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Carl Heinrich Franz Runge

Zimmer- und Maurermeister

11. Mai 1846 – 19. Januar 1936

geboren in Berlin, zeitweilig gelebt in Nowawes, in Neuendorf bei Potsdam und gestorben in Berlin.


sowie seine erste Ehefrau

Marie Josephine Glaeser

15. Februar 1845 – 27. Juli 1901

geboren in Hamburg, gelebt in Berlin, gestorben in Neu-Weißensee bei Berlin,



Ein Beitrag zur Familienforschung und Heimatgeschichte

Autor und Kontaktpartner für Fragen, Meinungen oder Hinweise: Chris Janecke.

Bearbeitungsstand: Oktober 2016 E-Mail: christoph@janecke.name


Bei den oben Genannten handelt es sich um die Generation der Urgroßeltern des Autors. Wenn du Interesse hast, mehr darüber zu lesen, was sich in dieser Zeit im Leben der Menschen abspielte, so sieh’ bitte auch in die Dokumentationen

Zeitgeschichte“ und „Zeitgenossen“.

Zu dem hier vorliegenden Text besteht beim Autor ein personenbezogenes Bilderbuch.




Eins zu sein, mit allem was lebt, das wäre der Himmel des Menschen.

In seliger Selbstvergessenheit wiederzukehren ins All der Natur,

das ist der Gipfel der Gedanken und Freuden.


(nach Friedrich Hölderlin)




1936

Franz Runge teilt uns am Ende seines Lebens mit:

Heute, am Sonntag, dem 19. Januar 1936 endet mein Leben im Charlottenburger Heim, im Städtischen Bürgerhaus, infolge meiner fortschreitenden Altersschwäche. Nun ja, zwar wollte ich hier mein Dasein gern mit einer „90“ (mit Eichenlaub) eher abrunden als krönen, es hat aber nicht sollen sein. Meine inzwischen schon 22jährige Enkelin Anne-Marie Sommer (in Nowawes lebt sie) hat es übernommen, die Benachrichtigungen über mein Erden-Ende an Freunde und Bekannte zu schreiben. Viele sind es nicht mehr, die meisten sind vor mir abberufen worden. Deshalb kann es nicht mehr viele freuen. Manche werden zeitweilig ein Gedenken an mich bewahren.

Am 24. Januar trete ich, nun schon der Bürde des Alters ledig, in Ruhe und mit Leichtigkeit die letzte Fahrt an – zum Krematorium in der Gerichtsstraße am Bahnhof Wedding. Erhalten bleiben werde ich ohnehin nur im Geiste, falls sich noch jemand für den alten Franz interessiert, der ernst und lustig gelebt hat, arbeitsam und über lange Zeiten mit Alltagssorgen belastet. Mein Urenkel Christoph (der ja erst in einem Jahrzehnt geboren wird) soll alles das, was meine Enkelin Anne-Marie aufbewahrte, zusammenhalten und auch verschiedenes von Nachkommen und aus Archiven zusammensuchen – ein Stückchen meines Lebens aufschreibend nachgestalten. Dass es nur ein Stückwerk sein kann, wissen wir alle. Trotzdem: Frisch auf! Das aber wird eben erst später sein, so dass ihr es im nächsten Jahrtausend lesen könnt – wenn ihr mögt.


Gen. 06 /Ahn 44

Gen. 06/ Ahn 45

Die Großeltern

Gen. 06/ Ahn 46

Gen. 06/ Ahnin 47

Runge

Ehm


Name

Glaeser

Fohrmann

Erdmann Daniel Franz

Johanne Friederike Henriette


Vorname

Johann Christoph

Johanna Magdalene Caroline

Schildow bei Schönerlinde, am 07. September 1815

Rheinsberg (Mark), am

16. Januar 1812


geboren

Lehesten im Herzogtum Meiningen (Thüringen) am 23. Januar 1802


Celle-Neuhäusen, am

07. Oktober 1803

Zimmermann

Mutter und Hausfrau


Beruf

Maurermeister, etwa ab 1832 Bürger zu Hamburg


Mutter und Hausfrau

Berlin, in der Sophienkirche, am 16. Januar 1841


Heirat

Hamburg, Vorstadt, St. Georg,

am 25. November 1832

Pastor: P. W. Rautenberg

Das Paar wird acht Kinder haben.

Kinder


Weißensee bei Berlin, Falkenberger Straße 32, am

31. Januar 1883

Weißensee bei Berlin, am

15. November 1892


gestorben

Hamburg, am 19. September 1878,

74 Jahre alt.

Beerdigt: Kirche St. Pauli.

Hamburg, Eimsbüttel 11,

am Mittwoch, den

24. Januar 1872,

68 Jahre alt.

Beerdigt: Kirche St. Pauli





Das Ehepaar = die Probanden

Franz Runge oo Marie Glaeser




Vater: Gen. 05 / Ahn 22.3



Mutter: Generation 05 / Ahn 23.4


Name:



Runge


Glaeser


Vornamen:


Carl Heinrich Franz



Marie Josephine



Die Eltern:

(Großeltern)


Der Vater: Runge,

Erdmann Daniel Franz,

Zimmergeselle,


Der Vater: Glaeser,

Christoph Johann

Maurermeister zu Hamburg

Die Mutter: Ehm,

Johanne Friederike Henriette

Die Mutter: Fohrmann,

Johanna Magdalene Caroline



Geburt:



Berlin, Linienstraße 48, am Montag, 11. Mai 1846, abends

9 ½ Uhr.


Hamburg, am Samstag, den

15. Februar 1845


Taufe:


Berlin, Sophienkirche,

am 31. Mai 1846. Pastor Ideler. Die Paten:

1. Herr Zochau, Zimmergeselle

2. Herr Müller, Zimmergeselle,

3. Herr Schulze, Maurer,

4. Mar. Hofert(en)


KB 1846 / S. 242, Nr. 507



Hamburg, St. Georg,

am 25. Mai 1845,

KB 1845, Nr. 281


Beruf / Stand:


Zimmermeister, Maurermeister,

Zimmerplatz Weißensee, Goethestraße 25, später zeitweilig Gaststättenbesitzer in Neuendorf



Hausfrau und Mutter von sechs Kindern.



Wohnanschriften vor der Ehe:


Weißensee bei Berlin, Goethestraße 25, (Zimmerplatz)



Trauung / Eheschließung:


Proclamiert in Berlin, St. Markus am 20. und 27. November sowie am 04. Dezember 1870. Trauung am Sonnabend, 17. Dezember 1870. Franz ist 24 Jahre alt, Josephine 25 Jahre.

KB St. Markus 1870, S. 186, Nr. 561, Hentschel.



Wohnanschriften,


1846: Linienstraße 48

um 1876 Greifswalder Straße 9

um 1887 Elbinger Straße 11

um 1896: Moabit, Spener Straße 32

1900 : Neuendorf, Forststraße 15 (spätere Lützowstr.15, spätere Dieselstr.12)

ab 1901: Gastwirtschaftsbesitzer in Nowawes, Wilhelmstraße 15

ab 1902: Neuendorf, Luisenstraße 16



Tod / Gestorben:


Berlin-Charlottenburg , mit 89 Jahren, am Sonntag, den

18. Januar 1936, im Altersheim „Bürgerstift“ Westend. Altersschwäche.

Bestattung am 24. Januar 1936 im Krematorium Berlin, Gerichtsstraße. Reg. Nr. Standesamt Charlottenburg :1936, Nr. 221.



Gestorben in Neu-Weißensee bei Berlin, Goethestraße 25,

am 27. Juli 1901, 11 1/2 Uhr,

mit 55 Jahren.

Reg.-Nr. Standesamt Weißensee 525/1901. KB 1901, Nr. 525.

(Anzeigender: Der Comtorist Carl

Robert Franz Runge, Posener Straße 8. (Ihr Ehemann lebte damals in Nowawes-Neuendorf).


So begann damals alles:


Mein Geburtsjahr 1846

Im schön sonnigen und warmen Monat Mai, im Wonnemond, genauer gesagt am Montag, dem 11. Mai, wurde ich am Abend gegen 9½ Uhr, in den Wohnräumen meiner Eltern des Miethauses Berlin, Linienstraße 48 geboren.

Meine Eltern, das sind Erdmann Daniel Franz Runge, der am 07. September 1815 in Schildow bei Schönerlinde geboren wurde und den Beruf des Zimmermanns ausübt sowie seine Ehefrau, Johanne Friederike Henriette Ehm, die am 16. Januar 1812 in Rheinsberg (Mark) geboren wurde. Meine Eltern hatten am 16. Januar 1841 in der Berliner Sophienkirche geheiratet, ein Geburtstagsgeschenk für meine Mutter. Eine Doppelfeier stand also damals an.

Neugierig warten schon meine beiden älteren Geschwister auf mich. Das sind: 1. Wilhelm Carl Franz (geboren in Berlin am 01. September 1841) und 2. Therese Auguste Albertine (geboren am 10. Juli 1843).

