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Zur Ahnenliste "Sommer" gehörend:


Lebenslauf des

Johann Friedrich Sommer

* 30. Dezember 1800 bis † 17. Dezember 1882.

Lebensorte: Buckow am Schermützelsee, Potsdam und Nowawes

und seiner Ehefrau

Caroline Wilhelmine Charlotte, geborene Keilbach

* 24. Februar 1809 bis † 10. September 1896.

Lebensorte: Potsdam und Nowawes, Mark Brandenburg, Preußen

sowie einige Hinweise zu den Geschwistern dieses Ehepaares.


Potsdamer Jahrzehnte“ – Jahrbuchaufzeichnungen

aus der Reihe zur Familienforschung und Heimatgeschichte



Zusammengestellt: Chris Janecke, Dezember 2016. Ergänzungen werden dankend entgegengenommen. E-Mail: christoph@janecke.name



Bei den oben Genannten handelt es sich um Alteltern des Autors. Wenn du Interesse hast, mehr darüber zu lesen, was sich in dieser Zeit im Leben der Menschen abspielte, so sieh’ bitte auch in die Dokumentationen „Zeitgeschichte“ und „Zeitgenossen“ auf dieser Internetseite. Zu dem hier vorliegenden Text bestehen auch verschiedene Dokumente.

Die hier gezeigten Ergebnisse bedeuten noch keinen Abschluss der Forschung.

Literaturhinweis: Bei den Notizen zum „Luisenbrautpaar“ wurde der Aufsatz von

Herrn J. Gunwaldt „Die Garnisonkirche und ihre Zivilgemeinde“ herangezogen.






Wir Menschen sind wie die Glieder in einer Kette, von der wir nicht wissen, wo sie für unsere Vorfahren begann und wohin sie unsere Nachkommen einst führen wird.“


Verfasser unbekannt





Schmalspurwegweiser von den Hauptpersonen (Probanden) dieser Niederschrift, zu den heute lebenden Personen dieses Familienzweiges:


Im Zeitraum 1800 bis 1896:

Johann Friedrich Sommer oo Caroline Wilhelmine Charlotte Keilbach

Zu deren Kindern gehörte u.a.:

Im Zeitraum 1831 bis 1909: Karl Johann Friedrich Sommer oo Marie Elisabeth Weltzer

Zu deren Kindern gehörte u.a.:

im Zeitraum 1875 bis 1949: Rudolf Max Sommer oo Anna Margarethe Runge

zu deren Kindern zählte die Tochter:

im Zeitraum 1900 bis 2003: Anne-Marie Sommer oo Alfred Richard Janecke

zu deren Kindern gehört u. a.:

im Zeitraum 1945 bis ...: Der Autor dieser Niederschrift – Chris Janecke




Die Großeltern

(Das sind die Eltern der Hauptpersonen dieser Dokumentation)


Generation 07

Großvater:

Ahn 07 / 80


Großmutter:

Ahn 07 / 81

Großvater:

Ahn: 07/ 82

Großmutter:

Ahn: 07 / 83

Name:


Sommer

Wegen

Keilbach

Großkopf

Vornamen:

Johann Friedrich Gottfried


Johanna (Hanne) Charlotte


Gottfried Joseph

Caroline Wilhelmine

Geburt:

Taufe:

nicht in Buckow, eventuell in Batzlow (Barnim),

am 30. Juli 1869.


(errechnet aus dem Sterbeeintrag Buckow.

Kirchenbücher von Batzlow: Kriegsverlust 1945. Findbuch im Evang. Zentralarchiv Berlin: Batzlow: keine KB erhalten geblieben).

Buckow, (Barnim) am Schermützelsee

am 25. April 1768, getauft am 02. May 1768. Die Paten: 1. Gottfried Tramte, 2. Martin Decker, 3. Frau Gühl, geb. Hartwig, 4. Frau Catharina Gallaun, 5. Frau Dorothea Elisabeth Brand geborene Wolter.

Quelle: KB in Buckow 1768, Seite 7, Nr. 19

Burg, am 01. Mai 1783

Potsdam, am 06. April

1788


Beruf / Stand:

Zimmergeselle Kanonier, Kriegsinvalide, Hausmann

Hausfrau und Mutter

Pantoffel-macher-Meister

Hausfrau und Mutter

Trauung / Eheschließung:

Buckow am Schermützelsee, 1794.

(Das Kirchenbuch ging 1945 verloren. Daher kann nur die Jahresangabe aus dem erhalten gebliebenen Register, nicht aber der Tag genannt werden.)

Potsdam, Nikolaikirche, 25. August 1808


Tod / Gestorben:

Buckow, 19. Februar 1809, im Alter von 39 Jahren, 6 Monaten, 20 Tagen. Diagnose:

„Kaltes Fieber“.

Bestattet am 21. Februar 1809 auf dem Friedhof vor dem Thore.

Quelle: KB Buckow 1809, Seite 37, Nr. 20. Oberprediger Wedel.


Buckow, am 30. März 1809, im Alter von knapp 41 Jahren. Diagnose:

„Hitziges Fieber“.


Bestattet am 01. April 1809 auf dem Friedhof vor dem Thore.


Quelle: KB Buckow 1809, S. 39 Nr. 30, Oberprediger Wedel.

Potsdam,

19. März 1857, fast 72 Jahre alt.

Potsdam,

08. Nov. 1862,

74 Jahre alt.




Mit dem zu frühen Ende unseres Lebens endet die Liebe für euch nicht.





Die Kinder, Generation 6, der vorgenannten Eltern:

Johann Friedrich Gottfried Sommer oo Johanna Charlotte Wegen


Anmerkung: Die Angaben zu dem Kind, das die Ahnenkette zu den heute lebenden Janeckes dieses Zweiges weiterführt, sind fett gedruckt.



1


Marie Friederike Luise Sommer


oo


?


Geboren in Buckow am Schermützelsee, am 30. März 1798. Getauft am 06. April 1798. Der Taufzeugen waren es neun, darunter (lesbar): 1. Herr Joh. Peter Heller,

2. Herr Wollfabrikant Carl Hart,

3. Joh. Friedrich Wilhelm Kleist,

4. Frau Justine Charlotte Schultze, geborene Gallaun,

5. Frau Marie Luise Schmidt, geborene Gotting.

Quelle: Kirchenbuch Buckow 1798, S. 296, Nr. 15.

Über ihren weiteren Lebensweg konnte noch nichts in Erfahrung gebracht werden.



2


Johann Friedrich Sommer


oo 19. Juli 1830


Caroline Wilhelmine Charlotte Keilbach


Geboren in Buckow am 30. Dezember 1800 und getauft am 6ten Januar 1801. Die Taufzeugen:

1. Herr Kämmerer Johann Chr. Friedrich Schultze,

2. Jacob Wegen (Großvater),

3. Frau Dorothea Luise -?- geborene Grünberg.

Quelle: Kirchenbuch Buckow S. 318, Nr. 41.

Friedrich heiratet in Potsdam am 19. Juli 1830: C. Keilbach.



3


Carl August

Sommer


oo


Caroline Emilie Henriette Keyling




Geboren in Buckow am 18. December 1803. Taufe am

26. Januar 1804. Taufzeugen:

Strumpfwebermeister Johann Friedrich Nötzel,

Junggeselle Johann Plötze,

Junggeselle Johann Wegen,

Jungfrau Friederike Schmidt,

Jungfrau Elisabeth Sophie Mest,

Frau Charlotte Justine Schultze, geb. Gallaun.

Quelle: Kirchenbuch Buckow, 1803, S. 356, Nr. 38.

Heirat mit Henriette Keyling. Wann und wo ist unbekannt. Eventuell in Reppen (Neumark, Kreis Weststernberg).

Dort ist aber seit 1945 der Kirchenbuchverlust zu beklagen.



4


Caroline Wilhelmine Sommer


oo


?


Geboren am 05. März 1807. Taufe am 15ten März durch Oberprediger Wedel. Die Taufgevattern:

1. Jungfrau Louise Wegen,

2. Jungfrau Wilhelmine Schmidt,

3. Frau Justine Charlotte, verwittwete Schultze, geborene Gallaun,

4. Junggesell Ludwig Nötzel,

5. Meister Friedrich Kleist,

6. Junggesell Carl Stendicke.

Quelle KB Buckow, 1807, S 24 /25 Nr. 15.

Über ihren weiteren Lebensweg konnte noch nichts in Erfahrung gebracht werden.



Die Eltern, die beide in relativ jungem Lebensalter ausgangs des Winters 1808/1809 an einem fiebrigen Infekt sterben, müssen ihre vier kleinen Kinder in Buckow am Schermützelsee als Vollwaisen zurücklassen. Die Kinder sind zu dieser Zeit zwischen 2 und 10 Jahren alt. Deshalb ist uns auch so wenig über die weiteren Lebenswege der Kinder bekannt.

Wie aber sieht die Zukunft der kleinen Waisen-Kinder aus? Wo sind sie geblieben? Wer hat sich ihres Kummers angenommen? Wo leben sie in der Zukunft? Eventuell bei Verwandten in der mütterlichen Familie Wegen? Oder bei anderen Sommers, deren es welche in Buckow und in Batzelow gibt? Vielleicht bei Nachbarn, die sie eventuell an Kindes statt als Pfleglinge aufnehmen? Oder jemand von den Taufpaten, die ja das Leben der jungen Erdenbürger mit begleiten, wenn erforderlich, mit Rat und Tat mit gestalten wollten? Aber doch nicht die Kinder – und sowieso schon gar nicht alle gemeinsam – das hätte wohl kaum eine Familie verkraftet. Vielleicht sind die Kinder, da der Vater vorher in Kriegszeiten Kanonier war und Invalide wurde, in das Militärwaisenhaus in Potsdam gebracht worden?

Anzunehmen ist aber, dass die Kinder nicht in Buckow bei Verwandten, Bekannten oder Taufpaten aufwuchsen. In den Kirchenbüchern von Buckow sind die Kinder nicht im Konfirmationsverzeichnis enthalten, haben also zu jenen Zeiten ihres 13. bis 15. Lebensjahres nicht mehr in Buckow gewohnt.

Die Suche, das Wiederfinden, ist schwer. Preußen und Deutschland haben zu viele Kriege geführt! Und am Ende des vorigen Krieges wurden aus dem Militärwaisenhaus die Akten, so auch die „Zöglingslisten“, ausgelagert, um sie zu retten. Nun ja, der Häuserkomplex in Potsdam blieb bei den Angriffen bestehen aber die Akten gingen wohl auf dem rettenden Transport zu einem sicheren Lagerungsort verloren. Sie sind nicht mehr greifbar. Verschiedenes wird also kaum aufzuklären sein.

Ein Teil von Unterlagen des Militärwaisenhauses liegt aber noch in der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, im Geheimen Staatsarchiv Berlin-Dahlem. Unsere Sommer-Kinder sind jedoch auch im Waisenhaus-Kirchenbuch nicht unter den Konfirmierten, ebenso nicht unter jenen Zöglingen, die in die Berufsausbildung entlassenen wurden, vermerkt.

Ein Lichtblick: Beim zweiten Kind: Johann Friedrich Sommer, (Schuhmacher-Meister), spielte der Zufall des Entdeckens in Potsdam eine sehr günstige Rolle: Nachdem er uns 1809 "in Buckow verloren ging", begegnet uns also Johann Friedrich Sommer "zufällig" in Potsdam wieder, als junger Schuhmacher-Meister, anlässlich seiner Heirat mit der Potsdamerin Caroline, geborene Keilbach. Friedrich ist es, der auch die Ahnenreihe zu den heute hier noch lebenden Janeckes weiterführen wird.

Der vorliegende Bericht beschäftigt sich also im Folgenden mit seiner Familie.

Ein weiterer kleinerer Lichtblick: Den jüngeren Bruder des vorgenannten Friedrich Sommer, Carl August Sommer (geboren in Buckow am Schermützelsee, 1803) finde ich im polizeilichen Melderegister. von Nowawes (heute Potsdam-Babelsberg). Von Beruf war er Müller, Mühlen-Meister. Er hatte Caroline Emilie Henriette Keyling geheiratet und mit ihr zeitweilig in Reppen (Neumark, ca. 22 km östlich von Frankfurt/Oder) gelebt. Im Oktober 1892 kommt er als Witwer müde und krank aus Gerresheim bei Düsseldorf zu seiner Nichte,der sehr sozial veranlagten Marie Weltzer, geborene Sommer nach Nowawes, um sich pflegen zu lassen, Ruhe zu finden. Hier endet sein Leben nur einen Monat später. Über ihn gibt es einen gesonderten Kurz-Lebenslauf auf dieser Internetseite (Sommer oo Keyling).




Das Ehepaar / Die Eltern / Die Hauptpersonen des Dokuments:

Johann Friedrich Sommer oo Caroline Wilhelmine Charlotte Keilbach


Generation 06


Vater: Gen. 06 / Ahn: 40.2

Mutter: Generation 06 / Ahnin: 41.6

Die Bedeutung dieser

Familien-Namen:

Gefühlsverbindung zu Sonne, Wärme Reife, Ernte. Namensträger eventuell im Hochsommer geboren. Ein Übername mit der Begriffswahl für diese Jahreszeit.

Örtlichkeitsname. 1. Der Namensträger wohnt an einem keilförmigen (dreieckigen) Landstück, das auf mindestens einer Seite von einem Bach begrenzt wird – oder 2. Hinweis auf den spitzwinkligen Zusammenfluss (Y) zweier Bäche / Gräben.


Name:



Sommer


Keilbach



Vornamen:


Johann Friedrich



Caroline Wilhelmine Charlotte


Geburt:



Buckow am Schermützelsee am Di., 30. Dezember 1800.



Potsdam, Friedrichstraße _ ,am Fr., 24. Februar 1809



Taufe:


in Buckow am 06. Januar 1801. Die Taufzeugen waren:

1. Herr Kämmerer Johann Chr. Friedrich Schultze,

2. Jacob Wegen (mein Großvater) und

3. Frau Dorothea Luise, geb. Grünberg

Kirchenbuch Buckow auf Seite 318, Nr. 41.




am 05. März 1809 in der Heiligengeistkirche, ev.-luth.,

Prediger Klotz. Die Kindspaten sind:

1. Herr Wietz, 2. Herr Voigt,

3. Jungfrau Wutschetzky, (des Pantoffelmacher-Meisters Tochter).


Taufreg. S. 404 (neu: 34),

Nr. 14/1809.

Zentralarchiv Berlin, Microfiche-Gruppe 24708 / F1.



Beruf / Stand:


Bürger der Stadt Potsdam und Schuhmachermeister ab Di., 15. September 1829 aber auch als Pantoffelmacher-Meister erwähnt.



Hausfrau und Mutter von elf Kindern.

Wohnanschriften




Trauung / Eheschließung:


Caroline wird am Montag, 19. Juli 1830, am Sterbetag der hochseligen Königin Luise, als 21-jährige „Luisenbraut“, den Schuhmacher-Meister Johann Friedrich Sommer heiraten (deshalb) in der Zivilgemeinde der Hof- und Garnisonkirche aber zusätzliche Registrierung im Kirchenbuch der Nikolaikirche („der Heimatkirche“) 1830, Seite 81 Nr. 34 a.

Friedrich ist 29 Jahre alt. Caroline ist 21 Jahre jung.

Anmerkung: Zwar ist die Nikolaikirche die Heimatgemeinde, jedoch finden die kirchlichen Handlungen zu jener Zeit „in 2. Schicht“ in der benachbarten Heiligengeistkirche statt, weil die Nikolaikirche am Schloss und Marktplatz 1795 abgebrannt war und noch nicht wieder errichtet ist. Der Grundstein dafür wurde am 03. Sept. 1830 gelegt. Die drei Kirchen stehen nur wenige Fußminuten voneinander entfernt.



Wohnanschriften, gemeinsame


Wegen der großen Anzahl der Umzüge besteht eine gesonderte Liste im Dokument.



Tod / Gestorben:


Nowawes, am 17. Dezember 1882, 2 Uhr morgens, am Schlagfluss.

Alter: 81 Jahre / 11 Monate /

17 Tage.

Beerdigt am 20. Dezember.


Quellen:

Standesamt Nowawes

Nr. 177/1882

KB Friedrichskirche Nr.

177/ 1882, Pf. Koller.


Nowawes am Do.,10. Dezember 1896 um 10 Uhr am Nachmittag. Altersschwäche.

Alter: 87 Jahre / 6 Monate / 17 Tage.

Beerdigt am Montag, 14. September 1896


Quellen:

Standesamt Nowawes Nr. 228/1896,

KB Friedrichskirche 1896, Nr. 189/ 96.





Alle 11 Kinder des Ehepaares

Friedrich Sommer und Caroline Keilbach


Kinder 1 bis10 wurden in Potsdam geboren, Kind 11 im Nachbarort Nowawes geboren.

Früh gestorben sind das 3. und das 11. Kind.



Sommer,

Generation 05

Geburtsdaten und weitere Hinweise

Das erste = älteste Kind (Fettdruck) führt die Ahnenfolge Sommer „in Richtung Janecke“ weiter.



1


Karl Johann Friedrich

05/20.1


oo 02. Juli 1859


Marie Elisabeth Weltzer

05/21

* Potsdam, 29. März 1838


Geboren in Potsdam, Kreuzstraße No.?, (heute Benkertstr.) am 13. Nov. 1831, früh, 9 Uhr.

Taufe am 25. November 1831 in der Nikolaikirche. Superintendent Ebert. Die Taufpaten:

1. Herr Großkopf, 2. Herr Schulze, 3. Herr Schirmer,

4. Frau Schröder, 5. Frau Kästen (die Frau des Hof-Buchbinder-Meisters), 6. Jungfrau Winter.

KB der Nikolaikirche: Reg. 1831, Blatt 225, Nr. 194 1831, Zentrales KB-Archiv Berlin, Microfichgruppe 24648.

Friedrich heiratet am 02. Juli 1859 die Tochter des Maurerpoliers Weltzer: Marie Elisabeth.



2


Karoline Marie Bertha


oo 27. März 1859


Carl Wilhelm Weltzer, * 25. März 1813


Geboren in Potsdam, Kreuzstraße (vermutlich Haus Nr. 11), am 08. Oktober 1833, abends 9 Uhr, getauft in der Nikolaikirche am 10. November 1833.

Paten: 1. Herr Schirmer, 2. Herr Brozki, 3. Herr Böhlicke,

4. Frau Kästen, 5. Jungfrau Winkler, 6. Jungfrau Winter.

KB der Nikolaikirche: Reg. 1833, Bl. 73, Nr. 227/ 1833. Oberpfarrer Ebert, Zentrales KB-Archiv Berlin, Microfichgruppe 24648.


Marie heiratet 25-jährig am 27. März 1859 den Witwer Karl Georg Wilhelm Weltzer (Maurerpolier) mit seinen 7 Kindern. Ihr sozial stark betont geführtes Leben kann uns als sehr vorbildlich gelten!


3


Gottfried Franz Simon


Als Säugling gestorben.


Geboren in Potsdam, Kreuzstraße 11, am 07. Dezember 1835, getauft in der Nikolaikirche am 13. Dezember 1835 durch Superintendent Ebert.

Zentrales KB-Archiv Berlin, Microfichgruppe 24648.

Paten: 1. Herr Großer, 2. Frau Grütter, 3. Jungfrau Keilbach. Tauf-Reg. 1835, Bl. 201, Nr. 312 /1835,

Gest. 13. Dez. 1835. Sterbe-Reg.:1835, Blatt 73, Nr. 249.



4


Wilhelm Franz Gustav


oo 30. Sept. 1873


Johanne Friederike Auguste Schwaiger,

* Falkenhagen, am

31. August 1842


Geboren in Potsdam, Kreuzstraße_ am 02. Februar 1837 früh 7 Uhr, getauft in der Nikolaikirche am 21. Februar 1837, Pastor Stöner. Die Paten:

1. Herr Schirmer, 2. Herr Keilbach, 3. Frau Amendt,

4. Jungfer Scherf.

Reg. 1837, Bl. 279, Nr. 31 / 1837.

Zentrales KB-Archiv Berlin, Microfichgruppe 24648.


Franz wird später Schuhmacher-Meister und heiratet am

30. September 1873 die Hebamme Auguste Schwaiger.



5


Emil Johann


oo 16. Okt. 1864


Karoline Friederike Auguste Lier,

* Potsdam, am

04. März 1837


Geboren in Potsdam, am 30. August 1839, früh 5 Uhr, getauft in der Nikolaikirche, am 22. September 1839 von Pastor Stöner. Die Paten: 1. Herr Keilbach, 2. Herr Märtens (?, schwierig lesbar), 3. Jungfrau Keilbach.

Reg. Nikolai 1839, Blatt 453, Nr. 321 oder 328 /1838, Zentrales KB-Archiv Berlin, Microfichgruppe 24648.


Emil wird ein Zigarrenhersteller und heiratet am 16. Oktober 1864 Auguste Lier.



6


Albert Rudolph Julius


oo ca. 08. April 1872


Marie Auguste Luise Kunkel, * 24. Mai 1844



Geboren am 12. Januar 1842, abends 6 Uhr, getauft in der Nikolaikirche am 08. Februar 1842, Superintendent und Oberpfarrer Johann Jakob Ebert. Die Paten: 1. Herr Schirmer, 2. Herr Schulz,

3. Frau Keilbach, 4. Frau Keilbach. Reg. Nikolai, 1842, Bl. 169, Nr. 25.

Albert wird Schuhmacher-Meister und heiratet am (08. April? – kriegsbedingter Kirchenbuchverlust und noch keine Standesämter eingerichtet) 1872 Luise Kunkel.



7




Anna Auguste Wilhelmine


oo 03. April 1870


Friedrich Albert Surau

* in Potsdam, am 31. März 1844

Geboren im Hause Blücherplatz 7, am 10. Dezember 1843, früh um 4 Uhr. Getauft am Neujahrsfeiertag, den 01. Januar 1844. Die Paten sind:

1. Demoiselle Keilbach, 2. Madame Schultz,

3. Herr Stammer, 4. Herr Keilbach.

KB Heiligengeist (ev.-lutherisch) 1844, Bl. 85 Nr. 01, Zentral-Archiv Berlin: Microfiche-Gruppe 24710 / F2


Auguste heiratet in Potsdam, Heiligengeistkirche (Nr.11/1870), am 03. April 1870 den Schlosser Friedrich Albert Surau.

Albert ist gestorben in Potsdam am 16. September 1919.

Auguste ist gestorben in Potsdam am 15. Juni 1917.



8


Paul Carl Wilhelm


oo ca. 01. April 1873


Bertha Luise Auguste Thron, * in Potsdam,

14. Juli 1846


Geboren am 19. Juni 1846, nach dem Melderegister: 23. 6. 1846, getauft in der Heiligengeistkirche (Kirchenbuchverlust im Jahre 1945). Er wird ein Schuhmacher-Meister und heiratet Bertha Luise Auguste (genannt Pauline) Thron im Jahre 1873 (Kirchenbuchverlust), die Tochter eines Potsdamer Schuhmacher-Meisters.



9


Martha Adelheid


oo (02. Juli) 1868


Emil Schultz,

* Potsdam,

24. Februar 1848


Geboren 20. Juni 1848, früh 4 Uhr. Getauft am 20. Juli 1848, in der Nikolaikirche, Pf. Superintendent + Oberpfarrer Johann Jakob Ebert. Die Tauf-Paten:

1. Schuhmacher-Meister Scherlich,

2. Kapelldiener Keilbach, 3. Frau Keilbach, geb. Bürger.


Reg. Nikolai 1848, Blatt 114, Nr. 275.

Martha heiratet 1867 oder 1868 (Kirchenbuchverlust), den Gürtler (Blechbearbeiter) Emil Schultz.


10

Bertha Charlotte Wilhelmine


oo 09. Juli 1871


Rudolph Wilhelm Karl Mahnkopf,

* Potsdam,

10. Sept. 1847


Geboren in der Potsdamer Kirchstraße 3, am 12. September 1850, früh 4 Uhr. Getauft in der Nikolaikirche, am 04. Oktober 1850. Superintendent Pfarrer Ebert. Die Paten sind:

1. Schuhmacher-Meister Keilbach, 2. Nuntius (Bote) Fink,

3. Schirmer, jun.

Reg. 1850, Blatt 1986, Nr. 333. Zentrales KB-Archiv Berlin, Microfichgruppe 24655.


Bertha heiratet am 09. Juli 1871 in der Potsdamer Heiligengeistkirche den Schneider-Meister Rudolph Mahnkopf.


11

Carl August


Als Säugling gestorben.

