Eigenschaften oder Kurz-Anekdötchen notiert. „Orden für ... .“


1962 * Juli und August

Das, was wir eben lasen, war ja nur die Vorbereitung. Jetzt aber geht es richtig los:

Am Sonnabend, den 7. Juli findet im Klubhaus „Walter Junker“, in Potsdam, Türkstraße, die Abschlussveranstaltung der 10. Klasse der Polytechnischen Oberschule 17 statt. So steht es auf der Einladung.

– Anschließend ein Musikstück

Die letzten Großen Ferien.

In jener Zeit unternehme ich eine kleine DDR-Rundfahrt, rolle mit dem Moped auch nach Colbitz, um die „Bekanntinnen“ vom Jenaer Winter-Aufenthalt zu besuchen. Kurz vor der Einfahrt nach Wolmirstedt wasche ich mir in der Ohre die Hände (die Ohren spülte ich nicht), kämmte die Haare (zu zeitig) und zog ein frisches Hemd aus meinem Gepäck an – wenn auch geknittert – der Fahrtwind sollte es noch glätten – und den Ké-Stift genutzt. Alles, damit nicht der Eindruck eines liederlichen Ferien-Landstreichers entsteht. Bewusste Vorgabe falscher Tatsachen also. Ich bin bei Familie A. in der B.-straße 21 eingeladen und werde überaus freundlich aufgenommen, bewirtet und beherbergt, wie zum engsten Kreis der Familie gehörend.

Dort in Colbitz besuchen wir auch die anderen Klassenkameraden, die damals in Jena dabei waren. Iso. und Dag. waren mit mir im Freibad, Bär. haben wir leider nicht gesehen.

Colbitz, der Name noch aus der Zeit der slawischen Besiedlung, bedeutet wohl „Ort der Wiesen und Auen“. Die Bezeichnung des vorgelagerten kleinen Ortes „Lindhorst“ erklärt sich allein und erinnert an duftende Stunden zur Blütezeit. Was aber der Name des Wohnplatzes „Ellersell“ uns bedeuten will, konnte mir niemand aus dem Kreis der Eingeborenen erklären. Man sagt es eben so dahin – aus lieber Gewohnheit. Täglich. Im Wörterbuch steht es nicht. – In Ortsnähe gab es schon in den Zeiten vor dem Siedlungswesen riesige Wälder. Mischwälder, mit dem wohl größten Lindenwald Europas. Infolge von Abholzungen entstand daraus die Colbitz-Letzlinger Heide, unbebautes, ja fast unberührtes Land. Wie der Name bereits vermuten lässt, wohnt Erika hier auf Flächen ungeahnter Ausdehnung. Dieses Gebiet wäre eine willkommene Heimat für viele Tierarten und ein Erholungsterrain für Menschen. Wäre – also im Prinzip! Es ist aber leider ein großes militärisches Sperrgebiet. Alles sehr geheim. Also, zumindest von des Menschen Hand wohl fast unberührt aber mit vielen frischen Wunden und schon alten Narben. In den 1930-er Jahren entdeckte die deutsche Wehrmacht diese Gebiet für sich, 1945 übernahmen es unsere sowjetischen Freunde zur friedlichen Weiternutzung des Übens für Kanonen- und Panzereinsätze. Colbitz erscheint im Gegensatz zu Letzlingen fast wie eine Großstadt. Sehenswürdigkeiten im Ort? Viele berühmte! Es gehören dazu: Das Waldbad, die evangelische St.-Paulus-Kirche – die Katholen wollen oder sollen dort nicht mit hinein. Man möchte 'was Eigenes. Für jene wird nun gerade eine alte Scheune als neues Gotteshaus umgebaut. Reste der Odenburg gibt es zu bewundern. Hat das etwas mit der „Ode an die Freude“ zu tun, obwohl es nur recht traurige Reste sind? Zumindest schillert es schon von weitem durch die Bäume.

In Lindhorst gibt es noch eine Bockwindmühle, deren Anzahl im Land immer geringer wird. Dann gibt es die wichtige Molkerei, die hauptsächlich die Milch von Kühen verarbeitet, ferner das genauso unentbehrliche Wasserwerk und in dem roten Klinkerbau, die Heide-Brauerei, solch ein halbstaatlicher Betrieb, der unter anderen Produkten das beliebte Heide-Bock herstellt, das ja auch zu über 99% seines Inhalts schon vom Wasserwerk vorbereitet wird. Viele Rinnsale durchziehen die Wälder und speisen den Fluß Tanger, der bei der alten Kaiserpfalz schließlich in die Elbe mündet. Erlebnisreiche Tage in der Altmark mit mädchen- und märchenhaften Fremdenführerinnen. Noch ahne ich nicht, dass ich just zwei Jahre später, in winterlicher Nacht, im Verein mit vielen anderen grau Uniformierten, ein Wintercamping im nahegelegenen Dorf „Burgstall“ halten werde.


Und es dauert nicht lange, da erfolgt ein Gegenbesuch der Colbitzerinnen in Potsdam. Soviel Zeit und Muße wie in Colbitz haben sie für Potsdam leider nicht. Es bleibt nur Zeit für einen Gang durch den Park von Sanssouci und, um dem Haupttouristenstrom etwas zu entfliehen, ein bisschen vom Park Babelsberg, inclusive Strandbad. Wäre es nach mir gegangen, hätte es mehr sein dürfen. Sollten aber Iso., Dag., Bär. oder andere meine Zeilen je lesen, könnten wir das gern nachholen. Es gibt noch viel zu sehen. Mir ist in dem Moment beim Schreiben dieser Zeilen allerdings so zumute, als würde ich gerade wieder mal eine Flaschenpost zukorken und absenden.


Für diese Ferienfahrt reicht eine Tankfüllung von 12 Litern Benzin für 600 km. Trotzdem habe ich vorsichtshalber zwischendurch noch 'mal Benzin geholt. Ihr wisst ja wie das Tanken auf dem Lande vonstatten geht. Man hat im Allgemeinen drei Säulen: eine Säule für Diesel, eine für Sprit blank/rein für Viertaktmotoren, man nimmt höchstens für das Schmieren der Zylinderventile „etwas Obenöl“ in den Tank. Für's Zweitaktmoped hatte die 3. Säule das Gemisch 1:25 (Öl:Benzin). Diese Tanksäulen haben zwei 5-Liter-Glasbehälter, die vom Treibstoff-Kaufwilligen mit einer Handflügelpumpe wechselseitig gut sichtbar gefüllt werden. Aus dem gefüllten Behälter läuft der Treibstoff im natürlichen Gefälle durch den Schlauch in den Tank des Fahrzeugs. So ist das. Man kauft also nicht 100 Liter auf einen Schlag. Das wäre zu viel des Pumpens.


Im Juli fahre ich mit Vatis Kutsche namens „Krause-Piccolo-Trumpf“ in aller Herrgottsfrühe nach Leipzig zu dessen Hersteller, Fa. Krause, 7022 Leipzig, Elsbethstraße 22. Ein schöner sonniger Sommertag. Der Betrieb ist ganz einfach zu finden. Man kommt die F 2 von Norden nach Eutritzsch in die Stadt hinein, rollt die Dübener Straße hinunter, biegt rechts ab in die Blumenstraße (ein wenig südlich vom Bahnhof Gohlis) und die Verlängerung des Stiels dieser Blume ist schon die Elsbethstraße. Die Schlosser haben wenig Zeit für mich, sind aber sehr freundlich. So kann ich auf deren Werkstatthof in aller Ruhe einen doppelten Satz neuer Schraubenfedern zwischen Sitz und Fahrgestell einbauen, weil die bisherigen unter der Last schon krumm gebogen waren. Ein etwas kleineres Kettenritzel baute ich am Motor auch ein. An diesem Tage legte ich mit dem fleißig summenden 50 ccm-SR 2-Bienchen außer der Bastelzeit in Leipzig, für Hin-und Rückweg etwa 340 km zurück – immer nur die Fernverkehrsstraße 2 geradeaus.


Die Cousine meines Vaters, „Tante Annegret“ aus Wittenberge besucht uns mit ihrer kleinen Tochter Karin. 1941 war sie auch hier. Zu lange Pause dazwischen.

Herr Dr. Worseck nimmt mich auf seinen Dienstreisen nach Frankfurt (O.) und Leipzig mit. Während er sich um seine Arbeitsobliegenheiten kümmert, schlendere ich durch diese Städte, sehe also kleine „Ausschnitte“ und besuche auch den Leipziger Zoo. Leider sind die geschmeidigen Großkatzen, Löwen und Tiger und Leoparden, alle in sehr enge Stahlkäfige eingesperrt.

Mit den drei größeren Jungen der Familie Worseck gehe ich auch mal wieder im Babelsberger Park, also im Strandbad der Havel, baden.


Von Frau Dr. Worseck erhielt ich zum Abschied, zur Erinnerung an meine Praktikumszeit bei ihr, sogar ein schriftliches Zeugnis. Zwar hat sie mich stets mit dem Vornamen angeredet aber jetzt schreibt sie natürlich ganz offiziell:

Herr Christoph Janecke hat mir vom 1. 3. 62 bis 10. 8. 62 regelmäßig, sowohl in der Sprechstunde, als auch bei großen Operationen geholfen und dabei außerordentliches Interesse und große Geschicklichkeit bewiesen. Ich wünsche ihm für sein persönliches und berufliches Weiterkommen alles Gute! Dr. med. vet. Ilse Worseck, praktische Tierärztin, Babelsberg, Karl-Liebknecht-Straße 114.“

Als besondere Überraschung, als Hauptattraktion, erhielt ich von ihr zusätzlich ein Radio „Ilmenau 480“, ein wunderschönes Gerätchen, das mich lange begleitet – bis ich es 24 Jahre später meinem ersten Sohn vererben werde.


Zur Vorbereitung der landwirtschaftlichen Lehre in Großbeuthen werden nach der Vorgabe des Betriebes in diesen letzten Großen Ferien eingekauft:

Eine Mütze, sandbraun, als Abwehr gegen die Kuhschwänze und zum Bändigen meiner kurzen Igel-Haare bei eventueller Maschinenarbeit (Vorschrift!). Einen neuen Arbeitsanzug brauche ich nicht, denn ich habe die Kombi. Große Gummistiefel werden benötigt. Etwas größer wegen des Winters; es werden einige Socken übereinander zu ziehen sein und, was ich noch nicht weiß, Kaff (Strohhäcksel) zur Wärmedämmung hineingeschüttet. Bei Herrn Uhrmacher Fiedler, in dem Eckgeschäft Ernst-Thälmann-Straße Ecke Friesenstraße, erstehe ich eine robuste Taschenuhr für 8,- Mark (von VEB UMF Ruhla) und dazu eine Staub- und Schlagschutzkapsel mit rundem Fenster, die dieses Wunder der Technik vor dem erwarteten rauen Arbeitsalltag schützen soll.


September 1962 bis September 1963

Mein kurzer Lebensabschnitt in Großbeuthen

Erinnerungen an die Zeit 1962 / 1963

von der Lehrausbildung im landwirtschaftlichen Volkseigenen Gut, einem Betriebsteil

des „VEG 1. Mai“, in Siethen, im damaligen Kreis Zossen, (heute: Kreis Teltow-Fläming),

in der Deutschen Demokratischen Republik.

Einige Notizen über das Lernen in der Betriebsberufsschule,

über das Leben im Lehrlingswohnheim und zu verschiedenen

Begebenheiten in der praktischen Berufsausbildung,

verbunden mit einem Ausblick auf eine spätere Zeit

aus jener gewählt: die Jahre 1987/1988


Anmerkung zu einer kleinen Unterbrechung für die Zeit 1962 / 1963.

Diesen vorstehend angekündigten Bericht über Großbeuthen

habe ich aus dieser Datei herausgenommen.

Lesen kann man dieses Stück des Lebenslaufes auf der Seite über Großbeuthen (hier anklicken).


Anschließend geht es hier innerhalb des Jahres 1963 weiter!


Freitag, der 15. September 1963 war der letzte Tag meines Aufenthalts in Großbeuthen.

Montag, der 18. September 1963 wird mein erster Arbeitstag in Babelsberg sein.


Ich wohne also nochmals bei den Eltern und strecke meine Beine unter ihren Tisch.

In den Tagen des Klinikaufenthaltes und danach hatte ich mir durchaus Gedanken über meine Zukunft gemacht. Was könnte mich interessieren? Welche Bedingungen stehen als Voraussetzungen für derartige Tätigkeiten? Welche Wege führen zu solchen Zielen?

Mache etwas Sinnvolles aus deinem Leben“, so klangen in mir noch die Worte unseres Beuthener Lehrers Hugo Brandt nach. Spannend wären wahrscheinlich

Alle eventuellen Vorhaben sollten sich aber mit der Möglichkeit eines sehr baldigen Beginns auszeichnen.

Anfang September habe ich noch wenige Tage Beuthen-Urlaub und in dieser kurzen Zeit kommt mir wieder das fleißige Studium der sozialistische Presse zu Hilfe: Die NVA (Nationale Volksarmee der DDR) sucht für den Standort des Armeelazaretts in Babelsberg dringend einen Zivilbeschäftigten. Ich prüfe meine Eignung: Zivil bin ich und beschäftigt werden möchte ich auch und für Medizin interessiere ich mich von jeher. Na, also. Ich fahre hin und bewerbe mich. Dabei verschweige ich nicht, dass ich mich eigentlich ausbildungsberuflich orientiere und dieses NVA-Angebot nur als eine Übergangslösung ansehe, für eine Zeit, in der ich mich bemühen werde ... also nicht bis zum Rentenalter bleiben wolle. Trotzdem werde ich sofort angenommen. – Man ist zufrieden, die freie Stelle erst mal mit mir besetzen zu können. Ich bin es auch.

Es handelt sich bei dieser Tätigkeit um die Arbeitsmerkmale „Pharmazeutische Hilfskraft, Verwalter des Sanitätslagers und Kraftfahrer“ in der Apotheke des Sanitätsbataillons in Babelsberg, Ernst-Thälmann-Straße (früher war das die Großbeerenstraße und das Grundstück sowie die Gebäude darauf, bildeten das Nervensanatorium des Herrn Dr. Sinn). Schon am Tag der Arbeitsaufnahme lerne ich den Leiter der Dienststelle Dr. S. kennen, den Zahnarzt Dr. F. H., den Hautarzt Dr. N. und natürlich zuerst meinen unmittelbaren Chef den Pharmazierat Dr. N. Alle diese Doktoren sind Offiziere höherer Dienstgrade und alle sprechen sich mit „Genosse“ vor dem Namen an, nicht etwa mit „Herr Dr.“ oder „Herr Kollege“. Und diese Anredeform gilt nun selbstmurmelnd auch für mich.

Oh, noch erfülle ich nicht alle Voraussetzungen für diese Stelle. „Kraftfahrer“ ist gefordert. Zwar habe ich ja die Fahrerlaubnisklasse III für Traktoren, Kettenschlepper (kleine Zivilpanzer) aber die Apotheke fährt wie auch andere mit dem großen „G 5“ aus Werdau durch die Welt. Da muss ich also meine Fahrerlaubnis in absehbarer Zeit auf Klasse die V erweitern. Die Erweiterung kann aber erst mit dem vollendeten 18. Lebensjahr gültig werden.

Die Planstelle, die ich nun innehabe, wird mit 320,- Mark Brutto monatlich und 12 Tagen Jahresurlaub vergütet. Mann, ist das ein plötzlicher Aufschwung gegenüber der Lehrlingsrente.

Im Arbeitsvertrag ist unter anderem fixiert:

Ich gehöre nun also zur Apotheke. Mein Chef ist der Provisor, der stets in Offiziersuniform mit dem darüber gestreiften weißen Kittel die Salben-Kompositionsstoffe mischt, Tabletten presst und Pillen dreht. So ist es üblich. Eine weitere Mitarbeiterin ist die Apothekenassistentin Fräulein H., die dafür Sorge zu tragen hat, dass z. B. der Zugriff auf „Unguentum vorraeticum“ stets möglich ist. Es ist die Zeit, in der es noch üblich ist, auch reifere aber unverheiratete Damen mit „Fräulein“ zu titulieren (in Berlin eher „Frollein“). Aber das fällt hier ja fort. Sie ist eben die parteilose Genossin H. Zum reinigenden Ausschaben der Salbenmischtöpfe benutzt man (Einmalnutzung) nagelneue Skatkarten, so wie im Haushalt für das Kuchenteiggefäß Gummi- oder Plastekarten / -schaber. Es gibt also immer wieder neue Aufträge für die Spielkartenproduktion.

Nebenan im Röntgenlabor arbeiten H. J. von der Ostseeküste und I. N. aus dem sächsischen Süden. Letztere röntge gerne Speiseröhren, weil sie dann hochbefriedigt sagen konnte: „Schon wiedrn ä Sofakuss“, wie sie scherzhaft den Oesophagus bezeichnete. Zu diesen „Nachbarinnen“ gehört auch die Physiotherapeutin, Frau H. Unser Gehalt wird nicht per Konto, sondern als Bargeld ausgezahlt. Es gibt Lohntüten, die den passend abgezählten Betrag und den Lohnstreifen mit den Berechnungsmodalitäten enthalten. Außen auf der „Tüte“, wie ein DIN A 5 Briefkuvert, eine Tabelle auf der man den Erhalt der monatlich aufgeführten Nettobeträge quittiert. Der Lohnbuchhalter, Herr M. ist ebenfalls ein Zivilbeschäftigter.

