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Notizen zum Leben des Arbeiters, Fuhrherrn und späteren Gastwirts

August Zelm

* Osterburg (Altmark, Provinz Sachsen) 1840 bis † in Rixdorf bei Berlin 1903


und seiner Ehefrau


Charlotte Janecke

Lebenszeit: * in Osterburg (Altmark) 1840 bis † Rixdorf bei Berlin 1911.


Ein Beitrag zur Familienforschung und Heimatgeschichte


Autor und Kontaktpartner für Fragen, Meinungen oder Ergänzungen: Chris Janecke,


E-Mail: christoph@janecke.name


Nach eigenen Recherchen zusammengestellt. Bearbeitungsstand: Oktober 2016.




Was ich dir wünsche bis zum letzten Herzensschlag?

Ein wenig Sonnenschein an jedem Tag.

Für deine Arbeit Heiterkeit und frische Kraft,

ein' frohen Sinn, der stets mit Liebe schafft.

Ein starkes Herz, in Treu und Glauben fest,

das den frohen Mut nie sich nehmen läßt.

Ein heiteres Kinderlachen ungetrübt und –

eine Seele, die die Deine liebt.


Charlotte Dyck







Das Ehepaar = Die Probanden = Die Eltern, Generation 05


August Zelm oo Charlotte Janecke (auch Jahnke geschrieben)





Vater:

Generation: 05 / Ahn:


Mutter:

Generation: 05 / Ahnin:


Name:




Zelm


Janecke (auch Jahnke geschrieben)


Vornamen:




August


Marie Friederike Charlotte



Deren

Eltern =

(Groß-

eltern)


Väter:



Friedrich Zelm, Arbeiter


Joachim Heinrich Janeke

(Gen. 06 / Ahn-Nr. 32)

Mütter:


Catherine Elisabeth

(geb. Betke, 06 / 33)



Geburt:



19. Juni 1840


Osterburg (Altmark), Melkerstraße Nr. 10, am 12. September 1840 um

8 Uhr am vormittag.

Sie ist das vierte von neun Kindern.



Taufe:





Osterburg, am 19. Oktober 1840, Pfarrer Curder. Die Paten:

1. Jungggesell' Tischler Blum aus Meseberg. 2. Jungfrau Dorothea Betke aus Meseberg,

3. Maurergeselle Johann Becker aus Höwisch, 4. Jungfrau Dorothea Curts aus Düsedau und

5. Jungfrau Marie Arendt aus Flessau. Quelle KB 1840, Nr. 50.


Das Paar zieht wohl 1874 oder 1875 nach Berlin und nimmt später, etwa ab 1880, den Sohn ihres Bruders Karl Friedrich August (d. Ä.) an Kindes Statt an und mit in ihren Haushalt nach Berlin.

Das Kind heißt ebenfalls Karl Friedrich August Janeke, (der Jüngere), * Osterburg am 18. September 1869.

Konfirmation:


am Sonntag Palmarum, den 09. April 1854.


Beruf / Stand oder Gewerbe:




In Osterburg: Arbeiter

In Berlin: Fuhrherr,

später, etwa ab 1901 Schankwirt in Rixdorf bei Berlin.




Wohnanschriften vor der Ehe:




Osterburg (Altmark),

Im Haus No. 282" lebt der Arbeiter Friedrich Zelm mit seiner Familie.

Ja schön, aber wo ist denn das?Heutige Anschrift?


Osterburg, Altmark


Trauung:

(ev.-lutherisch)



Osterburg: Tante Charlotte hatte als Jungfrau am Sonntag, den 28. Januar 1866 in Osterburg den Arbeiter und späteren Fuhrherrn Friedrich August Zelm geheiratet (oder umgekehrt). Es traute sie Diakon Rathmann.

Quelle: KB 1866 Seite 89, Nr. 5.



Wohnanschriften, gemeinsame:




Irgendwann, wahrscheinlich 1874/1875: Umzug von Osterburg (Altmark) nach Berlin. Die Berliner Adressbücher vermerken:

- 1875: Berlin-Süd, Manteuffelstraße 5, (zwischen Köpeniker Straße und

Mariannenplatz) Fuhrherr.

