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Nowawes, eine Colonie bey Potsdam,

„Das böhmische Etablissement“ (die Ansiedlung).

Notizen zur Entstehung und Entwicklung des Ortes

1750 – 1950

(heute: Potsdam-Babelsberg)

 

 

Zusammenstellung: Christoph Janecke, Bearbeitungsstand: Dezember 2010.

 

Inhalt

Seite  1

Vorworte

Seite  1

Notizen zur Chronik 1750 – bis nach 1950

Seiten 1 – 72

Anhang 1: Literaturquellen

Seite  72

Anhang 2: Einige ausgewählte Erinnerungen des Autors

Seiten 72 – 75

Anhang 3: Prediger / Pfarrer der Friedrichskirche zu Nowawes / Babelsberg

Seite   76

 

Vorworte:

Es wird darauf verzichtet, aus der bereits bestehenden zahlreichen Literatur „einen erschöpfenden Beitrag abzuschreiben“. Vielmehr wird ein zeitgeschichtlicher Überblick gegeben, der die genutzten Quellen sich gegenseitig ergänzen lässt aber bei weitem keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Es werden Wiederholungen und Überschneidungen weitgehend vermieden, wie sie beim Studium mehrerer Quellen üblich sind. In der zu Rate gezogenen Literatur sind verschiedene fehlerhafte Sachangaben zu bemerken. Auch widersprechen sich einige Angaben unterschiedlicher Autoren. Nur die Punkte, die sich mir als offensichtliche Fehler darstellten, korrigierte ich. Es mag somit sein, dass ein kundiger Leser besonders bei Zahlenwerten oder Jahresangaben trotzdem noch Differenzen feststellt.  Bei verschiedenen Punkten lassen sich Familien-Bezüge anknüpfen. Aus diesem Grund ist es auch empfehlenswert, die kurz gefasste Geschichte der Einwandererfamilie Sotscheck (gesondertes Dokument*) zu lesen bzw. auch den Lebenslauf von Auguste Zinnow, verehelichte Sotscheck und ihrer Familie (gesondertes Dokument*). Nähere Notizen allgemeiner Art über diese Zeit, auch mit Hinweisen zum Raum Potsdam und Umgebung, befinden sich im gesonderten Dokument „Zeitgeschichte“. Ein weiteres Dokument „Nowawes-Neuendorf ... Personen der Geschichte“*, führt kurz die Menschen auf, nach denen die Straßen des Ortes benannt wurden und würdigt weitere der verdienstvollen Menschen, die in der Region lebten und viel für den Ort und seine Bürger taten.

Die Orthographie ist mit Absicht teilweise in der zeitgenössisch üblichen Weise belassen. Verschiedene der alten, heute eher ungebräuchlichen Begriffe, wurden beibehalten. Einige Redewendungen, einzelne Sätze und auch Passagen sind aus Aufzeichnungen, vor allem der Prediger Kropatscheck und Stobwasser direkt wiedergegeben, da sie wohl nicht treffender darstellbar sind. Besonders viele Abschnitte der Notizen zur Chronik beziehen sich auf Kirche und Schule. Das findet seine Ursache darin, dass es eben die beiden Prediger waren, die das Wesentliche aus ihrer Amtszeit zu Papier brachten und auch die Schulaufsicht dem Prediger oblag. – Anmerkung*: Diese Dokumentationen werden im Laufe des Jahres 2011 erscheinen.

Diese Zusammenstellung enthält im Papier-Original eine Anzahl von Bildern zum Text.

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1750

König Friedrich II. von Preußen (Lebenszeit 1712 - 1786) begeht sein zehnjähriges Thronjubiläum. Die Regierung hatte er übernommen, als sein Vater, König Friedrich Wilhelm I., „der Soldatenkönig“, am 31. Mai 1740 starb.

Eine böhmische Colonie hatte Wilhelm I. nach 1732 am südlichen Ende der Wilhelmstraße in Berlin errichten lassen. Mit ihnen wanderte ihr Seelsorger, Andreas Macher, ein Oberschlesier mit ein. Seine Kirche, 1737 als Bethlehemkirche geweiht, wurde an der Mauer- / Ecke Krausenstraße errichtet (1943 zerbombt).

Der König hatte desWeiteren bereits zahlreiche Salzburger Glaubensflüchtlinge aufgenommen und dann im Jahre 1737 etwa 350 Böhmen das Einwandern nach Rixdorf gewährt, wozu Böhmisch-Rixdorf gegründet wurde. Die Exulanten kamen allerdings nicht gradewegs aus ihrer angestammten Heimat, sondern hatten sich bereits im sächsischen Asyl (Großhennersdorf) niedergelassen. Es dort dauernd auszuhalten, schien ihnen aber wegen der dort üblichen gottlosen Bräuche, den Saufgelagen bei Kindstaufen und anderen sündhaften Ausschweifungen, die wir hier nicht näher darlegen wollen, nicht möglich. Das war ihnen mit ihrer Religiosität, mit dem harten Leben, dem geradlinigen, strengen Lebenswandel, schier unvereinbar.

Sie alle sind Nachfahren aus der Kirche der alten Böhmisch-Mährischen-Brüder-Unität (Jednota - Bratska), eng mit den Namen, mit den Glaubens- und Lebensauffassungen von Jan Hus und Jan Amos Comenius verbunden.

Die Ehefrau des jetzigen Königs Friedrich II., Königin Elisabeth Christine von Braunschweig - Bevern, ist beim Thronjubiläum nicht anwesend – auch sonst nicht. Friedrich hatte sie vor einem knappen Jahrzehnt in das Schloss Schönhausen*, nördlich von Berlin verbannt. (In Schönhausen mag sie schön hausen, waren seine „herzlichen“ Worte zu seiner Vorbereitung der Verabschiedung der Eheleute).

*Anmerkung: Heute Schloss Niederschönhausen im Stadtbezirk Berlin-Pankow.

 

Preußen hat derzeitig, also im Jahre 1750, etwa 2 1/2 Millionen Einwohner auf den 2.000 Quadratmeilen seines Landesgebietes.

Seit drei Jahren betreibt Friedrich II. nun auch selbst den Bau einer Anzahl von Colonistendörfern in Preußen. Er führt damit die Verwirklichung des Vermächtnisses seines Ahnen, des Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm (Lebenszeit 1620 – 1688, Regierungszeit 1640 - 1688, seine erste Ehefrau: Luise Henriette von Nassau - Oranien (1627 - 1667), seine zweite Ehefrau: Dorothea von Holstein - Sonderburg - Glücksburg (1636 – 1689)) fort.

Der Große Kurfürst hatte nach dem 30jährigen Kriege, fleißige Menschen in das verheerte, ausgeblutete und nur dünn besiedelte Land geholt. Auch der Vater Friedrich des II. (König Friedrich Wilhelm I., (Lebenszeit 1688 – 1740) hatte diese Ansiedlungspolitik verfolgt, wie vorstehend bereits angemerkt, um das Land aufblühen zu lassen.

Für die Bewohner sind auf dem platten Lande, fünf Gewerke zugelassen: Schmiede, Schneider, Stellmacher (Radmacher / Wagner), Weber und das Zimmerhandwerk.

Deshalb beschließt im Jahre 1750 der kleine König Friedrich II., der nach der Schlacht bei Roßbach im Jahre 1757 auch gern „der Große“ und später „der Alte Fritz“ geheißen wird, im Interesse der weiteren Peupelierung des Landes, die Errichtung eines „böhmischen Etablissements auch bey Potsdam“ und Neuendorf, kurz, ein „Böhmisch Neuendorf“ anzulegen. Als Bauland scheint eine unfruchtbare Sandfläche des Potsdamer Forstes inmitten der Neuendorfer Feldmark willkommen und vorzüglich geeignet. Hier also soll eine Wohn- und Arbeits-Colonie, hauptsächlich für Spinner und Weber entstehen.

Den Befehl zum Bauen erteilt der König im Oktober. Die Bauleitung geruht der Bauherr dem Obersten Wolf Friedrich von Retzow (Lebenszeit 1699 – 1758), Stadtkommandant von Potsdam, zu übertragen.

Offiziell werden zu dieser Zeit die Hexenprozesse abgeschafft, jedoch sind öffentliche Verbrennungen von Deliquenten und andere drakonische Strafen bei bestimmten Missetaten, zwecks Abschreckung, weiterhin beliebt.

 

Überliefert ist uns der werbende Aufruf des Obersten von Retzow, datiert vom 7. Octobris 1750, der da lautet:

 

 

“Nachdem Se.* Königl. Majst. in Preußen allergnedigst resolviret**, zum Dienst der in Böhmen der Religion wegen verfolgten Evangelisch-Lutherischen Glaubens-Genossen, ein ganz neues Etablissement anzulegen, und mir unterschriebenen, die Vollmacht ertheilet, dieses Werk in Stand zu bringen; als habe allen und jeden denen dieses vorgezeiget wird, und sie sich entschließen möchten nach Berlin zu ziehen, die Versicherung geben sollen, daß dieselben nicht allein aufgenommen, sondern auch gesorgt werden soll, daß sie nebst ihren Familien, sich reichlich und ehrlich ernehren können, welches auf Verlangen hierdurch attestiren, und mit meiner eigenhändigen Unterschrift, auch angebornen Pittschaft*** bekräftigen soll.

 

Potsdam, d. 7. Octobr. 1750   W. von Retzow -

      Sr.* Königl. Maj. in Preußen

      bestallter Obrist bey der

      Infanterie und Commendeur

      eines Bataillons Grenadier Guarde,

      auch Comandant zu Potsdam.

 

 

Anmerkungen:

* Se.: Seine Königliche Majestät, Sr.: Seiner ...

** resolviret: ... festlegte

*** Pittschaft (später Petschaft): Siegel-Stempel

 

Wolf Friedrich v. Retzow setzt sich wegen des Heranziehens von Colonisten mit der Böhmischen Brüdergemeinde in Berlin (Wilhelmstraße) zusammen. Jene senden dann drei Männer nach Sachsen, um insbesondere aus Dresden und der Umgebung von Zittau böhmische Emigranten zu werben, die sich bereits derzeitig dort aufhalten.

Zum Werbeinhalt gehört des Weiteren, dass die Einwanderer vom Militärdienst befreit bleiben und auch von verschiedenen Abgaben an den Staat.

Die meisten der ersten Angeworbenen kommen aus dem Böhmerland, sollen des Spinnens oder des Webens kundig sein. Es wird sich um protestantische Glaubensflüchtlinge handeln, die von der katholischen Vorherrschaft der Kaiserin Maria Theresia fort wollen. Sie kommen wohl meist nach Zwischenaufenthalten in Sachsen oder Polen und auch Berlin bis hierher.

Andere Neusiedler wandern aus Hessen, Württemberg, Nassau und auch aus der Schweiz in die “Märkische Streusandbüchse” ein.

 

Der jeweilige Führer einer Gruppe von Einwanderern bewahrt während der Fuß-Reise auch den Passage-Pass für die Einwandergruppe auf, denn die Einwanderung ist preußisch organisiert. Üblicher Weise begleitet ein ortskundigen Führer jede Gruppe der Einwanderer.

Der Familienvater Christian Letochleb, berichtet detailliert über die Nothwendigkeit zur Auswanderung, die eher mit einer Flucht gleichzusetzen ist. Er spricht über die Folterungen völlig schuldloser protestantischer Böhmen, egal ob an Männern oder Frauen vollzogen, die „nur“ eben mit dem Makel behaftet sind, der evangelischen Glaubenslehre anzuhängen. „Ich aber“, so schreibt oben Genannter später, „erkaufte meinen Abschied, nahm Weib und Kind und ging nach Sachsen, und von dort über den Aufenthalt in Berlin, endlich, im Frühjahr 1751, nach Nowawes“.

Dessen Sohn Waclaw Letochleb (zu deutsch: Sommerbrot oder auch Jahrbrot) ist einer von mehreren böhmischen Jugendlichen, die aus der böhmischen Berliner Gemeine heraus, im Seminar zu Predigern gebildet werden. Er wird die Kirchengemeine von 1751 bis zum Frühjahr 1765 betreuen.

Der erste deutsche Lehrer ist von 1751 – 1760, neun Jahre lang, der Bäcker Johann Gottfried Kretschmann, der aus dem Orte Nichtewitz, bei Arzberg im Sächsischen belegen, hiehero anzieht. (Kretschmann oder auch Kretschmar bedeutet: Kneipenwirt)

 

Die Böhmen in Berlin erhalten dieser Tage einen eigenen Wundchirurgus, den Barbier Daniel Elsner. In ihrem ja schon lange bestehenden Etablissement ist in diesem Jahr die Berliner Brüdergemeine gebildet worden.

 

Die Böhmen bringen nicht nur eigene Sitten und Gebräuche mit. Auch Begriffe aus dem täglichen Leben bleiben erhalten, werden mitunter auch von deutschstämmigen Siedlern übernommen: Großvater: Jeddo, Großmutter: Babo, Mohnkuchen: Kolatschen, Kartoffelpüree mit Speck: Knofany.

 

Der Oberst v. Retzow plant, lässt bauen und überwacht das Fortschreiten der Arbeiten des ersten Bauabschnitts. Zügiges Arbeiten scheint angezeigt, denn in des Königs Auftrag hat v. Retzow mit den vielen fliegenden Handzetteln (oben abgedruckten Musters) ja bereits ausgiebig Einwanderer angeworben, die sich auf den Weg begeben oder bereits auf dem Wege sind, als auf der „Neuen Scholle“, dem Etablissement, noch kein einzig' Haus steht.

Die neue Scholle - das ist das karge Land auf dem bald vorerst 155 Häuser stehen, die fünf Straßen, also breite Sandwege, und den Kirchplatz säumen werden. Umarmt wird das gesamte Gebiet von der Neuendorfer Gemarkung.

 

Auch auf dem wüsten Sandhügel bei dem Dorfe Schöneberg entsteht eine kleine Colonie, aus 20 Häusern. Herr v. Retzow hat an gar manchen Orten viel zu bedenken und zu schaffen. Dieses Etablissement wird „Neu-Schöneberg“ oder „Böhmerberg“ geheißen.

Lauter neue Böhmische Dörfer in Preußen.

 

1751

Ein kurzer Seitenblick auf das alte Neuendorf. Der kleine Rundlingsort wird bereits 1375 im Landbuch Kaiser Karl IV. als Nygendorp erwähnt (und so auch Klein Glienicke, als parva Glinik). Zu jener Zeit besitzen die Ritter von Groeben, die ihren Sitz auf Schloß Beuthen haben, den Ort Neuendorf. Natürlich bestand die Ansiedlung aber schon lange vor dieser Zeit. Es ist bekannt, dass um 1250 in Neuendorf 9 Hüfner und 5 Kossäten ansässig waren. Auch 1375 sind es dann immer noch neun Bauern, die in Fachwerkhäusern mit Lehm- und Strohausfachung, unter rohrgedeckten Dächern leben.

In der Gemarkung Neuendorf liegt auch ein Hügel, der “Baberow”. Das ist nach Übersetzung aus dem Slawischen der Ort am Wasser, wo der “Biber” lebt.

Um 1585 errichtet man auf dem Neuendorfer Anger eine Fachwerkkirche, in der bis 1852 der Gottesdienst gehalten wird und auch die anderen kirchlichen Handlungen stattfinden.

 

Nun zurück aber zur neuen Colonie: Geplant, wie gebaut, wird dann auf der neuen Scholle mächtig und schnell, sowie billig – aber großzügig wirkend. Wegen der, für die oft noch grauen Webwaren, erforderlichen grünen Bleichwiesen vor den Häusern, werden die Straßen sehr breit angelegt. Weitere Gründe für die Straßenbreite sind, dass die Wege in Richtung Zehlendorf über Glinicke und in Richtung Cölln sowie nach Berlin über Kohlhasenbrück, ja bereits als „Königswege“ bestehen. Sie müssen repräsentativ wirken.

Auch haben die Neuendorfer Bauern das Recht, auf diesen Wegen ihr Vieh durch den Ort auf die Weiden zu treiben und solch ein gutes Tun benötigt ebenfalls schon etwas Platz.

 

Versprochen wird den ersten Siedler-Familien eine „Starthilfe“ in Höhe (bis zu) 50 Thalern zur Unterstützung für den Beginn, für das Fuß fassen, den Bau von Webstühlen, Kauf von Mobiliar und Hausrat usw.

Die ersten fünf Ansiedler-Familien erhalten wohl jeweils 50 Thlr. Die nächsten 44 Familien bekommen je 20 Thlr. ausgezahlt, weitere 74 Familien erhalten noch 10 Thlr. und für die nächsten 63 Familien bleiben nurmehr je 4 Thlr. Später wird es überhaupt keine direkte finanzielle Hilfe mehr geben. Diese so zurückgehaltenen Gelder setzt man dem Vernehmen nach jedoch in das Verlegersystem, als eine indirekte Starthilfe ein, um damit die reibungsarme Versorgung der Weber mit dem Ausgangsmaterial und die Abholung der Webware sowie die Entgeltung der erbrachten Arbeitsleistung zu gewährleisten.

 

Man baut im Jahre 1751 die Lindenstraße (bis nach 1759 Allee-Straße geheißen = später Alte Lindenstraße = dann erneut Lindenstraße und ab 1946: Rudolf-Breitscheid-Straße).

Sie wird 227,3 Fuß breit (71,60 m). In ihr errichtet man, von Norden / Westen nach Süden / Osten fortschreitend, 49 Kolonistenhäuser auf den Parzellen 1 - 49.

Dann oder besser zugleich, wird der Sandweg, der den Namen „Priesterstraße“ erhält, gestaltet. Die Straße wird im Durchschnitt 35 m breit sein. Die Straßenränder säumt man vorerst auf den Parzellen 50 bis 99 mit 50 Häusern.

Schon im May 1751 gelten diese schlichten Häuser für je zwei Familien als bezugsfertig, das heißt, die ersten Siedler können bereits das Pfingstfest in den neuen Häusern begehen und im Herbst sind es schon mehr als 60 Familien. Zur Wasserversorgung für Mensch, Vieh und die zu besprengende Webware, legt man in den Straßen für eine Häusergruppe von jeweils fünf bis sieben Bauten einen gemeinsamen Brunnen mit Handpumpe an. Zum Jahresende sind dann 12 ergiebige Straßen-Brunnen bereit.

In den Höfen der Grundstücke steht fast immer ein Stall für Tiere (Kaninchen, Hühner und Tauben sind bald sehr beliebt – für den Kochtopf. Ein bis zwei Kühe sind dagegen wohl eher selten, da es an Wiesenwachs mangelt). Ein Schuppen auf dem Hof für Brennholz und Gartengerätschaften, daneben das Aborthäuschen und auf jeder der Parzellen ein Walnussbaum, Obstbäume, Gemüse.

Am Ende des Jahres 1751 hat die Colonie Nowawes 240 Einwohner.

 

Bei den Grundstücken gibt es Unterschiede in der Größe und der Form der Flächen.

Die Straßenfronten der Grundstücke variieren zwischen 26 und 32 m, in der 11-Häuser-Straße, der späteren Mühlenstraße, vorerst sogar bis zu 48 m.

Anfangs werden die Häuser in Fachwerk errichtet, später folgen massive Bauten. In den Kolonistenhäusern wird die Kiefer verarbeitet. Das Predigerhaus erhält haltbareres Eichenholz. Bestehen die Fußböden anfangs aus einer Lehm- / Sandschüttung, die unter dem künftigen Tisch und dem Webstuhl eine Pflasterung aufweist, so werden viel später über der Sandschüttung auch Dielenbretter eingezogen. Die Grundstücksgrenzen an der Straße friedet man zwischen den Häusern mit den typischen, hohen Bretterzäunen ein, wie sie in Böhmen als üblich gelten. Das schon vermittelt auf den ersten Blick ein trautes Heimatgefühl.

 

Die Grundstücke mit den Häusern werden im Allgemeinen erst später, nach gebührender Wartezeit (7 – 10 Jahre) einer Familie als königliches Geschenk übereignet, die zweite Familie des Hauses kann 6 Jahre ohne Mietzins dort wohnen und erhält auch einen Anteil des Gartenlandes. (Quelle: Einige Grundbriefe aus Nowawes: Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Repositum 19, Potsdam, Nr. 3364, Steuerrat Potsdam, Acta 1750 - 1798).

Das Zwei-Familien-Haus darf jedoch frühestens nach 3 Generationen, und nach Zustimmung der Domänenkammer, an eine andere Familie veräußert werden – wird vorerst festgelegt. Ausnahmen werden aber auch hierbei. auftreten.

Insgesamt werden in der Colonie in den Jahren 1751 und 1752 einhundert Häuser gebaut. Das sind 60 Häuser für Weber und Spinner, 38 Häuser für Familien, deren Oberhäupter in unterschiedlichen Handwerken tätig sind, ferner das Predigerhaus und die böhmische Schule.

 

1752

In der Allee-Straße (Lindenstraße) wird weiter gebaut, die nächsten Häuser an der Priesterstraße errichtet man. Der Gottesacker am Ende der Mittelstraße wird angelegt und mit der Besiedelung des westlichen Teils der Waldstraße (später Wallstraße, heute Karl-Gruhl-Straße) begonnen, so dass in weniger als zwei Jahren, rund 200 Familien in die Typenhäuser einziehen können. Es handelt sich um fünfachsige Fachwerk-Häuser (vier Fenster zur Straßenfront mit einer mittig angeordneten Tür zum Hausflur, und Ziegeldeckung auf einem Krüppelwalm-Dachstuhl).

Jedes Haus ist für zwei Familien vorgesehen. Zur Straße gelegen, befindet sich für jede Familie eine kombinirte Wohn- und Arbeitsstube, die gleichzeitig als Materiallager dient. Nach hinten, zum Garten, werden je Wohnung eine Schlafkammer und eine Küche eingerichtet oder aber eine größere Kammer und eine gemeinsame Küche am Ende des Hausflures mit zwei gemauerten Kochherden und Schornstein zum Rauchabzug, dann aber oft ohne Fenster – die so genannte „Schwarze Küche“. Etwas Licht fällt am Tage ja durch den Schornstein auf den Arbeitsbereich am Herd, wenn die Sonne scheint – dann wiederum zieht aber der Rauch schlechter ab. Die ersten Häuser messen in der Straßenfront 40 Fuß, also in der Trauflänge (12,60 m) und reichen 30 Fuß (ca. 9,42 m) nach hinten in das Grundstück hinein. (1 preußisch Fuß = 0,315 m).

Somit messen die größten Häuser 118,3 qm Brutto-Grundfläche, für jede Familie knapp 60 qm, was einer nutzbaren Wohn- und Arbeitsfläche von etwa 45 qm entspricht.

Bei den künftigen insgesamt 210 Häusern der Colonie (den so genannten Primärbauten), werden jedoch für stets zwei Familien, drei verschiedene Haustypen vorhanden sein:

Die Bauten des Jahres 1751: 9,42 x 12,56 m = 118,3 qm Grundfläche. Preis: 296 Thaler.

Der mittelgroße Typ von 1752 / 53: 7,85 x 11,93 m = 93,7 qm. Preis: 263 Thlr. (Sparzwänge).

Der kleinere Typ von 1764 - 1767: 8,16 x 11,30 m = 92,2 qm. Preis 286 Thlr. (relative Preissteigerung nach dem Siebenjährigen Krieg und der folgenden Inflation).

 

Das Krüppelwalmdach wird im Laufe der Folgezeit zum Gewinnen weiteren Raumes und zwecks einfacherer Reparatur, vielmals zum Satteldach umgebaut. Später erweitern einige Hausbesitzer durch Anbauten mitunter die Anzahl der „Achsen“ (in der Straßenfrontbreite des Hauses). Bisher ist nur das Haus des Predigers von vornherein etwas größer. Es weist sechs Achsen, statt der sonst üblichen fünf Achsen auf (Parzelle 66, heute Karl-Liebknecht-Straße 28). In diesen Neubau von 1752 zieht der böhmische Prediger Waclaw (Wenzel) Letochleb ein.

Fertig wird in diesem Jahr auch, gegenüber dem Predigerhaus, jenseits der Laufgasse (später Kirchgasse, heute Lutherstraße) das Eckhaus der böhmischen Schule, gleichsam auch das Küster- und Cantorhaus mit großem Garten (Parzelle 64, spätere Priesterstraße 23 // heutige Karl-Liebknecht-Straße 27). Das Haus ist mit einer 32 Pfund (16 kg) schweren Glocke bestückt, die regelmäßig an die Betstunde erinnert und zum Beginn des Schulunterrichts ruft.

Der erste böhmische Küster, Cantor und Schullehrer ist Johann Matthias Wabretz (zu deutsch: Sperling) für die Jahre 1752 bis 1755 oder 1756. Ihm wird ein Gehalt von monatlich 6 Thalern zugestanden.

In späterer Zeit, insbesondere nach 1780, werden Dachbodenräume der Häuser zum Teil zu Wohn- / und Schlafkammern oder zu Maulbeerblätterlagern und Seidenkokonstuben ausgebaut. Es gilt als Nebenerwerb für die Weber und Spinner sowie deren Kinder, die Maulbeerbäume zu entblättern und diese an die „Seidenbauern“ zu veräußern. So werden auch die Küster / Lehrer per Ordre verpflichtet, den Seidenbau zu betreiben. Demzufolge findet dann im Dachgeschoss des Böhmischen Schulhauses eine „Seidenbaustube“ Platz.

 

Von Retzow kümmert sich auch darum, dass die Weber Rohmaterial zur Verarbeitung erhalten und dass ihnen auch die fertig gewebte Waare wieder abgenommen wird. Er führt somit also „das Verlegersystem“ ein.

Noch aber mangelt es an einem nutzbaren Ort für die sonntägliche religiöse Erbauung. Erahnen kann man das Aussehen dieser künftigen Stätte indessen, denn das Kirchlein wächst bereits auf dem dreieckigen Platze, der das Zentrum der Siedlung darstellt. Entworfen hatte es beizeiten Jan (Johann) Boumann der Ältere (Lebenszeit 1706 – 1776), der als 26 jähriger aus Amsterdam nach Potsdam kam, nachdem er in seiner niederländischen Heimat erfolgreich die Berufe der Zimmerer-, Tischler- und Schiffbaukunst erlernt hatte. Von 1735 an prägte er unter König Friedrich Wilhelm I. das Aussehen des Holländischen Quartiers in Potsdam und arbeitet derzeitig unter dessen Sohn Friedrich II.  Boumann entwirft als Potsdamer Baudirektor die Französische Kirche, das Berliner Tor, das alte Potsdamer Rathaus, auch Fabriken und gestaltet gar manches Bürgerhaus. Nun arbeitet er mit den Bauleuten an der Kirche für die neue Colonie der Weber und Spinner. Es handelt sich um einen Saalbau mit einem lang gestreckten achteckigen Grundriss, 80 Fuß lang, 40 Fuß breit. Natürlich mit einem gehörigen Turm.

 

In diesem Jahr entsteht auch die kleine Colonie Grünerlinde, später Schönerlinde genannt, bei dem Dorfe Köpenick, ohnweit Berlins. Es wird nicht von neu ankommenden Glaubensflüchtlingen belegt, sondern seine Bewohner rekrutieren sich zum Behufe der  Auflockerung, aus den Colonien Berlin (Wilhelmstraße) und Böhmisch Rixdorf.

 

1753

Erst zu dieser Zeit hält die neuzeitliche Ortsbezeichnung ihren Einzug in den Sprachgebrauch (offiziell bis 1938). Vorerst als Nowewesy, dann auch Nowawest, Nowawess, schließlich aber „Nowawes“, (weich gesprochen: Nova V(j)es) wobei es dann bleibt – die böhmische Entsprechung für den schon seit dem Mittelalter bekannten Nachbarort „Neuendorf“.

So bestehen nun ein alter deutscher und ein neuer böhmischer Ort namens “Neues Dorf” nebeneinander (vergleiche auch deutsch und böhmisch Rixdorf ab 1737 // später zu Berlin-Neukölln gehörend).

 

Das Nowaweser Wappen: Es zeigt den einwandernden böhmischen Weber mit dem langen Wanderstab, beschützt von dem über ihm thronenden preußischen Adler. Eingefasst ist das Wappen von einem ovalen Rahmen mit der Inschrift:

 

Colonie Nowawes – Pod twau ochranau,

zu deutsch: Colonie Nowawes - Unter deinem Schutz.

Das Kirchensiegel gleicher Gestaltung, trägt den Zusatz:

Cyrkwe w Nowewesy - Kirche in Nowawes.

 

Nach 15 Monaten Bauzeit wird unsere Kirche, die 900 böhmischen und deutschen Gläubigen der Augsburger Confession ausreichend Platz bietet, am Sonntage Misericordias Domini, den 06. May anno Domini 1753 geweiht (nach fehlerhafter Quelle „Spatz“ aber: am 16. May)  und erhält dabei den Namen ihres Bauherrn – ihm zur Ehre – „Friedrichs Kirche“. Herr Andreas Macher, erster Prediger bey der böhmisch-lutherischen Sanct Bethlehem-Kirche zu Berlin und Königlicher Inspector (Superintendent) über die Evangelischen Gemeinen, derer böhmischen Exulanten in Schlesien und in der Mark, hält hier in Nowawes die Predigt zur Weihe der Kirche und zur Einführung des ersten evangelischen Predigers, Herrn Wenceslaus Letochleb. Dieser stammt, wie wir schon wissen, aus der böhmisch-lutherischen Gemeine Berlin. Er wurde als Zuwanderer in Berlin, aus der eigenen Gemeine heraus, zum Prediger heran gebildet, genauso wie dort zur gleichen Zeit Daniel Pakosta, Matthias Servus und Matthias Mogzis (Moschisch, Moses). Jener ist derzeitig noch Angehöriger der böhmisch-lutherischen Gemeine in Rixdorf.

Außer dem Bau des Gotteshauses, schenkt der König, Friedrich II., an Ausstattung: Ein samtenes Altar-Gedeck, zwei samtene Klingelbeutel, zwei Kannen, „zwei Becken zu den Kirchtüren“, zwei Glocken (zusammen vier Centner wiegend) und für die Sakristei ein Spind, einen Tisch und der Schemel zweyen.

An einer Orgel zur ständigen Begleitung oder richtiger: als Leitfaden für den Gesang der  Gemeine fehlt es allerdings noch.

Nachtragsgeschenke: Am 20sten Juny schenken Ihro Königlichen Majestät Frau Mutter (Sophie Dorothea von Hannover, Witwe des Königs Friedrich Wilhelm I., des „Soldatenkönigs“), eine längliche Schüssel und ein Wasserkrügelchen zum Gebrauche bei den Kindstaufen. Zur Verwendung beim Heiligen Abendmahl ein kleines Schüsselchen für die Oblaten („Leib“), einen Kelch und einen Quartkrug zum Wein („Blut des Jesu“). Dass es aber von keinem guten Silber sei, davon zeugen Jacob Praczeck / Praschak und andere Kirchenälteste.

Die Gottesdienste finden am Vor- und am Nachmittag wöchentlich wechselnd, in deutscher und in böhmischer Sprache statt.

Natürlich ist zu dem Termin der Kirchweihe auch der Kirchplatz fertig gestaltet. Am Kirchplatz wird nun auch die deutsche Schule eingerichtet. Es ist das Haus, in dem der bereits erwähnte Bäcker, auch Wollhändler und Bierschänker sowie Lehrer Johann Gottfried Kretschmann / Kretschmar, zu deutsch - Kneipenwirt) wohnt (Parzelle 145, späteres Haus Kirchplatz 5. Das Gebäude weist die gleiche Bauart auf, wie das böhmische Schulhaus aber entbehrt auf einer Seite der Kammer, zugunsten einer größeren Schulstube mit vier Fenstern.

In diesem Jahr wird der Großteil der Waldstraße (ab 1892 Wallstraße, ab 1946: Karl-Gruhl-Straße) bebaut, ebenso der Kirchplatz eingefasst.

Ferner wird die Mittelstraße (ab 1930 Wichgrafstraße) angelegt. Sie erhält eine Breite von 65,20 Fuß (etwa 20,7 m). Anschließend entstehen die Häuser am östlichen Ende der Allee-Straße = (Lindenstraße = heutige R.-Breitscheid-Straße).

Ebenfalls in diesem Jahr werden in der 50-Häuser- Straße (1778: Neue Lindenstraße = Eichenallee = ab 1875 Wilhelmstraße = seit 1953 Alt Nowawes) weitere Häuser errichtet. Die 50-Häuser-Straße wird (nach heutigem Maß) zu einer Breite von 35 m im Süden, bzw. 45 m im Norden ausgebaut. Die dortigen Baumaßnahmen betreffen die Parzellen 100 - 114, 115 - 117 und 118 - 149.

 

Es entsteht eine kleinere Schwester-Colonie, das Spinnerdorf Friedrichshagen, mit 50 Zweifamilienhäusern gegründet. Auch bei dieser Ansiedlung ist es vorgesehen, die Häuser jeweils einem der Bewohner erb- und eigenthümlich zu übereignen.

 

1754 und 1755

Im Jahre 1754 wird der Kirchhof, auch Begräbnisplatz oder Gottesacker, am Ende der Mittelstraße abgesteckt, auf königliche Kosten eingehegt und am 28 July vom böhmischen Inspector, Herrn Prediger Macher aus Berlin, zur gemeinschaftlichen Nutzung der böhmisch-deutschen Gemeine eingerichtet.

Sechs Häuser werden in der 6-Häuser-Straße (spätere Friedrichstraße = heutige Garnstraße) auf den Parzellen 150 - 155 errichtet.

Ganz zuletzt entsteht die 11-Häuser-Straße (heute Wollestraße).

Somit bestehen bisher 155 Kolonistenhäuser und ihre Gärten und 21 Brunnen mit  Handpumpen in den Straßen.

 

In der Allee-Straße, der Priester- und der Waldstraße leben anfangs fast nur Böhmen. Am Kirchplatz und in der Mittelstraße wohnen vor allem Württemberger und Schweizer Einwanderer.

Das Communale Wittwenhaus: Der König schenkt der Gemeine ein Wittwenhaus, „unweit der Kirche an der Ecke einer Gasse vom Kirchplatz zur Waldstraße hin“, (heute Weberplatz / Ecke Müllerstraße). Die eine Hälfte des Hauses ist für böhmische, die andere Hälfte für deutsche Wittwen gedacht – und es ist ihnen auch Holz versprochen, das sie bis 1756, bis zum Beginn des siebenjährigen Krieges, erhalten werden. Dann stehen für die Verwaltung wieder ganz andere Probleme im Vordergrund.

Gotthold Ephraim Lessing wohnt derzeitig in Berlin und besucht auch Potsdam.

 

Familienschicksale: Den 2. May 1754 heiraten der Nowaweser George Wyskocil und die Maria Neßporowna aus der Colonie Böhmisch-Rixdorf. Um die Erlaubnis zu dieser Heirat hat Wyskocil bei dem Obersten v. Retzow nachgesucht. Er hatte aber seine erste Frau mit seinen Kindern in Böhmen zurück gelassen.

Des Öfteren zerbrachen Familien, wenn protestantische Männer (vorerst) allein auswanderten, die Ehefrauen aber (noch) in Böhmen blieben und dann aber (einschließlich ihrer Kinder) irgendwann den katholischen Glauben annahmen um der Heimat nicht verlustig zu werden und den Besitzstand zu schützen.

 

1756

Der neue böhmische Lehrer, der zweite nach Matthias Wabretz, ist nun der 55jährige Johann Jun, in seiner Hauptprofession ein Schneidermeister. Mit dem Unterrichten durch seine Person hat es die kleine Einschränkung, dass Jun zwar unbestritten gehörige Erfahrungen in der flinken Nadelführung und auch mit den mündlich übernommenen / gelernten Traktätchen besitzt, er aber des Lesens und Schreibens nicht kundig ist. Deshalb wird seine Kunst des Lehrens bald von Johann Gottfried (oder -lieb) Christoph (Familienname), einem Weber, der auf Parzelle 64 wohnt, unterstützt. Und das ist gut so.

Am 29. August beginnt König Friedrich II. den Siebenjährigen Krieg gegen Österreich (speziell gegen Kaiserin Maria Theresia), Russland (Zarin Elisabeth I.), Frankreich und Kursachsen.

In diesem Jahr ordnet der König den verstärkten Kartoffelanbau an, um den ebenso verstärkten Hungersnöten etwas abzuhelfen. Bis die Kartoffel sich aber allgemein als anerkanntes Volksnahrungsmittel durchsetzt und nicht nur als hübscher Blumenschmuck gilt, wird noch einige Zeit vergehen. Das weiß die Zukunft.

In der schon seit 2 Decennien bestehenden Colonie Rixdorf ist jetzt offiziell die böhmisch-lutherische Brüdergemeine begründet worden.

 

1757

Im Octobris werden viele unserer neuen Häuser durch österreichische Husaren geplündert, ihre Bewohner „gestäubt und gebeutelt, gar arg tractiret“.

Der Oberste v. Retzow musste auch in den Krieg. So ist es ihm nicht mehr möglich, die wirtschaftlichen Belange zwischen den Webern und dem Hauptverleger (Wolffs Erben) zu regeln.

Auf sich alleine gestellt, wird den (unorganisierten) Webern das weitere Fortkommen schwierig. Zu beklagen ist seitens der Weber:

- zu wenig Lieferung an Rohmaterial

- zu geringer Lohn

- keine geregelte Abnahme der fertigen Webwaaren und daraus folgend

- kein regelmäßiges Einkommen

 

Die Wolffs beanstanden dagegen:

- Unterschlagung von Rohmaterialien und heimlicher, außervertraglicher Verkauf daraus gefertigter Produkte an andere Verleger

- schlechte Qualität der Webwaaren.

 

Es erreicht uns auch die Angabe, dass die wichtigen Gründungsdokumente der Colonie Nowawes, im Planwagen des Obersten v. Retzow während der Schlacht bei Hochkirch verbrannt seien, statt dass jene in einer heimatlichen Domänenkammer wohl verwahrt  liegen. Anzumerken sei entschuldigend, dass v. Retzow ja auch während des Krieges, in der fernen Fremde, in den Pausen des Schlachtengetümmels, von verschiedenen Quartieren aus, den Schriftverkehr zu zahlreichen heimatlichen Angelegenheiten, auch zu einer Anzahl neuer Colonien, die er betreut, führt.

 

Die Nowaweser Weber richten im November einen Antrag zu ihrer Unterstützung an den „Hoch Edel geborener Herr, hochgebürthener Herr Kriegs-Rath“ in Potsdam, betreffs ihrer Forderungen an den Verleger, an den Berliner Schutz-Juden Benjamin Elias Wulff (auch Wolff), bzw. seine Erben, von denen sie sowohl bei der Belieferung mit Material, als auch bei der Abnahme der Webwaren abhängig sind und sich dauerhaft übervorteilt sehen. (Quelle Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Repositum 19, Nr. 3041).

 

Das neue Haus für die Wittwen der Nowaweser Prediger in der Priesterstraße.

Am 18. August kauft Prediger Letochleb das neben der Pfarre belegene Haus von Wenzel Moses, sen. für 21 Thaler, 8 Groschen, im Consens mit dem Magistrat zu Potsdam. Dieses Haus bestimmt Letochleb zum neuen Predigerwittwenhaus. Die Kaufsumme hat unser Prediger vom Herrn Grafen v. Wernigerode erhalten. Zum Abschluss des Kaufvertrages sind hinzugezogen worden: Die böhmischen Kirchenältesten Jacob Praschack und Nikolaus Bennesch sowie Joseph Nehoda.