Zu meinen eigenen Aufgaben gehörte es, die medizinischen Waren der Hersteller und Lieferer einzulagern und diese nach den Bestellungen der Sanitätsunteroffiziere / Feldschere (im Zivilleben als Arzthelfer bezeichnet) der militärischen Einheiten zusammenzustellen und auszuliefern. Mein Aufgabenbereich trägt daher zusätzlich zu den oben erwähnten Begriffen auch noch die wunderbar anmutende Bezeichnung „Expedition“, der in meinen Gedanken so etwas exotisches anhaftete, mich durchaus gedanklich gleich in ferne Länder führte. Richtig, an Archäologie hatte ich ja auch schon gedacht. „Sie, Genosse Janecke, übernehmen voll eigenverantwortlich diese Expedition“. Das hört sich doch großartig an! Hier aber bedeutet „Expedition“leider nichts weiter als Auslieferung der bestellten Waren.

Jeder angeordnete Arbeitsauftrag = Befehl war kurz und bündig zu wiederholen, um Unklarheiten oder Missverständnisse zu vermeiden. Beispielsweise würde es ja nicht angehen, dass ein Salbentopf ausgeliefert würde, wenn ein Nachttopf angefordert war, nur weil man sich ein bisschen verhört oder nicht aufgepasst hatte. Spaß beiseite. In kurzer Zeit waren alle täglich wiederkehrenden Aufgaben ohnehin klar.

Die Waren die zu expedieren waren, die ich also wie ein Kaufmann dem großen Bestand zu entnehmen und nach den kleineren militärischen Wunschzetteln in verändertem Sortiment auszuliefern hatte, das waren „1.000 Kleine Dinge“, zum Beispiel Verbandstoffe aller Art, Krankentragen, Urinale („Enten“), Wolldecken aber auch herrliche Krankenbademäntel (Pyjamas) längsgestreift, in hellblau/weiß, aus Malimo-Gewirk. Und gar vieles andere mehr. Und die Genossin H. fügte noch ihre wertintensiven Salbenkruken dazu, auf die die Genossen Hautärzte bereits warteten.

Des Weiteren waren Flüssigkeiten abzufüllen, meist aus 200-Liter-Stahlfässern oder großen Glasballons in kleinere „Gebinde“ umzugießen oder mit der manuellen Fasspumpe „überzuschaufeln“, zumeist in 1-Liter-Glasflaschen, die geleert immer wieder zurückgenommen und nach gründlicher manueller Reinigung vorbildlich wiederverwendet wurden.

So sind Grobdesinfektionsmittel-Konzentrate wie „Meleusol“ und „Kresomerlat“ sowie „Fesia-Form“ und Feindesinfektionsmittel wie „Wofasept“ oder „Fesiasept“ umzufüllen. Da ist besonders darauf zu achten, dass die Haut der Hände nicht verätzt wird – merkte ich danach.

Für alles muss natürlich, beginnend bei der Warenannahme, die aufwendige Lagerkartei (für tausend kleine Dinge) geführt und Lieferscheine geschrieben werden, damit bei der Inventur alles stimmt. Und nicht nur zur Inventur. Immer. Auch die „Defektenkartei“ ist zu handhaben. Diese dient dazu, die Vorräte rechtzeitig wieder aufzufüllen. Defekt bedeutet hier nicht, das etwas entzwei / kaputt war, sondern dass der Vorrat bald zu Ende ging, dann nichts mehr da war. Das aber durfte nicht vorkommen.

Darüber hinaus habe ich auch den Apotheken-Schriftwechsel zu führen und übe mich also im Maschineschreiben, im laienhaften 2-Finger-System.

Mein erster Auftrag einen großen Glasbehälter („Weinballon“) von weißem innen abgesetzten Schlamm in der Badewanne spülend zu reinigen, endete schnell mit einem lauten Bruchknall des Gefäßes, weil ich es einfach fallenließ, als mir nach dem Ziehen des Korkenverschlusses unvorbereitet der nicht ertragbare stechende Geruch des Formaldehyds durch die Nase (und gefühlt ins Gehirn) schoss. Das war mir sehr peinlich – machte aber wohl überhaupt nichts. Es war ein Lehrstück.

Auch wusste ich als Siebzehnjähriger noch nicht um die Explosibilität von Narkose-Äther, um dessen elektrostatische Aufladung beim eher sorglosen Umplempern vom großen Gefäß in kleinere Abfüllungen. Doch mit ein bisschen leidlich gesundem Menschenverstand, mit Umsicht, ging auch ohne tieferes Fachwissen der Materie alles gut. Eine mündliche oder gar schriftliche Arbeitsschutzanleitung gab es für alle diese Arbeiten nicht. Es reichte die schriftliche Verpflichtung – diese (also das Unbekannte) einzuhalten.


Doch nun wieder zurück ins Offizin! Eine Menge des Bestandes aus dem Apothekenkeller wird auch zu den militärischen Manövern mitgeführt. Mein Chef hätte dabei so gerne statt der Handkartei das „Hollerith-System“, sein angedachter erster Schritt zur „kybernetisch-manuellen Datenverarbeitung“, vielleicht mit Lochkarten und den dazugehörenden „Stricknadeln“, eingeführt aber dazu kam es nicht. Zur Zeiteinsparung fehlt es an Zeit, Kraft und Kenntnissen für das Hyper-Moderne, um diesbezüglich in eine Vorreiterrolle zu gehen. Man denke aber auch an lose Karteikarten und „Stricknadeln“ nachts im Dunkel beim Manöver, ich will das Wort „Kriegsfall“ tunlichst vermeiden. Ähnlich im Sande verlief allein schon der weitaus schlichtere Gedanke an eine maschinentechnische Ladehilfe mit Kurbel und Seilflaschenzug oder Zahnstangengetriebe. Wir müssen alle vollen schweren Holzkisten oder großen Einzelartikel per Hand auf den Lastwagen laden und auch wieder herab heben. Die Lkw haben zudem recht hohe Fahrwerke über den großen Rädern aber mitgeführte Ladekräne oder absenkbare Ladebordwände gibt es ja noch nicht, sind Fremdworte. Solche Bezeichnungen stehen in noch keinem DDR-Wörterbuch. Diesen Lkw „G 5“ brauche ich bei den Manövern sowieso nicht selber fahren, das obliegt einem versierten Berufskraftfahrer. Diese großen Lkw „G 5“, aus Werdau in Sachsen, haben mit dem Getriebe-Vorgelege fürs Gelände, alleine schon 12 Vorwärtsgänge. Ich hocke dann bei den Manöverfahrten auf der Ladefläche unter der staubigen Plane (die Fahrzeuge standen ja immer im Freien), im Winter in muffige Decken eingehüllt, zwischen den mitgeführten Kisten, gestapelten Krankentragen und sonstigen Artikeln der Feld-Apotheke eingezwängt. Eingestaubt sehe ich im Gesicht schon recht geschwärzt aus, obwohl noch keine Kriegsbemalung als Tarnung befohlen ist – und wasche mich dann mit Schnee, so gut es geht – wenn welcher liegt. Aber einen Wassertankwagen gibt es bei der Feldküche auch.

Auf Anforderung der Ärzte an die rollende Apotheke sind dann auch in der Nacht mit Taschenlampe die befohlenen Mittelchen möglichst sofort zu finden, die (zumindest testweise) dringend gebraucht werden und auf dem Apotheken-Lkw in irgendeiner der übereinander gestapelten großen Holzkisten ruhen, sich aber von allein nicht melden. Natürlich gehört zum Einsatz auch das Wache stehen, der Schutz des schlafenden Lagers und die Tätigkeit als Informationsposten.


Deutlich erinnere ich mich beispielsweise an ein Manöver, auf dessen Fahrzeug-Marsch wir im Winter eines Nachts in Burgstall (nicht weit von Wolmirstedt, wo ich ja vor einem halben Jahr im Sommer weilte) ein Camp aufschlugen, das Camping pflegten. Wie sich die Dorfbewohner von Burgstall am Morgen verwundert die Augen rieben, als sie sahen, dass ihr verschlafenes Dörfchen sich über Nacht in ein Feldlager verwandelt hatte – eine fremde Besetzung – oder gar Besatzung? Uns aber ging es nicht viel anders, denn es wurde uns ja vorher nicht bekannt gegeben, wohin denn so die Reise gehen wird. Diesmal eben in die schneebedeckte Colbitz-Letzlinger Heide.


Vom Herbst 63 bis Sommer 64 verbringe ich nach diesen Apotheken-Tagesarbeiten fünf Abende pro Woche (montags bis freitags, von 17 bis 21 Uhr) in der Volkshochschule, in den Räumen der Helmholtzschule, dem früheren Viktoria-Gymnasium, Potsdam, Straße der Jugend 51, (ab ca. 1990: Kurfürstenstraße) am Nauener Tor. Eigentlich hätte ich in die 11. Klasse einsteigen sollen aber eine solch lange Zeit wollte ich mir für diesen Abschluss nicht zugestehen ... und wer weiß schon, was in einem Jahr oder gar später los ist, suche ich doch eigentlich den Platz für einen regulären Beruf mit Abschluss. Ich entschied mich also unter Einsparung eines Schuljahres für eine Reduzierung, für ein „Fachabitur“, besuchte in einem 12. Schuljahr im Wesentlichen die Fächer, die mir Spaß machten und von denen ich dachte, dass ich sie später brauchen könnte. Es fügt sich also wieder alles ziemlich nahtlos ineinander und die Tage sind sehr voll gefüllt. Unsere Klassenlehrerin ist dort in der VHS Frau Nippert, der Direktor Herr Budach.


Zwischen diesen höchst wichtigen Apotheken-Angelegenheiten flechte ich zur Auflockerung ein, dass mir in den Zeitungen auch eine weitere Annonce auffiel: Es möchte jemand gern sein Boot verkaufen und ich kümmere mich um dieses Angebot. Verkäufer und Käufer werden sich über den Eigentümerwechsel schnell einig. Es ist ein solides Klinkerboot aus Holz, ein früheres Sportruderboot, 3-Sitzer, 5.700 mm lang, max. 900 mm breit. Bereits beim Vorbesitzer wurde es allerdings nicht mehr sportlich gerudert, sondern zu gemütlicher Nutzung mit einem Treiber-Segel und mit einem Außenbordmotor vom Typ „Nixe“ ausgestattet. In der Zukunft wird es sich erweisen, dass man bei Fahrten, die man unterbrechen möchte, längere Aufenthaltszeiten einplanen sollte, denn die „Nixen“ haben die komische Eigenart ungern wieder anzuspringen, solange sie noch warm sind. Zu seinen warmen Zeiten ließen den Nixen-Motor also meine Start-Bemühungen kalt, was mich manchmal an den Rand der Verzweiflung trieb, wenn man auf offenen Wasser am Abend, umtänzelt oder gepiekt von weiblichen Mücken beim Schrauben auch mal einen Kerzendichtring ins Wasser fallen ließ... und harmlose Kraftausdrücke darüber in Gegenwart von Damen nicht angemessen erschienen.

Das Boot stand bisher „Auf dem Kiewitt“ (abgeleitet vom Vogel Kiebitz) an der Havel aber ich habe nun einen nahen Stand bei unseren Bekannten, den Köthurs, in der Babelsberger Straße an der Nuthe. Joachim Köthur und ich gingen zeitweilig in die gleiche Klasse. Er war ein reichliches Jahr älter als ich. Seine Großeltern-Familie wohnte in der Johannsenstraße 2. Joachim wurde wohl leider nur ungefähr 32 Jahre alt.

Dort, wo mein Boot jetzt liegt aber an der gegenüber liegenden Uferseite, Wiesenstraße 20-22, war unser Vater als Kind aufgewachsen. Als kleinen Kindern hatte er uns damals darüber erzählt, dass seine Schwester Käte und er mit seinen Eltern an der Nuthe gelebt hatten und sie sich als Kinder mit Brettern, an die Kiesberge (der Kalk-und Mörtelwerke) gelegt, wunderbare Rutschbahnen bauten, bei denen auch das Einreißen von Splittern in den Po nicht ausblieb. Er erzählte von den Spielen mit den Nachbarskindern von Eis-Fix und Familie Trinks und von romantischen Nuthefahrten von der Kinder mit dem „Sargdeckel“, wie der Punt liebevoll genannt wurde. Hier also hatte dieses Stück „meiner frühen romantischen Vor-Geschichte“ gespielt.

Mein Schiff trägt bisher keinen Namen. Mein Bruder und ich beratschlagen, auf welchen Namen man das Boot taufen könne. Zum Beispiel denken wir ernsthaft über „Fregattvogel“ oder „Erzfrachter“ nach. Es muss ja nicht immer der Vorname der eigenen Schwester sein – es reicht doch, wenn sie dann bei der Taufe feierlichst die VIPA-Flasche wirft, dem Boot somit „das Wasser reicht“.

Später zeltete mein Bruder mit seinem Freund und Schulkameraden Rainer in den Großen Ferien am Glindower See. Unser schwarz-weißer Hund „Luxi“, ein Glatthaarterrier und ich, wir waren die unangeforderte Lebensmittel-Versorgungstruppe. Das gab ein großes Hallo des Wiedersehens und einen langen Plauderabend. Luxi steckte sofort das Revier ab und bewachte das Zelt. Er war der Hausherr und ließ seine knurrende Stimme hören, wenn sich jemand dem Zelt „zu weit“ näherte.

Das Boot werde ich bis 1969 behalten und dann aber mit meinem Beginn des fünfjährigen Fernstudiums schweren Herzens an einen anderen Interessenten weitergegeben.



Vergleichende Anatomie

Manches sieht manchem sehr ähnlich. Ich interessiere mich ja für manches. So fällt beispielsweise auf, dass der schöne Pkw „Moskwitsch“ (Der Moskauer) dem Pkw Ford Taunus so etwa gleicht, wie ein Ei dem anderen. Das Motorrad Simson Sport (AWO) sieht dagegen etwa aus wie die BMW R 25. Viele Zufälle werden wohl nicht zufällig sein. Und die Regierungen der Hersteller sind nicht etwa befreundet, so dass man von Lizenzprodukten sprechen könnte, ... sie gehören „feindlichen Lagern“ an. Im Sinne der Standardisierung ist es ja hervorragend, wenn ein Teil der Maschine des Herstellers X genauso gut bei den Erzeugnissen des Herstellers Y passt. So kann man sich gegenseitig auch immer gut aushelfen.


Oktober 1963 – Wir haben die geheime Wahl – haben wir gewählt?

Aus irgendeinem Grunde ist der geplante Wahlrhythmus mit seinen Abständen von vier Jahren durcheinander gekommen. Nun finden im Oktober die verschobenen Volkswahlen statt. Ja, und wen habt ihr gewählt? Gewählt werden nach dem Aufruf die „Kandidaten der Nationalen Front der DDR“. Wen sonst? Ja, aber wen von diesen habt ihr bevorzugt euer Vertrauen geschenkt? Gewählt wird „im Block“, keine einzelnen Abgeordneten = Volksvertreter. Da gibt es nichts auszuwählen. Muss man denn immer wieder aufs Neue darüber aufklären? Also, das ist so:
1. Man nimmt den Zettel mit den Namen entgegen. Man braucht diesen nicht zu lesen – ist es doch eine Vertrauensfrage und ein offenes Bekenntnis. 2. Man faltet diesen auf offener Bühne damit er durch den Schlitz der Urne passt und 3. Man lässt diesen in die Urne fallen. Das war's. – Lässt aber jemand etwa vorher einen Stift tanzen, um einen Namen zu streichen, kann dieser komische Bürgerwille leider nicht berücksichtigt werden, weil er von der Vorgabe abweicht. Will sich jemand mit dem Namenszettel gar hinter einen bereit hängenden Vorhang verkriechen, um den Wahlakt zu manipulieren, so wird ihm sofort Hilfe angedient, die ihn auf den rechten Weg zurückführt und um Schlimmeres zu verhüten. Aber er wurde schon mal als ein aus der Reihe tanzender Wähler registriert. So das wäre geschafft. Für den ersten Wähler im Wahllokal gibt es ein Asternsträußchen, in mancher Einrichtung singen frohe Pioniere zum Auftakt frohe Lieder.