Geboren in Nowawes, Priesterstr. 69, am 21. März 1853,

10 Uhr abends. Getauft am 27. März 1853, Prediger Stobwasser. Paten: 1. Herr Keilbach, 2. Frau Keilbach,

3. Herr Groll. KB Nr. 28 /1853.


Gestorben am 31. März 1853, 12 Uhr mittags, 10 Tage alt, Kinnbackenkrampf.

Der Tod wurde von der ältesten Tochter (der 20-jährigen Karoline Marie Bertha) angezeigt. Bestattet am 03. April 1853.



Über die vorgenannten Lebenswege dieser Geschwisterkinder bestehen gesonderte Dokumentationen auf der gleichen Internetseite.



Die Anschriften der Familie Friedrich Sommer oo Caroline Keilbach:



Jahr

Ort

Straße

Bemerkungen

01

1830

Potsdam

unbekannt

nicht im Wohnungsanzeiger enthalten, weil er offenbar noch nicht der Hauptmieter einer Wohnung = noch kein Haushaltsvorstand war, sondern ein Untermieter.

02

1835

Potsdam

Kreuzstraße 11

heutige Benkertstraße 11.

03

1837

Potsdam

Mittelstraße

Haus-Nr nicht erwähnt.

04

1839

Potsdam

Kreuzstraße

Haus-Nr. nicht erwähnt.

05

1842

Potsdam

Blücherplatz 7

Bezeichnung Blücherplatz seit 1819. Vorher: Ziegenmarkt. Nr. 7 erbaut 1769 von Baumeister Carl v. Gonthardt. Haus und Platz im April 1945 zerbombt).

06

1849

Potsdam

Kirchstraße 3

(an der Nikolaikirche, diese Straße 1945 zerbombt).

07

1850

Nowawes (heute: Potsdam-Babelsberg)

Priesterstraße 69

Damals ein Kolonistenhaus.

In der Gründerzeit wurde an dieser Stelle ein großes Miethaus errichtet.

08

ab 27. März 1856

Potsdam

Grünstraße 9

Vom „Canal“ geht es über die Grüne Brücke zur Grünstraße. (Straße 1945 zerbombt, 1949 abgerissen).

09

ab 02. April 1857

Potsdam

Französische Straße 21

(Straße 1945 zerbombt aber verändert wieder errichtet).

10

ab 03. Oktober 1859

Potsdam

Kriewitzgasse 3/4

Um 1738 war der Besitzer des Hauses Nr. 5 der Schlächtermeister Kriewitz (Straße 1945 zerbombt).

11

ab 19. August 1867

Potsdam

Schwertfeger-straße 13

ursprünglich eine Fortsetzung der Petersiliengasse. Ein Waffenschmied (Schwertfeger) namens Schwanfelder besaß nach 1726 das Haus Nr. 13 (Straße 1945 zerbombt).

12

ab 02. April 1869

Potsdam

erneut: Kriewitzstraße 3

Die vormalige -Gasse wurde um 1860 zur Kriewitzstraße erhoben.

13

02. Oktober 1876

Potsdam

Scharrnstraße 5

auch Scharrenstraße, hinter dem Rathaus, zerbombt.

14

ab 01. April 1879

Potsdam

Burgstraße 52,

auf der Straßenseite, dem Canal zu, gelegen.

Straße 1945 z.T. zerstört, Reste Totalabriss, in veränderter Form, bei abweichender Trasse, wieder aufgebaut.

15

ab 02. Oktober 1879

Potsdam

Kreuzstraße 15

Um 1739/40: “Holländische Quergasse“. Hier wohnte auch Theodor Storm, heute Benkertstraße 15.

16

ab 01. April 1881

Potsdam

erneut: Kriewitzstraße 3

Nur Zeichnungen existieren noch von dem Haus.

17

ab 28. Juni 1882

Nowawes

Lindenstraße 8

Heute: Rudolf-Breitscheid-Straße. Musterhaus der Baugewerke-Schule Berlin. Hier ist Friedrich gestorben.

18

ab 15. Oktober 1882

Nowawes

Lindenstraße 44

Hier ist Caroline 1896 bei ihren Kindern gestorben.



Nun aber erzählt Johann Friedrich Sommer uns etwas über sein Leben:


1800

Am Dienstag zwischen Weihnachten und Silvester, es war der 30. Dezember, kam ich in Buckow am Schermützelsee, im Kreis Oberbarnim gelegen, zur Welt. Mein Vater, geboren 1769, war von seiner Profession her Zimmergeselle und musste aber dem König als Canonier dienen. Davon ist er, Johann Friedrich Gottfried Sommer, gottlob zurück gekehrt, allerdings schwer invalide und war deshalb seither ein Hausmann. Meine liebe Mutter trägt die Namen Johanne Charlotte und hieß mit Mädchennamen Wegen, geboren am 25. April 1768. Geheiratet haben die Eltern im Jahre 1794. Als ich auf diese Welt kam, hatten meine Eltern bereits ein Kind, meine große Schwester Marie Friederike Luise, und somit wurde ich das Zweite von vier Kindern.


Zu der Zeit, als ich in Buckow geboren wurde, gab es im Ort etwa 177 Feuerstellen. Die Einwohnerschaft: 1 Gutsbesitzer im Schloss, 1 Förster, 2 Prediger, 3 Schullehrer, 9 Bäcker,

4 Böttcher, 1 Feldscherer, 4 Drechsler, 2 Fischer, 1 Glaser, 2 Maurer, 1 Hirte,

19 Hopfengärtner, 8 Leineweber, 2 Schmiede, 19 Schneider, 2 Töpfer, 8 Rademacher,

2 Zimmerleute, 9 Tischler, 1 Ziegelstreicher und 24(!) Schuhmacher.


1806

Für mich naht in Buckow die große Zeit des Schulbesuchs.

Am Ende des Monats Oktober entsteht in unserem Ort eine große Aufregung unter den Erwachsenen und überhaupt ein großes Kuddelmuddel. In unseren Ort ziehen französische Soldaten ein. Eine "Besatzung" gegen das neutrale Preußen, wird gesagt. Aber es sind nicht nur Franzmänner, sondern ein ganzes buntes Gemisch von Farben und auch Sprachen und es kommen nicht nur Soldaten, sondern als „Rattenschwanz“ der gesamte Tross. Wo überall biwakieren sie mit Zelten und unterhalten Feuer. Keine Stube und auch keine Speisekammer ist sicher vor ihnen – wohl auch nicht jeder Rock. Alles Mögliche müssen wir abgeben: Kerzen, den Nachttopf, Kartoffeln usw., weil Vater ja kaum Geld hat. Aber für jeden eingezogenen Gebrauchsgegenstand bekommt er ein Stück Papier, auf dem ihm der französische Kommandeur alles Erhaltene mit feinster, sauberer Schrift notiert hat – eine Quittung, sagt man dazu. Das geht und geht so weiter bis zum Herbst des Jahres 1808. Die Zeiten sind schwer.


1809 – was ist das bloß für ein Jahr

Nun haben wir unsere Königin, die gute Luise und ihren König, Friedrich Wilhelm den Dritten, sagt man, wieder hier. Also nicht in Buckow, sondern in Berlin und Potsdam, meine ich, obwohl der Name der Stadt Königsberg, wo sie sich einige Zeit aufhalten mussten, ihnen wohl auch nicht schlecht ansteht. Trotzdem ist die Rückkehr gut, denn die feine Königin ist fast so lieb, wie unsere Mama und sie hat sogar noch viel mehr Kinder, als wir in unserer Familie.


Diese Jahreszahl steht in ganz schrecklichen dicken schwarzen Ziffern noch immer wie drohend vor meinen Augen. Am 19. Februar 1809 stirbt unser guter Vater und am 30. März folgt ihm unsere liebe Mutter. Beide hatten mit Fieber an einer Brustkrankheit gelitten und starben, wie es heißt. Ihre Leben endeten schon nach knapp 40 Jahren ihrer Erdenzeit. Sie waren unser Ein und Alles. Was sollen wir nur tun? Was wird nur aus uns werden? Die Eltern hinterlassen unfreiwillig uns vier unmündige Kinder, zwischen zwei und elf Jahren jung, die wir nach kurzer Zeit des elterlichen Krankenlagers zu Waisen geworden sind. Aus tiefster Seelennot rufe ich – was wird nur aus uns Kindern – Carl und Carolinchen sind doch noch so klein.

Das sind wir nun:

Unsere große Schwester Marie Friederike Luise Sommer, geb. am 06. April 1798,

alsdann ich: Johann Friedrich Sommer, geb. am 30. Dezember 1800,

dann Carl August Sommer, geb. am 18. Dezember 1803

und unser viertes Geschwisterchen: Caroline Wilhelmine Sommer, geboren am 05. März 1807, gerade doch erst vor zwei Jahren.


Eine lange Folgezeit, in der wir schier benommen sind vor Trauer und Schmerz. Fremde Menschen verfügen über uns. Oder war auch Manches etwas anders, als die Erinnerung es uns aufgeprägt? Vieles in der Rückschau ist wie von einem lähmenden, hässlichen schwarzen Rauch überdeckt, der sich noch nicht wieder geklärt hat, noch keine Klarheit gebracht hatte, was sich mit uns alles ereignete. An einiges, was wohl mit uns geschah, kann ich mich gar nicht recht erinnern.


Anmerkung von Chris J.: Gedanke zur Weitersuche zum Aufenthalt der Sommer-Kinder.

Das erste Kind von Sommer oo Keilbach hat als Paten Hofbuchbinder-Meister Kaesten. Dieser steht in enger beruflicher Verbindung mit Hofbuchdrucker-Meister Sommer. Ob hier vielleicht eine Adoptions-Beziehung bestand? Leider gibt es keine Polizeilichen Melderegister (Aufstellung der Familie je Anschrift/ Wohnung) aus dieser Zeit. Diese beginnen erst nach 1850). Auch aus dem Trau-Eintrag des Kirchenbuches kann man keinen Hinweis entnehmen. Hilfreich wären eventuell Trauzeugen einer bürgerlichen Eheschließung – die aber, in Standesämtern gab es erst ab Oktober 1874.


1810

Wie durch einen Schleier erreicht auch mich jetzt im Sommer die Kunde davon, dass nun auch noch unsere junge Königin Luise gestorben ist. Sie war noch etwas jünger, als unsere Mamá. Zehn Kinder sind es, die sie zurücklassen musste. Aber die sind zumindest materiell ganz gut versorgt.


1813

Ich bin jetzt 12 Jahre alt, wirke ernst und scheinbar fast erwachsen.

Wir werden unterrichtet über die Kämpfe zur Befreiung des Vaterlandes von den Franzosen. Aus Potsdam stammend starb bei den Kämpfen fern der Heimatstadt auch Eleonore Christiane Maria Prohaska, verkleidet als Jäger Renz bei den Lützower freiwilligen schwarzen Jägern. Im Gefecht an der Göhrde am 16. September schwer verletzt, erlag sie am 05. Oktober im Lazarett Dannenberg der grauenhaften Schuss-Verletzung.


1814 / 1815

Nun würde ich bei unserer momentan noch theoretischen Betrachtung die Volksschule beendet haben und es wird wohl das Probejahr der Lehre im Schuhmacherhandwerk beginnen.


Endlich ist nach den Jahren der Besetzung durch die Franzmänner und nach unseren Befreiungskriegen Frieden eingekehrt. Frieden – welch ein schönes Wort. Wir sehen aber zur gleichen Zeit noch Hunger und Not und viele Männer, die verkrüppelt aus den Schlachten heimkehrten und ungezählte Kinder, deren Väter aus den Kriegen überhaupt nicht mehr zurück gekommen sind.


1816

Für mich beginnt die Zeit der dreijährigen Lehre in der Ausbildung zum Schuhmacher.

Mein Meister hat mir verschiedenes aus früherer Zeit erzählt. Da ging es zwischen den zünftigen Meistern und anderen Leuten, die Schuhe herstellten sowie auch auch den Pantoffelmachern und der Verwaltung, nicht immer so friedlich zu.

So fanden auch in Potsdam Verhandlungen gegen Soldateninvaliden (ausrangierte Grenadiere, gelernte Schuhmacher) statt, die zur Aufbesserung des kargen Lebensunterhalts außerhalb der Zunft Pantoffeln und Schuhe fertigten (als Pfuschgewerbe bezeichnet), oft recht gut und billiger, als bei den regulären Innungs-Schuhmachern. Das wurde beiden Partnern, also den Schuhmacher-Soldaten und den Auftraggebern bei empfindlicher Strafe verboten. Als ich zum ersten Mal Kunde davon bekam, musste ich an meinen armen Vater und seine Collega denken, die sich als Kriegsinvaliden auch irgendwie durchschlagen und ihre Familien ernähren mussten. Gott hab sie selig.


Aus der Zeit, als Friedrich II, der Große, hier König war, ist zum Beispiel solch ein Schreiben mit einer Bitte an den König erhalten, das aber gleich an den Magistrat weiter gegeben wurde.

Hier eine Abschrift dieses Bittbriefes:



Vier Groschen

(Verwaltungsgebühr)


Allerdurchlauchtigster, großmächtigster König

Allergnädigster König und Herr!


(Anmerkung: Das ist zu dieser Zeit, König Friedrich II. von Preußen)



(Anmerkung: Verwiesen ..:) An den Potsdamschen Magistrat, Potsdam den 14. July 1780


Ehrwürdigen königlichen Majestät geheiligten Throne und in tiefster Ehrfurcht zu nahen, siehet sich das Schuhmacher Gewerk hieselbst höchst genothdrungen.

Es hat seit vielen Jahren her, die Fuscherey bey dem Gewerke so überhand genommen, daß wir 87 Meistern, die alle bürgerliche Onera und Abgaben tragen müßen, wenn solches nicht Einhalt geschähet, dadurch völlig ruiniert werden, wie denn die Anzahl der Fuscher, so theils als Soldaten der Garnison, theils (Burschen) von andern Regimenter und theils Ausrangierte an 200 (Personen) betrafet; die sich dann sogar erdreisteten, die Schuhe und Stiefeln frey öffentlich zum Verkauf an die Thüre zu hängen, auch damit hausiren gehen, und einer dem anderen lernet, dadurch das Übel dann immer größer wird. Da nun solches dem VIIIten Articul des uns ertheilten Allergnädigsten Privilegii do dato den 15. Octobr. 1734 schnurstracks zuwider ist; auch durch eine Allerhöchste Cabinets Ordre d. d. den 25. Märtz 1747 abermals solches auf das Schärfste verboten worden, so haben wir uns dieserhalb an unsere Director gewendet, und um Schutz und Beystand unterthänigst gebeten, welcher uns auch versprochen; und da wir bereits für 15 Jahren auf Anrathen des damaligen Commandanten, dem jetzigen Gen. Lieut. v. Moellendorff dafür angerathen, daß dem Leder Händler verboten würde, an keine Soldaten oder Fuscher bey harter Strafe kein Leder zu verkaufen, ist auch damals wirklich befohlen und unter dieser Zeit wieder erneuert worden; so haben wir ebenfals den jetzigen Director gebeten, diesen Befehl auf das Schärfste zu erneuern. Da auf unser dehmüthiges Ansuchen von dem jetzigen Commandanten dem General Major v. Rohdich bey der Parole verbothen worden, daß durchaus keine Schuhmacher Arbeit von dem Grenadier oder Fuscher verfertigt werden solle; wir aber sehen müßen, daß dem ohnerachtet von diesen Fuschern alle Arbeit verfertiget wird, und uns von dem Magistrat durch den Director die Resolution ertheilet worden, daß es sehr unschicklich war, daß uns zu solcher Zeit wegen dem Verbot des Leder Kaufens Hilfe geleistet worden.

Da wir nun auf keine andere Weise dieser Fuscherey Einhalt zu thun wissen, als wenn dem Lederhändler auf das Schärfste befohlen wird, kein Leder anders als an recipirte Meister zu verkaufen – So flehen wir Ehrwürdige Königl. Majestät allerhöchste Landes Väterlicher Huld und Gnade aller-(unterthänigst) an, dem hiesigen Director Egerland allergerechtigst anzubefehlen den geschärftesten Befehl an sämtliche Leder Händler ergehen zu laßen, bey nahmhaffter Strafe kein Leder an Soldaten oder Fuscher zu verkaufen damit wir dadurch bey dem uns ertheilten Allergnädigsten Privilegio geschützet und sämtliche Fuschereyen die zu unser Verderben abzielen, Einhalt geschehe.


So wie wir dann unserm aller dehmütigsten Petito noch hinzufügen, daß den beiden im Königlichen großen Waysenhause befindliche Schuhmacher Meistern, da sie in solchem Hause ihr reichliches Auskommen haben, ebenfals untersaget werde städtische Arbeit zu verfertigen, da unter unseren Gewerke Meistern genug sind, die auf alle Städtische Arbeit renancären würden, wenn sie im Waysenhause angesetzet werden.


Wir getrösten uns einer allergnädigsten Erhörung unser allerdemüthigsten

Bitte und ersterben in tiefster Devotion

Ew. Königl. Majestät


Potsdam, allerunterthänigst

den 12ten Julü 1780 das Schuhmacher Gewerk hieselbst.



Solcher Schriften gibt es noch gar viele in den Archiven. Man erachtete diese des Aufhebens wert? Da erwartet einen wohl nicht immer nur die fachlich interessante Arbeit mit dem Leder.


Am letzten Sonntag im November begehen wir erstmals den „Totensonntag“, um der Opfer der Befreiungskriege zu gedenken.


1817

Der Freiherr von Drais erfindet in Mannheim eine „Laufmaschine“. Er selbst sagt „Draisine“ dazu, damit ein Jeder erkennt, dass er der Vater dieser Maschine ist. Wenn mir doch auch nur mal so etwas Feines einfallen wollte. –

Bei uns hier in Potsdam wird hinter der Heiligengeistkirche oder auch vor der Knochenhauerschen Zichorienmühle, am Ufer der Havel eine Werft für Fultonsche Dampfschiffe eingerichtet. Sehr interessant ist das.

Der bekannte Baumeister Karl Friedrich Schinkel baut nebenan in Berlin das Schauspielhaus. Ein Denkmal, das auf dem Kreuzberge stehen soll, wird nach seinen Entwürfen gegossen. Das Denkmal soll an die Schlachten zur Befreiung von den Franzosen erinnern.


1819, ich werde 18 Jahre alt

Feierlich werde ich von der Lehrzeit los- oder wie man auch sagt, freigesprochen. Der Beginn der Gesellenzeit mit eigenem Verdienste. Gedanken bewegen mich schon lange, auf eine Meisterschaft im Schuhmacherhandwerk mit regulärem Abschluss hinzuarbeiten.

Die Anzahl der Potsdamer Einwohner beträgt derzeitig: 19.620 Personen. Eine kleine, überschaubare, freundliche Sommer-Residenz (sofern man nicht zu den Soldaten in der Stadt gehört – egal ob mit oder ohne Tschingderassabum).


1821

Carl Maria v. Webers Oper „Der Freischütz“ kam jetzt ins Theater. (In Berlin war die Uraufführung am 18. Juli). Ein ganz großer Erfolg. „An allen Ecken“ in der Stadt wird der „Jungfernkranz“ geträllert oder gepfiffen, mal mehr oder mal weniger melodisch – ein wahrer „Gassenhauer“.


1822

Der König (Friedrich Wilhelm III.) kann seinen Obelisken am Eingang des Park zu Sanssouci getrost abbauen. Diese „Hieroglyphen“ sind nichts wert. Keine spannende Textüberlieferung an die Nachwelt. Alles nur Phantasiegespinste. Die wirklichen altertümlichen ägyptischen Schriftzeichen wurden kürzlich – ausgerechnet von einem Franzosen – entdeckt und zwar auf einem Stein, der den gleichen Text in drei verschiedenen alten Sprachen enthält (der Dreisprachenstein von Rosette). So konnte der Gelehrte auch die Bedeutung der Zeichen erkennen und mit der Übersetzung beginnen, ein Zeichen-Wörterbuch aufschreiben.


1824

Aus dem fortschrittlichen England erreicht uns die Kunde, dass dort eine sogenannte Eisenbahn fährt. Die erste der Welt. Gezogen wird eine Reihe aneinander gehängter Wagen von der Locomotion („der Beweglichen“, wie das in deutscher Sprache heißt). Eine Maschine, mit Kohle gefüttert, mit Feuer und Wasser versorgt, die dampfend auf einem eisernen Schienenpaar entlang rollt. Ein Mister Stephenson soll der Erfinder sein.

Herr Joseph Peter Lenné wird Direktor der Königlichen Gärten in Potsdam.


1825

Das Potsdamer Bassin am Holländischen Viertel wird verkleinert und die Insel erhält einen Baumschmuck. Für die Havelüberquerung entwarf Schinkel eine neue gusseiserne Brücke, die „Lange Brücke“, die ihre Vorgängerin ablöst. Ein Prachtstück. Kenner haben das nicht anders erwartet. Unweit des Wildparks soll inmitten der Streusand-Ackerflächen anstelle des Gutshauses der Maria Charlotte von Gentzkow ein Wohnschloss für den Kronprinzen Friedrich Wilhelm entstehen.

Einen „Spiegel aus aechtem Glase“ (also wirklich kein polierter Metallteller) hat der russische Zar Alexander I. unserem König geschenkt. Wie man hört, soll man darin ganz fabelhaft aussehen. Zumindest ganz genauso deutlich wie man hineinschaut soll einem das Ebenbild entgegensehen – aber natürlich auch hierin alles seitenverkehrt. Der erste Glasspiegel in Potsdam. Wir können da leider nicht probegucken.

Herr Kremser macht in Berlin einen Pferde-“Bus“-Betrieb auf.


1826

Der König gab im April dieses Jahres dem Hauptmann Snethlage, Kommandeur der Garde-Pioniere den Auftrag, im Norden der Stadt Potsdam, gen Bornstädt, also ein Stück weit vor dem Jägertore, eine Blockhauskolonie nach russischer Manier zu errichten. 12 Häuser mit Gärten und einer Kapelle nebst Popenhaus sind vorgesehen. Die gärtnerische Gestaltung des Umfeldes wird Peter Joseph Lenné übertragen. Die Anlage wird dem Gedächtnis des im Vorjahr plötzlich und in jungen Jahren verstorbenen Zaren Alexander I. dienen und deshalb Colonie Alexandrowka benannt werden. Nach der Fertigstellung sollen dort russische beweibte Sänger einziehen, das sind vormalige gefangene, nun aber freie und zivile Soldaten. Das orthodoxe Gotteshaus will man dem Heiligen Alexander Newski weihen.

Karl Friedrich Schinkel bearbeitet die Planung eines Wohnschlosses am Jungfernsee für den Prinzen Carl, nahe dem Jagdschloss Glienicke, das aber jenseits der Neuen Königstraße, am Tiefen See der Havel liegt.



(Aus einem Zeitungsartikel über das Herstellen feiner englischer Schuhe - ohne nähere Angabe zur ursprünglichen Quelle):


Ein kurzer Blick auf das Werden eines Schuhes.

Was als Haut von dem Rind oder dem Schwein übrig bleibt, nachdem seine Koteletts verzehrt worden sind, wandert schließlich in die Tanninbottiche der Gerbereien und erscheint mild glänzend vor den Augen des Zuschneiders.

Diese Haut zeigt alle Stationen der Tierbiografie auf. Man kann das Leder wie ein Buch lesen:

Diese feinen konzentrischen Ringe sind eine Art Wachstumsringe, die Zeugnis von der Entwicklung des Tieres belegen.

Andere Linien, dem Verlaufe von Flüssen auf Landkarten gleichend, bezeichnen die Adern, durch die das Blut gepumpt worden ist. Kleine Punkte, die die Farbe nicht so recht angenommen haben, sind die Spuren saugender Quälgeister, wie Bremsen und Zecken.

Um die Gelenke herum ist das Leder dehnbar, am Rücken ist es fest. Das Rückenstück ist das glatte, ebenmäßige Leder.

Der Zuschneider greift zur messingumränderten Oberleder-Pappschablone und zieht zügig das Krallenmesser um diese herum. Die rundliche Form des ausgeschnittenen Teils löst sich wie ein Lappen aus der Tierhaut.

Schuhe gehören zu den ältesten Bekleidungsstücken des Menschen. Schuhe, diese komplizierte Arbeit, ist dann recht erkennbar, wenn das Oberleder noch nicht mit der Sohle verbunden ist, so blättern sich die einzelnen Lagen, die unter der polierten Oberfläche ruhen, auf, wie damals die vielen Unterröcke einer Dame.

Neben dem Schuhkünstler steht auf dem Schemel brodelnd heißes Bienenwachs im Topf. Seinen Faden zwirbelt sich der Meister aus Wildschweinborsten und doppeltem Zwirn. Mit der Ahle sticht er Löcher durch das Leder. .... und so weiter ... an dieser Stelle bricht leider der Bericht ab.