 

1758

Es stirbt der vormalige Oberste, jetzt Generalleutnant Retzow, während des Feldzuges im schlesischen Schweidnitz, am 05. November 1758, an den Folgen einer Ruhrerkrankung. Sein in Friedenszeit begonnenes Werk in Nowawes und weiteren Colonien kann er nicht zur Blüte führen.

In der böhmischen Colonie zu Berlin werden zwei böhmische Ehefrauen zu Hebammen angelernt. Die Unterweisungen erhalten sie an der „Königlichen Berliner Anatomie“.

 

1759

Der jetzige böhmische Cantor und böhmisch-deutsche Lehrer ist Herr Christian Chraust.

Im Februar ist eine erste vollständige Einwohnertabelle und ein Plan des Ortes fertig gestellt! Dieser zeigt die Handzeichnung der Siedlung und ordnet den Grundstücken die Namen der potenziellen Hauseigentümer zu.

Die Siedlung zählt, wie wir schon wissen, 155 Häuser mit 681 Seelen und 103 Webstühlen. Wir sehen, dass die Anzahl der anreisenden Kolonisten niedriger ist, als dass sie alle Wohnungen der neuen Häuser füllen würden. Keiner der Ankommenden bleibt also ohne Obdach, sondern kann sofort mit Wohnraum versorgt werden. In den 155 Doppelhäusern gibt es rund 308 Wohnungen. Belegt sind im Februar Anno 1759 die 155 Wohnungen der Hauswirte, also der künftigen Eigentümer, und 34 der Mietwohnungen, so dass noch 119 Wohnungen zur Vergabe frei stehen. Die Nummern der Häuser entsprechen den für den gesamten Ort durchgängig vergebenen Parzellen-Nummern. Aber nicht in jedem Falle liegen bei aufeinander folgenden Zahlen auch die Grundstücke immer örtlich nebeneinander. Erst 1851 / 1852 werden neue Hausnummern, dann auf die jeweiligen Straßenzeilen bezogen, ausgegeben – fangen also in jeder Straße erneut bei „1“ an zu zählen. So wird dann beispielsweise aus dem bisherigen Hause Nowawes No. 60 (ursprünglich Sotscheck, Senior) – neu: Priesterstraße 18 + 19 oder aus dem ursprünglichen Haus Sotscheck, Junior, bisher Nowawes No. 147, wird dann Kirchplatz 2 werden. Aber wie erwähnt - erst in knapp 100 Jahren ist es soweit. Bis dahin ist es etwas schwierig mit dem Aufsuchen einer Anschrift, wenn man ein Fremder ist. Das jedoch ist um diese Zeit allgemein üblich, so dass niemand einen Anstoß daran nimmt.

Doch es gibt nicht nur Freude in den neuen Häusern. Bittere Armut, der Kampf um hinreichend bezahlte Arbeit, um das Brot, ist täglich dabei – über lange Zeiten.

 

Hinweis zur folgenden Tabelle: Die Grundstücksparzellen / Häusernummern sind fortlaufend dargestellt, liegen in der Natur aber nicht in jedem Falle nebeneinander in dieser Reihenfolge in den Straßen.

 

Tabelle

Von den Einwohnern in Nova-West,

von welcher Profession sie sind, und vor wem sie bisher wo gearbeitet

No.

der

Häu-ser

Eigenthümer

deren

Profession

Einmiether

deren

Profession

für wem sie bishero gearbeitet

Männer und Frauen

Kin-der

1.

Peter Ochse

Gärtner

 

 

 

2

 

2.

Johann Hansel

Gärtner

 

 

 

2

1

3.

Matthes Zadel

Schuster

 

Vitnar Goldschmid

 

Spinner

 

1 *?

-

4.

Nicolaus Gremsel

Gärtner

 

 

 

2

 

5.

Johann Kiver

(Guber)

Wollstrei-cher

 

 

 

2

3

6.

Gottfried Nitsche

Weber mit

2 Web-stühlen

 

 

Jud Wolff

2

2

7.

Jacob Rakowe

Woll-streicher

 

 

 

2

2

8.

---   Müller

Weber

wohnt in Potsdam

 

 

 

 

9.

(Frantz Benda

Hof Musicus)

und Bruder des Frantz, Weber

 

1

1

10.

Johann Bischow

Bäcker

 

 

 

2

1

11.

Johann Jusa

 

(Josua)

Weber mit 2 Web-stühlen

 

 

Jud Wolff u. Lauden-sack

2

3

12.

Gottfried Richter

 

 

 

 

2

6

13.

Johann Matthes

Weber mit 2 Web-stühlen

 

 

Lauden-sack

2

3

14.

Wentzel Quapil

Weber mit 1 Webstuhl

 

Christoph Orbach

 

Schuster

Jud. Wolff

1

 

2

1

 

1

15.

Lidmilla Toschowska

Spinnerin

 

Friedrich Hartmann

 

Spinner

 

1

2

-

5

16.

Johann Howorka

Weber mit 1 Webstuhl

 

 

Jud Wolff

2

-

17.

Johann Sicha

Weber mit 1 Webstuhl

 

 

Pientz

2

3

18.

Salomena Mathecz

Matheiß)

Spinnerin

 

Johann Rubniczek

 

Weber mit 1 Webstuhl

Jud Wolff

2

2

4

2

19.

Johann Merckel

Fasan-Wärter

 

N.* Krisowski

 

Spinner

 

1

2

20.

Wentzel Schehack

Weber mit 1

Webstuhl

 

(Johann Tochert)

 

 

Spinner

Jud Wolff

2

3

21.

Bartholomeus Ronge (Runge)

 

Tagelöhner

 

 

 

2

-

22.

Johann Schwerckel

Tagelöhner

 

 

 

2

3

Ende des Blattes 1 des handschriftlichen Originals. Mit der Position 23 beginnt die Seite 2

 

Transport:

10 Stühle

 

1 Webstuhl

 

44

46

Nom. der Häu-ser

Eigenthümer

deren Profession

Einmiether

deren Profession

für wem sie bishero gearbeitet

Männer und Frauen

Kin-der

23.

Jacob Schwartz

Bäcker

 

 

 

2

-

24.

Catharina Schwihorst

Spinnerin

 

Lucas Spalleny

 

Wollstrei-cher

 

1

2

25.

Heinrich Seiffert

(Seidler)

Zimmer-mann

 

Jacob Haczstok

 

Tage-löhner

 

2

2

1

2

26.

Johann Wünsche

Zeug-macher mit 2 Webstühl.

 

Johann Michael

Weber, arbeitet als Geselle

Pientz

2

2

1

-

27.

George Schwartz

Weber,

(arbeitet wie ein Gesell)

 

 

 

2

2

28.

Ferdinand Tirkal

Weber mit 1 Webstuhl

 

 

Jud Wolff

2

3

29.

Christian Jushe

(Jusse)

Zeugmach.

Weber mit 1 Webstuhl

 

 

Pientz

2

2

30.

Witwe Scheber

Spinnerin

 

Gottfried Matz

 

Spinner

 

1

2

3

-

31.

Christian Bruthow

Tischler

 

 

 

2

6

---

Laufgasse zwischen der Priesterstraße und dem Kirchplatze (spätere Bäckerstraße, heute Schornsteinfegergasse)

32.

Rzehorz Roswoda

Spinner

 

 

 

2

-

33.

Christian Bomnizky

(Pomnitzky)

Tagelöhner

 

 

 

2

-

34.

Anna Wilperten

Spinnerin

 

Jacob Kohlmann

 

Spinner

 

1

2

2

1

35.

Gottfried Gromann Weber mit 1 Webstuhl

 

 

Christoph Bittsted

 

vor sich

2

2

1

-

36.

Matthes Zadel

Spinner

 

 

 

2

1

37.

Martin Schröder

Tagelöhner

 

 

 

2

5

38.

Johann Freytag

Tagelöhner

 

 

 

2

2

39.

Johann Wentzel

Weber mit 2 Webstühlen

 

Gottlieb Reicheld

Weber mit 2 Web-stühlen

Fischer

 

Fischer

2

2

3

3

40.

Daniel Litzt

Bäcker

 

 

 

2

3

41.

Daniel Zahn

Weber mit 2 Webstühlen

 

 

Pientz

2

4

42.

Heinrich Bients

Bauschreiber des Obersten v. Retzow

 

 

2

-

43.

George Thiede

(Thiele)

Tagelöhner

 

 

 

2

-

Ende des Blattes 2 des handschriftlichen Originals. Mit der Position 44 beginnt die Seite 3

 

Transport:

19 Webstühle

 

3 Webstühle

 

97

93

44.

Andreas Gablitz

Tagelöhner

 

 

 

2

1

45.

Johann Gierka

Tagelöhner

 

Wittwe Herren

 

Spinnerin

 

2

1

-

2

46.

Christoph Lehmann

Tagelöhner

 

 

 

2

3

47.

Christian Crone

Tagelöhner

 

 

 

2

3

48.

Christian Lutter

 

 

 

 

2

-

49.

Heinrich Bientz

aus Basel

Bauschreiber des Obersten v. Retzow

 

 

2

3

50.

Gottfried Rubel

Stückknecht im Felde

 

 

 

2

-

51.

Johann Kloseck

Etamin-macher

 

 

vor sich

2

1

52.

Johann Sigismund

Schlösser

 

 

 

2

1

53.

Paul Kurtzweil

Spinner

 

 

 

2

-

54.

Victor Benda, (Eltern des Hofmusicus Frantz Benda)

Spinner und Woll-streicher

(Verkauf im April 1762 an Gärtner Johann Maly

für 600 Thaler)

 

1

2

55.

Christian Krafft

Etamin-macher mit 4 Web- stühlen

 

 

vor sich

2

5

56.

Christian Zadel

Soldat unter Prinz Carl

 

 

 

2

1

57.

Jacob Prazak

Weber mit 2 Stühlen

 

 

Lauden-sack

2

2

58.

Stanislaus Chrost

Spinner

 

 

 

2

3

59.

Nicolaus Bennesch

Weber mit 1 Stuhl

 

 

Jud Wollf

2

-

60.

Wentzel Soczek,

(später Sotscheck, sen.) aus Königgrätz

Weber mit 2 Stühlen

 

 

Fischer

2

4

61.

Wentzel Witeck

Weber mit 2 Stühlen

 

Zithel

 

Etamin

macher mit 2 Stühlen

Jud Wolff

 

Jud Wolff

2

 

2

2

 

1

62.

Wentzel Tichi

Spinner und Woll-streicher

 

 

 

2

-

63.

George Fuchs

Weber mit 2 Stühlen

 

 

Pientz

2

2

64.

Gottfried Christoph

Weber mit 1 Webstuhl

(auch böhmischer Lehrer)

 

Fischer

2

-

---

Laufgasse zwischen Priesterstraße und Kirchplatz (heute Lutherstraße)

65.

Jacob Schwartze

Weber mit 1 Stuhl

 

 

Pientz

1

1

66.

Wentzel Lichtohleb (Letochleb)

Prediger

 

 

 

2

1

67.

Joseph Smetana

Weber mit 3 Stühlen

 

 

Lauden-sack

2

-

68.

Johann (gestrichen)

--- Göth / Goll

Weber mit 3 Webstühlen

 

 

Zöllner

 

 

Fischer

 

Fischer

4

2

69.

Martin Stanislaus

Weber mit 1 Webstuhl

 

 

Jud Wolff

2

3

Ende des Blattes 3 des handschriftlichen Originals. Mit der Position 70 beginnt die Seite 4

 

Transport:

42 Stühle

 

5 Stühle

 

152

136

70.

Johann Maly

Spinner

 

 

 

2

2

71.

Carl Maly

Tagelöhner

 

 

 

2

2

72.

Wentze(l) Czerny

Weber mit 1 Stuhl

 

 

Lauden-sack

2

2

73.

Johann Max

Weber mit 2 Webstühlen

 

Carl Sobeslaw

 

Spinner

Lauden-sack

2

 

2

1

 

-

74.

Martin Linde (Lindner)

Spinner

 

 

 

2

-

75.

George Podheisky

Woll-streicher

 

 

 

2

3

76.

Wentzel Gubert

Spinner

 

 

 

2

1

77.

Wentzel Wessely

Schneider

 

 

 

2

2

78.

Johann Marreczek

Etamin-macher

 

--- Bischoff

 

Strumpf-wirker

Jud Wolff

2

2

-

2

79.

Wentzel

Dawrowa

Spinner

 

 

 

2

-

80.

Johann Swatag

Weber mit 2 Stühlen

 

 

Pientz

2

2

81.

Friedrich Albrecht

Tagelöhner

 

 

 

2

4

82.

Johann Bethtag

Weber mit 1 Webstuhl

 

 

Jud Wolff

2

2

83.

George Otta

Weber mit 1 Webstuhl

 

 

Lauden-sack

2

-

84.

George Schwartze

Spinner

 

 

 

2

1

85.

--- Spaleck

Spinner

 

 

 

2

2

86.

Lidmilla Schnila

Spinnerin

 

 

 

1

3

87.

Georg Neuling

Weber mit 1 Webstuhl

 

 

Jud Wolff

2

2

88.

Andreas Kapel

Weber mit 1 Webstuhl

 

 

Fischer

2

-

89.

Johann Frede

Tagelöhner

 

 

 

2

2

90.

Martin Rubniczek

Weber mit 1 Webstuhl

 

 

Lauden-sack

2

1

91.

Stephan Holecz

Weber mit 2 Webstühlen

 

 

Jud Wolff

2

2

92.

Peter Bertholt

Weber mit 2 Webstühlen

(in Leinwand)

 

Fischer

2

2

93.

Georg Dworzack

Weber mit 2 Webstühlen

 

 

Lauden-sack

2

-

94.

--- ( ein Bäcker)

Invalid

 

 

 

2

-

Ende des Blattes 4 des handschriftlichen Originals. Mit der Position 95 beginnt die Seite 5

 

Transport:

59 Webstühle

 

 

5 Webstühle

204

174

95.

Thomas Rubniczek

Weber mit 2 Webstühlen

 

 

Jud Wolff

2

3

96.

Johann Nowotny

Etamin-macher mit 1 Webstuhl

 

 

Jud Wolff

1

-

97.

Joseph Nehota

Spinner

 

 

 

2

1

98.

Wentzel Sadlow

Weber mit 2 Webstühlen

 

 

Jud Wolff

2

2

99.

Johann Nemecz

Spinner

 

Bauermann

 

Tuch-

macher mit 1 Stuhl

 

1

 

2

1

 

1

100.

Christoph Schmidt

Schlösser

 

 

 

2

2

101.

Johann Krüger

Weber mit 2 Webstühlen

 

Johanne Krüger

 

Weberin mit 1 Stuhl

Fischer

 

Fischer

2

 

2

2

 

-

102.

Johann Gras

Weber mit 1 Webstuhl

 

 

Fischer

2

3

103.

Wentzel Studniczka

Böttcher

 

Christian Studniczka

 

Spinner

 

2

 

2

1

 

-

104.

Johann Dowro

Spinner

 

 

 

2

4

105.

Johann Neumann

Weber mit 1 Webstuhl

 

--- Essinger

 

Spinner

Jud Wolff

2

1

2

2

106.

Johann Haupt

Spinner und Maurer-gesell

 

 

 

2

4

107.

Heinrich Geyer

Weber mit 1 Webstuhl

 

Christoph Lobt

 

Spinner und Maurer

vor sich

2

 

2

1

 

3

108.

Johann Burghard

Etamin-macher mit 2 Stühlen

 

 

 

2

4

109.

Christoph Drommel

Tuch-macher mit 1 Webstuhl

 

 

 

2

1

110.

Peter Ollendorff

Spinner

 

 

 

2

5

111.

Wittwe --- Rudolphen

Weberin mit 2 Webstühlen

 

Gottlob Boehme

 

Weber mit 1 Webstuhl

Fischer

 

Jud Wolff

1

 

2

1

 

-

112.

Johann Eckhard

Etamin-macher mit 1 Webstuhl

 

 

vor sich

2

2

113.

Johann Wolff

Spinner

 

 

 

2

4

114.

Georg Nessel

Woll-kämmer

 

 

 

2

-

115.

Johann Günther

Tagelöhner

 

 

 

2

-

Ende des Blattes 5 des handschriftlichen Originals. Mit der Position 116 beginnt die Seite 6

 

Transport:

75 Webstühle

 

 

8 Webstühle

254

223

116.

Georg Wiskoczyl

Spinner

 

Johann Vogel

 

Schneider

 

2

 

2

1

 

1

117.

Christoph Hammer

Spinner

 

 

 

2

4

118.

Michael Lehmann

Baumwoll-streicher, Bierschenk

 

 

 

2

1

119.

Michael Ziefel

Weber mit 1 Webstuhl

 

 

Fischer

2

-

120.

Johann Lorentz

Spinner

 

 

 

2

2

121.

Johann Hertzbach

Schuster

 

 

 

2

4

122.

Christian Marx

Spinner

 

Johann Hoffmann

 

Spinner

 

2

 

2

1

 

4

123.

Johann Wagner

Spinner

 

 

 

2

3

124.

Samuel Sotten

Spinner

 

 

--- Barth

Etamin-macher mit 1 Webstuhl

 

1

 

2

2

 

2

125.

Friedrich Beyerlein

Spinner

 

Christian Huschner

 

Spinner

 

1

 

2

-

 

1

126.

Heinrich Brasche

Weber mit 1 Webstuhl

 

Christian Damm

 

Woll-streicher

Fischer

2

 

2

1

 

2

127.

Christian Dubach

Zwirn-macher

 

 

 

2

2

128.

Johann Heberli

Weber mit 1 Webstuhl

 

Johann Grillig

 

Weber mit 2 Stühlen

Fischer

 

Fischer

2

 

2

1

 

2

129.

Johann Rudolph

Spinner

 

--- Hassertin

 

Spinner

 

1

1

2

1

130.

Jacob Lischert

Weber mit 1 Webstuhl

 

 

Fischer

2

1

131.

Heinrich Colin

Schlößer

 

 

 

2

6

132.

Jacob Leidweil

Spinner

 

Johann Weber

 

Weber mit 1 Webstuhl

 

 

Fischer

2

 

2

4

 

-

133.

Johann Witeck

Weber mit 1 Webstuhl

 

 

Fischer

2

3

134.

Jacob Blume

Spinner

 

Christoph Rudolph

 

Spinner

 

1

 

2

1

 

3

Ende des Blattes 6 des handschriftlichen Originals. Mit der Position 135 beginnt die Seite 7

 

Transport:

80 Webstühle

 

12 Webstühle

 

305

278

135.

Johann Schmidt

Etamin-macher mit 1 Webstuhl

 

 

vor sich

2

1

136.

Christian König

Fleisch-hauer

 

 

 

2

1

137.

Christian Wolff

Spinner und Schneider

 

 

 

2

3

138.

Johann Millich

(Milch)

Weber mit 2 Webstühlen

 

 

 

2

2

139.

August Reichert

Spinner

 

 

 

2

1

140.

Johann Krafft

Etamin-macher mit 3 Webstühlen

 

 

vor sich

2

3

141.

Wilhelm Mehlhorn

Spinner und Tischler

 

 

 

1

4

142.

Philip Rymund

(Sigmund)

Weber mit 1 Webstuhl

 

 

Lauden-sack

2

2

143.

Georg Holtzendorff

Spinner und Maurerges.

 

 

 

2

8

144.

Johann Jun

Weber mit 1 Webstuhl (später auch Lehrer)

 

Fischer

2

1

145.

Gottfried Kretsmar

(Kretschmann)

Bäcker und Wollstreicher

sowie Bierschänker, Lehrer

 

 

2

-

146.

Wentzel Stock

Spinner und Bäcker

 

 

 

2

1

147.

Wentzel Soczeck

(Sotscheck, jun) aus Königgrätz

Etamin-macher mit 2 Webstühlen

 

 

vor sich

2

-

148.

Michael Schmeltz

Etamin-macher mit 1 Webstuhl

 

 

vor sich

2

-

149.

im Witwenhaus

 

Spin-nerinnen

 

--- Schultze

Spinner u.

Schneider

 

4

2

5

-

150.

Valentin Krüger

Tagelöhner

 

 

 

2

2

151.

Johann Lüdicke

Tagelöhner

 

 

 

2

1

152.

Christian Lucke

Tagelöhner

 

 

 

2

3

153.

Johann Rothe

Schuster

 

 

 

2

2

154.

Johann Hampel

Weber

wohnt in Berlin

 

2

-

155.

(in) Prazacks Hauß

 

 

Witwe Nendel

 

Spinnerin

 

 

1

 

2

Summe:

90 Webstühle

 

 

12 Webstühle

349

319

Summe aller Stühle: 102

Summe aller Männer, Frauen und Kinder: 668

 

Korrigierende Anmerkung von C. J.: (Die richtige Summe beträgt 103 Webstühle)

 

                          Webergesellen: 13

--------------------------------------------------

                               alle Seelen: 681

Potsdam, den 8. Februar 1759

Für die vorstehende Tabelle eine kleine statistische Auswertung:

Zu den Spalten 2 und 4: Die Häufigkeit / Beliebtheit der Vornamen in jener Zeit in Nowawes bei den Erwachsenen innerhalb der 155 Familien beträgt:

53x Johann(e), 15x Christian, 14x Wentzel, 11x Georg, 9x Jacob, 8x Christoph, 7x Gottfried, 6x Heinrich, 4x Martin, 4x Friedrich, je 3x Michael und Peter, je 2x Andreas, Carl, Daniel, Joseph, Matthes, Nicolaus und Lidmilla sowie nur je 1x: Anna, August, Catharina, Gottlieb, Gottlob, Ferdinand, Frantz, Lucas, Paul, Philip, Samuel, Stanislaus, Stephan, Thomas, Valentin und Wilhelm.

 

Zu den Spalten 3 und 5: Häufigkeitsverteilung der Berufe unter den Kolonisten in Nowawes:

69x Weber, darunter auch die 12 höher qualifizierten Etaminmacher (Erläuterung folgt).

54x Spinner.

18x Tagelöhner (das werden Handarbeiter ohne eine gediegene oder hier benötigte Ausbildung sein).

10x Wollstreicher / Wollkämmer.

04x Schuhmacher (Schuhe werden nicht nur repariert, sondern auch von diesen Handwerkern hergestellt, da eine industrielle Fertigung ja noch nicht bekannt ist).

04x Zeugmacher / Tuchmacher.

04x Beschäftigte im Bierbrauerei- und Schankgewerbe.

04x Schneider.

03x Gärtner.

03 x Bäcker.

03x Schlößer / Schlösser (Schlosser).

03x Maurergesell als Zweitberuf.

02x Tischler.

01x Bauschreiber und 01 Hof-Musikus, 01 Wärter für das Fasanen-Gehege und dessen Bewohner, 01 Zimmermann, 01 Böttcher / Fassmacher, 01 Zwirnmacher, 01 Fleischhauer und 01 Prediger.

 

Zu Spalte 6: „Für wem sie bishero gearbeitet: Gemeint sind hier die so genannten Verleger, Auf- und Verkäufer, Händler, welche die Spinner und Weber mit den Arbeitsmitteln / der Rohware / dem Naturprodukt versorgen sollen und das zu Garn, Zwirn und Webware, zu Tuchen verarbeitete Material (Stoffballen), dann wieder von den Webern und Spinnern aufkaufen sollen, so dass jene von dem Erlös aus der Spanne hinreichend leben können.

Das Funktionieren dieses Vorhabens ist jedoch nach dem Ableben des v. Retzow, langzeitig nicht gewährleistet. Die Verleger versorgen die Kolonisten oft nicht ausreichend mit Rohmaterial und für das bearbeitete Produkt werden Hungerlöhne gezahlt. Der Verleger liebt es, einen möglichst hohen Gewinn in seiner Tasche zu sehen. Als Verleger treten in Nowawes auf: Der Berliner Jude Wolff, bzw. nach seinem Ableben die Witwe und deren Söhne, Laudensack, Pientz und Fischer.

Die Verleger hingegen klagen über Diebstahl von Rohmaterial seitens der Weber und den illegalen Verkauf daraus gefertigter Produkte sowie über eine zu geringe Qualität.

Bei wenigen Ausnahmen tritt die Bemerkung (arbeiten) „vor sich“ auf. In diesen Fällen übernimmt kein Verleger den Verkauf, sondern diese „besseren“ Weber / Fabrikanten, vermarkten ihre Ware selbständig, sie arbeiteten „für sich“ – auf eigene Rechnung.

 

Die Familiennamen der Bewohner sind nach Ansage und Gehör aufgeschrieben. Manche kommen im Laufe der Zeit aber auch zeitgleich, in verschiedenen Varianten vor, bis sie sich später „festigen“. Jusa, später Josua; Millich, später Milch; Tauschil, später Tauschel; Max (?) später Maxa; Lischert, später eventuell Lüscher. Kretsmar, auch Kretschmann und so weiter. Ein besonderer Variantenreichtum ist bei der Eindeutschung slawischer Namen zu beobachten wie z. B. Sauczeck (in mehreren Schreibvarianten) später Sotscheck; Kloseck, später Klotzeck; Holecz, später Holletz; Nemecz, später Deutsch und so fort.

 

Zu den Spalten 7 und 8: Im Jahre 1759 stehen 349 Erwachsenen, 319 Kinder gegenüber. Das sind rund 1,8 Kinder je Elternpaar (die alleinstehend Erziehenden (Witwen) sind hier unberücksichtigt). Diese Zahlen werden später günstiger. Die Elternpaare haben dann im Durchschnitt 2-3 Kinder; manche aber auch 9-13 Kinder trotz oder wegen der Armut.

 

Zu Parzelle No. 60: Wentzel Sotscheck: Dieser kam, wie viele andere auch, mit seiner Familie nicht unmittelbar aus Böhmen angereist, denn er ist bereits 1747 in der Rixdorfer und dann in der Berliner (Wilhelmstraße) Einwandererliste erwähnt. Dort leben auch bereits die Familien Letochleb und Mogzis, aus denen dann die beiden ersten Nowaweser Prediger hervorgehen.

 

Eine Anmerkung zum Beruf des Etaminmachers. Was ist Etamin?

Etamin (französisch) kann mit „Siebtuch“ übersetzt werden. Es ist ein leichtes, durchsichtiges Gewebe, eine Gaze, mit sichtbarer Gitterstruktur, mit quadratischen, verschiebefesten Öffnungen, die nach dem jeweiligen Einsatzzweck unterschiedlich groß sein können, in Leinwand- oder Scheindreherbindung hergestellt. Zu seiner Herstellung bedarf es einiger Zusatzgeräte zum einfachen, herkömmlichen Webstuhl.

Der Begriff Gaze (französisch) beruht auf der Benennung nach der Stadt Gaza, wo dieses Gewebe möglicherweise zuerst hergestellt wurde.

Etamin ist ein beidseitig gleichermaßen einsetzbares Gewebe. Anwendung findet es unter anderem als Gardinenstoff, als Insektenschutz-Fenstergaze, für Seihtücher, als Beuteltuch = Siebtuch, auch genannt Müller- oder Beutelgaze zum Durchbeuteln des Mehls oder auch zum Durchsieben der Pulver in den Apotheken.

Weitere Verwendungen sind jene als Kartuschenbeutel (Beutel für Schießpulverladungen, in Kartuschen aufbewahrt) und auch als Verbandstoffe.

Die nachträgliche Ausrüstung der Etamin-Webware (Appretur = An- oder Einlagerung bestimmter Substanzen, chemischer Stoffe oder Pflanzenstärke), wirkt formerhaltend, wasser- und schmutzabweisend und kann dabei das Gewebe steif und glänzend machen, insbesondere nach einer Verfestigung durch das Pressen.

Mögliche Einsatzgebiete: Gazen für luftige Damenhüte, Nähgazen für Kleidungsfutter, Kragen- und Manschetteneinlagen sowie für die Reifröcke der Damen.

 

1760

Im Siebenjährigen Krieg wird auch unser Ort belagert, die Kirche am 12. Octobris von russischen Soldaten geplündert. Die königlich schlichten, silbernen Abendmahlsgeräte sind geraubt, wie auch die Taufschüssel samt dem Kruge, die des Königs Mutter, Sophie Dorothea, nach der Kirchenweihe gestiftet hatte. Wir bedienen uns jetzo daher einer zinnernen Schüssel sowie einer zinnernen Flasche, die der Potsdamsche Bürger und Meister, Herr Sauerland, unserer Kirche bereits 1753 geschenkt hatte. So kommen sie spät zu hohen Ehren und unser Gewissen ist ruhig und voll des Dankes.

Waclaw / Wenzeslaus Wessely, ein selbständiger Webermeister und „Fabrikant“, in den Akten auch als Schneider geführt, kämpft als Freigeist langzeitig mit Vertretern der Königlichen Residenz (oder richtiger: gegen diese), um die Rechte der Weber. Er und Seinesgleichen werden mit der Bezeichnung „Königsquäler“ geehrt. Es ist ein harter Kampf, selbst bis zur Aufgabe (Fortnahme) der Existenzgrundlagen und der Haft, deren Verwirklichung er zeitweilig mit der Flucht zuvorkommt. (Dazu kann man noch über das Jahr 2010 hinaus, im Brandenburgischen Landeshauptarchiv zu Potsdam, den umfangreichen Schriftverkehr studieren).

Der Familienname des Wenzel Wessely bedeutet, wollte man diesen unüblicher Weise übersetzen, „Lustig“ oder „Fröhlich“. So lustig allerdings ist der Verlauf seines Hierseins  jedoch wirklich nicht. Er ist im böhmischen Podebrad geboren worden. Es mag etwa um 1720 gewesen sein. Nicht erst zur Coloniegründung zog er nach Nowawes, sondern war bereits ab 1744 als Diener in vornehmen Potsdamschen Haushalten tätig, wurde aber wegen mangelnden Subordinationswillens entfernt. Sein Schwager ist der Weber Wentzel Sadlow, der mit seiner derzeitig ebenfalls vierköpfigen Familie auf Parzelle 98 (Laufgasse vom Kirchplatz gegen die Waldstraße, spätere Kreuzstraße) wohnt.

Wessely kauft im Jahre 1755 die Parzelle No. 77 mit dem darauf stehenden Haus (heute Karl-Liebknecht-Straße 100 / 101) für 25 Thaler von Wenzel Kupka, einem Fabrikanten und Kleinverleger. Kupka ist im Einwohnerverzeichnis von 1759 nicht mehr aufgeführt.

Die Grundstückspreise mit Haus schwanken etwa zwischen 8 und 200 Thalern(!) Die Art der Regelung zum Verkauf der Immobilie zwischen Kupka und Wessely darf als eine der Ausnahmen gelten.

Generell gilt ,wir wir schon wissen, dass die Häuser nicht ohne die Erlaubnis der Churmärkischen Kriegs- und Domänenkammer verkauft werden dürfen.

Wessely setzt sich sehr für die armen Handwerker ein. Sowohl er, als auch seine Frau, Anna Sophia, verehelichte Sadlow, können gewandt schreiben und auch schwierigere Texte problemlos formulieren. Da Wessely die Texte der Anliegen zwar äußerlich demutsvoll anlegt aber trotzdem ungewöhnlich selbstbewusst vorträgt und als Schriftführer fungiert, gilt er in der Königlichen Potsdamer Residenz als Anführer, als Aufrührer.

Die Nowaweser Colonisten wünschen sich eine Gleichbehandlung, möchten gern die gleichen Privilegien, die andere Exulanten erhalten. Beispielsweise sind dort im nahen Potsdam die französischen Hugenotten und die Holländer. Das sind allerdings Leute, die die (französische) Hochsprache beherrschen, auch künstlerische oder wissenschaftliche Professionen vertreten, oder sind versierte Handwerksspezialisten, sind jedoch keine armen Weber und Spinner.

Unmutsäußerungen, Unbotmäßigkeit in Wort und Schriftsatz sowie Aufwiegelei duldet jedoch König Friedrich II. nicht, sondern lässt diese Weber eher hart anfassen. Die drohende Bestrafung spürt auch Wessely.

Seine erste erforderliche Flucht führt ihn nach Freiberg in Sachsen. Anschließend verbringt er 14 Tage Haft in Spandau. In den 60er Jahren flieht er nochmals ins Sächsische, diesmal jedoch nur in's nahe gelegene Niemegk und sitzt nach der Rückkehr ein Jahr im Potsdamer Gefängnis ab. Alle Waaren wurden seiner vierköpfigen Familie abgenommen.

Später, in den 80er Jahren erneut auf der Flucht, wird er in Brieg verhaftet. Ein unstetes, aufreibendes Leben, eine gefährdete Existenz für die Familie.

 

Der Bäcker, Wollhändler und Bierschänker, Johann Gottfried Kretschmann, ist auch der erste Schulhalter (Lehrer) der deutschen Schule. Er hatte das Haus am Kirchplatz (Parzelle 145, heute Weberplatz 5) übereignet bekommen. Dort, im Schulhause, richtet er aber unerlaubt eine Bäckerei ein. Erkennbar ist seine Auslastung mit diesen Tätigkeiten. Erkennbar ist aber auch, dass er sich nicht mehr weiter um den Schulbetrieb schert. Das Wohl und Wehe der Kinder scheint ihm gleichgültig. „Ein Schulgebäude muss sich rechnen – und das geht gut mit einer Bäckerei als Hauptverdienst“ – so etwa mag er gedacht haben. So aber geht das nicht im Sinne der Gemeine und der Eltern. Kretschmann wird abgelöst.

Der zweite deutsche Cantor und Küster, der schon betagte Johann George Schulze, wird nun sein Nachfolger. Er übernimmt im Alter auch noch das Amt des Lehrers. Die Eltern schicken ihre Kinder gerne zu ihm, denn er ist ausgeglichen, hat ein frohes Gemüt und ein gutes Herz. Schulze hat freies Wohnen, einige Schritte weiter im Gemeinewittwenhaus und übt die Lehrertätigkeit vom März 1760 bis zum September 1763, also bis zu seinem Tode aus.

 

1761

Nowawes zählt nun 1.000 Einwohner.

Am 11ten Decembris (eine andere Quelle: nennt den 29. Novembris, den 1. Adventssonntag), gibt es ein unerhörtes Ereignis in Nowawes:

Der Potsdamsche Prediger und Inspector der lutherisch-reformierten Gemeinen, Herr Wenzelmann und sein Küster, wollen doch tatsächlich mit den in Nowawes lebenden lutherisch-reformierten Schäfchen, zu denen hauptsächlich Schweizer und Süddeutsche gehören, die Heilige Communion dreist in der Friedrichskirche feiern. Wir Böhmen und Deutschen lutherischer Confession schließen vor ihnen jedoch rechtzeitig die Kirchentüren und wappnen uns für einen etwa notwendigen tätlichen Angriff gehörig mit Knüppeln.  Offenbar wirkt das erschröcklich genug, denn alsdann reicht Prediger Wenzelmann den Communicanten das Heilige Abendmahl bei Kälte unter freiem Himmel vor dem Hause Gottes. Anschließend gehen sie still auseinander.

Anmerkung: Schon früh hatten die Reformirten sich gewünscht, dass der gute böhmisch-reformirte Prediger Elsner aus Berlin sie für 50 Thaler per Anno, zumindest einmal vierteljährlich hier in Nowawes betreuen möge, jedoch wurde ihnen bereits damals offiziell die Potsdamer Heiligengeistkirche zugewiesen, so dass ja der erneute Versuch einer eigenwilligen Änderung scheitern muss.

Seither besuchen die Nowaweser Reformirten wieder, gemäß der Ordnung, die ihnen zugewiesene Potsdamer Heiligengeistkirche, wenn der Weg auch weiter ist. Ja, Toleranz ist  'was Schönes (deshalb sind wir ja auch hierher geflohen) aber irgendwo muss doch eine Grenze sein, nicht wahr?

 

1763

Der Siebenjährige Krieg endet am 15. Februar mit dem Hubertusburger Frieden. Hunderttausende Menschen wurden in diesem geopfert, ungezählte Soldaten sind invalide. Die Länder sind ausgeblutet. Trotzdem oder gerade deshalb, lässt Friedrich II. am westlichen Ende des Parks von Sans,souci ein riesiges, eher unnützes Bauwerk, den rund 952 Fuß (etwa 300 m) langen Palast „Friedrichshuld“ mit weit mehr als 200 Zimmern und aufwändig ausgezierten Sälen erbauen. Wie ein Trompetenstoß soll es tönen: „Seht nur, wozu Preußen auch nach dem Krieg noch in der Lage ist“. Dieses Schloss heißt heute „Neues Palais“.

 

Am 24. August 1763 fertigt der Magistrat zu Potsdam eine neue Liste der Hauseigentümer von Nowawes. 155 Familiennamen sind aufgeführt und auch deren Berufe genannt. (Quelle: Brandenburgisches Hauptarchiv, Repositum 2, D., 15426/1, Seiten 149 - 172).

 

Unser guter Cantor, Küster und auch Lehrer Johann George Schulze ist nicht mehr. Er ward geboren im Jahr 1692 und starb nach 2 1/2 Jahren des Schuldienstes im 71ten Lebensjahr. Der dritte deutsche Lehrer in Folge ist Johann Friedrich Doenicke aus Dallgow. Eine Wohnung hat er hier noch nicht. Prediger Letochleb nimmt ihn daher mit in das Predigerwittwenhaus. Dort scheint er gut aufgehoben. Er wird die Lehrertätigkeit bis 1765 oder 1766 ausüben.

Oh, oh! Es brechen strenge Zeiten für die Lehrer an. Es tritt nämlich das „General-Landschul-Reglement“ in Kraft. Darin wird verordnet, dass kein Küster und Schulmeister mehr zugelassen werden darf, der nicht von dem Inspector (dem aufsichtsführenden Prediger oder Superintendenten) geprüft und mit einem Zeugnis über seine Tüchtigkeit versehen ist. Neue, künftige Lehrer sollen bereits im Seminario vorgebildet werden. So die wohlmeinende Theorie.

 

1764

Das Bauen geht weiter – etwas zögerlich voran.

Der zweite Bauabschnitt der Colonie: 1764 – 1767.

Nach dem Ende des Siebenjährigen Krieges und dem Ableben des v. Retzows, führt General Heinrich Wilhelm v. Anhalt (1734 – 1801) die oberbauleitenden Arbeiten in der Colonie weiter. Das unmittelbare Koordinieren des Bauens aber, obliegt dem Oberhofbaurat Heinrich Ludwig Manger (1728 – 1790). Die künftigen Bauten sollen vorrangig von Bauhandwerkern bewohnt werden, die am (vorgenannten) neuen Schloss und weiteren Immediatbauten in Potsdam arbeiten werden.

Für diese Handwerker entstehen 1764: 39 Häuser und 2 Brunnen in der Allee, die nach Glinike (Klein Glienicke) führt = 50-Häuser-Straße / Eichenallee = ab etwa 1830 Neue Lindenstraße = ab 1875 Wilhelmstraße = heutige Straße „Alt Nowawes“, auf den Parzellen 156 - 194 und 2 Bauten in der 6-Häuser-Straße = (Friedrichstraße, heute Garnstraße) auf den Parzellen 195 und 196.

Die Ernährungssituation der Bevölkerung ist dauerhaft schlecht. Der König erlässt ein „Verbot des Bauernlegens“, um die Situation etwas zu entspannen. Die hinsichtlich der Zusammensetzung des Bodens wertarmen Nowaweser Grundstücke erhalten Lehm und Dung, um versuchsweise auch etwas Gemüse in den Gärten anbauen zu können.