Katzenjammer

Auch im späten Herbst lüftete ich unseren Keller in der Wattstraße 12 für längere Zeit. Ihr wisst schon, das ist der Raum, auf den die breiten schrägen weißen Pfeile außen auf der Fassade noch immer als Luftschutzkeller, als Zufluchtsort im Kriege, hinweisen. Nun nahm ein großer getigerter Kater die Chance des geöffneten Fensters als Angebot wahr und wählte unseren Keller als Asyl. Als ich in der Keller kam, um Kohlen zu holen, fauchte er mich mit weit aufgerissenen Augen an. Ich holte erst mal eine Schüssel mit Sägespänen als Toilette für ihn und brachte etwas relativ leckere Nahrung und auch Milchwasser und eine weichere Liegefläche, als die Briketts sie ihm boten. Er nahm es erst an, als ich ihn wieder allein und im Dunkeln zurück gelassen hatte. Sehr scheu war er, bis er sich etwas vertrauter zeigte und ich sah, dass er eine große zerfetzte Fleischwunde mit abgestorbenen Wundrändern hatte, die eiterten und versorgt werden mussten. Bald durfte ich ihn anfassen, er ließ sich kraulen. Eines Tages er ließ sich dann sogar in eine große Tasche heben und so konnte ich mit ihm zur Tierärztin Frau Dr. Worseck gehen. Er erhielt in Narkose eine große Menge des Antibiotikums Vetastricillin und die rechte Seite wurde vom Fell geschoren, die Wunde desinfiziert, die nekrotischen (abgestorbenen) Wundränder beschnitten, alles wieder vernäht, so dass ich ein nunmehr fast mumifiziertes Bündel wieder mit nach Hause nehmen konnte. Die Wunde heilte nun – er war zutraulich geworden – aber eines Tages kam der Kater nicht mehr wieder, obwohl er ja nun sichere und geordnete Lebensbedingungen gefunden hatte. Ich blieb in der Ungewissheit, dass ihm wahrscheinlich doch ein schreckliches Ende widerfahren war. Vielleicht ist er von einem Auto überfahren worden oder hat einen starken Kampf und dabei sein Leben verloren. Es war eine kurze Freundschaft, die sich noch im Wachstum befunden hatte.


Eine weitere Fahrschule

In der kurzen, noch kriegszerstörten Potsdamer Brauerstraße, zwischen dem Alten Markt und der Burgstraße, hatte ich mich zur Erweiterung meiner Fahrerlaubnis von Klasse III auf Klasse V und somit zu kurzer Fahrschulzeit angemeldet. Nun ist es soweit. Das Ganze läuft wieder schnell ab und weil es so praktisch ist, nehme ich die Erweiterung vom Moped zur Klasse I (eins) für Motorräder gleich mit. Das stellt sich kostengünstig und ist zukunftsorientiert. Mit dem abendlichen Theorieunterricht habe ich nichts zu schaffen, da meine Traktoren-Fahrerlaubnis ja „frisch“ vom Januar dieses Jahres ist und ich deshalb nur eine aktuelle Theorie-Prüfung benötige. Die wenigen praktischen Erweiterungs-Fahrstunden für Motorrad und Lkw liegen zum Teil in der Arbeitszeit. Alles ist wieder gut, so wie es ist, denn in den Abendstunden hätte ich wegen der Volkshochschule auch überhaupt keine freie Zeit für den Theorie-Fahrschulunterricht gehabt.

Hier, in der Brauerstraße, wohnte „früher“ (also vor rund 150 Jahren) der Baurat Manger. Bei ihm arbeitete „unser Potsdamer Heldenmädchen“ Eleonore Prohaska bis zum Frühjahr 1813 als Hauswirtschafterin, also bis zu der Zeit, als sie zur Truppe des Freiherrn von Lützow ging, um verkleidet und unter falschem Namen als >Freiwilliger Schwarzer Jäger August Renz<, als Trommler und Infanterist mit in die Schlachten der Befreiungskriege gegen die Franzosen zu ziehen. Diese Zeit war für Eleonore eine zu kurze!


Eleonore Maria Christiane Prohaska

(der tschechische Name bedeutet: „Der Spaziergänger“ / „die Spaziergängerin“),

geboren in Potsdam am 11. März 1785.


Ihr Vorgesetzter notierte: „Der Trommler und Infanterist August Renz kam als Jäger im Juni in unser Lützowsches Freicorps, das unter dem Obersten Graf v. Kielmannsegg kämpft. Seine Sprache ist nicht besonders fein aber er kocht vortrefflich in den Biwaks. Die Größe seines hoch aufgewachsenen Körpers beträgt 5 Fuß, 8 Zoll, 3 Strich. (Das sind nach der Umrechnung von Chris J.: 1,79 m). Der Jäger August Renz wurde in der Schlacht an der Görde bei Lüchow und Dannenberg am 16. September 1813 schwer verwundet. Er war außer Deckung gegangen, weil er mit weiteren Kameraden einen gerade schwer Verletzten versorgen wollte. Hierbei wurde ihm durch ein Geschoss des Feindes der Oberschenkel zerschmettert. Erst bei den Hilfemaßnahmen entdeckte man, dass es sich bei dem Jäger August Renz in Wirklichkeit um eine junge Frau handelte!“

In Dannenberg, in einem Bürgerhaus, Lange Straße, ist die Potsdamerin

Eleonore Prohaska

am 05. Oktober 1813, im Alter von 28 Jahren gestorben.


Bei den Lützowern kämpften zur gleichen Zeit (1813) auch die bekannten Persönlichkeiten: Turnvater Friedrich Ludwig Jahn (36 Jahre alt), Joseph von Eichendorff (25 Jahre alt), Theodor Körner (1791– August 1813, 22 Jahre jung), Friedrich Fröbel (31 Jahre alt), Major Ludwig v. Lützow, (der das 3.000 Mann starke Freiwilligenheer gegründet hatte, 31 Jahre alt), Friedrich Friesen 29 Jahre alt ... und viele, viele andere.


Nach diesem ergreifenden Blick in die kriegerische Weltgeschichte, die sich auch auf unsere Regionen stark auswirkte, machen wir hier unser'n friedlich-schnöden Alltagskram weiter:

Der Fahrschul-Lkw ist ein H 3 A, für 3 t Nutzlast, aus den Horch-Werken in Zwickau. Das Fahrschul-Motorrad ist eine Touren-Awo aus Suhl mit Beiwagen, in dem es sich der Fahrlehrer gemütlich macht. In dieser Winterzeit holen wir damit die von irgendwelchen Baumfällern schon freundlich vorbereiteten Holzkloben (Rollen) aus den Ravensbergen (von dort wo die Raben hausen). Das bedeutet, mein Fahrschullehrer nutzt nicht den Sitz des Beiwagens, sondern thront, das Beutegut verdeckend, oben auf dem Holz. Dieses Gut ist für den eisernen Fahrschulofen zweckbestimmt, der den Raum schnell wärmt, aber die Hitze nicht lange hält. Kein Förster kam uns dabei „in die Quere“. Aber bitte nicht weitersagen. Zwar gehört der Ofen wie auch die Fahrschule und das Holz sowieso zum Volkseigentum (wie der Fahrlehrer mir erläuterte) aber die Aktion ist doch irgendwie etwas geheim, ähnlich wie meine Tätigkeit in der Apotheke, weil diese zur NVA gehört und auch ein Volkseigentum mit Geheimnissen ist.


Die Kriegs-Ruinen am Potsdamer Alten Markt sind im Wesentlichen beseitigt, die Burgstraße wurde ein Stück „verrückt“ und wird neu anders wieder aufgebaut, nun mit einer schönen Grünfläche bis zum Ufer der „Alten Fahrt“ der Havel. Der Platz des ehemaligen Schlosses ist verwaist. Die Nikolaikirche hat schon wieder eine Kuppel aber die wenigen Reste der Brauerstraße sehen noch schlimm aus – für Jenen, der nicht das gesamte Ausmaß der Zerstörung kennt. Das ist der Anblick für mich, wenn ich zur Fahrschule gehe (wie hier oder schlimmer, so in vielen anderen Ländern durch „deutsche Hand“). Zur Seite des Alten Marktes hatte man die Ruinenreste anlässlich der Arbeiterfestspiele aufgehübscht, mit weißer Kalk-„Brühe“ angesprüht, damit die Ruinen fröhlicher, optimistisch in die Zukunft schauen. Diese kurze Straße war wie das gesamte Areal um den Alten Markt mit der Nikolaikirche und dem Schloss leider in der Nacht vom 14. zum 15. April 1945 Opfer des schrecklichen Vergeltungs-Bombardements geworden. Nach Neuordnung und geplanten Änderungen wird diese Straße in einer Grünfläche aufgehen, nicht wiederzufinden sein. Deshalb sehen wir auch keine Gedenktafel an Eleonore Prohaska, an keiner Hauswand. Zum stillen Gedenken gehen wir auf den Alten Friedhof in der Heinrich-Mann-Allee. Dort steht eine Säule mit Inschrift zum Gedenken an sie.


Was es sonst noch zu berichten gibt:

Unser Hund Struppi hat offenbar Krebs. Er bekommt immer neue Tumoren. Ein paarmal war er schon mit in der Tierarzt-Praxis, wo ich ihm Geschwülste mit dem Elektrokauter abgetrennt und die Wunde eingeschmolzen habe. Aber die Krankheit schreitet immer weiter vor, so dass ihm das Leben sehr schwer fiel, er kaum noch laufen konnte. Heute hat ihn Frau Dr. Worseck mit einer Injektion schnell und schmerzarm erlöst. Gewiss befindet sich unser gutes Struppchen nun im Tier-Himmel, auf der anderen Seite des Regenbogens.


Unsere Familie besitzt jetzt einen Fernsehapparat. Einen gebrauchten „Rubens“, den unser Radiomechaniker, Herr Gr. besorgt hat. Eine unheimlich große schwarze Holzkiste mit einem kleinen Bildfensterchen von etwa 26 x 19 cm Größe (Bilddiagonale 33 cm); etwas kleiner also, als ein DIN A4-Blatt. Aber es passt alles d'rauf, was an schwarz-weiß-grauen Darstellungen zu sehen sein soll. Wir sitzen ja auch nicht im Theatersaal, sondern im Wohnzimmer und da geht das schon ganz gut. Dazu gibt es noch einen weiteren kleineren Zusatzkasten, den manuellen Spannungsregler. Der Fernseher möchte gerne seine Bilder bei etwa 220 Volt Spannung zeigen. Manchmal sinkt aber das städtische Angebot ab, da soll man also mit einem Auge nebenbei auf das Voltmeter schauen und bei Bedarf am Stellrad den Transformator hoch regeln – und gleich fühlt sich das Fernsehgerät wieder wohler.


Reihenuntersuchungen: Bisher werden im Rahmen der Volksröntgenaktion jährlich, (später alle zwei Jahre) Schirmbild-Thoraxaufnahmen für eine Früherkennung der Tuberkulose gefertigt, zumeist in grauen mobilen Röntgenzügen (Lkw-Kofferwagen und Röntgen-Bussen). So wurde die Volkskrankheit Tuberkulose ausgerottet. Bei uns in der DDR. Eine großartige, aufwendige Leistung des DDR-Gesundheitswesens! Und wir alle werden hierbei auch gebildet. Geschirmbildet.


Da ich kurz vor dem Jahresende das 18. Lebensjahr vollenden werde, kann ich mich nun zu den beiden Fahrprüfungen anmelden. Am Tage der Fahrprüfung bei Schneeglätte, muss ich das erste Mal auf einem Solokrad fahren, auf einer kleinen, leichten, handlichen RT 125. Bei dieser Glätte nun ohne drittes Rad eines ansonsten gewohnten Seitenwagens. Die Prüfungsfahrt, sonst nur durch einige Straßen der Stadt, war noch dazu ungewöhnlich lang und eilig ebenfalls. Es ging vom Potsdamer Zentrum bis nach Stahnsdorf / Kleinmachnow, Bus-Umsteigestelle Waldschänke (hin und zurück 36 km). Und das nur, weil der prüfende Polizist von dort aus mit einem Bus unverzüglich nach Hause streben wollte. Wir mussten trotz Schneeglätte also schneller sein, als der Bus von Potsdam nach Stahnsdorf. Na gut, wir hatten auch nicht derartig viele Haltestellen zu berücksichtigen. Das beim ersten Bus eingesparte Fahrgeld hat uns der Grüne nicht als Trinkgeld dagelassen, auch nicht als Sonder-Benzingeld für die Fahrschule. Er waltete einfach nur irgendwie seines Amtes. Trocken und ernst.


1964 – mein 19. Lebensjahr

Der Kalender zeigt den 6. April 1964. Hochzeitstag meiner Eltern. Heute will mich die Nationale Volksarmee (NVA) sehen. Vor zwei Jahren wurde in der DDR die Wehrpflicht gesetzlich eingeführt und heute steht auch meine Musterung für den Wehrdienst an. Ich hatte mir schon zeitig Gedanken darüber gemacht, in welcher Gattung ich besonders gerne zu dienen gedenke, falls ich „nach besonderen Wünschen“ oder „scheinbar besonderer Eignung“ gefragt werden sollte. Ich hätte geäußert, den Wehrdienst, zumindest nach der Grundausbildung, in einer Sanitätseinheit leisten zu wollen, da ich ja als Ziviler sowohl im Lazarett tätig bin und „schon auf gewisse Grundkenntnisse“ verweisen könne.

Musterung für die Armee für Verteidigungsaufgaben. Es war offiziell schon mal klargelegt, dass in nächster Umgebung die Bundeswehr der BRD als ein aggressiver imperialistischer Feind drohe und uns immer wieder deren Blitzkriegspläne zur Vereinnahmung der DDR vor Augen gehalten wurden. Und selbst die Amerikaner hätten uns in ja in Friedenszeiten bereits mehrmals mit Kartoffelkäfern bombardiert – haben wir höchlichst ernsthaft gelernt. – Blitzkrieg – Es gibt es ja da das 27 Verse lange Dankgedicht des Johannes Robert Becher zur Verherrlichung des grausamen toten Diktators Stalin, was zum Inhalt hat, dass die Menschen in Hamburg, München oder Leipzig alle die Taten Stalins hoch verehren, (weil wir alle ja inzwischen in einem großen wiedergeeinten kommunistischen deutschen Staat leben).

Es gibt so sehr viel des Bedenkens notwendiges. Und ich weiß viel zu wenig.


Und dann war ich ziemlich schnell an der Reihe – bei den Musterungs-Medizinern. Jeweils kurz und knapp – aber insgesamt dauerte es. Verschiedene Scheine wurden ausgestellt, die beim Musterungsoffizier, dem Genossen Hauptmann Pöhlmann abgegeben wurden, der mir dann die Zusammenfassung etwa so mitteilte:


Ich musste mich angesichts dieses nun überraschenden Musterungsergebnisses erst einmal fassen, denn ich benötigte weder meinen gedanklich vorbereiteten Wunschzettel, noch eine schwierige Diskussion. Es war nun eher ein Stottern, statt vorbereiteter Kurzrede, etwa so:


Wir wünschten uns dann militärisch kurz und knapp gegenseitig alles Gute für die jeweilige Zukunft, wobei ich wie täglich gewohnt Haltung annahm und zum Abschied militärisch grüßte.

Ja, diesen frommen Wunsch – alles Gute in der Zukunft – will ich mit allen Kräften anstreben.

Und das beginnt sofort – ich komme gerade noch pünktlich zum Festtags-Kaffee meiner Eltern.


Die Ärzte der orthopädisch-chirurgischen Oberlin-Klinik in Babelsberg hatten also wohl recht gehabt, als sie mir vor Jahresfrist dringend das vorzeitige Beenden der landwirtschaftlichen Lehre empfohlen hatten und nach einem sehr frühen Unfall, vermutlich mit einer Gehirnblutung, auch meine Seh- und damit die potenzielle Schieß-Leistung beeinträchtigt war.


Die Zeit meiner Tagesaufenthalte in der Lazarett-Apotheke geht am 15. Juni zu Ende, denn meine zwischenzeitliche Ausbildungssuche hatte einen Erfolg.

Von der NVA bekomme ich als empfehlenden Gruß für die neue Ausbildungsstätte eine gute Abschlussbeurteilung mit. Genauso endet im Juni meine Zeit der abendlichen Weiterbildung in der Klasse 12a der Volkshochschule Potsdam. Die Prüfungen in den von mir gewählten Fächern waren angenehm. Besonders hat mir natürlich Biologie gelegen. Ich hatte möglichst alles über das „Organsystem Haut“ (Anatomie und Physiologie) zu erzählen, konnte aber nicht alles was ich wusste über Pathologie und Erste Hilfe zusätzlich einbringen, weil inzwischen längst die Zeit heran war, dass der nächste Kandidat geprüft werden sollte.


Im VEB Maschinenbau-Erzeugnisse, beim Gebraucht-Fahrzeugverkauf, in Teltow, Ruhlsdorfer Straße, erstehe ich ein Motorrad. Es ist eine zehn Jahre alte EMW R 35/3 (14 PS bei 350 ccm Hubraum) aus den Eisenacher Motorenwerken, für 170,- Mark. Diese wird mit tatkräftiger Hilfe meines Großcousins völlig zerlegt und nun in einem mittelblauen Farbton gespritzt. Tank und Scheinwerfer aber werden weiß. So hat sie versehentlich eine bayerische Farbgebung, obwohl die zivilen BMW schwarz waren. Statt der Gummisättel sehr unterschiedlicher Höhe erhält das Maschinchen die geteilte Sitzbank einer Sport-Awo. Eigentlich sollten es weiße MZ-Sättel sein, es hätte gestalterisch besser gepasst, solche bekam ich aber nicht. Eigentlich sollte die Ausstattung noch mit einem höher gestellten Moto-Cross-Lenker komplettiert werden aber einen solchen bekam nicht frei im Handel, sondern diese waren eingetragenen Geländesport-Wettbewerbsmaschinen vorbehalten. Die Seitenflächen der Reifen strich ich mit weißer Gummifarbe – eine schlimme Arbeit, weil sich das Zeug mehr „zog“, als haftete, sich also schwer streichen ließ. Aber ordentlich sah das Gefährt zum Schluß schon aus. Es fuhr nicht zu schnell: Maximal 105 km/h aber zuverlässig. In Potsdam fuhr ich los, Sprit sparend mit nur 80 km/h Reisegeschwindigkeit und so ging's durch bis Dresden, 200 km in zweieinhalb Stunden non stop und eben, wie ein Uhrwerk. Kürzere „Probefahrten“ gab es sowohl mit meinem Bruder aber sogar mit Tante Käte. Sie ist jetzt 66 Jahre jung und hat nun zum ersten Mal in ihrem Leben auf einem Motorrad gesessen. Hinten.