So richtig amtlich wurde meine Anwesenheit auf dieser Erde dokumentiert – als der 507. Täufling des Jahres 1846 in der Sophienkirche zu Berlin, im dicken Kirchenbuch auf der Seite 242 vermerkt. Das war, als ich am 31. Mai im Taufkleidchen von der Mamá stolz über das Taufbecken gehalten und mit einigen Spritzern des kalten Taufwassers, aus der hochbarocken Schale, gespendet von Herrn Prediger Ideler, (also, nur das zuerst genannte) in die Gemeinschaft der evangelisch Gläubigen aufgenommen wurde.

Als Gevattern standen den Eltern und mir bei jenem Akt zur Seite: 1. Herr Zochau, Zimmergeselle, 2. Herr Müller, Zimmergeselle, 3. Herr Schulz, Maurer und 4. Frau Hofer. Sie alle gelobten, mein Wachsen in gut handwerklich-christlichem Sinne begleiten zu wollen, mein Wohl, wenn nötig auch mein Wehe, im Auge zu behalten und wahrscheinlich mich auf den rechten Weg ihres Lieblingshandwerks zu führen.


1848

Mein Bruder Louis Emil Martin, das vierte Kind in unserer Familie, wird

am 22. September 1848 geboren. Nun bin nicht ich mehr der Kleinste.


1850

August Oscar Daniel heißt das 5. Geschwisterkind, am 03. August 1850 geboren.


1851

Anna Berta Ida, so nennen meine Eltern das 6. Geschwisterkind in unserer Familie, von dem am 07. November 1851 bei uns zu Hause meine Mutter entbunden wurde.


1852

In dieses Jahr fällt die Zeit meiner Einschulung.


1853

Das 7. Geschwisterkind unserer Berliner Runge-Familie ist Adolph Otto Emil, geboren am 06. April 1853.


1856 – ich begehe bereits meinen 10. Geburtstag.

Das 8. und damit letzte Geschwisterchen, geboren am 22. Januar 1856, erhält die Namen Richard Paul Rudolph.


Das Jahr 1860 – ein großes Jahr

In diesem Sommer erhalte ich die Einsegnung und beende den Besuch der Volksschule. Natürlich weiß ich aber auch, dass das Lernen für das Leben weitergeht und beginne das edle Zimmerhandwerk zu erlernen, trete also in die beruflichen Fußstapfen meines Vaters und meiner Taufpaten.


1861

Von nun an werde ich euch zwischendurch auch einige Dinge erzählen, die sich in meiner Stadt Berlin oder in der großen, weiten Welt zutragen. Zum Beispiel dieses: Die Leute rufen – Der König ist tot. Es lebe der König! Am 02. Januar ist Wilhelm IV. verschieden. Sein jüngerer Bruder Wilhelm, der aber auch schon ganz schön alt aussieht, wird nun unser Monarch.

Herr Philipp Reis bastelt den ersten brauchbaren Fernsprechapparat zusammen. Die Stimmen sollen sich recht komisch anhören. Wer künftig solch ein Ding haben wird, kann sich viele Wege sparen – wenn jener, von dem er etwas möchte, auch solch einen Apparat angeschafft hat.


1862

Der Otto v. Bismarck wird Ministerpräsident. Er will vor dem König mit eisernem Besen einhergehen und die groben Arbeiten erledigen.

Ein neues Dampfschiff schafft es, den amerikanischen Erdteil in acht Tagen zu erreichen.

Von und auch nach Berlin führen jetzt sieben Eisenbahnlinien, deren Gleise aber vor den Stadttoren in den Kopfbahnhöfen enden. 42 Züge verlassen täglich die Hauptstadt, etwa ebenso viel kommen auch an. Ich habe mal Bilder beigelegt. Zwar wohnt ihr nicht in der Hauptstadt, könnt Euch anhand der Bilder aber nun doch vorstellen, wie solche Maschinen, die Lokomotiven, aussehen.


1864

Meine Lehrzeit schließe ich erfolgreich mit der Gesellenprüfung ab, werde frei- und somit von der Lehre losgesprochen und erhalte den Lehrbrief.


Durch einen schnellen Krieg hat unser Preußenland Schleswig-Holstein gewonnen. Um genauso viel ist Dänemark nun kleiner geworden.


1865

Der USA-Präsident Abraham Lincoln wurde ermordet. Als Strafe für den Sieg seiner Armee über die Südstaaten und weil er die Sklaverei abgeschafft hat.

Durch das Wasser wird von Europa nach Amerika ein Kabel gelegt, um sich besser schreiben und sprechen zu können. Ein unheimlicher Aufwand. Es reißt dabei auch mal die Leitung wegen großer Tiefen und des hohen Eigengewichts des Kabels. Ja, meine Lieben, mit einfachem Zusammenknoten in vielleicht 200 m Tiefe ist es da nicht getan.

Wie in jedem Jahr befindet sich der größte Berliner Weihnachtsmarkt auf dem Schlossplatz. Ein dichtes Gedränge der Verkaufsbuden. Allein hier ungefähr 3.000 Verkaufsstände. Weil auch Leute noch etwas davon sehen sollen, die erst im Dunkeln müde von den Fabriken kommen ist alles mit Kerzen und Petroleumfunzeln hell erleuchtet. Nicht völlig taghell.


1866 – ich vollende mein 20. Lebensjahr.

Ein rechtschaffener Zimmergeselle bin ich und werde noch als Spund behandelt: Beschimpft mich doch heute auf offener Straße ein alter Herr und will handgreiflich werden und einen Schutzmann rufen lassen, weil ich, als wohl noch nicht einmal Großjähriger, meine Zigarre in Ruhe rauche. So war ich genötigt, dem Menschen meine Personenidentifikation mit Eintragung meiner Profession und des Geburtsdatums unter die Nase zu reiben. Er stammelte seine Entschuldigung mit Bücklingen und Rückziehern sowie dem geräusperten Bemerken, „das ich in meinem Alter noch so herrlich jung aussähe – nur daher solch ein peinliches Versehen“. Eine fast friedliche Zeit also im Kleinen. Ansonsten gibt es nichts zu lachen. Wir sind schon wieder im Krieg. Preußen und Österreicher haben sich ein Schlachtfeld in Thüringen bei Bad Langensalza ausgesucht, um die Vorherrschaft in Europa zu klären.

Die Medizin macht Fortschritte, um faulende Wunden und Tod zu vermeiden. Bei manchen Ärzten wird neuerdings alles „desinfiziert“, werden Krankheitskeime abgetötet. Das ist nicht nur für die Soldaten wichtig, sondern beispielsweise auch bei uns auf dem Bau – bei Arbeitsunfällen, wenn man sie nicht vorausschauend zu vermeiden wusste.


1867

Die USA, also das vereinigte Nordamerika, hat viel Geld. Sie kauft dem russischen Zaren das riesige Land „Alaska“ ab – für etwas mehr als 7 Millionen Dollar, für „einen Pappenstiel“.


1869

Schon wieder Neuigkeiten aus Thüringen. In Eisenach gründen August Bebel und Wilhelm Liebknecht die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Deutschlands. Kurz: die SPD.


1870

Damals, auf der Wanderschaft, hatte ich in Hamburg Marie Josephine Glaeser kennen gelernt. Sie ist die Tochter eines Maurermeisters, dessen Vorväter im Thüringer Schiefergebirge und dort im Ort Lehesten beheimatet waren. Er zog wohl von diesem mittelhohen Gebirge an die platte See, weil er meinte, dort würde ohnehin mehr gemauert. Maries Mutter, das ist Johanne Magdalene Caroline, eine geborene Fohrmann, stammt hingegen aus Celle-Neuhäusen.

Ja, ja, die schöne Zeit der Wanderschaft – vorbei ist sie längst. Heute bin ich nun Zimmer- und Maurermeister und in eigener Verantwortung tätig. Nun habe ich die Marie wiedergesehen. Na, ihr wisst, die allergrößte Schönheit ist sie nun nicht – es kommt mir aber selbstverständlich auch mehr auf die inneren Werte an. Sie ist immerhin mit einnehmender Stärke an mir interessiert, und, wie soll ich es sagen, wir sind uns durchaus auch recht zu Willen und lernfreudig, so dass es eines anbahnenden Anstands-Vermittlers für unsere Zusammenkünfte keinesfalls bedarf. Und ich bin gesund und kräftig. Zumindest haben wir mal alles schön probiert, bis ich dann wieder in die Berliner Metropole zurückziehen musste.

Eine kleine Weile der Zeit vergeht. – – –.

Ach, du lieber Schreck. Unerwartet kommt lieber Besuch. Neueste Nachrichten aus dem Norden? Die Marie Josephine vonneer Küs-tee s-teht vor der Türe und eröffnet mir, dass ich ein versehentlicher Erzeuger neuen Lebens bin, aber nun nachträglich, noch rechtzeitig zum geplanten künftigen Vater avancieren soll, und sie brachte auch die nachdrücklichen Grüße ihres Herrn Papá mit. Hui, das war vielleicht ein Schlag ins Kontor. Sie wollte aber bitte jetzt partout keinen Zimmermannsschnaps auf diesen echten Schreck, sondern sich nur „mit klaren Fronten“ begnügen. Schuld an dem Schlamassel bin ich selber. Ich hatte mich nicht gut genug informiert. Der Name „Josephine“ bedeutet im Hebräischen „Gott möge vermehren“ und dieser Name wurde wohl von oben als Wunsch missdeutet und viel zu schnell erhört.

