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Zur Ahnenliste „Janecke“, Familienverband „Sommer“ gehörend:


Das Ehepaar

Gottfried Joseph Keilbach

01. Mai 1785 bis 19. März 1857

Lebensorte: Burg bei Magdeburg, ... Graz (Niederschlesien) und Potsdam

oo

Caroline Wilhelmine, geb. Großkopf

06. April 1788 bis 08. November 1862

Lebensort: Potsdam

Namen angeheirateter Schwiegerkinder: Bürger und Sommer


Einblicke in unser Leben in der Residenz Potsdam.

Ein Beitrag zur Familienforschung und Heimatgeschichte.


Jüngster Bearbeitungsstand: September 2021,

Zusammengestellt von Dr. Hartwig Schulze und Chris Janecke

Kontaktpartner: E-Mail: christoph@janecke.name

Zu diesem Text gibt es einige Bilder – bitte hier klicken.


Bei den oben Genannten handelt es sich um Altgroßeltern des Autors. Wenn du Interesse hast, mehr darüber zu lesen, was sich in dieser Zeit im Leben der Menschen abspielte, so sieh’ bitte auch in die Dokumentationen „Zeitgeschichte“ und „Zeitgenossen“.


Literaturhinweise

Zur Aufnahme des Gottfried Keilbach als Lehrling in das Handwerk, ist einer Passage nachgestaltet, welche der Ingenieur und Schriftsteller Max Eyth in seinem Buch

Der Schneider von Ulm“ beschrieb. Hieraus sind die nach altem Brauch traditionell festgelegten Redewendungen übernommen.

Einige der Angaben zur Zeit der französischen Besatzung wurden u. a. vom Historiker Robert Ostmann dargestellt und verschiedene Zahlenangaben von mir übernommen.



Jeder unserer jährlichen Geburtstage ist geeignet,

uns an die Geburt zu erinnern.

Der Anfang hat uns geprägt – der Weg hat uns gefordert.

Lasst uns nie aufhören, immer wieder neu anzufangen.


Verfasser unbekannt



Wegweiser für die Beziehungen zwischen den ältesten Personen dieser Niederschrift

und den heute lebenden Personen dieses „Familienzweiges“.

Man kann diese Liste auch gern von unten (aus der Gegenwart) nach oben lesen.


Gene-

ration

Lebensspanne

Namen des jeweiligen Ehepaares

08

ca. zwischen 1740 und 1808

Johann Sebastian Keilbach oo Dorothea Elisabeth Wehling

07

1785 bis 1862

Gottfried Joseph Keilbach oo Caroline Wilhelmine Großkopf

06

1811 bis 1878

Johann Friedrich Sommer oo Caroline Wilhelmine Charlotte Keilbach


Carl Wilhelm Keilbach oo

Caroline Anna Bürger

Die oben genannten Keilbach-Personen sind Geschwister.

05

1831 bis 1909

Karl Johann Friedrich Sommer oo Marie Elisabeth Weltzer

04

1875 bis 1949

Rudolf Max Sommer oo Anna Margarethe Runge

03

1900 bis 2003

Alfred Richard Janecke, Rixdorf bei Berlin oo

Anne-Marie Sommer aus Nowawes bei Potsdam

02

1945 bis

Der Autor dieser Niederschrift – Chris Janecke, Potsdam

01


Die Janecke-Söhne des Autors

(zu näheren Angaben besteht ein noch gewünschter Datenschutz)


Zu den vorgenannten Ehepaaren gibt es auf dieser Internetseite jeweils eigene Lebensläufe.


Hier nun die Aufstellung der Großeltern:


Generation: 08 Ahn: 164

Generation: 08 Ahnin: 165

Die Großeltern

Generation: 08 Ahn: 166

Generation: 08 Ahn:167

Keilbach

Wehling


Name

Großkopf


Johann Sebastian

Dorothea Elisabeth


Vornamen

Friedrich


1740 ...1757

Wilsnack (Prignitz)


geboren



Eigenthümer in

Angerhof (bei Burg?) -,


Füselier im Infant.-Regiment 47, in der Comp. des Herrn Major v. Blankenfeldt


Hausfrau und Mutter


Beruf

gewesener Kutscher allhier.

gewesen“ bedeutet: gestorben vor der Heirat der Tochter, vor August 1808.

Die Mutter lebt noch, sie wird aber im KB zur Trauung ihrer Tochter nicht namentlich genannt.

Burg, (Jerichower Land), im Herzogtum Magdeburg,

am 11. Februar 1776. Es gab zwischen diesen Partnern aber bereits seit etwa 1770 eine „wilde Ehe“ und mehrere Kinder.


Heirat



vor 1808



gestorben

vermutlich in Potsdam vor 1808



Für die Eltern Johann Sebastian Keilbach oo Dorothea Elisabeth Wehling gibt es einen eigenen tabellarischen Lebenslauf auf dieser Internetseite.





Die Kinder der Eltern:

Sebastian Keilbach oo Dorothea Elisabeth Wehling


Anmerkung: Der Name des Kindes, das die Ahnenfolge zu den jüngsten Probanden dieses Familienzweiges weiterführt, ist fett gedruckt.


Nr.

Familienname:

Keilbach

Lebensdaten der Kinder


Etwa seit 15 Jahren, also seit etwa 1770 wohnen, leben und lieben sie schon zusammen, führten also durchaus eine Art von Ehe, die gern eine „wilde“ schimpfiret wird. Wie sollte es anders sein, – stellten sich nach und nach, natürlich mehrere voreheliche Kinder ein. Beide auch nicht verheirateten Elternteile wurden bei den Geburten der Kinder im Kirchenbuch vermerkt. Dann, vor dem Ende des Jahres 1776 entschlossen sich die Eltern doch noch in den nunmehr geheiligten Stand der Ehe einzutreten. Vielleicht unter etwas äußerem Druck und mit dem strengen, vielleicht etwas grimmigen Segen des Garnison-Predigers. Nach dieser Trauung vergingen dann nochmals achteinhalb Jahre, in denen wahrscheinlich weitere Geschwister geboren wurden, bis dann Gottfried Joseph Keilbach am 01. Mai 1885 die „Weltbühne“ betreten durfte. Zur Zeit seiner Geburt mag das Alter seiner Eltern so etwa zwischen 35 und 45 Lebensjahren gelegen haben.


1

Johann Bernhard




Im KB der Garnison Burg, Getaufte 1770, Nr. 19.

Geboren am 02. July 1770, Getauft am 04. July 1770.

Ein Taufzeuge: Johann Bernhard Lepckeneck, wie der Kindsvater ein Füßelier in der 8. Compagnie, des 47. Infanterie-Regiments.


Wir nehmen an, dass zu der Zeit des ersten Kindes das Alter der Eltern zwischen 20 ... 30 Lebensjahren gelegen haben mag.


2

Maria



Im KB der Garnison Burg, Getaufte 1773, Nr. 9.

Geboren am 17. February 1773,

Getauft am 21. February 1773.

Eine Taufzeugin: Jungfer Maria Fitsching, Arbeitsmann F. Tochter.


Heirat / evangelische Trauung der Eltern:

Sebastian Keilbach und Dorothea Elisabeth Wehling in der Garnison Burg (im Jerichower Land), am 11. Februar 1776 copuliret.


n


Eventuell etwa 1779 ... Keilbach, Geboren in am

n


Eventuell etwa 1783... Keilbach, Geboren in am

5?

Gottfried Joseph Keilbach


oo Potsdam,

25. August 1808


Caroline Wilhelmine

Großkopf

Geboren in Burg im Jerichower Land, am 01. Mai 1785.

Getauft am 05. Mai 1785 in der Garnison Burg.

Die Taufzeugen sind:

1. Monsier Gottfried Henckel, Bürger von Burg und Kürschner- Meister.

2. Mstr. Ziegler, Bürger von Burg und Sattler-Meister,

3. Jungfrau Sophia Elisabeth Küntz.

Quelle: KB des 47. Regiments, 1785, No. 43.


Gottfried Joseph finden wir als jungen Pantoffelmacher in Potsdam wieder. Hier heiratet er am 25. August 1808 mit 23 Jahren die 24-jährige Caroline Wilhelmine Großkopf über die Chris. J. in den Potsdam KB (Nikolai u. Hlg. Geist) nichts fand. Eventuell war auch ihr Vater ein Militärangehöriger, so dass sie eventuell im KB der Garnisonkirche zu finden ist.


Aber war ich, Gottfried Joseph, überhaupt das letzte, das jüngste Kind der Familie?

Wir nehmen an, dass zu jener Zeit das Lebensalter der Eltern zwischen 35 und 45 Jahren betrug.

6?


Eventuell etwa 1788... Keilbach, Geboren in am

7?


Eventuell etwa 1791... Keilbach, Geboren in am




Das Ehepaar = Die Eltern (Generation 07)

Gottfried Joseph Keilbach oo Caroline Wilhelmine Großkopf





Ehemann:

Generation 07 / Ahn 82

Ehefrau:

Generation 07 / Ahnin 83

Die Bedeutung dieser

Familien-Namen:

Örtlichkeitsname. 1. Der Namensträger wohnt an einem keilförmigen (dreieckigen) Landstück, das auf mindestens einer Seite von einem Bach begrenzt wird – oder 2. Hinweis: wohnte nahe am spitzwinkligen Zusammenfluss (Y) zweier Bäche / Gräben.

1. Kopf, ein außergewöhnlicher, ein großer Kopf, einer, der was kann (Wissenschaftler).

2. Jemand, der „das Sagen“ hat.

Aber auch:

3. Großkopf / Grotkopp als anatomische Auffälligkeit oder

4. im übertragenen Sinne als Dickschädel.


Name:

Keilbach


Großkopf


Vornamen:


Gottfried Joseph

Caroline Wilhelmine

Geboren:

Burg, den 01. Majus 1785


Potsdam, 06. Aprilis 1788, als ehelich einzige Tochter.


Taufe:

Burg, 05. Majus 1785, Garnison-Prediger. Taufzeugen:

1. Monsier Gottfried Henckel, Bürger und Kürschner-Meister,

2. Mstr. Ziegler, Bürger und Sattler-Meister.

3. Sophia Elisabeth Küntz



Taufeintrag weder in der Nikolai-Kirche, noch in der Heiligengeist-Kirche in Potsdam gefunden.

Eventuell im Garnisons-KB?


Berufe:

1808: Pantoffelmacher-Geselle. Später auch Schuhmacher-Meister in Potsdam.

Nach 1849, mit etwa 65 Jahren erst Bote, dann Orchesterdiener und Theaterlogenschließer im Schauspielhaus am Canal,

also in der „Canaloper“.


Hausfrau und Mutter von mindestens drei Kindern.

Heirat / Trauung:

Potsdam, am 25. August 1808 in der Nikolaigemeinde. Die Trauung fand aber im Predigerhause in der Charlottenstraße (gegenüber dem Bassin) statt, da die Nikolaikirche 1795 abgebrannt war und noch nicht wieder aufgebaut ist.

Gottfried ist Pantoffelmacher-Geselle, 23 Jahre alt und Caroline ist Jungfrau, 24 Jahre jung. Prediger Walter Kirchbauer hat das Paar getraut.

Registrier-Nr. Nikolai Nr. 34 / 1808 / S.138, Zentral-Archiv Berlin, Microfiche-Gruppe 24671, Folie 2+.

(Anmerkung zum Traueintrag St. Nikolai: Im KB ist als Bräutigam statt Gottfried Joseph Keilbach, Gottfried Joseph (Familienname fehlt, eingetragen. Ein erkennbares Versehen, denn die Braut wird nach der Trauung zu „Frau Keilbach“ und nicht etwa zu „Frau Joseph“).


Wohn-anschriften:

in Potsdam:

um 1809: Friedrichstraße No. -,?

um 1813: Burgstraße No. -?,

um 1827: Kriewitzgasse 5,

um 1836: Französische Straße 9

1842: Französische Straße 18

ab 1849: Friedrichstraße 2


in Potsdam, wie nebenstehend:

dann ab 02. 07.1862 wohnt Caroline Keilbach als Witwe, gleich um die Ecke, bei der Familie ihrer ältesten Tochter Caroline Sommer in der Tuchmacherstraße No. 25 => Elisabethstraße => Charlotten-


Gestorben:

Potsdam, den 19. März 1857,

fast 74 Jahre alt.

KB Heiligengeist Nr. C 51 / 1857.


Potsdam, 08. November 1862,

74 Jahre alt.

KB Heiligengeist C 198 / 1862.


Anmerkung: Die beiden vorgenannten Kirchenbücher mit den Sterbe-Eintragungen existieren nicht mehr. Sie verbrannten bei dem Bombenangriff am Ende des Zweiten Weltkrieges in der Nacht vom 14. zum 15. April 1945. Die Erfassung bei Standesämtern erfolgte erst nach deren Gründung ab Oktober 1874. Eine Nachschau zu eventuellen Detailangaben ist daher in diesen Quellen nicht möglich.



Anmerkung: Über lange Zeiten, so auch 1836 steht im Potsdamer Adressbuch:

F. Großkopf, Schankwirt, Potsdam Saarmunder Straße 5-6 ... vielleicht ein Bruder von Caroline Großkopf? Hierzu passt auch der Traueintrag der Nikolai-Kirche Nr. B 59 / 1843: Friedrich Großkopf, Gastwirt (und Witwer ohne Kinder), 65 Jahre alt heiratet Jungfrau Sophie Karoline Fuck, 58 Jahre. Trauung am 20. Juni 1843.


Zeiten vorher, 1809, S. 147 Nr. 44 der St. Nikolaikirche, heiratete Karl Heinrich Großkopf,

26 Jahre alt, Charlotte Friederike Wendt, 22 Jahre jung. – Vielleicht Onkel und Tante der Caroline Großkopf.




Sinngemäße Abschrift des Eintrags von Geburt und Taufe

    des Kindes Gottfried Joseph Keilbach

    aus dem Kirchenbuch des Preuß. Infanterie-Regiments No. 47

Ort / Jahr / Seite / lfd. Nummer


Garnisons-KB, des 47. Infanterie-Regiments, stationiert in Burg, im Herzogtum Magdeburg.

Jahr: 1785, No. 43 (die 23. männl. Taufe des bish. Jahres)

Familienname und Vornamen (Taufnamen) des Kindes


Keilbach, Gottfried Joseph

Ort / Tag und Stunde der Geburt,

ehelich / unehelich


Burg, den 01. Majus 1785

ehelich

Vater:

Zu- und Vornamen des Vaters, dessen Stand / Beruf / Gewerbe


Keilbach, Sebastian,


Füselier in der Comp. des Herrn Major von Blankenfeldt

Mutter:

Zu- und Vornamen der Mutter, auch deren Stand


Wehling, Dorothea Elisabeth

(im Traueintrag „Weling“ und bei den Kindergeburten „Wehling“ geschrieben)

Wohnung der Eltern


Burg, im Jerichower Land

Ort und Tag der Taufe / Konfession

Burg, den 05. Majus 1785, evangelisch

Name des Regiments-Predigers

Die Namen der Taufzeugen ...

    ... auch Kindspaten oder Gevattern genannt

1. Monsier

Gottfried Henckel, Bürger und Kürschner-Meister

2. Mstr.

Ziegler, Bürger und Sattler-Meister

3. Jungfr.

Sophia Elisabeth Küntz

4. -

5. -

Notizen im Kirchenbuch

(Randbemerkungen)



Anmerkungen des Abschreibenden




Der Standort der Kirche in Burg ist uns noch unbekannt,

d. h. es ist auch nicht bekannt, ob einer der heutigen Kirchen in der Stadt Burg, damals als Garnisonkirche diente.






Die Kinder (Generation 06) von

Gottfried Joseph Keilbach oo Caroline Wilhelmine Großkopf


Der Name des ältesten Kindes, das von diesem Ahnenzweig zur Familie Janecke

weiterführen wird, ist fett gedruckt.



Familienname: Keilbach

Generation 06



Geburts- und Sterbeorte, sowie weitere Lebensdaten


1


06 / 41.1

Caroline Wilhelmine Charlotte


oo 19. Juli 1830


06/40.2

Johann Friedrich Sommer


Siehe Lebenslauf:

Sommer oo Keilbach 1800–1896"

Geboren in Potsdam, Friedrichstraße_, 24. Februar 1809.

Taufe am 05. März 1809 in der Heiligengeistkirche, ev.-luth., Prediger Klotz. Die Kindspaten sind:

1. Herr Wietz, 2. Herr Voigt, 3. Jungfrau Wutschetzky, (des Pantoffelmacher-Meisters Tochter).

Taufreg. S. 404 (neu: 34), Nr. 14.

Zentralarchiv Berlin, Microfiche-Gruppe 24708 / F1.


Caroline wird am 19. Juli 1830, am Sterbetag der hochseligen Königin Luise, als 21-jährige „Luisenbraut“, den Schuhmacher-Meister Johann Friedrich Sommer heiraten und ihm 11 Kinder gebären.

Carolines Leben endet im Jahre 1896.














2

06 / 41.2

Carl Wilhelm


oo Nikolaikirche 27/1838


Caroline Anna Bürger




Siehe Lebenslauf: Keilbach oo Bürger






Geboren in Potsdam, Friedrichstraße _, am 01. Juni 1811. Taufe: Heiligengeistkirche, Die Paten sind:

1. Herr Schröder, 2. Herr Lehmann, 3. Frau Großkopf.


KB Heiligengeist, evang.-luth., S. 420 (neu: 42) Nr. 31, am 16. Juni 1811. Zentral-Archiv Berlin Microfiche-Gruppe 24708 / F1.

Ab 03. Juli 1826, nach der Probezeit, Beginn der Lehre im ehrbaren Potsdamer Pantoffelmacherhandwerk.

Ab 06. Juli 1829 ist Carl Geselle. Quelle Stadtarchiv 1-3 / 323 a „Verzeichnis der Pantoffelmacher.“

1838: Pantoffelmacher-Meister. Zu jener Zeit heiratet er Caroline Anna Bürger (* 24. Dez. 1814, † 25. August 1878). 1849 wird er außerdem als Schuhmacher-Meister geführt.

  • um 1842: Französische Straße 3

  • um 1856: Wohnung in der Saarmunder Straße 6 (im Hause Großkopf, Schankwirtschaft // Großonkel?).

  • 14. Juni 1869: Potsdam, Am Schloß 5–6 = die spätere Humboldtstraße 5–6. ( Quelle: Stadtarchiv, Melderegister MR 19-9, Film 59 / 1045).