Solange v. Retzow seine regelnde und kontrollierende Hände über dem Verlegersystem hatte, funktionierte dieses auch. Nun aber erfüllen die Verleger (Jud Wolffs Erben, die Wittwe mit den Söhnen) die Verträge nicht mehr. Sie behalten Lohnanteile ein, sehen diese als Vorschuss für den Materialkauf an, und sie kaufen den Webern die fertige Waare nicht regelmäßig nach der Fertigstellung ab, sondern dann, wenn die Nachfrage ihnen eine genehme Preisgestaltung fördert.

 

1765

Unser guter Prediger Wenzel Letochleb verlässt uns zum Ende des Monats April. Er geht als Inspector (Superintendent) in die Niederlausitz nach Peitz bei Cottbus und wird sich dort gleich mit dem eingedeutschtem Namen, „Sommerbrodt“ nennen. Die Nowaweser Gemeine bedauert seinen Abschied, denn er ist stets freundlich, bescheiden und seine Seele voller Demuth – ein achtenswerther Charakter. 14 Jahre tat er hier treu seinen Dienst. an dem HErrn und an uns.

Pfingsten tritt die Gemeineversammlung zusammen. Sie beschließt, die alte, strenge Zucht wieder sicher zu handhaben. Dazu gehört zum Beispiel: Wer vier Wochen hintereinander die Kirche ohn' erhebliche Ursach' nicht besucht, soll als gottlos erachtet werden. Er darf nicht mehr am Abendmahl teilhaben und auch nicht als Kindes-Gevatter bei der Taufe zugelassen werden.

Der just 31jährige Matthis Mogzis (Matthias Moses, geboren 1734) wird der Nachfolger von Letochleb, als der zweite deutsch-böhmische Prediger. Beide Prediger kennen sich gut. Als Halbwüchsige der elterlichen Familien waren sie von Böhmen vorerst nach Berlin ausgewandert und beide besuchten dort das Predigerseminar. Moses übt hier als Seelenhirte seinen Dienst vom 1. Sonntage nach Trinitatis Anno Domini 1765, bis zu seinem Tode am 26. Octobris 1797 aus. Auch er hält zwei Predigten, die eine in böhmisch, die andere in deutsch. Die Lieder werden bei ihm für das leichtere Eingewöhnen in das Deutsche, später wechselweise zweisprachig gesungen. Nur er hat aus regem Interesse an seinen Schäfchen (nebenbei, da er ja nicht als Lehrer angestellt ist), die Kinder gleichzeitig in deutscher und böhmischer Sprache unterrichtet.

Innerhalb seiner Amtszeit schafft man für reichlich 70 Thaler eine kleine, gebrauchte Orgel an. Es ist allerdings ein jämmerliches Werkchen, was unter mehrfachen Reparaturen wohl wenig geschulter Hände, gänzlich unbrauchbar, denn gebessert wird.

Die „11 Häuser-Straße“ (Mühlenstraße, so der heutige Name – seit 1903) wird mit den Parzellen 197 - 207 angelegt; nur auf einer Straßenseite, gegenüber dem Schlosspark.

 

1766

Der Glockenturm der Friedrichskirche erhält eine Turmuhr. Das Zifferblatt ist aus massivem Sandstein gearbeitet. Die Ziffern aber vergoldet. Prediger Moses kann notieren: Am 18ten Decembris erhalten wir das Geld zu einer Glocke (211 Thaler). Die Glocke wiegt 4 Centner, 13 Pfund (206,5 kg).

Die Kirche ist arm. Wir haben für sie keinen eigenen Fonds. Reparaturarbeiten lässt der König als Schirmherr und Namensgeber in Seinem Auftrage durch die Churmärkische Kriegs- und Domänen-Cammer begleichen. Kleine Reparaturen am Kirch-, Pfarr- und Schulgebäude sowie Ausgaben für andere Kirchendienste, werden aus den Sammelergebnissen der Klingelbeutel bestritten.

 

In der 6-Häuser-Straße, Parzelle 195 (spätere Friedrichstraße, heutige Garnstraße Nr. 30, Ecke Auguststraße = heutige Tuchmacherstraße) entsteht ein „lutherisch-reformirtes Schulhaus“, um auch den Kindern der Neuansiedler dieser Glaubensrichtung eine religiös angepasste Schulbildung zu ermöglichen, denn „jeder soll ja nach seiner Facon selig werden“, meint König Friedrich II.

Der erste reformierte Schullehrer ist Goldschmidt. Er erhält 12 Thaler Gehalt im Jahr. Die Einwohner „dieser abweichlerischen Glaubensrichtung“ nutzen wie schon oben bekannt gegeben, zum Kirchgang die Heiligengeistkirche zu Potsdam. So ist es ihnen vorgegeben und das Fährboot von Nowawes über den Tiefen See des Havel-Strohmes zur Heiligengeistkirche, macht ihnen das auf kurzem Wege möglich.

Als vierter Lehrer der deutschen Schule am Kirchplatz wirkt nun Philipp Brendel. Er war Student an der Universität.

 

1767

In der 6-Häuser-Straße entstehen auf den Parzellen 208 - 210, drei weitere Häuser. Damit ist dieser zweite und vorläufig letzte Bauabschnitt beendet. Die Siedlung besteht nunmehr aus 210 Colonistenhäusern. Nowawes ist somit die größte der zahlreichen neuen friderizianischen Colonien. In Nowawes werden 1.100 Einwohner, davon etwa 228 Böhmen gezählt (Anmerkung: Etwas unterschiedliche Angaben in verschiedenen Literaturquellen).

Lehrer Goldschmidt unterrichtet nicht mehr. Er ist dieser Tage gestorben. Sein Nachfolger, der zweite reformirte Lehrer, trägt den Familiennamen Franz und wird hier zwei Jahre diesem Amt nachgehen.

 

James Hargreaves stellt eine Spinnmaschine vor, die die Arbeit wesentlich erleichtert. Er nennt sie „Jenny“. Man ahnt, dass die Wiege dieser Erfindung leider nicht in Nowawes steht.

 

1768

Eine Änderung zum bisherigen Predigerwittwenhaus in der Priesterstraße: Der Kriegsrath Richter bietet Herrn Prediger Moses 90 Thaler als Ersatz für das jetzige Haus an. Moses legt noch 10 Thlr. darauf und kauft die in der Waldstraße No. 97 belegene Parzelle mit dem Haus von Webermeister Macher für 100 Thlr. als ein neues Predigerwittwenhaus. Das bisherige Haus neben der Pfarre wird fürderhin als Schulhaus genutzt.

 

1769

In der zurückliegenden Zeit sind mit der Königlichen Schenkung 155 Häuser der insgesamt 210 Häuser der Colonie erb- und eigenthümlich an je eine der Bewohnerfamilien übergegangen. Diese Übereignung begann im großen Zuge erst etwa 1760, um seitens der Obrigkeit bis zu dieser Zeit erkennen zu können, ob sich die Bewohner akklimatisiert, ihre Verhältnisse stabilisiert hatten, also erst dann, als scheinbar keine große Gefahr des Fortwanderns mehr abzusehen war. Trotzdem war es schon um 1763 zu illegalen Hausverkäufen gekommen, wobei die Häuser still und ohne Zögern, weit unter Wert, schon für 8 bis 15 bis 60 Thaler veräußert wurden, obwohl deren Errichten vor 2 Jahrzehnten rund 290 Thaler Kosten verursacht hatte. Aber wer wusste das schon, und wen interessierte das? Die potenziell Flüchtigen brauchten ein „schnelles Reise- und Zehrgeld“.

 

1770

Der dritte reformirte Lehrer ist – nur für kurze Zeit – Friedrich Wilhelm Doniges. Als Gehalt sind ihm 56 Thaler und außerdem ein Haufen Torf zum Heizen zugesagt. Doch trotzdem folgt er bald einem Rufe nach Landsberg an der Warthe (Neumark).

Im Amt folgt ihm hier Carl Ludwig Doniges, der 3 1/2 Jahre reformirter Lehrer sein wird.

Es bestehen nun in Nowawes: 3 fiscalische Schulen: Priesterstraße, 6-Häuser-Straße und Kirchplatz (ehemaliges Predigerwittwenhaus).

 

1771

Eine weitere, ganz kleine Ansiedelung von nur vier Doppelhäusern, aber im gleichen Aussehen wie die unsrigen, entsteht jetzt als Colonie Boxhagen, nahe dem Dorf Rummelsburg belegen.

 

1772

Lehrer Philipp Brendel verlässt die deutsche Schule der Gemeine Nowawes und wird einen Katzensprung entfernt, an der Neuendorfer Kirche seinen Dienst als Küster tun. Wir bekommen als seinen Nachfolger den Immanuel Christian Friedrich Kraatz, der bei uns 12 Jahre lang diese Tätigkeit ausüben wird. Später ist jener dann Viertels-Commissarius, dem die Aufsicht über ein Ortsviertel obliegen wird. Die Commissarii werden vom Potsdamschen Magistrate bestellt.

 

1774

Der vierte reformirte Lehrer, Carl Ludwig Doniges, verlässt die Gemeine Nowawes. Er wird nach Soldin in der Neumark versetzt. Es folgt ihm im Amt Johann Gottfried Doniges. Für diesen werden 32 Thaler an jährlichem Gehalt bewilligt (eine andere Quelle weist 12 Thlr. aus). Die Zukunft wird wissen, dass er an einem kalten 1. Dezember im Wasser umkommen wird. Ja, mit den reformirten Lehrern ist es für die Kinderchen sehr unbeständig, weniger glückvoll.

 

1775

In die Friedrichskirche wird ein gebrauchtes aber gut nutzbares Orgelpositiv eingebaut. Das wird freudig als eine positive Meldung aufgenommen.

 

1777

Am 14ten Decembris geht der 76jährige böhmische Schneidermeister und Lehrer, im böhmischen Schulhause lebend und sterbend, in die Ewigkeit ein, nachdem er 21 Jahre lang die Kinder auf einem Stück des Lebens schulend begleitet hatte.

Ihm folgt im Dienst an der Kirche und auch an den Schülern, noch im gleichen Monat der 36jährige Böhme Joseph Chraust (Chrost), der von Beruf ein Webermeister ist.

Obermeister der Garn- und Zeugmacher-Innung ist Webermeister Johann Christian Milch.

 

Nebenan in Neuendorf wird am Eingang zum Anger ein neues Schulhaus errichtet (heute nicht mehr erhalten). Das neue Gebäude ist 54' (Fuß) lang, 25' breit und 8' hoch (17,10 x 7,88 m), mit einer Gesamtfläche von 136 qm. Unter dem gleichen Dach des Schul- und Wohnhauses befindet sich des Weiteren der Kuhstall der Lehrerfamilie.

Die gesamten Baukosten belaufen sich auf 182 Thaler, 6 Silbergroschen und 6 Pfennige.

Das Schulzimmer dient auch als Schneiderstube. Es hat eine Größe von rund 30 qm. Außer  der Wohnstube mit 18 qm Größe gibt es eine Schlafkammer von 11qm und eine Küche, 19 qm groß. In Summa 78 qm. Die lichten Raumhöhen betragen 2,15 m. Die Wohnstube ist mit Holzdielen versehen. Die anderen Fußböden sind als Steinpflasterung ausgeführt. Diese Wohnung nimmt letztendlich 12 Personen auf, denn der fleißige Lehrer hat mit seiner Frau bisher zehn Kinderchen. Der Lehrer heißt Eugenius Schwartz, ist ein ausrangierter Militair-Feuerwerker, nicht lediglich Schneider. Er führt ein unruhiges Eheleben mit häufig lautem Gezänk und Prügeleyen. Ärmlich heruntergekommen ist diese großköpfige Familie. Ja, man kommt leider auch nicht umhin festzustellen, dass die gantze Familie dem Trunke äußerst ergeben ist. Trotzdem gilt er, je nach momentaner Verfassung, als recht gewandt beim Abfassen von Bittbriefen, Beschwerden und Entschuldigungen für sein Fehlen. Schwartz erhält als Lohn 60 Thaler, 20 Groschen, aber mithin nicht sehr regelmäßig ausgezahlt. Der Nowaweser Küster und Lehrer erhält dagegen das Doppelte an Jahresgehalt.

 

1778

Johann Wolfgang v. Goethe ist zu Besuch in Potsdam.

 

1779

Mit Schreiben vom 14. September beklagt sich der Nowaweser Schulvorstand, mit Lehrer Doniges an der Spitze, beim König über den ruinösen Bauzustand der Schule. Aber nicht allein dies ist beklagenswerth. Mangels einer Fibel für das erste Verstehen von Buchstaben und Worten, wird in nothwendiger Weise der „Kleine Katechismus“ für Große heran gezogen, um die Kinder in den Anfängen des Lesen zu unterweisen und auch mit dem Schreiben der ersten Buchstaben vertraut zu machen. Es sind hochlöbliche Versuche, denn wir wissen, dass durchaus noch siebenzig Jahre später, manche Leute artig drei Kreuze statt ihres Namenszuges, als rechtsverbindliche Unterschrift setzen.

 

1780 - 1783

Nowawes hat 1.400 Einwohner. Auf zwei Plantagen, am Ende der Waldstraße (etwa ab 1892 Wallstraße, heute Karl-Gruhl-Straße, auf dem heutigen Plantagenplatz) sowie am Beginn der Allee nach Glinicke gegenüber dem Waisenfriedhofe (später Neue Lindenstraße = heute: Alt Nowawes) werden etwa 4.483 Maulbeerbäume gepflanzt, des Weiteren auf dem Friedrichskirchplatz 1.300 Stück, sowie in Straßen und in vielen Gärten. Diese entwickeln sich auf Dauer aber gar nicht so gut wie erhofft. Dies' wird die Zukunft wissen. Sei das Klima mit den harten Wintern und kühlen Sommern nun schuld daran, vielleicht der karge Sandboden ohne Nährstoffe, gepaart mit mangelnder Wasserversorgung oder trage auch das Schälen der Baumrinden seitens hungriger, frei herumlaufender Ziegen und Schafe schuld daran. – Und auch die Seidenraupen maulen mit dem Klima und ihren Ernährern, den Maulbeerblättern, herum. Kein ungetrübtes Glück also, so dass aus der Seidenherstellung wenig wird. Zwanzig Jahre später stehen nur noch wenige dieser Bäume. Einiges an günstigem Brennholz soll es zu jener Zeit gegeben haben. Es bleibt also dabei: In Preußen werden eben mehr grobe Tuche, beispielsweise für Militärkleidung, gewebt, denn Seide für feine Abendroben. Ausnahmen bestätigen aber auch hier die Regel.

 

Eine Notiz zu den üblichen Voraussetzungen für die Ausbildung in einem löblichen Handwerk, so auch des Webers: Ein Bursche wird nicht eher als Lehrling in die Rolle des Weberhandwerks aufgenommen (enrolliret), bis dass er (etwas) lesen und schreiben (nicht etwa rechnen) sowie „Die fünf Hauptstücke“ auswendig hersagen kann. Diese fünf Hauptstücke, die der Lehrer und der Prediger vermittelte, sind bekannter Maßen 1. Die Zehn Gebote (Dekalog), 2. Das Glaubensbekenntnis (Symbolum), 3. Das Vaterunser, 4. und 5. Die Texte zur Kindstaufe und zum Heiligen Abendmahl (Sakramente), eben so, wie der Katechismus von Dr. Martin Luther sie vorgibt.

Man kann also sagen: Für das Alter von etwa 14 Jahren, mit dem Ausgang der Kindheit, mit dem Ende der Schulzeit, mit dem Zeitpunkt der Konfirmation und somit vor Aufnahme der Berufsausbildung, erwartet man den Grad des Wissens, wie vorstehend beschrieben und somit auch eine gewisse menschliche Reife, als Voraussetzung für den Beginn des neuen Lebensabschnitts.

 

Nach drei bis fünf Jahren soll der Bursche nicht eher von der Lehrzeit los- und freigesprochen, somit als Geselle bestätigt werden, bis er, außer den gehörigen Arbeitsproben, einen Spruch aus der Bibel fehlerfrei abschreiben kann.

Bei der Lossprechung ist ihm aufzugeben, drei Jahre zu wandern, um bei anderen Meistern sein Wissen und seine Fertigkeiten zu vervollständigen.

(Anmerkung: Hier ist nur vom „Burschen“ die Rede. Für Mädchen besteht offiziell nicht die Möglichkeit, einen Handwerksberuf zu erlernen).

 

Will ein Webergeselle gar Meister werden, so ist der Nachweis der dreijährigen Wanderschaft erforderlich, ein Geburtsbrief und den Lehrbrief vorzulegen und ein Meisterstück herstellen: Dieses besteht aus einem Stück Leinwand oder Cattun, 30 Ellen lang 1,5 Ellen breit.

Für die Erlangung der Meisterwürde muss er einiges zahlen:

2 Thaler - an die Lade, 12 Groschen den Prüfungsmeistern zu deren Ergötzlichkeit, vier Groschen dem Assessor, also dem unparteiisch prüfenden Sachverständigen, acht Groschen dem Meister, unter dessen Aufsicht / in dessen Werkstatt das Meisterstück gefertigt wurde, 12 Groschen der Potsdamer Cämmerey und acht Groschen für Kirche und Schule als Wachskerzengeld.

 

Die ersten deutschen Kirchenvorsteher sind der Bäckermeister Richter und der Obermeister Schmidt. Die böhmische Kirchengemeine hat sich zwar von der deutschen getrennt, aber bis zum Antritt des Predigers Kropatscheck dann wieder freundlich geeinigt.

Die Einnahmen der Kirche sind unbestimmt und ebenso sind es auch die Ausgaben. Zu den aber immer wiederkehrenden Ausgaben im Jahr gehören:

2 Thaler für das Rechnungsführen durch einen der Kirchenvorsteher

1 Thaler für dessen Assistenten

4 Thaler für das Spielen der Orgel

2 Thaler für das Treten des Wind-Balges der Orgel

2 Thaler, 16 Groschen für das regelgerechte Aufziehen der Kirchturmuhr und den Kauf der

  Schmiere für Uhr und Glocken,

- ferner Geld für Oblaten und Wein zum Abendmahle

- für kleinere Reparaturen an der Kirche, dem Pfarrhaus und an der Schule

- für Kirchenbücher und andere Gegenstände

- für das Ausfegen der Kirche, für das Reinigen der Altardecken, der Taufhandtücher und

  dergleichen mehr.

 

1781

Zur Stärkung der Interessenvertretung der Weber wird die „Innung der Leinen- und Cattunweber (Baumwolle) zu Nowawes“ gegründet. Das Innungshaus befindet sich an der Südseite des dreieckigen Kirchplatzes (heute: Weberplatz 23, allerdings fehlt hier inzwischen die rechte Haushälfte, die einem großen Mietshaus weichen musste).

 

1783

Ein Regulativ für die Cattunweber wird erarbeitet. Das ist ein Werk der Vertragsbestimmungen zwischen Webern und Verlegern. In 2 Jahren wird es weiter verbessernd neu gefasst.

 

1784

Der fünfte deutsche Schulhalter, Immanuel Christian Friedrich Kraatz, verlässt diesen Posten nach 12 Jahren des Lehrens. Unser sechster Lehrer wird nun der bisherige Potsdamer Lehrer der Garnisons-Schule Johann Samuel Lange. 120 Thaler Jahresgehalt sind ihm bewilligt. Natürlich wirkt er wie üblich auch als Kirchendiener, Cantor und Organist sowie auch pflichtschuldigst nebenberuflich als „Seidenbauer“. Wieder ein Versuch, das heißt, er bemüht sich befehlsgemäß, Raupen auf Maulbeerblättern zu züchten und bewahrt das schöne Ergebnis, die seidigen Kokons in seiner Wohnstube auf. 14 Jahre wird er mit diesen abwechselungsreichen Tätigkeiten bei uns zubringen.

 

1785

Der Engländer Cartwright stellt einen mechanischen Webstuhl vor. Leider In England.

 

1786

König Friedrich II. entschlummert nach zu vielen Kriegen am 17. August friedlich in seinem grünen, etwas ausgeblichenem Ruhesessel im Schloss Sans,souci auf dem Weinberge bey Potsdam. Der König ist tot. Es lebe der König. Bei jenem Nachfolger handelt es sich um den lustigen Neffen des Vorgenannten, über den der kinderlose Erblasser bereits eine feste, ungute Meinung hegte. Der neue heißt Friedrich Wilhelm II. (gern genannt: der Dicke) und er tut mitunter so, als ob er das Land in den elf Jahren zwischen 1786 und 1797 ernsthaft regiere. Seine lieben Frauen wollen wir hier gern kurz betrachten:

Die erste: Elisabeth, Herzogin von Braunschweig - Wolfenbüttel ist hübsch, lebhaft, geistreich und wird von ihrem Mann – gar bald vernachlässigt. Sie will es ihm mit seinen  Eskapaden gleichtun. Das ist jedoch unakzeptabel, da sie ja versehentlich einen Bastard als Thronfolger einschleppen könnte – Also: Trennung wegen Ehebruchs! Also nur wegen des ihren!

Die zweite: Königin Friederike Luise von Hessen - Darmstadt (1751 - 1805). Es mangelt ihr auffallend ein wenig an Schönheit, etwas mehr an Charme und Esprit. Ordnungssinn ist ihre große Stärke nicht. Selbst der Intellekt scheint eher subtil ausgeprägt. Ihr großer Vorzug: Ein gutes Herz, sagt man ihr nach. Kaum jemand kennt diese Königin, obwohl sie die Mutter des nachfolgenden Königs Friedrich Wilhelm III. ist. Nun gut, König Friedrich II., also der Alte Fritz, hatte noch zu Lebzeiten gestattet, dass diese (damals also vorerst kronprinzlichen Eheleute) schon mal etwas weiter voneinander abrücken (ohne Scheidung. Er, F II., kannte das ja allzu gut). Friederike zieht also nach Berlin ins Schmuckkästchen „Mon Bijou“.

Da der dicke Wilhelm aber rechtens ja verheiratet ist, wird die hohe Geistlichkeit gedungen, ihm nun als dritte Frau die Kammerdame Julie Voß „zur linken Hand“ anzutrauen. Sie stirbt aber bald nach der Geburt des ersten Kindes an der Tuberkulose.

Die vierte Frau aber hat über all die Jahre, den ersten Platz inne: Seine liebste Mätresse, Mutter seiner Lieblingskinder, ist Wilhelmine Encke / verscheinehelichte Ritz / Rietz, die spätere Gräfin Lichtenau, ein Potsdamer Bürgermädchen, die ihm bis zu seinem Tode die Treue hält. (Eines ihrer Kinder des Königs, Graf Alexander von der Mark, kann noch heute auf der Berliner Museumsinsel „in Marmor“ besichtigt werden). So wenig nur zu dem „neuen Königshaus“ in der Doppelresidenz Berlin - Potsdam. In den Nowaweser Weberhaushalten gestalten sich derartige Probleme des familiären Zusammenlebens, wohl meist schlichter.

 

Das lasterhafte Rauchen „auf offener Straße“ wird in diesem Jahr verboten. Dieses Gesetz wird bis 1848 gelten. „Die Öffentliche Meinung“ hält es aber auch darüber hinaus am Leben.

 

1787

Im Jahre 1787 bildet die Innung des Nowaweser Weber-Gewerks eine Sterbe- und Krankenkasse. Das ist sinnvoll. Eine Schrift über das angemessene Verhalten der Gesellen  während des Leichenbegängnisses, hat die Schuhmacherinnung erarbeitet. Diese kann für die Webergesellen als Muster herhalten.

 

In England gibt es erfolgreiche Versuche, das Spinnen und die Weberei zu mechanisieren (Spinnmaschine, Mechanischer Webstuhl, Wollkämm-Maschine und andere Arbeitsgeräte),  und die Arbeit damit vorerst in jenem Lande wesentlich zu erleichtern.

 

1790

Es wohnen zu dieser Zeit 400 Familien in Nowawes.

Cantor / Küster / Lehrer Lange bezieht ein Jahresgehalt von 120 Thalern. 40 Thaler zusätzlich bringt ihm seine Raupenzucht ein.

 

1791

Die „Innung der Leinen- und Cattunweber zu Nowawes“ stiftet der Gemeine der Friedrichskirche einen neuen Abendmahlskelch.

 

1794

In Nowawes leben 2.000 Menschen.

Prediger Moses hatte schon bewirkt, dass die bisherigen Fachwerkwände des Pfarrhauses massiv gebaut werden, denn der Zustand des Hauses war bisher etwa ebenso schlecht, wie der aller übrigen Häuser hierselbst. Erneut festgestellt wird bei diesen Arbeiten, dass man damals beim Bauen der Häuser unvorstellbar viel gepfuscht hatte. Auch erhält das Pfarrhaus nun ein Doppeldach und für den Garten einen Schuppen zum Schützen des Holzvorrates.

 

1795

Es ereignete sich ein großes Unglück. Die alte barocke Nikolaikirche zu Potsdam brannte, sie ist unrettbar verloren, eine ausgebrannte Ruine. Etliche Nowaweser bessern ihre Häuser aus, mit Brandsteinen der Kirche, die sie geschenkt bekommen. Verschiedene machen damit auch die bisherigen Lehmstaken-Fachwerkwände nun massiv, so wie beim Pfarrhause.

Die kirchlichen Veranstaltungen finden in den nächsten Jahrzehnten mit in der Heiligengeistkirche, aber zu gesonderten Zeiten und mit den eigenen Predigern, statt.

 

Aber auch in Neuendorf war ein großes Schadensfeuer zu beklagen. Es brach den 22. Aprilis aus und wurde dem Lehrer und früherem Militair-Feuerwerker Eugen Schwartz als gröbliche Fahrlässigkeit angerechnet.

Die Eltern schicken ihre Kinder sowieso nicht mehr zu ihm ins Schulhaus, zu einer solch herunter gekommenen Person. Er hingegen beschwert sich beim König, dass man die Jungen weil unbeschult, hinfort „als Rohe und Unweisende dem Königlichen Militair überliefern müsse“. Lehrer Schwartz wurde endlich alsbald entlassen und verschwand mit seiner Familie gen Berlin.

 

1797

Ein großer Abschied: Den 26. Octobris 1797, am Donnerstag früh um 23 Minuten auf 2 Uhr, stirbt unser Prediger Matthias Moses am Gallenfieber, im 64ten Jahr seines Alters. Die Hälfte der Dauer seines Lebens, 32 Jahre, hat er am Dienste für die Nowaweser Gemeine gegeben. Sein zu frühes Hinscheiden ist sehr bedauerlich, auch wenn er mitunter ein rechter Querkopf war und einem handfesten Meinungsstreit nicht aus dem Wege ging.

Er hinterlässt sechs Kinder, davon drei aus erster Ehe und abermals drei aus der zweiten Ehe. Seine erste Gattin, eine geborene Koepke, hatte ihm vier weitere Kinder geboren, die aber, so wie ihre Mutter, ihm lange voraus in die Ewigkeit gegangen waren.

Die sterbliche Hülle des Prediger Moses soll in der Kirche (unter dem Altar) begraben werden.

 

Nach dem Ableben, nun aber des Königs Friedrich Wilhelm II., am 16. Novembris im Marmorpalais des „Neuen Garten“ zu Potsdam, folgt dessen blasser, ernster, zauderhafter Sohn Friedrich Wilhelm III. auf den Thron. Er wurde 1770 im Hause „Am Neuen Markt 1“ geboren, als Sohn der zweiten Ehefrau seines königlichen Vaters, Königin Friederike. Zu seinen ersten Amtshandlungen gehört die Verhaftung und Enteignung der Gräfin Wilhelmine von Lichtenau, geborene Encke, Mätresse seines Vaters.

Bis zu seinem Tode im Jahre 1840 wird Friedrich Wilhelm III. die Regierungsgewalt ausüben, sofern es nicht auch 'mal zwischendurch die Franzosen tun. Wesentlich stärkeren Glanz als er, verleiht dem neuen Königshause seine liebreizende Ehefrau, Königin Luise (v. Mecklenburg-Strelitz, 1776 – 1810). Nachdem sie zehn Kindern das Leben gab, wird sie allerdings bereits im blühenden Alter von erst 34 Lebensjahren sterben. Erst 14 Jahre nach ihrem Ableben, wird der treue Friedrich Wilhelm die um 30 Jahre jüngere Fürstin Auguste Liegnitz, eine geborene Gräfin Harrach, ehelichen. Das hält jung. Trotzdem wird sie ihn überleben, nicht aber seinen Thron erben können.

 

Nowawes ist jetzt nicht mehr die „Colonie bey Potsdam“, sondern wird als Dorf dem Landrat des Landkreises Teltow unterstellt, bleibt jedoch aber bei mancherley Angelegenheiten durchaus noch an die Königliche Regierung in Potsdam direkt gebunden.

 

1798

Der dritte und letzte deutsch - böhmische Prediger ist Johann Benjamin Kropatscheck. Er wird am 21. Oktober in dieses Amt eingeführt. Derzeitig ist er noch sehr jung – erst 24 Jahre alt (geboren 1774), und er wird dieses Amt bis 1809 innehaben. Der junge Prediger beginnt nebenbei eine ausführliche Chronik zu schreiben und verarbeitet in der Rückschau dabei auch Zettelnotizen seiner Vorgänger im Amt, die er mehr oder weniger als „fliegende Blätter“ auffindet. Jene bisherigen Prediger hielten sonntags zwei Gottesdienste ab, einen in böhmischer den anderen in deutscher Sprache und auch er behält diesen Brauch bei. Außerdem wirkt er zusätzlich zeitweilig als Lehrer.

Es beendet der Schulhalter Johann Samuel Lange sein lehrendes Wirken.

Christian Carl Michaelis, ein junger, begabter, fleißiger und hoffnungsvoller Mensch, Sohn eines Nowaweser Schuhmachers, wird vom 1. July an, der siebente deutsche Lehrer und Cantor. Sein Alter: 22 Jahre. Seine Ehefrau ist eine geborene Mödinger, des Sattlermeister Mödingers Schwester.

Durch das verständige Wirken des Michaelis ist die Zahl der Schulkinder von „einigen und zwanzig“ itzo schon auf mehr denn zweihundert angewachsen, die in zwei Abtheilungen unterrichtet werden müssen. Bald aber wächst der Bedarf noch weiter an: Er unterrichtet die 320 Schulkinder, in vier Klassen aufgeteilt, zu je 80 Schülern. Jedes Kind soll so wöchentlich 20 Stunden Unterricht erhalten. Das bedeutet, dass sich etwa 80 oder mehr Kinder im Schulraum unvorstellbar eng, stehend und hockend, drängen. Michaelis gründet auch einen Kinder-Singechor und führt mit Hilfe seiner Frau, die selber den Unterricht lehrend ausübt, die Handarbeitslehre im Nähen und Stricken ein, was in diesen Tagen als „Industrieschule“ oder als „Erwerbsunterricht“ bezeichnet wird.

 

Allein von den Sammlungen, die die Klingelbeutelinhalte einbringen, lässt sich neben den anderen Ausgaben, keine neue Orgel kaufen. Deshalb kommen von der Kanzel ermunternde Worte zum fleißigen Sammeln in diese arme Gemeine. Haupteinsammler dieser Spenden-Collekten, sind die Webermeister Becher (auch Kirchenvorsteher), Frick und Cantor Michaelis. Sie werben in persönlichem Gesprächen an den Haustüren oder in den Stuben der Gemeineglieder um die freiwilligen Beiträge.                                                                                                               Der verehrte Haupt-Bank-Buchhalter Schnakenberg (er wird der Schwiegervater des Predigers Kropatscheck) legt das gesammelte Geld, mit 4 % Zinsen kapitalbildend, in der Seehandlung an. Das kirchliche Ober-Consistorium lehnt es allerdings ab, unserer Bittschrift folgend, auch einen kleinen finanziellen Beitrag beizusteuern. König Friedrich Wilhelm III. lässt dagegen zu Seiner Allergnädigsten Resolution, 150 Thaler für die künftige Orgel beifügen.

 

Rechenschaft zu den Sammelergebnissen

Thaler

Groschen

Pfennige

1.

Von den Gliedern der Gemeine

254

10

-

2.

Vom Haupt-Banko-Buchhalter Schnakenberg

254

-

-

3.

Von Seiner Majestät König Friedrich Wilhelm III.

150

 

 

4.

Von Prediger Kropatscheck

  60

10

-

5.

Von Herrn Mieth, Bronzefabrikant aus Berlin

  11

-

-

6.

Später: Deutsche Collekte am Einweihungstage

  16

11

6

7.

Später: Böhmische Collekte am Einweihungstage

    1

  4

6

 

Mit diesen Geldquellen wird es letztendlich möglich, das Orgelwerk im kommenden Jahr in Auftrag zu geben.

 

Heinrich von Kleist besucht als Schüler die Große Stadtschule zu Potsdam in der Nauenschen Straße (der heutigen Friedrich-Ebert-Straße). Auch Wolfgang Amadeus Mozart ist in der Stadt zu Gast. Er wohnt „Am Bassin“ beim Hofhornisten und musiziert auf der Kirchenorgel.

 

1799

Nun hat Prediger Kropatscheck in der Pfarre die Dielen aufdoppeln, die Thüren, Fenster, Öfen etc. erneuern lassen, und das, bis auf 108 Thaler von der Kriegs- und Domänenkasse, auf eigene Kosten. Der Pfarrgarten erhält einen ordentlichen böhmischen Bretterzaun, der Gartenboden wird nunmehr tiefgreifend umgebrochen (rigolt) und mit Bäumen bepflanzt. Zusätzlich zu den Baukosten am Hause, haben den Kropatscheck der Brunnen im Hof, der Hühnerstall, die Spaliere, die Gartenlauben p. p., mehr als anderthalbtausend Thaler gekostet.

 

Eine Erweiterung des Begräbnisplatzes an der Mittelstraße war nothwendig. Unser Prediger Kropatscheck weihte am Sonntage, den 20ten September, nachmittags die neue Fläche. Als Rahmen drei Liedstrophen, eine kurze, angemessene Rede in der böhmischen Sprache, dann vier Strophen des gleichen Liedes. Hernach sang die Gemeine aus dem deutsch-protestantischen Gesangbuche: „Ich freue mich von Herzens Grund“, Vers 1 und 2, sodann folgte die gleiche Rede in deutscher Sprache vor einer zahlreichen Menge Menschen. Die Feier endete mit dem 3. Liedvers. Während der Weihe-Feier läuteten die Kirchenglocken gehörig.

Die beiden Kirchenvorsteher, von der böhmischen Seite, Herr Fleischermeister Zadel, sen. von deutscher Seite Herr Webermeister und Victualienhändler Thalheim, sammelten die Collekte beim Ausgange an der Kirchenthür. Sie erbrachte 3 Thlr, 21 Gr und 6 Pf, die zur Begleichung der Kosten für die Erweiterung des Gottesackergeheges verwandt wurden.

 

Prediger Kropatscheck notirt in der Chronik: Des Sonntags, am Nachmittag, halte ich Kindergottesdienst. Bibelstunde an den Abenden der Montage und Donnerstage. Für die Sonnabende, alle zwei Wochen, halte ich Conferenz mit den Gemeine-Pflegern zur Abstimmung für die Armenhilfe. Es bestehen ein Männer- und ein Frauen-Krankenkreis. Deren Glieder besuchen die Kranken. Vorzugsweise die Helferinnen pflegen die Kranken und kochen auch die Suppen. Das sind alles gemeinnützige, unentgeltliche Arbeiten.

Prediger Kropatscheck erhält eigentlich 200 Thaler Jahresgehalt. Die Auszahlung dieser Besoldung ist aber nicht wohlgeordnet. „Ich, Kropatscheck, warte bereits ein Jahr auf meine verdiente Bezahlung seitens der Potsdamer Königlichen Regierung“, klagt der wackere Gottesmann.

 

1801

In Nowawes werden 1.600 Einwohner gezählt. Im alten Neuendorf leben 146 Menschen.

Es stirbt an plötzlich auftretenden Blutstürzen in seinem 60. Lebensjahr der dritte böhmische Lehrer und Küster, der Webermeister Joseph Chraust (Chrost), nachdem er 23 1/2 Jahre den Schuldienst versehen hatte. Mit seinem Ableben endet auch der Unterricht in böhmischer Sprache, denn die böhmischen Bewohner sprechen inzwischen hinreichend gut deutsch.

Der vierte Lehrer der böhmischen Schule ist ein Sohn des Vorgenannten. Es ist Johann Christian Chraust, nun also ein ausschließlich deutsch lehrender Cantor und Küster, der seinen Vater bei dessen krankheitsbedingtem Ausfällen schon mehrjährig unterstützt und vertreten hatte.

Der deutsche Lehrer Michaelis verlässt im Februar 1801 mit seiner Familie nachts bei einem Sturm das Schul- und Wohnhaus, weil dessen baulicher Zustand ihm zu bedenklich scheint. Aus tiefer Furcht vor einem Einsturz, beantragt er die Zuweisung einer sicheren Wohnung.

 

Am 5. Juny kann der Contract zum Bau der neuen Orgel unterzeichnet werden. Herr Mieth, der Inhaber einer Bronze-Fabrik in Berlin, gleichfalls ein großer Kenner des Musikinstrumentenbaus, erarbeitet den Plan wie auch die Zeichnungen für die Orgelherstellung und setzt sich für das Zusammenspiel aller Arbeiten ein. Der Berliner Instrumentenbaumeister Salomo Hennefuß baut dann nach jenem Plan das neue Orgelwerk für die Friedrichskirche. Abweichend vom Anfangskonzept, wird die Orgel zusätzlich mit einer lieblich klingenden Uhrflöte aus Buchsbaumholz ausgestattet. Her Mieth bemüht sich des Weiteren erfolgreich um das Componiren der Einweihungsmusik.

 

Zum Weihnachtsfeste schenkt unser Prediger Kropatscheck der Kirche eine neue Kanzeldecke aus violettem Samte mit güldenen Fransen. Der Kirchenvorsteher und Webermeister Becher steht dem in nichts nach und spendet eine weiße Altardecke von schönem weißen Cattun mit weißen Fransen, zur weiteren Auszierung unserer Kirche.

Bei der Christvesper wird nun, wie in jedem Jahr, unter den Klängen des Liedes „Das helle Licht tritt nun herein ...“, Das Lichterbrett durch die Kirche getragen und jedes der anwesenden Kinder erhält von dem Brette eine strahlende Weihnachtskerze. Ein schöner alter böhmischer Brauch, der damals mit hierher wanderte und uns erhalten geblieben ist.

 

1802

Am 8. January, nachmittags um 2 Uhr, kommen Inspector Jung und Magistratsdirektor Weil nach Nowawes, um die von Michaelis angelegte Industrieschule zu untersuchen – in Gegenwart des Gemeindevorstehers und Fleischermeisters Zadel, senior, des Sattlermeisters Mödinger und des Predigers Kropatscheck. Die Prüfenden staunen über die Unmenge der teilnehmenden Kinder – und über die schlechte bauliche Beschaffenheit des Schulhauses.