Zur gleichen Zeit hatte mein Großcousin ein weiteres Motorrad auf dem Hof stehen. Eine rote

500-er „Imperia“ aus der Frühzeit der Motorradgeschichte. Weiß der Geier, wie sie den Weg zu ihm gefunden hatte. Sie kostete ihn nichts – heute wäre sie als Liebhaberstück gewiss ein Vermögen wert. Mit Trapezgabel und mächtigen, vorerst nach vorn und seitwärts gebogenen Auspuffkrümmern sowie weit ausladenden Ledersätteln. Ich habe solch ein Ungetüm nie wieder gesehen. Sie wurde aber später weitergegeben. Hoffentlich hat man sie nicht verschrottet, sondern ziert heute irgendein Technik-Museum.


Nun beginne ich kein neues Lehrlingsleben, sondern eine „Erwachsenenqualifizierung“ im Staatlichen Gesundheitswesen. Der Ziel-Beruf heißt „Hygiene-Inspektor“. Es ist ein mittlerer medizinischer Beruf. Von diesem Beruf hatte ich bisher noch nie etwas gehört, aber das Ausbildungs- und Arbeitsspektrum sprach mich gleich interessierend an. Es ist eine „duale“ Ausbildung, in der sich praktische Ausbildung und der Fachschulbesuch im halbjährlichen Wechsel ablösen und ergänzen.

Vorerst beginne ich also mit dem ersten Praxis-Abschnitt in der Hygiene-Inspektion beim Rat des Kreises Zossen, Abteilung Gesundheits- und Sozialwesen. Im Moment stehen als „tragende Säulen“: Lebensmittel-Hygiene, Kommunal-Hygiene und die Bekämpfung von Infektionen auf dem Programm aber auch die Sozial-Hygiene wird immer wieder eine Rolle spielen, eine Aufgabe sein. Die Arbeitsstelle ist nicht im Baracken-Gebäude-Komplex des Rates des Kreises untergebracht, sondern im Hochparterre des Miethauses in Zossen, Mittenwalder Straße 2, das einem Schausteller gehört, der über den Büroräumen wohnt. Oh, oh – Hygiene: Dieses Wohnhaus mit den „Gewerberäumen“, die wir nutzen, verfügt über einen Trockenabort auf dem Hof, ein so genanntes Plumpsklo, das durchaus nicht einladend aussieht. Bald schlage ich vor, dass wir es instandsetzen und renovieren (weil der Vermieter sich wegen der Kosten für etwas Holz und Farbe sträubt) und nach unserer Bearbeitung sieht es „einladender“ aus – ist aber dadurch im Winter trotzdem nicht wärmer.

Ich bestelle mir für das erweiterte Selbst-Studium schon mal verschiedene Hefte der Reihe „Kleine Gesundheitsbücherei“, herausgegeben vom Deutschen Hygiene-Museum in Dresden. Diese bildenden Einzelhefte im Format DIN A 5 kosten 0,20 DM, das Doppelheft 0,40 DM. Man kann sich also deren Wissensinhalt über vielfältige Themen leisten. Ebenso schaffe ich einen Vorrat aus der „Schriftenreihe für den Referenten“ an, herausgegeben von der URANIA , der Gesellschaft zur Verbreitung wissenschaftlicher Kenntnisse.

Ich werde auch bald Mitglied in der „Gesellschaft für Allgemeine und Kommunale Hygiene der DDR“ und „verschlinge“ deren Zeitschriftenbeiträge, um schon etwas mehr und so das Neueste zu erfahren und es dann zu wissen ... um nicht wieder in einen so etwas abfällig angesehenen, „Lehrlingsstatus“ hineinzugeraten wie in Großbeuthen, sondern um möglichst bald mit neuestem Wissen bei den „alten Hasen“ mitreden zu können.


Wo ich jetzt wohne? Vatis Großcousin, der Dr. phil. Wernher Bauer, Rangsdorf, Falkenflur 2, Ecke Grenzstraße, hat in Rangsdorf eine Bekannte, Frau Stefanie, eine Schneiderin im Altersruhestand. Sie hat in ihrem Hause, Unter den Eschen 8, ein Souterrainzimmer zu vermieten und so stand meinem Einzug (scheinbar) nichts im Wege. Direkt unter dem Fenster breitete sich mir ihr Garten aus. Die alte Dame werkelte viel in ihren Beeten. Sie hatte mir auch eine kleine Beetfläche angeboten, zugeordnet, auf der ich begann meinen künftigen Pfefferminztee zu züchten.

Leider hielten diese pseudo-paradiesischen Zustände nicht ewig, ja nur kurze Zeit. In der DDR war sämtlicher Wohnraum staatlich erfasst, „bewirtschaftet“ hieß es und wurde ohne eine mögliche Einflussnahme des Vermieters, des Hauseigentümers, vergeben. Diese staatliche Verfahrensweise war mir bisher nicht bekannt. So hatte Frau Stefanie das Untermietsverhältnis zwar mit mir geschlossen aber nicht vorher mit dem Rat der Gemeinde Rangsdorf begründet. Das bedeutete: Offiziell war dieses Zimmer frei und wurde vom Rat nun auch offiziell belegt, was bedeutete, dass ich als illegaler Untermieter von einer Stund' auf die andere verschwinden musste. Ein Möbelwagen war dafür nicht vonnöten. Ich hatte ja nur einen kleinen Koffer. Adé du schönes Kellerzimmer! Den werdenden, also noch ungebrühten Pfefferminztee am Stengel ließ ich für meinen Nachfolger dort. Hoffentlich hat er ihn gewürdigt – oder untergepflügt? – oder Frau Stefanie lebte davon gesund!


Doch schon wieder ebnete mir ein Engel in der Not den Weg: Frau Irmgard Sch. wohnte in Berlin, hatte aber in Rangsdorf eine Wochenendlaube, in die ich übergangsweise sofort einziehen konnte. So hatte ich nun plötzlich ein „eigenes“ Haus, im Garten eine Handschwengelpumpe für das Wasser zum Waschen und Kochen. Stets musste man tunlichst einen Rest des Wassers aufheben, um die Pumpe wieder „angießen“ zu können. Drinnen in der kleinen Küche stand ein Herd, der mit festen Brennstoffen gespeist werden wollte. So ging ich abends in den Wald und sammelte Kiefernzapfen (Kienäppel) als prima Brennmaterial, um mir dann eine köstliche Suppe kochen zu können. Das ging so nach der Art des Lebens von Huckleberry Finn den Sommer über.

Im Herbst besorgte mir der Rat des Kreises dann ein möbeliertes Zimmer in Blankenfelde, im Einfamilienhaus des betagten Ehepaares St., Friedrich-Engels-Straße 9. Großer Garten, ewig aufgeregt kläffender promenadengemischter Kleinköter. Das Zimmer: Etwas naturtrübdunkel, enggewendelte, also gelblich-sichtdichte Stores, schwere weinrote Sammetgardinen, ein dazu passend plüschiger Sessel mit Tisch davor, ein schwarzbrauner Schrank, dazu die passende Kommode mit Marmorplatte belegt. Darauf eine Steingutschüssel sowie ein Wasserkrug zur Körperpflege stehend. Ein Bett, versteckt unter der Dachschräge im Alkoven, davor ebenfalls schwere samtplüschige „Rotweinvorhänge“, darunter das bauchige „Nachtgeschirr“, das während meiner Zeit trocken blieb. Über allem waberte der Eindruck älteren Staubes.

Küchenmitbenutzung? „Ich bitte Sie herzlich!“ Ein Zimmer wird vermietet. Für Getränkewasserversorgung und Geschirrabwasch des Untermieters bitte das kühle Wasser aus dem Handwaschbecken des Klo's. „Sie haben den Krug und die Schüssel!“ „Ja, danke“. „Sie besitzen einen Tauchsieder?“ „Ja.“ „Aber nur unter Aufsicht.“ „Selbstverständlich.“

Mein Motorrad stelle ich im Garten ab und fahre am nächsten Morgen kurz nach 6 Uhr mit der Bahn nach Zossen zur Arbeitsstelle. Sehr bequem. Als ich am späten Nachmittag in mein neues Heim zurückkomme, sehe ich zwei zittrige Leute. Sie hätten sich ja solche Sorgen um mich gemacht! Ängste durchstanden. Nur wegen mir. –

Als sie sich am Vormittag von der Nachtruhe erhoben hatten, sahen sie: Aha, Motorrad ist noch da, der junge Herr wird noch der Ruhe bedürfen. Als die Sonne höher kletterte, bildeten sich meine „neuen Erziehungsberechtigten“ die Meinung, dass der junge Mann eigentlich langsam aufstehen könnte. Weil sich auch fürderhin nichts rührte vermuteten sie später, dass ich gewiss plötzlich schwer erkrankt sei und da ich mich auch trotz energischen Klopfens an der Zimmertür partout nicht meldete, stieg in ihnen die sich festigende Ahnung auf, dass ich bereits vor der Zeit hinieden gegangen, also recht zeitig verschieden sei. Ausgerechnet bei ihnen – und damit zur Unzeit und am falschen Ort. So fassten sie sich denn zwei Herzen, öffneten die Tür und sahen – das Zimmer war nach wie vor möbeliert – aber ansonsten leer. Wie war das denn möglich?

Das alles erzählten sie mir als ich am späten Nachmittag von der Arbeit gekommen war und konnten hernach wieder schlafen. So verlief in Abwesenheit mein erster Tag in „meinem neuen Heim“. Es sollte besser nicht von überlanger Dauer sein.


Unser Kreis-Hygiene-Arzt, Herr Dr. med. Bi. hat seine Praxis in Baruth und dort findet ihr auch

seine reizende Assistentin. Zur Kreisärztin Frau Obermedizinalrat (OMR) Dr. med. Schneider haben wir es zu den Baracken des Rates des Kreises in der verlängerten Kirchstraße aber näher. Angenehme Arbeitsbeziehungen pflegen wir auch mit den Mitarbeitern der Poliklinik Zossen am Leninplatz und mit dem Personal in den Landambulatorien. Halten wir uns tagsüber in der Stadt auf, dann können wir in der HO-Gaststätte „Weißer Schwan“, am Nottekanal stehend, sitzend am preisgünstigen Betriebsessen teilnehmen, das 1,10 Mark kostet.


Als Dienstmotorrad habe ich eine Sport-AWO mit einem „Superelastic-Seitenwagen“, so dass meine EMW etwas traurig still dastand.

Seltener, wenn mehr zu transportieren war, benutzte ich auch mal einen IFA F8.


Wir benötigen in der Hygiene-Inspektion aber noch ein weiteres Motorrad. Beim Kollegen Heinz F. in Dabendorf soll von alters her noch eins, so halb zerlegt, herumstehen. Eine AWO 425 T (250 ccm), wohl eine der ersten Maschinchen dieses Typs von 1951.

Wurden damals die BMW R 35 (in Bayern) und die EMW R 35 (in Eisenach) sowieso auf der Basis gleicher Konstruktionsunterlagen gefertigt, so haben wir hier im geteilten Deutschland ein ähnliches Phänomen: Nach dem Krieg änderte Westdeutschland die Konstruktion bei der

BMW R 25, und von der sowjetischen Seite kommen Weisungen und Zeichnungen für das künftige DDR-Motorrad AWO 425-T, das der westdeutschen BMW R 25 zufällig etwa wie ein eineiiger Zwilling dem anderen gleicht.

Zurück nach Dabendorf: Tatsächlich steht dort, vernachlässigt und verwaist das Motorrad im Schuppen unter Kaninchen-Stroh und Metallschrott-Gerümpel. Nach dem Aufpumpen hielt die Luft sogar, der noch einzeln vorhandene Tank wurde provisorisch am Rahmen angedrahtet und mit einem halben Literschwapps flüssiger Energie gefüllt. (An der Tankstelle zahlten wir bargeldlos mit Tankkreditscheinen – für 1 Liter 1,50 Mark der DDR.) Der mitgebrachte Austauschakkumulateur erfüllte das Zündungssystem nach langer Ruhezeit mit sprühendem Leben. Los ging's in nächtlicher Fahrt bis Rangsdorf und dann via Autobahn nach Ludwigsfelde zur Werkstatt für eine gründliche Durchsicht. Diese Maschine „entpuppte“ sich als ein wahrer Renner. Es war kein Montags-Produkt.


Großbeuthen lässt grüßen:

Die Ludwigsfelder Erweiterte Oberschule hat im September in Babelsberg auf dem Sportplatz „Sandscholle“ Sportfest. Ich hörte davon, wurde eingeladen und kam selbstverständlich. Sah alle wieder – das war schön! Für die Aktiven hatte ich Traubenzucker „Dextropur-Tabletten“ als Gastmitbringsel + Energiespender mitgebracht. Gemeinsam mit Ingrid Mae. aus Rangsdorf holte ich Kuchen für die Truppe, als Siegerprämie – und als Trostpreis.


Bald fasse ich auch im ehrenamtlich-gesellschaftlich-nützlichen Leben der Kreisstadt Zossen Fuß. Beim Deutschen Roten Kreuz (Bahnhofstraße) arbeite ich in der Jugendkommission, bilde mit zwei Hausfrauen das DRK-Hygiene-Aktiv der Kreisstadt und werde DRK-Blutspender. Des Weiteren bin ich jetzt auch im Sängerverein der Stadt Mitsänger. Dort finde ich zwischen Herrn Friseur Leue, einem Lehrer und dem Apotheker einen Platz. Der Verein tagt in der Gaststätte „Haase“ in der Puschkinstraße. Allerdings wird nicht nur gesungen, sondern auch tapfer dem Gerstensafte zugesprochen. Die Stimmen sollen frisch geölt bleiben. Eine frohe Runde, der allerdings ein zweiter Bass fehlt. Meine Stimmlage – zum Bedauern aller – eher ein Bariton. Es fehlt aber ein zweiter Bass. Also bin ich es. Mit der Ton-Vorgabe des Klaviers wird es getestet ob es geht, ob ich gehe – tief in der Keller hinunter. (Im tiefen Keller sitz' ich hier ... als Büblein klein an der Mutter...)

Briefpapier und die Heftchen „Schlager für dich“ erstehe ich stets bei Firma Schwendy in der Berliner Straße 29. Schräg gegenüber der Kirche befindet sich das Volkspolizei-Kreisamt, wo auch der Schreibtisch des Genossen Verkehrspolizisten Mal. steht, den wir ja schon aus Großbeuthen gut kennen.

Meine neuen Kollegen (also der Einzige, der hier neu ist, bin ja in Wirklichkeit ich) sind: Der Kreis-Hygiene-Inspektor Norbert S., als Chef und die weiteren Hygiene-Inspektoren – alles ältere gestandene Herren – Paul Sch., Hans Mey., Rudolf Sch., Heinz Fen. und Albert Sto. Sachbearbeiterin für Infektionskrankheiten: Marianne R. und für das Impfwesen Renate F. Ein Jahr später werden noch Geraldine K. und Franz B. zu uns stoßen.

Meine praktische Ausbildung bezieht sich zurzeit auf das mitlaufende Assistieren und das Lernen dabei. Diese Phase wird aber mehrfach von den seitens des Bezirks-Hygiene-Institut Potsdam organisierten Praktika unterbrochen. Das ist interessant und abwechselungsreich. In einem Praktikum am Bezirks-Hygiene-Institut Potsdam, auf der Insel Hermannswerder, hatte ich eine Arbeit zu schreiben über alle Aspekte, die beim Planen eines modernen Campingplatzes zu berücksichtigen seien. Ein anderes Mal sind ein Wasserwerk, eine Getränkefabrik und eine Molkerei, sowie eine Mosterei, die Margarinefabrik und ein Großklärwerk zu besichtigen. Des weiteren auch eine Abdeckerei, die Tierkörperbeseitigungsanstalt und verschiedenes mehr. Die Arbeitsweisen auf dem Schlachthof sind dazu geeignet besser ein Vegetarier zu werden, die Tiertötung generell abzulehnen, die hier tagtäglich am laufenden Band stattfindet. Das ist von der Wurstscheibe, ist am Schnitzel nicht ablesbar, die man genüsslich verspeist. Solch ein kleiner Ausschnitt oder auch Aufschnitt wirkt harmlos – die gesamte Praxis des Herstellens jedoch nicht. Zu allen diesen Betrieben sind die technologischen Prozesse aufzuschreiben und auswendig zu verinnerlichen.

Im Bereich der Kommunalhygiene nehmen wir Badewasserproben, Wasserproben von Einzelbrunnen sowieso. Ich lerne die mikrobiologischen Untersuchungen im Wasserlabor und ebenso jene im Bereich der Epidemiologie kennen.

Die Abnahme von Kinderferienlagern vor der Belegung und Beratung des Personals während der Ferienzeit stehen beispielsweise auch im Programm. Wunderschön war das zum Beispiel in den Einrichtungen in Zesch am See und in Mellensee.

