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Mein kurzer Lebensabschnitt in Großbeuthen

Erinnerungen an die Zeit 1962 / 1963

von der Lehrausbildung im landwirtschaftlichen Volkseigenen Gut,

einem Betriebsteil des "VEG 1. Mai", in Siethen, im damaligen Kreis Zossen, (heute: Kreis Teltow-Fläming),

in der Deutschen Demokratischen Republik.

Einige Notizen über das Lernen in der Betriebsberufsschule,

über das Leben im Lehrlingswohnheim und zu verschiedenen

Begebenheiten in der praktischen Berufsausbildung,


verbunden mit einem Ausblick auf eine spätere Zeit

aus jener gewählt: die Jahre 1987 / 1988


Autor: Chris Janecke, E-Mail: christoph@janecke.name

Internetadresse: www.janecke.name Bearbeitungsstand: April 2017


Zu diesem Text gibt es einige Bilder.



Drei kurze Vorbemerkungen:



–––––––––––––––––––––


Vor meinem Abschluss des 10. Schuljahres an der "ZAPO", der Zehnklassigen Allgemeinbildenden Polytechnischen Oberschule in Potsdam-Babelsberg, stand auch vor mir die Frage meiner weiteren Entwicklung: Was nun? Klar war: 'Was Tun! Etwas Gutes, Sinnvolles, was Freude und Erfüllung bringt – suchen wir also das Beste!

Als erstrebenswerter Inhalt erschien mir der freundliche Umgang mit etwas Lebendigem. Bereits unser bekanntes Grimm-sches Rumpelstilzchen hatte das seinerzeit genauso als begehrenswert empfunden: "Etwas Lebendes ist mir lieber, als alle Schätze der Welt", rief er damals zu laut aus – "es darf ein Schätzelein wohl auch sein", so seine eindeutige Meinung, der ich mich unbesorgt anschließen konnte. Na, letzteres hat wohl bei mir noch ein bisschen Zeit. –

Eine Tätigkeit mit Pflanzen, Tieren und Menschen sollte es also möglichst sein.


Was hatte ich Stadtkind aber denn schon bisher für Einblickmöglichkeiten in die Natur genutzt?

Vielleicht ist diese Zuneigung zu Tieren irgendwo in meinen Genen zu finden. Schon mein Großvater, er hieß August Janecke (obwohl er erst im September geboren wurde, 1869 –1950), ging als Junge mit Pferden um. Sein humorvoller Onkel sorgte aus Jux und Tollerei dafür, dass er, sein Neffe, bereits im Alter von 12 Jahren, 1881 in das Kaiserliche Adressbuch der Stadt Berlin als "Fuhrherr August Janecke" aufgenommen wurde. Dieser Spaß ist keinem Uneingeweihten aufgefallen, denn die damit angeregten Aufträge für Lohnfuhren erledigte dann der Onkel, mit Unterstützung des Neffen und hauptsächlich mit der Kraft seiner Pferde. Doch solche Romantik hielt nicht ewig. Mein Großvater war dann im Ersten Weltkrieg als Train-Soldat (Zug-Soldat) eingesetzt. Er hatte mit den Pferden, den scheuen Fluchttieren, die Geschütze durch's schwere Gelände, mitunter im Stahlhagel in die vordersten Linien zu schleppen, dort zu positionieren – und große Pferde duckten sich selten in einen Schützengraben. Er half häufig den Tierärzten und war bei ungezählten zu Tode verletzten Pferden, die selber wirklich niemandem etwas zu Leide getan hatten. Das alles ging ihm sehr zu Herzen, lief seinen eher pazifistischen Anschauungen zuwider, ihm, der die Tiere sonst aktiv mit intensiven Gedanken bedachte und mit nur leisen Worten lenkte.


Zurück in meine Alltage – oder wollen wir diese vorsorglich zu Festtagen erheben!: Im Frühjahr des 1962-er Jahres hatte uns unser guter Lehrer und Kunstmaler, Herr Willy Donath (1910–1997) beauftragt, für das Fach „Technisches Zeichnen“ einen Wohnzimmergrundriss zu erarbeiten. Herr Donath kam aus Bergholz-Rehbrücke jeden Tag, bei Sonne, Wind und Wetter, bei Eis und Schnee auf seinem Fahrrad zu uns nach Babelsberg geradelt. Vor dem Krieg trug er den Titel eines Studienrates (in der DDR dann nicht mehr). Meine leichte Begeisterungsfähigkeit auch zu dieser Hausaufgaben-Thematik führte dann allerdings über den Zimmergrundriss hinaus, zum zusätzlichen freiwilligen Bau des Papp-Modells „Haus eines Tierarztes mit angebauter Tierklinik“ und einer Anzahl von Zimmer-Grundriss-Zeichnungen einschließlich deren Möbelierung. Das Gebäude hielt sich in seinen Grundsätzen und dem Aussehen "an das Gefühl und die Fußstapfen" der Bauhaus-Architekten (Gründer Walter Gropius, 1883 bis 1969), wie sie in Weimar, Dessau und Berlin ihre jeweils nur viel zu kurze Heimstatt hatten aber trotzdem auch in anderen Orten nutzbare "Denkmale dieser modernsten Strömung ihrer Zeit" errichteten. Viel zu kurz – weil sie in Architektur und der Formgestaltung ihrer Ausstattung, der Führung der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei, der Diktatur des Nationalsozialismus, nicht passten – und das galt als gefährlich für die Freidenker, für die Könner. In der Geschichte wiederholt sich alles irgendwann. Es sind aber gerade diese Kultur-Stätten, die ich später besuchen und intensiv studieren werde. Das weiß ich aber jetzt noch nicht. So etwas muss sich erst in Ruhe entwickeln. Benötigt Reifung. Aber ich weiß schon jetzt: Solche kreativen Unterrichts-Themen regen mich erheblich mehr an für unsere Leben etwas zu tun, als das Lösen notwendiger, aber scheinbar „unfruchtbarer“ anderer Hausaufgaben.

Was lag also näher, als ... ? Doch vor solchen hochfliegenden Plänen stand vorerst die Notwendigkeit einer soliden Grundausbildung zum Facharbeiter für ... für etwas Geeignetem.


Ein großherziges Ausbildungsangebot erreichte mich vom Zoologischen Institut Potsdam, idyllisch im Park Sanssouci gelegen. Der Professor nahm sich viel Zeit für mich und stellte mir ausführlich und in den schillerndsten Farben die Arbeitsweisen und Tätigkeitsergebnisse eines Präparators vor. Doch ich Undankbarer verabschiedete mich nur warmherzig, ohne sein Angebot anzunehmen – denn jene Tiere die ich hier betreuen sollte, waren für meine Vorstellungen schon viel zu tot.

Nach verschiedenen weiteren Ausbildungsstellen die ich aufsuchte, fiel meine Wahl für eine erste Etappe auf den Ort Großbeuthen. Lehre im "Volkseigenen Gut Siethen, Betriebsteil Großbeuthen", mit Acker- und Pflanzenbau sowie Tierhaltung, mit dem Betreuen von Rindern und Schweinen. Das ist doch 'was! Seit dem Herbst vorigen Jahres gibt es außerdem in der DDR und auch gleich dort in Großbeuthen die Möglichkeit der "Berufsausbildung mit Abitur". Wie günstig – ein "Sprungbrett", wenn man noch weiter lernen möchte. Die erste dumme Frage, die ich nur mir leise stellte, lautete: Warum kürzt man Volkseigenes Gut ausgerechnet in der Schreibweise "VEG" ab?

Zum Vorstellungsgespräch holte uns, meine Mutter und mich, der Direktor der Berufsschule,

Herr Bruno Abromeit, persönlich mit dem Auto vom Bahnhof Thyrow ab.

(Also "Herr" schreibe ich nur in Gedanken an meine Mutter. In der DDR ist das sonst eher unüblich. Die "Werktätigen" sind "Kollegen", besser noch "Genossen". In Akademiker-Kreisen spricht man sich auch mal mit "Frau Kollegin" oder "Herr Kollege" an – das sind so Ausnahmen).

Vom Bahnhof Thyrow aus rollen wir auf dem Sandweg etwa 4 km durch den Wald nach Großbeuthen. Dort plaudern wir über meine soziale Herkunft, mein bisheriges 16 Jahre langes Leben, meine Weltanschauung und die Parteilichkeit im Allgemeinen und im Besonderen, also über meinen "Klassenstandpunkt". (Das Lied dazu: "Sag mir wo du stehst!", wird erst später, etwa 1966 von Hartmut König geschrieben werden). Über Hobbys sprechen wir, über meine gesellschaftlich nützliche Tätigkeiten und über die bisherigen schulischen Leistungen. Daran schließt sich ein Rundgang über das Betriebsgelände und durch die Schule sowie das Wohnheim an. Ein inhaltsreicher Nachmittag, bis uns der Chef des Hauses wieder nach Thyrow zum Bahnhof bringt. Ein erstaunlicher, ein sehr zu würdigender Aufwand, der einem jeden eventuell künftigen Lehrling entgegengebracht wird? Ich kann es kaum glauben – hat der Direktor etwa solche Individualveranstaltungen ca. 120 x in jeweils drei Lehrjahren vollbracht, denn es kamen ja in jedem Jahr zwei neue Klassen, etwa 40 neue Lehrlinge dazu – oder wie verlief dieser "Schnupperbesuch" bei anderen Bewerbern?

Nun ja, viel später vernahm ich, dass zumindest das Abholen vom Bahnhof bei mir eher eine Ausnahme gewesen sei. Womit mag ich das nur verdient haben? Ich fand es nicht heraus. Andere, die ebenfalls kein Auto besaßen, mussten das wohl selber organisieren.


Was ich bisher über diesen meinen künftigen Lebensmittelpunkt weiß?

Dieses Wenige lese ich jedoch erst später nach.


Im Moment (Juli/August 1962) sind aber Ferien. Meine letzten großen Sommerferien. Mit meinem Moped rolle ich rund 600 Kilometer kreuz und quer durch die Bezirke Potsdam, Magdeburg und Schwerin. Dafür reicht gerade eine Tankfüllung von 12 Litern. Ich habe ein Moped, wie man es in der gesamten DDR nicht nochmals findet: Metallic-weinrot, Grundkonstruktion SR 1 (Simson-Suhl) aber mit Sitzbank und dem Motorrad-Tank der AWO (nach eigener Umbau-Konstruktion, geschweißt von meinem verehrten väterlichen Freund, dem Fahrzeug-, Bau- und Reparatur-Schlosser Erich Quast in Potsdam-Babelsberg, Fultonstraße).

Für die jüngeren Leser: "AWO" heißt hier nicht Arbeiterwohlfahrt, sondern ist die Abkürzung von "AWTOVELO", einer russischen Bezeichnung für die Sowjetisch-DDR-Zweirad-Fahrzeug-Aktiengesellschaft, die in der schönen thüringischen Stadt Suhl ihren Sitz hatte – in den Fabrikanlagen des früheren privaten Betriebes der Familie Simson.


An dieser Stelle gebe ich euch ausnahmsweise einen Brief zur Kenntnis, den ich rund ein halbes Jahrhundert nach dieser Zeit schreibe:


Liebe Rosemarie, (das ist aus Datenschutzgründen der einzige frei erfundene Name.

Alle anderen, die ich in diesem Text nenne, sind echt).


als Antwort auf Deine Fragen zu Großbeuthen habe ich zusammengetragen und im Folgenden aufgeschrieben, woran ich mich erinnern kann. Wahrscheinlich fiele uns, wenn wir jung Gebliebenen gemeinsam über die alte Zeit schwatzen würden, weitaus mehr ein. Zu meinen Notizen muss ich wegen deren "Lückenhaftigkeit" aber sagen, dass ich wegen des notwendigen Abbruchs der Lehre nur die eher zu kurze Zeit von September 1962 bis September 1963 in Großbeuthen weilte. Somit bin ich eigentlich ein Wenig-Wissender und habe nicht viel zu sagen. Deshalb kann ich mich mit meinen Erinnerungen auch kurz fassen. Zumindest relativ. Und von dem Wenigen was ich weiß, schreibe ich aber auch nicht alles auf, wenn es bestimmte Interessen anderer Menschen berührt und deshalb besser Diskretion angemessen scheint.

Wie Du Dich richtig erinnerst, waren die Klassen bei uns in Lw A 1 bis Lw A 3 und Lw 1 bis Lw 3 gegliedert (Landwirtschaftliche Berufsausbildung mit Abitur, 1., 2., 3. Lehrjahr, beziehungsweise auch ohne – bei gleicher Ausbildungsdauer); bei Euch, den Klassen aus dem Oberschulinternat Ludwigsfelde, war die Bezeichnung wohl umgekehrt: "Abitur mit landwirtschaftlicher Berufsausbildung" oder so ähnlich. Trotz meines verkürzten Aufenthaltes war diese Zeit für mein Leben sehr wichtig und ich will die Erinnerungen an dieses Jahr und dabei vor allem an Euch sowie auch die Erfahrungen, die mir dieses Gemeinschaftsleben brachten, nicht missen.

Nun ist seit jenen Tagen aber mehr als ein halbes Jahrhundert mit uns durch Land geeilt ... und auch ich fand die Bremse nicht, um die Zeit anzuhalten. Manches mag in diesem Zeitraum in meiner Erinnerung verblasst sein, verschiedenes steht mir aber deutlich vor Augen. Gewiss haben wir noch Erinnerungen an gemeinsame Mitschüler. Allein die Großbeuthener Lehrlinge = Berufsschüler waren zu dieser Zeit in sechs Klassen gegliedert – etwa 120 Lehrlinge und dazu noch Ihr, die Ludwigsfelder Mädchen. Eure männlichen Klassenkameraden wurden ja wohl hauptsächlich zum „Abitur mit Facharbeiter des Landmaschinenschlosserhandwerks“ im Kreisbetrieb für Landtechnik, in Nächst Neuendorf untergebracht. Und das war ja auch sehr gut so – für uns Jungs in Großbeuthen.

Einige der Mitschüler

An eine Reihe von Mit-Lehrlingen kann ich mich noch lebhaft erinnern, sehe sie noch heute als 14- bis 18-Jährige vor mir. Ich werde hier aus dem Grunde des Datenschutzes nicht die vollen Namen nennen, obwohl es mir bei allen möglich ist ... aber ich kann nicht jeden erreichen und um Zustimmung bitten – aber wem wie mir das Herz noch jugendlich überquillt, dem läuft auch die Erinnerung leicht aus der Feder und vielleicht denkt ein Leser sogar konkret an jene Menschen und an die hier beschriebene Umgebung, eingebettet in die damalige Zeitgeschichte.

Aus unseren Lw- und LwA-Klassen erinnere ich mich z. B. unter anderen an:

Achim Ne., Anita Ru., Bärbel Wi., / Bärbel II., Bernd Ha. / Bernd He I und II, Bernd Kr., Bodo Ki.

Claus Ka.: immer sorgfältig gescheiteltes Haar, wohl mit "Glätt-Pflege", Besitzer eines Fahrrades mit Anbaumotor, wohl von MAW (Magdeburger Armaturen-Werke), respektlos "Hühnerschreck" genannt. In der Freizeit bastelte er gern. Kein defektes Radio war vor seinen Reparatur-Künsten sicher. – Dann Christian Fe. (Jimmy), Chris Ja. (Goofy), Detlef W., Egbert Mae., Erika Eb. / Erika Le., Erika Zi., Erwin Bo. (Bobby), Eva Kr., Ferdinand Ri., Gabriele Koe.: Die kleine chice – vielleicht unsere größte Pferdeliebhaberin. Was hatte die Natur für reizende Menschen hervorgebracht!

Gerd Li.: Er saß besonders gern und oft auf dem Raupenschlepper, so auch, wenn es galt, Sauerkraut (Silagefutter) herzustellen. – Des Weiteren: Gerd Ma. / Gerd Mue., / Gerd Ra.: oft die Gitarre zur Hand, komponierte und textete auch selber, so auch das Beuthen-Lied: "Jeden Abend an der Ecke ...".

Gerd S., Günter Boe., der schon damals die Polit-Reden für BBS-Direktor Abromeit schrieb. Hannelore Bo. / Hannelore Ri., Hans-Joachim So. (Jacky) / Hans-Joachim Vo. (Satchmo),

Hans-Jörg Bu., Hans-Jürgen Sch., Harald Bu. / Harald Ku., Harald S., Hartmut Br., Heidemarie He., Heidi Ru. / Heidi Sch. mit langem, superweich-gepflegtem Blond-Haar / Heidrun Fl.

Helmut Pl., der eine 125-er Jawa besaß und auch ein Banjo. Horst Fe. / Horst Ha. / Horst Sch. / Horst We., Ilsetraut (IIle) Ku., Inge To., blond-gelockt und ihr Verlobter, dessen Name mir entfallen ist. Ingrid Sch.: auch sehr kumpelhaft, gelassen und eine stets freundliche Seele. Ingo Mr., Jens Te., Joachim Boe., Jürgen Soe. (Bummi, auf MZ - ES 250). Karin Hae.: mit kurzem Ratzeputzhaarschnitt, fast immer vergnügt. Mit diesem freundlichen Weibchen konnte man Pferde stehlen gehen (was aber nicht nötig war – wir hatten ja genügend zur Auswahl). Klaus Ei. /

Klaus Mue., Marlis Sp., auch sie so ein freundliches großes Seelchen und prima Kumpel. Michael So., Monika He., Otto Ja.

Peter Fe. / Peter Kr.: Er besaß als Motorrad, eine tschechoslowakische rote 250-er Jawa.

Peter Wi., Peter Va. (Uhu): durfte sogar mit seinem Jagdhund zusammen wohnen. Rainer W.,

Renate Pu., Rolf To., Siegfried Ho., Sonja Ki., Udo Kr.: noch damals in Ostpreußen geboren, sah er schon als Kleinster viel Leid auf der "Reise" ins Brandenburger Land. Er wurde 58 Jahre alt (1944–2002). Ursula Ni. / Ursula Fe. / Ursula Pf., Uta Ge., Vera Ni., Werner Fue. / Werner Ro.

Wilhelm Ru., Willi F., Wolfgang Sch. I, Wolfgang Sch. II. ... und andere, deren Namen ich nach einem halben Jahrhundert nicht mehr sogleich im Kopf habe, sollen nicht vergessen werden.

Ich hoffe aber, dass die Liste zumindest eine Anregung für die Wahl von Namen für die eigenen Ur-Enkel-Kinder bietet. Hi, hi.

Zu Hause waren die Mitschüler in Alt Krüssow, Babelsberg, Berlin, Blankenfelde, Brandenburg, Glienick, Kleinmachnow, Nauen, Paulinenaue, Potsdam, Radewege, Roskow, Stahnsdorf und in vielen weiteren Orten.

Die Mädchen aus Ludwigsfelde

Vom Ludwigsfelder Oberschul-Internat, also aus der Klasse, die zeitgleich mit unserer 11., im Herbst 1962 in Großbeuthen das 9. Schuljahr begannen, gehen mir bisher nicht aus dem Kopf: Das sehr sympathische Mädchen Helga Th., die üblicher Weise mit violetter Tinte schrieb und der leider ein nur sehr kurzes Leben beschieden war. Gabriele Di., die zierliche Angelika Kl., dann die blonde Monika und auch Monika Gr., diese aber dunkler, Ingrid Mae., Barbara Mi.

Dann aus der Klasse, die im Herbst 1963 zu uns kam, die Biggi, von der es ein Bild im Pettycoat auf der "Wartburg"-Motorhaube sitzend gibt und daneben in Natur genau das gleiche lebendige sonnengebräunte Mädchen, geradewegs vom Acker kommend, ein starker natürlich-reizvoller Kontrast. Dann Marion Ni. und Rosemarie N. aus dem gleichen Jahrgang und viele andere mehr.

Sie waren zu Hause in Ludwigsfelde, Neu Wünsdorf, Rangsdorf, Zossen, Klausdorf und sonst wo.

So, Schluss jetzt mit dem Aufzählen. Insgesamt waren es eben doch noch viele mehr. Ich sehe alle fröhlich und gesund wie damals, auch in diesen heutigen Tagen vor meinem "geistigen Auge", obwohl ich weiß, dass jetzt (2016) eine Anzahl dieser damaligen Mitschüler nicht mehr am Leben ist, die ich zumindest in Gedanken hier aber ebenfalls erwähnen und ehren möchte.

Allein wir, als Stammbesatzung, waren in jenen Jahren sechs Klassen mit jeweils wohl etwa 20 Schülern.

Ihr Mädchen aus dem Oberschulinternat ward sowohl in unserer Schule, also im Obergeschoss des alten Gutshauses – über den Klassenräumen untergebracht, wie auch im Wohnheim "in der Aula", d. h. im Saal über dem Eingang, der wohl sonst zu jener Zeit nur selten anderen Zwecken diente. Ich entsinne mich daran, dass zum Lehrjahresbeginn die künftigen Lehrlinge und ihre Eltern im Speiseraum mit einer Festrede begrüßt wurden, dann jedoch die SED-gebundenen Eltern aufgefordert wurden, sich zwecks Konstituierung einer Elternparteigruppe (die sich wohl kaum im gleichen Kreise je im Leben wieder sah?) in jenen Saal zurückzuziehen, um eben das eigentlich Wesentliche, das noch Wichtigere zu besprechen, dessen Inhalt nicht Gemeingut wurde.

Mit dem Beginn der Lehre wurden wir Lehrlinge fast automatisch Mitglieder des FDGB, also des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes, Gewerkschaft Land und Forst.


Unsere Postanschrift lautete nun:

Lehrling Maxi oder Max Mustermann,

Volkseigenes Gut Siethen, Betriebsteil Großbeuthen,

Betriebsberufsschule/Lehrlingswohnheim Großbeuthen.

Kreis Zossen, Telefon: Trebbin 531


So also! Und ich fühlte mich inzwischen ganz schön reich: Wir erhielten 75,- Mark „Lehrlingsrente“ pro Monat des ersten Lehrjahres. 30,- Mark wurden abgezogen für die Unterkunft und das gute Essen. Blieben dem Lehrling satte 45,- Mark für vielerlei kleine Ausgaben "des täglichen Bedarfs". Mancher gab davon bei den Eltern etwas ab.


Die Ausbildungsfächer in der Berufsschule


Mathematik

Russisch

Englisch

Fütterungslehre

Physik

Staatsbürgerkunde

Betriebsökonomie

Landtechnik

Chemie

Geschichte

Acker- und

Pflanzenbau

Innenmechanisierung

Biologie

Körpererziehung/Sport

Rinderzucht


Deutsche Sprache –

und Literatur

Erdkunde

Tierhaltung




Die Bewertungskriterien in der berufspraktischen Ausbildung


Arbeitsweise

Theoretische Lehrstoffe im berufspraktischen

Unterricht

Qualität der Arbeit

Hausarbeit Praxis am Ende des Lehrjahres.

Einhaltung der Zeitvorgabe bzw. quantitative

Leistung




Unsere Lehrer der Betriebs-Berufsschule

Von den Lehrern hast Du ja nicht viel gesehen, da Euer Unterricht an der EOS in Ludwigsfelde stattfand. Mit den Pädagogen hatten wir ein sehr gutes Einvernehmen. Es waren großartige Menschen. Unser künftiges Wissen hielten für uns vorrätig und vermittelten es uns:

Herr Abromeit (1923–1989, sein Name ins Deutsche übersetzt: Sohn des Abraham). Er war der Direktor der BBS von 1956–1984, von Beruf Landwirt und Berufsschullehrer und außerdem stellvertretender Parteisekretär der SED des Volkseigenen Gutes Siethen. Er hatte im Sommer 62 einen nagelneuen "Trabant-Kombi 500“ – wohl ein Dienstfahrzeug – gekauft. Außen lindgrün, innen beige mit hellbraunen Sitzbezügen, den wir gleich ausprobierten, als er uns zum bereits genannten Vorstellungsgespräch vom Bahnhof Thyrow nach Großbeuthen abholte.

Herrn Abromeits Leben endete mit 65 Jahren, mit seinem Eintritt in das Rentenalter im Jahre 1989.

Herr Konrad Utemann, unser Klassenlehrer, lehrte unter anderem Acker- und Pflanzenbau, Biologie und Landtechnik. Er wohnte in der Großbeuthener Dorfstraße, nahe bei der Kirche.

Ein zartnervig-sensibler, sparsamer und verständnisvoller Mensch.

Herr Hugo Brandt hinterließ zwar einen Eindruck der Gelassenheit, "brannte" aber tatsächlich in Leidenschaft für seine Lehrtätigkeit. Er kam aus Berlin-Weißensee, bewohnte aber im Lehrlingswohnheim eines der bescheidenen Zimmer. Er unterrichtete uns in "Maximus – Lenimus" (Staatsbürgerkunde, Geschichte und Deutsch). In seinem interessanten Deutsch-Unterricht behandelten wir u. a. die frühe Bilderschrift, streiften oberflächlich die germanischen Runen, hörten Alt- und Mittelhochdeutsches, lernten dabei den Stabreim kennen – die beiden Merseburger Zaubersprüche und das Hildebrandslied / des Hildebrands Lied. Selbstverständlich beschäftigten wir uns mit dem bedeutend jüngeren Nibelungenlied, das erst um 1210 entstand und vielem mehr.


Natürlich wurden auch weitere den Unterrichtsstoff würzende aktuell-politische Fragen behandelt, zum Beispiel solche: "Wie sollte man das polnische Brudervolk auf dem festen Kurs zum Sozialismus halten, den die Staaten des Warschauer Vertrages pflegen?" Schließlich wurden dort in der Volksrepublik Polen seit kurzer Zeit in abweichlerischer Manier Bluejeans, Arbeitshosen, beinah-fast nach USA-Vorbild produziert – dort in Polen aber eher als Festgewand genutzt. (Pfui Teufel, noch eins)! Zwar waren diese Beinkleider aus Mangel an geeignetem Material keine so völlig echten und festen Niethosen aber immerhin dünnere, weichere blaue "Nahthosen" mit zwar nur entfernt bestehenden, doch unverkennbaren ideologischen Ähnlichkeiten.

Und hatte mal wirklich einer von uns ein Original-Kleidungsstück dieser Art aus dem Westen, so musste zumindest das lederne Herstellerzeichen abgetrennt oder abgeschnitten werden. "Wir laufen nicht Reklame für den Westen!". "Wir brauchen keine Nieten in Nieten-Hosen", so die staatliche Botschaft. – Was sollte aber das Abtrennen, was sollte der eigenartige beabsichtigte Schein, – dass die tollen Hosen eher auf unserem Boden geschneidert worden wären? –

Ja, es gab besonders zwischen 1953 und 1968 doch immer wieder solche dramatischen „bedenklichen Tendenzen", denen es parteilich klar, gefestigt und bewusst entgegen zu treten galt. Wie gut, dass wir doch seit 1961 vom "Antifaschistischen Schutzwall" beschützt waren. – Möglicher Weise erörterte man in der eingangs erwähnten Teil-Elternversammlung auch ähnliche wichtigen Themenkreise. Wie auch immer – wir waren ja nicht dabei, wir hörten nichts darüber.

Unser Lehrer Brandt besprach mit uns auch das Gedicht des Volker Braun über die moderne "Schlacht bei Fehrbellin" im Rhin-Luch (das ist etwas nördlich von Paulinenaue, wo unser Mitschüler Udo Kr. herkam), was mir weit weniger gefiel (also jenes Gedicht), als die Denkergebnisse der Herren Goethe und Schiller. Volker Braun wurde 1939 geboren und ist ein Student der Philosophie. Ein guter Sozialist soll er sein aber seine ungewohnten Texte könnten von Leuten im Sozialismus auch strenger kritisch beäugt werden. Vielleicht habe ich auch nicht alles genauso verstanden, wie es sich aus ihm heraus drängte. Er ist ja immerhin schon 23 und erfahren. Wenn er uns doch selbst die Schönheit seines Dichtwerkes auslegen könnte, auf dass es so recht freudefüllend wirke. Begriffe wie "Landmelioration", "FDJ-Jugendobjekt Milchader", "Egon und das achte Weltwunder" fallen mir bei dem Dichtwerk ein und etwa dorthin wird später auch die "Zeit der Störche" passen. Nun, alle Vergleiche dürfen auch ruhig mal ein bisschen hinken.

Herr Brandt fuhr mit uns sogar in die Berliner Staatsoper zu Richard Wagners "Tannhäuser", den er auch als Unterrichtsstoff ansah und seine prächtigen Gedanken dazu an uns weitergab. Es war für uns eigentlich wie eine Auszeichnung aber trotzdem nicht leicht, nach anstrengendem Arbeitstag und dem Vier-Kilometer-Marsch zum Bahnhof Thyrow, der Fahrt nach Berlin, dann drei Stunden müde im (preisgünstigsten) sehr warmen obersten Rang der Darbietung zu folgen. Zum Glück war mir dank meiner Eltern die herrliche Musik auch dieser Oper seit langem gut geläufig, sonst hätte es auch mir recht schwer werden können, dort wach und munter durchzuhalten.

Herr Kupsch, gut nicht nur für Mathematik und Physik, eine Seele von Mensch und ein Kumpel "durch und durch", munterte manchen in schwierig erscheinenden Mathe-Situationen mit derartigen Worten auf: "Jungchen, willst du nicht oder kannst du das noch nicht? – Versuch's doch noch mal!" Sein Familien-Name ist eine "Verkosung" des Vornamens Jakob/Jakub, so wie bei Ille.

Unser Englischlehrer, Herr Fenster mit Namen, verbat es sich von vornherein freundlich, also schon vorbeugend, etwa mit "Mr. Window" angeredet zu werden. Er fuhr einen Czeczeta-Motorroller, ein Fahrzeug aus der befreundeten CSR, der späteren CSSR.

Diese Namens-Erweiterung wird die tschecho-slowakische Republik, nach 1968 erhalten, wenn sie sich "nach dem Frühling in Prag" anschickt, nun endlich wirklich als fest integriertes Bruderland die gleiche Form des Sozialismus anzustreben wie wir und nicht etwa weiter nach einem "dritten Weg mit durchweg menschlichem Antlitz" herumsucht, der die Demokratie zwar nicht unbedingt im Staatsnamen spiegelt aber dafür in das tägliche Leben des Volkes zu integrieren wünscht.

"Wir", die brüderlichen Nachbarn, werden befürchten: solch eine Suche kann auch weg-führen, oder abwegig sein, wie die Bezeichnung schon ahnen lässt.

Der frühere Staatsgründer, Herr Tschech, hatte damals aber noch ganz andere Gedanken.

Ganz wichtig war Frau Mal. als stets freundliche Sekretärin, die oft von Ihrem Mann abgeholt wurde, der eine beliebte "Weiße Maus" war. Sehr beliebt? Die Einen sahen es so, andere wiederum anders – ich persönlich kann nur Gutes sagen – falls ich mal gefragt werden sollte.

Unser Blick in Deutsch-Unterrichtsstunden

Beim Lehrer, Herrn Hugo Brandt, besprachen wir auch alte Monatsnamen – und das ging so:


Die Monatsbezeichnungen zur Zeit Karl des Großen (Carolus Magnus, 768 bis 814)


Monat

Bezeichnung

Bedeutung

Erläuterung

01

Januarium

Wintarmanoth

Wintermonat

02

Febroarium

Hornung

Hornung

03

Martium

Lentzinmanoth

Lenzmonat

04

Aprilem

Ostarmanoth

Ostermonat

05

Maius

Winnemanoth

Weidemonat

06

Junium

Brachmanoth

Brachmonat

07

Julium

Hewinmanoth

Heumonat

08

Augustum

Aranmanoth

Erntemonat

09

Septemprem

Witumanoth

Holz(fäll)monat

10

Octobrem

Windumemanoth

Weinlesemonat

11

Novembrem

Herbistmanoth

Herbstmonat

12

Decembrem

Heilagmanoth

Heiligmonat


Wie ich eben bereits erwähnte, hatten wir im gleichen Lehrabschnitt "Deutsche Sprache - Literatur" unter anderem auch die Kunst des Reimens. Ich frische euer gutes Wissen hier kurz auf.

(Die folgenden Texte konnte ich allerdings nicht auswendig und habe daher ein halbes Jahrhundert später – also jetzt – bei Wikipedia im Internet "nachgetankt").


Der Beginn des Hildebrands-Liedes (geschrieben um das Jahr 800):


Althochdeutscher Stabreim

Neuhochdeutsche Übersetzung

Ik gihorta dat seggen

dat sih urhettun aenon muotin,

Hilitbrant enti Hadubrant untar herium tuem

sunufatarungo iro saro rihtun.

gartun se iro gudhamun, gurtun sih iro suet ana,

helidos, ubar hringa, do sih to dero hiltiu ritun,

Hiltibrant gimahalta (Heribrantes sunu)

her uuas herero man ....

Ich hörte es sagen,

dass sich die Herausforderer begegneten,

Hildebrand und Hadubrand zwischen zwei Heeren,

Sohn und Vater richteten ihre Kampfgewänder,

gürteten sich ihre Schwerter um,

die Helden, über Rüstungen, als sie zum Kampf ritten, Hildebrand (Heribrands Sohn) sprach,

er war der ältere Mann ...


Und nun der zweite Merseburger Zauberspruch zur Heilung eines jungen verletzten Pferdes:


Althochdeutscher Stabreim

Neuhochdeutsch


Phôl ende Wuodan fuorun zi holza.
dû wart demo balderes folon sîn fuoz birenkit.
thû biguol en Sinthgunt, Sunna era swister;
thû biguol en Frîja, Folla era swister;
thû biguol en Wuodan, sô hê wola conda:
sôse bênrenki, sôse bluotrenki,
sôse lidirenki:
bên zi bêna, bluot zi bluoda,
lid zi geliden, sôse gelîmida sîn.


Phol und Wodan begaben sich in den Wald.
Da wurde dem Fohlen des „Balders“ sein Fuß verrenkt.
Da besprach ihn Sinthgunt, die Schwester der Sunna.
Da besprach ihn Frija, die Schwester der Volla.
Da besprach ihn Wodan, wie er es wohl konnte.
So Beinrenkung, so Blutrenkung,
so Gliedrenkung:
Bein zu Bein, Blut zu Blut,
Glied zu Glied, wie wenn sie geleimt wären.


Herr Brandt stellte uns die kurzweilige Beschäftigung mit diesen Texten, als einen Ausflug in die germanische Mythologie vor. Kulturerbe – man will ja wissen woher man kommt. Er meinte, Wotan und Freia seien erdachte Naturgötter, Baldur – ebenfalls in anderen Aufzeichnungen erwähnt, die anderen seien uns unbekannt, weil uns aus jener Zeit wenig weiteres Schrifttum erhalten blieb. –

Ich aber konnte es kaum glauben was ich da hörte und las, noch wollte ich mit jemandem darüber sprechen, sondern nur still verarbeiten: Heute lesen wir, lernen wir im Deutschunterricht diesen Spruch "über das Heilen durch Besprechen" im 8. oder 9. Jahrhundert, über eine der Methoden, die offenbar bei unseren germanischen Vorfahren hier "auf unserem Boden" vor rund 1.200 Jahren als eine natürliche und erfolgreiche Heil-Anwendung galt, vermutlich gang und gäbe war. Ich denke daran, wie auch mein Großvater mit den Tieren umzugehen wusste.

Heute aber sind derartige Heilweisen bei uns grundsätzlich verpönt. Bei solchen Gesprächsinhalten würde man eher als anstaltsreif angesehen werden ... den Scheiterhaufen gibt es ja nicht mehr ganz so direkt. Bestenfalls "im Dunkeln" geht heutzutage jemand zum "Kräuterweiblein", um vielleicht seine Gürtelrose "besprechen" zu lassen oder seine Warzen, wenn anderes aus der Schulmedizin nicht half ... ansonsten: das alles ist Mumpitz, Humbug – denn die marxistisch-leninistisch-sozialistisch-materialistische Weltanschauung lehrt uns sinngemäß:

"Was des Arbeiters Finger nicht be-greifen können, was das wissenschaftlich geschulte Auge des DDR-Bauern nicht sieht, das existiert auch nicht! Alles weitere sind Hirngespinste, die zu den zu verwerfenden idealistischen Anschauungen des überholten, verfaulenden kapitalistischen Gesellschaftssystems gehören."


Ich versuche also gedanklich dagegen zu setzen:

Warum so unsensibel-harsch, so arrogant? William Shakespeare gab uns beispielsweise bereits etwa im Jahre 1602 sinngemäß zu bedenken, dass es mehr Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, als unsere Schulweisheit sich träumen ließe (nach Hamlet, 1. Akt, 5. Szene) ... denn unser Vermögen zu Erkennen, unser Begreifen-Können, ist begrenzt. Doch das Wissen der Menschheit schreitet voran. Einiges, was vor einiger Zeit noch als "Wunder" galt oder man als "Glaubensgegenstand" bezeichnete, ist man heute in der Lage zu erkennen – und morgen wird es einen weiteren Zuwachs des Wissens, der Entdeckung, der Entwicklung geben. Wir sollten nicht überheblich mit unserem vorläufigen Unwissen oder Halbverstehen prahlen und anderes, was uns nicht sofort als sinnfällig erscheint, negieren, also verwerfen.




"Wunder"


Es sind Ereignisse deren Zustandekommen man sich nicht erklären kann.


Sie geschehen nicht im Widerspruch zur Natur,

sondern im Widerspruch zu unserem bisherigen Wissen,

zu dem, was uns über die Natur bisher bekannt ist.



Es ist vieles so sehr spannend – die entstehenden Fragen scheinen oft viel wichtiger für das Denken, als vorgefertigte Antworten anderer Leute es für uns sein könnten.