- 1881 bis 1883: Berlin-Süd, Wrangelstraße 141 (an der Thomaskirche)

- 1883 bis 1884: Rixdorf, Wiesenufer 13 (späteres: Maybachufer)

- 1884 bis 1887: Rixdorf, Schinkestraße 14, Fuhrherr und Kohlengeschäft

- 1887 bis 1895: Planufer 94-95. Abriss des Hauses und Neubebauung

- 1894 (nur Verlagerung des Fuhrbetriebes: Rixdorf Steinmetzstraße 47, Eig.

- 1896 bis 1900: Steinmetzstr. 57. Eigentum (spätere Kienitzstraße)

- um 1901: Steinmetzstraße 115 (Aufgabe des Fuhrbetriebes. Neu: Eröffnung

eine Schankwirtschaft (einfache Gaststätte).

- 1903: Tod des August Zelm

- 1906: Umzug der Charlotte in die Rixdorfer Richardstr 7/8 (Gaststätte).

- 1911: Umzug in die Rixdorfer Nogatstraße 2 (Gaststätte)

- 1911: Ableben der Charlotte Zelm, geborene Janecke.



Tod / Gestorben:

Bestattet:






Rixdorf bei Berlin, Steinmetzstraße 115, am 12. Februar 1903 um 8½ Uhr nachmittags an einem Herzleiden. Schankwirt, 62 Jahre alt. Er hinterlässt die Ehefrau.

(Eine Tochter ist nicht erwähnt, auch nicht der "Zieh- und Pflegesohn").


Bestattet am 16. Februar 1903, neuer Jacobi-Friedhof.


Kirchenbuch der Magdalenenkirche in Deutsch-Rixdorf, 53/1903. Zentral-Archiv Berlin. Suche Seite 114, Microfiche-Gruppe 2059.



Rixdorf bei Berlin, Nogatstraße 2, am 09. Dezember 1911 nachmittag 11¾ Uhr an Lungenentzündung. 71 Jahre alt. Witwe. Sie hinterlässt 1 Tochter. (Diese ist bisher unbekannt. C. J.). Anzeigender ist der Sargtischler Fischer.



Bestattet am 13. Dez. 1911 Jakobi-Friedhof.


Kirchenbuch der Magdalenenkirche Deutsch-Rixdorf/Neukölln 382/1911.

Eintrag des Standesamtes III. 848/1911.




Die Kinder (Generation 04 ) der Eltern:

August Zelm oo Charlotte Janecke (auch Jahnke geschrieben)


Anmerkung: Der Name des Kindes, das die Ahnenfolge in gerader Linie zu den jüngsten Probanden des Familienzweiges "Janecke" weiterführt, ist fett gedruckt.


Nr.

Familienname:


Lebensdaten der Kinder

0

"Zieh- u. Pflegesohn"

Carl Friedrich August

Janecke (d. Jüngere)


Geboren in Osterburg (Altmark), Melkerstraße 10 am

18. September 1869.



... und irgendwann, vermutlich zwischen 1866 und 1880


bekommt das Ehepaar Zelm ein eigenes Kind, eine Tochter. Das entnehmen wir erst aus der Sterbeanzeige von Charlotte Zelm, geborene Janecke.





Tochter




Geboren in Berlin (Wo und getauft in welcher Kirche ist uns noch unbekannt).