Für jede betriebliche Hygiene-Kontrolle oder -Beratung, wie ich es lieber gegenüber den Partnern nenne, war ein Ergebnisbericht zu schreiben. Um eine schnelle Übersicht zu haben, ob / wie oft der Kollege die zu betreuenden Einrichtungen besucht hatte und mit welchen Grob-Ergebnissen, war das „Zwickauer System“ eingeführt worden. Es handelte sich im Prinzip um einen Jahreskalender mit Nennung der Betreuungsobjekte. Die Ergebnisse wurden zur Schnellübersicht mit Farbmarkierungen dargestellt: Blau = mängelfrei, grün = leichtere, noch vertretbare Beanstandungen, rot = schwere Mängel, die eine umgehende Behebung und die Nachkontrolle erforderten, so lange, bis möglichst blaue Farbmarken gesetzt werden konnten.


In diesem Jahr gibt es wieder neue Banknoten – die bisherigen sind jetzt sieben Jahre im Umlauf. Die frischen Geldscheine tragen nun nicht mehr die Bezeichnung „Deutsche Mark“ (manch ein Mensch könnte sie ja mit Westgeld verwechseln), sondern ab August stolz den Aufdruck MDN: „Mark der Deutschen Notenbank“. Was wir noch nicht wissen können: Etwa 3½ Jahre werden diese Scheine Bestand haben, dann wird es ab 1. Januar 1968 erneut neues Geld geben, dann mit der Bezeichnung: „Mark der DDR“. Aber ach, genauso wenig ahnen wir Unkundigen, dass auch jene Scheine wieder nach und nach aus dem Verkehr gezogen werden, ersetzt durch noch schönere mit dem Aufdruck: „Mark der Staatsbank der DDR“.


Prima ist es, dass wir im frühherbstlichen Oktober einen Betriebsausflug unternehmen. Es ist eine Reise zur IGA, der Internationalen Gartenbau-Ausstellung in Erfurt, aber auch zu Schiller und Goethe nach Weimar fahren wir. Da lernt man die Kollegen (nun meine ich aber nicht jene Weimarer Einwohner, sondern die von der Hygiene-Inspektion) noch besser von der privaten Seite kennen, als im Arbeitsalltag.

Etwa in dieser Zeit kommen bei uns Ansichtskarten (14 x 20 cm) vom VEB Bild und Heimat auf, die dann in einem Budapester Partnerbetrieb als flexible Schallplatte bzw. („Schallkarte“ oder Schallfolie) gepresst werden. So besitze ich, auch im Jahr 2016 noch, je eine klingende Karte mit

Der Stückpreis je Karte beträgt 2,00 Deutsche Mark (der DDR). Sehr schöne Grüße zum Versand an andere Menschen oder als eigene Erinnerungsstücke.


Als ich am Wochenende mal wieder zu den Eltern fahre, spricht mich im Zug, kurz vor Potsdam, ein junges Mädel an, die mit ihrer Mutter unterwegs ist. Sie fragt mich, wie man am besten zum Park von Sanssouci käme und was es dort zu sehen gäbe. Ich biete mich als Fremdenführer an. Es ist eine Germanistik-Studentin aus der ukrainischen Stadt Odessa, die mit ihrer Mutter in Wünsdorf ihren Vater bzw. Ehemann besucht, der dort als Offizier stationiert ist. Die bedeutenden Sehenswürdigkeiten sehen wir uns gemeinsam im Park an – aber auf meine Einladung hin, irgendwo in einer Gaststätte etwas zu essen oder einen Kaffee zu trinken oder etwas Hübsches als Andenken zu erwerben – da kommt bei den Lebhaften plötzlich große Zurückhaltung auf. Angst. Geht nicht. Verboten. Sie dürfen nur im kleinen sowjetischen Magasin (einfacher Lebensmittelladen) irgendetwas Bescheidenes kaufen, um die Rückfahrt ohne Hunger zu überstehen – denn: Gemeinsam in privater Runde in aller Öffentlichkeit eine Kleinigkeit essen – so weit geht nun die Sowjetisch-Deutsche-Freundschaft auch nicht, wenn es nicht vom Politoffizier extra genehmigt wurde. Schade. Man könnte die DSF mal ein wenig mit Leben erfüllen. Aber verständlich. Haben doch die Menschen der Völker der Sowjetunion und besonders die Menschen der Ukraine im Großen Vaterländischen Krieg durch die Deutschen unsägliches Leid erfahren. Nicht wieder gut zu machen – nicht in dieser Generation. Freizügiger einkaufen, als die beiden Frauen, dürfen aber die Genossen Offiziere und feiern natürlich auch mit vielen deutschen Genossen zu offiziellen Anlässen.


Noch im Oktober '64 steht für mich eine weitere Weiterbildung auf dem Programm. Das DRK delegiert mich zur Ausbildung als Lehrkraft, nach Storkow im Kreis Beeskow. (Dort in der Nähe, in Hirschluch, war ich vor Jahren schon einmal von der Jungschar aus). Es war eine wunderschöne Zeit kameradschaftlichen Lernens der 40 Teilnehmer aus der gesamten Republik und ich habe es doch recht bedauert, als wir dann nach den Prüfungen alle wieder in unsere Heimatorte fuhren. Der Leiter des Lehrkräfte-Lehrgangs war Kamerad Heinz Listner vom Generalsekretariat des DRK in Dresden. Mit mir war aus Klasdorf bei Baruth der DRK-Krankentransporteur Karl Ilk, ein feiner Kamerad, zu dieser Weiterbildung.


Und dann ging es bald los mit dem ehrenamtlichen, also kostenlosen abendlichen Unterrichten im Gesundheitsschutz, vom DRK organisiert: In Kerzendorf bei Ludwigsfelde hielt ich beispielsweise über einen längeren Zeitraum, nach herbstlicher Ernte und vor der Frühjahrsbestellung einen Lehrgang, um einen großen Teil der LPG-Mitglieder zu Gesundheitshelfern auszubilden. Das ging den Winter über, die Fahrt dorthin mit dem Motorrad bei Eis und Schnee. Der Bürgermeister von Kerzendorf, der freundliche Herr Ernst Franke, er war wohl verwitwet und alleinstehend, hatte mir an jedem dieser Abende zur Begrüßung einen Topf siedend heißer Hühnerbrühe bereitet. An meine Lippenverbrühungen erinnere ich mich, weil die fette Hühnerbrühe nie bis zum Unterrichtsbeginn auf eine trinkbare Temperatur abkühlte. Herr Franke meinte es herzensgut. Zu dieser Zeit hatte ich leider noch nicht meine (später zum Teil selbst gefertigten Dia-Serien), sondern hantierte leider noch mit den offiziellen großen zusammenrollbaren Anschauungstafeln am Kartenständer.

Ja, die Ausbildung zum Gesundheitshelfer mit Erster Hilfe und Einblick in die Hygiene dauerte

48 Unterrichtsstunden. Nach der politischen Wende, also ab 1990, sinkt nach dem für uns neuen altbundesdeutschen Recht die Ausbildungsintensität und -dauer für Ersthelfer ... u. a. auch für die Lebensrettung von Menschen erforderlich, auf 16! Stunden. Wenn ich mich richtig entsinne, bedurfte der Erwerb einer Angelkarte hingegen 33 Stunden vorbereitenden Unterrichts. Das ist gut. Aber es sind sehr unterschiedliche Wertungen zum Notwendigen.


Vorträge oder Schulungen hatte ich auch im Rahmen der Volkshochschule oder für die URANIA ,– der Gesellschaft zur Verbreitung wissenschaftlicher Kenntnisse zu halten, – oder vom Rat des Kreises aus, beispielsweise im Rahmen der Weiterbildung der Lebensmittelverkaufsstellenleiter.


Neben der eigentlichen Hygiene-Arbeit hatten wir noch im Wechsel mit dem Zossener Krankenhaus unsere wöchentlichen Kurierfahrten nach Potsdam. Da wurden zahlreiche, an unterschiedlichen Orten gefüllte Wasserflaschen zur Untersuchung ins Bezirks-Hygiene-Institut nach Potsdam gebracht, ebenso viele "Stuhlproben" zur labortechnischen Untersuchung auf diverse Krankheitskeime. Auch der Transport von Blutkonserven zum und vom Institut für Blutspende und Transfusionsmedizin (Potsdam, Gutenbergstraße) gehörte dazu.

Des Weiteren: Die Ärzte der Zossener Poliklinik hatten einen Bereitschaftsdienst für die Versorgung der Landbevölkerung außerhalb der Öffnungszeiten der Poliklinik bzw. für transportunfähige Patienten. So kam es, dass ich in den Abendstunden ebenso Bereitschaft hatte, – aber nur als Fahrer für die Hausbesuche ausgewählter Mediziner. Als Fahrzeug der Poliklinik hatte ich dazu den formschönen Wartburg-Coupé zur Verfügung.


Mitarbeiter vom Rat des Kreises führen ein Gespräch mit Norbert und mir über das zusätzlich nebenamtliche Wirken in der Arbeiter- und Bauern-Inspektion (ABI), da wir ja ohnehin in vielen Betrieben tätig sind und darüber hinaus engen Kontakt zur Bevölkerung pflegen. Hierbei ginge es für uns auf dem Gebiet des Gesundheitswesens um zwei Komplexe:

1. Die Beratung und Kontrolle, ob die Leitungen der Betriebe die bestehenden Rechtsvorgaben beim Gesundheitsschutz in ihren Einrichtungen einhalten, wo und warum es eventuell Schwierigkeiten gibt und wie diese beseitigt werden könnten. Die Wahl der Schwerpunkte und die Vorgehensweise bei diesen Einsätzen waren im Wesentlichen uns selbst überlassen.

2. Das Nachgehen der Beschwerden (Eingaben) von Bürgern an die Staatsorgane – mit den an uns gerichteten Fragestellungen – ob jene Beschwerden berechtigt seien, warum die beanstandeten Missstände auftraten und wie diese möglichst unbürokratisch beseitigt werden können.

Es stellt sich schon bald heraus, dass Betriebe nach unserer Beratung in einigen Punkten technisch sicherer wurden, manches im Betrieb für Mitarbeiter „komfortabler“ wurde und diese Arbeit so einigen Bürger half, Probleme zu beseitigen über die sie sich teilweise jahrelang geärgert oder unter denen sie gar gelitten hatten. Nun ging die Behebung der Ursachen in mehreren Fällen ganz schnell und einfach.


Wie ihr wisst, bin ich ja ein alleinstehender Junggeselle. Nach Überstunden und deren Abrechnung hat in dieser Zeit niemand gefragt, nach dem Aufwand an ehrenamtlicher Abend-Tätigkeit natürlich erst recht nicht. Wenn man allerdings für eine wirklich wichtige Angelegenheit mal ein paar Stunden privat benötigte, war das im Gegenzug auch kein Problem. Man wusste auf Vertrauensbasis, dass hier nichts unberechtigt falsch ausgenutzt wurde.


Ich werde viele Jahre später (zur BRD-Zeit) mal wieder zu unserem damaligen, also „zeitgenössischen“ Einkaufsverhalten in der DDR unter Bezugname / im Vergleich zum Verpackungsmüll späterer Jahre (nach unserem Beitritt zur BRD) befragt. Meine Antwort war schlicht und einfach.

Man betrieb ja in der DDR-Zeit keine so große Vorratswirtschaft und nicht alle Menschen hatten zu jener Zeit einen Kühlschrank. Für den kleinen Lebensmitteleinkauf tat ein Netz gute Dienste. Später kamen Mini-Dederon-Netze auf den Markt, stark dehnbar, die unter der Last des Füllgutes zu größeren Netzen wurden. Der kleine Seidenfaltbeutel, oft mit Lasche und Druckknopfverschluss, gehörte zur mitgeführten Standardausrüstung „falls es was Besonderes gibt“. Verschiedene dieser Seidenbeutel waren innen „gummiert“, also wasserdicht beschichtet, so dass auch bei einem Gefäßbruch nichts auslaufen konnte. Für Gemüse oder auch schwerere Kartoffeln wurde ein Korb genommen, in den die abgewogenen Kartoffeln eingeschüttet wurden. Kartoffeln, bereits vorher abgewogen und in Wegwerf-Netzen verpackt – so etwas gab es damals nicht. Die Stadtbevölkerung kellerte Winterkartoffeln ein; auf dem Lande wurden sie eher in „Mieten“ frisch gehalten.

Flaschen und Gläser wurden nicht nach einmaliger Benutzung zerstört, sondern gesammelt, sortiert, gereinigt und wiederverwendet. Man wird uns später sagen: „Das rechnet sich nicht. Nach einmaliger Nutzung zerstören und neu herstellen ist wirtschaftlicher.“ Nun, das stimmt wohl so nicht für jeden Produktionszweig und auch manches „Aufarbeiten“ / Reparieren trug dazu bei, dass wir keine arbeitslosen Menschen hatten. Auch denke ich, sind nicht nur die Kosten eines Betriebes zu sehen, sondern z. B. auch die Ressourcen-Nutzung, der Energieaufwand vieler Hunderter Tonnen Glasschmelze zur Neuherstellung usw.

Für Brot und Brötchen hatten wir einen hellen sauberen Beutel, der mit seiner Aufschrift den Inhalt zu erkennen gab. Für Brötchen extra Papiertüten mit durchsichtigem Plastfolienfenster zu einmaliger Benutzung auszugeben, war nicht üblich, Kunststoffbeutel völlig unbekannt. So etwas war nicht notwendig! Wir lebten einfacher und damit sehr vernünftig ohne jeglichen Plastemüll oder irgendwelche Plasticabfälle. Auch der Versandhandel war relativ gering vertreten, so dass wohl nur wenige neue Kartons nach einmaliger Benutzung vernichtet wurden.

Und heute? Wir sollten uns nicht abhängig machen – wir müssen wir nicht zwangsläufig unvernünftiger sein: An einem Tag der Woche steht bei uns in der Nähe der „Broiler-Verkaufswagen“ gleichbedeutend mit dem mobilen „Hähnle-Stand“. Die Firma legt Wert darauf, dass die Leute mit der bedruckten Plastic-Tragetasche für sie Reklame laufen. Seit länger als zwei Jahren gehe ich also mit dem gleichen dünnen Folienbeutel dorthin einkaufen. Er erfüllt die ihm zugedachte Funktion gut. Im Prinzip gibt der Verkäufer aber für jeden Einkäufer einen neuen Folienbeutel aus ... und nach wenigen Minuten der Trageleistung wandert dieser meist in den Müll. Auf die Halden, ins Meer, wo Tiere daran sterben ... und wir auch wieder den Plasticmüll mit den Fischen verzehren ... warum nur? Ein krankhafter Kreislauf – wohl sehend , vielleicht gedankenlos, so eingerichtet.

Viele Plastabfälle zur Energie gewinnenden Verbrennung – mit viel Glück landet der Beutel in der Wiederaufarbeitung, im Recycling-Prozess – obwohl man diesen überhaupt nicht benötigt. Es kann alles so einfach sein, wenn wir uns nicht als die uneingeschränkt gedankenlosen Herren, als die Vernutzer dieser Erde betrachten.

Das also – ein Kurzausflug in unsere Zukunft.


Nun wieder zurück ins Jahr 1964 – neue Unterhaltungsmusik in diesem Jahr:

Die schwedische Sängerin Siw Malmquist begeistert mit „Liebeskummer lohnt sich nicht, my Darling“. Bernd Spier singt: „Das kannst du mir nicht verbieten, dich zu lieben alle Zeit ganz genauso wie heut'“. Die Beatles aus Liverpool: „I want to hold your hand“.

Die West-Berliner „Manuela“ (Doris Wegener, 1943–2001) singt: „Als die kleine Jane grade 18 war ... Schuld war nur der Bossa Nova.“


Das war wieder ein überaus satt gefülltes Jahr. Sorgen wir dafür, dass das nächste auch gut und interessant angereichert sein wird.


1965 – mein 20. Lebensjahr – also bis Ende Dezember werde ich noch 19 sein.

Januar – Februar – März

Freitag. Es war wohl Anfang 1965. Draußen fällt schon den ganzen Tag Schnee. Seit Stunden tagen wir in Großbeuthen zu einer so genannten Komplexkontrolle der BBS. Ich war einer der Teilnehmer in diesem Beraterkollektiv des Rates des Kreises Zossen, abgesandt von der Abteilung Gesundheitswesen in Abstimmung mit der Arbeiter- und Bauern-Inspektion. Ich erinnere mich schmunzelnd, des vorerst fassungslosen Gesichtsausdrucks vom Chef des Hauses, Herrn Abromeit – „es könne doch nicht angehen, dass ein ehemaliger Lehrling der BBS ... jetzt, hier seine Arbeit, die der Pädagogen, der Lehrmeister, den Zustand in der BBS mit begutachtet.“ – Ja, doch, Vertreter der Arbeiter- und Bauernmacht hatte mich zur Teilnahme bestimmt, weil ich die internen Verhältnisse besser kannte als andere, die eben nur mal heute kurz zu Besuch kamen. Und ich denke, es hat niemandem geschadet. Ganz im Gegenteil. Manches günstig gefördert. Auch der Direktor der Betriebsberufsschule hat es überlebt. –

Am frühen Abend dann setzte Schneesturm ein und Karin H. (eine frühere Mitlehrling-„erin“ bat mich, sie mit nach Hause, nach Blankenfelde zu fahren. So kuschelte sie sich in der Dunkelheit in die Decke und mit dieser in den ungeheizten Superelastic-Beiwagen der Sport-AWO ein und sah im Schneetreiben – überhaupt nichts mehr, konnte nur hin und wieder das Klacken des Schaltgetriebes am monoton brummenden Motor hören, bis wir dann später wohlbehalten vor ihrem Hause hielten.