Als meine Eltern von diesem neuen Lebensabschnitt hörten, appellierten sie natürlich recht herzlich, wie auch energisch an mein Verantwortungsbewusstsein hinsichtlich der Konsequenzen. Ist ja alles zu verstehen: Meine Mutter kam als uneheliches Kind in diese Welt, gezeugt von einem Rheinsberger Schneiderlein im schönen Boberower Buchenwalde. Und sie wünscht natürlich sehr, dass es ihren Kindern und Enkelkindern einmal besser ergehen soll. Wie sonst auch.

Kurz: Am 20. und 27. November und nochmals am 4. Dezember 1870 wurde unsere als dringend angesehene Heiratsabsicht öffentlich in der Sankt-Markus-Kirche zu Berlin (an der Großen Frankfurter Straße / Ecke Wassermannstraße) aufgeboten; ebenso in der stolzen Hansestadt Hamburg proklamiret. Und in diesen beiden Städten, die ja so sehr viele Einwohner haben, fand sich niemand, kein Einziger, der Einwände gegen eine Verbindung zwischen Marie und mir hat vorbringen wollen. Selbst an der See – kein Rettungsanker – ich schicke mich also drein.

Ja, und so kommt es nun, dass wir nach dem Höhenflug des äußeren und innerlichen Kennenlernens am Sa., dem 17. Dezember 1870, mitten im Krieg, von dem man hier nicht viel merkt, gemeinsam vor dem Traualtar des Friedens stehen, uns innig das „Ja-Wort“ geben und die Ringe tauschen. Darüber berichtet das Kirchenbuch von St. Markus unter Nr. 561 des Jahres 1870 auf Seite 186 (mein Gott – so oft findet dieser Akt statt), eingetragen vom guten Prediger Hentschel. Marie ist jetzt 25 Jahre jung (geboren wurde sie am 15. Februar 1845, als zweite Tochter und gleichfalls viertes Kind des Maurermeisters Glaeser un siner leewen Fru), ich bin noch 24 Jahre, fühle mich aber jetzt bedeutend älter.


Ja, wir als Preußen sind schon wieder im Krieg, diesmal gegen Frankreich. Also, die Franzmänner haben ihn uns erklärt (wie sich das anhört: „erklärt“), nachdem Bismarck sie dazu hinreichend gereizt hatte. Als Absender des Zankapfels, dieser Emser Depesche nach Paris, hatte er aber natürlich den König gewählt. Am 02. September fand die verlustreiche Schlacht bei Sedan statt, aus der Preußen siegreich hervorging.




Generation 04:

Die sechs Kinder des Elternpaares:

Franz Runge und Josephine Glaeser


Anmerkung: Der Name des Kindes, das die Ahnenfolge in gerader Linie zu den jüngsten Probanden des Familienzweiges (in Richtung Janecke) weiterführt, ist fett gedruckt.


Nr.

Name:

Runge

Lebensdaten der Kinder


1


Carl Robert Franz Runge


oo


Helene Beerbaum


(Eltern von

Hellmut Runge)



Carl wurde in Berlin am 16. Juli 1871 geboren und am 24. September in der St. Markus-Kirche getauft. Die Taufzeugen sind: 1. Carl Götte,

2. Herr Kläpius, 3. Herr Kufstaedt, 4. Robert Hass und 5. Fräulein Johanne Göcking.

Carl lernt als Halbwüchsiger Elektriker und fährt auch einige Zeit zur See. Ein paar Jahre ist er bei dem Ehemann seiner Schwester Margarethe (in der Elektrofirma Max Sommer, in Nowawes) als Elektromonteur beschäftigt.

Geheiratet hat er in Berlin am 30. September 1902 die Helene Auguste Beerbaum. Helene war am 13. April 1870 in Biesdorf geboren worden.

Das einzige Kind, Hellmut Franz Ernst Runge, wurde in Berlin am

09. August 1903 geboren.

Diese Ehe wurde später geschieden. Carl wohnte zu Neuendorf in der Blücherstraße 5 (nach dem Zweiten Weltkrieg in Fultonstraße umbenannt). Carl wechselte die Wohnung, zog in den Nachbarort Drewitz. Dort starb er am 05. Juli 1946 kurz vor seinem 75sten Geburtstag.


Helene betrieb in der Nowaweser Lindenstraße 40 einen Verkaufsladen für Spielwaren und Sportartikel; mit der Unterstützung durch ihren Sohn Hellmut (Cousin von Anne-Marie Janecke, geb. Sommer).

Helene starb am 31. Oktober 1961, 91jährig im Altenpflegeheim Holzmarktstraße 5, in Potsdam (Zimmerfenster Hochparterre links von der Eingangstür, kann Chris Janecke von seinen Besuchen bei ihr berichten).

–––––

Ihr Sohn Hellmut Runge heiratete am 02. September 1930 die Telefonistin Margarete Lucie Hoepfner, die in Nowawes am 08. Dezember 1907 geboren war. Nach neun Jahren wurde diese Ehe im September 1939 in Potsdam geschieden. Zwei Kinder, Dietrich und Lucie gingen aus dieser Ehe (1932 und 1936) hervor. Hellmut unterstützte seine ehemalige Ehefrau, die in Babelsberg, Kleiststraße 17, später in der Friesenstraße lebte, auch noch in der Zeit der Teilung Deutschlands, bei Besuchen von Berlin-West aus.

Hellmut ging am 15. Dezember 1955 eine zweite Ehe ein, mit Brunhilde Eva Behrend aus Lübben; dort am 11. August 1916 (oder 1919) geboren. Die Runges wohnten in Berlin-Steglitz, in dem großen Miethaus Schützenstraße 3, Ecke Mittelstraße und später, bis zu ihrem Lebensende in Charlottenburg, Altenburger Allee 8, Tel. 3 04 82 90.

Hellmut starb sehr unerwartet bei einem kleineren chirurgischen Darmeingriff, d.h. er wachte aus der Narkose nicht wieder auf. Sein Todestag war der 23. Mai 1985. Hellmut war derjenige, der Chris Janecke zu dem Bemühen um die Familienforschung angeregt hatte. Eigentlich wollte Hellmut (mit 81 Jahren) noch mit Chris gemeinsam etwas forschen, dabei zeltend unterwegs sein, doch dazu kam es dann eben nicht mehr. Nur soviel, dass wohl der Großteil seiner Ergebnisse der jahrelangen Ahnenforschung, mit Dokumenten und Bildern, in die Müllbehälter gegeben wurden, sofern er nicht vorher auszugsweise Kopien an Verwandte gegeben hatte. Seine Frau Brunhilde starb am

09. August 2003.



2


Johanna Wilhelmine Marie

Runge


oo I:


29.12.1891

Friedrich

Dankhoff










oo II:

08.08. 1896

Emil Seehafer




Johanna, genannt Hannchen, wurde in Weißensee bei Berlin am

11. März 1873 abends ¼ 9 Uhr als zweites Kind der Familie Runge geboren. Die Taufe durch den Prediger Schadow fand am 01. Juni 1873 in der Dorfkirche zu Weißensee statt. Das war in jenem Jahr der

1. Pfingstfeiertag. Die Paten:

1. Herr C. Glaeser, 2. Herr W. Schmidt, 3. A. Sieke, 4. Frl. Johanna Goecking, 5. Herr Baez. Kirchenbuch Weißensee 5 / 1873. Zentralarchiv Berlin, S. 470, Microfiche-Gruppe 8858.

Am 7. März 1889 wurde Johanna in der evangelischen Kirche St. Markus zu Berlin konfirmiert.

Ihre erste Ehe schloss sie mit 18 Jahren in Berlin am 29. Dezember 1891 mit dem Fleischermeister Friedrich Wilhelm Dankhoff (oder Dankhof geschrieben), der in Zeitz am 09. Juni 1865 geboren war. Bereits knapp zwei Jahre nach Eheschließung starb er mit 28 Jahren in Berlin, am

23. Oktober 1893 an der Lungenschwindsucht. Am 27. Oktober beerdigte man ihn auf dem Friedhof der Moabiter Johanniskirche.

––––––

Aus dieser kurzen Ehezeit stammte die Tochter Frieda Johanna Dankhoff (genannt Friedel), die in Berlin am 07. Oktober 1892 geboren war. Witwe Friedel heiratete den jungen Gustav Hermann Gottfried Liebnow (geboren am 30. Mai 1898) in Berlin, am 22. Oktober 1923.

Das Ehepaar lebte in Berlin-Pankow, Miltenberger Weg 16, 2 Treppen hoch. Diese Ehe blieb kinderlos. Gustav war ein höherer Beamter, der im Zweiten Weltkrieg als Soldat fiel. Friedel lebte nach dem Tod ihres Mannes bei ihrer Halbschwester Dörthe Kühnbaum in Neukölln, Treseburger Ufer 44.