Unsere Heiligengeistkirche feiert in diesem Spätherbst ihr einhundertjähriges Bestehen. Deshalb lade ich euch ein, zu einem Blick und Rückblick auf unser kirchliches Stammhaus, Die Heiligengeist – Simultankirche zu Potsdam:

Ich will die Antwort auf die ewig junge, wenn hier auch noch nicht gestellte Frage gleich vorweg nehmen. – Simultankirche bedeutet, dass die Geistlichen sowohl der lutherischen, als auch der französisch reformierten Lehre in diesem Gotteshaus gleichberechtigt die Gottesdienste feiern, Gottes Wort verkünden dürfen, bis man sich 1876 endlich auf eine uniierte evangelische Kirche einigen wird.

Im Jahre 1723 erhielt der Ingenieur-Kapitän Pierre de Gayette den Königlichen Auftrag zum Entwurf und für den anschließenden Bau der Kirche.

Die Kirche sollte einen exponierten Standort erhalten. Man wählte als Baustelle jene Fläche, an der sich bereits vor über 700 Jahren die alte slawische Wohnanlage in dem schützenden Burgringwall auf einer vorgelagerten Insel im Havel-Strome befand. Ein altes Siedlungsgebiet, das in dieser Form etwa bis zum Anfang des 13. Jahrhunderts bestand. Später drehten sich dort länger als 200 Jahre die Flügel von Windmühlen. Das spätere Amts- und Vorratshaus, namentlich für Getreide aber auch mit dem Weinkeller, aus der Zeit des Großen Kurfürsten stammend, stand auch auf dieser Bauparzelle.

1722 war diese Insel durch Aufschüttungen in das Festland einbezogen und die Örtlichkeit vermittels der nun angelegten Burgstraße mit der Bebauung um den Markt und das Schloss verbunden worden.

1726 errichtete man den Saal-Bau mit je zwei umlaufenden Emporen, nachdem das alte kurfürstliche Amtshaus abgetragen war. Mauerziegel für die Kirche und ihren späteren Turm, kamen aus Rathenow von Witte, aus der Ziegelei in Plaue bei Brandenburg, aus Mötzow am Beetzsee nahe Brandenburg und auch aus Glindow bei Werder, von Kähne und vielleicht mögen es noch mehr gewesen sein.

Das Geschichtsbuch berichtet: "Anno 1726, den 10. Novembris, als am 21. Sonntage nach Trinitatis, hat Cristian Ludwig Lipten, erster reformierter Prediger, an dieser neufundirten Heiligengeist-Kirche, auf allergnädigsten Speciellen Befehl seiner Königlichen Majestät, vormittags die erste oder Einweihungspredigt halten müssen. Es geschah dieser actus bey Hoher Gegenwart seyner Königlichen Majestät (Friedrich Wilhelm I.), des Fürsten von Anhalt-Dessau und anderer Hoher Personen.“

Erst anschließend, in den Jahren 1726 bis 1728 wurde der etwa 86 m hohe Kirchturm nach dem Entwurf und den Berechnungen von Johann Friedrich Grael an den Saalbau gefügt.

1730 baute man eine Orgel des Berliner Orgelbaumeisters Johann Joachim Wagner ein.

Am 08. May 1747 wird auf dieser Orgel Johann Sebastian Bach ein Konzert geben – einen Tag nach seinem Besuch beim König (inzwischen wird das Friedrich II. sein). Gern hätte er mit seiner Anwesenheit und seinem Können den Ruf der Stadt Potsdam geschmückt und in alle Welt hinausgetragen. Allein, der König hielt eine hiesige Anstellung dieses begnadeten Komponisten für überflüssig. Er komponierte selber.

So ging denn Bach nach Leipzig und erhielt dort Brot und den Ruhm für seine Leistungen. Diesen Schmuck also hätte auch Potsdam haben können.

Das Prediger-Doppelhaus in der Burgstraße kurz vor der Heiligengeist-Kirche, erbaute 1782 Georg Friedrich Unger, ein Schüler des Carl v. Gontard.


Weiter nun im 1826-er Jahr:

Großes weihnachtliches Staunen. Bei Herrn Schulrat Carl Christian Wilhelm v. Türk, er wohnt in Klein Glienicke, steht eine so genannte „Weihnachtstanne“ in der Guten Stube. Hat die Welt so etwas schon mal erlebt? Keine hölzerne Pyramide, kein kleines Buchsbaum-Töpfchen, nein, eine große Tanne aus dem Walde, über und über geschmückt! Da dürfen alle Neuigkeitsdurstigen einmal zum Fenster hineinsehen und sich an der Scheibe die Nasen platt drücken. Auf dem Markt bei St. Nikolai werden Nüsse, Äpfel und anderes, auch Zuckerwerk verkauft. Manche können sogar eine der Weihnachtsgänse erwerben, die zum Beispiel in Beelitz gemästet werden. Am Canal kauft man den Fisch aus den Holzbottichen, lebendig, ganz oder auch geteilt – aber frisch ist er immer. Im eiskalten Winter sitzen die Fischweiblein, in den Kufen, den halbhohen Holzbretterboxen, die ein wenig vor dem kalten Winde schützen – zumindest unten herum. Zum Fest erfreuen umherziehende Singekinder die Leute und nach der Bescherung gibt es Mohnpielen oder Kartoffelsalat und jener mit Heringshäppchen verfeinert – ein Festmahl.


1827

Aus Frankreich dringt die Kunde zu uns, dass man jetzt die Seitenkrankheit des rechten Bauchraumes, an der immer wieder Leute sterben, medizinisch behandeln kann. Man müsse nur den Bauch aufschneiden und mit dem scharfen Messer vom Gedärm das „Blindstück als Wurzel allen Übels“ herausschneiden. Bloß! Den Bauch öffnen. Ha! Das wird bei uns doch als Todesurteil angesehen und wie soll jemand diese schrecklichen Schmerzen freiwillig ertragen? Bisher zumindest starben alle Soldaten mit geöffneter Bauchhöhle qualvoll.


1829 zeigt der Kalender

Neues von mir: Vor geraumer Zeit habe ich das Fräulein Keilbach kennengelernt. Sie heißt mit Vornamen so wie meine kleine Schwester, Caroline, ist mir vertraut, wird zu meinem Lebensmittelpunkt, ist dessen Inhalt, so wie sein Ziel. Kurz: Es lässt sich recht gut mit uns an.


Mein kleiner zukünftiger Schwager Carl, also der jüngere Bruder meiner Braut, hat jetzt seine Lehrzeit beendet und erhält nun seinen Lehrbrief, ist somit Geselle im ehrbaren Pantoffelmacherhandwerk. Das ging dann doch ein Jahr schneller, als ursprünglich vereinbart. Eigentlich sollte er fünf Jahre im Lehrstand verbringen. Ich ahnte gar nicht, dass es so viel am Pantoffel zu lernen gibt. Für den Lehrherrn und die „Meisterin“ ist solch eine Zeitregelung aber eine gar praktische Sache.



Lehrbrief für den

Pantoffelmachergesellen

Carl Keilbach aus Potsdam

Potsdam, 6. Juli 1829


Wir, Assessor und Altmeister des Pantoffelmacher-Gewerks in der Königlichen Preußischen Residenz-Stadt Potsdam, bekennen hiermit, daß Vorzeiger dieses, Carl Keilbach, aus Potsdam gebürtig, vier Jahre hintereinander, nemlich vom 1. Juli 1825 bis dahie 1829, die Pantoffelmacher-Profession bei dem hiesigen Pantoffelmacher-Meister und Mitglied unseres Gewerks Herrn Amendt, gehörig erlernt, sich darin die erforderliche Geschicklichkeit erworben, auch sich während der Lehrzeit treu, fleißig und redlich, sowohl gegen seinen Lehrherrn, als auch sonst gegen Jedermann betragen hat.

Wir ertheilen ihm daher diesen Lehrbrief unter unserem Gewerksiegel und ersuchen einen Jeden, dem er vorgezeigt wird, besonders unseren Gewerksgenossen, demselben völligen Glauben beizumessen und dem Carl Keilbach überall zu seinem Fortkommen behülflich zu sein, welches wir in ähnlichen Fällen zu erwidern bereit und willig sind.


So geschehen Potsdam, 6. Juli 1829


Assessor und Altmeister des Pantoffelmacher-Gewerks


Gobbin Gewerks- gez. Wuschetzky gez. Hase

Siegel


Anmerkung von Chris Janecke: Der Lehrbrief war aus mir unbekanntem Grund nicht dauernd in den Händen des Carl Keilbach. Dieses oben gezeigte Schreiben wird als Original im Stadtarchiv Potsdam aufbewahrt. Der Lehrbrief ist auf dickem, weichen handgeschöpften Papier („Löschpapier“) gedruckt, die Ränder des Bogens sind „grob-glatt“. Das Format beträgt 34 x 21 cm.


Carl Keilbachs Lehrmeister Johann George Ludewig Amendt kam aus Brandenburg (dort geboren) nach Potsdam eingewandert.

Der Altmeister Wuschetzky. Er hat ebenfalls ein trauriges kindliches Schicksal erlebt, wuchs bis zum 14. Lebensjahr im Militärwaisenhaus auf. Hernach hatte er als junger Bursche seine Lehrzeit im Pantoffelmacherhandwerk bei Meister Schröder durchlaufen und am 28. Juni 1784 seinen Lehrbrief erhalten.


Und auch ich tat wieder einen guten Schritt vorwärts:

Am Dienstag den 15. September 1829 bestand ich meine Schuhmacher-Meister-Prüfung im Alter von 28 Jahren. Die Vorschrift forderte:



Meisterstücke für Schuhmacher, welche für Mannspersonen arbeiten wollen:



Will der künftige Meister für Frauenzimmer tätig sein, so hat er anzufertigen:


1 Paar Reitstiefel

1 Paar Mannsschuhe nach der Mode

1 Paar Mannsstiefel von Saffian



1 Paar Frauenschuhe

1 Paar Frauenpantoffeln von feinem Leder


Will er für beide Geschlechter arbeiten, so muss er beide Arten der Prüfstücke vorlegen.



Also, ich hatte diese letztere Kategorie und somit beide zu beachten. 10 hübsche Schuhe, auf Hochglanz gewienert, baute ich vor den Prüfungsmeistern auf. Diese Prüfmuster wurden dann eingehend beäugt, gedreht und gewendet und eingehend befühlt, über sie gesimpelt. Und das letztendlich mit gutem Erfolge.

Nun darf ich auch daran denken, in Bälde einen eigenen Hausstand zu gründen, das heißt nun als Meister vor gedachte Schwiegereltern treten und um die Hand der auserwählten Caroline bittend anzuhalten. Es kommt dann für die Ältern ja nicht überraschend, denn Carolinchen hat bei ihnen natürlich bereits „vorgearbeitet“, um mir diesen offiziellen Schritt zu erleichtern.


In Berlin öffnet das erste öffentlich Museum der Welt, eine Ansammlung von Altertümern.

Im Berliner Lustgarten vor diesem Museum wird als Schmuckgegenstand eine mächtige rote Granitschale bearbeitet, deren ursprünglicher Gesteinsblock 1.400 Zentner wog. Der Schale gaben die pfiffigen Berliner schon einen Scherznamen: „Die Badewanne“. Die Bauarbeiten leitet gemäß den Entwürfen von Schinkel, der Bildhauer Daniel Christian Rauch.

Alexander v. Humboldt, der vor geraumer Zeit gerade vom Erforschen des amerikanischen Erdteils nach Potsdam zurückkehrte (er wohnt wieder im Stadtschloss, Nordflügel), bereist nun bald im Auftrag und auf Wunsch des Zaren aller Russen, das sibirische Gebiet. Eine wahre Unrast.

Der Dichter Heinrich Heine hat sich in unserer Stadt niedergelassen. Er wohnt beim Handschuhmacher Witte, Hoher Weg 12.



1830

Jetzt endlich ist es soweit. Heute, am Montag den 19. Juli, heiraten wir:

Johann Friedrich Sommer und Caroline Wilhelmine Charlotte Keilbach.

Das kam in der Vorbereitung aber nicht so plötzlich, wie es hier den Anschein erwecken mag. Unsere Hochzeit als Luisenbrautpaar ist gleich in zwei Kirchenbüchern niedergeschrieben worden. Das ist was ganz Besonderes. Hätten das doch meine Eltern noch miterleben dürfen: Offiziell stehen wir im Buch der Hof- und Garnisonkirche (Breite Straße), in der wir vorhin getraut wurden aber auch in unserer „Heimatkirche“, die entsprechend unserer künftigen Wohnadresse, St. Nikolai, ist. Im Kirchenbuch, Nr. 34a, auf Seite 81/1830 steht es festgeschrieben. Gott sei uns gnädig und segne uns. Amen.

Ich bin jetzt 29 Jahre alt und Caroline zählt 21 Lenze. Geboren wurde sie in der Potsdamer Friedrichstraße, am Freitag, den 24. Februar 1809. Sie wurde am 05. März 1809 in der Heiligengeistkirche zu Potsdam von Herrn Prediger Klötz getauft (KB No. 14 / 1809). Die Taufpaten waren 1. Herr Wietz, 2. Herr Voigt und 3. Jungfrau Wutschetzky (des Pantoffelmachers Tochter). Carolines Vater ist der Pantoffelmachergeselle Gottfried Joseph Keilbach und die Mutter, die ebenfalls Caroline Wilhelmine heißt, ist eine geborene Großkopf. Meine Caroline wohnte also bisher schon immer in Potsdam:

Nach der Hochzeit werden Caroline und ich im Laufe der Jahre elf Kinder haben. (Das wissen wir aber im Moment noch nicht). Auf jeden Fall sollen es die Kleinen einmal besser haben, als wir Sommer-Geschwister es als Waisenkinder erleben mussten. Caroline, die heiß Geliebte, wird trotz ihrer Jugend auch bald mütterliche Frau sein und eine gute Kameradin ist sie ja jetzt schon.

Wie aber kam es zu der obigen Anmerkung, dass wir als „Luisenbrautpaar“ heiraten, wird sich Mancher fragen – und was will dieser Umstand bedeuten? Also das ist so:

Königin Luise, damalige Ehefrau des Königs Friedrich Wilhelm III., hatte in ihrem letzten Lebensjahr den Wunsch, die von Herrn Bischof Dr. Rulemann Eylert in der Hof- und Garnisonkirche Potsdam gehaltenen Predigten gedruckt zu besitzen. Ehe ihr dieser Wunsch erfüllt werden konnte, schloss aber auch sie, viel zu früh, mit 34 Jahren, am 19. Juli 1810, auf dem väterlichen Schloss Hohenzieritz (Mecklenburg-Strelitz) für immer die Augen. Es war ähnlich wie in unserer Familie, nur das der Familienvater, ihr Gemahl, noch lebt und viel reicher ist, die Regierungsgewalt über das gesamte Preußenland besitzt. Zu Königin Luises Andenken ließ der König die Predigten dann tatsächlich gedruckt herausgeben und verwendete die Verkaufserlöse für die „Stiftung Luisen-Denkmal“. Diese Stiftung soll folgenden Zweck erfüllen: „Zur Ehrung des Andenkens der verewigten Königin Luise von Preußen werden alljährlich an Ihrem Todestage, dem 19. Juli, ausgewählte unbescholtene Mädchen, die in kindlichem Gehorsam sittenrein und unschuldig leben, die sich ferner durch besonders gute Führung und längere Dienstzeit bei ihren Herrschaften ausgezeichnet haben, sofort im Anschluss an die Trauung von den Zinsen der Stiftung einen Beitrag (in Höhe von 100 Talern) zur Ausstattung des künftigen Hausstandes und zur Beförderung des ehelichen Glücks erhalten. Über die Auswahl der Mädchen hat der „Familienrat“ zu entscheiden.“

Dieser „Familienrat“ (er hat nichts mit dem Elternhäusern von Braut und Bräutigam zu tun) setzt sich derzeitig zusammen aus:

Eine illustre Gesellschaft von etwa 16 Leuten also, die vor dem Beginn der Ehe (auch auf Grund von Aussagen Anderer) eine wichtige Entscheidung treffen, denn diese Ehre für den jungen Hausstand und auch die 100 Taler mehr in der sonst eher schmalen Haushaltskasse, wiegen schon recht schwer. (Und wir haben diese – am meisten wohl durch Caroline – verdient und sogar erhalten).

Die Trauungen erfolgen in Gegenwart des Familienrats in der Hof- und Garnisonkirche und zwar möglichst in der Sterbestunde der verewigten Königin, am Vormittag ab 9.00 Uhr. Am Sterbetag der Königin tragen die Bräute selbstverständlich schwarze Hochzeitskleider, was ja aber ohnehin nicht ungewöhnlich ist. Die Trauungen werden stets unter großer Anteilnahme der Stadtbevölkerung vollzogen.


Einige Bemerkungen zur Hof- und Garnisonkirche:

An der etwas sumpfigen Plantage baute man vor Zeiten eine Fachwerkkirche, die am Neujahrsfeiertag 1722 geweiht wurde. Jedoch trug der feuchte, morastige Untergrund das Bauwerk nicht zuverlässig. Bereits bald neigte sich der Turm, so dass dieser Potsdamer Garnison-Kirchenbau vorsichtshalber bereits im Jahre 1730 wieder abgetragen werden musste.

Die Militär-Seelsorge erhielt jedoch bald eine neue Wirkungsstätte: Nach rasanter Bauzeit konnte der Neubau, von Baumeister Philipp Gerlach (1679–1748) sorgfältig geplant und von Feldmann pfahlgegründet und schwer gebaut, dem König übergeben werden. Die Weihe der neuen barocken Kirche fand bereits am 17. August 1732 statt. Eine grandiose Leistung!

Die Hof- und Garnisonkirche bietet mehr als 3.000 Sitzplätze (einschließlich des Gestühls auf den beiden umlaufenden Emporen), außerdem notfalls Stehplätze. Sie besitzt eine Orgel aus der Berliner Werkstatt des Johann Joachim Wagner (1690–1749). Der über 88 m hohe Turm, zu dessen Spitze 365 Stufen hinaufführen, wurde erst 1735, also nachträglich angesetzt. Im Erdgeschoss beträgt die Mauerdicke des Turms acht Meter(!). Der Turm erhielt eine niederländische Glockenspielanlage von Jan Albert de Grave (1666–1734) mit vorerst 35 Glocken, die später vom Amsterdamer Glockengießer Arnoldus Casseboom um fünf Glocken erweitert wurde. Diese fünf Bass-Glocken goss der Berliner Johann Paul Meurer. Die 40stimmige Glockenanlage kann sowohl von einem Glockenisten per Hand betätigt aber auch mit Hilfe einer Spielwalze Melodien ertönen lassen. Die Glockenanlage allein kostete circa 12.000 Taler. Alle halbe Stunden erklingen im Wechsel „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehre“ (Worte: Joachim Neander, Weise aus Halle 1741) und „Üb’ immer Treu und Redlichkeit, bis an dein kühles Grab … “ (Melodie von Amadeus Mozart).

Unter der marmornen Kanzel befinden sich in einer Krypta die Ruhestätten, der Könige Friedrich Wilhelm I. und Friedrich II., im Tode nun friedlich benachbart, obschon es zu Lebzeiten des Letzteren anders befohlen war, seine sterbliche Hülle zu betten.


Nun weiter mit dem Jahre 1830:

Angehörige des Maurergewerks striken wegen der schlechten Arbeitsbedingungen.

Aus England kommt eine künstliche Schreibfeder aus ganz besonderem dünnen, biegsamen Eisenblech. Es könnte sein – sie wird sogar den Gänsekiel bald verdrängen.

Am 03. September wurde von der Majestät im Beisein von Herrn Schinkel feierlich der Grundstein für die neue Nikolaikirche gelegt (die vorige mit dem hochbarocken Portal war ja wie wir wissen 1795 abgebrannt). Aus Kostengründen wird sie aber nicht von der gedachten Kuppel gekrönt, sondern wie ein Theater mit einer Sattelkonstruktion überdacht.

Die Druckerei Gustav Kühn in Neuruppin und andere dort ansässige Druckereien geben zur Erbauung und Belehrung ständig farbige Bögen mit Bildgeschichten heraus. Eine nette Bild-Zeitung.


Wir sind nicht die ersten und einzigen Sommers in Potsdam. Zwar tritt dieser Name nicht allzu häufig auf aber diesen Namen gab es bereits (spätestens seit 1640) in der Stadt. Der jetzige Hofbuchdrucker-Meister trägt den gleichen Namen. Es nimmt uns aber auch nicht sonderlich Wunder – kommt er (der Sommer) doch sowieso alle Jahre wieder.


1831

Die gefürchtete Cholera ist im Anzug!

Die Havel führt ausgangs des Winters und im Frühjahr Hochwasser. Nicht nur Wiesen sind überschwemmt, sondern auch in vielen Potsdamer Kellern steht das Schmutzwasser. Eine Gelegenheit für Epidemien, sich leichter auszubreiten. Der Wohltätigkeitsverein, den Herr Wilhelm v. Türk gegründet hatte, versucht durch das Spenden kräftiger Nahrung, den Kindern, geschwächten Kranken und armen gebrechlichen Alten zu helfen. Vom

27. September bis zum 07. November sind alle Stadtzugänge abgesperrt. Der Hof hat ja um den Park Sanssouci einen Bretterzaun errichten lassen, auf dass die Krankheit nicht hindurch komme. In vergleichbarer Weise wurden das Militärwaisenhaus und verschiedene Häuser von Reichen geschützt. Man wendet fleißig Essig- und Chlordämpfe an. Die Menschen werden auf einen Stuhl gesetzt und darunter Essigwasser erhitzt. Auch die Kleidung und hereinkommende Postsachen werden erhitzend behandelt. Der König reiste lieber nach Charlottenburg aufs Land. Die Prinzessinnen und Prinzen jedoch sind in Sanssouci, in Gouvernanten- und Lehrerobhut mit einem medizinischen Hausarrest belegt. Wir hingegen können außer der peinlichen Sauberhaltung kaum mehr tun. Viele Menschen sterben an der Cholera, so auch der 71jährige Feldherr August Neidhardt v. Gneisenau (1760–1831) am 23. August. Was in Kriegen nicht gelang, die Cholera schafft es leicht. (Bitte nie verwechseln! Cholera schafft Krankheit – Chlor wirkt gegen diese (also bitte nicht versehentlich „Chlorea“ sagen). Es ist nicht das Gleiche, selbst wenn die Worte so ähnlich sich doch sehen.

Reinlichkeit ist bei uns oberstes Gebot, denn auch mit den vielen zu reparierenden Schuhen, die woüberall hinein traten, könnte die Krankheit leicht eingeschleppt werden. Und trotz dieses Wissens kann und darf ich diese nicht in heißem Essigwasser baden!

Am 18. Oktober wird im Neuen Palais zu Sanssouci ein Prinz geboren. (Es ist der spätere Kaiser Friedrich III.).

Unser erstes Kind, unser Friedrich I. (mit den weiteren Beinamen Karl Johann), also unser persönlicher Prinz, wird nur wenig später, am 13. November 1831, früh, gegen 9 Uhr geboren. Allerdings nicht im Neuen Palais, sondern mitten in der Stadt und nicht hinter einem fest gefügten Bretterzaun, sondern mit viel Liebe und Sauberkeit umgeben. Getauft wird er am 25. November von Superintendent Ebert. Die Taufpaten sind: 1. Herr Großkopf (Carolines Vater), 2. Herr Schulze, 3. Herr Schirmer, 4. Frau Schröder, 5. Frau Marie Luise Auguste Kästen, geborene Iscler, (die Frau des Königlichen Hofbuchbindermeisters Johann Friedrich Samuel Ferdinand Kästen / Kaesten, wohnend in der Scharrnstraße 2) und

6. Jungfrau Winter. Alles notiert im dicken Kirchenbuch der Nikolaikirche, Blatt 225, Nr. 194 / 1831.

Natürlich haben auch wir um uns und unser kleines Kind zu dieser Zeit große Sorgen wegen der grassierenden Cholera. Nur einen Tag nach der Geburt unseres Friedrich, am 14. November, stirbt auch der große Philosoph Hegel an dieser schrecklichen Seuche.

Die Zukunft weiß, dass wir alle gesund bleiben.


Die Einwohnerschaft von Potsdam zählt in diesem Jahr 23.760 Seelen.

