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Einige Notizen zur Lebenszeit des

Johann Friedrich Gericke

Schiffer in Potsdam und Fischermeister auf dem Griebnitzsee

in Klein Glienicke bei Nowawes

sowie seiner Ehefrau

Maria Louise Paul,

ihren Kindern und angeheirateten Partnern mit den Namen:

Döbberlin, Heinold und Janicke

in der Zeit zwischen 1800 und 1905


Ein Beitrag zur Familienforschung und Heimatgeschichte


Die hier genannten Personen gehören zu den Vorfahren des Autors.

Autor und Kontaktpartner für Fragen, Meinungen oder Ergänzungen: Chris Janecke,


E-Mail: christoph@janecke.name


Bearbeitungsstand: Oktober 2016




Gib du den Menschen fröhlich klare Worte.

Ein gutes Herz kommt nie verkehrt.

Denn manches Ohr ist eines Herzens Pforte,

und manches Herz ist einer Liebe wert.


Verfasser unbekannt







Das Ehepaar = Die Eltern = Die Probanden

Johann Friedrich Gericke oo Maria Louise Paul





Vater:



Mutter:



Name:




Gericke


Paul


Vornamen:



Johann Friedrich


Maria Louise



Deren Eltern:

(Groß-eltern)



Die Väter:


Johann Andreas Gericke, Branntwein-Brauer in Potsdam.

† vor 1813.



Johann Friedrich Paul,

Böttchermeister in Werder an der Havel. † vor 1808.

Die Mütter

Im KB beim Traueintrag des Sohnes nicht erwähnt.


Im KB beim Traueintrag der Tochter nicht erwähnt.


Geburt:




vermutlich in Potsdam,

im Jahre 1786


vermutlich in Werder,

im Jahre 1789.

(Sie ist die 3. Tochter, ihrer Eltern).


ihre Schwester Maria Dorothea Paul, war als 2.Tochter 1783 geboren, oo KB Heiligengeist 11/1808 den Fischer Johann David Ernst Weil, 1767 bis 1838). M. Dorothea † 29/1848.

Taufe:






Beruf/Stand oder Gewerbe:




1813: Schiffer in Potsdam

etwa 1828/29: Fischerei-Gehülfe

etwa um/ab 1831 Fischermeister

in Klein Glienicke



Hausfrau und Mutter von zehn Kindern.


erst in Potsdam,

später

in Klein Glienicke

Wohnanschriften vor der Ehe:





Trauung:

(evangel.-lutherisch)



Potsdam, Heiligengeist-Kirche, evang.-lutherisch, am 24. Januar 1813. Der Bräutigam Johann Friedrich Gericke, ein Schiffer, Junggeselle, 26 Jahre alt, ist der nachgelassene Sohn des verewigten Branntwein-Brauers Johann Andreas Gericke. (Die Mutter ist nicht erwähnt).

Die Braut ist Maria Louise Paul, Jungfrau, 23 Jahre alt. Sie ist

die eheliche dritteTochter des gewesenen Böttcher-Meisters Johann Friedrich Paul zu Werder an der Havel. (Die Mutter ist nicht erwähnt).


KB Nr. 2 / 1813. Zentral-Archiv Berlin Microfiche-Gruppe 24708, Folie 6

Wohnanschriften, gemeinsame:


ab 1813: Potsdam, Burgstraße _,

ab 1827/28: Potsdam, Packhofstraße _.

um 1830: Potsdam, Burgstraße _.


(1832 erwähnt) Klein Glienicke.

(Es ist ein Wassergrundstück an der heutigen Griebnitzstraße).


Tod / Gestorben:

Bestattet:














Die Kinder der Eltern

Johann Friedrich Gericke oo Maria Louise Paul


Nr.

Familienname:

Gericke

Lebensdaten der Kinder


1


Maria Louise


oo vor 1839, Microfiche-Gruppe 24710


Heinrich August Janicke,

Schuhmacher-Geselle.





Geboren in Potsdam, Burgstraße _ am 13. November 1813, abends um 6 Uhr. Taufe am 21. November 1813. Die Paten:

1. Herr Rietz jun., 2. Herr Paul, 3. Frau Weil (eine geb. Paul, Dorothea Maria, möglicher Weise die ältere Schwester der Kindesmutter Maria Louise).