Und ich meine: Wenn damals Menschen wenig aufschrieben (zumindest für uns wenig erhalten blieb), dann werden es keine völlig beliebigen, belanglosen Texte sein, sondern Wesentliches! Nicht unbedingt ein frei erfundener sagenhafter Roman wird es sein. Nur weil wir heute nicht genug wissen, deuten wir es so. Solche germanischen Namen wie Freia und Wotan wird es gewiss nicht nur einmal, nicht nur "für Götter" gegeben haben! Nun diese Unbekannten: könnte es sein, dass es sich einfach um eine Gruppe Heilkundiger gehandelt hatte, die durch den germanischen Wald schritt? Könnte es sein, dass die heutige "offizielle wissenschaftliche Annahme": >da stapften einige gespinstige Figuren aus der bloß erdachten Welt der Natur-Götter, durch den Forst<, schlicht und einfach unrichtig ist? Wodurch wird diese "Wissenschaft", die wir gedankenlos lernend übernehmen sollen, gestützt oder gar bestätigt?

Und jene von alters her bekannten Heilweisen? Viele Jahre wird es noch dauern, bis auch für uns Literatur darüber leichter erreichbar ist, die entsprechende Beispiele von Heilmethoden in Asien und Australien und sonst wo darstellt. Sie werden uns aus historischen Zeiten überliefert und zeigen, dass sie auch in der Gegenwart ausgeübt werden – in reicher Vielfalt! Ungeahnte, ja schier für unglaublich gehaltene Einflussmöglichkeiten auf die Gesundung und Gesundheit. Anfangs des neuen Jahrtausends werde ich erste praktische Kontakte dazu gewinnen dürfen. Welch eine späte Erweiterung des Horizonts. Schade, dass ich darüber nicht mehr mit Herrn Brandt plaudern kann.


Schade auch, dass von unserer germanischen National-Literatur jener Zeit für uns kaum etwas erhalten blieb. Die großen Zeitspannen, die Art der noch nicht so dauerhaften Schreibmaterialen und das eher feucht-kühle Klima mögen dazu beigetragen haben. Aber es gab sowohl beiläufige, als auch zielgerichtete Ursachen. Wir wissen zum Beispiel, dass Karl der Große eine umfangreiche Sammlung von Heldenliedern seiner Zeit angelegt hatte. Seinem Sohn Ludwig war dieses Nationalerbe aber eher gleichgültig und damit vor Verlusten nicht geschützt, dem Untergang preisgegeben. Bekannt ist ebenso, dass die "heidnisch-mythologischen" Inhalte dieser germanischen Literatur der Christlichen Religion "ein Dorn im Auge" waren, die von ihnen misstrauisch, feindselig angesehen, später rundweg verboten wurden. Die Kenntnis der Texte, das Wissen um diese Literatur verlosch. Damit ist die frühe Literatur aus unseren Landen bis auf wenige Einzelfälle oder Bruchstücke für uns für immer verloren gegangen. Bisher wurden aus jener Zeit nur zwei "Zaubersprüche" 1841 in der Dombibliothek zu Merseburg entdeckt und auch zwei weitere 1857 in Wien gefunden, die etwa aus der Zeit um 800 stammen.


Doch nun wieder 1962: Wir erhielten von Herrn Brandt die Hausaufgabe, möglichst viele Worte mit gleichen Anfangsbuchstaben als Reim aneinander zu reihen. Das Ergebnis war dann vorzutragen. "Schön wäre es", meinte Herr Brandt, "wenn dabei die Landwirtschaft ein wenig berücksichtigt würde." Hier mein Versuch – für euch als ein schwaches Beispiel dieser "großen Kleinkunst":




Nacht! Nobler Neumond, Niesel, Nachtigall! Na, nun noch neuer Nebel!

Mandolinen mit Mondschein machen mich milden Munteren meist musisch.

Kläffender Katen-Köter "Karo" kennt keine Katze. Kappt kauend klirrende kurze Kette,

läuft leider leichtfertig, lieber lodderig-leger, leise lechzend los, bloß bisschen bravourös beißend.

Bärtiger Bangbüx badet bisweilen bei böse blökenden Böcken, bei bieder bunt blühenden

Blumen.

Tieftraurig: Trotzig-tobsüchtig-temperamentvolles Tier trägt Tollwut-Erreger,

wie weiland wiederkäuender, wollüstig-warmer, warnend-winselnd wütender Wolf.

Terror tötet total tausend Tapire, Termiten, Tiger, Tintenfische, Trakehner, Tümmler, Tuberkel,

Kängurus, Kamele, Katzen, klitzekleine Kälber, Knurrhähne, Kobras, Kühe, Kuschel-Kaninchen.

Höhere Halbinsel-Heimat: Hierauf heute heißhungrig harrend, heulender Haufen hütender Hirten.



Schon sehr schön sprung-sprintender Schäfer schafft schnell Schutzwall

rings um reichlich raunende, richtig ranzig-räudige, reinrassig-ranke, rigoros-rasende Rinder.

Wohlwollend wachsamer, wagemutiger Wachhund "Wotan" wird wahrscheinlich wütend werden,

wegen Wegnehmens wahrlich warmen, wehrhaft wachsenden, wuchtig wogenden Widerstandes.



Herbei, herbei! Hurtiger Hilfe heischend, holt herber Herr der Herde hoheitsvoll

huldreiche Hünen, herrlich helfende Hirten, humane Hausierer, hübsche Hostessen herbei,

bisweilen bangend-beäugelnde, bußfertig-bescheidene, besonders bemühte bierbäuchige

Bauern,

ebenfalls ehrlich, eisernen Ernstes, ebenmäßig-eifrig, effektiv-eilend, emsig eure Ernte


einbringend.



Na ja, eben – ein Versuch – Hausaufgabe als erfüllt abgehakt.



Das Erzieher-Kollektiv im Lehrlingswohnheim

Mit den Erziehern war es nach meinem allerdings unmaßgeblichen Empfinden nicht so prächtig bestellt, wie mit den Lehrern. Es schien eher ein Gegensatzprogramm zu sein, "damit wir nicht vor großer Freude übermütig würden". Die reguläre DDR-Ausbildung der "Erzieher für Horte und Heime" schloss ja die Qualifikation als Unterstufen-Lehrer mit ein. Nun waren wir schon etwas älter als Hortkinder. Das Erzieher-Personal ebenfalls. Es drohte schon stärker dem Rentenalter entgegen zu eilen, als sich der entfernteren eigenen Jugendzeit zu erinnern (das ist zumindest solch ein Eindruck der entstehen kann, wenn man selber sehr jung ist).

Ich denke, es waren eher "Quereinsteiger" aus anderen Grundberufen, die hier ihr Ein- und Auskommen gefunden hatten – die vielleicht sogar an einigen Pädagogik-Schulungsstunden teilgenommen hatten? Wer weiß das schon so genau? Ich kann sie heute nicht mehr fragen. Was aber nährte solchen Verdacht? Nun, nur die Betrachteten selber! Uns versuchten dort zu hüten:


1. Frau H. Sie war freundlich, weichlich, stockkonservativ in ihren Anschauungen und behielt wohl auch nicht alles, was sie so hörte, für sich. Sie saß wohl zu nahe "an der großen Glocke".


2. Dem Erzieher Herrn W., mit schütterem Haarkranz ausgestattet, spendierten die Lehrlinge aus ihrem schmalen Etat gerne ab und zu so lange den von ihm begehrten Schnaps, bis er sich willig im Erzieherzimmer zur Ruhe auf dem Bereitschafts-Sofa ausstreckte und sich dort einschließen ließ, auf dass er nicht gestört werde.

Das fiel nicht weiter auf, denn sollte mal ganz unerwartet eine wichtige organisatorische Frage zu beantworten, ein Problem zu klären sein, hatten wir im Tag- und Nachtdienst, also rund um die Uhr, den "LvD", den Lehrling vom Dienst als Ansprechpartner – also uns selber. Das klappte gut.

Die Einteilung der LvD wurde nach dem Rotationsprinzip wirksam. Es bedeutete soviel wie tagsüber der Ansprechpartner für Jeden und "Mädchen für alles" zu sein, auch in den Blumenrabatten vor dem Hause Wildkräuter zu zupfen. Nachts hingegen als Pförtner, Nachtwächter und Still-Weckdienst für die Lehrlinge, die bei den Tieren mit sehr frühem Arbeitsbeginn tätig waren und deshalb morgens zu unterschiedlichen Zeiten aufstehen mussten, zu dienen. Mancher LvD hatte seinen Wecker dabei, andere ließen sich vom Fernmeldeamt-Dienst der Post telefonisch wach rütteln.


3. Der hart aber nicht gerade klüger erscheinende Herr B. kam 1963 als ein zusätzlicher Pädagoge zu uns. Warum? – das wurde mir nicht klar. Auch dieser hatte es schwer mit sich. Bevor er zu uns stieß, hatte er wohl eine Stelle im Jugendwerkhof als Erzieher inne. (Ein Kinder- und Jugendgefängnis oder eine Besserungs-Anstalt mit haftähnlichen Bedingungen bei Arbeit und (ideologischer) Schulung für "Schwererziehbare", auch politisch Auffällige. Die Ziele: Störende Gedanken und/oder renitentes Verhalten beseitigen, die jungen Menschen formen, biegen oder brechen, um den Boden für eine im Sinne des sozialistischen Staates üblicher Weise anerkannte Gesinnung und Entwicklung zu bereiten). Die Information über den neuen Erzieher ging (wohl fast schon vor seiner Ankunft) wie ein Lauffeuer durchs Wohnheim. Er trug stets eine steinhart-ernste Aufpasser-Miene. Herr B. vermittelte uns zuverlässig den Eindruck, als missverstehe er seine Aufgabe grundsätzlich und fühle sich als Aufseher über eine Verbrecherbande berufen. Es schien uns, als sei er von anderen und in sich selbst gefangen. Auch er war uns kein erziehender, beratender Kamerad. Herr B. ließ sich so herrlich verulken, was von einigen Lehrlingen unverblümt praktiziert aber von ihm offenbar nicht erkannt wurde. Deshalb schmerzte ihn das wahrscheinlich auch überhaupt nicht.

4. Es gab noch den Herrn M., der sich meiner Erinnerung zufolge eigenartiger Weise völlig unauffällig-neutral zeigte, so dass ich nichts besonders Kennzeichnendes zu berichten weiß.


Den Erziehern oblag aber nicht nur die schwere Aufgabe die Lehrlinge zu hüten, sondern auch das Organisatorische, das Haus mit seiner einfachen Ausstattung zu verwalten. Ein größeres Spektrum kleinerer Aufgaben. Und ich konnte mich gefühlsmäßig zwar durchaus in sie hineinversetzen, fühlte mich dabei aber allein bereits gedanklich in dem vorgenannten Kollektiv nicht so recht wohl.


Ein kurzer Gedankenflug:

Vom Prinzip her habe ich einen Einblick in solche Aufgabenfelder. Waren doch aus der Reihe meiner Vorfahren-Familien die Herren Carl Keilbach und Rudolf Mahnkopf nacheinander rund

70 Jahre lang die Verwalter des "Palais Barberini" am Alten Markt in Potsdam, Humboldtstraße

5-6, grad' gegenüber dem Stadtschloss von W. Knobelsdorff und der Nikolaikirche von

K. F. Schinkel / Persius. Dieses "Palais" war, wie das gesamte Zentrum der Stadt Potsdam, kurz vor Kriegsende, am 14. April 1945 zerbombt worden. Ein gleichartiges Gebäude steht nun (2017) dort nach sieben Jahrzehnten in neuem Glanz, so schön wie noch nie –

unter der Initiative des Prof. Dr. mult. Hasso Plattner als Gemälde-Museum wieder aufgebaut.

Und was alles hatten diese Verwalter damals im Vorgänger-Gebäude technisch-organisatorisch alles zu richten!

Eine größere Anzahl von Vereinen und Organisationen hatten dort ihre Heimstatt:

... waren dort angesiedelt. Und viele dieser Leute brauchten ständig irgendetwas recht unterschiedliches an Material oder Organisation vom Verwalter, abgesehen von den wechselnden Bestuhlungen, der Verwahrung von Groß-Instrumenten für die Musiker, tägliche Terminabstimmungen, kleinere handwerklichen Leistungen, Koordinieren der Reinigungsarbeiten ebenso ... dabei der Umgang mit verschiedensten Leuten wie Lehrern, Schauspielern, Kunst-Malern, Musikern und deren Ansprüchen sowie das möglichst zur Zufriedenheit dieser Menschen. Mahnkopf war auch Mitbegründer und aktiver Mit-Sänger des Männergesangsvereins und auch Beitragsgeldkassierer für einige Vereine.


Etwas anders gelagert war "die Tätigkeit mit Verwaltung und Pädagogik" bei meinem Vorfahren Georg Weltzer (1864 bis 1946). Jener war Kaiserlicher Schlossdiener – vorerst im Schloss Babelsberg, sowohl als Dienender, wie auch als Lehrender für den Nachwuchs. Seine Wohnung befand sich im Wirtschaftsgebäude, der so genannten Schlossküche, die mit dem Schloss unterirdisch verbunden ist.

Später war Georg Weltzer ins "Neuen Palais" nach Potsdam, Park von Sanssouci versetzt worden und lebte in dem nördlichen Gebäude der gegenüberliegenden Communs (Wirtschaftsgebäude) – bis nach dem Ende des Ersten Weltkrieges. Zur Tätigkeit des Georg Weltzer gehörten nicht nur die Arbeitsinhalte des Verwaltens, denn da brauchte man außer den Fachkenntnissen auch das eher schwierigere Fingerspitzengefühl, um sowohl "von unten" anerkannt zu bleiben, gleichsam aber "nach oben" fehlerfrei die höfische Etikette zu leben – gewiss oft kein einfacher Balanceakt – und des Weiteren nachfolgende junge Menschen in diesem Sinne lehrend anzuleiten.


Jetzt sind wir aber wieder in Großbeuthen im Jahr 1962:

Ich stelle mir nach obigen Ausführungen das Erscheinungsbild und das Verhalten unserer sozialistischen verwaltenden Erzieher vor. Solche Aufgaben in Menge und Komplexität des täglichen Arbeitslebens kam auf diese Erzieher nun wirklich nicht zu. Sie hatten es wohl recht gut und einfach mit uns.

Eine große Hilfe für unsere Gemeinschaft wäre es allerdings schon gewesen, hätte man diese Erziehenden eingespart, ihnen früher einen geruhsamen Lebensabend zukommen lassen. Wir hätten es ihnen neidlos gegönnt und uns gewünscht.

Aber ansonsten war im Lehrlingswohnheim fast alles "dufte und schau", also "Große Klasse" und wir Lehrlinge vertrugen uns gut miteinander, benötigten keine Aufpasser und keinerlei Hindernisse.


Die Lehrausbilder in der praktischen Berufsausbildung

Herr Ernst Lobbes ließ es sich nicht nehmen, extra wegen uns mit seinem SR 2-Moped (Stadtroller Simson Suhl, 2. Entwicklungsstufe) aus der Ahrensdorfer Hauptstraße 8, täglich zu uns zu kommen. Na gut, er verdiente damit auch seine täglichen Brötchen.

Dann bildete Herr Konarski aus und in den Rinderställen die Lehrfacharbeiterin Rosemarie Hannemann und Meister Christian Köhn. Natürlich gab es auch einen Schweinemeister, richtiger: während unserer Zeit zwei hintereinander. Nur bei der Kunst der Schafhaltung blieben schulische und praktische Lehrinhalte aus, wurden wir ausgeklammert, obwohl für das umsichtige Hüten selbst Hunde als zugelassen gelten.

Der leutselige Ausbilder Herr Helmboldt hatte das Aussehen eines körperlich kleinen Groß-Knechts aber dann doch mehr nach Gutsherrenart, weil stets in Reithosen und -Stiefeln unterwegs. Nur die Sporen fehlten ihm.

Herr Gützkow unterwies uns als Fahrschullehrer sehr gut und mit unendlicher Geduld, vor allem auf dem Traktor vom Typ "Pionier". Im Januar 1963 hatte "unsere Lw A1" (davon gab es im Laufe der Zeit mehrere aber später wurden die Klassenbezeichnungen wesentlich verändert) die Fahrprüfung der Klasse III auf diesem stolzen Fahrzeug und seither diese Fahrerlaubnis.



Wie Straßen- und Witterungsverhältnisse demnächst ab Februar – also im "Hornung"

aussehen, das verrät uns der hundertjährige Bauernkalender:


Nordwind bei Vollmond sagt, dass uns der Frost drei Wochen plagt.

Je feuchter der Februar, desto nasser das ganze Jahr.

Der Februar mit Schnee und Eis – macht den langen Sommer heiß.



Das Lehrlingswohnheim

Wir lebten im Lehrlingswohnheim, in einem modernen Bau, der 1956/57 errichtet wurde, in den die erste Lehrlingsgruppe im Herbst 1957 einzog, also in ein Gebäude, dass auch bei uns noch so gut wie fast neu war. Herr Bruno Abromeit war dort bereits seit 1956 Direktor des leeren Gebäudes, also Organisator im Zuge der Baufertigstellung und des umgebenden Geländes sowie auch organisatorisch verantwortlich für das Einrichten der Räume.

Fast alle Zimmer hatten die Größe zwischen 11 und 12 m², zumeist eine Grundfläche von 4,00 m x 2,90 m. Auf dieser Fläche lebten im Allgemeinen drei Lehrlinge. Ausgestattet waren die Räume dann mit drei Betten, einem Tisch, drei Stühlen und dem Kleiderschrank. Ich wohnte im Hochparterre (von außen gesehen) im linken Gebäude-Flügel, etwa mittig zwischen dem noch schmaleren Zimmer des "Lehrling vom Dienst" und der Behausung des Lehrers Hugo Brandt, dieser ganz links. Ja, dort, wo das Regenfallrohr von der Dachrinne aus, hinunter führt.

Das Areal vor dem Wohnheim, eine Grünfläche mit Blumenbeet-Einfassung, war von den Erziehern und den "Lehrlingen vom Dienst" immer gut gepflegt. Nahe beim Wohnheim, im ehemaligen Gutshaus unter großen alten Bäumen stehend, war die BBS, die Betriebsberufsschule untergebracht.

Jener Zeitpunkt, der September 1962, war für den Lehrbeginn ein guter. Einige Zeit später fiel allerdings die Rohbraunkohle-Heizanlage aus, nur eben so, weil die Zeit wohl dafür reif war. Es lag also, bitte, nicht an uns. Das allein war eigentlich nicht so schlimm, denn die Herbstwitterung war mild, doch es war selbst für angehende Cowgirls und Cowboys schon gewöhnungsbedürftig, unter eiskalter Dusche den anhaftenden kräftig-würzigen Stallgeruch von Rindern und Schweinen abzuschrubben, um wieder sauber zu sein.

Nun gut, nach einiger Zeit half die Reparaturleistung diesem Umstand dann wieder ab.

Aber mit der Heizerei gab es nicht nur bei uns Anfangsschwierigkeiten. Wir erinnern uns: Bald darauf hatte die Stadt Ludwigsfelde, ihr erstes so richtig sozialistisches Hochhaus an der Potsdamer Straße errichten lassen, aus bekannten Gründen freundlich "Sachsensilo" genannt.

(Was für Gründe? Die heimische Rand-Berliner Bevölkerung war kräftig mit frischem südlich-auswärtigen Blut, so aus Zoll, Polizei und anderen zuverlässigen Genossen bestehend, zu durchmischen).

Das Hochhaus wurde damals im Winter vorerst extern von einer kleinen schwarzen Dampf-Lokomotive beheizt. Der Winter kam wohl nach dem Einziehen der Mieter unplanmäßig früh, nicht etwa die vorgesehene Heizungsanlage zu spät. War "hübsch" anzusehen – ein zeitgenössisches Bild. Man muss sich nur zu helfen wissen – und das wussten wir doch irgendwie alle recht gut!


Regelmäßig, einmal wöchentlich, fand abends im Lehrlingswohnheim der Zimmerdurchgang mit Punkte-Bewertung statt. Dabei ging es nicht nur um Ordnung und Sauberkeit, sondern auch um die "Kultur", ging es um die individuelle Ausgestaltung des Raumes, die sich nun allerdings nicht in jeder Woche änderte. In unserem Zimmer bestand der Kultur-Schmuck in Folgendem: Adrette Tischdecke, in Zimmermitte die dicke Bambusstange, senkrecht zwischen Fußboden und Zimmerdecke eingespannt, behängt mit Grünlilien- und Rankelphilodendron-Töpfen. Der Wandbehang aus Zuckersack-Gewebe mit den aufgemalten Kakteen (ein selbst gearbeitetes Geschenk meiner Mutter und Schwester) und eine Gitarre an der Wand mit Palmen-Dekor, auf der Bernd He. ab und zu, hin und wieder ein Liedchen klimperte, uns zu Gehör brachte. Auf dem Wandbord mein lindgrüner Wecker mit den Leuchtzeigern, den wir benutzten, wenn wir "Lehrling vom Dienst" waren, also Weckdienst hatten. Daneben mein kleines geliebtes Röhren-Radio vom Typ "Ilmenau 480". Ich hatte es von Frau Dr. Worseck als Anerkennung geschenkt bekommen, als ich dort mein veterinärmedizinisches Praktikum beendete.

Dann gab es noch (aber meist nicht sichtbar) die dringend benötigte Taschenuhr, welche sich durch schlichte Eleganz auszeichnete (ganz neu: 8,00 Mark der DDR), mit dem zuverlässigen Gangwerk des VEB UMF-Ruhla. Das Ganze umhüllt von einer metallenen Staubschutzkapsel mit Rundfenster, so richtig robust und damit für den Acker-Einsatz vorzüglich geeignet.

An der "Pinnwand" des Zimmers eine geordnete Sammlung farbiger Ansichtskarten, vorzugsweise von unseren Briefpartnerinnen aus irgendwelchen Bruderländern und dem begehrten ungarischen Schwesternland. "Parlament in Budapest", "Elisabethbrücke", "Fischerbastei bei Tag und Nacht", der "Flachwasser-Balaton" für Nichtschwimmer usw.). Schreibend gingen meine Grüße damals zu Emese nach Budapescht. Welch ein schöner Vorname. In der Heimat wurde das Mädel aber in Wirklichkeit "Ämmäsche" gerufen, wie ich erst viele Jahre später erkannte. "Emese" lag mir aber viel näher – trotz der großen Entfernung. Ich hätte sie also gerne, für sie sehr ungewohnt, viel schmiegsam-weiblicher angesprochen, als es bei ihr Daheim als üblich galt. Dazu kam es nicht.

Auch das Muster-Bohnern des rotbraun gestrichenen Anhydritfußbodens (Gips) mit dem gewichtigen gußeisernen Block, dem Bohner-"Besen" brachte Punkte für die Bewertung beim Zimmerdurchgang und letztlich gab es für "die Sieger" den Wanderwimpel für eine sehr gute, andauernde Zimmerordnung – auch im Spinde. Trostpreise wurden nicht vergeben!

Eng war es allerdings schon im Zimmer aber Hausaufgaben = Schularbeiten am Tisch konnten wir auch im großen Speisesaal erledigen oder wenn es die Witterung zuließ, zum Teil auch in der freien Natur, z. B. verbunden mit lernend lesen – dösen – schlafen – Lernen im Schlaf ... "nur mal ein Viertelstündchen", sehr effektiv.

Zur Platzeinsparung in der engen Bude hatten wir (nur in unserem Zimmer) die drei Betten übereinander geschraubt und gesichert – statisch einwandfrei – nicht zu beanstanden!

Auf Grund des Beschlusses des "ängstlichen Erzieher-Kollektivs" (das auch dem Mathe- und Physiklehrer nicht traute) mussten wir unsere schöne Kreation, die bis knapp unter die Zimmerdecke reichte, jedoch bald wieder auf das Doppelstock-Bettmaß zurückschrauben. Niemand von ihnen sollte ja dauerhaft in Angst um uns leben oder wir vielleicht den Ärger haben.

Zu Essen gab es stets reichlich – und sahen die guten Köchinnen und freundlichen Kellfrauen des Dorfes (es waren beileibe keine Kellnerinnen im gewohnten, üblichen Sinne) schon den Boden der sich schnell leerenden Riesen-Töpfe, so wurde sogar mittags fix ein Schmalzstullen-Nachschub angeboten. Alles blieb somit im Bereich der Zufriedenheit. Es gab dabei nichts herumzuklagen.



Das Großbeuthen-Jugendlied

Unser Klassenkamerad Gerd Rauter komponierte und textete im Herbst 1962 ein

Großbeuthen-Lied, das in den Strophen 3 und 4 (die uns erhalten blieben) so lautete:

Nachtrag: Unlängst hörte ich, dass Gerd Rauter bereits vor Jahren gestorben sei. Deshalb schrieb ich anstelle des verlorenen gegangenen Textes, die vier Ersatz-Strophen 1, 2, 5 und 6 heute, am 10. September 2016, am Abend nach unserem "Lehrlingstreffen" in Thyrow / Großbeuthen, neu.




1.

Nach der Schulzeit in der Heimat kamen wir in Beuthen an,

um zu lernen, um zu wissen, um zu stehen unsern Mann.

Wir fanden im September uns hier gemeinsam ein:

Drei Jahre Jugendleben – besser kann es gar nicht sein.


2.

Wir lernen unsre Welt hier völlig neu versteh'n

in einem regen Austausch – und das ist wunderschön

mit Spaß und Ernst und mit viel Heiterkeit ist es eine gute Zeit.


3.

Jeden Abend an der Ecke heulen Motorräder auf

und du schwingst dich jeden Abend auf ein' Jawa-Sozius drauf.

Ich steh' mit meinem Fahrrad hier einsam und allein –

und trau mich nicht zu sagen: Baby komm und sei doch mein.


4.

Ja dann könnten wir zwei die Welt ganz anders seh'n,

ohne Feuerstuhl und ohne die Chausseen, denn nicht ein

Motorrad macht eine Liebe schön, sondern wie wir uns versteh'n.


5.

Morgens geh'n wir in die Schule, auf den Acker, in den Stall,

pflegen Kuh, das Schwein, die Katz' – man sieht uns überall.

Am Abend zum Baden an unsern See wir zieh'n.

In Beuthen ist das Leben für uns doch so sehr schön.


6.

Verliebte gibts bei uns zu jeder Zeit, manchmal ist die Hochzeit

auch nicht mehr so weit. Auf dem Land zu leben,

eine lange Zeit – dazu sind wir gern bereit.





Dieweil neben anderen Jungen auch Gerd Rauter in die Saiten seines Klampfholzes griff, hämmerte Christian Fe. auf dem Klavier, (dem für diesen Sound zwischen die Hämmer und Saiten Ölpapier eingelegt war, damit das Instrument bloß nicht etwa klang) sehr gekonnt Bill Haleys und Elvis' Lebensgefühle im Rock'n Roll herunter. Elvis Presley hätte auch ebensogut zwischen uns sitzen können, denn seine Vorfahren, mit Namen "Preßler/Pressler", waren etwas südlicher von uns in Thüringen beheimatet, bevor die Jüngeren der Sippe "über den großen Teich" auswanderten. Daher kommt es, dass Elvis bei uns sowieso fast als freier DDR-Bürger hätte "durchgehen können". Aber unser Christian bot nicht nur Schlager, sondern auch gern und sehr gefühlvoll, die Wiedergabe von Volksliedern dar.

Erst nach uns wird die Sintflut kommen – später wird es mit der Musikauswahl schwieriger, denn am 18. Dezember 1965 wird der Staatsratsvorsitzende der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) Walter Ulbricht (* Leipzig 1893, † 01. August 1973), auf dem 11. Plenum des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) als eine der Weihnachtsüberraschungen die markig-martialischen Sätze sprechen:


"Ist es denn wirklich so, dass wir jeden Dreck, der vom Westen kommt, nu, kopieren müssen?

Ich denke, Genossen, mit der Monotonie dieses Je, Je, Je und wie das alles heißt,

sollte man doch Schluss machen”.


Das war keine Meinungsäußerung an sich, das galt als ein letztes Machtwort, war ein Befehl!

Gemeint war vom Genossen Ulbricht die britische Musikgruppe "Beatles" mit ihrem Liebes-Song:

She loves you, yeah" – (in der nachdichtenden Übersetzung):

Du, sie liebt dich, schöner kann es gar nicht sein. –

Ja, sie liebt dich – und da solltest du dich freu'n”.


Ja, solch ein West-Dreck-Text aber auch! Pfui Teufel! Auch damit werden wir Schluss machen!

(Es war die erste "Goldene Schallplatte" der Beatles. Bei mir Tränen in den Augen).

Vielleicht hätte der Ulbricht den Großmut besitzen können und vorher an "Intertext" einen Übersetzungsbefehl erteilen sollen oder schlicht einen der Wissenden unter den hunderttausenden Schülern befragen, was dieser unverständliche Liedtext auf gut sächsisch bedeuten mag.

Solch ein "Großmut", das notwendige Wissen zu erlangen bevor entschieden wird, verstanden zu haben, bevor man richtete, solch ein "Großmut" zum Normalen bestand jedoch nicht.

Natürlich konnte man durchaus nachvollziehen, wie lieblich das Stück dagegen in russischer Sprache geklungen hätte: Nicht Je, Je, Je, sondern "Mit diesem Da, da, da – und wie das alles heißt ..." – (da hätten sich die Da-Da-isten aber gefreut). Hätte man dem Ulbricht das Lied doch zumindest in Leipziger Mundart vorgetragen und dazu im niveauvollen Lipsi-Schritt vorgetanzt, den Helga Brauer gerade zu besingen hatte!

Hätte, hätte, hätte – was soll das? Du mit deinen komischen Vorschlägen – "Die Partei hat immer recht", auch wenn sie sich nicht um das einfache Wissen und Verstehen bemüht, als eine Grundvoraussetzung für kluge Entscheidungen. Das war schmerzlich wenn auch gewohnt. Es war eher üblich. Das wird so bleiben "bis zum Schluss" – auch wenn es schöner wäre, das Beste für uns, für das Land zu denken und anschließend auch zu tun.

Die zu ihrer Zeit in England lebenden Altväter Karl Marx und Friedrich Engels hätten das mit der Musik vermutlich lockerer gesehen als Ulbricht und wohl nicht gefordert, dass die Liverpooler Boys eher mitteldeutsch hätten singen sollen, um besser verstanden zu werden.

Warum, bitte, frage ich sehr ernsthaft, hat es keiner, nicht einer der sozialistischen DDR-Musiker und Texter übernommen, niemand vom Zentralkomitee angeregt oder vom Politbüro gewünscht, eine schöne zukunftsweisende Liebes-Hymne über Lotte & Walter U. zu schreiben? Nicht mal zum 70. Wiegenfeste. Vielleicht hätte so etwas die häufig aufschäumenden Wogen glätten können? Warum also nicht? – hatte da eine gewisse Bockigkeit Kulturschaffender ihre Finger im Spiele?


Eine neue Eiszeit kommt also auch in der Musik auf uns zu. Das Verbot des öffentlichen Nachspielens und Nachsingens bundesdeutscher Titel, auch in westlich-fremder Sprache über die Liebe der Menschen zu singen, wurde damit “eingeläutet”, denn: "auch die Sowjetmenschen haben schöne Weisen”. Und das ist unbestreitbar wahr. "Von Freunden sollt ihr für das Leben lernen".


Ja, erst in der Rückschau, sehe ich selbstkritisch nun überdeutlich, dass beispielsweise wir Lehrlinge des werktätigen Volkes unseren großen Anteil zu dieser schmerzlichen Entwicklung beigetragen hatten: Unsere Mit-Lehrlinge hatten solchen kurzen Beinamen wie Bobby, Jacky, Jimmy, Goofy und Satchmo erhalten. Warum? Zum Glück fehlte aber auch Bummi nicht.

Für eines unserer lieben Mädchen war der Name "Texas-Mary" geläufig. Wir hatten dabei offenbar Denk-Unterlassungen begangen, denn gar niemand von uns Einfaltspinseln hatte ernsthaft in Erwägung gezogen, das Mädel doch besser mit solch einem Kosenamen wie "Sibirien-Olga" zu würdigen und damit auszuzeichnen – vielleicht zu ihrem Geburtstag. Oder zum 7. Oktober. Das hätte sie gewiss begeistert. Aber die unreife Jugend hat mitunter andere Gedankengänge, als die Gereiften sie verfolgen. Und dabei hatte die Partei, also, die führende, es noch 1963 im Guten versucht, als sie die nette Ruth Brandin und die Kolibris das Schlager-Auftragswerk mit heißem Rhythmus, diesen "Knüller", gegensteuernd zwitschern ließ:

"Warum nennt man dich Sunnyboy, warum nicht einfach Werner, warum ist das moderner, ...?"

Ja, warum? Bohrende Fragen, die eine Antwort noch offen ließen. Im Guten hat es nichts genutzt! Es war eine schärfere, eine martialische Gangart angezeigt, um derartigen ungesunden Tendenzen die Wurzel zu ziehen.


Doch schon ein kleines Jahrzehnt später (August 1973) hat Ulbricht dann eine ganz persönliche Frostperiode, eine Wartezeit, als die Staatstrauer für ihn bis nach dem Ende der Weltfestspiele in Berlin aufgeschoben wurde und er, der vormalige Vorsitzende, auf der Armee-Lafette hinter dem Ludwigsfelder Lkw "W 50" auf einigen großen Berliner Straßen zum Zwecke des Abschied-Nehmens durch die Reihen der Spalier Stehenden eilte. (Auch ich war dabei und hatte die Finger am Puls der Zeit). Das "würdig rasante Tempo" durch die Karl-Marx-Allee hatte dann bereits der "Ziehsohn" und Nachfolger, Erich Honecker mit seinen Mannen vorgegeben. Ja, so schnelllebig ist die Geschichte. – Auch für diesen Erben und Nachfolger, den angelernten Dachdeckerhelfer, der leider auch acht Jahre seines Lebens im faschistischen Konzentrationslager zubringen musste, für den Freund der Jugend und zentralen FDJ-Sekretär sowie Staatsratsvorsitzenden und Vorsitzenden des Nationalen Verteidigungsrates pp., endete seine Zeit ja ebenfalls nicht gar zu prächtig. Aber bitte, daran war nicht mehr der Genosse Ulbricht schuld!


An besinnlichen Abenden sangen wir auch durchaus Volkslieder, öfter jedoch, waren viele aktuelle Schlager zu trällern, wie beispielsweise einige aus jener Liste des Jahres 1962:

Abends kommen die Sterne und die Schiffe zum Hafen, abends kommen die Träume und abends k. du.

Bärbel Wachholz // Helga Brauer // Ulla W.

Adios Amigo, sie war schön die Zeit

Sacha Distel

Afrikaan – Beat

Bert Kaempfert

Aloh – Ahe, die Heimat der Matrosen, Weine nicht bei

Freddy Quinn

Ask me why

(Paul McCartney, John Lennon, Ringo Starr, George Harrison)

The Beatles:

Auf der Sonnenseite

Manfred Krug

Auf meiner Ranch bin ich König, die weite Welt lockt

Peter Hinnen

Badewannen-Tango

Günter Hapke // Lutz Jahoda?

Bobbys Girl. Ich wär' so gern B. G., ich könnte ja so treu und zärtlich sein

Lil Malmkwist // Susan Maughan // Marcie Blane

Bonanza. Tag und Nacht denk ich an dich – Bonanza

J. Cash // P. Paulsen // R. Bendix

Butterfly

Danyel Gerard

Cara-Caramel Chocolat, so ist jeder Kuss von dir, jeder ...

Günter Hapke

Carolin, Carolina, jede Nacht träum' ich nur von dir

Peter Beil // Perikles Fotopoulos

Dip, dip, dip. Er kam auf einer Party mit 'ner Ander'n an

Dorthe

Don't break the Heart that loves you

Connie Francis

Dort treff' ich dich, Charlie ... und das macht mich

Ruth Brandin

Du darfst mich nie belügen, denn ich vertraue dir so

Fanny Daal

Du schaust mich an, so als wär'st du sehr verliebt

Peter Beil

Ein Herz, das kann man nicht kaufen, auch wenn sich

Margot Eskens

Einmal weht der Südwind wieder. Unter Sternen am

Rica Déus / Nana Mouskouri

Elisabeth Serenade. Hör' mein Wort Elisabeth

R. Binge // Günter-Kallmann-Chor

Fiesta Brasiliana

Mina Mazzini

Für Gaby tu‘ ich alles. Ich schau im Städtchen nicht

Gerd Böttcher // Günter Hapke

Geld wie Heu. Mein Herz ist voller Liebe, denn Susi

Gerd Böttcher

Gib mein Herz mir wieder, bitte gib es mir zurück. Du

?

Glory, glory Hallelujah

(bereits viel früher und) // Ronny

Hämmerchen Polka

Heinz Erhardt // Chris Howland

Heißer Sand und ein verlorenes Land, und ein Leben

Mina Mazzini

Iwan Iwanowitsch

Anna-Lena Löfgren, Schweden

Jeden Abend an der Ecke heulen Motorräder auf, und

Gerd Rauter

Junge, komm bald wieder, bald wieder nach Haus, J.

Freddy Quinn

Just tell her Jim said Hello

Elvis Presley

Kenn ein Land, irgendwo, scheint alle Tage die Sonne

Ronny

Kiss me quick

Elvis Presley

Lady Sunshine und Mister Moon

Conny Froboess + Peter Weck // Ruth + Evelyn

Lass' die Liebe, die große Liebe aus dem Spiel

Anita Lindblom, Helen Shapiro?

Let's dance

Chris Montez

Limbo Rock, Every night ...

Chubby Checker

Let's Twist again. Come let's

Chubby Checker

Locomotion, come Baby to the L.

Little Eva

Love me do

The Beatles

Love me tender, love me sweet

Connie Francis // Elvis Presley

Medehav och Sol // Melodien und Sonnenschein

Lil Malmkwist

Mexico

Bob Moore

Mit Siebzehn

Peter Kraus

II:Monsieur:II ich habe Sie erkannt. II:M.:II Sie sind...