 

Der Hofzimmermeister Philipp Brendel, ein vortrefflicher und geschickter Mann, übernimmt es, das neue Orgelprospekt zu erarbeiten und nimmt darüber hinaus, verschiedene Verschönerungsarbeiten in der Kirche vor. Den hölzernen Rahmen über der Orgel, auf den die bemalte Wachs-Leinwand gespannt wird, fertigt Tischler Lampe in Berlin. Diese Wachsleinwand erstanden wir bei dem Berliner Kaufmann, Herr Woltersdorf. Der Nowaweser Schlosser Mehlmann befestigt jenen Rahmen. Webermeister Frick hat die erforderlichen Nägel beigesteuert. Maler Rannow aus Potsdam führt in geschmackvoller Art die Anstricharbeiten des Holzes aus und er handelt dabei ebenso uneigennützig und hochherzig wie Brendel. Die Bildhauerarbeiten obliegen Herrn Loubier. –

Nun ist es soweit. Das neue Orgelwerk ist fertig. Meister Harzbach (Herzbach) übernimmt den Transport der zerlegten Orgel von Berlin nach Nowawes mit dem Pferdegespann. Meister Schumann stellt die Orgel auf und stimmt nun das Instrument. Deroweil kümmert sich Meister Mödinger um die Beköstigung und um die Schlafstätten für den Instrumentenmacher und seinen Gehülfen. Meister Zadel jun. übernimmt es, den Instrumentenmacher und seinen Gehülfen zu gegebener Zeit wieder retour nach Berlin zu geleiten.

Am 04. April, am Vormittage, findet die Einweihung des neuen Orgelwerkes statt. Herr Mieth lässt es sich nicht nehmen, die von ihm selbst componirte Musik auch eigenhändig vorzutragen. Posaunen, Trompeten und Pauken, wie auch der Singechor begleiten die herrliche Orgelmusik. Herr Kettner und sein Gehülfe blasen die Trompeten.

Leider ist unser Cantor Michaelis, der den Chor schulte und sonst die Orgel spielt, sehr ernst erkrankt. Meister Maly sorgt für die Speisung der Musiker bei diesem Feste. Zur Feier der Orgelweihe ist ein zahlreiches Publicum erschienen und dessen Äußerungen der Zufriedenheit über die Feier verbreitet sich schnell in der gesamten umliegenden Gegend. Prediger Kropatscheck hält die Einweihungsrede.

Kirchenvorsteher sind in diesen Tagen:

Meister Johann Friedrich Becher, Meister Johannis Frick und der Gewerk-Schreiber Koehler.

 

Eine bauliche Untersuchung unserer Kirche nehmen am Vormittag des 16. July die Herren Oberconsistorialrat Zoellner aus Berlin, Kriegs- und Steuerrath Ribbach aus Potsdam,  Magistratsdirektor Weil und Bauinspector Quednow aus Potsdam wahr. Von Seiten der Gemeine waren der Vorstand Fleischermeister Zadel, sen., Sattlermeister Mödinger und der Webermeister und Fabrikant Becher dabei.

Das Ergebnis der Besichtigung: Die Kirche kann auf Kosten der Churmärkischen Kriegs- und Domänencammer vom Rathsmaurermeister, Herrn Heckert aus Potsdam, repariert werden. Dabei berücksichtigten wir gleich verschiedene nothwendige bauliche Änderungen.

 

1803

Es ist kein Trost, wenn uns der Volksmund bedeutet, dass zu often Malen die Besten zuerst gehen müssen – am 11ten January 1803 stirbt abends gegen 1/2 8 Uhr unser verdienstvoller Lehrer, Cantor und Küster Christian Carl Michaelis am Scharlachfieber. Er stand erst im 28ten Jahre seines Alters. Michaelis hat in den 4 1/2 Jahren seines Dienstes an Kirche und Kindern außerordentlich viel Gutes gewirkt, auch den Grund zur Schulreform gelegt. Er hatte einen Singechor errichtet, im Wetteifer mit dem Potsdamer Chor. Michaelis sang einen sehr angenehmen Bass. Auf eigene Kosten hatte er die Industrieschule angelegt. Nun ist diese bedeutsam gewordene Stelle schon wieder vacant.

Die Cantor- und Küstergeschäfte führt dann bald der jüngste Sohn des Sattlermeisters Mödinger fort. Letzterer ist, wie wir wissen, ein Bruder der Cantor- und Lehrerwittwe Michaelis. Die Lehreraufgaben werden geteilt: Die bereits weiter vorgerückten Knaben unterrichtet nun Herr Dittmar im Hause des Horndrechslers Schroeder in der Lindenstraße.

Herr Doniges unterweist die erste Mädchenklasse (die ältesten) im reformirten Schulhause, also „in den 6 Häusern No. 195“ (heute Garnstraße 30).

In besagtem Hause ertheilt auch Frau Cantorwittwe Michaelis ihren Industrie-Unterricht, von 11 bis 12 Uhr am Vormittage und von 4 bis 6 Uhr des Nachmittags. Sie räumte die bisherige Lehrerwohnung und lebt wieder bei ihrem Vater, dem Gastwirt Mödinger.

Herr Chraust schult die Klasse der Anfänger (Mädchen und Knaben gemeinsam) im böhmischen Schul- und Küsterhaus, Priesterstraße 64. (Gemeint ist Parzelle 64, nach 1852 Priesterstraße No. 23, nach 1945 Karl-Liebknecht-Straße Nr. 27). Hier liegen die Zeiten des Unterrichts am Vormittag von 8 bis 11 Uhr und am Nachmittag von 1 bis 4 Uhr und zwar in zwei Abtheilungen – die Vorgerückten vormittags und die minder Unterrichteten nachmittags. Ausgenommen sind die Nachmittage mittwochs und sonnabends.

 

Wir wollen am 8. May das 50jährige Bestehen unserer Kirche feiern und luden dazu bereits das Königspaar Friedrich Wilhelm III. und seine Gattin, Königin Luise, mit unserem Brief vom 20. April ein, der von hochdenselben unter dem 30. April huldvoll beantwortet ward.

 

So wird das Jubiläum zu einer erhabenen Andachtsfeier. An diesem Festtage ist der Vormittagsgottesdienst böhmisch. Posaunentöne erhöhen umrahmend den Gesang. Der bekannte Herr Mieth spielt entzückend die Orgel. Am Nachmittage um 2 Uhr ward die deutsche Predigt gehalten, wiederum von Prediger Kropatscheck und gleichfalls mit angemessener musikalischer Begleitung. Die Versammlung war so zahlreich, wie wohl noch nie, so dass man in der Kirche eng gedrängt steht aber bei schönstem Wetter auch noch draußen theilhaben kann. Aller Bewunderung erregt unser Singe-Chor.

Zum Schlusse hebt der 84jährige Inspector, Herr Junge, die Feier zu krönen, zu einer zweckmäßigen Rede an.

 

Aufgrund jener schon vorerwähnten huldvollen Königlichen Cabinetsresolution vom 30. Aprilis, kommen am 2ten Juny hierher:

1. Der Oberconsistorialrath, Herr Zoellner aus Berlin

2. Der Kirchenrath, Herr Gebhard von Berlin

3. Der Kriegs- und Steuerrath, Herr Ribbach aus Potsdam

4. Der Magistratsdirektor, Herr Weil

5. Der Inspector, Herr Junge

6. Der reformirte Inspector, Herr Hübenthal

Dazu kommen mehrere andere Kirchenvorsteher, Älteste und Glieder der Gemeine, als da sind: Zadel, Harzbach, Frick, Mödinger, Maly (Malael, Maley), Wulff, Sotscheck, Doniges, Chraust, Sterl, Lunkenbein, Thalheim und Pekareck.

 

Die Herren besichtigten die desolate Schule und deliberirten (beratschlagten) über den künftigen Aufbau des neuen Schulhauses, das sowohl die Unterrichtsräume, als auch die Räume für die Industrieschule, sowie des Weiteren Wohnungen für die Lehrer enthalten soll.

Es ist beabsichtigt, die lutherische und die reformirte Schule unter ein Dach zu bringen, sie also zu combiniren. Das bisherige böhmische und das reformirte Schulhaus will man verkaufen und die daraus erlösten Kosten zum Aufbau des neuen Schulhauses verwenden. Das neue Schulgebäude wird das Aussehen eines sehr großen Weberhauses erhalten und in der Priesterstraße 66, linker Hand neben dem Predigerhause stehen. Den großen Garten des Schulgrundstücks möchte man in drei Theile theilen, also für jeden der Lehrer, für jeden der männlichen Lehrer, einen Anteil.

(Anmerkung des Autors: Einem Bewegungsdrang der Kinder in den Pausen Rechnung tragen zu wollen, sah man noch nicht – die ziemlich leere Straße ist ja bereits vorhanden.  Man(n) vermutete wohl auch nicht, dass die Lehrerin für den Erwerbsunterricht, die junge Witwe Michaelis, sich einen Obst- und Gemüseanbau wünschen und Freude an einem kleinen Gartenanteil haben könnte. Vielleicht hätte sie die Vermittlung von Wissen auch gern um etwas Naturkunde erweitert. Zuzutrauen wäre es ihr wohl gewesen. Aber auch einen Schulgarten zur Anleitung der Kinder zog man noch nicht in Betracht.

 

Künftig sollen die Lehrerposten dieser combinirten Schulanstalt folgendermaßen eingerichtet werden, so besprachen es die Herren:

1. Lehrer: Ein, anstelle des sel. Michaelis, neu anzustellender Lehrer. Es wird der 8. Lehrer der deutschen lutherischen Schule sein. Die Zukunft weiß, dass dies schon vom 23. Aprilis an, Jacob Christian Dittmar sein wird, ein ehemaliger Potsdamer Chorschüler. Er wirkt wie üblich nebenbei als Küster, Cantor und Organist.

2. Lehrer: Der reformirte Schneider und Schullehrer Doniges.

3. Lehrer: Der bisherige böhmische Küster Chraust (Chrost) ein Vertreter des Garnweberhandwerks.

Nur soviel sei vorsichtig angemerkt: Diese drei Lehrer versehen ihr Amt mit ungleichem Eifer.

Des Weiteren ist zu berücksichtigen:

4. „Eine“ Industrie- oder Erwerbs-Lehrerin. (Anmerkung des Autors: Diese ist schon anwesend, und, bedenkt man es recht, Jedermann seit Jahren namentlich bekannt).

 

Die unmittelbare Inspection des Schulwesens, also die Aufsicht über die Schule, obliegt dem Prediger. Die Lehrer müssen den Anordnungen des Predigers Folge leisten. Die Oberaufsicht hingegen führen als Inspectoren (Superintendenten) die Herren Junge und Hübenthal. Junge für die lutherischen und Hübenthal für die reformirten Gläubigen.

 

1804

Friedrich von Schiller besucht die „Canaloper,“ wie die Potsdamer das Schauspielhaus in der Straße „Am Canal“ liebevoll und despectirlich nennen. Der Musentempel wurde unter Friedrich Wilhelm II. „Zum Vergnügen der Einwohner“ errichtet. Damals kostenlose Vorstellungen für das einfache Volk! Hohe Theaterkunst erstmals in deutscher Sprache, statt in französisch, dargeboten, damit das Volk es auch versteht!

 

1805

Eine Erwähnung zweier Feste:

Am Nachmittage des 20ten März, das Wetter kühl, der Himmel trüb, versammeln wir uns auf dem Schulgrundstück in der Priesterstraße, Parzelle 66 (nach 1945: K.- Liebknecht-Straße 29). Die Schulkinder stehen an den vier Seiten um den für das Fundament aufgegrabenen Platz. Der Singechor stimmt die schöne Arie an „Heilig ist Gott der Herr ...“. Hernach singt die Versammlung aus dem Porstenschen Gesangbuche, die No. 367 „Wo Gott zum Haus nicht giebt sein' Gunst ...“ und Prediger Kropatscheck hält eine ergreifende Rede. Er legt nach alter Handwerkscäremonie feierlich den Grundstein. Nach dem Gebet stimmt der Chor die Arie an „Laut durch die Welt tönt Jehovas großer Name ...“ und zum Schlusse singt die Versammlung den 5. Vers aus dem Liede No. 367. –

Und schon nach fünf Monathen, findet am 17ten August, das Richtfest für die neue Schule mit den unter Zimmerleuten gewöhnlichen Cäremonien statt. – und im kommenden Jahr wollen wir die Einweihung feiern!

 

In Frankreich (Lyon) stellt Joseph Marie Jaquard (1752 – 1834) eine selbständig arbeitende Webmaschine vor, die, mit so genannten „Lochkarten“ gesteuert, verschiedenste aufwändige Muster kunstvoll weben kann. Von solchen Arbeitsergebnissen kann man in Nowawes bisher nur träumen.

 

1806

Am Sonntage, dem 28ten Junius begehen wir die Einweihung der dreiklassigen, kombinirten (also für alle Religionsrichtungen gemeinsamen) neuen Schule in der Priesterstraße. Drei Lehrer und eine Erwerbslehrerin werden hier unterrichten.

Am Vormittag hält Prediger Kropatscheck den böhmischen Gottesdienst.

Hernach haben Kriegsrath Ribbach, Herr Inspector (Prediger der Nikolaigemeine und Superintendent) Stoewe aus Potsdam, sowie auch der reformirte Prediger Cremer und andere hochgestellte Persönlichkeiten aus Berlin und Potsdam, bei unserem Prediger Kropatscheck gespeist. Um 1/2 3 Uhr begibt man sich in die Kirche. Herr Bronze-Fabrikant Mieth eröffnet die Feierlichkeit mit einem meisterhaften Orgelvorspiel. Kropatscheck spricht ein angemessenes Gebet und der Chor singt mit Orgelbegleitung einen vom Prediger Kropatscheck eigens zu diesem Anlasse gedichteten Liedtext. Die Einweihungspredigt, jetzt am Nachmittag nochmals in deutscher Sprache, mit dem Text über Marcus 10 („Lasset die Kindlein zu mir kommen ...“). Danach singt die Gemeine das Lied No. 59, „Lobe den Herren, den mächtigen König ...“. Prediger Kropatscheck und Herr Inspector Stoewe halten kurze Ermahnungsreden. Zum Schluss singt die Gemeine „Nun danket alle Gott ...“. Dann werden die Kinder von den Lehrern aus der Kirche in das neue Schulgebäude geführt. Am darauf folgenden Montage, am 30ten Junius, nimmt dann der Unterricht hier seinen Anfang.

Die Zukunft weiß: Das Schulhaus wird 100 Jahre Bestand haben, um dann wiederum einem größeren Neubau zu weichen (der heute im Jahre 2010 noch steht).

Jeder der Lehrer dieser neuen, 1806 eingeweihten Schule, bezieht nunmehr ein Gehalt von 120 Thalern jährlich, selbst die Frau Cantorwittwe Michaelis erhält 100 Thaler.

Ab 1806 gibt es hier Anfänge eines Fachunterrichts, also neben den religiösen Unterweisungen sowie dem Erlernen des Lesens und Schreibens, nun auch Orthografie, Tafel- und Kopfrechnen, Geografie und Naturgeschichte. Selbst „Verstandesübungen“ und „Unterredungen über Naturgegenstände“ finden Berücksichtigung.

 

Von Oktober 1806 bis Oktober 1808 ist auch Nowawes von den Franzmännern besetzt. Es ist eine unruhige und dürftige, ja kriegerische Zeitspanne.

Während dieser Zeit flüchten nicht nur die Königsfamilie nach Memel und Königsberg, sondern immer wieder Menschen aus Neuendorf und Nowawes auf den „Riesberg“, einen höherliegenden Horst nahe den Nuthearmen, der inmitten der sumpfigen Nuthewiesen beim  Baberow (Stätte, wo der Biber lebt) liegt.

Durch die fremden Truppen beginnt das Ausschlachten von Kunst- und Kulturgütern, von Kleinodien auch aus Nowawes, aber bis hin zur Quadriga, dem großen vierspännigen Streitwagen auf dem Brandenburger Tor in Berlin. Alles, alles wird nach Frankreich geschleppt. Die von Frankreich verhängte Kontinentalblockade lähmt den Handel, so auch die Baumwollimporte, was zur Stilllegung einer Überzahl der Nowaweser Webstühle führt. Die allgemeine Wirtschaftslage ist schlecht, eine anhaltende Hungersnot in den Häusern der Weber und Spinner anzutreffen.

 

In diesem bedeutsamen Jahr 1806 enden leider die wertvollen, detaillierten Aufzeichnungen des Predigers Kropatscheck zur Chronik, die hier aufgeführt wurden. Die Zukunft wird wissen, dass 46 Jahre ins Land gehen werden, bis ein späterer Amtsnachfolger, der Pastor Stobwasser, in den wenigen Jahren, die ihm für Nowawes bestimmt sind, die Notizen zur Chronik weiter führt.

 

In der kleineren Spinnercolonie Friedrichshagen wird der Spinnereibetrieb mangels ordentlich bezahlter Arbeit völlig aufgegeben.

 

1808 – 1810

Mit den Stein- / Hardenbergschen Verwaltungsreformen fallen auch die Privilegien der  früheren Zuwanderer fort, denn der Status einer „Colonie“ wird aufgehoben.

Der Zunftzwang besteht nicht mehr, die Gewerbefreiheit wird eingeführt. Zwar sind die Weber nun frei von der Bindung an Verleger und arbeiten auf eigene Rechnung, jedoch sind sie nicht wettbewerbsfähig, werden durch veraltete Technik und ihre inzwischen unzureichende Ausbildung an den alten Handwebstühlen, sowie fehlender Weiterbildung, gebremst. Der Hunger weicht nicht aus den Häusern.

 

1809

Unser guter Prediger Johann Benjamin Kropatscheck, geboren im Jahre 1774, stirbt hieselbst am 17. April mit nur 35 Jahren seines Alters. 11 Jahre lang diente er treu unserer Gemeine und hat ihre große Liebe genossen. Wir betten ihn auf dem hiesigen Kirchhof, am Ende der Mittelstraße, zu seiner letzten Ruhe.

 

1810

Julius Münnich ist der vierte Prediger in Nowawes. Er versieht das Amt vom 15. Juli 1810 bis zum 30. Juni 1825, da er dann eine andere Stelle erhält. Er durchlebt mit der Gemeine die Drangsal-Periode der Befreiungskriege 1813 – 1815.

Der Gottesdienst wird nur noch in deutscher Sprache gehalten, da sich die Sprachkenntnisse weitgehend angeglichen haben und kein weiterer Zuzug nicht deutsch sprechender Einwanderer erfolgte. Die Integrationspolitik war in dieser Hinsicht erfreulich erfolgreich. Die Eingliederung war freiwillig und von den Einwanderern bewusst zielstrebig wahrgenommen.

Die Zukunft wird wissen, dass hingegen in Rixdorf bis zum Jahre 1840 böhmisch gepredigt wird.

Mit dem Monat April 1810 wird der Ort Nowawes dem Kreis Teltow (nun fast ohne Ausnahmen in Regelungen der Verwaltung) zugeordnet, bleibt lediglich noch in polizeilichen Angelegenheiten, an die Stadt Potsdam gebunden.

Gemeindevorsteher ist von 1810 bis 1830 der Webermeister Meltzheimer (Melsheimer, Melzheimer).

Der Potsdamer Prediger bei Sankt Nikolai und Superintendent Herr Stöwe ist auch Ortsschulinspektor für Nowawes und Neuendorf. Die Eltern haben an die Schulkasse unweigerlich 2 Thaler, 8 Groschen Schulgeld im Jahr zu zahlen.

Neuen Klatsch gibt es aus Neuendorf. Küster und Schulhalter (Lehrer) ist dort in dieser Zeit Christoph Block, der aus Pichelsdorf zugezogen war. Er ist ein Schneider, geboren 1768, seit 1792 in seinem Amte. Er betreibt neben der Schneiderei seine kleine Landwirtschaft, versorgt dabei 7 Kühe und auch Schweine. Hütet Gänse und seine vier Kinder. Die Schüler sehen daher nicht viel von ihm. Das scheint jedoch kein großer Verlust zu sein, denn der Schulinspektor bescheinigt ihm, dass er in jeder Art und Weise menschlich schwach und bedenklich sei, im Schulamte untüchtig und nichts leistend. Jedoch führe er ansonsten einen untadeligen Lebenswandel.

 

1811

Die Stelle des Cantors, Küsters, Organisten, Seidenbauers und des 1. Lehrers im Hause Priesterstraße, Parzelle 66, hat von jetzt an Carl Friedrich Seyfarth inne und er wird diesen Posten bis 1867(!) ausüben.

 

Die bäuerlichen Frondienste werden abgeschafft. „Als Entschädigung“ erhalten die Gutsherren zusätzliches Land.

 

1812 – 1815,

die Befreiungskriege gegen das Joch der Unterdrückung durch Napoleon I. Bonaparte.

In der Vergangenheit waren die Einwanderer vom Militärdienst befreit. In den Befreiungskriegen werden jedoch auch Söhne der Einwanderer Soldaten sein.

 

Der Warenverkehr wird mit der Aufhebung der Kontinentalsperre begünstigt. Das bedeutet aber auch eine weitere Verschärfung der Lebensbedingungen, da gute Webwaren aus England, die preiswert auf modernen Maschinen produziert werden, drohen, auch den hiesigen Markt zu füllen. Der Markt ist gesättigt aber gerade deshalb sind die Weberfamilien hungrig.

 

1813

Der vormalige Lehrer, Cantor und Küster Johann Christian Chraust stirbt am Nervenfieber. Wieder rücken uns am 22. August die Franzosen näher aber auch unsere Kämpfer des Befreiungskrieges. Die Wehre der Nuthe sind bereit, die tief liegenden Wiesen zu überfluten, um ein Weiterkommen der napoleonischen Truppen und ihren Helfern zu verhindern. Nicht weit entfernt, bei Großbeeren formiert sich der Feind. General Reynier, dort mit seinem 7. Corps zugegen, wiegt sich in Sicherheit. Die Soldaten wärmen sich am Feuer und suchen die Uniformkleidung zu trocknen. Bei dem strömenden Regen wird kein Scharmützel stattfinden, denn das Pulver würde vor dem ersten Schuss nass. – Doch jene Vermutung ist eine falsche. Der preußische General Wilhelm Bülow v. Dennewitz beginnt, unterstützt von russischer Artillerie, am 23. August gegen 1/2 vor 7 Uhr des Abends den Angriff auf die kleine „Grande Armee“. Da wegen des Regens viele Gewehre tatsächlich nicht schießen, entsteht ein entsetzliches Handgemetzel, Mann gegen Mann, das bis gegen 9 Uhr anhält. Dann schweigen die Waffen, die französischen Truppen sind weitaus unterlegen. Deren Plan, nach Berlin vorzustoßen ward zunichte gemacht. Franzosen und Verbündete ziehen sich endgültig wieder über die Nuthe zurück.

Das Bürgermädchen Maria Christiane Eleonore Prohaska, nimmt, verkleidet als freiwilliger Jäger August Renz, bei den Schwarzen Lützower Jägern an den Kriegshandlungen teil und wird im September 1813 in der Schlacht an der Göhrde bei Dannenberg mit zerschmettertem Oberschenkel schwer verletzt und stirbt im Oktober im Lazarett Dannenberg. Eleonore war auch böhmischer Abstammung, geboren in der Böhmischen Colonie Friedrichshagen, Tochter eines Potsdamer Unteroffiziers, tätig bei Baurat Manger in der Potsdamer Brauerstraße 8. Ehre auch ihrem Andenken. –

 

1816

1.632 Menschen leben in Nowawes, eine rückgehende Zahl. Wieder ist eine Missernte zu beklagen. Der knurrende Magen ist ständiger Begleiter der meisten Einwohner.

Erstmals begehen wir am letzten Sonntage des Monats November die Ehrung der unter der französischen Herrschaft Gestorbenen und der in den Befreiungskriegen Gefallenen. Diese Ehrung wird die Bezeichnung „Totensonntag“ erhalten.

 

1817 / 1818

„Etwa 400 Nowaweser Weberfamilien sind vom Hungertod bedroht. Es gibt zu wenig Aufträge, es gibt einen zu geringen Lohn“, so diktiert es der Ortspfarrer Julius Münnich dem „Brandenburger Anzeiger“ am 23. Dezember 1818 in die Feder, was einen Rumor im Potsdamer Beamtenstande angesichts solcher Aufmüpfigkeit verursacht. Die Königliche Regierung meint nach verschiedenen Abwägungen dazu letztendlich, dass sich die Weber selber helfen sollen. (Hilf dir selbst, so hilft dir Gott). Vergessen wir aber nicht, dass es verschiedene staatliche Hilfen gab, auch Spendensammlungen der Potsdamer Bürger  Linderungen des Elends, wie die Wassertropfen auf dem heißen Stein, da jene Hilfen schnell aufgezehrt werden, nicht das Übel an der Wurzel packen, es nicht ausreißen.

 

1818

Eine Sensation: Nebenan in Neuendorf werden dem Bauern Boas Drillinge geboren. Drei Jungen. Vorgezogene Christkinder sozusagen. Geboren den 14. 12. A. D.1818.

Erste Häuser werden in Neuendorf an der Großbeeren Straße errichtet.

 

1819

Die große Hungersnoth in Nowawes geht weiter. Die Potsdamschen Bewohner haben 400 Thaler als Beihülfe für ihre Nowaweser Nachbarn gesammelt, um das Schlimmste zu lindern.

Nichts aber mit neuer Freiheit nach nationaler Erhebung und siegreichen, die Menschen zusammenschmiedenden Befreiungskriegen. Im Gegentheil – eine schreckliche Restauration hält ihren Einzug. Die „Karlsbader Beschlüsse“ engen die politische / geistige Freiheit durch zunehmende Zensur und Bespitzelung weiter ein. Bald wird selbst das organisierte Turnen verboten. Gestählte jugendliche Körper, in denen ein gesunder Geist wohnt, waren im Kampf gegen die Franzosen gut – nun aber könnten sie sich gegen die eigene Obrigkeit wenden. So nicht, meine Herren Arndt, Jahn, Friesen und wie Sie alle heißen mögen!

 

1820

Der Landrath des Kreise Teltow berichtet der Regierung wieder über die grausende Armuth in Nowawes. Es gibt für den Ort regelmäßige Zuschüsse – in diesem Jahr 600 Thaler zur Armenpflege.

 

1824

Bauer Boas, über den wir ja wissen, dass er so manches recht gut kann, ist jetzt der Dorfschulze von Neuendorf. Der Prediger ist Herr Haustein.

 

1825

Gustav Adolph Uhlemann ist von 1825 bis zum 15. April 1831 der Nowaweser Geistliche, bis er dem Ruf zu einem anderen Ort für sein weiteres geistliches Schaffen folgt.

Roberts entwickelt – wieder im Ausland – eine völlig selbsttätige Spinnmaschine.

 

1828 / 1829

Der Schulrath Wilhelm v. Türk gestaltet die Vorbereitungen zu einer Versorgungsanstalt für Waisenkinder von Vätern, die Förster oder Lehrer waren. Er möchte diesen Waisenknaben den Weg in eine bessere Zukunft ebnen, sie als Lehrer ausbilden. Dazu pachtet (und erwirbt später) in Klein Glienicke eine Fläche von 133 Morgen vom Forstfiscus. Im Grundriss handelt es sich um ein etwas schiefwinkliges Viereck. Kantenlängen ungefähr 105 m. Dieses soll mit Maulbeer- und Obstbäumen bepflanzt werden. Fortsetzung: Siehe 1832.

 

"Potsdamsches Wochenblatt"

In den Ausgaben des Localanzeigers von 1828 und 1829 gesichtet:

Diese Anzeigenblätter erscheinen im Verlage der Potsdamer Polizeibehörde.

Grundsätzlich sind die Blätter in folgende Rubriken geordnet:

 

- Wohlthätigkeiten / Spenden

- Polizei = Verordnungen

- Polizei = Bekanntmachungen / Gestohlenes

- Marktpreise

- Theater- und Konzertprogramme

- Häuser und Grundstücke zum Verkaufe

- Auctionen

- Gewerbeanzeigen

- Verkaufsgegenstände

- Vermiethungen

- Personen, die in Dienst verlangt werden / Stellenangebote

- Dienstgesuche / Stellensuche

- Verlorene Gegenstände

- Geld zum Ausleihen (Kreditangebote)

- Geldgesuche

- Gottesdienste

 

Verkaufsgegenstände:

* Eingetroffen ist mecklenburger Butter, zu 4, 5, 6 Silbergroschen pro Pfund.

* Allerfeinste Tafelbutter.

* Neue Stralsunder Bratheringe, - 1 Sgr. pro Stück.

* Beste Brabandter Sardellen, - a 5 Sgr.

* Neue großfallende Bratheringe.

 

* Kapern in vorzüglicher Schönheit, a Pfund 25 Sgr., Kaufmann Dippold, Brandenburger Straße 48.

* Reife Weintrauben, vorzüglich weiße, denen von 1828 gern ganz gleich, a Metze 3 Sgr.

* Große Rosinen - 7 Pfund für 1 Thaler.

* Pflaumenmus, a Pfund - 2 ½ Sgr.

* Köstliche Maronen werden unter dem Kostenpreise ausverkauft.

 

* Aechte italienische Castanien, pro Pfund 6 Sgr.

* Süßkirschbäume a Stück 7 ½ Sgr.

* Weißer, fein gestoßener Zucker 4 ½     für 1 Thaler.

* Grobes Roggenmehl, der Scheffel 24 Sgr.

* Schnell vergriffener Ceylon=Kaffee a 6 Sgr. pro Pfund.

 

* Wirklich aechte hamburger Tabacke.

* Besonders schöne Franzweine und Medocs, a 20 Sgr. das Quart.

* Wohlriechender Brennspiritus, ungemein stark, zum Räuchern, Sprengen, Einmachen u.s.w.

* Nervenstärkende Pomade auch für den Teint, gegen Sommersprossen, Hitzblattern u.s.w.,

  welches der Ritter, Hofrath und Professor Dr. Trommsdorff attestirt.

 

* Vorzüglich schön brennende Wachslichte, 19 Sgr. pro Pfund.

* Beste chemische Zündhölzer. 12.000 Stück für 1 Thaler, 1.000 Stück für 3 Sgr.,

  100 Stück für 6 Pf.

* Pferdeheu a Centner 18 ¾ Sgr.

* Guter weißer Streusand, die zweispännige Fuhre zu 10 Sgr.

 

Theater= und Konzertprogramme:

Am Sa., den 7. November 1829 wird im Schauspielhaus am Canal aufgeführt:

- "Brief und Antwort hierauf", Lustspiel in 1 Aufzuge von C. Lebrun,

- "Solo=Tanz"

- "Röschens Aussteuer" oder aber "Das Duell", Lustspiel in 3 Abtheilungen von Friederike Elmenreich.

 

Die Billets für das „Schauspielhaus Am Canal“

Loge 1. Ranges: 25 Sgr.

Loge 2. Ranges: 10 Sgr.

Parquet: 20 Sgr.

Im Orchester: 20 Sgr.

Im Parterre: 10 Sgr.

Auf dem Amphitheater: 5 Sgr.

––––––––––––––

 

1830 / 1831

Es grassiert die Epidemie der Cholera. Die Menschen sind, geschwächt durch die Hungersnot, besonders anfällig. Der König gibt 448 Thaler zur unverzüglichen Einrichtung eines Cholera-Lazaretts und die Bezahlung eines Arztes. Danke. Es hätte auch schlicht ein Krankenhaus sein können aber unser König denkt eben stets militärisch und in zu kurzen, gleichsam zerhackten Sätzen.

In den Jahren 1830 – 1838 ist Webermeister Zadel unser Gemeindevorsteher.

 

1831 – 1848

Etwa 17 Jahre lang, bis zum 17. September 1843, wird Julius Wilhelm Papin der Ortspfarrer von Nowawes sein.

 

1832

Aufgrund eines Notschreis aus Nowawes bewilligt der König ein Gnadengeschenk von 500 Thalern, verbindet dieses aber mit der Aufforderung, dass Jeder, der sein Brod nicht mehr fände, sich nach einer anderen Arbeit umsehen müsse. Die Kinder sollten zu anderen Gewerben gebildet werden, als der Weberei.

Herr Jenks entwickelt die Ring-Spinnmaschine. Schade, auch nicht in Nowawes erfunden.

 

Herr Wilhelm von Türk gründet in Klein Glienicke die Waisen- und Versorgungsanstalt. Türk nennt diese neue Anlage den „Türkshof“. Außer der Heranbildung in Seminaren zu tüchtigen Lehrern, sollen hier die Zöglinge auf eigenen Beeten Kartoffeln und andere Feldfrüchte eigenständig anbauen, um selbst etwas zur eigenen Ernährung beizutragen und um bei den Ernteverkäufen eines Überschusses, wirtschaften zu lernen. Selbstredend wirkt dabei die Waisen-Anstalt lenkend mit. Die Anstalt stellt auch die Arbeitsgeräte und beschafft den Dung.  (Wilhelm Carl Christian v. Türk, Königlicher Preussischer Schulrath, geboren 8. Januar 1774 zu Meiningen, gestorben in Klein Glienicke den 31. Juli 1846. Sein Wahlspruch: „Lasset uns Gutes tun und (darin) nicht müde werden“. Bibl. Zitat, Galaterbrief).

 

Zusammenfassung der Potsdamschen Seelenlisten vom December 1832:

Civil-Einwohner der Stadt inclusive Alexandrowka  23.484  Seelen

Actives Militär   (nur teilweise beweibt)    6.616  Seelen

Militär=Angehörige        2.758                Seelen

In Summa:       32.858  Seelen  

 

Einwohnerzahl von Nowawes      2.700  Seelen

(Diese Angaben wurden ebenfalls dem „Potsdamschen Wochenblatt“ entnommen).

1833

Die Arbeiten zur Gestaltung von Schloss und Park Babelsberg für Prinz Wilhelm (dem späteren König und Kaiser) beginnen durch Karl Friedrich Schinkel und Peter Joseph Lenné. (Weiterführende Literatur: „Der Park Babelsberg“ vom gleichen Autor).

Der Franzose Perrot entwickelt eine „Zeugbedruckmaschine“, aber diese nicht in Nowawes.

 

1833 – 1835

Trotz der großen Not ziehen in diesen Jahren noch weitere 40 Tagelöhner-Familien mit 160 Seelen nach Nowawes.

 

1835

Wilhelm v. Türk kauft die Fläche für die Waisenhausanlage, die er vor rund sechs Jahren vom Forstfiscus gepachtet hatte, für 1.745 Thaler Courant.

 

1836

Der Bau der Eisenbahnstrecke von Berlin nach Potsdam, über Neuendorf, Nowawes und Zehlendorf, wird vorbereitet. (Weiterführende Literatur vom gleichen Autor: „Die alte preußische Stammbahn zwischen Potsdam und Berlin“). Seit dem 07. Dezember 1835 fährt die erste deutsche Eisenbahn das kurze Stückle zwischen Nürnberg und Fürth, (nicht eine Meile ist das Streckchen lang) aber bei uns wird dieses Thema nun schon seit drei Jahren debattiert und geprüft, – allein, noch nicht gebaut. Verschiedene Anträge und Entwürfe  mehrerer Einreicher, Investoren wäre zu viel gesagt, mussten abgelehnt werden. König Wilhelm III., eigentlich durchaus kein Befürworter der Eisenbahn, gestattet im Januar mit Cabinetsordre die Auflassung und Grundstückskäufe. Nun ist der langwierige Weg frei. So können der Berliner Justizkommissar Robert und Oberbaurat Dr. A. L. Crelle, geistige Väter der Berlin-Potsdamer-Eisenbahngesellschaft, die Ausführung des Werkes beginnen. (Der König meinte skeptisch, dass die Glückseligkeit nicht davon abhinge, ob man drei Stunden früher oder später in Potsdam oder Berlin einträfe. Sein Ältester, Kronprinz Wilhelm – später König Fr. Wilhelm IV. – war hingegen ein großer Befürworter: „Diesen Karren hält kein Arm mehr auf“, so sprach er voller Begeisterung.

 

Schon im Februar wird der Gesellschaftsvorstand gewählt, die Stellen für Beamte und angestelltes Personal bestätigt, ein Bahnpolizeireglement für die Technische Sicherheit und die Betriebsabläufe des Eisenbahnverkehrs entworfen: Vor jeder Fahrt, so wird festgelegt, sind Lokomotiven und Wagen gründlich auf ihre Sicherheit hin zu prüfen! So wird unter anderem auch fixiert, dass der vorderste Wagenmeister (jeden Zug begleiten derer vier), die Abfahrt und die Ankunft des Zuges am Bahnhof mit Trompetensignalen anzukündigen hat. So praktizieren es bisher erfolgreich die kutschierenden Postillone. Die vier vorgesehenen Preisklassen entsprechen im Prinzip ebenfalls denen der Personenpostbeförderung. Für die Streckensicherung wird für alle 1.000 Ruthen (3,77 km) ein Wegewärter vorgesehen. Diesem wird u.a. die Aufgabe obliegen, die Schienenstränge fegend rein, die Strecke baulich schadensfrei zu halten und dem Zugpersonal die Streckenfreiheit zu signalisieren. Bei unsichtigen Zeiten, also in dunkler Nacht, bei dichtem Nebel und stärkerem Schneefall werden weitere Hilfskräfte hinzu kommen. Der Zug hat dann die entsprechenden roten und weißen Laternen sichtbar leuchtend zu führen und vereinbarte akustische Signale abzugeben. Innerhalb der Ortschaften ist die Strecke mit Bretterzäunen einzufrieden, auf das kein Unheil geschehen möge. Bei Kreuzungen der Bahnstrecke mit Wegen sind die Wegeübergänge bei eintretendem Bedarf mit den Toren zu schließen (denn die rot-weiße Schranke harrt noch ihrer Erfindung). Außerhalb der Orte soll bei Kreuzungen von Wegen mit der Bahnstrecke ein Aufseher eingesetzt werden, der bei Annäherung eines Zuges das Publicum zurückweist.

Die ersten Karossen der Wagen sehen ebenfalls aus wie Pferdekutschen, die ohne eigene Räder, auf das Eisenbahnwagenfahrgestell geschraubt sind.

 

Nicht allzu viel Trauer verbreitet sich bei dieser Nachricht: Der Neuendorfer Küster und Lehrer Block ist am 14. September gestorben.

Bei guter Arbeit stehen einem Küster und Lehrer aus dieser Tätigkeit zurzeit: 211 Thaler im Jahr zu, zuzüglich den Naturalien im Umfang von 31 Broten, etwas Roggen und 62 Eiern. Dazu kommen meist Einkünfte aus einem nebenbei ausgeübten Handwerk.

Der Gartendirektor Herr Peter Joseph Lenné bemüht sich, die Gartenerträge für die Nowaweser mit Lieferung von Dung, Saatkartoffeln und Obstgehölzen zu verbessern. Allein, auch dieses Mühen zeigt keine rechte Wirkung. Resignierend stellte man zusammenfassend fest: „Die Nowaweser Weber lassen sich alles bestens gefallen, tuen aber selbst nichts dazu.

 

1837

Noch immer sind Noth und Elend im Orte daheim. Die Obrigkeit sieht das so: „Die Moralität der Bewohner von Nowawes ist gesunken, es herrscht Sittenlosigkeit. Viele, die noch etwas Geld besitzen, sind gern dem Trunke ergeben“.

In den Jahren 1837 – 1843 besteht ein Wohltätigkeitsverein für Nowawes, ein privater Unterstützungsverein in einer Stärke von 50 Mitgliedern, die Gutes tun wollen. Es gehören auch dazu: Der Potsdamer Oberpräsident, das ist derzeitig Herr v. Bassewitz, der Potsdamer Oberbürgermeister St. Paul, der stark sozial veranlagte Kaufmann und Stadtrat Eisenhart, der Bischof der Hof- und Garnisonkirche Pfarrer Dr. Rulemann Eylert, der Gartendirektor Peter Joseph Lenné, Graf v. Pückler, Wilhelm v. Türk und der Nowaweser Prediger Papin.

Superintendent ist zu dieser Zeit Herr Pfarrer Ebert, in Potsdam wohnend.