Der Pflegesohn Carl Friedrich August Janecke plaudert in seinen Notizen über seine neue Heimat:


1880, ich bin 11 Jahre jung

Ein tiefer Einschnitt in meinem doch noch so jungen Leben: Ich siedle zur Vaterschwester, meiner Tante Marie Friederike Charlotte (geborene Janeke) und ihrem Mann, Onkel August Zelm über, die seit 1866 in Berlin leben. Ja aber warum eigentlich, fragt man sich. Die Wohnverhältnisse in Osterburg sind bei uns Janeckes in der Melkerstraße 10 sehr beengt. Richtig ist es auch, dass Tante und Onkel Zelm, die ja seit 14 Jahren keine eigenen Kinder bekamen, jemanden aus der Verwandtschaft umsorgen wollen, damit aus ihm in der Großstadt „was Rechtes wird“. Da komme ich ihnen gerade recht. So bin ich denn „zum gegenseitigen Vorteil der Großen“ einfach als Pflegekind „verborgt“, was mir in den ersten Tagen ganz unheimlich ist, so völlig fort von Eltern, Geschwistern und Freunden in einer großen fremden Stadt, obwohl ich es hier gut habe, schöner ausgestattet, als zu Hause. Tante und Onkel sind lieb und freundlich zu mir. Sie stammen ja ebenfalls aus Osterburg – so sind wenigstens nicht alle Bindungen gekappt.

Tante Charlotte, sie hatte am 12. September 1840 ihren nullten Geburtstag, ist das vierte von neun Kindern meines Großvaters Joachim Heinrich Janeke (Gen. 06 / Ahn-Nr. 32) und seiner Ehefrau Catherine Elisabeth (geb. Betke, 06 / 33) und somit die große Schwester meines Vaters Carl Friedrich August Janeke (der Ältere), der am 14. September 1842 geboren wurde. Tante Charlotte hatte am Sonntag, den 28. Januar 1866 in Osterburg den Arbeiter Friedrich August Zelm geheiratet (oder umgekehrt) und war dann mit ihm nach Berlin gezogen. So wohne ich denn bei Tante und Onkel „an Kindes Statt“, jetzt 1880, in Berlin-Süd (Bezeichnung ab 1920: Stadtbezirk Hallesches Tor, später: Kreuzberg, dann SO 36) in der Manteuffelstraße 5, also zwischen Wrangelstraße und Köpenicker Straße. Das liegt nicht weit entfernt vom Krankenhaus Bethanien am Mariannenplatz sowie den Bahnhöfen „Kottbusser Tor“ und „Görlitzer Bahnhof“. (Manteuffel hört sich übrigens schlimmer an, als „es“ ist. Es handelt sich um den Namen einer uralten Adelsfamilie. Zu dieser Sippe gehörten Verwaltungsbeamte, Minister, Generäle und sogar Pastoren! Der Namensgeber für diese Straße war der Freiherr O. Theodor v. Manteuffel. Er war von 1850 bis 1858 Preußischer Ministerpräsident). Zur Schule brauche ich nur einige Schritte um die Ecke, zur Wrangelstraße 128-133, gehen. Die 80. Gemeindeschule von Berlin, ein rotes Klinkergebäude, ist noch fast ganz neu. Sie wurde in den Jahren 1870 bis 1872 erbaut, ist also sogar jünger als ich. (Der Herr Friedrich Heinrich Ernst Wrangel, nach dem man die Straße benannte, lebte von 1784 bis 1877 und war von seiner Profession Generalfeldmarschall). Mit Kriegen hatten sie es wohl schon immer.

Zum Kennenlernen der Stadt und zum leichteren Einleben unternehmen Onkel und Tante mit mir per Pedes und auch mal mit dem Fuhrwerk eine Erkundung der Hauptstadt, ungefähr so, wie ich Euch vor geraumer Zeit von der Turmlaterne der Nicolaikirche meinen Geburtsort Osterburg zeigte. Ach so, Fuhrwerk, ja. Ich hatte wohl bisher noch nicht erzählt, dass Onkel August uns mit "den Früchten" aus seiner Tätigkeit als Fuhrherr ernährt. Das zu berichten ist wichtig, deshalb hole ich es hier nach. Und ich unterstütze ihn auch nach meines Leibes und Kopfes Kräften.

Was gibt es aber hier in Berlin zu sehen? – Dinge, die ich in Osterburg kaum erahnt hätte:


1881 bis 1882 ...

... leben wir nebenan in der Wrangelstraße 141, ebenfalls nahe am schönen Mariannenplatz.