Petula Clark

Oh, Lago Maggiore

Rica Déus

Oh, Mein Bräutigam, der macht mir Sorgen, doch wenn er heut' nicht kommt, verschieben wir's auf m.

West: Anna-Lena Löfgren,

Ost: Karin Prohaska // Rica Deus

Ohne Krimi geht die Mimmi nie ins Bett

Bill Ramsey

Oh when the saint, go marching in

Louis Armstrong

Only you

Elvis Presley // Brenda Lee

Paradiso unterm Sternenzelt, Paradies am Palmen.

Connie Francis

Peppermint-Twist. Wisst ihr, wo ich gestern Abend war

Caterina + Silvio Fr.// Vince Taylor // The Sweet // Chubby Checker

Popocatepetl-Twist

Caterina Valente + S. Francesco

Please, Please me

(Paul McCartney, John Lennon, Ringo Starr, George Harrison)

The Beatles,

das sind

<----

Quando. Sag mir Quando, sag mir wann ich dich wiedersehen kann.

Caterina V. + Silvio Francesco // Tony Renis

II:Renata:II, ich sing dir heut‘ keine Serenada, weil man beim Singen nicht küssen kann

Vico Torriani

Return to sender

Elvis Pressley

Ricki-Ticki-Tim

Ruth Brandin, Orch. G. Gollasch

Sag no zu ihm . Wenn einer kommt und dir erklärt, ich

Cliff Richard

Saint Tropez Twist

Peppino di Capri

II:Salute:II oh, Carolina du bist wunderschön, ich muss

Perikles Fotopoulos, Columbia

Skip do ba do my Darling”

Nat King Cole

Speedy Gonzales. In einer kleinen Stadt in Mexico lebte die schöne Juanita, doch sie war nicht froh. Sie

Pat Boone // Rex Gildow // Peppino di Capri

Spiel noch einmal für mich Habanero

Caterina Valente

Steig in das Traumboot der Liebe

Caterina Valente

Stranger on the shore

Mr. Acker Bilk

St. Tropez-Twist

Peppino di Capri

Süßer kleiner Teufel. Ich lieb' dich, s. k.T. Morgens in

Hartmut Eichler

Sweety, wo schaust du denn nur hin, sweety, was hast

Peter Kraus

Täglich ein paar nette Worte

Hartmut Eichler

Tanze mit mir in den Morgen, tanze mit mir in das Glück

Karlheinz Reichert // Gerhard Wendland?

Telestar. Irgendwann erwacht ein neuer Tag

?

The locomotion

Little Eva

II: Treu sein :II muss ein Mann, dem ich mich für's L.

Bärbel Wachholz

Wenn du gehst. Bleib' bei mir und sei mein, lass' mich

Connie Franci

Wenn wir zwei uns wiedersehn, dann wird alles wieder schön – im September.

Vivi (Vivienne) Bach

Weißer Holunder erblühet im Garten

Bärbel Wachholz // Lolita

Zwei kleine Italiener. Eine Reise in den Süden ist für a

Conny Froboess











Zwischendurch schaue ich mal auf die Uhr: Es ist jetzt April oder auch Ostermond

und für diese Zeit klärt uns der bäuerliche Beobachtungsschatz auf:


Ein Wind in der Nacht – am Tage Wasser macht.

Helle Wolken, wenig Regen – dunkle Wolken bringen Segen.

Wenn der April stößt wild ins Horn, so steht es gut um Heu und Korn.



Und aus dem Angebot der Lieder des Jahres 1963 wählten wir auch einige:



In der DDR wird der Tanz “Patschula” aus Ungarn eingeführt und der “Letkiss“, nach einem finnischen Volkstanz vorgestellt.

Abends kommen die Sterne und die Schiffe zum Hafen

Jane Sward // Bärbel Wachholz

Aber dich gibt’s nur einmal für mich

Rocco Granata // Semino Rossi

A taste of Honey // Ein Kuss zum Abschied

Esther Ofarim // The Beatles

Atlantis

The Apaches // The Shadows

Ave Maria (Calypso). Immer wieder sind es jene alten L.

Perikles Fotopoulos, Die Perdidos

Barcarole in der Nacht, du hast Tränen mir gebracht. Er

Connie Francis // Elly de Wit

Blowing in the Wind

Peter, Paul and Mary

Blue Bayou

Roy Orbison //

Buona Notte Bambino mio

Rocca Granata, geb. in Süditalien, Sohn belgischer Einwanderer.

II:Casanova baciami:II Casanova kisse me. Sind auch

Petula Clark / Erika Bartova

Café Oriental. Im Orient gibt's ein Lokal - das Café O.

Bill Ramsey

Cape Town Boy

Bärbel Wachholz

Cha Cha Ballahoo

Esther & Abi Ofarim

Cherio, I love him

Petula Clark

Cotton fields (Baumwollfelder) … man kann heut' viele tausend Meilen in entfernte Länder reisen, doch darauf

Esther & Abi Ofarim

Da doo ron ron

Ted Herold

Wenn du willst ... Das kannst du mir nicht verbieten, dich zu lieben alle Zeit, ganz genauso wie heut' ...

Bernd Spier // Ulli Martin

Der Platz neben mir ist leer, ich seh' deinen Schatten

Sacha Distel // Hartmut Eichler

Der Schatz im Silbersee

Medium-Terzett

Dirty old town

Esther Ofarim und Abraham

Doch Betty kann so furchtbar lieb sein

Volkmar Böhm

Dominique, geht so fröhlich durch die Welt

Schwester Soeur Sourire, Nonne

Do you want to know a secret

The Beatles

Drei Musketiere, die zieh'n um die Welt. Für sie ist

Conny Froboess

Du, du, du gehst vorüber

Suzie Peereboom, NL/Schweden

Ein Souvenir. Schenk' mir ein Bild von dir, gern, nimm'

Peter Kraus + Conny Froboess

Eldorado

Vanna Oliveri (Frankreich)

Es gibt kein Bier auf Hawaii, es gibt kein Bier, d'rum fahr'

Paul Kuhn

From me to you

The Beatles

Gauco Mexicano – Im Tal der blauen Berge , da bau'n wir u.

Geschwister R.+W. Leismann

Gehn sie aus, im Stadtpark, die Laternen

G. Haenning und Rex Gildow

Gib mein Herz mir wieder, bitte gib es mir zurück. Du hast

Steffen Reuter

II: Gitarren :II im Mai, Gitarren, die waren dabei. Sie werd

Bärbel Wachholz

How do you do it?

Gerry & The Peacemakers

Ich will 'nen Cowboy als Mann

Gi meg en Cowboy til mann

Gitte Haenning. * 1946, Wencke Myhre, Lil Malmkwist * 1938

Ich geh' noch zur Schule, ich hab' keine Zeit. Ich muss

Manuela (Doris Wegener, * 1943, † 2001).

Ich hab' die goldene Sonne und den Silbermond

(aus dem Musical: Annie get your Gun).

Heidi Brühl

I want to hold your hand

(Paul McCartney, John Lennon, Ringo Starr, George Harrison)

The Beatles

I will follow him

Peggy March

II: Johnny komm' :II und erzähl' mir 'was aber II: bitte :II was

Originaltitel: Johnny loves me.

Suzie Peereboom

Junge komm‘ bald wieder, bald wieder nach Haus', Junge

Freddy Quinn

Kiss me quick

Elvis Presley

Kleines Haus am Wald (ein Twist nach dem Volkslied)


Liebeskummer lohnt sich nicht my Darling. Schade um

Siw Malmquist, Helga Brauer

Little Child

The Beatles

Love me Tonight

Elvis Presley

Meine große Liebe wohnt in einer kleinen Stadt

Eden Kane (oder Kent?)

Melodie einer Nacht, sie begann wie ein Traum … bleibe

Esther & Abi Ofarim

Misery

(Paul McCartney, John Lennon, Ringo Starr, George Harrison)

The Beatles:

Mister Casanova, mit dem schwarzen Haar, ist, was du

Siw Malmquist // Ruth+Evelyn

Mitsou, mein ganzes Glück bist du. Laternen in den

Jaqueline Boyer

II: Monsieur :II ich habe Sie erkannt. Sie sind galant und

Nicole Felix

II: Muss i denn :II zum Städtele hinaus

Volkslied // Elvis Pr. // G. Backus

Ob in Bombay, ob in Rio

Margot Eskens

Okay, ich sage nicht nee

Lil Malmkwist

O Waly waly

Esther Ofarim

Pense á moi

France Gall

Papagei-Twist. Allerlei hat der P. mir von dir erzählt

Ruth Brandin

Please Mister Postmann

The Beatles

Poetry in motion

Johnny Tillotson

Put your Head on my Shoulder

Paul Anka

Ring of fire

Johnny Cash

Robinson, du hast keine Ahnung, du weißt nicht

Vanna Olivieri

Rote Lippen soll man küssen . Ich sah ein schönes Fräulein

G. Backus / Cl. Richard / P. Kraus

Roter Mohn wird wieder blüh‘n

Heidi Kempa

Sag mir, wo die Blumen sind, wo sind sie geblieben?

Neuauflage: Marlene Dietrich

Schuld war nur der Bossa Nova. Als die kleine Jane

Manuela (Doris Wegener, * 1943,

2001) // Liane Monti

Schwarzer Kater Stanislaus, schnurre di burre di bumm

Helga Brauer (1936 – 1991)

Seemann, deine Heimat ist das Meer

Lolita


Sheila

Tommy Roe

She loves you, yeah, yeah, yeah

(Paul McCartney, John Lennon, Ringo Starr, George Harrison)

The Beatles:

Das war ihre erste goldene Schallplatte

Sole, Sole, Sole heißt die liebe Sonne. Immer scheint sie, wenn ich zu dir komme - Der Himmel sieht blau aus,

Caterina Valente //

Bärbel Wachholz

II:Sugar Baby:II, sei doch lieb zu mir

Peter Kraus

Täglich ein paar nette Worte

Hartmut Eichler

The ring of fire

Johnny Cash

Tino

Peggy March

Verliebt, verlobt, verheiratet, so heißt das Spiel zu zwei'n

Conny Froboess

Vom Stadtpark die Laternen. Geh'n sie aus im Stadtpark

Gitte Haenning + Rex Gildo

Warum scheinen heut' die Sterne so hell?

Die Rockies

Wenn erst der Abend kommt

Peter Alexander

Wenn ich ein Junge wär, mit einem Motorrad, dann wär'

Rita Pavone

Why

The Beatles

II:Wini-wini:II, II:wana-wana:II Die Trommel ruft zum Tanz.

Waikiki Tamoure //

Thahiti Tamoures //

Jane Sward, Schweden

You really Got hold on me

The Beatles

Schluss nun mit dieser Aufstellung. Weitere Schlagertitel anderer Jahre könnt ihr auf der gleichen Internetseite www.janecke.name unter "Unterhaltungsmusik" finden.

An DDR-Weltliteratur gab es damals ganz frisch den sozialistischen Jugendroman „Egon und das achte Weltwunder“. Ich sah das nämlich ausschnittsweise höchst aktuell, als ich der zauberhaften Gaby beim Lesen über die Schulter blickte. In dem Buch geht es um Egons Wandlung innerhalb weniger Tage vom Hilfsarbeiter und Rowdy – durch Liebe zur sozialistischen Arbeit und auch zu Christine – zum großen Vorbild. Eine Art von "realem märchenhaftem Sozialismus". Es liest sich wie ein Auftragswerk. Einen Erinnerungsgruß dazu wird 1966 Herbert Otto senden, wenn er Susanne Krug und Christian Smolny durch die "Zeit der Störche" reisen lassen wird.

Mein kleines Zusatz-Reich im Lehrlingswohnheim war der Sanitätsraum im rechten Flügel des Erdgeschosses zur Hofseite, den ich übernommen hatte, um bei Bedarf so nebenbei in der Kleinchirurgie Gutes zu tun. So konnte ich das Erzieherkollektiv von einer ihrer schwierigen, verantwortungsvollen Aufgaben etwas entlasten. Auch sollten meine veterinärmedizinischen Kenntnisse hier Anwendung finden und vorher hatte ich in der Schule sowieso die Arbeitsgemeinschaft "Junge Sanitäter" angeleitet. Selbst bei dieser "segensreichen Tätigkeit" ging es für mich aber nicht ohne verschiedene Gewissenskonflikte ab. Beispielsweise meinte Werner R., im Winter wäre es unerlässlich (und nun ohne die Erzieherklippe endlich möglich), in diesem Raum seinen emsig gepflegten Zimmerpflanzen die ihnen zustehenden Kur-Portionen an Höhensonne angedeihen zu lassen.

Im Keller des Wohnheims hatten wir für interessierte Spezialisten den GST-Raum (Gesellschaft für Sport und Technik). – Der Raum war ursprünglich nur als Kammer für vormilitärische Ausbildung gedacht. Hier konnten wir eine zeitlang des Nachts, also jeder der wenigen Eingeweihten und damit Zugelassenen unseres Clubs, ganz in Ruhe, völlig freizügig und ungegängelt von irgendwelchen Dienst habenden Erziehern, den individuellen Neigungen nachgehen. Hier stand sogar ein einsatzbereites Funk-Gerät. Das soll uns aber nicht etwa an karnevalistische Freuden mit weiblichen Funkenmariechen erinnern, sondern eher an Herrn Samuel Morse. Wenn ihr auch mal dort hinein wollt – der Schlüssel hängt im Erzieherzimmer – von dort bekommt ihr ihn nicht. Aber den Zweitschlüssel hat Joachim. Diese Freizeittätigkeit ging solange gut, bis man davon auch mal etwas in offiziellen Radioprogrammen hörte. Über Dritte kam das selbst dem gestandenen Beuthener Landarbeiter und Fuhrwerkslenker Norbert zu Ohren und einer der letzten Hörer war Herr Brandt in seinem Zimmer eine Treppe höher, über uns, – der mit seinem plötzlichen Besuch dem frohen Treiben vorsichtshalber ein jähes Ende bereitete. Wohl zu unser aller Glück – es hätte daraus sehr schnell eine große politische Sache ...

Ein Blick zurück! Mein Großvater mütterlicherseits, der Schlosser und Elektrotechniker Max Sommer (1875 bis 1945) war 1897 handwerklich daran beteiligt, als unter der Leitung von Professor Slaby und Graf Arco nach vielen Mühen der erste deutsche Funkspruch (völlig ohne Draht, also durch den "Äther") gesandt wurde. Das war in Potsdam. Vom Campagnile (freistehender Turm) der Sacrower Heilandskirche wurde gesendet, über den Jungfernsee hinweg zur Kaiserlich-Königlichen Matrosenstation in der Schwanenallee am "Neuen Garten" als Empfangsort. Diese damalige große Mühe! Dort unter des Kaisers Wilhelm II. majestätisch-kritischen Augen wurden die Morse-Striche und -Punkte dechiffriert und ihm der schöne Text vorgelesen, der unsichtbar über den See geeilt war.

Ja genau, dass war jener Opa Max, dessen Betrieb, wegen des großen Arbeitsumfanges vereint mit weiteren Firmen, die Kronleuchter im "Neuen Palais", am westlicher Rande des Parks von Sanssouci liegend, von den Wachskerzen auf elektrische Glühlampen umrüstete, ohne dass von der gesamten Technik etwas störend zu sehen sein durfte. Kaiser Wilhelm II. dankte es ihm – wie zu vielen anderen auch – indem er sie anschließend in einen geplanten Kurzkrieg schickte, der dann von 1914 bis 1918 währte. Mein Opa Max beschäftigte sich also nicht ausschließlich mit der Funktechnik.


Heutzutage lötete Claus K. in Großbeuthen so etwas ganz locker schöpferisch zusammen, mit beträchtlicher Sendeleistung und sogar als Sprechverbindung. Damals, 1897 zeigte der Funk-"Spruch" ja nur Morsezeichen auf dem Papierstreifen. Hätte nun Claus eine solche moderne Präsentation doch auch noch dem Kaiser zeigen können oder dem Staatsratsvorsitzenden ... wir haben so einen seit zwei Jahren als Nachfolger des Präsidenten Wilhelm Pieck – ach – oder besser doch nicht, wer weiß?


In der Dorfstraße wurde von vielen gern und lange die Gaststätte "Zu den drei Linden", bei "Mutter und Sohn" besucht. Manchmal so lange, wie das Geld reichte. Bei eingeladenen Mädchen schmolz deren Guthaben langsamer. Man kann auch angesichts der oft weit vorgerückten Stunden sagen, dass die Wirtsleute von den Heim-Lehrlingen "heimgesucht" wurden. Es gab zwar die festgelegte Schließzeit aber mitunter fragte man sich doch ernsthaft: warum jetzt überhaupt noch schlafen, wenn man gegen 3.00 Uhr sowieso die Frühstücksvorbereitungen zu treffen hat, um pünktlich, frisch und munter in den Kuhstall zu gehen. Viel später mutieren dann die "Drei Linden" "Zum braunen Ross" und wurden dann vom Ehepaar Batke bewirtschaftet.

Essen gab es im Heim stets ausreichend aber manchmal bestand ein Sonderbedarf an Luxus. Und hilfreich war da – "der KONSUM hat alles!" Die Verkaufsstelle schräg gegenüber der Gaststätte, einige Stufen hoch. Nach der politischen Wende 1989 machte sich dann niemand mehr Sorgen um die Versorgung der Menschen und der Laden wurde zum Wohngebäude, die Kneipe auch. Wann genau weiß ich nicht, denn ich kam später in größeren Abständen zu Besuch nach Großbeuthen.

Aus dem Alltag (Tierwirtschaft)

Als wir in Großbeuthen die Lehrzeit begannen, ging gerade der so schmerzlich-dümmliche Versuch der Rinder-Offenställe zur Neige, von dem sich die, die Landwirtschaft planenden, offenbar mitunter völlig berufsfremden Genossen gegenseitig versprochen hatten, dass sich

das schwarzweißbunte DDR-Niederungs-Milchvieh dann ganz schnell freiwillig zu polarharten Pelztieren qualifizieren wird, wenn man im Winter nur die Stalltür fest genug verschließt und die Lebewesen draußen erkalten lässt.

Zum Teil ließen sie sich an den Hufen aber noch mit der Spitzhacke aus dem Eise befreien, weiß die noch junge Geschichte. Woher und von wem solche zentralen Anweisungen für den weiteren Aufbau des Sozialismus, für das gesamte Land geltend, kamen, wissen wir zur Genüge.

Vielleicht hatte jemand der befehlenden Laien, jemand von diesen "Spezialisten", mal "ganz aus der Ferne" davon gehört, dass sich im hohen skandinavischen Norden wilde Fjäll-Rinder ganzjährig in der freien Natur aufhalten, sich selber kein Haus bauen. Die Bisons/Büffel und die Wisente können auch bei winterlichen Entbehrungen so leben – wenn's auch hart ist.

Unsere Hauskühe können das nicht! Das wusste "man" – also "der kleine Mann", das bäuerliche Volk. Das Thema hätte sich generell sehr schnell und für die Tiere freundlicher erledigt, hätte man die anweisenden Leute mit ähnlicher Körpertemperatur, ähnlicher "Bekleidung", bei vergleichbar eingestelltem Kalorienhaushalt und weniger Parameter mehr, ebenfalls bei -10° C nur einige Tage und Nächte im knöchelhohen Hart-Schlamm außen, vor der Haustür stehend angebunden.

Den meisten der viehverständigen Landwirte gefiel diese Tierquälerei wohl nicht und schon solch ein Banalikum war mal wieder einer der Gründe, der zum Bürger-Verbrechen der Republikflucht anregte, beitrug – zumindest bis zum 13. August des Vorjahres. Für jene, die es später dennoch versuchten, bestand ein genügendes Angebot an Gefängnisplätzen und Kapazitäten, um nun diese Menschen ebenfalls zu quälen. Aber eine Anzahl duckte sich wohl auch einfach und fügte sich, tat das Angeordnete, widerwillig das ihnen widersinnig Erscheinende – wie so oft.

Der Überzahl der Lehrlinge brauchte man die neue Einsicht zum Unsinn der untauglichen Methode nicht erst im Unterricht vermitteln. Das aber tat vorsichtshalber auch ohnehin niemand.


Schade auch, aber genau in dieses Bild passend, dass unser theoretisches neues Schulwissen, beispielsweise bezüglich der gründlichen täglichen Euterpflege (warmes Wasser, Trocknung, Massage mit Melkfett – eben, das fachgerechte "Anrüsten" vor dem Melken) von den Ausbildern oder wie sie von sich sagen, den Meistern ihres Fachs, die vor uns aus denselben oder vergleichbaren Büchern gelernt hatten, nicht praktiziert wurde. Uns Lehrlingen fehlte die vorgegebene Zeit, wir hatten überhaupt nicht die vorgenannten Mittel zur Verfügung, um so zu arbeiten, wie es die schlichte Wissenschaft vorgab oder wie es die lange Einzelbauernschaft wohl wissend praktizierte. Mit derartigen Widersprüchen konnte man den "Spezialisten" des Volkseigenen Betriebes nicht kommen, um Gehör zu finden. Da keimte dann bei uns das Reden von "Marx in der Theorie" und von "Murks in der Praxis" auf. Nichts aber ist umsonst in der Welt: Wir hoben das Angelernte im Kopf sorgfältig für die theoretische Prüfung auf.



Für das wirkliche Können gibt es nur einen Beweis: Das Richtige tun.


nach Marie von Ebner-Eschenbach, Schriftstellerin, 1830–1916



Wir wissen ja: Mit Vorschlägen, mit kritischen aber konkret helfenden Hinweisen zur Verbesserung, konnte man die Führungsspitzen kaum erfreuen – das ging so bis nach oben in die Regierung und wurde von dort überschnell als "negativ-feindlich" eingestuft. Oder wohl richtiger: Von dieser Regierung ging es aus, bis in die unterste Ebene. Wie sagte doch Ulbricht gern, wenn er am Ende seiner Argumente war? "... dann sprechen wir uns woanders wieder." Woanders? Wo war das? – Er war doch bereits die höchste Instanz. Der andere gemeinte Ort war dann die Zelle. Und es strebten wohl so einige Leute an, die Karriereleiter in diese befehlenden Regionen zu erklimmen. Wie prächtig, wie erstrebenswert! Aus unserem Kreis war es wohl eine eher extrem geringe Zahl.

Ein anderes Problem war das seltenere, wenn auch notwendige Vorstellen von Verletzungen beim Tierarzt – ich denke nur an eine größere behandlungsbedürftige eiternde Wunde und deren Fliegenbesatz. "Ob ein Tierarzt notwendig ist, das entscheidest nicht du, Lehrling". Das tat weh. Ich hatte dabei durchaus ernste Sorge um die Gesundheit der Kuh aber ebenfalls hatte ich das empfindliche Lebensmittel, die Milch, vor Augen und dann auch die Säuglinge und Kleinkinder, die diese Milch trinken sollten. Verhältnisse, die sich gegenseitig ausschlossen. Nur in der Theorie.



Wo immer ein Tier in den Dienst für den Menschen gezwungen wird, gehen die Leiden, die es erduldet, uns alle an.


Albert Schweitzer



Ein gütiger Hinweis, ein Vorschlag, der auf einen unhaltbaren Zustand helfend einwirkt und einen einfachen Ausweg zeigt, ist keine gedankenlose Meckerei. Mißachtet man den Rat, nur weil er von einem Lehrling kommt, dann bleibt es so, wie als ungünstig erkannt. So unzureichend bleibt es, wie es ist und verschlimmert sich. Deshalb sollte man solchen Hinweis auch annehmen – nicht ihn oder den Absender verwerfen. Die Ausbildenden konnten sich offenbar nicht vorstellen, dass auch ein Lehrling etwas weiß, sich Gedanken macht in manchen Punkten wohl anders, als der Ausbilder es in seinem Kopf hatte. Ich sah das nicht als schlimm an, erlebte in der Lehrzeit aber mehrmals eine unbegründete Ablehnung und vermisste das gemeinsame Voranschreiten zum Besten der Verhältnisse.


Ja, Rosemarie, Deine Frage, ob ich derartige Zeilen auch schon Jahrzehnte früher in dieser Art aufgeschrieben hätte, scheint mir normal und berechtigt. Nein, ist meine Antwort,tte und habe ich nicht in dieser Art, nicht in dieser Form, aufgeschrieben. Es hätte anders ausgesehen, weil sich die Weite des eigenen Blickwinkels im Laufe der Jahre ändert, weil das Gewinnen weiterer Kenntnisse über jenen kleinen Teil der Gesamt-Ereignisse einen Prozess darstellt. Anwachsende eigene Erfahrungen verändern die Beschreibung eines Bildes. Letztendlich übt auch der sich verändernde Familienstand Einfluss aus. Es hätte zu nichts geführt, einen "Märtyrer" zu spielen, der immer wieder über die rote Linie springt. So hätte ich als politisch aufmerksamer, positiv denkender und handelnder Mensch meinem Land an meinem Arbeitsplatz nicht sinnvoll von Nutzen sein können, sondern hätte bereits wegen dieser Seiten hier, eine Zeit im Gefängnis zugebracht. Ich habe mich auf den mir gemäßen Lebensstil eingestellt und das getan, was mir möglich war, was mir zweckmäßig erschien und bei immer neuen Versuchen dem Guten diente.


Einige Zeit nachdem John Fitzgerald Kennedy im Juni 1963 für wenige Stunden in West-Berlin weilte und vor dem Schöneberger Rathaus seine berühmte Rede hielt, die mit den Worten endete: "Ich bin ein Berliner", entstand folgender Witz:

Ulbricht und Kennedy sitzen zusammen beim Bier und tauschen Gedanken über ihre Hobbys aus. Kennedy: "Ja, und ich sammele die Witze, die die Leute über mich machen".

Ulbricht erwidert: "Nu, da haben wir doch sehr ähnlich gelagerte Interessen. Ich sammele die Leute, die Witze über mich machen".

Und diese Darstellung ist keinesfalls übertrieben, auch wenn sich das junge Menschen, die in der BRD aufwachsen, aufgewachsen sind, nicht vorstellen können. Für einen politischen Witz, den man erzählte, man musste nicht der Urheber sein, konnte man für ein bis zwei Jahre ins Zuchthaus mit harter Zwangsarbeit kommen:

Ein entfernter Bekannter ist nun fort. Er wurde entfernt. Bei einer Geburtstagsfeier seiner kleinen, so freundlich-kumpelhaften Hausgemeinschaft spielte er zur unterhaltenden Umrahmung Musik vom Tonbandgerät. Dabei wurde auch etwas Alkohol getrunken – zumindest war die Aufmerksamkeit des Gastgebers wohl nicht mehr ganz auf dem benötigten Spitzenwert und die fröhliche Hausgemeinschaft hörte plötzlich vom Tonbandgerät den westdeutschen Entertainer und Komiker Peter Frankenfeld, der gerade einen Witz über einen DDR-Politiker zum Besten gab. Er hatte die Lacher auf seiner Seite und niemand der kleinen Geburtstags-Gesellschaft schien Anstoß daran zu nehmen – doch einige Zeit später löste die still herbei gerufene Volkspolizei die Feier auf und nahm das Tonbandgerät und dessen Besitzer, das "Geburtstagskind", "zur Klärung eines Sachverhalts" mit. Etwa eineinhalb Jahre später kam er zurück. Diese Zeitspanne kostete ihn die kurzzeitige leichtfertige Unaufmerksamkeit, eine Zeit im Gefängnis bei harter Straflagerarbeit. Das Tonbandgerät blieb "natürlich" eingezogen, wurde vermutlich zum "Volkseigentum".


Doch nun lieber zurück zu den freundlichen Tieren!

Schon als Lehrling gefiel es mir nicht, dass die Tiere im feuchten Kot auf kaltem Beton (abgesehen

von der Stroheinstreu) lagen. Das allein erzeugte Gefühle von Unwohlsein und Erkrankungen.

Ich hatte ihnen Holzlattenroste gewünscht. Die Euter mit bakteriellem Kotkontakt – für das

sehr sorgsam zu behandelnde Lebensmittel Milch – ein theoretisches Unding.

Zu späterer Zeit wird es dann Versuche mit "Spaltenboden-Elementen" aus Beton geben. –

Die Kühe sind am Platz dauerhaft fest angebunden. Die tragenden Kühe in der Hoch-Tragezeit

(Tragezeit = Schwangerschaft) im Abkalbe-Stall. Nach dem Abkalben (der Geburt) das Kälbchen

sehr bald allein abgesondert, ohne mütterliche Wärme, Pflege und Zuneigung, die es im Bauch ein

Dreivierteljahr hatte, nun Kälte, ohne Stärkung des körperlichen und seelischen Immunsystems. Ein schwerwiegender, eigentlich grausamer Eingriff in das Leben beider Individuen – keinesfalls naturgegeben-artgerecht.

Und was meinen die ausbildenden Vorarbeiter sinngemäß zu einer solchen Frage? "Wir machen es so, wie wir es in der Praxis gelernt haben, so wie es Vorschrift ist. Was heißt hier Kuh- und Kalb-Bindung? Was hat das mit Wohlbefinden zu tun? – Die Kuh muss Leistung bringen, das ist ihr Lebenszweck. Bleib man schön auf dem Teppich und mach deine Arbeit".

Möglichst keine unbequemen Fragen, keine "neuen" Gedanken oder Vorschläge äußern.

Aber alles Zweckmäßige als Unsinn abzutun, dagegen sprach nicht einmal nur die theoretische, hehre Wissenschaft, sondern auch der schlicht-gesunde Menschenverstand des Lehrlings. Die erfahrenen Genossen sahen es anders und gaben es so vor, wie ihr Horizont es ihnen ermöglichte.

Aber – aber später, viel später werde ich erfahren, dass es im Kapitalismus vergleichbar lief!

2005, erst 2005! werde ich im Fernsehen freudig eine Sendung verfolgen, in der "ein fortschrittlicher" Rinderzüchter in Skandinavien dicke gelochte Gummiunterlagen einführt (die Tiere ruhen nun viel lieber warm und trocken, entspannt ohne jeglichen Stress und gesund), die Kühe werden nicht mehr angebunden, sondern dürfen sich im Stall bewegen, haben rotierende Reinigungs- und Massagebürsten an der Wand zu ihrer Verfügung, bekommen leise entspannende Musik im Stall und das Melken geschieht in Selbstbedienung, wenn die Kuh gemolken werden möchte, wenn das Euter voll ist. Erfassung mit Infrarot-Sensoren, die signalisieren, wenn die Kuh den Melkstand betritt und die automatisierten Abläufe beginnen sollen.

Die Kühe fühlen sich sauwohl und sie geben sogar ganz freiwillig mehr Milch.


Wir wussten damals als Lehrlinge, dass wir es gut und richtig machen würden, wenn wir könnten, es dürften, wenn wir über das "volkseigene Vieh" hätten bestimmen dürfen oder wenn wir privat Tiere gehabt hätten – aber die staatliche Absicht bestand ja gerade in der Schulung und Festigung für die Einsicht in die "gegebenen gesellschaftlichen Notwendigkeiten", des Kollektivierens der Bauern in LPG-en und der Landarbeiter in VEG', weil nur so und unter strenger Anleitung von Partei und Regierung, also unter deren "führender Rolle", bessere Ergebnisse als bisher erreicht werden könnten. Der Sozialismus wird damit die Produktivität des Kapitalismus übertreffen! "Überholen ohne einzuholen! heißt die aktuelle Devise". Jetzt! Hier und heute!

Alles, aber auch alles, die Vor- und Nachteile, die Missstände in der Praxis waren (allen) durchaus genannt und deshalb auch bekannt. Und ein Irrtum, eine drakonische Fehl-Festlegung kam selten allein! Kam aber mit Durchsetzungsgewalt. – Halten wir uns doch lieber moralisch und fachlich Augen und Ohren zu. Halten wir uns lieber fest an dem glorreichen Lied: "Die Partei, die Partei, die Partei hat immer recht". In der SED sind die Genossen mit festem Klassenstandpunkt – die können sich nicht irren, die entscheiden nicht falsch, die haben immer recht!

So vieles führte wohl völlig unnötiger Weise dazu, dass der heroische zukunftsweisende Ruf:

"Der Sozialismus siegt", von den gleichen Rufern in der Praxis so umgesetzt wurde, dass es aus vielgestaltigen Gründen vom Volk leider übersetzt wurde mit "Der Sozialismus siecht".

Von "Zuhause aus" war er dazu nicht verurteilt, denke ich. Ich hätte mir einen fachlich-inhaltlich besseren und demokratischen, also freien Sozialstaat gewünscht. Doch es war schon immer so: Nicht alle Wünsche gehen vorerst in Erfüllung. Und manche nie. In einem Leben.

Zur Arbeit bei den lieben Horntieren standen wir morgens um 3.00 Uhr auf, die Arbeit im Schweinestall ließ uns bis 5.00 Uhr ruhen.

Streng auf die Rinder bezogen, fallen mir als frühere namentliche Bekannte nur noch die beiden Zuchtbullen "Meister" und "Danilo" ein, die nicht bei den Milchkühen standen, sondern fein separiert vorne rechts auf dem Gutshof, gegenüber der Schnapsbrennerei ihren Stall hatten und den lieben langen Tag warteten und warteten. Aber nicht jeden Tag.

Unsere Rinder erhielten die so genannte Schlämpe als Futterzusatz. Dünn wie dicker Schlamm. Rückstände der Schnapsbrennerei. Sie lagen aber deshalb trotzdem nicht mehr als andere. Rum.

Was aber war überhaupt mit diesem Schnaps los? Das war mir ein Rätsel. Nie habe ich im Sozialistischen Einzelhandel oder im Lehrlingswohnheim "Beuthener Goldwasser" oder ein ähnliches Spitzenprodukt gesehen. Ich weiß: In der kurzen Zeit meiner Anwesenheit habe ich längst nicht alles erfahren. Mir fehlt noch vieles Wissen. –

Gabriele teilt mir nun ein halbes Jahrhundert später auf meine erneute Frage kameradschaftlich ihre Kenntnisse mit, indem sie mir verrät, dass diese Produkte langzeitig ausschließlich in der pharmazeutischen Produktion ihre Weiterverwendung fanden.

Aber weshalb rechnete man dann die Erfolge einer "Schnaps-Brennerei" ab und bezog sich nicht etwa auf die guten und harmlosen Ergebnisse einer "Alkanolischen Produktionslinie"? Na?

Außerdem bekam das VEG als Futterzusatz zur Anreicherung des Speisezettels für die Tiere auch Zuckerrübenschnitzel. Diese vegetarischen Schnitzel sind in Wirklichkeit mehr "Schnipsel" oder bestenfalls "Schnetzel". Diese stammen aus der Zuckerproduktion. So wie es Franz Carl Achard 1802 in seiner ersten Zuckersiederei auf Gut Kunern (an der Oder) vorgab, werden auch heute die Rüben gewaschen, zerschnitzelt, daraus Saft extrahiert usw. ... bis zum versandfertigen raffinierten Zuckerhut ... so wird es im Prinzip bis heute gemacht. Und was bedeutet: in seiner ersten Siederei? Es war die erste Fabrik auf dieser Welt, in der aus Rüben Zucker gewonnen wurde. Der umtriebige Achard war "ein junger Neuerer" in vielen Wissensgebieten.

Die entsafteten Schnipsel werden also zum Tierfutterzusatz. Der Pansen der Rinder käme mit diesen vegetarischen Schnitzeln ausgezeichnet zurecht, sagt man. Übertreiben soll man es mit der Zufütterung aber trotzdem nicht. Denken wir allein an die potenziell mögliche Zunahme von Karies bei Rindern von dem vielem Zuckerzeug und auch die Volkskrankheit "Diabetes" soll sich nicht unter den Rindern ausbreiten. Auch sollen die Kühe ja keine Süßmilch produzieren – da werden besser die Mütter in den Haushalten noch ein wenig dosieren. Für Pferde kommt das Abfallprodukt kaum zum Einsatz – höchstens als Kostprobe, vielleicht am Sonntag. Für Schweine gar nicht. Schweine ähneln in mancher Hinsicht sehr dem Menschen. Daher habe auch ich keine süßen Schnipsel gekaut – nur mal versuchsweise damit ein Pfeifchen gestopft. Ein starker Tobak!


Die Schweine wohnten zu jener Zeit (bis 1962) im Sommer in sogenannten Freiluft- "Schweinepilzen". Hier aber scheint mir eine Warnung angebracht: Die humorvollen Wortschöpfer führen jeden Laien unter den Lesern auf einen sinnbildlichen Irrweg, denn eine Vorstellung – "Aha! es handelt sich also um ein Bauwerk bestehend aus Stiel und Hut, etwa so, wie ein Steinpilz dreinschauend, nur eben hier eine Art Holzpilz", führt zu falschen Zielen, nämlich auf den Holzweg. Auch mit Trüffeln hat dieser "Schweinepilz" im Aussehen nichts gemein und liegt selbst weit entfernt von einer kühlen Blonden mit "s" an ihrem Ende.

Mein Aufklärungsversuch: Die Behausung sah ungefähr aus wie ein Ei dem ... dem Gestell einer Jurte, die gerade auf- oder auch abgebaut wird. Durchsichtig durchlüftet also. Gefügt aus gewachsenem, kräftigen Stangenmaterial, wie es auch beim Bau der Einfriedung von Koppeln eingesetzt wird. Der Durchmesser dieses Bauwerks etwa 4 ... 5 Meter. In der Mitte ein Zentralmast, ein "Knotenpunkt", als Auflager für die Sparren der Dachschrägen. Die Sparren deckelnd mit einer Sparschalung verbunden, belegt mit Reet/Rohr. Sehr schön also vor meinem "geistigen Auge". Ach was, ich lege euch einfach mal eine grobe Skizze bei.

Diese "Pilze" wurden während "unserer Zeit" aber abgerissen. Die Tiere lebten dann in massiv gemauerten Schweinehäusern auf Betonboden mit kleinem Freiluft-Auslauf, einer angebauten "Terrasse" sozusagen. Sommer-Ferienreise in den Pilz war dann nicht mehr.