Im Winter muss mein Kollege Norbert seine Wehrpflicht ableisten. Er ist bei der Kasernierten Volkspolizei in Eiche stationiert und somit nicht grau, sondern grün uniformiert. Ich besuche ihn dort, in der Hauptstraße (ein kurzes Stück hinter dem Park von Sanssouci in Richtung Golm), darf aber nur bis zum Tor, bis zur Wache. Kaserne: Alles geheim! Nicht bis zum Besucherraum, weil ich weder seine Mutter, noch sein Kind bin. Auch verheiratet sind wir nicht miteinander. So stehen wir einige Zeit frierend auf der Straße herum, um uns ein bisschen über die Tage in der Kaserne und über die Kollegen in Zossen zu unterhalten.

Erst die weitaus spätere Zukunft wird wissen, dass ich dort ab 1996 täglich vorbeifahren werde.


Prof. Dr. Albert Schweitzer wird im Januar seinen 90-sten Geburtstag begehen. Er wurde 1875 geboren, im gleichen Jahr wie mein Großvater Max Sommer. Diesen letztgenannten habe ich nie kennen gelernt, weil er mit 70 Jahren, kurz vor meiner Geburt, starb aber an Albert Schweitzer kann ich meine Geburtstagsgrüße in sein Urwald-Spital-Dorf „Lambarene“ ins afrikanische Gabun senden. Ich nehme an, in seinem Auftrag werden alle Gratulanten – so wie ich – von ihm ein Dankschreiben (als Faksimile) erhalten haben. Das werden wohl Tausende gewesen sein. Eine große Leistung – wie sein gesamtes Lebenswerk. Ich hatte mit einer Antwort nicht gerechnet und bin überrascht darüber, dass die Staatssicherheit diesen grenzüberschreitenden Briefwechsel auf dem Hin- und Rückweg hat passieren lassen.

Albert Schweitzer ist Dr. der Philosophie, Dr. habil. der Theologie und Professor u. Dr. der Medizin, (auch Behandelnder in der Veterinärmedizin), Leiter des Klinikdorfes Lambarene mit
70 Holzhäusern für 470 stationäre Plätze und des separaten Lepradorfes mit 70 Betten, zuzüglich der bis zu 200 ambulanten Behandlungen an jedem Tag. Er ist als Musikwissenschaftler (auch Organist und Pianist), Natur-Forscher und Schriftsteller tätig. Das Klinikdorf hatte 1961 fünf Ärzte und 12 Schwestern und Hebammen. Außerdem 40 Heilgehilfen und Laboranten. Das Hospitaldorf ist wirtschaftlich selbständig mit großem Gemüsegarten und Fruchtanbau, dem Halten von Schafen, Ziegen und Hühnern. Die Klinikanlage ist auch technisch weitgehend unabhängig mit Küche, Wäscherei und Werkstätten. In getrennten Gehegen werden auch kranke / verletzte Tiere behandelt.

1952 wurde Albert Schweitzer mit dem Friedensnobelpreis geehrt. Dieses erfüllte 90-jährige Leben wird in seinem Urwalddorf in diesem Jahr, am 04. September 1965, enden.


Post

Mit weiteren ebenso harmlosen Sendungen wie zu Prof. Dr. Albert Schweitzer hatte ich andere Erfahrungen. Von meinem anderen Großvater, August Janecke, habe ich dessen Petschaft (metallener Siegelstempel) und auch noch Siegellack ... und versiegelte testweise ganz frech einen Brief von mir – ohne nennenswerten Inhalt. Weil ich keine Briefmarke zur Hand hatte, bat ich auf dem Postamt um das Frankieren. „Das nehmen wir nicht an“. Man wies mich darauf hin, dass es unzulässig sei, einen Brief zu versiegeln. Auf meine Frage: „Warum? So würde doch das verbriefte Postgeheimnis am besten gehütet“ – verdrehte die Postangestellte ob einer solchen Naivität nur schweigend ihre Augen gen Himmel und beendete diese kurze Zeremonie mit einem Zucken ihrer Schultern. Weitere ausweichende Worte galten als überflüssig. Es war fast schon ein Konzert beredter Körpersprache. Ja, richtig – einen Brief, mit Siegellack verschlossen, kann die Staatssicherheit nicht unerkannt öffnen, lesen und abschreiben oder fotografieren. Schnelle Kopiergeräte gab es ja zu jener Zeit noch nicht. Sie konnte die Briefe ansonsten auch einbehalten oder aber erneut verschließen, weiter senden und eventuell ein weiteres Geschehen bei den beteiligten Briefpartnern beobachten. Bei meinem Brief ging das nicht. Einer unzulässigen Hürde für den Staat hatte ich mich bedient, nur weil ich es einmal spaßeshalber so halten wollte, wie es ansonsten seit Urzeiten bei wichtigen Schreiben gang und gäbe war. –

Ich schreibe des Weiteren einen absenderlosen netten gesiegelten Brief an mich, an meine Anschrift, mit einer erdachten Kurzgeschichte, witzigen Wortwendungen aber ohne zielführenden, ohne wirklich sinnvollen Inhalt. Mein Brief ist nicht bei mir angekommen. – Aha! Also ist bei mir ein klitziges Stückchen meiner immer wieder gutmeinenden Naivität gebröckelt.

Später, nach 1990, werden ich nachlesen, dass die Stasi auch meine Post fein säuberlich geprüft und auszugsweise abgeschrieben oder zumindest Inhaltsangaben gefertigt hat. Es stellte sich ein Gefühl des Unappetitlichen ein, bei der Vorstellung, bei der damaligen Vermutung und bei der später nachträglichen Bestätigung, dass fremde schmuddlige Finger, geleitet von niederem schmutzigem Geist, die Briefe, die von mir sorgsam mit Bedacht und mitunter auch mit Zuneigung an einen anderen Menschen gerichtet waren, in berufsmäßiger Routine geöffnet und gelesen, der Inhalt irgendwie nach besonderen „Verdachtsgesichtspunkten“ zergliedert wurde. Diese Leute, die sauberen Genossen mit festem Klassenstandpunkt, nahmen sich tausendfach, millionenfach „unberechtigt das Recht“, in fremde Nachrichten fröhlicher oder trauriger Art, vertraulichen Inhalts über Leben, Liebe oder Tod gewaltsam einzubrechen, um nach„feindlich-negativen“ Inhalten zu suchen. Sie verschafften sich unerbeten Kenntnis über Gedanken, die an nur einen Empfänger gerichtet waren und fertigten Auszüge für andere ... ohne „die Not“, die Notwendigkeit, etwa einem Kriminalfall nachgehen zu müssen. Nein, weil unsere Regierung ihre eigene Bevölkerung unter Generalverdacht gestellt hatte, so durfte, so „musste“ die Stasi als Schutz-Schirm und scharfes Schwert der Partei, in deren Auftrag „vorbeugend alles und jeden überwachen und aufklären“.



Je weiter der Funktionär sich vom eigentlichen Leben,

von dessen Werten und seiner Wahrheit entfernt hat,

desto mehr neigt er dazu die Freizügigkeit des Lebens

anderer Menschen einzuschränken, deren Freiheiten zu verbieten.



Im März '65 geht es auf nach Leipzig. Fort von der schönen praktischen Arbeit, hinein ins Neuland zum ersten Ausbildungsabschnitt „Theorie“ in der Erwachsenenqualifizierung an der Medizinischen Schule der Karl-Marx-Universität. Meine Zimmernutzung in Blankenfelde beim Ehepaar St. habe ich rechtzeitig freundlich beendet.

Der größte Teil der Klassenkameraden (und so auch ich) lebt hier im Wohnheim in den Studenten-Baracken der Karl-Marx-Universität (KMU) in der Marschnerstraße. Wir sind sieben Mann im Zimmer. Unser Raum Nr. 73 ist, wie die anderen auch, relativ einfach aber gemütlich genug für uns erwachsene Schüler eingerichtet. Drei Doppelstockbetten und ein einzelnes. Zwei große Tische mit sieben Stühlen. Sieben schmale Kleiderspinde, als Raumteiler aufgestellt. Kahle Wände. Ich denke an die Sieben Zwerge. Hier heißen sie: Jürgen, Heinz, Gerd, Max, Fred, Uwe und Christoph. Sie kommen aus verschiedenen Städten, so aus Bad Schandau, Gera, Berlin, Zossen, Greifswald und Freyburg. Ein Schneewittchen ist noch nicht zu sehen.

Einen Kühlschrank haben wir nicht aber von Vorgängern außen am Fensterrahmen angebrachte Haken. Dort hängen wir unsere Seidenbeutel mit Margarine, Wurst und Obst auf. Noch ist es kühl.

Bisher hatte ich zur „Morgentoilette“ einen Nassrasierer. Als Zubehör nutzte ich für das Nachschärfen und Wiederverwenden der gebrauchten Rasierklingen einen Klingenschärfer. Das ist ein kleines aufklappbares Kästchen aus Duroplast-Werkstoff, zwischen dessen mineralische Reibflächen die Klinge mit ihren Löchern auf zwei Exzenternippel gelegt wird. Nach dem Zuklappen zieht man das Kästchen auf einer Schnur hin und her und die Klinge bewegt sich auf den Reibflächen und wird geschärft. Weil ich aber annahm, dass es morgens mit der Tagesvorbereitung in der Gemeinschaft beim Aufstehen, Waschen und Frühstück nicht ganz so geruhsam zugeht wie zu Hause, habe ich mir vorsichtshalber den modernen Batterierasierer „Komet TR 5“ zugelegt. Der Motor für den Schneidkopf wird von zwei Monozellen (je 1,5 V) gespeist und angetrieben. Es funktioniert, nur dass man keinen Tag auslassen sollte, damit das Rotations-Messer nicht „ziept und rupft“ bevor es an stärkeren Stoppeln stehenbleibt.


Das Wohnheim Marschnerstraße ist in der Nähe der Hochschule für Körperkultur und Sport (DHfK) und dem großen Stadion „Sportforum“ angesiedelt. (Wir wissen: Die Wälle für die ansteigenden Sitzreihen der Zuschauer dieses Stadions wurden ab 1952 aus den Leipziger Kriegstrümmern errichtet. Dort hingebracht mit der Trümmerbahn, einer Dampflok mit Kipploren, deren Gleise bei Bedarf schnell um-verlegt werden konnten. Aus vergleichbarem Material und in dieser Transportart entstand auch das Ernst-Thälmann-Stadion in Potsdam. Hier in Leipzig am Elsterufer, dort in Potsdam am Havel-Gestade.) Auf der anderen Elsterseite die Leipziger „Kleinmesse“. Nicht vergessen sollte man die Kleingarten-Gaststätte „Dr. Schreber“, nahe der Käthe-Kollwitz-Straße, Waldstraße und dem Waldplatz. Der Wirt spielt den Gästen gern mit seiner Violine auf und ist selbst wohl nicht der schlechteste seiner Gäste.


Die Schule ist in einem ehrwürdigen Patrizierhause in der Scharnhorststraße 37 untergebracht,

wohin wir mit Straßenbahn und O-Bus gelangen, vorbei an vielen großartigen Bauten, wie dem Dimitroff-Museum, dem Bayerischen Bahnhof, dem Kriminaltechnischen Institut ... . Auf dem Rückweg von der Schule legen wir manchmal einen Halt an der Mocca-Milch-Eisbar ein, die sich an der Scharnhorststraße Ecke Karl-Liebknecht-Straße befindet.


In folgenden Schulfächern hören und bearbeiten wir in diesem und auch im nächsten Jahr:


Fach

Fach

Fach

Staatsbürgerkunde

Epidemiologie

Desinfektion - Sterilisation - Entwesung

Deutsch

Arbeits-Hygiene

Hygiene des Kinder- und Jugendalters

Gesetzeskunde

Anatomie

Medizinischer Schutz der Bevölkerung

Kommunal-Hygiene

Gesundheitsschutz

Erste medizinische Hilfe

Lebensmittel-Hygiene

Psychologie

Chemie

Veterinär-Hygiene

Physik

Mathematik


Zur Kommunal-Hygiene gehören beispielsweise: Gebietsplanung, Bauhygiene, Betreuung aller Kommunalen Einrichtungen, Gestaltung von Ferienlagern, Campingplätzen, die Wasserversorgung und Abwasserbehandlung, das Bade- und Bäderwesen und anderes mehr. Die Epidemiologie befasst sich mit den Eigenschaften auftretender Infektionskrankheiten, der Infektionsquellen-Suche dem Ansteckungsverlauf und den Bekämpfungsmaßnahmen wie Desinfektion und Quarantäne. Die Mikrobiologie ist ein zeitweiliges extra Fach. Die Lebensmittel-Hygiene bezieht sich auf die Produktion in Schlachthöfen, Fleischereien, Mühlen, Molkereien, Konserven-Fabriken, den Handel und das Betreuen kommunaler Einrichtungen, die Trinkwasserbeprobung usw.

Solche Problemkreise wie Sozial-Hygiene und Psycho-Hygiene werden am Rande mit behandelt, vergleichsweise so, wie die Physiologie und Pathologie im Fach Anatomie etwas mit versteckt sind. Wir hätten dafür, besonders für das Sozialsegment, durchaus ein eigenes Unterrichtsfach brauchen können, wie die Praxis später erweisen wird. Im Fach Medizinischer Schutz steckt die Katastrophenvorsorge und die Zivilverteidigung.

Wir Teilnehmer bilden die momentane Klasse K 11/II. Der Unterricht erweist sich von Anfang an als vielseitig und interessant. Kommunal-Hygiene und Epidemiologie haben wir beim Direktor der Einrichtung, dem freundlichen Herrn Starke. Weil bei ihm auch viel vom Abwasser, von Klärsystemen die Rede ist, wird er bald freundschaftlich „Don Fäkal“ genannt – aber natürlich nicht so angeredet. Bei unserem Dozenten für Lebensmittel-Hygiene sorgte ich versehentlich für ein tonverstärktes Schmunzeln, als ich den Kümmel als ein orientalisches Gewürz bezeichnete. Ich hatte da so an die Bezeichnung „Kümmel-Türken“ gedacht ... wie mancher vergleichsweise leichthin aber ebenso falsch sagt: „Geh' doch nach Buxtehude – dorthin wo der Pfeffer wächst“.


Das hört sich vielleicht alles recht „nett und leicht“ an – es ist allerdings ein ganz schöner Umfang. Es gab herrlich viel zu lernen. Ich gebe euch deshalb nur mal einen kurzen Einblick in das Unterrichtsfach der Epidemiologie. Es gehören zu den dort behandelten Infektions-Krankheiten: Borreliosen, Rückfallfieber // Botulismus (clostridium botulinum) // Brucellosen (Brucella mellitensis) // Cholera (vibro Cholerae) // Diphtherie (Bräune) // Echinokokkose // Encephalitis (übertragbare Gehirnentzündung) // Escherischia Coli, Enterohaemorrhagische Stämme // Salmonellosen // die Hepatitiden (ansteckende Leberentzündungen, z.T. mit Gelbsucht (Färbung der Schleimhäute insbes. auch der Sclera des Auges) // Gasbrand (Clostridium histolyticum, Cl. perfringens) // Gonorrhoe (Tripper) // Haemorrhagisches Fieber bei Influenza/Virusgrippe // Vogelgrippe // Lebensmittelvergiftungen, Verdacht auf L. // Legionärskrankheit (Legionella pneumoniae) // Leptospirenerkrankung (Leptospira icterohaemorrhagiae // Listeriose (Listeriella monocytogenes) // Malaria // Masern, Morbilli // Meningitis (übertragbare Hirnhautentzündung) // Milzbrand (Clostridium anthracis) // Mumps, Paroditis, Ziegenpeter // Ornithose // Paratyphus // Pertussis, Keuchhusten // Pfeiffersches Drüsenfieber (Mononucleose) // Pocken (Variola vera/major) // Poliomyelitis, Kinderlähmung // Pest (Yersinia pestis) // Psittacose // Q-Fieber (Coxiella burneti) // Rickettsiosen, wie Fleckfieber (rickettsia prowazecki) // Röteln, Virusinfekt // Ruhrarten-Erreger: (shigella sonnei, shig. dysenteriae, shig. flexnerie, shig. boydii) // Scabies (Krätze) // Scharlach (scarlatina) // Syphilis, Lues, harter Schanker (Treptonema pallidum) // Tetanus, (Clostridium tetanie) Tollwut, Lyssa, Rabies (formido inexorabilis) // Toxoplasmose (toxoplasma gondii) // Trichinenbefall (Trichinella spiralis // Trichophytie, Kälberflechte // Tuberkulose // Tularämie (Zoonose der Nager, Hasen, Kaninchen) // Typhus, (salmonella typhi abdominalis) // Windpocken, Gürtelrose (Varicella zoster) // weicher Schanker, Ulcus molle. ... und manche mehr.