Onkel August Zelm ist immer dafür Spaß zu haben und auch selber solche Späße zu bereiten: So findet jeder im Berliner Adressbuch des Jahres 1881 unsere stolzen Einträge:

Mein Alter steht nicht hinter diesem Spaß. Ja, so hält mir der Onkel lockend mein Ziel vor Augen: Den Besitz starker, treuer, kluger Pferde. Unabhängigkeit von Vorarbeitern oder Firmenbesitzern. Freude an der Arbeit – aber noch besuche ich ja das 2. Schuljahr (das 8. begann ich vor sechs Jahren) – wenn ich ihm auch schon oft tüchtig helfe und mein Brot mitverdiene, denn ich will ja in der Fremde meinen Elternhäusern keine Schande bereiten.

(Anmerkungen: Dieses vorgenannte Haus Wrangelstraße 141, neben der Thomaskirche, steht seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges nicht mehr. Bereits einige Jahre später, um 1890, entstehen statt der fast benachbarten 80. Gemeindeschule dort schon wieder neue, weitaus größere Schulbauten).


1883

Im August werde ich eingesegnet, konfirmiert. Der feierliche Akt findet in der Sankt-Thomas-Kirche gegenüber vom Krankenhaus Bethanien am Mariannenplatz statt. In der Gruppe der Konfirmanden bin ich, Carl Friedrich Janecke, am 30. August der 31. Knabe in diesem Jahr, der von Pastor Kirmss eingesegnet wird (die Mädchen werden extra in gesonderter Liste gezählt).

Nach Beendung meiner Schulzeit ziehen Tante Charlotte und Onkel August mit mir fort von Berlin, in das benachbarte Rixdorf, zum Wiesenufer No. 13 (später in Maybachufer umbenannt). Es wohnen hier: E. Jaffé, Holzhandlung; Müller, Holzanweiser; Borowski, Zimmermeister; Zelm, Fuhrbetrieb. Alles Berufe im blühenden Bauwesen der Gründerzeit, die sich gegenseitig prima ergänzen. Nach diesem vorher erwähnten Jux steht mein Name in den folgenden Jahren leider nicht mehr im Adressbuch, weil ich ja keine eigene Wohnung habe.


1884

Schon ein Jahr später (also jetzt, in diesem Jahr) ziehen wir ein Stückchen weiter, schräg gegenüber in die Schinkestraße 14, Ecke Wiesenufer, wo der Onkel auf dem Nachbargrundstück nun so nebenbei noch eine Kohlenhandlung zur willkommenen Erweiterung des Fuhrgeschäftes als „zweites Standbein“, betreibt. Ich rate ihm dringend, dass es bei dieser Materialart gut wäre, wenn er sich noch für den Ankauf zweier Rappen entschiede und vielleicht für einen Schornsteinfeger als Kutscher. Ich solle ihm nicht so naseweis kommen, sagt er zu diesem dunklen Thema und zu meinem schwärzlichen Humor. Ja, ja, der große und der kleine August kommen ganz gut miteinander aus. Hier, in der Schinke, bleiben wir bis 1887 wohnen.

(Anmerkung: Der Namensgeber für die Straße, Johann F. Schinke, 1826 bis 1875, war der überwiegend beliebte Dorfschulze, also Bürgermeister von Deutsch-Rixdorf und wird mit dem Straßennamen geehrt und in der Erinnerung „wach gehalten“, obwohl er ein General nicht war).



1887

In diesem Jahr stirbt am Sonntag, den 10. April nun unsere gerade erwähnte liebe Großmutter Catherine Elisabeth Janeke, geb. Betke, die 1811 in Meseberg (Altmark) geboren wurde und am 29. Mai 1836 in Osterburg, mit Joachim Heinrich Janeke aus Höwisch Hochzeit hielt. Nur fünf ihrer neun Kinder erlebten das Erwachsenenalter, zu denen auch mein Vater und Tante Charlotte gehören. Die Großmutter hat eine Lebenszeit von 76 Jahren erreicht. Der Osterburger Diakon Rathmann spricht tröstende Worte, als wir sie am 13. April beerdigen und registriert unsere Trauerfeier, als die 24. Osterburger Beerdigung des Jahres im Kirchenbuch. –