In den 1950er Jahren hatte Friedel eine Brustoperation und seitdem einen ständig stark geschwollenen, schmerzenden, kaum bewegbaren Arm. Im höheren Alter wurde dieser Arm amputiert und von da an ging es ihr relativ besser. Zum Lebensabend wohnte Friedel in einer kleinen Wohnung im Britzer Damm 106, Tel. 6 06 74 52. Ihr kleines Vermögen sollte eigentlich der Tierpflege zugute kommen. Friedel starb am 23. Februar 1982 unter seltsamen, wohl nie zufriedenstellend aufgeklärten Umständen. Ihr Testament wurde kurz vor ihrem Ableben geändert, zugunsten einer Person des Pflegedienstes.

–––––––

Nun aber zurück zur Mutter Johanna: Knapp drei Jahre nach dem Ableben von Friedrich Wilhelm Dankhoff heiratete Johanna am

08. August 1896 den Emil Julius Seehafer, geb. 05. November 1865 zu Althof im Kreis Bromberg, einen Sohn des Ackerwirts Friedrich Seehafer und seiner Ehefrau Albertine Caroline geborene Diedrich. Johanna und Emil wohnten gemeinsam mit Johannas Geschwistern (aber in getrennten Wohnungen) im Hause Spenerstraße 32, in Berlin-Moabit, in dem Haus, dass ihr Vater Carl Heinrich Franz Runge (Zimmer- und Maurermeister) gebaut hatte. Um etwa 1907 bis 1928 lebten sie in Pankow, Blankenburger Straße 2, II.

Gestorben ist Johanna in Berlin-Niederschönhausen, am 12. August 1942.



3


Henriette Bertha Franziska

Runge


oo



Richard Oscar

Eschert




Franziska wurde in Weißensee, Goethestraße 25, am 04. Juli 1874 früh um ½ 4 Uhr geboren. Die Taufe in der Kirche Weißensee vollzog am 30. August Prediger Betke. Die Taufpaten waren: 1. Herr Laas, 2. Frau Laas, 3. Frau Runge – alle aus Berlin. KB Weißensee 16 / 1874.

Zentralarchiv Berlin S. 470, Microfiche-Gruppe 8858.

Man nannte das Kind "Fränzi". Geheiratet hat sie in Neuendorf bei Potsdam, in der neu erbauten Bethlehemkirche, am 19. Januar 1903 den Gustav Richard Oscar Eschert. Dieser war in Berlin am 11. Oktober 1872 geboren worden. Sein Vater war der Berliner Schlosser Wilhelm Friedrich August Eschert. Die Eschert-Sippe waren Neuendorfer Einwohner aber auch in Berlin ansässig. Die Verbindung wurde wohl dadurch gefördert, dass ihr Vater seit längerer Zeit bereits in Neuendorf lebte.

Der Wohnort von Franziska und Richard Oscar war später in Berlin, u. a. in der Spenerstraße 32, in dem Haus, welches ihr Vater / sein Schwiegervater Franz Runge erbaut hatte. Sie wohnten im 2. Obergeschoss. Für dieses Haus war Richard Eschert als Verwalter eingesetzt.


Franziska und Richard hatten zwei Kinder:


- Franziska Luise Gertrud Eschert, geboren in Berlin am 06. Januar 1904. Gertrud blieb unverehelicht und hatte keine Kinder. Sie starb wohl 1993 in Frankfurt (Main).


- Franz Wilhelm Günther Eschert, geboren in Berlin am 24. Juni 1906. Er heiratete mit 28 Jahren die bald zehn Jahre ältere Anni Wassermann (geboren am 21. Juni 1896). Die Ehe dieser beiden blieb kinderlos.


Franziska starb in Berlin am 22. Juli 1945.

Richard starb in Berlin am 15. August 1945.



4


Bertha Amalie

Runge




Sie erblickte in Weißensee bei Berlin am 19. September 1875 um 7 Uhr morgens das Licht der Welt. (Standesamtsregister Weißensee Nr. 94 / 1875, Standesbeamter Liebheim). Getauft wurde sie von Prediger Toepfer am 16. Oktober 1875. Die Paten: -. Herr Direktor Feldmann und Frau, - Gärtner Pengel mit Frau und Tochter, - Bauerngutsbesitzer Herr Wegner und Frau, - Cossäth Meisvier und Frau, - Gütjartow(?), Schuhmacher und Frau. KB in Weißensee Nr. 49 / 1875.

Zentralarchiv Berlin S. 470, Microfiche-Gruppe 8858.

Ein reichliches Jahr nch der Geburt, am 15. Oktober 1876, vormittags

10 ½ Uhr, verstarb das Kleinstkind, Greifswalder Straße 9, in Weißensee. (Berlin Standesamt VIII, Königsstadt, Nr. 2204).


5

Anna Margarete

Runge


oo

am 29.06. 1905


Max Sommer



Margarethe wurde in Weißensee am 05. Januar des Jahres 1880 geboren. Sie lernte später im Lette-Verein in Berlin Hauswirtschaft und war dann in einem jüdischen Haushalt (Oppenheim?) in Berlin als Wirtschafterin tätig.

Geheiratet hat sie Rudolf Max Sommer, Schlosser und Elektrotechniker in Potsdam und Nowawes/Babelsberg, der am 21. September 1875 geboren war. Die Trauung fand am 29. Juli 1905 in Neuendorf, in der Bethlehemkirche, statt.

Wohnung: Nowawes, Priesterstraße 68 = Babelsberg, Karl-Liebknecht-Straße 121.


Das Ehepaar hatte zwei Kinder:

- Max Fritz Franz Sommer (genannt Hans), geboren in Nowawes am

05. Mai 1906. Nach dem Besuch der Beethovenschule (Realgymnasium) lernte er Elektroinstallateur im Betrieb seines Vaters. Beim Hockeyspiel zog er sich eine Knieverletzung zu. Das Gewebe entartete. Das Bein musste amputiert werden. Hans starb am 03. September 1926 (unverheiratet und kinderlos) im Alter von reichlich 20 Jahren an Krebs.


- Das zweite und letzte Kind war Anne-Marie. Sie wurde in Nowawes am 06. Juli 1913 geboren und heiratete mit 28 Jahren den Techniker Alfred Richard Janecke.


Vater Max Sommer starb in Babelsberg, Städtisches Krankenhaus, am 23. November 1945.

Mutter Margarethe Runge, verheiratete Sommer, starb ebendort am

03. November 1949. Sie ruhen auf dem Friedhof an der Goethestraße in Potsdam-Babelsberg.



6


Paul Runge


oo

29.09.1938


Margarethe Lehrke


Paul ist als letztes Kind des Ehepaares Runge in Weißensee am 09. August 1885 geboren worden. Während seiner Geburt erlitt wohl die inzwischen 40-jährige Mutter einen Schlaganfall, der ihre Lebensqualität von diesem Zeitpunkt an stark beeinträchtigen sollte.

Paul lebte als Junggeselle im rechten Seitenflügel des Hauses Spenerstraße 32, das sein Vater gebaut hatte.

Eine Ehe, als sein letzter Wunsch, wurde am 29. September 1938 im Krankenhaus geschlossen, als er im Alter von 53 Jahren auf dem Sterbebett lag – mit der von ihm verehrten Margarethe Lehrke (ledige Mutter einer Tochter, die als Sekretärin tätig war). Paul starb noch am Tag der Trauung, den 29. September 1938. Paul hatte keine Kinder.




1871

Und wir gewannen schon wieder einen Krieg, den viele Soldaten auszubaden hatten. Unser König erhält die Kaiserwürde – am 18. Januar. Die Krone wird ihm aber nicht etwa in einer der Residenzen Berlin oder Potsdam aufs Haupt gedrückt, nein es wird ein Ausflug bevorzugt, um dieses Fest im gerade niedergerungenen Frankreich zu feiern. In dessen Residenz. Im Schloss Versailles. Das ist schon mehr als eine starke Geste.

Aber immerhin sind wir nicht mehr nur Preußen, sondern (noch ungewohnt) das Deutsche Reich. Das zweite Reich sozusagen, denn ein Deutschland unter Kaisern gab es ja schon einmal im Mittelalter, allerdings damals noch mehr römisch und auch recht heilig. Nun wird auch eine neue Währung eingeführt. Ein etwas komischer Name: Die „Mark“ zu einhundert Pfennigen. Komisch, weil wir ja in der Mark Brandenburg leben, im früheren Grenzland zwischen Slawen und germanischen Stämmen und eine neue Währungsbezeichnung ist ja sowieso gewöhnungsbedürftig. Taler, Groschen und Sechser des Nordens gelten von nun an ebenso wenig, wie im Süden die bisherigen Gulden und Kreuzer. Die Zukunft weiß, dass dies bis zum Ende des Jahres 2001 auch so bleiben wird.

Von diesem Jahr an gibt es Korrespondenzkarten für kürzere Mitteilungen. Man braucht keine Briefe mehr zu falten – jeder kann alles lesen.