Zwischen Potsdam und Glienicke wird eine schöne neue Brücke errichtet, die den Havel-Strom überspannt. 10 Bögen auf Pfeilern aus rotem Backstein gemauert, (und solches auch tief unter der Oberfläche des Wassers) werden die 173 Meter Länge überbrücken. Der Name des mit dem Bau Betrauten wird euch schon geläufig sein; baut doch Karl Friedrich Schinkel die meisten Regierungsaufträge. Schon vor der Maurerarbeiten eine grandiose Leistung –erst schon im Kopf und dann auf dem Papier. Ob ein großer König das auch so könnte – darüber laut nachzudenken hüt' ich mich recht fein, denn es müsst' wohl gottgegeben sein.


1832

Im Frühjahr stirbt Johann Wolfgang v. Goethe in Weimar und auch sein Freund, der Komponist Zelter im nahen Berlin.

Die weithin sichtbare Telegraphie hält Einzug. Eine winkbare mechanische Apparatur steht in den Potsdamer Ravensbergen. Die Bergkuppe heißt jetzt demnach: Der Telegraphenberg. Zwischen Berlin und Koblenz benötigt am Tage eine Nachricht nur 10 Minuten, wenn der Wettergott es günstig meint. Vergleichen wir das mal mit der Reisezeit der Postkutsche. Ja, unsere neue Zeit bringt doch grandiose Umwälzungen. Aber die Ereignisse überschlagen sich. Einige Zeit später entwickeln die Herren Gauß und Weber einen Telegraphen ganz ohne Blickkontakt funktionierend, wohl aber mit der Übertragung der Worte durch einen Draht. Schickt man zur gleichen Zeit einen Boten mit der Nachricht und leitet dieselbe durch einen hauchdünnen Draht, so wird Erstgenannter keine Chance haben – etwa so wie beim Wettlauf zwischen dem Hasen und "dem" Igel. Allerhand des Neumodischen. Die Schuhe werden aber wohl immer von meisterlicher Hand gefertigt werden müssen, für jeden der doch oft so recht unegalen menschlichen Füße. So etwas wird keine Maschine können!


1833

In der neuen Parkerweiterung von Sanssouci entsteht eine ebenfalls neue Anlage der Lustbarkeit „Die Römischen Bäder“. Na gut, manchmal wäre es mir lieb – hätten wir auch mehr, denn unsere Waschschüssel. Den Zuber vielleicht, einen Bottich. Aber jene Bäder sind nur zum Protz und zum Ansehen, sagt man. (Später erfahren wir, dass darinnen tatsächlich kein einziger Mensch je ein Reinigungsbad genommen hat). Schade drum.

Bei Nowawes am kahlen Babertsberge entsteht ebenfalls ein Schloss. Hier für Prinz Wilhelm, dieses nach dem englischen Tudor-Geschmacke. Alles Schinkel und Lenné.


Unser zweites Kind ist Caroline Marie Bertha, geboren nach einem sonnigen Herbsttag, dem 08. Oktober 1833, abends um 9 Uhr. Die Heilige Taufe erhält sie am 10. Oktober in der Nikolaigemeinde von Herrn Oberpfarrer Ebert. Die Paten sind: 1. Herr Schirmer (ein besonders guter Name für einen Paten), 2. Herr Brozki, 3. Herr Böhlicke, 4. Frau Kästen*,

5. Jungfrau Winkler und 6. Jungfrau Winter. Alle wollen für Marie da sein. Das alles ist fixiert im Kirchenbuch auf Blatt 73, Nr. 227 / 1833.

Anmerkung zur Patin Frau Kästen: Ihr Mann, A. Otto Kästen (geb. in Potsdam 19. Juni 1814) ist Hof-Buchbindermeister. Er hat gute berufliche Beziehungen zum Hof-Buchdruckermeister Sommer. Der Familie Kästen gehört das Haus Blücherplatz 7. Das ist genau jenes Haus, in dem wir von 1842 bis 1849 wohnen werden.


1835

In England gehört es inzwischen schon fast „zum guten Ton“, einmal mit der Eisenbahn gefahren zu sein. Die Ärzteschaft ist sich aber wohl noch uneins darüber, ob der Mensch es aushalten könne mit dieser noch nie da gewesenen Geschwindigkeit von 6 Meilen in der Stunde (etwa 40 km/h) durch die Landschaft zu sausen, ohne dass Schwindel einsetzt, die Atemluft stockt oder auch einsetzender Wahnsinn zu befürchten sein müsse.

Bei uns, also genauer zwischen Nürnberg und Fürth, es ist ja immerhin Ausland, soll es demnächst auch schon soweit sein, dass eine Locomotion diese knappe Meile in kürzester Zeit durchmisst, für die der rüstige Wanderer eine Stunde des Fußmarsches benötigt.

Doch zurück nach Potsdam. Das Militär braucht schon wieder mehr Platz. An der Stadtmauer, vor dem Brandenburger Tor, errichtet der Baumeister Hampel für die Ulanen-Leibgendarmerie eine Kaserne aus roten Backsteinen.


Wir wohnen in einem der Häuser des holländischen Viertels, in der Kreuzstraße No.11. Dem Blick aus dem Hause nach rechts bietet sich das Bassin mit der Gloriette.

Unser Söhnchen Gottfried Franz Simon wurde im erstgenannten Gebäude geboren, am 07. Dezember, war aber zum Leben zu schwach. Den 13. Dezember gab ihm Herr Superintendent Ebert die Nottaufe. Die Paten waren: 1. Herr Großer, 2. Frau Gürtler (Grütter?), 3. Jungfrau Keilbach. Der kleine Gottfried verließ diese Welt bereits noch am gleichen Tage. (35. Taufe Nikolai: KB Blatt 201, Nr. 312 / 1835, Sterbeeintrag, Blatt 73, Nr. 249 / 1835). Gott habe ihn selig. Unauslöschlich wird unser eigen Fleisch und Blut in unserer Erinnerung bleiben.


1837

Inzwischen richten wir uns mit unserem Hausrat in einer Wohnung in der Mittelstraße, also gleich um die Ecke, ein. Auch wir benötigen mehr Raum.

Das vierte Kind in unserer Familie ist Wilhelm Franz Gustav Sommer. Am 02. Februar, früh gegen 7 Uhr ertönte sei erster Schrei im Schlafgemach und den 21. Februar taufte ihn Pastor Stöner von unserer Sankt Nikolai-Gemeinde. Als Gevattern hatten wir geworben:

1. Herrn Schirmer, 2. Herrn Keilbach, 3. Frau Amendt (die Frau des Pantoffelmacher-Meisters) und 4. Jungfrau Scherf. KB-Taufen: Blatt 279, Nr. 31 / 1837.


Zwischen Nowawes und Stolpe wird hoch über der Havel die Kirche Nikolsko(j)e gebaut, nachdem dort schon 1819 ein Blockhaus für den Zaren und unsere ehemalige Prinzessin Charlotte, seine Ehefrau, errichtet war.

Unsere neue Nikolaikirche – Ein großes Fest! Das Aussehen der alten Barock-Kirche mit der Schaufassade von Georg Wenzeslaus v. Knobelsdorff ist uns von Bildern noch gut bekannt. Sie war eine verkleinerte Kopie der Kirche Santa Maria Maggiore, die in Rom steht. Im Jahre 1795 brannte dieses Gotteshaus ab. Ich erwähnte es bereits.

Der Grundstein für die neue Kirche wurde am 03. September 1830 gelegt. Nach siebenjähriger Bauzeit gilt die Kirche, nach einem Entwurf von Karl Friedrich Schinkel, unter der Bauleitung von Ludwig Persius, nun als beendet. Nach Schinkels Ideen sollte es ein etwas kleinerer Petersdom werden, wie man ihn auf Gemälden aus Rom sieht. Doch dazu reichte das Geld nicht. So erhielt die Kirche vorerst ein Satteldach, was wohl Schinkel starke Bauchschmerzen bereitete, weil sie eher an ein Theatrum erinnert, denn an eine Kirche. Die Weihe wurde am 17. September 1837 durch den Generalsuperintendenten der Kurmark, Herrn Pfarrer Dr. Neander vollzogen. Man konnte jedoch Gottes Wort, durch ihn vertont, nicht so gut verstehen, da sich seine Worte im Raum verzerrten und verloren gingen. Sehr verärgert soll der König gewesen sein und Schinkel zu Tode entsetzt, ja gebrochen, dass er diese Misstönung nicht schon vorher auf dem Papier zu „hören“ vermocht hatte.

Und zu allem Übel kehrt auch die Cholera noch einmal zurück in unsere Heimat.

Damit ihr an der neuen Kirche so recht teilhaftig werden könnt, zeige ich euch nachstehend die Blätter mit dieser Festschrift:




Das ist eine Abschrift der im Jahre 1837 gedruckten Festordnung zur Weihe der neu erbauten Nikolaikirche in Potsdam.

Diese liegt im Kirchenbuch der St. Nikolaikirche zu Potsdam in den Aufzeichnungen

"Aufgebotene und Getraute" des Jahres 1837.

Eine Kopie des Kirchenbuchs auf Microfiches befindet sich im

Evangelischen Zentralen Kirchenbuch-Archiv Berlin, in der Microfich-Gruppe 24672.


Anmerkung: Die Kopie des Druckes war bezogen auf den "Schlussgesang" in verschiedenen Zeilen nicht eindeutig lesbar. Diese Zeilen, in denen Text-Unklarheiten auftraten, sind mit ** gekennzeichnet.

Die hier vorliegende Abschrift fertigte Christoph Janecke, Potsdam, im September 2016.





Kirchliche Fest-Ordnung

bei

der Einweihung der Nikolai-Kirche

zu Potsdam

am siebzehnten September 1837



––––––––––



Das Fest wird am Vorabende um 6 Uhr und am Festmorgen in der an den höchsten Festen üblichen Weise eingeläutet. Der Anfang des Gottesdienstes wird ebenfalls durch das Geläute der Glocken angezeigt.



Gesang der Gemeine:

1.

Komm, heiliger Geist, Herre Gott

Erfüll mit deiner Gnaden Gut

Deiner Gläubigen Herz, Muth und Sinn;

Entzünde deine Liebe in ihn'n.

O Herr durch deines Lichtes Glanz

Zu dem Glauben versammelt hast

Das Volk aus aller Welt Zungen,

Das sei dir, Herr, zu Lob gesungen,

Hallelujah! Hallelujah!


2.

Du heiliges Licht, edler Hort,

Laß' leuchten uns des Lebens Wort,

Und lehr' uns Gott recht, erkennen,

Von Herzen Vater ihn nennen.

O Herr, behüt' vor fremder Lehr',

Daß wir nicht Meister suchen mehr,

Denn Jesum Christ mit rechten Glauben,

Und ihm aus ganzer Macht vertrauen.

Hallelujah! Hallelujah!



3.

Du heilige Glut, süßer Trost,

Nun hilf uns fröhlig und getrost

In deinem Dienst beständig bleiben,

Daß Trübsal' uns nicht abtreiben.

Durch deine Kraft, Herr uns bereit'

Und stärk' des Fleisches Blödigkeit,

Daß wir hier ritterlich ringen,

Durch Tod und Leben zu dir dringen.

Hallelujah! Hallelujah!



Die Weihe-Rede

Nach Anleitung der biblischen Worte: Psalm 138,2.

Ich will anbeten zu Deinem heiligen Tempel, und Deinem Namen danken um Deine Güte und Treue; denn Du hast Deinen Namen über alles herrlich gemacht durch Dein Wort.

Am Altar werden hierauf von dem weihenden Geistlichen folgende Worte gesprochen:

Und nun, Kraft meines Amtes, und als ein berufener und verordneter Diener des Wortes, weihe ich diese neuerbaute Kirche, welcher der Name Nikolai beigelegt ist, ein zu einem Hause der christlichen Gottesverehrung; ich weihe diesen Altar und seine heiligen Geräthe, jenen Taufstein, diese Kanzel ein, zum gottesdienstlichen Gebrauche, im Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.



Das Weihe-Gebet

Ewiger, allmächtiger Gott! Dir ist niemand gleich, weder oben in der Höhe, noch unten auf Erden. Gleich unveränderlich in Gnade bist Du, wie unveränderlich im Bund mit Deinen Dienern, welche von ganzem Herzen Dir zum Wohlgefallen wandeln.

Dir vermag die Erde keine Wohnstätte zu geben.

Der Himmel ja! aller Himmel Himmel können Dich nicht umfassen, viel weniger noch dieses Haus, das heute Deinem Namen geheiliget wird.

Du siehst mit Gnade Deiner Kinder Gebet und Flehen an, o Herr unser Gott! höre auch das demütige Gebet, das wir heute vor Dir niederlegen. Möchten Tag und Nacht Deine Augen wachen über diesen Tempel, der nun zu Deiner Ehre geheiliget wird. Neige Deine Ohren zu den Bitten, die Deine Diener an dieser Stätte vor Dich bringen.

Höre Deiner Diener, höre Deines Volkes Seufzer, wenn die in diesem Raume versammelten ihr Herz vor Dir ausschütten. Laß ihr Rufen zu Deinem Throne gelangen. Sei Ihnen gnädig, wenn Du sie hörest.

Ewiger Erbarmer: Laß keine falsche oder abergläubische Lehre hier aufkommen. Die Schatten des Unglaubens mögen vor dem Lichte Deines Wortes verschwinden, des Irrthums Hindernisse vor der Kraft Deiner Wahrheit. Mögen hier allezeit gläubige und erleuchtete Hirten auftreten, die, getrieben von Deinem Geist, und angethan mit dem heiligen Schmuck des Herzens, Dein Reich erweitern, Deine Ratschlüsse verkünden und die Irrenden zu Deiner wahren Erkenntnis und Anbetung zurückführen. Segne das Wort, das Du hier zur Besserung, zum Glauben und zur Heiligung predigen lässest. Lehre Dein Volk aufmerken auf Deine Wahrheit, gehorchen Deinen Geboten, wachen über seine Pflichten und beglücke es durch die Vollbringung Deines heiligen Willens.

Wenn ihre Gewissen hier geweckt werden und sie mit bußfertigen Herzen niedersehen vor Dir, und um des Erlöser Jesu Christi willen Dich um Gnade anrufen, so wollest Du im Himmel sie hören, und ihre Seelen mit dem göttlichen Troste erquicken, daß ihnen ihre Sünden alle vergeben sind. Wenn sie hier ihre Herzen ausschütten und die eigene, wie allgemeine Noth Dir klagen, so wollest Du ihre Seufzer aus Barmherzigkeit vor Dich kommen lassen, die Noth abwenden und Gnade beweisen. Wenn sie hier gläubige Fürbitten für ihre Brüder zu Dir emporsenden, so wollest Du gnädiglich ihr Gebet vernehmen und die Leidenden mit Deinem Troste, Deiner Hülfe und Deinem Segen aufrichten!

Nimm in Deinen Gnadenbund alle Kinder auf, die hier in der Taufe Dir übergeben werden! Und legen sie Dir einst selbst hier ihre erneuerten Gelübde ab, so flöße ihren heiligen Zusagen die verjüngte Kraft himmlischer Gnade und den neuen, gewissen Geist der Wahrheit ein. Deine Gnade erhalte sie bis ans Ende im Glauben und in der Frömmigkeit.

An diesem Altare soll unsers Erlösers Gedächtnis gefeiert, sein heiliges Nachtmahl begangen werden. O, möchte keiner diesem Gnadentische ohne rechtschaffene Vorbereitung nahen! Möchten hier alle aufrichtigen Bekenner Jesu Stärke finden für ihren Glauben, Gewißheit ihrer Begnadigung und neue Ermunterung zur Besserung des Lebens.

Segne die Ehen, die hier in Deiner Gegenwart geschlossen und besiegelt werden, Lenker der menschlichen Herzen! Heilige sie zu einem Dir geweihten Bunde, der, auf Weisheit und Tugend gegründet, durch unverbrüchliche Zuneigung und Treue sich bewährt, und des Lebens Sorgen und Pflichten erleichtert.

O Gott, unser Vater und Herr! Höre dieses Gebet! Heilige uns und dieses Haus durch Jesum Christum in dessen Namen wir (nun gemeinsam) beten:


Unser Vater ... u.s.w.



Gesang der Gemeine

Dies Alles, Vater, werde wahr,

Du wollest es erfüllen!

Erhör' und hilf uns immerdar

um Jesu Christi willen!

Denn dein, O Herr! ist allezeit,

Von Ewigkeit zu Ewigkeit,

Das Reich, die Macht, die Ehre.



Die Liturgie.



Der Segen.



Schluß-Gesang:

Herr Gott, dich loben wir,

Herr Gott, wir danken dir.

Dich, Gott Vater, in Ewigkeit

Ehret die Welt weit und breit;

All' Engel und Himmelsheer.

Und was dienet deiner Ehr',

Auch Cherubim und Seraphim

singen immer mit hoher Stimm'

Heilig ist unser Gott!

Heilig ist unser Gott!

Heilig ist unser Gott, der Herr Zebaoth!

Dein göttlich' Macht und Herrlichkeit

Geht über Himmel und Erden weit,

Der heiligen zwölf Boten Zahl **

Und die sieben Propheten all' **

Die theuren Wächter allzumal, **

erbarm dich, Herr, mit großem Schall. **

Die ganze werthe Christenheit

Rühmet dich auf Erden allezeit.

Dich, Gott Vater, im höchsten Throne

Deinen rechten und ein'gen Sohn, **

Den heil'gen Geist und Tröster werth,

Mit rechtem Dienst sie liebt und ehrt.

Der König der Ehren, Jesu Christ!

Gott Vaters ew'ger Sohn du bist;

Der Jungfrau'n dein nicht hast verschmäht, **

Zu (schaffen) ein menschlich' Geschlecht. **

Du hast dem Tod zerstört sein' Macht

und all' Christen zum Himmel bracht.

Du sitzt zur Rechten Gottes gleich

Mit aller Ehr' in's Vaters Reich.

Ein Wächter/Richter du gutherzig bist , **

Allem, was todt und lebend ist.

Nun hilf uns Herr, den Dienern dein,

Die mit dein'm theuren Blut erlöset seyn!

Laß uns im Himmel haben Theil

Mit den Heil'gen im ew'gen Heil!

Hilf deinem Volk, Herr Jesu Christ!

und segne was dein Entschluß ist! **

Wart und pfleg' es zu aller Zeit **

Und heb' es hoch in Ewigkeit **

Täglich, Herr Gott, wir loben dich,

Und ehr'n deinen Namen stetiglich **

Behüt' uns heut' o unser Gott!

Vor aller Sünd' und Missethat!

Sei uns gnädig, o Herre Gott!

Sei uns gnädig in aller Noth!

Zeig' uns deine Barmherzigkeit,

Wie unsre Hoffnung zu dir sieht!

Auf dich hoffen wir, lieber Herr!

In Schanden lass uns nimmermehr!


Amen.





1838

Das große Ereignis dieses Jahres: Nachdem die Eisenbahnwerkstätte auf dem früheren Rittergut an der Alten Königsstraße betriebsbereit ist, werden dort Locomotiones, die zerlegt aus England kamen und auch die Wagen zusammengesetzt. Jede einzelne dieser Locomotiven soll die Stärke von circa 35 Pferden aufweisen. Die erste Eisenbahnlinie Preußens verbindet die königlichen Sommer- und Winterresidenzen Potsdam und Berlin. Die Bahn fährt von Potsdam über Zehlendorf bis zum Potsdamer Bahnhof am Potsdamer Platz in Berlin. Sechs Lokomotiven wurden dafür in England gekauft, von denen jede Maschine die horrende Summe von 14.000 Talern kostet. Es war am 18. September ein richtig großes Volksfest. Trotz aller angeratener Vorsicht waren alle 300 Fahrbilletts zügig verkauft, um mal schnell probeweise nach Zehlendorf zu reisen. Nur 22 Minuten dauerte die Fahrt. Zwei der dampfenden Maschinen, „Adler“ und „Pegasus“ zogen an diesem Tage die Züge. Der alte König steht dieser neuen Technik recht skeptisch gegenüber aber Kronprinz Friedrich Wilhelm ist begeistert und emphatisch soll er gerufen haben „Diesen Karren hält kein Arm mehr auf“, so oder zumindest doch sehr ähnlich.

Wir hörten, dass es in Frankreich einem Mann namens Daguerre gelungen sein soll, Abbilder von Menschen oder besser gelingend, von „ruhigen Dingen“ auf Metallblechplatten zu bannen. Etwa so, wie wir uns im Spiegelblech sehen können aber eben dauerhaft erhalten bleibend. Kaum vorstellbar, wenn man es noch nicht selber gesehen hat.


1839

Unser neuestes Domizil befindet sich nun wieder in der Kreuzstraße.

Emil Joseph heißt das fünfte Kind, das Caroline etwa neun Monate unter dem Herzen trug. Mit der aufgehenden Sonne des 30. August wurde er gegen 5 Uhr des Morgens von Mutter Caroline abgenabelt. Pastor Stöner nahm ihn in der Hl. Taufe am 22. September in die Gemeinschaft der Gläubigen auf. Beschirmen sollen ihn auf seinem Wege: 1. Herr Keilbach, 2. Herr Märtens und 3. Jungfrau Keilbach. Dies ist vermerkt im Kirchenbuch der Nikolaikirche auf Blatt 453, Nr. 328 / 1839.


1840. 39 Jahre alt werde ich, Caroline zählt 31 Lenze

Am 07. Juni stirbt der König (Friedrich Wilhelm III.) mit 70 Jahren. Nun ist der bisherige Kronprinz Friedrich Wilhelm unser neuer König FW IV. Er will wohl lieber mit Schinkel über Kunst und Gebäudegestaltung reden, als das Höfische bedienen, das Regieren auszuleben, das Militär zu befehligen und die Ministerriege in rechter Ordnung zusammen zu halten – wozu er von Geburt an bestimmt ist. Schwere Ämter, denen er kaum ausweichen kann.

Herr von Pückler-Muskau übernimmt die Weiterführung der Arbeiten von Lenné am Babertsberg. Er ist ein ausgefallener Lebemann – fährt aus Jux und Tollerei den Ballon, hat viele Frauen so halb – aber lieber keine ganz. Man sah ihn auch in weißer Kutsche, gezogen von vier weißen Hirschen, durch Berlin fahren.

In Potsdam leben derzeitig 26.940 Menschen.


1841

Die Borsigsche Schwermaschinenfabrik in Berlin liefert die erste preußische Locomotive. Diese ist, das belegt die Wettbewerbsfahrt zwischen Berlin und Jüterbog, wesentlich leistungsfähiger, als die bisher importierten, englischen Locomotions.

In Berlin wird der Zo-ologische Garten eingeweiht. Ein schwierig-gebrochenes Wort, wenn man nicht wie wir, einfach „Zoo“ sagt.

Am 09. Oktober stirbt Karl Friedrich Schinkel völlig überarbeitet und viel zu früh, doch „seine Denkmäler“ stehen überall im Lande, die Erinnerung an ihn wach haltend.


1842

Wir ziehen zum Blücherplatz No. 7, also zum früheren Ziegenmarkt (für diesen Platz wurde der Feldherrn-Name im Jahre 1819 vergeben), haben also das Holländische Viertel verlassen. Karl v. Gontard (aber nicht er allein) erbaute 1769 dieses Haus. Nun leben wir fast neben unserer Nikolaikirche.


Im Hause Blücherplatz 7 wohnen:

Bullrich, C. W., Kaufmann, Eigentümer!


Dr. Augustin F. L., Medizinalrat

Sommer J. F.

Schuhmacher-Meister

Frau v. Stülpnagel,

geb. Ramin

Hoffmeister, G.

Kolporteur

(Straßenverkäufer von Druckschriften, Hausierer)



Nebenan, der Eigentümer des Hauses No. 2, ist L. Jakobs, Besitzer der Zuckerfabrik.

In der No. 6 leben der Drechsler L. Vogeler sowie der Graf R. v. Bassewitz.

In der No. 8: Bäcker C. Köppen – das ist besonders wichtig aber auch Regierungsrath Bertram und der Offizier v. Tresckow leben hier neben uns.


Doch nun zurück zu unseren eigensten Angelegenheiten: Albert Rudolph Julius ist unser

6. Kind, der sein erstes Licht am kalten 12. Januar anno '42, des Abends um 6 Uhr sah. Den 08. Februar scharten sich in der Nikolaikirche die Paten um ihn, seiner Taufe durch Herrn Superintendent Ebert beizuwohnen. Diese sind: 1. Herr Schirmer, 2. Herr Schulz, 3. Frau Keilbach, 4. Frau Keilbach. Festgeschrieben im Kirchenbuch auf Blatt 169, Nr. 25 / 1842. Wie es mit dem Leben unserer Kinder weitergeht, werden sie später selbst in einem gesonderten Lebenslauf-Dokument schildern, weil es hier den Rahmen dieses Berichts sprengen würde. Ihr werdet es unter ihrem Namen finden.


