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Zur Ahnenliste "Janecke" gehörend. Bearbeitungsstand: April 2017.


Fortsetzung: Chris Janecke, Lebenslauf, Teil 3. Die Jahre 1961 bis 1965


Autor: Chris Janecke, E-Mail: christoph@janecke.name

Internetadresse: www.janecke.name Bearbeitungsstand: April 2017


Zu diesem Text gibt es einige Bilder – bitte hier klicken.




Ach, meine lieben Leser – wenn ich meine Zeilen nochmal überfliege, fühle ich mich nachträglich gehalten, einige Worte zum gegenseitigen Verständnis voranzustellen:

Für mich als Laien ist eine Unterhaltung über vergangene Zeiten, unverfänglicher als das Schreiben. Beim Sprechen lässt sich von der Mimik der Teilnehmer und von deren "Körpersprache" mitunter deren Gemütsbewegung ablesen. Man kann nachfragen, ergänzen, klarstellen, nochmals andere Worte wählen. Beim Schreiben ist das Wort gedruckt und abgesandt – vorerst unabänderlich. Man sieht es nicht, man merkt es nicht, wie es beim Leser ankommt – ob mit Kopfschütteln quittiert, mit Übereinstimmung beschmunzelt, ein "Aha" auslösend oder als störend wirkend. Das bedeutet für mich auch: Die Gefahr des Verletzens des Anderen ist beim Schreiben größer, obwohl ich weder den Gefühlen anderer Menschen zu nahe treten möchte, (selbst posthum nicht), noch die Gesinnung des Lesers zu wandeln beabsichtige. Ich schreibe nur Notizen über meine Lebenszeit und darüber, wie ich diese empfand. Mein Empfinden, meine Ausdrucksweise und meine Reaktionen muss nicht jeder Mensch gleichermaßen teilen und akzeptieren. Leser sollen von meiner Darlegung nicht zu Betroffenen werden, falls sie sich nicht selber zur Betroffenheit führen.

Es ist mir bewusst, dass der eine oder andere Leser hier geschilderte Begebenheiten ähnlicher Art ebenfalls erlebte, diese aber vielleicht völlig anders als ich empfand, er andere Schlussfolgerungen zog als ich und bestehende Probleme auf andere Weise verarbeitete.

Daraus können sich Anschauungen bilden, die von den meinigen stark abweichen.

Ich denke, das ist zulässig, normal und mag sogar sehr gut sein.

Ich erhebe auch nicht den Anspruch "eine absolute" Wahrheit vertreten zu wollen, möchte keinesfalls jemanden "politisch missionieren". Es mag jeder Andersdenkende getrost auf seinen Ansichten beharren oder auch neue andere Ansichten gewinnen.

Auch kann ich mich nicht für die Richtigkeit eines jeden notierten Datums, für jedes Wort eines damaligen Gesprächs verbürgen – inzwischen ist seit jenen Begebenheiten mehr als ein halbes Jahrhundert vergangen.

Als ein stets Wacher notiere ich einfach einige Episoden aus meinem Erleben, versuche mitunter Ursachen und Wirkungen darzustellen oder – meist als ein Nicht-besser-Wissender – einfach nur zu fragen. Ich sage "frank und frei" mein Empfinden, meine Meinung. Das heute zu dürfen, empfinde ich als ein großes gutes Geschenk.

Im Interesse des Datenschutzes ließ ich verschiedene Namen fort, obwohl ich diese hinreichend kenne; auch sind weitere Namen aus Rücksichtnahme geändert wiedergegeben.



1961 – mein 15. Lebensjahr, das heißt, kurz vor dem Jahresende begehe ich den 15.

Bis zum Juli besuche ich das 9. Schuljahr in der Schule 17 in Potsdam-Babelsberg

und im September beginnt das 10. Lernjahr und damit das letzte in dieser Schule.


Winter 1961 * Januar – Februar – März

In diesem Winter erhalte ich nach jugendärztlicher Verordnung zum letzten Mal die Auszeichnung für einen Aufenthalt in einem Kindererholungsheim. In diesem Jahr ist es das Heim in Rottleben am Kyffhäusergebirge. Dort in der Nähe, in Bad Frankenhausen, durfte ich ja schon vor vier Jahren sein. Nur ein Stündchen lebhaften Spaziergangs sind die beiden Orte voneinander entfernt. Damals war ich allerdings im Sommer dort. Beim jetzigen Aufenthalt ist die Landschaft verschneit. Gewiss wird es wieder eine schöne, erholsame Zeit im Gebirge. Bei „Kyffhäusergebirge“ denkt man natürlich zuerst einmal an hohe Berge – aber das Dorf Rottleben befindet sich nur etwa

145 m über dem Meeresspiegel und liegt verhältnismäßig flach und außerdem trocken im Regenschatten des Kyffhäusergebirges, zwischen den Tälern der Diamantenen Aue und der Goldenen Aue. Eine fruchtbare Gegend, wovon eben im Sommer die "goldenen" Getreidefelder zeugen.

Das Erholungsheim hat die Größe, dass in die vier Fassadenflächen, verteilt auf drei Etagen, etwa 70 Fenster passen und die Türen natürlich auch.

Das Grundstück ist so gestaltet, dass es einen stattlichen Vordereingang von der Heimstraße aber auch einen Hintereingang besitzt. Wir benutzen stets den hinteren Nebeneingang. An der offenen Grenze des Grundstücks begrüßt uns im Schneegestöber schwanzwedelnd der freundliche Schäferhund Wotan, der treue Wächter. Leider ist der Arme immer, Tag und Nacht an der kurzen Eisen-Kette, vor oder in seiner feuchten, kalten schneebedeckten Hütte. Offensichtlich hat er nicht ein so gutes Leben wie unsere Schulkaninchen oder wie wir. Hier. Weshalb derartige Unterschiede? Warum ist das so eingerichtet und hoffentlich wird er nicht krank. Ob er dann auch einen Platz im Erholungsheim erhalten würde?

Die Betreuerin unserer Gruppe heißt Fräulein Rauschenbach. Das erinnert doch gleich an die Wipper, die am Ort so munter vorbeifließt oder einfach an viele flinke Bächle. In diesen Tagen denke ich auch wieder an die früheren Erholungsaufenthalte und unsere Erzieherinnen – an die Geschwister Maiwald, die gern zu einem Scherz aufgelegt waren, an die wahrhaftige Naturwissen-schaftlerin Fräulein Jödicke und an das ganz junge herzensfreundliche Fräulein Hennersdorf. Während wir Kinder und Jugendlichen inzwischen so viel unterschiedliches erlebten, haben sie immer wieder neuen Kindergruppen wichtiges aus der Heimat erzählt, ihnen etwas fürs Leben beigebracht. Von den Kindern gefällt mir sogleich die 12-jährige Gisela Ko., die in Stendal zu Hause ist. Wenn die Witterung es zulässt, sind wir alle täglich draußen auf Wanderungen und beim Rodelvergnügen. Diese für uns wichtigen Tätigkeiten bereiten natürlich einen gesunden Appetit vor und mit geröteten Wangen und angeregtem Kreislauf kehren wir zurück. So soll es sein. Der Heimleiter, Herr Friedrich Arndt, kontrolliert häufig, ob wir auch unsere Stiefel im Heizkeller sorgsam getrocknet und danach mit Schuhcreme gepflegt haben, weil sie bei dieser Winterwitterung arg strapaziert werden. Diese Besichtigungen kann er so nebenbei erledigen, denn vom Heim zu seiner benachbarten Wohnung wandert er eben am besten durch diesen warmen trocknen Keller hindurch, statt im Schneegestöber beim Wotan vorbei. So wird er nicht gebissen – in seinem Gewissen. Das mit dem Kellergang ist etwa so eingerichtet wie in vielen Schlössern dort jedoch mit räumlicher Trennung von Küche und Speisesaal – miteinander verbunden dank des "geheimen" Unterirdischen.

Fräulein Rauschenbach singt uns das recht traurige Lied vor: "Untern Erlen steht 'ne Mühle", also dort am rauschenden Bach (schier zerrupfend vor Herzeleid tönt es). Ich habe später den wertvollen Text zu Hause nirgendwo erreichen können, um diesen in meine Liedersammlung einzuordnen. Niemand sonst scheint es zu kennen. Ich mache es mir einfach und nehme für euch ersatzweise das ähnlich traurige Lied- und Dicht-Werk "In einem kühlen Grunde" auf.Irgendwie scheinen mir beide Lieder eng miteinander verwandt zu sein. Ich notiere es hier 'mal und merke dabei, dass es trotz seiner berühmten Schöpfer nicht fröhlicher werden will. Ob die Herren Eichendorff und Gluck zur rechten Einstimmung ihrer Sinne auf das Trauerthema, als Mittagsmahl vielleicht nur Schwarzwurzelsalat gegessen hatten und dazu einen Trunk des "Feuchtwanger Tränenacker", dieses vorzüglichen Tropfens nahmen? Oder ob sie bei dieser Arbeit fröhlich beisammensaßen? Vielleicht sogar mal ein bisschen herumgealbert hatten, mit dem Geigenbogen lustig "auf den Busch geklopft" hatten? wer weiß das schon ich war ja nicht dabei.

Hier ist es – ihr werdet euch selber eine Meinung bilden.



In einem kühlen Grunde


Text:

Joseph Freiherr v. Eichendorff 1788–1857

Melodei: Johann Friedrich Gluck 1797–1840


In einem kühlen Grunde

da geht ein Mühlenrad.

Mein Liebchen ist verschwunden,

das dort gewohnet hat.


Sie hat mir Treu' versprochen,

gab mir ein' Ring dabei.

Sie hat die Treu' gebrochen,

das Ringlein sprang entzwei.



Ich möcht' als Spielmann reisen

wohl in die Welt hinaus

und singen meine Weisen

und geh'n von Haus zu Haus.


Ich möcht' als Reiter fliegen

wohl in die blut'ge Schlacht

um stille Feuer liegen

im Feld bei dunkler Nacht


Hör' ich das Mühlrad gehen,

ich weiß nicht, was ich will;

ich möcht' am liebsten sterben,

da wär's auf einmal still.


Schluchz ... und ich lag bisher nur an Lagerfeuern. Herr Eichendorff wollte damals aber sogar um stille Feuer herum-. Er war einer der Großen seiner Zeit.


Ein Nachtrag – viele Jahre später: Nun habe ich das Lied doch noch gefunden, denn erfunden sind inzwischen nicht nur Computer, sondern auch das Internet. Diese ermöglichten das Finden leichter. So trage ich das Lied hier nach und auch Fräulein Rauschbachs Mühen bleiben uns damit erhalten. Allerdings gibt es sogar mehrere Textvarianten – ich mische hier das Volksliedgut, dieses Volkseigentum völlig unautorisiert ein wenig, damit alle Ideengeber, alle die nicht nennbaren Teilautoren gewürdigt und geehrt werden und vor allem das vollständige Anliegen dieses Liedes:





Unter'n Erlen steht 'ne Mühle




Unter'n Erlen steht 'ne Mühle

wo das wilde Wasser rauscht.

D'runten in der Mondnacht Stille

steht der Müllerbursch und lauscht.

Und in stiller Mondesnacht Kühle

steht der junge Bursch und horcht.



Leise öffnet sie ihr Fenster,

greift ein zarter Händedruck.

Schüchtern schenkt des Müllers Liesel

ihrem Liebsten einen Kuss.

Heimlich reicht der Müllerbursche

seiner Liebsten einen Kuss.


Und der alte Müller-Meister

stellt die Räder bald zur Ruh'.

Durch des Fensters schmale Spalte

schaut er seiner Tochter zu,

doch die beiden Fensterflügel

schließt sie leise wieder zu.


Höre Tochter, lass dir sagen,

heut zum allerletzten Mal,

dass du diesen Müllerburschen

nie und nimmer lieben darfst,

dass du jenen armen Burschen

nie und nimmer freien kannst.


Morgen muss ich dich verlassen,

ob's uns recht ist oder nicht,

denn ich darf dich nicht mehr lieben,

meine Eltern, die leiden es nicht.

Denn ich darf dich nimmermehr lieben,

lebe wohl, vergiss mein nicht."



Worte: in mehreren Variationen, unbekannte Verfasser,

Weise: Unbekannter Komponist. Es passen auch: "Wahre Freundschaft soll nicht wanken" und manch andere Volks-, Küchenlieder- und Bänkelmelodien.



Meine Mutter will's nicht haben

und mein Vater nicht viel mehr.

Darum müssen wir jetzt scheiden,

fällt der Abschied uns auch so sehr schwer.

Sollten wir uns deshalb jetzo trennen,

sehnen wir uns doch so sehr. –


Durch den Garten huscht ein Schatten

hinterher der Müllerbursch.

Und so stürzen sich die Beiden

in des Erlbachs dunkle Flut.

Auf des Mühlbachs tiefstem Grunde

finden beide traurige Ruh.


Nun, da unten in der Mühle

weint man um zerstörtes Glück.

Hilft kein Jammern, nutzt kein Klagen. –

Keines kehret je zurück.

Frommt kein' Zähren, hilft kein Zagen. –

Niemand kommt ins Haus zurück.


An dem kalten Sonnentage

senkt man sie zur Grabesruh.

Und man deckt mit kühler Erde

zwei verliebte Herzen zu.

Nun mit kühler Muttererde

deckt man treue Liebe zu.


D'rum ihr Eltern, lasst euch sagen:

störet nie der Kinder Glück,

denn es kommen bittere Stunden,

wenn ihr denkt an sie zurück,

denn ihr habt nun selbst erfahren,

was es heißt, wenn Liebe bricht.




Wir besuchten das nahe gelegene Bergmassiv auch von innen, um in Regencapes versteckt, die gute Soleluft tief einzuatmen, was besonders für die Kinder wichtig ist, die an Asthma leiden. Zu meinem Glück geht es mir ja aber recht gut. Neulich wanderten wir in Richtung Steinthalleben zur Barbarossahöhle, die 1865 auf der Suche nach Kupfererz entdeckt wurde. Besichtigt werden konnte diese Höhle vom staunenden Publikum bereits im Jahr nach ihrer Entdeckung. Diese Höhle hat Räume die bis zu 30 m hoch sind. Die Höhlenausdehnung beträgt ungefähr 25.000 Quadratmeter, hat kristallklare Seen und teilweise, so im Raum namens "Gerberei", auch von der Decke herabhängende Anhydrit-"Lappen aus hartem Gips". Ich hatte diese Höhle ja schon vor vier Jahren kennengelernt, habe also noch manches davon im Kopf aber eine offizielle Führerin hat man unserer Gruppe doch vorn an die Spitze gestellt. Die Erzieherinnen, die diese Besichtigungen ja andauernd staunend mitlaufen, können gewiss auch schon im Schlaf all' die Geschichten erzählen. Aber die Führerin ist wichtig, schon, weil dafür ja Eintrittsgeld genommen wurde und auch, damit niemand aus Spaß in der Höhle zurückbleibt und dort gemütlich übernachtet. Solche Späße gibt es höchstens in alten Schlössern. Hier gelten solche als unzulässig. Und auf dem Gebirgsmassiv darüber, finden wir die Ruinenreste der Falkenburg, die aber vermutlich bereits um das Jahr 1458 mutwillig zerstört wurde – wie so vieles und so häufig. Menschenabsicht – Menschenunwerk.

Die Zeit dieses Erholungsaufenthaltes verging wie im Fluge und schon sind wir wieder zu Hause, ein Jeder in seinem Ort.


hrend meiner Abwesenheit von der Schule, haben aber auch die Mitschüler nicht die gesamte Zeit hart am Unterrichtsstoff gearbeitet. Der Beweis: Sie schrieben mir Ende Januar eine große Ansichtskarte von der Klassenfahrt, die ich nun versäumt habe. Das ist aber aufmerksam und freundlich. Die Karte haben Peter Gericke und Herr Gnerlich geschrieben. Ihre Fahrt ging nach

"Stalinstadt – erste sozialistische Stadt Deutschlands",

so steht es auf der Bildpostkarte. Wie ein bisschen übermäßig stolz das klingt: Von ganz Deutschland. Aber ist das nicht auch etwas zwiespältig bald acht Jahre nach des Stalins Tod? Im vierten Jahr nachdem Nikita Sergejewitsch Chruschtschow mit dem toten Stalin, mit dem Kult um ihn und mit seiner früheren Politik aufgeräumt und abgerechnet, ja gebrochen hatte? Auch Walter Ulbricht hatte ihn damals gleich anschließend aus der Reihe der Klassiker des Sozialismus/ Kommunismus genommen (Marx, Engels, Lenin und nun – ups – eine Lücke. Ein Ulbricht-Porträt würde er an dieser Stelle gewiss nicht ungern sehen). Vor Jahren veröffentlichte man bereits, dass der Stählerne als Diktator, als Despot mit seinen vielen gleichgesinnten Mannen Millionen Menschen, meist völlig unschuldige Menschen, hinrichten ließ oder in die Straflager an Verbannungsorte im Fernen Osten schickte, um sie dort vorzeitig sterben zu lassen.

Und nun ganz frisch diese DDR-Werbepostkarte wie zu seinem, Stalins, hochehrenden Gedenken!

Ein schönes Bild. Ich habe es dankbar aufbewahrt.

Aber wie meine jetzigen Gedanken, so wird es dann endlich auch im Laufe des Jahres 1961 bei uns soweit sein, dass verschiedene Umbenennungen stattfinden werden. Ich war da, wie's scheint, nur wieder ein bisschen arg zu vorschnell, politisch zu aufgeweckt denkend. Das ist nicht immer gut. Umbenennungen – wir kennen das ja:

Es lebte einmal ein Mann (in Wirklichkeit waren es viele Leute) in dem Städtchen Fürstenberg. Plötzlich, über Nacht des Jahres 1953, wachte er morgens auf und wohnte von Stund an in Stalinstadt, was erstmal ein bisschen an Georgien, später aber eher an Grusinien erinnern sollte und an dessen größten jüngst verstorbenen Sohn. Wieder reichlich sieben Jahre später (also ungefähr jetzt) befindet er sich (also "der Mann" oder "die vielen Leute") plötzlich in Eisenhüttenstadt. Alles in einem kleinen Jahrzehnt und ohne auch nur einmal Straße und Hausnummer gewechselt, ohne je einen Möbelwagen benötigt zu haben. So kann das manchmal gehen. Aber irgend eine Sinnes-Verbindung zwischen dem neuen Eisen und dem alten Stahlin scheint sich aufdrängen zu wollen, scheint nicht vollends abgerissen zu sein. An einer frischen Ansichtskarte mit altem Bild aber neuem Aufdruck zum Vergleich, mit dem neuen Namen, fehlt es noch in meiner Sammlung.


Februar: In den Winterferien fuhr ich wieder bei der Deutschen Post der DDR Telegramme, Wertsendungen und Geldüberweisungen spazieren. Bei Eis- und Schneeglätte. Diesmal mit einem Moped SR 2 ("Stadtroller 2. veränderte Auflage". Die Hersteller: Simson Suhl und Rheinmetall). Aus dem "Postrennstall" wurde mir das etwas "verwürgte" Moped Nr. 5 zugewiesen, bei dem Motorritzel und Hinterrad-Kettenblatt nicht sauber fluchteten. Also man kann auch sagen: das Fahrzeug spurte nicht. Es hatte offenbar "eine schwere Jugend" hinter sich bringen müssen. Bei diesem Moped sprang deshalb mindestens zweimal je Schicht die Kette ab, die dann mit eiskalten Händen wieder aufgelegt und nachgespannt werden wollte. Oft im Dunkeln oder unter der Straßenlaterne. Kein reines Vergnügen. Und die Telegramme mussten trotz der schwarz-ölverschmierten Finger sauber bleiben. Andernfalls wäre es für die Daktyloskopen der Kripo eine Freude gewesen. Die Fahrzeugwerkstatt der Post hat das reparaturtechnisch nicht hinbekommen. Wie gegensätzlich gemütlich war doch da das Ausfahren der Pakete mit den akku-betriebenen mittelgroßen Vorkriegs-Elektro-Lkw, die leise und problemlos durch die Straßen schnurrten.

Beim Zustellen von Hochzeits-Telegrammen gab es fast immer ein Trinkgeld (das war nicht so wörtlich streng gemeint – man durfte es auch anders anlegen). Einmal war es mir vor der Aushändigung eines Telegramms etwas eigenartig zumute, mulmig. Es war "Am Jägersteig 3", gegenüber dem DEFA-Filmgelände. Der Briefumschlag zeigte im Dunkeln eine schwache Aufschrift – irgendetwas mit Foto... Auf mein Klingeln kam niemand. Es brauchte auch niemand zur Tür kommen, denn diese stand offen. Im Winter. In der Dunkelheit. Ich erwog schon einen Unfall oder ein Verbrechen, eventuell in einem Foto-Atelier mit obszön-schlüpfrigen Aufnahmen? Ich ging vorsichtig und verhalten hallo-rufend ins Haus. Im Wohnzimmer ein Mann im Sessel, zum Glück gesund und munter, die Beine weit über dem Couchtisch ausgestreckt. Meine Besorgnis konnte wieder abebben. Der Mann lebte. Der zeitweilige Nutzer dieses Hauses war der griechische Schlagersänger Perikles Fotopoulos – und er entlohnte mich "fürstlich". Für ein einfaches Brief-Telegramm (das Wort 5 Pfennige) – 10,- Mark der DDR als "Trinkgeld". Das war für mich etwa ein ganzer runder Tagesverdienst zusätzlich! Dafür könnte man es schon aushalten mal öfter "einem Verbrechen auf die Spur" zu kommen. Ich denke aber: bei seiner Gage hat er sich das leisten können – vielleicht enthielt ja das Telegramm schon seinen nächsten Auftrittstermin mit "Goldregen". "Frau Holle lässt grüßen", denke ich. Was sagt ihr da? Euch ist dieser begnadete Sänger momentan nicht so recht geläufig? Macht nichts, ging es mir doch eben ebenso. Das ändert sich noch. Im vor uns liegenden Jahrzehnt wird er uns in deutschem Zungengebrauch eine bunte Schlagerreihe zu Gehör bringen. Zu dieser werden gehören:


Wenn ihr noch etwas Zeit hättet, dann könnte ich die Titel für euch ja kurz mal anstimmen. –



Frühjahr 1961 * April – Mai – Juni

In der Schule stellt uns unsere Deutschlehrerin und Direktorin (C. Wielang), also "die Chefin", das Aufsatzthema: „Ein guter Deutscher“. Na ja. Das kann ein leichter Spaziergang sein oder auch etwas schwieriger werden. Wie man's so macht. Je nach Geschmack, Wissen und Zeitfonds. Fast alle Schüler der Klasse schrieben entweder über das Leben von Ernst Thälmann, Karl Liebknecht oder Lenin. Über Stalin jetzt also nicht mehr. Dafür gab es reichlich biografische Vorlagen, derer man sich bedienen konnte – in der Schule, in der Bibliothek. Ein Aufsatz? Die Aufgabe bestand eigentlich darin, aus dem Vorhandenen eine Anzahl geeignet erscheinender Sätze abzuschreiben. Aus diesem Grunde waren selbst Voneinander-Abschreibereien nicht weiter verwerflich. Abschreiben – man muss ja, lebten diese Großen doch zu anderen Zeiten. Diese Kollektiv-Arbeiten glichen wohl etwa wie ein Ei dem anderen und waren fix erledigtnun, es war ja auch jeweils der gleiche Mensch aus gleicher Sicht über die Historie betrachtet, da gibt es eben nicht viel an Unterschieden. Die Ergebnisse waren im Durchschnitt mit sehr gut oder gut bewertet. Die Schüler hatten „die Spielregeln zur Anpassung an das Übliche“ beachtet. Bei der Rückgabe der Aufsätze lag meine Arbeit zuunterst. Sie bedurfte einer intensiveren Auswertung vor der Klasse, denn ich hatte Martin Luther gewählt, über diesen geschrieben. Hui, so etwas sollte man sich vorher reiflich überlegen. Zwar waren Ausdruck und Form "1" aber der Inhalt ... der Inhalt. Da war ich in ein Wespennest getreten und hatte die Königin getroffen. Der Inhalt – weniger die inhaltliche Darstellung aber über dieses Leben! Nein! Was war daran als "gut" zu bezeichnen? Gab es da überhaupt etwas in gewünschter Art? Den neuen zusätzlichen Inhalt oder Anhang zu meinem Aufsatz: 1½ A 4-Seiten Aufklärung in roter Tinte. Diesen trug die Lehrerin laut vor der Klasse vor: Schon Luthers Vater war ein ausbeutender, vorkapitalistisch blutsaugender Kupferbergwerksbetreiber im Mansfeldischen, Martin Luthers soziale Herkunft deshalb bereits nicht als gut bezeichnet werden könne. Und dieser (ungeratene) Sohn, weder Handarbeiter noch Bauer, sondern ein Mönch und Prediger, habe den Bauernkrieg mit angezettelt aber als ein sich anbiedernder Diener der Junker trotzdem keine Revolution gewollt, sondern nur eine Reformation in ungreifbaren, unnützen Glaubensfragen. Luther, der sich dann gegen die Bauern stellte, gegen diese wetterte, die Sache der Bauern verraten habe sein Beitrag sei nicht vom kollektiven Klassenkampf getragen worden, ihm sei es nicht um das Wohl der Arbeiter und Bauern gegangen usw. usf. – Thomas Müntzer hingegen ... Gut! Ich war als laienhafter Schüler davon ausgegangen, dass nicht er (Luther) die Bauern in eine Schlacht geführt hatte, in der ihre Leben aufgerieben wurden, sondern der Thomas M.

Luther hatte sich wider einen mistgabelbewaffneten Kampf der Bauern gegen fürstliche Kanonen gestellt. Er hatte die Unterlegenheit der Bauern im Voraus erkannt. Gewiss war er selbst sehr wohl vom Fürsten abhängig, der ihm ja auf der Wartburg Schutz geboten, der sein Leben gerettet hatte. Ich dachte, er hätte viel für die deutsche Sprachentwicklung getan, dabei viele verfeinernde Worte erfunden, die wir heute gebrauchen, hätte gegen Betrug und Wucher (Ablasshandel zum "Sündenerlass durch Bußgeldzahlung") gearbeitet, sei einer der maßgeblichen Bibelübersetzer gewesen und hätte mit/nach der Reformation auch einiges für die Bildung des Volkes getan.

Richtig – ich habe unter anderem (aber schon vorher von alleine) eingesehen: Luther war weder ein guter Sozialist, noch ein aufrechter Kommunist. Er war kein fehlerfreier Mensch.

Weil er eben kein "Guter" war, hatte ich somit das Ziel des Aufsatzthemas etwas sehr weit verfehlt. (Was ich hier eben aufschrieb ist eine nur sinngemäße Wiedergabe, denn den untauglichen Aufsatz zerriss ich mitsamt dem langen, gewiss mühevoll verfassten, wirklich durch und durch roten Zusatztext. Weil ich der Chefin nicht weh tun wollte, tat ich es aber erst nachdem sie den Klassenraum verlassen hatte). Insgesamt habe ich bei der Bearbeitung dieses Aufsatzes und bei dessen Auswertung aber erheblich mehr vom Leben – für das Leben gelernt, als hätte ich beispielsweise aus einer vorgedruckten Biografie nur schnell einige Passagen zum bekannten Leben von Ernst Thälmann übernommen.


Ein Blick in die Zukunft: Als die DDR 1983 das Luther-Gedenkjahr (500 Jahre Wiederkehr des Geburtstages) feierlich begeht, wird mir das gesamte Thema und die damalige Situation wieder deutlich vor Augen stehen. Ich erinnere mich lebhaft jener Schulszene, die mir gemacht wurde. Und jetzt (1983) nun alles scheinbar alles völlig verändert "in der Welt".

"Ehrung eines der besten Söhne des Volkes, dem leidenschaftlichen Kämpfer für den Fortschritt" usw. Was wurde da für ein stattlicher staatlicher Aufwand betrieben – mit Büchern, Vorträgen, im zeitlichen Vorfeld sogar mit der Sanierung vieler Bauten, in die Luther vielleicht 'mal 'reingeguckt hatte. Gedenkbriefmarken und verschiedene Münzen, dazu auch Medaillen werden heraus gegeben. Kurz: Martin Luther hinten und Dr. Luther vorn.



"Von der Parteien Gunst und Hass verwirrt, schwankt sein Charakterbild in der Geschichte"


Friedrich Schiller

Aus dem Prolog zum Wallenstein



Ach, Herr Dr. med. Schiller, wieso benötigt man dazu das Widerstreiten mehrerer unterschiedlicher Parteien? Wir sind da schon viel weiter. Bei uns kann das eine Partei ganz alleine.

Mein damaliger Aufsatz war wohl wieder nur um zwei Jahrzehnte zu früh geschrieben?

Oder aber war Sinn und Zweck des ganzen Gedenkjahres letztendlich, die eigene staatliche Wendehalsigkeit (für die Zeitspanne eines Gedenk-Jahres) zu ehren, zu feiern und um Devisen-Touristen einzuladen, um mehr Anerkennung vom westlichen Ausland zu erlangen?

Mal sehen, was da noch so alles auf uns zukommen mag an "auf und nieder" – 2016 begehen wir ja dann 500 Jahre Reformation. Die Wechselfälle im Leben sind ja so 'was von spannend.


Schade, dass Erwachsene, beispielsweise aus dem Kreis jener die uns in der Schule führen, mitunter so verkniffen sind, humorarm, freudlos, "selbstbewusst-verunsichert" waren oder resigniert hatten, so dass wir mitunter zwischen Vormittag und Freizeit unterschiedliche Sprachen und Verhalten ausformten, um nicht anzuecken, in "Fettnäpfchen" oder "Wespennester" zu treten.


Unser Lehrermangel ist chronisch. Republikflucht, mal eine Schwangerschaft und auch mal ein Schnupfen gehören zu den bekannten Hindernissen. Für mich bringt dieser Zustand eine Auszeichnung: Ich darf einige Stunden Biologie in der 8. Klasse geben, obwohl wir u. a. zwei Mädchen haben, die einen wesentlich höheren Zensurendurchschnitt aufweisen als ich (ich liege eher in Richtung Mittelfeld) – das aber ist eben nicht alles, offenbar nicht allein den Ausschlag gebend für meine Auswahl. Der Stoff war mir ja nicht unbekannt und nach meiner gründlichen Vorbereitung machte mir das großen Spaß (es hätte öfter sein können) und den eigenen Unterrichtsausfall holte ich spielend nach. Mein vorheriger "missratener" Deutschaufsatz war für unseren Bio.- und Klassenlehrer kein ideologisches Hindernis für solche Einsätze. Hätte ja sein können – eher wertete ich diese als einen Vertrauensbeweis – zum gegenseitigen Vorteil. Danke.


1. Mai 1961. Nach der offiziellen machtvollen Kampfdemonstration begehen wir innerfamiliär das 35-jährige Bestehen des Geschäfts der Eltern. Trotz aller Material- und sonstigen Schwierigkeiten wird der Tag stets festlich begangen und es entsteht auch wieder ein Familienfoto, wie alle fünf Jahre.


Eine große Neuerung: Unser Klassenlehrer berät mit uns (Peter Gericke und mir) als Vertreter des Gruppenrates gemeinsam bei sich zu Hause die Formulierung für die Beurteilungen der Schüler für die Jahreszeugnisse.



Am 15. Juni 1961, zwei Wochen vor seinem 69. Geburtstag, hielt Walter Ulbricht wieder mal eine Pressekonferenz. Zu seinen Ausführungen fragte die westdeutsche Journalistin Annamarie Doherr von der Frankfurter Rundschau zu "gewissen Planungen" in der DDR: "Bedeutet Ihre Absicht der Bildung einer >freien Stadt< (Berlin), dass die (DDR-) Staatsgrenze am Brandenburger Tor errichtet wird?"

Und der Staatsratsvorsitzende Ulbricht antwortet darauf – anscheinend nicht so recht passend – aber er wollte offenbar seinen Punkt wohl unbedingt hierbei >unterbringen<:

Das ist eindeutig! Recht so. So soll man es den Leuten beibringen damit sie es verstehen!


Sommer 1961 * Juli – August – September

Juli 1961: Unsere herrliche Klassenfahrt an die Ostsee, nach Lieschow.

Die Fahrt unserer beiden Klassen 9a und 9b (ich bin in der b-Klasse) der Babelsberger Schule 17.

Auf zur Ostsee! Auf nach Rügen! Wir fahren nach Lieschow/Ummanz am Kubitzer Bodden.

Der Weg führt uns durch Stralsund, über den Rügendamm, Altefähr, Ramin und Gingst, nach Lieschow auf der Halbinsel Lieschow.

Lieschow ist eigentlich kein zusammenhängendes Dorf, sondern eine Anzahl von Wegen, an denen vereinzelt (einsam) einige Gehöfte liegen und deren Häuser stehen. Die Straßen oder eben besser die Wege, die durch die Landschaft führen, haben keine Namen. Sie heißen so, wie die Grundstücks- oder Haus-Nummern der Gehöfte, also zum Beispiel: „Lieschow 12“, steht auf einem solchen Straßenschild – bei den anderen sinngemäß ebenso. Aber eben etwas anderes.

Ansonsten flaches Land bis zum Wasser, saftige Schwachsalz-Wiesen und ein hoher Himmel.

Die Postanschrift „Schule Lieschow/Ummanz“ ist für den Laien schon etwas verwirrend, denn die gesamte Halbinsel heißt Lieschow, die zu Ummanz im Norden der Halbinsel gehört. Andererseits gibt es benachbart noch die große Halbinsel Ummanz, mit einem Dorf gleichen Namens darauf. Die Postboten aber sind irgendwie wissend! Post kommt bei uns an. Das ist leicht: wir Fremdlinge haben nicht die wenigen bekannten Namen der Eingeborenen.

Wir wohnen also in Lieschow auf dem Grundstück der Schule. Es ist ein kleineres Haus, so ähnlich wie in Babelsberg die Nowaweser Weberhäuser. Des Weiteren steht dort ein Stallgebäude und im Hof oder Garten eine Turnhalle, die größer ist, als die gesamte Schule. In dieser Turnhalle leben/schlafen wir auf aneinander gelegten alten Seegras-Matratzen und auch Luftmatratzen – gerade, wie der Vorrat so reichte –, die auf dem Fußboden platziert sind und wir haben graue und braune Decken. Es geht recht gut so.

Am Morgen des ersten Tages gingen wir, eine kleine Gruppe, vor dem Frühstück los, um schnell mal nach Badestellen und guten Fotomotiven Ausschau zu halten. Das Gelände wurde immer unwegsamer, die Sonne meinte es gut und die Insekten hatten genau solch einen Appetit wie wir (zerpiekste, ausgesaugte Kniekehlen). Allerdings waren wir erst wieder zur Mittagszeit in der Schule. So war das nicht geplant aber unser Lehrer kannte sich im weitläufigen Gelände eben so aus wie wir. Am nächsten Tag, dem Sonntag, liefen wir alle zur Heuinsel hinüber. Dazu wateten wir etwa eine Stunde durch das hüfthohe Wasser des Boddens. Auf dem Rückweg überraschte uns ein kräftiger anhaltender Regen aber wir konnten Zuflucht in einer Scheune nehmen. Anschließend waren die aufgeweichten lehmigen Wege zu glitschig, um zügig voran zu kommen.

In romantischer Abendstimmung: Aus dem Kofferradio eines der Dorfjungen tönt gerade Connie Francis: "Schöner fremder Mann" und Sigrid durfte sich auf der nächtlichen Straße mal eine Runde auf seinem Jawa-Moped versuchen. Gewiss so ähnlich wie Connie woanders.

An einem weiteren Tag fuhren wir zum Kap Arkona und besichtigten den Kreidefelsen "Königsstuhl" und die anderen Steilküsten-Abschnitte der "Stubbenkammer". Auch den Sassnitzer Fährhafen bekamen wir zu sehen. Von Schaprode aus schipperten wir sogar zur Insel Hiddensee hinüber und wanderten dort eine Strecke. Zur Insel einige Notizen:

Die Insel Hiddensee gehörte bis 1815 zu Schweden, war Ausland mit einer für uns fremden Amtssprache. Um 1800 zählte man auf der Insel 800 Bewohner. Davon waren mehr als die Hälfte erbuntertänig = Leibeigene und damit an den Gutsherrn und seinen Festlegungen gebunden – blieben Mägde und Knechte, hatten Frondienste zu leisten. Nur wer Geld hatte konnte sich frei kaufen – aber dieses Geld (50 bzw. 30 Taler) hatte ja niemand. Nach 1815 wurden diese Menschen durch Aufhebung der Leibeigenschaft erlöst.

Kloster: Das Kloster besteht nicht mehr. Der Ort Kloster erhielt 1912 das Hotel "Zum Dornbusch". Auf dem Nordteil der Insel, dem Dornbusch, steht auch der Leuchtturm.

Vitte: ... ist eine mittelalterliche Bezeichnung für einen Verkaufsort, eine gewerbliche Niederlassung – wahrscheinlich bestehend aus Schuppen zur Fischverarbeitung. Vitte ist der größte Ort auf der Insel. Als Dauergäste hatten hier der Holzgroßhändler und Hobbymaler Oskar Kruse und seine Frau zwischen 1900 und 1920 die Sommerurlaube verbracht. Sie hatten 1903/04 die "Lietzenburg" gebaut. Auch dessen Bruder Max Kruse war mit seiner zweiten Frau Käthe (die Gestalterin der "Käthe-Kruse-Puppen) oft hier. Gerhart Hauptmann war in der Zeit zwischen 1885 und 1943 häufig zu Gast auf Hiddensee (aber auch abwechselnd im Riesengebirge und in Italien), wohnte auf der Insel (im Hotel) mit Thomas Mann zusammen. Am 06. Juni 1946 starb Gerhart Hauptmann und er wollte hier, wo er sich erholte und viele seiner Werke schuf, bestattet sein. Wir haben sein Grab auf dem Friedhof in Kloster besucht.

"Der Trog" zwischen Schaprode und der Hiddenseer Fährinsel soll vor dem Ausbaggern bei günstigen Witterungsbedingungen durchlaufbar gewesen sein. Darauf weist auch der Name hin: Das slawische "Sza broda" bedeutet "bei der Furt".

Neuendorf entstand auf der alten, wüst gewordenen Ansiedlung namens Glambeke.

Plogshagen: Der Hagen war eine mit Zaun oder Hecke eingefriedete Fläche, die einem Mann namens Plog gehörte. – das habe ich später in dem Buch von Herrn Arnold Gustavs "Die Insel Hiddensee – ein Heimatbuch" noch einmal gründlicher nachgelesen, und gedanklich vertieft. –

Am Rostocker Hafen sahen wir ein Schiff mit 10.000 BRT (Brutto-Register-Tonnen) vom Typ "Frieden". Wir hatten schöne, inhaltsreiche Tage an der See.


August 1961

"Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten", hatte der höchste Repräsentant des Staates, Walter Ulbricht am 15. Juni ungefragt der Welt erklärt und damit vorerst den festen Begriff "Mauer" für den Ausbau der Grenzbefestigungsanlagen der DDR geprägt.

Nur zwei Monate später, am Sonntag, dem 13. August 1961 war es dann schon soweit:

Ab 1 Uhr in der Nacht begann die Nationale Volksarmee der DDR eine rund 145 km lange Grenzbefestigung um West-Berlin zu ziehen. Die vor kurzer Zeit von Ulbricht erwähnte aber von ihm "völlig ausgeschlossene Mauer" wird gebaut! Die Grenze wird geschlossen, um uns vor den West-Berlinern und vor den „Bonner Ultras“ mit ihren gegen die DDR lang gehegten Blitzkriegsplänen zu schützen, so sagt man uns.

Walter Ulbricht erhält den weiteren Spitznamen: "August, der XIII."

"Die Mauer" wird seitens der DDR-Führung inzwischen, nach neuer Überlegung, aber nun als "Antifaschistischer Schutzwall" betitelt. Jeder, der nicht allzu verblendet ist, weiß natürlich, dass sich Mauer und Waffen im Wesentlichen gegen die eigene Bevölkerung richten, um die unwahrscheinlich starke Fluchtbewegung aus dem Lande zu stoppen, also nicht mit vernunftgeführten Inhalten, sondern erneut mit Gewalt.


Wie war es doch gleich mit der Wahrheitsliebe unserer DDR-Staatsführung? Oder sollte das eher in das Schubfach "durchdachte Strategie und Taktik" eingeordnet werden?

Wir als Schüler werden indessen natürlich weiterhin "hübsch" zu sozialistischer Wahrheitsliebe erzogen, sofern wir diese nicht ohnehin vom Elternhaus "mitbekommen" haben.


Das allseits bekannte Lied: "Wir sind jung, die Welt ist offen ,

oh, du schöne weite Welt. Unser Sehnen, unser Hoffen ..."


wird nun leider auch nicht mehr gesungen, weil wohl ein trauriger Spott befürchtet wird,

dabei ist es gar nicht nötig, damit hinter dem Berge zu halten, denn ...


"Unser Sehnen, unser Hoffen geht (nämlich hinaus) hinaus in Wald und Feld."...


...der heimatlichen Natur. Von Italien-Urlaubswunsch hat hier niemand etwas geäußert.


Helle Aufregung in der Schule am 1. September, an unserem ersten Schultag. S. und U. sind nicht zur Schule erschienen. Nein, plötzlich gemeinsam erkrankt sind sie nicht. Nach kurzer Zeit wird es zur Gewissheit. Auch sie haben dem sozialistischen Vaterland den Rücken gekehrt, befinden sich nicht mehr auf dem Boden der Republik. Bald wird gemunkelt, dass sie wohl auf den Wagen eines Interzonen-Güterzuges aufgesprungen seien ... aber was davon wahr ist, weiß niemand so genau. Auf jeden Fall gab es Quellen, aus denen etwas sickert, was sich auch viel später bestätigen wird. (Wir sehen sie in unserer Klasse nicht wieder. Auch in den nächsten 28 Jahren des Mauerbestehens nicht – aber nach rund 35 Jahren wird es dann soweit sein – ein Wiedersehen beim Klassentreffen der älteren Leute begehen zu können.)

Noch in der Woche nach dem 13. August verlässt Klaus die DDR im Geschwindschritt über die prinzipiell schon gesperrte Glienicker Brücke zwischen Potsdam und West-Berlin (sie trägt auf der Potsdamer Seite – auf halber Länge – hämisch den Namen "Brücke der Einheit") und er grüßt dabei so selbstverständlich forsch die wachenden und die bauenden Soldaten, dass ihn niemand aufhält.

Karl, der bisher in einem Westberliner Reisebüro tätig war, erhält bald eine Stelle im Potsdamer Reisebüro in der Otto-Nuschke-Straße zugewiesen. "Eine völlig andere Berufswelt", sagt er. Viel mehr sagt er nicht. Sieht aber unglücklich aus, obwohl er doch nicht mehr so weit fahren muss.

Es ist in diesen Fällen des Grenzgängertums "gut gegangen" – und manchmal weiß man, so auch ich, überhaupt nicht warum, unter welchen so sehr unterschiedlichen Einflüssen, Bedingungen oder Unterlassungen. "Schicksal"?, "Glück gehabt"?

Für meine Interessen zerlege ich nun mein Moped "SR 1" in seine Einzelteile. Es wird umgebaut. Es erhält eine Sitzbank (eigentlich hatte ich mir den Sattel einer MZ und einen Tank der Sport-Awo gewünscht – aber nicht bekommen; insbesondere nicht gebraucht, den Erfordernissen entsprechend preisgünstig) und den Tank des Motorrades Touren-Awo, einen Motorradlenker, eine wesentlich größere rote Rückleuchte sowie eine Auspuffrohr-Verlängerung, die bis über den Durchmesser des Hinterrades reicht, so dass der Reifengummi keine Benzin-Öl-Abgase mehr abbekommt – anders als beim Original – und auch der Ton zeigt sich deshalb verändert. Sonorer. Die notwendigen Schweißarbeiten hat mir mein väterliche Freund, der gutherzig-wortkarge Schlosser-Meister Erich Quast, in seiner Werkstatt der Fultonstraße 5, kunstvoll erledigt. (Er wurde in dem schönen Ort Käseburg geboren ist jetzt 65 Jahre alt und in diesem Jahr 30 Jahre verheiratet mit seiner Frau Stephanie. Seine Wohnung befindet sich in der R.-Breitscheid-Str. 42, dort wo auch unser Tischler Walter Brendler lebt, gleich neben Blumen-Schilde). Das Ganze, also das Moped, lasse ich mir von der Galvanisieranstalt Traue in der Potsdamer Jägerstraße 40, vom bisherigen Farbton "Milchkaffee", nach dem Sandstrahlen auf metallic-weinrot ("metallisch irisierend glänzend") umspritzen und den Lack einbrennen. Die Räder dagegen lackiere ich weiß. Dieses Aussehen ist wohl einmalig für ein Moped in der DDR. Natürlich wurde ich im Laufe der Zeit mehrmals von der Deutschen Volkspolizei der DDR kontrollierend angesprochen aber diesbezügliche Gespräche machten mir Spaß, da der Umbau in den Fahrzeugpapieren selbstredend genehmigend vermerkt war.


Bald nach den zurückliegenden acht Wochen Sommer-Ferien, kam Ende September schon wieder eine Abwechselung in den Schulalltag: Die „Kartoffelferien“. Von der Schule holte uns ein Lkw ab, der uns bis zu den Kartoffeln brachte. Eine lustige Zeit. Morgens ist die Erde noch taufrisch, da gibt es schnell Niednägel an den Fingern. Mit dem Klettern der Sonne wird der graue Sand (die so genannte Mutter-Erde unseres Vaterlandes) dann immer feiner und staubiger. Die Mittagsmahlzeit nehmen wir am Feldrain ein. Es ist eine herzhafte Kost, aus Eintöpfen bestehend.

Für eine Kiepe mit 25 kg Kartoffeln gab es 10 Pfennige für das Einsammeln, das heißt erst Abschnitte von einer Papierrolle, nein, von einer viel schmaleren (vom Typ „Kinokarte“), die dann am Abend in lustig klingende Münzen umgewandelt wurden.

In diesem Schuljahr sind wir zum Unterrichtstag ESP, "Einführung in die sozialistische Produktion" bei den VBMW in der Gartenstraße beschäftigt (an der Rückfront des Lokomotivbauwerkes "Karl-Marx", früher "Orenstein & Koppel"). Nein, nein, der Betriebsname VBMW hat nichts mit "Volkseigene Bayerische Motorenwerke" zu tun. Die Abkürzung hat vielleicht ein zweideutelnd Listiger erfunden. Es sind die "Vereinigte Babelsberger Mechanische Werkstätten". Hier werden vielerlei Produkte hergestellt, auch Fahrpreisanzeiger für Taxis, so genannte Taxameter. Das sind spezielle "Uhr"-Werke, die nach der Voreinstellung per Hand auf: "Stadtfahrt", "Landfahrt" und "Anzahl der Fahrgäste", bei Bedarf auch auf "Nachttarif" oder "Stillstand/Wartezeit", dann die Fahrkosten ständig fortlaufend berechnen und dem Fahrgast gut lesbar anzeigen. So kann er seinen Fahrtwunsch rechtzeitig kürzen, wenn er vor Augen hat, dass sein Geld bald zu Ende geht. Äußerlich ähnelt das Gerät einem Elektrozähler-Gehäuse, ist aber innen weitaus komplizierter. Wir sind in der Montage der gröberen Bauteile eingesetzt, um die Grundlagen des Produktionswesens kennenzulernen. Die Taxi-Autos oder Miet–Kraftdroschken, wie man früher sagte, sind einheitlich schwarz und unter den Fensterscheiben waagerecht mit einem umlaufenden schwarz-weiß-"karierten" Band umgeben. Also: Band oder Streifen ist nur sinngemäß gemeint – der schwarz-weiß-Wechsel ist in der Lackierung enthalten. Eigentlich sind ja nur weiße Quadrate aufgebracht, weil ja der Untergrund bereits schwarz ist.


Herbst und Winter 1961 * Oktober – November – Dezember

Nun heißt es Berufspläne schmieden. In knapp einem Jahr ist es schon soweit. Es soll ja etwas mit Tieren sein. Im Park von Sanssouci steht die "Villa Liegnitz", in der das Zo-ologische Institut untergebracht ist. Das hört sich ja schon gut an. Logisch. Von dort bekomme ich das Angebot einer Ausbildung zum Präparator. Dafür sei ein Ausbildungsplatz und für später auch eine gute Stelle frei. Mutti war mit mir zum Bewerbungsgespräch dort – der Professor hat uns alles ausführlich gezeigt. Viel Zeit aufgewendet. Ich will nicht undankbar sein – aber nein – zwar handelt es sich sehr wohl um Tiere aber diese sind mir doch schon viel zu tot. Man kann weder mit ihnen reden, noch ihnen 'was Gutes tun. Das allein kann mein Lebensziel nicht sein.

Also weitersuchen: Eine Veterinär-Techniker-Ausbildung in Rostock wäre möglich. Tierarzt scheint vielleicht etwas zu hoch gestochen – für beide Studienrichtungen benötigt man als Voraussetzung aber eine abgeschlossene landwirtschaftliche Ausbildung mit Tierhaltung.

Die nächste Ausbildungsstätte für die Landwirtschaft ist in Großbeuthen im Kreis Zossen, knapp 25 km von Babelsberg entfernt. Eigenartig: Zum Ende des 8. Schuljahres war es, als unsere Klasse sich in drei Gruppen gliederte: 1. Abgänger aus der Achten. 2. Weiterverbleibende in der Schule bis zum 10. Schuljahr und 3. andere, die zu einer erweiterten Oberschule (EOS), also zur Helmholtzschule oder in die Humboldtschule gehen wollten. Damals sagte mein Banknachbar Edwin, dass er nach dem Abgang von der Achten Landwirt werde. Bauer. Das lag mir damals gedanklich noch nicht nahe. Heute stehe ich selbst vor dieser Frage und sie scheint mir willkommen.


30. Oktober 1961. Es starb im Pflegeheim, in der Potsdamer Holzmarktstraße 5, Tante Helene Runge geborene Beerbaum, Frau von Carl Robert Runge (Seemann und Elektriker), in ihrem 92. Lebensjahr. Geboren war sie in Biesenthal am 13. April 1870. Ihr Vater war Eduard Beerbaum.

Helene Runge hatte dort im Alten- und Pflegeheim schon Jahre fest im Bett gelegen. Ihr Sohn, unser Onkel Hellmut, wohnt allerdings seit Jahren "nebenan" in West-Berlin und konnte die Mutter wegen "der Mauer" weder besuchen, noch durfte er jetzt an der Beerdigung teilnehmen. Es gab für ihn von der DDR keine Einreisegenehmigung. Weil er vor vielen Jahren seinen Wohnort von Babelsberg nach Westberlin verlegt hatte, hätte man ihn sonst lieber wegen Republikflucht und Verrat an der Arbeiterklasse, eingesperrt. Die innerdeutsche Grenze ist für Normalbürger undurchdringlich, unüberwindbar.

Das Haus Holzmarktstraße 5 ist das zweite Gebäude in der der Straße, weil die Bauten 1 bis 3, zur Stalinallee // Berliner Straße hin, zerbombt sind. Dort finden wir eine grüne Brachfläche. Tante Helene hatte nebenan bei uns in der Rudolf-Breitscheid-Straße 45 (im "Weberhaus" des Herrn Wagner) den Laden "Schöne Spielwaren – Hellmut Runge", zusammen mit ihrem Sohn, dem Cousin meiner Mutter – eben Hellmut – bewirtschaftet. –


Hätten meine Großeltern auch ein so langes Leben gehabt wie Tante 'Lene, hätte ich viel mehr von deren Familien erfahren können, aus diesen Leben. Zu spät.