KB Heiligengeist, ev.-luth. 55/1813. Zentral-Archiv Berlin, Microfiche-Gruppe 24708/F2.


Das Paar Janicke oo Gericke wohnt An der Hl.-Geist-Kirche No. 3 und hat u.a. Kinder 1840, 1841, 1843.



2


Caroline Friederike


oo Nr. 11 / 1838




Geboren in Potsdam, Burgstraße _ am 27. September 1815, früh, 3 Uhr. Taufe am 01. Oktober 1815. Die Paten: 1. Herr Rietz, 2. Jungfrau Altmann, 3. Mos. Vetter, 4. Jungfrau Paul.


KB Heiligengeist, evang.-luth. 41/1815. Zentral-Archiv Berlin, Microfiche-Gruppe 24708/F2.



3



Johann Friedrich


Geboren in Potsdam, "Berliner Vorstadt", am 14. November 1817, nachmittags um 5 Uhr. Taufe am 23. November. Die Paten:

1. Herr Brauer Hohne, 2. Frau Ebel, 3. Fischer Christian Vetter,

4. Fischer Daniel Vetter, 5. Böttcher-Meister Zander.


KB Heiligengeist, evang.-luther. No 6/1817. Zentral-Archiv Berlin, Microfiche-Gruppe 24708/F2.



4.


Augustine Wilhelmine


oo vor 1841


Friedrich August Döbbelin


Geboren in Potsdam, Burgstraße _, am 18. Juni 1820 um 12 Uhr des nachts. Taufe am 25. Juni 1820. Die Paten sind:

Frau Weil, geb. Paul, 2. Frau Pfeifer, 3. Herr Fischer-Meister Rietz, 4 Herr Wagner, Hutmacher-Meister.


KB Heiligengeist, evang.-luther. 32/1820. Zentral-Archiv Berlin, Microfiche-Gruppe 24708/F2.

Sie wird Friedrich August Döbbelin heiraten und mit ihm vorerst in der Burgstraße 17 leben.



5.


Carl Friedrich


oo um/vor 1840

in Microfiche-Gr. 24710.


Christiane Wilhelmine Heinhold


Geboren in Potsdam, Burgstraße _, am 26. Juni 1822, mittags um 12 Uhr. Taufe am 07. Juli 1822. Die Taufpaten sind:

1. Herr Daniel Vetter, Bürger und Fischer,

2. Herr Höhne/Höne, Brau-Eigner hierselbst, 3. Frau (des Feldwebels) Heinz. 4. Frau Döno, 5. Frau Rietz.

Carl Friedrich erlernt den Beruf eines Bäckers und heiratet um/vor 1840.


KB Heiligengeist 36/1822. Zentral-Archiv Berlin, Microfiche-Gruppe 24708/F2.



6


Julie Amalie


Geboren in Potsdam, Burgstraße _, am 22. März 1824.

Taufe am 04. April 1824. Die Kindsgevattern sind:

1. Frau Fischer Rietz, 2. Frau Fischer Liebig, 3. Jungfrau Ebel,

4. Herr Strube, 5. Herr Pfeifer.


KB Heiligengeist, evang.-luther. 26/1824. Zentral-Archiv Berlin, Microfiche-Gruppe 24708/F3.



7


Wilhelm Albert


Geboren in Potsdam, Burgstraße _ am 07. Oktober 1826.

Taufe am 15. Oktober 1826. Die Paten sind:

1. Frau Ebel, 2. Frau Liebig, 3. Madame Schmolling,

4. Herr Braueigner Hohne, 5. Herr Julius Vetter.


KB Heiligengeist, evang.-luther. 46/1826. Zentral-Archiv Berlin, Microfiche-Gruppe 24708/F3.



8


Johann August


Geboren in Potsdam, Packhofstraße _ am 26. August 1828.

Taufe am 07. September. Die Gevattern sind.

1. Gastwirt Herr Bandow, 2. Herr Vetter, jun.,

3. Bürger und Fischer Rietz, 4. Madame Wagener,

5. Madame Post.


KB Heiligengeist, evang.-luther. 53/1828. Zentral-Archiv Berlin, Microfiche-Gruppe 24708/F4.