In der Schweineküche gab es täglich (auch sonntags) ungepellte gesunde Pell-Kartoffeln aus dem garenden Dämpfer, dessen heiße Wolken uns beim Entleeren, besonders im Winter, für einige Zeit die Sicht nahm und dessen Aroma dann den Schweinegeruch zeitweilig parfümierend überdeckte.

Mitten im Winter wechselte der Schweinemeister, da der alte Ausbilder in das Rentnerdasein stapfte. Ich sehe ihn noch deutlich vor mir, das betagte Vorkriegs-Küchenmesser in der Hand, mit dem er die schreienden Ferkel kastrierte. Die männlichen ihrer Art. In der Zeit nach seiner Ablösung kam er öfter zu Besuch – konnte noch nicht recht "loslassen". Irgendwie tat er uns leid, von nun an als Gast zusehen zu müssen, wie sein großes Lebenswerk (es erinnert mich an den herrlichen "Zigeunerbaron") nun von einem Jüngeren leicht verändert weitergeführt wurde. Aber unser Mit-Trauern hielt nur kurz an, denn die alten Futtereimer mit den tief eingerissenen Rändern "flogen fort" zu "Martin braucht Schrott" (als Beigabe für den Siemens-Martin-Schmelzofen in der Eisenerzverhüttung) und wir bekamen erstmals eine derbe Schürze, die unsere Arbeitskleidung vor dem Durchnässen und vor der Verschmutzung schützte, was sich besonders bei Minusgraden als angenehm zeigte. Der Wechsel brachte bei minimalem Aufwand einen guten "Aufschwung". Ja, ja neue Besen kehren gut. Und siehe da – es lässt sich also doch manches Gute verwirklichen, wenn die Leitung es nur will – sogar bei permanent knappen Kassen. Wir waren dankbar dafür. Und die Gastbesuche des alten Meisters wurden mit seiner Gewöhnung an das ruhige Dasein beim schmalen Ruhegeldempfang seltener. Gegen die winterliche Kälte füllten wir unsere etwas größer gewählten Gummistiefel mit Stroh-Häcksel / "Kaff" als Material zur Wärmedämmung für die Füße.




Geheimnis aus dem bäuerlichen Erfahrungsschatz für den Monat Januar / Hartung:


Ist der Januar hell und weiß – wird der Sommer sicher heiß.

Wenn's um Neujahr Regen gibt, um Ostern oft der Schnee noch liegt.

Ist feucht und mild der Januar – wenig taugt das ganze Jahr.

Steigt Nebel von gefror'nen Flüssen, so ist auf strengen Frost zu schließen.





Beispiel von Schildern in den Rinderställen, vor den Anbinde-Ständen der Kühe:



Kuh:


Ohrmarke-Nr:________ geb. _____________ Stall-Nr. ____________


GT ________________ ZL ___________ Leuk. Stat: __________


Vater _______________________ Mutter ______________________


Gekalbt ____________________


besamt ____________________ TU ___________________________


X Leistung __________ kg Milch, ________% Fett, ___________kg Fett








Datum

Milch kg

Fett %

Euter

vorn links vorn rechts










hinten links hinten rechts








Milchkuh: Emelie


Rasse:

Schwarzbuntes Niederungsvieh


Vater: Danilo


Mutter: Danula


Besamt: (Trächtigkeit etwa 279 Tage)


15. März 1962


Gekalbt:


02. November 1962


Durchschnittliche Leistungen:


13 kg Milch / d; 4.745 kg / a

3,96% Fett

181 kg Fett im Jahr

3,37% Eiweiß

165 kg Eiweiß im Jahr



Normale Durchschnitts-Körpertemperatur:

38,5 – 39,5°C





Beispiele für Schilder in den Schweineställen:



Das Betreten der Anlage ist nur

den Viehpflegern gestattet und

allen anderen Bürgern

streng verboten




... und vor jeder Box:



Sau: Nr.:


Gedeckt:


Geferkelt:


Wurf Stück:


Abgesetzt Stück:




Sau:



Jolante


Gedeckt:

(Trächtigkeit 113 bis 116 Tage =

3 Monate + 3 Wochen + 3Tage)


20. Dezember 1962


Geferkelt:


14. April 1963


Wurf:


10 Ferkel


Abgesetzt:

(Nach 8 Wochen im Sommer,

nach 11 Wochen im Winter)



7 Ferkel am 17. Juni 62

3 Ferkel am 28. Juni 62


Normale Durchschnittswerte:

Puls: 60 – 80 Schläge / Minute


Temperatur: 38 – 39,5 °C



Bucht Nr.

Datum

Stück

Fütterungs-

gruppe

Gewicht

[kg]

Gewichts-

zunahme [kg]

Zunahme je Schwein

je Tag [g]

Bemer-

kungen




















Zu den Schweineställen, die außerhalb des Dorfes in Richtung Kiesgrube lagen, fuhren wir mit den eigenen Fahrzeugen, zumeist mit Rädern – viele mit Pedalen, manche mit Motor ausgestattet. Im Winter, bei guten Schneeverhältnissen, zog auch mal ein Traktor in dunkel-früher Morgenstunde die gesamte Mannschaft auf einer Schleife (einem großen Schlitten) an einer Kette hinter sich her die verschneite, teils vereiste Dorfstraße entlang. Aber bitte beachten! Ich erwähne das nur, weil im Moment keine "Weißen Mäuse" zu sehen sind und ich schreibe das hier nur ganz leise auf – und als mahnendes Beispiel mit der dringenden Warnung: Macht so etwas bitte nie nach!!! Es brachte uns zwar Spaß aber es kann lebensgefährdend sein!!! Die Straßenverkehrsordnung sieht solche Art von Personentransporten nicht vor; verbietet so etwas prinzipiell.


Aus dem Alltag (Pflanzenproduktion)

Eine der ersten Aufgaben zum Lehrbeginn war für unsere Arbeitsgruppe das Entladen eines großen Anhängers, gefüllt mit Getreidekörnern. Er stand auf dem Gutshof vor der Schnapsbr... pardon, vor der Brennerei alkanolischen Destillats. Fünf Lehrlinge aus unserer Klasse hatten daran zu schaufeln. Unser Lehrausbilder, der erfahrene Herr Lobbes, wies uns in die Arbeit ein.

Er sah wieder nach uns, als wir diesen Auftrag ngst erledigt hatten und schon Erfahrungen aus unserer Vor-Lehrzeit tauschten. Sogleich zückte Herr Lobbes seine schwarze Kladde und verteilte die ersten Zensuren: Viermal eine 3 und einmal eine 1. Diese letzte Note erhielt Udo Kr. Auf unsere erstaunte Frage, wie diese hochqualitative Arbeitsbewertung zustande käme, für eine Leistung, bei der er als Ausbilder gar nicht anwesend war, meinte er überlegen aber schmunzelnd: "Udo kommt aus der Landwirtschaft und ist schon erfahren – ihr jüngeren Stadtjungen müsst den Umgang mit der Schaufel doch erst lernen und üben. Ich brauche da nichts sehen. Vertraut nur der Erfahrung und meiner Menschenkenntnis!"

Aha, so ist das. Na dann, Prost Mahlzeit. Nun, mit seiner Grundaussage hatte er schon recht – Udo stand zum Lehrbeginn im 19. Lebensjahr und ich war erst 16 Jahre alt.

So blieb es dann auch mit der Bewertungsweise für das gesamte Jahr. "Ich muss euch die Möglichkeit geben, dass ihr euch mit den Noten stetig steigern könnt". Herr Lobbes war stets gleichbleibend ruhig und freundlich zu uns.




Inzwischen ist es Juni – Brachet

Das jahrhundertealte bäuerliche Wissen gibt uns auf, den Rat zu beachten:


Stellt der Juni mild sich ein, wird's mild auch im September sein.

Nachts ein Regen, tags die Sonne – füll'n dem Bauern Scheun' und Tonne.

Wenn die Schwalben niedrig fliegen, werden wir bald Regen kriegen.




Wenn wir im Sommer Heu- und Strohfuhren heimbrachten, fuhren wir oft mit drei Pferden. Die junge Rappenstute Karin ("sie spielte rechts außen") musste als Bei-Pferd öfter ernsthaft ermuntert werden, den Kopf beim Traben hochzunehmen, um die Gefahr des Stolperns zu mindern. Zu gern schaute sie in zügigem Lauf wohl nach Ameisen – oder Feuerwanzen? Man war um sie sowie um die gesamte Fuhre in steter Sorge. Aber sie verstand uns recht gut und korrigierte ihre Haltung – bis es ihr dann wieder aus dem Sinn ging. Wenn ich mich richtig erinnere, fohlte sie 1963 erstmals und wurde eine gute Pferde-Mutter.

Beim Einlagern von Stroh musste darauf geachtet werden, dass die Fuhren auf dem Wagen möglichst hoch aber nie zu hoch gepackt wurden, damit die quaderförmigen Pressballen beim zügigen Einfahren nicht oben am "Torsturz" des großen Hallentores hängenblieben und die Pferde bei solch einem unbeabsichtigten abrupten Stopp etwa auf der leicht schrägen, glatten Betonfläche ausrutschten und stürzten.

Natürlich entsinne ich mich deutlich der Kartoffelernte auf den in der Länge und Breite nicht enden wollenden Schlägen (mit ihren leider recht niedrigen Ackerwertzahlen). In unseren Jahren bevorzugte man die Kartoffel-Sorten mit Vogelnamen wie "Star" und "Meise". Des Morgens aus der kalten feuchten Erde sammelnd, die dann später mit dem Steigen der Sonne in grauen märkischen Zuckersand mit der Fachbezeichnung "Ranker" verwandelt wurde. "Niednägel" bildeten sich sehr schnell an den Fingern.

Aber wieso überhaupt supergroße Äcker? Hatten wir nicht früher, noch in der Schule, die Vergleiche der hässlichen Großkapitalistischen Großflächen-Wirtschaft mit Bodenvernutzung in Gegenüberstellung zur vorbildlichen sowjetischen Ackergestaltung kennen gelernt, wo die Flächen in überschaubare "Beete" gegliedert wurden? Diese Ackerbeete wurden dort mittels Waldschutzstreifen voneinander getrennt. Mit Gehölz-Streifen, die vielen Tieren Lebensraum boten und die die Winderosion der Ackerkrume verhinderten, ganz hervorragend zusammenhängende Grünzüge darstellten. Traumhafte Verhältnisse! "Von Freunden sollt ihr lernen!" Wo sind bei uns in dieser Art gestaltete Ackerflächen? Gibt es sie auch später noch in der ruhmreichen Sowjetunion? Oder waren das eher sagenhafte Darstellungen wie mit Wotan, Freia und Baldur in Germanien?


Die Maschinen hatten gute Vorarbeit für unser Knollensammeln geleistet: Der Schleuderrad-Roder hinter dem Traktor bot uns die Knollen vom kühnen Schwung seiner Gabeln freigelegt und zur Seite gefegt zum Aufsammeln an. Ein Siebketten-Vorrats-Roder pflügte sie dagegen sanft hoch und breitete sie in mindestens zwei Reihen hinter sich aus.

Oder man sammelte momentan nicht, sondern war zeitweilig "Abträger" der vollen Kiepen. Auch saß man mal auf dem Traktor "Pionier" (40 PS) oder auf dem neueren "Famulus", die die vollen Kartoffel-Wagen fortbrachten oder man hockte auf dem leichten Geräteträger/Radschlepper RS 09 der zeitweilig trotz seiner nur 15-PS-Leistung als "Zugtier" selbst für die schweren Kartoffelwagen diente und diese Aufgabe wegen seines 8-Gang-Zweirichtungs-Getriebes sogar gut bewältigte.

Wie schmeckte da doch zwischendurch das köstliche Mahl, die Kartoffelsuppe, an des Feldes Rain, den Aluminiumlöffel in der Suppe, mit den rauh-sandigen Fingern umgriffen. (Bitte mit dem Alu-Löffel nicht versehentlich an eine Amalgamzahnfüllung kommen – "sowas verbindet").

Landwirtschaftliche Güter oder Produktions-Genossenschaften, die nicht über ein Lehrlingsheer verfügten, setzten in jener Zeit schon Vollerntemaschinen, sogenannte "Kartoffel-Kombines" ein. Wir aber wollten ja das Sammeln der Kartoffeln und das Tragen der Kiepen gern erst mal mehrjährig, gründlich "von der Pike auf" erlernen. Und Kombines kosteten auch viel Geld.




Aus dem Almanach der Landwirte für den Monat Dezember oder Julmond:


Vieler Regen, wenig Schnee tun Feldern und den Bäumen weh.

Der Schnee, er ist ein gutes Kleid, kommt er doch nur zur rechten Zeit.

Die Erde muss ihr Bett-Tuch haben, soll sie der Winterschlummer laben.

Nach reichlich Wind an Weihnachtstagen – auch reichlich Obst die Bäume tragen.

(Aber gemach – noch nicht gleich!)




Obschon das Jahr sich neigte, war bei weitem noch nicht "Plansilvester" im Volkseigenen Gut. Na gut. Als der Dezember-Schnee leise rieselte und andere Menschen an die Stille Nacht, Heilige Nacht oder zumindest an die sozialistische Jahresend-Feier dachten, wurde für uns gedacht, nun an die Ernte der restlichen Mohrrüben zu gehen. Erntezeit – schöne Zeit. Von Süßkartoffeln, die vor Zeiten wohl ausschließlich auf dem südamerikanischen Festland beheimatet waren, hatten wir bereits gehört. Auch davon, dass die süßen Zuckerrüben aus den Runkeln gezüchtet worden waren. Süße Mohrrüben jedoch? Im Winter? Was völlig Neugeschöpftes? Allerdings waren Füße und Finger bei diesem Geschäfte stark exponiert und es dunkelte am Nachmittag zeitig – die Rübchen hielten sich zum Sammeln dort auf, wo sie einst gesät/ausgedrillt worden waren, eben dort, wo der weiße Schnee gerade der frisch gepflügten dunklen Erde gewichen war. Wir konnten sie deshalb auch im fast Dunkeln an jener Hell-Dunkel-Leitlinie noch leidlich finden. Immer wenn die Maschine eine Runde gepflügt hatte, sammelten wir fix unser Strecken-Teilstück ab und hatten dann eine kurze Zeit, um gefrorene Süß-Möhren in der heißen Asche am "Lager"-Feuer zu garen und warm zu verspeisen, bis sich uns der Traktor mit Pflug in seiner nächsten Runde wieder näherte. "Frisch aus der Asche schmecken sie am Besten". Für die ursprünglich vorgesehene Nutzung waren angefrorene Möhren nicht mehr zu gebrauchen. Ob sich das ein Einzelbauer geleistet hätte – bezogen auf sein Ansehen im Dorf mit dem zu erwartenden Spott und dem wirtschaftlichen Verlust? Hier bei uns spielte es offenbar nicht die gleiche Rolle, hatte ein geringeres Gewicht. Warum es mit einem Erntetermin bei der Leitung nicht früher geklappt hatte? Ganz schön lange Leitung, ja?– Wir zumindest waren täglich anwesend, standen zum rechtzeitigen Einsatz zur Verfügung. Sogar zum herbstlichen Sondereinsatz. "Seid bereit! – Immer bereit!"


Ich sehe unseren Ausbilder Ernst Lobbes vor mir – nun aber wieder in der Wirklichkeit des Tages. Ich meine, er war wohl nicht der Mann vieler Worte. Wohl auch nicht der Mann großer Widerworte. Er hatte sich scheinbar eingerichtet. Er lächelte zum Thema des Tages bedeutsam still. Er kannte vielleicht Gründe und Hintergründe. Er stand als Wissender mit den Beinen in der landwirtschaftlichen Produktion. Wir sollten das erst lernen. Aber so? – In unseren Lehrlingsköpfen standen öfter mal Fragezeichen zu den Methoden des weiteren sozialistischen Aufbaus der Landwirtschaft. In der Industrie wird es vergleichbare Beispiele gegeben haben. Bloß konzentrierter. So falsch wie es gemacht wurde, musste es eben scheinbar sein, es ging wohl gar nicht anders und wurde zum Schluss als richtig angesehen oder zumindest so dargestellt, abgerechnet.

Der Genosse Rudolf Bahro wird später sinngemäß sagen: "Wie oft denkt man – dümmer gehts nimmer – aber die Realität beweist uns immer wieder – es geht, es geht!" Diesen Spruch hat wohl nicht Bahro erdacht – aber es gab viele die es täglich genau so sahen, die es mit ansehen mussten.


Geschieht etwas, dass wir als ungünstig, ungeschickt, dumm oder als verwerflich geneigt sind zu bezeichnen, dann hilft es wenig, daran festzuhalten, darüber zu schweigen, nur still darüber hinweg zu lächeln, um vielleicht "die eigene Autorität" scheinbar zu wahren. Eher wird dadurch "das Dumme" bewahrt, gehätschelt und gewinnt an Macht. Freimütig heißt es hier Ursachen und Wirkungen zu erkunden, um es das nächste Mal besser machen zu können. Ein Prozess, der ein gewisses Maß an Ehrlichkeit, Offenheit und Lernbereitschaft erfordert. Nur richtig angefasst und ausgeräumt kann eine überwundene Dummheit zum Motor für die Besserung werden.


Hier ein Erinnerungs-Ausflug: Eine nur wenig ältere gute Bekannte von mir bekam auch mal mit der Landwirtschaft Verbindung, denn sie wollte partout Lehrerin in der Stadt werden.

So hatten sie, diese noch etwas unsicheren, wenig lebenserfahrenen, 16-jährigen Stadtmädchen im ersten Lehrer-Studienjahr als pädagogische Übung im Fach "Agitation und Propaganda" den Auftrag, die alten Landwirte, die erfahrenen Bauern, die sich sträubten den LPGen beizutreten, aufzuklären. Darüber aufzuklären, welche fachlichen Vorteile es bringt, wenn man unter der führenden Rolle der Genossen mit festen Klassenstandpunkt, seine Kühe, die als echte Familienglieder galten, anderen Leuten in den Großstall zur Pflege übergibt, den Leuten, denen die Tiere vielleicht eher "0-8-15-egal" sein würden, den Leuten, deren Stärken und auch Schwächen jeder im Dorf kannte. Den Leuten, die eben vielleicht nicht mehr das Euter waschen und es fettend pflegen würden ... und so weiter. (Wir kennen und praktizieren das ja alles).

Die Mädchen, diese angehenden Lehrerinnen, sollten ohne eigenes landwirtschaftliches Wissen bei erfahrenen Bauern aufklärend wirken, beauftragt von Politniks, von denen mancher selbst kaum je eine Kuh gesehen, kaum eine Kartoffel gesammelt, kaum Kenntnis von der Landwirtschaft hatte, die es aber sehr wohl intensiv gelernt hatten oder es "von Natur aus beherrschten", Druck auf andere Menschen auszuüben.

Manch ein Landwirt zeigte den Lehrerinnen-Schülerinnen die Wachhunde seines Hofes oder wies mit dem Daumen rückwärts oder mit dem Zeigefinger am ausgestreckten Arm zum Ausgang ihres Grundstücks. Solche Versuche endeten wohl in der Überzahl mit wenig positiven Ergebnissen, waren kontraproduktiv. Durchschnittlich normal Denkende wussten das. Vorher. Gemacht wurde es trotzdem. Die Berichte innerhalb der Partei und in den Zeitungen ließen aber Hurra-Getön sehen, denn wie's auch kommt: "Die Partei hat immer recht" – und wenn sie auch auf ihrem Weg Unmengen an feinem, wertvollen Porzellan zerschlägt und das angepeilte Ziel verfehlt.

Trotz alledem: Wir haben schnurstracks zu gehen – (Lied): "Auf dem Wege weiter, den uns die Partei gewiesen ..." nicht etwa auf dem nach eigenem Denken, fundiertem Wissen und Können.

Dabei wäre vieles mit etwas Einfühlungsvermögen und kluger Wissensnutzung leichter gegangen, denn verschiedene Vorteile und Erleichterungen in einer Zusammenarbeit ließen sich ja nicht von der Hand weisen, als mit immer wiederholtem dümmlich-plump drohendem Druck, auch mit Lautsprecherkampagnen gegen Landwirte zu agieren, was viel zu viele bis 1961 in den Westen trieb, in die Gefängnisse brachte, zur Gleichgültigkeit abstumpfen ließ oder auch gar manchen zur Selbsttötung führte. Warum nur, wurde dieses wertvolle Potenzial (und schließlich nicht nur in der Landwirtschaft) von den Regierenden der SED jahrelang, jahrzehntelang sehenden Auges missachtet? Warum wurden Menschen, Nachbarn, fachlich-begründet Mahnende und kritisch-kreative Unterstützer der Republik als "negativ-feindliche Kräfte" gebrandmarkt, eher in ihrer Existenz bedroht, statt mit ihnen das Beste für das Volk und seine Wirtschaft zu nutzen?

Nicht jede lang anhaltende Kurzsichtigkeit kann ein Optiker korrigieren.

Aber wie war es doch gleich mit der Wahrheitsliebe der Staatsführung? Oder sollte das eher in das Schubfach "Durchdachte Strategie und Taktik" verschoben werden? Wir erinnern uns nur 'mal so eines einzigen Beispiels aus vielen – für die später Geborenen:

Am 15. Juni 1961, zwei Wochen vor seinem 69. Geburtstag, gab der Vorsitzende des Staatsrats der DDR, Walter Ulbricht, wieder mal eine Pressekonferenz. Zu seinen Ausführungen fragte die westdeutsche Journalistin Annamarie Doherr von der Frankfurter Rundschau zu "gewissen Planungen in der DDR": "Bedeutet Ihre Absicht der Bildung einer >freien Stadt< (Berlin), dass die (DDR-) Staatsgrenze am Brandenburger Tor errichtet wird?"

Und der Staatsratsvorsitzende Ulbricht antwortet darauf – anscheinend nicht so recht passend – aber er wollte offenbar "seinen Punkt" unbedingt >unterbringen<: "Ich verstehe Ihre Frage so, dass es Menschen in Westdeutschland gibt, die wünschen, dass wir die Bauarbeiter der Hauptstadt der DDR dazu mobilisieren, eine Mauer aufzurichten. Mir ist nicht bekannt, dass eine solche Absicht besteht. ... Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten."


Das war eindeutig! Recht so. So soll man es den Leuten beibringen damit sie es verstehen!


So prägte W. Ulbricht vorerst den festen Begriff "Mauer" für den Ausbau der Grenzbefestigungs- und -sicherungsanlagen der DDR.

Nur zwei Monate später, am Sonntag, den 13. August war es dann aber schon soweit:

Ab 1 Uhr in der Nacht begann die Nationale Volksarmee eine rund 145 km lange Grenzbefestigung um West-Berlin zu ziehen. Der vor kurzer Zeit von Ulbricht ungefragt erwähnte und von ihm "absolut ausgeschlossene Bau einer Mauer" wird bereits betoniert! Die Grenze wird geschlossen, um uns, die Bürger der DDR, vor den West-Berlinern, vor den „Bonner Ultras“ mit ihren gegen die DDR lang gehegten Blitzkriegsplänen zu schützen, so sagt man uns. Und auch die etwa 1.300 km lange Grenze zur BRD wird auf unserer Seite verstärkt, über lange Strecken mit Teller-Tretminen und Selbstschussanlagen ausgestattet. Alles für den Frieden und das Wohl unseres Volkes.


"Die Mauer" wird seitens der DDR-Führung nach neuer Überlegung, künftig aber nun als "Antifaschistischer Schutzwall" präsentiert. Jeder, der nicht allzu verblendet ist, weiß natürlich, dass sich Mauer und Waffen im Wesentlichen gegen die eigene Bevölkerung richten, um die unwahrscheinlich starke Fluchtbewegung aus dem Lande zu stoppen, also nicht mit vernunftgeführten Inhalten, sondern erneut mit Gewalt.


Und wir als Lehrlinge werden indessen natürlich weiterhin "hübsch" zu sozialistischer Wahrheitsliebe erzogen, sofern wir diese nicht ohnehin vom Elternhaus mitbekamen.


Das Volk ist jedoch – hinter vorgehaltener Hand – hinsichtlich des Humor findig:

Walter Ulbricht erhält den weiteren Spitznamen: "August, der XIII."

Treffen sich zwei Maulwürfe an der Mauer. "Los", sagt der Eine, "so, wie wir heute arbeiten,

werden wir morgen leben!"


Und wir wissen ja: Die Vielzahl der Ungereimtheiten, die Maßnahmen, die oftmals Schwierigkeiten brachten, viele unsinnig erscheinende Weisungen der Regierenden, nicht etwa kameradschaftliche Zusammenarbeit der Besten, sondern das Aufrechterhalten des absoluten Machtanspruchs der "Führungsrolle der SED" um jeden Preis und damit schließlich dieser Art von DDR, war nur möglich, durch die Stützung seitens der Sowjetunion und ihrer hier stationierten Streitkräfte sowie durch das von dieser Partei für sich selbst geschaffene, sie "beschützende Schild und hinrichtende Schwert": der "Organe des Ministeriums für Staatssicherheit"., von deren Chef gerne als "wir Tschekisten" bezeichnet. Gewiss agierte deren ebenfalls SED-Personalbestand auch selbständig – aber die SED war mit ihren Führungskräften der Auftraggeber für die Gräueltaten gegen die eigene Bevölkerung, für Überwachung, für geplante Zersetzung, für Diskriminierung, für Unterdrückung, für das Wegsperren in Gefängnisse und Zuchthäuser, für Folter und Hinrichtung mit und ohne Gerichtsverfahren und -urteile bzw. für Mord. Die SED mit ihren maßgeblichen Kadern im Zentralkomitee und Politbüro, bis hinunter zu den Bezirks- und Kreisverwaltungen war der Auftraggeber für die Ausführenden der Staatssicherheit.

Ein Blick in die Zukunft: So werden es bis zu etwa 90.000 hauptamtliche Mitarbeiter der Stasi, zuzüglich 170.000 bis 180.000 nebenberufliche Informelle Mitarbeiter (Spitzel) sein. Es kamen auf jeweils etwa 180 DDR-Bürger zu deren Überwachung 1 hauptberuflicher Stasi-Mitarbeiter und

2 weitere nebenberufliche oder "ehrenamtliche" Spitzel.

Im Vaterland des Kommunismus und der Überwachung, der Sowjetunion, war es "nur" 1 KGB-Mitarbeiter auf etwa 600 Einwohner.

Allein von den rund zwei Millionen SED-Mitgliedern waren wohl schon etwa 4,5% hauptamtliche Stasi-Mitarbeiter, zuzüglich der IM, von denen schätzungsweise die Hälfte ebenfalls Mitglieder der SED waren. (Quelle: XVIII. Bautzen-Forum, 2007, Eisel/Giesecke, Friedrich-Ebert-Stiftung).

Die Quelle für diesen "Kaderbestand" waren die Ausbildungsstätten. So die bei dem Dorf Golm bei Potsdam – ab 1965 dann dort mit neuem Decknamen: "Juristische Hochschule der DDR" mit ihren nachgeordneten Fachschulen. Stätten, in denen etwa 30.000 Personen in der Aus- und Weiterbildung alle Techniken des "Stasi-Rüstzeugs" erwarben. Psychologisch und handwerklich. In dieser "Juristischen Hochschule" erwarben 4.492 hauptberufliche Mitarbeiter ihren Stasi-Diplom-Abschluss und 485 promovierten hier zum Dr. jur. der Stasi. So auch der Oberst Dr. Alexander Schalck-Golodkowski, der "geheime kommerzielle Koordinator", der seine Doktorarbeit über die Möglichkeiten der Erwirtschaftung / Beschaffung zusätzlicher Devisen, harter Währung (auch durch Diebstahl, Raub und Erpressung) für die DDR-Führung, schrieb. – Beschaffung auch mit Methoden, die wiederum eine Anzahl unserer Menschen zum Ausreiseantrag oder auch in den Tod trieb.

Der vormals wohl eher mittelmäßige Schüler, spätere Mörder, dann gefährliche Minister und Stasi-General Erich Mielke gehörte zu Schalcks "Doktorvätern". "Natürlich" werden diesen Leuten, die andere Menschen oft grundlos quälten, auch nach dem Beitritt der DDR zur BRD ihre akademischen Abschlüsse weiterhin anerkannt. Und deren sehr gute Gehälter bilden dann auch eine sehr gute Grundlage für eine weit überdurchschnittliche staatliche Altersversorgung in der BRD. Der Dank des Vaterlandes ist treuen Dienern gewiss. Darüber kann so mancher ehrliche, fleißige Arbeiter wohl nur staunen.

Und wieviele SED-Mitglieder haben später nach der "politischen Wende" (so, wie es wohl in jeder Zeitepoche und in jeder Gesellschaftsordnung üblich war) gesagt: "Ach, davon habe ich ja gar nichts gewusst." Oder: "Ich war doch nur so ein kleines und unbedeutenden Rädchen im Getriebe und habe überhaupt nichts von Bedeutung mitentschieden, nicht einmal mitbekommen".

Gewiss ist auch: durchaus nicht jeder Bürger wurde mit der Stasi in einer für ihn dramatischen Art und Weise konfrontiert. Und vielen wurde die Überwachung durch Unauffällige, seitens guter Bekannter, Arbeitskollegen, Nachbarn, durch Ehepartner, auch nicht immer bewusst. –


Nun, das hier Notierte ist nur meine Ansicht. Es gab auch in nächster Umgebung Lehrlinge, die kaum empfinden, kaum selbst denken, kaum selbst erfahren und danach handeln wollten. Einer unser Mitschüler strebte an, hier in Beuthen eine Berufsgrundlage schaffen aber nicht weiterhin in der Landwirtschaft tätig sein. Offizier zu werden war sein Ziel, wie sein Vater es war. Mit ihm (dem Sohn) war es kaum möglich, ein Gespräch über gesellschaftspolitische Fragen der Zeit zu führen. Für ihn war schon vor einem Gesprächsbeginn alles klar: "Was Zentralkomitee und Politbüro der SED vorgeben, das ist richtig. Was die Partei beschließt, das wird sein! Punktum. Schluss mit dem Beginn einer Diskussion. Da schien mir einfach Achtsamkeit und Zurückhaltung geboten. Gewiss formt uns die Erziehung bedeutend. Den Einen mehr, den andern weniger dauerhaft.

Wir übersehen nicht, vergessen auch nichts vom Guten, das uns im täglichen Leben begegnete, das wir durchlebten, das wir achteten und genießen durften! Damals so wie heute.

Die Partei- und Staatsführung hatte schon früh, ach, so schöne Sprüche über die Sozialistische Landwirtschaft heraus gebracht. Es waren viele Dichtwerke solcher Art:




Wenn auch viele gingen, in die deutsche Bundesrepublik flüchteten oder es versuchten – "wir" aber träumten nicht vom Weggehen in ein Land "Utopia". Ich hörte 'mal den frühen Treueschwur: "Und ist der Weg auch hulperich – wir bleiben doch bei Ulberich! ... & Co!


Viel später wird manches an Nebensächlichkeiten verändert sein, als die Partei und Regierung als Hilfe zur Mobilisierung von Reserven die Neuerbewegung, das Neuererwesen für sich entdeckt. Von dieser Zeit an hieß es: Macht individuelle Neuerervorschläge (in der BRD: Verbesserungs-Vorschläge), schließt gezielte Neuerervereinbarungen ab. Guckt, wie es andere Betriebe schaffen und schließt dazu Nachnutzungsverträge über deren Ideen zum gegenseitigen Vorteil. Gebt Selbstverpflichtungen in eurem PSP ab (Persönlich-Schöpferischer-Plan). Erstürmt die Höhen der Wissenschaft. Bringt eure Spitzenprodukte auf die "MMM" (Messe der Meister von Morgen / in der BRD: "Jugend forscht"). Den Titel "Kollektiv der Sozialistischen Arbeit" könnt ihr erringen, wenn ihr euch zu hervorragenden Leistungen ... verpflichtet und diese nachweisbar abrechnet. Und stets auch: "Von Freunden lernen – heißt siegen lernen".

Eben, viel später. Na ja, alles sehr schön. Auch ich war dabei – mit des Kopfes klarem Verstand, mit den Händen die keine Arbeit scheuten und sehr oft mit dem Herzen.

Doch dann gab es auch gleich wieder die Staatliche Planauflage, die zu erfüllen war, um die Wirtschaft über Wasser zu halten. Die als Antwort aufgeschriebene Übererfüllung der Vorgabe, die oft erpressten Meldungen oder schleimdienernden Falsch-Erfolgsabrechnungen, die der Realität entgegenstanden, war "eine Ehrensache". Und auch mit solcher ließen sich (selbstverständlich) Prämien, Orden, Urkunden und Blümchen gewinnen.


Was sonst noch geschah



Aus dem landwirtschaftlichen Erfahrungsschatz der Natur-Beobachtung:

Gerad' im Monat Ernting, dem August, ist Erntezeit.


Große Dürre schadet wohl aber sie verdirbt nicht.

Ein trockenes Jahr ist nicht unfruchtbar.

Wenns im August nicht regnet – der Winter wird mit Schnee gesegnet.

Bei rotem Mond und hellen Sternen sind die Gewitter oft nicht ferne.



Spitznamensfindung oder auch spitzfindige Namensbildung! Es begab sich also in den ersten Tagen der Lehrzeit, dass die konventionellen, einst von den Eltern gewählten Vornamen der nunmehrigen Lehrlinge mit ansprechenden Rufnamen frisch überdeckt werden sollten. Ich stand etwas abseits doch Harald Ku. und Klaus Ei. (sein Name ging in Wirklichkeit noch weiter) riefen mich ... mal mit "Jimmy", mal versuchten sie es mit "Charlie", dann probierten sie es mit "Johnny" (das kam meiner Familiennamenswurzel zwar schon sehr nahe, passte mir aber nicht). Vielleicht waren sie kurz vor dem Ende ihrer Bemühungen und verlegten sich auf "Goofy" und ich reagierte endlich und trabte an. Goofy – im Deutschen will es bedeuten: "Das Dummerchen" oder auch "der Trottel". Das war doch was für mich! Wie sagte doch sogar unser Lehrausbilder Herr Lobbes ganz im Ernst? Ihr könnt noch nichts. Ich werde euch mit meiner Benotung die Gelegenheit geben, dass ihr eure Zensuren langsam stetig steigern könnt. Goofy – darin liegt doch ein ungeahntes Potential – in einer absehbaren Zeit vom Trottel zum Normalbürger aufsteigen, ist doch erheblich wertvoller, als das, was ich bisher über einige Politiker und deren Helfer ausführte, die fast als Spitzenfunktionäre begannen, unbeliebt bis gefürchtet waren und mehr oder weniger kläglich endeten.

Na ja, die Spitznamen-Wahl fand in den ersten Tagen statt, als man noch nicht direkt nach Charaktereigenschaften oder Leistungsvermögen aussuchen konnte, sondern "nur so" die Auswahl traf ... vielleicht nach "edlem Klang".

Doch wie schon angedeutet: Bei mir sollte es in der Entwicklung stets nur aufwärts gehen! Und so erfüllte es sich auch.

Mich begleitete dieser freundliche Spitzname, für den Harald Ku. verantwortlich zeichnet, bis heute. Ich bin ihm dankbar dafür. Er hielt mich, wenn auch unbeabsichtigt, an, den Lebensumständen nie überheblich, sondern stets mit einer gewissen Demut aber mit der Kraft des Denkens zu begegnen und danach zu handeln. Seit mehr als zwanzig Jahren wohne ich sogar in der GoFi – Straße. Es ist in der Stadt Potsdam die Straße "Golmer Fichten". Das ist ganz charakteristisch genau dort, wo kein Nadelbaum zu finden ist.


Vorhin hatte ich kurz im Sekretariat zu tun. Auf dem Schreibtisch von Frau Mal. lagen zahlreiche braune Schnellhefter, neu eingerichtet, mit jeweils dem Namen eines Lehrlings beschriftet. Aha, das wird die "Kaderakte" sein. Ein Teil ist wohl so leer, wie ein unbeschriebenes Blatt Papier, andere, das werden wir später wissen, enthalten bereits Einträge aus der Kindergarten- oder der Schulzeit. Diese Akte wird mit ihrem Inhalt für einen Jeden von uns ein Geheimnis sein und bleiben. Nur Kaderleiter (Personalchefs),"andere berechtigte Personen" und Vertreter "staatlicher Organe" dürfen Einblick nehmen. Das bedeutet: Nicht jeder Betrieb legt sich für die Dauer des Beschäftigungszeitraumes solch eine Kladde an, nein, die einmal begonnenen Aufzeichnungen "wandern das gesamte Arbeitsleben des Menschen von Betrieb zu Betrieb mit". Jeder der Berechtigten soll wissen, was mit diesem Bürger los ist. Die Akte wächst im Umfang, denn jeder Berechtigte darf sich darin auslassen, lediglich der Betroffene nicht. Er darf es auch nicht lesen. Ich selber werde meine Akte (dann schon in der BRD-Zeit) zum Eintritt ins Rentenalter durchblättern dürfen.


Die Mähdrescherfahrer der E 512-Kombines (Getreide-Vollernte-Maschinen) wurden in der Zeitung stolz „Unsere Erntekapitäne“ genannt. Es kann nicht wo überall zeitgleich geerntet werden. Die teuren Mähdrescher stellen eine „Zentrale Erntetechnik“ dar. Mit ihnen wird in mehreren Bezirken nacheinander gearbeitet. So fahren die relativ langsamen und sehr breiten Maschinen in Konvois auch auf den "schnellen Autobahnen" zu den nächsten Einsatzorten. Das waren aber keine schlimmen Hindernisse. Die Autobahnen in der DDR waren "in unserer Zeit" meist ziemlich leer.