    Deren Kinder:

  • Albert * 11.02.1840,

  • Anna, * 30.11.1842

  • Carl Hugo Keilbach, * 27.09.1850, der später ein Gürtlermeister wird, in Striegau lebt und dann am

    14. Oktober 1876 die Potsdamerin Pauline Rubert
    (* 19. Febr. 1856) ehelicht. Hugo wird 1929 mit 79 Jahren in Berlin sterben. Pauline wird im Jahre 1937 mit 81 Jahren, ebenfalls in Berlin-Wilmersdorf sterben.

  • Minna Marie * 21.8.1858, † am 7.10.1858

Vater Carl Keilbach stirbt am 24. Juni 1878 mit 67 Jahren. (Eintrag Standesamt Potsdam Nr. C 496 / 1878). Seine Frau, Mutter Caroline stirbt am 25. August 1878 mit 63 Jahren (Eintrag Standesamt Potsdam C 731 / 1878).


3


06 / 41.3

Charlotte Wilhelmine

(genannt: Friederike)


oo Nein!

Wilhelmine blieb ein unverheiratetes Fräulein.



Geboren in Potsdam, Burgstraße No. _, am 03. Juni 1813, abends ½ 7 Uhr, Taufe am 11. Juli 1813. Die Paten:

1. Herr Dube, 2. Frau Fleischer, 3. Demoiselle Döring.

KB Taufreg. der Heiligengeistkirche 1813, Seite 50, Nr. 35.

Zentrales KB-Archiv Berlin Microfichgruppe 24708 / F2.


Wilhelmine verdient ihr Brot als Wirtschafterin und lebt (um 1878) im Hause Blücherplatz No. 7.


Wilhelmine ist gestorben in Nowawes im Oberlinhause, unverheiratet, 85 Jahre, 6 Monate alt, am 14. Dezember 1898, nachmittag um 1¾ Uhr.

Quelle: Stadtarchiv Film P 313, Seite 306, Eintrag 303/1898.



Was ist denn bloß los in dieser Welt?

Mit Antworten auf diese Frage wird vom Erzähler ein kleiner Blick in die Zeit gegeben, denn zum jetzigen Zeitpunkt sind Gottfried und Caroline noch nicht geboren – und auch dann, in ihren ersten Lebensjahren, können sie selbst uns ja noch nichts berichten. Daher diese kleine Hilfestellung „von fremder Hand:“


1771

In Potsdam wird es als dringend geraten angesehen die Bier-Taxe neu zu festzulegen. Diese Aufgabe obliegt dem Königlich-Preußischem Policey-Directorium. Aufgeführt sind alle Zutaten für „ein ganzes Gebräude schwach Bier von Weitzen zu 64 Scheffel“ als Berechnungsgrundlage. Ferner wird der Lohn für jedwede Arbeitsleistungen und Transportaufwendungen calculirt. Letztendlich ergibt sich daraus der Verkaufspreis für

1 Quart Bier aber auch für die entstandenen, weiterverwendbaren Nebenprodukte.


1780

In England ist ein Schutzimpfstoff gegen die schrecklichen, tödlichen Pocken entwickelt worden.


Unser noch nicht geborener Gottfried Joseph Keilbach wird später als junger Mann ein Pantoffelmacher in Potsdam.

Wie es dort im zünftigen Gewerk etwa zur Zeit seiner Geburt zugeht, mit welchen Problemen man sich herumschlägt, vermittelt schon mal vorab ein nachstehender Bericht des Schuhmachergewerks aus dem Jahre 1780:



Vier Groschen

(Verwaltungsgebühr)


Allerdurchlauchtigster, großmächtigster König Abschrift.

Allergnädigster König und Herr! (Anmerkung von Chris J.: Das ist zu dieser Zeit, König Friedrich II. von Preußen, der „Alte Fritz“)


(Anmerkung: Verwiesen ..:) An den Potsdamschen Magistrat, Potsdam den 14. July 1780


Ehrwürdigen königlichen Majestät geheiligten Throne und in tiefster Ehrfurcht zu nahen, siehet sich

das Schuhmacher Gewerk hieselbst höchst genothdrungen.

Es hat seit vielen Jahren her, die Fuscherey bey dem Gewerke so überhand genommen,

daß wir 87 Meistern, die alle bürgerliche Onera und Abgaben tragen müßen, wenn solches nicht Einhalt geschähet, dadurch völlig ruiniert werden, wie denn die Anzahl der Fuscher, so theils als Soldaten der Garnison, theils (Burschen) von andern Regimenter und theils Ausrangierte an 200 (Personen) betrafet; die sich dann sogar erdreisteten, die Schuhe und Stiefeln frey öffentlich zum Verkauf an die Thüre zu hängen, auch damit hausiren gehen, und einer dem anderen lernet, dadurch das Übel dann immer größer wird.

Da nun solches dem VIII-ten Articul des uns ertheilten Allergnädigsten Privilegii do dato den
15. Octobris 1734 schnurstracks zuwider ist; auch durch eine Allerhöchste Cabinets Ordre d. d. den 25. Märtz 1747 abermals solches auf das Schärfste verboten worden, so haben wir uns dieserhalb an unsere Director gewendet, und um Schutz und Beystand unterthänigst gebeten, welcher uns auch versprochen; und da wir bereits für 15 Jahren auf Anrathen des damaligen Commandanten, dem jetzigen Gen. Lieutnants v. Moellendorff dafür angerathen, daß dem Leder Händler verboten würde, an keine Soldaten oder Fuscher bey harter Strafe kein Leder zu verkaufen, ist auch damals wirklich befohlen und unter dieser Zeit wieder erneuert worden; so haben wir ebenfals den jetzigen

Director gebeten, diesen Befehl auf das Schärfste zu erneuern. Da auf unser dehmüthiges

Ansuchen von dem jetzigen Commandanten dem General Major v. Rohdich bey der Parole verbothen worden, daß durchaus keine Schuhmacher Arbeit vondem Grenadier oder Fuscher verfertigt werden solle; wir aber sehen müßen, daß dem ohnerachtet von diesen Fuschern alle Arbeit verfertigetwird, und uns von dem Magistrat durch den Director die Resolution ertheilet worden,

daß es sehr unschicklich war, daß uns zu solcher Zeit wegen dem Verbot des Leder Kaufens

Hilfe geleistet worden.

Da wir nun auf keine andere Weise dieser Fuscherey Einhalt zu thun wissen, als wenn dem Lederhändler auf das Schärfste befohlen wird, kein Leder anders als an recipirte Meister zu verkaufen - So flehen wir Ehrwürdige Königl. Majestät allerhöchste Landes Väterlicher Huld und Gnade aller-(unterthänigst) an, dem hiesigen Director Egerland allergerechtigst anzubefehlen den geschärftesten Befehl an sämtliche Leder Händler ergehen zu laßen, bey nahmhaffter Strafe kein

Leder an Soldaten oder Fuscher zu verkaufen damit wir dadurch bey dem uns ertheilten Allergnädigsten Privilegio geschützet und sämtliche Fuschereyen die zu unser Verderben abzielen, Einhalt geschehe.

So wie wir dann unserm aller dehmütigsten Petito noch hinzufügen, daß den beiden im Königlichen großen Waysenhause befindliche Schuhmacher Meistern, da sie in solchem Hause ihr reichliches Auskommen haben, ebenfals untersaget werde städtische Arbeit zu verfertigen, da unter unseren Gewerke Meistern genug sind, die auf alle Städtische Arbeit renancären würden, wenn sie im Waysenhause angesetzet werden.


Wir getrösten uns einer allergnädigsten Erhörung unser allerdemüthigsten

Bitte und ersterben in tiefster Devotion

Ew. Königl. Majestät


Potsdam, allerunterthänigst

den 12ten Julü 1780 das Schuhmacher Gewerk hieselbst.



Was in jener Zeit sonst noch so geschah:

1781

Der Astronom Herschel entdeckt den Planeten Uranus. –


1783

Baden ist das erste der Fürstentümer, in dem ein Herrscher die Leibeigenschaft aufhebt. Diese Nachricht durchfliegt die Lande mit einem Gefühl großer Genugtuung seitens des Volkes – voller Hoffnung auf weitere Erleichterungen ihres harten Loses. –

Das bisherige Mutterland England erkennt am 03. September die Eigenständigkeit der jungen nordamerikanischen Staaten an. –

In Paris starten die Brüder Montgolfiére den ersten Heißluftballon auf dem europäischen Kontinent. In England nimmt die weiterentwickelte Dampfmaschine von James Watt ihren Betrieb auf. Damit nutzt der Mensch Kräfte, deren Größe ihm vorher völlig unbekannt waren.

Im Sommer findet das erste Schwimmen quer über den Ärmelkanal von Dover nach Calais über 31 Kilometer Distanz statt. In Potsdam beispielsweise, begnügt man sich mit der etwas schmaleren Havel – aber das öffentliche Schwimmen ist hier ohnehin nicht Usus – etwas für spintisierende Außenseiter. –

Nun hat auch Preußen die erste Dampfmaschine in Betrieb genommen. Welch ein groß-bestauntes Ereignis! –


1784

Unser Forscher Alexander von Humboldt bringt von seinen Reisen vieles mit – jetzt so genannten Dahlien aus Mexiko. Eine hierzulande völlig unbekannte Blumenart. –

Zwischen 1780 und 1785 finden in Potsdam Verhandlungen gegen Soldateninvaliden (gelernte Schuhmacher als „ausrangierte“ Grenadiere) und andere statt, die zur Aufbesserung des kargen Lebensunterhalts außerhalb der Zunft Pantoffeln und Schuhe fertigten (was als Pfuschgewerbe bezeichnet wird), oft recht gut und billiger als bei Schuhmachern des löblichen Gewerks. Das illegale Fertigen und kaufen wird beiden Partnern, also den Soldaten und den potenziellen Käufern bei empfindlicher Strafe verboten.


1785 – Nun endlich: Meine, des Gottfried Joseph Keilbachs, Geburt

Ich werde im Jerichower Land, in dem schönen Ort Burg am 01. Mai 1783 geboren. Am

05. Mai werde ich mit militärischen Ehren, also vom Prediger der Garnison getauft, weil mein Vater im 47. Infanterie-Regiment in Burg unser Brot (auch Grundlage für meine Milch) als Füselier, als Soldat zu Fuß, bei der Infanterie, verdient. Dieses Königliche Regiment wurde bereits im Jahre 1743 hier in Burg zusammengestellt. In meinen ersten Lebensjahren wollen mich gern folgende Menschen als meine Taufpaten durch's Leben begleiten und meine Entwicklung irgendwie stützen. Es sind das: 1. Der Herr Gottfried Henckel. Er ist in die Bürger-Rolle der stolzen Stadt Burg eingetragen und angesehener Kürschner-Meister.
2. Meister Ziegler, ebenfalls Burger Bürger und Sattler-Meister von gutem Rufe.

3. Sophia Elisabeth Küntz. Von ihr könnte ich am längsten etwas haben.


Meine Eltern sind Sebastian Keilbach als Vater und meine Mutter heißt Dorothea Elisabeth. Als Mädchen trug sie noch den Familiennamen Wehling.

Allerdings bin ich mitnichten das erste Kind meiner Eltern. Etwa seit 15 Jahren, also seit etwa 1770 wohnen, leben und lieben sie schon zusammen, führten also durchaus eine Art von Ehe, die gern eine „wilde“ schimpfiret wird. Wie sollte es anders sein, stellten sich nach und nach, natürlich mehrere Kinder ein, die erstmal den Familiennamen unserer Mutter trugen. Dann, vor dem Ende des Jahres 1776 entschlossen sich die Eltern doch noch in den nunmehr geheiligten Stand der Ehe einzutreten. Vielleicht unter etwas äußerem Druck und mit dem strengen, etwas grimmigen Segen des Garnison-Predigers. Nach dieser Trauung vergingen dann nochmals achteinhalb Jahre, in denen weitere Geschwister geboren wurden, die gleich den Keilbach-Namen erhielten, bis ich dann am 01. Mai 1885 die „Weltbühne“ betreten durfte.


Ja, unser Vater, der Füselier – er ist ein Infanterist, der zu Fuß, auf seinen Füßen unterwegs ist. Nein das ist es nicht, was die Bezeichnung „Füse...“ im Wesentlichen ausmacht. Diese Soldaten (manche nennen sie hinter der vor den Mund gehaltenen Hand sehr despectirlich „Sandlatscher" oder so ähnlich) sind mit Flinten bewaffnet, also mit Langwaffen mit dem bewährten Steinschloss ausgestattet, und mit einfachem geradem Lauf, dessen Mündung man mit einem Bajonett umschließen, es dort „aufpflanzen“ kann. Diese Flinte wird nun in der Sprache der mal befreundeten, mal so gelittenen, mal verfeindeten aber immer benachbarten Franzmänner das „Fusil“ genannt und die Männer, die die Schießflinten herumschleppen müssen, sind deshalb Füseliere. So ist das.


1786

In seinem Lehnstuhl im Potsdamer Weinberg-Schloss Sanssouci, stirbt König Friedrich II. Nun ist er tatsächlich bar aller Sorgen! Aus Gründen, man munkelt nur hinter vorgehaltener Hand darüber, hatte er ja nicht mit eigenen Kindern für den Fortbestand seiner eigenen Linie sorgen wollen oder können. Nun ist es dafür zu spät. Der König ist tot – es lebe der König!Thronfolger wird deshalb sein eher leichtlebiger fideler Neffe Friedrich Wilhelm (Sohn des jüngsten Königsbruders von F. II, Prinz August Wilhelm). Der neue Monarch scheint mehr den Künsten und Genüssen zugeneigt, denn den Staatsgeschäften. König Friedrich Wilhelm II. also. Wir alle versprechen uns von ihm, mehr Verständnis und Liberalität, weniger Härte und das Vermeiden unnötiger Kriege. –

Auf der Pfaueninsel im Havel-Strome errichtet man ein weißes Lustschlösschen und eine Meierei wird am Jungfernsee errichtet. –

Verhängt wird nun ein Königliches Verbot über das lasterhafte Rauchen auf offener Straße. Recht so. In Berlin findet am 15. August wieder eine öffentliche Hinrichtung durch Verbrennen der Deliquenten statt – für viele des Volks, mehr noch des Pöbels, immer eine schaurige Sensation, für andere wirkt es als Belustigung oder abstoßend, vielleicht Mitleid erregend – einem Jeden nach seiner Facon. –


1787

Am Potsdamer Neuen Markt entsteht ein neuer Bau, der Königliche Kutschstall. Über dem Portal als Skulptur ein Wagen, von vier Pferden gezogen mit der Figur und dem Gesicht des Leibkutschers Pfundt und weiteren Bediensteten aus dem Volke. Solch ein Denkmal hätte es vor kurzer Zeit noch nicht geben können. Undenkbar! –

Für den jungen König wird aus Gärten und Ackerstreifen am Heiligen See der „Neue Garten“ gestaltet und mit dem Bauen des neoklassizistischen Marmorpalais', als Wohnstätte für den König begonnen. Baumeister sind die Herren Gontard und Langhans. Und auch die kleine Orangerie wird aufgeführt. –

In diesem Jahr komponiert Wolfgang Amadeus Mozart sein gar kapriziöses Werk „Eine kleine Nachtmusik“. –


Solches aber ist beileibe nicht alles. Völlig andere Ereignisse bewegen unser Leben:

Adjüs Ihr lieben Tauf-Paten. Abschied muss ich von Euch bereits nehmen, obschon ich erst zwei Jahr alt bin und Ihr mir noch viel Gutes tun wolltet. Vaters Regiment wird nach Kottbus, Crossen und Züllichau, weit in den Nahen Osten verlegt. Ich sehe dort viel von der Welt.


1788

England verschifft seine unliebsamen Sträflinge (und das sind trotz der Absender-Bezeichnung weiß Gott keine Engel), in den unvorstellbar weit entfernten Erdteil Australien. Die seit Menschengedenken oder schon länger dort lebenden Ureinwohner wurden wohl nicht dazu befragt, ob ihnen diese Gäste willkommen sind. –

Herr Goethe in Weimar heiratet (endlich) die 23-jährige Christiane Vulpius.


1789

In Frankreich gibt es stürzlerische Umtriebe. König, Ludwig XVI. wird abgesetzt – das Volk nimmt einfach die Regierungsgewalt in die eigenen Hände. Die Festung und das dortige Waffenlager „Bastille“ wird geplündert. „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“, das ist die neue, schöne Devise. Menschen- und Bürgerrechte werden proklamiert. Ein gewaltiger Fortschritt gegenüber der Politik in unserem Preußen und in den zersplittert auf der Landkarte liegenden Fürstentümern. Dabei geht es oft nicht fein zu. Hinrichtungen, Morde, viel Bitterkeit. –

Franz Karl Achard dagegen unternimmt Versuche, aus märkischen Rüben richtigen süßen Zucker herzustellen. –

Auch für uns große Umstellungen in diesem Jahr – wahrlich kein Zuckerlecken. Vaters
47. Regiment, und so auch wir als seine Familie, werden in die Garnisonsstadt Glatz in Niederschlesien verlegt.

Nicht viel kann ich von diesen wesentlichen Änderungen berichten. Es liegt wie ein Schleier über dieser Zeit. Noch bin ich zu klein, um das alles verstehen zu können, zu verarbeiten und zu behalten. –

Glatz liegt etwa 80 km südlich von Breslau in einem Talkessel an der Neiße, umgeben von mittelgebirgigen Höhenzügen, die man im Wesentlichen zu den Sudeten zählt. Es gehören dazu: das kleine Eulengebirg', das Wartagebirge, das Reichsteiner Gebirge, das Bielengebirge, das Glatzer Schneegebirge, das Habelschwerdter Gebirge, das Adlergebirge und endlich das Heuscheuergebirge.

Die Stadt liegt etwa in einer Höhe von 294 Metern über dem Meere, ist aber gekennzeichnet von zwei grandiosen Erhebungen: Dem Schlossberg (dort stand mal vor Urzeiten eine böhmische Burg, später erhob sich hier ein wohl liebliches Schloss, das der König Friedrich II vor geraumer Zeit schleifen ließ und seither thront auf der 369 m hohen Bergkuppe eine trutzige Festung) und gegenüber der Schäferberg (346 m, ebenso militärisch genutzt).