9


Christian Julius


Geboren in Potsdam, (wieder in der) Burgstraße_ , am 13. Januar 1830, vormittags um 9 Uhr. Taufe am 31. Januar 1830.

Die Kinds-Taufpaten sind: 1. Herr Braueigner Höhne,

2. Herr Christian Vetter, 3. Gymnasiast Herr Lüdicke,

4. Frau Rietz, 5. Madame Sandner.


KB Heiligengeist, evang.-luther. 5/1830. Zentral-Archiv Berlin, Microfiche-Gruppe 24708/F4.




Etwa 1830/1831 zog die Familie von der Potsdamer Burgstraße in das nicht weit entfernte Klein Glienicke. Dort wurde das letzte Kind geboren.


Anmerkungen zur Suche und zum prinzipiellen Auffinden von Personen in Klein Glienicke:

Die kirchlichen Handlungen für Klein Glienicke sind in dieser Zeit (1800 bis 1836) im Kirchenbuch der St. Nikolaikirche zu Potsdam dokumentiert. Vor den Eintragungen der kirchlichen Handlungen für die Gemeindeglieder eines jeden Jahres in der Stadt Potsdam, wurde jeweils ein Blatt “Klein Glienicke” eingerichtet.

Ab 1837 befinden sich die Eintragungen von Klein Glienicke und Nikolskoe dann im Kirchenbuch Stolpe (dem späteren Berlin-Wannsee).



10.


August Julius Gericke


oo


I. Ehe mit

Charlotte Friederike Zinnow


Fünf Jahre nach deren Ableben:


II. Ehe mit

Auguste Wilhelmine Kreutz,

verwitwete Schwabel




Geboren in Klein Glienicke am 04. Februar 1832, am Abend um 10 Uhr. Taufe am 19. Februar 1832. Die Paten waren:

1. Herr Kirk oder Kirtz,

2. Frau Wagner,

3. Jungfrau Weigel.

Taufe durch Oberpfarrer Ebert von der Nikolaikirche zu Potsdam. Kirchenbuch-Signatur ELAB: 24650, Reg.-No. Nr. 4/1832.


(100 Jahre später treten die Namen Gericke, Kirk, Wagner und Weigel in Klein Glienicke überhaupt nicht mehr auf).


August erlernt den Beruf eines Zimmermanns. Nach einem schweren Arbeitsunfall am Flatowturm wird er Tischlermeister.

Nach erster Eheschließung am 09. 04.1855 wohnt er in Nowawes, Priesterstraße Parzelle 60 (spätere Priesterstr. 18) / dann Priesterstraße 7 (heute Nr. 12) Priesterstraße 8 (spätere Nr. 13) / Priesterstr. 19 (heute Nr. 24). Er heiratet Charlotte Friederike Zinnow (* 24. 09. 1830 26. 02. 1883)


Die 2. Ehe schließt August am 13. Januar 1888 mit Auguste Wilhelmine Kreutz, verwitwete Schwabel/(Schnabel).

(* 01. 08. 1839 – † 19. 11. 1895).


Das Leben von August Julius Gericke endet am 19. Juli 1905.



-


Dieses vorgenannte Kind ist das letzte des Ehepaares Gericke oo Paul. Die Mutter Maria Louise ist bei dieser letzten Geburt 43 Jahre alt.

Vermutlich sind von den zehn Kindern, zwei der männlichen früh gestorben, da später "acht Kinder" erwähnt werden.


100 Jahre später tritt der Name GERICKE in Klein Glienicke überhaupt nicht mehr auf.



Überliefert ist uns dazu:


1846

August Julius Gericke, das zehnte und letzte Kind, hatte ursprünglich die fünf Brüder: Johann Friedrich, Carl Friedrich, Wilhelm Albert, Johann August, und Christian Julius. Zwei von ihnen werden als Kleinkinder gestorben sein (wer, ist uns momentan noch unbekannt). Während die drei älteren Brüder des August bei ihrem Vater in Klein Glienicke Fischer geworden sind, gemeinsam den Griebnitzsee bewirtschaften, beginnt für August ab 1846, nach der Konfirmation, die Zimmermannslehre bei Meister Wilhelm Kneib in Potsdam, Luisenplatz 2.