Als mein Moped mal streikte, hockte ich hinter einem Traktor auf einem Milchsammel-Anhänger und fuhr so mit nach Potsdam. Auf dem Anhänger stand bereits unser großer voller Aluminiumtank aus dem Melkhaus des VEG – und ich hob auf dem Wege die weiteren Kannen von den Milch-Bänken auf den Hänger hinüber. Das freute den Fahrer, den Traktoristen, der die Milch zur Molkerei Potsdam, Leninallee, zu bringen hatte.

Ein anderes Mal ging ich nachts zu Fuß von Großbeuthen nach Babelsberg. Es war (und ist) eine Strecke von 21 km; nur eine halbe Marathon-Distanz. Manches war leicht möglich. Ich erwähne es, denn es war damals wichtig, es war ja damals nur möglich mit einem eigenen Fahrzeug oder zu Fuß gut nach Großbeuthen zu gelangen.



Der Bauer kennt die September-Sprüche aus der Zeit vor dem jüngeren Klimawandel:


An einem gut' Gewitter-Regen, ist uns Bauern doch viel gelegen.

Wenn du vorm Blitz nur sicher bist – gewalt'ges Donnern schadet nicht.

Die gefährlichsten Sommer sind auch die fruchtbarsten.

Septemberwetter warm und klar – das gibt ein gutes nächstes Jahr.



Im September waren Christian Fe. und Christoph Ja. Kühe hüten, etwas entfernt vom Ort. Ein frühherbstliches Spätsommer-Gewitter zog auf. Wir suchten den Regenschutz in einer Feldscheune und tauschten viele Erfahrungen über unser langes, rund 17 Jahre altes Leben aus. Bald war der Regen fort – aber die Kühe auch – und wir konnten rennen wie die Hasen, um die lieben milchspendenden Horntiere wieder einzufangen. Auch aus Fehlern lernen wir gut für's Leben. Die Rinder trugen damals selbstredend stolz und wehrhaft ihre Hörner. Nach getaner Einfang-Arbeit schien uns das anschließende Abendessen etwas knapper als sonst und hat wieder vorzüglich geschmeckt.


Werner Ro. besaß als erster von uns ein West-Nylon-Hemd. "Welch Erstaunen", wie er es (vor allem den Kragen innen) mit einem Schwämmchen einfach schnell im Waschbecken reinigte und nach Sonnen- und Windtrocknung schon kurz darauf wieder anzog. Na ja, als ich viel später auch mal ein solches Hemd hatte, merkte ich schnell wie unangenehm man darin verstärkt transpirierte.




Im Märzen der Bauer ... oder ... Im Lenzing der Buer ... :

Graue Wolken, starker Wind, selten ohne Regen sind.

Nicht immer kommt ein Regen, wenn Wolken sich bewegen.

Wenn bei dir die Drossel schreit, dann ist der Lenz nicht mehr so weit.



Ich wurde neulich freundlich darauf aufmerksam gemacht, dass ich in der ersten Ausführung meines Berichtes das nun folgende kleine Ereignis vergessen hätte und doch nachtragen solle. Also: Ich hatte es natürlich nicht vergessen, doch ich schreibe nicht alles auf und bewahre ohnehin stets absolutes Stillschweigen, die Diskretion, wenn Belange auch noch anderer Menschen berührt werden. Aber wenn es nun wirklich geschrieben werden soll, dann frischauf: Im Frühjahr 1963 wurde eines unserer vielen Mädchen, die liebreizende G., von plötzlichen grässlichen Bauchschmerzen geplagt. Sie musste zur ärztlichen Untersuchung ... und kam nicht mehr zurück – vorerst – aber später dann wesentlich erleichtert. Im Krankenhaus Ludwigsfelde, Außenstelle Gröben, ließ sie den schrecklich entzündeten Wurmfortsatz ihres Blinddarms. Für immer. Das war zu "unserer Zeit", als es noch nicht so wie heute üblich war, mit kleiner Spritze süß zu schlummern bis alles vorbei und der Bauch wieder zugenäht war. Nein, damals gab es gleich Äther auf den noch wachen, "lebendigen" Menschen – bis man das entsetzliche Erstickungsgefühl der Sauerstoffarmut nicht mehr aushielt und dann "im letzten Moment" einschlief. Ich weiß das noch so genau, weil ich es eine Weile vor der G., an mir selbst erlebt hatte.

Im Krankenhaus, also im Gesundungsgebäude, traf ich geraume Zeit nach der Operation etwa zeitgleich mit G's Eltern zum Besuch ein. Ich wartete also und hatte die Zeit, mich gedanklich in die bereits vergangene Situation hinein zu fühlen, roch wieder den Narkose-Äther, erlebte erneut das Erstickungsgefühl, sah vor meinem "geistigen Auge" den Film wie die Medizinmenschen in des schönen Mädchens geöffnetem Bauch hilfreich herum schnipperten, hörte wie die mir bekannten Instrumente klapperten, einrasteten, sah die Tampons neu-weiß und benutzt-rot. Ich konnte noch nachträglich die Prozedur genau verfolgen. Vor lauter leisem und tiefem Mitgefühl wurde meinem Blut-Kreislauf plötzlich schlecht dabei, ich fühlte den Blutdruck rapide sinken, so dass ich nur noch rote und schwarze Tupfer vor mir tanzen sah, mir einen Moment später völlig schwarz vor Augen war und mir "der Boden unter den Füßen weggezogen wurde", ich für einen Moment "wegtrat". Bisher hatte ich eben nur die Gelegenheit gehabt, interessiert in verschiedene geöffnete Tierbäuche Einblick zu nehmen aber in ein freundliches Mädchen hinein, hatte ich noch nie so tief geblickt. Nicht mal in dessen Augen. Das war etwas völlig anderes! So, das sollte ich noch erwähnen, um den Bericht unserer Lehr-Erlebnisse abzurunden und weil es ja wahr war. 'Wa?.



Aus dem bäuerlichen Spruchbeutel für den lieblichen Monat Mai

oder auch Wonnemond genannt – geschüttet:


Wenn die Sonne scheint sehr bleich, ist die Luft an Regen reich.

Hat der Mond heut einen Ring, 's folget Nässe allerdings.



"1. Mai! Kampf- und Feiertag der werktätigen Massen! Kampf- und Feiertag der Klasse der Arbeiter und Bauern im unverbrüchlichen Verbund mit den anderen Werktätigen". "Erster Mai, erster Mai, alle Menschen werden frei!" (Letztgenannter Spruch wurde zu jener Zeit vorsichtshalber schon nicht mehr gerufen – das ist bei mir aus Tradition so drin – und als konservierte Zukunftsmusik).

Damals war es guter Brauch und also Sitte, dass wir zur machtvollen Kampfdemonstration feierlich gekleidet auf der Ladefläche der Anhänger hinter den Traktoren Platz nahmen und dieselnd nach Siethen zum Hauptsitz des VEG töfften. Dort angekommen, marschierten wir dreimal um die Kirche (mit dem eher verhaltenen, textarmen Brummen markiger Kampfeslieder auf den Lippen), was im Anschluss an die Ansprachen in eine Art Kleinkirmes mündete. Sehr schön war das.

Viel fröhlicher war es hier in Siethen und Großbeuthen, als bei unseren vorherigen jahrelang geübten, disziplinierend bewachten Schulmarschierereien von Babelsberg nach Potsdam zur Haupttribüne am "Platz der Nationen", mit den irre langen Stau-Steh-Aufenthalten. Das Einfädeln der Demonstranten, die aus zwei Straßen kamen und am "Leipziger Dreieck" zu einem Y-Menschen-Hauptstrom zusammen geführt werden sollten, hatte in der Praxis nie geklappt. Wir kennen das funktionierende Prinzip vom Reißverschluss und vom Plakatbild des Vereinigungs-Parteitages der kleinen KPD mit der großen SPD. Dort lief alles wie gemalt. Offenbar waren "in meinen Jahren" zu viele verpflichtete interessierte Teilnehmer unterwegs und zu viele inkompetente "Ordner" noch dazu.




Im Juli (Heuert) singen manche Bauernkinder:

Liebe, liebe Sonne lass den Regen oben, dann wollen wir dich loben.

Die Pflanzen aber singen (noch etwas leiser aber eine Oktave höher):

Lieber, lieber Regen, komm' ein bisschen runter, mach uns frisch und munter.


Nie wird hier ein Bauer arm, ists im Juli feucht und warm




Den Staub abzuspülen, hatten wir bei Großbeuthen am Ortsausgang, also in Richtung der Schweinezucht- und Mastanlage die ehemalige Kiesgrube. Sie war voll Wasser gelaufen und sie war angenehm für "unsere Nutzung". Erstaunlicher Weise war aber auch diese beim Füllvorgang nicht übergelaufen – jemand hatte die Zulaufquelle gerade noch rechtzeitig abgestellt. "Unsere Nutzung" bedeutet hier ganz kumpelhaft: Für die Menschen und unsere Pferde. Mit den Amöben und Kaulquappen badeten wir sowieso gemeinsam und an dramatische Zusammenstöße mit Fischen kann ich mich nicht erinnern. Die Kiesgrube, unser See, war groß genug, romantisch gelegen, teilweise von Bäumen umstanden und mit einer Insel versehen. Herr Bruno Abromeit, ihr wisst schon, der zeitgenössische Leiter der Betriebsberufsschule – bitte den Namen etwas "härter" aussprechen, denn seine Sippe kam aus der Gegend Litauens –, hatte in seiner Fürsorglichkeit und in Erwartung von Lehrlingen, die vielleicht der Schwimmkunst noch nicht mächtig seien, von einer Raupe mit Schiebeschild (Kettenschlepper) am Rand des Gewässers zusätzlich das flache, bald nach ihm zu seiner Ehre benannte "Abromeit-Planschbecken" ausschürfen lassen (oh nein, bitte nicht: "ausschlürfen" lesen), das jedoch unter der Ufererosion bald wieder versandete. Aber die Kaulquappen und ihre Froscheltern waren zeitweilig voll des Dankes dafür. Die Kiesgrube – ein herrliches "Naherholungsgebiet" für uns. Joachim sagte noch viel später voller Freude (bitte nicht lesen, sondern nur zuhören – das ist effektvoller): "Wenn ich meinen See seh', brauche ich kein Meer mehr". Zwar haben das schon mehrere Leute so empfunden und gesagt aber Schönes im Leben soll man ruhig öfter wiederholen.

Herrlich war es an unserem See, bis dass es später die befreundeten, in Militärmäntel gehüllten Sowjetmenschen ebenfalls erkannten, es annektierten und daraus ein Übungsbad zur Ertüchtigung ihrer Kampfeskraft mit Schwimmpanzern und ähnlichem kriegerischen Verteidigungsgerät machten. Die spätestens ab 1994 herrenlose Kommando-Zentrale ragte noch weit ins 21. Jahrhundert hinein, als ein Mahnmal an die Zeit des "Kalten Krieges". Den vielen Jungsozialisten des Volkseigenen Gutes und den Dorfbewohnern blieben aber auch in jener Zeit durchaus das häusliche Waschbecken und, wer hatte, die Dusche. Trotz all dieses neuzeitlichen Komforts: in unserer alten Zeit hatten wir Jungen es eben noch viel schöner.

Joachim B. hatte den Zugang zu den schönsten Schallplatten, die er bereitwillig zu Gehör brachte und sogar durfte. Es wurde bei öffiziösen Veranstaltungen im Speisesaal nur darauf hingewiesen, dass er als Diskjockey die vorgegebene 60/40-Mindest-Quotenregelung einzuhalten habe. (Anteile der Schlager: Ost/West). Nicht immer klappte es so vollends – das störte niemanden von uns. Wir waren ihm dankbar und freuten uns alle!


Grund zur Freude gab es immer wieder: Es ist kein Geheimnis, dass eine Anzahl von Lehrlingen heiratete (ich meine hier miteinander unter-/ und übereinander, also nicht nur nach "auswärts").




Landwirtschaftliche Erfahrungen für den Oktober oder Gilbhart:


Wenn der Nebel fällt zur Erden, wird bald gutes Wetter werden.

Zieht der Nebel Richtung Dach, folgt bald größ'rer Regen nach.




Tradition war das "Herbstcross" für die Lehrlinge mit ihren Privatfahrzeugen. Das Überstehen eines Geschicklichkeitsturniers, so wie ich es schon damals im Verkehrserziehungs-Zirkel meiner alten Babelsberger Schule praktiziert hatte, war gefragt, darunter auch das Einhand-Kreisfahren mit dem Wasserglas in der Hand. Die übliche Wippe, die Spurgasse, gefolgt vom Bezwingen einer sich anschließenden Trial-Geländestrecke. Ein technischer Defekt an meinem Moped ließ mich auf diesem letzten Teilstück zeitlich weit nach hinten fallen. Da lieh mir Bernd He., der nur als Zuschauer gekommen war, sein Jawa-Moped – ach war das ein niedriges und kurzes Dingel. Damit hätte ich in der Slalomkurvengasse (die leider schon hinter mir lag) ein "leichteres Spiel" gehabt. Nun, "eine goldene Palme" konnte ich nicht gewinnen aber schon das Dabeisein hat Spaß gemacht.

Unser Mitschüler Werner Ro., der Athlet unter den Lehrlingen, nannte ein Motorrad vom Typ RT 125/3 sein eigen. "RT" – stand selbst in der DDR noch immer für "Reichs-Typ", abgeleitet von "Deutsches Reich". Eine ursprüngliche Vorkriegs-Entwicklung von DKW, ein sehr zuverlässiges kleines Gefährt, das in der Nachkriegszeit in mehreren Ländern Nachahmung (oder richtiger: "Abkupferung") erfuhr. Es war bei seinem Maschinchen wohl ein ungewöhnlich zeitig eingestellter Zündzeitpunkt, die "Frühzündung" daran schuld, dass er uns seine Zirkusvorstellungen bieten konnte. Auf jeden Fall war es so, dass die Pleuelstange die Kurbelwelle auch mal anders herum antreiben konnte und diese wirkte übers Getriebe genauso auf das Hinterrad, so dass es ihm möglich war rückwärts zu fahren. Aber eben: nicht nur rückwärts. Eintrittsgeld hat er für seine Vorführungen nie genommen.


Im zweiten Lehrjahr wird die Klasse dann mal zu einer Veranstaltung in die Berliner "Volksbühne" fahren und auch ins Kino, beispielsweise zu "Die Abenteuer des Werner Holt".



Spätherbst-Erkenntnisse im Monat "Nebelung":

Der Abend rot und weiß der Morgen – so macht das Wetter keine Sorgen.

Im November Morgenrot – ein gar langer Regen droht.


Bei Hannelore Bo. hatte ich die Ehre, einen Beitrag für ihre Poesie-Sammlung zu leisten. Doch so schnell fiel mir nichts Gescheites und außerdem Passendes ein. Es hatte eine deftige Anmutung des Patheto-Theatralischen, als ich ihr aufschrieb: "Das sind die Starken, die unter Tränen lachen, ihr eigenes Leid vergessen und andere fröhlich machen". (Liebe Hannelore, heute würde ich etwas anderes notieren). Und sie erwiderte freundlich, obwohl ich ja gar kein Poesiealbum führte: "Immer strebe zum Ganzen! Und kannst Du selber kein Ganzes werden, schließ' als dienendes Glied an ein Ganzes Dich an". Das also ist ihr Rezept für einen Goofy.

Erst später erkannte ich, dass der Arzt und Dichter Friedrich Schiller auch schon ähnlich Gutes aufgeschrieben hatte. Klassiker sind für uns stets aktuell. Vorerst will ich mal ohne Strebertum streben und mich noch nicht gleich dienend anschließen. Aber trotzdem: Ein Austausch, der vor einem halben Jahrhundert binnen weniger Minuten stattfand aber noch heute präsent ist. Wie so vieles. Schön.


Horst Sch. erhält von unserem Lehrer Herrn Brandt, eine mündliche Anerkennung: In einem (Lehr)-Jahr hat er es geschafft, sich dass Spielen der Gitarre fast ganz alleine beizubringen – mit einigen guten Ratschlägen und Übungsunterstützungen Erfahrener.


Unwichtige "Randnotiz" zu der ewig jungen Frage an mich, warum ich nur ein Jahr in Großbeuthen weilte – über drei Jahre Lehrzeit hätte ich doch ein wenig mehr zu berichten gewusst. Das war so: Nach einem kleinen Ausrutscher und anschließenden anhaltenden Schmerzen im unteren Rückenbereich, überwies mich die Poliklinik Ludwigsfelde vorsichtshalber sofort zur orthopädisch-chirurgischen Klinik nach Potsdam-Babelsberg. Ich blieb gleich dort vom Mai bis zum Juli 1963. Hier bekam ich eine individuell angeformte "Liegemolle" aus Gips, die die unter Belastung durcheinander geratenen Wirbelstellungen korrigieren sollte. Bei der Entlassung aus der Klinik bekam ich die Gipsschale mit nach Großbeuthen (für die Zeit der Nachtruhe) und den guten Rat, die gerade hingebogenen Wirbel bloß nicht wieder gleichermaßen zu belasten, die landwirtschaftliche Tätigkeit und somit diese Lehre aufzugeben.


In den "Sommerferien", im Monat August, fuhren wir Beuthener zu den so genannten Studientagen an die Ostsee und ich durfte trotz der bevorstehenden Auflösung des Lehrvertrages noch mit fahren. Vormittags Schulunterricht, am Nachmittag Freizeit. Schlafen in Zelten, die Schlafdecken mit dem wichtigen Aufdruck "Fußende" versehen, um mit jener Seite lieber nicht die Nase zu bedecken. Diese Tage waren mit erlebnisreichen Ausflügen nach Rostock (Hafenrundfahrt), Bad Doberan (Eisenbahn "Molly") und Kühlungsborn (Bäderarchitektur) und weiteren Besichtigungen ausgestaltet. Zahlreiche erfreuliche Angebote innerhalb unserer kleinen Welt. Abstand vom Rhythmus des Alltags.

Uns geht es gut. Ja, mit mancher kleineren Unzulänglichkeit und trotz "grundsätzlich erscheinender politisch-ideologischen Unstimmigkeiten da oben", lebten wir auch in Großbeuthen freundlich "unser normales Leben".

Ein Jahr ist vorüber

Vor dem Beginn des neuen Lehrjahres wurde der Lehrvertrag dann im gegenseitigen Einverständnis aufgelöst. Schade aber notwendig. So werte ich denn die Zeit in Großbeuthen zumindest als ein wertvolles berufspraktisches Jahr. Nur zwölf Monate, die ich aber nicht missen möchte. Ein Jahr für die weitere Orientierung im Leben.

"Vielleicht wird trotzdem doch noch irgendetwas Vernünftiges aus mir" – sagte ich mir damals, mich plötzlich etwas einsam sehend.

Nun, ich wurde also kein voll ausgebildeter Bauer, auch kein Veterinär-Medizinmann. Rückschauend stelle ich heute fest: Trotzdem fand ich durchaus meine guten Wege durch das Berufsleben. Das lebenslange Lernen, die Tätigkeiten, die ich wählte, waren in ihren Spektren vielseitig angelegt, abwechselungsreich, stellten stets neuartige Anforderungen. Ich konnte es im gesellschaftlichen Kontext so gestalten, dass rückblickend nichts zu bereuen war – außer, dass ich das Leben, die Erlebnisse einiger Großbeuthener und Ludwigsfelder freundlicher Menschen nun nicht mehr so gut miterleben konnte und zum Beispiel auf den spannenden Unterricht des Herrn Brandt verzichten musste. Ansonsten: Ein späteres prall gefülltes, buntes Arbeitsleben! Doch so weit sind wir noch nicht.



Immer noch besuchte ich nach meinem Ausscheiden meine Kumpels in Großbeuthen in unregelmäßigen größeren Abständen – versuche die Kontakte zu halten.

So kann ich euch erzählen:

Vorige Woche fragte mich Heidi Sch., ob ich mich preisgünstig um ihre Hunde-Welpchen kümmern könnte? Na klar – ein paar Tage später bekamen sie ihre Wurmkur in Beuthen und danach die Anti-Staupe-Impfung in der Babelsberger Tierarztpraxis.

Am heutigen Sonnabend speiste ich "auswärts" in Blankenfelde, August-Bebel-Straße 35. Ein schöner Tag, um bei Karins Mutter eine Ganztags-Runde Holz zu hacken.

Udo Kriese war 1964 ein wichtiger Schauspieler in der Verfilmung des Buches von 1962: "Egon und das achte Weltwunder". Autor: Joachim Wohlgemuth. 1964 erschien der Film von Christian Steinke, DEFA-Studio für Spielfilme, Potsdam-Babelsberg. Ein etwas verzwickter Stoff, vielleicht ein bisschen sehr unwirklich erscheinend. Der Rabauke und Bauhilfsarbeiter Egon Brümmer wird, nachdem er sich in die schöne Abiturientin und Bestschülerin Christine Lange verliebt hat (sie gilt als das achte Weltwunder), binnen weniger Tage zum Vorbild in der sozialistischen Arbeit. Ja, ja, die Macht der Frauen und der Liebe und des Sozialismus überhaupt und so! Daran sollte man nicht nur am 8. März denken! Hauptdarsteller: Gunter Schoß, Traudl Kulikowski, Heinz Behrens, Eckart Friedrichson (alias Meister Nadelöhr), Udo Kriese und weitere bedeutende Persönlichkeiten. Udo war dort beim Filmstoff gefühlsmäßig vielleicht fast zu Hause, denn dort in der Nähe seines Wohnorts Paulinenaue erstreckt sich das Rhin-Luch, das zu den Meliorationsobjekten gehörte. (Siehe die Schlacht bei Fehrbellin, nicht jene von 1675, sondern die, welche Genosse Volker Braun aktuell bedichtete).


Unser Mitschüler Klaus – fiel neulich aus. Ei., der Daus. Er hatte sich als Schaden leider einen Schlüsselbeinbruch zugezogen. Ooch. Und das kam so – wollt ihr das wirklich wissen? Also:

Zwei Radfahrer bewegten sich in dunkler Nacht auf ihren Fahrrädern. Der Eine wusste nichts von dem Anderen und umgekehrt schon gar nichts. Beide rollten ohne Beleuchtung (man soll sparen, denn "Sparen hilft dem Aufbau – sparen hilft auch dir"). Der Eine rollte auf dem Waldweg von Großbeuthen nach Thyrow, der Andere auf dem Waldweg von Thyrow nach Großbeuthen. Etwa auf halben Wege trafen sie sich. An der gleichen Stelle.

Von einem Zusammenstoß mit Wildschweinen gibt es hingegen hier nichts zu berichten. Das ist eine ganz andere Geschichte, die mir viel später passierte.


Inzwischen hörte ich, dass junge Ehepaare unter den Lehrlingen nicht getrennt im Wohnheim leben müssen, sondern ihr "Familienzimmer" bekommen. Da muss man sich wohl beeilen, denn die Regelung gilt ja nur, solange der Vorrat (an freien Zimmern) reicht.

Ich selber wäre dazu noch viel zu unreif.


Reif wäre die Zeit für ein Treffen schon, liebe Rosemarie, denn die Ludwigsfelder Klassen sah ich das vorige/das "letzte" Mal 1964 beim großen Schul-Sportfest auf dem Babelsberger Sportplatz "Sandscholle". Ich, als eingeladener interessierter Zuschauer, versorgte euch aktive Sportler dort mit Dextropur vor den Wettkämpfen und mit Kuchen nach den Wettkampf-Siegen oder auch zum Trost. Die Sorten-Auswahl: Pflaumenkuchen, Butterkuchen, Bienenstich-gefüllt (ohne Bienen) oblag beim gemeinsamen Einkauf Ingrid Mae. (eine EOS-Klasse über Dir). Ja, Trost ist manchmal wichtig. Ich mag es nicht so sehr, wenn sich alle große Mühe geben, einer gewinnt und die anderen "verlieren". Manchmal hat das Siegestreppchen zumindest schon mal drei Stufen. Am besten scheint es mir, wenn alle, die sich mühten, wissen dürften: Wir alle haben dabei gemeinsam viel gewonnen".


Und schon geht (mit mir nur als Gast) bereits das nächste Lehrjahr seinem Ende zu.

Die jetzige LwA 3, die nun ihren Lehrabschluss begeht und deren Schüler ihren "Facharbeiterbrief mit Abiturzeugnis" bekommen, verpflichten sich zu einem großen Teil nach Nackel zu gehen – das ist ein Dorf östlich der Fernverkehrsstraße 5 gelegen, zwischen Friesack und Wusterhausen, Kreis Kyritz, um sozialistische Hilfe zu leisten. Dort besteht ein großer Arbeitskräftebedarf. Später wird über diese Truppe der Filmstreifen "Gold in Nackel" gedreht. Gold, das sind die goldigen Jungs (die Mädchen aber vor ihnen, an erster Stelle und der weiße Goldstrom der Milch". (Leider habe ich aber dieses Filmwerk nicht gesehen, nicht rechtzeitig von seiner Existenz erfahren, deshalb muss ein anderer, ein Kundiger, darüber berichten).

Auch in anderen Dörfern sieht man einen Mangel an fleißigen, kräftigen Händen und munter-flexiblen Köpfen, allein schon wegen der überall bis zum 13. August 61 aufgetretenen Verluste. Diese Lücken konnten ja anderweitig nicht aufgefüllt werden. Das Land "blutete" jahrelang aus. Etwa 2,7 Millionen Menschen hatten zwischen 1949 und August 1961 unser Land auf Fluchtwegen verlassen. Rund 150.000 versuchten es nach dem 13. August 1961, ungefähr 12.300 Menschen soll die Flucht "auf direktem Wege" dann noch gelungen sein und wohl knapp 30.000 auf dem Umweg über befreundete Bruder-Drittländer. Zehntausende kamen wegen Fluchtversuchs oder Fluchthilfe in die Gefängnisse. Die "Diktatur des Proletariats" sperrte ihre eigenen Arbeiter, Bauern und Angehörige der Intelligenz ein. (Diese Zahlen werden nach der "politischen Wende" in der BRD veröffentlicht; es gibt aber dabei auch unterschiedliche Zahlenangaben).

Warum ist das so? – und noch viel wichtiger: nach welchen Grundregeln könnte man es besser machen? Erkenntnisse dazu sind nicht neu. Schon in der Zeit der französischen Revolution wurde proklamiert, dass die Menschen frei sein sollten, frei von etwaig aufgezwungenen Bindungen des Staates oder irgendwelcher Organisationen, – weil sonst früher oder später etwas schief zu laufen droht. Wir haben von diesen Klassikern gelernt – aber nicht alle von uns.

"Freiheit ist immer auch die Freiheit der Andersdenkenden", sagt viel später Rosa Luxemburg. Sie wurde (auch wegen solcher Sätze) von rechtsextremistischen Offizieren ermordet.

Als prinzipiell gleichwertig, gleichberechtigt sollten die Menschen gelten, ohne eine wertende zwangsweise Einfügung in einen Stand, eine Klasse. Gleich versorgt sein sollten sie mit Rechten und gleichbehandelt vom Gesetz, ohne Ansehen der Person. Das "geschwisterlich"-solidarische Miteinander sollte vom Staat gefördert werden.

Das Regieren soll ein hilfreiches Leiten sein ohne Despotismus, ohne Diktatur, sollte nicht ein Bestimmen von oben sein, sondern im Einklang mit dem Willen des regierten Volkes und also auch mit dem Verzicht auf Anwendung von Gewalt. Die Einflussnahme des Regierens sollte dort aufhören, bevor sie unerwünscht in die persönliche Freiheit (die in den Grenzen allgemein-gültiger Moralauffassungen ausgestaltet wird) eingreifen könnte. Diese Grenzen wären in Rechtsordnungen (Gesetzen) per Übereinkunft zwischen Volk und Regierung allgemeinverständlich und beispielhaft zu definieren.

Die Regierung sollte diese Rechte aller Bürger grundsätzlich gewährleisten und schützen.


Derartige einfach erscheinende Grundlagen, so zeigt es die Geschichte, werden aber selten gewahrt. Persönliches Machtstreben, Geldgier, Durchsetzungsanspruch für bestimmte Ideologien und persönliche Unfähigkeit in der Führungsriege gehören wohl zu den vielen möglichen Hemmnissen.

Die DDR-Regierung bewarb sich seit 1963, "in unserer hier beschriebenen Zeit", um die Aufnahme in die UNO, verpflichtete sich dabei, alle 31 Artikel der Erklärung der Menschenrechte einzuhalten. Vergleichbare Grundsätze finden wir ein Jahrzehnt später, auch in der Arbeit der Konferenz für Europäische Sicherheit und Zusammenarbeit (KSZE), die in ihrer Schlussakte von Helsinki die Selbstverpflichtung zu den Menschenrechten und die Gewährung der Gedanken-, Gewissens-, Religions- und Reise-/Aufenthaltsfreiheit, Überzeugungsfreiheit ohne Beeinträchtigungen der Menschen enthält.

In der Praxis wurde das in verschiedenen wichtigen Punkten/Artikeln, unter den Augen der Weltöffentlichkeit, jedoch weder bis zum Vollzug der Aufnahme in die UNO 1973, noch bis zum Ende, zum "Austritt" aus der UNO im Jahre 1990 verwirklicht.


Freitag. Es war wohl Anfang 1965. Draußen fällt schon den ganzen Tag Schnee. Seit Stunden tagen wir in Großbeuthen zu einer so genannten Komplexkontrolle der BBS. Ich war einer der Teilnehmer in diesem Beraterkollektiv des Rates des Kreises Zossen, abgesandt von der Abteilung Gesundheitswesen und der Arbeiter- und Bauern-Inspektion. Ich erinnere mich schmunzelnd, des vorerst fassungslosen Gesichtsausdrucks vom Chef des Hauses, Herrn Abromeit, – "es könne doch wohl nicht angehen, dass ein ehemaliger Lehrling der BBS ... jetzt, hier seine Arbeit, die der Pädagogen, der Lehrmeister, den Zustand in der BBS mit begutachtet." –

Ja doch, die Arbeiter- und Bauernmacht hatte mich zur Teilnahme bestimmt, weil ich die internen Verhältnisse besser kannte als andere, die eben nur mal heute kurz zu Besuch kamen. Und ich denke, es hat niemandem geschadet. Ich kannte einen Teil der Macken, die verbessert oder wenn möglich, behoben werden sollten. Eine Hilfe dafür, was nicht gut von alleine lief. Und sogar der Chef hat es, unbeschadet an Leib und Seele, überlebt.

Am frühen Abend dann setzte Schneesturm ein und unsere Karin H. bat mich, sie mit nach Hause, mit nach Blankenfelde zu nehmen. So kuschelte sie sich in der Dunkelheit in die Decke und mit dieser in den ungeheizten Superelastic-Beiwagen der Sport-AWO ein und sah im Schneetreiben – überhaupt nichts mehr, konnte nur hin und wieder das Klacken des Schaltgetriebes am monoton brummenden Motor hören, bis wir dann später wohlbehalten vor ihrem GAGFAH-Hause hielten.


Wieder in der Jetzt-Zeit, ein halbes Jahrhundert später, angekommen:

Nun gut, liebe Rosemarie. Jetzt habe ich Dich mit meinen Erinnerungen genug strapaziert. Ich weiß ja nicht, ob Deine Gedanken und Gefühle ähnliche Anknüpfungspunkte finden, weiß nicht, wie Du einzelne Probleme in Großbeuthen oder allgemein in der Gesellschaft sahest. Aber eigentlich ist das auch nicht entscheidend – für meine Auffassungen. Schön wäre es zu erfahren, ob Dir von den damaligen Leuten auch noch jemand "gegenwärtig" ist, auch wenn eure Klasse kam, kurz bevor ich ging. Vielleicht hattest du noch völlig andere Erlebnisse, kennst weitere Anekdoten. Natürlich wäre ich daran interessiert, mit Dir in einem nostalgischen Gedankenaustausch zu schwelgen, um Vergessenes wieder auszugraben.

Schade, dass heute solch Gemeinschaftsleben, lernen und arbeiten auch dort in Großbeuthen undenkbar geworden ist. Und schade, dass dieses zu unserer Zeit ziemlich neue Wohnheim nach der "politischen Wende", bald nach 1989, immer weiter verfiel, ebenso auch das Gutshaus, das zwei Jahre vorher noch mit sehr viel Mühe renoviert wurde. Das Grundstück erinnerte bei meinem vorigen Besuch eher an ein Dornröschen-Märchen, bloß nicht so romantisch und ohne Dornröschen – doch wer weiß? – ich war schon lange nicht mehr in Großbeuthen. Vielleicht ist inzwischen alles viel besser und viel schöner, als bei meinem vorigen Besuch?

Die Hoffnung – lebt immer – solange es ihr möglich ist.


Für heute, liebe Rosemarie, beende ich meinen Brief.

Meine Grüße an Dich – ach was, an Euch alle!!!

Chris Janecke




Unsere Gegenwart erscheint in diesem Augenblick

als das Wichtigere ... aber:


Der heutige Tag ist ein Resultat des gestrigen.

Was dieser gewollt hat, müssen wir erforschen,

wenn wir zu wissen wünschen was jener will.


Heinrich Heine




Nachsätze:

Nun habe ich in meinem Kopf mit mäßigem Erfolg nach einigen Begebenheiten und Anekdötchen gesucht und diese notiert. Es wäre schön, wenn Ihr Leser die Erinnerungen mit eigenen Berichten anreichern würdet, vervollständigend weiterführen könntet. Die Betreuer der Beuthener Heimatstube und deren Besucher wären über weitere Beiträge sehr erfreut.


Ich bin noch nachträglich froh, dass ich dieses eine Jahr und dieses im Zeitraum 1962/63 miterleben durfte. Wir hatten den Schulunterricht, die Schulhausaufgaben zu erledigen und die Tagesarbeit auf dem Feld oder im Stall. Am Abend Freizeit, die wir eigenständig gestalteten. Wir hatten unsere Bade-Kiesgrube, Tätigkeiten in den drei Arbeitsgemeinschaften, sangen, tanzten – oder hörten einfach nur Musik, lasen, diskutierten. Ich denke wir hatten dabei den Eindruck, es fehle uns an nichts Wesentlichem.

Später, so nur mein subjektiver Eindruck, bestand in der BBS weniger Frohsinn, wurde die "Freizeit" organisatorisch von oben stärker belastet, gab es vielerlei politische Vorgaben, die "das Leben straffen" sollten – vielleicht wie häufig überorganisiert – bei der die Disziplin und Arbeitsmoral offensichtlich jedoch sanken. Wen mag das heute noch wundern? Aber auch andere Einflüsse können dazu leider wirksam geworden sein.

Viele Schlagworte aus der "damaligen angespannten Zeit" finden sich in der Arbeit mit den Lehrlingen. Zu den Begriffen für Vorhaben, die sich in munterer Folge ständig abwechselten und dabei den Alltag bestimmten, gehörten:

Abrechnung - Appell - Arbeitseinsätze - Ausbildung von Gruppenführern - Ausbildung: lehrplangerechtere A. - Auswertung des XI. Parteitages der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands - Berufswettbewerb - Demokratische Volkswahlen: Vorbereitung - Disziplinmängel -

Ehrentitel "Sozialistische Brigade" - FDJ-Jugendclub (Arbeitsplan) - FDJ-Jugendkollektiv -

FDJ-Studienjahr (permanente Polit-Schulung) - Fernwettkampf: stärkster Lehrling - Forum mit dem Wehrkreiskommando - Friedensdemonstration - Friedenslauf - Jungwählerforum - Kampfprogramm - Kampf um das Sportabzeichen "Bereit zur Arbeit und Verteidigung der Heimat" - Kampf um den Staatstitel "Kollektiv der Sozialistischen Arbeit" - Kommunalwahlen -

Kampf um die "Urkunde des Staatsratsvorsitzenden" - Militärische Nachwuchsgewinnung -

Lager für Arbeit und Erholung - Leistungsplanung - Lernziele: erreichen der L. (versuchsweises Senken der Hängenbleiberquote) - Schießwettbewerb - Organisation der Zusammenarbeit der FDJ der BBS mit der Dorfbevölkerung - Probleme der Disziplin - Probleme von Ordnung und Sauberkeit Tätigkeit von 20 Arbeitsgemeinschaften (wahlweise) – welch ein Angebot! - Rechenschaftsberichte - Verpflichtungen - Arbeitsbummelei von Lehrlingen, die hier wohnen - Versammlung der Betriebsgruppe der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft - Verteidigung - Aufklärungsforen für die Volkswahlen - Vormilitärische Ausbildung - Wahl in der Grundorganisation der Freien Deutschen Jugend - Wandzeitungsgestaltung - Werbung: Soldat auf Zeit - Zivilverteidigung, Übungen der ZV.


Vorgenannte Schlagworte spiegeln sich in den Brigadetagebüchern (als schriftliche Quelle über die Zeit von 1983 bis '89) und in den Unterlagen zum Titelkampf: "Kollektiv der sozialistischen Arbeit" der Pädagogen (Lehrer, Erzieher, Lehrmeister/Lehrausbilder) wider. Jene Aufzeichnungen künden vom unermüdlichen Ringen der Lehrer und Erzieher sowie Ausbilder und listen teilweise deren Erfolge auf, was uns auch einen Einblick in das Lehrlingsleben während dieser Jahre vermittelt.

Vorausschicken möchte ich, dass inzwischen gegenüber der vorher beschriebenen Zeit 1962/‘63 ein natürlicher Wechsel des Personals stattgefunden hat. Wir treffen also hier (außer dem erwähnten Genossen Abromeit) keinen der eingangs genannten Lehrer und Erzieher wieder.



Einige Gedanken zum Kampf des Pädagogenkollektivs um den Staatstitel

"Kollektiv der sozialistischen Arbeit" ab 1987

(- inzwischen ein Beitrag zur Zeitgeschichte -)



Beim hochqualifizierten Kampfprogramm der "Pädagogen-Brigade" fühlte ich mich tatsächlich aus dem Jahr 2016 in die damalige Zeit der 1980-er Jahre zurück versetzt. Eine Anzahl der Punkte, die dort die souveränen Pädagogen-Akademiker zu Papier brachten, wirken nebulös bis krampfhaft aber nichts sagend. Das hat mich durchaus nicht erstaunt – es war eben sehr häufig so. – Die Nachwirkung auf mich ist trotzdem beklemmend.