Marie gebar dann, wie etwa vorauszusehen, am 16. Juli unser erstes, ja schon ein bisschen bekanntes Liebes-Kind, das am 24. September in der St. Marcus-Kirche getauft wird und das wir Carl nennen. Carl Robert Franz Runge. Ein schöner Name. Alt und deutsch. Die Taufzeugen sind: Carl Götte, Herr Kläpius, Herr Kufstaedt, Robert Hass und Fräulein Johanne Göcking.

Ja, ja, später merken wir, dass Sohn Carl von uns beiden Elternteilen etwas mitbekommen hat. Von Marie die Liebe zum Meer (das ist auch sicherer), denn er wird Seemann, von mir die Freude am Handwerk. Er wird im Elektrofach lernen.


Da wir, wie geschildert und leise verraten, gut in Übung sind, erweitert sich unsere Familie in den Jahren um einige Mädchen. Eigentlich sollte ein Junge dabei sein, damit ich mal wieder den ehrenvollen Namen „Franz“ einstreuen kann. Mal sehen, wie ich das gestalten werde.


1872

Am Mittwoch, dem 24. Januar, erlischt das Lebenslicht meiner Schwiegermutter Johanne Magdalene Karoline Glaeser, geborene Fohrmann, in der Hansestadt Hamburg. Sie wurde 68 Jahre alt. Im Kirchenkreis St. Pauli findet sie ihre letzte Ruh’.


1873

Unsere Johanna Wilhelmine Marie wird am 11. März 1873 geboren.


In Berlin beginnt man die Abwässer zentral zu erfassen. Vorerst werden in den Straßen Kanalisationsleitungen verlegt und in den Häusern, oft auf den Treppenabsätzen Klosetts installiert. Nun werden die Straßen sauberer und die Profession der Emmas, die bislang in der Nacht diese Art von Geschirren leerten, wird wohl aussterben. Der alten Methode wird wohl niemand eine Träne hinterher weinen.


1874

Von dem nächsten Mädchen wurde Marie am 04. Juli 1874 entbunden. Marie steuerte die Namen Henriette und Bertha hinzu und ich wählte den Hauptnamen Franziska aus. Na, geht doch.


1875

Bertha! Das „Licht der Welt“ sah die Kleine erstmals am 19. September 1875. Bertha wird in unserer Erinnerung ewig die Kleine bleiben, denn sie starb am Beginn ihres zweiten Lebensjahres, im Oktober '76.


Unser Preuße Heinrich Schliemann hat sich die Aufgabe gestellt, im osmanischen Reich die fast vergessene, sagenhafte Stadt Troja zu finden und auszugraben. Und ich befasse mich nur mit einzelnen Bauwerken, errichte nicht gleich ganze Städte.


1876

Es kommt schon etwas überraschend: Ich werde plötzlich 30 Jahre alt. Wir wohnen nun in der Greifswalder Straße 9. (E!). Dieser Buchstabe, bitte, steht für Eigentümer. Wir sind inzwischen schon ein bisschen „Wer“!

Tief betrübt hat uns, wie ihr es euch vorstellen könnt, das Ableben unserer kleinen Bertha.


Der Erfinder Nikolaus Otto stellt einen Viertakt-Benzin-Motor vor, der im Austausch zu den Pferden vor die Kutsche gespannt werden soll.


1877

Gemeinsam mit dem befreundeten Zimmermeister Friedrich Wilhelm Julius Schmidt kaufe ich ein Haus in der Stralauer Straße No. 49. Nicht, um da zu wohnen – wir denken, diese Anlageform des Geldes wird sich mit den Mieteinnahmen günstig entwickeln. Dieses Haus ist ein altehrwürdiger Bau. Er wurde anno 1690 als Wohn- und Brauhaus errichtet und später mit einem Seiten- und Quergebäude auf dem Hofe und auf der Wiese erweitert. Ein Gang am Hause führt zur Spree hinunter. Ein schönes Spree-Wassergrundstück. Wie ein „Filet“ nimmt es sich zwischen den Nachbarflächen aus.


Dieser Tage wurden von der Postverwaltung die ersten beiden Telefonanschlüsse fest miteinander verkabelt. Wenn das Mode wird, wird ja die Luft über einigen Straßen wie Spinnengewebe aussehen – oder wie?


1878

In Hamburg, im Kirchenkreis von St. Pauli, stirbt nun auch mein Schwiegervater, der Maurermeister Johann Christoph Glaeser, am 19. September, 74 Jahre alt.


Zwei Attentate auf den Kaiser sind in Berlin zu beklagen, doch er ist diesen nicht zum Opfer gefallen.


1879

Berlin macht wieder von sich reden: Siemens und Halske bauten die erste kleine elektrische Lokomotive der Welt. Jene bekam Wägelchen angehängt und so zuckelt der Zug mit den Besuchern der Gewerbeausstellung durch das Schaugebiet. Siemens beleuchtete auch versuchsweise die Leipziger Straße elektrisch.


1880

Unser Töchterchen Anna Margarethe wird am 05. Januar 1880 geboren. (Sie ist eine der Großmütter des Autors dieses Berichts).


Seit einem Jahrzehnt bin ich nun Zimmermeister. Ihr müsst euch das anders vorstellen, als ihr, die viel später Geborenen, das kennengelernt habt. Zu meiner Zeit errichtet ein guter Zimmer-Meister oder ein Maurer-Meister die Gebäude komplett. Vom Grundstückserwerb begonnen, über die Gebäudeplanung, das Verfassen der Entwürfe. Dazu gehörend die Baubeschreibungen, alle Finanzierungs- und Materialzusammenstellungen, die statischen Berechnungen, das Abstimmen aller Gewerke untereinander, die handwerkliche Ausführung – dafür stand letztlich ein Mann in der Verantwortung. Also: Maurer-Meister oder Zimmer-Meister bauen diese herrlichen Wohnhäuser. Große Ingenieur- und Architekturbüros (wie sie später in eurer Zeit, in hundert Jahren, üblich sind), in denen immer einer ein bisschen was vom Ganzen versteht und bearbeitet, sind uns nicht geläufig. Selbst Wenzeslaus v. Knobelsdorff und Karl Friedrich Schinkel trugen vorerst den schlichten Titel „Baumeister“ und waren doch auf der ganzen Linie, allumfassend, einfach genial.


Wissenschaftler der Medizin entdeckten verschiedene Bakterienarten, die für übertragbare Krankheiten verantwortlich sind. Und verantwortlich fühlen sich manche Wissenschaftler für die Suche nach Mitteln und Methoden, um diese Krankheitserreger zu bekämpfen, was sehr schwierig scheint, obwohl jene Erreger so "lächerlich" klein sind. Kein Grund zum Lachen.


1881

Zar Alexander II von Russland stirbt nach einem speziell auf ihn abgezieltes Bombenattentat.

Doch das Leben geht weiter. Siemens und Halske stellen nun die erste elektrische Straßenbahn der Welt vor. Diese Linie führt vom Bahnhof Lichterfelde-Ost zur Hauptkadettenanstalt (und zurück). Mit 40 km/h braust sie während des Testbetriebes davon. Leichthin. Vollbeladen. Später, im regulären Betrieb, darf sie nur halb so schnell sein. Amtsvorschrift! Wie sollten sonst Pferdefuhrwerke oder Passanten fix genug ausweichen oder der Gendarm einen mit der Bahn flüchtenden Dieb verfolgen können?

Das Berliner Telefonnetz besitzt inzwischen 99 Anschlüsse. Es gibt dazu das „Begleitbuch der 99 Namen“ mit einer ausführlichen Benutzungsanleitung ... wie man die Hörmuschel von der Gabel abnimmt, wie man das Frollein vom Amt anspricht, um sich verbinden zu lassen ... .


1882

Herr Dr. Ernst v. Bergmann, der berühmte Arzt bringt Trapp in seine Kollegenschaft – zumindest in jene, die ihm untersteht (andere belächeln ihn noch nachsichtig). Er fordert von jedem Arzt, sich vor der Behandlung die Hände zu waschen! Er verbannt die schwarzen Fracks aus den Krankenhäusern, die vom Fleiß ihrer Träger künden, wenn sie steif stehen von getrocknetem Blut und Eiter. Er führt helle waschbare und desinfizierbare Kittel und Schürzen ein und hat damit gute Erfolge. Wunden heilen besser. Wesentlich weniger Verletzte sterben in seiner Einrichtung.


Versuchsweise beginnt man das holprige Straßenpflaster mit einer Schicht heißen Asphalts zu überziehen, der eine schöne, glatte Oberfläche ergibt.

Siemens & Halske lassen in Berlin einen elektrischen Oberleitungsbus fahren – mit gutem Erfolg (besonders auf dem Asphalt rollen die Holzspeichenräder mit ihren Eisenreifen leiser).


1883

Es stirbt am 31. Januar nun auch mein Vater, der Zimmermann Erdmann Daniel Franz Runge, im Alter von 67 Jahren, in seiner Wohnung in Weißensee, Falkenberger Straße 32. Wir tragen ihn am 04. Februar zu Grabe. Im Kirchenbuch findet man die pfarramtliche Eintragung unter der Nr. 7 / 1883.