Jener Lehrherr ist Zimmermeister, Gewerke-Ältester, Stadtverordneter, Mitglied der Prüfungskommission für Bauhandwerker und Bau-Deputierter sowie Eigentümer des Hauses Potsdam, Luisenplatz 2.

Nach dem Ende der Lehrzeit und verschiedenen Arbeitsplätzen, beginnt August vor 1855 in Potsdam bei Zimmermeister C. Dosse, in Potsdam, Leipziger Straße 3, als Geselle zu arbeiten.

Dieser Arbeitgeber ist Raths-Zimmermeister, Armendeputirter und Gerichts-Taxator. Er ist auch Eigentümer des Hauses Leipziger Straße 3 (Besucher sind bis 8½ Uhr morgens willkommen).

1855

Am 09. April 1855 heiratet August Gericke die Charlotte Friederike Zinnow aus dem nahegelegenen Dorf Stolpe. August ist 23 Jahre alt und Friederike 24 Jahre jung.

Der Zimmereibetrieb „Dosse“ ist unter anderem auch am Bau des königlichen Flatowturms im Schlosspark Babelsberg beteiligt. An diesem Bauwerk arbeitet auch der Zimmergeselle August Gericke. Am 22. Oktober 1855 kommt es auf dieser Baustelle zu einem schweren Unfall. Wegen des Missverständnisses eines Lehrlings, statt auftragsgemäß eine Bauklammer festzuschlagen, löst er diese vollends. Dadurch ist nun eine Rüstbohle einseitig ohne Befestigung und der 23jährige August Gericke stürzt innerhalb des Turmes von der Rüstung bis zur untersten Etage hinab. August überlebt diesen Sturz mit schweren Wunden, Arm-, Bein- und Rippenbrüchen – und alle Kollegen, die Handwerkerfrauen, die gerade gegen 12 Uhr das Mittagessen für ihre Männer auf die Baustelle bringen, müssen den Unfall bzw. sein Ergebnis mit ansehen, unter ihnen auch Friederike Gericke, geb. Zinnow, die mit August ja gerade ein halbes Jahr verheiratet ist und von dem sie ihr erstes Kind unter ihrem Herzen trägt. Helfer bringen August, wie es schien, mehr tot, denn lebendig, auf einer schnell gezimmerten, provisorischen Trage mit dem Fährkahn vom Havelhaus hinüber nach Potsdam an's Ufer der Neuen Königstraße und tragen ihn von dort zur Eisenhartschen Heilanstalt in der Behlertstraße 10. Der Wundarzt Dr. J. Wenkebach (er wohnt in der Königsstraße 67 und ist vor allem im Armenhause und als Geburtshelfer tätig), behandelt den August langzeitig fürsorglich und umsichtig, so dass dieser rund ein Jahr später, aber mit bleibenden Einschränkungen, als weitmöglich wiederhergestellt gelten kann.

Jedoch mag niemand dem Gehandicapten, dem für verschiedene Zimmereraufgaben nicht mehr Einsetzbaren, eine Anstellung bieten.

Auf dem Bau kann er als Zimmermann nicht mehr arbeiten, in einer Werkstatt für Holzbearbeitung würde ihm eine Tätigkeit jedoch möglich sein. Eine Darlegung seiner Not, seines Problems und Anliegens beim Prinzregenten und späterem Kaiser Wilhelm (dessen älterer Bruder, König Friedrich Wilhelm IV ist ja nach Schlaganfällen bereits dauerhaft erkrankt), erbrachte wohl 5 Taler Abfindung für den erlittenen Unfall und dessen Arbeitseinschränkungen, so dass man nicht von einer tatsächlichen Besserung seiner Notlage sprechen kann.

1857

Zu jener Zeit lebt August mit seiner jungen Familie in dem Wohnraum am rechten Ende des Hauses seiner Schwiegereltern Zinnow / Rohde in der Priesterstraße 18. (Heute: Karl-Liebknecht-Straße 23). Auf diesem Grundstück fertigt er notgedrungen, „als Pfuscherarbeit“, also ohne Genehmigung, einige Tischlerarbeiten wie Fenster und Fensterläden in guter Qualität, um überleben zu können. Einige Tischler bringen diese illegalen Arbeiten jedoch zur Anzeige, die der Polizeikommissarius Kiekebusch zu untersuchen hat. Als niedrige Strafe ergibt sich die Forderung des Zahlens von 30 Thalern oder ersatzweise einer Woche Arrest. 30 Thlr. besitzt August aber nicht, so dass er die Arrest-Strafe in der Potsdamer Breiten Straße, am Neustädter Thor, verbüßt.