Erkennbar ist aus dem Schrifttum, dass es die Pädagogen schwer, es bereits mit sich selber wohl nicht leicht hatten. So wirken die zur weiteren Erhöhung der Kampfkraft, freiwillig auf's Papier gesetzten Selbstverpflichtungen zu Ehren des Friedens und des Vaterlandes für den aufmerksamen Leser recht bürokratisch, lieblos oder eben auch gequält. Als wesentlich bedeutsamer noch will es mir scheinen, dass eben die Lehrlinge genau in dieser Art angeleitet, zu Sozialisten üblichen Sinnes erzogen wurden.

Nicht soll der Apfel weit vom Stamm fallen.

Nicht jeder der damals aktiv Beteiligten oder auch der heutigen Leser wird meine Gefühle, Gedanken, Äußerungen gleichermaßen mit mir teilen. Ich kann das leicht nachvollziehen und akzeptiere Unterschiede im individuellen Empfinden. Ich habe hier auch nur Punkte ausgewählt bei denen sich eine Möglichkeit des Verbesserns anbietet oder sich gar eine Überarbeitungsnotwendigkeit der von den Pädagogen aufgeschriebenen Eigenverpflichtungen aufdrängt und ich habe diese Punkte mit Fragen oder Vorschlägen kommentiert. Es ist also eine einseitige Zusammenstellung. Das bedeutet: auf nette Lehrerausflüge, Jahresend-Feiern, gemütliche Kegelabende und viele andere schöne Aktivitäten der Pädagogen nehme ich hier keinen Bezug. Diese sind ja alle im "Brigadetagebuch" beschrieben. Gehen uns also nicht verloren.

So verpflichtete sich beispielsweise die Schulleitung als eines der Kampfziele: "Schulräume".

"Um unsere Bildungs- und Erziehungsarbeit effektiver zu gestalten werden (von uns Pädagogen) die Unterrichtskabinette konsequent weiterentwickelt."

Feststellung, Fragen und Vorschläge: Konkrete Aussagen fehlen völlig zur "Verpflichtung" – von abrechenbaren Ergebnissen ganz zu schweigen. Hat das niemanden interessiert? Im Brigadebuch, das alle Initiativen und Erfolge erfasst steht darüber ebenfalls nichts.

Was wurde in den Unterrichtsräumen nun tatsächlich positiv verändert? Was und wie wurde "es" und von wem "konsequent weiterentwickelt"? Was hatte das für positive Wirkungen und für welche Schulfächer (leichtere Anschaulichkeit/Fasslichkeit des Stoffes?) Gab es in der Folge dieser gewiss wertvollen, nicht genannten Maßnahmen Verbesserungen der Lernleistungen / des Zensurendurchschnitts der Schüler?

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Verpflichtung/Kampfpunkt Arbeitsbummelei, unentschuldbares Fernbleiben von der Arbeit:

"Zur weiteren Durchsetzung der Ordnung, Sicherheit und Sauberkeit – wird der Kampf um unentschuldigtes Fehlen in der Berufsausbildung konsequent weitergeführt. Wir (die Pädagogen) stellen uns das Ziel, das unentschuldigte Fehlen auf ein Mindestmaß zu senken."

Fragen: Wenn eine konsequente Weiterführung des Kampfes vorgesehen ist, erhebt sich doch die Frage: Was wurde bisher gegen den Schlendrian, gegen das Nichterscheinen zur Arbeit getan? (Hätte man vielleicht besser gegen unentschuldigtes Fehlen kämpfen sollen? Meine kleine Polemik) Das bleibt leider völlig offen. Sinnvolles unternehmen gegen die Disziplinlosigkeit der Arbeitsbummelei von Lehrlingen, die schließlich hier wohnten, die täglich greifbar waren, schiene angezeigt. Wieso soll nun aber das – was bisher leider nicht zum Erfolg führte, "konsequent weitergeführt" werden? Warum haben die bisherigen sozialpädagogischen Maßnahmen keinerlei gewünschte Ergebnisse gebracht? Was und wer hat da versagt? Wurde das von den Pädagogen analysiert?

Was verstehen die Pädagogen unter einem für die Zukunft anzustrebenden ominösen Mindestmaß an unentschuldbarem Fehlen, (welches noch tolerierbar wäre) ... das sie mit ihrem konsequenten Kampf erringen wollen? Wie und womit wollen sie dieses sehr merkwürdige Ziel im sozialistischen Kampf erreichen? Warum nicht den Schlendrian des unentschuldigten Fehlens generell ausmerzen? Gibt es ein anzustrebendes Mindestmaß an Arbeitsbummelei?

Auch die Ergebnisse dieser pädagogischen Kampf-Bemühungen werden, obwohl im Brigadebuch alle Erfolge aufgeführt werden, nicht dargestellt. Gab es keine?

Die eingangs erwähnten, sachbezogenen Punkte: Ordnung, Sicherheit und Sauberkeit auf dem Grundstück werden hier mit dem verhaltensbezogenen Aspekt der Disziplinschwierigkeit / Arbeitsbummelei "unorganisch-künstlich" vermengt. Vermutlich war den Pädagogen die Verschiedenheit der Begriffsinhalte nicht geläufig.

Trotz aller Kämpfe in der Erziehungsarbeit muss der Genosse BBS-Direktor auch an anderen Stellen mehrmals die mangelnde Disziplin anmahnen und er sagt, dass strenger darauf geachtet werden müsse, dass der Zustand des Heimes (trotz der Nutzung durch die Lehrlinge) möglichst erhalten bliebe.

An derartige Probleme kann ich mich für meine Zeit (ein Vierteljahrhundert früher) nicht erinnern!

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Verpflichtung/Kampfziel: Zur Wahrnehmung der Verantwortung seitens der Erzieher

"In der Heimerziehung ist die bereits eingeleitete Erhöhung der Verantwortung der Erzieher ... weiter zu erhöhen und abrechenbar zu gestalten."

Fragen und Vorschläge: Waren den Pädagogen nach den 30 Jahren Jahren des Bestehens von Berufsschule und Lehrlingswohnheim ihre Aufgaben noch immer nicht so ganz klar? Von einem hier nicht dargelegten und deshalb auch nicht als Basis verwertbaren >Stand X< wurde die Verantwortung der Erzieher bereits auf einen >Stand Y< erhöht und jetzt/künftig wird die Verantwortung "noch weiter erhöht", also auf einen >Stand Z< gebracht. Aber warum? Warum erst jetzt? Und mit welchen Zielen, mit welchen zusätzlichen verantwortungsvollen, bisher nicht wahrgenommenen Aufgaben? Obwohl man nunmehr schon richtig erkannte: diese Ziele müssen für eine Abrechnung konkret formuliert sein, die Aufgaben müssen also vorher bekannt gegeben werden, sind diese nicht genannt. Man nennt sie nicht – man kennt sie nicht – wie will man die Ziele, die Verbesserungen erreichen, um jene wie üblich "kämpfen"? Man ist eben wie immer vorerst einmal "konsequent".

Hätte man besser etwas in der Art schreiben sollen: "Hier liegt uns das bisherige Aufgabenblatt (Muster) für die Erzieher vor. Weil die Erzieher nicht ausgelastet scheinen und weil deren Arbeit zum Teil nicht zufriedenstellend erfüllt wurde, haben wir nun gemeinsam dieses neue künftig verbindliche Aufgabenblatt (Funktionsplan, Stellenbeschreibung) aufgestellt. Alle sind damit zufrieden. Alle kennen nun ihre bisherigen und die wenigen hinzugekommenen Aufgaben. Jedem liegen diese zur Erinnerung schriftlich vor. Wir versprechen uns damit die Verbesserung der Arbeit der Erzieher und berichten im nächsten Quartal / im nächsten Jahr zu den einzelnen Ergebnissen". Das wäre 'was Greifbares gewesen!


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Leitspruch der Pädagogen unter den sie ihre Arbeit stellen:

Als Hauptfeld unserer Bewährung sehen wir die Ausbildung junger sozialistischer Facharbeiter für die Landwirtschaft, die Bildungs- und Erziehungsarbeit sowie die Schaffung verbesserter materieller Bedingungen für die Ausbildung! Nur so erreichen wir mit steigendem Leistungswachstum eine hohe Arbeitsproduktivität.


Dazu die konkrete Kampf -Verpflichtung zu Wiederholungsprüfungen bei Durchfallgefährdeten

"Durch gute Vorbereitung der Lehrlinge auf die Abschlussprüfungen wollen wir den Anteil der nötigen Wiederholungsprüfungen von 23 auf 17 im kommenden Jahr senken."

Fragen und Vorschläge: Warum waren 23 Lehrlinge zum Abschluss durchfallgefährdet? Konnten sie die Leistung von ihrer Auffassungsgabe her nicht bewältigen oder waren sie einfach nur faul? Nur das kann doch Auskunft darüber geben, ob dieses angestrebte Senken um etwa ein Viertel, viel oder wenig ist, sinnvoll oder ungut. Warum Durchfallgefährdung zum Abschluss? Kann man diese Gefährdung nicht schon früher erkennen – die Schüler fordern und fördern? Oder leider sagen. Der schafft's intellektuell nimmer und notfalls ... auf einen ordentlichen Teilfacharbeiter-Abschluss hinarbeiten? Allein die Wiederholungsprüfung zum gerade so Durchschleusen? Was sind, wenn es um junge Menschen geht, die das Leben vor sich haben, zwei nackte Prozentzahlen – völlig ohne Aussagekraft. Schon Goethe meinte, dass die Kunst darin bestünde, alle Menschen dahin zu bringen, wohin sie zu bringen sind. Das hieße hier: Zwar mit unterschiedlichen Anforderungen (Niveau) des Lehrabschlusses aber letztendlich zu beiderseitigem Vorteil – nicht unbedingt eine Senkung von gerade 22% ausweisen ... und die anderen Kandidaten, die Mehrzahl der gefährdeten Lehrlinge? – fallen lassen? Oder anders gefragt: Wie können die Lehrer als sozialistisches Arbeitsziel von vornherein einplanen (vorgeben), dass bei höchstem pädagogischen Einsatz 17 Lehrlinge auch im kommenden Jahr wieder durchfallgefährdet bleiben werden – falls dieses hoch gesteckte Ziel erreicht wird?

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Verpflichtung/Kampfpunkt zur Energieeinsparung, zum bewussten Umgang mit wertvollen Ressourcen:

"Um Energie einzusparen, werden folgende Maßnahmen durchgeführt: * Kontrolle der notwendigen Beleuchtung, * tägliche Kontrolle der Raumtemperaturen, * Künftig achten die Lehrmeister auf die vernünftige Nutzung von Dieselkraftstoff, um Einsparungen zu erzielen."

Fragen und Vorschläge: Stellen sich diese Verpflichtungen sowohl qualitativ als auch quantitativ als nebulös dar? Sind diese in die Zukunft schauenden Verpflichtungen nicht allesamt Selbstverständlichkeiten für und von gestern?

Nur als Beispiele: "Wir legen fest: Am Tage wird die Beleuchtung in den Fluren künftig prinzipiell ausgeschaltet! Statt der 4 x 80 Watt Leuchtstofflampen in den Fluren richten wir für die Nachtstunden eine orientierende Beleuchtung mit 3 Stück 25-Watt-Lampen ein. Das ergibt im Jahr eine Einsparung von etwa XX,xx Mark." (Die Leuchtstoff–Leuchten waren ohnehin nicht die größten Verbraucher im Haus). –


Die versteckte Aussage, die Lehrmeister, die Pädagogen, hätten bisher nicht auf den vernünftigen Umgang mit dem Treibstoff geachtet, nimmt sich nicht gut aus. Wurde seitens der Ausbilder oder unter deren Augen zu viel Kraftstoff verplempert? Woran lag es konkret? Angepeilte Ziele oder gar Erfüllungsergebnisse zu den Verpflichtungen werden aber auch hier nicht ausgewiesen. Hätte man nicht bitte etwas Konkretes aufnehmen können, statt: Wir verpflichten uns, anders als in den vergangenen Jahren, künftig vernünftig mit Dieselkraftstoff umzugehen – und dann: daraus "Einsparungen" abzuleiten – nein, lediglich, um den Schlendrian, die bisherige Unvernunft bei den Verantwortlichen auszumerzen, das Normale zu tun!

Man hätte doch auch sagen können: "Wir müssen selbstkritisch einschätzen, dass Stichproben ergaben, dass abgestellte Arbeitsmaschinen in Anwesenheit unserer Lehrmeister oft 20 bis 30 min. im Leerlauf tuckern. Wir legen also verbindlich fest: Steht der Traktor länger als zwei Minuten ungenutzt am Arbeitsort, ist der Motor abzustellen. Wir verbrauchen damit geschätzt 370 Liter Dieselkraftstoff im Jahr weniger, schützen die Umwelt und erreichen damit nun auch einen sonst als üblich geltenden Arbeitsstand".

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Messe der Meister von Morgen

Kommentar: Etwas mehr an Ausführungen hätte ich mir auch zu den MMM gewünscht. Welche Themen waren das im Einzelnen. Von wem kamen die Themen? Wer erarbeitete die Aufgabenstellungen, wer die Lösungen? Hatten die Ergebnisse ideelle Werte oder wurden materielle Erfolge für den Betrieb erzielt (Senkung der Kosten, Einsparung an Material, Verringerung des Aufwandes an Arbeitszeit, Erleichterung an körperlich schwerer Arbeit und ähnliche Faktoren) – bleiben im Wesentlichen ungenannt.

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Meine auswertende Meinung:

Vielleicht hätte man beim Aufstellen eines solchen Kampfprogramms der Lehrer und Erzieher durchaus auch einige "aufgeweckte und unverbildete" Jugendliche als Berater heranziehen sollen. Hätte man mich gebeten – ich hätte etwa gesagt: "Bitte gerne, immer bereit".

Nun gut. Ich bin kein akademisch gebildeter Pädagoge, nur ein einfacher Mensch. Wäre ich aber Mitarbeiter einer Jury zur Begutachtung des Titelkampfes dieses Pädagogen-Kollektivs gewesen und hätte mir ein Genosse BBS-Direktor ein solches Kampfprogramm mit derartigen Wettbewerbs-Verpflichtungen angeboten und dabei solche üblich schönen Worte wie

"Darlegung unserer konkret abrechenbaren Höchstleistungen für den Frieden"

oder

"Unser Beitrag im Sozialistischen Wettbewerb zu Ehren des Vaterlandes"

gefunden, dann hätte ich sein Programm mit helfenden Änderungsbeispielen zurück gewiesen.

Denn es ist ein Spiegel: Genau was die Pädagogen hier ablieferten – in dieser Art wurden die Lehrlinge "erzogen". Ideenlosigkeit. Nichts Originelles. Wundern wir uns also bitte nicht darüber, dass diese Menschen langzeitig Probleme miteinander hatten. Hier vermisse ich kreative Denkprozesse, Denkergebnisse und deren begeisterte Umsetzung, die imstande ist andere Menschen zu begeistern, sie mitzureißen.

Aber dieser "Kampf" in der Praxis: Nun, ich weiß ja wie das lief ... es musste irgendwie laufen. ...

Wahrscheinlich wäre ich die längste Zeit Jurymitarbeiter gewesen. Und in der Wirklichkeit bekam ja das Pädagogen-Kollektiv sowieso unproblematisch auch für diese Qualität seine Urkunden, seine Prämien, seine Orden, seine roten Nelken oder Alpenveilchen (je nach Jahreszeit). Das sollte eben so sein und deshalb blieb auch alles beim alten ... und wurde, weil die Qualität so blieb, gesamtgesellschaftlich eher noch dürftiger.


Sagen wir also optimistisch und unkritisch-positiv als Zeichen der Zeit und der Gesellschaftsordnung:

"Dieses Programm spiegelt farbig die Qualität, den Fleiß und die vielfältigen Initiativen der sozialistischen Pädagogen beim täglichen unermüdlichen Ringen um das Erreichen des Staatstitels wider."

Das "Brigadebuch" der Lehrer und Erzieher und Ausbilder weist auch darauf hin:

Aus dem "Brigadetagebuch": Arbeitspunkt >Erfahrungsaustausch in Freundesland<

Im Mai fuhr eine Lehrlingsgruppe aus der Tierproduktion in den Partnerbetrieb der polnischen Freunde nach Karpacz. Hierfür wurden unsere Lehrlinge alle mit einer ansprechenden vollständigen, einheitlichen Arbeitskleidung ausgestattet.

Kommentar: Wie vom Deutschen Modeinstitut der DDR gestaltet. Und warum? Sollten die polnischen Freunde denken, dass bei uns stets alle Lehrlinge mit einer modischen Einheitskleidung bedacht werden, die der Betrieb zur Verfügung stellt? Eigentlich sollten wir bei den ärmeren Nachbarn keinen Neid erwecken, zumal diese Ausstattung nicht die üblichen, normalen Verhältnisse zeigt! Was sollte das eigentlich bewirken?

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Wie kommt das Wohnheim zu dem Ehren-Namen Siegfried Widera?

Wir haben eine Festwoche zum 30-jährigen Bestehen der BBS 1957–1987. Die offizielle Festveranstaltung dazu am 04. Juni 1987. Am Vormittag das Sportfest. Ein ausführliches Programm wird vorgestellt.

Zu diesem Anlass erhält die BBS / das LWH am Nachmittag den Ehrennamen "Siegfried Widera", der schon in großen Lettern am Eingang zum Wohnheim angebracht ist. Wer war Siegfried Widera? Siegfried Widera (geboren am 12. Februar 1941, war Stabsgefreiter, posthum zum Unteroffizier befördert). Er versah seinen Dienst bei den Grenztruppen im demokratischen Teil von Berlin und wurde am 23. August 1963 von zwei republikflüchtigen DDR-Bauarbeitern, die im Grenzgebiet tätig waren, mit einem stählernen Werkzeug angegriffen und kampfunfähig geschlagen. Dabei erlitt Siegfried Widera einen Schädelbasisbruch, an dem er am 8. September 1963 verstarb. Wir werden sein Andenken stets in Ehren halten.


Kommentar: Es ist schrecklich, wie viele Menschen an der Grenze zwischen beiden deutschen Staaten starben, unter welchen Umständen und mit welcher scheinbaren Notwendigkeit.

Ihnen und ihren Angehörigen gehört unser tiefes anhaltendes Mitgefühl!

Was aber gehörte zu den Umständen des Vorgangs, was blieb ungesagt, uns an Informationen verborgen?Versuchen wir festzuhalten:

Im Grenzgebiet, also unmittelbar an der Grenze, wurden als Bauarbeiter nur handverlesene, zuverlässige Genossen eingesetzt. Wir wissen aber, dass auch oft eben teure SED-Genossen zwei Gesichter hatten und den illegalen Grenzübertritt beabsichtigten, ja, nicht vor Mord und Totschlag an anderen Genossen zurück schreckten.

Der Zeitpunkt dieser Republikflucht lag außerhalb der Arbeitszeit der Bauarbeiter-Truppe. Die beiden später Flüchtenden wollten eben hier (außerhalb des offiziellen Programms) "noch etwas richten" – was als unzulässig galt.

Die beiden grenzschützenden Armeeposten hätten die Bauarbeiter auch schon zur normalen Arbeitszeit mit Abstand und der Waffe in der Hand beobachten müssen, wie es die Dienstvorschrift vorgab. Sie aber ließen sich (in Körpernähe) auf ein kumpelhaftes Schwätzchen ein, so dass sie trotz ihrer Bewaffnung angegriffen und überwältigt werden konnten. Die Bauarbeiter überwanden anschließend die Grenzanlage.

Wäre Siegfried Widera nicht in der Folge dieses Angriffs gestorben, hätte er sich wohl eher vor dem Militärgericht wegen der Vernachlässigung seiner Dienstpflichten verantworten müssen. Er hätte vermutlich keine Beförderung, sondern eher eine Strafe bekommen und das Lehrlingswohnheim Großbeuthen keinen Ehrennamen. Die junge Geschichte zeigt, dass sich das Thema, neben dem tragischen persönlichen Ergebnis, auch politisch nutzen ließ.

Aber das alles ist wie stets nur meine persönliche Ansicht.


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Problemdarstellung: Mängel

Sehr hilflos wirken die Ausführungen des Genossen BBS-Direktors zur "Komplexkontrolle" des Rates des Kreises (Zeitung vom 24. Nov. 1988) wenn er sinngemäß und wiederholt über die mangelnde Disziplin von Lehrlingen spricht und er ausführt, dass er die Funktion des BBS-Direktors vor 4 Jahren (von Gen. A.) übernommen habe, aber jetzt (also in Zukunft), in seinem 5. Regierungsjahr, sich was ändern müsse, weil es mit diesen großen Problemen nicht so weiterginge! Ja, warum kamen die diplomierten Pädagogen mit einem Teil der jungen Menschen nicht mehr klar, was wollte der Chef positiv ändern, wie wollte er es tun, worüber er schon vier Jahre nachgedacht hatte – was wollte er eigentlich damit (außer einem Klagelied) den Beratern des Rates des Kreises mit auf den Weg geben oder gar zukunftsweisend vorschlagen? Offenbar hatte das Pädagogenkollektiv keinerlei Konzepte. Das bleibt offen und es hat vermutlich auch niemand nachgefragt.

Des Genossen Direktors Klagen über die Materialsituation, darüber, dass das Organisieren und Koordinieren einen erheblichen Teil seiner Arbeitszeit als Pädagoge und Direktor verschlänge, war ja so was von mutig aber bestimmt auch verzweifelt. Natürlich – es war ein momentanes Ablassen seines Dampfdruckes – geändert hat es an den Verhältnissen in Großbeuthen oder am Wirtschaftssystem überhaupt nichts.


Und trotzdem wurden beispielsweise die Großvorhaben des Sportplatzes und der Kombihalle für Sport und Ausbildung realisiert. Das muss in der damaligen Zeit als eine große Organisationsleistung angesehen und gewürdigt werden. Diese Art von Schwierigkeiten und den unökonomischem Organisationsaufwand kann sich wohl heute kaum mehr jemand vorstellen. Und viele der Beschäftigten haben daran auch lange in ihrer Freizeit mitgearbeitet, Ihr Herzblut dafür gegeben!!!

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Arbeitsgemeinschaften

Es gibt bei uns eine große Anzahl von Arbeitsgemeinschaften: - Volleyball, - Elektronik, - Technisches Basteln, - Reitsport, - Fußball, - Weltgeschichte, - Fotografie, - Textiles Gestalten, - Aquarienfreunde, - Kulturgruppe, - Schießen, - Tischtennis, - Schwimmen, - Billard, - Popgymnastik, - Motorsport, - Kraftsport, - BBS-Chronik, - Kochen, - Nähen.

Kommentar: Traumhaft! Eine aufopferungsvolle Leistung der Leiterinnen und Leiter. Hätte die Heimatstube heute noch deren Aufzeichnungen – es wäre wundervoll. Wo mögen die Pädagogen all die wertvollen Dokumentationen, die Zeugnisse der Zeitgeschichte, aufbewahrt haben?

Ob zumindest für die Lehrlinge in den Arbeitsgemeinschaften ein Ausgleich für Geist und Seele bestand?

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Auszeichnung '88?

Irgendwann in diesem Jahr – war es zum 1. Mai oder doch vielleicht zum 7. Oktober (?) erfuhren wir aus einer Zeitung, dass der frühere Lehrling (etwa 1961–1964) aus unserer BBS, Günter Böhme, in diesem Jahr in Würdigung seiner Leistungen beim weiteren sozialistischen Aufbau der Deutschen Demokratischen Republik nun auch mit dem "Vaterländischen Verdienstorden in Gold" ausgezeichnet wurde.

Er füllt mit der äußerst wichtigen, schwierigen und umfangreichen Tätigkeit seine Funktion als stellvertretender Abteilungsleiter beim Zentralkomitee der Sozialistischen Einheitspartei hervorragend aus.

(Diese wichtige Zeitungsnotiz schnitten wir sorgfältig für die BBS-Chronik aus aber leider ging uns die Angabe von Quelle und Datum dabei verlustig. Es war aber wohl im Jahre 1988).

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Nun, diese Art von Verpflichtungen zum täglichen Kampf waren nur einige Details aus den Darstellungen des ganz wirklichen Lebens, die später eher etwas eigenartig anmuten mögen. In der kleinen Welt schien ihnen äußerste Wichtigkeit beigemessen worden zu sein – gab es aber, schaute man über den Deckelrand hinweg, nicht weitaus größere Probleme?

Anhang 1

Erläuterungen zu Abkürzungen und zu zeitgenössischen Ausdrücken in der Reihenfolge,

wie diese im vorstehenden Text auftraten


ZAPO Zehnklassige Allgemeinbildende Polytechnische Oberschule, mit der Unterteilung: Unterstufe: 1. bis 4. Schuljahr, Mittelstufe: 5. bis 8. Schuljahr, Oberstufe: 9. und 10. Schuljahr.

(Zeitlich davor gab es die Bezeichnungen: Grundschule: 1. bis 8. Schuljahr, Mittelschule 9. und 10. Schuljahr, Oberschule: 11. und 12. Schuljahr.

(Im Schultyp: Erweiterte Oberschule (EOS) gibt es die Klassen 9 – 12)

"Junge

Kaninchenzüchter" Kaninchen züchteten wir früher mit viel Spaß und großer Arbeitsleistung auf dem Schulhof – angesichts des mahnenden Ausrufes: "Mehr Fleisch für die Volkswirtschaft, Genossen! Ja?" (um Versorgungsengpässe zu überwinden). Der Hilfe-Rufer hieß Walter Ulbricht und war von Beruf Staatsrats- vorsitzender. Die Genossen Lehrer reagierten auf den Hilferuf und wir Schüler bauten die Ställe, beschafften Tiere, misteten aus, besorgten am Nachmittag von den Wiesen Grünfutter, fütterten vor Schulbeginn bis zum Abend, sprachen und kuschelten mit den Kaninchen ... und die Schulleitung verkaufte später das fleischige Ergebnis dem Staat. Uns Schülern blieb das freudige Tun "für den weiteren Aufbau". Fürs Leben lernen – lebenslang!


BBS Betriebs-Berufs-Schule. Bildung neben der berufspraktischen Lehrzeit.


SED Sozialistische Einheitspartei Deutschlands, zusammengeschlossen aus SPD und KPD, auf das Betreiben der kleineren KPD. (Moskau half dabei recht brüderlich).


Maximus – Lenimus Eine "Verballhornung" von Marxismus – Leninismus, als sozialistische Theorien.


Stabü. Schulunterrichtsfach "Staatsbürgerkunde".


53 17. Juni 1953. Arbeiteraufstand in der DDR. Ausgangssituation: Proteste der Arbeiter gegen das Verschärfen von Arbeitsnormen ohne verbessernde technisch-organisatorische Grundlagen, bei der Beibehaltung (also relativen Senkung) des Lohnes. Beginn: im Berliner Bauwesen, Stalinallee. Niedergeschlagen von der Arbeiterregierung, auch mit Hilfe sowjetischer Panzer.

(Einen weiteren Aufstand gab es 1956 in Ungarn – ebenfalls militärisch mit Hilfe der Sowjetunion niedergeschlagen.)


68 Sommer 1968: Bürgeraufstand in der Tschechoslowakei für mehr Freiheit in Kultur, Politik, Öffentlichem Leben, .... (Prager Frühling). Wurde nach dem Hilferuf der Arbeiterregierung an die Sowjetunion zur militärischen Niederschlagung und Besetzung des Landes erstickt. Die DDR-Regierung hätte die Nationale Volksarmee der DDR gerne mitmachen lassen aber die Führung der Sowjetunion genehmigte das nicht.


1961 Ab Sonntag, 13. August 1961, fast undurchlässiges Schließen aller Grenzen der DDR. Bau einer Mauer mit Vorzäunen (Minen, Selbstschussanlagen, Wachtürmen) auch um Berlin-West. (bis 9. 11. 1989).

In der DDR genannt: "Der antifaschistische Schutzwall" – gegen die eigene (aus dem Land fliehende) Bevölkerung gerichtet.

Im Westen (BRD und Berlin-West) nach Ulbrichts Worten weiterhin als "Die Mauer" benannt.


Weiße Maus freundlich-scherzhafte Bezeichnung für einen Verkehrspolizisten. In der DDR trugen ausschließlich die Polizisten, die im / für den Straßenverkehr eingesetzt waren, eine weiße Mütze. Daher der Name.


VEAB Volkseigener Erfassungs- und Aufkaufbetrieb für landwirtschaftliche und gärtnerische Produkte.


VPKA Volkspolizeikreisamt. Polizeiamt eines Stadt- oder Landkreises. (In der Bundesrepublik: Polizeipräsidium).


Jugendwerkhof Geschlossene Einrichtung in der DDR für Straftäter, die das 18. Lebensjahr noch nicht vollendet hatten und auch für "schwer erziehbare renitente größere Kinder und Jugendliche".


LWH Lehrlingswohnheim, eine weniger strenge Bezeichnung als "Internat".


Anhydrit gegossener, sich daher bei seiner Herstellung in Grenzen selbst nivellierender Fußboden, der nach dem Abbindeprozess erstarrt – und anschließend rotbraun gestrichen und von uns gebohnert wurde. Eigentlich benötigt das Material und seine Farbschicht kein Wachs, wie beispielsweise ein Holzfußboden ihn sich wünscht.

Das Material erinnerte mich an einen Erholungsaufenthalt in Rottleben am Kyffhäusergebirge, wo ich drei Jahre vorher (1959) sein durfte. Dort haben wir zwischen der Barbarossahöhle und Bad Frankenhausen natürliche Anhydritvorkommen als Gestein des Gebirges vorliegen. Hier im Lehrlingswohnheim-Fußboden das gleiche Material aber gebrochen, gemahlen und mit Wasser angesetzt, als "Brei" gegossen.

Liverpooler gemeint ist die englische Musikband "The Beatles".

Arbeiterjungen


DDR Deutsche Demokratische Republik (7. Okt. 1949 – 2. Okt.1990).

Einleitung des Endes der DDR mit dem letzten Staatlichen Wahlbetrug der eigenen Regierung 1989. Gefühltes Ende der DDR, mit der Bekanntgabe der Öffnung der Grenzen am 9. Nov.1989 (seitens des Politbüromitgliedes Günter Schabrowski). Rechtliches Ende mit dem Beitritt der DDR zur BRD, Tag der Deutschen Einheit am 3. Okt. 90. Die DDR ist wie die BRD nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Deutschen Reich hervorgegangen.


Frostperiode, eine persönliche. Der Vorsitzende der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, Vorsitzende der Politbüros und Staatsratsvorsitzender der DDR, Walter Ulbricht (30. Juni 1893 – 01. Aug. 1973) starb kurz vor Beginn der Weltfestspiele in Ost-Berlin, Hauptstadt der DDR (die Hauptstadt der BRD war damals die Stadt Bonn). Um die Stimmung und das Organisieren der Spiele (Staatstrauer wäre erforderlich gewesen) nicht zu stören, wurde der teure Leichnam eben länger gekühlt und sein Ableben erst nach dem Ende der Festspiele bekanntgegeben. Ein Anekdötchen darüber sagt, dass diese Verfahrensweise sein letzter Wunsch auf dem Totenbette gewesen sei, dem man einfach ihm zuliebe entsprochen habe.


W 50 Diesel-Lastkraftwagen, im Autowerk Ludwigsfelde gebaut, Tragkraft

5 t. In viele Länder des Ostblocks = Staaten des Warschauer Vertrages und nach Afrika exportiert. Sein etwa gleich aussehender Nachfolger hieß L 60.


GST-Keller Geräteraum der "Gesellschaft für Sport und Technik", einer auf vielen Gebieten "vormilitärisch ausbildenden Organisation". (Kraftfahrzeugsport, Reiten, Körpersport, Schießen, Funken, Schifffahrt, Flugwesen und -modellsport und wahrscheinlich noch manch anderes mehr).


VEG Volkseigenes Gut. Staatsgut, aus dem 1945 enteignetem Land (Rittergüter) gebildet. Deren Arbeitskräfte bezeichnete man als Landarbeiter.


LPG Landwirtschaftliche Produktions-Genossenschaft. Zusammenschluss der Feldflächen oder/und des Viehbestandes der Bauern /Landwirte auf "freiwilliger Basis" durch Einsicht, das hieß: "freudige Abgabe alten privaten Eigentums, alter Rechte der Bauern bzw. Wiederhergabe des nach der Bodenreform zugemessenen Landes "in einen großen Topf" zur gemeinsamen Bewirtschaftung. (Siehe LPG Typ I, Typ II, Typ III).


RS 09 Ein Geräte tragender Rad-Schlepper, bedeutet hier etwa: Leichter Traktor mit wahlweiser Anbaumöglichkeit vielartiger landwirtschaftlicher Geräte. Dessen Vorgänger war der RS 08, der Nachfolger hieß GT 124.


Plansilvester Die Jahresarbeit und deren Erträge wurden geplant. Betriebe hatten die Vorgabe oder auch den Ehrgeiz, "das Soll" der Staatlichen Produktionsauflage schon früher als zum 31. Dezember zu erfüllen.

Deshalb "feierten" sie schon mal vorab den Abschluss des Jahres oder eben das "Plansilvester" vor dem kalendarischen Jahresende.


Agitprop Ausbildung darin, wie man andere Menschen durch "Agitation und Propaganda" von einer "Sache" überzeugen soll. (Aufklärung, Belehrung, oft mit dem "Holzhammer" gegen den Willen, die Einsicht des Gesprächspartners).


0-8-15 bedeutet sinngemäß: Gleichgültigkeit, Interessenlosigkeit, gegenüber einer Sache, einem Zustand, einer Verfahrensweise, einem Lebewesen .


Raupe Kettenschlepper, schwerer Traktor (nicht auf Rädern mit Luftreifen, sondern eben auf Ketten – wie ein Panzer).



EOS Erweiterte Oberschule, damals die Zeitspanne vom Beginn des 9. bis zum Abschluss des 12. Schuljahre umfassend.



Anhang 2


Was beeinflusste in den Jahren 1960 bis 1965 unser Leben?

Nur einige Beispiele aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft, Kunst und unserem Alltag.


Zur Zeitgeschichte im Jahr 1960

Politik in der DDR:

Zu den Osterfeiertagen flüchten etwa 4.000 DDR-Bürger nach West-Berlin. –

Das Schiff „Völkerfreundschaft“ tritt zu seiner ersten Reise als Urlauberschiff der FDGB an. (Es wurde 1944 in Schweden gebaut). Sein Einsatz dient der Erholung ausgewählter verdienter Werktätiger und Parteiarbeiter. –

Am 22. Juli wird das Solidaritätskomitee der DDR gegründet. –

Am 07. September stirbt Wilhelm Pieck (geboren 1876, Mitglied der KPD, dann SED), der erste und letzte Präsident der DDR. Das Präsidentenamt wird abgeschafft.

Am 12. September beschließt die Volkskammer der DDR auf ihrer 14. Tagung das „Gesetz über die Bildung des Staatsrates der DDR“. Das enthält aber keinen Katalog von Bildungsmaßnahmen, sondern legt fest, welche Amtspersonen sich zur Führung des Staates zusammentun. Der Vorsitzende dieses Rates wird Walter Ulbricht und außerdem Erster Sekretär der Sozialistischen Einheitspartei Deutschland, wie auch Vorsitzender des Nationalen Verteidigungsrates. Bei allen Nachrichten, bei denen sein Name erwähnt wurde, gehörte auch das Nennen zumindest der wichtigsten Funktionen untrennbar dazu. Das, was ja jeder wusste, gebärdete sich immer etwas überlang und sperrig, schien aber wohl unerlässlich zu sein.


W. Ulbricht führt aus, dass die Bauern in der DDR durch die (Zwangs-) Kollektivierung befreit worden sind. Er meint damit: Erstmals werden die Bauern nicht mehr vom Feudalherrn / Großgrundbesitzern / Junkern unterdrückt, die uns ausgesaugten. (Das wussten die meisten schon). Die Menschen hätten erstmals eine geregelte Arbeitszeit, Anspruch auf Urlaub, erstmals gibt es eine staatlich organisierte Kinderbetreuung und die Sozialversorgung. Die Möglichkeit der gemeinsamen Maschinennutzung, die der Einzelne sich meist finanziell nicht leisten könne, und damit also auch gewaltige Arbeitserleichterungen. Völlig unverständlich scheint ihm, warum Menschen, darunter auch viele Landwirte, der DDR den Rücken kehren, das Land fluchtartig verlassen. Ulbricht erklärt die Kollektivierung im April 1960 als abgeschlossen. –


Vom 15. September an, dürfen Bürger aus der BRD nur noch mit einer auf die Person ausgestellten Einreisegenehmigung in die DDR einreisen, die vorher schriftlich in der DDR zu beantragen ist. Westberliner Pässe werden nicht mehr anerkannt. –

In diesem Jahr werden knapp 200.000 DDR-Bürger ihre Heimat verlassen haben. –


Politik in der BRD:

Schnellgerichte werden tätig, um auf die vielen antisemitischen Schmierereien zu reagieren.