Hören wir alte Geschichten, so können wir unsere Ohren nicht davor verschließen, dass im 30-jährigen Krieg (zwischen 1618 und 1648) von 1.300 Gebäuden der Stadt 930 Häuser zerstört wurden. Deshalb ist das Militär so sehr wichtig. Im Jahre 1635 machte die Pestepidemie das Unglück vollkommen – von ihr wurden rund 4.000 Bewohner der Stadt hinfort gerafft, so dass die Stadt im Wesentlichen als entvölkert galt. 1680 kam die Pest in zweiter Welle zurück und holte erneut 1.500 Opfer.

Nun soll Vaters Regiment die Stadt wieder bevölkern und ich bin ja schon vier Jahre alt, kann also etwas mitbevölkern.


1790

Der Arzt und Dichter Friedrich Schiller heiratet Charlotte v. Lengefeld. Nun hat er sich doch für diese der beiden Schwestern entschieden. Ein harter innerer Kampf. –


1791

Die alte, am Potsdamer Park von Sanssouci stehende Bockwindmühle wird abgebrochen und eine repräsentative Holländer-Galerie-Windmühle aufgeführt. –

Das Brandenburger Tor in Berlin ist vollendet, von Carl Gotthard Langhans gestaltet. –

Nach Zeiten der bitteren Armut stirbt der geniale Komponist Wolfgang Amadeus Mozart in noch jungen Jahren. –


1792

Pariser Bürger stürmen das Wohnschloss von Ludwig XVI. und seiner Ehefrau Marie Antoinette. Sie werden hingerichtet. Ein Arzt erfindet (dazu) das Hinrichtungsfallbeil, nach ihm als Guillotine benannt. –

Frankreich geht gegen Österreich in den Krieg. Zwischen Weihnachten und Silvester ziehen auch von hier, preußische Truppen zur Unterstützung Österreichs gen Frankreich.

Dabei haben wir doch hier in unserer kleinen Welt ganz andere Probleme:


Vorschriften über Vorschriften. Jetzt erlässt die Regierung eine Vorschrift, „Das Chaussee-Edikt“, wie man sich auf der Straße bewegen soll, um zu vermeiden, dass man bei Jemandem irgendwie aneckt: „Mit den Füßen immer rechter Hand laufen“, heißt es da beispielsweise sinngemäß. Oder wörtlich (Auszug, Zitat): „Da nichts unbequemer für zu Fuß Reisende oder Spaziergänger ist, als wenn ihnen Leute mit Karren, Holz oder breitgepackten Körben auf dem Fußsteige den Weg verschmälern; so dienet hiermit zur Nachricht: daß jedermann von Potsdam nach Glienicke und so von da nach Potsdam, auf dem Fußsteig rechter Hand gehen soll; oder um es deutlicher zu machen: wer auf dem Chaussee kömmt, er gehe wohin er wolle, bleibe stets auf dem Fußsteig rechter Hand. Wer dawider handelt, wird als Stöhrer der Ordnung behandelt und gepfändet werden.“

Wer sich so 'was ausdenkt in dieser hochwohllöblichen Bureaukratie? – Es ist die Königlich-Preußische General-Chaussee-Bau-Intendantur, die als Verfasser dieses Avertissements zeichnet. Wir haben uns ein Exemplar hinter den Spiegel gesteckt. Kostenpunkt des Gesamtwerkes: 1 Groschen.


1793

Bald täglich richtet man in Frankreich mit diesen neuen Maschinen, den Guillotinen, hunderte Menschen hin. Wie im Blutrausch sind die Leute. Es genügt schon eine einfache Anzeige, wenn einem die Nase des Nachbarn nicht gefällt. Es geht der ungute aber wohl treffende Spruch um: „Die Revolution frisst ihre Kinder“. –


Bei uns dagegen klingt das Jahr friedlich aus – im Dezember heiratet unser Kronprinz Friedrich Wilhelm, die liebliche Prinzessin Louise von Mecklenburg-Strelitz. Also ihr würde ich später gerne ein Paar Pantöffelchen fertigen, verehren und anpassen – und manches mehr – wenn ich doch nur schon größer wär'. Acht mal hatte ich bisher einen Geburtstag.


1794

Gottlob wird es in Frankreich endlich ruhiger. Mit der Hinrichtung von Robespierre endet die Schreckensherrschaft der Jakobiner und das Großbürgertum ergreift die Regierungsgewalt.


1795

Das geschundene polnische Nachbarland ist nun zum dritten Mal aufgeteilt worden. –

Zwischen Potsdam und Berlin wandelt man den sandigen Reit- und Fahrweg, die Königsstraße um. Sie wird die „erste preußische Kunststraße“, aufwendig mit Steinen gepflastert. Die Fahrzeiten verringern sich um mehr als die Hälfte der Zeit, da die Kutschen- und Fuhrwerksräder nicht mehr durch den tiefen Sand mahlen müssen und die Rösslein schauen auch viel entspannter umher. –

Ein großes Schadensfeuer. Die Nikolaikirche am Alten Markt in Potsdam brennt am

03. September lichterloh und völlig nieder. Sie stand doch erst 40 Jahre. Nur das barocke Portal steht noch und wird in diesem erbärmlichen Zustande weitere 16 Jahre mahnend in den Himmel weisen. –

Der Berliner Bildhauer, Meister Schadow, fertigte im Königlichen Auftrag die liebliche Prinzessinnen-Gruppe der Schwestern „Luise und Friederike“. Schon wieder eines seiner vielen Meisterstücke. Doch die Freude darüber sollte nicht allgemein werden, weil man angeblich im Stein zu viel vom Reiz des Weibes erkennen kann. Das ist ein Grund für den Gemahl der Louise (Friedrich Wilhelm, der bald der III. preußische König dieses Namens sein wird), die Skulptur deshalb in eine Abstellkammer zu verbannen. –

Am Potsdamer Canal lässt der jetzige bürgerfreundliche König (Friedrich Wilhelm II.) das Potsdamer Schauspielhaus mit der Widmung „Dem Vergnügen der Einwohner“ errichten. Es ist der erste feste Theaterbau in der Stadt. Der Baumeister ist Michael Philipp Boumann. Geschmückt wird der Bau mit dem Relief „Das Musenfest“ (Apoll befindet sich inmitten der Musen – das ist schön) von dem Berliner Meister Schadow (1764–1850) entworfen und von den Brüdern Wohler als Ausfertigende. Für das Volk wird später, etwa in zwei Jahren, hier kostenlos und erstmals in deutscher Sprache gespielt, statt in französisch und nur für den Hof. Beim vorigen König, seinem Onkel, dem Friedrich II. (Alter Fritz), wäre so etwas undenkbar gewesen. Nicht nur Potsdamer Schauspieler werden hier agieren, sondern in jeder Woche sollen dann auch Berliner Künstler hier auftreten. Deshalb dachte man auch daran, gleich hinter dem Musentempel eine Schlafstätte aufzuführen. Von den Einwohnern wird dann dieses großzügige Nebengebäude in der Packhofstraße bald nach der Einweihung „Schauspielerkaserne“ genannt, das Haupthaus hingegen „Die Canaloper“, weil an dem künstliche Stadtcanale liegend.


1796

Am Schauspiel- und Opernhaus wird weiter gebaut. Dicht benachbart die bereits erwähnte große Wohnunterkunft für die Schauspieler. Verwendet werden viele Steine der abgebrannten Nikolaikirche. Doppelt gebrannte Steine halten länger, sagt man. Und ein bisschen Heiligkeit hat auf diese vielleicht auch abgefärbt. Das wird dem Hause und dem Völkchen gut tun.

Unser König lässt für seine treue Wilhelmine, eine geborene Encke, die neben seiner königlichen Ehefrau nur als Mätresse gilt, ein eigenes Palais am Neuen Garten bauen, das „Palais Lichtenau“. Ein schöner Name für eine so schöne und kluge Frau. Dass er seinem Baumeister diesen Auftrag erteilte, dass tat er gerade noch zur rechten Zeit, ...


1797

... denn, am 16. November stirbt der König (Friedrich Wilhelm II, der Dicke) in seinem marmornen Palais und in Wilhelminens Armen, der Mutter seiner Lieblingskinder. Der König ist tot. Nun haben wir seinen ältesten Sohn als König. König Friedrich Wilhelm III. und Königin Luise.

Dass der inzwischen verblichene König seinem Baumeister diesen Auftrag zum Bau des Palais Lichtenau erteilte, dass tat er gerade noch zur rechten Zeit, ... so dachten wir. Sein Sohn, unser neuer König, lässt Wilhelmine jedoch verhaften. Von ihrem neuen Haus hat sie nichts.

Es künden sich wieder sozial und politisch härtere Zeiten an, bei gleichzeitiger Wankelmütigkeit und Unentschlossenheit des Königs. Die wirtschaftliche Blüte erscheint allenthalben rückläufig. Armut ist auf dem Vormarsch. Die Presse erlebt eine Verschärfung Zensur. –

Von Potsdam nach Brandenburg wird ebenfalls der sandige Landweg in eine feste Pflasterstraße verwandelt. Oh, ein Aufwand ist das – Stein für Stein!


1798

Ludwig Tieck verfasst das hübsche Märlein vom „Gestiefelten Kater“. – Herr Guts Muths gibt ein Lehrbuch „Zur Selbstunterrichtung in der Kunst des Schwimmens“ heraus.


1799

Im Jahre 1799 soll nun meine Lehrzeit beginnen. Ein tüchtiger Pantoffelmacher soll und will ich werden. Vorab einige wichtige Hinweise zur Lade der Handwerkerzunft, ohne deren Benutzung meine Lehrzeit überhaupt nicht anfangen kann:

Die Zunft ist die ständische Körperschaft von Handwerkern. Dieser habe ich beizutreten.

Alle wichtigen Handlungen in der Zunft werden bei offener Gewerks- oder Zunftlade vorgenommen. Diese Lade ist ein großer hölzerner Kasten, ähnlich einer Truhe, die der Aufbewahrung wichtiger Gegenstände und Dokumente einer jedweden Handwerkerzunft dient.


Zum Inhalt der Truhe gehören:


Die Lade wird üblicher Weise geschlossen gehalten. Je nach der handwerklichen Ausführung dieses Kastens, sind bis zu drei unterschiedliche Schlüssel erforderlich, um sie öffnen zu können. Die Lade steht beim Zunftobermeister, die weiteren Schlüssel bewahren andere angesehene Meister auf. So wird ein Missbrauch weitgehend verhindert, weil zum Öffnen des Kastens alle drei ehrenwerten Meister zusammenkommen müssen.


Geöffnet wird die Lade nur bei wichtigen Handlungen. Diese Handlungen finden also stets „vor offener Lade“ statt. Zu den Anlässen gehören:


Zum Beginn der Lehrausbildung nimmt der Meister den Knaben mindestens vier Wochen auf Probe und beiden Personen steht es frei, sich anschließend zu entscheiden, ob die Lehre begonnen werden soll oder besser eine Trennung erfolgt.

Die Dauer der Lehrzeit beträgt drei bis fünf Jahre.


Die Aufnahme des Gottfried Joseph Keilbach, geboren in Burg, im Jahre 1785, in die Lehrlingsrolle des Pantoffelmacherhandwerks:


Es ist ein alter Brauch, dass beim Aufdingen des Lehrjungen, der Vater oder der Vormund anwesend sein muss, obgleich der künftige Meister das Wort statt des Jungen oder seines Vaters, ohnehin fast alleine führt.

Wir betreten eine geräumige aber düstere Stube, deren getäfelte Holzwände mit Werkzeugen, Schätzen und Ausstellungsstücken der zünftigen Handwerker geschmückt sind. Zwei große Schusterkugeln hängen an der Wand über dem Lederstuhl des Altmeisters. Auf einem mit alten Werkzeugen und Ausstellungsstücken geschmückten Wandbord stehen ein Dutzend zinnerner Trinkgefäße. In einer Ecke steckt die reich gestickte Fahne der Pantoffelmacher-Innung in ihrer Halterung, um die sich die Handwerksmeister bei festlichen Veranstaltungen stets fröhlich scharen.

Die „Lade“ der Zunft, eine uralte, etwas unansehnlich gewordene Holztruhe, mit den Wappenschildern längst verstorbener Meister bemalt und mit drei schweren Vorhänge-Schlössern versehen, steht bereits auf dem Tisch. Neben ihr liegt ein in Leder gebundenes Buch mit eisernem Beschlag. Auf der anderen Seite des Tisches steht ein altertümliches Tintengeschirr. Hinter dem Tisch, von der Lade fast ganz verdeckt, sitzt der Obermeister der Zunft, rechts und links von ihm die Beisitzer und am schmalen Ende des Tisches der Handwerksschreiber.

Der Vormund des künftigen Lehrjungen, Herr M. M., bleibt mit Gottfried vor dem Tische stehen.

Die weiteren Meister sind zahlreich erschienen und haben auf den Stühlen an den Seitenwänden des Raumes Platz genommen.


Der Obermeister räuspert sich und beginnt nach einem alten Ritual in festgelegten Formeln zu sprechen:

Gott segne das Handwerk! ... Amen. – So, mit Verlaub und Gunst, frage ich die günstigen Herren Beisitzer, ob sie alle zur Stelle sind, also, dass ich die löbliche Lade öffnen möge, nach altem Handwerksbrauch.“

Dank dir, Gott willkommen, wir sind alle da“, antworten die Beisitzer im Chor, fast einstimmig.

Dank euch Gott um und um, so komm ich schnell herum“, fährt der Obermeister fort. „So mit Verlaub und Gunst, ihr günstigen Meister, lasset uns die Lade öffnen im Namen Gottes des Vaters –.“ Dabei zieht er einen Schlüssel aus der Tasche und steckt ihn in das mittlere der drei Schlösser, die an der Truhe hängen.

- „Und des Sohnes“, sagt der rechts sitzende Meister und steckt einen zweiten Schlüssel in das ihm zu nächst hängende Schloss.

- „Und des Heiligen Geistes!“ ruft mit dünner Stimme der dritte Meister, ebenfalls einen Schlüssel hervorziehend.

- „Amen“, spricht der Obermeister feierlich und alle drehen gleichzeitig ihre Schlüssel um und entriegeln damit die Schlösser, worauf der Obermeister den Deckel der Truhe hochklappt und zurücklehnt, worauf sich die beiden anderen Meister wieder setzen.

Mit Gunst, ihr Meister“, beginnt der Obermeister aufs Neue. „So wir nun versammelt sind vor offener Lade nach Handwerksbrauch, tu' ich euch fragen, Meister N. N. – Sprechet mit Bescheidenheit. Was ist Euer Begehr?“

Mit Verlaub und Gunst“ erwidert der Angeredete sehr feierlich. „Vor offener Lade tu' ich Euch kund und zu wissen, löbliche Meister, dass ich gewillt bin, diesen hier anwesenden Gottfried Keilbach auszudingen, also, dass er mein Lehrjunge sei, für drei Jahre und drei Tage nach Handwerksbrauch“.

Mit Gunst“, fährt der Obermeister fort, „ist der Junge ehrlicher Leute Kind?“ „Ich weiß nichts anderes“, versetzt der künftige Lehrmeister. „Da er aber nicht der Sohn eines Meisters der Zunft, auch nicht als Bürger unserer Stadt geboren, auch weder Vater noch Mutter hier leben, ist an ihrer Stelle erschienen sein Vormund, der ehrenwerte Herr M. M., um für ihn gut zu stehen und seinen Geburtsbrief vorzulegen“.

Der Obermeister nimmt den Brief entgegen und glättet das Papier.

Woraus zu ersehen“, fährt der künftige Lehrherr fort, „dass er geboren ist in Burg, woselbst sein Vater, Sebastian Keilbach, früher diente. Daraus ist item zu ersehen, dass der Junge im evangelischen Glauben geboren, getaufet und erzogen wurde. Item ist wohl bekannt, daß seine Sippe niemals ein unehrlich Gewerb’ betrieben, so da sind Schäfer, Türmer, Trompeter, Henker, Abdecker ... und das nun auch ich bezeugen kann vor offener Lade.“

Mit Gunst, was dünkt Euch ehrsame Beisitzer und Meister, – soll der Junge entweichen?“ –

(Die Beisitzer besinnen sich, in nachdenklichem Schweigen verharrend. – )

Nachdem solches bekannt gegeben und wohl erwogen, dass niemand von dem Jungen, auch von den Eltern und der Sippe nichts weiß, als nur alles Liebe und Gute, so tu' ich dich fragen, Gottfried Keilbach, ob du den ehrsamen Meister N. N, zu deinem Lehr-Meister erwählet hast und ihm untertan sein willst, fleißig, fromm und verschwiegen, auch ehrlich sein willst von diesem Tage an, drei Jahre lang, wie es sich einem Lehrbursch' geziemet?“

Ja“, sagt Gottfried schlicht und klar.

Und willst unserm Herrgott sowie dem hoch edlen und hoch weisen Magistrat dieser berühmten Residenzstadt Potsdam dienen, recht und schlecht, wie es eines guten Christen Pflicht ist?“

Ja“, antwortet Gottfried erneut.

Und willst du die ehrsame Zunft der Pantoffelmacher hochhalten, zu ihren Sitten und Bräuchen nichts dazutun noch davon abschneiden, auch ihre Rechtsame schützen mit Herz und Hirn, mit Ahle und Pfriem?“

Ja“, bekennt Gottfried.

So mit Gunst, ihr günstigen Meister, maßen wir solches aus seinem Mund gehört und vernommen, soll nunmehr der Zunftschreiber den Namen Gottfried Joseph Keilbach einschreiben in das Lehrlingsregister des Handwerksbuches, so hier auflieget, und soll besagter Keilbach gebunden sein für drei Jahre und drei Tage nach Handwerksbrauch, als Jung' und Lehrling des wohllöblichen und ehrlichen Meisters N. N. zu bleiben. Auch soll er das übliche Aufgeld in die Lade legen, nach Handwerksbrauch“.


Dieses zu tun, ist Gottfried zwar allein nicht möglich aber der Vormund schiebt ihm den gedachten Betrag vorschießend zu.


Nun aber mahne ich euch, Meister N. N. nach Handwerksbrauch, dass Ihr den Jungen haltet, schlecht und recht, ihn christlich nähret und pfleget, ihm nichts nachlasset, noch auch zu viel fordert und ihn lehret, Gottes Gebote zu halten und alles, was sonst einem ehrlichen Pantoffelmacher-Jungen zu erlernen geziemet, also daß er heran wachse zu Ehren seines Meisters und des Handwerks“.