1843

Ein großer, heller Komet am nächtlichen Himmel ist jetzt, Ende Februar und Anfang März die momentane Sensation – obwohl er selbst gar nicht zu sehen ist, dafür aber sein langer Schweif. Wird er Unglück bringen wollen – wie so Mancher munkelt?

Ja, unsere Nikolaikirche: Der Bauherr König Friedrich Wilhelm III. und der Hauptbaumeister Karl Friedrich Schinkel leben nicht mehr. Der neue König, Friedrich Wilhelm IV., wünscht jedoch statt des bestehenden Satteldaches, nun doch die Kuppel. Für Ludwig Persius und Adolph Brix wird die Konstruktion ein schwieriges Unterfangen. Zur Stützung werden an jede der vier Gebäudeecken zusätzliche Ecktürme gesetzt, die das Auflagengewicht der Kuppel mit tragen und ins Fundament ableiten werden. Die Kuppelhülle wird nun auch nicht mehr mit einer schweren Holzschalung geformt und mit einem Holzgebälk ausgesteift, sondern August Borsig kann eine leichtere Eisenrippenkonstruktion anbieten und fertigen. Gustav Emil Prüfer ist der zuverlässige und ideenreiche Bauleiter. Als Ludwig Persius 1845 viel zu früh stirbt, wird August Stüler dessen Werk fortsetzen und an dieser Kirche beenden.

Auguste Sommer, unser Gustchen, wird als siebtes Kind am 10. Dezember geboren. Eine unruhige Nacht – morgens gegen 4 Uhr falten sich ihre Lungen beim ersten tiefen Luft holen auseinander, dem das kräftige Schreien folgt. Das Tauffest begehen wir am 01. Januar 44, am Neujahrsfeiertag in der Heiligen-Geist-Simultan-Kirche mit den Paten: 1. Demoiselle Keilbach, 2. Madame Schultz, 3. Herrn Stammer und 4. Herrn Keilbach. Die Registrierung von Geburt und Taufe ist auf Blatt 85, Nr. 01 /1844 zu finden. (Simultankirche soll hier bedeuten, dass die evangelisch-lutherischen und die evangelisch reformierten Gottesdienste abwechselnd gleichberechtigt stattfinden, denn bis zu einer Vereinigung wird es noch dauern).


1844

Mit Pumpen, die von Borsigschen Dampfmaschinen angetrieben werden, wird endlich ein 100 Jahre alter königlicher Wunsch Wirklichkeit. Das Wasser der Großen Fontäne vor dem Schlosse im Park Sanssouci steigt scheinbar mühelos 36 Meter hoch. (Dafür hatte Friedrich der II. erfolglos ein kleines oder größeres Vermögen ausgegeben). Die Dampfmaschine steht an der Havelbucht in der eigens und nur für sie allein errichteten „Maurischen Moschee“.

In den Jahren 1842 bis 1844 wurde neben dem Park von Sanssouci ein extra Wildpark gestaltet. Nun gelten die Arbeiten wohl vorerst als abgeschlossen.


1845

Der König gab Ludwig Persius (einen der besten Schüler von Schinkel) den Auftrag, eine neue Hofkirche im Park von Sanssouci zu bauen. Nun ist sie fertig. Und Ludwig Persius stirbt.

Ein weiterer Kirchenbau wird bei Sacrow, direkt an der Havel errichtet. Die Heilandskirche mit einzeln stehendem Turm. Der Palast Barberini am Markt erhält zwei Seitenflügel, die sich zum Wasser hin erstrecken.


1846

Im Juni, am 19. ist es wieder soweit. Unser achtes Kind, ein weiterer Sohn, ist Paul Carl Wilhelm Sommer. Getauft wird er ebenfalls in der Heiligen-Geist-Kirche. (Anmerkung: Die weiteren Daten und Taufpaten können wir aber nicht mehr darstellen, da unter vielem anderen auch dieses Kirchenbuch rund 100 Jahre später, am Ende des Zweiten Weltkrieges, am 14./15. April 1945, der Brand-Vernichtung zum Opfer fällt.)


In Amerika wurde ein Mittel gefunden, als Aether bezeichnet, mit dem man Menschen in einen künstlichen Schlaf versetzen kann. Das ist natürlich grandios, wenn ärztliche Hilfseingriffe in den Körper ohne merkbare Schmerzen stattfinden können. Ob sich so etwas bewährt und durchsetzt? Bisher sind das ja grausame Schmerzen, wenn nicht das Empfinden durch eine tiefe, anhaltende Ohnmacht abgelöst oder zumindest durch eine tüchtige Ration Schnaps etwas gedämpft wird.

Der Arzt Ignaz Semmelweis, ein Geburtshelfer, führt strikt Waschungen mit Chlorwasser ein, um das häufige Sterben nach Verletzungen zu mindern, um Miasmen aus der Luft abzutöten und auch das Weiterschleppen der Krankheitskeime von Krankenbett zu Krankenbett zu unterbinden. Wir kennen solche Versuche schon aus der Cholerazeit. Er wird von verschiedenen Berufskollegen verlacht – ohngeachtet dessen, soll seine Methode gute Erfolge zeitigen.


1848

Nach dem Kartoffelkrieg erfasst die Revolution nun Berlin mit Barrikadenkämpfen. Die Reichswehr geht rigoros vor. Prinz Wilhelm lässt in die Menge schießen, die nach Brot, mehr Pressefreiheit und verbesserten sozialen Bedingungen ruft. Eine größere Anzahl von Demonstranten werden erschossen. Eine Abordnung nötigt den König Friedrich Wilhelm IV., die Reihe der Aufgebahrten, als eine zu späte Ehrenbezeugung, abzuschreiten. Sein jüngerer Bruder, Prinz Wilhelm der Verursacher, verschwindet lieber für einige Zeit. Auch hier in Potsdam ist Aufruhr zu verzeichnen. Einer der hier führenden Kräfte, der junge Rechtsreferendar Max Dortu, befindet sich auf der Flucht vor den königlichen Häschern.

Von den Herren Marx und Engels kommt wie gerufen „Das Kommunistische Manifest“, das Auswege in eine gute Zukunft aufzeigen möchte. Es liest sich nicht leicht – ist aber als eine Handreichung für alle Arbeiter der Welt gedacht.


In diesem schwierigen 48er Revolutionsjahr kommt unsere Martha Adelheid am 20. Juni um 4 Uhr in der Frühe zur Welt, nachdem sie dreiviertel Jahre im mütterlichen Schoße getragen ward. Zum Glück hat es nicht den Anschein, als hätte sich die Unruhe der Zeit auf sie übertragen. Am 20. Juli, also im Alter eines Monats, tauft sie Herr Pfarrer Superus Ebert in der Nikolaikirche. Die Paten sind: 1. Schuhmachermeister Scherlich, Pantoffelmachermeister Keilbach (mein Schwiegervater, jetzt in seinen höheren Jahren Kapelldiener) und Frau Keilbach, geborene Bürger, also unsere Schwiegertochter. Registriert: Taufen der Nikolaikirche, Blatt 114, Nr. 275 / 1848.


Es kommt wieder eine mündliche Einladung an alle zünftigen Schuhmacher-Meister zur Versammlung. Die Kenntnisnahme der Einladungen ist im Generalverzeichnis neben dem Namen mit „gelesen“ zu quittieren. Meinen „Friedrich Wilhelm“ oder richtiger „Johann Friedrich“, könnt ihr unter No. 49 von momentan 157 zünftigen Schuhmacher-Meistern der Stadt Potsdam lesen. Zu den mir persönlich am bestbekannten gehören auch Nr. 20. Obermeister Amendt, 48. Meister Thron, Nr. 49. (ich) und Nr. 100. Meister Surau.


1849

Wir dachten schon, noch näher würde unsere Wohnung wohl nie an die große Kirche „heran rücken“ – doch siehe da, die Potsdamer Welt sieht uns jetzt in der Kirchstraße 3 unsere Kinder großziehen. Es ist nur zu natürlich: Wächst die Kinderschar, so wird auch der Platzbedarf größer. So muss man umziehen, wenn es sich mit dem finanziellen Eigenerwerb durch der Hände Arbeit irgendwie ermöglichen lässt.


Die Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche wünscht, ihren König Friedrich Wilhelm IV. zum Deutschen Kaiser zu wählen. Der König lehnt dieses sehr wohl gemeinte Ansinnen jedoch brüsk ab, da es dem Volke nicht zustehe, Königswürden oder gar Kaiserkronen zu vergeben. Diese kommen ausschließlich von Gottes Gnaden – falls man sich nicht selber krönt.

Alexander v. Humboldt (1769–1859) ist in dieser Zeit, er ist jetzt 80 Jahre alt, Kammerherr am Hofe und königlicher Vorleser. Er lebt deshalb im Stadtschloss, wenige Schritte nur entfernt vom Geburtshaus seines großen Bruders Wilhelm, Schlossstraße 1, am Neuen Markt – und noch weniger Schritte entfernt von unserem Wohnsitz. Humboldt schaut aus seinen Fenster auf der Seite des Luisenflügels in Richtung Wilhelmplatz.


1850

Preußen gibt sich eine Verfassung. Sie fällt nicht so fortschrittlich-liberal aus, wie es sich die Bürger gewünscht hätten. Im neuen Dreiklassenwahlrecht werden Frauen wieder nicht als Wählerinnen berücksichtigt. Sie haben keine Wahl und nichts zu wählen.

Zwischen der Glienicker Brücke und dem Wildpark wird eine Pferdeomnibusstrecke eingerichtet. Eine ganz schön lange Strecke.

Mit dem Bau der 330 Meter langen Orangerie, einem Haus, als Königsvilla oder Wintergarten für Wärme liebende Pflanzen nutzbar, wird begonnen.

April: Es ist nicht zu übersehen – wir leben in Preußen. Vorschriften über Vorschriften. Nun haben wir Vorschriften zur Verhütung erhalten – im Sinne des Zurückdrängens von Unordnungen beim Begleiten verstorbener Gesellen des Schuhmachergewerks zum Friedhofe. Hierin werden die Abläufe geregelt und Ausführungen zum Benehmen der lebenden Gesellen (der Trauergemeinde) niedergeschrieben. Natürlich fehlen auch Strafandrohungen für Zuwiderhandlungen nicht. Soweit zu den Gesellen. Wenn es bei mir mal mit einem Begängnis soweit sein wird, haben wir gewiss eine neue Vorschrift zum Verhalten bei meisterlichen Begräbnissen.

Ach was, bevor ich Näheres erläutere, füge ich diese neue Vorschrift hier gleich mal ein:




Ordnung

zur

Leichenfolge bei Beerdigungen

der Schuhmachergesellen in Potsdam



Zur Verhütung aller Unordnungen bei Begleitung der Leichen verstorbener Schuhmachergesellen und deren Beerdigung wird hiermit Folgendes bestimmt.


§ 1.

Die jedes einheimischen, so wie jedes fremden hier in Arbeit stehenden Schuhmachergesellen wird durch die sämmtlichen Mitglieder der Gesellschaft zur Grabstätte begleitet.


§ 2.

Zu jeder Beerdigung werden 30 Mann zum abwechselnden Tragen des Sarges bestimmt, und wird hierbei die Reihenfolge möglichst beobachtet.


§ 3.

Zur Leichenfolge ist jeder Geselle pünktlich zur festgelegten Zeit auf der Herberge zu erscheinen verpflichtet. Wer eine halbe Stunde später, als er bestellt worden, auf der Herberge erscheint, verfällt in eine Geldbuße von

2½ Sgr. *)


§ 4.

Von der Herberge begeben sich die versammelten Gesellen in stiller Ordnung nach dem Sterbehause. Wer sich so verspätet, daß er sich dem Zuge nach dem Sterbehause nicht mehr anschließen kann, muß eine Geldbuße von

5 Sgr. zahlen.


§ 5.

Wer von der Leichenfolge ohne Entschuldigung, welche dem Altgesellen zeitig gemacht werden muß, ausbleibt, muß eine Geldbuße von 7½ SGr. erlegen.

Als gegründete Entschuldigung können nur Krankheiten, Hochzeiten und Kindtaufen in der Familie, Abwesenheit von Potsdam in Familien- oder Handwerks-Angelegenheiten und der Militairdienst erachtet werden.


§ 6.

Vom Sterbehause bewegt sich der Leichenzug in der vom Altgesellen angegebenen Ordnung, still und langsam nach dem Kirchhofe.


§ 7.

Wer ohne sich beim Altgesellen zu melden und sich zu entschuldigen aus dem Zuge tritt, Störungen veranlaßt oder sich widerspänstig zeigt, verfällt, wenn dies beim Ordnen des Zuges oder auf dem Gange nach dem Kirchhofe geschieht, in eine Geldbuße von 2½ Sgr., und in eine Geldbuße von 5 Sgr., wenn dies auf dem Kirchhofe vorfällt.


§ 8.

Trunkenheit und unanständiges Betragen beim Leichenzuge wird mit einer Geldbuße von 15 Sgr. geahndet.


§ 9.

Sobald der Leichenzug beim Grabe angelangt ist, stellen sich alle Gesellen nach Anordnung des Altgesellen in einem Kreise um die Gruft, werfen nach erfolgter Einsenkung des Sarges drei Hände voll Erde auf dieses und verrichten mit entblößtem Haupte ihr Gebet.


§ 10.

Nach beendeter Feierlichkeit begiebt sich ein Jeder auf beliebigem Wege, jedoch anständig, nach Hause.


§ 11.

Die vorstehend in den §§ 3 bis 8 festgelegten Strafen fließen zur Gesellen-Kranken-Kasse und werden nöthigen Falls durch die vom Magistrat anzuordnende Beschlagnahme des Arbeitslohns eingezogen.


§ 12.

Zur Bestreitung der Beerdigungskosten, incl. des Ankaufs des Sarges, hat jeder Geselle für jeden Beerdigungsfall eine Leichensteuer von 2½ Sgr. unweigerlich zugleich mit der nächsten Auflage zu zahlen.


§ 13.

Dem Altgesellen werden für seine Bemühungen bei Besorgung des Begräbnisses für jeden Beerdigungsfall 3 Thlr. **) aus der Leichensteuer gezahlt, derselbe ist aber verpflichtet, specielle Rechnung über die Begräbnißkosten der Gesellschaft zu legen.



Potsdam, den 26. März 1850.

Magistrat.

Gobbin. Dams. Klinke.





*) Sgr. = Silbergroschen

**) Thlr. = Thaler



Fortsetzung 1850


Als 10. Kind zählen wir Bertha Charlotte Wilhelmine. Den 12. September geboren – wieder am Morgen gegen 4 Uhr. Das scheint sich so einzupendeln. Zur Taufe am 4. Oktober stehen bereit: 1. Schuhmachermeister Keilbach, 2. Der Nuntius (Dienstbote) Fink und Herr Schirmer jun. Taufbeleg auf Blatt-No. 1986 des Kirchenbuches, Nr. 333 / 1850.

Gegen den bekannten Kosenamen für unsere Tochter seitens guter Bekannter wehren wir uns vehement! Caroline steht jetzt im 41. Lebensjahr. Bertha wird wohl unser letztes Kind sein – so Gott will. Zehn ist eine schöne runde Zahl. Caroline denkt auch so. Sie wählte mit Bedacht zwei ihrer Beinamen für dieses Kindchen.

In diesem Jahr wechseln wir mit der Wohnanschrift aber sogar die Stadt, da sich in Nowawes eine günstige Wohnung in der Priesterstraße 69 zur Miete anbietet.

Im November gibt es in Preußen erstmals so genannte Briefmarken oder Frankaturmarken. Das ist praktisch. Man kann die Beförderungskosten vorher und auf Vorrat "einkaufen", braucht also nicht jeden Brief im Amt einzuliefern und zu bezahlen. Die erste Briefmarke zeigt das Porträt unseres Königs. Wen sollte sie auch sonst ...



- Abschrift -

Der 6te April des Jahres 1850

Die Beschreibung des Festes der Fahnenweihe

des Potsdamer Schuhmachergewerks


Das hiesige, seit 1732 durch König Friedrich Wilhelm I mit einem besonderen Patent und am 15ten October 1734 von demselben Könige mit einem Privilegium versehenen Schuhmachergewerk, welches sich in letzter Zeit erfolgreich bemüht hat, durch Zutritt der bisher nicht zur Innung gehörigen Meister ein großes Ganzes zu bilden, und das gegenwärtig 140, unten namentlich angeführte Meister zählt, beging am 6ten April 1850 sein Fahnenfest, dessen Verlauf das Nachstehende schildern soll:


Durch den verstorbenen Gewerkmeister Fohgrub war dem Gewerke 25 Rthlr. zur Schaffung einer Gewerkfahne vermacht worden, die durch anderweitige Gaben der Meister und eines Erben des sel. Fohgrub vermehrt, bald die nöthige Höhe erreichte.

Der Hofseidenfabrikant L. Sommerburg fertigte den schönen, blauseidenen Stoff, der Maler Doering zierte denselben: Auf der einen Seite mit dem Wappen Potsdams, einem rothen Adler im goldenen Felde und der Umschrift "Das Schuhmachergewerk zu Potsdam 1850", umgeben von Eichen- und Palmenzweigen. In den Feldern zur Seite des Adlers erblickt man die Garnison- und die Nikolaikirche und liest endlich darüber:

"Beschirme Ordnung und Recht."

Auf der andern Seite prangt das Innungszeichen, ein goldener Sporn-Stiefel im rothen Felde mit derselben Umschrift wie auf der ersten (Seite) und der Inschrift darüber: Dem Stifter Fohgrub ein würdiges Andenken. Auf jener Seite bildet ein schwarzweißes Band den untern Abschluß, auf dieser liest man in dem unteren Bande die Namen der derzeitigen Altmeister: G. Lietze und C. F. Boss.

Die Spitze der Fahne schmückt das kleine vergoldete Standbild des Hans Sagan, und von derselben hingen prächtige Silberquasten, gearbeitet von Posamentier Doering.

Den Stock hatte Tischlermeister Reichert gearbeitet.


Der Nachmittag des 6ten Aprils war nun zur festlichen Weihe bestimmt worden. Die Meister des Gewerks versammelten sich bei dem zweiten Altmeister Boss und zogen nach dem Hause des ersten Altmeisters Lietze, um von dort die noch umwickelte Fahne, um 3 Uhr zum Rathause zu bringen.


Hier machte der stattliche Zug,

dem das neue sammete, vom Buchbindermeister Schmidt gefertigte (und) vom Meister G. Warm, ( ––– Gewerkbuchuch), das eine besonders dazu von der Altmeisterin Lietze bestimmte Denkmünze schmückte, vorausgetragen wurde, und das Ordner mit blauen Bändern und Schleifen, so wie zahlreiche Marschälle mit bewimpelten Stäben geleiteten, Halt. Die Fahne wurde hierauf in den Saal der Stadtverordneten getragen, woselbst die Ehrengäste, darunter der Stadtkommandant, General von Hirschfeld, der Bürgermeister Gobbin und die Altmeister der verschiedenen Gewerke nebst einer Deputation des Berliner Schuhmachergewerks, aus den Altmeistern Schüssler, Hoffmeister und Burkert bestehend, Platz nahmen, um in der Gemeinschaft mit den Innungsmeistern, dem feierlichen Akte der Übergabe der Fahne beizuwohnen.


Die schöne Fahne wurde auf einem Tische ausgebreitet, der Bürgermeister Gobbin hob in kurzen Worten die Bedeutung derselben als ein Symbol der Eintracht hervor. Dann wurden die letzten Nägel eingeschlagen, indem der jüngste Meister begann und die Altmeister mit dem Bürgermeister und dem Stadtkommandanten den Schluß machten, worauf die Fahne ihrem Träger übergeben und in den Zug zurückgetragen wurde.


Dieser Zug setzt vorüber, die Schloßstraße und die Breitestraße bis zur Brücke, dann an der Plantage entlang durch die Waisen- zur Charlottenstraße. Von da am Wilhelmplatze hin bis Nauenerbrücke und gelangte so weiter, dem Canale bis zur Berlinerbrücke folgend, durch die Berliner- und Brauerstraße zur Langenbrücke und endlich wohlgeordnet nach 4 Uhr in den zur weiteren Vollendung des Festes gewählten geräumigen Saal des Mähr'schen Kaffeehauses.

Die Musik geleitete die Fahne zu ihrem noch mit anderweitigem Schmucke versehenen Platze am Ende des Saales. Die zahlreiche Festversammlung nahm zu beiden Seiten Platz.

Nach einer kurzen Pause ergriff erst der erste Altmeister Lietze, dann der zweite, Boss, das Wort, um in zwei kleinen Gedichten die Gefühle auszudrücken, welche der fröhlichen und doch so bedeutungsvollen Feier zum Grunde lagen. Nach ihnen erbat sich einer der Gäste das Wort und suchte darzulegen, wie dieses Fest ein so schönes wäre, weil es einmal ein Fest der Einigung sei und nur Einigung in dieser Zeit der Wirren, wahrhaften Segen bringe, die Fahne also dazu dienen sollte, die Gewerksgenossen, die jetzt an einem wichtigen Abschnitte der Gewerbegesetzgebung angelangt seien, fester an das Ganze anzuschließen; wie aber dann diese Fahne auch ein Werk der Liebe sei, einer Liebe zum Gewerk, die noch über Tod und Grab hinaus sich wirksam erwiesen habe.


Hiernächst brachte der Bürgermeister Gobbin (einen Toast auf die) Gesundheit Sr. Majestät des Königs aus, worauf unter stets herzlicher jubelnder Erwiderung auch ferner (auf die Gesundheit) der Behörden, der Ehrengäste, des Gewerks und der Stadt Potsdam getrunken wurde.

Hervorzuheben bleibt namentlich die herzliche, schlichte und biedere Ansprache des ersten Altmeisters des Berliner Schuhmacher-Gewerks, Schüssler.


Damit war der erste Theil der Feier beschlossen.


Nach 7 Uhr schritt die Versammlung zum Mahl, das an drei durch den ganzen Saal reichenden Tafeln, die Meister und ihre Familien in trauter und heiterer Runde vereinigte.

Der Bürgermeister Gobbin und der Stadtverordnetenvorsteher Hecker, nebst der Schaar der Ehrengäste, durften auch dieser Festtafel sich nicht entziehen und der Kaffeetier Mähr, als Wirth, war eifrig bemüht, es Allen durch reichliche und schmackhafte Speisen angenehm zu machen.


Manch treugemeinter Trinkspruch würzte den Wein, der diesen gewerklichen Ehrentag verschönte. Der Bürgermeister Gobbin brachte abermals das Wohl Sr. Maj. des Königs aus, indem er anführte, wie gerade der König es sei, der dem Innungswesen eine so warme Theilnahme widmete. Der Altmeister Lietze schloß daran auch ein Hoch auf den Prinzen von Preußen und das ganze Königl. Haus. Sodann nahmen die Altmeister des Berliner Schuhmachergewerks, Schüssler und Hoffmeister beide das Wort, um den Gruß der Brüderlichkeit und der Liebe zu erneuern. Der Altmeister Boss dankte denselben und brachte ihnen einen allseitig jubelnd erwiderten Toast aus. Dann erhob der Beisitzmeister des Seidenwirkergewerkes das Glas, um es den Frauen und Jungfrauen zu weihen, indem er sie an Hanns Sagan (* s.u.) erinnerte, der, obgleich selbst gebrechlich, an der Spitze der Königsberger Schuhmacher Großes gethan und dem zum Dank, sie also auch den Männern des Gewerks treue Hingebung widmen sollten.

Endlich ergriff noch der Stadtverordneten-Vorsteher Hecker den Moment und vereinigte in einem trefflichen Trinkspruche die Gesinnungen Aller, indem er überall Wahrheit forderte, aus der allein das Vertrauen erwüchse, das zur wahren Freiheit führe.


So erhielt sich der muntere Geist der Tafelrunde bis nach 10 Uhr und nun begann mit fast endloser Reihe der Paare die vom Bürgermeister eröffnete Polonaise. Die Lust des Balles währte bis tief in die Nacht hinein, dessen Verlauf allen Theilnehmern ein nicht minder angenehmer und ungetrübter gewesen sein wird, als es der Anfang und die Mitte der ganzen Feier gewesen.


Eingetragen von C. F. Boss


* Anmerkung zur Geschichte um den Hans von Sagan:

Hanns von Sagan war ein armer Schuhmacher in Königsberg in (West-) Preussen, nahe am Schlossteich wohnend. Als im Jahre 1370 die Ritter des Deutschen Ordens unter dem Banner des Großmeisters Winrich von Kniprode in der Schlacht bei Nudau von den Litauern in die Flucht geschlagen waren, ergriff der kühne Hanns von Sagan das Banner und brachte den Sieg auf die Seite der Ritter. Zum Andenken an diese Heldenthat wurde vom Orden ein jährlich zu feierndes Volksfest, das Schmeckebier, gestiftet, und auf dem Brunnen bei der Heberberger Kirche am Brandenburger Thor das Standbild des Helden Sagan errichtet.