Jetzt bin ich 18 Jahre alt und mache mir Gedanken über meine berufliche Zukunft. Vier Jahre lernte ich bisher bei Onkel August den sachgerechten Umgang mit den Pferden und wurde in den Grundlagen des Wirtschaftens unterwiesen. Wenn ich einmal reich wär’ – Geld hätte für eine vornehme Kutsche, würde ich Vergnügungsfahrten anbieten, vielleicht vornehmlich für Damen, wie es hier in Berlin bereits im Jahre 1822 Simon Kremser tat. Das wäre noch viel einfacher und sauberer – wenn dann auch genügend Kunden kämen. Nun gut – für die nächsten Jahre werde ich weiterhin mit Onkel August zusammenarbeiten. Für die Pferde wünschte ich mir sehnlich Ohrenschützer; ist es doch ganz schön nervenaufreibend, wie stark die eisenumreiften Holzspeichenräder auf dem Kopfsteinpflaster tanzen und dabei lärmen. Allerdings kann ich mich nicht rühmen, eine Änderung durchgesetzt zu haben. (Erst im Jahre 1904 wird der Vollgummireifen erfunden werden und dann dauert es noch einmal eine Weile, bis er sich durchgesetzt haben wird. Und als er dann leidlich bekannt wird, erscheint schon der aufpumpbare Luftreifen auf dem Plan – eine weitere wesentliche Verbesserung).

In diesen Jahren (ab 1887) wohnen wir weiterhin in Südost, nahe der Stadtgrenze von Berlin zu Rixdorf aber nun im Hause Planufer 94/95, Parterre (verlängertes Wiesenufer). Hierin leben: Freiberg, Fuhrherr; Mosolf, Fuhrherr; Schönknecht, Fuhrherr; Franz, Schmied; Lier, Witwe und Zelm, Fuhrherr. Ihr könnt ermessen, es wird gar manches durch die Stadt gefahren und die Konkurrenz um gute Aufträge ist groß – und dabei will auch noch jeder Auftraggeber sparen.

Auch von hier wird jedoch für alle diese Bewohner ein erneuter Umzug unausweichlich sein, denn das Haus wird im Jahre 1896 abgebrochen und an dieser Stelle ein repräsentativer Neubau errichtet. Das weiß heute aber noch niemand von uns Betroffenen. Erst die Zukunft macht die Leute schlauer.

Herr Berliner (also, so heißt der Emil wirklich mit Nachnamen) bringt ein Grammophon zum wiederholbaren Abspielen von Schallplatten auf den Markt.

Das Varieté „Wintergarten“ wird eröffnet.


1894

Mein Onkel August Zelm hat seinen Fuhrbetrieb nunmehr in die Steinmetzstraße 47 verlegt (später wird diese Straße in Kienitzstraße umbenannt). Er ist bereits Eigentümer dieses Hauses und besitzt sogar schon einen der neumodischen Telephonanschlüsse: Rixdorf No. 58! So kann Tante Charlotte mit ihrem Charme Aufträge annehmen, während wir unterwegs sind. Onkel August beherrscht dieses Wirtschaftsrechnen vorzüglich.

Zu Pfingsten unternehmen wir wieder einen gemeinsamen Ausflug. Diesmal soll’s nach Pankow geh’n; in die Schönholzer Heide.

In Frankreich wird eine Apparatur zum „Vorführen laufender Bilder“ vorgestellt, der "Kinematograph" ist sein Name.


1896

Mein geschäftstüchtiger Onkel August Zelm hat inzwischen auch das Haus Steinmetzstraße 57 erworben. Hier wird er auch bis zum Jahre 1900 wohnen. Wollt Ihr mal mit ihm telephonieren, so lasst Euch, wenn das Frollein vom Amte sich mit der Frage „Was beliebt?“ meldet, von ihr mit Rixdorf No. 58 verstöpseln.