Im Kino sahen wir den westdeutschen Farbfilm: „Das Wirtshaus im Spessart" (nach Wilhelm Hauff) mit Liselotte Pulver als gräfliche Comtesse und auch als Räuberhauptmannsbursche. Ist die süß.


1962 – mein 16. Lebensjahr * Winter: Januar – Februar – März

Hali-Hallo. Wir haben schon wieder einen Musikpädagogen zu begucken!! Einen weiblichen!!

Frau Wils, groß, blond und kräftig, will uns in das klassische Liedgut einführen, gibt sich viel Mühe und spielt uns stets Arien vom Tonband vor. Das Gerät ist ein "Smaragd", mit Dioden bestückt, etwa 15 kg Masse. Sie benötigt für den Transport einen Geräteträger. Wir haben es leicht, denn die Arien brauchen wir nicht nachsingen – nur aufmerksam zuhören sollen wir und Verständnis entwickeln. Für den Beginn der Notenkunde ist es nach unseren vielen Musikausfällen angesichts dieser schmalen Restzeit zu spät. So nutzen verschiedene Schüler die Zeit leider für Unsinn, für Unruhe und machen auch dieser Lehrerin das Leben schwer. Auch sie meint es mit uns gut – bis auch sie diese Klasse kaum noch aushält.


Nach den Unterrichtstagen der Einführung in die sozialistische Produktion bei VBMW, sind wir die zweite Hälfte des Schuljahres im dort benachbarten VEB Apparatebau (Physikalische Prüf- und Messgeräte - Laborgeräte, Potsdam-Babelsberg, Gartenstraße 2-10) beschäftigt. Hier spezialisiere ich mich sofort auf das Anfertigen der Lichtpausen von den technischen Zeichnungen. Den starken Ammoniakgeruch des Entwicklergases, ja das gesamte Arbeits-Verfahren bin ich ja vom Privatbetrieb zu Hause gewohnt und brauche nicht erst angelernt werden. Die Belichtungszeit wird hier allerdings von der Stoppuhr abgelesen. Das ist insofern unpraktisch, weil man die Zeitdauer immer nachschauend prüfen muss, also nicht akustisch gerufen wird, wenn die Belichtungszeit zu Ende ist. Ich verrate euch mal ein Geheimnis: Mein Vater hat eine "klingelnde" Belichtungszeit-Uhr, eine so genannte Zeitschaltuhr von 1925. Die ist aber fest installiert und ich kann sie leider nicht mitbringen, um sie als sensationell neue Apparatebau-Erfindung vorstellen. Die Belichtungszeit dauert hier außerdem erheblich länger, als im Betrieb meines Vaters – dort mit der gleißend hellen Kohlestab-Lichtbogenlampe – hier im Apparatebau mit Glühlampen und auch können hier nicht viele Originale zeitgleich vervielfältigt werden. Daher dauert alles recht lange. Kein Geheimnis ist also, dass diese Arbeitsweise hier im VEB rückständiger ist, als die Ausstattung im Betrieb meines Vaters vom Stand der Technik der 1920-er Jahre. Aber immerhin – es geht. Am liebsten hätte ich diese Ganztags-Arbeitsaufträge mit nach Hause genommen und dort schnell erledigt, aber – das geht nicht. Die Ruhe, in den Wartezeiten irgendetwas zu lesen, hat man aber auch nicht und wir sollen ja nichts lesen, sondern 'was lernen. Beispielsweise üben – voller Interesse das Wandern des Uhrzeigers auf dem Zifferblatt der Stoppuhr zu verfolgen. – Da könnte man doch noch besser ein Taxameter aus dem benachbarten VBMW zu einem Kurzzeit-Rufwerk umbauen, um das System komfortabler einzurichten, wenn man schon einer ungenauen Eieruhr nicht traut. Vielleicht. Also "studiere" ich lesend während der Wartezeiten die technischen Zeichnungen, die ich pause und lerne dabei manches was andere im Betrieb machen. Einen leichten Anschnauzer habe ich trotzdem gleich am Anfang eingefangen, weil ich die Stoppuhr als wertvolles Messgerät auf dem mit rotbraunen Laborfliesen belegten Tisch abgelegt hatte, statt besser auf ein herumliegendes Stück Pappe als Zwischenlage. Schlechtes Gewissen meinerseits, doch wer sollte das vorher wissen? Nun habe ich mir für die Uhr ein kuschelig gelbes Staubtuch von zu Hause mitgebracht, damit die Uhr es gut hat. Und der Ausbilder war bei diesem Anblick versöhnt – obwohl ich sein olles abgefetztes Stück Pappe missachtet hatte. Es ist alles gut. Am Ende des Schuljahres erhalte ich vom Betrieb dann für vorbildliche Arbeit eine Buchprämie: "Haustiere – Gefährten des Menschen", Deutscher Bauernverlag 1959 über Tierhaltung – das lässt erkennen, dass da unser Klassenlehrer Fritz-Peter Gnerlich bei Auswahl und Einkauf wohl sehr maßgeblich beteiligt war.


14. Januar. Sechs Jahre nach der Bundesrepublik erlässt die DDR nun auch ein Wehrpflichtgesetz. Der Dienst und der Fahneneid werden zur Ehrenpflicht: “Ich schwöre der DDR, meinem Vaterland allzeit treu zu dienen und sie auf Befehl der Arbeiter- und Bauernregierung gegen jeden Feind zu schützen.“ Das war wichtig, weil die Jugendlichen kriegsbedingt zahlenmäßig schwach waren und von denen dann auch noch alleine 1961 etwa 15% in den Westen geflohen waren, so dass nicht genug junge Männer als Freiwillige geworben werden konnten. Natürlich waren vonseiten Walter Ulbrichts dazu vorher diplomatische Verhandlungen mit der Sowjetunion erforderlich, die aber bei N. S. Chruschtschow Zustimmung gefunden hatten.


Februar 1962: Unsere letzte gemeinsame Klassenfahrt. Nach Jena geht es, ins Thüringer Land.

Unsere Klasse darf wieder einige Tage unterwegs sein. Das Gros fährt mit der Bahn aber unser Lehrer Herr Pianowski, der so genannte Russisch-Schreck der Schule, hat neben dem Gepäck in seinem feuerroten "Trabant 500" zwei Schülerplätze frei. Es steht also ein Angebot und Herr Pia (er sieht Lenin in dessen Jugend entfernt sehr ähnlich) weiß nicht so recht: Schüler können eine Belastung sein aber in Notfallsituationen – man will solche ja nicht herbei reden – eventuell auch eine Hilfe. So "bewerben sich" Frank N. und ich bei ihm. Der Handel ist schnell unter Dach und Fach. Wir drei fahren vornehm mit dem Auto, der große Rest der Klasse mit Herrn Gnerlich und einer Lehrerin fröhlich mit der Bahn. Kaum haben wir mit dieser "kleinen Feuerwehr" die Autobahn erreicht, fällt die Heizung aus. Wir durften hinfort weder schwitzen noch atmen, denn jegliches wässerige Kondensat gefror sofort innen an der Scheibe und ich, als körperlich Größerer, vorne Sitzender, hatte ständig zu tun, die Kristalle von der Scheibe abzukratzen, damit unser Fahrer etwas sehen konnte. Aber schon mein emsiges Schaben in seinem Blickfeld schränkte sein Sehen stark ein. Zum Glück ging es die rund 250 km von Haus zu Haus gemach auf der zweispurig breiten, beinahe leeren Autobahn entlang.

Unser Aufenthaltsort für die nächsten Tage war die Jugendherberge "Grüne Tanne" in Jena. Unser Hiersein kostete 80 Pf = (0,80 Mark), inclusive Bettwäsche, pro Übernachtung.

Am Tage nach der Ankunft fuhren wir gen Weimar auf den nahen Ettersberg, um die Nationale Gedenkstätte, das ehemalige Konzentrationslager Buchenwald, zu besuchen. Hier wurden viele unschuldige Menschen vom Naziregime ermordet, so auch Ernst Thälmann (KPD), Pfarrer Reinhold Schneider und Rudolf Breitscheid (SPD). (Darüber, dass nach der Befreiung 1945 durch die Rote Armee, von dieser die gleichen Anlagen für weitere fünf Jahre genutzt wurden und in diesem Zeitabschnitt dort nochmals tausende Menschen umkamen, die wohl keine Kriegsverbrecher waren, hörten wir nichts – die Zeit unseres Aufenthaltes war zu kurz).

In Weimar besuchten wir das Schiller-Haus und das Goethe-Museum. Dann lernten wir in Jena das Planetarium kennen. An einem anderen Tag eine Besichtigung des Naturkundemuseums. "Bitte aufmerksam und ohne Quatsch besichtigen! Wir werden in der Schule etwas schreiben. Vielleicht über den gebürtigen Potsdamer >Ernst Haeckel – sein Leben und sein Werk<".

In der Jugendherberge hielt sich zeitgleich mit uns eine Klasse aus Colbitz, aus dem Bezirk Magdeburg auf. Peter K. sagte gleich etwas großsprecherisch: Gollwitz, na klar, kenne ich schon lange vom Fußball. Ich werde Euch besuchen. Es könnte sein, er ist niemals dort angekommen, wo Bärbel, Isolde, Dagmar und die anderen wohnten – falls er es je versucht hatte.

In Jena sahen wir im Vorübergeh'n außerdem den verschneiten Jenzig, den Hausberg, das Rathaus, den Johannisplatz, den Fuchsturm, die Universität und die Paradiesbrücke, die über die Saale führt.

Während dieser Reise gewannen wir viele neue Eindrücke, lernten gar manches kennen. Die Tage der Gemeinsamkeit gaben uns Kraft für den Endspurt, in dem vorerst letzten Schuljahr. Nur unser Lehrer, der ja in dieser Gegend zu Hause ist, aus Camburg stammt, hatte es schwer mit ständigen Gelenkrheuma-Schmerzen und Bewegungseinschränkungen. Ihm hätte man statt Wanderungen durch die Kälte, besser ein warmes Moorbad gewünscht. –


03. März 1962. Wir lesen eine kurze Zeitungsnotiz von einem Unglück mit einem Zug der Deutschen Reichsbahn:


Märkische Volksstimme


Organ der Bezirksleitung Potsdam der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands

Sa., den 3. März 1962 Einzelpreis 15 Pf., 17. Jahrgang, Nr. 53

Eisenbahnunglück auf der Strecke Berlin – Leipzig

Berlin. In den Abendstunden des 1. März ereignete sich aus bisher noch unbekannten Gründen auf der Strecke Berlin – Leipzig in der Nähe des Bahnhofes Scharfenbrück ein Eisenbahn-unglück. Dabei kam ein Reisender des D-Zuges ums Leben, eine Person wurde schwer und 10 leicht verletzt. Den Verletzten wurde sofort am Unfallort jede ärztliche Hilfe zuteil. An mehreren Wagen des D-Zuges entstand Sachschaden.


Die meisten der Menschen, die an diesem Unglück nicht beteiligt waren, werden eine solche kurze Zeitungsnotiz schnell wieder vergessen haben. So soll es auch sein. Anderen, den Beteiligten, ist das Ereignis für immer ins Gedächtnis eingebrannt. Erst Jahre nach der politischen Wende, rund 50 Jahre nach dem Unglück, werden wir erfahren was damals dort passiert war. Werden dann etwas erfahren, als die Menschen sich trauten das staatlich verordnete Schweigegebot nach dem Zusammenbruch der DDR langsam aufzulösen.

Was war das für ein nicht näher bezeichnetes Unglück mit unbekannten Ursachen? Was war damals wirklich passiert?

Durch mehrere damalige Augenzeugen wird ein Bild zusammengesetzt und wir erfahren nun nach einem halben Jahrhundert durch eine solche Zusammenstellung:

Am 01. März 1962 ereignet sich zwischen 18.30 Uhr und 19.00 Uhr eine Eisenbahn-Katastrophe in der Nähe des Ortes Kliestow, südlich von Trebbin. Um diese Zeit herrscht bereits Dunkelheit. Eine sowjetische Panzereinheit fährt nach einer Gefechtsübung vom Gelände "Altes Lager" bei Jüterbog mit einem Sondergüterzug wieder zurück in Richtung Berlin/Potsdam. Von den mitgeführten 30 Panzern stehen jeweils zwei auf jedem der 15 Flachgüterwagen. Weiterhin sind etwa sieben oder acht geschlossene (bedachte) Holzgüterwagen für die Soldaten des Truppentransportes angehängt, üblicher Weise und auch hier denkbar, jeder der Wagen mit 30 bis 50 Soldaten besetzt und wahrscheinlich gibt es weitere Güterwagen mit mehreren Lkw im Güterzug. Diesem Militärtransport begegnet bei Kliestow ein D-Zug (Schnellzug mit der Geschwindigkeit von etwa 120 km/h) von Berlin nach Leipzig, mit etwa 800 Fahrgästen besetzt. Unmittelbar bevor die Züge sich begegnen, schwenkt ein nicht gesichertes Kanonenrohr herum, und beschädigt bei dem gewaltigen Aufprall die Dampf-Lokomotive des Schnellzuges. Ferner reißt das Kanonenrohr die Blechwände von vier der Reisezugwagen auf. Die Waggons des Schnellzuges wurden "zum Glück" nicht auf der Abteilseite, sondern auf der Gangseite aufgerissen. Nur deshalb gab es "lediglich" ein Todesopfer und etwa 11 verletzte DDR-Bürger unter den Fahrgästen des Schnellzuges.

Infolge des mächtigen Anpralls wird der schwere Panzer vom Güterwagen gerissen und die folgenden Mannschafts-Wagen des Militärzuges entgleisen. Die nachdrückenden Waggons mit Holzbeplankung schieben sich in- und übereinander, türmen sich zerstört, ineinander verkeilt, mehr als 15 m hoch auf – in diesen – vielleicht bis zu etwa 300 sowjetische Soldaten. Die zerborstenen Holzbretter der Güterwagen richten mit ihren gewaltigen Splittern grauenvolle, oft tödliche Verletzungen an. Das Gebiet ist erfüllt von den Schreien der Verletzten und Sterbenden.

Nicht selber verletzte sowjetische Offiziere sind aufgeregt, zum Teil vielleicht auch geschockt, brüllen ihre Kommandos, beschimpfen das deutsche Bahnpersonal als Faschisten.

Bald am Unglücksort eintreffende Mitarbeiter der Feuerwehr, des Katastrophenschutzes/der Zivilverteidigung, des DRK, der Polizei helfen so wie es in ihren Kräften steht, um Verletzte zu bergen, sie in das nahegelegene Krankenhaus Luckenwalde zu bringen. Auch Bürger der Umgebung sind mit ihren Personenkraftwagen an diesen Rettungs-Fahrten beteiligt. Es treffen aus der nächstgelegenen sowjetischen Garnison offene sowjetische Lastwagen ein. Deren Verletzten-Transporte geschehen grob, rücksichtslos, brutal: die Schwerverletzten werden (nach Augenzeugen) auf die Ladeflächen geworfen(!) und mit uns unbekanntem Ziel abtransportiert. Zurück bleiben die Toten, an der Bahnstrecke nebeneinander aufgereiht. Es mögen etwa 70 bis 90 tote Soldaten gewesen sein, vielleicht auch mehr. In der Dunkelheit, Aufregung und Schnelligkeit der Abläufe hat niemand der deutschen Rettungshelfer, der Augenzeugen, sie exakt zählen können, abgesehen davon, dass bei den fortschreitenden Aufräumarbeiten in den völlig zerstörten Waggons gewiss weitere Verstorbene gefunden wurden, und das dann zu einer Zeit, in der wohl deutsche Helfer keinen Zutritt mehr zum Katastrophengebiet hatten.

Die von deutschen Hilfskräften transportierten Verletzten werden im Krankenhaus Luckenwalde versorgt. Krankenschwestern und viele anwesende Schwesternschülerinnen arbeiten mit Hochdruck. Im Operationssaal wird pausenlos operiert, um Leben zu retten. Sowjetische Offiziere treiben das medizinische Personal brüllend zur Eile an, die Verletzten "wieder heraus zu geben". Noch in der gleichen Nacht, vom 1. zum 2. März werden fast alle Verletzten aus der Klinik – egal ob ihnen eine lebensrettende OP noch bevorsteht, egal ob sie frisch operiert sind, egal ob aus medizinischer Sicht eine Transportfähigkeit gegeben ist, aus den Krankenzimmern geholt und auf offene Militärlastwagen verfrachtet, in der Kälte zu uns unbekannten Zielen verbracht. Die Augenzeugen meinen, diese Vorgänge seien an Grausamkeit kaum zu überbieten gewesen. Angenommen wird, dass auf diesen Transporten sehr wahrscheinlich weitere Verletzte starben.

Noch in der Nacht werden Film-Scheinwerfer von der DEFA aus Babelsberg geholt, um eine bessere Übersicht über das Unglücksgebiet zu bekommen und um baldmöglich mit den Aufräumarbeiten beginnen zu können.

Die Vernehmung und Einschüchterung der helfenden Zeugen, die Vertuschung, die Desinformation der Bevölkerung beginnt sofort.

Soweit die Berichte von helfenden Zeitzeugen über die Geschehnisse im März 1962.


Frühjahr 1962 * April – Mai – Juni

Im Monat Mai: Von unserem Lehrer, Herrn Donath, erhalten wir im Unterrichtsfach „Technisches Zeichnen“ als Hausaufgabe den Auftrag, den Grundriss unseres Wohnzimmers im Maßstab 1:50 aufzuzeichnen. Das ist fix erledigt. Ihr wisst ja: Für viele Aufgaben bin ich sehr begeisterungsfähig.

Weil ich gerade so dabei bin, entstehen auch gleich noch Grundrisse für „Das Haus eines Tierarztes“ mit dem Kellergeschoss (Garage, Hobbyraum, Heizung usw.), dem Parterre für den veterinärmedizinischen Praxisraum, verbunden mit dem Warteraum und einer Futterküche, sowie der Gästetoilette. Die obere Etage wird für die Wohnräume der Tierarztfamilie vorbereitet. In diese Grundrisse setze ich dann auch einen Vorschlag für die zweckmäßige Möbelierung hinein. Die Möbeldraufsichten, das sind Papierflächen in unterschiedlichen Farbtönen. Damit aber nicht genug. Es wurde dazu aus Zeichenkarton noch das Haus gefaltet und zusammengeklebt (hierbei – außerhalb von Aufgabe und Zensierung, unterstützte mich Vati sehr, d. h. seine Mitarbeit nach meinem Entwurf, konnte und brauchte seine „Handschrift“ nicht verleugnen). Das Haus erhielt durchscheinende Fenster aus Transparentpapier und ich sah eine Innenbeleuchtung vor. Im Stil dieses Hauses hielt ich mich an die Gestaltungs-Prinzipien der Bauhaus-Meister aus Weimar und Dessau, eine uns zwar bekannte aber noch ungewohnte Modernität der zwanziger und dreißiger Jahre. Das Papp-Gebäude wurde auf eine Platte gestellt und mit einer angebauten kleinen Tierklinik (Zwinger für Hunde, Katzen und andere Kleintiere) ergänzt. Meine Vision beim Basteln: "Es besteht auf dem Grundstück ein angenehmes Klima. Ein Brunnen plätschert beruhigend und den Durst stillend. Im Halbschatten der sonnigen Tage erholen sich die Tiere unter Linden und Kastanien-Bäumen".

Straßenlaternen, Bäume und sonstiges Zubehör von der elektrischen Eisenbahn dienten als schmückendes Zubehör. – Das Modell-Haus ("in groß") ist einer der Wunschträume für einen späteren Lebensabschnitt und es ist eine schöne, praxisverbundene schulische Aufgabe, so ganz nach meinem Sinn. So, nun ist alles fertig und kann der Schulklasse präsentiert werden.

Abschließend versuche ich noch ein Foto, weil man ja das Pappmodell nicht „ewig“ aufbewahren kann. Mit meinem einfachen Fotokistchen namens „Pouva-Start“ ist das nicht so einfach, weil man einen großen Abstand braucht, damit es halbwegs scharf wird und weil kein Blitzlicht vorhanden ist. Na, mal sehen, ob was d'raus wird.

Etwas später kommt dann noch die Konstruktion einer doppelwandig winddichten und wärmegedämmten Hütte „für einen Hund großwüchsiger Rasse“ hinzu. Die armselige Rheuma-Behausung des Rottlebener Schäferhundes "Wotan" hatte mich dazu angeregt. Er selbst hatte nichts davon.

Man kann vieles im Leben besser machen, als die gegenwärtige Praxis es uns zeigt. Das wird mir immer wieder bewusst werden. Und man soll, ich soll es besser machen. Das ist mein innerer Auftrag. Diesen erkenne ich und will ihn mit Leben erfüllen – ganz ohne Parteibeschlüsse.


Der Gedanke an die Landwirtschaft, an die Tiere, begleitet mich stets. Wäre doch ganz schön, wenn daraus später etwas werden würde. Auch in den Fächern Erdkunde und Biologie bietet es sich oft an, mit Spaß und Freude viel mehr zum Thema zu erarbeiten, als gefordert wird.

Eigentlich sollte ich ein bisschen mehr für die Schule, für die Vorbereitung auf die Abschlussprüfungen arbeiten aber interessanter ist es mir, schon jetzt auch etwas für die praktische Zukunft zu tun. Seit März bin ich gleich nach der Schule, als Helfer in den Nachmittags-Sprechstunden und abends zu großen Operationen in der Tierarztpraxis von Frau

Dr. vet. med. Ilse Worseck. Vor den OPs trinken wir zum Aufmuntern immer Mokka, der in kleinen Ein-Portionen Aluhartfolie-Tütchen abgepackt ist (kreisrunde Grundfläche aber oben flach zusammengedrückt. “Presto“, heißt die Marke. Der Ehemann von Frau Dr. Worseck, Herr

Dr. Michel Worseck, ist Leiter des Veterinäruntersuchungs- und Tiergesundheitsamtes in der Potsdamer Jägerallee. Bei manchen schwierigen Operationen ist auch er abends zugegen.


Im Elektrowarenhandel gibt es jetzt Taschenlampen, deren eingebaute Akkus man in der Steckdose wieder aufladen kann. Das spart Wegwerf-Batterien. Schön und zweckmäßig.


Juni: Für die beiden zehnten Parallel-Klassen, deren Schulzeit nun zur Neige geht, endet zum Beginn der Prüfungen, für die der Zeitraum zwischen dem 2. Juni und dem 7. Juni 1962 angesetzt ist, auch der Unterricht, statt wie sonst nach der ersten Juli-Woche.

Die Vorbereitung der Abschlussveranstaltung bringt einen ganz schönen Aufwand mit sich:



Aus unserer Abschlusszeitung:

Das Lied über die Schule:



Heute wollen wir euch singen

unser Liedchen hell und klar.

Von der Schule soll es klingen,

wie's für uns Schüler wirklich war.


Ja, heut' können wir es sagen,

denn für uns ist jetzt nun Schluss.

Geht's den Lehrern an den Kragen

ist's für jeden ein Genuss.


Fritz Gnerlich

seit Jahren unser Klassenlehrer ist,

er hält die Bande fest im Griff.

Seine schönen weißen Ratten,

die er gebracht in großer Zahl,

wir auf Herz und Nieren prüften,

Mensch, war das für uns 'ne Qual.


War er dann auch mal böse

und die Schlüssel hab'n gekracht –

ob er es nicht wirklich hörte?

In den Bänken hat's gelacht.


Paul Ziegner

Erkenntnisse vom Erdenrund

gab er uns stets in Geo kund.

Notizen auf den Zetteln klein,

soll'n große Hilfe ihm dabei sein.

Oft riss am Hosenbund sein Daumen,

weiß dort die Kreide – kaum zu glauben.

Doch es war ja keinem klar

was er damit wohl bezweckte,

ob nur der Gürtel lose war?


Lilli Osterland

In dem lila Streifenpulli

stand sie freundlich und in Ruh'

in jeder Paus' im Treppenhaus

(und fragt)

"Na, mein Freund, wohin willst du?"

und der Schüler spricht im Nu:

"Die Zigaretten hol ich nur schnell heraus".


Herr Machner

ist ein prima Sportsman.

Turnt er am Barren oder Reck

jubelt gerne jeder Fan,

selbst wenn er fällt in'n Dreck.

Mit manchem tollen, kühnen Sprung,

hält er sich fit, scheint immer jung.



Herr Vogel,

der ein strenger Lehrer ist,

geht bestimmt nie in die Lüfte,

wie's den Vögeln eigen ist.

Auf festem Boden, das ist klar.

lehrt Mathe und Physik er, Jahr für Jahr.


Wenn Herr Donath guter Laune,

malt' er einen Elefant,

der von ihm ganz still und leise

heimlich "Lupo" ward benannt.


Dann der Mann mit rotem Trabi,

der sich "Pia" kurz nur nennt,

raubt den Schülern oft die Pause,

ihn ein Jeder deshalb kennt.

Ja, es gäbe doch sehr viele,

die gern liefen von ihm weg,

denn in unserm Schulgebäude

spricht man nur vom Russisch-Schreck.


Frau Wieland

Als der Löscher die Chefin besprüht

und ihr grünes Kleid getrübt,

ist sie außer Rand und Band

in ihre Studien 'reingerannt.


Oft sagt sie uns dienstbeflissen:

"Weil ich heute gar nichts weiß,

doch bei mir schon rinnt der Schweiß,

wollen wir zusammentragen,

was ich eigentlich Sie müsst' fragen.

Dazu lehnen Sie sich an,

weil man so besser denken kann".


Frau Wils

Singe, wem Gesang gegeben –

dieser Spruch ist ziemlich alt.

In ihrer Zeit, in unser'm Leben

ließ sie das alles scheinbar kalt.


Denn sie spielte stets vom Tonband

manche Arie – immerzu.

Es fehlte nicht viel, dass wir sagten:

"Ach, lass' uns damit bloß in Ruh'"



Reime ohne Melodie von:

Sigrid W. + Christoph J., Mai 1962

vom Tonband mit Geräuschkulisse und Musik über Lautsprecher im Saal abgespielt.



Festschrift-Anzeigenteil (von unserem Klassenlehrer Fritz-Peter Gnerlich gestaltet):

Gedanken von Lehrern und Schülern – über Lehrer und Schüler: (von Si. + Chr. berichtet)

Anschließend gab es für die Lehrer von uns die Verleihung von Orden am Halsband. Auf diesen waren ihre hervorstechenden Eigenschaften oder Kurz-Anekdötchen notiert. "Orden für ... ."



1962 * Juli und August

Das, was wir eben lasen, war ja nur die Vorbereitung. Jetzt aber geht es richtig los:

Am Sonnabend, den 7. Juli findet im Klubhaus "Walter Junker", in Potsdam, Türkstraße, die Abschlussveranstaltung der 10. Klasse der Polytechnischen Oberschule 17 statt. So steht es auf der Einladung.

– Anschließend ein Musikstück

Die letzten Großen Ferien.

In jener Zeit unternehme ich eine kleine DDR-Rundfahrt, rolle mit dem Moped auch nach Colbitz, um die "Bekanntinnen" vom Jenaer Winter-Aufenthalt zu besuchen. Kurz vor der Einfahrt nach Wolmirstedt wasche ich mir in der Ohre die Hände (die Ohren spülte ich nicht), kämmte die Haare (zu zeitig) und zog ein frisches Hemd aus meinem Gepäck an – wenn auch geknittert – der Fahrtwind sollte es noch glätten – und den Ké-Stift genutzt. Alles, damit nicht der Eindruck eines liederlichen Ferien-Landstreichers entsteht. Bewusste Vorgabe falscher Tatsachen also. Ich bin bei Familie A. in der B.-straße 21 eingeladen und werde überaus freundlich aufgenommen, bewirtet und beherbergt, wie zum engsten Kreis der Familie gehörend.

Dort in Colbitz besuchen wir auch die anderen Klassenkameraden, die damals in Jena dabei waren. Isolde und Dagmar waren mit mir im Freibad, Bärbel haben wir nicht gesehen.

Colbitz, der Name noch aus der Zeit der slawischen Besiedlung, bedeutet wohl "Ort der Wiesen und Auen". Die Bezeichnung des vorgelagerten kleinen Ortes "Lindhorst" erklärt sich allein und erinnert an duftende Stunden zur Blütezeit. Was aber der Name des Wohnplatzes "Ellersell" uns bedeuten will, konnte mir niemand aus dem Kreis der Eingeborenen erklären. Man sagt es eben so dahin – aus lieber Gewohnheit. Täglich. Im Wörterbuch steht es nicht. In Ortsnähe gab es schon in den Zeiten vor dem Siedlungswesen riesige Wälder. Mischwälder, mit dem wohl größten Lindenwald Europas. Infolge von Abholzungen entstand die Colbitz-Letzlinger Heide, unbebautes, ja fast unberührtes Land. Wie der Name bereits vermuten lässt, wohnt Erika hier auf Flächen ungeahnter Ausdehnung. Dieses Gebiet wäre eine willkommene Heimat für viele Tierarten und ein Erholungsterrain für Menschen. Wäre! also im Prinzip! Es ist aber leider ein großes militärisches Sperrgebiet. Alles sehr geheim. Also, zumindest von des Menschen Hand wohl fast unberührt aber mit vielen frischen Wunden und schon alten Narben. In den 1930-er Jahren entdeckte die deutsche Wehrmacht diese Gebiet für sich, 1945 übernahmen es unsere sowjetischen Freunde zur friedlichen Weiternutzung des Übens für Kanonen- und Panzereinsätze. Colbitz erscheint im Gegensatz zu Letzlingen fast wie eine Großstadt. Sehenswürdigkeiten im Ort? Viele berühmte! Es gehören dazu: Das Waldbad, die evangelische St.-Paulus-Kirche – die Katholen wollen oder sollen dort nicht mit hinein. Man möchte 'was Eigenes. Für jene wird nun gerade eine alte Scheune als neues Gotteshaus umgebaut. Reste der Odenburg gibt es zu bewundern (hat das etwas mit der "Ode an die Freude" zu tun, obwohl es nur recht traurige Reste sind?)

In Lindhorst gibt es noch eine Bockwindmühle, deren Anzahl im Land immer geringer wird. Dann gibt es noch die wichtige Molkerei, die hauptsächlich die Milch von Kühen verarbeitet, ferner das genauso unentbehrliche Wasserwerk und in dem roten Klinkerbau, die Heide-Brauerei, solch ein halbstaatlicher Betrieb, der unter anderen Produkten das beliebte Heide-Bock herstellt, das ja auch zu über 99% seines Inhalts schon vom Wasserwerk vorbereitet wird. Viele Rinnsale durchziehen die Wälder und speisen den Fluß Tanger, der bei der alten Kaiserpfalz schließlich in die Elbe mündet. Erlebnisreiche Tage mit mädchen- und märchenhaften Fremdenführerinnen. Noch ahne ich nicht, dass ich just zwei Jahre später, in winterlicher Nacht, im Verein mit vielen anderen, ein Wintercamping im nahegelegenen Dorf "Burgstall" halten werde.


Und es dauert nicht lange, da erfolgt ein Gegenbesuch der Colbitzerinnen in Potsdam. Soviel Zeit und Muße wie in Colbitz haben sie für Potsdam leider nicht. Es bleibt nur Zeit für einen Gang durch den Park von Sanssouci und, um dem Haupttouristenstrom etwas zu entfliehen, ein bisschen vom Park Babelsberg, inclusive Strandbad. Wäre es nach mir gegangen, hätte es mehr sein dürfen. Sollten aber Isolde oder Dagmar oder andere meine Zeilen je lesen, könnten wir das gern nachholen. Es gibt noch viel zu sehen. (Mir ist in dem Moment beim Schreiben dieser Zeilen so zumute, als würde ich gerade wieder mal eine Flaschenpost zukorken und absenden).


Für diese Ferienfahrt reicht eine Tankfüllung von 12 Litern Benzin für 600 km. Trotzdem habe ich vorsichtshalber zwischendurch noch 'mal Benzin geholt. Ihr wisst ja wie das Tanken auf dem Lande damals vonstatten ging. Man hatte im Allgemeinen drei Säulen: eine Säule für Diesel, eine für Sprit blank/rein für Viertakter, man nahm höchstens für das Schmieren der Zylinderventile „etwas Obenöl“. Für's Zweitaktmoped hatte die 3. Säule das Gemisch 1:25 (Öl:Benzin). Diese Tanksäulen hatten zwei 5-Liter-Glasbehälter, die vom Treibstoff-Kaufwilligen mit einer Handflügelpumpe wechselseitig gut sichtbar gefüllt wurden. Aus dem gefüllten Behälter lief der Treibstoff im natürlichen Gefälle durch den Schlauch in den Tank des Fahrzeugs. So war das. Man kaufte also nicht 100 Liter auf einen Schlag. Das wäre zu viel des Pumpens gewesen.


Im Juli fahre ich mit Vatis Kutsche namens „Krause-Piccolo-Trumpf“ in aller Herrgottsfrühe nach Leipzig zu dessen Hersteller, Fa. Krause, 7022 Leipzig, Elsbethstraße 22. Ein schöner sonniger Sommertag. Der Betrieb ist ganz einfach zu finden. Man kommt die F 2 von Norden nach Eutritzsch in die Stadt hinein, rollt die Dübener Straße hinunter, biegt rechts ab in die Blumenstraße (ein wenig südlich vom Bahnhof Gohlis) und die Verlängerung des Stiels dieser Blume ist schon die Elsbethstraße. Die Schlosser haben wenig Zeit für mich, sind aber sehr freundlich. So kann ich auf deren Werkstatthof in aller Ruhe einen doppelten Satz neuer Schraubenfedern zwischen Sitz und Fahrgestell einbauen, weil die bisherigen unter der Last schon krumm gebogen waren. Ein etwas kleineres Kettenritzel baute ich am Motor auch ein. An diesem Tage legte ich mit dem fleißig summenden 50 ccm-SR 2-Bienchen außer der Bastelzeit etwa 340 km zurück – immer die Fernverkehrsstraße 2 geradeaus.


Die Cousine meines Vaters, "Tante Annegret" aus Wittenberge besucht uns mit ihrer kleinen Tochter Karin. 1941 war sie auch hier. Lange Pause dazwischen.

Herr Dr. Worseck nimmt mich auf seinen Dienstreisen nach Frankfurt (O.) und Leipzig mit. Während er sich um seine Arbeitsobliegenheiten kümmert, schlendere ich durch diese Städte, sehe also kleine "Ausschnitte" und besuche auch den Leipziger Zoo. Leider sind die geschmeidigen Großkatzen, Löwen und Tiger und Leoparden, alle in engen Stahlkäfigen eingesperrt.

Mit den drei größeren Jungen der Familie Worseck gehe ich auch mal wieder im Babelsberger Park baden.


Von Frau Dr. Worseck erhielt ich zum Abschied, zur Erinnerung an meine Praktikumszeit bei ihr, sogar ein schriftliches Zeugnis. Zwar hat sie mich stets mit dem Vornamen angeredet aber jetzt schreibt sie natürlich ganz offiziell:

"Herr Christoph Janecke hat mir vom 1. 3. 62 bis 10. 8. 62 regelmäßig, sowohl in der Sprechstunde, als auch bei großen Operationen geholfen und dabei außerordentliches Interesse und große Geschicklichkeit bewiesen. Ich wünsche ihm für sein persönliches und berufliches Weiterkommen alles Gute! Dr. med. vet. Ilse Worseck, praktische Tierärztin, Babelsberg, Karl-Liebknecht-Straße 114."

Als besondere Überraschung erhielt ich von ihr zusätzlich ein Radio „Ilmenau 480“, ein wunderschönes Gerätchen, das mich lange begleitet (bis ich es 24 Jahre später meinem ersten Sohn vererben werde).


Zur Vorbereitung der Lehre in Großbeuthen werden in diesen letzten Großen Ferien eingekauft:

Eine Mütze, sandbraun (als Abwehr gegen die Kuhschwänze und zum Bändigen der (meiner kurzen) Igel-Haare bei eventueller Maschinenarbeit. Einen neuen Arbeitsanzug brauche ich nicht, denn ich habe die Kombi. Große Gummistiefel werden benötigt. Etwas größer wegen des Winters; es werden einige Socken übereinander zu ziehen sein (und, was ich noch nicht weiß, Kaff (Strohhäcksel) zur Wärmedämmung hineingeschüttet). Bei Herrn Uhrmacher Fiedler, in dem Eckgeschäft Ernst-Thälmann-Straße Ecke Friesenstraße, erstehe ich eine Taschenuhr für 8 Mark (von UMF Ruhla) und dazu eine Staub- und Schlagschutzkapsel mit rundem Fenster, die dieses Wunder der Technik vor dem erwarteten rauen Arbeitsalltag schützen soll.



September 1962 bis September 1963

Mein kurzer Lebensabschnitt in Großbeuthen

Erinnerungen an die Zeit 1962 / 1963

von der Lehrausbildung im landwirtschaftlichen Volkseigenen Gut,

einem Betriebsteil des "VEG 1. Mai", in Siethen, im damaligen Kreis Zossen, (heute: Kreis Teltow-Fläming),

in der Deutschen Demokratischen Republik.

Einige Notizen über das Lernen in der Betriebsberufsschule,

über das Leben im Lehrlingswohnheim und zu verschiedenen

Begebenheiten in der praktischen Berufsausbildung,


verbunden mit einem Ausblick auf eine spätere Zeit

aus jener gewählt: die Jahre 1987/1988



Kurzer Rückblick:

Vor meinem Abschluss des 10. Schuljahres an der "ZAPO", der Zehnklassigen Allgemeinbildenden Polytechnischen Oberschule in Potsdam-Babelsberg, stand auch vor mir die Frage meiner weiteren Entwicklung: Was nun? Klar war: 'Was Tun! Etwas Gutes, Sinnvolles, was Freude und Erfüllung bringt – suchen wir also das Beste!

Als erstrebenswerter Inhalt erschien mir der freundliche Umgang mit etwas Lebendigem. Bereits unser bekanntes Grimm-sches Rumpelstilzchen hatte das seinerzeit genauso als begehrenswert empfunden: "Etwas Lebendes ist mir lieber, als alle Schätze der Welt", rief er damals zu laut aus – "es darf ein Schätzelein wohl auch sein", so seine eindeutige Meinung, der ich mich unbesorgt anschließen konnte. Na, letzteres hat wohl bei mir noch ein bisschen Zeit. –

Eine Tätigkeit mit Pflanzen, Tieren und Menschen sollte es also möglichst sein.


Was hatte ich Stadtkind aber denn schon bisher für Einblickmöglichkeiten in die Natur genutzt?

Vielleicht ist diese Zuneigung zu Tieren irgendwo in meinen Genen zu finden. Schon mein Großvater, er hieß August Janecke (obwohl er erst im September geboren wurde, 1869 –1950), ging als Junge mit Pferden um. Sein humorvoller Onkel sorgte aus Jux und Tollerei dafür, dass er, sein Neffe, bereits im Alter von 12 Jahren, 1881 in das Kaiserliche Adressbuch der Stadt Berlin als "Fuhrherr August Janecke" aufgenommen wurde. Dieser Spaß ist keinem Uneingeweihten aufgefallen, denn die damit angeregten Aufträge für Lohnfuhren erledigte dann der Onkel, mit Unterstützung des Neffen und hauptsächlich mit der Kraft seiner Pferde. Doch solche Romantik hielt nicht ewig. Mein Großvater war dann im Ersten Weltkrieg als Train-Soldat (Zug-Soldat) eingesetzt. Er hatte mit den Pferden, den scheuen Fluchttieren, die Geschütze durch's schwere Gelände, mitunter im Stahlhagel in die vordersten Linien zu schleppen, dort zu positionieren – und große Pferde duckten sich selten in einen Schützengraben. Er half häufig den Tierärzten und war bei ungezählten zu Tode verletzten Pferden, die selber wirklich niemandem etwas zu Leide getan hatten. Das alles ging ihm sehr zu Herzen, lief seinen eher pazifistischen Anschauungen zuwider, ihm, der die Tiere sonst aktiv mit intensiven Gedanken bedachte und mit nur leisen Worten lenkte.


Zurück in meine Alltage – oder wollen wir diese vorsorglich zu Festtagen erheben!: Im Frühjahr des 1962-er Jahres hatte uns unser guter Lehrer und Kunstmaler, Herr Willy Donath (1910–1997) beauftragt, für das Fach „Technisches Zeichnen“ einen Wohnzimmergrundriss zu erarbeiten. Herr Donath kam aus Bergholz-Rehbrücke jeden Tag, bei Sonne, Wind und Wetter, bei Eis und Schnee auf seinem Fahrrad zu uns nach Babelsberg geradelt. Vor dem Krieg trug er den Titel eines Studienrates (in der DDR dann nicht mehr). Meine leichte Begeisterungsfähigkeit auch zu dieser Hausaufgaben-Thematik führte dann allerdings über den Zimmergrundriss hinaus, zum zusätzlichen freiwilligen Bau des Papp-Modells „Haus eines Tierarztes mit angebauter Tierklinik“ und einer Anzahl von Zimmer-Grundriss-Zeichnungen einschließlich deren Möbelierung. Das Gebäude hielt sich in seinen Grundsätzen und dem Aussehen "an das Gefühl und die Fußstapfen" der Bauhaus-Architekten (Gründer Walter Gropius, 1883 bis 1969), wie sie in Weimar, Dessau und Berlin ihre jeweils nur viel zu kurze Heimstatt hatten aber trotzdem auch in anderen Orten nutzbare "Denkmale dieser modernsten Strömung ihrer Zeit" errichteten. Viel zu kurz – weil sie in Architektur und der Formgestaltung ihrer Ausstattung, der Führung der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei, der Diktatur des Nationalsozialismus, nicht passten – und das galt als gefährlich für die Freidenker, für die Könner. In der Geschichte wiederholt sich alles irgendwann. Es sind aber gerade diese Kultur-Stätten, die ich später besuchen und intensiv studieren werde. Das weiß ich aber jetzt noch nicht. So etwas muss sich erst in Ruhe entwickeln. Benötigt Reifung. Aber ich weiß schon jetzt: Solche kreativen Unterrichts-Themen regen mich erheblich mehr an für unsere Leben etwas zu tun, als das Lösen notwendiger, aber scheinbar „unfruchtbarer“ anderer Hausaufgaben.

Was lag also näher, als ... ? Doch vor solchen hochfliegenden Plänen stand vorerst die Notwendigkeit einer soliden Grundausbildung zum Facharbeiter für ... für etwas Geeignetem.


Ein großherziges Ausbildungsangebot erreichte mich vom Zoologischen Institut Potsdam, idyllisch im Park Sanssouci gelegen. Der Professor nahm sich viel Zeit für mich und stellte mir ausführlich und in den schillerndsten Farben die Arbeitsweisen und Tätigkeitsergebnisse eines Präparators vor. Doch ich Undankbarer verabschiedete mich nur warmherzig, ohne sein Angebot anzunehmen – denn jene Tiere die ich hier betreuen sollte, waren für meine Vorstellungen schon viel zu tot.

Nach verschiedenen weiteren Ausbildungsstellen die ich aufsuchte, fiel meine Wahl für eine erste Etappe auf den Ort Großbeuthen. Lehre im "Volkseigenen Gut Siethen, Betriebsteil Großbeuthen", mit Acker- und Pflanzenbau sowie Tierhaltung, mit dem Betreuen von Rindern und Schweinen. Das ist doch 'was! Seit dem Herbst vorigen Jahres gibt es außerdem in der DDR und auch gleich dort in Großbeuthen die Möglichkeit der "Berufsausbildung mit Abitur". Wie günstig – ein "Sprungbrett", wenn man noch weiter lernen möchte. Die erste dumme Frage, die ich nur mir leise stellte, lautete: Warum kürzt man Volkseigenes Gut ausgerechnet in der Schreibweise "VEG" ab?

Zum Vorstellungsgespräch holte uns, meine Mutter und mich, der Direktor der Berufsschule,

Herr Bruno Abromeit, persönlich mit dem Auto vom Bahnhof Thyrow ab.

(Also "Herr" schreibe ich nur in Gedanken an meine Mutter. In der DDR ist das sonst eher unüblich. Die "Werktätigen" sind "Kollegen", besser noch "Genossen". In Akademiker-Kreisen spricht man sich auch mal mit "Frau Kollegin" oder "Herr Kollege" an – das sind so Ausnahmen).

Vom Bahnhof Thyrow aus rollen wir auf dem Sandweg etwa 4 km durch den Wald nach Großbeuthen. Dort plaudern wir über meine soziale Herkunft, mein bisheriges 16 Jahre langes Leben, meine Weltanschauung und die Parteilichkeit im Allgemeinen und im Besonderen, also über meinen "Klassenstandpunkt". (Das Lied dazu: "Sag mir wo du stehst!", wird erst später geschrieben). Über Hobbys sprechen wir, über meine gesellschaftlich nützliche Tätigkeiten und über die bisherigen schulischen Leistungen. Daran schließt sich ein Rundgang über das Betriebsgelände und durch die Schule sowie das Wohnheim an. Ein inhaltsreicher Nachmittag, bis uns der Chef des Hauses wieder nach Thyrow zum Bahnhof bringt. Ein erstaunlicher, ein sehr zu würdigender Aufwand, der einem jeden eventuell künftigen Lehrling entgegengebracht wird? Ich kann es kaum glauben – hat der Direktor etwa solche Individualveranstaltungen ca. 120 x in jeweils drei Lehrjahren vollbracht, denn es kamen ja in jedem Jahr zwei neue Klassen, etwa 40 neue Lehrlinge dazu – oder wie verlief dieser "Schnupperbesuch" bei anderen Bewerbern?

Nun ja, viel später vernahm ich, dass zumindest das Abholen vom Bahnhof bei mir eher eine Ausnahme gewesen sei. Womit mag ich das nur verdient haben? Ich fand es nicht heraus. Andere, die ebenfalls kein Auto besaßen, mussten das wohl selber organisieren.


Was ich bisher über diesen meinen künftigen Lebensmittelpunkt weiß?

Dieses Wenige lese ich jedoch erst später nach.


Im Moment (Juli/August 1962) sind aber Ferien. Meine letzten großen Sommerferien. Mit meinem Moped rolle ich rund 600 Kilometer kreuz und quer durch die Bezirke Potsdam, Magdeburg und Schwerin. Dafür reicht gerade eine Tankfüllung von 12 Litern. Ich habe ein Moped, wie man es in der gesamten DDR nicht nochmals findet: Metallic-weinrot, Grundkonstruktion SR 1 (Simson-Suhl) aber mit Sitzbank und dem Motorrad-Tank der AWO (nach eigener Umbau-Konstruktion, geschweißt von meinem verehrten väterlichen Freund, dem Fahrzeug-, Bau- und Reparatur-Schlosser Erich Quast in Potsdam-Babelsberg, Fultonstraße).

Für die jüngeren Leser: "AWO" heißt hier nicht Arbeiterwohlfahrt, sondern ist die Abkürzung von "AWTOVELO", einer russischen Bezeichnung für die Sowjetisch-DDR-Zweirad-Fahrzeug-Aktiengesellschaft, die in der schönen thüringischen Stadt Suhl ihren Sitz hatte – in den Fabrikanlagen des früheren privaten Betriebes der Familie Simson.


An dieser Stelle gebe ich euch ausnahmsweise einen Brief zur Kenntnis, den ich rund ein halbes Jahrhundert nach dieser Zeit schreibe:


Liebe Rosemarie, (das ist aus Datenschutzgründen der einzige frei erfundene Name.

Alle anderen, die ich in diesem Text nenne, sind echt).


als Antwort auf Deine Fragen zu Großbeuthen habe ich zusammengetragen und im Folgenden aufgeschrieben, woran ich mich erinnern kann. Wahrscheinlich fiele uns, wenn wir jung Gebliebenen gemeinsam über die alte Zeit schwatzen würden, weitaus mehr ein. Zu meinen Notizen muss ich wegen deren "Lückenhaftigkeit" aber sagen, dass ich wegen des notwendigen Abbruchs der Lehre nur die eher zu kurze Zeit von September 1962 bis September 1963 in Großbeuthen weilte. Somit bin ich eigentlich ein Wenig-Wissender und habe nicht viel zu sagen. Deshalb kann ich mich mit meinen Erinnerungen auch kurz fassen. Zumindest relativ. Und von dem Wenigen was ich weiß, schreibe ich aber auch nicht alles auf, wenn es bestimmte Interessen anderer Menschen berührt und deshalb besser Diskretion angemessen scheint.

Wie Du Dich richtig erinnerst, waren die Klassen bei uns in Lw A 1 bis Lw A 3 und Lw 1 bis Lw 3 gegliedert (Landwirtschaftliche Berufsausbildung mit Abitur, 1., 2., 3. Lehrjahr, beziehungsweise auch ohne – bei gleicher Ausbildungsdauer); bei Euch, den Klassen aus dem Oberschulinternat Ludwigsfelde, war die Bezeichnung wohl umgekehrt: "Abitur mit landwirtschaftlicher Berufsausbildung" oder so ähnlich. Trotz meines verkürzten Aufenthaltes war diese Zeit für mein Leben sehr wichtig und ich will die Erinnerungen an dieses Jahr und dabei vor allem an Euch sowie auch die Erfahrungen, die mir dieses Gemeinschaftsleben brachten, nicht missen.

Nun ist seit jenen Tagen aber mehr als ein halbes Jahrhundert mit uns durch Land geeilt ... und auch ich fand die Bremse nicht, um die Zeit anzuhalten. Manches mag in diesem Zeitraum in meiner Erinnerung verblasst sein, verschiedenes steht mir aber deutlich vor Augen. Gewiss haben wir noch Erinnerungen an gemeinsame Mitschüler. Allein die Großbeuthener Lehrlinge = Berufsschüler waren zu dieser Zeit in sechs Klassen gegliedert – etwa 120 Lehrlinge und dazu noch Ihr, die Ludwigsfelder Mädchen. Eure männlichen Klassenkameraden wurden ja wohl hauptsächlich zum „Abitur mit Facharbeiter des Landmaschinenschlosserhandwerks“ im Kreisbetrieb für Landtechnik, in Nächst Neuendorf untergebracht. Und das war ja auch sehr gut so – für uns Jungs in Großbeuthen.

Einige der Mitschüler

An eine Reihe von Mit-Lehrlingen kann ich mich noch lebhaft erinnern, sehe sie noch heute als 14- bis 18-Jährige vor mir. Ich werde hier aus dem Grunde des Datenschutzes nicht die vollen Namen nennen, obwohl es mir bei allen möglich ist ... aber ich kann nicht jeden erreichen und um Zustimmung bitten – aber wem wie mir das Herz noch jugendlich überquillt, dem läuft auch die Erinnerung leicht aus der Feder und vielleicht denkt ein Leser sogar konkret an jene Menschen und an die hier beschriebene Umgebung, eingebettet in die damalige Zeitgeschichte.

Aus unseren Lw- und LwA-Klassen erinnere ich mich z. B. unter anderen an:

Achim Ne., Anita Ru., Bärbel Wi., / Bärbel II., Bernd Ha. / Bernd He I und II, Bernd Kr., Bodo Ki.

Claus Ka.: immer sorgfältig gescheiteltes Haar, wohl mit "Glätt-Pflege", Besitzer eines Fahrrades mit Anbaumotor, wohl von MAW (Magdeburger Armaturen-Werke), respektlos "Hühnerschreck" genannt. In der Freizeit bastelte er gern. Kein defektes Radio war vor seinen Reparatur-Künsten sicher. – Dann Christian Fe. (Jimmy), Chris Ja. (Goofy), Detlef W., Egbert Mae., Erika Eb. / Erika Le., Erika Zi., Erwin Bo. (Bobby), Eva Kr., Ferdinand Ri., Gabriele Koe.: Die kleine chice – vielleicht unsere größte Pferdeliebhaberin. Was hatte die Natur für reizende Menschen hervorgebracht!