Die Welt wird erschüttert von des Ausbrüchen des Vulkans Krakatau in Indonesien. Die Berichte sprechen von grausamen Auswirkungen. Allein schon die Druckwelle konnte auf der gesamten Erde! gespürt werden.


1884

Deutschland wird Kolonialmacht, so wie der Kaiser es schon immer gerne wollte.


1885

Unser zweiter Sohn schließt nach den Mädchen, den Reigen der Kinder ab. Paul – „der Kleine“ heißt er. Er ist unser letztes Kind. Marie ist jetzt im 40. und sechs Geburten sind ja auch ausreichend. Denken wir. Müssen wir denken, denn Marie wurde doch in dieser Schwangerschaft absonderlicher als zuvor und erlitt während der Geburt auch einen Zusammenbruch, den die Ärzteschaft als Schlaganfall bezeichnete, der seine Spuren dauerhaft in ihrem Geist, ihrer Seele und der Körperkraft hinterließ.


Der „Petroleum-Reitwagen“, das ist das erste Motorrad der Welt. Es wurde von Gottlieb Daimler im wesentlichen aus Eichenholz gefertigt (der Motor beispielsweise aber nicht). Ebenso kennzeichnet das erste dreirädrige Automobil von Carl Benz, die weitere stürmische Entwicklung in unserer Zeit.


Auf der Havel zwischen Spandau und Potsdam leben etwa 2.000 Schwäne. Denen scheint es hier auch zu gefallen.


1886

Nun habe ich schon das 40. Lebensjahr erreicht.

Irgendwie läuft unsere Ehe nicht mehr so. Mit Marie wird es schwieriger, ihr Verhalten ist oft seltsam. Konflikte hatten sich schon immer mal über lange Zeit angebahnt, doch wir fanden immer wieder zusammen. Zumindest ist diese Ehe nicht mehr von Zuneigung und immer währendem Verständnis getragen, obwohl wir ja in den vergangenen 15 Jahren immerhin sechs Kinder miteinander zeugten und uns bemühten. Marie wohnt in Weißensee, im Kolonistenhaus Goethestraße 25, wir aber, also die größeren Kinder und ich, wohnen inzwischen separiert in Weißensee, Elbinger Straße 11. Ich möchte auch nicht, dass die Großen ihre Mutter in Weißensee besuchen – es sind doch zu schwierige Verhältnisse, bedauernswerte Zu- und Umstände, da Marie den Kindern nichts geben kann, eher selber einer pflegenden Stützung bedarf.

Über die Pfingstfeiertage fahre ich mit den Töchtern Johanna, Franziska und Margarethe in das Riesengebirge. Wir wollen diese Tage gern an und auf der Schneekoppe verleben. Nach langer Wanderung kommen wir abends müde bei der Baude an. Die regulären Unterkünfte waren zwar schon belegt, aber da es bereits dunkelte und man mich nicht gut mit den drei Kindern in der Nacht in die unbekannten Gegend schicken konnte, erhielten wir eine Notunterkunft. Nach heißem Tee und kräftigem Essen erwachten die Lebensgeister der Gören wieder und statt auch mir etwas Ruhe zu gönnen, entbrannte zwischen den Mädels eine Kissenschlacht, eine übermütige schwesterliche Balgerei, in deren Verlauf ein fußloser Mädchenschnürstiefel gegen die Holzbretterwand der Kammer flog. Aus dem Nebenraum ertönte das sonore mäßige Räuspern eines ebenfalls ruhebedürftigen Nachbarn, das durch die leichte Holzwand sehr gut vernehmbar war, was die Kinder erschreckte und ihnen augenblicklich Ruhe gebot.

Am nächsten Morgen grüßte uns vom Nebentisch zur Frühstückszeit ein gut situierter Herr. Es war der Pastor Dr. Hoppe, der Vorsteher von dem bekannten Nowaweser Oberlin-Haus. Er meinte augenzwinkernd – er habe fast die ganze Nacht kein Auge schließen können, da er doch (im benachbarten Notquartier) auf das Poltern eines zweiten Stiefels gewartet habe.

Nachbemerkung mit einer Sicht in die Zukunft: Meine spätere kleine Enkelin Anne-Marie Sommer wird um 1920 mit ihrer Mutter, also meiner vorgenannten Tochter Margarethe (wie fast täglich zum Einkauf) durch Nowawes gehen. Ganz erstaunt ist sie, als ihre nun schon über 40jährige Mutter Margarethe plötzlich einen Knicks vor einem älteren Herrn als Zeichen der Ehrerbietung macht, als sie sich begegnen. Es war wieder der Pastor Dr. Hoppe aus der Baude von der Schneekoppe. Ja, manche verhalten geräusperten pädagogischen Winke haben eine jahrzehntelange Wirkung.


Nachdem ich nun mit Erfolg verschiedene Wohnbauten errichtet habe, will ich daran gehen und ein Haus bauen, in dem später auch meine Kinder leben können – wenn sie wollen. Es soll sehr gut und solide ausgeführt werden, eben ein Haus von typischer Runge-Qualität und womöglich einen Jahrhunderte langen Bestand haben. Dafür denke ich mit Bedacht an das Moabiter Gebiet, das gegenwärtig erschlossen wird.

Es findet sich auch der finanzkräftige Auftraggeber, also der Bauherr (denn ich baue zwar, habe aber nicht so viel Geld flüssig). Die Urkunde für das Grundstück ist vorerst ausgestellt auf: Straße 15a, Parzelle 1, in Moabit, Kreis Niederbarnim, bei Berlin. Die Erwerber dieses Landstücks, wie auch der benachbarten Parzelle 2, sind „N. Oppenheim und Söhne“. (Inhaber der Bankgeschäfte Julius und Louis Oppenheim, Jerusalemer Straße 19 und 20). Die Verhandlungen mit ihm gehen zügig voran, ich bekomme den Zuschlag für das Bauen. Oppenheim folgt meinen Empfehlungen. Er ist ein gewiefter Geschäftsmann. Die Verwaltung kommt gar nicht so schnell nach, wie sie von den Bauwilligen gedrängt wird. Schon muss die Baugrundstücksnummerierung neu geordnet werden. Jetzt ist es an gleicher Stelle die Parzelle Nr. 35. Schon wird die Bauflucht mit dem Absteckungs-Attest festgelegt: Am 25. April 1886 sind in der Straße 15a für die Parzelle 35, (bald in Parzelle 46 umgeschrieben), vom Maurerpolier Herrn Fick, die Winkelzeichen in die Bordschwelle (der Granitkante zwischen Fahrbahn und Bürgersteig) für den Oppenheimschen Neubau eingemeißelt worden.

Inzwischen erarbeite ich sämtliche Bauunterlagen für das Haus und für die Baupolizei, natürlich komplett einschließlich der detaillierten Baubeschreibung, der Zeichnungen und statischen Berechnungen usw. usf.

Am 17. Dezember 1886 ist dann der „Bau-Erlaubnis-Schein“ Nr. 2420 für „die unbenannte Straße 15 a“, Parzelle Nr. 46, ausgestellt worden. Es darf ein Wohngebäude in folgender, beantragter Kubatur errichtet werden:

1. Vorderhaus: 18,83 m lang; 14,10 m tief; 22,95 m hoch.

2. Seitenflügel, rechts: 14,41 m lang; 6,74 m tief; 22,95 m hoch.

3. Seitenflügel, links: 14,40 m lang; 6,74 m tief; 22,95 m hoch.

4. Quergebäude: 18,83 m lang; 11,60 m tief; 22,95 m hoch.

5. Anbau im 2. Hof, rechts: 5,34 m lang; 2,80 m tief; 20 m hoch.

6. Anbau im 2. Hof, links: 5,34 m lang; 2,80 m tief; 20 m hoch.

Noch am Tage der Ausstellung des Bau-Erlaubnis-Scheines ist Baubeginn.


1887

Am 07. Juli sichere ich mir ein Trennstück vom Bauland in der Größe von 8 Ar und 65 qm, durch Kauf bei der Aktiengesellschaft Alt-Moabit. Indessen geht die Vierseiten-Umbauung des Hofes wunschgemäß zügig voran. Alles läuft preußisch korrekt wie am Schnürchen.

Im Herbst können die Oppenheimers ein Richtfest geben. Am 26. November ist es soweit! Ich kann der Baupolizei im Königlichen Polizeipräsidium anzeigen, dass der Neubau in der Straße 15a, Parzelle 46 fertig gestellt ist – bitte, zur gefälligen Abnahme desselben.

Nachtrag: Dieses Grundstück wird später, nachdem die Straßenzeile fertig bebaut ist, die Spenerstraße 32 sein. Nicht mal ein Jahr haben wir für das gewaltige Vier-Seiten-Gebäude benötigt. Nun kann dieser große Bau schon in diesem Winter trocken geheizt (gewohnt) werden.

Der Namensgeber für die Straße war Philipp Jakob Spener. Er lebte von 1635 bis 1705, war Probst in Berlin und gilt als Begründer des Pietismus. Wollen wir davon ausgehen, dass auch unser Haus unter seinem Segen steht. Wir aber wohnen weiterhin in Weißensee, Elbinger Str. 11.