Nun, günstige Meister, nachdem mit Gottes Hilfe alles gesagt und vollbracht ist, was dieses Ausgeding verlangt, frage ich, ob noch jemand etwas weiß, so etwa geschehen oder vergessen sei wider den Handwerksbrauch – – –. So aber niemand nichts weiß, weiß ich auch nichts und schließe die Lade im Namen der Dreieinigkeit. Amen, So sei es!“

Und wieder ziehen die Meister ihre Schlüssel hervor und verschließen die Truhe mit dem Bewusstsein, eine hochwichtige Amtspflicht würdig erfüllt zu haben, worauf Lehrmeister N. N. in einem etwas weniger feierlichen Ton vorschlägt, dass sie jetzt alle nach Handwerksgewohnheit gehen und zu Ehren des Herrn Rats den üblichen Trunk tun sollten.

Natürlich wurde vorerst der neu aufgenommene Lehrling Gottfried aber nach Hause zur Meisterin geschickt, die ihm schon einen weiteren Bescheid tun würde.

So wurde aus dem 14-jährigen, aus dem bisherigen Kind plötzlich – von einer Stunde zur anderen – ein junger Erwachsener.

Also das Ganze war so feierlich aber gleichsam beklemmend, wie es zumindest für mich, recht plötzlich und auch nüchtern endete. Ich werde diesen Akt aber wohl nie vergessen und halte auch zu Hause ein Bild von dieser Lade hoch in Ehren.


Und noch mehr aus dem Jahre 1799

Der französische General Napoleon Bonaparte, er ist 30 Jahre alt, putscht gegen die bürgerliche Regierung und wird Erster Konsul der Republik Frankreich. –

Der „Dreisprachenstein“ von Rosette wird entziffert und damit kann die moderne Menschheit auch die altägyptischen Hieroglyphen entziffern und verstehen. Damit wird nun unser Obelisk, der nahe am Potsdamer Schlossberg steht und alte „Schmuckhieroglyphen“ trägt, ins Abseits des Unsinns gedrängt. Ob man diese bald entfernen wird? –

Herr Volta erfindet in Italien den Stromsammler, eine Möglichkeit unsichtbare elektrische Energie zu speichern – oder hat er diesen Akkumulateur, wie er vielleicht schon in der Antike genutzt wurde, für uns im „rückständigen Europa“ nur wieder entdeckt?


1800

In Paris wird das Meter zu 100 Centimetern, als gesetzliche Längeneinheit festgelegt und so auch 1.000 Meter als 1 Kilometer bezeichnet Wir aber geben die Längen unserer Wanderwege, wie es sich gehört, in Meilen an. –

Es gibt Versuche, Menschen mit Lachgas in einen Rausch zu versetzen, in einen Zustand, in dem sie momentan keine Schmerzen verspüren. Ob man diese Methode nicht nur auf dem Jahrmarkt, sondern vielleicht auch bei schmerzhaften medizinischen Behandlungen anwenden kann? So der Barbier beim Zahnziehen eventuell? Das wäre sehr hilfreich. –

Der erst 19-jährige Carl Friedrich Schinkel, entwirft für den Potsdamer Eichberg / Judenberg den „Pomonatempel“, einen Gartenpavillon, welcher der Göttin der Früchte zugedacht wird. Im nächsten Jahr ist Baubeginn. Und er ist wohl auf dem besten Wege, ein ehrbarer Baumeister zu werden. –

Etwa um diese Zeit wird in Preußen die Allgemeine Schulpflicht eingeführt.


1801

Seit ungefähr 800 Jahren wird vom Bauern die Dreifelderwirtschaft betrieben, mit einer ruhenden Brache. Der Bevölkerungszuwachs erfordert nun aber eine intensivere Ackerbearbeitung ohne Brachland. –

Das fortschrittliche England setzt die tägliche Arbeitszeit der Lehrbuben auf 11 Stunden herab. –

Am Potsdamer Jungfernsee wird an der Glienicker Brücke beginnend, die Chaussee der „Schwanenallee“ angelegt.


1802

Nun, schon nach drei Jahren ist meine Lehrzeit beendet. 17 Jahre bin ich alt und ich werde wieder feierlich vor offener Lade als Geselle freigesprochen, nachdem die prüfenden Meister meine Gesellenstücke lange untersucht, untereinander mit ungewohnt verhaltener Stimme ihre Meinungen ausgetauscht – und meine Arbeit dann für untadelig gut befunden haben. Ich hatte zu fertigen:

1 Paar Pantoffeln aus feinem Leder für Frauensleute, 1 ebensolches Paar aus Juchten,

1 Paar Mannspantoffeln aus Saffian, 1 Paar aus Juchten für Mannspersonen.


Ja, meine Lieben“, spricht Gottfried Keilbach, „heute schicke ich euch, als euer Vorfahre nicht nur Grüße, sondern löse auch den bisherigen Erzähler ab. Von nun an berichte ich euch etwas aus meinem Leben, damit ihr meine Familie und mich nicht so schnell vergesst. Dabei ist allerdings das Persönliche weiterhin umrahmt von einigen der großen Ereignisse der Zeit, die uns besonders bewegen.“


1804

Die Freiherren v. Stein und v. Hardenberg verfassen ein umfangreiches Reformprogramm, um einer blutigen Revolution vorzubeugen (beide gehören der preußischen Regierung an). Es ist ihr Anliegen, ihre Ideen für den zauderlichen König (Friedrich Wilhelm III) so sorgsam aufzubereiten und ihm zu erläutern, dass er der Meinung sein wird, diese Gedanken wären die Seinen gewesen.

Am 17. Mai ist Friedrich Schiller Gast in unserem Schauspielhaus zu Potsdam am Canal. –

Der bisherige Erste Konsul Frankreichs, Napoleon Bonaparte. krönt sich am 02. Dezember 1804 und auch anschließend seine Frau Josephine zu Notre Dame zum Kaiserpaar. Der Papst war zu diesem Spektakel geladen. Es wurde ihm aber lediglich ein Platz im Zuschauerraum angewiesen. Und nichts mehr mit bürgerlicher Herrschaft, geschweige denn Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – wovon noch neulich die Rede war. –

Der Arzt und Landwirtschaftskenner Albrecht Daniel Thaer kommt ins Brandenburger Land, um die landwirtschaftlichen Erträge zu verbessern, denn die Stadtbevölkerung und das Heer können nicht ausreichend mit Lebensmitteln versorgt werden. –

In England baut unterdessen Richard Trevithnick die erste Locomotion, auf Geleisen fahrend, für eine Grubenbahn, die die bei der Bergarbeit erblindeten Pferde ablösen soll.


1805

Kaiser Napoleon Bonaparte I. wird nun auch König von Italien. Da rückt er dem Papst schon wieder ein Stück näher. –

Engländer und Franzosen bekriegen sich. Sehr bekannt wird der Sieg Admiral Nelsons über die Franzosen, in der Seeschlacht von Trafalgar. –

Der bisherige Ochsenmarkt in Berlin, der auch als Exerzierplatz dient, wird zu Ehren des russischen Zaren anlässlich seines Besuchs bei unserem Königspaar, in „Alexanderplatz“ umbenannt. _

Der Berliner Prof. Jungius unternimmt eine Ballonfahrt mit einem solchen von ihm konstruierten Gerät. Er kommt auch heil wieder herunter. –

In Leipzig findet die Gründung des Brockhaus-Verlages statt. Schon der Name hört sich gewichtig an. Gewiss werden es auch die Bücher sein.


1806

Brief der Kurmärkischen Gewerke-Kammer, im Auftrage des Königs, an die Provinzialregierungen und Städte-Magistrate, vom 24. April 1806.


Friedrich Wilhelm, König, etc.


Unsere ... usw. Die Streitigkeiten, welche hin und wieder in den Provinzial-

Städten zwischen Schuhmachern und den Pantoffelmachern über die Verfertigung

der Schuh' und Stiefel von den letzteren, so wie der Pantoffeln

von den ersteren, und deren Verkauf erregt worden sind, haben Uns auf den

Gedanken geleitet, ob es nicht zur Beseitigung aller und jeder Streitigkeiten

zwischen beiderlei Gewerken, den Zeitumständen angemessener seyn würde,

beide miteinander zu vereinigen, und zu dem Euch diese schon im Jahre

1792 in Anregung gekommen, aber nachdem im Jahre 1793 vor der Hand

ausgesetzte Vereinigung, in nochmalige Überlegung zu nehmen, und darauf

Bedacht zu nehmen, wie solche mit Übereinstimmung der Interessenten jetzt

zur Ausführung zu bringen seyn dürfte.


Damals betraf dieser Gegenstand zunächst die beiden hiesigen Gewerke.

In Absicht der übrigen Gewerke in den Provinzen fand man das Haupthinderniß

darin, daß die Vereinigung den damaligen zeitigen Pantoffelmachern zum größten

Nachtheil gereichen würde, weil sie, unerfahren in den Arbeiten des Schuh-

machergewerkes, aus Stolz und Handwerksvorurtheil des neuen Unterrichts

sich schämen und bei dieser Unkunde mit ihren Familien der Nahrungslo-

sigkeit unterliegen würden.


Dieses Hinderniß ließe sich aber, wenn nicht der Drang zum Leder,

noch solcher nie selbst hebt, vielleicht noch dadurch beseitigen, daß bei jeder-

maligen Ansetzung eines neuen Meisters, welcher mit der neuerlichen Vor-

schrift bekannt, sich zuvor diese Fertigkeit (zu) eigen machen wird, die Arbeiten

beider Gewerke, der Schuhmacher wie der Pantoffelmacher, frei gelassen,

der Cumulations-Betrieb in dieser Art ausgeglichen und nur die zeitigen

Meister, wenn sie sich gutwillig dazu nicht verstehen, davon ausgeschlossen werden.


Handwerksvorurtheile, waren vormals (als) die hauptsächlichsten Schwierigkeiten

gefunden worden, verdienen wegen des eigenen Nachtheils beider Gewerke, welcher

durch Zutheilung gleicher Arbeiten gehoben werden soll, keine zu nachsichtliche

Behandlung.


Der zunehmende Luxus und die Mode haben in diesen Arbeiten eine solche

merkliche Veränderung hervorgebracht, daß die Gewerke nun wohl diesen

wechselseitigen Vortheil nicht weiter verkennen, vielmehr zu der Vereinigung

sich bereitwilliger finden werden.

Wir tragen Euch daher auf, diese Sache und Verhältnisse nochmals zu

prüfen und in Erwägung zu ziehen,

ob nicht eine Cumbination beider Gewerke zu Stande gebracht

oder wenigstens fest gesetzt werden könne, daß sie gemeinschaftlich

alle Arten von Schuhen und Pantoffelwaaren verfertigen können.


Darüber die Gewerke vernehmen zu laßen und demnächst darüber

gutrechtlich zu berichten. Berlin d. 24ten April 1806


Königlich kurmärkische (usw. / „Gewerks“-) Kammer


(Briefadresse) An den (usw. / Gewerks-Koordinator) Ribbach, Potsdam

(Aktennotiz, als weiteren Auftrag zur Untersetzung dieses Schreibens der Kurmärkischen Gewerks-Kammer):


Sämmtlichen Magistraten, um die Gewerke verordnetermaaßen

zu vernehmen, die Sache reiflich zu überlegen und mit Einsendung der

Verhandlungen binnen 4 Wochen gutrechtlich zu berichten.


Potsdam, den 10ten Mai 1806, Ribbach

(Adressen der Briefe zur Untersetzung der Anordnung der Kurmärkischen Kammer):


An

Einen Wohledlen Magistrat

hierselbst. usw.


----------------------------------------------------------------


Auswertung: Auch dieser Initiative blieb vorerst der Erfolg versagt. Die Gewerke arbeiteten auch in der Zukunft getrennt. Bald gab es auch ganz andere Sorgen - denken wir dabei auch an die bevorstehende Zeit der französischen Besetzung Preußens und die Befreiungskriege.


Versuch des Erläuterns einiger der vorgenannten Redewendungen:


Absatz

Im Text von 1806

Erläuterung nach heutigem Sprachgebrauch


Über-schrift


.. König etc.


(das bedeutet: Die Kurmärkische Kammer verfasst den Brief im Auftrage und im Sinne des Königs - nicht etwa der König schrieb diese Briefe selbst).



hier erspart man sich das Aufzählen der langen Liste weiterer Regierungsämter des Königs in deutschen Landen. Preußischer König ist zurzeit Friedrich Wilhelm III., Lebenszeit: 1770 bis1840,

Regierungszeit 1797 bis 1840

01

Unsere usw.

Hier spart man die umschweifige Bezeichnung der Kammer mit ihren (bekannten) Verwaltungsaufgaben, sondern kommt gleich zum Thema.



... diese schon im Jahre 1792 in Anregung gekommene aber nachdem, im Jahre 1793 vor der Hand ausgesetzte Vereinigung ...


... diese zwar schon im Jahre 1792 angeregte aber später, im Jahre 1793 einfach ausgesetzte Vereinigung ...

02

In Absicht der ...

Nach Ansicht (oder) Aus Sicht der ...



... den damaligen zeitigen Pantoffelmachern ...


... den Pantoffelmachern zur damaligen Zeit




Man nahm „als Hinderniß“ an, dass sich nicht alle Pantoffelmacher der Notwendigkeit einer weiteren Qualifizierung für das Herstellen der aufwendigeren Lederschuhe unterziehen würden.


03.

... der Drang zum Leder ...

... das Drängen der Pantoffelmacher, auch Lederschuhe herstellen zu dürfen ...



... noch solcher nie selbst hebt ...

... und da sich dieser nicht von alleine behebt ...


03

... bei jedermaligen Ansetzung eines neuen Meisters ...

... jedes mal, wenn ein neuer Meister eingesetzt wird ...



... die Arbeiten beider Gewerke frei gelassen ...

... für die Arbeiten in beiden Gewerken zugelassen (oder) wird ihnen die Arbeit in beiden Gewerken frei gestellt.



... die zeitigen Meister, wenn sie sich gutwillig dazu nicht verstehen ...

... die derzeitigen Meister der Pantoffelmacher, die eine Zusatzausbildung ablehnen ...


04

Nachtheil ... gehoben werden soll ...

... behoben / aufgehoben / beseitigt werden ...



... keine nachsichtliche

.. keine nachsichtige

Seite 2

05

... eine Cumbination ...

...eine Vereinigung mit der wechselseitigen Kombination aller Arbeiten ...


06

... die Gewerke vernehmen zu laßen ...

... die Vertreter der Gewerke sich äußern zu lassen ...


(Akten-notiz)

... verordnetermaaßen zu vernehmen ...

... sich gemäß dieser Anordnung äußern zu lassen ...



... mit Einsendung der Verhandlungen ...

... mit Einsendung der Verhandlungsprotokolle ...



Ab Oktober werden wir hier, im neutralen Preußen, von den Franzmännern besetzt.
Am 14. Oktober findet die für Preußen vernichtende Schlacht bei Jena und Auerstedt statt. Schlachten bei Saalfeld (mit dem Tod des charmanten Prinzen Louis Ferdinand) und an anderen Orten bringen weitere schreckliche Nachrichten. Nun befindet sich Preußen ganz in der Hand des Kaisers Napoleon Bonaparte I. Er will auch König von Preußen werden.

Unsere Königliche Familie ist in Richtung Königsberg am Pregel und nach Memel geflohen.

Am 21. und 22. Oktober erreicht eine Vorhut der französischen Grande Armee unsere Stadt und am 24. Oktober kommt der Kaiser der Franzosen daselbst. Er bleibt zwei Tage zur Visitation und sieht sich die Schönheiten der Stadt und der Parks an. Er stattet dabei auch Friedrich dem Großen einen Besuch ab, also dessen Zinksarg in der Hof- und Garnisonkirche in der Breite(n) Straße in unserer Stadt Potsdam.

Die französischen Truppen beziehen hier in Potsdam Quartier. Für zwei Jahre, bis Dezember 1808, wird das sein. Den ersten Einquartierungen folgen etwa 1.000 weitere Offiziere mit 60.000 Gemeinen Soldaten und derzeitig noch ungezählten Pferden.

Zum Quartier gehört auch das Hauptkavalleriedepot der Armee. Mit der Besetzung beginnt für die Potsdamer Bevölkerung eine harte, entbehrungsreiche Zeit. Zur Verpflegung der Besatzer müssen täglich tausende Brote gebacken werden. Dazu ist der entsprechende Aufstrich zu liefern. Bier wird nicht viel mehr benötigt als sonst aber 2.500 Flaschen Wein pro Tag beansprucht das französische Heerlager und Futter für 15.000 Pferde. Das erfordert langzeitig Abgaben, die auch die einzelnen Bürger leisten müssen und die zum Teil davon in den Ruin getrieben werden.


In den Jahren 1806 –1808 werden etwa 2.500 Potsdamer ihre Heimatstadt verlassen. Im benachbarten Nowawes arbeiten von vorher 450 Webstühlen zum Schluss nur noch fünf.

Erschossen wird Johann Friedrich Palm wegen seiner Flugschrift „Deutschland in seiner tiefen Erniedrigung“, weil es gegen die Franzosen gerichtet ist. Er war 40 Jahre alt.


Unsere Garnisonsstadt hat derzeitig 18.000 Einwohner und 9.000 „eigene“ Militärangehörige inclusive derer Familien.

Die hier „durchreisende“ und stationierte Grande Armee, die ein Mehrfaches der Potsdamer Bevölkerung zählt, bedeutet eine hohe Belastung für die Menschen. Besonders für die Hugenotten in Potsdam, die früher aus Frankreich geflohen waren und hier eine neue, tolerantere Heimat fanden, ist die Besetzung Potsdams, durch „ihre eigenen Leute“, wie ein Zerr-Spiegel. Wird sich das auf das bisher friedliche Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft in der Stadt künftig schlecht auswirken – vielleicht schon von Nachbarn zu Nachbarn?

Überall im Ort wird biwakiert, da die festen Unterkünfte bei weitem nicht ausreichen. Hinter dem Jägertore in Richtung Brandenburg, an der Stadtmauer entlang, werden Ställe aus Holzverschlägen für vorerst 300 Militär-Pferde errichtet.