Gerd Li.: Er saß besonders gern und oft auf dem Raupenschlepper, so auch, wenn es galt, Sauerkraut (Silagefutter) herzustellen. – Des Weiteren: Gerd Ma. / Gerd Mue., / Gerd Ra.: oft die Gitarre zur Hand, komponierte und textete auch selber, so auch das Beuthen-Lied: "Jeden Abend an der Ecke ...".

Gerd S., Günter Boe., der schon damals die Polit-Reden für BBS-Direktor Abromeit schrieb. Hannelore Bo. / Hannelore Ri., Hans-Joachim So. (Jacky) / Hans-Joachim Vo. (Satchmo),

Hans-Jörg Bu., Hans-Jürgen Sch., Harald Bu. / Harald Ku., Harald S., Hartmut Br., Heidemarie He., Heidi Ru. / Heidi Sch. mit langem, superweich-gepflegtem Blond-Haar / Heidrun Fl.

Helmut Pl., der eine 125-er Jawa besaß und auch ein Banjo. Horst Fe. / Horst Ha. / Horst Sch. / Horst We., Ilsetraut (IIle) Ku., Inge To., blond-gelockt und ihr Verlobter, dessen Name mir entfallen ist. Ingrid Sch.: auch sehr kumpelhaft, gelassen und eine stets freundliche Seele. Ingo Mr., Jens Te., Joachim Boe., Jürgen Soe. (Bummi, auf MZ - ES 250). Karin Hae.: mit kurzem Ratzeputzhaarschnitt, fast immer vergnügt. Mit diesem freundlichen Weibchen konnte man Pferde stehlen gehen (was aber nicht nötig war – wir hatten ja genügend zur Auswahl). Klaus Ei. /

Klaus Mue., Marlis Sp., auch sie so ein freundliches großes Seelchen und prima Kumpel. Michael So., Monika He., Otto Ja.

Peter Fe. / Peter Kr.: Er besaß als Motorrad, eine tschechoslowakische rote 250-er Jawa.

Peter Wi., Peter Va. (Uhu): durfte sogar mit seinem Jagdhund zusammen wohnen. Rainer W.,

Renate Pu., Rolf To., Siegfried Ho., Sonja Ki., Udo Kr.: noch damals in Ostpreußen geboren, sah er schon als Kleinster viel Leid auf der "Reise" ins Brandenburger Land. Er wurde 58 Jahre alt (1944–2002). Ursula Ni. / Ursula Fe. / Ursula Pf., Uta Ge., Vera Ni., Werner Fue. / Werner Ro.

Wilhelm Ru., Willi F., Wolfgang Sch. I, Wolfgang Sch. II. ... und andere, deren Namen ich nach einem halben Jahrhundert nicht mehr sogleich im Kopf habe, sollen nicht vergessen werden.

Ich hoffe aber, dass die Liste zumindest eine Anregung für die Wahl von Namen für die eigenen Ur-Enkel-Kinder bietet. Hi, hi.

Zu Hause waren die Mitschüler in Alt Krüssow, Babelsberg, Berlin, Blankenfelde, Brandenburg, Glienick, Kleinmachnow, Nauen, Paulinenaue, Potsdam, Radewege, Roskow, Stahnsdorf und in vielen weiteren Orten.

Die Mädchen aus Ludwigsfelde

Vom Ludwigsfelder Oberschul-Internat, also aus der Klasse, die zeitgleich mit unserer 11., im Herbst 1962 in Großbeuthen das 9. Schuljahr begannen, gehen mir bisher nicht aus dem Kopf: Das sehr sympathische Mädchen Helga Th., die üblicher Weise mit violetter Tinte schrieb und der leider ein nur sehr kurzes Leben beschieden war. Gabriele Di., die zierliche Angelika Kl., dann die blonde Monika und auch Monika Gr., diese aber dunkler, Ingrid Mae., Barbara Mi.

Dann aus der Klasse, die im Herbst 1963 zu uns kam, die Biggi, von der es ein Bild im Pettycoat auf der "Wartburg"-Motorhaube sitzend gibt und daneben in Natur genau das gleiche lebendige sonnengebräunte Mädchen, geradewegs vom Acker kommend, ein starker natürlich-reizvoller Kontrast. Dann Marion Ni. und Rosemarie N. aus dem gleichen Jahrgang und viele andere mehr.

Sie waren zu Hause in Ludwigsfelde, Neu Wünsdorf, Rangsdorf, Zossen, Klausdorf und sonst wo.

So, Schluss jetzt mit dem Aufzählen. Insgesamt waren es eben doch noch viele mehr. Ich sehe alle fröhlich und gesund wie damals, auch in diesen heutigen Tagen vor meinem "geistigen Auge", obwohl ich weiß, dass jetzt (2016) eine Anzahl dieser damaligen Mitschüler nicht mehr am Leben ist, die ich zumindest in Gedanken hier aber ebenfalls erwähnen und ehren möchte.

Allein wir, als Stammbesatzung, waren in jenen Jahren sechs Klassen mit jeweils wohl etwa 20 Schülern.

Ihr Mädchen aus dem Oberschulinternat ward sowohl in unserer Schule, also im Obergeschoss des alten Gutshauses – über den Klassenräumen untergebracht, wie auch im Wohnheim "in der Aula", d. h. im Saal über dem Eingang, der wohl sonst zu jener Zeit nur selten anderen Zwecken diente. Ich entsinne mich daran, dass zum Lehrjahresbeginn die künftigen Lehrlinge und ihre Eltern im Speiseraum mit einer Festrede begrüßt wurden, dann jedoch die SED-gebundenen Eltern aufgefordert wurden, sich zwecks Konstituierung einer Elternparteigruppe (die sich wohl kaum im gleichen Kreise je im Leben wieder sah?) in jenen Saal zurückzuziehen, um eben das eigentlich Wesentliche, das noch Wichtigere zu besprechen, dessen Inhalt nicht Gemeingut wurde.

Mit dem Beginn der Lehre wurden wir Lehrlinge fast automatisch Mitglieder des FDGB, also des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes, Gewerkschaft Land und Forst.


Unsere Postanschrift lautete nun:

Lehrling Maxi oder Max Mustermann,

Volkseigenes Gut Siethen, Betriebsteil Großbeuthen,

Betriebsberufsschule/Lehrlingswohnheim Großbeuthen.

Kreis Zossen, Telefon: Trebbin 531


So also! Und ich fühlte mich inzwischen ganz schön reich: Wir erhielten 75,- Mark „Lehrlingsrente“ pro Monat des ersten Lehrjahres. 30,- Mark wurden abgezogen für die Unterkunft und das gute Essen. Blieben dem Lehrling satte 45,- Mark für vielerlei kleine Ausgaben "des täglichen Bedarfs". Mancher gab davon bei den Eltern etwas ab.


Die Ausbildungsfächer in der Berufsschule


Mathematik

Russisch

Englisch

Fütterungslehre

Physik

Staatsbürgerkunde

Betriebsökonomie

Landtechnik

Chemie

Geschichte

Acker- und

Pflanzenbau

Innenmechanisierung

Biologie

Körpererziehung/Sport

Rinderzucht


Deutsche Sprache –

und Literatur

Erdkunde

Tierhaltung




Die Bewertungskriterien in der berufspraktischen Ausbildung


Arbeitsweise

Theoretische Lehrstoffe im berufspraktischen

Unterricht

Qualität der Arbeit

Hausarbeit Praxis am Ende des Lehrjahres.

Einhaltung der Zeitvorgabe bzw. quantitative

Leistung




Unsere Lehrer der Betriebs-Berufsschule

Von den Lehrern hast Du ja nicht viel gesehen, da Euer Unterricht an der EOS in Ludwigsfelde stattfand. Mit den Pädagogen hatten wir ein sehr gutes Einvernehmen. Es waren großartige Menschen. Unser künftiges Wissen hielten für uns vorrätig und vermittelten es uns:

Herr Abromeit (1923–1989, sein Name ins Deutsche übersetzt: Sohn des Abraham). Er war der Direktor der BBS von 1956–1984, von Beruf Landwirt und Berufsschullehrer und außerdem stellvertretender Parteisekretär der SED des Volkseigenen Gutes Siethen. Er hatte im Sommer 62 einen nagelneuen "Trabant-Kombi 500“ – wohl ein Dienstfahrzeug – gekauft. Außen lindgrün, innen beige mit hellbraunen Sitzbezügen, den wir gleich ausprobierten, als er uns zum bereits genannten Vorstellungsgespräch vom Bahnhof Thyrow nach Großbeuthen abholte.

Herrn Abromeits Leben endete mit 65 Jahren, mit seinem Eintritt in das Rentenalter im Jahre 1989.

Herr Konrad Utemann, unser Klassenlehrer, lehrte unter anderem Acker- und Pflanzenbau, Biologie und Landtechnik. Er wohnte in der Großbeuthener Dorfstraße, nahe bei der Kirche.

Ein zartnervig-sensibler, sparsamer und verständnisvoller Mensch.

Herr Hugo Brandt hinterließ zwar einen Eindruck der Gelassenheit, "brannte" aber tatsächlich in Leidenschaft für seine Lehrtätigkeit. Er kam aus Berlin-Weißensee, bewohnte aber im Lehrlingswohnheim eines der bescheidenen Zimmer. Er unterrichtete uns in "Maximus – Lenimus" (Staatsbürgerkunde, Geschichte und Deutsch). In seinem interessanten Deutsch-Unterricht behandelten wir u. a. die frühe Bilderschrift, streiften sehr oberflächlich die germanischen Runen, hörten Alt- und Mittelhochdeutsches, lernten dabei den Stabreim kennen – anhand des Hildebrandsliedes und der Merseburger Zaubersprüche.

Selbstverständlich beschäftigten wir uns ausführlich mit dem Nibelungenlied und vielem mehr. –

Natürlich wurden auch weitere den Unterrichtsstoff würzende aktuell-politische Fragen behandelt, zum Beispiel solche: "Wie sollte man das polnische Brudervolk auf dem festen Kurs zum Sozialismus halten, den die Staaten des Warschauer Vertrages pflegen?" Schließlich wurden dort in der Volksrepublik Polen seit kurzer Zeit in abweichlerischer Manier Bluejeans, Arbeitshosen, beinah-fast nach USA-Vorbild produziert – dort in Polen aber eher als Festgewand genutzt. (Pfui Teufel, noch eins)! Zwar waren diese Beinkleider aus Mangel an geeignetem Material keine so völlig echten und festen Niethosen aber immerhin dünnere, weichere blaue "Nahthosen" mit zwar nur entfernt bestehenden, doch unverkennbaren ideologischen Ähnlichkeiten.

Und hatte mal wirklich einer von uns ein Original-Kleidungsstück dieser Art aus dem Westen, so musste zumindest das lederne Herstellerzeichen abgetrennt oder abgeschnitten werden. "Wir laufen nicht Reklame für den Westen!". "Wir brauchen keine Nieten in Nieten-Hosen", so die staatliche Botschaft. – Was sollte aber das Abtrennen, was sollte der eigenartige beabsichtigte Schein, – dass die tollen Hosen eher auf unserem Boden geschneidert worden wären? –

Ja, es gab besonders zwischen 1953 und 1968 doch immer wieder solche dramatischen „bedenklichen Tendenzen", denen es parteilich klar, gefestigt und bewusst entgegen zu treten galt. Wie gut, dass wir doch seit 1961 vom "Antifaschistischen Schutzwall" beschützt waren. – Möglicher Weise erörterte man in der eingangs erwähnten Teil-Elternversammlung auch ähnliche wichtigen Themenkreise. Wie auch immer – wir waren ja nicht dabei, wir hörten nichts darüber.

Unser Lehrer Brandt besprach mit uns auch das Gedicht des Volker Braun über die moderne "Schlacht bei Fehrbellin" im Rhin-Luch (das ist etwas nördlich von Paulinenaue, wo unser Mitschüler Udo Kr. herkam), was mir weit weniger gefiel (also jenes Gedicht), als die Denkergebnisse der Herren Goethe und Schiller. Volker Braun wurde 1939 geboren und ist ein Student der Philosophie. Ein guter Sozialist soll er sein aber seine ungewohnten Texte könnten von Leuten im Sozialismus auch strenger kritisch beäugt werden. Vielleicht habe ich auch nicht alles genauso verstanden, wie es sich aus ihm heraus drängte. Er ist ja immerhin schon 23 und erfahren. Wenn er uns doch selbst die Schönheit seines Dichtwerkes auslegen könnte, auf dass es so recht freudefüllend wirke. Begriffe wie "Landmelioration", "FDJ-Jugendobjekt Milchader", "Egon und das achte Weltwunder" fallen mir bei dem Dichtwerk ein und etwa dorthin wird später auch die "Zeit der Störche" passen. Nun, alle Vergleiche dürfen auch ruhig mal ein bisschen hinken.

Herr Brandt fuhr mit uns sogar in die Berliner Staatsoper zu Richard Wagners "Tannhäuser", den er auch als Unterrichtsstoff ansah und seine prächtigen Gedanken dazu an uns weitergab. Es war für uns eigentlich wie eine Auszeichnung aber trotzdem nicht leicht, nach anstrengendem Arbeitstag und dem Vier-Kilometer-Marsch zum Bahnhof Thyrow, der Fahrt nach Berlin, dann drei Stunden müde im (preisgünstigsten) sehr warmen obersten Rang der Darbietung zu folgen. Zum Glück war mir dank meiner Eltern die herrliche Musik auch dieser Oper seit langem gut geläufig, sonst hätte es auch mir recht schwer werden können, dort wach und munter durchzuhalten.

Herr Kupsch, gut nicht nur für Mathematik und Physik, eine Seele von Mensch und ein Kumpel "durch und durch", munterte manchen in schwierig erscheinenden Mathe-Situationen mit derartigen Worten auf: "Jungchen, willst du nicht oder kannst du das noch nicht? – Versuch's doch noch mal!" Sein Familien-Name ist eine "Verkosung" des Vornamens Jakob/Jakub, so wie bei Ille.

Unser Englischlehrer, Herr Fenster mit Namen, verbat es sich von vornherein freundlich, also schon vorbeugend, etwa mit "Mr. Window" angeredet zu werden. Er fuhr einen Czeczeta-Motorroller, ein Fahrzeug aus der befreundeten CSR, der späteren CSSR.

Diese Namens-Erweiterung wird die tschecho-slowakische Republik, nach 1968 erhalten, wenn sie sich "nach dem Frühling in Prag" anschickt, nun endlich wirklich als fest integriertes Bruderland die gleiche Form des Sozialismus anzustreben wie wir und nicht etwa weiter nach einem "dritten Weg mit durchweg menschlichem Antlitz" herumsucht, der die Demokratie zwar nicht unbedingt im Staatsnamen spiegelt aber dafür in das tägliche Leben des Volkes zu integrieren wünscht.

"Wir", die brüderlichen Nachbarn, werden befürchten: solch eine Suche kann auch weg-führen, oder abwegig sein, wie die Bezeichnung schon ahnen lässt.

Der frühere Staatsgründer, Herr Tschech, hatte damals aber noch ganz andere Gedanken.

Ganz wichtig war Frau Mal. als stets freundliche Sekretärin, die oft von Ihrem Mann abgeholt wurde, der eine beliebte "Weiße Maus" war. Sehr beliebt? Die Einen sahen es so, andere wiederum anders – ich persönlich kann nur Gutes sagen – falls ich mal gefragt werden sollte.

Einblicke in die Deutsch-Unterrichtsstunden

Beim Lehrer, Herrn Hugo Brandt, besprachen wir auch alte Monatsnamen – und das ging so:


Die Monatsbezeichnungen zur Zeit Karl des Großen (Carolus Magnus, 768 bis 814)


Monat

Bezeichnung

Bedeutung

Erläuterung

01

Januarium

Wintarmanoth

Wintermonat

02

Febroarium

Hornung

Hornung

03

Martium

Lentzinmanoth

Lenzmonat

04

Aprilem

Ostarmanoth

Ostermonat

05

Maius

Winnemanoth

Weidemonat

06

Junium

Brachmanoth

Brachmonat

07

Julium

Hewinmanoth

Heumonat

08

Augustum

Aranmanoth

Erntemonat

09

Septemprem

Witumanoth

Holz(fäll)monat

10

Octobrem

Windumemanoth

Weinlesemonat

11

Novembrem

Herbistmanoth

Herbstmonat

12

Decembrem

Heilagmanoth

Heiligmonat


Wie ich eben bereits erwähnte, hatten wir im gleichen Lehrabschnitt "Deutsche Sprache - Literatur" unter anderem auch die Kunst des Reimens.

Es folgt hier der Beginn des Hildebrands-Liedes, geschrieben um das Jahr 800. (Ich frische euer gutes Wissen hier kurz auf. Auch ich konnte die folgenden Texte nicht auswendig und habe daher ein halbes Jahrhundert später – also jetzt – bei Wikipedia im Internet "nachgetankt").


Althochdeutscher Stabreim

Neuhochdeutsche Übersetzung

Ik gihorta dat seggen

dat sih urhettun aenon muotin,

Hilitbrant enti Hadubrant untar herium tuem

sunufatarungo iro saro rihtun.

gartun se iro gudhamun, gurtun sih iro suet ana,

helidos, ubar hringa, do sih to dero hiltiu ritun,

Hiltibrant gimahalta (Heribrantes sunu)

her uuas herero man ....

Ich hörte es sagen,

dass sich die Herausforderer begegneten,

Hildebrand und Hadubrand zwischen zwei Heeren,

Sohn und Vater richteten ihre Kampfgewänder,

gürteten sich ihre Schwerter um,

die Helden, über Rüstungen, als sie zum Kampf ritten, Hildebrand (Heribrands Sohn) sprach,

er war der ältere Mann ...


Und nun der zweite Merseburger Zauberspruch zur Heilung eines jungen verletzten Pferdes:


Althochdeutscher Stabreim

Neuhochdeutsch


Phôl ende Wuodan fuorun zi holza.
dû wart demo balderes folon sîn fuoz birenkit.
thû biguol en Sinthgunt, Sunna era swister;
thû biguol en Frîja, Folla era swister;
thû biguol en Wuodan, sô hê wola conda:
sôse bênrenki, sôse bluotrenki,
sôse lidirenki:
bên zi bêna, bluot zi bluoda,
lid zi geliden, sôse gelîmida sîn.


Phol und Wodan begaben sich in den Wald.
Da wurde dem Fohlen des „Balders“ sein Fuß verrenkt.
Da besprach ihn Sinthgunt, die Schwester der Sunna.
Da besprach ihn Frija, die Schwester der Volla.
Da besprach ihn Wodan, wie er es wohl konnte.
So Beinrenkung, so Blutrenkung,
so Gliedrenkung:
Bein zu Bein, Blut zu Blut,
Glied zu Glied, wie wenn sie geleimt wären.


Herr Brandt stellte uns die kurzweilige Beschäftigung mit diesen Texten, als einen Ausflug in die germanische Mythologie vor. Kulturerbe – man will ja wissen woher man kommt. Er meinte, Wotan und Freia seien erdachte Naturgötter, Baldur – ebenfalls in anderen Aufzeichnungen erwähnt, die anderen seien uns unbekannt, weil uns aus jener Zeit wenig weiteres Schrifttum erhalten blieb. –

Ich aber konnte es kaum glauben, was ich da hörte und las, noch wollte ich mit jemandem darüber sprechen, sondern nur still verarbeiten: Heute lesen wir, lernen wir im Deutschunterricht diesen Spruch "über das Heilen durch Besprechen" im 9. Jahrhundert, über eine der Methoden, die offenbar bei unseren germanischen Vorfahren hier "auf unserem Boden" vor rund 1.200 Jahren als eine natürliche und erfolgreiche Heil-Anwendung galt, vermutlich gang und gäbe war. Ich denke daran, wie auch mein Großvater mit den Tieren umzugehen wusste.

Heute aber sind derartige Heilweisen bei uns grundsätzlich verpönt. Bei solchen Gesprächsinhalten würde man eher als anstaltsreif angesehen werden ... den Scheiterhaufen gibt es ja nicht mehr ganz so direkt. Bestenfalls "im Dunkeln" geht heutzutage jemand zum "Kräuterweiblein", um vielleicht seine Gürtelrose "besprechen" zu lassen oder seine Warzen, wenn anderes aus der Schulmedizin nicht half ... ansonsten: das alles ist Mumpitz, Humbug – denn die marxistisch-leninistisch-sozialistisch-materialistische Weltanschauung lehrt uns sinngemäß:

"Was des Arbeiters Finger nicht be-greifen können, was das wissenschaftlich geschulte Auge des DDR-Bauern nicht sieht, das existiert auch nicht! Alles weitere sind Hirngespinste, die zu den zu verwerfenden idealistischen Anschauungen des überholten, verfaulenden kapitalistischen Gesellschaftssystems gehören."


Ich versuche also gedanklich dagegen zu setzen:

Warum so unsensibel-harsch, so arrogant? William Shakespeare gab uns beispielsweise bereits etwa im Jahre 1602 sinngemäß zu bedenken, dass es mehr Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, als unsere Schulweisheit sich träumen ließe (nach Hamlet, 1. Akt, 5. Szene) ... denn unser Vermögen zu Erkennen, unser Begreifen-Können, ist begrenzt. Doch das Wissen der Menschheit schreitet voran. Einiges, was vor einiger Zeit noch als "Wunder" galt oder man als "Glaubensgegenstand" bezeichnete, ist man heute in der Lage zu erkennen – und morgen wird es einen weiteren Zuwachs des Wissens, der Entdeckung, der Entwicklung geben. Wir sollten nicht überheblich mit unserem vorläufigen Unwissen oder Halbverstehen prahlen und anderes, was uns nicht sofort als sinnfällig erscheint, negieren, also verwerfen.



"Die Wunder"


Es sind Ereignisse deren Zustandekommen man sich nicht erklären kann.


Sie geschehen nicht im Widerspruch zur Natur,

sondern im Widerspruch zu unserem bisherigen Wissen,

zu dem, was uns über die Natur bisher bekannt ist.



Es ist vieles so sehr spannend – die entstehenden Fragen scheinen oft viel wichtiger für das Denken, als vorgefertigte Antworten anderer Leute es für uns sein könnten.

Und ich meine: Wenn damals Menschen wenig aufschrieben (oder zumindest für uns wenig erhalten blieb), dann werden es keine völlig beliebigen, belanglosen Texte sein, sondern Wesentliches! Nicht unbedingt ein frei erfundener sagenhafter Roman wird es sein. Nur weil wir heute nicht genug wissen, deuten wir es so. Solche germanischen Namen wie Freia und Wotan wird es gewiss nicht nur einmal, nicht nur "für Götter" gegeben haben! Nun diese Unbekannten: könnte es sein, dass es sich einfach um eine Gruppe Heilkundiger gehandelt hatte, die durch den germanischen Wald schritt? Könnte es sein, dass die "heutige offizielle wissenschaftliche Annahme": >da stapften einige gespinstige Figuren aus der bloß erdachten Welt der Natur-Götter, durch den Forst<, schlicht und einfach unrichtig ist? Wodurch wird diese "Wissenschaft", die wir gedankenlos lernend übernehmen sollen, gestützt oder gar bestätigt?

Und jene von alters her bekannten Heilweisen? Viele Jahre wird es noch dauern, bis auch für uns Literatur darüber leichter erreichbar ist, die entsprechende Beispiele von Heilmethoden in Asien, Australien und sonst wo darstellt. Sie werden uns aus historischen Zeiten überliefert und zeigen, dass sie auch in der Gegenwart ausgeübt werden – in reicher Vielfalt! Ungeahnte, ja schier für unglaublich gehaltene Einflussmöglichkeiten auf die Gesundung und Gesundheit. Anfangs des neuen Jahrtausends werde ich erste praktische Kontakte dazu gewinnen dürfen. Welch eine späte Erweiterung des Horizonts. Schade, dass ich darüber nicht mehr mit Herrn Brandt plaudern kann.


Schade auch, dass von unserer germanischen National-Literatur jener Zeit für uns kaum etwas erhalten blieb. Die großen Zeitspannen, die Art der noch nicht so dauerhaften Schreibmaterialen und das eher feucht-kühle Klima mögen dazu beigetragen haben. Aber es gab sowohl beiläufig-banale, als auch zielgerichtete Ursachen. Wir wissen zum Beispiel, dass Karl der Große eine umfangreiche Sammlung von Heldenliedern seiner Zeit angelegt hatte. Seinem Sohn Ludwig war dieses Nationalerbe aber eher gleichgültig und damit vor Verlusten nicht geschützt, dem Untergang preisgegeben. Bekannt ist ebenso, dass die "heidnisch-mythologischen" Inhalte der germanischen Literatur, der Christlichen Religion "ein Dorn im Auge" waren, die von ihnen misstrauisch, feindselig angesehen, später rundweg verboten wurde. Die Kenntnis der Texte, das Wissen um diese Literatur verlosch. Damit ist die frühe Literatur aus unseren Landen bis auf wenige Einzelfälle oder Bruchstücke für uns verloren gegangen. Ein unersetzbarer Verlust. Bisher wurden aus jener Zeit nur zwei "Zaubersprüche" 1841 in der Dombibliothek zu Merseburg entdeckt und auch zwei weitere 1857 in Wien gefunden, die etwa aus der Zeit um 800 stammen.


Doch nun wieder 1962: Wir erhielten von Herrn Brandt die Hausaufgabe, möglichst viele Worte mit gleichen Anfangsbuchstaben als Reim aneinander zu reihen. Das Ergebnis war dann vorzutragen. "Schön wäre es", meinte Herr Brandt, "wenn dabei die Landwirtschaft ein wenig berücksichtigt würde." Hier mein Versuch – für euch als ein schwaches Beispiel dieser "großen Kleinkunst":




Nacht! Nobler Neumond, Niesel, Nachtigall! Na, nun noch neuer Nebel!

Mandolinen mit Mondschein machen mich milden Munteren meist musisch.

Kläffender Katen-Köter "Karo" kennt keine Katze. Kappt kauend klirrende kurze Kette,

läuft leider leichtfertig, lieber lodderig-leger, leise lechzend los, bloß bisschen bravourös beißend.

Bärtiger Bangbüx badet bisweilen bei böse blökenden Böcken, bei bieder bunt blühenden

Blumen.

Tieftraurig: Trotzig-tobsüchtig-temperamentvolles Tier trägt Tollwut-Erreger,

wie weiland wiederkäuender, wollüstig-warmer, warnend-winselnd wütender Wolf.

Terror tötet total tausend Tapire, Termiten, Tiger, Tintenfische, Trakehner, Tümmler, Tuberkel,

Kängurus, Kamele, Katzen, klitzekleine Kälber, Knurrhähne, Kobras, Kühe, Kuschel-Kaninchen.

Höhere Halbinsel-Heimat: Hierauf heute heißhungrig harrend, heulender Haufen hütender Hirten.



Schon sehr schön sprung-sprintender Schäfer schafft schnell Schutzwall

rings um reichlich raunende, richtig ranzig-räudige, reinrassig-ranke, rigoros-rasende Rinder.

Wohlwollend wachsamer, wagemutiger Wachhund "Wotan" wird wahrscheinlich wütend werden,

wegen Wegnehmens wahrlich warmen, wehrhaft wachsenden, wuchtig wogenden Widerstandes.



Herbei, herbei! Hurtiger Hilfe heischend, holt herber Herr der Herde hoheitsvoll

huldreiche Hünen, herrlich helfende Hirten, humane Hausierer, hübsche Hostessen herbei,

bisweilen bangend-beäugelnde, bußfertig-bescheidene, besonders bemühte bierbäuchige

Bauern,

ebenfalls ehrlich, eisernen Ernstes, ebenmäßig-eifrig, effektiv-eilend, emsig eure Ernte


einbringend.



Na ja, eben – ein Versuch – Hausaufgabe als erfüllt abgehakt.



Das Erzieher-Kollektiv im Lehrlingswohnheim

Mit den Erziehern war es nach meinem allerdings unmaßgeblichen Empfinden nicht so prächtig bestellt, wie mit den Lehrern. Es schien eher ein Gegensatzprogramm zu sein, "damit wir nicht vor großer Freude übermütig würden". Die reguläre DDR-Ausbildung der "Erzieher für Horte und Heime" schloss ja die Qualifikation als Unterstufen-Lehrer mit ein. Nun waren wir schon etwas älter als Hortkinder. Das Erzieher-Personal ebenfalls. Es drohte schon stärker dem Rentenalter entgegen zu eilen, als sich der entfernteren eigenen Jugendzeit zu erinnern (das ist zumindest solch ein Eindruck der entstehen kann, wenn man selber sehr jung ist).

Ich denke, es waren eher "Quereinsteiger" aus anderen Grundberufen, die hier ihr Ein- und Auskommen gefunden hatten – die vielleicht sogar an einigen Pädagogik-Schulungsstunden teilgenommen hatten? Wer weiß das schon so genau? Ich kann sie heute nicht mehr fragen. Was aber nährte solchen Verdacht? Nun, nur die Betrachteten selber! Uns versuchten dort zu hüten:


1. Frau H. Sie war freundlich, weichlich, stockkonservativ in ihren Anschauungen und behielt wohl auch nicht alles, was sie so hörte, für sich. Sie saß wohl zu nahe "an der großen Glocke".


2. Dem Erzieher Herrn W., mit schütterem Haarkranz ausgestattet, spendierten die Lehrlinge aus ihrem schmalen Etat gerne ab und zu so lange den von ihm begehrten Schnaps, bis er sich willig im Erzieherzimmer zur Ruhe auf dem Bereitschafts-Sofa ausstreckte und sich dort einschließen ließ, auf dass er nicht gestört werde.

Das fiel nicht weiter auf, denn sollte mal ganz unerwartet eine wichtige organisatorische Frage zu beantworten, ein Problem zu klären sein, hatten wir im Tag- und Nachtdienst, also rund um die Uhr, den "LvD", den Lehrling vom Dienst als Ansprechpartner – also uns selber. Das klappte gut.

Die Einteilung der LvD wurde nach dem Rotationsprinzip wirksam. Es bedeutete soviel wie tagsüber der Ansprechpartner für Jeden und "Mädchen für alles" zu sein, auch in den Blumenrabatten vor dem Hause Wildkräuter zu zupfen. Nachts hingegen als Pförtner, Nachtwächter und Still-Weckdienst für die Lehrlinge, die bei den Tieren mit sehr frühem Arbeitsbeginn tätig waren und deshalb morgens zu unterschiedlichen Zeiten aufstehen mussten, zu dienen. Mancher LvD hatte seinen Wecker dabei, andere ließen sich vom Fernmeldeamt-Dienst der Post telefonisch wach rütteln.


3. Der hart aber nicht gerade klüger erscheinende Herr B. kam 1963 als ein zusätzlicher Pädagoge zu uns. Warum? – das wurde mir nicht klar. Auch dieser hatte es schwer mit sich. Bevor er zu uns stieß, hatte er wohl eine Stelle im Jugendwerkhof als Erzieher inne. (Ein Kinder- und Jugendgefängnis oder eine Besserungs-Anstalt mit haftähnlichen Bedingungen bei Arbeit und (ideologischer) Schulung für "Schwererziehbare", auch politisch Auffällige. Die Ziele: Störende Gedanken und/oder renitentes Verhalten beseitigen, die jungen Menschen formen, biegen oder brechen, um den Boden für eine im Sinne des sozialistischen Staates üblicher Weise anerkannte Gesinnung und Entwicklung zu bereiten). Die Information über den neuen Erzieher ging (wohl fast schon vor seiner Ankunft) wie ein Lauffeuer durchs Wohnheim. Er trug stets eine steinhart-ernste Aufpasser-Miene. Herr B. vermittelte uns zuverlässig den Eindruck, als missverstehe er seine Aufgabe grundsätzlich und fühle sich als Aufseher über eine Verbrecherbande berufen. Es schien uns, als sei er von anderen und in sich selbst gefangen. Auch er war uns kein erziehender, beratender Kamerad. Herr B. ließ sich so herrlich verulken, was von einigen Lehrlingen unverblümt praktiziert aber von ihm offenbar nicht erkannt wurde. Deshalb schmerzte ihn das wahrscheinlich auch überhaupt nicht.

4. Es gab noch den Herrn M., der sich meiner Erinnerung zufolge eigenartiger Weise völlig unauffällig-neutral zeigte, so dass ich nichts besonders Kennzeichnendes zu berichten weiß.


Den Erziehern oblag aber nicht nur die schwere Aufgabe die Lehrlinge zu hüten, sondern auch das Organisatorische, das Haus mit seiner einfachen Ausstattung zu verwalten. Ein größeres Spektrum kleinerer Aufgaben. Und ich konnte mich gefühlsmäßig zwar durchaus in sie hineinversetzen, fühlte mich dabei aber allein bereits gedanklich in dem vorgenannten Kollektiv nicht so recht wohl.


Ein kurzer Gedankenflug:

Vom Prinzip her habe ich einen Einblick in solche Aufgabenfelder. Waren doch aus der Reihe meiner Vorfahren-Familien die Herren Carl Keilbach und Rudolf Mahnkopf nacheinander 70 Jahre lang die Verwalter des "Palais Barberini" am Alten Markt in Potsdam, Humboldtstraße 5-6, grad' gegenüber dem Stadtschloss von W. Knobelsdorff und der Nikolaikirche von K. F. Schinkel / Persius. Dieses "Palais" war, wie das gesamte Zentrum der Stadt Potsdam, kurz vor Kriegsende, am 14. April 1945 zerbombt worden. Ein gleichartiges Gebäude steht nun (2017) dort nach sieben Jahrzehnten in neuem Glanz, so schön wie noch nie –

unter der Initiative des Prof. Dr. mult. Hasso Plattner als Gemälde-Museum wieder aufgebaut.

Und was alles hatten diese Verwalter damals im Vorgänger-Gebäude technisch-organisatorisch alles zu richten!

Eine größere Anzahl von Vereinen und Organisationen hatten dort ihre Heimstatt:

... waren dort angesiedelt. Und viele dieser Leute brauchten ständig irgendetwas recht unterschiedliches an Material oder Organisation vom Verwalter, abgesehen von den wechselnden Bestuhlungen, der Verwahrung von Groß-Instrumenten für die Musiker, tägliche Terminabstimmungen, kleinere handwerklichen Leistungen, Koordinieren der Reinigungsarbeiten ebenso ... dabei der Umgang mit verschiedensten Leuten wie Lehrern, Schauspielern, Kunst-Malern, Musikern und deren Ansprüchen sowie das möglichst zur Zufriedenheit dieser Menschen. Mahnkopf war auch Mitbegründer und aktiver Mit-Sänger des Männergesangsvereins und auch Beitragsgeldkassierer für einige Vereine.


Etwas anders gelagert war "die Tätigkeit mit Verwaltung und Pädagogik" bei meinem Vorfahren Georg Weltzer (1864 bis 1946). Jener war Kaiserlicher Schlossdiener – vorerst im Schloss Babelsberg, sowohl als Dienender, wie auch als Lehrender für den Nachwuchs. Seine Wohnung befand sich im Wirtschaftsgebäude, der so genannten Schlossküche, die mit dem Schloss unterirdisch verbunden ist.

Später war Georg Weltzer ins "Neuen Palais" nach Potsdam, Park von Sanssouci versetzt worden und lebte in dem nördlichen Gebäude der gegenüberliegenden Communs (Wirtschaftsgebäude) – bis nach dem Ende des Ersten Weltkrieges. Zur Tätigkeit des Georg Weltzer gehörten nicht nur die Arbeitsinhalte des Verwaltens, denn da brauchte man außer den Fachkenntnissen auch das eher schwierigere Fingerspitzengefühl, um sowohl "von unten" anerkannt zu bleiben, gleichsam aber "nach oben" fehlerfrei die höfische Etikette zu leben – gewiss oft kein einfacher Balanceakt – und des Weiteren nachfolgende junge Menschen in diesem Sinne lehrend anzuleiten.


Jetzt sind wir aber wieder in Großbeuthen im Jahr 1962:

Ich stelle mir nach obigen Ausführungen das Erscheinungsbild und das Verhalten unserer sozialistischen verwaltenden Erzieher vor. Solche Aufgaben in Menge und Komplexität des täglichen Arbeitslebens kam auf diese Erzieher nun wirklich nicht zu. Sie hatten es wohl recht gut und einfach mit uns.

Eine große Hilfe für unsere Gemeinschaft wäre es allerdings schon gewesen, hätte man diese Erziehenden eingespart, ihnen früher einen geruhsamen Lebensabend zukommen lassen. Wir hätten es ihnen neidlos gegönnt und uns gewünscht.

Aber ansonsten war im Lehrlingswohnheim fast alles "dufte und schau", also "Große Klasse" und wir Lehrlinge vertrugen uns gut miteinander, benötigten keine Aufpasser und keinerlei Hindernisse.


Die Lehrausbilder in der praktischen Berufsausbildung

Herr Ernst Lobbes ließ es sich nicht nehmen, extra wegen uns mit seinem SR 2-Moped (Stadtroller Simson Suhl, 2. Entwicklungsstufe) aus der Ahrensdorfer Hauptstraße 8, täglich zu uns zu kommen. Na gut, er verdiente damit auch seine täglichen Brötchen.

Dann bildete Herr Konarski aus und in den Rinderställen die Lehrfacharbeiterin Rosemarie Hannemann und Meister Christian Köhn. Natürlich gab es auch einen Schweinemeister, richtiger: während unserer Zeit zwei hintereinander. Nur bei der Kunst der Schafhaltung blieben schulische und praktische Lehrinhalte aus, wurden wir ausgeklammert, obwohl für das umsichtige Hüten selbst Hunde als zugelassen gelten.

Der leutselige Ausbilder Herr Helmboldt hatte das Aussehen eines körperlich kleinen Groß-Knechts aber dann doch mehr nach Gutsherrenart, weil stets in Reithosen und -Stiefeln unterwegs. Nur die Sporen fehlten ihm.

Herr Gützkow unterwies uns als Fahrschullehrer sehr gut und mit unendlicher Geduld, vor allem auf dem Traktor vom Typ "Pionier". Im Januar 1963 hatte "unsere Lw A1" (davon gab es im Laufe der Zeit mehrere aber später wurden die Klassenbezeichnungen wesentlich verändert) die Fahrprüfung der Klasse III auf diesem stolzen Fahrzeug und seither diese Fahrerlaubnis.



Wie Straßen- und Witterungsverhältnisse demnächst ab Februar – also im "Hornung"

aussehen, das verrät uns der hundertjährige Bauernkalender:


Nordwind bei Vollmond sagt, dass uns der Frost drei Wochen plagt.

Je feuchter der Februar, desto nasser das ganze Jahr.

Der Februar mit Schnee und Eis – macht den langen Sommer heiß.



Das Lehrlingswohnheim

Wir lebten im Lehrlingswohnheim, in einem modernen Bau, der 1956/57 errichtet wurde, in den die erste Lehrlingsgruppe im Herbst 1957 einzog, also in ein Gebäude, dass auch bei uns noch so gut wie fast neu war. Herr Bruno Abromeit war dort bereits seit 1956 Direktor des leeren Gebäudes, also Organisator im Zuge der Baufertigstellung und des umgebenden Geländes sowie auch organisatorisch verantwortlich für das Einrichten der Räume.

Fast alle Zimmer hatten die Größe zwischen 11 und 12 m², zumeist eine Grundfläche von 4,00 m x 2,90 m. Auf dieser Fläche lebten im Allgemeinen drei Lehrlinge. Ausgestattet waren die Räume dann mit drei Betten, einem Tisch, drei Stühlen und dem Kleiderschrank. Ich wohnte im Hochparterre (von außen gesehen) im linken Gebäude-Flügel, etwa mittig zwischen dem noch schmaleren Zimmer des "Lehrling vom Dienst" und der Behausung des Lehrers Hugo Brandt, dieser ganz links. Ja, dort, wo das Regenfallrohr von der Dachrinne aus, hinunter führt.

Das Areal vor dem Wohnheim, eine Grünfläche mit Blumenbeet-Einfassung, war von den Erziehern und den "Lehrlingen vom Dienst" immer gut gepflegt. Nahe beim Wohnheim, im ehemaligen Gutshaus unter großen alten Bäumen stehend, war die BBS, die Betriebsberufsschule untergebracht.

Jener Zeitpunkt, der September 1962, war für den Lehrbeginn ein guter. Einige Zeit später fiel allerdings die Rohbraunkohle-Heizanlage aus, nur eben so, weil die Zeit wohl dafür reif war. Es lag also, bitte, nicht an uns. Das allein war eigentlich nicht so schlimm, denn die Herbstwitterung war mild, doch es war selbst für angehende Cowgirls und Cowboys schon gewöhnungsbedürftig, unter eiskalter Dusche den anhaftenden kräftig-würzigen Stallgeruch von Rindern und Schweinen abzuschrubben, um wieder sauber zu sein.

Nun gut, nach einiger Zeit half die Reparaturleistung diesem Umstand dann wieder ab.

Aber mit der Heizerei gab es nicht nur bei uns Anfangsschwierigkeiten. Wir erinnern uns: Bald darauf hatte die Stadt Ludwigsfelde, ihr erstes so richtig sozialistisches Hochhaus an der Potsdamer Straße errichten lassen, aus bekannten Gründen freundlich "Sachsensilo" genannt.

(Was für Gründe? Die heimische Rand-Berliner Bevölkerung war kräftig mit frischem südlich-auswärtigen Blut, so aus Zoll, Polizei und anderen zuverlässigen Genossen bestehend, zu durchmischen).

Das Hochhaus wurde damals im Winter vorerst extern von einer kleinen schwarzen Dampf-Lokomotive beheizt. Der Winter kam wohl nach dem Einziehen der Mieter unplanmäßig früh, nicht etwa die vorgesehene Heizungsanlage zu spät. War "hübsch" anzusehen – ein zeitgenössisches Bild. Man muss sich nur zu helfen wissen – und das wussten wir doch irgendwie alle recht gut!


Regelmäßig, einmal wöchentlich, fand abends im Lehrlingswohnheim der Zimmerdurchgang mit Punkte-Bewertung statt. Dabei ging es nicht nur um Ordnung und Sauberkeit, sondern auch um die "Kultur", ging es um die individuelle Ausgestaltung des Raumes, die sich nun allerdings nicht in jeder Woche änderte. In unserem Zimmer bestand der Kultur-Schmuck in Folgendem: Adrette Tischdecke, in Zimmermitte die dicke Bambusstange, senkrecht zwischen Fußboden und Zimmerdecke eingespannt, behängt mit Grünlilien- und Rankelphilodendron-Töpfen. Der Wandbehang aus Zuckersack-Gewebe mit den aufgemalten Kakteen (ein selbst gearbeitetes Geschenk meiner Mutter und Schwester) und eine Gitarre an der Wand mit Palmen-Dekor, auf der Bernd He. ab und zu, hin und wieder ein Liedchen klimperte, uns zu Gehör brachte. Auf dem Wandbord mein lindgrüner Wecker mit den Leuchtzeigern, den wir benutzten, wenn wir "Lehrling vom Dienst" waren, also Weckdienst hatten. Daneben mein kleines geliebtes Röhren-Radio vom Typ "Ilmenau 480". Ich hatte es von Frau Dr. Worseck als Anerkennung geschenkt bekommen, als ich dort mein veterinärmedizinisches Praktikum beendete.

Dann gab es noch (aber meist nicht sichtbar) die dringend benötigte Taschenuhr, welche sich durch schlichte Eleganz auszeichnete (ganz neu: 8,00 Mark der DDR), mit dem zuverlässigen Gangwerk des VEB UMF-Ruhla. Das Ganze umhüllt von einer metallenen Staubschutzkapsel mit Rundfenster, so richtig robust und damit für den Acker-Einsatz vorzüglich geeignet.

An der "Pinnwand" des Zimmers eine geordnete Sammlung farbiger Ansichtskarten, vorzugsweise von unseren Briefpartnerinnen aus irgendwelchen Bruderländern und dem begehrten ungarischen Schwesternland. "Parlament in Budapest", "Elisabethbrücke", "Fischerbastei bei Tag und Nacht", der "Flachwasser-Balaton" für Nichtschwimmer usw.). Schreibend gingen meine Grüße damals zu Emese nach Budapescht. Welch ein schöner Vorname. In der Heimat wurde das Mädel aber in Wirklichkeit "Ämmäsche" gerufen, wie ich erst viele Jahre später erkannte. "Emese" lag mir aber viel näher – trotz der großen Entfernung. Ich hätte sie also gerne, für sie sehr ungewohnt, viel schmiegsam-weiblicher angesprochen, als es bei ihr Daheim als üblich galt. Dazu kam es nicht.

Auch das Muster-Bohnern des rotbraun gestrichenen Anhydritfußbodens (Gips) mit dem gewichtigen gußeisernen Block, dem Bohner-"Besen" brachte Punkte für die Bewertung beim Zimmerdurchgang und letztlich gab es für "die Sieger" den Wanderwimpel für eine sehr gute, andauernde Zimmerordnung – auch im Spinde. Trostpreise wurden nicht vergeben!

Eng war es allerdings schon im Zimmer aber Hausaufgaben = Schularbeiten am Tisch konnten wir auch im großen Speisesaal erledigen oder wenn es die Witterung zuließ, zum Teil auch in der freien Natur, z. B. verbunden mit lernend lesen – dösen – schlafen – Lernen im Schlaf ... "nur mal ein Viertelstündchen", sehr effektiv.

Zur Platzeinsparung in der engen Bude hatten wir (nur in unserem Zimmer) die drei Betten übereinander geschraubt und gesichert – statisch einwandfrei – nicht zu beanstanden!

Auf Grund des Beschlusses des "ängstlichen Erzieher-Kollektivs" (das auch dem Mathe- und Physiklehrer nicht traute) mussten wir unsere schöne Kreation, die bis knapp unter die Zimmerdecke reichte, jedoch bald wieder auf das Doppelstock-Bettmaß zurückschrauben. Niemand von ihnen sollte ja dauerhaft in Angst um uns leben oder wir vielleicht den Ärger haben.

Zu Essen gab es stets reichlich – und sahen die guten Köchinnen und freundlichen Kellfrauen des Dorfes (es waren beileibe keine Kellnerinnen im gewohnten, üblichen Sinne) schon den Boden der sich schnell leerenden Riesen-Töpfe, so wurde sogar mittags fix ein Schmalzstullen-Nachschub angeboten. Alles blieb somit im Bereich der Zufriedenheit. Es gab dabei nichts herumzuklagen.



Das Großbeuthen-Jugendlied

Unser Klassenkamerad Gerd Rauter komponierte und textete im Herbst 1962 ein

Großbeuthen-Lied, das in den Strophen 3 und 4 (die uns erhalten blieben) so lautete:

Nachtrag: Unlängst hörte ich, dass Gerd Rauter bereits vor Jahren gestorben sei. Deshalb schrieb ich anstelle des verlorenen gegangenen Textes, die vier Ersatz-Strophen 1, 2, 5 und 6 heute, am 10. September 2016, am Abend nach unserem "Lehrlingstreffen" in Thyrow / Großbeuthen, neu.




1.

Nach der Schulzeit in der Heimat kamen wir in Beuthen an,

um zu lernen, um zu wissen, um zu stehen unsern Mann.

Wir fanden im September uns hier gemeinsam ein:

Drei Jahre Jugendleben – besser kann es gar nicht sein.


2.

Wir lernen unsre Welt hier völlig neu versteh'n

in einem regen Austausch – und das ist wunderschön

mit Spaß und Ernst und mit viel Heiterkeit ist es eine gute Zeit.


3.

Jeden Abend an der Ecke heulen Motorräder auf

und du schwingst dich jeden Abend auf ein' Jawa-Sozius drauf.

Ich steh' mit meinem Fahrrad hier einsam und allein –

und trau mich nicht zu sagen: Baby komm und sei doch mein.


4.

Ja dann könnten wir zwei die Welt ganz anders seh'n,

ohne Feuerstuhl und ohne die Chausseen, denn nicht ein

Motorrad macht eine Liebe schön, sondern wie wir uns versteh'n.


5.

Morgens geh'n wir in die Schule, auf den Acker, in den Stall,

pflegen Kuh, das Schwein, die Katz' – man sieht uns überall.

Am Abend zum Baden an unsern See wir zieh'n.

In Beuthen ist das Leben für uns doch so sehr schön.


6.

Verliebte gibts bei uns zu jeder Zeit, manchmal ist die Hochzeit

auch nicht mehr so weit. Auf dem Land zu leben,

eine lange Zeit – dazu sind wir gern bereit.





Dieweil neben anderen Jungen auch Gerd Rauter in die Saiten seines Klampfholzes griff, hämmerte Christian Fe. auf dem Klavier, (dem für diesen Sound zwischen die Hämmer und Saiten Ölpapier eingelegt war, damit das Instrument bloß nicht etwa klang) sehr gekonnt Bill Haleys und Elvis' Lebensgefühle im Rock'n Roll herunter. Elvis Presley hätte auch ebensogut zwischen uns sitzen können, denn seine Vorfahren, mit Namen "Preßler/Pressler", waren etwas südlicher von uns in Thüringen beheimatet, bevor die Jüngeren der Sippe "über den großen Teich" auswanderten. Daher kommt es, dass Elvis bei uns sowieso fast als freier DDR-Bürger hätte "durchgehen können". Aber unser Christian bot nicht nur Schlager, sondern auch gern und sehr gefühlvoll, die Wiedergabe von Volksliedern dar.

Erst nach uns wird die Sintflut kommen – später wird es mit der Musikauswahl schwieriger, denn eine neue Eiszeit wird 1966 auf uns zukommen.

Ja, erst in der Rückschau, sehe ich selbstkritisch nun überdeutlich, dass beispielsweise wir Lehrlinge des werktätigen Volkes unseren großen Anteil zu dieser schmerzlichen Entwicklung beigetragen hatten: Unsere Mit-Lehrlinge hatten solchen kurzen Beinamen wie Bobby, Jacky, Jimmy, Goofy und Satchmo erhalten. Warum? Zum Glück fehlte aber auch Bummi nicht.

Für eines unserer lieben Mädchen war der Name "Texas-Mary" geläufig. Wir hatten dabei offenbar Denk-Unterlassungen begangen, denn gar niemand von uns Einfaltspinseln hatte ernsthaft in Erwägung gezogen, das Mädel doch besser mit solch einem Kosenamen wie "Sibirien-Olga" zu würdigen und damit auszuzeichnen – vielleicht zu ihrem Geburtstag. Oder zum 7. Oktober. Das hätte sie gewiss begeistert. Aber die unreife Jugend hat mitunter andere Gedankengänge, als die Gereiften sie verfolgen. Und dabei hatte die Partei, also, die führende, es noch 1963 im Guten versucht, als sie die nette Ruth Brandin und die Kolibris das Schlager-Auftragswerk mit heißem Rhythmus, diesen "Knüller", gegensteuernd zwitschern ließ:

"Warum nennt man dich Sunnyboy, warum nicht einfach Werner, warum ist das moderner, ...?"

Ja, warum? Bohrende Fragen, die eine ausreichende Antwort noch offen ließen. Im Guten hat es nichts genutzt! Es war eine schärfere, eine martialische Gangart angezeigt, um derartigen ungesunden Tendenzen die Wurzel zu ziehen.


An besinnlichen Abenden sangen wir auch durchaus Volkslieder, öfter jedoch, waren viele aktuelle Schlager zu trällern, wie beispielsweise einige aus jener Liste des Jahres 1962:

Abends kommen die Sterne und die Schiffe zum Hafen, abends kommen die Träume und abends k. du.