Die finanzielle Not und das berufliche Interesse bewegen ihn dazu, in einer verkürzten Lehrzeit bei Tischlermeister Linge in der nahen Friedrichstraße (heute Garnstraße) auch noch den Tischlerberuf zu erlernen, um dann bald offiziell als Meister des Gewerbes Tischlerarbeiten ausführen zu dürfen.


1860

Das 5achsige Kolonistenhaus seiner Schwiegereltern wird daraufhin erweitert, um ihm mehr Platz zu bieten. In diesem Hause Priesterstraße 18, in dem schon seine Zinnow-Ehefrau und ihre Geschwister wohnten, gründete er am 01. April 1860 seine kleine Tischlerwerkstatt. Die Anteilnahme der Nowaweser an seinem bewältigten Schicksal und der Zuspruch zu seiner

doppelberuflichen Handwerkskunst ist derart groß, dass er, der selbst keine Anstellung gefunden hatte, gleich nach der Werkstatteröffnung zwei Gesellen beschäftigen kann.


1862

Der Regierungsrat August Wichgraf setzt sich dafür ein, dass die Nowaweser Weber breitere Webstühle erhalten, damit sie nicht nur baumwollene Webwaren, wie z. B. Betttücher fertigen können, sondern beispielsweise auch breitere Kleidungsstoffe. Etwa 50 Stück, die Hälfte der benötigten neuen Webstühle, baut August Gericke. Daneben fertigt er aber auch Hausbauteile (Fenster, Türen usw.), Möbel und auch Särge.


1864 / 1865

Zur Hochzeit seiner jüngeren Schwägerin Auguste Zinnow, die von nun an Sotscheck heißen wird, baut er als Geschenk einen Kleiderschrank, der nach Fertigstellung und Hochzeit in der Sotscheck-Lehrerwohnung in Liebätz, bei Luckenwalde an der Nuthe, steht.

(Anmerkung von Chris Janecke: Nach dem Ableben der 'Guste Sotscheck im Jahre 1914, steht dieser Schrank bei Familie Bauer (also bei Augustes Tochter Marie). Bis nach 1983 wird dieses Möbelstück dann bei Augustes Enkel, Dr. Wernher Bauer (Sohn von Marie) in Rangsdorf stehen. Dieser Gericke-Schrank von 1864 wird also auch 120 Jahre später genutzt und ist Chris J. noch gut bekannt).


1877

Die im Allgemeinen gute Auftragslage und das erweiterte Sortiment an gefertigten Waren, sprengt bald die Möglichkeiten in dem kleinen Haus der Priesterstraße 18. Daher wird mehr Raum, ein eigenes Werkstattgebäude erforderlich, zu dessen Errichtung Maurermeister Wilhelm Franke, sen. den Auftrag bekommt. Noch im gleichen Jahr, am 11. September, 1877 kann die neue Werkstatt im Hof / Garten des vormals gemeinsamen Grundstücks der Zinnow Schwiegereltern, Parzelle 60 (inzwischen Priesterstraße 19, heute Karl-Liebknecht-Straße 24), eingeweiht werden.




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Abschrift

- Ein Artikel in der „Potsdamer Tageszeitung“ vom 30. März 1935 -

Eines Handwerkers wechselvolles Lebensschicksal

Heimatgeschichte aus dem Munde eines Nowaweser Meisters



Am 1. April (1935) kann die bekannte Möbelwerkstätte Otto Gericke in der Priesterstraße (18/19) auf ein 75jähriges Bestehen zurückblicken. Das Unternehmen, das aus kleinsten Anfängen und unter den bescheidensten Verhältnissen hervorgegangen, sich im Wandel der Zeiten und Menschen durch gute und böse Zeiten behauptet hat, verkörpert ein Stück Heimatgeschichte.