Regulär versorgen wir Einwohner die Soldaten. Sie erhalten von der Kommandantur Gutscheine für die Lebensmittel, die ihnen zustehen, und die sie dann bei uns einlösen. Wir wiederum holen uns von den verschiedenen Depots, den städtischen Versorgungsmagazinen, gegen Abgabe der Gutscheine, neue Versorgungsgüter. So zumindest ist es gedacht. Gutscheine gibt es für Bier, Wein und Gemüse. Ebenso für Brot und Fleisch.

Die Offiziere sollen für den Wert von 3 Thalern verpflegt werden; dem gemeinen Soldaten

wird ein Verpflegungsumfang im Wert von ½ Thaler je Tag zugebilligt.

Der Magistrat entscheidet nach den Versorgungsforderungen der französischen Kommandantur, die Französische Kirche der Hugenotten ab November als Strohdepot für die Pferdeversorgung einzurichten, nachdem das Baucomptoir den Ausbau bzw. den Schutz des Inventars veranlasst hat und die sakralen Gegenstände ausgelagert wurden. Trotzdem werden später Schäden an der Kirche in Höhe von rund 600 Thalern veranschlagt. Ein Teil davon wird zur Reinigung und Instandsetzung der Orgel benötigt. Die Potsdamer französische Kirchengemeinde kann in jener Zeit einen allerdings weiter entfernten Versammlungsraum in (der späteren Schulstraße 2) in Neuendorf nutzen.

Die Heiligengeistkirche dient in dieser Zeit als Fouragemagazin.

Das Rathaus am Alten Markt ist das Brotmagazin. Im Turm befindet sich das Gefängnis.

Im Militärwaisenhaus ist das Fleischmagazin untergebracht. Man hat arg zu laufen und zu tun, neben der Arbeit auch von den verschiedenen Magazinen die Verpflegung für die fremden Soldaten zusammenzuholen und diese zuzubereiten. Natürlich sind auch die Speisegewohnheiten der Truppe, vornehmlich der Offiziere, den unseren nicht gleichzusetzen. Nimmt der Preuße Dünnbier und Suppe sowie Graubrot zu sich um sich zu sättigen, muss es für den Franzosen Wein, Kaffee und weißes Brot sein, damit es sich hinreichend gut leben lässt.

Viele der hungrigen ankommenden und durchziehenden Soldaten greifen auch zur illegalen „Eigenversorgung“ und plündern, üben Gewalt aus. Das sind nicht nur Franzosen, sondern ein recht bunter Haufe, unter anderen auch Italiener und Angehörige der Rheinarmee. Nicht jeder will mit der ihm zugemessenen Ration auskommen und bedroht unser Leben mit dem Schießprügel. Es ist uns aber die Möglichkeit gegeben, Schadensmeldungen an unseren hochwohllöblichen Magistrat zu geben. Sehr schön.

Sittsamer geht es im Standortquartier (Kavalleriedepot) zu.

Nach französischer Manier (oder muss man jetzt Manjé sagen?) werden die Häuser der Stadt fortlaufend durchnummeriert; erst Jahrzehnte später werden diese straßenweise jeweils mit der „1“ beginnend, neu geordnet.


Neu eingeführt wird, dass die Hausbesitzer ein Bürgerkomitee bilden können und eine bewaffnete Bürgerwehr, die Policeioffizianten, die für Ruhe sorgen dürfen. Ansonsten gibt es von preußischer Seite nicht viele Anordnungen, zumal der König und seine Familie ja nach Königsberg geflohen sind und somit die Residenzen Berlin und Potsdam ohnehin nicht handlungsfähig sind.


1807

Die Erbuntertänigkeit der Bauern wird in Preußen aufgehoben.

Ein ruhmloser, von Frankreich diktierter Friedensvertrag von Tilsit tritt in Kraft. Der Inhalt: Frankreich manifestiert das Ergebnis seiner Raubzüge. Preußen ist nun keine Großmacht mehr. Bisherige nördliche Gebiete gehören jetzt zu Skandinavien. Frankreich errichtet das Königreich Holland und für Napoleons Bruder Jeromé, „König Lustik“, wird er bald genannt werden, extra ein Königreich Westfalen. Die Altmark, „die Wiege Preußens“, ist dem neugegründeten Königreich zugeschlagen.

Die erfolgreiche französische Blockade gegen das mit Österreich und Russland verbündete England, wird bis 1813 anhalten. Für uns, das Volk, herrschen Versorgungspflichten, Abgabenlasten, Unterdrückung und Todesurteile, bei übler Überheblichkeit der Franzosen.


1808 Hochzeit machen – das ist wunderschön

Trotz alledem – Jetzt endlich wieder etwas Wichtiges aus unserer Familie:

In diesem Jahr kann ich trotz aller äußerer Unbill, meine Potsdamer Braut Caroline Wilhelmine Großkopf vor den Traualtar führen. Unsere Heirat ist im Kirchenbuch unter Nr. 34 des Jahres 1808 auf der Seite 138 registriert worden. Ich heiratete mit 23 Jahren; die süße Caroline ist jetzt 20 Jahre jung. Sie wurde am 06. April 1788 geboren. Jetzt geht das Leben erst richtig los. Wir können eine hübsche Wohnung in der Potsdamer Friedrichstraße beziehen, gerade schräg gegenüber der Schauspielerkaserne.


Mit dieser zweijährigen französischen Besetzung und dem Aufbringen der Versorgung verschuldete sich die Stadt enorm. Die Zukunft wird wissen, dass es etwa ein halbes Jahrhundert dauern wird, bis wieder normale Verhältnisse eingekehrt sein werden.

19. November 1808: Erlass der Königlichen Städteordnung. Einführung der Selbstverwaltung. In ihr sind vertreten: 33 Handwerksmeister, 11 Kaufleute, 5 Beamte,

6 Kleingewerbetreibende, 3 Apotheker, 1 Fabrikant und 1 Chirurg.

Positiv ist in Erscheinung getreten, dass sich die Stein-Hardenbergschen Reformen günstig auf das Heer, die Wirtschaft und die Verwaltung auswirken. (Reformen, statt Revolution – anders als in Frankreich). Auch die jüdischen Bürger wurden dabei den anderen Einwohnern gleichgestellt.

Im Heer kann man die Offizierslaufbahn künftig mit der persönlichen Eignung erringen, mit der gezeigten Leistung und dem Führungskönnen. Bisher war diese Laufbahn dem Adel vorbehalten – selbst wenn der Kandidat sich als wenig geeignet erwies, was schon des Öfteren zu einem Desaster geführt hatte.

Zum 3. Dezember 1808 ziehen die letzten französischen Soldaten ab, in Richtung des fernen Russlands, von wo sie schnell und siegreich wieder zurückkehren wollen.


1809

Eine riesengroße Freude. Am 24. Februar haben wir unser erstes Kind bekommen. Es ist ein gesundes Mägdelein. Wir wollen es Caroline Wilhelmine Charlotte heißen. Die Taufe wird den 05. März sein, die Herr Prediger Klötz vornehmen wird. Als Paten haben wir gewonnen: Herrn Wietz, Herrn Voigt, beides ehrbare Berufsgenossen und Jungfer Wutschetzky, des Pantoffelmacher-Altmeisters Töchterlein. Alles so festgeschrieben im Taufregister als Nr. 14 auf Seite 404 (neu: S. 034) des Jahres 1809.


Major von Schill mit seinen Getreuen wird im Kampf gegen die Franzosen bei Stralsund aufgerieben. Schill stirbt im Gefecht. –

Unsere Königsfamilie darf aus dem ostpreußischen Exil wieder zurück kehren. –

Beginn von Ausgrabungen größeren Umfangs in Pompeji, das wie wir wissen, im Jahre 79 beim Ausbruch des Vesuv von einer etwa 13 Fuß mächtigen Schicht von Asche und Schlacke verdeckt wurde. –

Alexander v. Humboldt bereitet sich auf seine nächste Forschungsreise vor. Nach Afrika und weiter nach Asien sollen die Wege ihn dieses mal führen.


1810

Es stirbt im Alter von nur 34 Jahren, nachdem sie zehn Kindern das Leben gegeben hat, unsere hochwohlgeborene Königin Louise auf dem elterlichen Schloss Hohenzieritz am Tollense-See in Mecklenburg-Strelitz. –

Erste Gaslaternen beleuchten neuerdings bei uns bestimmte wichtige Straßen. –

Die Berliner Friedrich-Wilhelm-Universität wird durch den Potsdamer Wilhelm v. Humboldt (und weiteren Gelehrten) gegründet. Der Wilhelm des Universitätsnamens stammt allerdings vom König. –


1811

Wir werden erneut Vater und Mutter. Unser Sohn Carl! Also Carl Wilhelm Keilbach (klingt recht gut, nich? Allerdings ist’s kein ganz neuer Einfall, denn unsere Tochter heißt ja sehr ähnlich. Mit dem erstgeborenen Kinde wollte ich mir schon den „Stammhalter“ sichern, na ja, nun aber eben jetzt. Carl wird am 01. Juni 1811 in unserer Wohnung in der Friedrichstraße geboren. Am 16. Junius erhält er in der Nikolaigemeinde die Taufe. Als Paten wollen uns, und vor allem ihm, treu zur Seite stehen: Herr Schröder, Herr Lehmann und meine Schwiegermutter, Frau Großkopf. Das haben sie versprochen.


1812

Heute lade ich euch ein, zu einem Blick und Rückblick auf unser kirchliches Haus, in dem unsere Kinder getauft wurden, nämlich:

Die Heiligengeist-Simultankirche zu Potsdam

Ich will die Antwort auf die ewig junge, wenn hier auch noch nicht gestellte Frage gleich vorweg nehmen: Simultankirche bedeutet, dass die Geistlichen sowohl der lutherischen, als auch der französisch-reformierten Lehre in diesem Gotteshaus gleichberechtigt die Gottesdienste feiern, Gottes Wort verkünden dürfen, (bis man sich 1876 dann sowieso auf eine uniierte oder auch vereinigte Kirche einigen wird, was ja dann aber nichts mit dem Gebäude zu tun hat).

Die Kirche sollte damals einen exponierten Standort erhalten und bekam ihn auch. Man wählte als Baustelle jenen Ort, an der sich bereits vor über 700 Jahren die alte slawische Wohnanlage in dem Burgringwall befand. Dieser lag auf einem vorgelagerten, gleichsam in den Havel-Strom hineingeschobenes Eylandt, und war das alte Siedlungsgebiet „Potztupimi“ der heutigen, viel größeren Stadt Potsdam, gleichsam „die Wiege der späteren Stadt“. Zu anderer Zeit stand dort eine Windmühle. Ein Vorratshaus namentlich für Getreide aber auch ein Weinkeller, aus der Zeit des Großen Kurfürsten stammend, lag ebenfalls auf dieser Parzelle und wurde vor allem im und nach dem 30-jährigen Krieg genutzt.

Im Jahre 1723 erhielt der Ingenieur-Kapitän Pierre de Gayette den Königlichen Auftrag zum Entwurf und für den Bau der Kirche. In den Jahren 1724–1726 errichtete man den Bau auf dieser besagten geschichtsträchtigen Parzelle.

Die Kirchenchronik berichtet uns: „Anno 1726, den 10. Novembris, als am 21. Sonntage nach Trinitatis, hat Cristian Ludwig Lipten, erster reformierter Prediger, an dieser neufundirten Heiligengeist-Kirche, auf allergnädigsten Speciellen Befehl seiner Königlichen Majestät, vormittags die erste oder Einweihungspredigt halten müssen. Es geschah dieser actus bey Hoher Gegenwart seyner Königlichen Majestät (Friedrich Wilhelm I.), des Fürsten von Anhalt-Dessau und anderer Hoher Personen.“

Im Jahre 1730 baute man auch eine Orgel des Berliner Orgelbaumeisters Johann Joachim Wagner ein. Am 08. May 1747 spielte auf dieser Orgel, einen Tag nach seinem Besuch beim König (inzwischen war das Friedrich II.), Johann Sebastian Bach. Welch ein Schatz wäre es für Stadt und Land gewesen, hätte er hier eine Anstellung erhalten! Der König richtete es nicht ein.

Erst in den Jahren 1732–1734 wurde der 84 m hohe Turm nach dem Entwurf und den Berechnungen von Johann Friedrich Grael angefügt.

Das neue Prediger-Doppelhaus für diese Kirche, erbaute 1782 Georg Friedrich Unger, ein Schüler des Carl v. Gontard, in der Burgstraße, dicht bei der Kirche. –


180.000 Preußische Soldaten müssen dem Napoleon als Hilfstruppen für den Feldzug gegen Russland beigestellt werden. Wie wir später erfahren, endete der Feldzug vor Moskau. Die Moskauer Bürger hatten ihre eigenen Häuser dem Feuer übergeben und so der französischen Aggressionsarmee im Winter Unterkunft und Verpflegung entzogen. Es begann ein verlustreicher Rückzug, letztendlich bis nach Paris.

Unseren König erreichte die Nachricht hier in der kleinen Orangerie im Potsdamer „Neuen Garten“, dass unser Potsdamer General Graf Yorck von Wartenburg ohne königlichen Befehl, ohne dessen Wissen, ohne seine Zustimmung, einen preußisch-russischen Waffenstillstand mit dem russischen Heerführer Graf Diebitsch in der Mühle bei Tauroggen geschlossen hatte. Das war ein herzhafter Affront gegen den unentschlossenen König – aber Yorck wurde vom Volk bejubelt und er stieß somit gleichsam ein „Fanfarensignal“ aus:

Auf zu den Befreiungskriegen, auf zum Abschütteln des französischen Jochs!“

Indessen hat sich Napoleon nach diesem fluchtartigen Rückzug, in seiner Heimat schon wieder erholt und stellt ein neues Heer zusammen, um es in die nächsten Schlachten zu schicken, zu denen die in Lützen, Großgörschen, jene an der Katzbach, am Hagelberg, der Wartenburg, Großbeeren bei Potsdam und Probstheida bei Leipzig gehören werden. Allein in der letztgenannten „Völker-Schlacht“ werden sich etwa 104.000 Soldaten befehlsgemäß gegenseitig töten, werden wir später wissen. Unsägliches Leid für die Menschen!


1813

In jener Zeit leben wir in der Potsdamer Burgstraße. Es ist die Straße, an deren Anfang (fast) die Nikolaikirche steht und deren hinteren Abschluss die Heiligengeistkirche bildet. Warum wir umgezogen sind? Die Wohnung wird zu klein, denn am 03. Junius wurde unser drittes Kind, Charlotte Wilhelmine des Abends gegen ½ 7 Uhr geboren. Sie wurde am 11. July in der Heiligengeistkirche getauft. Paten sind Herr Dube, Frau Fleischer und Demoiselle Döring (was sich doch in dieses Amtsdeutsch für Begriffe einschleichen, selbst noch in dieser Zeit). Festgehalten ist alles im Taufregister als Nr. 35 auf Seite 50 des Jahres 1813. Damit wir aber Verwechselungen zwischen Mutter und Tochter ausschließen, rufen wir sie fortan sowieso mit dem schönen Namen Friederike, der uns noch nach der Taufe einfiel. Dieser gefällt später auch ihr – war also nicht so ganz falsch? Oder? Und trotzdem bleibt mir aber, wenn auch halb verborgen, noch etwas vom geliebten Namen „Carl-“, meiner ersten Idee erhalten.


Das Volk drängt den zauderhaften König, freiwillige Kämpfer in Jägercorps zusammenzuschließen, um die Besatzung loszuwerden. Preußen erklärt Frankreich den Krieg. „Das Volk steht auf – der Sturm bricht los ...“. Mit dem Freiherrn v. Lützow kämpfen viel bekannte Personen, wie der Turnvater Jahn, Friesen und viele Studenten, der Dichter Theodor Körner, Ernst Moritz Arndt und Joseph v. Eichendorff.

Im Befreiungskrieg war auch die mutige Tochter unserer Stadt: Maria Christiane Eleonore Prochaska (1785–1813), verkleidet als Freiwilliger „August Renz“ bei den Lützower Jägern.

Sie war, nach ihrem Bruder, das zweite Kind eines Unteroffiziers und Musiklehrers. Eleonore war wie ich, im Frühjahr des Jahres 1785 geboren (sie den 11. Mart). Weil sich der Vater wegen seines Berufes zu wenig um die Kinder kümmern konnte, kamen sie 1794 in das Große Militärwaisenhaus zu Potsdam. Im Herbst 1797 kehrte sie mit 12 ½ Jahren zurück

und führte den Haushalt des Vaters. Ab 1810, also mit 25 Jahren, ging Eleonore als Hauswirtschafterin und Köchin bei Oberbauinspektor Heinrich Ludwig Manger in Stellung, der in der Brauerstraße 8, hinter dem Rathaus am Alten Markt, wohnt. Das ist weniger als zwei Fußminuten von uns entfernt. Sie galt als eine unserer freundlichen Nachbarinnen. In diesem Jahr nun, 28-jährig, zog sie mit in den Krieg, um das Vaterland, die Heimat von den Franzosen zu befreien. Sie starb bei Dannenberg am 05. Octobris im Lazarett, nachdem sie bei der Schlacht an der Göhrde, den 16. Septembris von einer französischen Kugel getroffen wurde, die ihr den Oberschenkel zerschmetterte. Ein großer Jammer. Bestattet wurde sie mit militärischen Ehren in Dannenberg am 07. Oktobris. Was half es ihr? Auch den jungen Dichter, mit dem flammenden Herzen, Theodor Körner, ereilte bei Gadebusch der Soldatentod und so schier unendlich viele andere ebenfalls.


Potsdam wird zunehmend Lazarettstadt. Der noch so genannte frühere Lustgarten, also der Exercierplatz zwischen dem Schloß und dem Havel-Strohm, ist als ein Gefangenenlager für französische Rückkehrer der nun kleinen, zersplitterten, abgerissenen „Grande Armee“ eingerichtet. Hier werden aber auch die französischen Verletzten behandelt.


1814

Der 30. März – ein Freudentag. Das französische Kaiserreich kapituliert. „Pariser Frieden“ der Verbündeten. Den Verbrecher Napoleon Bonaparte lässt man großmütig als einen souveränen Fürsten mit 1.100 Bediensteten auf die Mittelmeerinsel Elba ziehen. Eine Verbannung mit „viel Comfort“, so, wie der Franzos' es gerne mag.