Bärbel Wachholz // Helga Brauer // Ulla W.

Adios Amigo, sie war schön die Zeit

Sacha Distel

Afrikaan – Beat

Bert Kaempfert

Aloh – Ahe, die Heimat der Matrosen, Weine nicht bei

Freddy Quinn

Ask me why

(Paul McCartney, John Lennon, Ringo Starr, George Harrison)

The Beatles:

Auf der Sonnenseite

Manfred Krug

Auf meiner Ranch bin ich König, die weite Welt lockt

Peter Hinnen

Badewannen-Tango

Günter Hapke // Lutz Jahoda?

Bobbys Girl. Ich wär' so gern B. G., ich könnte ja so treu und zärtlich sein

Lil Malmkwist // Susan Maughan // Marcie Blane

Bonanza. Tag und Nacht denk ich an dich – Bonanza

J. Cash // P. Paulsen // R. Bendix

Butterfly

Danyel Gerard

Cara-Caramel Chocolat, so ist jeder Kuss von dir, jeder ...

Günter Hapke

Carolin, Carolina, jede Nacht träum' ich nur von dir

Peter Beil // Perikles Fotopoulos

Dip, dip, dip. Er kam auf einer Party mit 'ner Ander'n an

Dorthe

Don't break the Heart that loves you

Connie Francis

Dort treff' ich dich, Charlie ... und das macht mich

Ruth Brandin

Du darfst mich nie belügen, denn ich vertraue dir so

Fanny Daal

Du schaust mich an, so als wär'st du sehr verliebt

Peter Beil

Ein Herz, das kann man nicht kaufen, auch wenn sich

Margot Eskens

Einmal weht der Südwind wieder. Unter Sternen am

Rica Déus / Nana Mouskouri

Elisabeth Serenade. Hör' mein Wort Elisabeth

R. Binge // Günter-Kallmann-Chor

Fiesta Brasiliana

Mina Mazzini

Für Gaby tu‘ ich alles. Ich schau im Städtchen nicht

Gerd Böttcher // Günter Hapke

Geld wie Heu. Mein Herz ist voller Liebe, denn Susi

Gerd Böttcher

Gib mein Herz mir wieder, bitte gib es mir zurück. Du

?

Glory, glory Hallelujah

(bereits viel früher und) // Ronny

Hämmerchen Polka

Heinz Erhardt // Chris Howland

Heißer Sand und ein verlorenes Land, und ein Leben

Mina Mazzini

Iwan Iwanowitsch

Anna-Lena Löfgren, Schweden

Jeden Abend an der Ecke heulen Motorräder auf, und

Gerd Rauter

Junge, komm bald wieder, bald wieder nach Haus, J.

Freddy Quinn

Just tell her Jim said Hello

Elvis Presley

Kenn ein Land, irgendwo, scheint alle Tage die Sonne

Ronny

Kiss me quick

Elvis Presley

Lady Sunshine und Mister Moon

Conny Froboess + Peter Weck // Ruth + Evelyn

Lass' die Liebe, die große Liebe aus dem Spiel

Anita Lindblom, Helen Shapiro?

Let's dance

Chris Montez

Limbo Rock, Every night ...

Chubby Checker

Let's Twist again. Come let's

Chubby Checker

Locomotion, come Baby to the L.

Little Eva

Love me do

The Beatles

Love me tender, love me sweet

Connie Francis // Elvis Presley

Medehav och Sol // Melodien und Sonnenschein

Lil Malmkwist

Mexico

Bob Moore

Mit Siebzehn

Peter Kraus

II:Monsieur:II ich habe Sie erkannt. II:M.:II Sie sind...

Petula Clark

Oh, Lago Maggiore

Rica Déus

Oh, Mein Bräutigam, der macht mir Sorgen, doch wenn er heut' nicht kommt, verschieben wir's auf m.

West: Anna-Lena Löfgren,

Ost: Karin Prohaska // Rica Deus

Ohne Krimi geht die Mimmi nie ins Bett

Bill Ramsey

Oh when the saint, go marching in

Louis Armstrong

Only you

Elvis Presley // Brenda Lee

Paradiso unterm Sternenzelt, Paradies am Palmen.

Connie Francis

Peppermint-Twist. Wisst ihr, wo ich gestern Abend war

Caterina + Silvio Fr.// Vince Taylor // The Sweet // Chubby Checker

Popocatepetl-Twist

Caterina Valente + S. Francesco

Please, Please me

(Paul McCartney, John Lennon, Ringo Starr, George Harrison)

The Beatles,

das sind

<----

Quando. Sag mir Quando, sag mir wann ich dich wiedersehen kann.

Caterina V. + Silvio Francesco // Tony Renis

II:Renata:II, ich sing dir heut‘ keine Serenada, weil man beim Singen nicht küssen kann

Vico Torriani

Return to sender

Elvis Pressley

Ricki-Ticki-Tim

Ruth Brandin, Orch. G. Gollasch

Sag no zu ihm . Wenn einer kommt und dir erklärt, ich

Cliff Richard

Saint Tropez Twist

Peppino di Capri

II:Salute:II oh, Carolina du bist wunderschön, ich muss

Perikles Fotopoulos, Columbia

Skip do ba do my Darling”

Nat King Cole

Speedy Gonzales. In einer kleinen Stadt in Mexico lebte die schöne Juanita, doch sie war nicht froh. Sie

Pat Boone // Rex Gildow // Peppino di Capri

Spiel noch einmal für mich Habanero

Caterina Valente

Steig in das Traumboot der Liebe

Caterina Valente

Stranger on the shore

Mr. Acker Bilk

St. Tropez-Twist

Peppino di Capri

Süßer kleiner Teufel. Ich lieb' dich, s. k.T. Morgens in

Hartmut Eichler

Sweety, wo schaust du denn nur hin, sweety, was hast

Peter Kraus

Täglich ein paar nette Worte

Hartmut Eichler

Tanze mit mir in den Morgen, tanze mit mir in das Glück

Karlheinz Reichert // Gerhard Wendland?

Telestar. Irgendwann erwacht ein neuer Tag

?

The locomotion

Little Eva

II: Treu sein :II muss ein Mann, dem ich mich für's L.

Bärbel Wachholz

Wenn du gehst. Bleib' bei mir und sei mein, lass' mich

Connie Franci

Wenn wir zwei uns wiedersehn, dann wird alles wieder schön – im September.

Vivi (Vivienne) Bach

Weißer Holunder erblühet im Garten

Bärbel Wachholz // Lolita

Zwei kleine Italiener. Eine Reise in den Süden ist für a

Conny Froboess




Zwischendurch schaue ich mal auf die Uhr: Es ist jetzt April oder auch Ostermond

und für diese Zeit klärt uns der bäuerliche Beobachtungsschatz auf:


Ein Wind in der Nacht – am Tage Wasser macht.

Helle Wolken, wenig Regen – dunkle Wolken bringen Segen.

Wenn der April stößt wild ins Horn, so steht es gut um Heu und Korn.




Schluss nun mit dieser Aufstellung. Weitere Schlagertitel anderer Jahre könnt ihr auf der gleichen Internetseite www.janecke.name unter "Unterhaltungsmusik" finden.

An DDR-Weltliteratur gab es damals ganz frisch den sozialistischen Jugendroman „Egon und das achte Weltwunder“. Ich sah das nämlich ausschnittsweise höchst aktuell, als ich der zauberhaften Gaby beim Lesen über die Schulter blickte. In dem Buch geht es um Egons Wandlung innerhalb weniger Tage vom Hilfsarbeiter und Rowdy – durch Liebe zur sozialistischen Arbeit und auch zu Christine – zum großen Vorbild. Eine Art von "realem märchenhaftem Sozialismus". Es liest sich wie ein Auftragswerk. Einen Erinnerungsgruß dazu wird 1966 Herbert Otto senden, wenn er Susanne Krug und Christian Smolny durch die "Zeit der Störche" reisen lassen wird.

Mein kleines Zusatz-Reich im Lehrlingswohnheim war der Sanitätsraum im rechten Flügel des Erdgeschosses zur Hofseite, den ich übernommen hatte, um bei Bedarf so nebenbei in der Kleinchirurgie Gutes zu tun. So konnte ich das Erzieherkollektiv von einer ihrer schwierigen, verantwortungsvollen Aufgaben etwas entlasten. Auch sollten meine veterinärmedizinischen Kenntnisse hier Anwendung finden und vorher hatte ich in der Schule sowieso die Arbeitsgemeinschaft "Junge Sanitäter" angeleitet. Selbst bei dieser "segensreichen Tätigkeit" ging es für mich aber nicht ohne verschiedene Gewissenskonflikte ab. Beispielsweise meinte Werner R., im Winter wäre es unerlässlich (und nun ohne die Erzieherklippe endlich möglich), in diesem Raum seinen emsig gepflegten Zimmerpflanzen die ihnen zustehenden Kur-Portionen an Höhensonne angedeihen zu lassen.

Im Keller des Wohnheims hatten wir für interessierte Spezialisten den GST-Raum (Gesellschaft für Sport und Technik). – Der Raum war ursprünglich nur als Kammer für vormilitärische Ausbildung gedacht. Hier konnten wir eine zeitlang des Nachts, also jeder der wenigen Eingeweihten und damit Zugelassenen unseres Clubs, ganz in Ruhe, völlig freizügig und ungegängelt von irgendwelchen Dienst habenden Erziehern, den individuellen Neigungen nachgehen. Hier stand sogar ein einsatzbereites Funk-Gerät. Das soll uns aber nicht etwa an karnevalistische Freuden mit weiblichen Funkenmariechen erinnern, sondern eher an Herrn Samuel Morse. Wenn ihr auch mal dort hinein wollt – der Schlüssel hängt im Erzieherzimmer – von dort bekommt ihr ihn nicht. Aber den Zweitschlüssel hat Joachim. Diese Freizeittätigkeit ging solange gut, bis man davon auch mal etwas in offiziellen Radioprogrammen hörte. Über Dritte kam das selbst dem gestandenen Beuthener Landarbeiter und Fuhrwerkslenker Norbert zu Ohren und einer der letzten Hörer war Herr Brandt in seinem Zimmer eine Treppe höher, über uns, – der mit seinem plötzlichen Besuch dem frohen Treiben vorsichtshalber ein jähes Ende bereitete. Wohl zu unser aller Glück – es hätte daraus sehr schnell eine große politische Sache ...

Ein Blick zurück! Mein Großvater mütterlicherseits, der Schlosser und Elektrotechniker Max Sommer (1875 bis 1945) war 1897 handwerklich daran beteiligt, als unter der Leitung von Professor Slaby und Graf Arco nach vielen Mühen der erste deutsche Funkspruch (völlig ohne Draht, also durch den "Äther") gesandt wurde. Das war in Potsdam. Vom Campagnile (freistehender Turm) der Sacrower Heilandskirche wurde gesendet, über den Jungfernsee hinweg zur Kaiserlich-Königlichen Matrosenstation in der Schwanenallee am "Neuen Garten" als Empfangsort. Diese damalige große Mühe! Dort unter des Kaisers Wilhelm II. majestätisch-kritischen Augen wurden die Morse-Striche und -Punkte dechiffriert und ihm der schöne Text vorgelesen, der unsichtbar über den See geeilt war.

Ja genau, dass war jener Opa Max, dessen Betrieb, wegen des großen Arbeitsumfanges vereint mit weiteren Firmen, die Kronleuchter im "Neuen Palais", am westlicher Rande des Parks von Sanssouci liegend, von den Wachskerzen auf elektrische Glühlampen umrüstete, ohne dass von der gesamten Technik etwas störend zu sehen sein durfte. Kaiser Wilhelm II. dankte es ihm – wie zu vielen anderen auch – indem er sie anschließend in einen geplanten Kurzkrieg schickte, der dann von 1914 bis 1918 währte. Mein Opa Max beschäftigte sich also nicht ausschließlich mit der Funktechnik.


Heutzutage lötete Claus K. in Großbeuthen so etwas ganz locker schöpferisch zusammen, mit beträchtlicher Sendeleistung und sogar als Sprechverbindung. Damals, 1897 zeigte der Funk-"Spruch" ja nur Morsezeichen auf dem Papierstreifen. Hätte nun Claus eine solche moderne Präsentation doch auch noch dem Kaiser zeigen können oder dem Staatsratsvorsitzenden ... wir haben so einen seit zwei Jahren als Nachfolger des Präsidenten Wilhelm Pieck – ach – oder besser doch nicht, wer weiß?


In der Dorfstraße wurde von vielen gern und lange die Gaststätte "Zu den drei Linden", bei "Mutter und Sohn" besucht. Manchmal so lange, wie das Geld reichte. Bei eingeladenen Mädchen schmolz deren Guthaben langsamer. Man kann auch angesichts der oft weit vorgerückten Stunden sagen, dass die Wirtsleute von den Heim-Lehrlingen "heimgesucht" wurden. Es gab zwar die festgelegte Schließzeit aber mitunter fragte man sich doch ernsthaft: warum jetzt überhaupt noch schlafen, wenn man gegen 3.00 Uhr sowieso die Frühstücksvorbereitungen zu treffen hat, um pünktlich, frisch und munter in den Kuhstall zu gehen. Viel später mutieren dann die "Drei Linden" "Zum braunen Ross" und wurden dann vom Ehepaar Batke bewirtschaftet.

Essen gab es im Heim stets ausreichend aber manchmal bestand ein Sonderbedarf an Luxus. Und hilfreich war da – "der KONSUM hat alles!" Die Verkaufsstelle schräg gegenüber der Gaststätte, einige Stufen hoch. Nach der politischen Wende 1989 machte sich dann niemand mehr Sorgen um die Versorgung der Menschen und der Laden wurde zum Wohngebäude, die Kneipe auch. Wann genau weiß ich nicht, denn ich kam später in größeren Abständen zu Besuch nach Großbeuthen.

Aus dem Alltag (Tierwirtschaft)

Als wir in Großbeuthen die Lehrzeit begannen, ging gerade der so schmerzlich-dümmliche Versuch der Rinder-Offenställe zur Neige, von dem sich die, die Landwirtschaft planenden, offenbar mitunter völlig berufsfremden Genossen gegenseitig versprochen hatten, dass sich

das schwarzweißbunte DDR-Niederungs-Milchvieh dann ganz schnell freiwillig zu polarharten Pelztieren qualifizieren wird, wenn man im Winter nur die Stalltür fest genug verschließt und die Lebewesen draußen erkalten lässt.

Zum Teil ließen sie sich an den Hufen aber noch mit der Spitzhacke aus dem Eise befreien, weiß die noch junge Geschichte. Woher und von wem solche zentralen Anweisungen für den weiteren Aufbau des Sozialismus, für das gesamte Land geltend, kamen, wissen wir zur Genüge.

Vielleicht hatte jemand der befehlenden Laien, jemand von diesen "Spezialisten", mal "ganz aus der Ferne" davon gehört, dass sich im hohen skandinavischen Norden wilde Fjäll-Rinder ganzjährig in der freien Natur aufhalten, sich selber kein Haus bauen. Die Bisons/Büffel und die Wisente können auch bei winterlichen Entbehrungen so leben – wenn's auch hart ist.

Unsere Hauskühe können das nicht! Das wusste "man" – also "der kleine Mann", das bäuerliche Volk. Das Thema hätte sich generell sehr schnell und für die Tiere freundlicher erledigt, hätte man die anweisenden Leute mit ähnlicher Körpertemperatur, ähnlicher "Bekleidung", bei vergleichbar eingestelltem Kalorienhaushalt und weniger Parameter mehr, ebenfalls bei -10° C nur einige Tage und Nächte im knöchelhohen Hart-Schlamm außen, vor der Haustür stehend angebunden.

Den meisten der viehverständigen Landwirte gefiel diese Tierquälerei wohl nicht und schon solch ein Banalikum war mal wieder einer der Gründe, der zum Bürger-Verbrechen der Republikflucht anregte, beitrug – zumindest bis zum 13. August des Vorjahres. Für jene, die es später dennoch versuchten, bestand ein genügendes Angebot an Gefängnisplätzen und Kapazitäten, um nun diese Menschen ebenfalls zu quälen. Aber eine Anzahl duckte sich wohl auch einfach und fügte sich, tat das Angeordnete, widerwillig das ihnen widersinnig Erscheinende – wie so oft.

Der Überzahl der Lehrlinge brauchte man die neue Einsicht zum Unsinn der untauglichen Methode nicht erst im Unterricht vermitteln. Das aber tat vorsichtshalber auch ohnehin niemand.


Schade auch, aber genau in dieses Bild passend, dass unser theoretisches neues Schulwissen, beispielsweise bezüglich der gründlichen täglichen Euterpflege (warmes Wasser, Trocknung, Massage mit Melkfett – eben, das fachgerechte "Anrüsten" vor dem Melken) von den Ausbildern oder wie sie von sich sagen, den Meistern ihres Fachs, die vor uns aus denselben oder vergleichbaren Büchern gelernt hatten, nicht praktiziert wurde. Uns Lehrlingen fehlte die vorgegebene Zeit, wir hatten überhaupt nicht die vorgenannten Mittel zur Verfügung, um so zu arbeiten, wie es die schlichte Wissenschaft vorgab oder wie es die lange Einzelbauernschaft wohl wissend praktizierte. Mit derartigen Widersprüchen konnte man den "Spezialisten" des Volkseigenen Betriebes nicht kommen, um Gehör zu finden. Da keimte dann bei uns das Reden von "Marx in der Theorie" und von "Murks in der Praxis" auf. Nichts aber ist umsonst in der Welt: Wir hoben das Angelernte im Kopf sorgfältig für die theoretische Prüfung auf.



Für das wirkliche Können gibt es nur einen Beweis: Das Richtige tun.


nach Marie von Ebner-Eschenbach, Schriftstellerin, 1830–1916



Wir wissen ja: Mit Vorschlägen, mit kritischen aber konkret helfenden Hinweisen zur Verbesserung, konnte man die Führungsspitzen kaum erfreuen – das ging so bis nach oben in die Regierung und wurde von dort überschnell als "negativ-feindlich" eingestuft. Oder wohl richtiger: Von dieser Regierung ging es aus, bis in die unterste Ebene. Wie sagte doch Ulbricht gern, wenn er am Ende seiner Argumente war? "... dann sprechen wir uns woanders wieder." Woanders? Wo war das? – Er war doch bereits die höchste Instanz. Der andere gemeinte Ort war dann die Zelle. Und es strebten wohl so einige Leute an, die Karriereleiter in diese befehlenden Regionen zu erklimmen. Wie prächtig, wie erstrebenswert! Aus unserem Kreis war es wohl eine eher extrem geringe Zahl.

Ein anderes Problem war das seltenere, wenn auch notwendige Vorstellen von Verletzungen beim Tierarzt – ich denke nur an eine größere behandlungsbedürftige eiternde Wunde und deren Fliegenbesatz. "Ob ein Tierarzt notwendig ist, das entscheidest nicht du, Lehrling". Das tat weh. Ich hatte dabei durchaus ernste Sorge um die Gesundheit der Kuh aber ebenfalls hatte ich das empfindliche Lebensmittel, die Milch, vor Augen und dann auch die Säuglinge und Kleinkinder, die diese Milch trinken sollten. Verhältnisse, die sich gegenseitig ausschlossen. Nur in der Theorie.



Wo immer ein Tier in den Dienst für den Menschen gezwungen wird, gehen die Leiden, die es erduldet, uns alle an.


Albert Schweitzer



Ein gütiger Hinweis, ein Vorschlag, der auf einen unhaltbaren Zustand helfend einwirkt und einen einfachen Ausweg zeigt, ist keine gedankenlose Meckerei. Mißachtet man den Rat, nur weil er von einem Lehrling kommt, dann bleibt es so, wie als ungünstig erkannt. So unzureichend bleibt es, wie es ist und verschlimmert sich. Deshalb sollte man solchen Hinweis auch annehmen – nicht ihn oder den Absender verwerfen. Die Ausbildenden konnten sich offenbar nicht vorstellen, dass auch ein Lehrling etwas weiß, sich Gedanken macht in manchen Punkten wohl anders, als der Ausbilder es in seinem Kopf hatte. Ich sah das nicht als schlimm an, erlebte in der Lehrzeit aber mehrmals eine unbegründete Ablehnung und vermisste das gemeinsame Voranschreiten zum Besten der Verhältnisse.


Ja, Rosemarie, Deine Frage, ob ich derartige Zeilen auch schon Jahrzehnte früher in dieser Art aufgeschrieben hätte, scheint mir normal und berechtigt. Nein, ist meine Antwort,tte und habe ich nicht in dieser Art, nicht in dieser Form, aufgeschrieben. Es hätte anders ausgesehen, weil sich die Weite des eigenen Blickwinkels im Laufe der Jahre ändert, weil das Gewinnen weiterer Kenntnisse über jenen kleinen Teil der Gesamt-Ereignisse einen Prozess darstellt. Anwachsende eigene Erfahrungen verändern die Beschreibung eines Bildes. Letztendlich übt auch der sich verändernde Familienstand Einfluss aus. Es hätte zu nichts geführt, einen "Märtyrer" zu spielen, der immer wieder über die rote Linie springt. So hätte ich als politisch aufmerksamer, positiv denkender und handelnder Mensch meinem Land an meinem Arbeitsplatz nicht sinnvoll von Nutzen sein können, sondern hätte bereits wegen dieser Seiten hier, eine Zeit im Gefängnis zugebracht. Ich habe mich auf den mir gemäßen Lebensstil eingestellt und das getan, was mir möglich war, was mir zweckmäßig erschien und bei immer neuen Versuchen dem Guten diente.


Einige Zeit nachdem John Fitzgerald Kennedy im Juni 1963 für wenige Stunden in West-Berlin weilte und vor dem Schöneberger Rathaus seine berühmte Rede hielt, die mit den Worten endete: "Ich bin ein Berliner", entstand folgender Witz:

Ulbricht und Kennedy sitzen zusammen beim Bier und tauschen Gedanken über ihre Hobbys aus. Kennedy: "Ja, und ich sammele die Witze, die die Leute über mich machen".

Ulbricht erwidert: "Nu, da haben wir doch sehr ähnlich gelagerte Interessen. Ich sammele die Leute, die Witze über mich machen".

Und diese Darstellung ist keinesfalls übertrieben, auch wenn sich das junge Menschen, die in der BRD aufwachsen, aufgewachsen sind, nicht vorstellen können. Für einen politischen Witz, den man erzählte, man musste nicht der Urheber sein, konnte man für ein bis zwei Jahre ins Zuchthaus mit harter Zwangsarbeit kommen:

Ein entfernter Bekannter ist nun fort. Er wurde entfernt. Bei einer Geburtstagsfeier seiner kleinen, so freundlich-kumpelhaften Hausgemeinschaft spielte er zur unterhaltenden Umrahmung Musik vom Tonbandgerät. Dabei wurde auch etwas Alkohol getrunken – zumindest war die Aufmerksamkeit des Gastgebers wohl nicht mehr ganz auf dem benötigten Spitzenwert und die fröhliche Hausgemeinschaft hörte plötzlich vom Tonbandgerät den westdeutschen Entertainer und Komiker Peter Frankenfeld, der gerade einen Witz über einen DDR-Politiker zum Besten gab. Er hatte die Lacher auf seiner Seite und niemand der kleinen Geburtstags-Gesellschaft schien Anstoß daran zu nehmen – doch einige Zeit später löste die still herbei gerufene Volkspolizei die Feier auf und nahm das Tonbandgerät und dessen Besitzer, das "Geburtstagskind", "zur Klärung eines Sachverhalts" mit. Etwa eineinhalb Jahre später kam er zurück. Diese Zeitspanne kostete ihn die kurzzeitige leichtfertige Unaufmerksamkeit, eine Zeit im Gefängnis bei harter Straflagerarbeit. Das Tonbandgerät blieb "natürlich" eingezogen, wurde vermutlich zum "Volkseigentum".


Doch nun lieber zurück zu den freundlichen Tieren!

Schon als Lehrling gefiel es mir nicht, dass die Tiere im feuchten Kot auf kaltem Beton (abgesehen

von der Stroheinstreu) lagen. Das allein erzeugte Gefühle von Unwohlsein und Erkrankungen.

Ich hatte ihnen Holzlattenroste gewünscht. Die Euter mit bakteriellem Kotkontakt – für das

sehr sorgsam zu behandelnde Lebensmittel Milch – ein theoretisches Unding.

Zu späterer Zeit wird es dann Versuche mit "Spaltenboden-Elementen" aus Beton geben. –

Die Kühe sind am Platz dauerhaft fest angebunden. Die tragenden Kühe in der Hoch-Tragezeit

(Tragezeit = Schwangerschaft) im Abkalbe-Stall. Nach dem Abkalben (der Geburt) das Kälbchen

sehr bald allein abgesondert, ohne mütterliche Wärme, Pflege und Zuneigung, die es im Bauch ein

Dreivierteljahr hatte, nun Kälte, ohne Stärkung des körperlichen und seelischen Immunsystems. Ein schwerwiegender, eigentlich grausamer Eingriff in das Leben beider Individuen – keinesfalls naturgegeben-artgerecht.

Und was meinen die ausbildenden Vorarbeiter sinngemäß zu einer solchen Frage? "Wir machen es so, wie wir es in der Praxis gelernt haben, so wie es Vorschrift ist. Was heißt hier Kuh- und Kalb-Bindung? Was hat das mit Wohlbefinden zu tun? – Die Kuh muss Leistung bringen, das ist ihr Lebenszweck. Bleib man schön auf dem Teppich und mach deine Arbeit".

Möglichst keine unbequemen Fragen, keine "neuen" Gedanken oder Vorschläge äußern.

Aber alles Zweckmäßige als Unsinn abzutun, dagegen sprach nicht einmal nur die theoretische, hehre Wissenschaft, sondern auch der schlicht-gesunde Menschenverstand des Lehrlings. Die erfahrenen Genossen sahen es anders und gaben es so vor, wie ihr Horizont es ihnen ermöglichte.

Aber – aber später, viel später werde ich erfahren, dass es im Kapitalismus vergleichbar lief!

2005, erst 2005! werde ich im Fernsehen freudig eine Sendung verfolgen, in der "ein fortschrittlicher" Rinderzüchter in Skandinavien dicke gelochte Gummiunterlagen einführt (die Tiere ruhen nun viel lieber warm und trocken, entspannt ohne jeglichen Stress und gesund), die Kühe werden nicht mehr angebunden, sondern dürfen sich im Stall bewegen, haben rotierende Reinigungs- und Massagebürsten an der Wand zu ihrer Verfügung, bekommen leise entspannende Musik im Stall und das Melken geschieht in Selbstbedienung, wenn die Kuh gemolken werden möchte, wenn das Euter voll ist. Erfassung mit Infrarot-Sensoren, die signalisieren, wenn die Kuh den Melkstand betritt und die automatisierten Abläufe beginnen sollen.

Die Kühe fühlen sich sauwohl und sie geben sogar ganz freiwillig mehr Milch.


Wir wussten damals als Lehrlinge, dass wir es gut und richtig machen würden, wenn wir könnten, es dürften, wenn wir über das "volkseigene Vieh" hätten bestimmen dürfen oder wenn wir privat Tiere gehabt hätten – aber die staatliche Absicht bestand ja gerade in der Schulung und Festigung für die Einsicht in die "gegebenen gesellschaftlichen Notwendigkeiten", des Kollektivierens der Bauern in LPG-en und der Landarbeiter in VEG', weil nur so und unter strenger Anleitung von Partei und Regierung, also unter deren "führender Rolle", bessere Ergebnisse als bisher erreicht werden könnten. Der Sozialismus wird damit die Produktivität des Kapitalismus übertreffen! "Überholen ohne einzuholen! heißt die aktuelle Devise". Jetzt! Hier und heute!

Alles, aber auch alles, die Vor- und Nachteile, die Missstände in der Praxis waren (allen) durchaus genannt und deshalb auch bekannt. Und ein Irrtum, eine drakonische Fehl-Festlegung kam selten allein! Kam aber mit Durchsetzungsgewalt. – Halten wir uns doch lieber moralisch und fachlich Augen und Ohren zu. Halten wir uns lieber fest an dem glorreichen Lied: "Die Partei, die Partei, die Partei hat immer recht". In der SED sind die Genossen mit festem Klassenstandpunkt – die können sich nicht irren, die entscheiden nicht falsch, die haben immer recht!

So vieles führte wohl völlig unnötiger Weise dazu, dass der heroische zukunftsweisende Ruf:

"Der Sozialismus siegt", von den gleichen Rufern in der Praxis so umgesetzt wurde, dass es aus vielgestaltigen Gründen vom Volk leider übersetzt wurde mit "Der Sozialismus siecht".

Von "Zuhause aus" war er dazu nicht verurteilt, denke ich. Ich hätte mir einen fachlich-inhaltlich besseren und demokratischen, also freien Sozialstaat gewünscht. Doch es war schon immer so: Nicht alle Wünsche gehen vorerst in Erfüllung. Und manche nie. In einem Leben.

Zur Arbeit bei den lieben Horntieren standen wir morgens um 3.00 Uhr auf, die Arbeit im Schweinestall ließ uns bis 5.00 Uhr ruhen.

Streng auf die Rinder bezogen, fallen mir als frühere namentliche Bekannte nur noch die beiden Zuchtbullen "Meister" und "Danilo" ein, die nicht bei den Milchkühen standen, sondern fein separiert vorne rechts auf dem Gutshof, gegenüber der Schnapsbrennerei ihren Stall hatten und den lieben langen Tag warteten und warteten. Aber nicht jeden Tag.

Unsere Rinder erhielten die so genannte Schlämpe als Futterzusatz. Dünn wie dicker Schlamm. Rückstände der Schnapsbrennerei. Sie lagen aber deshalb trotzdem nicht mehr als andere. Rum.

Was aber war überhaupt mit diesem Schnaps los? Das war mir ein Rätsel. Nie habe ich im Sozialistischen Einzelhandel oder im Lehrlingswohnheim "Beuthener Goldwasser" oder ein ähnliches Spitzenprodukt gesehen. Ich weiß: In der kurzen Zeit meiner Anwesenheit habe ich längst nicht alles erfahren. Mir fehlt noch vieles Wissen. –

Gabriele teilt mir nun ein halbes Jahrhundert später auf meine erneute Frage kameradschaftlich ihre Kenntnisse mit, indem sie mir verrät, dass diese Produkte langzeitig ausschließlich in der pharmazeutischen Produktion ihre Weiterverwendung fanden.

Aber weshalb rechnete man dann die Erfolge einer "Schnaps-Brennerei" ab und bezog sich nicht etwa auf die guten und harmlosen Ergebnisse einer "Alkanolischen Produktionslinie"? Na?

Außerdem bekam das VEG als Futterzusatz zur Anreicherung des Speisezettels für die Tiere auch Zuckerrübenschnitzel. Diese vegetarischen Schnitzel sind in Wirklichkeit mehr "Schnipsel" oder bestenfalls "Schnetzel". Diese stammen aus der Zuckerproduktion. So wie es Franz Carl Achard 1802 in seiner ersten Zuckersiederei auf Gut Kunern (an der Oder) vorgab, werden auch heute die Rüben gewaschen, zerschnitzelt, daraus Saft extrahiert usw. ... bis zum versandfertigen raffinierten Zuckerhut ... so wird es im Prinzip bis heute gemacht. Und was bedeutet: in seiner ersten Siederei? Es war die erste Fabrik auf dieser Welt, in der aus Rüben Zucker gewonnen wurde. Der umtriebige Achard war "ein junger Neuerer" in vielen Wissensgebieten.

Die entsafteten Schnipsel werden also zum Tierfutterzusatz. Der Pansen der Rinder käme mit diesen vegetarischen Schnitzeln ausgezeichnet zurecht, sagt man. Übertreiben soll man es mit der Zufütterung aber trotzdem nicht. Denken wir allein an die potenziell mögliche Zunahme von Karies bei Rindern von dem vielem Zuckerzeug und auch die Volkskrankheit "Diabetes" soll sich nicht unter den Rindern ausbreiten. Auch sollen die Kühe ja keine Süßmilch produzieren – da werden besser die Mütter in den Haushalten noch ein wenig dosieren. Für Pferde kommt das Abfallprodukt kaum zum Einsatz – höchstens als Kostprobe, vielleicht am Sonntag. Für Schweine gar nicht. Schweine ähneln in mancher Hinsicht sehr dem Menschen. Daher habe auch ich keine süßen Schnipsel gekaut – nur mal versuchsweise damit ein Pfeifchen gestopft. Ein starker Tobak!


Die Schweine wohnten zu jener Zeit (bis 1962) im Sommer in sogenannten Freiluft- "Schweinepilzen". Hier aber scheint mir eine Warnung angebracht: Die humorvollen Wortschöpfer führen jeden Laien unter den Lesern auf einen sinnbildlichen Irrweg, denn eine Vorstellung – "Aha! es handelt sich also um ein Bauwerk bestehend aus Stiel und Hut, etwa so, wie ein Steinpilz dreinschauend, nur eben hier eine Art Holzpilz", führt zu falschen Zielen, nämlich auf den Holzweg. Auch mit Trüffeln hat dieser "Schweinepilz" im Aussehen nichts gemein und liegt selbst weit entfernt von einer kühlen Blonden mit "s" an ihrem Ende.

Mein Aufklärungsversuch: Die Behausung sah ungefähr aus wie ein Ei dem ... dem Gestell einer Jurte, die gerade auf- oder auch abgebaut wird oder einer einfachsten Hütte im afrikanischen Busch. Durchsichtig durchlüftet also. Gefügt aus gewachsenem, kräftigen Stangenmaterial, wie es auch beim Bau der Einfriedung von Koppeln eingesetzt wird. Der Durchmesser dieses Bauwerks etwa 4 Meter. In der Mitte ein Zentralmast, ein "Knotenpunkt", als Auflager für die Sparren der Dachschrägen. Die Sparren deckelnd mit einer Bretter-Schalung verbunden, belegt mit Reet/Rohr. Sehr schön also vor meinem "geistigen Auge". Ach was, ich lege euch einfach mal eine grobe Skizze bei.

Diese Schweinehütten wurden im Herbst 1962 abgerissen. Die Tiere lebten dann in massiv gemauerten Schweinehäusern auf Betonboden mit kleinem Freiluft-Auslauf, einer angebauten "Terrasse" sozusagen. Sommer-Ferienreise in den Pilz war dann nicht mehr.

In der Schweineküche gab es täglich (auch sonntags) ungepellte gesunde Pell-Kartoffeln aus dem garenden Dämpfer, dessen heiße Wolken uns beim Entleeren, besonders im Winter, für einige Zeit die Sicht nahm und dessen Aroma dann den Schweinegeruch zeitweilig parfümierend überdeckte.

Mitten im Winter wechselte der Schweinemeister, da der alte Ausbilder in das Rentnerdasein stapfte. Ich sehe ihn noch deutlich vor mir, das betagte Vorkriegs-Küchenmesser in der Hand, mit dem er die schreienden Ferkel kastrierte. Die männlichen ihrer Art. In der Zeit nach seiner Ablösung kam er öfter zu Besuch – konnte noch nicht recht "loslassen". Irgendwie tat er uns leid, von nun an als Gast zusehen zu müssen, wie sein großes Lebenswerk (es erinnert mich an den herrlichen "Zigeunerbaron") nun von einem Jüngeren leicht verändert weitergeführt wurde. Aber unser Mit-Trauern hielt nur kurz an, denn die alten Futtereimer mit den tief eingerissenen Rändern "flogen fort" zu "Martin braucht Schrott" (als Beigabe für den Siemens-Martin-Schmelzofen in der Eisenerzverhüttung) und wir bekamen erstmals eine derbe Schürze, die unsere Arbeitskleidung vor dem Durchnässen und vor der Verschmutzung schützte, was sich besonders bei Minusgraden als angenehm zeigte. Der Wechsel brachte bei minimalem Aufwand einen guten "Aufschwung". Ja, ja neue Besen kehren gut. Und siehe da – es lässt sich also doch manches Gute verwirklichen, wenn die Leitung es nur will – sogar bei permanent knappen Kassen. Wir waren dankbar dafür. Und die Gastbesuche des alten Meisters wurden mit seiner Gewöhnung an das ruhige Dasein beim schmalen Ruhegeldempfang seltener. Gegen die winterliche Kälte füllten wir unsere etwas größer gewählten Gummistiefel mit Stroh-Häcksel / "Kaff" als Material zur Wärmedämmung für die Füße.




Geheimnis aus dem bäuerlichen Erfahrungsschatz für den Monat Januar / Hartung:


Ist der Januar hell und weiß – wird der Sommer sicher heiß.

Wenn's um Neujahr Regen gibt, um Ostern oft der Schnee noch liegt.

Ist feucht und mild der Januar – wenig taugt das ganze Jahr.

Steigt Nebel von gefror'nen Flüssen, so ist auf strengen Frost zu schließen.





Beispiel von Schildern in den Rinderställen, vor den Anbinde-Ständen der Kühe:



Kuh:


Ohrmarke-Nr:________ geb. _____________ Stall-Nr. ____________


GT ________________ ZL ___________ Leuk. Stat: __________


Vater _______________________ Mutter ______________________


Gekalbt ____________________


besamt ____________________ TU ___________________________


X Leistung __________ kg Milch, ________% Fett, ___________kg Fett








Datum

Milch kg

Fett %

Euter

vorn links vorn rechts










hinten links hinten rechts








Milchkuh: Emelie


Rasse:

Schwarzbuntes Niederungsvieh


Vater: Danilo


Mutter: Danula


Besamt: (Trächtigkeit etwa 279 Tage)


15. März 1962


Gekalbt:


02. November 1962


Durchschnittliche Leistungen:


13 kg Milch / d; 4.745 kg / a

3,96% Fett

181 kg Fett im Jahr

3,37% Eiweiß

165 kg Eiweiß im Jahr



Normale Durchschnitts-Körpertemperatur:

38,5 – 39,5°C





Beispiele für Schilder in den Schweineställen:



Das Betreten der Anlage ist nur

den Viehpflegern gestattet und

allen anderen Bürgern

streng verboten




... und vor jeder Box:



Sau: Nr.:


Gedeckt:


Geferkelt:


Wurf Stück:


Abgesetzt Stück:




Sau:



Jolante


Gedeckt:

(Trächtigkeit 113 bis 116 Tage =

3 Monate + 3 Wochen + 3Tage)


20. Dezember 1962


Geferkelt:


14. April 1963


Wurf:


10 Ferkel


Abgesetzt:

(Nach 8 Wochen im Sommer,

nach 11 Wochen im Winter)



7 Ferkel am 17. Juni 62

3 Ferkel am 28. Juni 62


Normale Durchschnittswerte:

Puls: 60 – 80 Schläge / Minute


Temperatur: 38 – 39,5 °C



Bucht Nr.

Datum

Stück

Fütterungs-

gruppe

Gewicht

[kg]

Gewichts-

zunahme [kg]

Zunahme je Schwein

je Tag [g]

Bemer-

kungen




















Zu den Schweineställen, die außerhalb des Dorfes in Richtung Kiesgrube lagen, fuhren wir mit den eigenen Fahrzeugen, zumeist mit Rädern – viele mit Pedalen, manche mit Motor ausgestattet. Im Winter, bei guten Schneeverhältnissen, zog auch mal ein Traktor in dunkel-früher Morgenstunde die gesamte Mannschaft auf einer Schleife (einem großen Schlitten) an einer Kette hinter sich her die verschneite, teils vereiste Dorfstraße entlang. Aber bitte beachten! Ich erwähne das nur, weil im Moment keine "Weißen Mäuse" zu sehen sind und ich schreibe das hier nur ganz leise auf – und als mahnendes Beispiel mit der dringenden Warnung: Macht so etwas bitte nie nach!!! Es brachte uns zwar Spaß aber es kann lebensgefährdend sein!!! Die Straßenverkehrsordnung sieht solche Art von Personentransporten nicht vor; verbietet so etwas prinzipiell.


Aus dem Alltag (Pflanzenproduktion)

Eine der ersten Aufgaben zum Lehrbeginn war für unsere Arbeitsgruppe das Entladen eines großen Anhängers, gefüllt mit Getreidekörnern. Er stand auf dem Gutshof vor der Schnapsbr... pardon, vor der Brennerei alkanolischen Destillats. Fünf Lehrlinge aus unserer Klasse hatten daran zu schaufeln. Unser Lehrausbilder, der erfahrene Herr Lobbes, wies uns in die Arbeit ein.

Er sah wieder nach uns, als wir diesen Auftrag ngst erledigt hatten und schon Erfahrungen aus unserer Vor-Lehrzeit tauschten. Sogleich zückte Herr Lobbes seine schwarze Kladde und verteilte die ersten Zensuren: Viermal eine 3 und einmal eine 1. Diese letzte Note erhielt Udo Kr. Auf unsere erstaunte Frage, wie diese hochqualitative Arbeitsbewertung zustande käme, für eine Leistung, bei der er als Ausbilder gar nicht anwesend war, meinte er überlegen aber schmunzelnd: "Udo kommt aus der Landwirtschaft und ist schon erfahren – ihr jüngeren Stadtjungen müsst den Umgang mit der Schaufel doch erst lernen und üben. Ich brauche da nichts sehen. Vertraut nur der Erfahrung und meiner Menschenkenntnis!"

Aha, so ist das. Na dann, Prost Mahlzeit. Nun, mit seiner Grundaussage hatte er schon recht – Udo stand zum Lehrbeginn im 19. Lebensjahr und ich war erst 16 Jahre alt.

So blieb es dann auch mit der Bewertungsweise für das gesamte Jahr. "Ich muss euch die Möglichkeit geben, dass ihr euch mit den Noten stetig steigern könnt". Herr Lobbes war stets gleichbleibend ruhig und freundlich zu uns.




Inzwischen ist es Juni – Brachet

Das jahrhundertealte bäuerliche Wissen gibt uns auf, den Rat zu beachten:


Stellt der Juni mild sich ein, wird's mild auch im September sein.

Nachts ein Regen, tags die Sonne – füll'n dem Bauern Scheun' und Tonne.

Wenn die Schwalben niedrig fliegen, werden wir bald Regen kriegen.




Wenn wir im Sommer Heu- und Strohfuhren heimbrachten, fuhren wir oft mit drei Pferden. Die junge Rappenstute Karin ("sie spielte rechts außen") musste als Bei-Pferd öfter ernsthaft ermuntert werden, den Kopf beim Traben hochzunehmen, um die Gefahr des Stolperns zu mindern. Zu gern schaute sie in zügigem Lauf wohl nach Ameisen – oder Feuerwanzen? Man war um sie sowie um die gesamte Fuhre in steter Sorge. Aber sie verstand uns recht gut und korrigierte ihre Haltung – bis es ihr dann wieder aus dem Sinn ging. Wenn ich mich richtig erinnere, fohlte sie 1963 erstmals und wurde eine gute Pferde-Mutter.

Beim Einlagern von Stroh musste darauf geachtet werden, dass die Fuhren auf dem Wagen möglichst hoch aber nie zu hoch gepackt wurden, damit die quaderförmigen Pressballen beim zügigen Einfahren nicht oben am "Torsturz" des großen Hallentores hängenblieben und die Pferde bei solch einem unbeabsichtigten abrupten Stopp etwa auf der leicht schrägen, glatten Betonfläche ausrutschten und stürzten.

Natürlich entsinne ich mich deutlich der Kartoffelernte auf den in der Länge und Breite nicht enden wollenden Schlägen (mit ihren leider recht niedrigen Ackerwertzahlen). In unseren Jahren bevorzugte man die Kartoffel-Sorten mit Vogelnamen wie "Star" und "Meise". Des Morgens aus der kalten feuchten Erde sammelnd, die dann später mit dem Steigen der Sonne in grauen märkischen Zuckersand mit der Fachbezeichnung "Ranker" verwandelt wurde. "Niednägel" bildeten sich sehr schnell an den Fingern.

Aber wieso überhaupt supergroße Äcker? Hatten wir nicht früher, noch in der Schule, die Vergleiche der hässlichen Großkapitalistischen Großflächen-Wirtschaft mit Bodenvernutzung in Gegenüberstellung zur vorbildlichen sowjetischen Ackergestaltung kennen gelernt, wo die Flächen in überschaubare "Beete" gegliedert wurden? Diese Ackerbeete wurden dort mittels Waldschutzstreifen voneinander getrennt. Mit Gehölz-Streifen, die vielen Tieren Lebensraum boten und die die Winderosion der Ackerkrume verhinderten, ganz hervorragend zusammenhängende Grünzüge darstellten. Traumhafte Verhältnisse! "Von Freunden sollt ihr lernen!" Wo sind bei uns in dieser Art gestaltete Ackerflächen? Gibt es sie auch später noch in der ruhmreichen Sowjetunion? Oder waren das eher sagenhafte Darstellungen wie mit Wotan, Freia und Baldur in Germanien?


Die Maschinen hatten gute Vorarbeit für unser Knollensammeln geleistet: Der Schleuderrad-Roder hinter dem Traktor bot uns die Knollen vom kühnen Schwung seiner Gabeln freigelegt und zur Seite gefegt zum Aufsammeln an. Ein Siebketten-Vorrats-Roder pflügte sie dagegen sanft hoch und breitete sie in mindestens zwei Reihen hinter sich aus.

Oder man sammelte momentan nicht, sondern war zeitweilig "Abträger" der vollen Kiepen. Auch saß man mal auf dem Traktor "Pionier" (40 PS) oder auf dem neueren "Famulus", die die vollen Kartoffel-Wagen fortbrachten oder man hockte auf dem leichten Geräteträger/Radschlepper RS 09 der zeitweilig trotz seiner nur 15-PS-Leistung als "Zugtier" selbst für die schweren Kartoffelwagen diente und diese Aufgabe wegen seines 8-Gang-Zweirichtungs-Getriebes sogar gut bewältigte.

Wie schmeckte da doch zwischendurch das köstliche Mahl, die Kartoffelsuppe, an des Feldes Rain, den Aluminiumlöffel in der Suppe, mit den rauh-sandigen Fingern umgriffen. (Bitte mit dem Alu-Löffel nicht versehentlich an eine Amalgamzahnfüllung kommen – "sowas verbindet").

Landwirtschaftliche Güter oder Produktions-Genossenschaften, die nicht über ein Lehrlingsheer verfügten, setzten in jener Zeit schon Vollerntemaschinen, sogenannte "Kartoffel-Kombines" ein. Wir aber wollten ja das Sammeln der Kartoffeln und das Tragen der Kiepen gern erst mal mehrjährig, gründlich "von der Pike auf" erlernen. Und Kombines kosteten auch viel Geld.




Aus dem Almanach der Landwirte für den Monat Dezember oder Julmond:


Vieler Regen, wenig Schnee tun Feldern und den Bäumen weh.

Der Schnee, er ist ein gutes Kleid, kommt er doch nur zur rechten Zeit.

Die Erde muss ihr Bett-Tuch haben, soll sie der Winterschlummer laben.

Nach reichlich Wind an Weihnachtstagen – auch reichlich Obst die Bäume tragen.

(Aber gemach – noch nicht gleich!)




Obschon das Jahr sich neigte, war bei weitem noch nicht "Plansilvester" im Volkseigenen Gut. Na gut. Als der Dezember-Schnee leise rieselte und andere Menschen an die Stille Nacht, Heilige Nacht oder zumindest an die sozialistische Jahresend-Feier dachten, wurde für uns gedacht, nun an die Ernte der restlichen Mohrrüben zu gehen. Erntezeit – schöne Zeit. Von Süßkartoffeln, die vor Zeiten wohl ausschließlich auf dem südamerikanischen Festland beheimatet waren, hatten wir bereits gehört. Auch davon, dass die süßen Zuckerrüben aus den Runkeln gezüchtet worden waren. Süße Mohrrüben jedoch? Im Winter? Was völlig Neugeschöpftes? Allerdings waren Füße und Finger bei diesem Geschäfte stark exponiert und es dunkelte am Nachmittag zeitig – die Rübchen hielten sich zum Sammeln dort auf, wo sie einst gesät/ausgedrillt worden waren, eben dort, wo der weiße Schnee gerade der frisch gepflügten dunklen Erde gewichen war. Wir konnten sie deshalb auch im fast Dunkeln an jener Hell-Dunkel-Leitlinie noch leidlich finden. Immer wenn die Maschine eine Runde gepflügt hatte, sammelten wir fix unser Strecken-Teilstück ab und hatten dann eine kurze Zeit, um gefrorene Süß-Möhren in der heißen Asche am "Lager"-Feuer zu garen und warm zu verspeisen, bis sich uns der Traktor mit Pflug in seiner nächsten Runde wieder näherte. "Frisch aus der Asche schmecken sie am Besten". Für die ursprünglich vorgesehene Nutzung waren angefrorene Möhren nicht mehr zu gebrauchen. Ob sich das ein Einzelbauer geleistet hätte – bezogen auf sein Ansehen im Dorf mit dem zu erwartenden Spott und dem wirtschaftlichen Verlust? Hier bei uns spielte es offenbar nicht die gleiche Rolle, hatte ein geringeres Gewicht. Warum es mit einem Erntetermin bei der Leitung nicht früher geklappt hatte? Ganz schön lange Leitung, ja?– Wir zumindest waren täglich anwesend, standen zum rechtzeitigen Einsatz zur Verfügung. Sogar zum herbstlichen Sondereinsatz. "Seid bereit! – Immer bereit!"


Ich sehe unseren Ausbilder Ernst Lobbes vor mir – nun aber wieder in der Wirklichkeit des Tages. Ich meine, er war wohl nicht der Mann vieler Worte. Wohl auch nicht der Mann großer Widerworte. Er hatte sich scheinbar eingerichtet. Er lächelte zum Thema des Tages bedeutsam still. Er kannte vielleicht Gründe und Hintergründe. Er stand als Wissender mit den Beinen in der landwirtschaftlichen Produktion. Wir sollten das erst lernen. Aber so? – In unseren Lehrlingsköpfen standen öfter mal Fragezeichen zu den Methoden des weiteren sozialistischen Aufbaus der Landwirtschaft. In der Industrie wird es vergleichbare Beispiele gegeben haben. Bloß konzentrierter. So falsch wie es gemacht wurde, musste es eben scheinbar sein, es ging wohl gar nicht anders und wurde zum Schluss als richtig angesehen oder zumindest so dargestellt, abgerechnet.

Der Genosse Rudolf Bahro wird später sinngemäß sagen: "Wie oft denkt man – dümmer gehts nimmer – aber die Realität beweist uns immer wieder – es geht, es geht!" Diesen Spruch hat wohl nicht Bahro erdacht – aber es gab viele die es täglich genau so sahen, die es mit ansehen mussten.


Geschieht etwas, dass wir als ungünstig, ungeschickt, dumm oder als verwerflich geneigt sind zu bezeichnen, dann hilft es wenig, daran festzuhalten, darüber zu schweigen, nur still darüber hinweg zu lächeln, um vielleicht "die eigene Autorität" scheinbar zu wahren. Eher wird dadurch "das Dumme" bewahrt, gehätschelt und gewinnt an Macht. Freimütig heißt es hier Ursachen und Wirkungen zu erkunden, um es das nächste Mal besser machen zu können. Ein Prozess, der ein gewisses Maß an Ehrlichkeit, Offenheit und Lernbereitschaft erfordert. Nur richtig angefasst und ausgeräumt kann eine überwundene Dummheit zum Motor für die Besserung werden.


Hier ein Erinnerungs-Ausflug: Eine nur wenig ältere gute Bekannte von mir bekam auch mal mit der Landwirtschaft Verbindung, denn sie wollte partout Lehrerin in der Stadt werden.