(Entnommen aus der Königsberger Chronik).


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1851. Wir Eltern sind jetzt 50 und 42 Jahre alt.

In diesem Jahr zeige ich euch mal an, wie viele Handwerker-Innungen in Potsdam ansässig sind. Dahinter ist die Anzahl der Innungsmeister genannt. Hinter jedem der zünftigen Meister steht aber eine Anzahl Gesellen und Lehrburschen, die hier nicht aufgezählt sind. Die Gewerks-Vorstände sind aufgefordert, die aktuellen Verzeichnisse an das Amt, an die Obrigkeit, einzureichen. Die Briefe mit den Auflistungen begannen üblicher Weise so:

„An einen Wohllöblichen Magistrat hierselbst (das heißt: In Potsdam) … überreiche ich ganz ergebenst …“


Schuhmacher: 157

Schneider: 95

Sattler: 20

Handschuhmacher: 14

Schmiede: 14

Glaser: 13

Schlosser: 13

Seidenwirker: 13

Maurer: 12

Stellmacher: 11

Schlächter: 10

Tuchmacher: 06

Innungsmeister des Schuhmacherhandwerks ist zu dieser Zeit der Meister Rohde.


Von diesem Jahr an zieht die Mode ein, die Schaufenster der Geschäfte im Monat Dezember weihnachtlich zu schmücken. Das kann sich zu einem schönen Brauch festigen.

In Berlin wurde die Berufsfeuerwehr gegründet. Im sächsischen Vogtland bei Reichenbach ist die Göltschtalbrücke fertig geworden. 574 Meter lang und aus 26 Millionen Stück Mauerziegeln errichtet. Ein großartiges Bauwerk.


1852

Kindergottesdienste werden in Preußen eingeführt aber segensreiche Kindergärten nach dem Vorbild des Herrn Fröbel strikt verboten.


1853

Das elfte unserer Kinder ist Carl August, der am 21. März gegen 10 Uhr am Abend geboren wird aber, da es schwächlich ist, den Versuch des Lebenskampfes nach 10 Tagen aufgeben. Herr Prediger Stobwasser hat ihn am 27. März in der Friedrichskirche zu Nowawes noch getauft und die Paten Herr Keilbach, Frau Keilbach und Herr Groll gaben uns Trost und Beistand. Am 31. März, um 12 Uhr zur Mittagszeit, bleibt die Lebensuhr des kleinen Carl stehen. Kinnbackenkrampf, sagt uns der Arzt. Am 3. April übergeben wir unser jüngstes und letztes Kind der kühlen Mutter Erde.

So bleiben uns neun Kinder, alle im Abstand von etwa zwei Jahren geboren. Wir begehen die Geburtstage in den Monaten Januar, Februar, (große Pause im Frühjahr), Juni, August, September, Oktober, November und Dezember und haben in den Monaten März und Dezember zusätzlich unsere stillen Kinder-Gedenktage.


Der norddeutsche Dichter Theodor Storm lebt jetzt in Potsdam. Etwa drei Jahre wird er hier bleiben. Sein trockenes Brot verdient er als Gerichtsassessor aber viel lieber schreibt er an seinen Werken für die Menschen.

Auf dem Babertsberg bei Nowawes wächst ein Turm in die Höhe, welcher der Königlichen Arbeit, Muße und Aussicht dienen soll, der so genannte „Flatow-Turm“.


1854

In diesem Jahre begehe ich mein 25. Meisterjubiläum. Die Statistik besagt, dass in Potsdam inzwischen schon mehr als 31.900 Leute wohnen.

Herr Litfaß hat sich in Berlin seine Idee für Plakatanschlagsäulen patentieren lassen.


1855

Es ist kaum zu fassen, wie schnell die Zeiten mit uns davon eilen, begehen wir doch im Juli dieses Jahres unsere Silberhochzeit im Kreise der Familie und einiger Bekannten.


Max Eyth, Ingenieur und Landwirtschaftskenner, führt in einer Reihe von Ländern mit schwierigen Klima- und Bodenbedingungen die Vorteile des kräftigen Dampfpflügens mittels Locomobilen praktisch vor.


1856

Zum Monat April sind wir wieder Potsdamer und leben in der Grünstraße No. 9, zwischen der Grünen Brücke des Canals (gebaut 1764 und 1837 erneuert) und direkt gegenüber der Einmündung der Yorkstraße in die Grünstraße. Hier in der Wohnung Grünstraße No. 9 leben nun wir, die Sommer-Eltern mit ihren Kindern Marie, Franz, Emil, Albert, Auguste, Paul Martha und Bertha. In diesem Haus (aus der Zeit des Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I.) ist es für uns aber nicht so günstig, wie es sich später herausstellt.

Eine Erfindung „die Sohlennähmaschine“ soll künftig unsere Arbeit wesentlich erleichtern und flotter von der Hand gehen lassen. Was manche Köpfe sich aber auch einfallen lassen –.

Am 01. Oktober 1856 beginnt die Potsdamer Gasanstalt in der Schiffbauergasse ihre Tätigkeit. Bald wird es des Nachts taghell in Potsdam sein, denn es ist vorgesehen, in der Folgezeit 386 Gaslaternen in den Straßen aufzustellen. Welch eine runde Zahl. Ein großer Fortschritt. Das Dorf Bornstedt erhält eine Kirche nach dem Entwurf des Baumeisters Stüler.

Wer je in Sanssouci gewirkt hat, dem soll dann die Ehre erwiesen sein, in Bornstedt bei der Kirche begraben zu werden. Nun, solch eine Ehre dann aber auch.


1857

Trauer in unserem Hause. Den 19. März schließt sich der Lebenskreis von Carolines Vater, dem früheren Pantoffelmacher und jetzigen Orchesterdiener und Theaterlogenschließer des Schauspielhauses am Canal, Gottfried Joseph Keilbach, der in den letzten Jahren in der Friedrichstraße 2 wohnte, schräg gegenüber „seiner Schauspielerkaserne“, wie er immer sagte. Die Trauerfeierlichkeiten finden im Rahmen der Nikolaikirchengemeinde statt.

Genau nach einem Jahr Grünstraße ziehen wir am 02. Juli 1857 in die Französische Straße 21; dort mit schrägem Blick nach rechts auf die Französische Kirche. Das Haus wurde 1783 von Andreas Ludwig Krüger erbaut, ein Gebäude mit aufwendig gestalteter Fassade.

Fritz, unser bärtiger Sohn Friedrich, ist nun mit der Marie Elisabeth Weltzer (die ihr Haupthaar madonnenhaft gescheitelt trägt) verheiratet und wohnt inzwischen in der Potsdamer Tuchmacherstraße 25. Marie Weltzer wurde am 29. März 1838 in Potsdam geboren. Ihr Vater ist Carl Wilhelm Weltzer (Maurergeselle, Maurerpolier, der aus dem Raum Muskau kam. Sie ist die Älteste ihrer Mutter Christine Friederike, geb. Michel, die jedoch bald nach der Heirat ihrer Tochter Marie mit unserem Friedrich, im Oktober dieses Jahres stirbt – mit nur 39 Lebensjahren (genauso wie damals meine Eltern in Buckow).

Unsere zierliche Schwiegertochter Marie Weltzer, verehelichte Sommer, wird zwischen 1863 und 1875 sechs Sommer-Kindern das Leben geben. Zwei Mädelchen sterben aber (das 4. und das 5. Kind); vier von ihnen werden das Erwachsenenalter erreichen und tüchtige Menschen werden. Das sind die Hedwig, als spätere Ehefrau des Handelsmanns Knoll, dann der Paul, der ebenfalls ein Schuhmachermeister werden und Emma Krüger ehelichen wird, die Marie, in ferner Zukunft Ehefrau des Theodor Steiner und Max der Jüngste, der später das Schlosser- und das stärker aufblühende Elektrohandwerk erlernen wird.


1858


Der 6te Februar des Jahres 1858


Nach der Vermählung des Prinzen Friedrich Wilhelm von Preußen mit der Prinzeß Royal von Großbritannien und Irland, wurde das Hohe Paar bei seinem Einzuge in Potsdam am

6ten Februar 1858 von den gesammten Innungen festlich empfangen.

Die Aufstellung derselben fand vom Bahnhofe bis zum Fortuna=Portal des Schlosses wie folgt statt:


1. Die Schützengilde

2. " Kaufmannsgilde

3. " Fleischer – Innung

4. " Maurer – Innung

5. " Zimmerer – Innung

6. " Fischer – Innung

7. " Bäcker – Innung

8. " Schneider – Innung

9. " Schuhmacher– Innung

10. " Sattler – Innung

11. " Weber – Innung

12. " Seidenwirker– Innung

13. " Tischler – Innung

14. " Schlosser – Innung

15. " Maler – Innung

16. " Schmiede – Innung

17. " Stellmacher – Innung

18. " Böttcher – Innung

19. " Glaser – Innung

20. " Klempner - Innung


Nach Einzug des Hohen Paares in das Schloß, fand ein Vorbeimarsch der Innungen in der vorstehenden Reihenfolge statt.


Da zu dieser Festlichkeit vielfach neue Embleme von den Innungen beschafft waren, so wurde der Entschluß gefaßt, die gesammten Fahnen, Embleme und sonstigen Schaustücke, welche beim Empfange benutzt waren, im Lokale des Voigt'schen Blumengartens 1) zu einer Ausstellung zum Besten des hiesigen Bürgerstifts, gegen ein Eintrittsgeld von 2½ Sgr. zu vereinigen.


Diese Ausstellung fand vom 21sten Februar bis 2ten März 1858 statt und ergab einen Reinertrag von 51 Rthlrn., 18 Sgr., welcher der Bürgerstiftskasse zugeführt wurde.


Am 28sten Februar geruhten Ihre Königlichen Hoheiten, der Prinz Friedrich Wilhelm mit der Prinzessin Victoria, die Ausstellung zu besuchen und sich wiederholt höchst anerkennend und dankend über den festlichen Empfang auszusprechen.


Zum Gedächtniß hatten Ihre Königlichen Hoheiten die Gnade, am 8en Juni 1858 auf Schloß Babelsberg die auf vorgeheftetem Blatt 2) befindlichen Unterschriften zu vollziehen.





Anmerkungen: von Chris J.

1) Der Gasthof Voigtscher Blumengarten befand sich in der Spandauer Straße, zwischen dem

Nauener Tor und der Kolonie Alexandrowka

2) Blatt hier nachgeheftet. –


Dieser Prinz Friedrich Wilhelm ist mit seiner Gemahlin, genannt Vicky, Herrschaft des Krongutes Bornstedt. Er wird im Jahre 1888 für 99 Tage der Kaiser Friedrich III sein, bis er einem Krebsleiden erliegt.



Der Potsdamer Schuhmacher–Innung


zur Erinnerung an den 6ten Februar 1858



(Unterschrift)


Friedrich Wilhelm Prinz von Preußen



(Unterschrift)


Victoria

Prinzessin Friedrich Wilhelm von Preußen,

Princess Royal von Großbritannien u. Irland




___________________________________








Eingeschobene Anmerkungen:

Dieser Bericht wurde von Chris Janecke aus der altdeutschen Handschrift umgesetzt, mit Erläuterungen ergänzt und mit Bildmaterial aus der Historie angereichert.

Chris Janecke ist ein Nachkomme der Potsdamer









Auch in dieser Zeit schreibt man als Vorstand einer Handwerker-Innung an „die Obrigkeit“, hier zum Beispiel an die Stadtverwaltung, in einem heute eher als unterwürfig und „sehr gedrechselt und gespreizt“ erscheinenden Stil, zum Beispiel:


1869:

Absender: Vorstand der Schuhmacher-Innung

Anschrift: „An Einen Wohllöblichen Magistrat hiesiger Residenz“.


1884

Einem Hochlöblichen Magistrat erlaubt sich die ergebenst unterzeichnete Kommission – das Statut, mit der gehorsamsten Bitte um Weitergabe desselben an die Hohe Königliche Regierung behufs Bestätigung, zu überreichen.“


1886

An den Magistrat der Residenzstadt!

Einem Wohllöblichen Magistrat erlaubt sich der Unterzeichnete namens seines Vorstandes ... zu erwidern". Neese, Obermeister.


An den Obermeister der Schuhmacher-Innung, Herrn Ernst Neese, Wohlgeboren, hier“.


Weitere Hinweise zum Schuhmachergewerk in Potsdam

Zur Generalversammlung der Innungsmitglieder, die im Schützenhause stattfindet, wird wie üblich persönlich durch Boten eingeladen und von jedem Innungsmitglied die Kenntnisnahme des Veranstaltungstermins im Einladungsbuch persönlich mit „gelesen“ quittiert.

So werden unter den über 150 Schuhmachermeistern aus Potsdam und Umgegend, auch folgende Innungsmeister, drei Brüder unserer Familie, eingeladen:


Name

Das ist ..., mit der momentanen Wohnanschrift:

Sommer, P.

Paul Carl Wilhelm Sommer, geb. 19. Juni 1846, Potsdam, Blücherplatz 7

Sommer, F.

Karl Johann Friedrich Sommer, geb. 13. November 1831, Nowawes, Lindenstraße 7

Sommer, F.

Wilhelm Franz Sommer, geb. 02. Februar 1837, Potsdam, Kriewitzstraße 5


1859

Nach einer Schlacht bei Solferino am Gardasee in Italien (wunderschön soll es in Friedenszeiten dort sein) gründet der Schweizer Henry Dunant die Hilfsorganisation „Das Rote Kreuz“. Tutti fratelli – alle sind Brüder, sagt er.


Am 03. Oktober wechselten wir unser Quartier erneut. Nun leben wir in der Kriewitz-Gasse 3, der späteren Kriewitzstraße 3, im Hause des Maurerpoliers Carl Weltzer, Sohn des Mühlenmeisters Georg Weltzer. (Quelle: Melderegister 25, Film 1053, Seite 39). Martha ist jetzt 19 Jahre alt und flügge, sie zieht nicht mehr mit uns zusammen. In diesem Hause No. 3, hatte ja schon meine Caroline als junges Mädchen mit ihren Keilbach-Eltern gewohnt. Den Bau errichtete man im Jahre 1709 zwischen Kirchstraße und Blücherplatz.

Dem Vater Carl Weltzer (geb. am 25. März 1813) unserer Schwiegertochter Marie Elisabeth W., war, wie wir alle wissen, am 06. Oktober 1857 die gute Ehefrau Christine Friederike Michel, verehelichte Weltzer, gestorben. 1818 war diese in Potsdam als Tochter des Bürstenmachers und -händlers H. Michel geboren und als 18jähriges, blutjunges Mädchen vom Weltzer geheiratet worden. Der nunmehrige Witwer Carl Weltzer hat von ihr sieben Kinder zu versorgen, kann sich aber bei seiner Arbeit auf dem Bau allein zu wenig um die Halbwaisen kümmern, die zwischen 1838 und 1854 geboren waren.

Was aber macht unsere Große, Caroline Marie, das junge unerfahrene Ding? Setzt sich in den Kopf, den Weltzer, der ¼ Jahrhundert älter ist als sie, ja, ihr Vater sein könnte, zu heiraten und seinen sieben Kindern ersatzweise eine Mutter zu sein. Hoffentlich hegt sie diese Gedanken nicht nur aus Mitleid, hoffentlich ist sie von dieser übergroßen Aufgabe auf Dauer nicht seelisch und körperlich überfordert, hoffentlich folgt die Reue dann nicht auf dem Fuße. Andererseits ist sie ja ein überlegsamer, geduldiger, starker Mensch, eben – unser Kind, unser Fleisch und Blut.

An dieser Stelle halten wir eine Vorausschau: Bald wird sich bei ihr auch noch eigenes „Mutter – Kinderglück“ einstellen, so dass in dieser Familie Weltzer / Sommer, in dem Zeitraum zwischen 1860 und 1873, acht Kinder geboren werden. In späteren Jahren, als die eigenen Kinder nach und nach aus dem Hause gehen, ja selbst noch im Witwenstand, wird sie zusätzlich noch einige Waisenkinder versorgen. Wahrscheinlich hatte sie dabei auch mein Kinderschicksal im Auge. Das muss einmal voller Hochachtung gesagt werden!

Ich werde es nicht mehr erleben aber die Zukunft wird es wissen: Auch mein Bruder, Carl Sommer (1803 bis 1892), der als Mühlen-Meister sein Leben verbrachte, wird sich von seinem vorletzten Wohnaufenthalt – Gerresheim bei Düsseldorf, alt und krank einen Monat vor seinem Ableben zu ihr, seiner Nichte Marie Sommer, nach Nowawes flüchten, um sich von ihr pflegen zu lassen. Und zum Schluss, am Beginn des neuen, des 20. Jahrhunderts, wird sie nochmals völlig den Ort wechseln: von Nowawes nach Rixdorf bei Berlin „auswandern“.


1860

Sohn Emil ist nun großjährig. In seiner Tätigkeit ist er des Öfteren auf Reisen. So führen ihn die Geschäfte unter anderem nach Berlin, Magdeburg, Halberstadt, Genthin usw. Umständlich aber normal ist es, dass man zu jeder Fahrt außer dem Dampfbahn-Billett auch den polizeilichen Reisepass benötigt, das polizeiliche Ab- und wieder Anmelden inclusive. Wer viel unterwegs sein muss oder will, hat eben vorher und auch hernach viele Laufereien.


Die Sommervilla, das Schlösschen Lindstedt ist für das Königshaus fertig gestellt worden.

Es gibt hier im Ort zwei große Betriebe (mit mehr als 200 Beschäftigten). Das sind die Zuckersiederei Jacobs in der Burgstraße und die Eisenbahnwerkstätten an der Alten Königsstraße.


1861

Der König ist tot – es lebe der König. Am 02. Januar ist Friedrich-Wilhelm IV. verschieden. Sein jüngerer Bruder Wilhelm, der Kartätschenprinz von 1848, der ja schon seit zwei Jahren Regent ist, erreicht nun als Thronfolger die Königswürde.

Das erste brauchbare Telefon wird von Philipp Reis vorgestellt. Unvorstellbar, wie die Worte, wenn auch um- und wieder zurückgewandelt, durch den haardünnen Draht kommen. Es wird aber noch Jahre dauern, bis sich diese Art und Weise der Verständigung durchsetzt.

Potsdam hat derzeitig 41.800 Einwohner.


1862

61 Winter habe ich, der Herr Sommer nun schon gesehen und meine Frau 53 Lenze.

Wir wollen nicht hoffen, dass es in der Stadt wieder zu einem Schadensfeuer kömmt aber bei unserer Berufsfeuerwehr ist zur Bekämpfung von Bränden die neuzeitliche Technik eingezogen. Eines der Pferdegespanne der Feuerwehr ist jetzt mit einer Dampfmaschinen-Wasserspritze ausgerüstet – und allenthalben schon ehrfurchtsvoll bestaunt worden.Die Maschine gibt einen stärkeren Wasserdruck bei gleichzeitig größerer Lösch-Wassermenge.

Die schnellste Atlantiküberquerung wurde mit Dampfkraft jetzt in 8 Tagen und 2 Stunden erreicht.

Herr v. Bismarck wird Ministerpräsident. Er will die großen Fragen der Zeit „durch Blut und Eisen, von oben her“ regeln. Er wird sowohl der Mann fürs Grobe sein, als auch für die feinen Winkelzüge in der Politik. Ohne ihn würde der König diese Fragen und Probleme der Zeiten wohl nicht durchstehen.


Wieder ein Fall des Ablebens in unserer Familie. Carolines Mutter, meine Schwiegermamá Caroline Wilhelmine Keilbach, geb. Großkopf, 74 Jahre alt, schließt am 08. November im Jahre des Herrn 1862, für immer die Augen. Da ich als Kind früh Waise wurde, waren mir Carolines Angehörige wie leibliche Eltern.


1864

Was unser Nachwuchs inzwischen so macht? Nun, Franz ist jetzt 27 Jahre alt und möchte alleine wohnen – das ist wohl verständlich und es lockert die angespannte Situation des Wohnens auf engem Raume bei uns auf. Ende Februar zieht er in die benachbarte Kaiserstraße 5 und wohnt da in einem freien Zimmer bei Witwe Jebens zur Untermiete. In Arbeit und Brot wirkt er als Schuhmachergeselle bei Meister G. Birkholz. Nach einem halben Jahr, ab Ende Oktober, zieht er aber um, nach Am Canal 60 und wohnt dort bei Buchholz.


Sohn Albert, 22 Jahre alt, Schuhmachergeselle, dient im 64sten Infanterie-Regiment in Prenzlau. Am 26. Oktober kommt er uns für einige Tage besuchen. Die Polizei-Meldung besagt, dass er einen Urlaubsgruß für uns dabei hat. Na, so was – was die Obrigkeit aber auch alles interessiert und schriftlich festhält. –


Emil ist inzwischen ein gestandener Zigarrenhersteller im schönen Alter von 25 Jahren. Er heiratet am 16. Oktober die Karoline Friederike Auguste Lier, die 1½ Jahre reifer ist als er, also geboren am 04. März 1837. Sie haben eine Wohnung in der Kiezstraße 27 gemietet. Im „Kiezpalast“.


Krieg wird von Preußen und Österreich gegen Dänemark geführt. Preußen bekommt in dessen Ergebnis das Land Schleswig-Holstein dazu.


1865

Unser Franz, man kann nach Handwerksbrauch schon sagen er sei ein Altgeselle, ist per 26. Mai wieder zurück zu uns in die elterliche Wohnung gezogen. Also nichts mit großer dauerhafter „Auflockerung“.


Den amerikanischen Bürgerkrieg gewinnen die Nordstaaten. Der Präsident Abraham Lincoln fällt einem Mordanschlag zum Opfer, weil er sich für die Abschaffung der Sklavenhalterei in den Südstaaten eingesetzt hatte.

Zwischen Europa und den USA wird von speziellen Schiffen aus ein unvorstellbar langes, seewasserfestes Kabel, etwa 472 Landmeilen (3.500 Kilometer) lang, verlegt, das so genannte Überseeunterwasserkabel – dort über alle Unterwaser-Berge und -Täler. Natürlich gab es auch oftmals Rückschläge, wenn das schwere Kabel riss und wieder seewasserfest angestückt werden musste. Schon das normale Anbinden des Kabels einer weiteren neuen Rolle ist wohl eine technische Schwierigkeit unter diesen Bedingungen. Schier unvorstellbare Leistungen! Das alles nur, um schneller Nachrichten austauschen zu können. Früher ging es auch etwas geruhsamer, einfacher, billiger – dennoch: nichts gegen den menschlichen Geist und dessen Früchte, sofern sie nützlich und zum Besten aller bestimmt sind.


1866

Sohn Emil und Schwiegertochter Auguste Lier sind per April von dem großen Wohnpalast Kiezstraße 27 in die Innenstadt, in das Haus Brandenburger Straße 20 gezogen. Das Haus ist zwar älter (aus der Zeit des Soldatenkönigs) aber es ist eine bessere Laufgegend, in der er günstiger seine Räucherwaren anpreisen und auch an den Mann bringen kann.


Oh, oh, diesmal ist unsere eigene Tochter Auguste gemeint: das frühere so sehr freundliche Gustchen, macht uns Sorgen. Sie hat dem zu frühzeitigen Minnedienst nicht gut widerstanden, ihn unvorsichtig angenommen – und das in unserer Sommer-Familie, die stadtbekannt ist „wie ein bunter Hund“. Schande über Schande – ein Solches war nicht vorgesehen. Auch fürderhin noch unbemannt, bekommt die 22-jährige bald Nachwuchs.

Auguste hat in unserer Wohnung am 08. Oktober eine Tochter geboren. Das Kind soll in der Taufe die Namen Hedwig Antonie erhalten. So möchte es unsere Tochter. In Bochow bei Groß Kreutz, etwas abgeschieden vom allgemeinen Blickfeld, wird sie dann vorerst als Amme tätig sein, also auch ein weiteres Kind versorgen. Ein Milchmangel ist wohl nicht zu beklagen.

Auguste besucht uns im Dezember für drei Tage, begeht auch bei uns ihren 23. Geburtstag, geht dann nach vorerst von der Residenz aufs Dorf, nach Bochow, zurück.