1815 / 1816

Der monatelang ausgedehnte Wiener Kongress bringt für die Nachkriegsordnung leider keine Fortschritte. Er endet ohne neue Freiheiten, stellt im Wesentlichen die Verhältnisse der Vorkriegszeit wieder her. Allerdings wird in Preußen vorsichtshalber die Wehrpflicht eingeführt. In der Zeit der Napoleonischen Kriege sind allein etwa 3,6 Millionen Soldaten gefallen. Wozu nur? Im Prinzip umsonst – für nichts und wieder nichts. –

In England konstruiert George Stephenson seine erste Locomotion für einen regulären Personenverkehr. –

Man sollte es kaum für möglich halten. Napoleon Bonaparte kehrt von der Insel Elba nach Frankreich zurück und sammelt bei seinem Marsch auf Paris immer mehr neue Soldaten um sich, marschiert in Paris ein, verjagt den neuen Herrscher und residiert dort 100 Tage. Wie ist so etwas nur möglich? Die Kriegsverbündeten erklären Napoleon zum Feind der Menschheit und wollen ihn vernichten, obwohl er schon wieder 122.000 Soldaten unter Waffen hat. Hat denn niemand genug aus den vergangenen Kriegszügen gelernt? Ist denn nicht schon zu viel Blut geflossen? In Belgien, bei dem Dorf Waterloo, kommt es zu schweren Kämpfen der Franzosen gegen die Armeen der Verbündeten. Allein an einem Tage sind nun neuerlich 50.000 Tote zu beklagen. Der bald darauf folgende „Zweite Pariser Friede“ legt die nunmehrige Verbannung Napoleon Bonapartes auf die Insel Sankt Helena im Atlantik fest, wo er 1821 sterben wird.

Frieden – welch ein schönes Wort. Viele Männer sind aber nicht mehr aus dem Krieg zurück gekommen, viele verkrüppelt und ungezählte Kinder werden ganz ohne Vater aufwachsen. So ist das. Und nur, weil ein Herrscher mal wieder so eine unbeherrschte Idee hatte. Letztendlich ohne Sinn und Verstand.


Die Stadt Potsdam hat in der Zeit nach dem Wiener Kongress, gegenwärtig 17.000 Einwohner, davon sind inzwischen etwa 6.000 völlig verarmt.

Den letzten Sonntag im November begehen wir von nun an als „Totensonntag“, um die Gefallenen zu ehren, ihrer zu gedenken.


Zwischen Potsdam und Berlin fährt seit dem Herbst ein neues Schiff zur Beförderung der Post, die „Prinzessin Charlotte von Preußen“. Der Antrieb besteht aus einer Dampfmaschine, die auf ein am Rumpf befindliches Schaufelrad wirkt. Die Maschine besitzt die Kraft von 14 Pferden und verbraucht in der Stunde ein Bergscheffel Steinkohle, also etwa 175 Pfund, die 18 Groschen kosten. Das Schiff kann etwa 300 Personen aufnehmen. Die Strecke einer Meile kann das Schiff in der Stunde zurücklegen.


In Literatur, Musik und anderen Zweigen der Kunst glänzen Namen wie Goethe, Schiller, Schlegel, Mendelssohn, v. Arnim, Brentano, Carl Maria v. Weber, Zelter, Chamisso, Herz, Varnhagen, Grimm, Fichte, Hegel, Schinkel, Schadow, Rauch, Beethoven, C. D. Friedrich und viele andere, sowie noch im Gedächtnis: Mozart, H. v. Kleist und Theodor Körner.


1817

Bei uns in Potsdam wird nahe der Knochenhauerschen Zichorienmühle an der Havel, eine Werft für Dampfschiffe, also für solche mit einem Watt'schen Antriebe, angelegt.


1824

Es sind schwere Zeiten. Die wenigen Groschen müssen wir engmöglich zusammen halten. Ein Jeder muss sich um die Seinen kümmern und dabei wird man noch als Querulant verunglimpft. Schreibt doch jetzt, wenige Tage vor dem Heiligen Weihnachtsfeste, der Altgeselle Carljude, der noch unter dem Dach von Meister Amendt sein Brot verdient, ein Pamphlet über mich an den Zunftmeister und von diesem geht der Schrieb an den Magistrat.

Seht euch das doch bloß mal an (oder auch – lieber nicht). Es sei denn:



An Ew.* Hochwohlgebohren; haben sämtliche Pantoffelmachergesellen eine bitte, uns doch in dieser Sache beystand zu leisten. Es wird Ew. Hochwohlgebohren bewußt sind, daß wir unsere hier durchreisenden Främden (Pantoffelmacher) jeden mit einer reisesteuer beschenken, da wir hier in Potsdam wie auch allenthalben von den (in) Arbeit stehenden, dieß Geschenk erhalten, wir auch diese einige Groschen gärne geben, weil es einem jeden, der auf die Reise kommt, eine nützliche beihülfe ist. Es hat sich auch keiner von diesem Geschenke zu geben ausgeschlossen, als wie jetzt ein Verheirateter Nahmens Keilbach, der beruft sich darauf diese Steuer nicht zu geben weil er verheiratet ist. Wir haben aber diese Fälle schon oftmals erlebt, daß Gesellen verheiratet gewesen, und wieder in die Främde gegangen, und von den (in) Arbeit stehenden hernach ihr Geschenk erhalten, also glauben wir auch diesen Keilbach durch ihre Hülfe unterziehen, daß er das Geschenk den Främden geben muß, denn der verheiratete gesell genießt alle rechte wie ein jeder ledig loser, wenn wir dieses würden schleifen lassen, so würden sich auch ledig losen ausschließen denn ein jeder beruft (sich) darauf und schimpft daß Keilbach nicht besser ist. Wir bitten Untertänigst Ew. Hochwohlgebohren diesen benannten an(zu)treiben daß er daß jetzt fällige sowohl wie daß Rückständige geben muß.


Potsdam den 20. Dezember 1824 Altgesell Carljude



* Ew. = Ehrwürdige


Oh, oh, das ist mir ganz schön fatal. Bei der Obrigkeit unschuldig angezeigt. So kurz vor dem Heiligen Weihnachtsfest. Hm, hm. Ich bin der Meinung, dass jeder sein Kostgeld für die Walz selber durch eigener Hände Arbeit verdienen und bereithalten muss. Sollte ich wandern, was nicht vorgesehen ist, würde ich auch den Notgroschen dafür zurücklegen. Und essen müssen wir doch alle – ob nun zu Hause oder unterwegs. Was soll es – das Geld nur mehr hin- und her zu schieben, wenn doch jeder den gleichen Anspruch geltend machen kann. Was sagt denn überhaupt die Satzung, die in unserer Lade verschlossen liegt, dazu? Na gut, höhere Kleidungs- und Beherbergungskosten bei Arbeitslosigkeit. Eine Beteiligung kann ich ja noch einmal durchdenken. Wollen wir mal sehen, wann die Obrigkeit zu welcher Entscheidung kommt.

Übrigens: Der Carljude, Johann, Ludewig, August stammt aus dem Dorfe Zinna bei Jüterbog, nahe Luckenwalde, dort am 22. Novembris 1799 geboren, der junge Spund. Altgeselle. Ha! Seine Frau, eine geborene Schulze (schon am 6. August '99 geboren), hat er dort aus der Nähe, aus dem Dorf Grebs geführt oder entführt (wer weiß denn das schon so genau). Er ist kein Potsdamer. Er hat aber bei Meister Amendt gelernt und erst am 27. Dezember 1819 seine Lehrzeit beendet. Hoho. Inzwischen hat der fleißige Bursche schon vier Kinder und ist immer noch so streitlustig, wie eh und je aber in seinem Schrifttum nicht gar so stark. Na, eben so, wie er daher redet. Aber ein echter Jude ist er nicht. Er besucht mit den Seinen unsere Potsdamer evangelische St. Nikolaikirche.


Oh, das geht ja erstaunlich fix, bei den Beamten, selbst bei der Weihnachtsruhe:



28. 12. 1824


An das löbliche Pantoffelmachergewerk.

Auf die abschriftlich beigefügte Vorstellung des Altgesellen Carljude eröffnen wir dem Gewerk, daß die Gesellen eigentlich keine Verbindlichkeiten zur Unterstützung fremder Gesellen haben; item nach § 15 der Privilegia. … Hiernach kann denn auch der Keilbach nicht gezwungen werden Beiträge zu diesem Zweck zu leisten, wogegen er aber den üblichen Beitrag zur Krankenkasse nicht aussetzen darf. Wir überlassen dem Gewerk, auch dem Altgesellen zu bescheiden. M.(agistrat) / S. Paul“



Sag' ich doch. Niemand sollte streiten, der nicht im Recht liegt.

Und was steht da so im Kirchenbuch bei St. Nicolai? (Ich selber habe es ja nicht gesehen aber unser Nachkomme Chris Janecke hat es entdeckt). Da steht doch tatsächlich hinter Carljude als Erläuterung „auch: Karlgut“. Das hat ihn nicht geläutert aber so kann man aufgewertet werden. Vorschußlorbeeren. Vielleicht schrieb mal ein Ungelenker statt Carljud' – Carljut und der nächste (vielleicht hat er es auch selber gelenkt) machte daraus ein anständiges Deutsch und noch einen guten Karl dazu. So kann es in der Welt zugehen. Nun, dieser Carl liegt mir nun nicht so sehr nahe.


Über diese Streitigkeiten dürfen wir aber nicht vergessen, daß es in der Welt größeres gibt:

Die Potsdamer Königlichen Gärten werden unter das Direktorium des Landschaftsgestalters Peter Joseph Lenné gestellt.


1825

Die Lange Brücke über den Havelstrohm wird durch eine neue gusseiserne (!) ersetzt, die auf den Steinpfeilern ruht. Natürlich von Carl Friedrich Schinkel entworfen. Ein prachtvolles Aussehen! –

Das Bassin am Holländischen Viertel wird verkleinert und erfährt eine Baumumpflanzung. –

Der Park von Sanssouci wird nach Süden mit dem Ankauf von Ackerflächen erweitert. Hier soll Schinkel auf dem Grundstück der bisherigen Besitzerin, Maria Charlotte v. Gentzkow, ein Wohnschlösschen für den Kronprinzen Friedrich Wilhelm bauen und Lenné die Umgebung als englischen Park gestalten. (Parkteil Charlottenhof). –

Der erste Spiegel aus zerbrechlichem Glase soll in Potsdam (heil, in einem Stück) angekommen sein – aber wir bekommen ihn nicht zu sehen. Es ist ein Geschenk des russischen Zaren Alexander Romanow an unseren König. Man soll sich darin noch besser sehen, als im polirten Metallspiegel. –


1826

So, nun haben wir auch unseren Sohn unter Dach und Fach. Er tritt mit ausgezeichnetem Schuhwerk in meine Fußstapfen. Heute am 03. July wurden sechs Lehrlinge des Pantoffelmacherhandwerks eingeschrieben. Nr. 5 ist unser Sohn Carl, der ab Johanni bei Meister Amendt lernen wird (bei dem der Carljude schon sein junges Altgesellentum durchlebt). Er wird dort das Pantoffelmacherhandwerk erlernen aber natürlich nebenbei von mir noch manchen Kniff abluchsen, der ihm zugute kommen soll. Fünf Jahre Lehrzeit sind vorgesehen. Das ist zu viel, so viel gibt es am Pantoffel nicht, zumal der Junge doch bereits manches beherrscht, wie der Amendt es ja am Ende sehr wohl weiß – und er scheint es weidlich nutzen zu wollen. – Bei mir waren damals dagegen drei Jahre Lehrzeit vorgegeben.

Wie doch die Zeit vergeht. –

Unsere Heiligengeistkirche von Pierre de Gayette feiert in diesem Spätherbst oder Frühwinter nun schon ihr einhundertjähriges Bestehen (der Turm aber hat noch keinen runden Geburtstag; er wurde ja erst zwei Jahre später von Johann Friedrich Grael angesetzt). –

Im Norden unserer Stadt wird eine Blockhauskolonie nach russischem Vorbild errichtet, mit großen Gärten versehen. 12 Wohnhäuser für russische Sänger, ehemalige Kosaken. – (Zar Alexander hatte es ihnen großzügig freigestellt hier zu bleiben und sie scheinen sich auch ohne die heimatliche Leibeigenschaft in Potsdam leidlich wohl zu fühlen). Ein Aufseher-Haus (für den Preußischen Unteroffizier) und abseits auf dem Hügel eine russisch-orthodoxe Kapelle mit Popenhaus gehören ebenfalls zur Siedlung. –

Carl Friedrich Schinkel bearbeitet auch die Planung eines Wohnschlosses am Jungfernsee für den Prinzen Carl. Es soll nahe der von Schinkel konstruirten Brücke und dem alten Jagdschloss Glienicke, das allerdings am Tiefen See liegt, aufgeführt werden. Ein Bau nach leichtblütiger italischer Art.–

Großes weihnachtliches Staunen. Bei Herrn Schulrat Carl Christian Wilhelm v. Türk, er wohnt in Klein Glienicke, steht eine so genannte „Weihnachtstanne“ in der Guten Stube. Hat die Welt so etwas schon mal erlebt? Keine hölzerne Pyramide, kein kleines weihnachtliches Buchsbaumtöpfchen, nein, eine große Tanne aus dem Walde, über und über geschmückt! Da dürfen alle Neuigkeitsdurstigen einmal durch's Fenster hineinsehen und sich an der Scheibe die Nase platt drücken. Auf dem Markt werden Nüsse, Äpfel und manch anderes verkauft. Manche können sich sogar eine Weihnachtsgans leisten, wie sie zum Beispiel in Beelitz gemästet werden. Am Canal kauft man den Fisch von den Fischweiblein. Lebendig und frisch muss der Fisch sein, ganz oder auch geteilt kann man ihn erwerben, je nach Bedarf und Geldbeutel. Im eiskalten Winter sitzen diese Frauen, oft klappernd, in den kniehohen „Kufen“, Holzbretterkisten, die ein wenig vor dem kalten Wind schützen – zumindest unten herum. Zum Fest erfreuen uns die umherziehenden Singekinder und nach der Bescherung gibt es Mohnpielen mit Kartoffelsalat und jener mit Heringshäppchen verfeinert – ein Festmahl. Weihnachten könnte ruhig öfter sein – wenn man's sich leisten kann.



(Abschrift vom Protokoll einer wichtigen Sitzung des

Pantoffelmacher-Gewerks zu Potsdam)


Actum Potsdam, den 3. July 1826


    Heute wurde frei- und losgesprochen:

- Julius Adolph Ferdinand Hartig -


und es wurden als Lehrlinge eingeschrieben:


  1. Bei Meister Wuschetzky,

Friedrich Busch und Bliesendorff

auf 5 Jahre von Weynachten dieses Jahres ab.


  1. Bei Meister Hahn,

Carl Ludwig Breitenbach aus Treuenbrietzen

auf 5 Jahre, 3 Monate von heut ab.


  1. Bei Meister Joh. Gottlieb Schroeder,

Friedrich Wilhelm Pasewald aus Berlin

von Johanni 1824 auf 5 Jahre.


  1. Bei Meister Johann Friedrich Schroeder,

Johann Friedrich Gottlieb Lohmann aus Treuenbrietzen

auf 5 Jahre von heut (ab).


  1. Bei Meister Amendt,

Carl Keilbach aus Potsdam auf 5 Jahre von Johanni 1825 ab.


  1. Bei dem Meister Dube,

Julius Kroppa, gebürtig aus Potsdam auf 5 Jahre von heut (ab).


mit Siegel


S. Paul



Um 1827

Meine Familie lebt nun in der Kriewitzgasse 5. Das Gebäude errichtete man im Jahre 1817. Es gilt als fast neu. Die Kriewitzgasse ist nicht breit und auch nicht lang. Sie wurde benannt nach dem damaligen Eigentümer „unseres Hauses“, dem Schlächtermeister Kriewitz.

Bevor dieser Fleischer das Haus sein eigen nannte, trug das Sträßlein den nicht minder bezeichnenden Namen: Das „Grüngässchen“.

Inzwischen bin ich der Altgeselle und es ist nun an mir, statt des Carljude, die Beiträge einzusammeln. Dabei stoße nun auch ich auf Widerstände und gebe meinerseits beim Magistrat, für Bürgermeister Gobbin, mündlich zu Protokoll:

(Abschrift)


(Die Antwort des Magistrats vom 15. Januar 1828)

D.

An den Pantoffelmacher-Altgesellen Keilbach.


Auf Ihre Erklärung vom 29. Dec. v. J. erteilen wir Ihnen hierdurch zur Resolution (mit), daß Ihrem Verlangen, die Gesellen Carljude, Schollrich und Hinzel zur Zahlung von Geschenken an fremde Gesellen (aufzufordern) …. weder durch das Gesuch noch durch das Privilegium sanktioniert sind sondern lediglich durch Gewohnheit ... beweisen, (daß) dieserhalb aber Niemand wider seinen Willen zu deren Entrichtung gezwungen werden kann.

Sollten Sie fernerhin bei Einziehung der gesetzlichen Krankenkosten derartige Beleidigungen erfahren, so haben Sie die Beleidiger gerichtlich zu belangen. Gobbin


M.(agistrat) Actum Potsdam 29. Dec. 1827


Der Pantoffelmacheraltgeselle Keilbach, Kriewitzstraße No. 5 wohnhaft, stellt vor:

Die verheirateten Pantoffelmachergesellen

Carljude in der Französischen Str. No. 2,

Schollrich, Scharrnstr. No.1,

Hinzel, Grünstr. No.10 wohnhaft,

weigern sich zu Geschenken beizutragen, welche die einwandernden Gesellen aus der Gesellenkiste erhalten. Der Beitrag beträgt für jeden Zweiten 9 Pfennige. So gering derselbe auch ist, so fällt er doch den unverheirateten Gesellen neben der gewöhnlichen Auflage zu schwer.

Die unverheirateten Gesellen wollen nichts weiter als die erwähnte Auflage von 2½ Silbergroschen geben, um bei Erkrankungen Anspruch auf das Krankengeld oder Bezahlung der Kurkosten zu haben; erkrankt ein verheirateter Geselle, so erhält er wöchentlich aus der Gesellenkiste mithin soviel als er im ganzen Jahre beigetragen hat; dies ist namentlich bei dem Carljude und Hinzel der Fall gewesen, für die schon bedeutende Kurkosten aus der Kasse bezahlt worden sind.