So hatten sie, diese noch etwas unsicheren, wenig lebenserfahrenen, 16-jährigen Stadtmädchen im ersten Lehrer-Studienjahr als pädagogische Übung im Fach "Agitation und Propaganda" den Auftrag, die alten Landwirte, die erfahrenen Bauern, die sich sträubten den LPGen beizutreten, aufzuklären. Darüber aufzuklären, welche fachlichen Vorteile es bringt, wenn man unter der führenden Rolle der Genossen mit festen Klassenstandpunkt, seine Kühe, die als echte Familienglieder galten, anderen Leuten in den Großstall zur Pflege übergibt, den Leuten, denen die Tiere vielleicht eher "0-8-15-egal" sein würden, den Leuten, deren Stärken und auch Schwächen jeder im Dorf kannte. Den Leuten, die eben vielleicht nicht mehr das Euter waschen und es fettend pflegen würden ... und so weiter. (Wir kennen und praktizieren das ja alles).

Die Mädchen, diese angehenden Lehrerinnen, sollten ohne eigenes landwirtschaftliches Wissen bei erfahrenen Bauern aufklärend wirken, beauftragt von Politniks, von denen mancher selbst kaum je eine Kuh gesehen, kaum eine Kartoffel gesammelt, kaum Kenntnis von der Landwirtschaft hatte, die es aber sehr wohl intensiv gelernt hatten oder es "von Natur aus beherrschten", Druck auf andere Menschen auszuüben.

Manch ein Landwirt zeigte den Lehrerinnen-Schülerinnen die Wachhunde seines Hofes oder wies mit dem Daumen rückwärts oder mit dem Zeigefinger am ausgestreckten Arm zum Ausgang ihres Grundstücks. Solche Versuche endeten wohl in der Überzahl mit wenig positiven Ergebnissen, waren kontraproduktiv. Durchschnittlich normal Denkende wussten das. Vorher. Gemacht wurde es trotzdem. Die Berichte innerhalb der Partei und in den Zeitungen ließen aber Hurra-Getön sehen, denn wie's auch kommt: "Die Partei hat immer recht" – und wenn sie auch auf ihrem Weg Unmengen an feinem, wertvollen Porzellan zerschlägt und das angepeilte Ziel verfehlt.

Trotz alledem: Wir haben schnurstracks zu gehen – (Lied): "Auf dem Wege weiter, den uns die Partei gewiesen ..." nicht etwa auf dem nach eigenem Denken, fundiertem Wissen und Können.

Dabei wäre vieles mit etwas Einfühlungsvermögen und kluger Wissensnutzung leichter gegangen, denn verschiedene Vorteile und Erleichterungen in einer Zusammenarbeit ließen sich ja nicht von der Hand weisen, als mit immer wiederholtem dümmlich-plump drohendem Druck, auch mit Lautsprecherkampagnen gegen Landwirte zu agieren, was viel zu viele bis 1961 in den Westen trieb, in die Gefängnisse brachte, zur Gleichgültigkeit abstumpfen ließ oder auch gar manchen zur Selbsttötung führte. Warum nur, wurde dieses wertvolle Potenzial (und schließlich nicht nur in der Landwirtschaft) von den Regierenden der SED jahrelang, jahrzehntelang sehenden Auges missachtet? Warum wurden Menschen, Nachbarn, fachlich-begründet Mahnende und kritisch-kreative Unterstützer der Republik als "negativ-feindliche Kräfte" gebrandmarkt, eher in ihrer Existenz bedroht, statt mit ihnen das Beste für das Volk und seine Wirtschaft zu nutzen?

Nicht jede lang anhaltende Kurzsichtigkeit kann ein Optiker korrigieren.

Und wir wissen ja: Die Vielzahl der Ungereimtheiten, die Maßnahmen, die oftmals Schwierigkeiten brachten, viele unsinnig erscheinende Weisungen der Regierenden, nicht etwa kameradschaftliche Zusammenarbeit der Besten, sondern das Aufrechterhalten des absoluten Machtanspruchs der "Führungsrolle der SED" um jeden Preis und damit schließlich dieser Art von DDR, war nur möglich, durch die Stützung seitens der Sowjetunion und ihrer hier stationierten Streitkräfte sowie durch das von dieser Partei für sich selbst geschaffene, sie "beschützende Schild und hinrichtende Schwert": der "Organe des Ministeriums für Staatssicherheit", von deren Chef gerne als "wir Tschekisten" bezeichnet. Gewiss agierte deren ebenfalls SED-Personalbestand auch selbständig – aber die SED war mit ihren Führungskräften der Auftraggeber für die Gräueltaten gegen die eigene Bevölkerung, für Überwachung, für geplante Zersetzung, für Diskriminierung, für Unterdrückung, für das Wegsperren in Gefängnisse und Zuchthäuser, für Folter und Hinrichtung mit und ohne Gerichtsverfahren und -urteile bzw. für Mord. Die SED mit ihren maßgeblichen Kadern im Zentralkomitee und Politbüro, bis hinunter zu den Bezirks- und Kreisverwaltungen war der Auftraggeber für die Ausführenden der Staatssicherheit.

Ein Blick in die Zukunft: So werden es bis zu etwa 90.000 hauptamtliche Mitarbeiter der Stasi, zuzüglich 170.000 bis 180.000 nebenberufliche Informelle Mitarbeiter (Spitzel) sein. Es kamen auf jeweils etwa 180 DDR-Bürger zu deren Überwachung 1 hauptberuflicher Stasi-Mitarbeiter und

2 weitere nebenberufliche oder "ehrenamtliche" Spitzel.

Im Vaterland des Kommunismus und der Überwachung, der Sowjetunion, war es "nur" 1 KGB-Mitarbeiter auf etwa 600 Einwohner.

Allein von den rund zwei Millionen SED-Mitgliedern waren wohl schon etwa 4,5% hauptamtliche Stasi-Mitarbeiter, zuzüglich der IM, von denen schätzungsweise die Hälfte ebenfalls Mitglieder der SED waren. (Quelle: XVIII. Bautzen-Forum, 2007, Eisel/Giesecke, Friedrich-Ebert-Stiftung).

Die Quelle für diesen "Kaderbestand" waren die Ausbildungsstätten. So die bei dem Dorf Golm bei Potsdam – ab 1965 dann dort mit neuem Decknamen: "Juristische Hochschule der DDR" mit ihren nachgeordneten Fachschulen. Stätten, in denen etwa 30.000 Personen in der Aus- und Weiterbildung alle Techniken des "Stasi-Rüstzeugs" erwarben. Psychologisch und handwerklich. In dieser "Juristischen Hochschule" erwarben 4.492 hauptberufliche Mitarbeiter ihren Stasi-Diplom-Abschluss und 485 promovierten hier zum Dr. jur. der Stasi. So auch der Oberst Dr. Alexander Schalck-Golodkowski, der "geheime kommerzielle Koordinator", der seine Doktorarbeit über die Möglichkeiten der Erwirtschaftung / Beschaffung zusätzlicher Devisen, harter Währung (auch durch Diebstahl, Raub und Erpressung) für die DDR-Führung, schrieb. – Beschaffung auch mit Methoden, die wiederum eine Anzahl unserer Menschen zum Ausreiseantrag oder auch in den Tod trieb.

Der vormals wohl eher mittelmäßige Schüler, spätere Mörder, dann gefährliche Minister und Stasi-General Erich Mielke gehörte zu Schalcks "Doktorvätern". "Natürlich" werden diesen Leuten, die andere Menschen oft grundlos quälten, auch nach dem Beitritt der DDR zur BRD ihre akademischen Abschlüsse weiterhin anerkannt. Und deren sehr gute Gehälter bilden dann auch eine sehr gute Grundlage für eine weit überdurchschnittliche staatliche Altersversorgung in der BRD. Der Dank des Vaterlandes ist treuen Dienern gewiss. Darüber kann so mancher ehrliche, fleißige Arbeiter wohl nur staunen.

Und wieviele SED-Mitglieder haben später nach der "politischen Wende" (so, wie es wohl in jeder Zeitepoche und in jeder Gesellschaftsordnung üblich war) gesagt: "Ach, davon habe ich ja gar nichts gewusst." Oder: "Ich war doch nur so ein kleines und unbedeutenden Rädchen im Getriebe und habe überhaupt nichts von Bedeutung mitentschieden, nicht einmal mitbekommen".

Gewiss ist auch: durchaus nicht jeder Bürger wurde mit der Stasi in einer für ihn dramatischen Art und Weise konfrontiert. Und vielen wurde die Überwachung durch Unauffällige, seitens guter Bekannter, Arbeitskollegen, Nachbarn, durch Ehepartner, auch nicht immer bewusst. –


Nun, das hier Notierte ist nur meine Ansicht. Es gab auch in nächster Umgebung Lehrlinge, die kaum empfinden, kaum selbst denken, kaum selbst erfahren und danach handeln wollten. Einer unser Mitschüler strebte an, hier in Beuthen eine Berufsgrundlage schaffen aber nicht weiterhin in der Landwirtschaft tätig sein. Offizier zu werden war sein Ziel, wie sein Vater es war. Mit ihm (dem Sohn) war es kaum möglich, ein Gespräch über gesellschaftspolitische Fragen der Zeit zu führen. Für ihn war schon vor einem Gesprächsbeginn alles klar: "Was Zentralkomitee und Politbüro der SED vorgeben, das ist richtig. Was die Partei beschließt, das wird sein! Punktum. Schluss mit dem Beginn einer Diskussion. Da schien mir einfach Achtsamkeit und Zurückhaltung geboten. Gewiss formt uns die Erziehung bedeutend. Den Einen mehr, den andern weniger dauerhaft.

Wir übersehen nicht, vergessen auch nichts vom Guten, das uns im täglichen Leben begegnete, das wir durchlebten, das wir achteten und genießen durften! Damals so wie heute.

Die Partei- und Staatsführung hatte schon früh, ach, so schöne Sprüche über die Sozialistische Landwirtschaft heraus gebracht. Es waren viele Dichtwerke solcher Art:




Wenn auch viele gingen, in die deutsche Bundesrepublik flüchteten oder es versuchten – "wir" aber träumten nicht vom Weggehen in ein Land "Utopia". Ich hörte 'mal den frühen Treueschwur: "Und ist der Weg auch hulperich – wir bleiben doch bei Ulberich! ... & Co!


Viel später wird manches an Nebensächlichkeiten verändert sein, als die Partei und Regierung als Hilfe zur Mobilisierung von Reserven die Neuerbewegung, das Neuererwesen für sich entdeckt. Von dieser Zeit an hieß es: Macht individuelle Neuerervorschläge (in der BRD: Verbesserungs-Vorschläge), schließt gezielte Neuerervereinbarungen ab. Guckt, wie es andere Betriebe schaffen und schließt dazu Nachnutzungsverträge über deren Ideen zum gegenseitigen Vorteil. Gebt Selbstverpflichtungen in eurem PSP ab (Persönlich-Schöpferischer-Plan). Erstürmt die Höhen der Wissenschaft. Bringt eure Spitzenprodukte auf die "MMM" (Messe der Meister von Morgen / in der BRD: "Jugend forscht"). Den Titel "Kollektiv der Sozialistischen Arbeit" könnt ihr erringen, wenn ihr euch zu hervorragenden Leistungen ... verpflichtet und diese nachweisbar abrechnet. Und stets auch: "Von Freunden lernen – heißt siegen lernen".

Eben, viel später. Na ja, alles sehr schön. Auch ich war dabei – mit des Kopfes klarem Verstand, mit den Händen die keine Arbeit scheuten und sehr oft mit dem Herzen.

Doch dann gab es auch gleich wieder die Staatliche Planauflage, die zu erfüllen war, um die Wirtschaft über Wasser zu halten. Die als Antwort aufgeschriebene Übererfüllung der Vorgabe, die oft erpressten Meldungen oder schleimdienernden Falsch-Erfolgsabrechnungen, die der Realität entgegenstanden, war "eine Ehrensache". Und auch mit solcher ließen sich (selbstverständlich) Prämien, Orden, Urkunden und Blümchen gewinnen.


Was sonst noch geschah



Aus dem landwirtschaftlichen Erfahrungsschatz der Natur-Beobachtung:

Gerad' im Monat Ernting, dem August, ist Erntezeit.


Große Dürre schadet wohl aber sie verdirbt nicht.

Ein trockenes Jahr ist nicht unfruchtbar.

Wenns im August nicht regnet – der Winter wird mit Schnee gesegnet.

Bei rotem Mond und hellen Sternen sind die Gewitter oft nicht ferne.



Spitznamensfindung oder auch spitzfindige Namensbildung! Es begab sich also in den ersten Tagen der Lehrzeit, dass die konventionellen, einst von den Eltern gewählten Vornamen der nunmehrigen Lehrlinge mit ansprechenden Rufnamen frisch überdeckt werden sollten. Ich stand etwas abseits doch Harald Ku. und Klaus Ei. (sein Name ging in Wirklichkeit noch weiter) riefen mich ... mal mit "Jimmy", mal versuchten sie es mit "Charlie", dann probierten sie es mit "Johnny" (das kam meiner Familiennamenswurzel zwar schon sehr nahe, passte mir aber nicht). Vielleicht waren sie kurz vor dem Ende ihrer Bemühungen und verlegten sich auf "Goofy" und ich reagierte endlich und trabte an. Goofy – im Deutschen will es bedeuten: "Das Dummerchen" oder auch "der Trottel". Das war doch was für mich! Wie sagte doch sogar unser Lehrausbilder Herr Lobbes ganz im Ernst? Ihr könnt noch nichts. Ich werde euch mit meiner Benotung die Gelegenheit geben, dass ihr eure Zensuren langsam stetig steigern könnt. Goofy – darin liegt doch ein ungeahntes Potential – in einer absehbaren Zeit vom Trottel zum Normalbürger aufsteigen, ist doch erheblich wertvoller, als das, was ich bisher über einige Politiker und deren Helfer ausführte, die fast als Spitzenfunktionäre begannen, unbeliebt bis gefürchtet waren und mehr oder weniger kläglich endeten.

Na ja, die Spitznamen-Wahl fand in den ersten Tagen statt, als man noch nicht direkt nach Charaktereigenschaften oder Leistungsvermögen aussuchen konnte, sondern "nur so" die Auswahl traf ... vielleicht nach "edlem Klang".

Doch wie schon angedeutet: Bei mir sollte es in der Entwicklung stets nur aufwärts gehen! Und so erfüllte es sich auch.

Mich begleitete dieser freundliche Spitzname, für den Harald Ku. verantwortlich zeichnet, bis heute. Ich bin ihm dankbar dafür. Er hielt mich, wenn auch unbeabsichtigt, an, den Lebensumständen nie überheblich, sondern stets mit einer gewissen Demut aber mit der Kraft des Denkens zu begegnen und danach zu handeln. Seit mehr als zwanzig Jahren wohne ich sogar in der GoFi – Straße. Es ist in der Stadt Potsdam die Straße "Golmer Fichten". Das ist ganz charakteristisch genau dort, wo kein Nadelbaum zu finden ist.


Vorhin hatte ich kurz im Sekretariat zu tun. Auf dem Schreibtisch von Frau Mal. lagen zahlreiche braune Schnellhefter, neu eingerichtet, mit jeweils dem Namen eines Lehrlings beschriftet. Aha, das wird die "Kaderakte" sein. Ein Teil ist wohl so leer, wie ein unbeschriebenes Blatt Papier, andere, das werden wir später wissen, enthalten bereits Einträge aus der Kindergarten- oder der Schulzeit. Diese Akte wird mit ihrem Inhalt für einen Jeden von uns ein Geheimnis sein und bleiben. Nur Kaderleiter (Personalchefs),"andere berechtigte Personen" und Vertreter "staatlicher Organe" dürfen Einblick nehmen. Das bedeutet: Nicht jeder Betrieb legt sich für die Dauer des Beschäftigungszeitraumes solch eine Kladde an, nein, die einmal begonnenen Aufzeichnungen "wandern das gesamte Arbeitsleben des Menschen von Betrieb zu Betrieb mit". Jeder der Berechtigten soll wissen, was mit diesem Bürger los ist. Die Akte wächst im Umfang, denn jeder Berechtigte darf sich darin auslassen, lediglich der Betroffene nicht. Er darf es auch nicht lesen. Ich selber werde meine Akte (dann schon in der BRD-Zeit) zum Eintritt ins Rentenalter durchblättern dürfen.


Die Mähdrescherfahrer der E 512-Kombines (Getreide-Vollernte-Maschinen) wurden in der Zeitung stolz „Unsere Erntekapitäne“ genannt. Es kann nicht wo überall zeitgleich geerntet werden. Die teuren Mähdrescher stellen eine „Zentrale Erntetechnik“ dar. Mit ihnen wird in mehreren Bezirken nacheinander gearbeitet. So fahren die relativ langsamen und sehr breiten Maschinen in Konvois auch auf den "schnellen Autobahnen" zu den nächsten Einsatzorten. Das waren aber keine schlimmen Hindernisse. Die Autobahnen in der DDR waren "in unserer Zeit" meist ziemlich leer.


Als mein Moped mal streikte, hockte ich hinter einem Traktor auf einem Milchsammel-Anhänger und fuhr so mit nach Potsdam. Auf dem Anhänger stand bereits unser großer voller Aluminiumtank aus dem Melkhaus des VEG – und ich hob auf dem Wege die weiteren Kannen von den Milch-Bänken auf den Hänger hinüber. Das freute den Fahrer, den Traktoristen, der die Milch zur Molkerei Potsdam, Leninallee, zu bringen hatte.

Ein anderes Mal ging ich nachts zu Fuß von Großbeuthen nach Babelsberg. Es war (und ist) eine Strecke von 21 km; nur eine halbe Marathon-Distanz. Manches war leicht möglich. Ich erwähne es, denn es war damals wichtig, es war ja damals nur möglich mit einem eigenen Fahrzeug oder zu Fuß gut nach Großbeuthen zu gelangen.



Der Bauer kennt die September-Sprüche aus der Zeit vor dem jüngeren Klimawandel:


An einem gut' Gewitter-Regen, ist uns Bauern doch viel gelegen.

Wenn du vorm Blitz nur sicher bist – gewalt'ges Donnern schadet nicht.

Die gefährlichsten Sommer sind auch die fruchtbarsten.

Septemberwetter warm und klar – das gibt ein gutes nächstes Jahr.



Im September waren Christian Fe. und Christoph Ja. Kühe hüten, etwas entfernt vom Ort. Ein frühherbstliches Spätsommer-Gewitter zog auf. Wir suchten den Regenschutz in einer Feldscheune und tauschten viele Erfahrungen über unser langes, rund 17 Jahre altes Leben aus. Bald war der Regen fort – aber die Kühe auch – und wir konnten rennen wie die Hasen, um die lieben milchspendenden Horntiere wieder einzufangen. Auch aus Fehlern lernen wir gut für's Leben. Die Rinder trugen damals selbstredend stolz und wehrhaft ihre Hörner. Nach getaner Einfang-Arbeit schien uns das anschließende Abendessen etwas knapper als sonst und hat wieder vorzüglich geschmeckt.


Werner Ro. besaß als erster von uns ein West-Nylon-Hemd. "Welch Erstaunen", wie er es (vor allem den Kragen innen) mit einem Schwämmchen einfach schnell im Waschbecken reinigte und nach Sonnen- und Windtrocknung schon kurz darauf wieder anzog. Na ja, als ich viel später auch mal ein solches Hemd hatte, merkte ich schnell wie unangenehm man darin verstärkt transpirierte.




Im Märzen der Bauer ... oder ... Im Lenzing der Buer ... :

Graue Wolken, starker Wind, selten ohne Regen sind.

Nicht immer kommt ein Regen, wenn Wolken sich bewegen.

Wenn bei dir die Drossel schreit, dann ist der Lenz nicht mehr so weit.



Ich wurde neulich freundlich darauf aufmerksam gemacht, dass ich in der ersten Ausführung meines Berichtes das nun folgende kleine Ereignis vergessen hätte und doch nachtragen solle. Also: Ich hatte es natürlich nicht vergessen, doch ich schreibe nicht alles auf und bewahre ohnehin stets absolutes Stillschweigen, die Diskretion, wenn Belange auch noch anderer Menschen berührt werden. Aber wenn es nun wirklich geschrieben werden soll, dann frischauf: Im Frühjahr 1963 wurde eines unserer vielen Mädchen, die liebreizende G., von plötzlichen grässlichen Bauchschmerzen geplagt. Sie musste zur ärztlichen Untersuchung ... und kam nicht mehr zurück – vorerst – aber später dann wesentlich erleichtert. Im Krankenhaus Ludwigsfelde, Außenstelle Gröben, ließ sie den schrecklich entzündeten Wurmfortsatz ihres Blinddarms. Für immer. Das war zu "unserer Zeit", als es noch nicht so wie heute üblich war, mit kleiner Spritze süß zu schlummern bis alles vorbei und der Bauch wieder zugenäht war. Nein, damals gab es gleich Äther auf den noch wachen, "lebendigen" Menschen – bis man das entsetzliche Erstickungsgefühl der Sauerstoffarmut nicht mehr aushielt und dann "im letzten Moment" einschlief. Ich weiß das noch so genau, weil ich es eine Weile vor der G., an mir selbst erlebt hatte.

Im Krankenhaus, also im Gesundungsgebäude, traf ich geraume Zeit nach der Operation etwa zeitgleich mit G's Eltern zum Besuch ein. Ich wartete also und hatte die Zeit, mich gedanklich in die bereits vergangene Situation hinein zu fühlen, roch wieder den Narkose-Äther, erlebte erneut das Erstickungsgefühl, sah vor meinem "geistigen Auge" den Film wie die Medizinmenschen in des schönen Mädchens geöffnetem Bauch hilfreich herum schnipperten, hörte wie die mir bekannten Instrumente klapperten, einrasteten, sah die Tampons neu-weiß und benutzt-rot. Ich konnte noch nachträglich die Prozedur genau verfolgen. Vor lauter leisem und tiefem Mitgefühl wurde meinem Blut-Kreislauf plötzlich schlecht dabei, ich fühlte den Blutdruck rapide sinken, so dass ich nur noch rote und schwarze Tupfer vor mir tanzen sah, mir einen Moment später völlig schwarz vor Augen war und mir "der Boden unter den Füßen weggezogen wurde", ich für einen Moment "wegtrat". Bisher hatte ich eben nur die Gelegenheit gehabt, interessiert in verschiedene geöffnete Tierbäuche Einblick zu nehmen aber in ein freundliches Mädchen hinein, hatte ich noch nie so tief geblickt. Nicht mal in dessen Augen. Das war etwas völlig anderes! So, das sollte ich noch erwähnen, um den Bericht unserer Lehr-Erlebnisse abzurunden und weil es ja wahr war. 'Wa?.



Aus dem bäuerlichen Spruchbeutel für den lieblichen Monat Mai

oder auch Wonnemond genannt – geschüttet:


Wenn die Sonne scheint sehr bleich, ist die Luft an Regen reich.

Hat der Mond heut einen Ring, 's folget Nässe allerdings.



"1. Mai! Kampf- und Feiertag der werktätigen Massen! Kampf- und Feiertag der Klasse der Arbeiter und Bauern im unverbrüchlichen Verbund mit den anderen Werktätigen". "Erster Mai, erster Mai, alle Menschen werden frei!" (Letztgenannter Spruch wurde zu jener Zeit vorsichtshalber schon nicht mehr gerufen – das ist bei mir aus Tradition so drin – und als konservierte Zukunftsmusik).

Damals war es guter Brauch und also Sitte, dass wir zur machtvollen Kampfdemonstration feierlich gekleidet auf der Ladefläche der Anhänger hinter den Traktoren Platz nahmen und dieselnd nach Siethen zum Hauptsitz des VEG töfften. Dort angekommen, marschierten wir dreimal um die Kirche (mit dem eher verhaltenen, textarmen Brummen markiger Kampfeslieder auf den Lippen), was im Anschluss an die Ansprachen in eine Art Kleinkirmes mündete. Sehr schön war das.

Viel fröhlicher war es hier in Siethen und Großbeuthen, als bei unseren vorherigen jahrelang geübten, disziplinierend bewachten Schulmarschierereien von Babelsberg nach Potsdam zur Haupttribüne am "Platz der Nationen", mit den irre langen Stau-Steh-Aufenthalten. Das Einfädeln der Demonstranten, die aus zwei Straßen kamen und am "Leipziger Dreieck" zu einem Y-Menschen-Hauptstrom zusammen geführt werden sollten, hatte in der Praxis nie geklappt. Wir kennen das funktionierende Prinzip vom Reißverschluss und vom Plakatbild des Vereinigungs-Parteitages der kleinen KPD mit der großen SPD. Dort lief alles wie gemalt. Offenbar waren "in meinen Jahren" zu viele verpflichtete interessierte Teilnehmer unterwegs und zu viele inkompetente "Ordner" noch dazu.




Im Juli (Heuert) singen manche Bauernkinder:

Liebe, liebe Sonne lass den Regen oben, dann wollen wir dich loben.

Die Pflanzen aber singen (noch etwas leiser aber eine Oktave höher):

Lieber, lieber Regen, komm' ein bisschen runter, mach uns frisch und munter.


Nie wird hier ein Bauer arm, ists im Juli feucht und warm




Den Staub abzuspülen, hatten wir bei Großbeuthen am Ortsausgang, also in Richtung der Schweinezucht- und Mastanlage die ehemalige Kiesgrube. Sie war voll Wasser gelaufen und sie war angenehm für "unsere Nutzung". Erstaunlicher Weise war aber auch diese beim Füllvorgang nicht übergelaufen – jemand hatte die Zulaufquelle gerade noch rechtzeitig abgestellt. "Unsere Nutzung" bedeutet hier ganz kumpelhaft: Für die Menschen und unsere Pferde. Mit den Amöben und Kaulquappen badeten wir sowieso gemeinsam und an dramatische Zusammenstöße mit Fischen kann ich mich nicht erinnern. Die Kiesgrube, unser See, war groß genug, romantisch gelegen, teilweise von Bäumen umstanden und mit einer Insel versehen. Herr Bruno Abromeit, ihr wisst schon, der zeitgenössische Leiter der Betriebsberufsschule – bitte den Namen etwas "härter" aussprechen, denn seine Sippe kam aus der Gegend Litauens –, hatte in seiner Fürsorglichkeit und in Erwartung von Lehrlingen, die vielleicht der Schwimmkunst noch nicht mächtig seien, von einer Raupe mit Schiebeschild (Kettenschlepper) am Rand des Gewässers zusätzlich das flache, bald nach ihm zu seiner Ehre benannte "Abromeit-Planschbecken" ausschürfen lassen (oh nein, bitte nicht: "ausschlürfen" lesen), das jedoch unter der Ufererosion bald wieder versandete. Aber die Kaulquappen und ihre Froscheltern waren zeitweilig voll des Dankes dafür. Die Kiesgrube – ein herrliches "Naherholungsgebiet" für uns. Joachim sagte noch viel später voller Freude (bitte nicht lesen, sondern nur zuhören – das ist effektvoller): "Wenn ich meinen See seh', brauche ich kein Meer mehr". Zwar haben das schon mehrere Leute so empfunden und gesagt aber Schönes im Leben soll man ruhig öfter wiederholen.

Herrlich war es an unserem See, bis dass es später die befreundeten, in Militärmäntel gehüllten Sowjetmenschen ebenfalls erkannten, es annektierten und daraus ein Übungsbad zur Ertüchtigung ihrer Kampfeskraft mit Schwimmpanzern und ähnlichem kriegerischen Verteidigungsgerät machten. Die spätestens ab 1994 herrenlose Kommando-Zentrale ragte noch weit ins 21. Jahrhundert hinein, als ein Mahnmal an die Zeit des "Kalten Krieges". Den vielen Jungsozialisten des Volkseigenen Gutes und den Dorfbewohnern blieben aber auch in jener Zeit durchaus das häusliche Waschbecken und, wer hatte, die Dusche. Trotz all dieses neuzeitlichen Komforts: in unserer alten Zeit hatten wir Jungen es eben noch viel schöner.

Joachim B. hatte den Zugang zu den schönsten Schallplatten, die er bereitwillig zu Gehör brachte und sogar durfte. Es wurde bei öffiziösen Veranstaltungen im Speisesaal nur darauf hingewiesen, dass er als Diskjockey die vorgegebene 60/40-Mindest-Quotenregelung einzuhalten habe. (Anteile der Schlager: Ost/West). Nicht immer klappte es so vollends – das störte niemanden von uns. Wir waren ihm dankbar und freuten uns alle!


Grund zur Freude gab es immer wieder: Es ist kein Geheimnis, dass eine Anzahl von Lehrlingen heiratete (ich meine hier miteinander unter-/ und übereinander, also nicht nur nach "auswärts").




Landwirtschaftliche Erfahrungen für den Oktober oder Gilbhart:


Wenn der Nebel fällt zur Erden, wird bald gutes Wetter werden.

Zieht der Nebel Richtung Dach, folgt bald größ'rer Regen nach.




Tradition war das "Herbstcross" für die Lehrlinge mit ihren Privatfahrzeugen. Das Überstehen eines Geschicklichkeitsturniers, so wie ich es schon damals im Verkehrserziehungs-Zirkel meiner alten Babelsberger Schule praktiziert hatte, war gefragt, darunter auch das Einhand-Kreisfahren mit dem Wasserglas in der Hand. Die übliche Wippe, die Spurgasse, gefolgt vom Bezwingen einer sich anschließenden Trial-Geländestrecke. Ein technischer Defekt an meinem Moped ließ mich auf diesem letzten Teilstück zeitlich weit nach hinten fallen. Da lieh mir Bernd He., der nur als Zuschauer gekommen war, sein Jawa-Moped – ach war das ein niedriges und kurzes Dingel. Damit hätte ich in der Slalomkurvengasse (die leider schon hinter mir lag) ein "leichteres Spiel" gehabt. Nun, "eine goldene Palme" konnte ich nicht gewinnen aber schon das Dabeisein hat Spaß gemacht.

Unser Mitschüler Werner Ro., der Athlet unter den Lehrlingen, nannte ein Motorrad vom Typ RT 125/3 sein eigen. "RT" – stand selbst in der DDR noch immer für "Reichs-Typ", abgeleitet von "Deutsches Reich". Eine ursprüngliche Vorkriegs-Entwicklung von DKW, ein sehr zuverlässiges kleines Gefährt, das in der Nachkriegszeit in mehreren Ländern Nachahmung (oder richtiger: "Abkupferung") erfuhr. Es war bei seinem Maschinchen wohl ein ungewöhnlich zeitig eingestellter Zündzeitpunkt, die "Frühzündung" daran schuld, dass er uns seine Zirkusvorstellungen bieten konnte. Auf jeden Fall war es so, dass die Pleuelstange die Kurbelwelle auch mal anders herum antreiben konnte und diese wirkte übers Getriebe genauso auf das Hinterrad, so dass es ihm möglich war rückwärts zu fahren. Aber eben: nicht nur rückwärts. Eintrittsgeld hat er für seine Vorführungen nie genommen.


Im zweiten Lehrjahr wird die Klasse dann mal zu einer Veranstaltung in die Berliner "Volksbühne" fahren und auch ins Kino, beispielsweise zu "Die Abenteuer des Werner Holt".



Spätherbst-Erkenntnisse im Monat "Nebelung":

Der Abend rot und weiß der Morgen – so macht das Wetter keine Sorgen.

Im November Morgenrot – ein gar langer Regen droht.


Bei Hannelore Bo. hatte ich die Ehre, einen Beitrag für ihre Poesie-Sammlung zu leisten. Doch so schnell fiel mir nichts Gescheites und außerdem Passendes ein. Es hatte eine deftige Anmutung des Patheto-Theatralischen, als ich ihr aufschrieb: "Das sind die Starken, die unter Tränen lachen, ihr eigenes Leid vergessen und andere fröhlich machen". (Liebe Hannelore, heute würde ich etwas anderes notieren). Und sie erwiderte freundlich, obwohl ich ja gar kein Poesiealbum führte: "Immer strebe zum Ganzen! Und kannst Du selber kein Ganzes werden, schließ' als dienendes Glied an ein Ganzes Dich an". Das also ist ihr Rezept für einen Goofy.

Erst später erkannte ich, dass der Arzt und Dichter Friedrich Schiller auch schon ähnlich Gutes aufgeschrieben hatte. Klassiker sind für uns stets aktuell. Vorerst will ich mal ohne Strebertum streben und mich noch nicht gleich dienend anschließen. Aber trotzdem: Ein Austausch, der vor einem halben Jahrhundert binnen weniger Minuten stattfand aber noch heute präsent ist. Wie so vieles. Schön.


Horst Sch. erhält von unserem Lehrer Herrn Brandt, eine mündliche Anerkennung: In einem (Lehr)-Jahr hat er es geschafft, sich dass Spielen der Gitarre fast ganz alleine beizubringen – mit einigen guten Ratschlägen und Übungsunterstützungen Erfahrener.


Unwichtige "Randnotiz" zu der ewig jungen Frage an mich, warum ich nur ein Jahr in Großbeuthen weilte – über drei Jahre Lehrzeit hätte ich doch ein wenig mehr zu berichten gewusst. Das war so: Nach einem kleinen Ausrutscher und anschließenden anhaltenden Schmerzen im unteren Rückenbereich, überwies mich die Poliklinik Ludwigsfelde vorsichtshalber sofort zur orthopädisch-chirurgischen Klinik nach Potsdam-Babelsberg. Ich blieb gleich dort vom Mai bis zum Juli 1963. Hier bekam ich eine individuell angeformte "Liegemolle" aus Gips, die die unter Belastung durcheinander geratenen Wirbelstellungen korrigieren sollte. Bei der Entlassung aus der Klinik bekam ich die Gipsschale mit nach Großbeuthen (für die Zeit der Nachtruhe) und den guten Rat, die gerade hingebogenen Wirbel bloß nicht wieder gleichermaßen zu belasten, die landwirtschaftliche Tätigkeit und somit diese Lehre aufzugeben.


In den "Sommerferien", im Monat August, fuhren wir Beuthener zu den so genannten Studientagen an die Ostsee und ich durfte trotz der bevorstehenden Auflösung des Lehrvertrages noch mit fahren. Vormittags Schulunterricht, am Nachmittag Freizeit. Schlafen in Zelten, die Schlafdecken mit dem wichtigen Aufdruck "Fußende" versehen, um mit jener Seite lieber nicht die Nase zu bedecken. Diese Tage waren mit erlebnisreichen Ausflügen nach Rostock (Hafenrundfahrt), Bad Doberan (Eisenbahn "Molly") und Kühlungsborn (Bäderarchitektur) und weiteren Besichtigungen ausgestaltet. Zahlreiche erfreuliche Angebote innerhalb unserer kleinen Welt. Abstand vom Rhythmus des Alltags.

Uns geht es gut. Ja, mit mancher kleineren Unzulänglichkeit und trotz "grundsätzlich erscheinender politisch-ideologischen Unstimmigkeiten da oben", lebten wir auch in Großbeuthen freundlich "unser normales Leben".

Ein Jahr ist vorüber

Vor dem Beginn des neuen Lehrjahres wurde der Lehrvertrag dann im gegenseitigen Einverständnis aufgelöst. Schade aber notwendig. So werte ich denn die Zeit in Großbeuthen zumindest als ein wertvolles berufspraktisches Jahr. Nur zwölf Monate, die ich aber nicht missen möchte. Ein Jahr für die weitere Orientierung im Leben.

"Vielleicht wird trotzdem doch noch irgendetwas Vernünftiges aus mir" – sagte ich mir damals, mich plötzlich etwas einsam sehend.

Nun, ich wurde also kein voll ausgebildeter Bauer, auch kein Veterinär-Medizinmann. Rückschauend stelle ich heute fest: Trotzdem fand ich durchaus meine guten Wege durch das Berufsleben. Das lebenslange Lernen, die Tätigkeiten, die ich wählte, waren in ihren Spektren vielseitig angelegt, abwechselungsreich, stellten stets neuartige Anforderungen. Ich konnte es im gesellschaftlichen Kontext so gestalten, dass rückblickend nichts zu bereuen war – außer, dass ich das Leben, die Erlebnisse einiger Großbeuthener und Ludwigsfelder freundlicher Menschen nun nicht mehr so gut miterleben konnte und zum Beispiel auf den spannenden Unterricht des Herrn Brandt verzichten musste. Ansonsten: Ein späteres prall gefülltes, buntes Arbeitsleben! Doch so weit sind wir noch nicht.



Immer noch besuchte ich nach meinem Ausscheiden meine Kumpels in Großbeuthen in unregelmäßigen größeren Abständen – versuche die Kontakte zu halten.

So kann ich euch erzählen:

Vorige Woche fragte mich Heidi Sch., ob ich mich preisgünstig um ihre Hunde-Welpchen kümmern könnte? Na klar – ein paar Tage später bekamen sie ihre Wurmkur in Beuthen und danach die Anti-Staupe-Impfung in der Babelsberger Tierarztpraxis.

Am heutigen Sonnabend speiste ich "auswärts" in Blankenfelde, August-Bebel-Straße 35. Ein schöner Tag, um bei Karins Mutter eine Ganztags-Runde Holz zu hacken.

Udo Kriese war 1964 ein wichtiger Schauspieler in der Verfilmung des Buches von 1962: "Egon und das achte Weltwunder". Autor: Joachim Wohlgemuth. 1964 erschien der Film von Christian Steinke, DEFA-Studio für Spielfilme, Potsdam-Babelsberg. Ein etwas verzwickter Stoff, vielleicht ein bisschen sehr unwirklich erscheinend. Der Rabauke und Bauhilfsarbeiter Egon Brümmer wird, nachdem er sich in die schöne Abiturientin und Bestschülerin Christine Lange verliebt hat (sie gilt als das achte Weltwunder), binnen weniger Tage zum Vorbild in der sozialistischen Arbeit. Ja, ja, die Macht der Frauen und der Liebe und des Sozialismus überhaupt und so! Daran sollte man nicht nur am 8. März denken! Hauptdarsteller: Gunter Schoß, Traudl Kulikowski, Heinz Behrens, Eckart Friedrichson (alias Meister Nadelöhr), Udo Kriese und weitere bedeutende Persönlichkeiten. Udo war dort beim Filmstoff gefühlsmäßig vielleicht fast zu Hause, denn dort in der Nähe seines Wohnorts Paulinenaue erstreckt sich das Rhin-Luch, das zu den Meliorationsobjekten gehörte. (Siehe die Schlacht bei Fehrbellin, nicht jene von 1675, sondern die, welche Genosse Volker Braun aktuell bedichtete).


Unser Mitschüler Klaus – fiel neulich aus. Ei., der Daus. Er hatte sich als Schaden leider einen Schlüsselbeinbruch zugezogen. Ooch. Und das kam so – wollt ihr das wirklich wissen? Also:

Zwei Radfahrer bewegten sich in dunkler Nacht auf ihren Fahrrädern. Der Eine wusste nichts von dem Anderen und umgekehrt schon gar nichts. Beide rollten ohne Beleuchtung (man soll sparen, denn "Sparen hilft dem Aufbau – sparen hilft auch dir"). Der Eine rollte auf dem Waldweg von Großbeuthen nach Thyrow, der Andere auf dem Waldweg von Thyrow nach Großbeuthen. Etwa auf halben Wege trafen sie sich. An der gleichen Stelle.

Von einem Zusammenstoß mit Wildschweinen gibt es hingegen hier nichts zu berichten. Das ist eine ganz andere Geschichte, die mir viel später passierte.


Inzwischen hörte ich, dass junge Ehepaare unter den Lehrlingen nicht getrennt im Wohnheim leben müssen, sondern ihr "Familienzimmer" bekommen. Da muss man sich wohl beeilen, denn die Regelung gilt ja nur, solange der Vorrat (an freien Zimmern) reicht.

Ich selber wäre dazu noch viel zu unreif.


Reif wäre die Zeit für ein Treffen schon, liebe Rosemarie, denn die Ludwigsfelder Klassen sah ich das vorige/das "letzte" Mal 1964 beim großen Schul-Sportfest auf dem Babelsberger Sportplatz "Sandscholle". Ich, als eingeladener interessierter Zuschauer, versorgte euch aktive Sportler dort mit Dextropur vor den Wettkämpfen und mit Kuchen nach den Wettkampf-Siegen oder auch zum Trost. Die Sorten-Auswahl: Pflaumenkuchen, Butterkuchen, Bienenstich-gefüllt (ohne Bienen) oblag beim gemeinsamen Einkauf Ingrid Mae. (eine EOS-Klasse über Dir). Ja, Trost ist manchmal wichtig. Ich mag es nicht so sehr, wenn sich alle große Mühe geben, einer gewinnt und die anderen "verlieren". Manchmal hat das Siegestreppchen zumindest schon mal drei Stufen. Am besten scheint es mir, wenn alle, die sich mühten, wissen dürften: Wir alle haben dabei gemeinsam viel gewonnen".


Und schon geht (mit mir nur als Gast) bereits das nächste Lehrjahr seinem Ende zu.

Die jetzige LwA 3, die nun ihren Lehrabschluss begeht und deren Schüler ihren "Facharbeiterbrief mit Abiturzeugnis" bekommen, verpflichten sich zu einem großen Teil nach Nackel zu gehen – das ist ein Dorf östlich der Fernverkehrsstraße 5 gelegen, zwischen Friesack und Wusterhausen, Kreis Kyritz, um sozialistische Hilfe zu leisten. Dort besteht ein großer Arbeitskräftebedarf. Später wird über diese Truppe der Filmstreifen "Gold in Nackel" gedreht. Gold, das sind die goldigen Jungs (die Mädchen aber vor ihnen, an erster Stelle und der weiße Goldstrom der Milch". (Leider habe ich aber dieses Filmwerk nicht gesehen, nicht rechtzeitig von seiner Existenz erfahren, deshalb muss ein anderer, ein Kundiger, darüber berichten).

Auch in anderen Dörfern sieht man einen Mangel an fleißigen, kräftigen Händen und munter-flexiblen Köpfen, allein schon wegen der überall bis zum 13. August 61 aufgetretenen Verluste. Diese Lücken konnten ja anderweitig nicht aufgefüllt werden. Das Land "blutete" jahrelang aus. Etwa 2,7 Millionen Menschen hatten zwischen 1949 und August 1961 unser Land auf Fluchtwegen verlassen. Rund 150.000 versuchten es nach dem 13. August 1961, ungefähr 12.300 Menschen soll die Flucht "auf direktem Wege" dann noch gelungen sein und wohl knapp 30.000 auf dem Umweg über befreundete Bruder-Drittländer. Zehntausende kamen wegen Fluchtversuchs oder Fluchthilfe in die Gefängnisse. Die "Diktatur des Proletariats" sperrte ihre eigenen Arbeiter, Bauern und Angehörige der Intelligenz ein. (Diese Zahlen werden nach der "politischen Wende" in der BRD veröffentlicht; es gibt aber dabei auch unterschiedliche Zahlenangaben).

Warum ist das so? – und noch viel wichtiger: nach welchen Grundregeln könnte man es besser machen? Erkenntnisse dazu sind nicht neu. Schon in der Zeit der französischen Revolution wurde proklamiert, dass die Menschen frei sein sollten, frei von etwaig aufgezwungenen Bindungen des Staates oder irgendwelcher Organisationen, – weil sonst früher oder später etwas schief zu laufen droht. Wir haben von diesen Klassikern gelernt – aber nicht alle von uns.

"Freiheit ist immer auch die Freiheit der Andersdenkenden", sagt viel später Rosa Luxemburg. Sie wurde (auch wegen solcher Sätze) von rechtsextremistischen Offizieren ermordet.

Als prinzipiell gleichwertig, gleichberechtigt sollten die Menschen gelten, ohne eine wertende zwangsweise Einfügung in einen Stand, eine Klasse. Gleich versorgt sein sollten sie mit Rechten und gleichbehandelt vom Gesetz, ohne Ansehen der Person. Das "geschwisterlich"-solidarische Miteinander sollte vom Staat gefördert werden.

Das Regieren soll ein hilfreiches Leiten sein ohne Despotismus, ohne Diktatur, sollte nicht ein Bestimmen von oben sein, sondern im Einklang mit dem Willen des regierten Volkes und also auch mit dem Verzicht auf Anwendung von Gewalt. Die Einflussnahme des Regierens sollte dort aufhören, bevor sie unerwünscht in die persönliche Freiheit (die in den Grenzen allgemein-gültiger Moralauffassungen ausgestaltet wird) eingreifen könnte. Diese Grenzen wären in Rechtsordnungen (Gesetzen) per Übereinkunft zwischen Volk und Regierung allgemeinverständlich und beispielhaft zu definieren.

Die Regierung sollte diese Rechte aller Bürger grundsätzlich gewährleisten und schützen.


Derartige einfach erscheinende Grundlagen, so zeigt es die Geschichte, werden aber selten gewahrt. Persönliches Machtstreben, Geldgier, Durchsetzungsanspruch für bestimmte Ideologien und persönliche Unfähigkeit in der Führungsriege gehören wohl zu den vielen möglichen Hemmnissen.

Die DDR-Regierung bewarb sich seit 1963, "in unserer hier beschriebenen Zeit", um die Aufnahme in die UNO, verpflichtete sich dabei, alle 31 Artikel der Erklärung der Menschenrechte einzuhalten. Vergleichbare Grundsätze finden wir ein Jahrzehnt später, auch in der Arbeit der Konferenz für Europäische Sicherheit und Zusammenarbeit (KSZE), die in ihrer Schlussakte von Helsinki die Selbstverpflichtung zu den Menschenrechten und die Gewährung der Gedanken-, Gewissens-, Religions- und Reise-/Aufenthaltsfreiheit, Überzeugungsfreiheit ohne Beeinträchtigungen der Menschen enthält.

In der Praxis wurde das in verschiedenen wichtigen Punkten/Artikeln, unter den Augen der Weltöffentlichkeit, jedoch weder bis zum Vollzug der Aufnahme in die UNO 1973, noch bis zum Ende, zum "Austritt" aus der UNO im Jahre 1990 verwirklicht.


Freitag. Es war wohl Anfang 1965. Draußen fällt schon den ganzen Tag Schnee. Seit Stunden tagen wir in Großbeuthen zu einer so genannten Komplexkontrolle der BBS. Ich war einer der Teilnehmer in diesem Beraterkollektiv des Rates des Kreises Zossen, abgesandt von der Abteilung Gesundheitswesen und der Arbeiter- und Bauern-Inspektion. Ich erinnere mich schmunzelnd, des vorerst fassungslosen Gesichtsausdrucks vom Chef des Hauses, Herrn Abromeit, – "es könne doch wohl nicht angehen, dass ein ehemaliger Lehrling der BBS ... jetzt, hier seine Arbeit, die der Pädagogen, der Lehrmeister, den Zustand in der BBS mit begutachtet." –

Ja doch, die Arbeiter- und Bauernmacht hatte mich zur Teilnahme bestimmt, weil ich die internen Verhältnisse besser kannte als andere, die eben nur mal heute kurz zu Besuch kamen. Und ich denke, es hat niemandem geschadet. Ich kannte einen Teil der Macken, die verbessert oder wenn möglich, behoben werden sollten. Eine Hilfe dafür, was nicht gut von alleine lief. Und sogar der Chef hat es, unbeschadet an Leib und Seele, überlebt.

Am frühen Abend dann setzte Schneesturm ein und unsere Karin H. bat mich, sie mit nach Hause, mit nach Blankenfelde zu nehmen. So kuschelte sie sich in der Dunkelheit in die Decke und mit dieser in den ungeheizten Superelastic-Beiwagen der Sport-AWO ein und sah im Schneetreiben – überhaupt nichts mehr, konnte nur hin und wieder das Klacken des Schaltgetriebes am monoton brummenden Motor hören, bis wir dann später wohlbehalten vor ihrem GAGFAH-Hause hielten.


Wieder in der Jetzt-Zeit, ein halbes Jahrhundert später, angekommen:

Nun gut, liebe Rosemarie. Jetzt habe ich Dich mit meinen Erinnerungen genug strapaziert. Ich weiß ja nicht, ob Deine Gedanken und Gefühle ähnliche Anknüpfungspunkte finden, weiß nicht, wie Du einzelne Probleme in Großbeuthen oder allgemein in der Gesellschaft sahest. Aber eigentlich ist das auch nicht entscheidend – für meine Auffassungen. Schön wäre es zu erfahren, ob Dir von den damaligen Leuten auch noch jemand "gegenwärtig" ist, auch wenn eure Klasse kam, kurz bevor ich ging. Vielleicht hattest du noch völlig andere Erlebnisse, kennst weitere Anekdoten. Natürlich wäre ich daran interessiert, mit Dir in einem nostalgischen Gedankenaustausch zu schwelgen, um Vergessenes wieder auszugraben.

Schade, dass heute solch Gemeinschaftsleben, lernen und arbeiten auch dort in Großbeuthen undenkbar geworden ist. Und schade, dass dieses zu unserer Zeit ziemlich neue Wohnheim nach der "politischen Wende", bald nach 1989, immer weiter verfiel, ebenso auch das Gutshaus, das zwei Jahre vorher noch mit sehr viel Mühe renoviert wurde. Das Grundstück erinnerte bei meinem vorigen Besuch eher an ein Dornröschen-Märchen, bloß nicht so romantisch und ohne Dornröschen – doch wer weiß? – ich war schon lange nicht mehr in Großbeuthen. Vielleicht ist inzwischen alles viel besser und viel schöner, als bei meinem vorigen Besuch?

Die Hoffnung – lebt immer – solange es ihr möglich ist.


Für heute, liebe Rosemarie, beende ich meinen Brief.

Meine Grüße an Dich – ach was, an Euch alle!!!

Chris Janecke




Unsere Gegenwart erscheint in diesem Augenblick

als das Wichtigere ... aber:


Der heutige Tag ist ein Resultat des gestrigen.

Was dieser gewollt hat, müssen wir erforschen,

wenn wir zu wissen wünschen was jener will.


Heinrich Heine




Nachsätze:

Nun habe ich in meinem Kopf mit mäßigem Erfolg nach einigen Begebenheiten und Anekdötchen gesucht und diese notiert. Es wäre schön, wenn Ihr Leser die Erinnerungen mit eigenen Berichten anreichern würdet, vervollständigend weiterführen könntet. Die Betreuer der Beuthener Heimatstube und deren Besucher wären über weitere Beiträge sehr erfreut.


Ich bin noch nachträglich froh, dass ich dieses eine Jahr und dieses im Zeitraum 1962/63 miterleben durfte. Wir hatten den Schulunterricht, die Schulhausaufgaben zu erledigen und die Tagesarbeit auf dem Feld oder im Stall. Am Abend Freizeit, die wir eigenständig gestalteten. Wir hatten unsere Bade-Kiesgrube, Tätigkeiten in den drei Arbeitsgemeinschaften, sangen, tanzten – oder hörten einfach nur Musik, lasen, diskutierten. Ich denke wir hatten dabei den Eindruck, es fehle uns an nichts Wesentlichem.

Später, so nur mein subjektiver Eindruck, bestand in der BBS weniger Frohsinn, wurde die "Freizeit" organisatorisch von oben stärker belastet, gab es vielerlei politische Vorgaben, die "das Leben straffen" sollten – vielleicht wie häufig überorganisiert – bei der die Disziplin und Arbeitsmoral offensichtlich jedoch sanken. Wen mag das heute noch wundern? Aber auch andere Einflüsse können dazu leider wirksam geworden sein.