Viel neues hat sich inzwischen getan. Ich bin ja schon seit geraumer Zeit nur noch zu Besuch bei Tante Charlotte und Onkel August. Ich wohne inzwischen im Hause Kottbusser Damm 34. Im Hause Dittwaldt, bei den künftigen Schwiegereltern. Am 15. September heiraten wir, also das Klärchen (Klara Dittwaldt) und ich (miteinander), im Berliner Standesamt IV. und in der evangelischen Kirche der Emmaus-Gemeinde, die am Görlitzer Bahnhof Am Lausitzer Platz steht. Als Trauzeugen haben wir meinen Onkel August Zelm (inzwischen 56 Jahre alt) und Vater/Schwiegervater August Dittwaldt (59 Jahre alt) ohne erhebliche Schwierigkeiten feierlich gewinnen können. Da sind wir nun drei Augusts zusammen. Es hätte nur gefehlt, dass auch Klara mit Zweitnamen Auguste heißen würde – dem ist aber nicht so. Ihre Eltern hatten sich damals für Pauline entschieden. Hilfsweise hätten wir im August heiraten können aber nun wurde es eben der Monat September, genauso, wie es damals bei mir mit Namen und Geburtsmonat bestellt war. Unsere Eheschließung wird beim Standesamt als No. 713 / 1996 registriert und anschließend an die Trauung, in der geschmückten schwiegerelterlichen Gaststätte Kottbusser Damm 34, festlich begangen. Das bedeutet geschäftlichen Totalausfall, denn alle anderen sonst üblichen Gäste haben heute Ruhetag (oder sitzen etwas fremd bei der Konkurrenz).


1901

August Zelm lässt nun mit 61 Jahren seinen Fuhrbetrieb „langsam auslaufen“ und hat in der Rixdorfer Steinmetzstraße 115 (die später Kienitzstraße heißen wird) eine Gaststätte (als Eigentümer) übernommen behält aber seine Wohnung Steinmetzstraße 57. Es geht ihm gesundheitlich leider durchaus nicht bestens. Der Wechsel, eine günstige Altersvorsorge, etwas mehr Gemütlichkeit, scheint ihm aber zu bekommen. Natürlich ist seine Frau, meine Tante Charlotte am Wirtschaften in der Gaststätte sehr stark beteiligt. Sie ist die tragende Säule des Geschäfts; auch sie ist 61 Jahre alt.


1902

Mein guter Onkel August Zelm ist in diesen Tagen in seinem 63. Lebensjahr ziemlich unerwartet gestorben. Er hatte noch so vieles vor mit dem neuen Betrieb. Tante Charlotte will aber die Gaststätte weiterführen, so sie ihr nicht über den Kopf wächst.


1906

Meine Tante Charlotte ist umgezogen. Im Telephonbuch könnt Ihr sie jetzt finden unter:

Zelm, Charlotte, Gastwirtin, Rixdorf, Richardstraße 7–8, Tel. Rixdorf 1141. Das große Miethaus, indem die Gastwirtschaft untergebracht ist, steht gegenüber der (späteren) Berthelsdorfer Straße.


1911

Meine gute Tante Charlotte Zelm ist noch einmal umgezogen. Sie lebt nun in Rixdorf, Nogatstraße Nr. 2, Telephon Rixdorf 9138. Es ist das Eckhaus zur Rübelandstraße. Das sind nur reichliche fünf Fußminuten von der bisherigen Richardstraße entfernt. Es ist eine ruhige Gegend. Später wird dort, wenige Schritte weiter, der schöne Koernerpark angelegt, aber das erlebt sie nicht mehr, denn noch in diesem Jahr stirbt sie mit 71 Jahren.

Tante Charlottes Leben endet in der Nogatstraße 2 am 09. Dezember 1911 nachmittag 11¾ Uhr. Sie stirbt an Lungenentzündung. Sie hinterlässt 1 Tochter. Anzeigender ist der Sargtischler Fischer.

Bestattet am 13. Dezember 1911 auf dem Jakobi-Friedhof.






- Ende -