Die unverheirateten Gesellen und auch ich als Verheirateter kommen hierbei offenbar zu kurz, weil wir zu beiderlei Kosten beitragen.

Ich (beantrage) daher dermaßen den vorgenannten verheirateten Gesellen aufzugeben, daß sie zu den Geschenkgeldern wie die übrigen Gesellen gehörig beitragen oder, von der Gesellschaft ganz ausscheiden und ihnen kein Anspruch an der Gesellenkiste zusteht.

In Berlin ist eine gleiche Einrichtung getroffen, dort sind die verheirateten Gesellen von der Gesellenkiste ausgeschlossen – als Angehörige der Commune betrachtet; wenn sie erkrankt oder dürftig sind.

Hiermit verbinde ich zugleich den Antrag, den Meister Amendt bei dem der Schollrich und Carljude und den Meister Schröder in der Grünstraße bei dem der Hinzel arbeitet, anzuweisen, daß sie von ihren verheirateten Gesellen die Auflagen vom Lohn einbehalten, damit der Altgeselle solche von ihnen einziehen kann und nicht nötig hat, in die Wohnungen der Gesellen zu gehen; denn da diese Gesellen in ihren eigenen Wohnungen arbeiten, so setzt man sich bei der Einziehung der Auflagen jedes Mal üblen Behandlungen und Beleidigungen aus.


Vorgelesen und bestätigt Unterschrift (gez.) Keilbach



So, das war also der Versuch meiner „Retourkutsche“ und die Obrigkeit reagierte darauf kühl, sachlich, gelassen und genauso gerecht, wie im gleichen Streit vor drei Jahren. Mit gleichem Ergebnis. Alle Achtung!

Nun gut – ich hätte einen Teil meines Briefes fortlassen können – ich war in Rage, der Kopf war nicht kühl genug und beim Mündlichen kann man den Inhalt eben nicht vorerst im unreinen Entwurf vortragen, um diesen dann noch einmal zu überschlafen. Eine Lehre. –


Aus Frankreich hört und liest man, daß die Seitenkrankheit des rechten Bauchraumes, an der immer wieder Leute sterben, jetzt radikal behandelt werden kann. Man müsse den Bauch aufschneiden und mit dem Messer das kranke Blindstück des Darmes mit „Wurmansatz“ herausschneiden. Liest sich das nicht wie ein Todesurteil? Bisher starben alle Soldaten nach Verletzungen mit eröffneter Bauchhöhle. Und wie soll einer diese vermutlich schrecklichen Schmerzen aushalten? Und sterben müssen wir sowieso alle – der eine früher, ein anderer später. Das kennen wir.


1829

Am 06. July werden in der Gewerks-Verhandlung die bisherigen Lehrlinge zu Gesellen frei- und losgesprochen. Unter diesen beiden, als Nr. 2, unser Sohn Carl Keilbach, der bei Meister Amendt lernte. Die Verhandlung führen die Altmeister Wutschetzky und Hase und unser Potsdamer Bürgermeister, Herr Gobbin bestätigt den feierlichen Actus mit seiner Unterschrift. Das ging ja dann mit dem Abschluss der Ausbildung tatsächlich ein Jahr schneller, als damals bei der Aufdingung vorerst in Aussicht gestellt. Carl erhält den Lehrbrief No. 78.

In einigen Jahren (belegt 1838) wird er Meister des ehrbaren Pantoffelmacherhandwerks sein und auch für die Erweiterung seiner Berufserlaubnis für das Schuhmacherhandwerk mit gutem Erfolge Sorge tragen.


Der Dichter Heinrich Heine hat sich derzeitig in unserer Stadt Potsdam niedergelassen. Er wohnt als Mieter bei Handschuhmacher Witte, Hoher Weg 12. Ein sehr kritischer Geist.



(Abschrift vom Protokoll einer Sitzung des

Pantoffelmacher-Gewerks zu Potsdam)


Verhandelt zu Potsdam, den 6. July 1829


In der heutigen Gewerks-Versammlung wurde

zum Lehrling eingeschrieben:


- Julius Schulz aus Potsdam

auf 4 Jahre von heut ab

bei dem Meister W. Dube.


Ferner wurden zu Gesellen frei- und losgesprochen:


  • Friedrich Wilhelm Pasewald aus Berlin

nach 5-jähriger Lehrzeit von Johanni 1824

vom Meister Johann Gottlieb Schroeder.


  • Carl Keilbach aus Potsdam

nach 4-jähriger Lehrzeit von Johanni 1825

vom Meister Amendt.


Die Gebühren sind entrichtet.

Die beiden Altmeister


(gezeichnet)

Gobbin Wuschetzky und Hase



1830

Die Mitglieder des Maurergewerks streiken im Orte wegen schlechter Arbeitsbedingungen. – Aus England kommt eine Schreibfeder ganz besonders biegsamen Eisens. Vorzüglich. Sie wird wohl bald den Gänsekiel verdrängen. –

Den 03. September! Die große Grundsteinlegung für die neue Nikolaikirche, als Nachfolgerin des 1795 abgebrannten Gotteshauses. Wer ist der Baumeister? Natürlich Carl Friedrich Schinkel. –

Die Druckerei von Gustav Kühn aus Neuruppin gibt zur Erbauung und Belehrung Bögen mit farbigen Bildgeschichten heraus. –


1831

Nun bin ich im 48. und Caroline ist im 43. Lebensjahr.

Die Cholera grassiert ganz schrecklich, auch in unserem Ort. Der Park Sanssouci ist mit einem dichten Bretterzaun umgeben, damit die Krankheit nicht hineingeschleppt wird. Die Königskinder hat man in den Schloßgebäuden arrestiert, unsere laufen frei herum. Wie mag man der Seuche nur Herr werden? Man versucht es mit der Anwendung heißer, ätzender Essigdämpfe. Und in dieser Zeit bekommen unsere Großen ihr erstes Kind. Wir werden Großeltern. Wenn's nur alles gut gehen mag. –

Zwischen Potsdam und Berlin, also am Schloß Glienicke, wird eine neue zehnbogige Brücke aus roten Backsteinziegeln errichtet. 549 Fuß oder 46 Ruthen lang (173 Meter), auf Steinpfeilern ruhend, die irgendwie im Seeboden gegründet sind, unter Wasser, wie man so leichtfertig sagt, also besser: tief im Wasser auf dem Seeboden, wo man nichts sieht und der Laie im nassen Element auch keine Luft bekommen kann. Der Name des Konstrukteurs? Natürlich Schinkel, wie die meisten der wichtigen Regierungsaufträge. Der Schinkel kann wohl alles und deshalb wird er auch maßlos mit Arbeit überhäuft. –


Eingeführt wird ein schönes, neues Lied zur Weihnachtszeit, allerdings völlig unbekannter Herkunft. Es tönt: „Stille Nacht, heilige Nacht…“

(ist aber schon von 1818, Text vom Hilfsvikar Josef Mohr aus Oberndorf bei Salzburg und die Melodie von dessen Freund, dem Lehrer und Organisten Franz Gruber).


1832

Im Frühjahr sterben Goethe in Weimar und sein Freund, der Komponist Zelter in Berlin. –

Die weithin sichtbare optische Telegraphie hält ihren Einzug. Eine „winkende Maschine“ steht in den Ravensbergen bei Potsdam. Die Bergkuppe heißt deshalb von nun an: Der „Telegraphenberg“. Zwischen Berlin und Koblenz benötigt eine kurze Nachricht nur 10 Minuten (wenn der Wettergott es günstig meint). Vergleichen wir das mal mit der Reisedauer einer Postkutsche. Ja, die neue Zeit bringt auch grandiose Umwälzungen. Doch dabei können wir kaum innehalten, denn die Ereignisse überschlagen sich. Nun entwickelten die Herren Gauß und Weber schon einen Telegraphen mit Drahtübertragung. Das bedeutet, man winkt sich schon bald nicht mehr telegraphisch zu, kann Botschaften aber nunmehr auch nachts übermitteln. Schickt man einen sehr schnellen Boten auf den Weg und zur gleichen Zeit die Worte durch den sehr dünnen Draht, soll erstgenannter keine Chance haben, der Erste zu sein. Aber nun zieh' mal einen dünnen Draht hinter dir her, zum Beispiel von Holstein über Potsdam bis tief ins Bairische, um dann telegraphieren zu können. So einfach durch die Wälder, über Felder und Flüsse, wie auch durch die Dörfer. Ha! Neumodischer Kram. Wer's glaubt, wird selig. Nur die Schuhe werden wohl immer von meisterlicher Hand gefertigt werden. Müssen. Für jeden der zwei doch zuweilen recht unegalen Füße.


1833

In diesem Jahr begehen wir unsere Silberhochzeit. Über 25 Jahre sind es schon her, da wir uns kennen lernten. Die Zeit galoppiert mit uns davon – und keiner findet da die Bremse. –

Im Park von Sanssouci soll eine neue Lustbarkeit entstehen: „Die Römischen Bäder“. Na gut. Schlecht daran: Sie sind nur so zum Ansehen vorgesehen. Ohne praktischen Wert. Aus Übermut, Jux und Tollerei. Ein Reinigungsbad wird dort niemand nehmen. Manchmal wäre mir auch schon lieb, wir hätten mehr, als unsere Waschschüssel. –

Und bei Nowawes, an dem damals von den Franzosen ramponierten kahlen Babertsberg, wird demnächst ein Gebäude für das Kronprinzenpaar Wilhelm und Augusta entstehen, nach dem Geschmack der englischen Tudors – alles Schinkel und Lenné. (Man munkelt, der König habe dem jungen Paar Geld für ein nur schlichtes Wohnhaus, eine bescheidene Cottage bewilligt. Für das Kronprinzenpaar! Und das mit Schinkel – na man wird ja sehen.)


1835

In England rollen jetzt schon Eisenbahnzüge, die von Locomotions geschwind durch die Landschaft gezogen werden. Die Ärzteschaft ist sich noch uneins darüber, ob es der Mensch aushalten könne, mit der noch nie da gewesenen Geschwindigkeit von 6 Meilen in der Stunde zu fahren, ohne daß Schwindel einsetzen möchte, die Atemluft stockt oder das Einsetzen von Wahnsinn zu befürchten sei. Zwischen Nürnberg und Fürth soll demnächst auch eine Strecke eröffnet werden. –

Das Militär braucht schon wieder mehr Platz. An der Stadtmauer vor dem Brandenburger Tor wird von Baumeister Hampel eine rote Backsteinkaserne für die Leibgendarmerie der Ulanen gebaut. –


1836

Zur gefälligen Beachtung – wenn ihr uns besuchen wollt: Wir wohnen jetzt in der Französischen Straße No. 9. Nein, kein Reißen zu befürchten – sie wurde schon längst von anderen Leuten trocken gewohnt. So neu ist sie ja nun nicht mehr.


1837

Unsere neue Nikolaikirche am Markt. Das Aussehen der alten Barock-Kirche mit der Schaufassade von Georg Wenzeslaus v. Knobelsdorff ist uns von Bildern noch gut bekannt. Sie war ja eine verkleinerte, feine Kopie der Kirche Santa Maria Maggiore, die in Rom steht. Im Jahre 1795, als ich zehn Jahre alt war und noch nicht in Potsdam wohnte, brannte dieses Gotteshaus ab, wie ihr noch wisst (also nicht die in Rom).

Der Grundstein für die neue Kirche wurde am 03. September 1830 gelegt. Nach reichlich siebenjähriger Bauzeit gilt die Kirche, nach einem Entwurf von Carl Friedrich Schinkel errichtet, nun als beendet. Nach Schinkels Idee sollte es ein etwas kleinerer römischer Petersdom werden, wie man ihn auch hierzulande auf Gemälden sehen kann. Doch dazu reichte das königliche Geld nicht. So erhielt die Kirche vorerst ein Satteldach, was wohl Schinkel keine Kopfschmerzen aber tüchtiges Bauchgrimmen bereitete, weil „sein jüngstes Kind“, nun eher an ein Theater gemahnt, denn an eine Kirche erinnert. Die Weihe wurde neulich, am 17. September 1837 durch den Herrn Generalsuperintendenten der Kurmark, Bischof Dr. Neander, vollzogen. Man konnte ihn nicht gut verstehen, da sich die Töne, die Worte im Raum verzerrten und verloren. Sehr verärgert soll der König darob gewesen sein aber Schinkel daselbst, wie zum Tode gebrochen. (Fortsetzung dieser Geschichte siehe 1850). –

Zwischen Nowawes und Stolpe entsteht hoch über der Havel die Kirche Nikolsko(j)e. Was für ein fremdländischer Name! Er will bedeuten: „dem Nikolaus / dem Zaren gehörend“, nachdem dort bereits ein Blockhaus für den Zaren und unsere ehemalige Prinzessin Charlotte, die inzwischen ja schon lange Alexandra Feodorowna heißt, errichtet war. Dabei fällt mir ein, ich verabsäumte es zu berichten, dass zwischenzeitlich Zar Alexander gestorben ist. Die Russische Blockhauskolonie im Norden, zu Füßen des Pfingstberges, hat zum ehrenden Gedenken an Zar Alexander I. († 1825), den Namen „Alexandrowka“ erhalten. Das nur als ein vielleicht notwendiger Nachtrag.

Die Cholera kommt noch einmal – schon wieder – zurück in unsere Heimat.


1838

Angeblich soll es in Frankreich gelungen sein, Abbildungen von Menschen oder besser: von sehr ruhigen Dingen, auf Metallblechplatten zu bannen. Daguerre soll der Erfinder sich nennen. –

Die Eisenbahn! Nun ist es endlich auch bei uns soweit. Nachdem die Eisenbahnwerkstätten auf dem alten Rittergut an der Alten Königsstraße zwischen Potsdam und Nowawes betriebsbereit sind, werden dort Locomotiven, die zerlegt aus England kamen, montiert und genauso die Wagen zusammengesetzt. Jede einzelne Locomotive soll eine Stärke, vergleichbar mit etwa 35 Pferden(!) haben!

Das war ein großes Volksfest am 18. September. Trotz aller angeratener Vorsicht waren sämtliche 300 Fahrbilletts schnell verkauft – nur um mal eilend durch den Wald nach Zehlendorf zu reisen und dann bald wieder zurück. In nur 22 Minuten war der Zauber einer Fahrt schon wieder zu Ende. „Adler“ und „Pegasus“ heißen die beiden dampfenden Maschinen. Der König Friedrich Wilhelm III. sieht diesem Transportmittel recht skeptisch entgegen, aber Kronprinz Friedrich Wilhelm ist begeistert und er soll emphatisch ausgerufen haben: „Diesen Karren hält kein Arm mehr auf“ – oder zumindest so ähnlich. Wie wahr!


Auch unser Sohn Carl hat inzwischen geheiratet. Seine Frau heißt auch Karoline, schreibt sich eben so modern mit „K“. (Das stört ein bisschen das gewünschte Monogramm mit Carl, dafür passt es aber ganz ausgezeichnet zu Keilbach und soll der Fortune ohnehin nicht im Wege steh'n). Karoline ist eine geborene Bürger. Und eine Bürgerin Potsdams sowieso. Schon in diesem Jahr bekamen sie ein Söhnchen, welches die Namen Wilhelm Emil erhielt. Die Zukunft wird jedoch wissen: Leider ist er zu schwach, so dass er nach einem knappen ¾ Jahr stirbt. (Sterberegister der Heiligengeistkirche Nr. 65 auf Blatt 229 / 1838). Es geht nicht alles wunschgerecht zu in dieser Welt.


1840

Kinder, wie die Zeit vergeht. Nun bin ich schon 57 Jahre alt und Caroline zählt 52 Jahre.

Am 07. Juni starb unser König (Friedrich Wilhelm III.) im Alter von 70 Jahren. Nun ist der bisherige Kronprinz Friedrich Wilhelm, der König Numero IV: Eigentlich will er lieber mit Schinkel über Kunst plaudern, als das Höfische bedienen, das Regieren ausleben – sagt man. –

Herr von Pückler-Muskau (welch ein Name) übernimmt das Weiterführen der Arbeiten von Peter Joseph Lenné am Babertsberg. Er soll ein exzentrischer Lebemann sein. Er fährt zum Vergnügen mit dem Ballon gar durch die Lüfte, hat viele Frauen – die ihm „zufliegen“ aber keine eigene, ständige. (Ich habe die eine Gute). Man sah ihn auch schon durch Berlin fahren, in einer weißen Kutsche, gezogen von vier weißen gezähmten Hirschen. Da darf man ja gespannt sein, was er wohl mit unserem landschaftlichen Grün vor hat.


1841

Die Borsigsche Maschinenfabrik liefert die erste eigene preußische Lokomotive. Obwohl ein Erstlingsstück, ist diese schon wesentlich leistungsfähiger, als die englischen Modelle es bieten konnten. Das bewies eine Wettstreitfahrt zwischen Berlin und Jüterbog. Wer hätte das denn wohl gedacht? Borsig! –

Am 09. Oktober starb Carl Friedrich Schinkel, im Königlichen Auftrag völlig überarbeitet und viel zu früh. Seine Denkmäler aber stehen im gesamten Lande.


1842

Unser Sohn Carl und Schwiegertochter Karoline wohnen inzwischen in der Französischen Straße 3, also dicht bei uns. –

In den Jahren 1842–44 wird neben dem Park Sanssouci ein gesonderter Wildpark gestaltet.

Mit den Pumpen, die nun von leistungskräftigen Dampfmaschinen angetrieben werden, ist ein 100 Jahre währender Königlicher Wunsch endlich erfüllt worden. Das Wasser der Großen Fontäne vor dem Schloss Sanssouci steigt scheinbar mühelos mehr als 113 Fuß hoch. Hätte das doch der kleinwüchsige Friedrich der Große noch miterleben dürfen.


1843

Ein großer, heller Kometenschweif ist jetzt Ende Februar / Anfang März deutlich am Nachthimmel erkennbar – eine Sensation. Wird er sich bald wieder aus der Erdnähe entfernen? Manch Gestriger munkelt, dass ein Komet Unglück bringt – na ja, wenn er diesem Pessimisten auf die Füße fallen würde, dann mag schon was Wahres dran sein.