Bundeskanzler Adenauer trifft am 14. März den israelischen Präsidenten Ben Gurion in New York. Es geht um die Weiterzahlung von finanziellen Leistungen als „Wiedergutmachung“, die Aufarbeitung der jüngsten antijüdischen Vorkommnisse und vor allem um die Lieferung militärischen Geräts nach Israel. –

Der BRD-Vertriebenenminister Theodor Oberländer tritt zurück. Er war in der DDR – in seiner Abwesenheit – wegen Kriegsverbrechen in der Ukraine und im Kaukasus und der Vorbereitung der Übernahme und Nutzung landwirtschaftlicher Flächen durch Deutschland zu lebenslanger Zuchthausstrafe verurteilt worden. –


Politik im Ausland:

Der Bürgerrechtler Nelson Mandela wird in Südafrika wegen seiner Gesinnung und wegen des friedlichen Auflehnens gegen die Apartheid für 27 Jahre eingekerkert. Erst am 12. Februar 1990 wird er wieder frei kommen. –

Bürgerkrieg im Kongo (1960 – 1963). Die UNO greift ein, um dem Krieg ein Ende zu bereiten. Am 1. August wurde Französisch-Kongo frei und erhielt den Namen Republik Gabun. In diesem Land arbeitet auch Prof. Dr. Albert Schweitzer im Dorf Lambarene am Ogowe.

Ihre Unabhängigkeit erhalten in diesem Jahr 14 afrikanische Länder, die bisher (auf Zeit) Kolonien europäischer Staaten waren. –


Am 08. November gewinnt in den USA John Fitzgerald Kennedy (mit Unterstützung des Texaners Lyndon Baines Johnson, Vizepräsident, Demokrat) hauchdünn die Präsidentschaftswahlen gegen Nixon (Republikaner). Kennedy ist der 35. Präsident der USA. In den USA herrscht eine Aufbruchstimmung, die von dem relativ jungen Präsidenten John Fitzgerald Kennedy ausgeht. Ein Hoffnungsträger für eine neue, gerechte Politik. Am 19. Mai wird er 43 Jahre alt. –


Die Schauspielerin Grace Kelly wird durch Heirat mit Fürst Rainier II (Grimaldi), zur Fürstin Gracia Patricia von Monaco. –


In Jerusalem wird Adolf Eichmann, einer der Hauptverantwortlichen für die Judenvernichtung im Zweiten Weltkrieg, vor das Gericht gestellt. Zur Nazizeit war er Obersturmbannführer bei der berüchtigten SS („Schutzstaffel“) und Leiter des Referats IV B4 (Judenangelegenheiten). Nach 15 Jahren Suche hat der israelische Geheimdienst ihn trotz seiner neuen Identität in seinem argentinischen Versteck aufgespürt und nach Israel verbracht. Der Prozess dauerte sechs Monate. Am 15. Dezember wir er zum Tode verurteilt, im Sommer 1962 gehängt und seine Asche ins Meer gestreut. –


In den Jahren 1959–1961 verordnet China seiner Wirtschaft „den großen Sprung nach vorn“. Jedes Dorf wird zwangskollektiviert, der Agrarstaat soll weitgehend industrialisiert werden – was wohl aber in der Folge nicht so recht gelingt. –


Wissenschaft:

Der schweizerische Tiefseeforscher Jaques Picard und der US-Marineleutnant Don Walsh dringen am 23. Januar 1960 mit dem Tauchboot „Trieste“ zum Grund des Marianengrabens im Pazifik vor. Sie erreichen mit -10.916 m den tiefsten bisher erkannten Punkt der Weltmeere. Diese Expedition erbringt auch aufsehenerregende Erkenntnisse über die Strömungsverläufe im Stillen Ozean und die geophysikalische Beschaffenheit des Meeresbodens. –

Die sowjetische Weltraumkapsel „Sputnik 5“ brachte ihre Test-Tiere wohlbehalten zur Erde zurück.


Medizin in der DDR:

Im April erfolgreiche Impfaktion gegen Kinderlähmung (Polio, Poliomyelitis). Der Impfstoff wurde von Albert Sabin in den USA entwickelt. Die DDR bezieht den Impfstoff aber aus der UdSSR. Die Impfaktion führt zu einem durchschlagenden Erfolg. Es sind später nur noch vier Neuerkrankungen im gesamten Lande. Polio gilt als ausgerottet. –

Medizin in der BRD:

In der BRD wird es im Jahre 1961 mehr als 5.600 Neuerkrankungen an Polio geben. Auch in der BRD wird die Sabin-Impfung, mit zeitlicher Verzögerung, 1962 eingeführt. –


Wirtschaft in der DDR:

Schwedt an der Oder wird am 11. November zur „Chemiestadt“ erhoben. Hier endet die Erdölrohrleitung aus der Sowjetunion, Pipeline genannt. – Gebrauchsartikel aus Kunststoff sind begehrt. „Chemie gibt Brot, Wohlstand und Schönheit“ lautet die Devise. –


Wirtschaft in der BRD:

Es gibt im Lande mehr als 5.250.000 Fahrzeuge, das sind fünfmal soviel wie 1950. –


Bauen in Berlin:

Die neue Gedächtniskirche für Berlin-West (vom Volksmund „Lippenstift und Puderdose“ genannt), ist im Bau, (Bauzeit 1957–63), Architekt Egon Eiermann 1904–1970, einer der bedeutendsten Architekten Deutschlands im 20. Jahrhundert. Geboren 1904 in Neuendorf bei Potsdam (heute Potsdam-Babelsberg). Er schuf u. a. das Abgeordnetenhaus in Bonn (1966–69). Er ist Dozent an der Technischen Hochschule Karlsruhe, gestorben 1970 in Baden-Baden. – Die neue Kirche ist ein Ersatzbau in der Folge der zerstörten, als Kriegsmahnmal gesicherten Kaiser-Friedrich Wilhelm-Gedächtniskirche am Bahnhof Zoo. –


Ab-Bauen in Potsdam:

Am 09. Januar: Sprengung des Fortunaportals des Stadtschlosses. Abriss der Stadtschlossruine auf dem Alten Markt. Einarbeitung ihres Bauschutts und des Schutts von Bürgerhäusern mit vielen wertvollen Architektur- und Ausstattungsdetails in die Sandwälle des Ovals der Besuchersitzreihen des Ernst-Thälmann-Stadions im ehemaligen Kaiserlich-Königlichem Lustgarten. –


Kultur / Unterhaltung in der DDR:

In unserem Fernsehprogramm fördert Heinz Quermann junge Talente in der Sendereihe „Herzklopfen kostenlos“. Es erscheint das DDR-Sandmännchen jetzt ansprechender gestaltet. Wunderschön anzusehen, mit guter Vor- und Abspannmusik und guten Inhalten – davon kann sich der komische Westsandmann eine dicke Scheibe abschneiden. Meister Nadelöhr und Professor Flimmerich erfreuen die Kinder ebenfalls; etwa so wie Flax und Krümel mit Struppi beim Maler Taddeusz Punkt. –

Als Anti–Unterhalter nimmt am 21. März der Genosse Karl Eduard von Schnitzler (im Volksmund bald Sudel-Ede genannt) die Polit-Sendung „Der schwarze Kanal“ auf, in der ausschließlich gegen die BRD kommentiert, polemisiert und gehetzt wird. 30 Jahre werden die mehr als 1.500 Sendefolgen anhalten – bald bis zum Ende der DDR, obwohl die Einschaltquoten sehr niedrig liegen. –


Unterhaltung in der BRD:

Am 23. März: Filmvorführung im ersten Autokino Deutschlands. –

Besuchsweise kehrt Marlene Dietrich (als US-Staatsbürgerin) aus den USA nach Deutschland, in die BRD, zurück. Sie erfährt sowohl Jubel, als auch Ablehnung (Eier- und Tomatenwürfe). 15 Jahre sind es seit ihrem vorigen Besuch her – damals, 1945 kam sie als singende Truppenbetreuerin der US-Streitkräfte in amerikanischer Uniform. Marlene Dietrich schämt sich für das Unwesen Deutschlands im Zweiten Weltkrieg und hält immer noch Distanz zum offiziellen Deutschland. Nach ihrem Tode im Jahr 1992 wird sie trotzdem in Berlin bestattet werden. –


Unterhaltung, weltweit:

Die Beatles aus dem britischen Liverpool treten auf der Bildfläche (in Hamburg) auf.

Ein Schiff wird kommen, Ich bin ein Mädchen von Piräus ... werden gesungen.

Bist du einsam heut Nacht, fragt Elvis Presley in englisch – bald darauf tut es Peter Alexander auf deutsch. Geisterreiter = Ghostrider erwärmen die Gemüter.


Sport:

Olympische Winterspiele in Squaw Valley mit einer gesamtdeutschen Mannschaft. Helmut Recknagel aus der DDR erringt bei Skispringen mit 85 m Weite eine Goldmedaille.

In Rom finden die Olympischen Sommerspiele statt. Eine gemeinsame deutsche Mannschaft trägt die Wettkämpfe aus. Noch verhinderte das Nationale Olympische Komitee (BRD), dass zwei einzelne deutsche Mannschaften auftreten. Es werden keine unterschiedlichen deutschen Nationalhymnen gespielt, sondern Beethovens „Ode an die Freude“, aus der Neunten Sinfonie. Die schwarz-rot-goldene Fahne zeigt auf dem roten Mittelstreifen die fünf olympischen Ringe. Die vier Kanuten (zwei Ost, zwei West) erringen die Goldmedaille. Armin Harry läuft den Olympiarekord über 100 m. Ingrid Krämer (zweimal Gold für das Kunstspringen vom Turm) und Gustav Adolf (Täve) Schur (Radrennen) werden als große Stars gefeiert. –


Bildung:

Zum September 1960 werden für die Schulen der DDR die Bezeichnungen der Zensurenskala verändert:


„Note“

1

2

3

4

5

bisher:

sehr gut

gut

genügend

mangelhaft

ungenügend

Neu:

sehr gut

gut

befriedigend

genügend

ungenügend


DDR. Alltag:

Im Zwickauer Steinkohlenbergbau ereignet sich am 22. Februar ein Methangas-Unglück. Wegen des ausbrechenden Feuers sterben 123 Bergleute. 49 können gerettet werden. –

Im Jahre 1960 wirbt die Post in der DDR vorbereitend bezüglich der Einführung von Hausbriefkästen (kompakte Postzustellanlagen), um eine beschleunigte Zustellung ermöglichen zu können. Das Personal reicht nicht mehr aus. Bisher mussten die Briefträger treppauf, treppab bis zu jeder Wohnungstür laufen. Ähnliches wird später auch mit größeren Metallboxen als Paketzustellanlage eingeführt, die alle paar Straßenzüge zur Selbstbedienung aufgestellt werden. Diese verschwanden jedoch einige Jahre später wieder aus dem Straßenbild. –


BRD: Vom 1. März an wird im Anschluss an die Tagesschau des Fernsehens jetzt auch der Wetterbericht an einer Wetterkarte erläutert. –

Der US-Amerikanische Schauspieler Clark Gable (Vom Winde verweht) stirbt im Alter von 59 Jahren im November 1960 an einer Herzattacke. Er war ein Starkraucher. Seine fünfte Ehefrau erwartet gerade wieder ein Kind von ihm. –

Der Tanz namens „Twist“ kommt auf. –

Im Westen gibt es „Kofferradios“, bei uns in der DDR die kleinen „Schachtelradios“ namens „Sternchen“, vom VEB Sternradio. –

Im Jahre 1800 schätzte man die Erdbevölkerung auf 800 Millionen Menschen. Derzeit beträgt die Erdbevölkerung bereits über 3 Milliarden Menschen und ein weiteres Ansteigen ist vorauszusehen.


Naturgewalten:

Der 3.236 m, hohe Ätna ist auf Sizilien ausgebrochen. –

Tiefen-Temperatur: Im Forschungsstützpunkt Wostok in der Antarktis wurde im August der Kälterekord von - 88,3°C gemessen. –

In diesem Jahr wurde die Ursache des „Vredefort-Ringes nahe Johannesburg (Südafrika) erforscht. Der Kraterdurchmesser des „Ringes“ beträgt fast 220 km. Ergebnis: Die Ursache war ein Meteor-Einschlag vor etwa 250.000 Jahren. Der Meteor wird einen Durchmesser von 1,5 bis 2,0 km gehabt haben. Wahrscheinlich wurde beim Einschlag ein sehr starkes Erdbeben ausgelöst. –

Ebenfalls in diesem Jahr wurde erneut der „Barringer-Krater“ in Arizona untersucht, der von einem Meteor-Absturz vor etwa 25.000 Jahren herrühren soll. Dr. E. M. Shoemaker vom Geologischen Bundesamt Washington ermittelte einen Einschlagkessel von 1,2 km Durchmesser und einer Tiefe von 174 m. Am Kraterboden wurden viele Metallbrocken gefunden. Der Sandstein des Kraters ist glasartig geschmolzen. Hier tritt auch das Mineral „Coesit“ auf, das während jeden Meteoreinschlags gebildet wird. –

Dr. Shoemaker untersuchte auch das „Nördlinger Ries“, nördlich der Donau, zwischen Ulm und Ingolstadt. Die Senke des Ries’ teilt die Höhenzüge der schwäbischen Alb von denen der fränkischen Alb. Der Kessel hat einen Durchmesser von 25 km und besteht aus einem Feld von Granittrümmern aus den Zeiten Jura und Trias, die teilweise glasüberzogen sind. Auch hier wurde Coesit vorgefunden. Es wird geschätzt, dass hier ein Meteor-Einschlag vor 15–20 Millionen Jahren stattgefunden habe. –


Ein Unglück: 15. Mai 1960. DDR. Wegen einer falsch gestellten Weiche kollidieren gegen 20.20 Uhr die Züge Halle – Leipzig und Halberstadt – Bad Schandau miteinander. 54 Menschen verlieren ihr Leben, eine große Anzahl Reisender ist verletzt. –


Zeitgeschehen im Jahre 1961

Politik der DDR:

Die DDR setzt mit dem Schiff „Fritz Heckert“ ein zweites Urlauberschiff ein. Wegen wiederholten Abspringens von zuverlässigen, ausgesuchten Urlaubern während der Fahrt ("auswärtige Republikflucht"), führen die Routen nicht mehr vorzugsweise nach Spanien oder durch das Mittelmeer in die Türkei, sondern eher nach Murmansk und auch in Richtung Kuba. Das ist wesentlich sicherer und noch viel schöner. –

Im Juli verkündet das zentrale Presseorgan der SED „Neues Deutschland“ (Zeitung), dass der Sozialismus in der DDR zwischen 1961 und 1980 aufgebaut werden soll. Dazu werden Teilziele und Arbeitsinhalte bekannt gegeben. –

Die Massenflucht der DDR-Bevölkerung nimmt unwahrscheinliche Ausmaße an. Das Land blutet aus, dem Staat laufen seit 1949 seine Bürger davon. Täglich fliehen etwa 1.000 Bürger in Richtung West-Berlin, Notaufnahmelager Marienfelde – das ist eine gefährliche Existenzbedrohung für die DDR. Zwischen Weihnachten und Neujahr wurden 2.800 Flüchtlinge gezählt, 5.000 dann zu Ostern. Allein im Juli über 30.400 Flüchtlinge. Auch viele ausgezeichnete Fachkräfte gehen. Eine innenpolitische Katastrophe droht. Der Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht sagt: „Jeder, der die DDR verlässt, übt Verrat an der Sache des Friedens und unterstützt die Bundesrepublik, die einen Atomkrieg vorbereitet“. –

Wirtschaftliche Probleme treten verstärkt auf, die Versorgungslage für die Bevölkerung ist als kritisch anzusehen. Lebensmittel werden wieder rationiert. Bei den Engpässen der Versorgung mit Fleisch, Milch und Butter, mahnt Walter Ulbricht beispielsweise: Nach den Erkenntnissen der Wissenschaft – ja? – sollte man nicht zu viel Butter essen. Das fördert die Arteriosklerose“. –Widerstände ruft auch die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft hervor, die doch noch nicht abgeschlossen zu sein scheint, wie verkündet. – Die einseitige Art von Reisefreiheit, die nicht bestehende Meinungsfreiheit, das Fehlen freier geheimer Wahlen tragen zu dieser Situation bei. –

Die Regierung bittet Moskau um Duldung und Unterstützung, die DDR mit militärischer Macht abriegeln zu dürfen. Eine Einverleibung von Westberlin in das Gebiet der DDR droht. –

Im Juni fragt eine westdeutsche Journalistin, ob es stimme, dass die DDR ihre Grenze am Brandenburger Tor einrichten wolle. Walter Ulbricht antwortet darauf. „ ... Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“ ("Niemand hat die Absicht", das ist die bisherige Haltung der Sowjetunion) ansonsten aber gilt sein Spruch bekannter Maßen als dicke fette Lüge – denn am Sonntag den 13. August ist es dann doch schon soweit: „Aktion Rose“. Ost- und West-Berlin werden durch Zäune und eine circa 155 km lange Mauer getrennt, die hundert Jahre bestand haben soll aber 28 Jahre Bestand haben wird. „Die Volks-Abstimmung mit den (forteilenden) Füßen" hat ein jähes Ende gefunden. Der stark belebte Potsdamer Platz beispielsweise, wird ein völlig kahles Niemandsland zwischen Ost und West. Westberlin ruft zum Boykott der S-Bahn auf, die zur DDR gehört. Auf Westberliner Gebiet entstehen Geister-Bahnhöfe. Westberliner Züge durchfahren den Ostteil Berlins ohne Halt. (Potsdamer Platz, Unter den Linden). Gleis A des Bahnhofs Friedrichstraße liegt im Westen, Gleis B im Osten, voneinander getrennt mit einer Stahlwand. Eine Verbindung besteht nur über „eine Schlaufe“ durch den „Tränenpalast“ (Glashalle zur Pass- und Personenkontrolle und zum Abschied). –

Auch die etwa 1.300 km lange innerdeutsche Grenze wird mit Mauern, Stacheldrahtzäunen, Wachtürmen, Selbstschussanlagen und Minenstreifen, befahrbaren Kontrollstreifen (für Autos aber auch Hunde-Laufstreifen) „befestigt. Die BRD nennt diese Grenzbefestigung „Der eiserne Vorhang" / „die Mauer“/ „der Todesstreifen“, die DDR-Führung spricht vom „Antifaschistischen Schutzwall" zur Sicherung der Staatsgrenze“, einer Grenze gegen „die Bonner Ultras“, einer Grenze, die sich allerdings in Wirklichkeit hauptsächlich gegen die Flucht der eigenen Bevölkerung richtet.

Die Westmächte protestieren, greifen aber nicht ein, um wegen der eingesperrten 17 Millionen Ostdeutschen nicht einen Dritten Weltkrieg zu riskieren. Damit ist der Strom der bisher geflüchteten 2,76 Millionen DDR-Bürger fast abrupt gestoppt. Nur noch 12.316 Personen gelingt die Flucht im Zeitraum der geschlossenen Grenze zwischen 1961 und 1989. (Es werden letztendlich verschiedene Zahlen veröffentlicht). Dem weiteren Aufbau des Sozialismus und Kommunismus kann nun relativ ungestört nachgegangen werden. –

Mitglieder der FDJ erhalten den Auftrag, an Wohnungstüren zu horchen, welcher Radio- und Fernsehsender genutzt wird und entsprechende Notizen darüber weiterzuleiten. Auch werden die Empfangsantennen auf ihre Stellung geprüft, mitunter auch gen Osten umgedreht oder auch abgebrochen. –

Nachdem man die Nationalhymne der DDR „Auferstanden aus Ruinen … lass’ es dir zum Guten dienen, Deutschland, einig Vaterland“, nur noch ohne Text, instrumental vorgetragen hört, spielt man auch solche Lieder nicht mehr wie: “Wir sind jung, die Welt ist offen“, obwohl, wenn der Urlaub lange genug währt, man doch durchaus eine Fahrkarte bis nach Wladiwostok beantragen könnte. –

In der DDR fehlen viele Arbeitskräfte – allein in Ostberlin 40.000 bis 50.000 Werktätige. –

Am 07. September wird Ost-Berlin (wegen des Viermächte-Abkommens bisher immer mit Sonderstatus) nun offiziell die Hauptstadt der DDR und gleichzeitig der 15. Bezirk der DDR. –

Ein Wohnungszuzug nach Berlin ist nicht möglich, es sei denn nach dem Antrag eines wichtigen Beschäftigungsbetriebes, für eine wichtige Tätigkeit, dem eine Überprüfung und eventuell eine Genehmigung folgt. Über diesen Betrieb läuft dann die Wohnraumzuweisung. –


Politik in Berlin-West:

19. August: Der US-Vizepräsident Lyndon B. Johnson und General Lucius D. Clay (der 1948 / 49 die "Luftbrücke" für Westberlin organisiert hatte), besuchen Westberlin und beide werden begeistert begrüßt. –

Bundestagswahl am 17. September. Die CDU / CSU erreichen 45,3%, die SPD 36,2 und die FDP erringt 12,8% der Wählerstimmen. Herr Lemmer ist Bundesminister für Gesamtdeutsche Fragen. Handel, Wirtschaft, Wohlstand gelten als Eckpfeiler. Franz Josef Strauß wird Vorsitzender der CSU. Zum ersten Mal gibt es in der BRD nun einen weiblichen Minister, eine Ministerin für das neu gegründete Gesundheitsministerium: Dr. Elisabeth Schwarzhaupt. Adenauer wird zum vierten Mal Bundeskanzler. – Die BRD erlässt ein Sozialhilfegesetz. Die Arbeitslosenquote beträgt 0,8 %. –


Politik im Ausland:

... oder doch noch in Deutschland: In der Berliner Friedrichstraße stehen sich am Check Point Charlie sowjetische und amerikanische Panzer bedrohlich gegenüber, weil den West-Alliierten der Zugang nach Ost-Berlin verweigert wurde. Eine starke Drohgebärde des „Kalten Krieges“, die zum Glück nicht zu einer weitergehenden militärischen Auseinandersetzung führt. –

Den Friedensnobelpreis erhält der Generalsekretär der UNO: der Schwede Dag Hammerskjöld. –


Der Bürgerrechtler und Präsident des Kongos: Patrice Lumumba wird ermordet. –

Zu den politischen Größen dieser Zeit gehören Molotow, Malenko, Nikita Sergejewitsch Chruschtschow (SU), Indira Gandhi (Indien), Habib Burgiba (tunesischer Präsident), McNamara, Henry Kissinger, Generalstaatsanwalt Robert (Bobby) Kennedy, Außenminister Dean Rusk, (alle USA). De Gaulle (Frankreich), Kaiser Haile Selassi v. Äthiopien und andere. –

Auf Kuba schlägt der Versuch Fidel Castro zu stürzen fehl. –


Wissenschaft und Technik:

Und schon wieder ein neuer Schock für die USA. Nach dem Sputnik 1 und dem Start der Hündin „Laika“, schießt nun die UdSSR am 12. April den ersten Menschen in einer ballistischen Flugbahn durch das Weltall, den Fliegerkosmonauten, Major Juri Alexejewitsch Gagarin, Sohn eines russischen Bauern aus dem Rayon Smolensk. Der Start erfolgte in Baikonur (Kasachstan). Nach 10 Minuten Flug erreicht er den Erdabstand für die Umlaufbahn. Er bleibt circa 108 Minuten in der Schwerelosigkeit, umkreist dabei die Erde. Man sagt: er erlebte als erster Mensch den Blick auf den Heimatplaneten aus der Ferne. Die Landung erfolgt planmäßig in Südrussland nahe der Stadt Engels. –

Der Astronaut der NASA Alan B. Shepard hüpft im Mai dagegen nur einmal kurz zum Weltall. –

Westdeutschland erhält seinen ersten Atomstrom vom Versuchskraftwerk Kahl bei Aschaffenburg. –

In Texas stieß bei einer Erdölbohrung der Bohrer in einer Tiefe von 500 m auf Eisen. Natürliche Vorkommen an Eisen sind hier jedoch erdgeologisch ausschließbar. Man hatte einen Meteoriten erbohrt, der 500 m tief in der Erdkruste steckt. Er besteht zu 82% aus Eisen, 10% Nickel und Spuren weiterer Elemente. –

Am 13. Oktober wird in der DDR zusätzlich zu den Lichtfarben der Verkehrsampeln -rot-gelb-grün- das "Ampelmännchen“ eingeführt. –

Es kann erstmals eine Stereo-Rundfunk-Sendung empfangen werden, wenn man die technische Einrichtung schon zu Hause hat. –


Maschinenbau:

Die westdeutsche Autofirma Borgward, die seit 1954 die schöne „Isabella“ gebaut hatte, geht in Konkurs. –

In der DDR wird die Produktion des Kleintransporters „Barkas B 1000“ aufgenommen. Ein formschönes Fahrzeug mit dem Motor des Pkw „Wartburg“. –


Wissenschaft und Technik, Medizin:

In Westdeutschland kommt am 01. Juni die Anti-Baby-Pille auf den Markt – nach ärztlicher Verschreibung und anfangs nur - bitte - an verheiratete Frauen. Ein Aufschrei, besonders aus den Reihen der katholischen Kirche geht um die Welt . „Die Pille automatisiert die Liebe und versaut die Moral“ aber die große Mehrheit der Frauen ist damit einverstanden und außerdem zufrieden. –


Bauen in Potsdam:

Die kriegsbeschädigte Nikolaikirche am Alten Markt trägt ein neues Gerüst zur Aufnahme der Kuppelbeplankung. –


Wirtschaft:

In der DDR werden die bis dahin noch selbständigen kleinen bäuerlichen Betriebe (z.T. den Menschen mit der Bodenreform übergeben) mit staatlichem Druck (nach dem offiziell verkündeten Abschluss) weiterhin kollektiviert. Das Flüchten in den Westen ist ja nun nicht mehr möglich, so dass die Zusammenschlüsse unter Druck erfolgreicher verlaufen, sofern nicht verschiedenen Bauern den letzten Ausweg in der Selbsttötung suchen. –


Die Wartezeit für einen Personenkraftwagen vom Typ „Trabant“ beträgt jetzt etwa sieben Jahre. –

Mit Elektro-Loks bis zum Baikal. Am 10. Oktober ist die Elektrifizierung des 5.500 km langen Teilstücks der Transsibirischen Eisenbahn zwischen Moskau und dem Baikalsee beendet. Die Bahnlinie, die von Moskau bis Wladiwostok am Pazifik führt, ist die Hauptverkehrsader Sibiriens. –


Es beginnt das filmische Großvorhaben: „Die Kinder von Golzow“. Das Leben in der DDR im Dorf Golzow an der Oder wird begonnen biographisch über einen sehr langen Zeitraum zu verfolgen ... und das wird über 1989 hinausgehen. –

Der Tanz „Twist“ hält in der BRD Einzug. Orthopäden warnen vor der ungewohnten Belastung der Knie, andere schimpfen den Tanz „ein Sexualtrauma“. Die DDR-Führung gibt als sozialistisches Gegengewicht einen „anständigen Tanz“ in Auftrag. „Alles tanzt im Lipsi-Schritt“. Der Lipsi aus Leipzig kann sich aber nicht durchsetzen. Der Twist wird von der Jugend geliebt. –


Schule:

Mit diesem Herbst beginnend, bietet sich die Möglichkeit einer Berufsausbildung mit Abitur und dem Abitur mit Berufsausbildung. Die Schwerpunkte sind etwas unterschiedlich angelegt aber die Abschlüsse gelten als gleichwertig. –


Alltag:

Die Stalinallee in Ost-Berlin wird „geteilt“ und in Karl-Marx-Allee und Frankfurter Allee umbenannt, nachdem der frühere sowjetische Staatschef Josef W. Stalin wegen seiner Untaten bei der jetzigen Moskauer Regierung posthum in Ungnade gefallen ist. –

In der DDR besitzt derzeitig schon etwa jede vierte Familie einen Fernsehapparat. –

Vom 29. Juli an, erhalten berufstätige Frauen in der DDR pro Monat einen freien und bezahlten Haushaltstag.

Zu den weltbekannten Persönlichkeiten der Gegenwart werden gezählt:

Sängerin Maria Callas, Geliebte des griechischen Milliardärs Aristoteles Onassis (Ari).,

Marilyn Monroe, Greta Garbo (Die Göttliche) Christiaan Banard, Herzchirurg in Südafrika, Frank Sinatra (Sänger) und viele andere.



Einige Informationen zum Jahre 1962

Politik in der DDR:

Am 24. Januar tritt das „Gesetz über die allgemeine Wehrpflicht in Kraft“. –

Die Chruschtschow-Rede am 25. Februar weckt in der Bevölkerung der DDR die Forderungen nach Reformen. Zitat aus der Rede: „Stalin war ein Diktator“. Solche Äußerungen werden bereits als Zeichen eines beginnenden „Tauwetters“ gedeutet. – Auch die DDR beginnt eine Ent-Stalinisierung. Forderungen nach weitergehender Demokratisierung werden hörbar. –

Wolfgang Harich und Walter Janka werden verhaftet, wegen angegebener Vorbereitung eines „revolutionären Umsturzes“. –

Auf die Initiative der Kirche werden in der DDR „Bausoldaten“ zugelassen, die den Dienst mit der Waffe aus „Glaubensgewissensgründen“ verweigern. Wer sich gegenüber der Wehrpflicht jedoch als Totalverweigerer bekennt, wandert auch jetzt ins Gefängnis. Zwei Jahre beträgt dafür die Normzeit – immerhin länger, als der Dienst mit dem Spaten. –

Am 22. April wird bekannt gegeben, dass sowjetische Fermeldetechniker in Altglienicke (Berlin-Treptow) einen 450 m langen Spionagetunnel entdeckt hätten, von dem 11 Monate lang die sowjetische Telefonverbindung von Zossen/Wünsdorf nach Moskau abgehört werden konnte. Der Tunnel sei vom amerikanischen/britischen Geheimdienst gegraben und ausgestattet worden. –


Die DDR-Bürger Helmut Kulbeik und sein Freund, der 18jährige Baufacharbeiter Peter Fechter versuchen die DDR-Grenzanlagen an der Berliner Zimmerstraße nahe dem Checkpoint Charlie zu überwinden. Kulbeik gelingt die Flucht, Fechter bleibt angeschossen im Stacheldraht hängen und verblutet dort. Erst nach einer Dreiviertelstunde wird er in ein Ostberliner Krankenhaus gebracht. Weder das anwesende amerikanische Militär, noch die West-Berliner Polizei konnte oder wollte helfend eingreifen. –

Im November erhält Premnitz das Stadtrecht. Die jüngste Stadt der DDR zählt 10.000 Einwohner. –


Politik in der BRD:

Der Besuch des französischen Staatschefs Charles de Gaulle bildet den Beginn einer engeren französisch-deutschen Zusammenarbeit (Ein Freundschaftsvertrag wird vorbereitet). –

Hanns Peter Herz moderiert im RIAS die Sendung „Aus der Zone, für die Zone“, politische Kommentare zur Situation, mit der besonders die DDR-Bürger angesprochen werden sollen. –

Die BRD benötigt Arbeiter aus Italien. Gastarbeiter auf Zeit, die so lang ist wie der Bedarf, sind gefragt. Prompt singt Conny Froboes über das Heimweh von zwei kleinen Italienern. Die BRD-Bürger packt hingegen eher das Fernweh. Immer mehr BRD-Menschen verbringen ihren Urlaub südlich der Alpen – eben in Italien. Wir eher im schönen Thüringen soweit die FDGB-Ferienplätze reichen. –


Politik im Ausland:

Ein unbemanntes Aufklärungsflugzeug der USA vom Typ U 2 entdeckt im Oktober den Bau von Raketen-Hangars auf Kuba und dort auch erste Raketen sowjetischer Bauart. (Kuba überlebt durch Versorgung seitens der SU, daher ist das Stationieren nicht gut ausschlagbar). Das Stationieren sowjetischer Atomraketen auf Kuba führt zur Kuba-Krise, bei der die Welt erzittert. Steht die Erde am Rande des Dritten Weltkrieges – diesmal eines atomaren? Die USA befürchtet eine Invasion seitens der SU von Kuba aus. Daher veranlasst der Präsident der USA eine Seeblockade Kubas gegenüber den Militärschiffen der SU und droht mit einer Invasion Kubas. Das Militär der USA und das der Warschauer-Pakt-Staaten stehen in Alarmbereitschaft. Nach dieser gefährlichen Situation drehen letztendlich die mit Raketen bestückten Schiffe der UdSSR den Rückweg an. Der vorbereitete sowjetische Stützpunkt „vor der Haustür der USA“ wird aufgegeben. Der persönliche Kontakt zwischen Nikita Sergejewitsch Chruschtschow und John Fitzgerald Kennedy erbrachte diesen Ausweg aus der Krise. Kuba soll seinen Sozialismus alleine weiter aufbauen. Und die USA, das war eine Voraussetzung für den Abzug, nehmen ihre Raketen aus der Türkei, die dort schon seit 1959 und auch „vor der Haustür der Sowjetunion“ stationiert sind, ebenfalls zurück. Das ist noch einmal gut gegangen. –


Zwischen den unverbrüchlichen sozialistischen Bruderländern UdSSR und Volksrepublik China gibt es einen ernsten kriegerischen Konflikt um die Zugehörigkeit bestimmter Inseln. –

Hungersnot in China. Es werden die Opfer auf 30 Millionen Menschen geschätzt. –

Nach sechsjährigen Kämpfen erzwingen die Algerier die Unabhängigkeit von der Kolonialmacht Frankreich. –


Ab 23. Oktober: Aufstand der Reformer in Ungarn für Freiheit und Demokratie. Ungarn tritt aus dem östlichen Militärbündnis „Warschauer Pakt“ aus. Ab 04. November schlägt die Armee der Sowjetunion erneut einen Aufstand nieder. Die Kämpfe enden am 11. November. Knapp 1.000 Menschen sterben Tausende Verhaftungen und hunderte Hinrichtungen folgen. Etwa 200.000 Ungarn fliehen in den Westen. –


BRD. Pharmazeutische Industrie:

Das „harmlose“ Schlafmittel „Contergan“ führt seit Herbst 1961 zu erheblichen vorgeburtlichen Missbildungen. Es ist rezeptfrei, "weil unschädlich, wie Zuckerplätzchen" und ist trotz erkannter Schädigungen noch immer nicht vom Markt genommen. Etwa 10.000 Kinder werden geschädigt, davon etwa die Hälfte in Westdeutschland. Es wird lange dauern, bis den Betroffenen eine gewisse Art von Gerechtigkeit widerfährt. 1970 wird der Gerichtsprozess gegen den Hersteller, die "Pharmazeutische Chemie Grünenthal GmbH" eingestellt, da der Hersteller bereit ist, für lebenslange Renten der Geschädigten aufzukommen. –


Im Mai hält Herr Dr. Dr. Heinz Dombrowski vom Institut für Physikalische Medizin in Bad Nauheim Aufsehen erregende Vorträge, so z. B. vor der New Yorker Akademie der Wissenschaften: In einer Salzprobe aus Irkutsk hatte er Mikrobenarten gefunden, bei denen die einzelnen Individuen 650 Mio. Jahre alt sind. Die Bakterienkulturen wurden 1.400 m tief unter der Erdoberfläche lebens- und keimfähig eingeschlossen in den festen Kristallkörpern des „Zechsteinmeeres“ aufgefunden. Sie gelten derzeit als älteste Lebewesen – also tatsächlich nicht die Bakterienart, sondern das einzelne Lebewesen. Auch in einem kanadischen Salzstock fanden sich in 1.000 m Tiefe Bakterien, die lebensfähig sind. Das Salz wurde nach seiner geologischen Schichtung auf ein Alter von 380 Mio. Jahre geschätzt. –

Forschungen von Jaques Yves Cousteau mit dem Forschungsschiff „Calypso“: Im Atlantik werden in Nord-Süd-Richtung verlaufende Unterwassergebirge, eine ungeheure unterseeische Gebirgskette mit aktiven Vulkanen geortet. Während der Aktion Précontinent I vom 14.–21. September wird das Unterwasserhaus „Diogène“ erfolgreich erprobt. –


Technik:

In der BRD erscheint die erste elektrische Schreibmaschine auf dem Markt. –

In Japan kommen Filzstifte auf den Markt – in Deutschland erheblich später. –

In Zwickau beginnt die Produktion des Pkw „Trabant P 60“, als Nachfolger des „P 70“, des ersten mit einer (nach dem Zweiten Weltkrieg gefertigten) Kunststoffkarosserie versehenden Fahrzeugs. Die Kombi-Variante wird wohl in Halle gebaut. –


DDR-Wirtschaft:

Kartoffelkrise ab Juli. Zu den Ursachen zählt man die verfehlte Landwirtschaftspolitik (Flucht der Bauern), eine unausgereifte Wirtschaftsplanung, zu kleine Anbauflächen im Verhältnis zum Bedarf der Bevölkerung, die Last der Kriegsreparationen, die allein die DDR für Deutschland an die SU zu zahlen hat. Kartoffeln werden auf Bezugsschein ausgegeben. Funktionäre werden aufs Land geschickt wo sie "es richten" sollen. Die Bevölkerung soll auf andere Gerichte ausweichen – warum denn auch so oft Kartoffeln, Fleisch, Eier und Butter auf dem Tisch? – und das alles auch noch in diesem Jahr, da doch die DDR nach wissenschaftlicher Prognose jetzt gerade die BRD im Pro-Kopf-Angebot überholen sollte. "Überholen ohne einzuholen" ist die Devise der Regierung. –

VMI wird ins Leben gerufen – die Volkswirtschaftliche Masseninitiative. War es in den 1950-ern das Ziel mit dem Nationalen Aufbauwerk (NAW) Kriegsschäden zu beseitigen, so geht es jetzt um kostenlose freiwillige und gemeinnützige Arbeit zu Verschönerung von Grünanlagen, Spielplätzen, Aufräumaktionen und auch Hilfe beim staatlich organisierten Wohnungsbau. Wieder gibt es Einsatzkarten mit Klebemarken. Wer sich also eine eigene Wohnung wünscht, möge hier seine Beteiligung fleißig nachweisen. Betriebe führen auch gemeinsame Arbeitseinsätze am freien Sonnabend durch. Dann werden sie nach sowjetischem Vorbild gern Subbotnik genannt. (Subbota = Samstag). –

Premnitz ist ein Standort der Chemiefaserproduktion. Zur Produktionspalette gehören: „DEDERON“, (DDRon) eine Modifikation des früher gesamtdeutschen „Perlon“ bzw. des amerikanischen „Nylon“. „Wolpryla“, (Wolfen-Premnitz-Polyacrylnitrit), „GRISUTEN“ eine Polyesterfaser. Bereits vor dem Zweiten Weltkrieg wurden dort „VISTRA“ und „TRAVIS“ (Kunstfaser+Seide) hergestellt. –

In der DDR werden Intershops eingerichtet. Das sind Läden für „exquisite Artikel", die man nur mit Geld der BRD kaufen kann. Es soll somit „harte Währung“, die eventuell westdeutsche Verwandte ihren Ost-Verwandten mitbrachte, abgeschöpft werden. –


Bauen in Potsdam:

Im April wird das Reiterstandbild Friedrich des Großen im Hippodrom des Parks von Sanssouci aufgestellt. Dort wird es bis 1980 verweilen und wird dann wieder nach Berlin „Unter den Linden“ "reisen". –


Religion:

Papst Johannes XXIII. erkennt, dass es Zeit wird, die katholische Kirche reformieren. –


Musik:

In Ost-Berlin ist Hanns Eisler gestorben. –


Unterhaltung:

In diesem Jahr beginnen die Dreharbeiten zu der Filmserie James Bond – Agent 007 –mit dem Film „James Bond jagt Dr. No“. – Brigitte Bardot wird als Filmschauspielerin zum Sex-Idol. –

Im Fernsehen läuft die Krimi-Serie „Stahlnetz“ in Westdeutschland und „Blaulicht“ in der DDR. Aber es erscheinen auch regelmäßig der Fernsehkoch Kurt Drummer und der Fischkoch Kroboth aus Rostock. –

In der Musik kam aus den USA der Twist als Tanzschrittfolge nach Deutschland. In der BRD zwei Filme: „Twist ..., dass die Röcke fliegen“ und „Außer Rand und Band mit Twist“ mit dem Schlager von Chubby Checker „Let's twist again“. –

Cornelia Froboess (in Wriezen im Oderland geboren aber in West-Berlin lebend) singt: „Zwei kleine Italiener.“ –

Am 23. Juli gibt es für knapp zwei Stunden erstmals Fernsehen aus den USA – übertragen von dem Telekommunikations-Satelliten „Telestar“. –


Alltag:

05. August 62: Angeblicher Selbstmord von Marilyn Monroe (ihr bürgerlicher Name: Norma Jean). Nach den von zwei Ärzten verordneten aber miteinander unverträglichen Schlaf- und Beruhigungsmitteln stirbt sie des Nachts im Schlaf im Alter von nur 36 Jahren. –

Im Fernsehen läuft die Dauerserie „Familie Hesselbach“. –

In der BRD kommt der glasklare Klebeband „Tesa-Film“ auf. In der DDR gibt es vergleichbar „Prena-Band“ und „Nadir-Band“. –

Am 26. Dezember durchbricht bei Dreilinden (Kleinmachnow, im Bezirk Potsdam, DDR) ein mit Panzerplatten geschützter Bus die DDR-Grenzanlagen nach West-Berlin. Die Flüchtlinge sind zwei Familien (acht Personen), denen diese Flucht gelingt. Sie kamen aus Sachsen. Das Fahrzeug wies acht Einschüsse auf. –

In diesem Jahr überwanden 5.761 Personen die Mauer von Ost nach West und 10.980 flohen über Drittländer aus der DDR. –


Mode:

Von England aus „geht der Minirock“ um die Welt“. –


Sport:

Sportler des Jahres wird in der DDR der Skispringer Helmut Recknagel. –


Naturgewalten: / Unglücksfälle

Januar 1962: Ein recht strenger Winter. Im Januar bis - 21°C.