1888

In diesem Jahr sieht Deutschland drei Kaiser. Der nun hochbetagte Kaiser Wilhelm I. starb. Nach 99 Tagen des Regierens folgte ihm sein krebskranker Sohn Kaiser Friedrich III. Und nun ist der erst 29jährige Wilhelm II. unser Kaiser. Hoffentlich geht’s gut.


1889

Am 07. März wird Johanna eine Woche vor ihrem 16. Geburtstag in St. Markus konfirmiert.


Weltausstellung in Paris. Viele ganz hervorragende Ausstellungsstücke soll es geben (ich war ja nicht selber dort). Eines davon avanciert bereits zum neuen Wahrzeichen von Paris: Der 300 Meter hohe Stahlturm des Gustave Eiffel. Wenn das Schinkel hätte noch erleben dürfen.

(Für das Jahr 1889 steht im Berliner Adressbuch Herr Göttling, ein Kaufmann, als Eigentümer des Hauses Spener Straße 32).


1890

Nichts als Ärger mit den Leuten. Am 03. August entstand vormittags um 6 Uhr und 9 Minuten in der Frühe (so das überpeinlich genaue Polizeiprotokoll) ein Brand im Vorderhaus meines schönen Neubaus in der Spener Straße 32. Es brannten feucht eingelagerte Presskohlen im Keller nach Selbstentzündung. Nach dem Forträumen der Briketts wurde mit Wasser gelöscht.

(Für das Jahr 1890 steht im Berliner Adressbuch Herr Hornemann, Ziegeleibesitzer und Steinhändler, als Eigentümer des Hauses Spener Straße 32).


Inzwischen habe ich meinen schönen Großbau vom momentanen Besitzer erworben.

Gut gebaut – gut gekauft. Die Saat meiner Planung ist voll aufgegangen.

Doch keine Rose ohne Dornen: Von den Läden im Erdgeschoss habe ich auf Wunsch der Ladenmieter nachträglich je eine Wendeltreppe in den Keller (mit Klappe im Fußboden als Zutritt) vorgesehen. Eine kleine Leistung für den Baufachmann. Das kam jedoch dem Polizei-Lieutenant Albrecht zu Ohren und schon gab es eine Anzeige, da ich nicht vorher um eine Genehmigung zu dieser Baumaßnahme in meinem Hause! nachgesucht hatte, eine bürokratische Sache, die länger dauert, als die Bauleistung daselbst. Nun gut, ich habe das Gesuch beim Königlichen Polizei-Präsidium ohne weiteres schuldhaftes Verzögern ergebenst nachgeholt. Jetzt mag der Amtsschimmel ruhig wiehern und lange Zeit brauchen. Es ist ja schon alles schön fertig.


Der neue junge Kaiser hat Bismarck zum Herzog gemacht und ihn auf ein schönes Altenteil verschoben. Er wollte ihn einfach los sein. Junge und alte Ansichten vertragen sich oft nicht und beide wollten sie wohl manchmal mit dem Kopf durch die Wand.


1891

Meine Große, die Tochter Johanna, sie ist wohl von unserem Nachwuchs die Blitzgescheiteste, heiratet nun mit 18 Jahren und mitten im Winter, am 29. Dezember den Fleischermeister Friedrich Wilhelm Dankhoff. Da sitzt sie nah bei den Töpfen.


Otto Lilienthal segelt 15 Meter weit durch die Lüfte. Dr. Karl Ludwig Schleich hat die örtliche Betäubung erfunden. Jetzt können kleinere Probleme schmerzarm operiert werden, ohne den gesamten Menschen mit einem Gefühl des Erstickens in den Kunstschlaf zu bringen. –

In dem zurückliegenden Jahr sind in Preußen mehr als 36.000 Menschen an der Bräune gestorben. Zum Weihnachtsfest gelang es Dr. Emil v. Behring zahlreiche Kinder mit seinem neuen Heilserum vor dem Tode der „Diphtherie“ zu retten. Ein großartiges Geschenk.


1892

Der Bau der Transsibirischen Eisenbahn beginnt. Die Gewerkschaften beschließen, nun auch Frauen in die Reihen ihrer Mitglieder aufzunehmen.

In Hamburg bricht nochmals eine Cholera-Epidemie aus. Es wird die letzte sein, denn auch gegen diese Infektionskrankheit werden bald ausreichende Mengen des Schutzimpfstoffs anwendungsbereit sein.

Freude und Leid liegen oft dicht beieinander. Tochter Johanna (Dankhoff) entlässt Anfang Oktober ihre erste Tochter, Frieda, das lütte Friedelchen, aus dem Mutterschoße ins raue Leben.

Meine gute Mutter stirbt am 15. November 1892 in Weißensee im gesegneten Alter von 80 Jahren in ihrer Wohnung, Falkenberger Straße 32. Das Ableben ist im dortigen Kirchenbuch unter der Nr. 592 / 1892 vermerkt.

Ich sehe vor, demnächst in die Spener Straße 32 zu ziehen. Mit der Verwaltung des Hauses habe ich den Schuhmachermeister Lauk betraut. Das lässt sich für ihn günstig mit der Miete verrechnen.


1893

Nicht nur alte Menschen werden von höherer Stelle abberufen. Der junge Ehemann von Tochter Johanna, Fleischer Wilhelm Dankhoff, ist nach zweijähriger Ehe (und die war daran nicht schuld) im Alter von 28 Jahren an galoppierender Schwindsucht gestorben. Hannchen ist nun mit 23 Jahren Witwe, das kleine Friedelchen schon Halbwaise.


1894

Unsere Tochter Anna Margarethe hat nach den üblichen acht Jahren nun die Schulzeit abgeschlossen und wird im Lettehaus in die Geheimnisse der Hauswirtschaft eingeweiht. Dort ist sie auch im Internat untergebracht und während der Ausbildung am besten versorgt.


Der Grundstein für den neuen Dom an der Spree, an der Stelle des alten Gotteshauses von Boumann / Schinkel, wurde am 17. Juni gelegt. Das alte Gebäude war noch gut. Aber das neue Haus soll ein pompöses Bauwerk werden, um dem vatikanischen Dom auf dem Petersplatz „Paroli zu bieten“. Das Reichstagsgebäude nahe dem Brandenburger Tor ist fertig und wird am 05. Dezember eingeweiht. Es ist auch dieses ein prächtiges Bauwerk.


1895

Der norwegische Forscher Fridjof Nansen wollte mit einer großen Expedition den Nordpol erreichen, scheitete jedoch an den extremen Naturbedingungen.

Der Kaiser-Wilhelm-Kanal, der die Ostsee mit der Nordsee verbindet, ist fertig gestellt und wird feierlich dem Schiffsverkehr übergeben.

Am 01. November erlebte die Welt für einige lange Minuten die erste Filmvorführung der Welt mit. „Lebende“ Bilder, von einem Zelluloidstreifen, mit starker Lampe an die Wand geworfen. Erfinder sind die Brüder Skalandowski. Diese Neuvorstellung fand im Berliner Wintergarten statt – mit erklärenden Worten und Umrahmung vom Pianoforte. Unerhörtes Amüsement!


1896

Im Mai vollende ich mein 50. Lebensjahr. Tochter Johanna verlässt den Witwenstand, heiratet nun wieder und zwar den Wachtmeister Emil Julius Seehafer, der 1865 in Althof, Kreis Bromberg, geboren war. Er ist der Sohn des Ackerwirts Friedrich Seehafer und seiner Ehefrau Albertine Caroline (eine geborene Diedrich), die beide heute noch in Althof wohnen. Mein künftiger Wachtmeister-Schwiegersohn hat seine bisherige Wohnung hier in der Lehrter Straße 55 a. Johanna wohnt bereits in unserem Hause Spenerstraße 32.

Als Trauzeugen im Standesamt dienen ihnen bei der Eheschließung am 08. August '96 unser Freund, der 30jährige Frisör August Tost aus der Rathenower Straße 104, und ich, als ihr Vater. Der Standesbeamte, der diensteifrige Herr Knörke, schreibt den Ehevollzug fein säuberlich unter Nr. 389 / 1896 in sein Urkundenbuch ein. Emil Seehafer wird ja dann auch in den nächsten Tagen in der Spenerstraße 32 einziehen. So wird aus diesem großen Mietgebäude beinahe noch ein „Einfamilienhaus“. Na, darin lag ja auch meine Absicht.

Verwalter des Hauses Spener Straße 32 ist inzwischen der Schlosser G. Zober.

37 Mieterfamilien bewohnen zurzeit mein Haus.

Freude und Leid liegen wie so oft dicht beieinander:

Der kühne Aviatiker Otto Lilienthal stürzt am 09. August '96 mit seinem Segler am Gollenberg im Rhinower Land aus etwa 15 Meter Höhe ab und wird dabei mit Wirbelbruch tödlich verletzt.

Am 18. August findet die Einweihung des Kyffhäuserdenkmals statt. Das Völkerschlachtdenkmal (des gleichen Architekten) ist bei Leipzig-Probstheida im Bau. Es soll die Erinnerung an die Befreiungskriege gegen Frankreich und wach halten und die vielen ungezählten Opfer ehren.