1845

Unsere Kinder, Sohn Carl und Schwiegertochter Karoline bekamen nun ihr zweites Söhnchen. Der Paul aber stirbt ebenfalls zu früh. Nach vier Monaten seines kurzen Lebens. (Sterberegister Nikolaikirche, Nr. 168 auf Blatt 122 / 1845). –

Der König gibt Ludwig Persius (einem der besten Schüler Schinkels) den Auftrag, am Rande des Parks von Sanssouci eine neue Hofkirche, eine Basilika zu bauen. Auch bei Sacrow, unmittelbar am Gestade der Havel, entsteht die Heilandskirche mit einem einzeln stehenden Turm. Gerade dort wo es sumpfig ist, verzichtete man auf eine feste Verbindung mit dem Kirchenschiff. Wenn's nur gut geht. Die Garnisonkirche musste deshalb ja auch zweimal gebaut werden. Das übt. –

Das Palais Barberini am Markt, dem Schloße gegenüber, erhält zwei große Gebäude-Seitenflügel, die fast bis zur Havel hinunter reichen. –


1846

In Amerika wurde ein Mittel entwickelt und „Aether“ genannt, um Menschen vor chirurgischen Eingriffen ist einen künstlichen Schlaf zu versetzen, der die grausamen Schmerzen ertragbar machen soll. Da denke ich gleich wieder an die Entzündung des Wurmfortsatzes am Blinddarm im rechten Oberbauch und an die immer wieder grausamen Verletzungen der Soldaten. –

Der Arzt Ignaz Semmelweis fordert strikte Sauberkeit und Chlorwaschungen der Hände vor und nach jeder ärztlichen Behandlung am Patienten, um die Übertragung von Krankheiten, besonders auch in der Zeit des Kindbetts zurückzudrängen. Gute Erfolge scheinen ihm recht zu geben. –


1848

Potsdam ist im Revolutionsjahr in Aufruhr. Der junge Rechtsreferendar Max Dortu, einer der führenden Köpfe für neue Freiheiten und Gerechtigkeit, befindet sich auf der Flucht. Wie wahrscheinlich manch' anderer auch. Im Badischen soll die Revolution besonders um sich gegriffen haben. Ausgerechnet dort ist er hin.


1849

Wir wohnen von diesem Jahr an in der Friedrichstraße 2. Im Nebenhaus der Kinder. Schräg uns gegenüber, in der Friedrichstraße 17, steht die Unterkunft der Berliner Schauspieler, das ist das Ensemble des Königlichen National-Theaters von Berlin, welches hier an jedem Mittwoch wechselweise mit Schauspiel und Oper gastiert. Sehr schnell nannte damals der Volksmund dieses Haus „die Schauspielerkaserne“. Diese Wohnunterkunft der Schauspieler errichtete man 1796 aus den wiedergewonnenen Ziegeln der alten, abgebrannten Nikolaikirche. Verlassen die Schauspieler nach getaner Arbeit am Abend die „Canaloper“ zum Hinterausgang, so brauchen sie nur über den Hof gehen und können ihre Unterkunft, die „Schauspielerkaserne“ wiederum durch einen Hintereingang betreten.

Apropos Schauspiel und Theater – es lockt mich so recht, dort mitzutun. Nein, nein, nicht als darstellender Schauspieler. Potztausend! Warum aber eigentlich nicht auch das? Denken wir doch nur einmal an unser Vorbild Hans Sachs. Und die Geistesbildung. Und das Vergnügen.

Etwas später:

Das wird also neu für euch sein: Meine Tätigkeit habe ich verändern können. Nun bin ich ein Pantoffelmacher, der weiterhin des Tags mit gebeugtem Rücken und am Abend beim Funzel-Licht über der Arbeit sitzt, von dieser ausübenden Profession nicht mehr! Nein, im Alter konnte ich noch einmal wechseln, diente kurze Zeit als Nuntius. Inzwischen verrichte ich meinen Dienst im aufrechten Gang und im geziemenden Kleiderstaat. Nur Pantoffeln darf ich dazu nicht tragen. Mein Tun ist im Theater, im Schauspielhaus am Canal, das just vor reichlich 54 Jahren mit seinen Aufführungen begann. Es steht nur wenige Schritte entfernt von unserer Wohnung und ich bin dort ein angesehener Orchesterdiener und Theaterlogenschließer im abendlichen Lichterglanz geworden. Das bekommt mir recht gut, obschon es tatsächlich ein ganz andres Handwerk ist. Die Abende sind lang, dafür lege ich am Tage mal ein erquickendes Schläfchen ein.

Unser Sohn Carl ehrt nun nicht nur das Pantoffelmacherhandwerk, er ist inzwischen auch zusätzlich ein Schuhmachermeister, in der Charlottenstraße 54a, am Bassin, gegenüber der Gloriette, nahe der Französischen Kirche. Diese kleinere Kirche – ein imposanter Bau, einem Gebäude in Rom nachgestaltet.


Der große Baumeister Schinkel ist, wie ihr ja wisst, vor sieben Jahren gestorben. Seit 1837 hat das Königshaus wieder etwas Geld zusammengebracht, um sein Werk an der Nikolaikirche vollenden zu lassen. Die Baumeister Ludwig Persius und Andreas Stüler erhielten den Auftrag, das 1837 aufgesetzte Satteldach zu entfernen und die Schinkelsche Kuppel aufzusetzen. Dazu wurden dem Gebäude vier Ecktürme angegliedert, die das weitaus höhere Gewicht einer Kuppel aufnehmen und den Druck der Auflast in den Untergrundboden ableiten sollen. Diese Türme sind mit Cherubimen versehen, die das Gotteshaus mit einem ernstreinen und sanftklaren Blick bewachen. Hätte der große Meister das noch erleben können! Nach dieser Baumaßnahme fand am 24. März die zweite Weihe der Kirche statt. (Erster Actus siehe 1837). –

Die Nationalversammlung der Parlamentarier in der Frankfurter Paulskirche möchte unserem König sehr gern die Kaiserwürde antragen. Er lehnt aber schroff ab, weil eine Königswürde oder ein Kaisertum von Gottes Gnaden, nicht aber von des Volkes Wunsch und Einverständnis abhängig sei. Das Volk, die Untertanen, hätten keine Krone zu vergeben. Eine gute Chance – vertan ist sie. Der König löst die Nationalversammlung auf. Es bläst ein politisch kalter Wind, auf bürgerfreundliche Liberalität und Reformen hat man wohl vergeblich gehofft. –

Alexander von Humboldt, der Forscher ohne Rast und Ruh', ist in das ehrenvolle Amt eines Kammerherrn mit der Aufgabe als Königlicher Vorleser berufen worden. Für ihn ist das eine bedrückende Bürde. Er sieht seine wertvolle Zeit schwinden. Fühlt sich eher wie ein Gefangener im goldenen Käfig. Wider Willen lebt er eine Zeit im Stadtschloß am Markt, sieht zum Faulen See hinüber. Seine Wohnung im Schloß ist nur wenige Schritte vom Geburtshaus seines Bruders Wilhelm (Am Neuen Markt 1 / Schwertfegerstraße 8) entfernt.


1850

In unserer Heimatstadt Potsdam wird zwischen der Glienicker Brücke und dem neu erstandenen Wildpark eine Pferdeomnibusstrecke eingerichtet. –

Mit dem Bau der großen Orangerie, einer 1.047 Fuß (330 m) langen Königsvilla, wird an der Maulbeerallee begonnen. –

Im November gibt es für das Bezahlen der Beförderungsgebühr leichter Postsachen erstmals in Preußen so genannte „Briefmarken“. Man braucht somit nicht mehr jede Briefsendung persönlich im Postamt einliefern, sondern kauft auf Vorrat solche bunten Bildchen, klebt eins davon auf den beschriebenen, gefalteten und verklebten Bogen. Nun steckt man die Sache irgendwann nach Belieben in einen der Holzkästen, die in den Straßen hängen. Die bunten Marken zeigen das Porträt unseres jetzigen Königs. –


1851

Von diesem Jahr an zieht die Mode ein, zum Advent die Schaufenster der Geschäfte weihnachtlich zu schmücken. Das kann sich zu einem schönen Brauch festigen. –

In den preußischen Kirchen wird ein sonntäglicher Kindergottesdienst eingeführt. –

Die Fröbelschen Kindergärten, in denen man spielt, lernt und gut aufbewahrt ist, werden jedoch von der Obrigkeit wieder verboten. Hier werden Quellen von Freigeist vermutet. –


1853

Der Rechtsreferendar und Schriftsteller Theodor Storm aus der weißen Stadt Husum am grauen Meer, lebt jetzt für drei Jahre in Potsdam. –

Auf dem Babertsberg errichtet man einen Turm für Arbeit, Erholung und gute Aussicht. „Flatow-Turm“ wird er genannt, weil viele der hellen gebrannten Ziegel aus den prinzlichen westpreußischen Gütern Flatow und Krojanke kommen. Extra von den armen Pferden, also von dort bis hierher nach Nowawes gekarrt – obwohl wir doch auch in der Nähe über reiche Tonvorkommen verfügen. Versteh' es, wer will. Ich kann's nimmer. Oder kam doch nur das Geld von dort her? Der König legt ja nicht vor uns offen, aus welcher Schatulle er gerade ...


1856

Eine rege Tätigkeit für das Seelenheil. Es wird mit dem Bau einer weiteren Kirche begonnen, diesmal in Bornim. –

Etwas recht Praktisches wurde erfunden: Eine Sohlennähmaschine, die die schwere Handarbeit der Schuhmacher erleichtert. Wer hätte je gedacht, daß das geht – die Idee hätte auch von mir sein können. – war aber leider nicht so.


1857

Mein Abschied naht. Mein Abschied von euch, von der körperlichen Welt.

Ich sterbe am 19. März 1857 im 74-sten Lebensjahr im Hause Friedrichstraße 2, mit dem Blick zu meiner letzten Wirkungsstätte, der freudvollen, quirligen Canaloper, wo ich noch einige Jahre im Alter als Orchesterdiener wirken durfte. Ich hinterlasse Caroline, die jetzt 69 Lenze durchlebt hat und die drei großen Kinder mit ihren Familien. Trotz mancherlei Schwierigkeiten und Querschläge im Leben, habe ich meinen Frieden mit Gott schließen können und empfehle alle meine zurückbleibenden Lieben in die Obhut seiner Hände.


Nachsatz. Das brauchte Gottfried Keilbach nicht mehr erleben: Am Ende des Zweiten Weltkrieges, 1945, wurde seine Wirkungsstätte, das Schauspielhaus Am Canal, von der Artillerie heftig beschossen. 1795 errichtet, brannte es 1945 völlig aus und die Ruine wurde 1966 abgerissen.


––––––––––––––––––––


Notiz im Polizeilichen Melderegister der Residenzstadt Potsdam zum Hause Friedrichstraße 2:


  1. Orchesterdiener

    Keilbach, Gottfried, geboren in Burg am 01. Mai 1785, evangelisch,

    ist am 19. März 1857 gestorben.


  1. Caroline, geb. Grotkoch, geboren in Potsdam am 06. April 1788, evangelisch,

    zieht am 02. Juli 1862 in die Tuchmacherstraße Numero 25.


  1. Enkelin Sommer, Auguste, geboren in Potsdam, am 10. Dezember 1843,

    (zwar angemeldet, hat hier nicht dauerhaft gewohnt), lebt in der Grünstraße 9.


Anmerkung von Chris Janecke:

zu 2.: Caroline Großkopfs Name wird hier verändert, mit niederdeutschem Anklang verfremdet.


Zu 3.: Leider ist in der Meldeakte nicht ausgewiesen, wann Auguste Sommer bei ihren Großeltern angemeldet wurde.

In der Grünstraße 9 wohnen vom 27. März 1856 bis zum 02. April 1857 Augustes Eltern mit ihren Kindern. Auguste ist im Jahre 1857 14 Jahre alt.


1858

Fast hätte unser gemeinsames Leben noch mit dem goldenen 50. Hochzeitstag gekrönt werden können aber Gottfried musste schon etwas früher gehen“, seufzt Caroline.

Nun aber führe ich, Caroline, den Bericht für die kurze, noch verbleibende Zeit weiter!


1859

Das „Rote Rathaus“ wird an der Berliner Spree errichtet.


1860

Die Sommervilla für unseren König wird fertig und „Schloss Lindstedt“ benannt. Das Prachthaus steht zwischen Eiche und Bornstedt am Walde, unweit von Sanssouci. –

In der Residenzstadt Potsdam bestehen inzwischen zwei große Betriebe mit jeweils mehr als 200 Personen Belegschaft. Es sind dies: die Zuckersiederei Jacobs am Blücherplatz und in der Alten Königsstraße die Eisenbahnwerkstätten.


1861

Der König ist tot – es lebe der König! Am 02. Januar ist Friedrich Wilhelm IV. nach langer Krankheit verschieden. Sein jüngerer Bruder Wilhelm, der durch sein Auftreten und seine Kartätschen-Befehlsgewalt vom '48er Jahr noch in deutlich schlechter Erinnerung ist, versieht ja schon seit zwei Jahren das Amt des Regenten – nun ist der Herr von Schloss Babelsberg unser neuer König.

Potsdam hat jetzt 41.800 Einwohner.


1862

Ab Juli“, so erläutert uns unsere 74 jährige Witwe Caroline Keilbach, „wohne ich nicht mehr allein in der Friedrichstraße 2, sondern bei unserer Ältesten, Caroline und ihrem Mann, dem Friedrich Sommer, sowie ihren Kindern, gleich um die Ecke in der Tuchmacherstraße 25.

Der Wohnaufenthalt ist hier aber nicht von langer Dauer, denn am 08. November 1862 gehe auch ich aus dem Leben und trete in die Ewigkeit ein, reichliche fünfeinhalb Jahre nach Gottfried.

Ich wünsche mir sehr, dass unsere Nachkommen das Andenken an uns bewahren.“



Wir glauben an ein Leben der Seelen nach dem Tode.

Wie gut, dass uns diese Zuversicht geschenkt ist.




Nachtrag: Hier sehen wir die Sterbeanzeige zum 3. „Kind“ der Familie Keilbach:



( Sinngemäße Abschrift) C


Sterbe-Anzeige und Eintrag Nr. 303 / 1898


des Standesamtes in Nowawes

_________________________________________________________________________


Nowawes, am 15. Dezember 1898


Vor dem unterzeichneten Standesbeamten erschien heute,


der Persönlichkeit nach bekannt, der Pförtner Carl Specht


wohnhaft zu Nowawes im Oberlinhause


und zeigte an, daß die unverheiratete


Wirtschafterin Charlotte Wilhelmine Keilbach


85 Jahre, 6 Monate alt, evangelischer Religion,


wohnhaft zu Nowawes im Oberlinhause


geboren zu Potsdam,

Tochter des Schuhmachermeisters Gottfried Joseph Keilbach

und dessen Ehefrau Caroline, geborene Großkopf,

beide zu Potsdam verstorben,

zu Nowawes im Oberlinhause (Lindenstraße)

am 14. Dezember 1898, nachmittags um 1¾ Uhr verstorben sei und dass er die Anzeige aus eigener Wissenschaft mache.


Vorgelesen, genehmigt und unterschrieben


gez. Carl Specht


Der Standesbeamte


In Vertretung gez. Fechner




Randbemerkung: Geboren in Potsdam am 03. Juni 1813, Herzlähmung.


Quelle: Stadtarchiv Potsdam, Film P 313, Seite 306 Sinngemäße Abschrift: Chris Janecke



Ein Nachwort.


Potsdam, am 14. Juli 2008


Meine lieben Potsdamer Keilbach-Vorfahren, Gottfried und Caroline!


Wie Ihr ja wisst, wurde die 2. prächtige, barocke Hof- und Garnisonkirche zu Potsdam in den Jahren 1730 bis 1735 erbaut.

Diese Kirche brannte nach dem Bombardement in der Nacht vom 14. zum 15. April 1945 aus, nachdem der Zweite Weltkrieg, der von Deutschland ausging, in unser Land zurückgekehrt war.

Nach dem Verlust von Substanz der Kirche, wurde im Juni 1968 auch der äußerst massiv gebaute Turmstumpf gesprengt, „um damit die Reste des preußischen Militarismus zu beseitigen“.

Vierzig Jahre sind seither vergangen. Die Verhältnisse in Politik und Wirtschaft haben sich inzwischen stark verändert.

Im Sommer des Jahres 2008 sind die Pläne für einen späteren Wiederaufbau von Kirchenschiff und Turm gereift. Heute nun gravierte ich als Euer Nachkomme Euren guten Familien-Namen „Keilbach“, verbunden mit einer kleinen Geldspende, in einen handgestrichenen, noch ungebrannten und somit weichen Glindower Tonquader. Dieser wird nach dem Brennen, als belastbarer Ziegel, als ein kleines mittragendes Element in die Wand des Turmes der wiederaufzubauenden Kirche eingearbeitet. So wird dieser Ziegel eine hoffentlich Jahrhunderte währende Erinnerung an Euch sein, wenn auch still und äußerlich unsichtbar.

Ihr seid mit Eurer Heimatstadt Potsdam, Ihr bleibt mit Eurer Familie verbunden.

Ich denke an Euch, die Ihr vor etwa 220 Jahren auf diese Erde kamt und sie nach Eurer Lebenszeit vor rund 150 Jahren dann wieder verließet.


Es grüßt Euch Euer Nachkomme Chris Janecke.



- momentanes Ende -



Zufallsfunde, die Potsdamer Großkopf-Sippe betreffend


Kinder der Eltern:

Arbeiter Friedrich Wilhelm Großkopf oo Maria Auguste Hoffmann

Emil Albert Großkopf

Gestorben in Potsdam am 01. Juni 1885, nachmittags viereinhalb Uhr. Brandenburger Straße 51.

Quelle: StA Potsdam C 644 / 1885, Seite 330 auf Film P 105.

Louise Pauline Martha

Großkopf

Gestorben in Potsdam am 30. August 1877, vormittags elfeinhalb Uhr. Gärtnerstraße 21.

Quelle: StA Potsdam, C 814 / 1877 Seite 422 auf Film P 097.

Paul August Großkopf

Geboren in Potsdam am 01. August 1878.

Gestorben in Potsdam am 15. August 1878, vormittags um zweieinhalb Uhr. 14 Tage alt.

Quelle: StA Potsdam, C 692 / 1878, Seite 357 auf Film P 098.

Paul Albert Großkopf

Gestorben in Potsdam am 03. Mai 1880, vormittags um acht drei viertel Uhr, 4 Monate alt. Siefertstraße 11.

StA Potsdam, C 376 / 1880 auf Film P 100.