Wichtig war es, zu diesen Krankheiten die Mikrobiologie der Erreger: Bakterien / Bazillen, Viren, Pilze zu kennen und deren labortechnische Nachweisverfahren, die Überträger, die „Wirte“ angefangen von der Anopheles-Mücke über Ratten oder die Tse-Tse-Fliege – von Zecken ganz zu schweigen, und damit die Übertragungswege, das Erfassen von Kontaktpersonen während der Inkubationszeit (Zeitspanne vom Tag der Infektion bis zum Auftreten erster Krankheitssymptome), die Maßnahmen von Absonderung (Quarantäne), die Impfungen, Maßnahmen von Desinfektion, Sterilisation und Entwesung, die ja bei jeder Krankheit Unterschiede aufweisen ... und das weitgehend im Kopf zu haben. In der Praxis konnte man natürlich auch im Buch nachschlagen. –

Was wir damals noch nicht im Unterricht hatten, was damals überhaupt noch nicht auftrat, nicht bekannt war: AIDS, HIV // Creutzfeld-Jakob-Erkrankung, vergl. Rinderwahn // Ebola // Hanta- Erkrankung.

So wie in diesem Fach waren natürlich auch die anderen Fächer des Unterrichts mit anzueignendem Wissen und Ansprüchen vollgepackt. Für mich (den heute hier Schreibenden) war das jetzt eben eine angenehme Rückreise in längst vergangene Zeiten!


Mein Onkel Wernher Bauer hatte in Leipzig und in Tübingen studiert. Er nutzt als Philologe gern altdeutsche Begriffe, so ist er für mich der „Oheim“. Wäre damals seine Verlobte nicht zu zeitig gestorben, so wäre das jetzt meine „Muhme“ usw. Ich sollte mich nach seinem Wunsch mal in Leipzig umsehen, ob es dort noch die Gaststätte „Zum Arabischen Kaffeebaum“ gibt, wo er als Student sich gern 'mal aufgehalten hatte. Ich war im Herzen etwas skeptisch, einen kleinen Baum in der großen Stadt Leipzig zu finden und dann noch unter diesem deutlich vor-sozialistischen Namen. Ich suchte also, wurde bald im Zentrum fündig und konnte ihm von meinem Erfolg berichten, was ihn schwärmend gedanklich wieder in seine frühere Studentenzeit versetzte. Das musste etwa 45 Jahre her sein, bald nachdem er von den Fliegern aus dem Ersten Weltkrieg kam und sich erfolgreich zum Studium beworben hatte. Vor ihm hatten in diesem gastlichen Hause ungezählte Menschen getagt (selbst nachts), darunter berühmte Leute wie Johann Wolfgang v. Goethe (ja, jener nicht nur in Auerbachs Keller, Mädler-Passage), Robert Schumann, Franz Liszt, Albert Lortzing, Richard Wagner ... später eben Wernher Bauer mit Kommilitonen und heute nun ich, als ein kleines Licht.


April – Mai – Juni des Jahres 1965

Ich besuche am Sonntag eine Matinee, ein Gesangskonzert des Thomaner-Chores. Es ist ein ganz besonderes Erlebnis.

Pfingsten aber bin ich zu Hause – na, nicht ganz, denn das Ehepaar Melzer aus der Wichgrafstraße bittet mich, sie zum Fest zu Verwandten ins mecklenburgische Sietow zu fahren. Auch eine Abwechslung.


In Leipzig lädt uns die Kleinmesse ein. Sie findet statt nahe der Friedrich-Ludwig-Jahn-Allee, an der Schwarzen Elster. Die Kleinmesse ist ein Volksfest, ein „Rummel“ wie man im Raum Berlin sagt oder ein „Vogelschießen“ wie man es in einigen südlicheren Gefilden der DDR nennt. Hier gerate ich an eine ältere Dame, eine wahre Künstlerin, die keinen Fotoapparat zur Hand hat aber dafür schwarzes Papier und eine kleine Schere – sie schaut mich an und ihre Hände bearbeiten mit der Schere derweil das Papier, sie schneidet eins - drei - fix in Sekundenschnelle mein Schattenriss-Porträt in der Seitenansicht aus – etwas kleiner, als eine Ansichtskarte – frappierend. Wozu Menschen alles in der Lage sein können. Scherenschnitte kenne ich natürlich aus historischen Zeiten – die Mutter von Goethe, Frau Aja, liegt in dieser Art bei mir zu Hause. Aber so schnell und so wirklichkeitsgetreu geschnitten, ohne groß auf die eigenen tätigen Finger zu schauen, dass ist für mich schon sehr bemerkenswert. Nun gut, vielleicht ist mein Hinterkopf ein wenig gewölbter – aber immerhin.

Inzwischen ist die Dunkelheit hereingebrochen und im angrenzenden Waldstück kann man die leuchtend fliegenden Glühwürmchen beobachten. Das erinnert mich an die Vorführung der Operette „Frau Luna“ von Paul Lincke, die wir damals von der Schule aus im Potsdamer Hans-Otto-Theater sahen. Auch bei „Hänsel und Gretel“ irrlichterte es im Walde. Im Bühnenwald.

Zum Ende meines Ausflugs zur Kleinmesse ereilen mich zwei Missgeschicke: Im Dunkeln setzt zuerst ein kräftiger Regen ein und daraufhin rutsche ich auf dem lehmigen Erdboden aus und setze mich dabei auf den Hosenboden. Bei diesem Halbspagat „sagt“ die Hosennaht am Gesäß „ratsch“. Es war wohl besonders dünnes Garn. Ich selber nutze für meine Reparaturen lieber Zwirn, also das gezwirnte haltbarere Garn. An diesem Tag aber nicht. Der Weg zum Wohnheim mit partiell gelbbrauner Hose ist ein kurzer, die Hose wurde ausgespült und mangels Nähzeug kurzerhand mit dem „Klammeraffen", dem (Bürohefter) repariert. Das ging gut. Weniger gut war, dass meine Mutter treusorgend diese Hose zur Chemischen Reinigung brachte. Wir hatten da in der Babelsberger Wattstraße solch eine Dienstleistungseinrichtung, eine „Komplexannahmestelle“. Hatte man „Komplexe“, so konnte man diese dort zwar nicht abgeben aber beispielsweise Hosen. Beim Abholen der Hose musste meine Mutter, als Unschuldige, einen großen Lacher über die Heftklammern aus geschütteltem Kopf über sich ergehen lassen.

Ich versuchte das wieder gut zu machen, indem ich sie nach Leipzig einlud und ihr bei hochsommerlichen Temperaturen eine Strapaze aufdrängte: Eine Stadtführung zum Zoo, Opernhaus (außen), Altes Rathaus, Auerbachs Keller in der Mädler-Passage, zum Sportforum, zur Russisch-orthdoxen Kirche, zum Völkerschlacht-Denkmal bei Probstheida und natürlich auch in unsere Barackenunterkunft und zur Entspannung in die Gartenanlage „Dr. Schreber“ mit Gaststätte. Ein vollgepackter, für sie anstrengender Sonntag. Ein wunderschöner Tag.


Unseren Klassenkameraden, den blassen Uwe ereilt ein Missgeschick: Er hat sich verliebt. Und er möchte seine Attraktivität noch weiter erhöhen – zumindest, soweit es den Teint betrifft. Er entsinnt sich des Werbeslogans: „Chemie bringt Brot, Wohlstand und Schönheit“. Brot hat er schon. Also greift er zum Spitzenerzeugnis der kosmetischen Industrie: >„So braun“ – bräunt ohne Sonne<. Dieses Chemikalium verteilt er ziemlich gleichmäßig auf seine Flächen von Gesicht und Hals. Nur wäscht er sich nicht gleich die Hände, sondern verreibt diese schöne Creme. Er sah einige Tage lang aus, als hätte er einen Sack voller Walnüsse von ihren grünen Fruchtschalen befreit.


Die Züge von Leipzig in Richtung Berlin sind am Freitag-Nachmittag immer knackend voll. Man muss sich meist mit einem Stehplatz begnügen. Um die Zeit „schneller vergehen zu lassen“, machen wir, Kumpels mit gleicher Fahrtrichtung, auch mal „ein heiteres Beruferaten“ à la Robert Lembke (Typische Handbewegung aus der Berufstätigkeit) oder das Begriffe-Raten, einen Ausflug ins Tierreich, Pflanzen- oder Mineralreich ... und andere Reisende, die den gesuchten Beruf / Begriff schneller glauben gefunden zu haben, als unser direkter Partner, schmunzeln mit.


Irgendwann in jener Zeit wurde in Potsdam-Babelsberg die „Siemensstraße“ umbenannt. Nun trägt sie den Namen „Egon-Schultz-Straße“. In der Zeitung stand etwas zur Person und dem Anlass. Ich, als zeitweilig Auswärtiger, hatte es nicht gelesen. Die groben Zusammenhänge wurden wohl sinngemäß folgendermaßen dargestellt: Egon Schultz, ein junger Lehrer, 21 Jahre alt, versah als Grenzsoldat seinen Ehrendienst in Berlin. Bei der Ausübung des Dienstes sei er von Westberliner Agenten und Menschenhändlern meuchlings ermordet worden. – Erst rund 35 Jahre nach diesem Ereignis, nach der „politischen Wende“, nach der Offenlegung vieler Stasiakten wird der wahre damalige Ablauf des Geschehens dargelegt: Stasi-Leute hatten an einem entdeckten Fluchttunnel Grenzsoldaten zur Festnahme Verdächtiger angefordert. Einer der sich zurückziehenden Fluchthelfer gab einen Schuss ab, der den Egon Schultz verletzte. Daraufhin befahl der Stasi-Offizier dem zweiten Grenzsoldaten, mit seiner Maschinenpistole in den dunklen Hof des Hauses zu schießen, in dem sich Egon Schultz befand. Die Garbe der Schüsse aus der Maschinenpistole dieses Kameraden tötete seinen Postenführer Schultz mit 10 Schüssen.

Es ist schrecklich, wieviel Leid an der Grenze geschieht, wieviele Menschenleben sie bereits gekostet hat. Schlimm auch, dass es nicht zur Ehrlichkeit gegenüber den Angehörigen, den Hinterbliebenen reicht, dass Lug und Trug gegenüber dem Volk, auch selbst über den Tod hinausgehen.

Eine spätere Anmerkung: Nach 1990 wurde diese Straße wieder in Siemensstraße rückbenannt.


Juli – August – September 1965

Zum Zeitpunkt meiner Rückkehr von Leipzig nach Zossen hatte mir Norbert über den Rat des Kreises einen neuen Wohnraum besorgt. Ich wohne jetzt in der Kreisstadt Zossen, Straße der Jugend 31, bei Familie Pie. Die Straße ist relativ ruhig, wenig befahren, denn ein Stückchen weiter steht ein großes, üblicher Weise geschlossenes und blickabschirmendes Tor aus Stahlblech auf der Straße. Quer. Daneben der Wachturm. Es ist das Wünsdorfer Sperrgebiet des sowjetischen Militärs. Das Gebiet der Kommandozentrale der Westgruppe der sowjetischen Streitkräfte beginnt dort. Sowjetisches Hoheitsgebiet. Für Deutschbürger ist diese Straße eine Sackgasse. Wollen wir mal in unser Nachbardorf nach „Deutsch“-Wünsdorf, können wir nicht diese kurze Straße nutzen, sondern den Ort nur auf dem großen Umweg über Mellensee und Klausdorf erreichen.

Mein Hauswirts-Ehepaar befindet sich im Rentenalter. Herr Pie. war im Berufsleben als Diplom-Ingenieur tätig, was mir gleich große Hochachtung einflößte, die aber der Normalität wich, als ich merkte, dass er mit „Technischem“ anscheinend nicht so sehr viel im Sinn hatte. Frau Pie. war eine grundgute, treu ummuttelnde Gattin. Wollte man in das Haus, so zeigte es sich als erforderlich, stets stark an der Haustür dieser Festung zu klopfen. Diesem Klopf- und Lausch-Spuk bereitete ich nach Abstimmung mit den Wirtsleuten ein Ende und ließ „neuzeitlichen Komfort“ einziehen, indem ich eine elektrische Klingel installierte. Als Frau Pie. mitbekam, dass ich hier und da ein wenig mit dem Fotoapparat knipste, trug sie mir die Bitte an, ob ich auch mal ihre Hühner für eine dauerhafte Erinnerung konterfeien würde, weil der Schlächter bald anrücken sollte. Als Zugabe erhielt sie ein Passbild ihres grau getigerten Katers, obwohl diesen niemand gebeten hatte, schon immer mal in der Warteschlange auf der Schlachtbank Platz zu nehmen. Ein schmusiges Tier. Neben dem Hausvater wurde auch die 14-jährige Tochter des Hauses, das Nesthäkchen, stark umgluckt, in zahlreiche Vorsichtsvorschriften eingepackt, die das liebe Kind zur Unselbständigkeit verzogen. Eine Freude war es für die gute Frau Pie. wenn sie mir nachmittags zeigen konnte, was sie tagsüber alles geschafft hatte. Die gebügelte Wäsche, die reinliche Küche ... „Das alles haben Sie wirklich ganz alleine in dieser kurzen Zeit?“ Nach der Besichtigung gab es dann häufig eine Tasse Tee für mich – das gehörte irgendwie zu dem Monatsmietpreis für das Zimmer von 35,- Mark dazu. Als mich meine Schwester einmal besuchen wollte, wurde dieser Geduldigen das vorherige prüfende Fragen der Hausmutter bald zu viel. Es half ihr auch nicht ihre engelvergleichbare Erscheinung. Vielleicht bewirkte es sogar das Gegenteil. Ein fremdes Fräulein will in ihrem saubersittenstrengen Hause zu ihrem möbelierten Herrn vordringen. Sie fühlte sich berufen, meine seelisch und körperlich gefährdete Unversehrtheit zu schützen. Meine Schwester kürzte dann das Prozedere ab, indem sie ihren Personalausweis zückte, worin natürlich ihr Name enthalten war, ähnlich aussehend wie der Meinige, um die geschwisterliche Verbindung zu untermauern. „Ach, ist doch nicht nötig – das war doch nicht so gemeint.“ Nun gut, in diesem Falle: Gnade vor Recht – aber ansonsten ist Damenbesuch in diesem guten Hause ein Tabu.

Ich hatte es gut. Ich war hier trocken, warm und sehr sicher aufgehoben. Zeitweilig.


Kurzer Ausflug in den Bezirk Rostock. Im März war Heidelore hier. Sie hatte sich in Babelsberg an der Hochschule für Film und Fernsehen für's Studium beworben. Nun bin ich zum Gegenbesuch eingeladen. Sie zeigt mir verschiedene Sehenswürdigkeiten ihrer Heimatstadt. Wir fahren auch ein Stück mit der Straßenbahn. Am Tiefpunkt einer Strecke mäßigen Gefälles biegt der Gleiskörper im Straßenverlauf nach links ab. Die Bahn war wohl etwas zu schnell – jedenfalls fährt sie geradeaus, verlässt also das Gleis und wühlt das Straßenpflaster auf. Zum Glück im Unglück stürzt sie nicht um (die Potsdamer Straßenbahn fährt auf der „Regelspurweite“ von 1.435 mm; in Stralsund hat die Bahn eine Spurweite von 1.000 mm – ist also beim Entgleisen kippgefährdeter). Bei Fahrgästen gab es wohl aber nur einige Schrammen und blaue Flecken.


Die Hygiene-Inspektion bekommt ein neues Auto zugewiesen. Norbert steigt um, von der mit Kunstleder bezogenen Sperrholzkarosse des IFA F8 auf einen fabrikneuen Wartburg-Tourist (Kombi) aus Stahlblech. Dieses neue Fahrzeug benötigt möglichst schnell eine Garage. Norbert kann für 400,- Mark eine gebrauchte Fertigteil-Garage (bestehend aus Grundrahmen, Wandtafeln, Tor, Fenstern, Dachbindern, Sparren, Dachlatten und Dachdeckungsmaterial: Wellasbestzement-Tafeln) erwerben. Auf einem ungenutzten Gartengrundstück in Rangsdorf, im Nymphenseeweg, fertigen wir das Streifenfundament und bauen das Haus auf. Das gleiche Modell könnte gut als Wochenendhaus / Ferienbungalow dienen oder aber als Segment einer Großbaracke. Unsere Unterkunft der Karl-Marx-Uni in Leipzig besteht in den Abmessungen der Einzel-Bauteile und dem Werkstoff aus völlig gleichem Material – überall anwendbar – zu den unterschiedlichsten Zwecken.