 

In Neuendorf ist inzwischen Piesker der Dorfschulze und Lehrer ist Jahn, der Einäugige. Die Schulstube, mit 30 qm für den Unterricht von 90 Kindern, ist in einem zutiefst bedenklichen Zustande. Defekte Wände, kaum heizbar, verfaultes Gebälk. Kürzlich hat die Lehrer-Kuh, in Unruhe versetzt, mit Hörnerstößen auch noch den Stall mit der Schulstube vereinigt. Für die Kinder eine interessant Abwechselung.

 

1838

Die Stammbahn, das ist die dritte Eisenbahnlinie im deutschsprachigen Raum und die erste in Preußen, wird von Potsdam nach Berlin, über Zehlendorf gebaut. Am 29. Oktober 1838 wird die ebenerdig zwischen Nowawes und Neuendorf verlaufende Bahnlinie in Betrieb genommen. Sie teilt damit u. a. die auffallend breite Lindenstraße (sie ist ein Teil des früheren Königsweges) längs auf, so dass zwei schmalere Straßen entstehen. Bretterzäune an beiden Seiten des Schienenstrangs sollen Unglücksfälle verhüten. Die südliche Straße erhält den Namen „Retzowstraße“ = heutige Benzstraße). Das Haus Retzowstraße No. 2 stellt derzeitig das noch originale Musterhaus der Siedlung dar. Möge es uns lange erhalten bleiben.

 

1840

In den Jahren von 1838 bis zu seinem Tode ist der Webermeister Josua der Vorsteher unserer Gemeinde.

Der Absatz der Webwaren, der sich zwischenzeitlich etwas erholt hatte, stagniert erneut. Er unterliegt der billigeren und schöneren ausländischen Konkurrenz.

Am 07. Juni stirbt König Friedrich Wilhelm III. Nachfolger im Amt des Staatsoberhaupts wird sein Erstgeborener. Nun herrscht Friedrich Wilhelm IV. (Lebenszeit 1795 - 1861, Regierungsdauer 1840 - 1859) über uns, der Künstler auf dem Thron. Eigentlich möchte er gar nicht regieren, wäre lieber Architekt geworden, wie zum Beispiel Karl Friedrich Schinkel, der sich derweil für die Menge der Staats- und Kirchenbauten geradezu krank arbeitet.

Die Ehefrau unseres Königs ist Elisabeth von Bayern aus dem Hause Wittelsbach, die 1801 im Schloss Nymphenburg zu München geboren wurde. Sie ist die Tante der späteren österreichischen Kaiserin Elisabeth (genannt Sisi, aber seit dem späteren Film als Sissi bekannt). Die Königin ist bescheiden, hält sich im Hintergrund, leidet als Katholikin wohl auch stark unter ihrem Konfessionszwiespalt im protestantischen Preußen. Das Ehepaar wohnt im Schloss Sanssouci. Aufopferungsvoll wird Elisabeth den ab 1856 zunehmend kranken Ehemann und König pflegen.

1842

Am Kirchplatz werden auf dem bisherigen Gartenland (Parzelle 215) Wohnhäuser errichtet („Sekundärbauten“, die den bestehenden 210 Kolonistenhäusern ähneln). Dieser Landstreifen gehörte seit alters her, dem Hofmusicus Benda. Im Jahre 1842 wird das Haus mit der späteren Bezeichnung Kirchplatz No. 17 gebaut (später Knitter), 1843 das Haus Nr. 18 und 1844 das Haus Nr. 16 (später Sotscheck).

 

1843

In den Jahren 1843 bis 1848 wird Pfarrer Franz Karl Ludwig Steinmeyer die Geschicke der Nowaweser Kirchenarbeit lenken. Er betrachtet bereits am Anfang auch die Tätigkeit des Wohltätigkeitsvereins sehr kritisch. Er vertritt die Auffassung, dass man nicht von der Wohltätigkeit anderer sein Leben fristen sollte, sondern den ausreichenden Lebensunterhalt vom Lohn guter, geregelter Arbeit müsse bestreiten können. Und an dieser mangelt es eben.

1843 löst sich der 1837 gegründete Wohltätigkeitsverein für Nowawes wegen fehlender Erfolge auf. Man habe in keiner Beziehung das vorgestreckte Ziel erreicht, heißt es. Ähnliche Arbeitsergebnisse hat die „Communale Armenhilfe“ vorzuweisen.

Es scheint auf der Hand zu liegen, dass zu den Ursachen die gewisse Trägheit vieler Weber gehört, beim einmal erlernten Weben oder Spinnen hungernd zu verharren, statt durch ein Weiterlernen auf andere Erwerbszweige auszuweichen. Zum Glück gibt es aber auch Ausnahmen, die allen als ein Beispiel dienen sollten.

 

1844

Der Aufstand der hungernden Weber in Schlesien wird blutig niedergeschlagen. In Nowawes bleibt es relativ ruhig, obwohl die Not sehr groß ist. Es mangelt permanent an Arbeitsaufträgen für die Weberei. 66 Familien mit mehr als 200 Kindern sind ohne Arbeit und Lohn. Die Weber werden, wie schon seit etwa einem Dutzend Jahren mehrmals, erneut im manuellen Straßenbau (der „unverschuldeten Strafarbeit“, wie sie es nennen) eingesetzt. An Schwierigkeiten mit diesen Straßenbau-Hilfsarbeitern wären zu nennen: Fehlende Fachkenntnisse, schlecht genährte Leute, mit schwacher körperlicher Konstitution für diese körperlich schweren Arbeiten.

Auch Pfarrer Steinmeyer empfiehlt nun angesichts der Not, dass die Vertreter der jüngeren Generation besser zu anderen Erwerbszweigen, als der Weberei, übergehen sollten, um die wirtschaftliche und damit die soziale Lage der Familien zu verbessern. Seine Konfirmanden, die von der Schule in ein Lehrverhältnis wechseln, wählen jedoch wieder den väterlichen Weber-Beruf, – da sie das Elend ohnehin gewöhnt sind ... und kein anderes Ziel kennengelernt haben. Hart kritisiert Steinmeyer auch den Schulunterricht. (Wir wissen ja: der Lehrer / Küster untersteht ihm zwar aber er kann den Stümper nicht zum wahren Lehrer machen oder „den Esel nicht zum Pferde“. Man müsse mit den Leuten leben, die man hat). Der Unterricht sei nicht im mindesten anregend, sondern so recht dazu angethan, die geistigen Kräfte in den Schlummer zu wiegen, schätzt er als Vorgesetzter ein.

 

In Nowawes wohnen derzeitig 598 Familien mit 3.128 Seelen. Von diesen leben 465 Familien von der einstmals erlernten Weberei.

 

1845

Die Gewerbeordnung wird eingeführt.

Der Erfinder Heilmann stellt eine Wollkämm-Maschine vor. Leider lebt er nicht in Nowawes.

 

1846 / 1847

Schon wieder eine Missernte. Eine weitere große Theuerung für die Waaren zum Leben und unter den Webern viel Arbeitslosigkeit, außer saisonalen Einzelaktionen in der schweren Arbeit im Chausseebau. 400 Familien sind ohne Arbeit und Lohn und warten auf das Verteilen von Lebensmitteln oder auf Groschen aus der Armenkasse.

Am 31. Juli 1846 stirbt der ehrenwerte Herr Wilhelm v. Türk. Dessen Sohn Adolph übernimmt das gesamte Erbe. Allerdings ist dieser ein wenig fähiger „Gutsherr“, so dass die Waisenhausanlage in Schulden gerät ... und später in die Hände und Verwaltung des Berliner Bankiers Kaempf fällt.

 

1848

Etwa 30 Kinder im Alter zwischen 10 und 15 Jahren, von arbeitslosen Nowaweser Webern,  ziehen, ausgerüstet mit Schaufeln, nach Potsdam vor die Königliche Regierung und bitten um Arbeit. Das geht so nicht.Der Minister für Handel, Gewerbe und Öffentliche Arbeiten, von der Heydt, ordnet eine Untersuchung in Nowawes an, welche bestätigt: Hauptsächlich eine „leider gepflegte“ rückständige, sehr einfache Produktionsweise in der Hand-Weberei führte zu der bestehenden Situation.

Zeit der Bürgerlichen Revolution. Der Kopf des „Patriotischen Vereins“ in der Region Potsdam, ist der junge Rechtsreferendar Maximilian Dortu, Sohn des Justizrates Dortu. Die nahe Zukunft wird wissen, dass er, der Hoffnungsfrohe, wegen seiner Aktivitäten zur Revolutionszeit, die auf eine Demokratisierung des Staates zielten, im Folgejahr standrechtlich erschossen wird. „Gegen Demokraten helfen nur Soldaten“, wird zum „Geflügelten Wort“ im Munde der Obrigkeit.

Einen Teil der politischen Macht geben das Königshaus und der Adel an das Großbürgertum ab. Das ist für viele Menschen keine demokratische Wende. Nein, ein Rückfall in vergangene Zeiten ist in der Pressezensur, in Einschränkungen der Bildung von Vereinen, beschränkter Rede- und Meinungsfreiheit und in der staatlichen Bevormundung und Überwachung des Bürgers zu sehen. Die Revolution hat für „den Kleinen Mann“ keine neuen Freiheiten gebracht.

Der offizielle Arbeitstag in der Fabrik hat heutzutage 14 - 16 Stunden, bei der handarbeitenden Bevölkerung oftmals zu Hungerlöhnen.

Nach der gescheiterten Volkserhebung sind auch Auswirkungen auf das Schulwesen deutlich nachteilig zu erkennen. Es gilt als ausreichend, die vier Grundrechenarten bis 100 zu überblicken, etwas lesen und schreiben zu können. Die Vermittlung eines weiteren verfeinerten Allgemeinwissens ist von der Obrigkeit nicht mehr gefragt. Allerdings richten sich viele Pastoren (Schulinspektoren) nicht nach dieser Rückwärtswendung.

Pastor Franz Ludwig Steinmeyer beendet seine Tätigkeit in Nowawes. Er wird künftig als Professor an der Berliner Universität wirken. Sein Nachfolger, Ernst Adolph Stobwasser schreibt über Jenen: Steinmeyer ist mein lieber, hochbegabter Vorgänger, der bis zum Umsturzjahr hier wirkte. Er bat den König um seine Abberufung.

Am 28. Mai beginnt also Ernst Adolph Stobwasser seine Tätigkeit als Pfarrer in Nowawes. Pfarrer Stobwasser (der böhmische Name lautete früher Stowoda = Hundertwasser) wurde am 15. Februar 1818, als Nachkomme eingewanderter böhmischer Weber in Braunschweig geboren. Er hat eine Familie mit Ehefrau und zwei Kindern. Nach dem Theologiestudium tritt er, 30jährig, im Jahre 1848 in Nowawes seine erste Pfarrstelle an und übt dieses Amt hier bis zu seiner Versetzung nach Fahrland, Ende April 1856, aus. Als Dienstmädchen lebt in seinem Haushalt Auguste Zinnow aus der unmittelbaren Nachbarschaft. Die Pfarrfamilie wohnt im Hause Priesterstraße 11, gleich links neben dem früheren Wohnhaus der Familie Benda und die Zinnows leben jetzt im Hause No. 7. Oberhaupt der ersten Benda-Familie, die hierin lebte, war Johann Georg Benda, der Vater des Musikers am Hofe von König Friedrich II.

Die erste Amtshandlung in der für Pastor Stobwasser neuen Gemeinde ist bereits an seinem ersten Tage (am 28. Mai) eine Taufe. Der neue Pfarrer scheint in allem sehr gewissenhaft zu sein. So hat ab sofort in den Kirchenbüchern bei den kirchlichen Amtshandlungen neben dem Familiennamen nicht nur Nowawes als Wohnort, sondern die genaue Anschrift mit Straße und Hausnummer zu stehen. (Anmerkung: Das freut spätere Geschichtsforscher ungemein, wird aber nur in seiner Amtszeit aufrecht erhalten).

Stobwasser beginnt bald in vielen Briefen an die Provinzialregierung die sozial unzureichenden Zustände in Nowawes zu kritisieren, bittet um Hilfe und macht sich damit auch Gegner in der Verwaltung von Nowawes, zumal man in dem Wirken des Pfarrers oft eine Einmischung in die Communalen Angelegenheiten sieht.

Noch im Jahr seines Dienstantritts führt er in seiner Gemeinde den regelmäßigen Kindergottesdienst wieder ein; er belebt diese beschäftigenden Unterweisungen, die schon einmal sein früherer Amtsbruder Kropatscheck mit Leben erfüllt hatte.

 

Im Sommerhalbjahr werden wieder etwa 500 Nowaweser Einwohner bei Straßenbauarbeiten beschäftigt. Steine ausgraben, Steine transportieren, Steine zerschlagen und Aufschütten der geschlagenen Steine, also des Schotters und des Sandes zu Chausseebahnen. Das sind die üblichen Aufgaben. Die Weber wünschen sich für diese schweren, ungewohnten Arbeiten einen Stundenlohn, weil sie bei Accord-Lohn-Bezahlung (Leistungsbewertung und Bezahlung nach willkürlich ansetzbarer Normzeit) ihre Familien auch davon kaum ernähren können. Dieser Wunsch wird aber von der Provinzialregierung nicht berücksichtigt. Im Spätherbst eines jeden Jahres wird diese Maßnahme der Arbeitsbeschaffung ohnehin wieder eingestellt und der Hunger hat auch fürderhin in den dann winterlichen Weberstuben sein gewohntes Zuhause.

Die mangelhafte Arbeit verschiedener Kommunalbeamter führt dazu, dass sich im Ort zwei Parteien bilden, eine kommunale und eine kirchliche, die theoretisch das gleiche Ziel verfolgen, nämlich, das Los der Weber zu erleichtern, einen nachhaltig wirkenden Aufschwung des Lebensstandards zu erreichen. Diese Parteien bekriegen sich aber mehr, als dass sie eine gedeihliche Zusammenarbeit pflegen. Die kirchlichen konkreten Hilfsmaßnahmen und ihre Erfolge in der Armenpflege führen also unbeabsichtigt zu einer Gegnerschaft zwischen dem Ortsvorstand und dem Pfarrer Stobwasser mit seinen Getreuen.

 

Eine erfreuliche Nachricht aus dem Hause Stobwasser – das erste Kind, eine Tochter, wurde geboren.

Geboren wurde in Nowawes, Priesterstraße 66* am 01. September um acht Uhr morgens

Elfriede Julia Martha, Maria Stobwasser.

 

Vater:   Ernst Adolph Stobwasser, Pastor

Mutter: Friederike Betty Louise Wilhelmine, geborene Normann

 

Taufe am 28. September durch den Vater, Pastor Stobwasser.

Kirchenbuch-Register Nr. 109 / 1849.

Die Taufpaten sind:

1. Heinrich und 2. Elfriede Normann

3. Julie Stobwasser

4. Therese Normann

5 Frau Sonnemann

6. Geh. Rath Nartop

7. Geh. Rath Michälis

 8. Frau Pastor Willinger

 9. Marie Kühne

10. Elise Busse

11. Albert Dervaranne

12. Auf Befehl Ihrer Königlichen Hoheit: die

     Prinzess von Preußen

13. Marie Rutty

14. Mahlchen Loebbeke

*Anmerkung: Mit Priesterstraße 66 ist die durchgehende Parzellennummerierung gemeint. Es ist das spätere Grundstück Nr 11, die heutige Karl-Liebknecht-Straße Nr. 16

 

1850

In diesem Jahr werden die staatlichen Geldunterstützungen für Nowawes eingestellt.

Der Fußweg zwischen der Neuen Lindenstraße (heute Alt Nowawes) und den Parkanlagen des Königlichen Schlosses, wird als „Neue Straße“ ausgebaut.

Zum leidigen Thema – Schulsachen und Bürokratie: Am 25. Juli 1850 schreiben der Pfarrer Adolph Stobwasser und der selbständige Weber Gottlieb Sotscheck (Mitarbeiter des Kirchen- und Schulvorstandes), im Namen des Schulvorstandes an die Königliche Regierung in Potsdam: „Bei der jetzt vorgenommenen Reparatur der Amtswohnung des ersten Lehrers und Kantors Seyfarth stellt sich heraus, dass bei dem Anschlag (zur Finanzen- und Materialbereitstellung) die ganz verfallene Stube des p. p. Seyfarth vergessen ist, obgleich dieselbe vor Allem der Erneuerung bedarf“. Quelle: BLHA, Rep. 2 A II T. Teltow, Nr. 284.

 

Die alte Fachwerkkirche nebenan auf dem Neuendorfer Anger wurde im Laufe der Zeit für den anwachsenden Bedarf zu klein, so dass man in den Jahren 1850 bis 1852 einen achteckigen Neubau aus gelben Klinkern, in frühgotischem Formenausdruck, mit zwei Emporen, für 300 Besucher aufführt. Das Kreuz auf der Kirchendachspitze hat eine Größe von etwa 11,9 Fuß Höhe und 5,4 Fuß Breite (3,75 m Höhe und 1,70 m Breite). Die Turmspitze besitzt eine Kugel zur Aufbewahrung von Schriftgut aus unserer Zeit – Botschaften für unsere Nachkommen. Verschiedene Skizzen zum Bau hat König Friedrich Wilhelm IV. erarbeitet, der ja lieber selber ein Architekt, wie Karl Friedrich Schinkel, geworden wäre. Tatsächlicher Architekt ist der Schinkel-Schüler Christian Heinrich Ziller (Lebenszeit 1792 – 1868).

Wegen der späteren Ortsvergrößerung in Folge der Industrieansiedlungen während der “Gründerzeit” wird diese Kirche schon in naher Zukunft in ihrer Größe ebenfalls nicht mehr ausreichen.

 

1851

Die kirchliche Armenpflege geht nach intensiven Gesprächen in der Communalen Armenpflege auf, um weitere Spannungen durch die „Doppelgleisigkeit“ mit der Commune und wegen derer orginären Zuständigkeit zu vermeiden.

 

Anmerkung: Aus den Anschriften bei Taufeintagungen in den Kirchenbüchern ist ersichtlich, dass die bisherige Anschriftenangabe, nach fortlaufenden Parzellen- / Grundstücksnummern, etwa 1851 / 1852 der straßenweisen Hausnummernvergabe weicht.

 

1852

Der versierte Verwaltungsbeamte Dr. Eduard v. Flottwell ist bis 1862 der Oberpräsident der Provinz Brandenburg. Er setzt sich auch für die Verbesserung des Loses der Weber ein.

Der Potsdamer Regierungsrat Carl August Ferdinand Wichgraf (1811 – 1901) wird von Herrn v. Flottwell für zehn Jahre mit der Tätigkeit als Commissarius für Nowawes verpflichtet. Es ergibt sich daraus eine gute Zusammenarbeit mit einigen Getreuen, wie dem Pfarrer Stobwasser, um das Leid der Weber nach „einem systematischen Feldzugsplan“ zu mindern. Aus der Kommunalverwaltung ist für die Arbeit in sozialen Fragen der Ortsvorsteher Johann Friedrich Josua (1791 - 1853) rührig. Auch Wichgraf stellt wieder fest, dass die anhaltende bittere Armut hauptsächlich darin begründet ist, dass es an dauerhaft, guter und lohnender Arbeit fehlt. Wichgraf merkt auch an, dass es schwerlich einen anderen Orth gibt, der soviel unterstützt worden ist.

Eine Rettungs- und Erziehungs-Anstalt für ein Dutzend verwahrloster Knaben wird in diesem Jahr, am 22. Juni, gegründet. Als Muster dienen das „Rauhe Haus“ des Pfarrers Hinrich Wichern in Hamburg, die Franckeschen Stiftungen in Halle, sowie das Elisabeth-Stift in Potsdam. Das gut situierte Fräulein Louise Friedel, das nach Fahrland zieht, stiftet für diesen guten Zweck ihr eigenes Grundstück und das Haus darauf (Lindenstraße 62 / 63). Die Einrichtung erhält den schönen und vertrauten Namen „Bethlehem“.

 

Die Weihe einer neuen Orgel und die Vorbereitung der 100-Jahr-Feier der Kirche:

Pastor Stobwasser bringt das Geld für die Renovierung unserer nun bald 100jährigen Friedrichskirche und für eine fast neue Orgel zusammen. Der Turm der Kirche, früher mit Schindeln belegt, ist jetzt mit Schieferplatten gedeckt. Die Kirche erhält frische Farbanstriche, größere Fenster, einen erneuerten Fußboden und neue Bänke. Schade nur ist es, dass man nach der Renovierung der Kirche, für die Feuerleitern und die Wassersprütze sowie auch für die Todten-Baaren nicht ein anderes Unterkommen fand, sondern diese im Gotteshaus beließ. Nun ja, die Gerätschaften benötigen den Platz, der andern Orts kaum da ist und sie müssen ja auch leicht greifbar sein – sobald der Schlüssel da ist. Die fleißigen der Kirchgänger werden stets aufs Neue an diesen Standort erinnert. Wie praktisch. So ermöglicht quasi die Greifbarkeit der Geräte von diesem Orte eine schnelle Eindämmung der Schadensfeuer zum Lobe Gottes. Die weniger erfreulichen Todtenbaaren standen früher bei der Kegelbahn, was als anstößig, da als ein Mangel an Pietät angesehen wurde. Was soll's? Das Sterben gehört nun einmal zum Leben.

Die neue Orgel, es ist die dritte Orgel der Friedrichskirche, kann am 2. Mai 1852, am Sonntag „Jubilate“, geweiht werden. Erbaut haben sie die Herren Gesell & Schulz in Potsdam.

Aus dem Königshause kommt als Geschenk die Taufe aus Gusseisen mit dem Marmorbecken. Über der Kanzel steht nun der bekannte Sinnspruch: „Kommt her zu mir, Alle, die Ihr mühselig und beladen seyd, ich will Euch erquicken“. Beleuchtet wird die Kirche mit Kerzen. Die rußabweisenden Schutztafeln aus Messingblech an den raumhohen hölzernen Säulen, die die Emporen tragen, werden „Blaker“ genannt. Man nennt sie aber auch Blender, da sie das Kerzenlicht in den Raum zurück werfen. Die Besonderheit dieser blank geputzten Messingschilder: Es sind frühere, nun umgearbeitete Mützenschilder des 1. Garderegiments zu Fuß, der Leibgarde Friedrich des Großen.

 

Wieder gibt es eine frohe Nachricht von der Familie des Pastors - das zweite Kind.

Geboren wurde in Nowawes am 10. November 1852, Prieserstraße 66, um 1/2 2 Uhr am Mittag: Heinrich August Nathanaäl Martin Stobwasser.

 

Vater:  Ernst Adolph Stobwasser, Pastor

Mutter: Friederike Betty Louise Wilhelmine, geborene Normann

Getauft wird der Sohn am 14. Dezember durch den Vater, Pastor Stobwasser.

Kirchenbuch-Register Nr. 142 / 1852.

Die Taufpaten sind:

1. Heinrich Normann

2. Heinrich Busse

3. August Lobeck

4. Frau Niebuhr

5. Viedebrandt

6. Frau Voss

7. Lulu Friedel

8. Therese Steffen

09. Therese Dreseke

10. Cecilie Löbbeke

11. Wilhelm Bardikowsky

12. Carl Eberhardt

13. Carl Stauch

14. Frau Nölte

15. Louise Radike

16. Dr. Herrmann Piutty

17. Kober

 

1853

Nebenan in Neuendorf, wurde auf dem Anger die bereits erwähnte kleine Kirche aus gelben Klinkern auf achteckigem Grundriss, nach zeichnerischen Entwürfen vom König (Friedrich Wilhelm IV.), von C. H. Ziller fertig gestellt. Erforderlich wurde der Neubau zur Ablösung des altersschwachen Fachwerkkirchleins aus dem Jahre 1585. Am 30. Januar wird nun der Kirchen-Neubau feierlich geweiht.

 

Sonntag Palmarum, 20. März 1853. Zur Einsegnung der im Mittel 14jährigen Kinder kommt die neue, sehr lieblich klingende Portinal-Flötenstimme der Orgel erstmals zum Einsatz. Ein besonderes Lob verdienen hier wieder die Orgelbauer Gesell & Schulz.

 

Es stirbt der Ortsvorsteher Josua (* 19. Dezember 1791, + 22. April 1853), der die Liebe der Bewohner des Ortes besaß. Wir wollen ihm ein Kreuz zum Gedenken errichten. Nach dem Ableben des Johann Friedrich Josua wird der Webermeister Wilhelm Gutschmidt (1818 – 1909) unser neuer Nowaweser Ortsvorsteher. Er wird dieses Amt bis 1866 inne haben.

 

Am 23. April schreibt die Gemeinde Nowawes, angeregt durch den Pastor Stobwasser und auch vertreten durch den Prediger, durch Communal-Verordnete, die Kirchen-, Schul- und Gewerkevorstände (mit Namen: Kisser, Nagel, Müller, Thal, Kirstein, Teichmann, Huth, Sotscheck, Kunstmann, Schmiedecke, Gaebert, Keil, Baatz, Seyfarth und Stobwasser) an den König. Als Anlass wählt man die bevorstehende 100-Jahr-Jubelfeier des Bestehens der Friedrichskirche. Stobwasser geht im Schriftsatz auf die Unterstützung der Kirche in der Vergangenheit, insbesondere durch Friedrich den Großen und Friedrich Wilhelm III. ein. Es ist ein Bittbrief, der auf die Hohe Gnade des Monarchen Bezug nimmt und enthält die folgenden drei Punkte:

1. Die Gemeinde wünscht sich (zu dem sandigen, unfruchtbaren Nowaweser Boden) die Marstallwiesen und das, was vom Mittelbusch noch übrig ist, denn nur durch Landbau und Viehzucht könne bei dem Arbeitsmangel der Noth begegnet werden.

2. Die Ortsarmenkasse sei sehr verfallen, die Gemeinde könne kaum Arzt und Arzneien bezahlen, geschweige denn die Abgelebten, Krüppel, Kranken so bedenken, wie es die Nächstenliebe erfordere. Deshalb wird um 200 Thaler jährlich aus der Staatskasse gebeten.

3. Das Schulhaus sei nun nach rund 50 Jahren wieder zu klein; ein neues Schulhaus würde benötigt.

Im Großen und Ganzen gewährt der König in seiner Resolution vom 30. April 1853 diesen Bitten ihre Erfüllung.

 

Vorbereitung des Jubiläums zum 100jährigen Bestehen der Friedrichskirche, u. a. am Donnerstag, dem Himmelfahrtstage, 5. Mai 53. Kalt ist es in diesem Jahr. Der Frühling will nur zögerlich kommen. Noch gibt es keinerlei frisches Grün, um die Kirche zu schmücken. Die Lehrer wandern deshalb mit den Schulkindern und jene mit Kiepen, Karren und Wagen in die nahen Wälder und holen, was sie finden. Auch geben die Königlichen Hofgärtner von Babelsberg, Klein Glienicke, Sacrow, der Pfaueninsel und Sans-souci, was sie entraten können. Schöne Beiträge zum Schmücken kommen vom Seiden-Fabrik-Besitzer Stieff in der Potsdamschen Behlertstraße, von Herrn Hempel, Alte Königstraße 8 (heutige Friedrich-Engels-Straße) und vom Apotheker Engelbrecht aus der Löwen-Apotheke, Nauensche Straße (heutige Friedrich-Ebert-Straße). Viele Guirlanden und Kränze werden geflochten und drei Ehrenpforten aufgestellt: Die erste von Herrn Kunstmann und Glaser Schwarz bei Bethlehem, dem Rettungshause in der Lindenstraße 62 / 63. Die zweite in der Kirchgasse, aufgestellt vom Fabrikanten Herrn Sotscheck und dem 2. Kirchenvorsteher Baatz und die dritte Ehrenpforte vor der Hauptthüre der Kirche, von Tischlermeister Nagel und seinem Sohne sehr schön ausgeführt. Die gesamte Ausschmückung der Kirche hat dann Pastor Stobwasser ausführlich beschrieben. Der Schneidermeister Fanny bringt leihweise Fußbodendecken und Hofgärtner Kindermann (Park Babelsberg) spendet die Altarblumen.

Eine weitere für Pastor Stobwasser deutlich sichtbare Freude: Kurz vor dem Jubeltage wurde die Feuersprütze, das also ist die Wassersprütze, die ein gedachtes Feuer löschen soll, aus dem Thurmraum der Kirche herausgenommen. Nur die Todten-Baaren konnte man nicht anderen Orts unterbringen. Sie bleiben leider noch da.

Am Abend um 6 Uhr ist alles fertig und nun wird das Fest eine Stunde lang eingeläutet.

 

Das Jubiläum:

Am Freitag, den 6. Mai, dem eigentlichen Jubeltage, läuten ab 5 Uhr in der Frühe die Glocken den Morgensegen.

Die Nachkommen der uns stammverwandten Gemeinde „Böhmisch Rixdorf“, der dortigen Colonie, die bereits zur 50-Jahr-Feier hier die Posaune bliesen, beehren uns nun auch zur 100-Jahr-Feier. 14 Bläser hatten sich schon um Mitternacht in Rixdorf mit dem Wagen auf den Weg nach Nowawes begeben – durchnässt und durchfroren sind sie hier angekommen, doch das trübte ihre Stimmung nicht. Nun wecken sie uns bei Tagesanbruch mit den Posaunenchorälen. In den Pausen zwischen dem Läuten der Glocken erklingen die Posaunen mit den Liedern „Wach' auf, mein Herz“, „Morgenglanz der Ewigkeit“ und „Wie schön leuchtet der Morgenstern“.

Gegen 7 Uhr erscheint der Superintendent Ebert aus Potsdam, der die Festvorbereitungen billigt.

 

Mit einem Vorreiter und 6 Schimmeln vor dem geschlossenen Wagen, kommen König und Königin. Mit zwei Rappen dann Prinz Friedrich Wilhelm, Sohn des Prinzen von Preußen, der Neffe des Königs. (Es ist der spätere Kaiser Friedrich III., der im Jahre 1888 für 99 Tage regieren wird, bevor er der Krebserkrankung seines Kehlkopfes unterliegen wird).

Der Zug führt sie an der geschmückten Seidenfabrik vorbei, vorbei auch an dem Lehrerhause der Herren Busse und Mietschke (Priesterstraße 10, früher Benda), dem Predigerhause (Priesterstraße 11), der Schule von Herrn Glem und vorbei an der Pfarre um die Ecke. Alle Häuser sind geschmückt. Der Wagen Ihrer Majestäten hält nun vor der Kirche.

Die Bau-Commission, die Polizei, Herr Superintendent Ebert, Herr Hohnhorst, Prediger Fintelmann und Pastor Stobwasser stehen am Eingang unserer Kirche. (Der Oberpräsident von Flottwell ist leider erkrankt). Sechs Mädchen in weißen Kleidern streuen Blumen und das  vierjährige Kind Elfriede Stobwasser übergibt der Königin Elisabeth einen Kranz.

Zwei Mädchen aus den Familien Milch und Kirstein überreichen den Königlichen Besuchern die Textblätter der Festgedichte, die später gesungen werden.

Das Königspaar (Friedrich Wilhelm IV. und seine Ehefrau – Elisabeth von Bayern) schenkt der Gemeinde ein Altarbild. „Christus mit Brot und Kelch“. Es ist eine gute Kopie des Gemäldes des Italieners Carlo Dolce und wurde in Dresden von dem Maler Carl Schmidt gemalt. Zum Geschenk gehören des Weiteren zwei Altarleuchter und eine neue Taufschale (von Prinz Friedrich).

Um 9 Uhr halten wir den Festgottesdienst in der feierlich geschmückten Kirche. Choräle des Singechores unter der Leitung des Cantors Seyfarth, begleitet von der Orgel, folgen – ein wahrer Ohrenschmaus. Musikdirektor Schärtlich spricht darüber, dass die Orgel nach ihrer Überarbeitung und erweiterten Vervollkommnung ein ganz außerordentliches Meisterstück geworden. Meisterlich spielt auch der Cantor – im Wechsel mit den Posaunenbläsern – die Choräle „Allein Gott in der Höh', „Lobe den Herren“ und „Nun danket alle Gott“. Die Posaunen blasen rein und auch der Sänger-Chor der Potsdamer Nikolaikirche singt ganz köstlich. Die Festpredigt hält natürlich der Ortspastor Stobwasser – und der HErr habe ihm   bei dieser Rede geholfen, sagt er später aufatmend. Die Collekte an diesem Tage ergibt 4 Thaler, eine Summe, die zwar klein ist aber bei der jetzigen Noth und Arbeitslosigkeit doch immer des Dankens werth.

Heute ist der Himmel blau und die Sonne scheint hell und wärmer.

Um 2 Uhr des Nachmittags läuten die Glocken wieder. Die Kirche ist übervoll. Mehr als 900 Kinder, außer den Erwachsenen. Nach der Predigt, zum Schluss des Gottesdienstes, bekommt jedes der Kinder ein Festbrötchen. Es ist ein Spaziergang der Menschen des gesamten Ortes, einschließlich der Schuljugend, verabredet. Unser Ziel ist „der Stern“, weit hinter Drewitz. – Ein gelungener Ausflug!

 

Nach einem frühen Abendessen blasen die befreundeten Rixdofer zum Abschied noch die drei Choräle „Dir, Dir Jehova“, „Mein Salomo“ und „Nun ruhen alle Wälder“. Gegen 6 Uhr am Abend nehmen wir Abschied von den Rixdorfer Gästen. Einige hundert Nowaweser begleiten sie ein Stück ihres Weges bis Klein Glienicke.

Zu dieser Zeit ist die Kirche wieder über und über gefüllt. Prediger Viedebrandt hält eine recht warme Himmelfahrts-Dankrede. Dann spricht Pastor Stobwasser von der Chronik der Kirche, der Schule und der Vergangenheit des Ortes.

 

Im Sommer reist Familie Stobwasser wegen der bedenklichen Gesundheit von Ehefrau Betty nach Franzensbad – quasi mal heim, ins Böhmische. Natürlicher Weise bedeutet auch die sehr lange Kutschfahrt eine zusätzliche Belastung für sie.

 

Vom Babertsberge bei Nowawes wird die Bockwindmühle des Hofrats Rehnitz abgebaut und dafür ein Turm (bis 1856) errichtet. Der Turm soll dem Park als Schmuck dienen, zur Arbeit der schönen Aussicht, und der Erbauung nützen. Als Vorbild dient der Eschenheimer Torturm zu Frankfurt am Main. Das Geld für die Ziegel werden von den prinzlichen Gütern Flatow und Krojanke, in Westpreußen erwirtschaftet – oder kommen gar die Hartbrand-Ziegel von dort?

 

Noch im Jahre 1853 wird mit dem Bau des zweistöckigen neuen Schulhauses am Kirchplatz Nr. 13 begonnen Es ist das erste hohe Haus, im Gegensatz zu den Weberhäusern. Das Bauen leitet Baumeister Gerndt. Fertigstellung des Baues wird 1858 sein.

In diesem Jahr hat unser Ort 5.000 Einwohner in 794 Familien und unter den Bewohnern sind rund 850 schulpflichtige Kinder.

 

1854

Im December 1854 wird ein Polizeiliches Anschriftenverzeichnis zu Nowawes erarbeitet, in dem 794 Familien erfasst sind und in welchem auch die Vermögens- und Ernährungsverhältnisse beleuchtet werden. Ein Vermögen ist bei niemandem anzutreffen. Selbst die Ernährungsgrundlage wird durchweg als unzureichend / ärmlich eingeordnet. Einige Beispiele:

- No. 190, Maxa, Priesterstraße 3, ohne Vermögen, nährt sich dürftig von der Weberei.

- No. 203, Zinnow, Zimmergesell, Priesterstraße 7, Grundbesitz 2.000 Thaler, Schulden

  1.000Thlr. Nährt sich und die Seinen von der Profession.

- In der Priesterstraße 6, Eckhaus zur Bäckerstraße, wohnt Weber Auerbach.

- No. 213, Mietzschke, Lehrer, wohnt Priesterstraße 10. Kein Vermögen.

- No. 214, Stobwasser, Prediger, Priesterstraße 11, kein Vermögen.

- Kümmel, Webermeister, Eigentümer, Priesterstraße 18. Kein Vermögen.

- Lange, Webermeister, Eigentümer, Priesterstraße 19, kein Vermögen.

- Maxa, Webermeister, Eigentümer, Priesterstraße 21. Kein Vermögen.

 

- No. 242 Sothscheck, Webermeister, Priesterstraße 22. Grundbesitz 1.200 Thaler,

  Schulden: 900 Thaler. Er nährt sich dürftig von der Weberei.

- Sommer, Schuhmachermeister Priesterstraße 26. Grundbesitz 230 Thaler, Schulden 200

  Thaler. Er ernährt sich dürftig von seiner Profession.

- No. 394 Josua, Webermeister, wohnt Mittelstraße 7.

- No. 397 Zinnow, Webermeister, wohnt Mittelstraße 8.

- Kirchplatz 5 wohnen Lehmann und Greifeld.

 

Regierungsrat Wichgraf berichtet, dass die Kosten der Armenpflege jährlich 600 Thaler und mehr betragen, weil die Weber sich mangels an Aufträgen, mangels hinreichend bezahlter Arbeit, sich nicht selber ausreichend ernähren können. Der Ort bekommt regelmäßige Zuschüsse aus der Staatskasse.

 

1855

Den Garten des Rettungs- und Erziehungshauses für Knaben hat inzwischen Hofgärtner Sello hergerichtet.

Beim Läuten der Glocken während des festlichen Einzuges des Generalsuperintendenten springt eine Glocke – wir wollen es nicht als böses Omen ansehen – vielmehr wird angenommen, dass die Wandung der Glocke zu dünn ist.

Auguste Zinnow, „ein Kind“ aus der Nachbarschaft, ist als Dienstmädchen im Haushalt des Nowaweser Pfarrers Stobwasser tätig. Sie wohnt nicht bei den Eltern, sondern auch mit im Hause (der Dienstwohnung) des Pfarrers in der Priesterstraße 11 (heute: Karl-Liebknecht-Straße 16 - aber das heutige Gebäude ist ein veränderter Baukörper). Es ist das Haus links neben dem Gebäude, das früher der bekannten Familie Benda gehörte, in dem die Eltern des Hofmusicus Frantz B. lebten. Heute wohnen jedoch Lehrer darin.

Mit dem üblichen Einwohnen beim Pastor ist eine weitgehende Verfügbarkeit des Dienstmädchens gewährleistet. Zum Haushalt gehören im Jahre 1855: Herr Pfarrer Stobwasser (37 Jahre alt), seine Frau Betty (31 Jahre jung), Tochter Elfriede (6 Jahre) und Sohn Martin (3 Jahre alt). Auguste Zinnow ist 21 Jahre alt und das weitere Dienstmädchen, Maria Pasewald, 25 Jahre.

 

1856

Es sind langanhaltend schwere Zeiten. Besonders bemüht um die Linderung des Nowaweser Weberelends sind bzw. waren der Oberpräsident der Provinz Brandenburg, Staatsminister Dr. Eduard v. Flottwell, Johann Friedrich Josua, als früherer Ortsvorsteher von Nowawes und sein Nachfolger Gutschmidt, der Regierungsrat August Wichgraf und nicht zuletzt, der sozial engagierte Ortspfarrer Adolph Stobwasser sowie Gottlieb Sotscheck, sen. Nach langen Kämpfen wird der Pfarrer dem Unwillen wohlhabender Gemeindeglieder weichen. Diese möchten einen strahlenden Pastor der besser Situierten, und nicht einen, der sich mehr um Alte, wirtschaftlich Schwache, Kranke und Unterernährte sorgt, in deren Häusern ein- und ausgeht. Zudem bringt er diese Noth und wie man ihr begegnen sollte, in seinen Predigten unter und macht den Reicheren damit bestenfalls ein schlechtes Gewissen. Resignierend, weil er trotz aller Mühe keine Möglichkeit mehr für eine gedeihliche Zusammenarbeit sieht, überlässt der Pfarrer sein Schicksal, also sein Bleiben in angespannter Situation oder eine Versetzung, dem Kirchenvorstand der vornehmeren Bürgerschaft, in Abstimmung mit dem Konsistorium. Die Abstimmung führt zum Ergebnis seiner Versetzung in das Märkische Dorf Fahrland.