Schwere Stürme vor Island. Das Containerfrachtschiff „Irina“ sinkt. Andere Schiffe ebenso, auch die Bohrinsel „Frieda“ muss in der Nordsee aufgegeben werden.

Bei einer schweren Sturmkatastrophe am 15., 16., und 17. Januar an der deutschen Nordseeküste sterben 395 Menschen und etwa 100.000 werden obdachlos.

Am 16. und 17. Februar muss Hamburg die große Sturmflut erleben. Der Orkan drückt die Wassermassen in die Elbmündung (Sturm von 120 km/h, am Abend des 16. Februar brechen in Hamburg die Deiche). Das Wasser steigt auf 5,70 m über Normalnull. Es ist die größte Flut, die seit 1825 auftrat ( 5,27 m). Ein Sechstel der Stadt Hamburg steht unter Wasser. 20.000 Menschen mussten evakuiert werden. Viele starben. Besonders stark betroffen ist der Stadtteil Hamburg-Wilhelmsburg. Allein hier wurden 15.000 Personen von den Wassermassen eingeschlossen. Viele Nachkriegs-Behelfsheime, die in Laubenkolonien stehen, sind besonders stark betroffen. 6.000 Gebäude werden zerstört. Die Verwaltung war unvorbereitet und noch am ersten Tag ziemlich hilflos – wie gelähmt. Es bestand keine Katastrophenvorsorge, niemand hatte mit solch einem Ereignis gerechnet.

Helmut Schmidt, Innensenator in Hamburg, leitet die Katastropheneinsätze. Er bringt die Bundeswehr und den NATO-Oberbefehlshaber in Paris dazu, militärische Hilfe zu schicken (Hubschrauber, Lkw, Zelte, Decken). Am 26. Februar findet auf dem Hamburger Rathausplatz die Trauerfeier für die 318 Gestorbenen statt.


1. März 1962

DDR, Bezirk Potsdam. Ein Eisenbahnzug des sowjetischen Militärs fährt aus Richtung Jüterbog in Richtung Berlin. Auf dem Nachbargleis begegnet ihm bei Trebbin der D-Zug Berlin – Leipzig. Kurz vor dem Begegnen schwenkt eine versehentlich ungesicherte Panzerkanone herum und reißt drei Reisezugwagen der Länge nach auf. Der Panzer stürzt dabei vom Güterzug und der Militärzug entgleist. Insgesamt verlieren etwa 80 Menschen ihr Leben. Hunderte Verletzte sind zu beklagen. Fast ausschließlich sind die Rotarmisten betroffen.


Einige Informationen aus dem Jahre 1963

Politik in der DDR:

Ab 01. Februar darf die Zeitung „Sportecho“ erscheinen. –

Auf dem VI. Parteitag der SED verkündet Walter Ulbricht, dass in der DDR nun das Zeitalter des Sozialismus begonnen habe. Es wird das „NÖSPL“ eingeführt, das "Neue Ökonomische System der Planung und Leitung der Volkswirtschaft". Nun, angesichts der vielen Engpässe, ist darin die stärkere Mitgestaltung des Lebens, die stärkere Mitverantwortung der Arbeiter, Bauern, Ingenieure und Wissenschaftler gefragt. Verantwortung für die Planung und Leitung der Wirtschaft versuchsweise auf breite Schultern verteilen. –


Mit Wirkung vom 14. Mai gibt es eine „Arbeiter- und Bauern-Inspektion“ (ABI) als gesellschaftliches Kontrollorgan, in der hauptsächlich Werktätige ehrenamtlich tätig sind, auf die Einhaltung des geltenden Rechts achten und auch an der Bearbeitung von Eingaben der Bürger mitwirken. –

Am 14. November wird Margot Honecker Ministerin für Volksbildung (bis 1989, bis zum Ende der DDR.) –

Ab 12. Dezember 1963 gibt es die erste Passierschein-Regelung, das bedeutet, nach dem Errichten des "Antifaschistischen Schutzwalls" dürfen Westberliner Bürger nach Antrag / schriftlicher Einladung und Genehmigung durch die DDR-Behörden, über Weihnachten (19. Dezember bis 05. Januar) Verwandte im Osten Berlins besuchen. Die Besucher haben sich sofort nach der Ankunft bei den Besuchten, in das jeweilige Hausbuch einzutragen. Das Hausbuch – die stille Auskunftei – eine „schwarze Kladde“ in einem hellgrünen Heftklammer-Einband auf dem das Staatswappen der DDR prangt. Hat der DDR-Bürger aber in Ostberlin keine eigene Wohnung, so verbringt man die Besuchszeit gemeinsam auf der Straße, im Tierpark oder in einer Gaststätte. 700.000 West-Berliner nutzen diese Zeit zu 1,2 Millionen Besuchen. –


Politik in der BRD:

Konrad Adenauer und sein französischer Amtskollege Charles de Gaulle unterzeichnen am

22. Januar den (Elysée-) Vertrag zur deutsch-französischen Zusammenarbeit. Die Vergangenheit zeigt: 5 Kriege in 200 Jahren gegeneinander – diese Erbfeindschaft soll für immer beendet sein. –


Vier Wochen nach seinem 46. Geburtstag, am 26. Juni 63, übt John Fitzgerald Kennedy bei einem achtstündigen Kurzbesuch Besuch (in West-Berlin) Solidarität mit den Bewohnern der geteilten Stadt. Er versichert der Bevölkerung, am Schöneberger Rathaus und an "der Mauer" stehend, dass die USA, stärkend hinter ihnen steht. Zum Schluss seiner kurzen ergreifenden Rede fasst er seine Verbundenheit (zwischen Konrad Adenauer und Willy Brandt stehend) in deutsche Worte: „Ich bin ein Berliner“, womit er einen stürmischen Jubel auslöste. Er gilt als Symbolfigur der Freiheit und wurde begeistert empfangen. –


Am 15. Oktober, nach 14 Jahren der Regierungszeit als Bundeskanzler tritt Konrad Adenauer mit 87 Jahren, wenn auch ungern, zurück. Sein Nachfolger, der bisherige Wirtschaftsminister Prof. Ludwig Erhard, ist 66 Jahre alt.


Politik im Ausland:

Am 22. November wird der 35. USA-Präsident John Fitzgerald Kennedy, der sich für die Bürgerrechte einsetzte, für die Gleichberechtigung der Menschen afrikanischer und lateinamerikanischer Herkunft hinterrücks ermordet. Mit seinem Engagement hatte er sich den Hass von Südstaatlern zugezogen. Die Schüsse trafen ihn in Dallas / Texas bei einer Autofahrt durch die Stadt. Der Täter zielte um 13.30 von weitem aus einem Fensterspalt der 5. Etage eines Schulbuchverlages. Wahrscheinlich lauerten ihm mehrere potenzielle Täter auf. Zwei Schüsse trafen JFK, ein Schuss den Gouverneur von Texas John Conally. JFK wurde auf dem Arlington-National-Friedhof beerdigt. –Der Mord wurde nie wirklich eindeutig aufgeklärt. Nachfolge-Präsident wird Lyndon B. Johnson, der bisherige Vize-Präsident.

Am 24. November wurde der vermutliche Täter, Lee Harvey Oswald, als Gefangener zwischen zwei Polizisten gehend, erschossen, von Jack Ruby, der ebenfalls festgenommen wurde. Waren die Auftraggeber vielleicht dem CIA zuzurechnen, dem FBI, der Mafia oder sollten es wirklich nur ein, zwei verrückte Einzelgänger ohne Auftraggeber gewesen sein? Kaum denkbar.


Wissenschaft / Raumfahrt:

16. Juni: Die erste Frau im Weltall ist die 26jährige Sowjetbürgerin Walentina Nikolajewna Tereschkowa, „Walja“. Sie blieb fast einen ganzen Tag allein im Weltall und umrundete unsere Erde 49 mal. Wohlbehalten kam sie wieder zur Erde zurück. –

Die Forscher um Cousteau erproben erfolgreich Précontinent II, ein kleines „Unterwasserdorf“, errichtet im Roten Meer, an einem unterseeischen Abhang in 11 bis 28 m Tiefe. Zwischen Haien, Seeschlangen, gefährlichen Fischen und vielen anderen Tieren wird hier der Film „Welt ohne Sonne“ gedreht. –


Wirtschaft:

In verschiedenen Branchen wird in der DDR ab September das 3-Schicht-System eingeführt. –

Beginn der Produktion des „Trabant P 601“ in Zwickau. –


Bautechnik:

Der Dresdener Zwinger, der am 13. Februar 1945 zerbombt wurde, ist jetzt im August, wieder vollständig aufgebaut und erstrahlt neu in altem Glanz. Nebenan, die ehemalige Frauenkirche, bildet als Trümmerhaufen ein bleibendes Mahnmal: „Nie wieder Krieg, – wie oft haben das „die kleinen Leute“ schon gesagt. –

Am 15. Oktober 63 wird in West-Berlin die neue Philharmonie, mit einem Dach, wie ein Zelt aussehend, eingeweiht. Der Architekt ist Hans Scharoun. Die Eröffnung geschieht mit einem festlichen Konzert, das Herbert v. Karajan dirigiert. (Die alte Philharmonie war 1944 zerbombt worden). –


Religion:

Es stirbt im Juni in Rom Papst Johannes XXIII. Als sein Nachfolger wird Papst Paul VI. gewählt, der das Amt bis zu seinem Tode im Jahre 1978 ausüben wird. –


Sport:

Die DDR spielt Eishockey gegen die BRD und gewinnt relativ 2:4. –

Im Mai gewinnt der DDR-Radrennfahrer Klaus Ampler die Friedensfahrt, das größte Amateurradrennen der Welt durch die Länder DDR, Polen, CSR. Er wird auch als Sportler des Jahres gekürt und ebenso Ingrid Krämer als Turmspringerin. –

24. August: Eine neue Fußball-Bundesliga wird "geboren". Die BRD konnte mit ihren Amateuren bei den Berufsfußballspielern der Nachbarländer nicht mehr mithalten. Nun hat die BRD ebenfalls eine Profimannschaft und die Erfolge geben dieser Entscheidung recht. 200,- Mark im Monat, zuzüglich einer Siegprämie darf ein Fußballspieler verdienen. –


Unterhaltung:

Am 01. April nimmt ein zweiter Fernsehkanal Westdeutschlands, das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) den Sendebetrieb auf. Und alles kann aus einem Kasten kommen. Nacheinander. –

Im April kommt der Film „Nackt unter Wölfen“ von Frank Beyer, nach dem Buch von Bruno Apitz in die Kinos. Er zeigt Ausschnitte aus dem Leben im Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar (kommunistischer Widerstand), wenn auch die Darstellung nicht in allen Punkten als realitätsnah angesehen wird. –

Von Rolf Hochhut gibt es „Der Stellvertreter“. –

Gitte Haenning, ein bildhübsches Mädchen aus Dänemark, singt mit 16 Jahren am 15. Juni in Baden-Baden: „Ich will 'nen Cowboy als Mann“. –

Das 11. Plenum des Zentralkomitee der SED zieht „Sicherheit und Ordnung“ stärker an: Bereits gedrehte DEFA-Filme wie „Die Sprengung“, „Die Spur der Steine“, mit Manfred Krug oder „Das Kaninchen bin ich“, mit Angelika Waller, werden verboten, kommen nach ihrer Fertigstellung nicht in die Kinos. –

Dagegen startet die Überraschungsserie „Mit dem Herzen dabei“, moderiert von Hans-Jürgen Ponesky (wenn auch recht hölzern) im Fernsehen der DDR. – Hier läuft im Sommer zurzeit der Mehrteiler „Das grüne Ungeheuer“ über die Machenschaften der United Fruit Compagny in Guatemala mit Kathi Szekeli und Jürgen Frohriep. –

In der DDR werden neue Tänze eingeführt: Der „Patschula“, der aus Ungarn kommt und der „Letkiss“, von einem finnisches Volkstanz abgeleitet. –

Das DDR-Fernsehen beginnt mit der Sendefolge „Prisma“ in denen Eingaben / Beschwerdegründe aus der Bevölkerung diskutiert und der Rechtsweg, sowie Ergebnisse aufgezeigt werden.


Alltag:

In der DDR haben wir jetzt den gefriergetrockneten Mocca „Presto“, portionsweise in Aluminiumtütchen luftdicht abgefüllt im Handel.


Naturgewalten:

Vor der Küste Islands bricht ein Vulkan aus, der eine neue Insel erschafft, die „Surtsey“ genannt wird. –

Im westdeutschen Erz-Bergbaugebiet in Lengede (Niedersachsen) sterben Bergleute. Es brach ein Klärteich in den Untergrund und flutete die Grube „Mathilde“. 129 Arbeiter werden verschüttet. 79 können sich retten. Bis zum 01. November werden fast täglich weitere Bergleute gerettet und zwei Wochen nach dem Unglück nochmals 11 Überlebende – auf Initiative und hartnäckiges Drängen der Bergleute – "das Wunder von Lengede“. –


Neues aus dem Jahre 1964

Politik in der DDR:

Ab 02. Januar gibt es pflichtgemäß neue Personalausweise (blaue Heftchen). Beim Abholen sind dafür 2,00 Mark zu entrichten. –

Am 12. Juni wird ein Vertrag über Freundschaft, gegenseitigen Beistand und Zusammenarbeit zwischen der Sowjetunion und der DDR unterzeichnet, in dem unter anderem die Existenz zweier deutscher souveräner Staaten erwähnt und West-Berlin als selbständige politische Einheit bezeichnet werden. –

Der sowjetische Staats- und Parteichef Nikita Sergejewitsch Chruschtschow wird von seinem „Brudergenossen“ und Nachfolger Leonid Breshnew entmachtet. –

Pfingsttreffen der Jugend in Ost-Berlin: Deutschlandtreffen. Es wurde der Jugendsender DT 64 in Berlin, Hauptstadt der DDR, gegründet. –


DDR - BRD: Nach dem 01. November 1964 dürfen (seit dem 13. August 1961) Rentner der DDR (aber eben nur diese), erstmals wieder auf zu prüfendem Antrag und dessen Genehmigung, Besuchsreisen in die BRD unternehmen. Vielleicht gefällt das einem Teil der Rentenempfänger und sie bleiben für immer dort am Ziel ihrer Wünsche? Schön, eine Belastung weniger für die DDR. In diesen Fällen brauchen wir nicht über einen Verrat an der Arbeiterklasse lamentieren. –

Im September 64 gibt es einen Erlass des Staatsrates der DDR. Er hat die Amnestie für alle die kriminellen Elemente zum Inhalt, welche die DDR vor dem 13. August 1961 ohne Staatliche Erlaubnis zu verlassen versuchten. Für jene Strafgefangenen öffnen sich die Zuchthaustore. –

Der nunmehr als Regimekritiker bekannte Prof. Robert Havemann war bis 1963 Mitglied der Volkskammer. 1964 wurde er aus der SED, wegen geäußerter eigener Gedanken, ausgeschlossen und auch als Hochschul-Dozent entfernt. –

Das Chemiezentrum „Leuna – Buna“ wird ausgebaut. –

Im September wird für die Armee das Bausoldatentum eingeführt. Wenn nachvollziehbar, also glaubhaft Gewissensgründe vorliegen, darf der Wehrpflichtige seinen Wehrdienst ohne Waffe, mit dem Spaten leisten. –

Am 21. September stirbt Otto Grotewohl (SPD, SED), der frühere stellvertretende Präsident. –

Ab 02. Dezember gilt für in die DDR einreisende Besucher die Mindestumtauschpflicht von 5,00 DM im Kurs 1:1, d. h. sie bekommen für 5 West-Mark, 5 Ostmark, damit sie während des Besuches weder verhungern müssen, noch gar den Händler in der DDR mit BRD-Geld entlohnen. Dieser kleine Umtauschbetrag wird sich in der Zukunft erhöhen – aber rücktauschen (weil man ja nur eines Brötchens bedurfte) kann man nichts. Die DDR-Regierung benötigt die Westwährung dringend.–


Gesamtdeutsches:

Am 03. Oktober wird in Berlin wieder ein Fluchttunnel fertig. Er führt von der Bernauer Straße (West), 145 m lang zur Strelitzer Straße (Ost) In zwei Nächten fliehen 57 Menschen durch diesen Tunnel. Bei der 3. Fluchtaktion am 05. Oktober kommen Grenzsoldaten der DDR dazu. Es kommt zum Schusswechsel. Der 21jährige Unteroffizier der DDR Egon Schultz wird getötet. Die DDR-Führung stellt das als feigen Mord eines Westagenten und Menschenhändlers dar, obwohl sie es anders / besser wissen. Erst nach 1989, nach Öffnung der Archive der Staatssicherheit der DDR tritt auch öffentlich zutage, dass die tödlichen Schüsse in der Dunkelheit von DDR-Soldaten abgegeben wurden. Das war für den Egon und seine Angehörigen schlimm, das gesamte Szenarium und die Gründe dafür im "kalten Krieg" waren für das gesamte Volk fürchterlich traurig. Zu Ehren von Schultz werden u.a., zumindest auf Zeit, Straßen nach ihm benannt und erhalten ab 1990 wieder ihre alten Namen. –


Politik in der BRD:

Willy Brandt, der Regierende Bürgermeister von West-Berlin, wird ab 16. Februar als Nachfolger von Erich Ollenhauer, Vorsitzender der SPD. Brandt behält diese Aufgabe 23 Jahre lang, dann wird er den Vorsitz an Hans-Jochen Vogel abgeben. –

BRD: Die Arbeitslosenquote in der Bundesrepublik beträgt 0,6%. In Westdeutschland werden Gastarbeiter aus Süd- und Osteuropa angeworben, weil die Arbeitskräfte nicht ausreichen, vor allem auch für die Tätigkeiten, die nicht so sehr beliebt sind. Das Defizit konnten nicht einmal die DDR-Bürger ausgleichen. –


Politik im Ausland:

Nachdem Frankreich 1946 den Vietnamkrieg begann und eine Niederlage erlitt, übernehmen jetzt die USA diesen unsinnigen Krieg gegen das nordvietnamesische Volk, der bis 1975 andauern wird – bis auch die USA dieses zerstörte, vergiftete, verbrannte Land fluchtartig verlassen. Es ist ein Krieg der unterschiedlichen Ideologien von Ost und West, der hier in diesem unschuldigen Land ohne Kriegserklärung, ohne einen erkennbaren Grund, mit allen verfügbaren militärischen Mitteln geführt wird. –

Papst Paul VI. richtet am 26. August einen eindringlichen Friedensappell an die Völker der Welt und erinnert dabei an den Ausbruch des Ersten Weltkrieges vor 50 Jahren und an den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges vor 25 Jahren. –


Medizin:

In der Bundesrepublik wird das Schlafmittel „Contergan“ endlich vom Markt genommen. –


Wissenschaft / Raumfahrt:

Am 12. Oktober umkreisten zum ersten Mal mehrere Menschen in einem Raumschiff die Erde. Es sind die sowjetischen Kosmonauten Komarow, Feokisto und Jegorow an Bord der Raumkapsel Woschod 1.


Technik:

Das Fahrzeug- und Gerätewerk in Suhl bringt das verbesserte Moped (Kunstwort für Motor+Pedale), den Stadtroller „SR 2 E“ auf den Markt. Ab 01. Februar wird auch das KR 51, die legendäre „Schwalbe“ in später immer weiter verbesserten Varianten hergestellt. –

Ab 01. März läuft in der DDR der „Trabant 601" vom Band. Er bleibt in Form und wesentlicher Ausstattung „der Klassiker“, weil die DDR-Führung aus Kostengründen Weiterentwicklungen untersagt. –

Das historische Baudenkmal (Weltkulturerbe) des Tempels von Abu Simel (Ägypten) wird in mehrjähriger Arbeit vor den Fluten des Nils gerettet. –

In Betrieb genommen werden kann die Verrazano-Hängebrücke in New York, mit größter Stützweite von 1.298 m. –


Wirtschaft:

In der BRD wird der 1 Millionste Gastarbeiter begrüßt. Es ist ein 38 jähriger Zimmermann aus Portugal. Er bekommt Blumen, eine Urkunde und ein Moped. Sein Vordermann geht genauso wie sein Hintermann leider leer aus. –

Am 01. August werden in der DDR wieder neue Geldscheine ausgegeben. –

Am 01. Oktober werden in der DDR Postleitzahlen eingeführt. –


Bau:

In DDR-Berlin wird das neue Haus des Lehrers mit der Mosaikbauchbinde in der Nähe des Alexanderplatzes sowie auch die Kongresshalle übergeben. –

Am 15. Juli wird der Grundstein für das Neubaugebiet Halle-Neustadt gelegt, das im Volksmund bald ("Ha-Neu“) genannt wird. Es hört sich so schön brüderlich verbunden nach „Hanoi“ an. –

Am 03. Oktober ist das Staatsratsgebäude mit dem „Liebknecht-Balkon“ des früheren Berliner Schlosses fertig gestellt. Diese Schaufassade zeigt zum Marx-Engels-Platz, einer riesengroßen kahlen Fläche, die nur zu Großdemonstrationen (1. Mai, 7. Oktober) belebt wird. Früher war das der Schlossplatz mit dem Schloss, dem Dom gegenüberliegend. –


Bildung:

Misere in der BRD: Kritisiert werden inhaltlich völlig veraltete Schulbücher. Ebenso wird die Klassenstärke in den Grundschulen von durchaus 40 Kindern im Raum, beanstandet. Auch die Studienprogramme an Universitäten und Hochschulen seien rückständig, heißt es. –


Kultur/Unterhaltung:

Im Januar kommt der erste eigene Western in die West-Kinos: „Der Schatz im Silbersee“ nach Karl May. –

Ab Januar moderiert Hans-Joachim Kuhlenkampf die neue Sendereihe „Einer wird gewinnen“ (EWG). Diese erfolgreiche Reihe wird mit 82 Folgen bis November 1987 laufen. –

„Lausbubengeschichten“ mit Hansi Kraus, geht in der BRD in die Kinos. –

Vom 16. Mai bis zum 18. Mai findet in Berlin das verkürzte und letzte Deutschlandtreffen dieser Art der Jugend statt. 500.000 Jugendliche verleben hier frohe, inhaltsreiche Tage. Bald wird aus den Sendungen das Jugendstudio DT 64 erwachsen und später ein eigener Jugendsender. –


Am 26. Juni sind die „Beatles“ zum ersten Mal im BRD-Fernsehen zu sehen. Sie singen „Please, please me“ und „She loves you“. – (obschon Ulbricht das gar nicht mag). Die Liverpooler Musikgruppe „The Beatles“ hat damit Hochkonjunktur und die Gruppe "Rolling Stones" formiert sich. – Die Sendung mit Heinz Quermann „Da lacht der Bär“ (deutsche Verständigung in Berlin) wird eingestellt. – Frank Schöbel singt „Party –Twist“ und „Mädchen, du bist schön“ (Er darf erstmals in den staatlich verpönten Bluejeans auf der Bühne stehen. Na, das ist doch 'was). –


Mode:

Der Minirock erobert sich die Damenwelt jüngerer Generation. Mitunter wird er als ein breiter Gürtel bezeichnet. –


Sport:

Marika Kilius und Hans-Jürgen Bäumler werden am 26. Februar zum 2. Mal Weltmeister im Amateur-Eiskunstlauf. Anschließend wechseln sie zu den Profis. –

Der Boxer Cassius Clay („Ich bin der Größte“) legt mit 22 Jahren seinen wie er sagt: Den amerikanischen Sklavennamen ab, tritt zum Islam über und nennt sich künftig Muhammed Ali. Für den Vietnam-Krieg verweigert er den Kriegsdienst als Soldat. – Recht so. –

Am 24. August wird der 1. Fußballclub Köln Meister im Profi-Fußball. –


Religion:

Am 01. Juli predigt der farbige US-amerikanische Bürgerrechtler Dr. Martin Luther King in der Berliner Sophienkirche. Das Haus blieb nicht leer. –


Natur:

Im Mai wird bei uns im Raum Berlin die ungewöhnliche Temperatur von etwa 30°C erreicht. Nach dem langjährigen Mittel wären etwa 17°C als normal anzusehen. –


Naturkatastrophen:

In diesem Jahr häufen sich die Erdbeben. Sie traten auf in Italien, in der UdSSR, in China, in der Türkei, in Indonesien, auf den Philippinen und in Guatemala. –


Einige „Gedächtnissplitter“ zum Jahr 1965

Politik in der DDR:

Beim Zentralkomitee (ZK) der SED wird zum Jahresbeginn ein „Institut für Meinungsforschung“ gebildet. (Oh, ha, da scheint ja der Dienstweg für die Aufträge zum Ministerium für Staatssicherheit ein besonders kurzer zu sein). –

Ägypten: Gamal abd el Nasser) empfängt Walter Ulbricht. Das sozialistische Lager steht an der Seite der arabischen Staaten, während die USA und die BRD Israel unterstützen. Als Antwort auf diesen Besuch streicht die BRD die Wirtschaftshilfe für Ägypten. –


Politik in der BRD:

Bundestagsdebatte am 10. März zu Verjährung von Mord und Völkermord. Hintergrund dazu ist der Auschwitz-Prozess (der 20 Monate dauert) und Enthüllungen aus der DDR über Nazi-Karrieren von BRD-Politikern. Eine Entscheidung über Verjährungsfragen wird hinausgeschoben. (Erst 1979 wird man die Verjährung gänzlich abschaffen). –

Eine Sitzung des bundesdeutschen Parlaments wird am 07. April nach West-Berlin einberufen (sonst stets nach Bonn). Die DDR-Führung empfindet das bei dem Sonderstatus von West-Berlin, als eine Provokation und stört die Sitzung mit Tiefflügen von Düsenflugzeugen, die über die Stadt hinweg donnern. Natürlich sind mehr die Menschen auf der Straße, als die Politiker im Kongress-Saal betroffen. (Manchmal geht es im Kindergarten ähnlich zu – bloß harmloser). Außerdem sperrt die DDR für einige Tage die Transitstrecken zwischen Berlin und der BRD zu Wasser und zu Lande. –

Der Bundestag beschließt, keine Waffen mehr in Konfliktgebiete zu liefern. – Ach nee. Eine schöne Theorie über die beste Geldeinnahmequelle. –

Die BRD nimmt am 12. Mai diplomatische Beziehungen zu Israel auf. Fünf arabische Staaten ziehen ihre Botschafter daraufhin aus der BRD ab. –


Politik im Ausland:

Portugal ist die letzte europäische Kolonialmacht. Deren Regierung unterstützt den Kampf gegen die Freiheitsbewegungen in Mocambique und Angola. –

Somalische und äthiopische Soldaten kämpfen gegeneinander. Dabei werden auch Waffen aus der BRD eingesetzt. Auch im Kongo tauchen bundesdeutsche Waffen auf. –

Der sinnlose Krieg der Amerikaner (nun nach den Franzosen als Kriegsherren) in Vietnam breitet sich immer mehr aus. Die Bevölkerung, die den Amerikanern noch nie etwas antat, hat unter den Bombenangriffen sehr zu leiden. Napalm, Gifte, Entlaubungsmittel „für bessere Sicht“ bei den Bombardements. Der Vietnam-Krieg wird bis 1973 andauern. –

Es entsteht zwischen Indien und Pakistan der Kaschmir-Konflikt. –

Der Führer der Schwarzen in den USA, der noch vor kurzem bei uns zu Besuch war: Martin Luther King, nannte er sich, wird ermordet. Er hatte sich sehr für die Gleichberechtigung der farbigen Menschen eingesetzt. Und sein legendärer Traum von gleicher Würde der Menschen, von Freiheit und Gerechtigkeit, über den er am 28. August 1963 auf dem Marsch nach Washington D. C. zum amerikanischen Volk sprach, wird blutig begraben. –

In vielen Ländern Afrikas finden in den Jahren 1965–67 Militärputsche statt. –

Der britische Ministerpräsident Churchill stirbt. –

Der „Politische Erdball“ ist derzeitig in 144 Staaten gegliedert. –


Wissenschaft:

Der sowjetische Kosmonaut Leonow ist der erste Mensch frei im Weltraum. Er verlässt am

18. März das Raumschiff Woschod 2 für 10 Minuten – so auch später, am 03. Juni 65 der Astronaut E. H. White aus den USA. –

Die weiche Augenkontaktlinse wurde entwickelt. –

Der Forscher Jaques Cousteau und seine Mannen errichten im Ozean, in 100 m Tiefe, die Anlage Précontinent III auf dem Unterwasserfestlandsockel des Meeres. Einen Monat lang halten sie sich ununterbrochen in dieser Meerestiefe auf.


Technik:

Erstmals in der Geschichte der Bundesbahn erreicht am 26. Juni 65 ein fahrplanmäßiger Schnellzug auf der Strecke von Augsburg nach München die Geschwindigkeit von 200 km/h. –

Im Pionierpark in der Ost-Berliner Wuhlheide (Karlshorst) wird eine Pioniereisenbahn in Betrieb genommen, die von Jugendlichen und Kindern betrieben wird. Sie dient der sinnvollen Freizeitgestaltung und hat vielen eine Berufsorientierung gegeben. Spurweite: 600 mm. Dampf- und Diesellokomotiven. Im Jahr 1979 wird die Betriebsführung an die Deutsche Reichsbahn (DR) übergeben werden. 1993 wird die gesamte Anlage restauriert (auch Bahnhöfe und Nebeneinrichtungen) sowie die Spurweite auf 700 mm vergrößert. Ihr Name ist dann: „Parkeisenbahn“. –


Wirtschaft:

Februar 65: Zur diesjährigen Mustermesse in Leipzig sind auch eine Reihe von Unterhaltungskünstlern aus dem Westen eingeladen und angereist, so Mr. Acker Bilk, Wolfgang Sauer, Gus Backus. Auch Fips Fleischer und Gerti Möller sind anwesend. –

Am 18. Juli 1965 verlässt der erste 5t-Lkw („W 50“) das Montageband in Ludwigsfelde. Er wird fast gleich aussehend, später als „L 60“ wohl bis 1990 produziert. Vorher wurden im IWL, Industriewerk Ludwigsfelde, die Motorroller "Pitty", dann "Wiesel", später "Berlin" und "Troll", der Tourenroller sowie der Einrad-Anhänger "Campi" gebaut. –

Im Herbst öffnet die Leipziger Messe zum 800-sten mal ihre Pforten. –


Bauen:

Im Sommer, am 05. August wird mit dem Bau des rund 360 m hohen Fernsehturmes in Ost-Berlin am Alexanderplatz begonnen. Vorerst liegt noch keine Baugenehmigung vor, noch ist die Finanzierung dieses gigantischen Baues unklar aber auf Befehl Walter Ulbrichts wird das Prestige-Objekt eben begonnen. Vier Jahre wird die Bauzeit betragen. –

Der Wiederaufbau des Leipziger Hauptbahnhofs ist abgeschlossen. Er ist der größte Kopfbahnhof Europas. –


Medizin:

In der DDR wird ein Schutzimpfungsprogramm gegen Virusgrippe mittels Nasalspray (Parfumzerstäuber / Glasbehälter mit Gummiballpumpe und Verbindungsschlauch) eingeführt. –

VEB Jenapharm bringt eine ganz besondere Tablette auf den Markt. Es ist nicht wie in der BRD die „Anti-Baby-Pille“, sondern die „Wunschkindpille“. Auch diese ist streng verschreibungspflichtig. –


Musik / Unterhaltung:

Hans Rosenthal beginnt in West-Berlin die Sendereihe „Das klingende Sonntagsrätsel“. –

Der Musik-Film „Reise ins Ehebett“ mit Anna Prucnal, Eva-Maria Hagen, Günther Simon und Frank Schöbel als Schiffs-Stewart wird gedreht (und 1966 gezeigt). –

Der Liedertexter und Sänger Wolf Biermann erhält sein erstes Auftrittsverbot. –

Die Rolling Stones spielen in der West-Berliner Waldbühne. Die Anlage ist danach von fanatischen Anhängern zertrümmert, sieht aus wie ein Schlachtfeld. Der Begriff „Konzert“ weckt bei uns andere Vorstellungen. –

Der Schlager „Marmor, Stein und Eisen bricht", gesungen von Drafi Deutscher ist aktuell. Deutschlehrer meinen aber, dass es Marmor, Stein und Eisen brechen heißen müsse. Richtig! Nur, wer konstruiert den Reim darauf? –

Bei uns läuft der englische(?) Film Honeymoon 65. –

Die zweite große revolutionierende Musikwelle nach dem Krieg: Die Musikgruppe „Beatles“ (Pilzköpfe) aus Liverpool kommt nach Deutschland. Von den Jugendlichen heiß umjubelt. „Sie liebt dich, yeah, yeah, yeah – und da solltest du dich freu'n“. Die Staatsführung der DDR vertritt zu echter Jugend-Freude eine etwas andere Auffassung. –


Kunst:

Der alte, erneuerte Dresdener Zwinger eröffnet im Oktober die „Galerie Neue Meister" – viele alte Gemälde sind zu sehen. –


"Naturereignis:

Ich kann es nicht mehr zeitlich genau einordnen – es wird zwischen 65 und 67 gewesen sein: Bei Ketzin (Raum Potsdam) wurde unterirdisch in der Gesteinsformationen Erdgas eingespeichert. Unter der 350-Seelen-Gemeinde des Dorfes Knoblauch kam es zu einer unterirdischen Gaseruption mit Erdbeben, so dass auch in den Häusern eine explosible bis lebensgefährdende Gaskonzentration zu verzeichnen war. Die Bewohner kamen in Notunterkünfte, später wurde für sie ein Neubaublock in Ketzin errichtet. Das alte Dorf Knoblauch wurde abgerissen. (Pseudofracking lässt grüßen). –


Alltag:

Etwa 30 Jahre lang wird das hauptsächliche Trockenmilchprodukt das „Babysan“ aus dem VEB Dauermilchwerke Stendal sein und das Baby schaut lange aus jedem Ladenregal der DDR freundlich die Käufer an. Auch von Milasan und Citrosan blickt es uns an. Das liebe Babygesicht auf der Verpackung gehört zu Susan Wanke – die aber kein Säugling blieb, sondern später Lehrerin wurde. –


Sport:

Sportler des Jahres gibt es eine ganze Menge. Es sind: Die Leichtathletin Hannelore Supp, der Leichtathlet Jürgen May und die DDR-National-Fußballmannschaft. –






- Ende -