Viele Schlagworte aus der "damaligen angespannten Zeit" finden sich in der Arbeit mit den Lehrlingen. Zu den Begriffen für Vorhaben, die sich in munterer Folge ständig abwechselten und dabei den Alltag bestimmten, gehörten:

Abrechnung - Appell - Arbeitseinsätze - Ausbildung von Gruppenführern - Ausbildung: lehrplangerechtere A. - Auswertung des XI. Parteitages der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands - Berufswettbewerb - Demokratische Volkswahlen: Vorbereitung - Disziplinmängel -

Ehrentitel "Sozialistische Brigade" - FDJ-Jugendclub (Arbeitsplan) - FDJ-Jugendkollektiv -

FDJ-Studienjahr (permanente Polit-Schulung) - Fernwettkampf: stärkster Lehrling - Forum mit dem Wehrkreiskommando - Friedensdemonstration - Friedenslauf - Jungwählerforum - Kampfprogramm - Kampf um das Sportabzeichen "Bereit zur Arbeit und Verteidigung der Heimat" - Kampf um den Staatstitel "Kollektiv der Sozialistischen Arbeit" - Kommunalwahlen -

Kampf um die "Urkunde des Staatsratsvorsitzenden" - Militärische Nachwuchsgewinnung -

Lager für Arbeit und Erholung - Leistungsplanung - Lernziele: erreichen der L. (versuchsweises Senken der Hängenbleiberquote) - Schießwettbewerb - Organisation der Zusammenarbeit der FDJ der BBS mit der Dorfbevölkerung - Probleme der Disziplin - Probleme von Ordnung und Sauberkeit Tätigkeit von 20 Arbeitsgemeinschaften (wahlweise) – welch ein Angebot! - Rechenschaftsberichte - Verpflichtungen - Arbeitsbummelei von Lehrlingen, die hier wohnen - Versammlung der Betriebsgruppe der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft - Verteidigung - Aufklärungsforen für die Volkswahlen - Vormilitärische Ausbildung - Wahl in der Grundorganisation der Freien Deutschen Jugend - Wandzeitungsgestaltung - Werbung: Soldat auf Zeit - Zivilverteidigung, Übungen der ZV.


Vorgenannte Schlagworte spiegeln sich in den Brigadetagebüchern (als schriftliche Quelle über die Zeit von 1983 bis '89) und in den Unterlagen zum Titelkampf: "Kollektiv der sozialistischen Arbeit" der Pädagogen (Lehrer, Erzieher, Lehrmeister/Lehrausbilder) wider. Jene Aufzeichnungen künden vom unermüdlichen Ringen der Lehrer und Erzieher sowie Ausbilder und listen teilweise deren Erfolge auf, was uns auch einen Einblick in das Lehrlingsleben während dieser Jahre vermittelt.

Vorausschicken möchte ich, dass inzwischen gegenüber der vorher beschriebenen Zeit 1962/‘63 ein natürlicher Wechsel des Personals stattgefunden hat. Wir treffen also hier (außer dem erwähnten Genossen Abromeit) keinen der eingangs genannten Lehrer und Erzieher wieder.

Für die Jetzt-Zeit ist es zwar ein Vorgriff aber es gehört eben auch zu Großbeuthen:


Einige Gedanken zum Kampf des Pädagogenkollektivs um den Staatstitel

"Kollektiv der sozialistischen Arbeit" ab 1987

(- inzwischen ein Beitrag zur Zeitgeschichte -)



Beim hochqualifizierten Kampfprogramm der "Pädagogen-Brigade" fühlte ich mich tatsächlich aus dem Jahr 2016 in die damalige Zeit der 1980-er Jahre zurück versetzt. Eine Anzahl der Punkte, die dort die souveränen Pädagogen-Akademiker zu Papier brachten, wirken nebulös bis krampfhaft aber nichts sagend. Das hat mich durchaus nicht erstaunt – es war eben sehr häufig so. – Die Nachwirkung auf mich ist trotzdem beklemmend.

Erkennbar ist aus dem Schrifttum, dass es die Pädagogen schwer, es bereits mit sich selber wohl nicht leicht hatten. So wirken die zur weiteren Erhöhung der Kampfkraft, freiwillig auf's Papier gesetzten Selbstverpflichtungen zu Ehren des Friedens und des Vaterlandes für den aufmerksamen Leser recht bürokratisch, lieblos oder eben auch gequält. Als wesentlich bedeutsamer noch will es mir scheinen, dass eben die Lehrlinge genau in dieser Art angeleitet, zu Sozialisten üblichen Sinnes erzogen wurden.

Nicht soll der Apfel weit vom Stamm fallen.

Nicht jeder der damals aktiv Beteiligten oder auch der heutigen Leser wird meine Gefühle, Gedanken, Äußerungen gleichermaßen mit mir teilen. Ich kann das leicht nachvollziehen und akzeptiere Unterschiede im individuellen Empfinden. Ich habe hier auch nur Punkte ausgewählt bei denen sich eine Möglichkeit des Verbesserns anbietet oder sich gar eine Überarbeitungsnotwendigkeit der von den Pädagogen aufgeschriebenen Eigenverpflichtungen aufdrängt und ich habe diese Punkte mit Fragen oder Vorschlägen kommentiert. Es ist also eine einseitige Zusammenstellung. Das bedeutet: auf nette Lehrerausflüge, Jahresend-Feiern, gemütliche Kegelabende und viele andere schöne Aktivitäten der Pädagogen nehme ich hier keinen Bezug. Diese sind ja alle im "Brigadetagebuch" beschrieben. Gehen uns also nicht verloren.

So verpflichtete sich beispielsweise die Schulleitung als eines der Kampfziele: "Schulräume".

"Um unsere Bildungs- und Erziehungsarbeit effektiver zu gestalten werden (von uns Pädagogen) die Unterrichtskabinette konsequent weiterentwickelt."

Feststellung, Fragen und Vorschläge: Konkrete Aussagen fehlen völlig zur "Verpflichtung" – von abrechenbaren Ergebnissen ganz zu schweigen. Hat das niemanden interessiert? Im Brigadebuch, das alle Initiativen und Erfolge erfasst steht darüber ebenfalls nichts.

Was wurde in den Unterrichtsräumen nun tatsächlich positiv verändert? Was und wie wurde "es" und von wem "konsequent weiterentwickelt"? Was hatte das für positive Wirkungen und für welche Schulfächer (leichtere Anschaulichkeit/Fasslichkeit des Stoffes?) Gab es in der Folge dieser gewiss wertvollen, nicht genannten Maßnahmen Verbesserungen der Lernleistungen / des Zensurendurchschnitts der Schüler?

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Verpflichtung/Kampfpunkt Arbeitsbummelei, unentschuldbares Fernbleiben von der Arbeit:

"Zur weiteren Durchsetzung der Ordnung, Sicherheit und Sauberkeit – wird der Kampf um unentschuldigtes Fehlen in der Berufsausbildung konsequent weitergeführt. Wir (die Pädagogen) stellen uns das Ziel, das unentschuldigte Fehlen auf ein Mindestmaß zu senken."

Fragen: Wenn eine konsequente Weiterführung des Kampfes vorgesehen ist, erhebt sich doch die Frage: Was wurde bisher gegen den Schlendrian, gegen das Nichterscheinen zur Arbeit getan? (Hätte man vielleicht besser gegen unentschuldigtes Fehlen kämpfen sollen? Meine kleine Polemik) Das bleibt leider völlig offen. Sinnvolles unternehmen gegen die Disziplinlosigkeit der Arbeitsbummelei von Lehrlingen, die schließlich hier wohnten, die täglich greifbar waren, schiene angezeigt. Wieso soll nun aber das – was bisher leider nicht zum Erfolg führte, "konsequent weitergeführt" werden? Warum haben die bisherigen sozialpädagogischen Maßnahmen keinerlei gewünschte Ergebnisse gebracht? Was und wer hat da versagt? Wurde das von den Pädagogen analysiert?

Was verstehen die Pädagogen unter einem für die Zukunft anzustrebenden ominösen Mindestmaß an unentschuldbarem Fehlen, (welches noch tolerierbar wäre) ... das sie mit ihrem konsequenten Kampf erringen wollen? Wie und womit wollen sie dieses sehr merkwürdige Ziel im sozialistischen Kampf erreichen? Warum nicht den Schlendrian des unentschuldigten Fehlens generell ausmerzen? Gibt es ein anzustrebendes Mindestmaß an Arbeitsbummelei?

Auch die Ergebnisse dieser pädagogischen Kampf-Bemühungen werden, obwohl im Brigadebuch alle Erfolge aufgeführt werden, nicht dargestellt. Gab es keine?

Die eingangs erwähnten, sachbezogenen Punkte: Ordnung, Sicherheit und Sauberkeit auf dem Grundstück werden hier mit dem verhaltensbezogenen Aspekt der Disziplinschwierigkeit / Arbeitsbummelei "unorganisch-künstlich" vermengt. Vermutlich war den Pädagogen die Verschiedenheit der Begriffsinhalte nicht geläufig.

Trotz aller Kämpfe in der Erziehungsarbeit muss der Genosse BBS-Direktor auch an anderen Stellen mehrmals die mangelnde Disziplin anmahnen und er sagt, dass strenger darauf geachtet werden müsse, dass der Zustand des Heimes (trotz der Nutzung durch die Lehrlinge) möglichst erhalten bliebe.

An derartige Probleme kann ich mich für meine Zeit (ein Vierteljahrhundert früher) nicht erinnern!

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Verpflichtung/Kampfziel: Zur Wahrnehmung der Verantwortung seitens der Erzieher

"In der Heimerziehung ist die bereits eingeleitete Erhöhung der Verantwortung der Erzieher ... weiter zu erhöhen und abrechenbar zu gestalten."

Fragen und Vorschläge: Waren den Pädagogen nach den 30 Jahren Jahren des Bestehens von Berufsschule und Lehrlingswohnheim ihre Aufgaben noch immer nicht so ganz klar? Von einem hier nicht dargelegten und deshalb auch nicht als Basis verwertbaren >Stand X< wurde die Verantwortung der Erzieher bereits auf einen >Stand Y< erhöht und jetzt/künftig wird die Verantwortung "noch weiter erhöht", also auf einen >Stand Z< gebracht. Aber warum? Warum erst jetzt? Und mit welchen Zielen, mit welchen zusätzlichen verantwortungsvollen, bisher nicht wahrgenommenen Aufgaben? Obwohl man nunmehr schon richtig erkannte: diese Ziele müssen für eine Abrechnung konkret formuliert sein, die Aufgaben müssen also vorher bekannt gegeben werden, sind diese nicht genannt. Man nennt sie nicht – man kennt sie nicht – wie will man die Ziele, die Verbesserungen erreichen, um jene wie üblich "kämpfen"? Man ist eben wie immer vorerst einmal "konsequent".

Hätte man besser etwas in der Art schreiben sollen: "Hier liegt uns das bisherige Aufgabenblatt (Muster) für die Erzieher vor. Weil die Erzieher nicht ausgelastet scheinen und weil deren Arbeit zum Teil nicht zufriedenstellend erfüllt wurde, haben wir nun gemeinsam dieses neue künftig verbindliche Aufgabenblatt (Funktionsplan, Stellenbeschreibung) aufgestellt. Alle sind damit zufrieden. Alle kennen nun ihre bisherigen und die wenigen hinzugekommenen Aufgaben. Jedem liegen diese zur Erinnerung schriftlich vor. Wir versprechen uns damit die Verbesserung der Arbeit der Erzieher und berichten im nächsten Quartal / im nächsten Jahr zu den einzelnen Ergebnissen". Das wäre 'was Greifbares gewesen!


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Leitspruch der Pädagogen unter den sie ihre Arbeit stellen:

Als Hauptfeld unserer Bewährung sehen wir die Ausbildung junger sozialistischer Facharbeiter für die Landwirtschaft, die Bildungs- und Erziehungsarbeit sowie die Schaffung verbesserter materieller Bedingungen für die Ausbildung! Nur so erreichen wir mit steigendem Leistungswachstum eine hohe Arbeitsproduktivität.


Dazu die konkrete Kampf -Verpflichtung zu Wiederholungsprüfungen bei Durchfallgefährdeten

"Durch gute Vorbereitung der Lehrlinge auf die Abschlussprüfungen wollen wir den Anteil der nötigen Wiederholungsprüfungen von 23 auf 17 im kommenden Jahr senken."

Fragen und Vorschläge: Warum waren 23 Lehrlinge zum Abschluss durchfallgefährdet? Konnten sie die Leistung von ihrer Auffassungsgabe her nicht bewältigen oder waren sie einfach nur faul? Nur das kann doch Auskunft darüber geben, ob dieses angestrebte Senken um etwa ein Viertel, viel oder wenig ist, sinnvoll oder ungut. Warum Durchfallgefährdung zum Abschluss? Kann man diese Gefährdung nicht schon früher erkennen – die Schüler fordern und fördern? Oder leider sagen. Der schafft's intellektuell nimmer und notfalls ... auf einen ordentlichen Teilfacharbeiter-Abschluss hinarbeiten? Allein die Wiederholungsprüfung zum gerade so Durchschleusen? Was sind, wenn es um junge Menschen geht, die das Leben vor sich haben, zwei nackte Prozentzahlen – völlig ohne Aussagekraft. Schon Goethe meinte, dass die Kunst darin bestünde, alle Menschen dahin zu bringen, wohin sie zu bringen sind. Das hieße hier: Zwar mit unterschiedlichen Anforderungen (Niveau) des Lehrabschlusses aber letztendlich zu beiderseitigem Vorteil – nicht unbedingt eine Senkung von gerade 22% ausweisen ... und die anderen Kandidaten, die Mehrzahl der gefährdeten Lehrlinge? – fallen lassen? Oder anders gefragt: Wie können die Lehrer als sozialistisches Arbeitsziel von vornherein einplanen (vorgeben), dass bei höchstem pädagogischen Einsatz 17 Lehrlinge auch im kommenden Jahr wieder durchfallgefährdet bleiben werden – falls dieses hoch gesteckte Ziel erreicht wird?

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Verpflichtung/Kampfpunkt zur Energieeinsparung, zum bewussten Umgang mit wertvollen Ressourcen:

"Um Energie einzusparen, werden folgende Maßnahmen durchgeführt: * Kontrolle der notwendigen Beleuchtung, * tägliche Kontrolle der Raumtemperaturen, * Künftig achten die Lehrmeister auf die vernünftige Nutzung von Dieselkraftstoff, um Einsparungen zu erzielen."

Fragen und Vorschläge: Stellen sich diese Verpflichtungen sowohl qualitativ als auch quantitativ als nebulös dar? Sind diese in die Zukunft schauenden Verpflichtungen nicht allesamt Selbstverständlichkeiten für und von gestern?

Nur als Beispiele: "Wir legen fest: Am Tage wird die Beleuchtung in den Fluren künftig prinzipiell ausgeschaltet! Statt der 4 x 80 Watt Leuchtstofflampen in den Fluren richten wir für die Nachtstunden eine orientierende Beleuchtung mit 3 Stück 25-Watt-Lampen ein. Das ergibt im Jahr eine Einsparung von etwa XX,xx Mark." (Die Leuchtstoff–Leuchten waren ohnehin nicht die größten Verbraucher im Haus). –


Die versteckte Aussage, die Lehrmeister, die Pädagogen, hätten bisher nicht auf den vernünftigen Umgang mit dem Treibstoff geachtet, nimmt sich nicht gut aus. Wurde seitens der Ausbilder oder unter deren Augen zu viel Kraftstoff verplempert? Woran lag es konkret? Angepeilte Ziele oder gar Erfüllungsergebnisse zu den Verpflichtungen werden aber auch hier nicht ausgewiesen. Hätte man nicht bitte etwas Konkretes aufnehmen können, statt: Wir verpflichten uns, anders als in den vergangenen Jahren, künftig vernünftig mit Dieselkraftstoff umzugehen – und dann: daraus "Einsparungen" abzuleiten – nein, lediglich, um den Schlendrian, die bisherige Unvernunft bei den Verantwortlichen auszumerzen, das Normale zu tun!

Man hätte doch auch sagen können: "Wir müssen selbstkritisch einschätzen, dass Stichproben ergaben, dass abgestellte Arbeitsmaschinen in Anwesenheit unserer Lehrmeister oft 20 bis 30 min. im Leerlauf tuckern. Wir legen also verbindlich fest: Steht der Traktor länger als zwei Minuten ungenutzt am Arbeitsort, ist der Motor abzustellen. Wir verbrauchen damit geschätzt 370 Liter Dieselkraftstoff im Jahr weniger, schützen die Umwelt und erreichen damit nun auch einen sonst als üblich geltenden Arbeitsstand".

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Messe der Meister von Morgen

Kommentar: Etwas mehr an Ausführungen hätte ich mir auch zu den MMM gewünscht. Welche Themen waren das im Einzelnen. Von wem kamen die Themen? Wer erarbeitete die Aufgabenstellungen, wer die Lösungen? Hatten die Ergebnisse ideelle Werte oder wurden materielle Erfolge für den Betrieb erzielt (Senkung der Kosten, Einsparung an Material, Verringerung des Aufwandes an Arbeitszeit, Erleichterung an körperlich schwerer Arbeit und ähnliche Faktoren) – bleiben im Wesentlichen ungenannt.

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Meine auswertende Meinung:

Vielleicht hätte man beim Aufstellen eines solchen Kampfprogramms der Lehrer und Erzieher durchaus auch einige "aufgeweckte und unverbildete" Jugendliche als Berater heranziehen sollen. Hätte man mich gebeten – ich hätte etwa gesagt: "Bitte gerne, immer bereit".

Nun gut. Ich bin kein akademisch gebildeter Pädagoge, nur ein einfacher Mensch. Wäre ich aber Mitarbeiter einer Jury zur Begutachtung des Titelkampfes dieses Pädagogen-Kollektivs gewesen und hätte mir ein Genosse BBS-Direktor ein solches Kampfprogramm mit derartigen Wettbewerbs-Verpflichtungen angeboten und dabei solche üblich schönen Worte wie

"Darlegung unserer konkret abrechenbaren Höchstleistungen für den Frieden"

oder

"Unser Beitrag im Sozialistischen Wettbewerb zu Ehren des Vaterlandes"

gefunden, dann hätte ich sein Programm mit helfenden Änderungsbeispielen zurück gewiesen.

Denn es ist ein Spiegel: Genau was die Pädagogen hier ablieferten – in dieser Art wurden die Lehrlinge "erzogen". Ideenlosigkeit. Nichts Originelles. Wundern wir uns also bitte nicht darüber, dass diese Menschen langzeitig Probleme miteinander hatten. Hier vermisse ich kreative Denkprozesse, Denkergebnisse und deren begeisterte Umsetzung, die imstande ist andere Menschen zu begeistern, sie mitzureißen.

Aber dieser "Kampf" in der Praxis: Nun, ich weiß ja wie das lief ... es musste irgendwie laufen. ...

Wahrscheinlich wäre ich die längste Zeit Jurymitarbeiter gewesen. Und in der Wirklichkeit bekam ja das Pädagogen-Kollektiv sowieso unproblematisch auch für diese Qualität seine Urkunden, seine Prämien, seine Orden, seine roten Nelken oder Alpenveilchen (je nach Jahreszeit). Das sollte eben so sein und deshalb blieb auch alles beim alten ... und wurde, weil die Qualität so blieb, gesamtgesellschaftlich eher noch dürftiger.


Sagen wir also optimistisch und unkritisch-positiv als Zeichen der Zeit und der Gesellschaftsordnung:

"Dieses Programm spiegelt farbig die Qualität, den Fleiß und die vielfältigen Initiativen der sozialistischen Pädagogen beim täglichen unermüdlichen Ringen um das Erreichen des Staatstitels wider."

Das "Brigadebuch" der Lehrer und Erzieher und Ausbilder weist auch darauf hin:

Aus dem "Brigadetagebuch": Arbeitspunkt >Erfahrungsaustausch in Freundesland<

Im Mai fuhr eine Lehrlingsgruppe aus der Tierproduktion in den Partnerbetrieb der polnischen Freunde nach Karpacz. Hierfür wurden unsere Lehrlinge alle mit einer ansprechenden vollständigen, einheitlichen Arbeitskleidung ausgestattet.

Kommentar: Wie vom Deutschen Modeinstitut der DDR gestaltet. Und warum? Sollten die polnischen Freunde denken, dass bei uns stets alle Lehrlinge mit einer modischen Einheitskleidung bedacht werden, die der Betrieb zur Verfügung stellt? Eigentlich sollten wir bei den ärmeren Nachbarn keinen Neid erwecken, zumal diese Ausstattung nicht die üblichen, normalen Verhältnisse zeigt! Was sollte das eigentlich bewirken?

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Wie kommt das Wohnheim zu dem Ehren-Namen Siegfried Widera?

Wir haben eine Festwoche zum 30-jährigen Bestehen der BBS 1957–1987. Die offizielle Festveranstaltung dazu am 04. Juni 1987. Am Vormittag das Sportfest. Ein ausführliches Programm wird vorgestellt.

Zu diesem Anlass erhält die BBS / das LWH am Nachmittag den Ehrennamen "Siegfried Widera", der schon in großen Lettern am Eingang zum Wohnheim angebracht ist. Wer war Siegfried Widera? Siegfried Widera (geboren am 12. Februar 1941, war Stabsgefreiter, posthum zum Unteroffizier befördert). Er versah seinen Dienst bei den Grenztruppen im demokratischen Teil von Berlin und wurde am 23. August 1963 von zwei republikflüchtigen DDR-Bauarbeitern, die im Grenzgebiet tätig waren, mit einem stählernen Werkzeug angegriffen und kampfunfähig geschlagen. Dabei erlitt Siegfried Widera einen Schädelbasisbruch, an dem er am 8. September 1963 verstarb. Wir werden sein Andenken stets in Ehren halten.


Kommentar: Es ist schrecklich, wie viele Menschen an der Grenze zwischen beiden deutschen Staaten starben, unter welchen Umständen und mit welcher scheinbaren Notwendigkeit.

Ihnen und ihren Angehörigen gehört unser tiefes anhaltendes Mitgefühl!

Was aber gehörte zu den Umständen des Vorgangs, was blieb ungesagt, uns an Informationen verborgen?Versuchen wir festzuhalten:

Im Grenzgebiet, also unmittelbar an der Grenze, wurden als Bauarbeiter nur handverlesene, zuverlässige Genossen eingesetzt. Wir wissen aber, dass auch oft eben teure SED-Genossen zwei Gesichter hatten und den illegalen Grenzübertritt beabsichtigten, ja, nicht vor Mord und Totschlag an anderen Genossen zurück schreckten.

Der Zeitpunkt dieser Republikflucht lag außerhalb der Arbeitszeit der Bauarbeiter-Truppe. Die beiden später Flüchtenden wollten eben hier (außerhalb des offiziellen Programms) "noch etwas richten" – was als unzulässig galt.

Die beiden grenzschützenden Armeeposten hätten die Bauarbeiter auch schon zur normalen Arbeitszeit mit Abstand und der Waffe in der Hand beobachten müssen, wie es die Dienstvorschrift vorgab. Sie aber ließen sich (in Körpernähe) auf ein kumpelhaftes Schwätzchen ein, so dass sie trotz ihrer Bewaffnung angegriffen und überwältigt werden konnten. Die Bauarbeiter überwanden anschließend die Grenzanlage.

Wäre Siegfried Widera nicht in der Folge dieses Angriffs gestorben, hätte er sich wohl eher vor dem Militärgericht wegen der Vernachlässigung seiner Dienstpflichten verantworten müssen. Er hätte vermutlich keine Beförderung, sondern eher eine Strafe bekommen und das Lehrlingswohnheim Großbeuthen keinen Ehrennamen. Die junge Geschichte zeigt, dass sich das Thema, neben dem tragischen persönlichen Ergebnis, auch politisch nutzen ließ.

Aber das alles ist wie stets nur meine persönliche Ansicht.


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Problemdarstellung: Mängel

Sehr hilflos wirken die Ausführungen des Genossen BBS-Direktors zur "Komplexkontrolle" des Rates des Kreises (Zeitung vom 24. Nov. 1988) wenn er sinngemäß und wiederholt über die mangelnde Disziplin von Lehrlingen spricht und er ausführt, dass er die Funktion des BBS-Direktors vor 4 Jahren (von Gen. A.) übernommen habe, aber jetzt (also in Zukunft), in seinem 5. Regierungsjahr, sich was ändern müsse, weil es mit diesen großen Problemen nicht so weiterginge! Ja, warum kamen die diplomierten Pädagogen mit einem Teil der jungen Menschen nicht mehr klar, was wollte der Chef positiv ändern, wie wollte er es tun, worüber er schon vier Jahre nachgedacht hatte – was wollte er eigentlich damit (außer einem Klagelied) den Beratern des Rates des Kreises mit auf den Weg geben oder gar zukunftsweisend vorschlagen? Offenbar hatte das Pädagogenkollektiv keinerlei Konzepte. Das bleibt offen und es hat vermutlich auch niemand nachgefragt.

Des Genossen Direktors Klagen über die Materialsituation, darüber, dass das Organisieren und Koordinieren einen erheblichen Teil seiner Arbeitszeit als Pädagoge und Direktor verschlänge, war ja so was von mutig aber bestimmt auch verzweifelt. Natürlich – es war ein momentanes Ablassen seines Dampfdruckes – geändert hat es an den Verhältnissen in Großbeuthen oder am Wirtschaftssystem überhaupt nichts.


Und trotzdem wurden beispielsweise die Großvorhaben des Sportplatzes und der Kombihalle für Sport und Ausbildung realisiert. Das muss in der damaligen Zeit als eine große Organisationsleistung angesehen und gewürdigt werden. Diese Art von Schwierigkeiten und den unökonomischem Organisationsaufwand kann sich wohl heute kaum mehr jemand vorstellen. Und viele der Beschäftigten haben daran auch lange in ihrer Freizeit mitgearbeitet, Ihr Herzblut dafür gegeben!!!

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Arbeitsgemeinschaften

Es gibt bei uns eine große Anzahl von Arbeitsgemeinschaften: - Volleyball, - Elektronik, - Technisches Basteln, - Reitsport, - Fußball, - Weltgeschichte, - Fotografie, - Textiles Gestalten, - Aquarienfreunde, - Kulturgruppe, - Schießen, - Tischtennis, - Schwimmen, - Billard, - Popgymnastik, - Motorsport, - Kraftsport, - BBS-Chronik, - Kochen, - Nähen.

Kommentar: Traumhaft! Eine aufopferungsvolle Leistung der Leiterinnen und Leiter. Hätte die Heimatstube heute noch deren Aufzeichnungen – es wäre wundervoll. Wo mögen die Pädagogen all die wertvollen Dokumentationen, die Zeugnisse der Zeitgeschichte, aufbewahrt haben?

Ob zumindest für die Lehrlinge in den Arbeitsgemeinschaften ein Ausgleich für Geist und Seele bestand?

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Auszeichnung '88?

Irgendwann in diesem Jahr – war es zum 1. Mai oder doch vielleicht zum 7. Oktober (?) erfuhren wir aus einer Zeitung, dass der frühere Lehrling (etwa 1961–1964) aus unserer BBS, Günter Böhme, in diesem Jahr in Würdigung seiner Leistungen beim weiteren sozialistischen Aufbau der Deutschen Demokratischen Republik nun auch mit dem "Vaterländischen Verdienstorden in Gold" ausgezeichnet wurde.

Er füllt mit der äußerst wichtigen, schwierigen und umfangreichen Tätigkeit seine Funktion als stellvertretender Abteilungsleiter beim Zentralkomitee der Sozialistischen Einheitspartei hervorragend aus.

(Diese wichtige Zeitungsnotiz schnitten wir sorgfältig für die BBS-Chronik aus aber leider ging uns die Angabe von Quelle und Datum dabei verlustig. Es war aber wohl im Jahre 1988).

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Nun, diese Art von Verpflichtungen zum täglichen Kampf waren nur einige Details aus den Darstellungen des ganz wirklichen Lebens, die später eher etwas eigenartig anmuten mögen. In der kleinen Welt schien ihnen äußerste Wichtigkeit beigemessen worden zu sein – gab es aber, schaute man über den Deckelrand hinweg, nicht weitaus größere Probleme?



Erläuterungen zu Abkürzungen und zu zeitgenössischen Ausdrücken in der Reihenfolge,

wie diese im vorstehenden Text auftraten


ZAPO Zehnklassige Allgemeinbildende Polytechnische Oberschule, mit der Unterteilung: Unterstufe: 1. bis 4. Schuljahr, Mittelstufe: 5. bis 8. Schuljahr, Oberstufe: 9. und 10. Schuljahr.

(Zeitlich davor gab es die Bezeichnungen: Grundschule: 1. bis 8. Schuljahr, Mittelschule 9. und 10. Schuljahr, Oberschule: 11. und 12. Schuljahr.

(Im Schultyp: Erweiterte Oberschule (EOS) gibt es die Klassen 9 – 12)

"Junge

Kaninchenzüchter" Kaninchen züchteten wir früher mit viel Spaß und großer Arbeitsleistung auf dem Schulhof – angesichts des mahnenden Ausrufes: "Mehr Fleisch für die Volkswirtschaft, Genossen! Ja?" (um Versorgungsengpässe zu überwinden). Der Hilfe-Rufer hieß Walter Ulbricht und war von Beruf Staatsrats- vorsitzender. Die Genossen Lehrer reagierten auf den Hilferuf und wir Schüler bauten die Ställe, beschafften Tiere, misteten aus, besorgten am Nachmittag von den Wiesen Grünfutter, fütterten vor Schulbeginn bis zum Abend, sprachen und kuschelten mit den Kaninchen ... und die Schulleitung verkaufte später das fleischige Ergebnis dem Staat. Uns Schülern blieb das freudige Tun "für den weiteren Aufbau". Fürs Leben lernen – lebenslang!


BBS Betriebs-Berufs-Schule. Bildung neben der berufspraktischen Lehrzeit.


SED Sozialistische Einheitspartei Deutschlands, zusammengeschlossen aus SPD und KPD, auf das Betreiben der kleineren KPD. (Moskau half dabei recht brüderlich).


Maximus – Lenimus Eine "Verballhornung" von Marxismus – Leninismus, als sozialistische Theorien.


Stabü. Schulunterrichtsfach "Staatsbürgerkunde".


53 17. Juni 1953. Arbeiteraufstand in der DDR. Ausgangssituation: Proteste der Arbeiter gegen das Verschärfen von Arbeitsnormen ohne verbessernde technisch-organisatorische Grundlagen, bei der Beibehaltung (also relativen Senkung) des Lohnes. Beginn: im Berliner Bauwesen, Stalinallee. Niedergeschlagen von der Arbeiterregierung, auch mit Hilfe sowjetischer Panzer.

(Einen weiteren Aufstand gab es 1956 in Ungarn – ebenfalls militärisch mit Hilfe der Sowjetunion niedergeschlagen.)


68 Sommer 1968: Bürgeraufstand in der Tschechoslowakei für mehr Freiheit in Kultur, Politik, Öffentlichem Leben, .... (Prager Frühling). Wurde nach dem Hilferuf der Arbeiterregierung an die Sowjetunion zur militärischen Niederschlagung und Besetzung des Landes erstickt. Die DDR-Regierung hätte die Nationale Volksarmee der DDR gerne mitmachen lassen aber die Führung der Sowjetunion genehmigte das nicht.


1961 Ab Sonntag, 13. August 1961, fast undurchlässiges Schließen aller Grenzen der DDR. Bau einer Mauer mit Vorzäunen (Minen, Selbstschussanlagen, Wachtürmen) auch um Berlin-West. (bis 9. 11. 1989).

In der DDR genannt: "Der antifaschistische Schutzwall" – gegen die eigene (aus dem Land fliehende) Bevölkerung gerichtet.

Im Westen (BRD und Berlin-West) nach Ulbrichts Worten weiterhin als "Die Mauer" benannt.


Weiße Maus freundlich-scherzhafte Bezeichnung für einen Verkehrspolizisten. In der DDR trugen ausschließlich die Polizisten, die im / für den Straßenverkehr eingesetzt waren, eine weiße Mütze. Daher der Name.


VEAB Volkseigener Erfassungs- und Aufkaufbetrieb für landwirtschaftliche und gärtnerische Produkte.


VPKA Volkspolizeikreisamt. Polizeiamt eines Stadt- oder Landkreises. (In der Bundesrepublik: Polizeipräsidium).


Jugendwerkhof Geschlossene Einrichtung in der DDR für Straftäter, die das 18. Lebensjahr noch nicht vollendet hatten und auch für "schwer erziehbare renitente größere Kinder und Jugendliche".


LWH Lehrlingswohnheim, eine weniger strenge Bezeichnung als "Internat".


Anhydrit gegossener, sich daher bei seiner Herstellung in Grenzen selbst nivellierender Fußboden, der nach dem Abbindeprozess erstarrt – und anschließend rotbraun gestrichen und von uns gebohnert wurde. Eigentlich benötigt das Material und seine Farbschicht kein Wachs, wie beispielsweise ein Holzfußboden ihn sich wünscht.

Das Material erinnerte mich an einen Erholungsaufenthalt in Rottleben am Kyffhäusergebirge, wo ich drei Jahre vorher (1959) sein durfte. Dort haben wir zwischen der Barbarossahöhle und Bad Frankenhausen natürliche Anhydritvorkommen als Gestein des Gebirges vorliegen. Hier im Lehrlingswohnheim-Fußboden das gleiche Material aber gebrochen, gemahlen und mit Wasser angesetzt, als "Brei" gegossen.

Liverpooler gemeint ist die englische Musikband "The Beatles".

Arbeiterjungen


DDR Deutsche Demokratische Republik (7. Okt. 1949 – 2. Okt.1990).

Einleitung des Endes der DDR mit dem letzten Staatlichen Wahlbetrug der eigenen Regierung 1989. Gefühltes Ende der DDR, mit der Bekanntgabe der Öffnung der Grenzen am 9. Nov.1989 (seitens des Politbüromitgliedes Günter Schabrowski). Rechtliches Ende mit dem Beitritt der DDR zur BRD, Tag der Deutschen Einheit am 3. Okt. 90. Die DDR ist wie die BRD nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Deutschen Reich hervorgegangen.


Frostperiode, eine persönliche. Der Vorsitzende der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, Vorsitzende der Politbüros und Staatsratsvorsitzender der DDR, Walter Ulbricht (30. Juni 1893 – 01. Aug. 1973) starb kurz vor Beginn der Weltfestspiele in Ost-Berlin, Hauptstadt der DDR (die Hauptstadt der BRD war damals die Stadt Bonn). Um die Stimmung und das Organisieren der Spiele (Staatstrauer wäre erforderlich gewesen) nicht zu stören, wurde der teure Leichnam eben länger gekühlt und sein Ableben erst nach dem Ende der Festspiele bekanntgegeben. Ein Anekdötchen darüber sagt, dass diese Verfahrensweise sein letzter Wunsch auf dem Totenbette gewesen sei, dem man einfach ihm zuliebe entsprochen habe.


W 50 Diesel-Lastkraftwagen, im Autowerk Ludwigsfelde gebaut, Tragkraft

5 t. In viele Länder des Ostblocks = Staaten des Warschauer Vertrages und nach Afrika exportiert. Sein etwa gleich aussehender Nachfolger hieß L 60.


GST-Keller Geräteraum der "Gesellschaft für Sport und Technik", einer auf vielen Gebieten "vormilitärisch ausbildenden Organisation". (Kraftfahrzeugsport, Reiten, Körpersport, Schießen, Funken, Schifffahrt, Flugwesen und -modellsport und wahrscheinlich noch manch anderes mehr).


VEG Volkseigenes Gut. Staatsgut, aus dem 1945 enteignetem Land (Rittergüter) gebildet. Deren Arbeitskräfte bezeichnete man als Landarbeiter.


LPG Landwirtschaftliche Produktions-Genossenschaft. Zusammenschluss der Feldflächen oder/und des Viehbestandes der Bauern /Landwirte auf "freiwilliger Basis" durch Einsicht, das hieß: "freudige Abgabe alten privaten Eigentums, alter Rechte der Bauern bzw. Wiederhergabe des nach der Bodenreform zugemessenen Landes "in einen großen Topf" zur gemeinsamen Bewirtschaftung. (Siehe LPG Typ I, Typ II, Typ III).


RS 09 Ein Geräte tragender Rad-Schlepper, bedeutet hier etwa: Leichter Traktor mit wahlweiser Anbaumöglichkeit vielartiger landwirtschaftlicher Geräte. Dessen Vorgänger war der RS 08, der Nachfolger hieß GT 124.


Plansilvester Die Jahresarbeit und deren Erträge wurden geplant. Betriebe hatten die Vorgabe oder auch den Ehrgeiz, "das Soll" der Staatlichen Produktionsauflage schon früher als zum 31. Dezember zu erfüllen.

Deshalb "feierten" sie schon mal vorab den Abschluss des Jahres oder eben das "Plansilvester" vor dem kalendarischen Jahresende.


Agitprop Ausbildung darin, wie man andere Menschen durch "Agitation und Propaganda" von einer "Sache" überzeugen soll. (Aufklärung, Belehrung, oft mit dem "Holzhammer" gegen den Willen, die Einsicht des Gesprächspartners).


0-8-15 bedeutet sinngemäß: Gleichgültigkeit, Interessenlosigkeit, gegenüber einer Sache, einem Zustand, einer Verfahrensweise, einem Lebewesen .


Raupe Kettenschlepper, schwerer Traktor (nicht auf Rädern mit Luftreifen, sondern eben auf Ketten – wie ein Panzer).



EOS Erweiterte Oberschule, damals die Zeitspanne vom Beginn des 9. bis zum Abschluss des 12. Schuljahre umfassend.



Und weiter geht es innerhalb des Jahres 1963!

Freitag, der 15. September 1963 war der letzte Tag meines Aufenthalts in Großbeuthen.

Montag, der 18. September 1963 wird mein erster Arbeitstag in Babelsberg sein.


Ich wohne also nochmals bei den Eltern und strecke meine Beine unter ihren Tisch.

In den Tagen des Klinikaufenthaltes und danach hatte ich mir durchaus Gedanken über meine Zukunft gemacht. Was könnte mich interessieren? Welche Bedingungen stehen als Voraussetzungen für derartige Tätigkeiten? Welche Wege führen zu solchen Zielen?

Spannend wären wahrscheinlich

Anfang September hatte ich noch wenige Tage Beuthen-Urlaub und in dieser kurzen Zeit kommt mir wieder das fleißige Studium der sozialistische Presse zu Hilfe: Die NVA (Nationale Volksarmee der DDR) sucht für einen Standort in Babelsberg dringend einen Zivilbeschäftigten. Ich prüfe meine Eignung: Zivil bin ich und beschäftigt werden möchte ich auch. Na, also. Ich fahre hin und bewerbe mich. Dabei verschweige ich nicht, dass ich mich eigentlich ausbildungsberuflich orientiere und dieses NVA-Angebot nur als eine Übergangslösung ansehe, für eine Zeit, in der ich mich bemühen werde ... also nicht bis zum Rentenalter bleiben wolle. Trotzdem werde ich sofort angenommen. – Man ist zufrieden die freie Stelle erst mal mit mir besetzen zu können. Ich bin es auch.

Es handelt sich bei dieser Tätigkeit um die Arbeitsmerkmale "Pharmazeutische Hilfskraft, Verwalter des Sanitätslagers und Kraftfahrer" in der Apotheke des Armeelazaretts (Sanitätsbataillon) in Babelsberg, Ernst-Thälmann-Straße (früher war das die Großbeerenstraße und das Grundstück sowie die Gebäude darauf, bildeten das Nervensanatorium des Herrn Dr. Sinn). Schon am Tag der Arbeitsaufnahme lerne ich den Leiter der Dienststelle Dr. S. kennen, den Zahnarzt Dr. F. H., den Hautarzt Dr. N. und natürlich meinen unmittelbaren Chef den Pharmazierat Dr. N. Alle diese Doktoren sind Offiziere höherer Dienstgrade und alle sprechen sich mit "Genosse" vor dem Namen an, nicht etwa mit "Herr Dr." oder "Kollege".

Oh, noch erfülle ich nicht alle Voraussetzungen für diese Stelle. "Kraftfahrer" ist gefordert. Zwar habe ich ja die Fahrerlaubnisklasse III für Traktoren, Kettenschlepper (kleine Zivilpanzer) aber die Apotheke fährt wie auch andere mit dem großen "G 5" aus Werdau durch die Welt. Da muss ich also meine Fahrerlaubnis in absehbarer Zeit auf Klasse V erweitern. Die Erweiterung kann aber erst mit dem vollendeten 18. Lebensjahr gültig werden.

Die Planstelle, die ich nun innehabe, wird mit 320,- Mark Brutto monatlich und 12 Tagen Jahresurlaub vergütet. Mann, ist das ein plötzlicher Aufschwung gegenüber der Lehrlingsrente.

Im Arbeitsvertrag ist unter anderem fixiert:

Ich gehöre nun also zur Apotheke. Mein Chef ist der Provisor, der stets in Offiziersuniform mit dem darüber gestreiften weißen Kittel die Salben-Kompositionsstoffe mischt, Tabletten presst und Pillen dreht. So ist es üblich. Eine weitere Mitarbeiterin ist die Apothekenassistentin Fräulein H., die stets dafür Sorge zu tragen hatte, dass z. B. der Zugriff auf "Unguentum vorraeticum" möglich war. Es war damals die Zeit, in der es noch üblich war, auch reifere aber unverheiratete Damen mit „Fräulein“ zu titulieren (in Berlin eher „Frollein“). Aber das fiel hier ja fort. Sie war eben die parteilose Genossin H. Zum reinigenden Ausschaben der Salbenmischtöpfe benutzte man (Einmalnutzung) nagelneue Skatkarten, so wie im Haushalt für das Kuchenteiggefäß Gummi- oder Plastekarten / -schaber. Es gab also immer wieder neue Aufträge für die Spielkartenproduktion.

Nebenan im Röntgenlabor arbeiten H. J. von der Ostseeküste und I. N. aus dem sächsischen Süden. Letztere röntge gerne Speiseröhren, weil sie dann hochbefriedigt sagen konnte: “Schon wiedr ä Sofakuss“, wie sie scherzhaft den Oesophagus bezeichnete. Zu den "Nachbarinnen" gehört auch die Physiotherapeutin, Frau H. Unser Gehalt wurde damals noch als Bargeld ausgezahlt. Es gab Lohntüten, die den passend abgezählten Betrag und den Lohnstreifen mit den Berechnungsmodalitäten enthielten. Außen auf der "Tüte", wie ein DIN A 5 Briefkuvert, eine Tabelle auf der man den Erhalt der monatlich aufgeführten Nettobeträge quittierte. Der Lohnbuchhalter, Herr M. war ebenfalls ein Zivilbeschäftigter.

Zu meinen eigenen Aufgaben gehörte es, die medizinischen Waren der Hersteller und Lieferer einzulagern und diese nach den Bestellungen der Sanitätsunteroffiziere / Feldschere (im Zivilleben als Arzthelfer bezeichnet) der militärischen Einheiten zusammenzustellen und auszuliefern. Mein Aufgabenbereich trug daher zusätzlich zu den oben erwähnten Begriffen auch noch die wunderbar anmutende Bezeichnung „Expedition“, der in meinen Gedanken so etwas exotisches anhaftete, mich durchaus gedanklich gleich in ferne Länder führte. Richtig, an Archäologie hatte ich ja auch schon gedacht. "Sie, Genosse Janecke, übernehmen voll eigenverantwortlich diese Expedition". Das hörte sich doch großartig an! Hier aber bedeutete "Expedition" leider nichts weiter als "Auslieferung" der bestellten Waren.

Jeder angeordnete Arbeitsauftrag = Befehl war kurz und bündig zu wiederholen, um Unklarheiten oder Missverständnisse zu vermeiden. Beispielsweise würde es ja nicht angehen, dass ein Salbentopf ausgeliefert würde, wenn ein Nachttopf angefordert war, nur weil man sich ein bisschen verhört oder nicht aufgepasst hatte. Spaß beiseite. In kurzer Zeit waren alle täglich wiederkehrenden Aufgaben ohnehin klar.

Die Waren die zu expedieren waren, die ich also wie ein Kaufmann dem großen Bestand zu entnehmen und nach den kleineren militärischen Wunschzetteln in verändertem Sortiment auszuliefern hatte, das waren „1.000 Kleine Dinge“, zum Beispiel Verbandstoffe aller Art, Krankentragen, Urinale ("Enten"), Wolldecken aber auch herrliche Krankenbademäntel (Pyjamas) längsgestreift, in hellblau/weiß, aus Malimo-Gewirk. Und gar vieles andere mehr. Und die Genossin H. fügte noch ihre wertintensiven Salbenkruken dazu, auf die die Hautärzte warteten.

Des Weiteren waren Flüssigkeiten abzufüllen, meist aus 200-Liter-Stahlfässern oder großen Glasballons in kleinere "Gebinde" umzugießen oder mit der manuellen Fasspumpe "überzuschaufeln", zumeist in 1-Liter-Glasflaschen, die geleert immer wieder zurückgenommen und nach gründlicher manueller Reinigung vorbildlich wiederverwendet wurden.

So waren Grobdesinfektionsmittel-Konzentrate wie „Meleusol“ und „Kresomerlat“ sowie „Fesia-Form" und Feindesinfektionsmittel wie "Wofasept" oder "Fesiasept" umzufüllen. Da war besonders darauf zu achten, dass die Haut der Hände nicht verätzt wurde – merkte ich danach.

Für alles musste natürlich, beginnend bei der Warenannahme, die aufwendige Lagerkartei (für tausend kleine Dinge) geführt und Lieferscheine geschrieben werden, damit bei der Inventur alles stimmte. Und nicht nur zur Inventur. Immer. Auch die "Defektenkartei" war zu handhaben. Diese diente dazu, die Vorräte rechtzeitig wieder aufzufüllen. Defekt bedeutet hier nicht, das etwas entzwei/kaputt war, sondern dass der Vorrat bald zu Ende ging, dann nichts mehr da war. Das aber durfte nie vorkommen.

Darüber hinaus habe ich auch den Apotheken-Schriftwechsel zu führen und übe mich also im Maschineschreiben, im 2-Finger-System.

Mein erster Auftrag einen großen Glasbehälter („Weinballon“) von weißem innen abgesetzten Schlamm in der Badewanne spülend zu reinigen, endete schnell mit einem lauten Bruchknall des Gefäßes, weil ich es einfach fallenließ, als mir nach dem Ziehen des Korkenverschlusses unvorbereitet der nicht ertragbare stechende Geruch des Formaldehyds durch die Nase und (gefühlt ins Gehirn) schoss. Das war mir sehr peinlich – machte aber wohl überhaupt nichts. Es war ein Lehrstück.

Auch wusste ich als Siebzehnjähriger noch nicht um die Explosibilität von Narkose-Äther, um dessen elektrostatische Aufladung beim eher sorglosen Umplempern vom großen Gefäß in kleinere Abfüllungen. Doch mit ein bisschen leidlich gesundem Menschenverstand, mit Umsicht, ging auch ohne tieferes Fachwissen der Materie alles gut. Eine mündliche oder gar schriftliche Arbeitsschutzanleitung gab es für alle diese Arbeiten nicht. Es reichte die schriftliche Verpflichtung – diese (also das Unbekannte) einzuhalten.


Zwischen diesen höchst wichtigen Apotheken-Angelegenheiten flechte ich zur Auflockerung ein, dass mir in den Zeitungen auch eine weitere Annonce auffiel: Es möchte jemand gern sein Boot verkaufen und ich kümmere mich um dieses Angebot. Verkäufer und Käufer werden sich über den Eigentümerwechsel schnell einig. Es ist ein solides Klinkerboot aus Holz, ein früheres Sportruderboot, 3-Sitzer, 5.700 mm lang, max. 900 mm breit. Bereits beim Vorbesitzer wurde es allerdings nicht mehr sportlich gerudert, sondern zu gemütlicher Nutzung mit einem Treiber-Segel und mit einem Außenbordmotor vom Typ "Nixe" ausgestattet. In der Zukunft wird es sich erweisen, dass man bei Fahrten, die man unterbrechen möchte, längere Aufenthaltszeiten einplanen sollte, denn die "Nixen" haben die Eigenart ungern wieder anzuspringen, wenn sie noch warm sind.

Zu seinen warmen Zeiten ließen den Nixen-Motor also unsere Start-Bemühungen kalt, was mich manchmal an den Rand der Verzweiflung trieb, wenn man auf offenen Wasser am Abend, umtänzelt oder gepiekt von weiblichen Mücken beim Schrauben auch mal einen Kerzendichtring ins Wasser fallen ließ... und harmlose Kraftausdrücke darüber in Gegenwart von Damen nicht angemessen erschienen.

Das Boot stand bisher "Auf dem Kiewitt" (abgeleitet vom Vogel Kiebitz) an der Havel aber ich habe nun einen nahen Stand bei unseren Bekannten, den Köthurs, in der Babelsberger Straße an der Nuthe. Joachim Köthur und ich gingen zeitweilig in die gleiche Klasse. Er war ein reichliches Jahr älter als ich. Seine Eltern-Familie wohnte in der Johannsenstraße 2. Joachim wurde wohl leider nur ungefähr 32 Jahre alt.

Dort, wo unser Boot jetzt liegt aber an der gegenüber liegenden Uferseite, Wiesenstraße 20-22, war unser Vater als Kind aufgewachsen. Als kleinen Kindern hatte er uns damals darüber erzählt, dass seine Schwester Käte und er mit seinen Eltern an der Nuthe gelebt hatten und sie sich als Kinder mit Brettern, an die Kiesberge (der Kalk-und Mörtelwerke) gelegt, wunderbare Rutschbahnen bauten, bei denen auch das Einreißen von Splittern in den Po nicht ausblieb. Er erzählte von den Spielen mit den Nachbarskindern von Eis-Fix und Familie Trinks und von romantischen Nuthefahrten von der Kinder mit dem „Sargdeckel“, wie der Punt liebevoll genannt wurde. Hier also hatte dieses Stück "meiner frühen Vor-Geschichte" gespielt.

Unser Schiff trägt bisher keinen Namen. Mein Bruder Jörg und ich beratschlagen, auf welchen Namen man das Boot taufen könne. Zum Beispiel denken wir ernsthaft über "Fregattvogel" oder "Erzfrachter" nach. Es muss ja nicht immer der Vorname der eigenen Schwester sein – es reicht doch, wenn sie bei der Taufe feierlichst die VIPA-Flasche wirft, dem Boot somit "das Wasser reicht".

Später zeltete mein Bruder Jörg mit seinem Freund und Schulkamerad Rainer in den Großen Ferien am Glindower See. Unser schwarz-weißer Hund „Luxi“, ein Glatthaarterrier und ich, wir waren die unangeforderte Lebensmittel-Versorgungstruppe. Das gab ein großes Hallo des Wiedersehens und einen langen Plauderabend. Luxi steckte sofort das Revier ab und bewachte das Zelt. Er war der Hausherr und ließ seine knurrende Stimme hören, wenn sich jemand dem Zelt "zu weit" näherte.

Das Boot werde ich bis 1969 behalten und dann aber mit meinem Beginn des fünfjährigen Fernstudiums schweren Herzens an einen anderen Interessenten weitergegeben.