 

Zum 02. April ist die Familie Stobwasser und sind auch die beiden Dienstmädchen Maria Pasewald und Auguste Zinnow bei der Königlichen Polizei von Nowawes nach Fahrland abgemeldet. Das Pferdefuhrwerk wird mit dem Mobiliar und Hausrat gepackt und so zieht die Familie Stobwasser mit den Dienstmädchen in das vakante Pfarrhaus nach Fahrland. Diese können schon bald nach der Ankunft „das Haus auf den Kopf stellen“ alles tüchtig schrubben, bevor das Altvertraute platziert und eingeräumt wird.

Schon am gleichen Tag bezieht Pastor Groote, das Haus in der Nowaweser Priesterstraße 11. Etwa 16 Jahre lang wird Carl Friedrich Wilhelm Groote nun der Nowaweser Seelenhirte sein. Pastor Stobwasser selbst kommt aber auch noch 'mal für einige Tage zurück nach Nowawes, um die letzten Amtshandlungen in der Gemeinde zu regeln, sich zu verabschieden, einen letzten einsamen, ausgedehnten Rundgang durch den Ort zu unternehmen. Gewissenhaft, wie er nun einmal ist, wird er Pastor Groote in die Besonderheiten in der Gemeinde einzuführen und ihm auch die Eigenheiten der Stobwasserschen Schäfchenpflege erläutern. Doch damit nicht genug: Für seinen Nachfolger im Nowaweser Amt, Pastor Groote, schreibt er noch einen detaillierten Bericht über die Abläufe des kirchlichen Lebens in Nowawes, die Art und den Umfang seines zurückliegenden Wirkens, um letzten Endes auch für die Gemeindeglieder den Boden für einem sanften Übergang vom Bisherigen zu den eigenen Gewohnheiten des neuen Pastors zu bereiten.

 

Am 16. April hält Pastor Stobwasser seine Abschiedspredigt. Die Predigt schließt er nach dem mit der Gemeinde knieend gesprochenem Gebet mit den Worten: „HErr, segne, segne, segne die ganze liebe Gemeinde. Amen! Amen“. Dann geht er nach kurzen Abschiedsworten, mit jenen, welche zu einem Händedruck, zu einem letzten guten Wort, die in die Sakristei geströmt waren, „mit blutendem Herzen“ heim, in die fast leere Wohnung.

Am 20. April hält dann Pastor Stobwasser seine letzte Taufe in Nowawes. Tags darauf ist Abschied von Pastor Groote und dann folgt er der Familie nach Fahrland, wo er im neuen Heim festlich empfangen wird

 

Da Pfarrer Stobwasser fort ist, werden uns künftig auch seine genauen Angaben zum Leben in Nowawes fehlen.

Am 21. April, am Sonntag Cantate, heiratet unser jetziger Ortsvorsteher, der Webermeister Wilhelm Gutschmidt (1818 – 1909).

Schul- und Kirchensachen, abgesandt aus Nowawes an die Königliche Regierung in Potsdam werden stets vom Vorstand unterschrieben, so im Jahre 1856 von Groote dem Prediger, Sotscheck, Thalheim, Keil, Weise und Kümmel.

Um diese Zeit ist Iskraut Lehrer und wohnt im früheren böhmischen Schulhaus, Priesterstraße 23. (Quelle: BLHA, Repositum 2A II T. Nr. 285).

 

August Wichgraf beschafft technisch verbesserte Webstühle und richtet in der Mittelstraße 2 (heute Wichgrafstraße 2) eine Musteranstalt zur Aus- und Weiterbildung der Weber ein, die von dem Berliner Fabrikanten Lehmann geleitet wird. Wichgraf sieht für Bildungsmaßnahmen eine dringende Notwendigkeit, da die Webermeister (fast ausschließlich Alleinmeister der Heimarbeit, ohne eine Anzahl von Gesellen), zu wenig Geschicklichkeit besitzen und nur in der Lage sind, mit den einfachsten Vorrichtungen, gewöhnlichste Arten von Baumwollzeug (Cattun) zu weben. Es besteht bei ihnen das Unvermögen, eine der neu beschafften aber vakanten Jaquard-Webmaschinen zu bedienen. Nur wenige Leute können mit den Maschinen umgehen. Von den 540 Webermeistern verstehen vielleicht erst 40 die Jaquard-Weberei. Lehmann erprobt mit den Webern neue Arbeitsverfahren. Bei ihm lernen die Weber die neuere englische und französische Technik kennen und ebenso werden sie in der künstlerischen Weberei geschult. So webt man nun nicht mehr nur einfachste Cattun- oder Leinen-Flächengebilde, sondern Velours, Lama, Plüsch und Milton. Hermann Gerson organisiert jetzt den Absatz.

Nochmals gibt es Versuche, diesmal unter der Anleitung durch die Hofgärtner Sello und Persius, Maulbeerbäume anzupflanzen und erneut mit der Seidenraupenzucht zu beginnen – jetzt sogar mit kleineren Erfolgen.

In Anbetracht unserer gesprungenen Glocke merkt August Wichgraf am 16. Juni an: „..., dass in unserer Zeit in Bochum Glocken aus Guss-Stahl gefertigt werden, welche sich außerordentlichen Beifalls erfreuen und sich durch große Billigkeit empfehlen“. Und daraufhin wird der Auftrag ausgelöst.

 

1857

Die Friedrichskirche erhält am 15. Juli dieses Jahres neue Glocken aus Klangstahl. Sie wurden vom „Bochumer Verein für Bergbau und Guss-Stahlfabrikation“ hergestellt – ein gelungener Versuch. Sie gehören zu den ersten Klangstahlglocken dieser Firma überhaupt. Die drei Glocken haben Durchmesser von 94 cm, 75 cm und 68 cm, in der Tonfolge b, d, f, ein klarer Dur-Dreiklang. Die Glocken haben eine Gesamtmasse von 773 kg.

Nebenan in Neuendorf entsteht am Eingang zum Dorfanger ein neues Schulgebäude.

 

1858

Es geht hoch hinaus: Das erste Haus in Nowawes mit zwei Vollgeschossen entstand am Friedrichskirchplatz No. 13. Eine neue Schule moderner Bauart, die noch von Pfarrer Stobwasser angeregt und vom Baumeister Gerndt errichtet wurde. Die Baukosten belaufen sich auf 9.000 Thaler. Die Einweihung findet am 5. Oktober unter Anwesenheit Seiner Exzellenz des Ober-Präsidenten Dr. v. Flottwell statt.

In Nowawes gibt es inzwischen 2.882 Menschen; in Neuendorf leben 230 Leute.

 

1859

Nowawes „muss nun endlich auf eigenen Beinen Stehen können“. Fast alle Staats- und Privatunterstützungen sind inzwischen eingestellt worden.

In der Lindenstraße wird in der aus gelben Hartbrandziegeln errichteten Postanstalt die Arbeit aufgenommen.

 

1860

Es wird die Kirchstraße angelegt, die bisher nur einen Verbindungsweg zwischen Kirchplatz und Lindenstraße darstellte. (Nach 1945 wird sich ihr Name in Herbert-Ritter-Straße wandeln und 1993 in Bendastraße).

Nach 1860 entsteht eine weitere Straße, ebenfalls eine bisherige Laufgasse, – die den Namen Kreuzstraße erhält.

Direktor der Webschule in der Mittelstraße ist Hederich (Hedrich).

 

1861

In Nowawes gibt es 664 Webermeister, 69 Meisterwitwen und 150 andere Gewerbetreibende. 1.000 Webstühle (wegen der Arbeitslosigkeit aber viele nicht in Nutzung) und 160 Jaquard-Webmaschinen stehen in den Häusern.

In der Liebermannschen Seidenwickelei in der Friedrichstraße werden Fäden aus dem Orient von Nowaweser Mädchen auf Spulen gewickelt und dabei gereinigt. 100 Mädchen können schon beschäftigt werden für einen Wochenlohn von 2 Thalern. Sie waren früher als „Schussmädchen“ beschäftigt, was aber mit den neuen Webstühlen in Fortfall kam.

Die Marstallwiesen an der Nuthe und die Reste des Mittelbuschs werden (letztere nach Rodung) mit Getreide, Rüben und Kartoffeln bestellt, was die Ernährungslage der Nowaweser etwas verbessert.

Im Juni gründet sich der Männergesangverein Nowawes.

 

Der Romantiker auf dem Thron, dessen Wunsch es war, lieber ein Architekt zu sein, als die Last der Verwaltung eines Königreiches tragen zu müssen, ist nicht mehr.

König, der schon seit 1859 das Amt des Regenten versieht, wird nun sein jüngerer Bruder Wilhelm I. (Lebenszeit 1797 - 1888). Dessen Ehefrau ist Augusta von Sachsen - Weimar (1811 - 1890), eine Urenkelin Katharina der Großen von Russland, liberal, vielseitig politisch und kulturell interessiert, dem König intellektuell überlegen. Den Wilhelm nannte man seit der 48er Revolution „der Kartätschenprinz“, weil er auf Barrikadenkämpfer und unbewaffnete, hungernd demonstrierende Berliner Arbeiter schießen ließ (die 200 Märzgefallenen). Als König und späterer Kaiser wird der damalige Heißsporn bei fortschreitendem Alter und einer gereifteren Lebensübersicht, ruhiger, fühlt etwas liberaler. Das Paar lebt hauptsächlich im Schloss Babelsberg.

 

1862

Der wohl derzeitig eher zur Resignation neigende König Wilhelm I., ernennt im Schloss Babelsberg Otto v. Bismarck zum Außenminister und Ministerpräsidenten. Jener verlangt „freie Hand“, beabsichtigt die Politik und die Menschen durch „Blut und Eisen zu schmieden“ (Einigungskriege, Sozialistengesetz ... stehen uns bevor).

Der Gartenweg, der von der Friedrichstraße (der früheren 6-Häuser-Straße) abzweigt, wird zur Auguststraße (der heutigen Tuchmacherstraße) ausgebaut. Ebenso der Wallweg – das ist die spätere Turnstraße.

Es erfolgen neue Bauweisen in Nowawes. Nun werden auch mehrgeschossige Bauten genehmigungsfähig, die dann (leider) nicht nur „auf der grünen Wiese“, sondern zwischen den Typen-Weberhäusern des bislang einheitlichen Siedlungsbildes stehen.

Von diesem Jahr an, nimmt auch die Industrie-Ansiedlung einen Aufschwung. Es gehört dazu die Deutsche Jutespinnerei und -Weberei in der Wilhelmstraße 2, 4 und 6.

 

Gründung des Turn- und Sportvereins Nowawes 1862 e.V.. Das Gründungsmitglied Julius Mücke bekleidet die Aufgabe des Schriftführers im Vorstand.

 

1863

In der Großbeerenstraße entsteht der Neuendorfer Friedhof. In der Wilhelmstraße 2-8 wird die Baumwollspinnerei angelegt (ab 1883 wird sie Jutespinnerei heißen – noch heute, 2010, stehen davon Gebäude, auch Verladerampen an der Nuthe, für den Schiffstransport. In der Wilhelmstraße 10 -18 siedelt sich die Berlin-Neuendorfer Aktien-Spinnerei // Norddeutsche Wollkämmerei und Kammgarn-Spinnerei an.

 

1864

Deutscher Einigungskrieg: Preußen mit Österreich gegen Dänemark. Preußen steht auf der Gewinner-Seite. Viele tote Soldaten.

 

August Wichgraf, der tätige Commissar für Nowawes, hat in seiner Schrift von 1864 das Wirken Pastor Stobwassers, folgendermaßen gewürdigt: „Dessen Wirken ist für den Ort von den segensreichsten Folgen gewesen, und durch seine unermüdlichen Bestrebungen für das Wohl der Weber hat er sich dem Gedächtnis der Einwohner ein bleibendes Denkmal dankbarer Erinnerung gestiftet. Sein Name ist mit den Maßnahmen zur reellen Aufhilfe der Weber unzertrennbar verbunden, indem er bei Allem anregend, ratend und persönlich mitwirkend beteiligt gewesen ist. Mit seltener Ausdauer und großer Aufopferungsfähigkeit war er namentlich auf dem Gebiete der kirchlichen Armenpflege rastlos bemüht, die Not zu steuern; unter Anrufung der Privat-Wohltätigkeit in der Nähe, wie in weiter Ferne, brachte er stets reiche Mittel zusammen, womit er am Orte gute Werke stiftete. ... Es war eine eigene Fügung, dass er, selbst Nachkomme einer jener, um ihres Glaubens willen aus Böhmen vertriebenen Familien war, welche sich in Berlin niedergelassen hatten. Er verblieb bis zum Jahre 1856 in Nowawes und hatte noch die Freude, bessere Zustände am Orte eintreten zu sehen.“

 

Der Webermeister-Fabrikant Gottlieb Sotscheck wendet sich am 10. October 1864 an die Königliche Regierung in Potsdam. Jener Text folgt hier:

 

Brief des Weberei-Fabrikanten Gottlieb Sotscheck vom 10. October 1864

 

An

Eine Königliche Hochlöbliche Regierung zu Potsdam

 

Als im Jahre 1848 in Nowawes große Noth und Armuth herrschte, infolge des gänzlichen Arbeitsmangels, erschien bei Einer Königlichen Hochlöblichen Regierung eine Deputation armer Weber nach der anderen, daß Hochdieselbe doch etwas thun möchte, wodurch die große Noth gelindert würde.

In Folge dessen entsandte Hochdieselbe den Herrn Regierungs-Rath Brausewetter, welcher untersuchen sollte, welche Mittel und Wege man einzuschlagen habe, damit womöglich dem ganzen Orte dauernde und lohnende Beschäftigung geboten würde. Der Hl.* Regierungs-Rath Brausewetter beanraumte eine Versammlung der Nowaweser Weber in der hiesigen Kirche, welche er persönlich leitete. Nachdem man sich darüber geeinigt hatte, daß nur und am allerbesten die Weberei die drückende Noth und Armuth beseitigen könnte, erklärte der Hl. Regierungs-Rath Brausewetter, „Es möge sich ein Comité bilden, welches über die

(- Seite 2 - des handschriftlichen Briefes)

nötigen Mittel und Wege berathen möchte, die Regierung würde dann die nöthigen Gelder dazu hergeben, so viel, als man gebrauchte, denn sie hätte über Millionen zu verfügen.“

Die Gemeinde wählte Vertrauens-Mitglieder zum Comité, dem der Hl.* Prediger Stobwasser vorstand und zu welchem auch Unterzeichneter gehörte. Nachdem man acht Tage lang, Tag für Tag, über Mittel und Wege berathen hatte und nun, um die Weber mit Weben zu beschäftigen, die Geldhülfe der Regierung in Anspruch nahm, zog sich Hochdieselbe zurück. Dadurch entstand in aller Gemüther eine große Erbitterung und Erregung.

Da entschlossen sich Hl. Prediger Stobwasser und ich, alles zu versuchen, um die armen Weber mit Arbeit zu versorgen. Wir kamen darin überein, daß ich für Anfertigung der Waaren sorgen sollte, er würde dann für den Absatz mit sorgen helfen.

Aus meinen eigenen Mitteln beschaffte ich nun Rohmaterial, übergab es dann den Arbeitern zum Weben und zahlte ihnen dann einen guten Arbeitslohn. Wir waren unaufhörlich bemüht, der gefertigten Arbeit Absatz zu verschaffen, Tag und Nacht waren wir damit beschäftigt. Denn in solcher Zeit wie 1848, war es wahrlich nicht leicht, solche Unmassen von Waaren abzusetzen. Daß der Umsatz ein sehr bedeutender war, geht aus Folgendem hervor.

Den Gewinn, den wir beim Verkauf der Waaren hatten, nahm ich nicht für mich in Beschlag, sondern überließ ihn dem Hl. Prediger Stobwasser. Derselbe theilte ihn wieder

(- Seite 3 -)

unter den Ärmeren aus. Wir hatten aber einen Gewinn von über 1.800 Reichsthalern, sage nahe 2.000 Rthlrn., wie beiliegendes Attest es bezeugt.

Auf einen Aufruf des Hl. Prediger Stobwasser, schrieb der Hl.* Commerzien-Rath Liebermann aus Berlin an denselben, daß er geneigt wäre, das Seidenwickeln nach Nowawes zu verpflanzen.

Auch die Regierung wurde davon benachrichtigt. Hochdieselbe glaubte, daß durch das Seidenwickeln vielen eine dauernde und lohnende Beschäftigung geboten würde. Da nun aber dieser Industrie-Zweig hier ganz unbekannt war, so versprach sich Niemand etwas davon, ja man suchte allerhand Mittel und Wege auf, um ihm Schwierigkeiten in den Weg zu legen. Und so schien es, als sollte davon gänzlich Abstand genommen werden.

Da wurde ich von Sr.** Excellenz des Hl. Oberpräsidenten von Flottwell, im Beisein des Hl. Regierungs-Rath Wichgraf und des Königlichen Landraths Hl. von der Knesebeck in meinem Hause aufgefordert, mich der Seidenwickelei anzunehmen, und im Fall, daß es damit gewünschten Fortgang nähme, wurde mir eine Belohnung von der Königlichen Regierung verheißen.

Ich that's. Ich nahm die Seidenwickel-Maschinen in mein Haus, stellte sie auf und ging in Nowawes umher, um Leute zu dem Seidenwickeln heranzuziehen. Meine eigenen Interessen versäumte ich, um diese Beschäftigung in Flor*** zu bringen. Als ich

 

(-Seite 4 - der handschriftlichen Ausfertigung dieses Briefes)

(Als ich) endlich mit vieler Mühe Leute dazu gefunden hatte, stellte ich mich zu ihnen und lernte sie an. Unter vielen Schwierigkeiten, die dadurch entstanden, daß sich erst keine Leute dazu hergeben wollten, oder von anderen überredet wieder davon gingen, wuchs das Werk immer mehr. Es fanden sich immer Mehrere hinzu, und ich konnte schon kleine Maschinen außer dem Hause geben, damit die Leute in ihrem eigenen Hause wickeln konnten.

 Anmerkungen von C. J.:

 * „der Hl.“ bedeutet in diesem Schreiben stets „der Hochlöbliche“, wenn diese  Abkürzung auch sonst oft als „der Heilige“ genutzt wird.

 ** „von Sr.“ heißt: „von Seiner ...“.

 *** „in Flor“ zu bringen, bedeutet soviel wie  „zur Blüte“, „zum Gedeihen“ führen.

 

Nachdem die Leute ausgebildet waren, und das schien, als sollte das Werk Fortgang haben, errichtete der Herr Commerzien-Rath Liebermann hier in der Wilhelmstraße eine Fabrik, wodurch nun vielen bis jetzt dauernd und lohnende Beschäftigung geboten ist. Seit der Zeit aber ist hier eine zweite Seidenwickel-Fabrik entstanden, und ganz vor kurzem auch eine Baumwollspinnerei, worauf beide Fabriken auch hingearbeitet haben, daß sich sogleich brauchbare Arbeiter dazu fanden. Dadurch finden nun Hunderte von Arbeitern täglich ihr gewisses Brot.

Daß es nun aber dahin gekommen, ist nächst Gottes Hülfe, meiner Aufopferung und Bemühung zu verdanken, indem ich nichts gescheut habe, um das Seidenwickeln empor zu bringen, wie beiliegendes Attest es ebenfalls bezeugt. Hochdieselbe wollte geneigtest daraus ersehen, daß das Werk gelungen ist, aber von einer Anerkennung ist mir bis heute nichts zu Theil geworden.

(- Seite 5 -)

Zu derselben Zeit entstand ein Comité zur Aufhülfe des Weberei-Betriebes, wozu auch ich gehöre. Herr Regierungs-Rath Wichgraff ist bis jetzt Vorsitzender gewesen. Auch dieses Comité hat nichts gescheut, um der großen Noth wirksam entgegen zu treten. Ihm (ist) es mit Gottes Hülfe gelungen, daß in Nowawes bessere Zustände, als sonst ja waren, erzielt sind.

Weiter war es im Jahre 1859, als ich von Einer Königlichen Hochlöblichen Regierung aufgefordert wurde, wegen einer Appretur-Anstalt mit ihr in Unterhandlung zu treten. Schließlich verpflichtete ich mich das Gebäude herzustellen, worin die Appretur betrieben werden sollte. Dagegen verpflichtete sich Hochdieselbe, mir sämmtliche Maschinen aufzustellen deren ich zur Appretur benöthigt sein würde, wie solches beiliegende Verhandlung bezeugt. Ferner wurde mir versprochen, daß von außerhalb Waaren zur Appretur geliefert würden, (aber bis zur heutigen Stunde ist mir kein einziges Stück geliefert worden), auch sollte, wenn es nöthig sein würde, mir ein Werkmeister gestellt werden.

Ich habe nun mit vielen Kosten das Gebäude hergestellt, habe aber von der Königlichen Regierung bis jetzt nichts erhalten, von allen Versprechungen, als eine Stärke-Maschine und ein Trocken-Rahmen, den wir aber ohne die anderen Maschinen gar nicht nützen können.

(- Seite 6 - des handschriftlichen Briefes)

Daraus wollen nun Hochdieselbe ersehen, daß, obgleich mir viel versprochen ist, ich bisher nur wenig oder gar nichts erhalten habe, trotzdem ich meine Familie, mein Geschäft hintenangesetzt habe, um der Gemeine und somit auch dem Staate, mich nützlich zu erweisen.

Da nun Eine Königl. Hochlöbl. Regierung, wie ich glaube, mir sehr verpflichtet ist, so wende ich mich vertrauensvoll an Hochdieselbe mit der unterthänigsten Bitte:

„Daß Hochdieselbe mein Gesuch gütigst berücksichtigen werde, und dafür sorgen, daß mir

1. die sämmtlichen Maschinen beschafft werden, daran ich noch nöthig gebrauche zu einer Weißwaaren Appretur, daß mir

2. auch Waaren zur Appretur geliefert werden“.

Denn seit der Zeit, wo ich das Gebäude errichtet, ich meine letzten Mittel dahineingesteckt habe, warte ich sowohl auf die Maschinen, als auf die Waaren zur Appretur. Dadurch, daß mir namentlich die letztern Versprechungen nicht gehalten wurden, bin ich ein völlig ruinirter Mann. Sollte eine Königl. Hochlöbl. Regierung nicht auf meine gehorsamste Bitte eingehen, so muß ich Hochdieselbe bitten, daß mir alle meine Auslagen für das Gebäude erstattet werden.

(- Seite 7 -)

Ich aber werde fernerhin alle meine Kräfte aufbieten, um der Gemeine und dem Staate mich nützlich zu erweisen.

 

In hoher Ehrfurcht verharre ich,

 

  Einer Königlichen Hochlöblichen Regierung

 

Nowawes,      ergebenster     

den 10. October 1864     Gottlieb Sotscheck

 

(Abschrift des Briefes von Gottlieb Sotscheck durch den Autor, im Juli 2010)

 

 

1865

In der Wilhelmstraße 10 – 18 wird die Berlin-Neuendorfer Aktienspinnerei etabliert.

Am 04. Februar 1865 wendet sich der Pfarrer Adolph Stobwasser, im neunten Jahr nach seiner Zwangsversetzung (1856) von Nowawes nach Fahrland, mit einem über sieben Seiten langen Brief an den Oberpräsidenten der Regierung in Potsdam, v. Jagow, Nachfolger des Oberpräsidenten v. Flottwell, wegen des Anliegens einer offiziellen Anerkennung für die Leistungen des Fabrikanten Sotscheck.

(Das handschriftliche Original dieses Briefes ist auch heute - 2010 - noch im Archiv erhalten).

 

 

 

Brief des Herrn Pastor Stobwasser aus Fahrland, vom 4. Februar 1865 an den Oberpräsidenten der Königliche Regierung in Potsdam

 

Hochverehrter Herr!

 

Sehr werthgeschätzter Herr Ober-Präsident!

 

Als früherer Pastor von Nowawes, wohin ich im Frühjahr 1848 von Seiner Majestät Friedrich Wilhelm IV., König von Preußen berufen worden, und wo ich 8 Jahre lang auch mitwirken durfte zur Hebung des

(- Seite 2 - des handschriftlichen Briefes)

Gewerbe-Betriebes und des Handels, wage ich Ew.* Excellenz anzugehen, für einen Nowaweser Fabrikant Gottlieb Sotschek, am Kirchplatz** daselbst.

Der p. p.*** Sotschek hat mir und meiner Wirksamkeit in Nowawes treulich beigestanden durch sein conservatives und offenes Auftreten, durch seine Uneigennützigkeit und durch sein gewerbliches Verständniß.

Mit seiner Hülfe gelang es mir, den ganz unbeschäftigten Webern wieder Erwerbsquellen zu öffnen, und den Begehr nach Nowaweser Waaren in der vornehmen

(- Seite 3 -)

Welt, und beim großen Landbesitz anzuregen.

Sotschek war überall willig, die Gewerbe verbessern zu helfen, neue Muster einzuführen und den Verdienst der Weber zu erhöhen. Tausende von Thalern gingen durch seine Hand, und erzeugten einen Aufschwung in Nowawes, auf welchen hernach die wohlwollenenden Bestrebungen der hochlöblichen Regierung und des hohen Handels-Ministeriums fußen konnten.

Bei meinem Fortgang aus Nowawes hatte er durch sein Mitwirken es den Gebrüdern Liebermann (Anmerkung: das waren Berliner Unternehmer) ermöglicht, die

(- Seite 4 -)

erste Seidenwickel-Fabrik dorthin zu verpflanzen, ohne daß er eine Entschädigung dafür erhalten hätte, daß er zuerst seine Lokalien**** hergab für die Schweizerin, die die erste Lehrmeisterin war, und für die anzulernenden Mädchen.

Sotschek hat bei diesem Allein das Wohl des Orts im Auge gehabt, und hat viel Hohn und Spott erfahren und ertragen; weil er beneidet wurde; indem man allgemein glaubte, daß er heimlich von der Regierung oder von mir Belohnung erhalte, was nie der Fall gewesen ist; obwohl er's schon bei seiner großen Familie und sonstigen geringen Einkünften bedurft hätte.

(- Seite 5 -)

(- Ergänzende Nachbemerkung am linken Seitenrand des handschriftlichen Briefes -)

Auch der durch seine Hand gehende Erlös für verkaufte Waaren brachte ihm keinen Gewinn, indem die Armenkasse allein die Überschüsse erhielt. (Ende dieser Nachbemerkung).

 

1856 wurde ich aus Nowawes versetzt, und weiß, daß auch seit jener Zeit Sotscheck keinen Gewinn gehabt hat von seinem Entgegenkommen, daß er der hochlöblichen Regierung bewiesen hat; denn die ihm anvertrauten großen Maschinen hat er nicht benutzen können und seine großen Baulichkeiten, die er nur für dieselben errichtet hat, tragen keine Zinsen.

Alles dies will der p. p. Sotschek gern verschmerzen; wenn nicht jetzt die Böswilligkeit und Feindschaft wider ihn im Orte

(- Seite 6 -)

ausgesprengt hätte (Anmerkung: im Sinne von „verbreitet hätte“), daß er unter polizeiliche Aufsicht gestellt sei, nachdem er mit seinen Forderungen, an die Regierung, die er zu haben vermeinte, zurückgewiesen sei.

 

Sotschek kommt also nicht mit neuen Forderungen; will auch gern seiner Maschinen los und ledig sagen (Anmerkung: im Sinne von „entsagen“, zurück geben), wenn ihm nur ein hohes Ober-Präsidium irgend welche Anerkennung gewähren, und ihm dieselbe durch den Orts-Vorstand, oder so, daß es der Ort erfährt, zukommen lassen möchte.

(- Seite 7 -)

Es wird Ew.* Excellenz gewiß leicht sein, das passende Mittel aufzufinden, das Ew. Excellenz wählen, um dem wirklich verdienstvollen, uneigennützigen, Gott und dem König getreuen Sotschek vor der Gemeinde Nowawes eine ihn ehrende Anerkennung zu gewähren.

Wünschen Ew. Excellenz mich in dieser Angelegenheit persönlich zu sprechen, so bitte ich ergebenst um Anberaumung von Tag

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und Stunde, wo ich es wagen darf, Ew. Excellenz meine Aufwartung zu machen.

 

 

      Ich zeichne

 

      Ew. Excellenz

Fahrland,

4. Febr. 1865     unterthänigster Pastor Stobwasser

 

 Anmerkungen von C. J.:

 * „Ew.“ bedeutet „Ehrwürdiger“    .

 ** Familie Sotscheck wohnt in dem Haus Kirchplatz 16.

 *** p. p. (praemisses praemittendis) im Sinne von „der bereits vorerwähnte   Sotscheck“.

 *** Lokalien: hier Wohnunterkunft in seinem Eigentum.

 

Dieser vorstehende Brief erhielt von dem neuen Oberpräsidenten folgende Randnotiz:

„Dem Herrn Regierungsrath Wichgraf mit dem Ersuchen vorzulegen, mir gefälligst mündlich die in dieser Angelegenheit mir wünschenswerthe Auskunft zu geben.

Potsdam, 5. Februar 1865    Jagow“.

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Quelle Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Repositum1. Nr. 503, o. pag.)

(Abschrift des handschriftlichen Briefes durch den Autor im Juli 2010)

Der sich aus diesem Schreiben entwickelnde längere Briefwechsel endete ergebnislos, da sich der Oberpräsident v. Jagow in keinerlei Pflicht gegenüber dem Fabrikanten Sotscheck sah. Bei v. Flottwell hätte dieses Ergebnis vermutlich anders ausgesehen.

 

Während jener Zeit werden Veruntreuungen, beispielsweise an Garnresten, mit Gefängnis zwischen 3 und 8 Tagen bei Wasser und trockenem Brod bestraft. Im Wiederholungsfalle wird nach üblicher Art eine Einweisung in das Spinnhaus der Festung Spandau zur Zwangsarbeit vorgesehen.

Auch noch im Jahre 1865: Die Berlin-Neuendorfer Aktienspinnerei bringt einen großen Aufschwung als textilvorbereitender Industriebetrieb.

 

1866

Der Bahnhof für Nowawes und Neuendorf wird gebaut, nun auch für die Bürger. Bisher gab es nur einen kleinen, bescheidenen Haltepunkt für den Hofstaat am Ende der Wilhelmstraße (heute Alt Nowawes). Dieser wurde dann genutzt, wenn die Herrschaften vom Schloss Babelsberg kommend, fortreisten bzw. von Potsdam oder Berlin heran reisend, zur Schlossanlage Babelsberg wollten. Die Bürger von Nowawes und Neuendorf aber, konnten in ihrem Ort die Züge bislang nicht nutzen.

 

Die Fabrik für künstliche Blumenblätter und Pflanzen von Hackenberg & Co. beginnt zu produzieren. Die Mechanische Jute- und Hanfweberei siedelt sich an.

 

Deutscher Einigungskrieg: Preußen gegen Österreich und Sachsen. Am 03. Juli tobt die grausame Schlacht von Königgrätz bei dem Dorf Sadowá. Das ist die Gegend, aus der auch Vorfahren unserer böhmischen Mitbewohner kamen. So lebte beispielsweise die Familie Sotscheck in böhmischen Königgrätz an der Elbe (heute: Hradec Králove na Labe) und die Familie Fuchs kam aus dem nahegelegenen Collin. Preußen gewinnt den Krieg. Viele getötete Soldaten und eine leidende Zivilbevölkerung zählen zu den Ergebnissen. „Zum glücklichen Ausgang der zurückliegenden Scharmützel“ wird im Park Babelsberg, auf der Friedrich-Wilhelm-Höhe, eine Siegessäule errichtet. Die Granitsäule ist aus einem Stück aus den Rauenschen Bergen bei Fürstenwalde (Spree) gesägt und hierher transportiert worden. Vom Kapitell der Säule grüßt den Besucher „Victoria“, die Göttin des Sieges, mit einem Lorbeerkranze in der Hand winkend. Sie ist eine verkleinerte Nachbildung derjenigen Victoria, die der Bildhauer Christian Daniel Rauch für Berlin schuf. Diese Erinnerungssäule steht für die Siege Preußens im dänischen Krieg 1864, im Krieg gegen Österreich 1866 und im deutsch-französischen Krieg 1870/71.

 

1867

Nowawes hat 4.400 Einwohner. Von diesem Jahr an, bis 1870 wird der Leutnant a. D. Kobis mit Namen, unser Gemeindevorsteher sein.

 

1869

Der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein gründet die Ortsgruppe der Lassalleaner.

Der Regierungs- und Schulrath Condit zu Potsdam bemüht sich um das Aufstocken der Lehrergehälter. Der Aufseher und Organisator für das Schulwesen, der Pfarrer, erhält derzeitig 600 Thaler Gehalt.

In der Oberstufe der Schule werden Geschichte und Erdkunde mit je einer Stunde je Woche unterrichtet. Dem Religionsunterricht verbleiben im Durchschnitt fünf Wochenstunden. Das Heizen und die Reinigung des Schulhauses obliegt den Lehrern für eine Aufwandsentschädigung von 30 Thalern im Jahr. Auch Tinte und Gänsefedern haben die Lehrer zu liefern und erhalten dafür von jedem Schulkinde sechs Pfennig. Selbstredend geht dem Herrn Lehrer für das pflegende Schärfen der Gänsefedern am Beginn der Unterrichtsstunde Zeit verlustig.

 

1870 /1871

In diesem 70er Jahr wird als Gemeindevorsteher Herr Julius Mücke tätig. Da die Arbeit inzwischen den ganzen Tag benötigt, ist er der erste besoldete, also hauptamtliche Vorsteher. Er zeichnet sich durch Bescheidenheit, Menschenfreundlichkeit und soziales Denken aus. Geboren wurde Friedrich Julius August Mücke in der Lindenstraße, am 06. Mai 1838, als Sohn eingewanderter schlesischer Weber. Seine Eltern sind der Webermeister  und Gastwirt Friedrich August Mücke oo Charlotte Johanna Caroline Hering. Julius lernte Müller und wurde Mühlenmeister, später Steuererheber und ist nun erster Vorsteher. Die Mückes leben im Hause Mühlenstraße 8, das ebenso wie die dort in der Nähe stehenden zwei Windmühlen, seinem Stiefonkel, dem Mühlenmeister Hartisch gehört. Das Wohnhaus wird für die Amtsgeschäfte mit einem Anbau erweitert, so dass es als ein kleines Rathaus dient. Das Amt wird er bis zum Tode im Jahr 1897 ausüben.

Deutsch-Französischer Krieg. Preußen provoziert und gewinnt den Krieg. Der Weg zur deutschen Einigung, dem deutschen Kaiserreich mit Preußens Vormachtstellung, wurde vom Kanzler Bismarck mit „Blut und Eisen“ bereitet.

 

1871

Der bisherige König von Preußen, Wilhelm I, wird mit der Gründung des Kaiserreiches von 1871, bis zu seinem Tode im Jahre 1888, auch Deutscher Kaiser.

Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) gründet die Ortsgruppe Nowawes.

Mit dem Beginn „der Gründerzeit“, dem stärkeren Voranschreiten der Industrialisierung, wird nach und nach das einheitlich „ländlich romantische Bild“ der Typenbauten-Siedlung, von hohen Mietshäusern und auch Fabrikanlagen durchsetzt und damit zergliedert. Große Reklameschriften halten an Hausfassaden Einzug. Neue Straßenzüge erweitern die ursprünglich in sich geschlossene, gut überschaubare Ortsanlage.

Als Schmuckelement wird im Schlosspark Babelsberg die Gerichtslaube des Berliner Rathauses in veränderter Form wieder aufgebaut. (Weitere Literatur vom gleichen Autor: „Der Park Babelsberg“, bei Potsdam)

Nowawes hat derzeitig 5.510 Einwohner, in Neuendorf wohnen 1.100 Menschen.

Regierungsbaumeister Böckmann kauft die Garten-Plantagen-Anlage „Türkhof“ auf.

 

1872

Etwa 40 Jahre lang ist Georg Paulus Koller, der Pfarrer und spätere Oberpfarrer von Nowawes. Er wurde geboren in Wriezen am 5. Dezember 1840. Von 1872 bis 1912 ist er Seelsorger in Nowawes. Im Jahre 1885 wird das zweite Pfarrhaus (in der Lutherstraße 1) errichtet, in dem er dann als Erster Pfarrer sitzen wird. 1912 zieht er in den Altersruhestand nach Schmargendorf.

Die Auguststraße und die Neue Straße werden gepflastert. Die Beleuchtung der Straßen mit Gaslaternen wird eingeführt.

 

1873

Die Villenkolonie Neubabelsberg wird gegründet. Die Anlage gestalten die Architekten Böckmann und Ende. Die alte Gartenplantage, der „Türkhof“, wird zum Kern der  entstehenden Villencolonie Neubabelsberg.

 

1874

Ab 1. Januar tritt die neue Kreisordnung (vom 13. Dezember 1872) in Kraft. Danach

werden die Gemeindevorsteher nicht mehr von der Potsdamer Regierung eingesetzt, sondern innerhalb des Ortes gewählt. In Nowawes wird dadurch Julius Mücke erneut der Gemeindevorsteher und in Neuendorf der Bäckermeister Prillwitz.

Die Gemeinde Neuendorf bildet mit Klein Glienicke und Stolpe einen gemeinsamen Amtsbezirk.

Der ursprüngliche Berliner Oberlin-Verein nimmt hier in Nowawes seine Tätigkeit auf. Nach dem Vereinsmotto (nach Freiherrn v. Bissing): „Die Erziehung des Volkes muss von der Kinderschule ausgehen“, beginnt die Arbeit des Vereins mit Ausbildungsseminaren für Kleinkinder-Lehrerinnen und Kinderkrankenschwestern. Die Einrichtung etabliert sich auf dem Gelände zwischen Linden-, Wilhelm- und Friedrichstraße. Der Verein benennt sich nach dem bekannter Maßen kinderfreundlichen Pfarrer Johann Friedrich Oberlin (1740 – 1826) aus dem Elsass – ihm zu Ehren. Oberlin hatte um 1770 im Elsass die ersten Kindergärten, wie Fröbel in Thüringen, nach dem Vorbild Pestalozzis gegründet.

Die Verlängerung der Kreuzstraße, ein Erschließungsweg, wird zur Müllerstraße ausgebaut.

Im gleichen Jahr baut Neuendorf eine neue Schule. Der Standort ist von der Bahnlinie nur durch einen sandigen Feldweg (der heutigen Schulstraße) getrennt.

 

1875

Die Grenzstraße wird angelegt und die Ludwiggasse (spätere Spindelstraße) ausgebaut.

In der Poststation, Lindenstraße, wird ein Bureau für die Telegraphie etablirt. Eine Pferde-Omnibus-Verbindung richten die Communen zwischen Potsdam und Nowawes ein. Fahrpreise: Unten 20 Pfennig, auf dem Verdeck 10 Pf. Natürlich findet es die noch behände Jugend, die sehr wohl laufen könnte, oben schöner.

 

1876

Von diesem Jahr an verkehren Ausflugs-Dampfschiffe auf dem Griebnitzsee.