Wir leben zu dieser Zeit erneut im Krieg. Diesmal gegen den noch eben Verbündeten: Österreich. Es geht um die Vorherrschaft in Europa (Einigungskrieg bei Bad Langensalza). Vorsorglich sammelt die Obrigkeit schon Silbergroschen-Spenden bei der Einwohnerschaft. Viele Gemetzel werden wieder in die Geschichte eingehen, besonders die große Schlacht im Waldgebiet vor den Höhen bei Königgrätz. Das Potsdamer Pfingsthaus wird als Lazarett eingerichtet. Dieser Krieg wird von Preußen gewonnen. Wer alles hat davon Gewinn? Wir wohl nicht – wie viele haben die Bürde der Verluste zu tragen?

In der Medizin wird der Begriff und die Methode der Desinfektion eingeführt, um faulende, brandige Wunden und damit den unweigerlichen Tod zu vermeiden. Denken wir da nur an die vielen entzündeten, eiternden, schwärenden Soldatenverletzungen. Solches will man mit speziellen Auswaschungen (Chlor und Karbol) zurückdrängen.


1867

Sohn Franz zieht zur Waisenstraße 70. Sohn Albert hatte im Juli einen Urlaubsaufenthalt bei uns, innerhalb seiner Militär-Dienstzeit in Prenzlau. Bald wird dort sein Dienst enden. Dann geht es auch für ihn wieder an das Herstellen und Reparieren des Schuhwerks.

Zum Oktober verlegen wir unsere Heimstatt von der Kriewitzstraße 3 in die Schwertfegerstraße 13, denn die Sommer- / Weltzer-Kinder brauchen mehr Platz. Albert wohnt schon seit 1½ Monaten in der Schwertfegerstraße 13, sozusagen als „Quartiermacher“. Wir rücken nun mal von der anderen Seite an Schloss und Nikolaikirche heran. Das Haus wurde im Jahre 1777 von Georg Christian Unger gebaut. Es steht zwischen Hohewegstraße / „Acht Ecken“ und dem Schloss. Ursprünglich war diese Straße eine Fortsetzung der Petersiliengasse. Natürlich aber kann man auf Dauer keine P.-Gasse an einem Schlossplatz enden lassen. Dieses Haus No. 13 gehörte einem Schwertfeger (Waffenschmied) namens Schwanfelder. Und sein Beruf war dann für dieses Sträßlein namensgebend.

Derzeitig wohnen in der Schwertfegerstraße 13:

1. Hoborst, Schneidermeister;

2. Sommer, F., Schuhmachermeister;

3. ? (unlesbar) Wäscherin;

4. Baudisch, Weichensteller;

5. Siegmeyer, F., Bürstenmachermeister;

6. Hasper, unverehelicht.

Bei dieser Aufstellung wollen wir aber nicht vergessen, dass hinter den einzelnen Namen oft viele Personen einer Familie stehen. Bei uns, Familie Sommer allein sind das Vater Friedrich, Mutter Caroline und die Kinder Albert, Martha, Bertha, Paul und Auguste mit ihrer Tochter, die inzwischen aus Bochow zurück gekehrt ist.

Dieses Waffenschmiedehaus, indem ich mich ganz friedlich mit Schuhen befasse, wird in zwei Jahren von Grund auf restauriert und um ein Stockwerk erhöht werden, so dass für diese Arbeiten alle Mieter ausziehen müssen. Das bedeutet: Ende März 69 schon wieder ein weiterer Umzug.


Man hört, der russische Zar verkauft Alaska, das eine große, kalte Einöde im Norden des amerikanischen Doppel-Kontinents darstellt, für 7,2 Millionen Dollar an die USA.

Bei uns wird am Bassin mit dem Bau einer katholischen Kirche begonnen und das Nauener Tor wird völlig erneuert und dabei auch im Aussehen modernisiert.


1869

Wo waren wir doch gleich gedanklich stehen geblieben? Ach ja, das Haus Schwertfegerstraße 13 wird völlig umgebaut und so geht es für uns am 08. April 69 wieder zurück in die Kriewitzstraße 3, die uns ja sehr vertraut ist. (Polizeiliches Melderegister 25, im Stadtarchiv Film 1053).


Es verlässt uns jetzt zum April Sohn Paul, denn er zieht zur Untermiete (zu Witwe Stößel) zum Markt No.11 – ein Zimmer ganz für sich alleine. Dieses klassizistische Gebäude wurde 1796–1799 errichtet, wahrscheinlich nach dem Entwurf von Michael Philipp Boumann. In diesem Haus wohnen 13 Mietsparteien. Paul beendet später das Untermietverhältnis bei der Witwe, und mietet sich etwas ganz Eigenes im Doppelanwesen, der Nauener Communikation No. 24 / 25. Er ist jetzt 24 Jahre alt.


Der jüngere Bruder meiner Frau, mein Schwager Carl Keilbach zieht am 14. Juni 69 mit seiner Frau (geborene Bürger und den Kindern von der Saarmunder Straße 6 in den „Palast Barberini“, in der Humboldtstraße 5–6. Er nimmt da die Tätigkeit des Hausverwalters auf.

August Bebel und Wilhelm Liebknecht halten sich in Thüringen auf, um dort in Eisenach die Sozialdemokratische Arbeiterpartei zu gründen. Ein großes Bündnis arbeitsamer Menschen.


1870

Nun geht’s wegen der Beengtheit für die Anderen im Kriewitzhause mit dem Mobiliar „noch einmal um die Ecke“ – zur Scharrnstraße 5, am Blücherplatze gelegen, in das 1788 gebaute Haus. Als „Scharren“ oder in der etwas verschliffenen Aussprache „Scharrn“ bezeichnet man auf dem anliegenden Markte die einfachen Verkaufsstände (oftmals Bretter auf zwei Böcken, manchmal mit Regenschutz. Vornehmer und mitunter nicht ganz ohne Ironie, auch als „Ladentheken“ bezeichnet).

Unser vormaliges Sorgenkind Tochter Auguste zieht von uns mit ihrem Kind Hedwig Antonie am 04. April fort zur Kiezstraße 27, wo sie nun mit dem Schlosser Albert Surau verheiratet ist. Eine Sorge weniger. Wünschen wir denn dem jungen Paar anhaltende Fortune.

Wir befinden uns schon wieder im Krieg – diesmal gegen Frankreich, den Bismarck wohl politisch angestachelt hatte (was uns natürlich nicht verraten wird – „Die Franzosen sind schuld“). Preußen wird auch diesen Krieg gewinnen und dessen Krönung wird für den König eine neue Krone, die eines Kaisers, sein.


1871

Die Zeit vergeht wie im Fluge. Nun habe ich schon das 70. Jahr erreicht und Caroline ist 62 Jahre alt.

Ja, worüber sprach ich doch neulich bezüglich der Politik? Richtig – nach dem Kriegsgewinn wird König Wilhelm I. nun auch Deutscher Kaiser. Die Krönung können wir hier nicht miterleben, denn die findet nicht in einer der beiden preußischen Residenzen Berlin oder Potsdam statt, sondern am 18. Januar im gerade niedergerungenen Frankreich, im Schloss von Versailles bei Paris.


Sohn Albert war beim 64. Infanterie-Regiment, stationiert in Prenzlau, inzwischen im Krieg gegen Frankreich eingesetzt. Das preußische Königshaus hatte ihn ausgesandt, der Deutsche Kaiser holt ihn zurück. Sie kommen aber auch gerne von alleine wieder zurück, so sie es können. Gottlob lebendig ist er und auch leidlich gesund. Am 10. Juli trifft er, aus dem Feldzug zurück, wieder in Potsdam ein. Eine Anzahl von Kameraden vermisst er schmerzlich, spricht aber nicht viel darüber. Für die nächste Zeit wird er wieder bei uns campieren. Dafür macht ihm quasi Tochter Bertha (knapp 21 Jahre jung) einen Quartierplatz frei, denn sie zieht stantepede zur Burgstraße 45, weil sie am 09. Juli, in der Heiligengeistkirche geheiratet hat und in der neuen, eigenen Wohnung jetzt mit Schneider-Meister Rudolph Wilhelm Karl Mahnkopf wohnt. Jener ist knapp 24 Jahre alt, wurde als Säugling im 47er Jahr bei Nikolai von Prediger Stöwe etwas getaucht. Des Mahnkopfs Eltern sind der Bürger und Zimmergesell Karl Friedrich Mahnkopf aus der Spandauer Straße 14 und Marie Sophie Kähne, die er sich aus Deetz bei Groß Kreutz holte. Rudolph Mahnkopf und unsere Bertha werden neun Kinder aufziehen aber das wissen wir heute noch nicht – dazu ist es zu früh.


Auch unser Marthchen ist nun mit 23 Lenzen verheiratet und lebt mit dem Gürtler (Blechkünstler) Schulz in der Mittelstraße 12, einem Holländer-Giebel-Doppelhaus. Unten im Parterre befindet sich die Gaststätte „Zum Grünen Baum“, von der Restaurateurs-Witwe Frau Klaus geführt. Der Name der Gaststätte freut natürlich Marthchen. Er drückt aber in gewisser Weise nur einen Zweckoptimismus aus, der auf Wunschdenken gegründet ist, denn in der Mittelstraße gibt es, wie wir ja alle wissen, abgesehen von einigen Vorgärten-Kübelpflanzen und den einsamen spalierigen Fassadenkletterern, keinen einzigen richtigen großen Baum.

Für uns wird es, abgesehen von den quicklebendigen Enkelkindern, Jahr für Jahr geruhsamer in unserer Wohnung. Das tut auch gut – so gedacht aber weit gefehlt: Es zieht unsere Tochter Martha mit Schwiegersohn Emil Schultz, dem Gürtlergesellen am 16. August 1871 bei uns im Haus mit ein. Wie ich schon ausführte: Vorher lebten sie ein Stückchen weiter in der Mittelstraße 12 – alles, alles befindet sich im Wandel. Ihr Aufenthalt ist hier aber nur so eine „Zwischenaktsmusik“ oder „Interlude“, wie der Fachmann ja sagt, denn Weihnachten feiern sie schon in einer eigenen größeren Wohnung. Am 06. Dezember ziehen sie in das stattliche Eckhaus Jägerstraße 42 / Ecke Kaiser-Wilhelm-Straße.


Von diesem Jahr an gibt es Korrespondenzkarten, bald bebildert als Ansichtskarten. Das Ansichtsbild kann der Absender mit Grüßen umrahmen, denn die Rückseite ist, postalisch gesehen, die eigentliche Haupt- und Vorderseite. Dort dürfen nur die amtlichen Angaben über das „Woher“ und „Wohin“ der Karte geschrieben stehen. Das wird bis zur Jahreswende 1904 / 1905 auch so bleiben. Es gibt nun auch neue Briefmarken. Für den Norden Deutschlands wieder mit Talern und Groschen als Frankaturbezeichnung, für den deutschen Süden mit Gulden und Kreuzern. Auch „Mischfrankaturen“ dürfen aufgeklebt werden – dafür müssen wir das Rechnen neu lernen.


1872

Das im Vorjahr Ausgeführte greift weiter um sich: Sohn Albert hat ebenfalls geheiratet und zwar die Luise Kunkel und nun auch eine eigene Wohnung gefunden. Ab April wohnt er in der Nauener Communikation 31. Die No. 30 / 31 ist ein Doppelhaus, nur sechs Gebäude neben Pauls Wohnung. Man schaut nach vorne heraus auf die Stadtmauer; darüber hinweg kann der Blick über die Wiesen zum Heiligen See schweifen. Bei uns wird die Raumsituation dadurch „deutlich großzügiger“. In „seinem“, also Alberts, neuen Hause, das etwa 1734 erbaut wurde, leben jetzt:

1. Steurich, geb. Wille, eine Kaufmanns-Witwe. Sie ist die Eigentümerin des Hauses.

2. Frau v. Liebemann, Witwe;

3. Schelle, Fräulein (betagt);

4. Hauth, Ober-Lieutenant aus Baiern;

5. Groß, Friseur; im Parterre

6. Herter, pensionierter Feldwebel;

Neu: 7. Sommer, Schuhmacher-Meister.


1873

In der Kriewitzstraße No. 3 wohnen derzeitig:

1. Weltzer, Maurerpolier und Eigentümer des Hauses;

2. Sommer, Schuhmachermeister, wir also;

3. Dobich, der Schmied;

4. Friebe, Sergant;

5. Frau Friebe, Hebamme;

6. Thiele, Witwe;

7. Ahlburg, Handelsmann;

8. Bläsing, Schmied und

9. Ensenhöfer, Witwe

und bald auch Surow, Schlossergesell. (mit unserer Auguste).


Sohn Franz bezog am Ende des Monats September auch eine eigene Wohnung in der Kriewitzstraße 3, also im gleichen Hause, weil er einer solchen endlich bedarf. Am 30. September war Hochzeit. Dafür wurde es auch hohe Zeit, denn, 1837 geboren, steht er schon im 37. Lebensjahr. Er ehelichte die 31jährige Witwe Johanne Friederike Auguste Friemann, geborene Schwaiger. Sie ist eine handfeste Person. Auguste wurde am 31. August (daher der Name, das taten die Eltern wohl mit Bedacht) anno 1842 in Falkenhagen bei Spandau (im Osthavelland) geboren. Sie hat auch einen Beruf und leistet als Hebamme gute Dienste. Franz heiratet gleich die drei kleinen Friemann-Kinder (Anna, Paul und Adolph, die schon schön Blumen streuen können) mit und holt so früher Versäumtes ohne Anstrengung schnell nach. Gemeinsam werden sie weitere, zwei Sommer-Kinder (Max und Willy) haben, von denen aber das zweite Kind nach Monatsfrist stirbt. Nun leben hier im Hause Kriewitz No. 3 gleich zwei Hebammen, nein 2½, denn Augustes Mutter, Frau Rübe, zieht mit ein und sie wirkt als Hebammen-Helferin und übernimmt auch die Gänge zu den Pastoren, bald auch zu den Standesämtern, um die Geburten nach Recht und Gesetz anzuzeigen.


1874

In Neuendorf bei Nowawes wird eine neue Knabenschule gebaut. Der anliegende Weg wird Schulstraße geheißen.

Nun, im Herbst werden Standesämter eingerichtet. Der Königliche Magistrat erfasst ab October alle Ereignisse, die bisher ins Kirchenbuch eingetragen werden: Geburt, Eheschließung und das Sterben. Im Kirchenbuch wird aber das Vollziehen von Taufe, Trauung und Aussegnung zur Bestattung auch weiterhin vermerkt.


1875

Bei Sohn Albert, Schuhmacher, der 33 Jahre alt wird, das heißt eher bei seiner Frau Luise (Kunkel) stellt sich Nachwuchs ein. Am 6. Februar wird dort unsere Enkelin Emma Auguste Klara Sommer geboren und sie wechseln die Wohnung und ziehen in die Mittelstraße 27, in ein schönes Holländer-Traufenhaus. Ja, ja, die vielen Sommers vermehren sich auch im Winter ganz famos. Mindestens drei weitere Kinder werden bis 1880 folgen. Ich brauche schon ein größeres Blatt Papier und muss die Gedanken zusammennehmen, um alle Kindeskinder so schön der Reihe nach, geordnet zusammen zu bekommen. Ein aufwendiges Unterfangen.


Und das geht ja weiter so, denn unser Paul, der Achte, aus dem 46-er Jahr, ehelicht nun Bertha Luise Auguste, die man aber der Einfachheit halber „Pauline“ ruft. Paul und Pauline nehmen eine Wohnung in der Kriewitzstraße 3, die bisherige Wohnung von Franz und Schwiegertochter Auguste, denn Sohn Franz und Schwaigers Auguste (ihr Mädelname stammt aus Baiern) ziehen zeitgleich nach nebenan in die Kriewitzstraße 1, in eine größere Wohnung und werden dort bis 1882 bleiben. Getauft wurde unsere neue Bertha-Pauline in St. Nikolai am 02. August 1846 von Prediger Stöner. Paul und Pauline, das passt und merkt sich gut! Mal sehen, was es dann für einen Kindernamen ergeben mag. Was heißt einen? Mindestens vier Kinder werden in der Heiligengeistkirche zwischen 1876 und 1882 getauft werden und damit lüften sich dann und nach auch die Geheimnisse um die Vornamen. Pauline ist, also jetzt, einen Monat jünger als Paule. Ihr Vater war ein Berufskollege von mir – Schuhmacher-Meister Christian Thron, der in der Hoditzstraße 19 residierte und die Ahle schwang; leider bereits verschieden. Die Mutter ist Rosine Wilhelmine, eine geborene Giese aus der Stadt Brandenburg bürtig. Sie wohnt bei Paul und Pauline mit ein.

Meister Paul Sommer gehört inzwischen zum Vorstand der Potsdamer Schuhmacherinnung. Ach ja, gar so innig ist aber nicht alles – manchmal kommt dem Glücke auch ein heilsamer Knatsch dazwischen – und schon wird ein Kladderadatsch ruchbar. Pauline hat sich am 02. Oktober vor ihrem kurz abwesenden Paule heimlich aus der Wohnung verdrückt, ohne bei der königlich-polizeilichen Meldestelle dieserhalb vorzusprechen! Ihre Mutter, die Witwe Thron, zog nach und suchte in der Brandenburger Str. 51 ein auskömmliches Unterkommen und der Meister Paul konnte die leere Wohnung nicht ansehen und aß und ruhte vorerst bei uns, seinen alten Eltern im gleichen Hause, also eine Zimmertüre weiter. Mag jeder seine Ecken und Kanten haben aber das junge Glück nun mit der Schwiegermutter „freiwillig“ zusammen zu sperren, is ja auf Dauer auch kein leichtes Brot, nich? Und tut nicht immer gut. Wir alle haben Paulinen aber nicht aufgegeben, zumal sie ja wohl auch bereits etwas angeschwängert ist. Sie kommt ja dann auch bald zurück (ihr Mütterlein nicht, auch besser so) und alles renkt sich wiedrum erstmal ein.


Wir hörten, dass der Heinrich Schliemann sich als Ziel gesetzt hat, die sagenumwobene orientalische Stadt Troja zu suchen, zu finden und, da wohl verschüttet oder übersandet, hernach auch auszugraben.


1876

Immer wieder gibt es neue Sachen, auf die man sich noch einstellen muss, Taler und Groschen, Gulden und Kreuzer sind ab 01. Januar passé, dafür gibt es im gesamten Land neues einheitliches Geld: „Die Deutsche Mark“ mit einhundert Pfennigen. Eine komische Bezeichnung für Geld, wenn ich da zum Beispiel doch an unsere Mark Brandenburg denke oder daran, was einem alles durch „Mark und Bein“ ging. Und man muss vom Neuen zum Gewohnten andauernd umrechnen, um zu ermessen, was die Dinge denn nun wirklich kosten.

(Diese „Mark“ wird solange unser Zahlungsmittel sein, bis sie im Jahre 2002 vom EURO zu 100 Cent abgelöst wird).

Potsdam erhält erstmals ein "Netz" von Rohrleitungen – ein Trinkwasserleitungsnetz. Die „Plumpen“ in den Höfen, die oft dicht beim Trockenabort errichtet wurden, sollen nach und nach verschwinden. Das neue Wasser ist aber vorerst braun, wegen seines erhöhten Gehalts an Eisen und Mangan. Für die helle Wäsche schleppten verschiedene Leute daher vorerst lieber Wasser aus dem Canal heran. Aber bis zum Beginn des nächsten Jahrhunderts wird auch dieses Problem gelöst sein. Und etwa ab 1892 wird auch die Verlegung einer zentralen Abwasserkanalisation in Angriff genommen; doch dazu später. Die Nachrichten über Neuerungen überstürzen sich: Nikolaus Otto stellt eine völlig neue Kraftmaschine, den ersten "Motor" der Welt (so nennt man das Gerät) vor. „Viertakt-Benzin-Explosionsmotor“ ist sein eigentlicher, etwas sperriger Name. Er ist bei vergleichbarer Leistung ein Zwerg gegen eine herkömmliche Dampfmaschine oder im Vergleich mit einer Ansammlung starker Pferde.


Paul und Pauline sind zur Burgstraße 49 gezogen, das hat sich dann wohl aber bald als ungünstig herausgestellt. Es ist ein großes Gebäude mit vielen Mietsparteien und im Hof die Bottich-Fabrikation, wegen derer es ständig lärmt. Eine richtig schöne Wohnung finden sie ab Mitte Oktober in dem prächtigen Bau Berliner Straße 18 / 19, Ecke Garde du Corps-Straße mit Blick nach rechts über die Brücke zur Canaloper (dem Schauspielhause, nach Plänen von Langhans unter der Bauleitung des jüngeren Boumann, errichtet, mit dem Reliefschmuck vom Ur-Berliner Gottfried Schadow). Hierin war ja auch mein Schwiegervater Keilbach als Orchesterdiener und Logenschließer tätig.

Die Bebauung des Grundstücks in der Berliner Straße 18 wurde 1772 nach Plänen des Baumeisters Karl v. Gontard vorgenommen. Dort werden sie einige Jahre (bis 1883) mit ihren Kindern: Elsbeth (Elise gerufen), Paul, Max und Adolph wohnen. Adolph der Letzte, wird allerdings sein erstes halbes Jahr leider nicht überleben. Mit ihnen im gleichen Hause wohnen dort (am Ende ihres Mietverhältnisses)

1. Gerrehs, C., Schlossermeister, der Eigentümer;

2. Heinrich, A., Bäckermeister;

3. Sommer, Paul, Schuhmachermeister;

4. Birkholz, G. Schuhmachermeister;

5. Fiedler, Schlossergesell;

6. Lange, Alwine, geb. Simon, Witwe;

7. Lange, Arthur, Assistent der Gasanstalt;

8. Wangerin, S., geb. Drehmel, Witwe;

9. Hannemann, Adolph, Korbmacher-Meister (Geschäft: Scharrnstraße, im Rathauskeller); 10. Hannemann, verehelicht, Gesinde-Vermieterin;

11. Schwellach, Albert, Schlossergeselle.


1878

Albert und Schwiegertochter Luise (Kunkel) ziehen in die Nowaweser Wilhelmstraße 43. Das ist gut.

Weniger erfreulich scheint, dass auf den Kaiser zwei Attentate ausgeführt wurden; also nicht hier, sondern in Berlin. Er blieb jedoch unversehrt.

Ein großer Doppeleinschnitt in der engsten Verwandtschaft: Mein jüngerer Schwager, Carl Keilbach stirbt am 23. Juni mit 67 Jahren des Lebens und es folgt im seine Frau Caroline, eine geborene Bürger, am 25. August mit 63 Jahren. Sie war geboren am 24. Dezember 1814. Über deren Alter sind wir nun schon weit hinaus.

In Potsdam auf dem Telegraphenberg geht das Astrophysikalische Observatorium in Betrieb.


1879

Ab April leben wir in der Burgstraße 52 (1771 von Georg Christian Unger entworfen) auf der dem Canal zugewandten Seite aber ab Oktober in der Kreuzstraße 15, der ehemaligen Holländischen Quergasse, in den Jahren 1739 / 40 errichtet. In diesem Hause hatte im Jahre 1856 der norddeutsche Schriftsteller vom stürmischen Meer, Theodor Storm gelebt, der hier in Potsdam den auch von ihm ungeliebten Posten eines Gerichts-Assessors versah. In den freien Stunden aber glich er das aus – dichtete und schrieb Novellen. Allerdings – im Hause gefiel es ihm, das mit seinem Seitenflügel und dem lauschigen verbindenden Seitengang, vom Laub des wilden Weins überwuchert, ein so recht treffliches Motiv für den Maler Spitzweg abgegeben hätte. Derzeitig wohnen hier, einschließlich in den Räumen des Seitenflügels:

1. Fräulein (schon gereifter) Kolbus, M., die Eigentümerin;

2. Kopp, E. J.; Musikus;

3. Bullert, geborene Grabowski, Witwe;

4. Rieger, L., geb. Bräsicke, Witwe;

5. Piesel, G., geb. Seidel, Rentiere;

6. Göricke, G. Arbeiter;

7. Sommer, F., Schuhmachermeister;

8. Biermann, C., Holz- und Kohlenhandlung,

9. Stärk, R., Arbeiter;

10. Schwer, H., Arbeiter.

Wie des Öfteren stark auffallend, ist auch hier ein Jahr später nicht nur ein neuer Eigentümer für das Haus da, sondern auch die gesamte Mieterschaft ausgewechselt. Erstaunlich ist immer wieder, dass so viele unterschiedliche Menschen in solch einem Haus Platz finden können müssen.

Früher wohnten in diesem Holländischen Kiez, aus den vier Quarrés bestehend, auch solche berühmten Baumeister wie Carl v. Gontard, Georg Christian Unger, Andreas Ludwig Krüger, und auch daselbst der begnadete Bildhauer Friedrich Christian Glume, der Bildnisgestalter Matthias Müller und Johann Christoph Wohlert.