Die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit finden in Athen, bei den Griechen statt.

In Treptow läuft seit dem 1. Mai bis zum 15. Oktober die Gewerbeausstellung. Weil es ja fast eine Weltausstellung ist, eröffnete der Kaiser höchstpersönlich das große Spektakel. Unglaublich Vieles, neue Entwicklungen gibt es zu sehen! Zu bestaunen!


1897

Am 21. April wird Tochter Johanna (Seehafer) von einem gesunden Sohn entbunden. Er erhält die Namen Franz Friedrich.

In Potsdam gelingt die erste deutsche drahtlose Telegraphie von Prof. Slaby und Graf Arco.


1898

Erstes Autorennen zwischen Berlin und Potsdam und am 23. April das erste Motorradrennen in Berlin. Ab Herbst wird es in Berlin Miet-Kraftdroschken geben – „Taxis“ wird man sie später etwas einfacher, kurz und bündig, nennen.

Es stirbt am 30. Juli der betagte Otto, Fürst v. Bismarck-Schönhausen.

10. September: Es erschüttert uns die Nachricht über den Mordanschlag eines offenbar verwirrten Einzeltäters auf die Österreichische Kaiserin Elisabeth, als sie mit einer Freundin an der Anlegestelle auf ein Dampfschiff wartete. Der Stich mit einer spitzen Feile direkt ins Herz führte zu ihrem Ableben. Der Täter hatte es nicht speziell auf sie abgesehen. Sie war ihm persönlich gar nicht bekannt. Er wollte nur an irgendjemanden von den Reichen seinen Unmut kühlen.

Auch unser märkischer Schriftsteller Theodor Fontane stirbt. Er allerdings aus Altersgründen.


1900

Mit Tochter Margarethe wohne ich in inzwischen in Neuendorf bei Potsdam, in der Forststraße 15 (spätere Lützowstraße 15, spätere Dieselstraße 12). Ihr wisst ja:

Mit Marie, meiner Ehefrau, lebe ich seit vielen Jahren lediglich separiert. Sie wohnt in Neu-Weißensee, Goethestraße 25, in dem friedrizianischen Kolonistenhaus, dort, wo ich vor vielen Jahren meinen Zimmerplatz eingerichtet hatte. Geschiedene Leute sind wir von Amts wegen mitnichten. Aber das ist nur ein familienrechtlicher Unterschied. Es war zu schwierig, damals seit ihrem Schlaganfall, als dass ein erquickliches Zusammenleben noch möglich gewesen wäre.


Am 07. August stirbt Wilhelm Liebknecht, Führer der Deutschen Sozialdemokratie.

Graf v. Zeppelin entwickelt sein erstes starres Motor-Luftschiff.

In Österreich wird herausgefunden, warum es bei Blutübertragungsversuchen von Mensch zu Mensch immer wieder zu plötzlichen Todesfällen kommt. Herr Dr. Landsteiner erkennt, dass es wohl vier zu unterscheidende Gruppen von Blut gibt, die sich miteinander nicht vertragen und benennt diese mit A, B, AB und 0.

Zwischen Wannsee und Zehlendorf wird der versuchsweise Betrieb mit einem elektrisch angetriebenen Zug aufgenommen.

Im Dezember hebt an der Glienicker Lake der Bau des Teltowkanals an. 1906 etwa soll er fertig sein.

In den Haushalten beginnt man elektrisches Licht zu installieren. Man hat dann statt der Petroleumlampe die nicht blakende Glühlampe aber für Ausfälle immer noch die bewährten Kerzen zur Hand, also „für gut“ sozusagen.

In Berlin wurden in diesem Jahr 2.712.200 Einwohner gezählt. Zu deren besserer Versorgung wurden kürzlich Markthallen eröffnet, weil die Emma-Läden das nicht schaffen können.

Wir begehen zum 31. Dezember eine Jahrhundertwende. Das erlebt nicht Jedermann. Hoffentlich bringt uns das neue Jahrhundert, das Zwanzigste, nur Gutes!


1901

Von diesem Jahr an, werden in Preußen alle erfassten Wetterdaten auch für die Nachwelt aufgehoben; die Wetterküche besitzt nunmehr regelmäßige Aufzeichnungen und hat ein Archiv.

Nichts als Ärger mit den Mietern (II): Unser Neuendorfer Postbote Müller (ein Königlicher Beamter, da kann ich als Zimmermeister und Maurermeister nicht mithalten) überbringt mir am 14. Februar eine amtliche Postzustellungsurkunde. Nanu – Post von der Regierung? Am 12. 02. im Berliner Amte verfasst. Der urkundliche Siegel-Brief enthält für mich die Nachricht, dass der Schuhmachermeister W. Husemann, der in meinem Hause Moabit, Spenerstraße 32, sein Ladengeschäft betreibt, im Lager-Keller eine Werkstatt für seinen Gesellen eingerichtet habe – ganz im Widerspruch zur Baupolizeiordnung stehend, denn der Keller ist nur 1,90 m hoch, wenn just auch dieser Geselle kleinerer Statur. Ständige Arbeit bei Lampenlicht und Kleber-Geruch ohne Fenster. Das erinnert doch etwas an Sklavenhalterei. Sieh’ mal da, wenn man nicht als Herr im Hause die Allgegenwärtigkeit zeigt, tanzen die Mäuse auf dem Tisch. Das habe ich nun von meiner schnellen Gutmütigkeit mit Falltür und Wendeltreppe zwischen Laden und Keller. So muss ich nun reagieren und dem Schuhflicker wird es saurer, das tägliche Brot gleichermaßen zu verdienen.

Am 01. Mai hat meine Tochter Johanna (Seehafer) nun nach Frieda und Franz, ihr drittes Kind geboren. Das Mädelchen soll in der Taufe den Namen Dorothea erhalten und dann auch gerne tragen. Vorerst wird sie schon mal Dörthchen gerufen – nur, dass sie noch nicht darauf hört und reagiert.


Am 27. Juli 1901, zur Mittagszeit, ist meine Ehefrau Marie Josephine mit 55 Jahren in Weißensee, in der Wohnung Goethestraße 25, für immer entschlafen. (Kirchenbuch Nr. 525 / 1901). Nun findet die gequälte Seele ihre Ruhe. Ich fahre noch einmal nach Hamburg (zu meinem Neffen Glaeser), um alles Erforderliche zu regeln.

Wieder ist ein Lebensabschnitt beendet.

Ich wohne, wie ihr wisst, inzwischen in Neuendorf bei Potsdam in der Luisenstraße 16 (das ist die spätere Wollestraße) in einem ebensolchen Kolonistenhaus aus der Zeit Friedrichs des Großen, ähnlich dem, wie wir es in Weißensee hatten. Ich bin Zimmermeister nun zwar noch, übe diese Tätigkeit aber seit einigen Jahren nicht mehr aus, überlasse diese Arbeit den Jüngeren. Ich trete ruhiger und werde im Adressbuch als Rentier geführt, was bitte nie schwedisch, sondern stets französisch auszusprechen ist. Das übliche deutsche Wort „Ruhegeldempfänger“ mag ich nicht, denn einerseits habe ich viel zu tun und überhaupt keine Ruhe, andererseits unterscheidet jenes auch nicht, ob die Rentenkasse oder wie in meinem Falle, ich selber etwas an mich auszahle – und das ist ein wesentlicher Unterschied!




Hier am Orte in Neuendorf, fand ich den Kontakt zu Anna Ulrich (geb. Schütte), die im Alter von 36 Jahren steht und verwitwet ist. Sie führt die Gaststätte „Deutsches Wirtshaus“ in der Potsdamer Straße 9 (spätere Wilhelmstraße 15, nahe Linden- und Charlottenstraße gelegen). Ihr Ehemann war Georg Adolf Hermann Ulrich, ausgebildet am Lehrerseminar in Neuruppin. Anschließend hatte er sich einige Zeit in den USA aufgehalten und nach der Rückkehr ein Porzellangeschäft in Cassel eröffnet. Zu jener Zeit lernte der Porzellan-Pädagoge dort wohl das zarte, noch halbe Kind Anna Schütte kennen, das in Cassel zu Besuch weilte. Viel später aber wechselte er in die Berliner Gastronomie, vielleicht, weil sein Bruder Walter Ulrich auch in dieser Branche tätig war und ist. Am 27. November des Jahres 1900, nachmittags um 2 Uhr war er in seiner Wohnung ganz plötzlich nach einem Schlaganfall im 44. Lebensjahr verschieden. (KB Neuendorf Nr. 62/1900: Alter: 43/8/2, Anzeige durch Wilhelm Schmidt aus Rixdorf. Bestattet am 01. Dez. 1900). Er hinterließ die Witwe Anna mit den beiden majorennen Söhnen Walter und Hermann, die damals noch in Cassel zur Welt gekommen waren.


Das ist zum Abschluss eine eigentliche Vorrede. Die Fortsetzung folgt im Jahre 1902. Ihr könnt diese im Lebenslauf Runge oo Schütte mit durchleben.


- Ende -