Der Gründer, Tischlermeister August Gericke, wurde als jüngstes und achtes Kind am 4. Februar 1832 zu Klein Glienicke als Sohn des Fischermeisters Wilhelm Gericke geboren. (Anmerkung von Chris Janecke: Der Vater hieß nicht Wilhelm, sondern Johann Friedrich Gericke. August war das zehnte geborene Kind, zwei der männlichen Kinder waren gestorben). In dem väterlichen Fischereigrundstück auf der rechten Seite der heutigen, mit Villen bestandenen Griebnitzstraße gelegen, wuchs er an den Ufern des Sees bei frischer Luft und strenger Erziehung auf. Seine älteren Brüder erlernten das Fischerhandwerk und halfen dem Vater bei der Ausbeute des Sees, den er allein in Pacht hatte, unter anderem mit der Verpflichtung, die Versorgung der damals vom König auf der Pfaueninsel gehaltenen Tiere mit Futterfischen zu versehen. Nach seiner Konfirmation erlernte er bei Meister Kneib in Potsdam das Zimmerhandwerk. Nach beendeter Lehrzeit und wechselnden Arbeitsplätzen trat er dann wieder beim Zimmermeister Dosse in Arbeit. Dosse hatte die Zimmerarbeiten zu dem 1855 im Bau befindlichen Flatowturm auf dem Babelsberg übernommen, bei dem (August) Gericke auch beschäftigt war.

Da nahte für ihn der Unglücks- und Schicksalstag, der 22. Oktober 1855 heran, beim Ausschalen des rechten der vier Ecktürmchen. Es war mittags 12 Uhr, die Frauen der am Bau beschäftigten Leute standen am Turm mit dem Mittagessen, darunter auch seine junge Frau, die sich in baldiger Erwartung ihres ersten Sprößlings, des jetzigen 80jährigen Meisters Otto Gericke, befand.

Gericke sagte zu dem unter ihm stehenden Lehrling, er möge die Klammer festschlagen, die ein Brett trug, was ihm beim Abstieg hinderte. Statt dessen schlug der Junge die Klammer los, die das Brett hielt, worauf Gericke stand und so stürzte der Unglückliche von Rüstung zu Rüstung innerhalb des 96 Fuß hohen Turmes bis zur untersten Etage. Mit schweren Wunden, Arm-, Bein- und Rippenbrüchen brachte man ihn, der dem Ableben sehr nahe war, mit einem Kahn über die Havel zur Eisenhartschen Heilanstalt.

Mit Gottes Beistand unter der umsichtigen Behandlung des damaligen Dr. Wenkebach gelang, wenn auch sehr langsam, der Genesungsprozess. 1856 wieder hergestellt, suchte er bei seinen Meistern wieder nach Arbeit nach, jedoch erfolglos; niemand wollte den Verunglückten, der über seine Glieder nicht voll verfügen konnte, in Arbeit nehmen. Unfallkassen und Sozialeinrichtungen, die ihn versorgen müßten, gab es nicht; auch eine Audienz beim Prinzregenten, dem nachmaligen Kaiser Wilhelm auf Schloß Babelsberg, brachte keine Besserung seiner Notlage.

In dieser trostlosen Lage ließen sich Hausbesitzer und gute Freunde seines Schwiegervaters, des Landwirts Wilhelm Zinnow, Priesterstraße 18, in dessen Häuschen er eine Giebelwohnung innehatte, einige Fenster und Fensterläden von ihm anfertigen, die er dank seiner Geschicklichkeit auch herstellen konnte. In der kleinen Gemeinde wurde es jedoch bald ruchbar, (der Zimmermann) Gericke führe Tischlerarbeiten aus. Einige „Kollegen“ brachten ihn zur Anzeige und eine Vorladung des damaligen Polizeikommissars Kiekebusch war die Folge. Er erhielt die niedrigste Strafe: 30 Taler oder eine Woche Arrest.

Da keine Mittel vorhanden waren, büßte er letzteren am Neustädter Tor in Potsdam ab. Der Beamte aber setzte dem Urteil die tröstenden Worte hinzu: Der Gott, der Sie beim Sturz von dem hohen Flatowturm erhalten hat, der wird Ihnen auch weiter beistehen. Lernen Sie doch noch Tischler und dann zeigen Sie den Herrschaften, was eine Harke ist! Diese Worte hatten nachhaltige Wirkung.