Doch nun wieder zurück ins Offizin! Eine Menge des Bestandes aus dem Apothekenkeller wurde auch zu den Manövern mitgeführt. Mein Chef hätte dabei so gerne statt der Handkartei das „Hollerithsystem“, sein angedachter erster Schritt zur „kybernetisch-manuellen Datenverarbeitung“, vielleicht mit Lochkarten und den dazugehörenden "Stricknadeln", eingeführt aber dazu kam es nicht. Zur Zeiteinsparung fehlte es an Zeit, Kraft und Kenntnissen für das Hyper-Moderne, um diesbezüglich in eine Vorreiterrolle zu gehen. Man denke aber auch an lose Karteikarten und "Stricknadeln" nachts beim Manöver, ich will das Wort "Kriegsfall" tunlichst vermeiden. Ähnlich im Sande verlief der Gedanke an eine maschinentechnische Ladehilfe mit Kurbel und Seilflaschenzug oder Zahnstangengetriebe, denn wir mussten alle vollen schweren Holzkisten oder großen Einzelartikel per Hand auf den Lastwagen laden und auch wieder herab heben. Die Lkw hatten zudem (wie alle in jener Zeit) recht hohe Fahrwerke über den großen Rädern aber mitgeführte Ladekräne oder absenkbare Ladebordwände gab es ja noch nicht. Solche Bezeichnungen standen in noch keinem DDR-Wörterbuch. Diesen Lkw "G 5" brauchte ich bei den Manövern sowieso nicht selber fahren, das oblag einem versierten Berufskraftfahrer. Diese großen Lkw „G 5“, aus Werdau in Sachsen, hatten mit dem Getriebe-Vorgelege fürs Gelände, alleine schon 12 Vorwärtsgänge. Ich hockte dann auf der Ladefläche unter der staubigen Plane (die Fahrzeuge standen ja immer im Freien), im Winter in muffige Decken eingehüllt, zwischen den mitgeführten Kisten, gestapelten Krankentragen und sonstigen Artikeln der Feld-Apotheke eingezwängt. Eingestaubt sah ich im Gesicht schon recht geschwärzt aus, obwohl noch keine Kriegsbemalung als Tarnung befohlen war – und wusch mich dann mit Schnee, so gut es ging – wenn welcher lag. Aber einen Wassertankwagen gab es bei der Feldküche auch.

Auf Anforderung der Ärzte an die rollende Apotheke waren dann auch in der Nacht mit Taschenlampe die befohlenen Mittelchen möglichst sofort zu finden, die (zumindest testweise) dringend gebraucht wurden und auf dem Apotheken-Lkw in irgendeiner der gestapelten großen Holzkisten ruhten, sich aber von allein nicht meldeten. Natürlich gehörte zum Einsatz auch das Wache stehen, der Schutz des schlafenden Lagers und die Tätigkeit als Informationsposten.


Deutlich erinnere ich mich beispielsweise an ein Manöver, auf dessen Fahrzeug-Marsch wir im Winter eines Nachts in Burgstall (nicht weit von Wolmirstedt, wo ich ja vor einem halben Jahr im Sommer weilte) ein Camp aufschlugen das Camping pflegten. Wie sich die Dorfbewohner von Burgstall am Morgen verwundert die Augen rieben, als sie sahen, dass ihr verschlafenes Dörfchen sich über Nacht in ein Feldlager verwandelt hatte – eine fremde Besetzung – oder gar Besatzung? Uns aber ging es nicht viel anders, denn es wurde uns ja vorher nicht bekannt gegeben, wohin denn so die Reise gehen wird.


Vom Herbst 63 bis Sommer 64 verbringe ich nach diesen Apotheken-Tagesarbeiten fünf Abende pro Woche (montags bis freitags, von 17 bis 21 Uhr) in der Volkshochschule, in den Räumen der Helmholtzschule, Straße der Jugend 51, am Nauener Tor. Eigentlich hätte ich in die 11. Klasse einsteigen sollen aber eine solch lange Zeit wollte ich mir für diesen Abschluss nicht zugestehen ... und wer weiß schon, was in einem Jahr oder gar später los ist, suche ich doch den Platz für einen regulären Beruf mit Abschluss. Ich entschied mich also unter Einsparung eines Schuljahres für eine Reduzierung, für ein „Fachabitur“, belegte also diese Fächer, die mir Spaß machten und von denen ich dachte, dass ich sie brauchen könnte, für ein 12. Schuljahr. Es fügt sich also wieder alles ziemlich nahtlos ineinander und die Tage sind sehr voll gefüllt. Unsere Klassenlehrerin ist dort Frau Nippert, der Direktor Herr Budach.


Katzenjammer

Auch im späten Herbst lüftete ich unseren Keller in der Wattstraße 12 für längere Zeit. Ihr wisst schon, das ist der Raum, auf den die breiten schrägen weißen Pfeile außen auf der Fassade noch immer als Luftschutzkeller, als Zufluchtsort im Kriege, hinweisen. Nun nahm ein großer getigerter Kater die Chance des geöffneten Fensters als Angebot wahr und wählte unseren Keller als Asyl. Als ich in der Keller kam, um Kohlen zu holen, fauchte er mich mit weit aufgerissenen Augen an. Ich holte erst mal eine Schüssel mit Sägespänen als Toilette für ihn und brachte etwas relativ leckere Nahrung und auch Milchwasser und eine weichere Liegefläche, als die Briketts sie ihm boten. Er nahm es erst an, als ich ihn wieder allein und im Dunkeln zurück gelassen hatte. Sehr scheu war er, bis er sich etwas vertrauter zeigte und ich sah, dass er eine große zerfetzte Fleischwunde mit abgestorbenen Wundrändern hatte, die eiterte und versorgt werden musste. Bald konnte ich ihn anfassen, er ließ sich kraulen. Eines Tages er ließ sich dann sogar in eine große Tasche heben und so konnte ich mit ihm zur Tierärztin Frau Dr. Worseck gehen. Er erhielt eine große Menge des Antibiotikums Vetastricillin und die rechte Seite wurde vom Fell geschoren, die Wunde in Narkose desinfiziert, die nekrotischen (abgestorbenen) Wundränder beschnitten, alles wieder vernäht, so dass ich ein nunmehr fast mumifiziertes Bündel wieder mit nach Hause nehmen konnte. Die Wunde heilte nun – aber eines Tages kam der Kater nicht mehr wieder, obwohl er ja nun sichere und geordnete Lebensbedingungen gefunden hatte. Ich blieb in der Ungewissheit, dass ihm wahrscheinlich doch ein schreckliches Ende widerfahren war. Vielleicht ist er von einem Auto überfahren worden oder hat einen starken Kampf und dabei sein Leben verloren. Es war eine kurze Freundschaft, die sich noch im Wachstum befand.


Fahrschule

In der kurzen, noch kriegszerstörten Potsdamer Brauerstraße, zwischen dem Alten Markt und der Burgstraße, hatte ich mich zur Erweiterung meiner Fahrerlaubnis (von Klasse III auf Klasse V und somit zu kurzer Fahrschulzeit angemeldet. Nun ist es soweit. Das Ganze läuft wieder schnell ab und weil es so praktisch ist, nehme ich die Klasse I (eins) für Motorräder gleich mit. Das stellt sich kostengünstig und ist zukunftsorientiert. Mit dem abendlichen Theorieunterricht habe ich nicht viel zu schaffen, da meine Traktoren-Fahrerlaubnis ja "frisch" vom Januar dieses Jahres ist und ich deshalb nur eine aktuelle Theorie-Prüfung benötige. Die wenigen praktischen Erweiterungs-Fahrstunden für Motorrad und Lkw liegen zum Teil in der Arbeitszeit. In den Abendstunden hätte ich wegen der Volkshochschule auch überhaupt keine freie Zeit für den Theorie-Fahrschulunterricht gehabt.


Die Fahrschule findet in der Brauerstraße statt. Hier wohnte "früher" der Baurat Manger. Bei ihm arbeitete "unser Potsdamer Heldenmädchen" Eleonore Prohaska bis zum Frühjahr 1813 als Hauswirtschafterin, also bis zu der Zeit, als sie zur Truppe des Freiherrn von Lützow ging, um verkleidet und unter falschem Namen als >Freiwilliger Schwarzer Jäger August Renz<, als Trommler und Infanterist mit in die Schlachten der Befreiungskriege gegen die Franzosen zu ziehen. Diese Zeit war für unsere Eleonore eine zu kurze!


Eleonore Maria Christiane Prohaska

(der tschechische Name bedeutet: "Der Spaziergänger"),

geboren in Potsdam am 11. März 1785.

Ihr Vorgesetzter notierte: "Der Trommler und Infanterist August Renz kam als Jäger im Juni in unser Lützowsches Freicorps, das unter dem Obersten Graf v. Kielmannsegg kämpft. Seine Sprache ist nicht besonders fein aber er kocht vortrefflich in den Biwaks. Die Größe seines hoch aufgewachsenen Körpers beträgt 5 Fuß, 8 Zoll, 3 Strich. (Das sind nach der Umrechnung von Chris Janecke: 1,79 m). Der Jäger August Renz wurde in der Schlacht an der Görde bei Lüchow und Dannenberg am 16. September 1813 schwer verwundet. Er war außer Deckung gegangen, weil er mit weiteren Kameraden einen gerade schwer Verletzten versorgen wollte. Hierbei wurde ihm durch ein Geschoss des Feindes der Oberschenkel zerschmettert. Erst bei den Hilfemaßnahmen entdeckte man, dass es sich bei dem Jäger August Renz in Wirklichkeit um eine junge Frau handelte!"

Gestorben ist sie in Dannenberg in einem Bürgerhaus, Lange Straße, am 05. Oktober 1813, im Alter von 28 Jahren.


Bei den Lützowern kämpften zur gleichen Zeit (1813) auch die bekannten Persönlichkeiten: Turnvater Friedrich Ludwig Jahn (36 Jahre alt), Joseph von Eichendorff (25 Jahre alt), Theodor Körner (1791– August 1813, 22 Jahre jung), Friedrich Fröbel (31 Jahre alt), Major Ludwig v. Lützow, (der das 3.000 Mann starke Freiwilligenheer gegründet hatte, 31 Jahre alt), Friedrich Friesen 29 Jahre alt ... und viele andere.


Nach diesem ergreifenden Blick in die kriegerische Weltgeschichte (wir leben ja bloß im "Kalten Krieg") machen wir hier unser'n friedlich-schnöden Alltagskram weiter:

Der Fahrschul-Lkw ist ein

H 3 A, für 3 t Nutzlast, aus den Horch-Werken in Zwickau. Das Fahrschul-Motorrad eine Touren-Awo aus Suhl mit Beiwagen, in dem es sich der Fahrlehrer gemütlich macht. In dieser Winterzeit holen wir damit die von irgendwelchen Baumfällern schon freundlich vorbereiteten Holzkloben (Rollen) aus den Ravensbergen (dort wo die Raben hausen). Das heißt, mein Fahrschullehrer nutzt nicht den Sitz, sondern thront, das Beutegut verdeckend, oben auf dem Holz. Dieses Gut ist für den eisernen Fahrschulofen zweckbestimmt, der den Raum schnell wärmt, aber die Hitze nicht lange hält. Kein Förster kam uns dabei „in die Quere“. Aber bitte nicht weitersagen. Zwar gehört der Ofen wie auch die Fahrschule und das Holz sowieso zum Volkseigentum (wie der Fahrlehrer mir erläuterte) aber die Aktion ist doch irgendwie etwas geheim, ähnlich wie meine Tätigkeit in der Apotheke, weil diese zur NVA gehört und auch ein Volkseigentum mit Geheimnissen ist.

Nur wenige Jahre ist es her, als wir, zwei Schüler, den Klassenraum kurz vor den Weihnachtsferien mit einigen Kiefern- oder Fichtenzweigen schmücken wollten und mit den Fahrrädern, einer kleinen Handsäge und dem alten Rucksack in eben diese Ravensberge rollten. Als wir gerade den künftigen Raumschmuck mit dem Fuchsschwanz ... (Fuchsschwanz passt doch schon mal recht gut zum Wald, nicht wahr?) ... trat damals aber ein bewaffneter Forstmann sehr ernst aus seinem Versteck. Fast schien es so, als hätte er uns schon erwartet. Wir hätten kaum jemandem geschadet, denn im Allgemeinen werden von den Weihnachtsbäumen die untersten Zweige sowieso entfernt. Da wir weder Personal-Ausweis noch Strafgeld dabei hatten, konfiszierte er die Corpi delicti: Säge und Sack, die wir tags darauf im Forsthaus auslösen sollten. "Ja, gern, dann und tschüß". –

Die wirtschaftliche Berechnung mahnte uns jedoch, lieber die Rostsäge im alten Sack abzuschreiben und jene besser beim Waidmann zu lassen. So blieben ihm diese als gegenständliche mahnende Beispiele von Botanik-Wilderern oder auch als Trophäen seiner Jagdkunst erhalten – vielleicht tauglich für eine Ausstellung? Aber wir waren mit unserer Absicht für die Ernte einiger Schmuck-Reiser ja nur kleine Waldfische. Er hatte gewiss auf Leute gewartet, die komplette Weihnachtsbäume absägen wollten. Hoffentlich haben wir ihn somit nicht allzu sehr enttäuscht, denn so etwas soll man nicht tun.


Heute war dieser "Raub-Fischzug" der Holzkloben noch einfacher, denn der Förster hätte wohl weder das Motorrad, noch den Fahrlehrer eingezogen und ich war bloß ein minderjähriger und gedungener Schüler, frei von jeder Schuld am vielleicht doch frevelhaften Vorhaben und Tun.


Die Kriegs-Ruinen am Alten Markt sind im Wesentlichen beseitigt, die Burgstraße wurde ein Stück "verrückt" und neu anders wieder aufgebaut, nun mit einer schönen Grünfäche bis zum Ufer der "Alten Fahrt" der Havel. Der Platz des Schlosses ist verwaist. Die Nikolaikirche hat schon wieder eine Kuppel aber die wenigen Reste der Brauerstraße sehen noch schlimm aus – für Jenen, der nicht das gesamte Ausmaß der Zerstörung kannte. (So wie hier oder schlimmer in vielen anderen Ländern durch "deutsche Hand"). Zur Seite des Alten Marktes hatte man die Ruinenreste anlässlich der Arbeiterfestspiele aufgehübscht, mit weißer Kalk-"Brühe" angesprüht, damit die Ruinen fröhlicher, optimistisch in die Zukunft schauen. Diese kurze Straße war wie das gesamte Areal um den Alten Markt mit der Nikolaikirche und dem Schloss leider in der Nacht vom 14. zum 15. April 1945 Opfer des schrecklichen Vergeltungs-Bombardements geworden. Nach Neuordnung und geplanten Änderungen wird diese Straße in einer Grünfläche aufgehen, nicht wiederzufinden sein. Deshalb sehen wir auch keine Gedenktafel an Eleonore Prohaska, an keiner Hauswand. Zum stillen Gedenken gehen wir auf den Alten Friedhof. Dort steht eine Säule mit Inschrift.


Was es sonst noch zu berichten gibt:

Unser Hund Struppi hat offenbar Krebs. Er bekommt immer neue Tumoren. Ein paarmal war er schon mit in der Praxis, wo ich ihm Geschwülste mit dem Elektrokauter abgetrennt und die Wunde eingeschmolzen habe. Aber die Krankheit schritt immer weiter vor, so dass ihm das Leben sehr schwer fiel, er kaum noch laufen konnte. Heute hat ihn Frau Dr. Worseck mit einer Injektion schnell und schmerzarm erlöst. Gewiss befindet sich unser Struppchen nun im Tier-Himmel, auf der anderen Seite des Regenbogens.


Unsere Familie besitzt jetzt einen Fernsehapparat. Einen gebrauchten „Rubens“, den unser Radiomechaniker, Herr Gr. besorgt hat. Eine unheimlich große schwarze Holzkiste mit einem kleinen Bildfensterchen von etwa 26 x 19 cm Größe (Bilddiagonale 33 cm); kleiner also, als ein DIN A4 – Blatt. Aber es passt alles d'rauf, was an schwarz-weiß-grauen Darstellungen zu sehen sein soll. Wir sitzen ja auch nicht im Theatersaal, sondern im Wohnzimmer und da geht das schon ganz gut. Dazu gibt es noch einen weiteren kleineren Zusatzkasten, den manuellen Spannungsregler. Der Fernseher möchte gerne seine Bilder unter 220 Volt Spannung zeigen. Manchmal sinkt aber das städtische Angebot ab, da soll man also nur mit einem Auge nebenbei auf das Voltmeter schauen und am Stellrad den Transformator hoch regeln – und gleich fühlt sich das Fernsehgerät wieder wohler.


Reihenuntersuchungen: Bisher werden im Rahmen der Volksröntgenaktion jährlich, (später alle zwei Jahre) Schirmbild-Thoraxaufnahmen für eine Früherkennung der Tuberkulose gefertigt, zumeist in grauen mobilen Röntgenzügen (Lkw-Kofferwagen und Röntgen-Bussen). So wurde die Volkskrankheit Tuberkulose ausgerottet. Bei uns. Eine großartige, aufwendige Leistung des DDR-Gesundheitswesens! Und wir alle werden auch hierbei gebildet. Geschirmbildet.


Da ich kurz vor dem Jahresende das 18. Lebensjahr vollenden werde, kann ich mich nun zu den beiden Fahrprüfungen anmelden. Am Tage der Fahrprüfung bei Schneeglätte, muss ich das erste Mal auf einem Solokrad fahren, auf einer kleinen, leichten, handlichen RT 125. Bei dieser Glätte ohne drittes Rad. Die Prüfungsfahrt, sonst nur durch einige Straßen der Stadt, war noch dazu ungewöhnlich lang und eilig ebenfalls. Es ging vom Potsdamer Zentrum bis nach Stahnsdorf/Kleinmachnow, Bus-Umsteigestelle Waldschänke (hin und zurück 36 km). Und das nur, weil der prüfende Polizist von dort aus mit einem Bus unverzüglich nach Hause streben wollte. Wir mussten also schneller sein, als der Bus von Potsdam nach Stahnsdorf. Na gut, wir hatten auch nicht derartig viele Haltestellen zu berücksichtigen. Das statt des ersten Busses eingesparte Fahrgeld hat uns der Grüne nicht als Trinkgeld dagelassen, auch nicht als Sonder-Benzingeld für die Fahrschule. Er waltete einfach nur seines Amtes. Trocken und ernst.


1964 – mein 19. Lebensjahr

Der Kalender zeigt den 6. April 1964. Hochzeitstag meiner Eltern. Heute will mich die Nationale Volksarmee (NVA) sehen. Vor zwei Jahren wurde in der DDR die Wehrpflicht gesetzlich eingeführt und heute steht auch meine Musterung für den Wehrdienst an. Ich hatte mir schon zeitig Gedanken darüber gemacht, in welcher Gattung ich besonders gerne zu dienen gedenke, falls ich "nach besonderen Wünschen" oder "scheinbar besonderer Eignung" gefragt werden sollte. Ich hätte geäußert, den Wehrdienst, zumindest nach der Grundausbildung, in einer Sanitätseinheit leisten zu wollen, da ich ja als Ziviler sowohl im Lazarett tätig bin und "schon auf gewisse Grundkenntnisse" verweisen könne. Keinesfalls wollte ich die glühenden Patrioten Musteroffiziere etwa zum Anfang zur Weißglut bringen und ihnen eröffnen, dass es mir grundsätzlich widerstrebt, dass eine Gruppe friedliebender Soldaten und eine andere Gruppe friedliebender Soldaten sich gegenseitig befehlsgemäß erschießen, wenn die Befehlshabenden Meinungsverschiedenheiten hätten.

Dass diese jeweiligen potenziellen Gegner in jedem Falle nur Armeen ausschließlich zur Verteidigung befehligen würden ... na ja, es könnte schwierig mit solcher Argumentation in einem Musterungsvorgang werden und meine Akte bekäme vielleicht gleich ein böses Startblatt mit unkalkulierbaren Konsequenzen. Andererseits war offiziell schon mal klar gelegt, dass in nächster Umgebung die Bundeswehr der BRD als ein aggressiver imperialistischer Feind drohe ... und uns immer wieder deren Blitzkriegspläne zur Vereinnahmung der DDR vor Augen gehalten wurden. Und selbst die Amerikaner hätten uns in ja in Friedenszeiten bereits mehrmals mit Kartoffelkäfern bombardiert – haben wir höchlichst ernsthaft gelernt.

(Die Möglichkeit, aus Gesinnungs-, Gewissens- oder religiösen Glaubensgründen eine Bausoldatenzeit zu beantragen, bestand zu dieser Zeit noch nicht).

Und dann war ich ziemlich schnell an der Reihe – bei den Musterungs-Medizinern. Jeweils kurz und knapp – aber insgesamt dauerte es. Verschiedene Scheine wurden ausgestellt, die beim Musterungsoffizier abgegeben wurden, der mir dann die Zusammenfassung etwa so mitteilte:


Ich musste mich angesichts dieses nun überraschenden Musterungsergebnisses erst einmal fassen, denn ich benötigte weder meinen gedanklich vorbereiteten Wunschzettel, noch eine schwierige Diskussion. Es war nun eher ein Stottern, statt vorbereiteter Kurzrede, etwa so:


Wir wünschten uns militärisch kurz und knapp gegenseitig alles Gute für die jeweilige Zukunft, wobei ich wie gewohnt Haltung annahm und zum Abschied grüßte.

Ja, diesen frommen Wunsch – alles Gute in der Zukunft – will ich mit allen Kräften anstreben.

Und das beginnt sofort – ich komme gerade noch pünktlich zum Festtags-Kaffee meiner Eltern.


Die Ärzte der Oberlin-Klinik hatten wohl recht gehabt, als sie mir dringend das vorzeitige Beenden der landwirtschaftlichen Lehre empfohlen hatten und nach einem sehr frühen Unfall, vermutlich mit einer Gehirnblutung, auch meine Seh- und damit die potenzielle Schieß-Leistung beeinträchtigt war.


Das Dreivierteljahr meines Tagesaufenthaltes in der Lazarett-Apotheke geht am 15. Juni zu Ende, denn meine zwischenzeitliche Ausbildungssuche hatte einen Erfolg.

Von der NVA bekomme ich als empfehlenden Gruß für die neue Ausbildungsstätte eine gute Abschlussbeurteilung mit. Genauso endet im Juni meine Zeit der abendlichen Weiterbildung in der Klasse 12a der Volkshochschule Potsdam. Die Prüfungen in den von mir gewählten Fächern waren angenehm. Besonders hat mir natürlich Biologie gelegen. Ich hatte möglichst alles über das „Organsystem Haut“ (Anatomie und Physiologie) zu erzählen, konnte aber nicht alles über Pathologie und Erste Hilfe zusätzlich loswerden, weil inzwischen die Zeit heran war, dass der nächste Kandidat geprüft werden sollte.


Im VEB Maschinenbau-Erzeugnisse, beim Gebraucht-Fahrzeugverkauf, in Teltow, Ruhlsdorfer Straße, erstehe ich ein Motorrad. Es ist eine zehn Jahre alte EMW R 35/3 (14 PS bei 350 ccm Hubraum) aus den Eisenacher Motorenwerken, für 170,- Mark. Diese wird mit tatkräftiger Hilfe meines Großcousins völlig zerlegt und in einem mittelblauen Farbton gespritzt. Tank und Scheinwerfer aber werden weiß. So hat sie versehentlich eine bayerische Farbgebung, obwohl die zivilen BMW schwarz waren. Statt der Gummisättel sehr unterschiedlicher Höhe erhält das Maschinchen die geteilte Sitzbank einer Sport-Awo. Eigentlich sollten es weiße MZ-Sättel sein, es hätte gestalterisch besser gepasst, die ich aber nicht bekam. Der langweilige Wickelgasgriff wurde durch den "Reißgasgriff" einer Pannonia (ungarisches Motorrad) ersetzt und schon zeigte die Maschine ein ganz anderes Temperament. Eigentlich sollte die Ausstattung noch von einem höher gestellten Moto-Cross-Lenker komplettiert werden aber einen solchen bekam nicht frei im Handel, sondern nur für eingetragene Geländesport-Wettbewerbsmaschinen. Die Seitenflächen der Reifen strich ich mit weißer Gummifarbe – eine schlimme Arbeit, weil sich das Zeug mehr "zog", als haftete, sich also schwer streichen ließ. Aber hübsch sah das Gefährt zum Schluß schon aus. Es fuhr nicht zu schnell: Vmax. 105 km/h aber zuverlässig. In Potsdam fuhr ich los, Sprit sparend mit nur 80 km/h Reisegeschwindigkeit und so ging's durch bis Dresden, 200 km in zweieinhalb Stunden non stop und eben, wie ein Uhrwerk. "Probefahrten" gab es sowohl mit meinem Bruder , als sogar vorsichtig sowieso aber auch langsamer, mit Tante Käthe. Sie ist jetzt 66 Jahre jung und hat nun zum ersten Mal in ihrem Leben auf einem Motorrad gesessen. Hinten.

Zur gleichen Zeit hatte mein Großcousin ein weiteres Motorrad auf dem Hof stehen. Eine rote

500-er „Imperia“ aus der Frühzeit der Motorradgeschichte. Weiß der Geier, wie sie den Weg zu ihm gefunden hatte. Sie kostete ihn damals nichts (heute wäre sie als Liebhaberstück ein Vermögen wert). Mit Trapezgabel und mächtigen seitwärts und nach vorn gebogenen Auspuffkrümmern sowie weit ausladenden Ledersätteln. Ich habe solch ein Ungetüm nie wieder "in Natur" gesehen. Sie wurde aber später weitergegeben. Hoffentlich hat man sie nicht verschrottet, sondern ziert heute irgendein Technik-Museum.


Nun beginne ich kein neues Lehrlingsleben, sondern eine "Erwachsenenqualifizierung" im Staatlichen Gesundheitswesen. Der Ziel-Beruf heißt "Hygiene-Inspektor". Es ist ein mittlerer medizinischer Beruf. Von diesem Beruf hatte ich bisher noch nie etwas gehört, aber das Ausbildungs- und Arbeitsspektrum sprach mich gleich interessierend an. Es ist eine "duale" Ausbildung, in der sich praktische Ausbildung und der Fachschulbesuch im halbjährlichen Wechsel ablösen und ergänzen.


Vorerst beginne ich also mit dem ersten Praxis-Abschnitt in der Hygiene-Inspektion beim Rat des Kreises Zossen, Abteilung Gesundheits- und Sozialwesen. Im Moment stehen als "tragende Säulen": Lebensmittel-Hygiene, Kommunal-Hygiene und die Bekämpfung von Infektionen auf dem Programm aber auch die Sozial-Hygiene wird immer wieder eine Rolle spielen, eine Aufgabe sein. Die Arbeitsstelle ist nicht im Baracken-Gebäude-Komplex des Rates des Kreises untergebracht, sondern im Hochparterre eines Miethauses in der Mittenwalder Straße 2, das einem Schausteller gehört, der über den Büroräumen wohnt. Oh, oh – Hygiene: Dieses Wohnhaus mit den "Gewerberäumen", die wir nutzen, verfügt über einen Trockenabort auf dem Hof, ein so genanntes Plumpsklo, das durchaus nicht einladend aussieht. Bald schlage ich vor, dass wir es instandsetzen und renovieren (weil der Vermieter sich wegen der Kosten für etwas Holz und Farbe sträubt) und nach unserer Bearbeitung sieht es "einladender" aus.

Ich bestelle mir für das erweiterte Selbst-Studium schon mal verschiedene Hefte der Reihe "Kleine Gesundheitsbücherei", herausgegeben vom Deutschen Hygiene-Museum in Dresden. Diese bildenden Einzelhefte im Format DIN A 5 kosten 0,20 DM, das Doppelheft 0,40 DM. Man kann sich also deren Wissensinhalt über vielfältige Themen leisten. Ebenso schaffe ich einen Vorrat aus der "Schriftenreihe für den Referenten" an, herausgegeben von der URANIA , der Gesellschaft zur Verbreitung wissenschaftlicher Kenntnisse.

Ich werde auch bald Mitglied in der "Gesellschaft für Allgemeine und Kommunale Hygiene der DDR" und "verschlinge" deren Zeitschriftenbeiträge, um schon etwas mehr und so das Neueste zu erfahren und es dann zu wissen ... um nicht wieder in einen so etwas abfällig angesehenen, "Großbeuthener Lehrlingsstatus" hineinzugeraten, sondern um möglichst bald mit neuem Wissen bei den "alten Hasen mitreden" zu können.


Wo ich jetzt wohne? Vatis Großcousin, der Dr. phil. Wernher Bauer, Rangsdorf, Falkenflur 2, Ecke Grenzstraße, hat in Rangsdorf eine Bekannte, Frau Stefanie, eine Schneiderin im Altersruhestand. Sie hat in ihrem Hause, Unter den Eschen 8, ein Souterrainzimmer zu vermieten und so stand meinem Einzug (scheinbar) nichts im Wege. Direkt unter dem Fenster breitete sich mir ihr Garten aus. Die alte Dame werkelte viel in ihren Beeten. Sie hatte mir auch eine kleine Beetfläche angeboten, zugeordnet, auf der ich begann, meinen künftigen Pfefferminztee zu züchten.

Leider hielten diese paradiesischen Zustände nicht ewig, ja nur kurze Zeit. In der DDR war ja sämtlicher Wohnraum staatlich erfasst, "bewirtschaftet" und wurde ohne eine mögliche Einflussnahme des Vermieters, des Hauseigentümers, vergeben. Diese staatliche Verfahrensweise war mir bisher nicht bekannt. So hatte Frau Stefanie das Untermietsverhältnis zwar mit mir geschlossen aber nicht mit dem Rat der Gemeinde Rangsdorf begründet. Das bedeutete: Offiziell war dieses Zimmer frei und wurde vom Rat nun auch offiziell belegt, was bedeutete, dass ich (als illegaler Untermieter) von einer Stund' auf die andere verschwinden musste. Ein Möbelwagen war dafür nicht vonnöten. Ich hatte ja nur einen kleinen Koffer. Adé du schönes Kellerzimmer! Den werdenden, also noch ungebrühten Pfefferminztee am Stengel ließ ich für meinen Nachfolger dort. Hoffentlich hat er ihn gewürdigt – oder untergepflügt? – oder Frau Stefanie lebte davon gesund!


Und schon wieder ebnete mir ein Engel in der Not den Weg: Frau Irmgard Sch. wohnte in Berlin, hatte aber in Rangsdorf eine Wochenendlaube, in die ich übergangsweise sofort einziehen konnte. So hatte ich nun plötzlich ein „eigenes“ Haus, im Garten eine Handschwengelpumpe für das Wasser zum Waschen und Kochen. Stets musste man tunlichst einen Rest des Wassers aufheben, um die Pumpe wieder „angießen“ zu können. Drinnen in der kleinen Küche stand ein Herd, der mit festen Brennstoffen gespeist werden wollte. So ging ich abends in den Wald und sammelte Kiefernzapfen (Kienäppel) als prima Brennmaterial, um mir dann eine köstliche Suppe kochen zu können. Das ging so nach der Art des Lebens von Huckleberry Finn den Sommer über.

Im Herbst besorgte mir der Rat des Kreises dann ein möbeliertes Zimmer in Blankenfelde, im Einfamilienhaus des betagten Ehepaares St., Friedrich-Engels-Straße 9. Großer Garten, ewig aufgeregt kläffender promenadengemischter Kleinköter. Das Zimmer: Etwas naturtrübdunkel, enggewendelte, also sichtdichte Stores, schwere weinrote Samtgardinen, ein dazu passend plüschiger Sessel mit Tisch davor, ein schwarzbrauner Schrank, dazu die passende Kommode mit Marmorplatte belegt und Steingutschüssel sowie Wasserkrug zur Körperpflege darauf stehend. Ein Bett, versteckt unter der Dachschräge im Alkoven, davor ebenfalls schwere samtplüschige "Rotweinvorhänge", darunter das bauchige "Nachtgeschirr", das während meiner Zeit trocken blieb. Über allem waberte der Eindruck älteren Staubes.

Küchenmitbenutzung? "Ich bitte Sie herzlich!" Für Getränkewasserversorgung und Geschirrabwasch des Untermieters bitte das kühle Wasser aus dem Handwaschbecken des Klo's. "Sie haben den Krug und die Schüssel!" "Ja, danke". "Sie besitzen einen Tauchsieder?" "Ja." "Aber nur unter Aufsicht." "Selbstverständlich."

Mein Motorrad stelle ich im Garten ab und fahre am nächsten Morgen kurz nach 6 Uhr mit der Bahn nach Zossen zur Arbeitsstelle. Sehr bequem. Als ich am späten Nachmittag in mein neues Heim zurückkomme, sehe ich zwei zittrige Leute. Sie hätten sich ja solche Sorgen um mich gemacht! Ängste durchstanden. Nur wegen mir. –

Als sie sich am Vormittag von der Nachtruhe erhoben hatten, sahen sie: Aha, Motorrad ist noch da, der junge Herr wird noch der Ruhe bedürfen. Als die Sonne höher kletterte, bildeten sich meine "neuen Erziehungsberechtigten" die Meinung, dass der junge Mann eigentlich langsam aufstehen könnte. Weil sich auch fürderhin nichts rührte vermuteten sie später, dass ich gewiss plötzlich schwer erkrankt sei und da ich mich auch trotz energischen Klopfens an der Zimmertür partout nicht meldete, stieg in ihnen die sich festigende Ahnung auf, dass ich bereits vor der Zeit hinieden gegangen, also recht zeitig verschieden sei. Ausgerechnet bei ihnen – und damit zur Unzeit und am falschen Ort. So fassten sie sich denn zwei Herzen, öffneten die Tür und sahen – das Zimmer war nach wie vor möbeliert – aber ansonsten leer. Wie war das denn möglich?

Das alles erzählten sie mir als ich am späten Nachmittag von der Arbeit gekommen war und konnten hernach wieder schlafen. So verlief in Abwesenheit mein erster Tag in "meinem neuen Heim". Es sollte nicht von überlanger Dauer sein.


Unser Kreis-Hygiene-Arzt, Herr Dr. med. Bi. hat seine Praxis in Baruth und dort findet ihr auch

seine reizende Assistentin. Zur Kreisärztin Frau Obermedizinalrat (OMR) Dr. med. Schneider haben wir es zu den Baracken des Rates des Kreises in der verlängerten Kirchstraße aber näher. Angenehme Arbeitsbeziehungen pflegen wir auch mit den Mitarbeitern der Poliklinik Zossen am Leninplatz und mit dem Personal in den Landambulatorien. Halten wir uns tagsüber in der Stadt auf, dann können wir in der HO-Gaststätte "Weißer Schwan", am Nottekanal stehend, sitzend am preisgünstigen Betriebsessen teilnehmen, das 1,10 Mark kostet.


Als Dienstmotorrad hatte ich eine Sport-AWO mit einem "Superlelastic-Seitenwagen", mit dem Kennzeichen DD 93 - 59, so dass meine EMW etwas traurig still stand.

Seltener, wenn mehr zu transportieren war, benutzte ich auch mal einen IFA F8.


Wir benötigen in der Hygiene-Inspektion aber noch ein weiteres Motorrad. Beim Kollegen Heinz Fender in Dabendorf soll von alters her noch eins stehen. Eine Touren-AWO 425 T (250 ccm), wohl eine der ersten Maschinchen dieses Typs von 1951.

Wurden damals die BMW R 35 (in Bayern) und die EMW R 35 (in Eisenach) sowieso auf der Basis gleicher Konstruktionsunterlagen gefertigt, so haben wir hier im geteilten Deutschland ein ähnliches Phänomen: Nach dem Krieg änderte Westdeutschland die Konstruktion bei der

BMW R 25, und von der sowjetischen Seite kommen Weisungen und Zeichnungen für das künftige DDR-Motorrad AWO 425-T, das der neuen westdeutschen BMW R 25 zufällig etwa wie ein Zwilling dem anderen gleicht.

Zurück nach Dabendorf: Tatsächlich steht dort, vernachlässigt und verwaist das Motorrad im Schuppen unter Kaninchen-Stroh und Metallschrott-Gerümpel. Nach dem Aufpumpen hielt die Luft sogar, der noch einzeln vorhandene Tank wurde provisorisch am Rahmen angedrahtet und mit einem halben Literschwapps flüssiger Energie gefüllt. (An der Tankstelle zahlten wir bargeldlos mit Tankkreditscheinen – für 1 Liter 1,50 Mark der DDR). Der mitgebrachte Austauschakkumulateur erfüllte das Zündungssystem mit Leben. Los ging's in nächtlicher Fahrt bis Rangsdorf und dann via Autobahn nach Ludwigsfelde zur Werkstatt für eine gründliche Durchsicht. Diese Maschine "entpuppte" sich als ein wahrer Renner. Es war kein Montags-Produkt.


Großbeuthen lässt grüßen.

Die Ludwigsfelder Erweiterte Oberschule hat im September in Babelsberg auf dem Sportplatz „Sandscholle“ Sportfest. Ich hörte davon, wurde eingeladen und kam selbstverständlich. Sah alle wieder – das war schön. Für die Aktiven hatte ich Traubenzucker „Dextropur-Tabletten" als Gastmitbringsel + Energiespender mitgebracht. Mit Ingrid Mä. aus Rangsdorf holte ich Kuchen für die Truppe, als Siegerprämien – und als Trostpreise.

Bald fasse ich im ehrenamtlich-gesellschaftlich-nützlichen Leben der Kreisstadt Zossen Fuß. Beim Deutschen Roten Kreuz (Bahnhofstraße) arbeite ich in der Jugendkommission, bilde mit zwei Hausfrauen das DRK-Ortshygiene-Aktiv der Kreisstadt und werde DRK-Blutspender. Des Weiteren bin ich jetzt auch im Sängerverein der Stadt Mitsänger. Dort finde ich zwischen Herrn Friseur Leue, einem Lehrer und dem Apotheker einen Platz. Der Verein tagt in der Gaststätte "Haase" in der Puschkinstraße. Allerdings wird nicht nur gesungen, sondern auch tapfer dem Gerstensafte zugesprochen. Die Stimmen sollen frisch geölt bleiben. Eine frohe Runde, der allerdings ein zweiter Bass fehlt. Meine Stimmlage – zum Bedauern aller – eher ein Bariton, mit naturgemäß zu hohem Ton. Es fehlt aber ein zweiter Bass. Also bin ich es. Mit der Ton-Vorgabe des Klaviers wird es getestet ob es geht, ob ich gehe – so tief in der Keller hinunter.

Briefpapier und die Heftchen "Schlager für dich" erstehe ich bei Firma Schwendy in der Berliner Straße 29. Schräg gegenüber der Kirche befindet sich das Volkspolizei-Kreisamt, wo auch der Schreibtisch des Genossen Verkehrspolizisten Mal. steht, den wir ja schon aus Großbeuthen kennen.


Meine "neuen Kollegen" (also der Einzige, der hier neu ist, bin ja in Wirklichkeit ich) sind: Der Kreis-Hygiene-Inspektor Norbert Sch., als Chef und die weiteren Hygiene-Inspektoren – alles ältere gestandene Herren – Paul Schneller, Hans Meyer, Rudolf Scheffler, Heinz Fender und Albert Stolz. Sachbearbeiterin für Infektionskrankheiten: Marianne R., für das Impfwesen Renate F. Ein Jahr später werden noch Geraldine K. und Franz B. zu uns stoßen.


Meine praktische Ausbildung bezieht sich zurzeit auf ein "Mitläufertum" und das Lernen dabei. Diese Phase wird aber mehrfach von den seitens des Bezirks-Hygiene-Institut Potsdam organisierten Praktika unterbrochen. Das ist interessant und abwechselungsreich.

In einem Praktikum am Bezirks-Hygiene-Institut Potsdam, auf der Insel Hermannswerder hatte ich eine Arbeit zu schreiben über alle Aspekte, die beim Planen eines modernen Campingplatzes zu berücksichtigen seien. Ein anderes Mal sind ein Wasserwerk, eine Getränkefabrik und eine Molkerei, sowie eine Mosterei, die Margarinefabrik und ein Großklärwerk zu besichtigen. Die Arbeitsweisen auf dem Schlachthof sind dazu geeignet besser ein Vegetarier zu werden, die Tiertötung generell abzulehnen, die hier tagtäglich am laufenden Band stattfindet. Das ist von der Wurstscheibe, am Schnitzel nicht ablesbar, die man genüsslich verspeist. Solch ein kleiner Ausschnitt oder auch Aufschnitt wirkt harmlos – die gesamte Praxis des Herstellens jedoch nicht.

Zu allen diesen Betrieben sind die technologischen Prozesse aufzuschreiben und auswendig zu verinnerlichen.


Im Bereich der Kommunalhygiene nehmen wir Badewasserproben, Wasserproben von Einzelbrunnen sowieso. Ich lerne die mikrobiologischen Untersuchungen im Wasserlabor und ebenso jene im Bereich der Epidemiologie kennen.

Die Abnahme von Kinderferienlagern vor der Belegung und Beratung des Personals während der Ferienzeit stehen beispielsweise auch im Programm. Wunderschön war das in den Einrichtungen in Zesch am See und in Mellensee.

Für jede betriebliche Hygiene-Kontrolle oder -Beratung, wie ich es lieber gegenüber den Partnern nenne, war ein Ergebnisbericht zu schreiben. Um aber eine schnelle Übersicht zu haben, ob / wie oft der Kollege alle zu betreuenden Einrichtungen besucht hatte und mit welchen Grob-Ergebnissen, war "das Zwickauer System" eingeführt worden. Es handelte sich im Prinzip um einen Jahreskalender mit Nennung der Betreuungsobjekte. Die Ergebnisse wurden zur Schnellübersicht mit Farbmarkierungen dargestellt: Blau = mängelfrei, grün = leichtere, noch vertretbare Beanstandungen, rot = schwere Mängel, die eine umgehende Behebung und die Nachkontrolle erforderten, so lange, bis möglichst blaue Farbmarken gesetzt werden konnten.


In diesem Jahr gibt es wieder neue Banknoten – die bisherigen sind jetzt sieben Jahre im Umlauf. Die frischen Geldscheine tragen nun nicht mehr die Bezeichnung "Deutsche Mark" (manch ein Mensch könnte sie ja mit Westgeld verwechseln), sondern ab August stolz den Aufdruck MDN: "Mark der Deutschen Notenbank". Was wir noch nicht wissen können: Etwa 3½ Jahre werden diese Scheine Bestand haben, dann wird es ab 1. Januar 1968 erneut neues Geld geben, mit der Bezeichnung: "Mark der DDR". Aber ach, genauso wenig ahnen wir Unkundigen, dass auch jene Scheine wieder nach und nach aus dem Verkehr gezogen werden, ersetzt durch noch schönere mit dem Aufdruck: "Mark der Staatsbank der DDR".


Prima ist es, dass wir im frühherbstlichen Oktober einen Betriebsausflug unternehmen. Es ist eine Reise zur IGA, der Internationalen Gartenbau-Ausstellung in Erfurt, aber auch zu Schiller und Goethe nach Weimar fahren wir. Da lernt man die Kollegen (nun meine ich aber nicht jene Weimarer Einwohner, sondern die von der Hygiene-Inspektion) noch besser von der privaten Seite kennen, als im Arbeitsalltag.

Etwa in dieser Zeit kommen bei uns Ansichtskarten (14 x 20 cm) vom VEB Bild und Heimat auf, die dann in einem Budapester Partnerbetrieb als flexible Schallplatte gepresst werden. So besitze ich, auch im Jahr 2016 noch, je eine klingende Karte mit

Der Stückpreis je Karte betrug 2,00 Deutsche Mark (der DDR). Sehr schöne Grüße zum Versand an andere Menschen als oder eigene Erinnerungsstücke.


Als ich am Wochenende mal wieder zu den Eltern fahre, spricht mich im Zug, kurz vor Potsdam, ein junges Mädel an, die mit ihrer Mutter unterwegs ist. Sie fragt mich, wie man am besten zum Park von Sanssouci käme und was es dort zu sehen gäbe. Ich biete mich als Fremdenführer an. Es ist Elena O., Germanistik-Studentin aus der ukrainischen Stadt Odessa, die mit ihrer Mutter in Wünsdorf ihren Vater bzw. Ehemann besucht, der dort als Offizier stationiert ist. Die bedeutenden Sehenswürdigkeiten sehen wir uns gemeinsam im Park an – aber auf meine Einladung hin, irgendwo in einer Gaststätte etwas zu essen oder einen Kaffee zu trinken oder etwas Hübsches als Andenken zu erwerben – da kommt bei den Lebhaften plötzlich große Zurückhaltung auf. Angst. Geht nicht. Verboten. Sie dürfen nur im kleinen sowjetischen Magasin (einfacher Lebensmittelladen) irgendetwas Bescheidenes kaufen, um die Rückfahrt ohne Hunger zu überstehen – denn: Gemeinsam in privater Runde eine Kleinigkeit essen – so weit geht nun die Sowjetisch-Deutsche-Freundschaft auch nicht, wenn es nicht vom Politoffizier extra genehmigt wurde. Schade. Man könnte die DSF mal ein wenig mit Leben erfüllen. Aber verständlich. Haben doch die Menschen der Völker der Sowjetunion und besonders die Menschen der Ukraine im Großen Vaterländischen Krieg durch die Deutschen unsägliches Leid erfahren. Nicht wieder gut zu machen – nicht in dieser Generation. Freizügiger einkaufen, als die beiden Frauen, dürfen aber die Genossen Offiziere.


Noch im Oktober steht für mich eine weitere, nun aber ehrenamtliche Weiterbildung auf dem Programm. Das DRK delegiert mich zur Ausbildung und Prüfung als Lehrkraft, nach Storkow im Kreis Beeskow. (Dort in der Nähe, in Hirschluch, war ich vor Jahren schon einmal von der Jungschar aus). Es war eine wunderschöne Zeit kameradschaftlichen Lernens der 40 Teilnehmer aus der gesamten Republik und ich habe es doch recht bedauert, als wir dann nach den Prüfungen alle wieder in unsere Heimatorte fuhren. Der Leiter des Lehrkräfte-Lehrgangs war Kamerad Heinz Listner vom Generalsekretariat des DRK in Dresden. Mit mir war aus Klasdorf bei Baruth der DRK-Krankentransporteur Karl Ilk, ein feiner Kamerad, zu dieser Weiterbildung.


Und dann ging es bald los mit dem ehrenamtlichen, also kostenlosen abendlichen Unterrichten im Gesundheitsschutz, vom DRK organisiert: In Kerzendorf hielt ich beispielsweise über einen längeren Zeitraum, nach herbstlicher Ernte und vor der Frühjahrsbestellung einen Lehrgang, um einen großen Teil der LPG-Mitglieder zu Gesundheitshelfern auszubilden. Das ging den Winter über, die Fahrt dorthin mit dem Motorrad bei Eis und Schnee. Der Bürgermeister von Kerzendorf, der gute Herr Ernst Franke, er war wohl verwitwet und alleinstehend, hatte mir an jedem dieser Abende zur Begrüßung eine Topf siedend heißer Hühnerbrühe bereitet. An meine Lippenverbrühungen erinnere ich mich, weil die fette, heiße Hühnerbrühe nie bis zum Unterrichtsbeginn auf eine trinkbare Temperatur abkühlte. Herr Franke meinte es herzensgut. Zu dieser Zeit hatte ich leider noch nicht meine (später zum Teil selbst gefertigten Dia-Serien), sondern hantierte leider noch mit den offiziellen großen, zusammenrollbaren Anschauungstafeln am Kartenständer.

Ja, die Ausbildung zum Gesundheitshelfer mit Erster Hilfe und Einblick in die Hygiene dauerte

48 Unterrichtsstunden. Nach der politischen Wende, also ab 1990, sinkt nach dem für uns neuen altbundesdeutschen Recht die Ausbildungsintensität und -dauer für Ersthelfer ... u.a. für die Lebensrettung von Menschen auf 16! Stunden. Wenn ich mich richtig entsinne, bedurfte der Erwerb einer qualifizierten Angelkarte hingegen 33 Stunden vorbereitenden Unterrichts. Sehr unterschiedliche Wertungen zum Notwendigen.


Vorträge oder Schulungen hatte ich auch zu halten im Rahmen der Volkshochschule oder für die URANIA – der Gesellschaft zur Verbreitung wissenschaftlicher Kenntnisse – oder vom Rat aus, beispielsweise im Rahmen der Weiterbildung der Lebensmittelverkaufsstellenleiter.


Neben der eigentlichen Hygiene-Arbeit hatten wir noch im Wechsel mit dem Zossener Krankenhaus unsere wöchentlichen "Kurierfahrten" nach Potsdam. Da wurden zahlreiche, an unterschiedlichen Orten gefüllte Wasserflaschen zur Untersuchung ins Bezirks-Hygiene-Institut nach Potsdam gebracht, ebenso viele "Stuhlproben" zur labortechnischen Untersuchung auf diverse Krankheitskeime. Auch der Transport von Blutkonserven zum und vom Institut für Blutspende und Transfusionsmedizin (Potsdam, Gutenbergstraße) gehörte dazu.

Des Weiteren: Die Ärzte der Zossener Poliklinik hatten einen Bereitschaftsdienst für die Versorgung der Landbevölkerung außerhalb der Öffnungszeiten der Poliklinik bzw. für transportunfähige Patienten. So kam es, dass ich in den Abendstunden ebenso Bereitschaft hatte – aber nur als Fahrer für die Hausbesuche ausgewählter Mediziner. Als Fahrzeug der Poliklinik hatte ich dazu einen formschönen Wartburg-Coupé zur Verfügung.


Mitarbeiter vom Rat des Kreises führen ein Gespräch mit Norbert und mir über das zusätzlich nebenamtliche Wirken in der Arbeiter- und Bauern-Inspektion (ABI), da wir ja ohnehin in vielen Betrieben tätig sind und darüber hinaus engen Kontakt zur Bevölkerung pflegen. Hierbei geht es (für uns auf dem Gebiet des Gesundheitswesens) um zwei Komplexe:

1. Die Beratung und Kontrolle, ob die Leitungen der Betriebe die bestehenden Rechtsvorgaben in ihren Einrichtungen einhalten, wo und warum es eventuell Schwierigkeiten gibt und wie diese beseitigt werden könnten. Die Wahl der Schwerpunkte und die Vorgehensweise bei diesen Einsätzen waren im Wesentlichen uns selbst überlassen.

2. Das Nachgehen der Beschwerden (Eingaben, Petitionen) von Bürgern an die Staatsorgane – mit den an uns gerichteten Fragestellungen – ob jene Beschwerden berechtigt seien, warum die beanstandeten Missstände auftraten und wie diese möglichst unbürokratisch beseitigt werden können. Es stellt sich schon bald heraus, dass Betriebe in einigen Punkten sicherer wurden, manches im Betrieb für Mitarbeiter "komfortabler" wurde und diese Arbeit so einigen Bürger half, Probleme zu beseitigen über die sie sich teilweise jahrelang geärgert oder unter denen sie gar gelitten hatten. Nun ging die Behebung der Ursachen in mehreren Fällen ganz schnell und einfach.

Diese Zusatz-Arbeit wird mich zum Anfang des Folgejahres auch mal wieder zurück zur Betriebsberufsschule Großbeuthen führen.


Wie ihr wisst, war ich ja ein alleinstehender Junggeselle. Nach Überstunden und deren Abrechnung hat in dieser Zeit niemand gefragt, nach dem Aufwand an ehrenamtlicher Abend-Tätigkeit natürlich erst recht nicht. Wenn man allerdings für eine wirklich wichtige Angelegenheit mal ein paar Stunden privat benötigte, war das im Gegenzug auch kein Problem. Man wusste auf Vertrauensbasis, dass hier nichts unberechtigt falsch ausgenutzt wurde.


Ich werde viele Jahre später (zur BRD-Zeit) mal wieder zu unserem damaligen, also "zeitgenössischen" Einkaufsverhalten in der DDR unter Bezugname / im Vergleich zum Verpackungsmüll späterer Jahre befragt. Meine Antwort war schlicht und einfach.