In diesem Jahr blicke ich auf 50 Jahre meines meisterlichen Wirkens im mehr oder weniger edlen Schuhmacherhandwerk zurück. Ich bin jetzt 78 Jahre alt und Caroline 70. Da sollte das Umherziehen bald ein Ende haben.


1880

Goldene Hochzeit, welch eine lange Zeit. Viel Besuch. Soo groß ist unsere Familie, dass keine Wohnung sie fasst. Ja, das ist nicht zu fassen, sage auch ich.


Es kommt zu ersten Versuchen, die holperigen Katzenkopfsteine des Fahrdamms mit einer Schicht glatten Asphaltes (aus der Teerschwelerei) zu beschichten. In unserer Stadt wird die Pferde-Straßenbahn gegründet.


1881

Im 81. Lebensjahr stehe ich und Caroline wird 72 Jahre alt.

Ab April doch nochmals ein Zwischenwohnen in der Kriewitzstraße 3. Wir leben in diesem Hause jetzt zusammen mit:



Name

Profession


Name

Profession

1

Baas sche Erben

Eigenthümer


5

Wäse, W.

Eisenbahnarbeiter

2

Rimarzig, Ed.

Gürtler und Bronceur, bald aber: Bronce-Waaren-Fabrik


6.

Sommer, F.

Schuhmacher-Meister

3

Kahle, G.

Tischlermeister


7.

Böttche, F.

Victualienhändler

4

Ahlburg, C.

Dienstmann


-

-

-


Außer Herrn Ahlburg, der früher Handelsmann war, alles neue Mieter gegenüber 1875. Selbst der Eigentümer hat gewechselt. Es ist unser Weltzer nicht mehr. Bald aber auch wird der Eigentümer wieder wechseln. Es ist wohl ein Bruder des oben genannten: Johann August Louis Rimarzig, ebenfalls ein Gürtlermeister, ein Blechbearbeiter.

Das zeigt unseren geneigten Lesern: Nicht nur unsere Familie zog oft um. Aus vielgestaltigen Gründen war das keine Seltenheit, sondern als Usus zu betrachten. Das Mobiliar allerdings brauchte bei uns einfacheren Menschen auch nur eine Pferdefuhrwerksfuhre; bei manchem reichte auch ein Handwagen.


Auf den russischen Zaren Alexander II. wurde ein Bombenattentat verübt, dem er erlag, da es ihn zu Tode verletzte. Aber diese Nachricht wird ja auch euch bereits wie ein Lauffeuer erreicht haben.


1882

Ab Januar 82 zieht unser 3. Kind, der Schuhmacher-Meister Franz, 45 Jahre ist er jetzt alt, von der Kriewitz 1, in die Kriewitzstraße 5 und kauft dieses Haus. Das Gebäude errichtete man im Jahre 1817. Die Kriewitzstraße ist nur sechs Häuser lang, drei auf jeder Seite und auch nicht breit. Sie wurde aufgewertet, denn vorher hieß sie Kriewitzgasse, (1735 oder 1739) so benannt nach dem damaligen Eigentümer von Haus 5, dem Schlächter-Meister Kriewitz. Bevor dieser Fleischersmann dieses Haus sein eigen nannte, trug das Sträßlein den nicht minder bezeichnenden Namen: das “Grüngässchen“.

Derzeitig wohnen im Hause No. 5:



Name

Profession


Name

Profession

1

Sommer,

Franz

Schuhmachermeister

Eigentümer


6

Rieger, C

Eisenbahn-Wagenschieber

2

Sommer Auguste, verehelicht,

Hebamme (also seine liebe Frau, nur wegen ihres eigenständigen, gefragten Berufes extra aufgeführt).


7

Wolff, Wilhelm

Siedereiarbeiter (bei der Zuckersiederei Jacobs in der Burgstraße)

3

Götschmann

Stellmachergesell


8

Kletzke, H.

Schlächtermeister

4

Klaus, S.,

geb. Kirchner


Witwe

9

König, F.

Glaser bei der Eisenbahn

5

Behrend, F.

Schneidermeister


10

Linke, W. F.

Arbeiter


Bei unseren oben aufgeführten Kindern im Haushalt, lebt auch Augustens verwitwete Mutter, Frau Johanna Schwaiger geb. Rübe, die am 11. Juni 1816 in Zahna, im Kreise Wittenberg geboren war. Das ist recht so und – hoffentlich geht’s gut.


Auch für uns steht ein weiterer Umzug, diesmal nach Nowawes, Lindenstraße No. 8 an. Vom Monat Juli an, genau genommen ab 28. 6. 82 leben wir hier. Vor den Weberhäusern eine Wiese zum Auslegen und Bleichen der jüngst gewebten Stoffbahnen, derhalben ist die Straße bis zu den gegenüber liegenden Häusern weit mehr als 60 Meter breit. Diese Ausdehnung der ursprünglich vierreihigen Lindenstraße, ist allerdings damals längs zerschnitten worden, von dem Gleiskörper der Eisenbahn, die vor unserer Haustür vorbei braust. Dieses alte Kolonistenhaus in dem wir nun leben, ursprünglich für Weber und Spinner errichtet, wurde des öfteren besucht, oftmals gemessen, denn es gilt als der Musterbau der gesamten Colonie Nowawes für die Schüler der Städtischen Baugewerkschule in Berlin.


Nun führen wir Jüngeren den Rest dieser Aufzeichnung zu Ende.

Gegen Ende des Jahres, Vater ist nun fast 82 Jahre alt, endet sein Leben am Sonntag, den 17. Dezember gegen 2 Uhr des Morgens nach einem Schlaganfall. Eine Gnade, dass kein langes Leiden folgte. Er hinterlässt außer seiner Frau, unserer Mutter, acht großjährige Kinder. Herr Ober-Pfarrer Koller von unserer Friedrichskirche, trägt alles was nötig ist, in das Kirchenbuch ein und spricht die Abkündigung.

Das Sterberegister des Standesamtes Nowawes registriert unter No. 177 / 1882: „Es erschien der Schuhmacher-Meister Karl Johann Friedrich Sommer, wohnhaft zu Nowawes, Lindenstraße No. 7 und zeigte an, dass der Schuhmacher-Meister Johann Friedrich Sommer, geboren am 30. Dezember 1800, – zu Nowawes am 17. Dezember 1882 vormittags 2 Uhr in des Anzeigenden Gegenwart verstarb.

Er war (knapp) 82 Jahre alt, evangelisch, war wohnhaft zu Nowawes, Lindenstraße 8, geboren zu Buckow, verheiratet gewesen mit der zu Nowawes lebenden Caroline, geb. Keilbach.

Standesbeamter i. V. Plage“


Nun ist er befreit von der Last dieses langen Lebens und am 20. Dezember nimmt die kleine Gemeinde von ihm Abschied in der mit Fichtenreisern geschmückten Friedhofskapelle in der Mittelstraße, wohin wir ihn zur letzten Ruhe geleiteten. Herr Ober-Pfarrer Koller vollzieht die Aussegnung. Aber nur Vaters persönliche Lebens-Uhr ist stehen geblieben, ansonsten geht das Leben natürlich bald, wie gewohnt, weiter.


1883

Die Kaiserlichen und Königlichen Hoheiten, das Kronprinzenpaar Friedrich und Victoria laden anlässlich ihrer Silberhochzeit auch Vertreter der Handwerkszünfte Potsdams zum

28. Februar in den weißen Saal des Königlichen Schlosses. Das bedarf in der Festrobe nur weniger Schritte bis zum Markte.

Der berühmte Chirurg Ernst v. Bergmann, der in Potsdam (Neue Königsstraße) wohnt und auch in Berlin tätig ist, führt gründliche Waschungen vor jeder neuen Patientenbehandlung ein. Er verbannt den schwarzen, oft schmuddeligen Operationsfrack, der nicht waschbar, vor Blut und Eiter steif stand und führt helle, waschbare Kittel und Schürzen ein. Er kämpft mit Sauberkeit und Desinfektion gegen das tödliche Wundfieber.

Die Unternehmer Siemens und Halske ließen in Berlin schon im Vorjahr elektrische Oberleitungsbusse fahren.

Die Welt wird erschüttert von dem unermesslich gewaltigen Ausbruch des Vulkan Krakatau im fernen Indonesien. Erschüttert ist die Welt auch von den Berichten über die grauenvollen Auswirkungen für die Menschen und jedwede Kreatur, für die Ansiedelungen, wie für die sie umgebende Natur.


Paul zieht mit Pauline und den drei Kindern zum Blücherplatz 7, dorthin, wo unsere Familie auch schon ab 1842 gewohnt hatte.


1884

Deutschland tritt ein in die Reihe der Kolonialmächte, welche die Segnungen südlicher Länder mit Naturprodukten und Rohstoffen ausbeuten.


Zur neuerlichen Generalversammlung der Innungsmeister des Schuhmacherhandwerks, die in der Schützenstraße im Schützenhause am Brauhausberg stattfindet, wurde wie üblich persönlich eingeladen. In dieser Zeit sind es schon 191 zünftige Schuhmachermeister.

Der Obermeister ist Ernst Julius Neese und auch C. Röthe ist Ober. Die Tagesordnung ist diesmal erfreulich hübsch und ebenso erfreulich kurz: Es geht darum:

1. Die Kosten für den bevorstehenden Festumzug und den Ball wollen bewilligt werden,

2. Das Fest soll vom 15. auf den 18. Oktober verlegt werden.

Dazu wird man sich hoffentlich fix einigen können.

Diese Einladung betrifft in unserer Familie die Brüder und zünftigen Schuhmachermeister:

Auch an diesem Tage gedenken wir unseres Vaters Johann Friedrich Sommer, der aus Buckow kam und in Potsdam die Liste der Sommer-Schuhmacher-Meister anführte. Vor zwei Jahren starb er und hinterließ eine Lücke im Einladungsverzeichnis.

Und unsere Mutter, seine frühere Ehefrau Caroline, geborene Keilbach fügt an:

Vergessen will ich aber nicht zu erwähnen, dass wir in diesem Jahr auch schon die Silberhochzeit unseres Großen, also die von Friedrich und Marie (Weltzer) feiern.


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- Abschrift -

Der 18te October des Jahres 1884


Die 150jährige Jubiläumsfeier

der Schuhmacher-Innung

zu Potsdam


Unter reger Beteiligung der Mitglieder und (der) Deputation anderer Gewerke, feierte die Schuhmacher-Innung in Potsdam am 18. Oktober 1884 ihr 150jähriges Stiftungsfest.


Die Berliner Schuhmacher-Innung war durch eine Deputation, bestehend aus den Vorstandsmitgliedern und Repräsentanten des Innungsausschusses mit der neuen Innungsfahne bei der Feier vertreten.


Die Weihe dieses Tages wurde wesentlich dadurch gehoben, daß auf denselben der Geburtstag Sr. K. K. Hoheit des Kronprinzen fiel, aus welchem Anlaß die Stadt Potsdam durch reichen Flaggenschmuck ein festliches Gewand angelegt hatte.

Kränze, welche über die Straße gezogen, durch welche sich der Festzug bewegte, Blumen und Guirlanden, womit viele Schuhgeschäfte geschmückt, legten wohl jedem den Gedanken nahe, daß das ehrsame Schuhmachergewerk, die Jünger des Hans Sachs, heut einen besonderen Festtag haben müsse.


Um 9 Uhr Vormittag erschien der Herr Regierungspräsident von Neese in der Wohnung des Obermeisters Herrn Röthe, um der Jubelbraut seine Glückwünsche darzubringen.


Gleich nach 1 Uhr Mittags füllten sich die Räume des "Cafe Sanssouci" mit den Mitgliedern der Innung und den Deputierten anderer Gewerke, welche sämmtlich mit ihren Fahnen und Emblemen erschienen waren.


Selbstredend durften auch die natürlichen Glieder der Handwerker-Familien, die Gesellen und Lehrlinge, nicht fehlen. Es muß rühmend hervorgehoben werden, daß letztere durch ihre eigens zu dieser Feier erzeugten Arbeiten, welche bei der diesjährigen Jubiläumsfeier der Berliner Schuhmacher-Innung im Festzuge auf hierzu gefertigten Stäben getragen wurden, das Lob und die Anerkennung selbst der tüchtigsten Fachmänner hervorriefen.


Außer diesen Arbeiten, von denen namentlich ein wirklich musterhaft gearbeiteter Lackschuh mit Korkkeil, von Meister Neumann aus Bornim angefertigt, sowie ein aus genärbten Leder gefertigter Kropfstiefel, von einem Lehrling beim Meister Förster gemacht, ferner ein Paar Atlas-Pantoffeln, vom Hofschuhmacher-Meister Bause, besonders erwähnt zu werden verdienen, waren zu gleichem Zwecke vom Meister Voll, Handwerksgeräth, darunter ein vollständig ausgestatteter Arbeitstisch in kleinem Format, künstlich in Holz ausgeführt.


Pünktlich zur festgesetzten Stunde, 2 Uhr, setzte sich der Festzug in Bewegung, eröffnet mit einem Musikkorps. Unmittelbar dahinter wurden auf einem seidenen Kissen die Innungsprivilegien getragen. Dann folgte der Obermeister mit zwei Großmarschallen, sodann die Deputation der Berliner Schuhmacher-Innung, wie (die) der anderen Gewerke. Diesen folgte wieder ein Musikkorps und die Jubelbraut mit ihrem Vorstand und der Innungsfahne, woran sich die Gesellen und Lehrlinge anschlossen.


Der Festzug bewegte sich durch die Brandenburger-. Waisen-, Charlotten-, Nauener-, Hoheweg- und Schloßstraße nach dem Schützenhause, woselbst der eigentliche Festakt stattfand.

Nachdem der Festzug im Garten des Etablissements kreisförmig Aufstellung genommen und von den Musikkorps die Nationalhymne intoniert war, erfolgte der Einmarsch in die feierlich dekorierte Festhalle.


Die Behörde war vertreten durch den Oberbürgermeister der Stadt Potsdam, Herrn Boie, den Herrn Polizeidirektor Wolffgramm und den Gewerks-Assessor Stadtrath Krüger.


Die Weihe, zu welcher auch Innungsfrauen und Jungfrauen erschienen waren, wurde mit einer Musikpiece und einem Männerchor mit dem Liede:

"Brüder reicht die Hand zum Bunde"

eröffnet, worauf Herr Hofschuhmacher Bause den Festprolog vortrug, wie folgt:




Laßt mich ein Jubellied verkünden,

Ein Jubelwort im Festgewand,

Der Freude Feuer zu entzünden,

Das nähren soll der Arbeit Hand.

Ein Fest der Arbeit frohen Lust,

Das wir, als Preis des ernsten Lebens,

Stolz heut' begehen, selbst bewußt! –


Wir wissen, daß wir stets gerungen
Nach der Vollendung vollem Kranz,

Und jedes Hindernis bezwungen,

Das feindlich war - wenn voll und ganz

Wir, um das Beste zu erlangen,

Mit Fleiß und Danken redlich rangen.

Der ist kein Mann, den nicht die Ehre

Zwingt, daß er immer sich bestrebt,

Daß seines Wirkens weite Sphäre

Er zu der höchsten Höhe hebt.


Wohl mühevoll ist dieses Ringen

Verkannt von schnöder Eigenlust,

Er will ja keine Lorbeer'n bringen

Und keine Orden auf die Brust.

Jedoch, das bringt nur nicht zum Wanken,

Wir schreiten fort im schnellen Schritt,

Denn in dem Reiche der Gedanken.

Hält auch der Schuster Schritt und Tritt.



Soweit der Ernst an unserm Feste!

Vergnügen bringe uns das Beste.

So lasset denn die Freude leben,

Verbrüdert Euch von Nah und Fern,

Das Herz soll sich dem Herzen geben,

Und glänzen soll der Liebe Stern.



Bei Schmaus und Tanz und Liederklängen,

Erhebe sich die deutsche Brust,

Und Jeder labe sich noch lange

An dieser voll genossnen Lust.

Heut' laßt die Sorgen in der Ferne.

Heut geb' sich Jeder voll und ganz.

Und, wollet Ihr das Höchste bringen,

Gelobet stete Einigkeit!




Das Glück wird auf zum Himmel dringen,

Weil es der Weltgeist so gebeut.

Laßt alles Kleinliche heut schwinden

Und gebt Euch ganz der Wonne hin,

Dann wird sich unser Fest begründen

Im schönsten brüderlichen Sinn;

Dann bleibet Euch auch dies' Gedicht:

Ein herzliches Vergiß mein nicht.


Dann folgte die Festrede, Begrüßung der Ehrengäste und Deputation durch Herrn Neese mit Ansprache des Herrn Oberbürgermeister und der Deputation.


Die Zwischenpause wurde durch Musik- und Gesangvorträge ausgefüllt.

Nach dem Festprogramm fand die Festtafel statt, während welcher zur Feier des Tages Ansprachen und Toaste von den Ehrengästen und (der) Deputation auf. Se. Majestät den Schirmherrn des deutschen Handwerks, Kaiser Wilhelm, den Kronprinzen, Fürsten Reichskanzler, der Jubelbraut und dem deutschen Handwerk ausgebracht wurden.

Unmittelbar hieran schloß sich ein Ball, der die Festteilnehmer bis lange nach Mitternacht in fröhlicher und kollegialischer Stimmung zusammenhielt.



Wir wünschen der Innung viel Glück und Gedeihen für die Zukunft. Möge sie für alle Zeiten wirken in Frieden und Eintracht zum Wohle ihrer Mitglieder und zum Segen des Handwerks.


Danksagung:


Den Mitgliedern der Potsdamer Schuhmacher-Innung sagen die Unterzeichneten für die überaus freundlichen und kollegialische Aufnahme bei der Feier ihres 150jährigen Stiftungsfestes den herzlichen Dank.

Die Deputation der Berliner Schuhmacher Innung.


(Namen) Eingetragen von W. Leidig

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1885

Gottlieb Daimler stellt seine neueste Erfindung vor, den „Petroleum-Reitwagen“, das erste Motorrad (wird man erst später dazu sagen) der Welt, dessen Fahrwerk im wesentlichen aus Holz besteht. Noch mehr von sich reden macht das erste Dreirad-Automobil der Welt von Carl Benz.

Die Verwaltung hat kürzlich gezählt, dass auf den Havelgewässern zwischen Spandau und Potsdam etwa 2.000 Schwäne leben.


1886

Es müssen weniger Menschen mit entzündetem Blinddarm sterben, da nunmehr diese komplizierte Operation am lebenden Menschen auch in Deutschen Landen gewagt wird.

Bei uns in Nowawes, in unserer Straße, wird das Taubstummenblindenheim, das „Oberlin-Haus“ eingerichtet.


1888

Unsere betagte Mutter Caroline zieht ab Mitte Oktober von der Lindenstraße 8, zu den Kindern in die Lindenstraße 44, gerade dorthin, wo die Straße ihren einzigen Knick zeigt.


In diesem Jahr haben wir drei Deutsche Kaiser, die ebenfalls drei Preußische Könige sind. Der greise Wilhelm I. stirbt in seinem 91. Lebensjahr. Seinem krebskranken Sohn Friedrich III. ist es lediglich vergönnt, 99 Tage zu regieren. Er stirbt am 15. Juni, 57 Jahre alt. Er galt als Hoffnungsträger für mehr Liberalität. Jetzt haben wir dessen Sohn Wilhelm II., der wohl leidlich gesund wenn auch gehandicapt, im 29. Lebensjahr steht, der aber im Wesen so gar nicht nach seinen Eltern schlägt.


1889

Caroline Sommer erreicht zu dieser Zeit ihr 82. Lebensjahr


1892

In Potsdam wurde begonnen, eine Abwasserkanalisation einzurichten. Zwar wurde der Anschluss der Grundstücke zur Pflicht eines jeden Besitzers erhoben, jedoch war das Anschließen von jedem Eigentümer „bei einer hochlöblichen Polizei-Direktion hiesiger Residenz“ zu beantragen und Art sowie Umfang der Arbeiten mit technischen Zeichnungen zu belegen sowie, nicht zu vergessen, dabei auch „hochachtungsvoll um die gütige Genehmigung zu bitten“. Nun ja, so ist es üblich. Wir kennen das nicht anders. Auf jeden Fall werden die Straßen sauberer – ohne üblen Gestank und auch die menschlichen Exkremente müssen nicht mehr ständig von den „Nacht-Emmas“ abgeholt werden (sofern man nicht das Trockenklo im Hofe hatte) – nun kann man sie einfach fortspülen. Weg und sauber – das ist eine feine Sache.


Im fernen Russland hebt das Bauen der Transsibirischen Eisenbahn an.

Die Gewerkschaften beschließen, auch weibliche Personen als Mitglieder aufzunehmen. Eine neue Cholera-Epidemie rafft in der Hansestadt Hamburg rund 9.000 Menschen dahin, kurz bevor ein Schutzimpfstoff anwendungsbereit zur Verfügung steht.


Carl Sommer, der Mühlenmeister und Mühlenbauer (* 18. Dezember 1803 in Buckow im Oderland), Bruder unseres Vaters, ist einen Monat vor seinem 89. Geburtstag in Nowawes, Lindenstraße 4a gestorben. Einen Monat vor seinem Tode hat er sich alt und krank, aus Gerresheim bei Düsseldorf kommend, bei meiner Tochter Marie Weltzer, geborene Sommer, seiner Nichte, eingefunden, um sich hier pflegen zu lassen. Er war früher verheiratet mit Caroline Emilie Henriette Sommer, geb. Keyling, die zu Reppen im Kreis Weststernberg (Neumark) gestorben war.


1896

Hier, bei Sohn und Schwiegertochter, stirbt am Donnerstag, den 10. September: Caroline Sommer, geb. Keilbach im Alter von 87½ Jahren an Altersschwäche. Eintragung des Standesamtes Nowawes No. 228/1896: „Es erschien der Schuhmacher-Meister Karl Johann Friedrich Sommer, wohnhaft in Nowawes, in der Lindenstraße 44 und zeigte an, dass die Schuhmacher-Meister-Witwe Caroline Wilhelmine Charlotte Sommer, geb. Keilbach mit 87 Jahren und 6 Monaten, evangelisch, wohnhaft zu Nowawes, Lindenstraße 44, in des Anzeigenden Gegenwart, am 10. September 1896 um 10 Uhr nachmittags an Altersschwäche ohne Testament verstarb. Sie war geboren zu Potsdam und hatte 6 großjährige Kinder (Anmerkung durch Chris J. als Korrektur: Sie hatte 11 Kinder, von denen 9 das Erwachsenenalter erreichten). Sie war die Tochter des Pantoffelmachers Gottfried Joseph Keilbach und dessen Ehefrau Caroline Wilhelmine Keilbach, geborene Großkopf, beide zu Potsdam verstorben.“

Eine weitere Quelle ist das Kirchenbuch der Friedrichskirche zu Nowawes: No. 189/1896.


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Potsdam, am 14. Juli 2008

Meine lieben Potsdamer Sommer-Vorfahren, Friedrich und Caroline!


Wie Ihr ja wisst, wurde die prächtige, barocke Hof- und Garnisonkirche zu Potsdam in den Jahren 1730 bis 1735 erbaut. Diese stattliche Kirche brannte nach dem Bombardement in der Nacht vom 14. zum 15. April 1945 aus, nachdem der Zweite Weltkrieg, der von Deutschland ausging, in unser Land zurückgekehrt war.

Nach dem Verlust der Kirche, wurde im Juni 1968 auch der äußerst massiv gebaute Turmstumpf gesprengt, „um damit die Reste des preußischen Militarismus’ zu beseitigen“.

Vierzig Jahre sind vergangen. – Die Verhältnisse in Politik und Wirtschaft sind seither grundsätzlich verändert worden.

Heute nun, im Sommer des Jahres 2008, als die Pläne für einen späteren Wiederaufbau von Kirche und Turm gereift sind, gravierte ich als Euer Nachkomme, Euren guten Familien-Namen „Sommer“, verbunden mit einer kleinen Geldspende, in einen handgestrichenen noch ungebrannten und somit weichen Glindower Tonquader. Dieser wird nach dem Brennen, als belastbarer Ziegel, als ein kleines mittragendes Element in die Wand des Turmes der Kirche eingearbeitet und hoffentlich eine Jahrhunderte währende, wenn auch unsichtbare Erinnerung an Euch sein, die Ihr in dieser Kirche am Montag, den 19. Juli 1830 als Luisenbrautpaar von Herrn Bischof Eylert getraut wurdet.


Es grüßt Euch Euer Nachkomme Chris Janecke




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Momentanes Ende des Dokuments.