Er erlernte bei Tischlermeister Linge in der Friedrichstraße das Tischlerhandwerk und unterzog sich auch der Gesellen- und Meisterprüfung. In einer Unterwohnung im Hause seines Schwiegervaters wurde eine kleine Werkstatt eingerichtet und die Anteilnahme der Nowaweser Einwohner, hervorgerufen durch die bitter durchlebte Zeit, brachte ihm soviel Arbeit, daß er sogleich zwei Gesellen beschäftigen konnte. Das war in den ersten Apriltagen des Jahres 1860.

Durch unermüdlichen Fleiß und Geschicklichkeit in der Anfertigung von Webereihandwerkszeug erweiterte sich der Kundenkreis immer mehr. 1862 beantragte der damalige Regierungsrat (August) Wichgraf in Potsdam bei seiner Behörde, den Nowaweser Webern müßten auf Kosten der Regierung breite Webstühle geliefert werden, damit sie an Stelle der schmalen Kattun- und Bettzeugware breite Herrenstoffe anfertigen könnten, die besser bezahlt und von den Berliner Fabrikanten abgenommen wurden.

Daraufhin wurden 100 Stück breite Webstühle in Auftrag gegeben, wovon Gericke die Hälfte erhielt. Der Preis eines solchen Webstuhles betrug je nach seiner Einrichtung, ob 18- oder 24-schäftig, wie der Fachausdruck lautete, 24 oder 30 Taler.

Dann brach im Spätsommer des Jahres 1864 im benachbarten Neuendorf ein großer Brand aus, der über die Hälfte des Dorfes, weil alles noch Strohdächer waren, in Asche legte. Beim Aufbau der neuen Häuser fielen Gericke allein acht Neubauten zur Anfertigung der Tischlerarbeiten zu. Die Kriege 1864 und 1866 brachten keine wesentlichen Störungen im handwerklichen Betrieb. Der Krieg 1870/71 legte jedoch plötzlich alle Geschäfte still, um dann aber nach Beendigung Handwerk und Handel einen ungeahnten Aufschwung zu geben. Jedoch ging mit der aufsteigenden Industrie unsere blühende Handweberei immer mehr zurück und an ihre Stelle traten die großen mechanischen Webereien, die inzwischen erbaut waren. Die Weberei-Werkstätten wurden zu Wohnungen hergerichtet und die früheren Meister und Gesellen gingen in die Fabriken.

Dieser Wandel bedingte wieder einen vermehrten Bedarf an Möbeln, und bald war zu ihrer Herstellung kein Platz mehr in dem beengten Raum des kleinen Vorderhauses; ein größerer Werkstattbau erwies sich bald als notwendig, den denn auch im Jahre 1877 der Maurermeister Wilhelm Franke sen. in Auftrag bekam und ausführte.

Am 17. Juni 1905 schloß dann der Altmeister (August Gericke) nach einem gesegneten, arbeitsreichen Leben die Augen.

Im Schwunge der aufsteigenden Linie in der Wirtschaft mußte dann das großväterliche Häuschen mütterlicherseits zur Hälfte einem großen Wohn- und Geschäftshaus 1911 Platz machen, die heute noch stehende andere Hälfte erwarb der frühere Oberpfarrer Koller zur Errichtung eines Gemeindesaales, der heute noch unter Eigentum der Friedrichsgemeinde in Benutzung ist.

1914 bei Ausbruch des großen Krieges mußten denn auch die wehrfähigen Mitarbeiter zu den Waffen; fünf brave Tischler aus der Werkstatt besiegelten ihre Treue zum Vaterland mit dem Tode. Es waren:

Eine große Zahl von Gesellen und Lehrlingen sind im Laufe der langen Jahre durch den Handwerksbetrieb gegangen, darunter auch einige, die in fremden Ländern unsere Heimatstadt und ihrer früheren Wirkungs- und Lehrstätte alle Ehre machen.



Anmerkung: Die (in Klammern) gefassten Erläuterungen wurden von Chris Janecke nachträglich hinzu gesetzt.



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- Ende -