In den Schulen gibt es als neues Pflichtfach den Handarbeitsunterricht. Dieser Pflicht unterliegen selbstverständlich ausschließlich die Mädchen. Am 01. Juli wird Herr Mählis der Hauptlehrer. Weit über die Schulwelt hinaus, wird er durch den Mählisschen Gesangverein bekannt. Der Lehrermangel führt dazu, dass am 01. Oktober eine erste Lehrerin  für den Fachunterricht in Nowawes angestellt wird. In zwei Jahren werden es bereits vier weibliche Lehrkräfte sein.

 

1878

Aus den Seminaren der Lehrerinnen und Krankenschwestern des Oberlin-Vereins, entsteht  seit dem Vorjahr die Einrichtung des Diakonissenmutterhauses. Deren Bewohnerinnen sind aber etwa 40 Krankenschwestern. Diakonissen. Unverheiratet. Keine Mütter. Das Haus ist ihre Mutter, vermählt sind sie mit dem HErrn. Es folgt 1881 eine Poliklinik (ambulante ärztliche Versorgung) für die Bevölkerung. Damit wird Nowawes dann erstmals einen eigenen Arzt mit festen Praxisräumen haben. Die Behindertenbetreuung setzt 1886 ein, 1890 das Krankenhaus. Das Oberlin-Schulhaus wird gebaut. Im Gelände befindet sich auch eine eigene Kirche.

Die Regierung setzt das Sozialistengesetz in Kraft.

 

1879

Vorsteher des Oberlinhauses wird im Jahr 1879 der 33 jährige Pfarrer Dr. D. Theodor Christlieb Jonathan Hoppe.

 

1880

Nowawes hat 7.000 Bewohner.

Einweihung der neuen Gemeindeschule in der Auguststraße (heute: Tuchmacherstraße). Hierher werden fast alle Mädchenklassen übergesiedelt. Die Knaben bleiben in der Priesterstraße.

Am 03. Juli bittet der Nowaweser Gemeindevorstand die Regierung um die Zuweisung von Forstland, um einen neuen Friedhof anlegen zu können, da jener an der Mittelstraße fast völlig belegt sei. Die Verhandlungen ziehen sich mit der Abwägung verschiedener denkbarer Standorte und mit zwischenzeitlichem Stillstand, über Jahre hin. Letztendlich wird ein Stück an der Kirschallee, eine Friedhofsfläche an der Goethestraße, zugewiesen.

 

 

 

1881

Weihe der Kapelle in Klein Glienicke am Reformationstag durch Herrn Superintendent Petzholtz

 

1882

Ein Gartenweg wird verbreitert und besiedelt. Er erhält den Namen Luisenstraße (und wird  1950 in Wollestraße umbenannt werden). In der Priesterstraße und der Friedrichstraße beginnt man, diese breiten Sandwege zu pflastern.

 

1883

Neuer Ortsvorsteher in Neuendorf (Nachfolger von Prillwitz) wird der Kunstgärtner Lenz, der dieses Amt bis 1899 innehaben wird.

 

1884

Die Teppichfabrik Hozak wird gegründet. Feinste Teppiche aus der Charlottenstraße (heute: Glasmeisterstraße). Hozak und Pitsch liegen unmittelbar nebeneinander.

Es entsteht ein neues Pfarrhaus in der Lutherstraße 1, gegenüber dem Garten des Kantors und Küsters für den künftigen Ersten Pfarrer, der dann die Würdenbezeichnung „Oberpfarrer“ erhält.

 

1885

Gründung der „Mechanische-Jacquard-Seidenweberei“, Kunze und Kraberg in der Lindenstraße 90. In der Eisenbahnstraße wird über die Bahnlinie eine Fußgängerbrücke gebaut. Es zeigt sich, dass diese Brücke leider von Jugendlichen im Schutze der Dunkelheit genutzt wird, um Steine auf der Dächer der Eisenbahnwagen zu werfen – so kein Gendarm in der Nähe zu sehen ist. Für Fuhrwerke besteht in der Bergstraße eine Straßenüberführung über die Bahn.

 

Unruhen der Weber wegen Hungers.

In Nowawes leben derzeitig 7.770 Menschen und Neuendorf hat 2.730 Einwohner

 

1886

Die Continental-Gasanstalt an der Charlottenstraße geht in Betrieb. Diese wird rund 100 Jahre lang das nächtliche „Nowaweser Lichtbild“ bestimmen. Die Einwohnerzahl des Ortes wächst. Die nunmehr zweite Pfarrstelle wird bis 1894 von Friedrich Magnus Ottomar Harnisch besetzt. Nun kann der Erste Pfarrer ,„Oberpfarrer“ sein. Jedem der Zweiten Pfarrer obliegt nun die Aufgabe, das neu eingerichtete Schul-Rektorat mit Leben zu erfüllen.

Vom Oberlinhaus wird der erste Behinderte aufgenommen. Er heißt Ludwig Gerhard. Dieser Zeitpunkt gilt als „die Geburtsstunde der Orthopädie in Nowawes – unter der Leitung von Dr. Kammler. Die erste taubblinde Patientin im Oberlinhaus ist Herta Schulz.

 

1888

Das Drei-Kaiser-Jahr. Kaiser Wilhelm I. stirbt hochbetagt. Sein Sohn Friedrich (1831 - 1888) wird Thronfolger. Dessen Ehefrau ist Victoria, Prinzessin von England und Irland (1840 - 1901). Friedrich leidet jedoch an Kehlkopfkrebs. Seine Regierungszeit als Kaiser Friedrich III. innerhalb des Jahres 1888 währt deshalb nur 99 Tage, bis sein Leben am 15. Juni endet. Man erwartete ihn als friedliebenden, liberaler denkenden Hoffnungsträger – vergeblich. Die Regierungsgewalt erbt somit dessen ältester Sohn, der zum Kaiser Wilhelm II. wird, und der der letzte deutsche Kaiser und König von Preußen sein, dessen Kaiserreich mit dem Ersten Weltkrieg enden wird.

Am 3. Oktober gründet sich in Nowawes ein Geflügelzüchterverein, der sich merkwürdiger Weise mit dem schönen Namen „Flora“ schmückt.

 

1889

Die Schülerzahl von Nowawes beträgt in diesen Tagen 1.325 Kinder. Der Unterricht wird verkürzt angeboten, weil in Nowawes nur 17 Lehrer zur Verfügung stehen. Aber auch nicht alle Schüler sind stets anwesend. Kleinere müssen in Heimarbeit oft Garn spulen, größere sitzen stundenweise am Webstuhl, um zum Lebensunterhalt der Familien beizutragen.

 

1890

Auf dem Gelände des Oberlinhauses wird als Erweiterung der Anlagen, am 20. Oktober das erste Krankenhaus für Nowawes, Neuendorf und Umgegend, mit etwa 45 Betten in Betrieb genommen. Architekt ist der Potsdamer Otto Kerwin. Die Patienten werden von Dr. Graeff und Dr. Bodenhausen betreut. Die fleißigen Diakonissen wollen wir dabei nicht vergessen.

Die Deutsche Jute-Spinnerei siedelt sich an, ebenso die Seidenweberei von Lange & Co. Die Firma Adolf Pitsch, Berlin, eröffnet eine Filial-Produktionsstätte für hochwertige Konfektionsstoffe und Trikotagen, Plüsch- und Wollwaren an der Bismarckstraße (heute: Johannsenstraße), direkt neben der Teppichfabrik Hozak. Louis Nathan gründet eine Jute- und Hanfweberei. Er unterhält auch eine Suppenküche für arme Einwohner. Später wird in Nowawes sogar kurzzeitig eine Automobilproduktion eröffnet.

Mit der Neubebauung des Grundstücks Retzowstraße 2 (das bisherige Musterhaus stand darauf), wird nun als ebenfalls sehr gut erhaltenes Musterhaus der ursprünglichen Nowaweser Bauweise, das Haus in der Lindenstraße 8 dienen. Es wird jahrelang von den vielen Teilnehmern der Berliner Baugewerkschule als Studienobjekt genutzt. Die Bewohner lernen somit viele Besucher. kennen.

In Nowawes werden 8.860 Seelen gezählt. Neuendorf besteht aus 3.280 Bewohnern.

 

1891

In der Lindenstraße, in dem schönen Postamt aus gelben Klinkern, das in umittelbarer Nachbarschaft des Oberlinhauses steht, wird nun auch eine Vermittlungsstelle für den Fernsprechverkehr (Telephon) eingerichtet. Hat man an der Kurbel des eigenen Apparates tüchtig gedreht, meldet sich die Postbedienstete, das Frollein, und fragt: „Hier Amt – was beliebt?“ Man grüße sie bitte freundlich und nur kurz (nimm Rücksicht auf die Wartenden), gebe die Telephon-Nummer des gewünschten Gesprächspartners an und schon werden die Anschlüsse vom Frollein (dahinter „verbergen“ sich manchmal auch Ehefrauen) zusammengestöpselt.

 

1892

Der Landrat des Kreises Teltow, zu dem Nowawes und Neuendorf gehören, ist Herr Ernst v. Stubenrauch.

 

Die Wichgrafsche Webschule erhält ein neues Ausbildungsgebäude in der Mittelstraße 2. Den Entwurf dazu verfasst der Landesbaumeister / Baudirektor im Kreis Teltow, Otto Heinrich v. Techow. Die Mittelstraße wird 1930 zu Ehren des früheren Regierungsrates, den Namen Wichgrafstraße erhalten.

In der Berliner Straße (heute: östliches Stück der Rudolf-Breitscheid-Straße), lässt Franz Klinder seine Netzfabrik errichten.

Als der Amtsvorseher von Neuendorf, v. Wedelstedt, starb, hatte unser Ortsvorsteher Mücke neben der Arbeit mit Nowawes, kommissarisch auch dessen Amtsgeschäfte in Neuendorf mit wahrgenommen. Im Interesse vielfach möglicher Vereinfachungen in den Verwaltungsabläufen, strebt der Ortsvorsteher Julius Mücke die Vereinigung von Nowawes und Neuendorf an. Gleichwohl kann er sich damit aber im Gemeinderat nicht durchsetzen.

 

1893

In der Böhmischen Gemeinde zu Berlin wird derzeitig das alte böhmische Kirchengesangbuch gegen ein neues deutsches ausgetauscht. Ja, die Bücher sind zwar fort – aber die mündliche Überlieferung nicht. Das alte Böhmische Weihnachtslied „Czas radosti“ wird in Berlin noch weiterhin bis in die Zeit der Weimarer Republik im tschechischen Urtext gesungen.

1894

Besonders Neuendorf aber auch Nowawes, erfährt mit der Ansiedlung von Industriebetrieben und deren Arbeitern mit ihren Familien während der Gründerzeit einen gehörigen Aufschwung, was einen wesentlich höheren Aufwand an kommunaler Verwaltung nach sich zieht. Das alte Haus des früheren Schulzen bzw. später des Ortsvorstehers im alten Rundlingsdorf (Neuendorfer Anger 13) reicht dafür schon lange nicht mehr aus. So wird in der Lindenstraße ein Rathaus errichtet. Entwurfsverfasser für diesen Bau ist der Landesbauinspektor Otto Heinrich v. Techow. Am 30. August 1894 kann das neue Rathaus eingeweiht werden. Dem Vernehmen nach, sollen sich die Kosten auf rund 90.000 Reichsmark belaufen. In Neuendorf ist Herr Obst der Vorsteher und in Nowawes noch immer Herr Mücke.

Vorerst die zweite Nowaweser Pfarrstelle übernimmt nun Ferdinand Otto Hermann Dessin,

(* in Perleberg 16. März 1864, + 21. November 1927).

Das Oberlinhaus schmückt sich mit dem erklärenden Zusatz-Titel: „Erstes Deutsches Vollkrüppelheim“.

 

1896

Das rote Schulhaus in der Auguststraße wird an seiner Südseite durch einen Anbau erweitert.

 

1897

Am 07. November stirbt unser (seit 1870 in dieser Position tätiger) langjähriger, angesehener, und außerordentlich fähiger Amts- und Ortsvorsteher Julius Mücke im Alter von nur 59 Jahren an einer Lungenentzündung. Eine große Trauergemeinde begleitet seinen Leichnam am 09. November zur letzten Ruhe zum Gottesacker an der Mittelstraße. Pfarrer Dessin spricht die Worte des Trostes für seine Angehörigen.

Kaufmann Plage soll diese Lücke in der Verwaltung übergangsweise füllen. Dieser schreibt  die vakante Stelle öffentlich aus. Mit 5.000 Mark Jahreseinkommen, zuzüglich 400 Mark Wohnungsgeld, ist diese Stelle dotiert. Aus dem Kreis der 174 Bewerber werden sechs zu näherer Betrachtung eingeladen.

Am 24. Dezember wird der Nachfolger des Julius Mücke für den Posten als Gemeinde- und Amtsvorsteher berufen. Es ist der 38jährige Ernst Winkelmann, der bisher dem 1. Potsdamer Bürgermeister Jaehne „als rechte Hand“, als Magistratssekretär, diente. Er ist ein gebürtiger Magdeburger. 21 Jahre lang wird er seinen Dienst in der Gemeinde und im Amt ausüben. Zum Amtsbezirk gehören derzeitig: Nowawes, Neuendorf, Drewitz, Phillipsthal, Fahlhorst, Nudow, Ahrensdorf, Schenkendorf und Sputendorf.

Die Gemeinde Nowawes beabsichtigt nun ebenfalls, ein neues Rathaus zu errichten, weil das Vorstehergebäude (Mühlenstraße 8, „Residenz“ des bisherigen Gemeindevorstehers Julius Mücke) für die wachsenden Verwaltungsaufgaben zu klein geworden ist.

Der Potsdamer Architekt Julius Otto Kerwien (* Potsdam 1860, + Potsdam 1907, weitere Bauten: Schmargendorfer Rathaus, Synagoge Potsdam, Bürgerhäuser, Schulbauten, Fabrikanlagen) gestaltet das künftige Nowaweser Rathaus in Anlehnung an typisch altmärkische Architektur (siehe Vergleiche z. B. in den Städten Stendal und Tangermünde aber auch in Berlin die Oberbaumbrücke).

In Potsdam, dass heißt, vom Turm der Sacrower Heilandskirche, über den Jungfernsee zur Königlichen Matrosenstation in der Schwanenallee, gelingt die erste drahtlose Telegraphie in Anwesenheit des Kaiserpaares. Entwickelt hat das technische System Professor Slaby von der Technischen Hochschule in Charlottenburg unterstützt vom Grafen Arco. Natürlich waren auch einige Handwerker dabei, so der Schlosser und Elektriker Max Sommer (Großvater des Autors. Literatur: Lebenslauf Sommer oo Runge, 1875 – 1949).

 

1898

Von Schlachtensee bei Berlin zieht die Lokomotivfabrik Orenstein & Koppel nach Neuendorf zur Großbeerenstraße / Ahornstraße (die im Jahre 1929 - 3.500 Arbeiter beschäftigen wird). Diese Fabrik stellt hier jährlich bis zu 900 kleinere und bis zu 300 der schwersten Lokomotiven her sowie außerdem Signalanlagen und vielerlei Bahnzubehör.

Bis 1913 werden u. a. 5.000 Lokomotiven fertig gestellt, 1924 wird die 10.000ste Lok das Werk verlassen. Um 1900 beträgt die Arbeitszeit in den Fabriken im Durchschnitt 10 - 11 Stunden, bei 12 bis 24 Mark Wochenlohn.

Im Zentrum des Ortes Neuendorf entsteht neben der erst knapp fünf Jahrzehnte bestehenden achteckigen Kirche, dem Bedarf folgend, ein Neubau des Baurates Ludwig v. Tiedemann (1841 – 1908), die Bethlehemkirche mit 800 Sitzplätzen. Grundsteinlegung am

3. Juli 1898. Der Bau wird ausgeführt von Arthur Max Achilles Kickton (später Ministerialrat, Geheimer Oberbaurat,* Marienwerder 25. 05.1861, + Neubabelsberg 22.04.1944).

Der Spanisch-amerikanische Krieg behindert die Lieferung von Rohstoffen (Jute, Hanf) für die Textilherstellung.

 

1899

In Neuendorf wird die neben dem Oktogon errichtete, neue, größere Kirche am 18. September 1899 durch Oberhofprediger Dryander geweiht. Dabei verleiht ihr die Kaiserin Auguste Viktoria den Namen „Bethlehemkirche“. Der Entwurf der Kirche stammt vom Architekten Ludwig von Tiedemann (1841 – 1908). Die alte kleine achteckige Kirche wird dann ab 1899 für Wohlfahrtszwecke genutzt. Die Zukunft weiß: Nach dem Zweiten Weltkrieg verfällt sie, wird aber in den Jahren 2000 – 2007 so schön wie nie zuvor, erneuert.

Ein trauriger Blick in die Zukunft: Im 2. Weltkrieg beschädigen mehrere Bombentreffer die Bethlehem-Kirche schwer (am 7. / 8. August 1941 und auch weitere im Februar und am 14. April 1945. Am 18. September 1952 wird die Ruine im Auftrag der DDR-Führung gesprengt). Die Kirchengemeinde zieht nach der Zerstörung der Bethlehemkirche in den Saalbau, Schulstraße 8c.

Das alte Neuendorfer Fachwerk-Pfarrhaus, das auf dem Anger steht, wird abgetragen.

Im Ort bestehen nun derzeitig sieben Textilfabriken.

Das in der Lindenstraße errichtete Nowaweser Rathaus ist zum Oktober im Wesentlichen fertiggestellt.

Im Oberlinhaus nimmt das Krüppelschulhaus seine segensreiche Tätigkeit auf.

 

1900

Am 19. Januar: Einweihung des prächtigen Nowaweser Rathauses, das nun an der Ecke Priesterstraße, fast gegenüber dem Neuendorfer Rathaus steht. Es ist das erste Nowaweser Rathaus, als Nachfolgeeinrichtung des alten Amtsvorsteherhauses in der Mühlenstraße 8.

Die schon seit 1820 in Potsdam bestehende Sack-, Planen-, Markisen-, wie auch Zeltfabrik Halemeyer, zieht in die Retzowstraße 22. Die Schuhfabrik von Haase und Ruß wird in der Retzowstraße gegründet. Ruß ist auch Gemeindevertreter. Die Mitteldeutsche Gamaschenfabrik Brasch & Co., die Garngesellschaft „Glissa“ von Abraham und weitere Produktionen fassen hier Fuß. Gründung der Teppichfabrik von Michaelis & Behrend. Ab 1905 wird sie sich dann in der Retzowstraße befinden.

Nowawes hat jetzt 10.871 Einwohner. In Neuendorf werden 4.762 Einwohner gezählt.

 

1900 – 1906

Bau des Teltowkanals unter dem Landrat  Ernst v. Stubenrauch.

 

1901

Es erfolgt die Trennung von Kirche und Schule. Die Lehrer unterstehen nun nicht mehr dem Pfarrer und den geistlichen Schulinspektoren. Ein Prozess, der schon 1892 seinen Anfang nahm. Bisher war unser Oberpfarrer Koller der lokale Schulinspektor. Nun setzt die Regierung staatliche Kreisschulinspektoren ein, die über eine pädagogische Ausbildung verfügen. In den Nowaweser Schulen wird jetzt nach Potsdamer Lehrplänen gelernt und mit den gleichen Schulbüchern gearbeitet. Auch die Zeiten der Schulferien werden zwischen Potsdam und Nowawes angeglichen. Eine neue Mode zieht ein: Es werden in den Schulen erstmals so genannte Elternabende eingerichtet.

Viel Wirbel, Irritationen und auch Unmut bringt die Rechtschreibreform mit sich, die manches vereinfacht aber eben nicht stets konsequent, wie viele meinen.

 

1902

Der Konsum-Verein von Nowawes-Neuendorf wird ins Leben gerufen. In der Lindenstraße 26 – 28 eröffnet Dr. Richard Heilbrun (auch Heilbronn) die Milliwatt GmbH zur Herstellung elektrotechnischer Apparate verschiedener Art.

 

1903

Die Friedrichskirche begeht ihr 150jähriges Bestehen. Die Jubelfeier findet am 24. Mai statt. Seine Majestät der K. u. K. kommandiert den Kronprinzen Friedrich Wilhelm zur Teilnahme am Festgottesdienst ab. Den Gottesdienst hält Oberpfarrer Koller. Die Predigt wird auf vielseitigen Wunsch in Druck gegeben, zugleich als ein kleiner Beitrag zur Märkischen Kirchengeschichte. Dessen Reinertrag ist zum Besten des Kirchbaues bestimmt. Den Druck besorgen A. W. Hayns Erben, Berlin und Potsdam.

 

1905

Auf dem Gelände des Oberlinhauses wird am 12. Januar „die Oberlinkirche“ geweiht. Architekt auch dieser Kirche ist wieder ist Ludwig v. Tiedemann (Kirchenbaumeister, * 17. November 1841 in Russoschin bei Danzig, + 02. März 1908 in Berlin-Wannsee. Er baute im Potsdamer Raum auch die Pfingstkirche, die Bornimer Kirche, die Bethlehemkirche in Neuendorf und verschiedene Kirchen im nahen Berlin und dessen Umgebung).

Bau der St. Antonius-Kapelle für katholische Mitbürger und dazu ein Pfarrhaus an der Turnstraße zu Nowawes.

Das Mädchenschulhaus in der Auguststraße ist zu eng geworden, da die Kinderzahl schnell anwuchs. So bekommt das Gebäude einen weiteren Anbau.

 

1906

Auch das alte Schulhaus in der Priesterstraße 25, das die Gestalt eines größeren Weberhauses besitzt, ist zu klein geworden. Das Gebäude wird abgetragen und durch einen erheblich größeren, repräsentativen zweistöckigen Bau mit neun Klassenzimmern und einem Zeichensaal. ersetzt. Feierliche Eröffnung am 9. April 1907.

Nun wird auch in Nowawes, etwa 10 Jahre nach Potsdam, mit dem Verlegen der Abwasserkanalisation begonnen. Wieder werden die Straßen aufgeschachtet und jeder Hausbesitzer muss die geplante Verlegung der Leitungen für sein Grundstück zur Genehmigung einreichen. Von zahlreichen Grundstücken werden dann die Holzhäuschen aus den Gärten verschwinden, was besonders in strengen Wintern oder auch für Kranke angenehm sein wird, wenn, ja wenn der Platz im Hause dazu ausreicht und es nicht so stark riecht.

Dann also gibt es auch bald „Trinkwasser aus der Wand“. Die alten Pumpen in den Straßen sind nur noch für die Versorgung der Pferde da, wenn die neuen Zapfstellen in die Hausflure oder gar bis in die Küchen verlegt werden. Auch dazu werden die Straßen aufgebuddelt und Leitungen eingegraben. Im Hause lassen sich diese Leitungen aus dem blanken, herrlich weich-biegsamen Bleirohr gut führen. Sie enden mit einer Absperrvorrichtung. Unterhalb der Trinkwasser-Zapfstellen werden dann so genannte Ausgussbecken montiert. Damit wird auch Überschwemmungen vorgebeugt, wenn mal ein Zapfanschluss entzwei gehen sollte. Es wird dann auch der Abort gespült. Die neue, wohl etwas schamhafte Bezeichnung ist „WC“. Lustig sieht es aus, wenn sich in dem weißen(!) Becken ein Wasserstrahl spiralig hinab bewegt. Ich hab's schon mal in Potsdam gesehen.

Die Gedanken zur Wasserversorgung und Abwasserableitung in beiden benachbarten Orten, lassen auch die Verhandlungen zu einer Vereinigung erneut aufleben, diesmal unter der Leitung des Landrates Ernst v. Stubenrauch.

Zwischen Potsdam und Nowawes wird eine Omnibuslinie eingerichtet.

Der Oberlin-Verein erweitert seine Anlagen um das Taubstummenblindenheim (links neben dem Postamt in der Lindenstraße). Das Heim ist für Kinder aus ganz Deutschland vorgesehen. Es ist das erste seiner Art in Deutschland, für Menschen, die mit vieler Mühe und Hilfsmitteln sprechen, lesen und schreiben lernen, obwohl sie von Natur her leider nicht hören, nicht sprechen und/oder nichts sehen können. Mit unendliche Geduld, gepaart mit großem pädagogischen Geschick, gelingt es dem Lehrer Riemann und seinen Getreuen, auch diesen Kindern das Sprechen, Lesen und Schreiben beizubringen. Als eine große Hilfe hatte der blinde französische Lehrer Louis Braille im Jahre 1852 eine ertastbare Punktschrift entwickelt, die für alle europäischen Sprachen nutzbar ist. Auch das Erlernen der lautlosen Fingertast-“Sprache“ ist eine unabdingbare Voraussetzung für die Kommunikation untereinander.

Bald folgt der Bau der Orthopädischen Werkstätten auf dem Oberlin-Gelände, in denen Prothesen, Schuhe und weitere Hilfsmittel für Behinderte gefertigt, aber auch wiederum von behinderten Menschen verschiedene Artikel, wie Weidenkörbe, Bürsten usw. hergestellt werden, die Jedermann nutzen kann.

Ein repräsentatives Gebäude in der Lindenstraße, Ecke Wilhelmstraße „das Feierabendheim“ dient den alleinstehenden evangelischen Diakonissen (Oberlin-Krankenschwestern), als Altersruhesitz.

Neuendorf erhält eine Apotheke an der Großbeeren Straße, Ecke Blücherstraße (heute Fultonstraße).

 

Die Einwohnerzahl von Nowawes ist auf 12.150 angewachsen. In Neuendorf leben 6.880 Menschen. Anlässlich der bevorstehenden Vereinigung beider Orte richten die Neuendorfer am 01. Oktober 1906 ein Gesuch an den Kaiser, die zusammenzufügenden Gemeinden mögen den Namen „Babelsberg“ erhalten. Das Gesuch wird abgelehnt – der Name dann 32 Jahre später „doch noch verliehen“, wenn auch unter einem völlig anderen Aspekt.

Aus dem kleinen Bauerndorf Neuendorf hat sich eine stark aufstrebende Industriegemeinde entwickelt In Nowawes dagegen, stark geprägt durch seine Weberei-Manufaktur-Werkstätten und territorial begrenzt wegen fehlender Ausdehnungsmöglichkeiten für Neues, selbst für landwirtschaftliche Flächen zur Eigenversorgung, ist seit Jahrzehnten ein lähmender Stillstand zu bemerken. Nur ein kleines Stück weiter im Osten entwickelt sich eine luxuriöse Villenkolonie: Neubabelsberg.

 

1907

Es vereinigen sich zum 01. April 1907 die Orte Nowawes und Neuendorf unter dem Ortsnamen „Nowawes“, so, wie es bereits damals Julius Mücke angestrebt hatte. Das schmerzt viele Neuendorfer. Der Ort wird hinfort oft „Nowawes-Neuendorf“ genannt. Das neue Wappen von Nowawes ist senkrecht geteilt. Es zeigt auf der rechten Seite die Neuendorfer Eiche und auf der linken Seite den zuwandernden böhmischen Weber mit dem langen Wanderstab.

In diesem Doppelort leben zurzeit rund 19.000 Einwohner. Der Ort gehört zum Kreis Teltow, Regierungsbezirk Potsdam, Provinz Brandenburg. Das größere Nowaweser Rathaus dient nunmehr als die gemeinsame Verwaltungsstätte. Der Vorsteher der vereinigten Gemeinde, jetzt mit dem Titel Bürgermeister geschmückt, ist Ernst Winkelmann. Der bisherige Neuendorfer Vorsteher Obst steht ihm zur Seite. Das Neuendorfer Rathaus, auf der gegenüberliegenden Straßenseite, nimmt, erweitert durch einen Anbau, das Beethoven-Lyceum, die höhere Töchter-Lehranstalt, auf.

Es wird erwogen, statt der Fußgängerbrücke in der Eisenbahnstraße, eine Fußgängerführung unter dem Bahnkörper hindurch zu bauen. Dieses Vorhaben der überglasten Treppenanlagen wird im Volksmund bekannt unter der Bezeichnung: „Gewächshaus mit Untergang“. Die Lokal-Züge (Vorortbahn) fahren alle 30 min. nach Berlin, das heißt, in beiden Richtung durchfahren pro Tag je 60 Züge die Strecke.

In den Jahren 1907 und 1911 wird an der Scharnhorststraße (heute Stephensonstraße) das Realgymnasium für Knaben gebaut. „Der erste Schulpalast“. Drei Jahre später ziehen die Knaben dort aus und das Gebäude nimmt die Gemeindeschulen für Mädchen (später Schulen 30 und 31) auf.

 

1907 – 1910

Nowawes-Neuendorf erhält schrittweise ein Netz zur Elektroenergieversorgung. Den Strom liefert das Potsdamer Elektrizitäts-Werk in der Zeppelinstraße. Elektrische Glühlampen lösen Schritt für Schritt die Erdöllampen (Petroleum) und die Kerzen in den Haushalten ab.

 

1908

In diesem Jahr hat Nowawes 19.100 Einwohner. Die Kirchengemeinde Neuendorf, also die „Bethlehem-Gemeinde“, baut in der Schulstraße ein neues Gemeindehaus aus rotbraunen Klinkern (Schulstraße 8c). Es wird 1909 fertig sein.

Das Rathaus Neubabelsberg wird errichtet. Am Kirchplatz wird eine Hilfsschule eingerichtet.

Das Potsdamer Straßenbahnnetz, das im Vorjahr in Betrieb genommen wurde, hat mit seiner Erweiterung nun Nowawes erschlossen. Die Linie „D“, von Potsdam kommend, endet am Nowaweser Rathaus.

Auf dem Oberlin-Gelände wird eine Kreiskrankenanstalt errichtet, die allen Anforderungen der Neuzeit entspricht.

 

1909

In der Auguststraße (heute Tuchmacherstraße) öffnet das erste Nowaweser Kino seine Türen. Das Realgymnasium an der Yorkstraße (heute Kopernikusstraße) wird errichtet.

Die Straßenbahnlinie verlängert man vom Rathaus bis zur Plantagenstraße. Wir werden die kurzen „Wettfahrten“ von Dampfeisenbahn und der „Elektrischen“, (der Straßenbahn) in der Lindenstraße miterleben.

 

1911

Die Berliner Bioskop-Gesellschaft kommt zu uns. Sie kauft das Gelände der ehemaligen Kunstblumenfabrik an der Großbeerenstraße (gegenüber von Orenstein & Koppel), um dort Studios aufzubauen und Filme zu drehen. 1920 / 21 siedelt sich dort die Universal-Film-Aktiengesellschaft (Ufa) an, deren Nachfolgerin nach dem 2. Weltkrieg die DEFA ist. Es werden die größten Filmateliers Europas sein.

Die Berliner Sternwarte zieht nach Neubabelsberg, zur Allee nach Glienicke, weil es hier (nachts) noch so schön dunkel ist.

Eröffnet wird das Realgymnasium für Knaben an der Yorckstraße, die von der Scharnhorststraße hierher ziehen. Dr. Runge ist stellvertretender Direktor dieser Bildungseinrichtung. Ein moderner Bau, dessen Fenster viel Licht in die Schulräume lassen. Für die „höheren Knaben“ muss hier ein Schulgeld von 120 bis 150 Reichsmark pro Jahr bezahlt werden. (1917 wird die Schule den Namen „Althoffschule“erhalten).

 

1911 – 1914

Im Interesse der Eisenbahnlinie von Potsdam, durch Nowawes-Neuendorf, wird die  Babelsberger Straße 10 m weiter in Richtung Nuthe verlegt. Dadurch wird die vormals breitere Straße nun zusätzlich recht schmal. Die Bergstraße (spätere Daimlerstraße) wird abgetragen, vertieft. In der Lindenstraße und ihrer Verlängerung, der Berliner Straße, wird ein Bahndamm geschüttet, die Geleise höher gelegt. Die Kiesmassen zum Aufschütten kommen hauptsächlich aus dem Raum Eberswalde. Eine Anzahl von Brücken sind erforderlich, dadurch entfallen an den gleichen Stellen die niveaugleichen beschrankten Bahnübergänge mit unliebsamen Wartezeiten.

 

1912

Etwa 15 Jahre lang ist Ferdinand Otto Hermann Dessin nun schon zweiter Pfarrer. Ab 1912 bis zu seinem Ruhestand, nun aber Oberpfarrer. Er zieht aus dem Hause Priesterstraße 24 (heute: Karl-Liebknecht-Straße 28), in das neue Pfarrhaus in der Lutherstraße 1 (das ist die frühere Kirchgasse) ein. Das Gebäude wurde 1886 erbaut, Architekt war Otto Heinrich v. Techow. (Landesbaurat, *1848, + 1910. Zu seinen weiteren Werken gehören die Schule in der Priesterstraße, die Webschule in der Mittelstraße, das Neuendorfer Rathaus und auch die Schulpaläste in der Scharnhorst- und Yorkstraße).

Am 01. Oktober 1912 kann der Hochbahnhof Nowawes dem Verkehr übergeben werden. Bis zum Herbst 1913 liegen dann tatsächlich vier Gleispaare auf dem neu geschüttetem Hochdamm zur Abnahme bereit, die sich am Horizont, in Richtung Berlin, aus den Augen verlieren.

Wir hören, dass jetzt auch in den Vereinigten Staaten von Nordamerika ein Filmstudio gegründet wurde – in einem ehemaligen Pferdestall. Hollywood soll der Ort heißen.

 

1913

In Nowawes werden 23.800 Einwohner gezählt. Der Umzug der Berliner Sternwarte nach Nowawes (nahe der Allee nach Glienicke) ist abgeschlossen. Hier ist Bruno Hans Bürgel ein häufiger Gast. Direktor der Sternwarte ist Karl Hermann Struve.

Gebaut wird die Seidenspinnerei und Seidenweberei Michel & Cie. an der Kaiser-Wilhelm-Straße (heute: Friedrich-Engels-Straße). Der Architekt ist Adam Gottlieb Hermann Muthesius

(* Großneuhausen bei Weimar, 20.04.1861, + Berlin 26.10.1927. Moderne Architektur, Landhäuser, Wohnbauten, Fabriken, Rundfunksendestation Nauen, Arbeit im Werkbund (Vorläufer des Bauhauses) – Formgestaltung von Gebrauchsgegenständen). Es ist ein herrliches Direktionsgebäude mit Marmorempfangshalle und großen Fenstern. Die helle Produktionshalle mit besten Arbeitsbedingungen. Dort bleibt der Betrieb bis 1926.

Der Umfang der Verwaltungsaufgaben im Bürgermeisteramt scheint so übermächtig geworden, dass Herrn Winkelmann noch ein Schöffe (der Herr Gerichtsassessor Gohlisch) beigeordnet wird.

 

1914

Die Nowaweser Schulen werden von 3.686 Schülerinnen und Schülern besucht, die auf 83 Klassen aufgeteilt sind. Die Klassenstärke liegt somit bei 45 Schülern. 18 Lehrerinnen, 62 Lehrer und 3 Lehrkräfte für den Technischen Unterricht schulen die Kinder. Gelehrt wird inzwischen nach dem Grundlehrplan der Volksschulen von Berlin (die Höheren Schulen also ausgenommen).

Die Erneuerung der Orgel in der Friedrichskirche nimmt die Firma Alexander Schuke aus Potsdam vor.

 

1914

Der Erste Weltkrieg. Dieser Krieg fordert Opfer in völlig neuem, schrecklichen Ausmaß. 783 Söhne aus Nowawes sterben als Soldaten, von denen viele einst jubelnd in diesen Krieg zogen oder in diesen Krieg gezwungen wurden und anderen Völkern übergroßes Leid gebracht haben.

 

1915

Mit dem Ausfall männlicher Lehrer steigt die Anzahl der Lehrerinnen zwar sprunghaft an aber die Stundenpläne werden gekürzt und das Lehrpersonal wechselt häufig. Für den ausscheidenden Schöffen Gohlisch werden 1915 die Herren Schmidt und Rosenthal angestellt. Das Bürgermeisteramt richtete also eine weitere Schöffenstelle ein.

 

1917

Gründung der Universum Film Aktiengesellschaft, kurz: Ufa, an der Großbeerenstraße, auf dem früheren Gelände der Kunstblumenfabrik, dem Terrain, auf dem die Bioskop-Gesellschaft tätig ist.

Die Versorgungslage für die Bevölkerung wird während des Krieges zunehmend schlechter.(Lebensmittelrationierung, Kohlrübenwinter 1916 / 1917). Im Juni werden 700 Nowaweser Kinder für einige Zeit zur Erholung in wirtschaftlich besser gestellte Gegenden „verschickt“.

 

1918

Im November kapituliert das Deutsche Kaiserreich. Die Toten erhalten eine Gedenktafel.

So etwas soll es nie wieder geben!

Während des Krieges ist ein Niedergang der Wirtschaft, auch in Nowawes, zu verzeichnen. Ausgenommen davon, verständlicher Weise, sind die kriegswichtigen Produktionszweige.

Mit dem Ausbruch der Revolution wird Ernst Winkelmann als Bürgermeister abgesetzt, während der eher umstrittene Landrat v. Achenbach bleiben kann. So tritt Winkelmann ungewollt mit 66 Jahren in den verdienten Ruhestand ein.

 

Unser Küster und Kantor, der in der alten böhmischen Schule wohnt, ist Herr Hermann Albrecht (* in Ziegenhagen / Pommern 28. Januar 1881, + Babelsberg 20. Januar 1955). Seine Ehefrau ist Selma Otto aus der Prignitz.

1919

Die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) gründet ihre Ortsgruppe in der Gaststätte Hiemke, in der Wallstraße (heute Karl-Gruhl-Straße).

Bürgermeister wird Paul Neumann (SPD). Sein Stellvertreter ist der Jurist Walther Rosenthal (DDP). Dieser ist dann von 1921 bis 1933 Bürgermeister, als Nachfolger von Paul Neumann.

Nowawes-Neuendorf besitzt jetzt folgende Friedhofsflächen:

Kirchhof an der Mittelstraße:   1,54 ha,

Neuer Friedhof an der Goethestraße: 3,00 ha,

der Friedhof an der Großbeerenstraße: 2,70 ha.

 

In diesem Jahr werden in der Stahnsdorfer Straße 24 Einfamilienhäuser nach den Grundsätzen der Gartenstadtbewegung gestaltet. Der Architekt ist Bruno Julius Florian Taut.(*Königsberg 04.05.1880, + Istanbul 24.12.1938, Stadtplanung, Werkbund, TH Charlottenburg, Architektur und Natur, Hufeisensiedlng Britz, Waldsiedlung Onkel Toms Hütte (beides in Berlin), Emigration 1933).

 

1920

Ein Ausweg aus der häufigen Unterernährung der Schüler wird in dem Einrichten einer Schülerspeisung gesehen, die für vier Jahre aus den Spenden der Religionsgemeinschaft der Quäker („Quäkerspeisung“) finanziert werden kann.

In den Schulen richtet man Elternbeiräte ein.

 

1921

Die Nowaweser Einwohnerschaft umfasst 25.900 Personen.

Als 2. Apotheke am Platze öffnet die „Plantagen-Apotheke“.

Nach dem Zusammenbruch des Kaiserreiches bestimmen auch in der Schule neue Regeln das Leben. Dieser Satz Pestalozzis bekommt mehr Gewicht: „Anschauung ist das Fundament aller Erkenntnis“ und „Hantieren ist die Grundlage des Begreifens“, könnte man hinzufügen. Die Entwicklung handwerklich-technischer Fähigkeiten gewinnt an Bedeutung.