Man betrieb ja in der DDR-Zeit keine so große Vorratswirtschaft und nicht alle Menschen hatten zu jener Zeit einen Kühlschrank. Für den kleinen Lebensmitteleinkauf tat ein Netz gute Dienste. Später kamen Mini-Dederon-Netze auf den Markt, stark dehnbar, die unter der Last des Füllgutes zu größeren Netzen wurden. Der kleine Seidenfaltbeutel (oft mit Lasche und Druckknopfverschluss) gehörte zur mitgeführten Standardausrüstung ("falls es was Besonderes gibt"). Verschiedene dieser Seidenbeutel waren innen „gummiert“, also wasserdicht beschichtet, so dass auch bei einem Gefäßbruch nichts auslaufen konnte. Für Gemüse oder auch schwerere Kartoffeln wurde ein Korb genommen, in den die abgewogenen Kartoffeln eingeschüttet wurden. Kartoffeln, bereits vorher abgewogen und in Netzen verpackt – solch eine Form gab es damals nicht. Die Stadtbevölkerung kellerte Winterkartoffeln ein; auf dem Lande wurden sie eher in "Mieten" frisch gehalten.

Flaschen und Gläser wurden nicht nach einmaliger Benutzung zerstört, sondern gesammelt, sortiert, gereinigt wiederverwendet. Man wird uns später sagen: "Das rechnet sich nicht. Nach einmaliger Nutzung zerstören und neu herstellen ist wirtschaftlicher." Nun, das stimmt wohl so nicht für jeden Produktionszweig und auch manches "Aufarbeiten" trug dazu bei, dass wir keine arbeitslosen Menschen hatten. Auch denke ich, sind nicht nur die Kosten eines Betriebes zu sehen, sondern z. B. auch die Ressourcen-Nutzung, der Energieaufwand vieler Hunderter Tonnen Glasschmelze zur Neuherstellung usw.

Für Brot und Brötchen hatten wir einen hellen sauberen Beutel, der mit seiner Aufschrift den Inhalt zu erkennen gab. Für Brötchen extra Papiertüten zu einmaliger Benutzung auszugeben, war nicht üblich, Kunststoffbeutel völlig unbekannt. So etwas war nicht notwendig! Wir lebten einfacher und damit sehr vernünftig ohne jeglichen Plastemüll oder irgendwelche Plasticabfälle. Der Versandhandel war relativ gering vertreten, so dass nur wenige neue Kartons nach einmaliger Benutzung vernichtet wurden.

Und heute? Wir sollten uns nicht abhängig machen – wir müssen wir nicht zwangsläufig unvernünftiger sein: An einem Tag der Woche steht bei uns in der Nähe der "Broiler-Verkaufswagen" gleichbedeutend mit dem mobilen "Hähnle-Stand". Die Fa. legt Wert darauf, dass die Leute mit der bedruckten Plastic-Tragetasche für sie Reklame laufen. Seit länger als einem Jahr gehe ich also mit dem gleichen dünnen Folienbeutel dorthin. Er erfüllt die ihm zugedachte Funktion gut. Im Prinzip gibt der Verkäufer aber für jeden Einkäufer einen neuen Folienbeutel aus ... und nach wenigen Minuten der Trageleistung wandert dieser meist in den Müll. Auf die Halden, ins Meer, wo Tiere daran sterben ... warum nur? Mancher aber zur Energie gewinnenden Verbrennung – mit viel Glück landet der Beutel in der Wiederaufarbeitung, im Recycling-Prozess – obwohl man diesen überhaupt nicht benötigt. Es kann alles so einfach sein, wenn wir uns nicht als die uneingeschränkt gedankenlosen Herren, als die Vernutzer dieser Erde betrachten.


Nun wieder 1964: Neue Unterhaltungsmusik in diesem Jahr:

Die schwedische Sängerin Siw Malmquist begeistert mit „Liebeskummer lohnt sich nicht, my Darling". Bernd Spier singt: "Das kannst du mir nicht verbieten, dich zu lieben alle Zeit ganz genauso wie heut'". Die Beatles aus Liverpool: "I want to hold your hand".

Die West-Berliner "Manuela" (Doris Wegener, 1943–2001) singt mit eingeübt leicht fremdländischem Akzent auf gut deutsch: "Als die kleine Jane grade 18 war ... Schuld war nur der Bossa Nova".


Das war wieder ein überaus satt gefülltes Jahr. Sorgen wir dafür, dass das nächste auch gut und interessant angereichert sein wird.

1965 – mein 20. Lebensjahr – also bis Ende Dezember werde ich noch 19 sein.

Januar – Februar – März

Freitag. Es war wohl Anfang 1965. Draußen fällt schon den ganzen Tag Schnee. Seit Stunden tagen wir in Großbeuthen zu einer so genannten Komplexkontrolle der BBS. Ich war einer der Teilnehmer in diesem Beraterkollektiv des Rates des Kreises Zossen, abgesandt von der Abteilung Gesundheitswesen in Abstimmung mit der Arbeiter- und Bauern-Inspektion. Ich erinnere mich schmunzelnd, des vorerst fassungslosen Gesichtsausdrucks vom Chef des Hauses, Herrn Abromeit – "es könne doch nicht angehen, dass ein ehemaliger Lehrling der BBS ... jetzt, hier seine Arbeit, die der Pädagogen, der Lehrmeister, den Zustand in der BBS mit begutachtet. – Ja, doch, Vertreter der Arbeiter- und Bauernmacht hatte mich zur Teilnahme bestimmt, weil ich die internen Verhältnisse besser kannte als andere, die eben nur mal heute kurz zu Besuch kamen. Und ich denke, es hat niemandem geschadet. Ganz im Gegenteil. Auch der Chef hat es überlebt.

Am frühen Abend dann setzte Schneesturm ein und Karin H. bat mich, sie mit nach Hause, nach Blankenfelde zu nehmen. So kuschelte sie sich in der Dunkelheit in die Decke und mit dieser in den ungeheizten Superelastic-Beiwagen der Sport-AWO ein und sah im Schneetreiben – überhaupt nichts mehr, konnte nur hin und wieder das Klacken des Schaltgetriebes am monoton brummenden Motor hören, bis wir dann später wohlbehalten vor ihrem GAGFAH-Hause hielten.


Im Winter muss Norbert seine Wehrpflicht ableisten. Er ist bei der Kasernierten Volkspolizei in Eiche stationiert und somit nicht grau, sondern grün uniformiert. Ich besuche ihn dort, in der Hauptstraße (ein kurzes Stück hinter dem Park von Sanssouci in Richtung Golm), darf aber nur bis zum Tor, bis zur Wache. Kaserne: Alles geheim! Nicht bis zum Besucherraum, weil ich weder seine Mutter, noch sein Kind bin. So stehen wir einige Zeit frierend auf der Straße herum, um uns ein bisschen über die Tage in der Kaserne und über die Kollegen in Zossen zu unterhalten. (Erst die weitaus spätere Zukunft wird wissen, dass ich dort ab 1996 täglich vorbeifahren werde).


Prof. Dr. Albert Schweitzer wird im Januar seinen 90sten Geburtstag begehen. Er wurde 1875 geboren, im gleichen Jahr wie mein Großvater Max Sommer. Diesen letztgenannten habe ich nie kennen gelernt aber an Albert Schweitzer kann ich meine Geburtstagsgrüße in sein Urwald-Spital-Dorf "Lambarene" ins afrikanische Gabun senden. Ich nehme an, in seinem Auftrag werden alle Gratulanten – so wie ich – von ihm ein Dankschreiben (als Faksimile) erhalten haben. Das werden wohl Tausende gewesen sein. Eine große Leistung – wie sein gesamtes Lebenswerk. Ich hatte mit einer Antwort nicht gerechnet und bin überrascht darüber, dass die Staatssicherheit diesen grenzüberschreitenden Briefwechsel auf dem Hin- und Rückweg hat passieren lassen.

Albert Schweitzer ist Dr. der Philosophie, Dr. habil. der Theologie und Professor, Dr. der Medizin, (auch Behandelnder in der Veterinärmedizin), Leiter des Klinikdorfes Lambarene mit 70 Holz-häusern für 470 stationäre Plätze und des separaten Lepradorfes mit 70 Betten, zuzüglich der 100 bis 200 ambulanten Behandlungen täglich. Er ist als Musikwissenschaftler (auch Organist und Pianist), Natur-Forscher und Schriftsteller tätig. Das Klinikdorf hatte 1961 fünf Ärzte und 12 Schwestern und Hebammen. Außerdem 40 Heilgehilfen und Laboranten. Das Hospitaldorf ist wirtschaftlich selbständig mit großem Gemüsegarten und Fruchtanbau, dem Halten von Schafen, Ziegen und Hühnern. Die Klinikanlage ist auch technisch weitgehend unabhängig mit Küche, Wäscherei und Werkstätten. In getrennten Gehegen werden auch kranke/verletzte Tiere behandelt.

1952 wurde Albert Schweitzer mit dem Friedensnobelpreis geehrt. Dieses erfüllte 90-jährige Leben wird in seinem Urwalddorf in diesem Jahr, am 04. September 1965, enden.


Post

Mit weiteren ebenso harmlosen Sendungen wie zu Prof. Dr. Albert Schweitzer hatte ich andere Erfahrungen. Von meinem anderen Großvater, August Janecke, habe ich dessen Petschaft (metallener Siegelstempel) und auch noch Siegellack ... und versiegelte ganz frech einen Brief.von mir – ohne Inhalt. Weil ich keine Briefmarke "zur Hand" hatte, bat ich auf dem Postamt um das Frankieren. "Das nehmen wir nicht an". Man wies mich darauf hin, dass es unzulässig sei, einen Brief zu versiegeln. Auf meine Frage: Warum? So würde doch "das verbriefte Postgeheimnis" am besten gehütet – verdrehte die Postangestellte ob einer solchen Naivität nur schweigend ihre Augen gen Himmel und beendete diese kurze Zeremonie mit einem Zucken ihrer Schultern. Weitere ausweichende Worte galten als überflüssig. So war es fast schon ein Konzert beredter Körpersprache. Ja, richtig – einen Brief, mit Siegellack verschlossen, kann die Staatssicherheit nicht unerkannt öffnen, lesen und abschreiben oder fotografieren ("schnelle" Kopiergeräte gab es noch nicht) eventuell auch einbehalten oder aber erneut verschließen, weiter senden und eventuell das weitere Geschehen der Beteiligten Briefpartner beobachten. Eine unzulässige Hürde für den Staat war mir da "eingefallen", nur weil ich es einmal spaßeshalber so halten wollte, wie es ansonsten seit Urzeiten bei wichtigen Schreiben gang und gäbe war. –

Ich schreibe des Weiteren einen netten gesiegelten Brief an mich, mit einer erdachten Kurzgeschichte, witzigen Wortwendungen aber ohne zielführenden, ohne wirklich sinnvollen Inhalt. Mein Brief ist nicht bei mir angekommen. – Aha! Also ist bei mir ein klitziges Stückchen der Naivität gebröckelt.

Später, nach 1990, werden ich nachlesen, dass die Stasi auch meine Post fein säuberlich geprüft und auszugsweise abgeschrieben oder zumindest Inhaltsangaben gefertigt hat. Es stellte sich ein Gefühl des Unappetitlichen ein, bei der Vorstellung, bei der damaligen Vermutung und bei der später nachträglichen Bestätigung, dass fremde schmuddlige Finger, geleitet von niederem schmutzigem Geist, die Briefe, die von mir sorgsam mit Bedacht und mitunter auch mit Zuneigung an einen anderen Menschen gerichtet waren, in berufsmäßiger Routine geöffnet und gelesen, der Inhalt irgendwie nach besonderen "Verdachtsgesichtspunkten" zergliedert wurde. Diese Leute, die Genossen mit festem Klassenstandpunkt, nahmen tausendfach, millionenfach "unberechtigt" sich das "Recht", in fremde Nachrichten fröhlicher oder trauriger Art, vertraulichen Inhalts über Leben, Liebe oder Tod gewaltsam einzubrechen. Sie verschafften sich unerbeten Kenntnis über Gedanken, die an nur einen Empfänger gerichtet waren und fertigten Auszüge für andere ... ohne "die Not", etwa einem Kriminalfall nachgehen zu müssen. Nein, weil unsere Regierung ihre eigene Bevölkerung unter Generalverdacht gestellt hatte, so durfte, so "musste" die Stasi als Schutz-Schirm und scharfes Schwert der Partei, in deren Auftrag "vorbeugend alles und jeden überwachen und aufklären".



Je weiter der Funktionär sich vom eigentlichen Leben, von dessen Werten und seiner Wahrheit

entfernt hat,

desto mehr neigt er dazu die Freizügigkeit des Lebens anderer Menschen einzuschränken, deren Freiheit zu verbieten.



Im März geht es auf nach Leipzig. Fort von der schönen praktischen Arbeit, hinein ins Neuland zum ersten Ausbildungsabschnitt "Theorie" in der „Erwachsenenqualifizierung“ an der Medizinischen Schule der Karl-Marx-Universität. Meine Zimmernutzung in Blankenfelde beim Ehepaar St. habe ich rechtzeitig freundlich beendet.

Der größte Teil der Klassenkameraden (und so auch ich) lebt hier im Wohnheim in den Studenten-Baracken der Karl-Marx-Universität (KMU) in der Marschnerstraße. Wir sind sieben Mann im Zimmer. Unser Raum Nr. 73 ist, wie die anderen auch, relativ einfach aber "gemütlich genug" für uns erwachsene Schüler eingerichtet. Drei Doppelstockbetten und ein einzelnes. Zwei große Tische mit sieben Stühlen. Sieben schmale Kleiderspinde, als Raumteiler aufgestellt. Kahle Wände. Ich denke an die Sieben Zwerge. Hier heißen sie: Jürgen, Heinz, Gerd, Max, Fred, Uwe und Christoph. Sie kommen aus verschiedenen Städten, so aus Bad Schandau, Gera, Berlin, Zossen, Greifswald und Freyburg. Ein Schneewittchen ist noch nicht zu sehen.

Einen Kühlschrank haben wir nicht aber von Vorgängern außen am Fensterrahmen Haken. Dort draußen hängen wir unsere Seidenbeutel mit Margarine, Wurst und Obst auf. Noch ist es kühl.

Bisher hatte ich zur "Morgentoilette" einen Nassrasierer. Als Zubehör nutzte ich für das Nachschärfen und Wiederverwenden der gebrauchten Rasierklingen einen Klingenschärfer. Das ist ein kleines aufklappbares Kästchen aus Duroplast-Werkstoff, zwischen dessen mineralische Reibflächen die Klinge mit ihren Löchern auf zwei Exzenternippel gelegt wird. Nach dem Zuklappen zieht man das Kästchen auf einer Schnur hin und her und die Klinge bewegt sich auf den Reibflächen und wird geschärft. Weil ich aber annahm, dass es morgens mit der Tagesvorbereitung in der Gemeinschaft beim Aufstehen, Waschen und Frühstück nicht ganz so geruhsam zugeht wie zu Hause, habe ich mir vorsichtshalber einen Batterierasierer "Komet TR 5" zugelegt. Der Motor für den Schneidkopf wird von zwei Monozellen (je 1,5 V) gespeist und angetrieben. Es funktioniert, nur dass man keinen Tag auslassen sollte, damit das Rotations-Messer nicht "ziept und rupft" bevor es an den Stoppeln stehenbleibt.

Das Wohnheim Marschnerstraße ist in der Nähe der Hochschule für Körperkultur und Sport (DHfK) und dem großen Stadion "Sportforum" angesiedelt. (Wir wissen: Die Wälle für die ansteigenden Sitzreihen der Zuschauer dieses Stadions wurden ab 1952 aus den Leipziger Kriegstrümmern errichtet. Dort hingebracht mit der Trümmerbahn, einer Dampflok mit Kipploren, deren Gleise bei Bedarf schnell um-verlegt werden konnten. Aus vergleichbarem Material und in dieser Transportart entstand auch das Ernst-Thälmann-Stadion in Potsdam. Hier in Leipzig am Elsterufer, dort in Potsdam am Havel-Gestade. Auf der anderen Elsterseite die Leipziger "Kleinmesse". Nicht vergessen sollte man die Kleingarten-Gaststätte "Dr. Schreber", nahe der Käthe-Kollwitz-Straße, Waldstraße und dem Waldplatz. Der Wirt spielt den Gästen gern mit seiner Violine auf und ist selbst nicht der schlechteste seiner Gäste.


Die Schule ist in einem ehrwürdigen „Patrizierhause" in der Scharnhorststraße 37 untergebracht,

wohin wir mit Straßenbahn und O-Bus gelangen, vorbei an vielen großartigen Bauten, wie dem Dimitroff-Museum, dem Bayerischen Bahnhof, dem Kriminaltechnischen Institut ... Auf dem Rückweg von der Schule legen wir manchmal einen Halt an der Mocca-Milch-Eisbar ein, die sich an der Scharnhorststraße Ecke Karl-Liebknecht-Straße befindet.


In folgenden Schulfächern hören und bearbeiten wir in diesem und auch im nächsten Jahr:


Fach

Fach

Fach

Staatsbürgerkunde

Epidemiologie

Desinfektion - Sterilisation - Entwesung

Deutsch

Arbeits-Hygiene

Hygiene des Kinder- und Jugendalters

Gesetzeskunde

Anatomie

Medizinischer Schutz der Bevölkerung

Kommunal-Hygiene

Gesundheitsschutz

Erste medizinische Hilfe

Lebensmittel-Hygiene

Psychologie

Chemie

Veterinär-Hygiene

Physik

Mathematik


Zur Kommunal-Hygiene gehören beispielsweise: Gebietsplanung, Bauhygiene, Betreuung aller Kommunalen Einrichtungen, Gestaltung von Ferienlagern, Campingplätzen, die Wasserversorgung und Abwasserbehandlung, das Bade- und Bäderwesen und anderes mehr. Die Epidemiologie befasst sich mit den Eigenschaften auftretender Infektionskrankheiten, der Infektionsquellen-Suche dem Ansteckungsverlauf und den Bekämpfungsmaßnahmen wie Desinfektion und Quarantäne. Die Mikrobiologie ist ein zeitweiliges extra Fach. Die Lebensmittel-Hygiene bezieht sich auf die Produktion in Schlachthöfen, Fleischereien, Mühlen, Molkereien, Konserven-Fabriken, den Handel und das Betreuen kommunaler Einrichtungen, die Trinkwasserbeprobung usw.

Solche Problemkreise wie Sozial-Hygiene und Psycho-Hygiene werden am Rande mit behandelt, vergleichsweise wie die Physiologie und Pathologie im Fach Anatomie etwas mit versteckt sind. Wir hätten dafür, besonders für das Sozialsegment, durchaus ein eigenes Unterrichtsfach brauchen können, wie die Praxis später erweisen wird. Im Fach Medizinischer Schutz steckt die Katastrophenvorsorge und die Zivilverteidigung.

Wir Teilnehmer bilden die momentane Klasse K 11/II. Der Unterricht erweist sich von Anfang an als vielseitig und interessant. Kommunal-Hygiene und Epidemiologie haben wir beim Direktor der Einrichtung, dem freundlichen Herrn Starke. Weil bei ihm auch viel vom Abwasser, von Klärsystemen die Rede ist, wird er bald freundschaftlich "Don Fäkal" genannt – aber natürlich nicht so angeredet. Bei unserem Dozenten für Lebensmittel-Hygiene sorgte ich versehentlich für ein tonverstärktes Schmunzeln, als ich den Kümmel als ein orientalisches Gewürz bezeichnete. (Ich hatte da so an die Bezeichnung "Kümmel-Türken" gedacht ... wie mancher vergleichsweise

leichthin aber ebenso falsch sagt: "Geh' doch nach Buxtehude – dorthin wo der Pfeffer wächst").


Das hört sich alles recht "nett und leicht" an – es ist allerdings ein ganz schöner Umfang. Es gab herrlich viel zu lernen. Ich gebe euch deshalb nur mal einen kurzen Einblick in das Unterrichtsfach der Epidemiologie. Es gehören zu den dort behandelten Infektions-Krankheiten: Borreliosen, Rückfallfieber // Botulismus (clostridium botulinum) // Brucellosen (Brucella melitensis) // Cholera (vibro Cholerae) // Diphtherie (Bräune) // Echinokokkose // Encephalitis (übertragbare Gehirnentzündung) // Escherischia Coli, Enterohaemorrhagische Stämme // Salmonellosen // die Hepatitiden (ansteckende Leberentzündungen, z.T. mit Gelbsucht (Färbung der Schleimhäute insbes. auch der Sclera des Auges) // Gasbrand (Clostridium histolyticum, Cl. perfringens) // Gonorrhoe (Tripper) // Haemorrhagisches Fieber bei Influenza/Virusgrippe // Vogelgrippe // Lebensmittelvergiftungen, Verdacht auf L. // Legionärskrankheit (Legionella pneumoniae) // Leptospirenerkrankung (Leptospira icterohaemorrhagiae // Listeriose (Listeriella monocytogenes) // Malaria // Masern, Morbilli // Meningitis (übertragbare Hirnhautentzündung) // Milzbrand (Clostridium anthracis) // Mumps, Paroditis, Ziegenpeter // Ornithose // Paratyphus // Pertussis, Keuchhusten // Pfeiffersches Drüsenfieber (Mononucleose) // Pocken (Variola vera/major) // Poliomyelitis, Kinderlähmung // Pest (Yersinia pestis) // Psittacose // Q-Fieber (Coxiella burneti) // Rickettsiosen, wie Fleckfieber (rickettsia prowazecki) // Röteln, Virusinfekt // Ruhrarten-Erreger: (shigella sonnei, shig. dysenteriae, shig. flexnerie, shig. boydii) // Scabies (Krätze) // Scharlach (scarlatina) // Syphilis, Lues, harter Schanker (Treptonema pallidum) // Tetanus, (Clostridium tetanie) Tollwut, Lyssa, Rabies (formido inexorabilis) // Toxoplasmose (toxoplasma gondii) // Trichinenbefall (Trichinella spiralis // Trichophytie, Kälberflechte // Tuberkulose // Tularämie (Zoonose der Nager, Hasen, Kaninchen) // Typhus, (salmonella typhi abdominalis) // Windpocken, Gürtelrose (Varicella zoster) // weicher Schanker, Ulcus molle. ... und manche mehr.

Wichtig war es, zu diesen Krankheiten die Mikrobiologie der Erreger: Bakterien / Bazillen, Viren, Pilze zu kennen und deren labortechnische Nachweisverfahren, die Überträger, die "Wirte" angefangen von der Anopheles-Mücke über Ratten oder die Tse-Tse-Fliege – von Zecken ganz zu schweigen, und damit die Übertragungswege, das Erfassen von Kontaktpersonen während der Inkubationszeit (Zeitspanne vom Tag der Infektion bis zum Auftreten erster Krankheitssymptome), die Maßnahmen von Absonderung (Quarantäne), die Impfungen, Maßnahmen von Desinfektion, Sterilisation und Entwesung, die ja bei jeder Krankheit Unterschiede aufweisen ... und das weitgehend im Kopf zu haben. (In der Praxis konnte man natürlich auch im Buch nachschlagen). –

Was wir damals noch nicht im Unterricht hatten, was damals überhaupt noch nicht auftrat, nicht bekannt war: AIDS, HIV // Creutzfeld-Jakob-Erkrankung, vergl. Rinderwahn // Ebola // Hanta- Erkrankung.

So wie in diesem Fach waren natürlich auch die anderen Fächer des Unterrichts voll mit anzueignendem Wissen und Ansprüchen vollgepackt. Für mich (heute Schreibenden) war das gerade eben eine angenehme Rückreise in längst vergangene Zeiten!


Mein Onkel Wernher Bauer hatte in Leipzig und in Tübingen studiert. (Er nutzt als Altphilologe gern altdeutsche Begriffe, so ist er für mich der "Oheim". Wäre damals seine Verlobte nicht zu zeitig gestorben, so wäre das jetzt meine "Muhme", usw.) Er bittet mich darum, doch einmal nachzuschauen, ob seine Lieblingsgaststätte (die er als Student aufsuchte, wenn das Geld mal reichte), der "Arabische Kaffeebaum" noch stünde. Ich war im Herzen etwas skeptisch, einen kleinen Baum in der großen Stadt Leipzig zu finden und dann noch unter diesem deutlich vor-sozialistischen Namen. Ich suchte also, wurde bald im Zentrum fündig und konnte ihm von meinem Erfolg berichten, was ihn schwärmend gedanklich wieder in seine alte Studentenzeit versetzte. Das musste etwa 45 Jahre her sein, bald nachdem er von den Fliegern aus dem Ersten Weltkrieg kam und sich erfolgreich zum Studium beworben hatte. Vor ihm hatten in diesem gastlichen Hause ungezählte Menschen getagt (selbst nachts), darunter berühmte Leute wie Johann Wolfgang v. Goethe (ja, jener nicht nur in Auerbachs Keller, Mädler-Passage), Robert Schumann, Franz Liszt, Albert Lortzing, Richard Wagner ... später eben Wernher Bauer mit Kommilitonen und heute nun ich, als ein kleines Licht.


April – Mai – Juni des Jahres 1965

Ich besuche am Sonntag eine Matinee, ein Gesangskonzert des Thomaner-Chores. Ein besonderes Erlebnis.

Pfingsten aber bin ich zu Hause – na, nicht ganz, denn das Ehepaar Melzer aus der Wichgrafstraße bittet mich, sie zum Fest zu Verwandten ins mecklenburgische Sietow zu fahren. Auch eine Abwechslung.


In Leipzig lädt uns die Kleinmesse ein. Sie findet statt nahe der Friedrich-Ludwig-Jahn-Allee, an der Schwarzen Elster. Die Kleinmesse ist ein Volksfest, ein "Rummel" wie man im Raum Berlin sagt oder ein "Vogelschießen" wie man es in südlicheren Gefilden der DDR nennt. Hier gerate ich an eine ältere Dame, eine wahre Künstlerin, "die keinen Fotoapparat zur Hand hat" aber dafür schwarzes Papier und eine kleine Schere – sie schaut mich an und ihre Hände bearbeiten mit der Schere derweil das Papier, sie schneidet eins - drei - fix in Sekundenschnelle mein Schattenriss-Porträt in der Seitenansicht aus – etwas kleiner, als eine Ansichtskarte – frappierend. Wozu Menschen alles in der Lage sein können. Scherenschnitte kenne ich natürlich aus historischen Zeiten – die Mutter von Goethe liegt in dieser Art bei mir zu Hause. Aber so schnell und so wirklichkeitsgetreu geschnitten, ohne groß auf die eigenen tätigen Finger zu schauen, dass ist für mich schon sehr bemerkenswert.

Inzwischen ist die Dunkelheit hereingebrochen und im angrenzenden Waldstück kann man die leuchtend fliegenden Glühwürmchen beobachten. Das erinnert mich an die Vorführung der Operette "Frau Luna" von Paul Lincke, die wir damals von der Schule aus im Potsdamer Hans-Otto-Theater sahen. Auch bei "Hänsel und Gretel" leuchtete es im Walde. Im Bühnenwald. Zum Abschied zwei Missgeschicke: Im Dunkeln setzt zuerst ein kräftiger Regen ein und daraufhin rutsche ich auf dem lehmigen Erdboden aus und setze mich dabei auf den Hosenboden. Bei diesem Halbspagat "sagt" die Hosennaht am Gesäß "ratsch". Es war wohl besonders dünnes Garn. Ich selber nutze für meine Reparaturen lieber Zwirn, also das gezwirnte haltbarere Garn. An diesem Tag aber nicht. Der Weg zum Wohnheim mit partiell gelbbrauner Hose ist ein kurzer, die Hose wurde kurz ausgespült und mangels Nähzeug kurzerhand mit dem "Klammeraffen", dem (Bürohefter) repariert. Das ging gut. Weniger gut war, dass meine Mutter treusorgend diese Hose zur Chemischen Reinigung brachte. Wir hatten da in der Babelsberger Wattstraße solch eine Dienstleistungseinrichtung, eine "Komplexannahmestelle". Hatte man "Komplexe", so konnte man diese dort nicht abgeben aber beispielsweise Hosen. Beim Abholen der Hose musste meine Mutter, als Unschuldige, einen großen Lacher aus geschütteltem Kopf über sich ergehen lassen.

Ich versuchte das "wieder gut zu machen", indem ich sie nach Leipzig einlud und ihr bei hochsommerlichen Temperaturen eine Strapaze aufdrängte: Eine Stadtführung zum Zoo, Opernhaus (außen), Altes Rathaus, Auerbachs Keller in der Mädler-Passage, zum Sportforum, zur Russisch-orthdoxen Kirche, zum Völkerschlacht-Denkmal bei Probstheida und natürlich auch in unsere Barackenunterkunft und zur Entspannung in die Gartenanlage "Dr. Schreber" mit Gaststätte. Ein vollgepackter, für sie anstrengender Sonntag.


Unseren Klassenkameraden, den blassen Uwe ereilt ein Missgeschick: Er hat sich verliebt. Und er möchte seine Attraktivität noch weiter erhöhen – zumindest, soweit es den Teint betrifft. Er entsinnt sich des Werbeslogans: "Chemie bringt Brot, Wohlstand und Schönheit". Brot hat er schon. Also greift er zum Spitzenerzeugnis der kosmetischen Industrie: >"So braun" – bräunt ohne Sonne<. Dieses Chemikalium verteilt er ziemlich gleichmäßig auf seine Flächen von Gesicht und Hals. Nur wäscht er sich nicht gleich die Hände, sondern verreibt diese schöne Creme. Er sah einige Tage lang aus, als hätte er einen Sack voller Walnüsse von ihren grünen Fruchtschalen befreit.


Die Züge von Leipzig in Richtung Berlin sind am Freitag-Nachmittag immer knackend voll. Man muss sich meist mit einem Stehplatz begnügen. Um die Zeit "schneller vergehen zu lassen", machen wir, Kumpels mit gleicher Fahrtrichtung, auch mal "ein heiteres Beruferaten" à la Robert Lembke (Typische Handbewegung aus der Berufstätigkeit) oder das Begriffe-Raten, einen Ausflug ins Tierreich, Pflanzen- oder Mineralreich ... und andere Reisende, die den gesuchten Beruf / Begriff schneller glauben gefunden zu haben, schmunzeln mit.


Juli – August – September 1965

Zum Zeitpunkt meiner Rückkehr von Leipzig nach Zossen hatte mir Norbert, unser Leitender, über den Rat des Kreises einen neuen Wohnraum besorgt. Ich wohne jetzt in der Kreisstadt Zossen, Straße der Jugend 31, bei Familie Pie. Die Straße ist relativ ruhig, wenig befahren, denn ein Stückchen weiter steht ein großes, üblicher Weise geschlossenes und blickabschirmendes Tor aus Stahlblech auf der Straße. Quer. Daneben der Wachturm. Es ist das Wünsdorfer Sperrgebiet des sowjetischen Militärs. Das Gebiet der Kommandozentrale der Westgruppe der sowjetischen Streitkräfte beginnt dort. Sowjetisches Hoheitsgebiet. Für Deutschbürger ist diese Straße eine Sackgasse. Wollen wir mal in unser Nachbardorf nach "Deutsch"-Wünsdorf, können wir nicht diese kurze Straße nutzen, sondern den Ort auf dem großen Umweg über Mellensee und Klausdorf erreichen.

Mein Hauswirts-Ehepaar befindet sich im Rentenalter. Herr Pie. war im Berufsleben als Ingenieur tätig, was mir gleich große Hochachtung einflößte, die aber der Normalität wich, als ich merkte, dass er mit "Technischem" nicht viel im Sinn hatte. Frau Pie. war eine grundgute, treu ummuttelnde Gattin. Wollte man in das Haus, so zeigte es sich als erforderlich, stets stark an der Haustür dieser Festung zu klopfen. Diesem Klopf- und Lausch-Spuk bereitete ich nach Abstimmung mit den Wirtsleuten ein Ende und ließ "neuzeitlichen Komfort" einziehen, indem ich eine elektrische Klingel installierte. Als Frau Pie. mitbekam, dass ich hier und da ein wenig mit dem Fotoapparat knipste, trug sie mir die Bitte an, ob ich auch mal ihre Hühner zu lieber Erinnerung konterfeien würde, weil der Schlächter bald anrücken sollte. Als Zugabe erhielt sie ein Passbild ihres grau getigerten Katers, obwohl diesen niemand gebeten hatte, schon immer mal in der Warteschlange auf der Schlachtbank Platz zu nehmen. Ein schmusiges Tier. Neben dem Hausvater wurde auch die 14-jährige Tochter des Hauses, das Nesthäkchen, stark umgluckt, in zahlreiche Vorsichtsvorschriften eingepackt, die das liebe Kind zur Unselbständigkeit verzogen. Eine Freude war es für die gute Frau Pie. wenn sie mir nachmittags zeigen konnte, was sie tagsüber alles geschafft hatte. Die gebügelte Wäsche, die reinliche Küche ... "das alles wirklich ganz alleine in dieser kurzen Zeit?" Nach der Besichtigung gab es dann häufig eine Tasse Tee für mich – das gehörte irgendwie zu dem Monatsmietpreis für das Zimmer von 35,- Mark dazu. Als mich meine Schwester einmal besuchen wollte, wurde dieser Geduldigen das vorherige prüfende Fragen der Hausdame bald zu viel. Es half ihr auch nicht ihre engelvergleichbare Erscheinung. Vielleicht bewirkte es sogar das Gegenteil. Ein fremdes Fräulein will in ihrem saubersittenstrengen Hause zu ihrem möbelierten Herrn vordringen. Sie fühlte sich berufen, meine seelisch und körperlich gefährdete Unversehrtheit zu schützen. Meine Schwester kürzte dann das Prozedere ab, indem sie ihren Personalausweis zückte, worin ihr Name >Janecke< enthalten war, ähnlich aussehend wie der Meinige, um die geschwisterliche Verbindung zu untermauern. "Ach, ist doch nicht nötig – das war doch nicht so gemeint". Nun gut, in diesem Falle: Gnade vor Recht – aber ansonsten ist Damenbesuch tabu.

Ich hatte es gut. Ich war hier trocken, warm und sehr sicher aufgehoben. Zeitweilig.


Kurzer Ausflug in den Bezirk Rostock. Im März war Heidelore hier. Sie hatte sich in Babelsberg an der Hochschule für Film und Fernsehen für's Studium beworben. Nun bin ich zum Gegenbesuch eingeladen. Sie zeigt mir verschiedene Sehenswürdigkeiten ihrer Heimatstadt Stralsund. Wir fahren auch ein Stück mit der Straßenbahn. Am Tiefpunkt einer Strecke mäßigen Gefälles biegt der Gleiskörper im Straßenverlauf nach links ab. Die Bahn war wohl etwas zu schnell – jedenfalls fährt sie geradeaus, verlässt also das Gleis und wühlt das Straßenpflaster auf. Zum Glück im Unglück stürzte sie nicht um (die Potsdamer Straßenbahn fährt auf der "Regelspurweite" von 1.435 mm; in Stralsund hat die Bahn eine Spurweite von 1.000 mm – ist also beim Entgleisen kippgefährdeter). Bei Fahrgästen gab es wohl aber nur einige Schrammen und blaue Flecken.


Die Hygiene-Inspektion bekommt ein neues Auto zugewiesen. Norbert steigt als Chef um, von der mit Kunstleder bezogenen Sperrholzkarosse des IFA F8 auf einen fabrikneuen Wartburg-Tourist (Kombi) aus Stahlblech. Dieses neue Fahrzeug benötigt möglichst schnell eine Garage. Norbert kann für 400,- Mark eine gebrauchte Fertigteil-Garage (bestehend aus Grundrahmen, Wandtafeln, Tor, Fenstern, Dachbindern, Sparren, Dachlatten und Dachdeckungsmaterial: Wellasbestzement-Tafeln) erwerben. Auf einem ungenutzten Gartengrundstück in Rangsdorf, im Nymphenseeweg, fertigen wir das Streifenfundament und bauen das Haus auf. Das gleiche Modell könnte gut als Wochenendhaus / Ferienbungalow dienen oder aber als Segment einer Großbaracke. Unsere Unterkunft der Karl-Marx-Uni in Leipzig, besteht in den Abmessungen der Einzel-Bauteile und dem Werkstoff aus völlig gleichem Material – überall anwendbar – zu den unterschiedlichsten Zwecken.


Als ich nach dem Wochenende an einem herrlich sonnigem Montag-Morgen von Babelsberg nach Zossen fuhr, es mag etwa gegen 6.30 Uhr gewesen sein, sehe ich kurz hinter Wietstock in Richtung Groß Schulzendorf in der Ferne etwas Dunkles auf der Straße liegen. Beim Herannahen sehe ich, dass dort ein Verkehrsunfall geschehen war. Ein Motorradfahrer mit einer „RT 125“ war gestürzt und lag bewusstlos mit dem Kopf in einer Pfütze von Blut, Erbrochenem und ausgelaufenem Benzin. Im Gesicht bereits blau angelaufen und noch schwach gurgelnd-röchelnd. Obwohl ich ja die Erste Hilfe lehrte, musste ich mich angesichts dieses unerwarteten Unglücks einen Moment sammeln und dann ging alles sehr schnell: Behutsam den Verunfallten in die Stabile Seitenlage gedreht, seinen Kopf vorsichtig nach hinten übergestreckt und schon floss weiteres Erbrochenes ab und der Verletzte bekam wieder Luft zum Atmen, dann die Mundhöhle etwas gereinigt. Kurz, das Retten dieses akut gefährdeten Lebens bedurfte eines kühlen Kopfes und nur weniger aber zweckmäßiger Handgriffe. Eigenartig schien, dass der Verletzte mit keinem Gegenstand oder einem anderen Verkehrsteilnehmer kollidiert war. Beim Aufstellen des Motorrades sah ich aber, dass die Vorderrad-Teleskopgabel tief und fest eingefedert war. Zwischen dem Vorderrad der aufgebockten Maschine und dem Erdboden war viel Platz. War die Teleskopgabel eventuell nach einer Reparatur falsch zusammengesetzt worden? Hatte eine solche Ursache den Unfall ausgelöst? – Nach geraumer Zeit kam ein Landarbeiter auf dem Fahrrad daher, der wegen des schrecklichen Bildes auf der Straße, mit seinem Fahrrad in einen weiten Bogen um uns – über den Acker – eilen wollte. Diesen musste ich erst einmal von seiner Flucht abhalten, ihn anhalten und auffordern, den ABV der VP (Abschnittsbevollmächtigter Polizist der Volkspolizei) in Wietstock oder das DRK mit seinen Rettungswagen zu benachrichtigen. Der Polizist traf dann bald ein und auch der von ihm bereits von seinem Büro aus gerufene Rettungswagen aus Zossen (es gab ja zu jener Zeit noch keine Mobiltelefone). Ich fuhr dann weiter zur Arbeitsstelle und ging meiner Tätigkeit nach. Am Nachmittag fuhr ich zum Krankenhaus Zossen-Weinberge in der Gerichtsstraße und sah nach dem Verletzten. Jener lag noch in tiefer Bewusstlosigkeit aber er war ja in guter Obhut der Medizinspezialisten und ordentlich versorgt, so dass ich mich nicht weiter kümmern brauchte. Somit war für mich die Angelegenheit abgeschlossen. Solche Unfälle, ich werde im Laufe der Zeit bei mehreren hinzukommen, kann ich aber als praktische Lehrbeispiele in meine Erste-Hilfe-Schulungen einbauen.


Ein neuer Auftrag außerhalb der planmäßigen Arbeiten: Im "Ausbau" von Großmachnow, einem "Vorwerk" soll einsam ein altes vernachlässigtes Ehepaar in sozial bedenklichen Verhältnissen wohnen, mit dem keiner klarkäme. Die Problembearbeitung schien indessen keine wesentlichen Hürden erkennen zu lassen. Der Mann ließ sich vorerst kaum sehen als ich kam, hatte wohl an keinerlei Kommunikation Interesse. Die Frau war zugänglicher, wenn auch anfangs scheu. Ich denke, die Stachowiaks standen beide etwa am Ende ihres siebten Lebensjahrzehnts. Dass kein sofortiger "flüssiger" Informationsaustausch stattfand, hatte seine Gründe. Beide waren hochgradig schwerhörig (ohne Hörgeräte-Versorgung) und die Frau sprach ein gebrochenes Deutsch. Es handelte sich nicht um ein Ehe-Paar, sondern um ein Geschwister-Paar ostpolnischer Herkunft, wohl aus der polnisch-russischen Grenzregion. So, wie ich es verstand, wurden sie zum Kriegsende von dort gewaltsam vertrieben, als die Sowjetunion unter Stalin nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Grenze in Richtung Westen verschob. Sie wurden (für mich merkwürdiger Weise) offenbar bis hierher in das damalige Land Brandenburg verschlagen und nahmen dieses wohl schon damals verlassene Anwesen in Beschlag, wohnten seither "von der Welt abgeschieden" in jenem ruinösen Gemäuer, sich wohl im Wesentlichen von ihrem Obst- und Gemüseanbau und Hühnern ernährend – so fast ohne nachbarschaftliche Kontakte. Und das mitten in der DDR, wo alles kontrolliert und organisiert wurde. Mir war es durchaus nicht einleuchtend, dass jener Lebensabschnitt nach dem schrecklichen Krieg, nach Vertreibung und Flucht, also dann das Leben in der DDR für diese beiden Menschen so einfach, sehr ärmlich aber scheinbar ansonsten "unbehelligt-problemlos" schon etwa zwei Jahrzehnte still vonstatten gegangen sein soll.

Wir hatten versucht uns sehr laut redend zu verständigen, dann mit Zettel und Bleistift und ich merkte wie schwach doch meine slawischen Grundkenntnisse aus dem früheren Russisch-Unterricht waren. Gewiss aber wäre es auch nicht gut gewesen, diese "paar Russisch-Brocken" hier anwenden zu wollen.

Am Allerwichtigsten war ihnen, dass ich für sie einen Grund-Einkauf "exotischer", also bei ihnen ungebräuchlicher, seltener Lebensmittel erledigte, wie zum Beispiel: Milch, Margarine, Wurst und Käse. Es gibt keinen Laden in der Nähe, den man fußlaufend erreichen könnte. Ein Festtag für sie. Die Tiere des Grundstück begingen ebenfalls diesen Festtag. Zuerst bekamen die Katzen von der Milch, bevor die Menschen sich einen Teil davon gönnten, sich daran labten. Ich besuchte das Geschwisterpaar noch einige Male, ohne Möglichkeit mit ihnen in ihrem gewiss eindrucksvollen, dramatisch verlaufendem Leben gemeinsam gedanklich rückwärts zu gehen. Das war kaum möglich.

Als Dank für mein Bemühen bot mir die alte Frau an, Grundsätze zu meinem Wesen, eine Einschätzung der Vergangenheit und Voraussagen zu meiner Zukunft aus meinen Händen zu lesen. In den groben Zügen, die ich verstand, hat alles gestimmt, ist alles so eingetroffen, wie sie es sagte.

Das Geschwisterpaar blieb dann im Blickfeld der Sozialfürsorge, für eine Einkaufsunterstützung oder falls eines Tages eine Aufnahme ins Altenpflegeheim erforderlich würde. Aber ich hatte Grund anzunehmen, dass diese Menschen in der Lage waren, das Leben und dessen Ende nach ihren Grundsätzen selbst zu bestimmen und einzurichten. Besser als es den meisten von uns gegeben sein wird.


Das kleine Dorf Groß Machnow verfügte 1965 noch nicht über eine zentrale Wasserversorgung. Die Häuser hatten also noch keine Leitungen für Trinkwasser oder zur Aufnahme und geordneter Ableitung der Abwässer in den Häusern. Auf dem Dorfplatz stand eine Handpumpe. Das wars. Jeder holte dort sein Wasser. Enten, Gänse und Hühner unternahmen dort ihre Freiübungen und entleerten ihre Kloaken. Das Regenwasser sickerte dann mit den Exkrementen in Richtung Grundwasser, in Richtung Trinkwasser, um dieses anzureichern. Und da es gerade zu dieser Zeit im Dorf wieder eine künftige Mutter gab, war ich dort, um eine Wasserprobe des Brunnens zu nehmen, auf das die Gesundheitstauglichkeit des Brunnenwassers für Säuglinge unter anderem auf Nitrate/Nitrite und Mikroorganismen fäkaler Herkunft geprüft werde. Aufgeregt kam ein Bewohner auf mich zu – was macht der Fremde dort an unserer Handschwengelpumpe, was kokelt er da mit seinem kleinen Flammenwerfer am Ausflussrohr herum? Es folgte ein ruhiges Fachgespräch und jener Dorfbewohner beruhigte sich – stieg im Folgejahr bei uns in die Ausbildung zum "Desinfektor" ein und war mit Eifer dabei. Uns schwebte vor – was vorher jahrzehntelang nicht denkbar war – den Brunnen und seine Umgebung, diese Anlage zur Förderung des Lebensmittels Trinkwasser, weiträumig zu reinigen mit kleinem Zaun und Hecke einzufrieden, Gras anzusäen, sie erstmals sauber und ansehnlich zu gestalten, unverschmutzt zu halten.


"In Grippezeiten Handschlag meiden!", so lautet die Losung. Im Herbst 1965 wird in der DDR die "nasale Grippeschutzimpfung" versuchsweise eingeführt. Den Impfstoff füllt man also nicht in eine Injektionsspritze, sondern in den Glasbehälter des Impfgerätes, das uns etwa so anschaut wie ein Parfümzerstäuber. Mit kurzem Druck auf den Gummiball wird dem Patienten der Impfstoff zwar durch ein Röhrchen aber berührungslos in die Nase gesprayt. Mit Gefühl. Drückt man zu herzhaft, badet der Patient im teuren Impfstoff. Anschließend sind die Nasenflügel leicht zusammen zu drücken. Die Prozedur erfordert eine hohe Disziplin, denn sie ist bei jedem Bürger im Abstand von etwa drei Wochen zu wiederholen. Bei unseren impfenden Hygiene-Inspektoren war ich im zeitlichen Vorfeld das "im Impfstoff badende Versuchskaninchen". Ich habe alles lebend überstanden.

Dieser Versuch bedeutete für die mit Geld und Material nicht sehr reich gesegnete DDR einen hohen Aufwand und wir impften gegen die Grippe wie "die Weltmeister" – doch diese Neuerung wurde im nächsten Jahr nicht wiederholt. Man ging wieder zur Injektionsspritze zurück.


Spätherbst in Rangsdorf, Die Hygiene-Inspektion verlegt ihre Büroräume. Sie zieht um: Von Zossen, Mittenwalder Straße 2, nach Rangsdorf, Friedensallee 9. Von der bisherigen Zwei-Zimmer-Nutzung in ein altes, geräumigeres Einfamilienhaus. Der Umzug ist bald erledigt. Im Haus befand sich vormals eine Bäckerei mit Verkaufsstelle. Die Schaufensterscheibe ist noch mit der werbenden Vorkriegsreklame verziert: Vergoldete, auf die Scheibe geklebte Glasbuchstaben, die den Firmennamen Sarotti ergeben, der sich sichelförmig über einen großen Teil der Fensterscheibe hinzieht. Und in diesem Haus findet sich für mich sogar eine sonst nicht genutzte kleine Dachkammer. Ich ziehe also mit um – von Zossen, Straße der Jugend 31 nach Rangsdorf. So wohne ich direkt in der Arbeitsstelle und wenn im Winterhalbjahr die Kollegen "gekühlt" zur Arbeit kamen, stand das morgendliche Heißgetränk zur Begrüßung bereit. –


Ein Weihnachtsgeschenk: Am 18. Dezember 1965 wird der Staatsratsvorsitzende der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) Walter Ulbricht (* Leipzig 1893, † 01. August 1973), auf dem 11. Plenum des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) die markig-martialischen Sätze sprechen:


"Ist es denn wirklich so, dass wir jeden Dreck, der vom Westen kommt, nu, kopieren müssen?

Ich denke, Genossen, mit der Monotonie dieses Je, Je, Je und wie das alles heißt,

sollte man doch Schluss machen”.


Das war keine Meinungsäußerung an sich, das galt als ein letztes Machtwort, war ein Befehl!

Gemeint war vom Genossen Ulbricht die britische Musikgruppe "Beatles" mit ihrem Liebes-Song:

She loves you, yeah" – (in der nachdichtenden Übersetzung):

Du, sie liebt dich, schöner kann es gar nicht sein. –

Ja, sie liebt dich – und da solltest du dich freu'n”.


Ja, solch ein West-Dreck-Text aber auch! Pfui Teufel! Auch damit werden wir Schluss machen!

(Es war die erste "Goldene Schallplatte" der Beatles. Bei mir Tränen in den Augen).

Vielleicht hätte der Ulbricht den Großmut besitzen können und vorher an "Intertext" einen Übersetzungsbefehl erteilen sollen oder schlicht einen der Wissenden unter den hunderttausenden Schülern befragen, was dieser unverständliche Liedtext auf gut sächsisch bedeuten mag.

Solch ein "Großmut", das notwendige Wissen zu erlangen bevor entschieden wird, verstanden zu haben, bevor man richtete, solch ein "Großmut" zum Normalen bestand jedoch nicht.

Natürlich konnte man durchaus nachvollziehen, wie lieblich das Stück dagegen in russischer Sprache geklungen hätte: Nicht Je, Je, Je, sondern "Mit diesem Da, da, da – und wie das alles heißt ..." – (da hätten sich die Da-Da-isten aber gefreut). Hätte man dem Ulbricht das Lied doch zumindest in Leipziger Mundart vorgetragen und dazu im niveauvollen Lipsi-Schritt vorgetanzt, den Helga Brauer gerade zu besingen hatte!

Hätte, hätte, hätte – was soll das? Du mit deinen komischen Vorschlägen – "Die Partei hat immer recht", auch wenn sie sich nicht um das einfache Wissen und Verstehen bemüht, als eine Grundvoraussetzung für kluge Entscheidungen. Das war schmerzlich wenn auch gewohnt. Es war eher üblich. Das wird so bleiben "bis zum Schluss" – auch wenn es schöner wäre, das Beste für uns, für das Land zu denken und anschließend auch zu tun.

Die zu ihrer Zeit in England lebenden Altväter Karl Marx und Friedrich Engels hätten das mit der Musik vermutlich lockerer gesehen als Ulbricht und wohl nicht gefordert, dass die Liverpooler Boys eher mitteldeutsch hätten singen sollen, um besser verstanden zu werden.

Warum, bitte, frage ich sehr ernsthaft, hat es keiner, nicht einer der sozialistischen DDR-Musiker und Texter übernommen, niemand vom Zentralkomitee angeregt oder vom Politbüro gewünscht, eine schöne zukunftsweisende Liebes-Hymne über Lotte & Walter U. zu schreiben? Nicht mal zum 70. Wiegenfeste. Vielleicht hätte so etwas die häufig aufschäumenden Wogen glätten können? Warum also nicht? – hatte da eine gewisse Bockigkeit Kulturschaffender ihre Finger im Spiele?


Eine neue Eiszeit kommt also auch in der Musik auf uns zu. Das Verbot des öffentlichen Nachspielens und Nachsingens bundesdeutscher Titel, auch in westlich-fremder Sprache über die Liebe der Menschen zu singen, wurde damit “eingeläutet”, denn: "auch die Sowjetmenschen haben schöne Weisen”. Und das ist unbestreitbar wahr. "Von Freunden sollt ihr für das Leben lernen".


Nun aber ist Weihnachten und unsere Arbeitsstelle für einige Tage geschlossen.



Liebe Leserinnen und Leser,


der Bericht über das Leben dieses Menschen ist zurzeit eine Baustelle.

Dieser Weg endet momentan hier mit dem Jahr 1965.

Die Fortsetzung "janecke-chris-4" ist als Datei bereits vorrätig und begleitet uns

durch die Jahre 1966 bis 1975


Freundliche Grüße,

Chris Janecke, Potsdam, am 31. Oktober 2016