Als ich nach dem Wochenende an einem herrlich sonnigem Montag-Morgen von Babelsberg nach Zossen fuhr, es mag etwa gegen 6.30 Uhr gewesen sein, sah ich kurz hinter Wietstock in Richtung Groß Schulzendorf in der Ferne etwas Dunkles auf der Straße liegen. Beim Herannahen sehe ich, dass dort ein Verkehrsunfall geschehen war. Ein Motorradfahrer mit einer „RT 125“ war gestürzt und lag bewusstlos mit dem Kopf in einer Pfütze von Blut, Erbrochenem und ausgelaufenem Benzin. Im Gesicht bereits blau angelaufen und noch schwach gurgelnd-röchelnd. Obwohl ich ja die Erste Hilfe lehrte, musste ich mich angesichts dieses unerwarteten Unglücks einen Moment sammeln und dann ging alles sehr schnell: Behutsam den Verunfallten in die Stabile Seitenlage gedreht, seinen Kopf vorsichtig nach hinten übergestreckt und schon floss weiteres Erbrochenes ab und der Verletzte bekam wieder Luft zum Atmen, dann die Mundhöhle etwas gereinigt. Kurz, das Retten dieses akut gefährdeten Lebens bedurfte eines kühlen Kopfes und nur weniger zweckmäßiger Handgriffe. Eigenartig schien, dass der Verletzte mit keinem Gegenstand oder einem anderen Verkehrsteilnehmer kollidiert war. Beim Aufstellen des Motorrades sah ich aber, dass die Vorderrad-Teleskopgabel tief und fest eingefedert war. Zwischen dem Vorderrad der aufgebockten Maschine und dem Erdboden war viel Platz. War die Teleskopgabel eventuell nach einer Reparatur falsch zusammengesetzt worden? Hatte eine solche Ursache den Unfall ausgelöst? – Nach kurzer Zeit kam ein Landarbeiter auf dem Fahrrad daher, der wegen des schrecklichen Bildes auf der Straße, sein Fahrrad schiebend, in einen weiten Bogen um uns – über den Acker eilen wollte. Diesen musste ich erst einmal von seiner Flucht abhalten, ihn anhalten und auffordern, den ABV der VP (Abschnittsbevollmächtigter Polizist der Volkspolizei) in Wietstock oder das DRK mit seinen Rettungswagen zu benachrichtigen. Der Polizist traf dann bald ein und auch der von ihm bereits von seinem Büro aus gerufene Rettungswagen aus Zossen (es gab ja zu jener Zeit noch keine Mobiltelefone). Ich fuhr dann weiter zur Arbeitsstelle und ging meiner Tätigkeit nach. Am Nachmittag fuhr ich zum Krankenhaus Zossen-Weinberge in der Gerichtsstraße und sah nach dem Verletzten. Jener lag noch in tiefer Bewusstlosigkeit aber er war ja in guter Obhut der Medizinspezialisten und ordentlich versorgt, so dass ich mich nicht weiter kümmern brauchte. Somit war für mich die Angelegenheit abgeschlossen. Solche Unfälle, ich werde im Laufe der Zeit bei mehreren hinzukommen, kann ich aber als praktische Lehrbeispiele in meine Erste-Hilfe-Schulungen einbauen.


Sozialhygiene: – Ein neuer Auftrag außerhalb der planmäßigen Arbeiten: Im „Ausbau oder Vorwerk“ von Großmachnow, soll einsam ein altes vernachlässigtes Ehepaar in sozial bedenklichen Verhältnissen wohnen, mit dem niemand klarkäme. Ich solle doch mal sehen, ob ... Die Problembearbeitung schien indessen keine wesentlichen Hürden erkennen zu lassen. Der Mann ließ sich vorerst kaum sehen als ich kam, hatte wohl an keinerlei Kommunikation Interesse. Die Frau war zugänglicher, wenn auch anfangs scheu. Ich denke, die Stachowiaks standen beide etwa am Ende ihres siebten Lebensjahrzehnts. Dass kein sofortiger „flüssiger“ Informationsaustausch stattfand, hatte seine Gründe. Beide waren hochgradig schwerhörig (ohne Hörgeräte-Versorgung) und die Frau sprach ein gebrochenes Deutsch. Es handelte sich nicht um ein Ehe-Paar, sondern um ein Geschwister-Paar ostpolnischer Herkunft, wohl aus der polnisch-russischen Grenzregion. So, wie ich es verstand, wurden sie zum Kriegsende von dort gewaltsam vertrieben, als die Sowjetunion unter Stalin nach dem Zweiten Weltkrieg die polnische Grenze in Richtung Westen verschob. Sie wurden offenbar bis hierher in das damalige Land Brandenburg verschlagen und nahmen dieses wohl schon damals verlassene Anwesen in Beschlag, wohnten seither „von der Welt abgeschieden“ in jenem ruinösen Gemäuer, sich wohl im Wesentlichen von ihrem Obst- und Gemüseanbau und ihren Hühnern ernährend – so fast ohne nachbarschaftliche Kontakte. Und das mitten in der DDR, wo alles kontrolliert und organisiert wird. Mir war es durchaus nicht einleuchtend, dass jener Lebensabschnitt nach dem schrecklichen Krieg, nach Vertreibung und Flucht, also dann das Leben in der DDR für diese beiden Menschen so einfach, sehr ärmlich aber scheinbar ansonsten „unbehelligt-problemlos“ schon etwa zwei Jahrzehnte still vonstatten gegangen sein soll.

Wir hatten versucht uns sehr laut redend zu verständigen, dann mit Zettel und Bleistift und ich merkte wieder wie schwach doch meine slawischen Grundkenntnisse aus dem früheren Russisch-Unterricht waren. Gewiss aber wäre es nicht gut gewesen, ausgerechnet diese „paar Russisch-Brocken“ hier bei den vertriebenen polnischen Menschen anwenden zu wollen, obwohl sie mich wohl verstanden hätten.

Am Allerwichtigsten war ihnen, dass ich für sie einmal einen Einkauf „exotischer“, also bei ihnen ungebräuchlicher, seltener Grund-Lebensmittel erledigte, wie zum Beispiel: Milch, Margarine, Wurst und Käse. Es gibt keinen Laden in der Nähe, den sie hätten fußlaufend erreichen können. Meine Grundversorgung – ein Festtag für sie. Die Tiere des Grundstück begingen ebenfalls diesen Festtag. Zuerst bekamen die Katzen von der Milch, bevor die Menschen sich einen Teil davon gönnten, sich daran labten. Ich besuchte das Geschwisterpaar noch einige Male, leider ohne die Möglichkeit, mit ihnen in ihrem gewiss eindrucksvollen, dramatisch verlaufendem Leben gemeinsam gedanklich rückwärts gehen zu können. Das war kaum möglich.

Als Dank für mein Bemühen bot mir die alte Frau an, Grundsätze zu meinem Wesen, eine Einschätzung der Vergangenheit und Voraussagen zu meiner Zukunft aus meinen Händen zu lesen. In den groben Zügen, die ich verstand, hat alles gestimmt, ist alles so eingetroffen, wie sie es sagte.

Das Geschwisterpaar blieb dann im Blickfeld der Sozialfürsorge, für eine Einkaufsunterstützung oder falls eines Tages eine Aufnahme ins Altenpflegeheim erforderlich würde. Aber ich hatte Grund anzunehmen, dass diese Menschen in der Lage waren, das Leben und dessen Ende nach ihren Grundsätzen selbst zu bestimmen und einzurichten. Besser als es den meisten von uns gegeben sein wird.


Das kleine Dorf Groß Machnow verfügte 1965 noch nicht über eine zentrale Wasserversorgung. Die Häuser hatten also noch keine Leitungen für Trinkwasser oder zur Aufnahme und geordneter Ableitung der Abwässer in den Häusern. Auf dem Dorfplatz stand eine Handpumpe. Das wars. Jeder holte dort sein Wasser. Enten, Gänse und Hühner unternahmen dort ihre Freiübungen und entleerten ihre Kloaken. Das Regenwasser sickerte dann mit den Exkrementen in Richtung Grundwasser, in Richtung Trinkwasser, um dieses anzureichern. Und da es gerade zu dieser Zeit im Dorf wieder eine künftige Mutter gab, war ich dort, um eine Wasserprobe des Brunnens zu nehmen, auf das die Gesundheitstauglichkeit des Brunnenwassers für Säuglinge unter anderem auf Nitrate / Nitrite und Mikroorganismen fäkaler Herkunft geprüft werde. Aufgeregt kam ein Bewohner auf mich zu – was macht der Fremde dort an unserer Handschwengelpumpe, was kokelt er da mit seinem kleinen Flammenwerfer am Ausflussrohr herum? Es folgte ein ruhiges Fachgespräch und jener Dorfbewohner beruhigte sich, freute sich über die Fürsorge – und er, Franz B., stieg im Folgejahr bei uns in die Ausbildung zum „Desinfektor“ ein und war mit Eifer dabei. Uns schwebte vor – was vorher jahrzehntelang nicht denkbar war – den Brunnen und seine Umgebung, diese Anlage zur Förderung des Lebensmittels Trinkwasser, weiträumig zu reinigen mit kleinem Zaun und Hecke einzufrieden, Gras anzusäen, sie erstmals sauber und ansehnlich zu gestalten, unverschmutzt zu halten.


In Grippezeiten Handschlag meiden!“, so sagt es des Dichters Reimkunst. Im Herbst 1965 wird in der DDR die „nasale Grippeschutzimpfung“ versuchsweise eingeführt. Den Impfstoff füllt man also nicht in eine Injektionsspritze, sondern in den Glasbehälter des Impfgerätes, das uns etwa so anschaut wie ein Parfümzerstäuber. Mit kurzem Druck auf den Gummiball wird dem Patienten der Impfstoff zwar durch ein Röhrchen aber berührungslos in die Nase gesprayt. Mit Gefühl. Drückt man zu herzhaft, badet der Patient im teuren Impfstoff. Anschließend sind die Nasenflügel leicht zusammen zu drücken. Die Prozedur erfordert eine hohe Disziplin, denn sie ist bei jedem Bürger im Abstand von etwa drei Wochen zu wiederholen. Bei unseren spritzenlos impfenden Hygiene-Inspektoren war ich im zeitlichen Vorfeld das „im Impfstoff badende Versuchskaninchen“. Ich habe alles lebend überstanden.

Dieser Versuch bedeutete für die mit Geld und Material nicht sehr reich gesegnete DDR einen hohen Aufwand und wir impften gegen die Grippe wie „die Weltmeister“ – doch diese Neuerung wurde im nächsten Jahr nicht wiederholt. Man ging wieder zur Injektionsspritze zurück.


Spätherbst in Rangsdorf, Die Hygiene-Inspektion verlegt ihre Büroräume. Sie zieht um: Von Zossen, Mittenwalder Straße 2, nach Rangsdorf, Friedensallee 9. Von der bisherigen Zwei-Zimmer-Nutzung in ein altes, geräumigeres Einfamilienhaus. Der Umzug ist bald erledigt. Im Haus befand sich vormals eine Bäckerei mit Verkaufsstelle. Die Schaufensterscheibe ist 1965 noch mit der werbenden Vorkriegsreklame verziert: Vergoldete, auf die Scheibe geklebte Glasbuchstaben, die den Firmennamen Sarotti ergeben, der sich sichelförmig über einen großen Teil der Fensterscheibe hinzieht. Ein Original. Und in diesem Haus findet sich für mich sogar eine sonst nicht genutzte kleine Dachkammer. Ich ziehe also mit um – von Zossen, Straße der Jugend nach Rangsdorf. So wohne ich direkt in der Arbeitsstelle und wenn im Winterhalbjahr die Kollegen gekühlt zur Arbeit kommen, steht bereits das morgendliche Heißgetränk zur Begrüßung bereit. –


Ein Weihnachtsgeschenk: Am 18. Dezember 1965 wird der Staatsratsvorsitzende der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) Walter Ulbricht (* Leipzig 1893, † 01. August 1973), auf dem
11. Plenum des Z
entralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) die markig-martialischen Sätze sprechen:


Ist es denn wirklich so, dass wir jeden Dreck der vom Westen kommt, ja?, kopieren müssen?

Ich denke, Genossen, mit der Monotonie dieses Je, Je, Je und wie das alles heißt,

sollte man doch Schluss machen“.


Das war keine Frage oder Meinungsäußerung an sich, es schien, „so hoch angebunden“, wohl fast eine der brennendsten Fragen für die DDR-Führung in unserer Zeit zu sein, es bedurfte endlich eines letzten Machtwortes und dieses war ein Befehl! Zu den Verursachern des Unmuts, vom Vorsitzenden als nur ein Beispiel dargebracht, gehörte auch die britische Musikgruppe „Beatles“ (Paul McCartney, John Lennon, Ringo Starr, George Harrison) mit ihrem Liebes-Song:


She loves you, yeah“

(in der nachdichtenden Übersetzung):

Sie liebt dich –

ja, sie liebt dich, schöner kann es gar nicht sein. –

Ja, sie liebt dich – und da solltest du dich freu'n“.


Ja, solch ein West-Dreck aus dem Vereinigten Königreich! Schon allein Königreich!!! Und dann

Liebe ohne Sozialismus. Mit diesen kapitalistischen Auswüchsen werden wir Schluss machen!

(Das Lied war auf der ersten „Goldene Schallplatte“ der Beatles. Bei mir Tränen in den Augen – nicht zuletzt deshalb, weil diese Welt hier verkehrt wird – weil aus fröhlichen unbeschwerten Jugendliedern der Anlass zu einem gewaltigen Staatsakt gemacht wird, es dagegen bei den großen Problemen des Landes, mit überlebenswichtigen Aufgaben sozialpolitischer und wirtschaftlicher Art, an sinnvoll gestaltenden Maßnahmen mangelt.)

Auch alle anderen Lieder der Beatles enthalten keinerlei Elemente, die der „sozialistischen Moral und Ethik“ entgegenstehen. Sie entbehren allerdings konkreter Hinweise auf den Klassenkampf.

Vielleicht hätte der Ulbricht, vor einem eingeläuteten Verbot den Großmut besitzen können an „Intertext“ einen Übersetzungsbefehl zu erteilen oder er hätte schlicht einen der Wissenden unter den hunderttausenden Schülern dazu befragen können, was dieser unverständlich englische Liedtext wohl auf gut sächsisch bedeuten möchte. Solch ein „Großmut“, das notwendige Wissen zu erlangen bevor Entscheidungen getroffen werden, in groben Zügen verstanden zu haben worum es überhaupt geht, bevor man richtet, solch ein „Großmut“ zum Normalen bestand jedoch in den höchsten Kreisen nicht.

Walter Ulbricht hatte sich schon während der schlimmen Kriegszeit als ein Freund der russischen Sprache versucht und man kann durchaus nachvollziehen, wie lieblich ihm das oben genannte Musikstück mit dem wiederholt-verstärkenden „Ja“ in russischer Sprache erschienen wäre: Nicht dieses „Je, Je, Je“, sondern auf gut russisch: dieses „Da, Da, Da – und wie das alles heißt ...“, das hätte seinen Ohren vielleicht geschmeichelt. Über eine solche Variante hätten sich nicht nur die befreundeten Sowjetmenschen, sondern eventuell sogar die Da-Da-isten ein bisschen gefreut – aber eben doch nicht mit allumfassender, sondern vermutlich nur in gedämpfter Freude, denn auch diese Leute waren und sind wohl größtenteils eher freiheitsliebend, verabscheuen Zwänge, Bevormundung und Gewalt durch die Obrigkeit und Jedermann.

Hätte man dem Ulbricht das Lied doch bloß zumindest in Leipziger Mundart vorgetragen und dazu im niveauvollen Lipsi-Schritt getanzt, den Helga Brauer als geeignet erscheinende gute Werbeträgerin gerade in jenen Tagen zu besingen hat! – ohne dass man diesem fleißigen Bemühen hätte einen Erfolg nachrühmen können (siehe: „Alle jungen Leute tanzen heute nur im Lipsi-Schritt ...“).

Die zu ihrer Zeit dort in England lebenden Altväter Karl Marx und Friedrich Engels hätten das mit der Musik vermutlich lockerer gesehen als der Staatsratvorsitzende Genosse Ulbricht und wohl nicht erwartet, dass die Liverpooler Boys eher mitteldeutsch hätten singen sollen, um in ihrer Heimat besser verstanden zu werden.

Ein wenig Affinität zur Verwandtschaft statt schroffer Ablehnung wünscht man sich ebenfalls – denn schließlich sind die Baetles waschechte Angel-Sachsen, wenn auch mit dem Nachteil behaftet, nicht ebenfalls in Leipzsch das Licht der Welt erblickt zu haben.


Warum, bitte, frage ich sehr ernsthaft, hat es keiner, nicht einer der sozialistischen DDR-Musiker und Texter übernommen, niemand vom Zentralkomitee angeregt oder vom Politbüro gewünscht, eine schöne zukunftsweisende Liebes-Hymne über Lotte & Walter U. zu schreiben? Nicht mal zum 70. Wiegenfeste. Vielleicht hätte so etwas die häufig aufschäumenden Wogen glätten können? Warum also nicht? – hatte da eine gewisse Bockigkeit Kulturschaffender ihre Finger im Spiele?


Eine neue Eiszeit kommt also auch in der Musik auf uns zu. Das Verbot des öffentlichen Nachspielens und Nachsingens bundesdeutscher Titel, auch in westlich-fremder Sprache über die Liebe der Menschen zu singen, wurde damit „eingeläutet“, denn: „auch die Sowjetmenschen haben schöne Weisen“. Und das ist unbestreitbar wahr. „Von Freunden sollt ihr für das Leben lernen“. –


Nun aber ist Weihnachten und unsere Arbeitsstelle für einige Tage geschlossen.



Liebe Leserinnen und Leser,


der Bericht über das Leben dieses Menschen ist zurzeit eine Baustelle.

Dieser Weg endet momentan hier mit dem Jahr 1965.

Die Fortsetzung "janecke-chris-4" ist als Datei bereits vorrätig und begleitet uns

durch die Jahre 1966 bis 1975


Freundliche Grüße,

Chris Janecke, Potsdam, am 31. Oktober 2016