Herr Dr. Litterscheid wird erster besoldeter Schöffe. in der Gemeindeverwaltung.

 

1922

Die 1. Gemeinde-Schule in der Priesterstraße wird am 23. April zur „Weltlichen Sammelschule“. Dort unterrichtet man statt Religion das Fach Lebenskunde (bis 1933). Zusätzlich wird am Friedrich-Kirchplatz die Katholische Schule in dem bereits bestehenden Schulhaus eingerichtet.

 

1923

In der Wilhelmstraße (heute Alt Nowawes), wird für einige Zeit das „Nowa-Auto“ gebaut.

 

1924

Nowawes erhält am 13. Dezember das Stadtrecht verliehen. Die Stadt Nowawes zählt 29.000 Einwohner. (Es gibt hierzu verschiedene Quellen mit unterschiedlichen Angaben).

 

1925

Der Ort Klein Glienicke wird nach Neubabelsberg eingemeindet.

Es entstehen Neubauten an der Sandscholle und in der Großbeeren Straße. Verschiedene Plätze für Sport und Spiel sind angelegt.

Am 17. Mai stirbt der überragend verdienstvolle Fabrikbesitzer Louis Nathan, Mitglied der Gemeindevertretung und Abgeordneter des Kreistages.

 

 

1926

Der Schallplattenhersteller „ELECTROLA“ beginnt im Mai seine Produktionsaufnahme in der Rathenaustraße (frühere Kaiser-Wilhelm-Straße, heute: Friedrich-Engels-Straße), in dem Gebäude der vorherigen Seidenweberei Michel & Cie., in dem Muthesius-Bau. Es ist eine Filiale der Hannoveraner Fabrik von Emil Berliner, dem Erfinder der Schellack-Schallplatte. Hier bleibt der Betrieb bis 1932.

Bei Orenstein & Koppel kam es in den vergangenen Jahren infolge der Umstellung der vormals florierenden Kriegsproduktion (Feldbahnen) auf Nachkriegsverhältnisse, zu Massenentlassungen, was zur Reduzierung um etwa der Hälfte der Beschäftigten führte.

 

Eine medizinische Erhebung zur Kindergesundheit in Nowawes brachte folgende Ergebnisse:

- 60% der Kinder sind schlecht ernährt,

- 30% der Kinder leiden unter weiteren verschiedenartigen Erkrankungen,

- 755 Kinder gelten als tuberkulosebelastet,

Dem entgegenzuwirken, wird die öffentliche Kinderspeisung eingerichtet und eine große Zahl der Kinder erhält täglich kostenlos 1/4 Liter Kuhmilch. Auch werden prophylaktische und therapeutische Liege- und Frischluftkuren im bisherigen Altersheim an der Böckmannstraße (heute August-Bebel-Straße, das Gebäude steht heute noch als „Hasso-Plattner-Institut“) verordnet.

 

1927

Der Leiter des Oberlinhauses, Dr. theol. Theodor Christlieb Jonathan Hoppe (geb. 1846), wird zu seinem 81. Geburtstag Ehrenbürger der Stadt Nowawes.

Nowawes bekommt am 15. September ein Omnibusverkehrsnetz, mit dem fünf Strecken betrieben werden.

Die Baufirma des Paul Schönbeck errichtet für die Allgemeine Ortskrankenkasse ein aufwändiges Verwaltungsgebäude an der Yorkstraße (heute Kopernikusstraße), welches aber auch Gesundheitspflegeeinrichtungen (u. a. Wannenbäder) enthält.

In der Lindenstraße 35 (heute Rudolf-Breitscheid-Straße 50) wird das Kino „Thalia-Theater“ eröffnet.

 

1928

Zwischen Potsdam und Berlin nimmt der S-Bahn-Betrieb (elektrische Schnellbahn oder auch Stadtbahn) den Verkehr auf und löst somit die Vorort-Dampfeisenbahn ab. Die Gemeinnützige Wohnungsbau-Genossenschaft (Gewoba eGmbH) wird gegründet. Karl Gruhl (SPD) gehört mit zu den Gründern.

 

1928 – 1949

Etwa 18 Jahre lang, bis 1946, ist Benno Viktor Johannes Hasse Erster Pfarrer und von 1928 bis 1949, etwa 21 Jahre lang, Gottfried Ernst Gustav Mehlhase der zweite Pfarrer unserer Friedrichskirchengemeinde. Mehlhase wurde in Brandenburg am 31. März 1881 geboren. Sein Vater Gustav Mehlhase ist ein Malermeister und seine Mutter heißt Bertha Förster. Pfarrer Mehlhase heiratet in Potsdam, am 04. März 1926 Käthe Salzmann. Das Paar wohnt im Pfarrhaus Priesterstraße, Ecke Lutherstraße.

 

1929

Am 08. Januar 1929 gibt es ein neues Wappen für die Stadt Nowawes.

Die Ufa baut das „Tonkreuz“, ein Studio zur Herstellung von Tonfilmen. Eine Halle aus rotbraunen Klinkerziegeln mit dem Grundriss eines Kreuzes. Unsere Filmstudios sind nach jenen in den USA, die zweite Produktionsstätte dieser Art und Größe auf der Welt.

Im November schließt die Gemeinde Neubabelsberg einen Vertrag über die Gasbeleuchtung der öffentlichen Straßen und Wege.

In der Gartenstraße wird ein Obdachlosenheim in Betrieb genommen. Das Kreiskrankenhaus wird verwaltungstechnisch aus dem Oberlinhaus herausgelöst, bleibt aber auf dem Gelände in der Lindenstraße. In diesem Jahr übernimmt Pastor Kleinau die Leitung „der Oberlinstadt“. Chefarzt Dr. Stahlschmidt führt die Einrichtung „vom Krüppelheim zur orthopädischen Spezialklinik“.

 

1930

Zwischen 1919 und 1930 wurden 1.270 Kommunale Wohnungen und Betriebswohnungen in Nowawes gebaut. In diesem, von der Weltwirtschaftskrise geschüttelten Jahr, hat Nowawes 2.477 Schülerinnen und Schüler, die in 79 Klassen aufgeteilt sind. Somit beträgt die durchschnittliche Klassenstärke etwa 31 Schülerinnen und Schüler. Diese werden von 34 Lehrerinnen, 50 Lehrern und 2 technischen Lehrkräften unterrichtet. Ein Schularzt mit Krankenschwester kümmern sich um die gesundheitliche Vorsorge in den Schulen.

Auf dem Gelände des Oberlinhauses ermöglicht das Handwerkerhaus inzwischen den behinderten Jugendlichen eine Ausbildung in zwölf verschiedenen Handwerksberufen und diese Einrichtung kann sie dann auch zum Teil in geschützten Werkstätten ständig  beschäftigen. Zum Teil wird sogar eine Rehabilitation möglich sein.

Angesichts der großen Arbeitslosigkeit und Ernährungsnot stellt die Stadtverwaltung die finanziellen Mittel zur Verfügung, um wieder eine regelmäßige Schulspeisung zu gewährleisten (siehe auch 1920 – 1924, die Quäkerspeisung).

Die Neuendorfer „Bethlehemgemeinde“, lässt sich von dem Architekten Fritz Eichler ein neues Gemeindehaus entwerfen, dessen Fassadengestaltung an die Bethlehemkirche auf dem Neuendorfer Anger erinnert.

 

1931

Während der Zeit der Weltwirtschaftskrise kommt die Arbeit in den Produktionsstätten fast vollständig zum Erliegen.

 

1932

Die wirtschaftliche Lage ist nach wie vor schlecht. Notverordnungen bestimmen den Ausdruck des Regierens. Die Arbeitslosigkeit verschlimmert sich immer mehr. Es ist nicht mehr möglich, für derartig viele Menschen eine Arbeitslosenunterstützung zu zahlen. Das Nowaweser Wohlfahrtsamt schafft aber doch immer wieder Erleichterungen durch kleinere Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. In fünf Nowaweser Lagern des „Freiwilligen Arbeitsdienstes“ (später Reichsarbeitsdienst) sind 380 Jugendliche erfasst. Für 800 bedürftige Kinder wird täglich 1/2 Liter Milch kostenlos bereit gestellt. Über 93.000 Portionen Notspeisen („Not“ betrifft sowohl den Anlass der Versorgung aber auch die Qualität, den Nährstoffgehalt des Essens) werden pro Monat öffentlich gekocht und für 20 Pfennig abgegeben. Das Obdachlosenheim ist zeitweilig überfüllt. Bekleidungsbeihilfen und Arzneikosten versuchte der Staat zu übernehmen. Eine Reihe völlig entkräfteter Personen wird stationär im Krankenhaus versorgt.

 

1933 und Folgezeit

Die Bekennende Kirche in Nowawes unter ihrem Pfarrer Viktor Hasse leistet Widerstand gegen das Nationalsozialistische System. Pfarrer Hasse wird bis 1945 mehrfach inhaftiert.

Der jüdische Nowaweser Bürgermeister, der Jurist Walter Rosenthal, wird von den Nationalsozialisten (Nazis) seines Amtes enthoben. (Diese frei gewählte Bezeichnung „Nationaler Sozialismus“ ist für den Programminhalt der Partei und für das Tun der Parteiführung, ihrer Mitglieder und Mitläufer, bedeutungslos). Viele der namhaften jüdischen  Mitbürger, Wissenschaftler, Ärzte, Techniker, Betriebseigentümer, Künstler und Kaufleute verlassen Deutschland, solange es noch geht. Verschiedene wählen später in der Ausweglosigkeit den Freitod. Etliche Betriebe jüdischer Besitzer erhalten neue Namen, die nicht mehr an die vergangene Zeit erinnern.

 

1934

Als Nachfolger im Bürgermeisteramt wird anstelle des vertriebenen Walther Rosenthal der recht schwierige Dr. Heinn, bisher in Oranienburg tätig, eingesetzt. Er bleibt ein Jahr.

Am 25. November löst sich die Weberinnung auf. Für einige Jahre haben wir als Verkaufsausstellung und Mustermesse „die Braune Messe“,  deren „Farbe“, nach der gegenwärtigen politischen Hauptströmung benannt.

Anstelle der alten St. Antonius-Kapelle für die katholischen Mitbürger, steht jetzt die moderne St. Antonius-Kirche (Turnstraße / Plantagenstraße) zur Verfügung.

1935

Die Straßenbahnlinie, die bisher vor Schmidts Gasthof (Lindenstraße 1) an der Plantagenstraße endete, wird bis zur Fontanestraße verlängert.

Nachfolger des Dr. Heinn im Bürgermeisteramt wird Curt Benz, ein Zahnarzt aus Landsberg an der Warthe.

 

Um 1935

Die Schule in der Schulstraße erhält an ihrer linken Seite einen modernen Anbau, so dass sie nun doppelt so groß ist, als vorher.

 

1936

In die herrlichen Gebäude, die für die Seidenweberei gebaut wurden, in der später die „Electrola“ beheimatet war, ziehen jetzt die Arado Flugzeugwerke ein, um hier Wasserflugzeuge zu bauen. Andere Hallen der textilverarbeitenden Betriebe stehen in den 30er Jahren überwiegend leer.

 

1937

Am 05. September stirbt im Alter von 78 Lebensjahren unser verdienter früherer, langjähriger Bürgermeister Ernst Winkelmann in seiner Wohnung Pestalozzistraße 4. Er war am 03. November 1859 in Magdeburg als Sohn eines Rechnungsrevisors geboren. Seit 1885 war er beim Potsdamer Magistrat tätig, bald „als rechte Hand“ des 1. Bürgermeisters Jaehne, bis er am 24. Dezember 1897 als Gemeinde- und Amtsvorsteher von Nowawes berufen wurde.

 

1938

Die Schallplattenfabrik „Tempo-Spezial“ von Otto Stahmann eröffnet ihre Produktion auf dem Gelände der ehemaligen Schirmstockfabrikation in der Auguststraße (heute: Tuchmacherstraße). Die Zukunft weiß, dass sie auch nach dem Zweiten Weltkrieg weiter produzieren kann.

Die Stadt Nowawes wird zum 01. April mit dem Ort Neubabelsberg / Klein Glienicke zusammen geschlossen. Die nationalsozialistische politische Führung merzt dabei den tschechischen Ortsnamen „Nowawes“ aus und verordnet als neuen Namen „Babelsberg“. Aber schon ein Jahr später ..:

 

1939

... wird die Stadt Babelsberg ab 01. April 1939 ein Ortsteil der kreisfreien Stadt Potsdam und erhält die Bezeichnung „Potsdam-Babelsberg“, gehört somit nicht mehr zum Kreis Teltow. 34.500 Einwohner leben in Potsdam-Babelsberg.

Am 01. September beginnt das Deutsche Reich mit dem Einmarsch in das Nachbarland Polen den 2. Weltkrieg.

 

1941

Die Bethlehemkirche auf dem Neuendorfer Anger wird von einer Bombe getroffen. Es wird bis zum 14. April 1945 noch mehrere zerstörerischeTreffer geben.

Die Bekennende Kirche (unter Dietrich Bonhoeffer) tagt im Pfarrhaus bei Viktor Hasse.

 

1942 und 1943

Jüdische Mitbürger aus Potsdam werden deportiert. Zwangsarbeiter aus anderen Ländern werden auch in Potsdam-Babelsberg in der Zeit zwischen 1941 und 1945 in Barackenlagern untergebracht.

Wurde der Ort vorher nur hin und wieder von Bomben getroffen, die vom Einsatz über Berlin als Restlast eher wahllos abgeworfen wurden, so gehen die Alliierten nun zu gezielten Bombenabwürfen über.

 

 

 

1945

In der Nacht vom 14. zum 15. April erfolgt kurz vor Mitternacht der schwerste Luftangriff der westalliierten Bomberverbände auf Potsdam. Dabei werden auch Häuser in Potsdam-Babelsberg in der Wilhelmstraße, Charlottenstraße, Lindenstraße, Auguststraße, Bismarckstraße, Gebäude des Oberlinhauses und die Aradowerke zerstört. Patienten und Bewohner des Oberlinhauses werden vor jedem Flugzeug-Luftangriff in den Luftschutzkeller unter dem Mutterhaus gebracht.

Der Chefarzt Dr. v. Gavel wird bei einem Luftangriff getötet. Seine Nachfolgerin wird Frau Dr. Schiele-Faber sein.

Am 24. April trifft die Rote Armee der Sowjetunion in Nowawes ein. Vom 17. Juli bis zum 2. August findet im Schloss Cecilienhof, in der Parkanlage „Neuer Garten“, das „Potsdamer Abkommen über die Zukunft Deutschlands statt.

Fabrikeinrichtungen und Eisenbahnanlagen werden als Reparationsgut in die Sowjetunion verbracht. Nur ein Teil wird dort eine sinnvolle Anwendung gefunden haben, was hier zum Wiederaufbau fehlt.

 

1947

Die Schallplattenfabrik „Tempo“ in der Tuchmacherstraße überlebte die Kriegszeit. Sie wird zum einzigen Nachkriegshersteller von Schallplatten in der sowjetischen Besatzungszone / und dann in der DDR. Vorerst unter dem Namen „Lied der Zeit“, später „VEB Deutsche Schallplatten“, stellt der Betrieb alle Schallplatten in den Sparten „Amiga“ (Unterhaltungsmusik), „Eterna“ (Klassische Musik) und „Litera“ (Literatur) her.

 

1948

Am 12. Juli stirbt unser beliebter Volksastronom und Schriftsteller Bruno Hans Bürgel. Er wird auf dem Friedhof an der Goethestraße beerdigt.

 

1949

Als Folge des Krieges besteht Deutschland nun aus 2 Staaten, die sich politisch sehr unterschiedlich entwickeln, ja, sich gegeneinander abgrenzen. So wurde die größere Bundesrepublik Deutschland aus den von Amerikanern, Engländern und Franzosen besetzten Gebieten gebildet und die Deutsche Demokratische Republik entstand aus der sowjetischen Besatzungszone.

 

In Potsdam-Babelsberg wird eine Strecke für den elektrischen Oberleitungs-Bus (kurz: Obus) eingerichtet, die vom Goetheplatz durch die Pasteurstraße (frühere Karlstraße), die Karl-Liebknecht-Straße (frühere Priesterstraße) führt, die „Luthereiche“ am gleichnamigen Platz umrundet und durch die Ernst-Thälmann-Straße (frühere Großbeeren Straße) verläuft. Direkt hinter dem Bahnhof Drewitz rollt der Bus durch die Neuendorfer Straße und endet mit einer Wendeschleife auf dem alten Dorfanger („Drewitz-Ort“).

 

Unser Küster, Cantor und Organist ist inzwischen Christlieb Albrecht, der Sohn des Hermann Albrecht. Vor dem Krieg war er in Berlin als Organist im Französischen Dom am Gendarmenmarkt tätig. Auch er lebt mit seiner jungen Familie der Tradition folgend, wieder in dem alten Böhmischen Schulhaus, das inzwischen die Anschrift Karl-Liebknecht-Straße 27 trägt.

 

1951

In der Deutschen Demokratischen Republik (DDR), und so auch in Potsdam-Babelsberg, wird statt der früheren achtklassigen Volksschule nun die Zehnklassige Schule als Bildungsmindeststandard eingerichtet. Rund ein Jahrzehnt später erhält sie die Bezeichnung „ZAPO“: Zehnklassige Allgemeinbildende Polytechnische Oberschule – im Gegensatz zur Erweiterten Oberschule, die in 12 Schuljahren zum Abitur führt.

 

 

 

1952

Die Bethlehemkirche auf dem Neuendorfer Anger, im Krieg stark beschädigt, ist nun gesprengt worden. Viele liebe Erinnerungen, werden nur noch durch Fotos wachgehalten werden oder in den Köpfen derer sein, die sich mit diesem Gotteshaus verbunden fühlen.

An der Stelle der Kirche ist vorgesehen, eine Baracke für die Post aufzustellen und in der kleinen achteckigen Kirche, die dem Verfall preisgegeben ist, wird später ein notdürftiges Materiallager der Produktionsgenossenschaft des Glaserhandwerks eingerichtet.

 

 

- Ende, auch wenn es noch viel Material für weitere Einschübe und eine Fortsetzung gibt. -

 

 

Anhang 1: Literaturquellen, aus denen z. T. auch Auszüge stammen:

- Die Territorien der Mark Brandenburg ... E. Fidicin, 1857.

- Geschichte der Ortschaften des Kreises Teltow, Teil 3, Willy Spatz, 1912

- Chronik von Nowawes-Neuendorf zur Vereinigung der Orte 1907, Dr. Willy Spatz

- Werdegang der Gemeinden Nowawes und Neuendorf, Kreiskämmerer a. D. Adolf

  Hannemann, 1925

- Denkwürdigkeiten der Colonie Nowawes, aufgezeichnet von Johann Benjamin

  Kropatscheck, dem 3. Prediger derselben (1798 bis 1807). Weiterführung in den Jahren

  1848 bis 1856 von Pastor Ernst Adolph Stobwasser.

- Babelsberger Kirchen, Herausgeber: Evangelisches Pfarramt der Friedrichskirche

- 250 Jahre Friedrichskirche, Herausgeber: Evangelische Kirchengemeinde Babelsberg

- Die Böhmische Weberkolonie Nowawes 1751 - 1767 in Potsdam-Babelsberg, K. C. Jung

- Neuendorf-Nowawes-Babelsberg, Autorenkollektiv, Redaktion Dr. Almuth Püschel,

  Herausgeber: Förderkreis Böhmisches Dorf Nowawes-Neuendorf e.V., 3. Auflage 2008

- Prof. Dr. Ulrich Schmelz, 250 Jahre Weberkolonie Nowawes / Babelsberg

- Historischer Stadtrundgang, Stadtkontor GmbH und Förderkreis „Böhmisches Dorf

  Nowawes und Neuendorf

- Das Buch der Stadt Nowawes, Nowawes 1930.

- „Entwicklung der Colonie Potsdam seit 100 Jahren“, von Lehrer Gerson (Verein für die

  Geschichte Potsdams)

- Akten aus dem Brandenburgischen Landeshauptarchiv.

- Notizen / Zeitungsartikel von Kurt Weiden, Dr. Kornmilch und Andreas Kitschke

- Chr. Janecke „Zeitgeschichte“

 

 

Anhang 2: Einige ausgewählte Erinnerungen des Autors

Auf den vorstehenden Seiten der Notizen sind einige Häuser des Ortes konkret genannt. Mag es vielleicht bestimmte Beziehungen / Verbindungen der Familie des Autors zu diesen genannten Grundstücken und deren Gebäuden geben, zu Personen, die dort lebten?

Christoph Janecke antwortet auf diese Frage: - Diese Anschriften sind mir allesamt recht vertraut und er führt aus:

 

- Neuendorf (heute Potsdam-Babelsberg) gehörte 1375 den Rittern v. Groeben, die auf Schloss / Gut Beuthen ihren Sitz hatten. Einige Zeit später, um 1962, weilte Christoph Janecke aus Potsdam-Babelsberg auf dem Gut Beuthen (heute Groß Beuthen), nahe Gröben, um dort eine landwirtschaftliche Ausbildung auf dem Gut (Das Gutshaus ist zu jener Zeit das Schulgebäude) zu absolvieren.

 

- Karl-Liebknecht-Straße 15 (frühere Priesterstraße 10).

In diesem Hause lebten zu früherer Zeit Angehörige der Musikerfamilie Benda.

 

- Karl-Liebknecht-Straße 16 (früher Priesterstraße 11).

Das war zeitweilig eine Wohnung der Prediger: Hier arbeitete meine Urgroßtante Auguste Zinnow in den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts als Dienstmädchen im Pfarrhaushalt Stobwasser. Sie wird 1865 die Schwiegertochter des im vorliegenden Text unter den Jahren 1850 und 1865 mehrfach erwähnten Weber-Fabrikanten Gottlieb Sotscheck.

 

- Karl Liebknecht-Straße 23 (früher Priesterstraße 18), auf der Parzelle No. 60 von 1752. Das 5achsige Kolonistenhaus des Wenzel Sotscheck. Der erste aus Böhmen eingewanderte Sotscheck des Familienverbandes: Im Jahr 1835 wurde in diesem Hause meine Urgroßtante Auguste Zinnow (Tochter des Zimmermanns Wilhelm Zinnow und seiner Ehefrau Friederike, geb. Rohde, beide aus Stolpe) geboren, die später den Lehrer Gottlieb Sotscheck, jun. ehelichte. 1837 wurden in diesem Hause mein Urgroßonkel Albert Zinnow (später verheiratet mit Sophie Thorau aus Stendal) und 1843 auch meine Urgroßmutter Alwine Pauline Zinnow, später verehelichte Dittwaldt, geboren.

Nach dem zu frühen Ableben des Albert Zinnow (1881) verkaufte seine Witwe Sophie Zinnow den rechten Teil der früheren Parzelle 60, nun Priesterstraße 18 (heute Nr. 23), an die Evangelische Kirche (heute im Vorderhaus das „Weberstübchen“). Den linken Teil der früheren Parzelle 60, also das Grundstück Priesterstraße 19 (heute Nr. 24) erhielt meine Urgroßtante, die Zinnow-Tochter Friederike (geboren noch in Stolpe, im Jahre 1829), die den Zimmermann Julius Gericke geheiratet hatte. Leider war Zimmermann Gericke bald nach der Hochzeit beim Bau des Flatow-Turmes im Babelsberger Park vom Bau abgestürzt, und seither teilinvalide. Eine Weiterbildung zum Tischlermeister, ließ ihn dann diesen Beruf erfolgreich ausüben. Dieses Grundstück wurde innerhalb der Familien meiner Gericke-Verwandtschaft mehrmals weiter vererbt. Sein Sohn, Tischlermeister Otto Gericke, ließ des linken Teil des Weberhauses abbrechen und setzte 1911 / 1912 auf die Grundstücksfläche ein modernes, vornehmes Mietshaus. Die Tischlerei im Gartengelände blieb jedoch erhalten. Dass er seine neuen, nach frischem Holz duftenden Särge gern bei einem Nickerchen testete - ob es sich auch wirklich hinreichend gut darin liege, ist ja bekannt.

Bei dessen Sohn, wiederum einem Tischlermeister Otto Gericke, war auch ich in den 1950er Jahren mitunter zu Gast, wenn ich dies' und jenes basteln wollte - nur an die Maschinen durfte ich natürlich nicht. Damals kannte ich allerdings noch nicht die verzweigten Familienzusammenhänge, die ich mir erst viel später erarbeitete.

 

Im Hofgelände (der Nr. 18, spätere Nr. 23) das Gemeindehaus der Evangelischen Kirchengemeinde: Hier gingen bereits meine Eltern zu ihren Zeiten (zwischen 1918 und 1940) in der ehrenamtlichen Kirchenarbeit ein und aus. Ich selber hatte hier bei dem älteren Fräulein Dessin Religionsunterricht. Auch fanden in diesem Hause die Veranstaltungen der „Jungschar“ statt. Der Saal im Hofgebäude hatte sonnabends durchaus bis zu 200 junge Zuhörer. Im Vorderhaus befindet sich seit einigen Jahren das kleine Museum „Weberstübchen“, das viele Spuren der Weberleute zeigt aber auch der Vertreter anderer Gewerke und so auch Spuren meines Vaters Alfred Richard Janecke und meines Großvaters mütterlicherseits, des Schlossers und Elektrotechnikers Max Sommer, der auf der gegenüberliegenden Straßenseite (Priesterstraße 68 = Karl-Liebknecht-Straße 121) wohnte.

 

- Karl-Liebknecht-Straße 27 (früher Priesterstraße 23), das alte böhmische Schul- und Kantorhaus. In diesem Hause ging ich in meiner Kinderzeit oft ein und aus. Hier wohnte, wie seit 1752, der Lehrer, Kantor, Küster und Organist. Um 1856 lebte und arbeitete hier Lehrer Iskraut. Ein Iskraut-Nachfahre von ihm (Wolfgang), der Pfarrer, taufte auch mich in der Friedrichskirche.

Nach seiner Heirat 1940, wohnte in diesem Haus der Kantor und Organist Christlieb Albrecht mit seiner Familie, der vorher im Französischen Dom am Gendarmenmarkt zu Berlin tätig  war. Viele frohe Stunden verbrachten wir hier, beim Spiel mit der Modell-Eisenbahnanlage, beim Ansehen der Filme „Die Stadtmaus und die Landmaus“, „Von Einem, der auszog, das Gruseln zu lernen“ und weiteren Werken der Filmkunst. Die Filme liefen alle genauso gut vor-, wie auch rückwärts. Das war spaßig. Dem Onkel Christlieb Albrecht half ich noch ausgangs der 1950er Jahre ein wenig, als er den langen böhmischen Bretterzaun des Grundstücks, das damals bis zum Weberplatz reichte, erneuerte. Heute kann ich mir allerdings nicht vorstellen, wie es in dem Schulraum „zu historischen Zeiten“ möglich und erfolgreich war, eine derart große, stehende und hockende (!) Kinderschar zu unterrichten.

- Ein Haus schräg gegenüber ist die Karl-Liebknecht-Straße 121 (früher Priesterstraße 68).

Hier bestanden Betrieb, Geschäft und Wohnung von Familie Max Sommer in der Zeit von 1905 bis 1949, die hier mit ihrem Elektrotechnik-Betrieb lebte. Max Sommer war mein Großvater, mütterlicherseits. Auf diesem Grundstück fand die Hochzeitsfeier meiner Eltern und auch die mageren Kriegs- und Nachkriegs-Tauffeste statt, die für meine Schwester und für mich ausgestaltet wurden. Zur Wohnung gehörte auch ein Garten mit exotischen Pflanzen (Kaffeebäumen, Yuccapalmen und dergleichen), der von einem Gärtner des Schlossparks Babelsberg, Herrn Robert Monjé, angelegt und gepflegt wurde.

 

- Karl-Liebknecht-Straße 29 (früher Priesterstraße 25). Die „kombinierte Schule“ in der Zeit

ihres Bestehens von 1806 bis 1906 und ihr Nachfolgebau, die Schule 16, “Bruno-Hans-

Bürgel-Schule“:

Die alte deutsche Schule, in „einem größeren Weberhaus“ untergebracht, besuchte auch mein Großvater, dieser besagte Max Sommer, zwischen 1881 und 1889. Sein Schwiegersohn (mein Vater) und später auch meine Schwester, gingen dann in den neuen roten Backsteinschulbau, der 1906 an der Stelle des alten Schulhauses errichtet wurde. Auch dieses Areal kenne ich natürlich in- und auswendig.

 

- Lutherstraße 1 (früher Kirchgasse). Das Pfarrhaus des Ersten Pfarrers / Oberpfarrers.

Meine Eltern waren mit Pfarrer Viktor Hasse befreundet. Zur Zeit des Naziregimes gehörten sie gemeinsam der „Bekennenden Kirche“ an. Ich selbst spielte in meiner Kinderzeit öfter in diesem Hause, mit des Kantors Kindern. Das war zur Zeit des Pfarrers Iskraut, Schwager des Viktor Hasse.

 

- Friedrichskirche auf dem Kirchplatz = Friedrichskirchplatz = Weberplatz.

In diesem Hause wurde meine Mutter getauft, von Pfarrer Hasse konfirmiert, später meine Eltern getraut und wir Kinder getauft. Ich entsinne mich, dass auf dem Platz (so etwa wie heute das Böhmische Weberfest) zu DDR-Zeiten der „Rummel“ stattfand. Motorradfahren an der senkrechten Steilwand im Zylinder gehörte zu den Attraktionen. Von den Überschlagschaukeln (in Bootsform, an Gestängen) hielt ich nicht viel. Später kamen dann Elektro-Motor-Scooter hinzu und natürlich Karussells aller denkbarer Arten, Losverkaufsbuden usw. Einige Male war der Platz auch Schaugelände für Gefechte der kasernierten Volkspolizei und später der betrieblichen Kampfgruppen gegen einen angenommenen „Klassenfeind“. Wir Schüler sammelten hier und im Park Babelsberg im Herbst Eicheln für die Winterversorgung der Wildtiere.

 

- Kirchplatz, Parzelle 147: Heute Weberplatz 2. Dieses Haus, ein 5achsiges Haus von 1753, erhielt der Etaminmacher (Gaze-Weber) Wenzel Sotscheck, jun. geschenkt. Hier wohnte um 1805 Friedrich Sotscheck mit seiner Familie (Ehefrau Anna Dorothea Wagnitz). Im Februar 1880 erwirbt der Handelsmann Gottfried Hönow das Haus und richtet in dem rechten / südlichen Anbau eine Gaststätte ein. Ein Drempelgeschoss wird errichtet. Die Tochter von den Hönows, ist Emma Hönow, eine befreundete Schulkameradin meiner Mutter Anne-Marie Sommer, verehelichte Janecke. Emma Hönow heiratet später Erich Renn und die Familie lebt bis ins hohe Alter in diesem Hause. So bin auch ich, Chr. Janecke, öfter in diesem Hause zu Gast gewesen.

 

- Die frühere Webschule, Wichgrafstraße 2 (frühere Mittelstraße).

Hier lernte u. a. auch mein Vater jahrelang in zusätzlichen Abendveranstaltungen – zwar nicht weben, – sondern in seiner Weiterbildung zum Techniker (ein Fachschulabschluss, zwischen Meister und Ingenieur liegend).

 

- Friedhof der Evangelischen Kirchengemeinde.

Auch auf diesem Gelände bin ich ein häufiger Gast, denn seit 1933 ruhen hier die Angehörigen unserer Familie.

 

- Bahnhof Nowawes = Babelsberg

Gegenüber vom Bahnhof, auf dem Grundstück Lindenstraße 39 = Rudolf-Breitscheid-Straße 46, verbrachte ich die meisten Jahre meiner Kindheit. Von unserem Zimmerfenster konnten wir auf gleicher Höhe „Auge in Auge“ die ein- und ausfahrenden S-Bahn-Züge beobachten, sofern wir nicht gerade selbst mitfuhren. Damals brauchte man, auch wenn man nicht abreiste, eine Bahnsteigkarte für 10 Pfennig, die vor dem Betreten des Bahnsteiges, von dem in der „Wanne“ sitzenden Bahnbediensteten entwertend gelocht (geknipst) wurde. Ansonsten betrug der Preis für die kürzeste Strecke 0,20 DM. Preisstufe 1 = 20 Pf, Preisstufe 2 = 30, Preisstufe 3 = 50, Preisstufe 4 = 70, (Potsdam bis Berlin Mitte) Preisstufe 5 = 1,00. Ein Emailleschild im Bahnhof mahnte noch in den 1950er Jahren „Spucken auf den Boden verboten“.

 

- Oberlinhaus, damaliger Leiter, Pfarrer Dr. Hoppe.

Dr. Hoppe war in einer Urlaubszeit zufällig genau wie die Familie meiner Großmutter (Margarethe Runge, spätere verehelichte Sommer, jene damals aber noch als Kind) 1885 im Riesengebirge, in einer Baude nahe der Schneekoppe. Als die abendliche geschwisterliche Balgerei im Zimmer zu laut wurde, sogar ein Mädchenstiefel bumsend gegen die Holztrennwand flog, ertönte vom Nachbarzimmer her, ein mahnendes sonores Räuspern. Erst am nächsten Morgen, zur Frühstückszeit, erkannte man sich und das Zufallstreffen in der hier so nahen Ferne. Herr Dr. Hoppe merkte schmunzelnd an, dass er in der Nacht fast kein Auge zugetan habe, hatte er doch auf den nächsten Knall gewartet, da doch zu einem Mädchen zwei Stiefel gehören. Meine Mutter, Anne-Marie Sommer, verehelichte Janecke, (die spätere Tochter des vorgenannten Kindes) erfuhr von dieser Anekdote, nachdem ihre Mutter, inzwischen über 40jährig, in Nowawes auf der Straße vor einem alten Herrn dem sie begegneten, ehrerbietig „einen tiefen Knicks“ machte und dabei eine Verlegenheitsröte über ihr Gesicht flog. Sie war die muntere, kindliche Stiefelwerferin und der alte Herr war Dr. Hoppe. So nachhaltig wirkten damals manche Kurzbegegnungen – ein Leben lang.

 

- Lokomotivbau und Signalanlagen „Orenstein & Koppel“. Großbeeren Straße / Ahornstraße.

In diesem Werk war mein Großvater August Janecke als kaufmännischer Angestellter im Bereich der Offerten (Werbung, Angebote, Kalkulationen) tätig. Auch mein Vater, Alfred Richard Janecke lernte und arbeitete hier, aber in der Lokomotivenkonstruktion. Ich selber hatte hier während der Schulzeit den „Polytechnischen Unterricht“.

 

- Grundstück der Teppichfabrik Michaelis und Behrend, Wilhelmstraße 15 (heute Alt Nowawes), gegenüber der Wollkämmerei und Kammgarnspinnerei.

Nachdem „die Teppiche“ zur Retzowstraße umgezogen waren, etablierte sich auf diesem Grundstück das Restaurant „Deutsches Wirtshaus“, Inhaber Walter Ulrich, Besitzer: Mein Urgroßvater Franz Runge, Maurer- und Zimmermeister.

 

- Musterhaus der Weberkolonie auf dem Grundstück Lindenstraße 8 (heute Rudolf-Breitscheid-Straße 77), u. a. für die Baugewerkschule in Berlin. Auch in diesem Haus haben Alteltern von Chr. Janeckes mütterlichen Seite gelebt. Es handelte sich um das frühere Luisenbrautpaar Johann Friedrich Sommer, Schuhmachermeister (1800 - 1882) und Caroline Wilhelmine, geb. Keilbach, Hausfrau und Mutter (1809 - 1896).

 

- Kino „Thalia-Theater“ in der Lindenstraße 35 (spätere Rudolf-Breitscheid-Straße 50) - nur vier Häuser von meinem Elternhaus entfernt. Natürlich war ich dort zu ausgewählten Filmen gerne zu Gast, und weil selten, waren das als Kind „kulturelle Höhepunkte“. Ein Dutzend Häuser weiter befand sich in der gleichen Straße das Kino „Union-Lichtspiele“, von uns Kindern despektierlich „Flohkiste“ genannt - auch eine Bildungsstätte.

 

So bietet mancher Name, jedes dieser Grundstücke, wie auch viele weitere hier nicht genannte Anwesen, einen reichen Schatz übermittelter oder persönlicher Erinnerungen.

 

 

 

Anhang 3: Prediger / Pfarrer der Friedrichskirche zu Nowawes / Babelsberg:

 

01.

1751 – 1765

etwa 14 Jahre lang

Wentzel

als erster böhmischer Prediger

Letochleb

02.

1765 – 1797

etwa 32 Jahre lang

Matthis

Moses

03.

1798 – 1809

etwa 11 Jahre lang

Johann Benjamin

Kropatschek

04.

1810 – 1825

etwa 15 Jahre lang

Julius

Münnich

05.

1825 – 1831

etwa   6 Jahre lang

Gustav Adolph

Uhlmann

06.

1831 – 1843

etwa 12 Jahre lang

Julius Wilhelm

Papin

07.

1843 – 1848

etwa   5 Jahre lang

Franz Ludwig

Steinmeyer

08.

1848 – 1856

etwa   8 Jahre lang

Ernst Adolph

Stobwasser

09.

1856 – 1872

etwa 16 Jahre lang

Karl Friedrich Wilhelm

Groote

10.

1872 – 1912

ab 1886:

etwa 40 Jahre lang

die erste Pfarrstelle  

Georg Paulus Koller

(Oberpfarrer)

Koller

11.

1886 – 1894

etwa   8 Jahre lang

die 2. Pfarrstelle

Friedrich Magnus Ottomar

Harnisch

12.

1894 – 1927

ab 1912:

etwa 15 Jahre lang die erste Pfarrstelle

Ferdinand Otto Hermann (Oberpfarrer)

Dessin

13.

1913 – 1916

etwa   3 Jahre lang die 2. Pfarrstelle

Adolf Albert August

Hamann

14.

1916 – 1918

etwa   2 Jahre lang die 2. Pfarrstelle

Friedrich Gerhard

Kinzel

15.

1919 – 1946

ab 1928:

etwa  Jahre lang

die 1. Pfarrstelle

Benno Viktor Johannes

Hasse

 

 

Viktor Hasse wurde am 02. Januar 1885 in Stendal (Altmark) geboren. 1912 Hilfsprediger in Neukölln. 1913 Pfarrer im Ort Kleinau in der Altmark. 1913 Hochzeit mit Frau Karla. 1913 Ehefrau Karla stirbt bei der Geburt des Kindes Hans. 1915 Pfarrer Hasse versieht seinen Dienst bei St. Nikolai in Potsdam. 1920 Hasse heiratet Elisabeth Reichmuth. Singekreis der Kinderkirche. 1933 Pfarrer (Bekennende Kirche) in Nowawes. Mehrfache Verhaftung und Internierung. 1946 Tod am 19. März mit 61 Jahren. Bischof Dibelius hält die Trauerrede.

16.

1928 – 1949

etwa 21 Jahre lang die 2. Pfarrstelle

Gottfried Ernst Gustav

Mehlhase

17.

1946 –1962

etwa 16 Jahre lang die erste Pfarrstelle

Wolfgang

(Schwager von V. Hasse)

Iskraut

18.

1950 – 1957

etwa   7 Jahre lang die 2. Pfarrstelle

Fritz

Bartz

 

Selbstverständlich geht die Liste der Namen im Leben weiter. Von 1987 an wird die frühere zweite Pastorenstelle nun als Gemeindepädagogenstelle fortgeführt. Ab 1990 hat die Gemeinde erstmals auch eine Pastorin. Im Jahr 2000 zählen wir dann bereits den 27. Pfarrer.