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Kindersanatorium in Bad Frankenhausen im Frühsommer 1957

Erholung im kleinen Kyffhäusergebirge am großen Thüringer Wald

 

Der Anlass

Die Einladung zum Verreisen kam von der Sozialversicherungskasse. Sie kam, weil ich angeblich zu dünn und recht lang gewachsen sei und außerdem in dem elterlichen Geschäftshaushalt ständig die „beißende Ammoniak-Luft“ einatmen muss. Die SVK hatte vom Kinderarzt aus der Kinder- und Jugendfürsorgestelle in der Babelsberger Karl-Liebknecht-Straße 113, den Bescheid über die Zweckmäßigkeit einer solchen Kur für mich bekommen.

Eine sechswöchige Erholungskur im Kindersanatorium „Helmut Just“, im Solbad Bad Frankenhausen, am Südhang des Kyffhäuser-Gebirges, in der Diamantenen Aue, (allein das hört sich doch schon gut an) steht also für mich auf dem Plan. Ein Teil der Zeit wird in den Großen Ferien liegen, so versäume ich nicht zu viel vom Unterrichtsstoff in der Schule.

 

Ankunft und Begrüßung

Nach langer Busfahrt, das kleine Kyffhäusergebirge liegt zwischen dem Harz und dem thüringischen Mittelgebirge, kommen wir in Bad Frankenhausen an. Der Bus bringt uns direkt bis vor das Heim in der Thomas-Müntzer-Straße. Am Treppenaufgang zum Haus kräftige Büsche süßaromatisch duftenden Flieders.

Haus? – es ist ein riesiges Gebäude. Etwa 100 Kinder können sich hier in jedem Durchgang erholen und jene, die ernsthaft krank sind, sollen auch möglichst wieder gesund werden. Das Haus steht am Weinberg (Wein sehen wir momentan nicht so recht, vielleicht wird er deshalb auch noch Fliederberg genannt). Direkt rechts neben dem Grundstück (wenn man von der Straße aus auf den Hang sieht), befindet sich der „Schlachtberg“, der diesen Namen nach den kurzen, grausigen Kämpfen am Ende des Bauernkrieges erhalten hat.

Gleich nach dem Aussteigen aus dem Bus, werden wir freundlich von der Leiterin des Sanatoriums begrüßt. Es ist Frau Ruth Liesegang. Sie schaut schon auf eine Reihe von Jahren der Leitung dieses Sanatoriums zurück. Man kann also sagen, nur wir sind für sie im Moment neu.

Nun werden wir, nach Altersstufen, in Gruppen aufgeteilt.

Zu unserer Gruppe gehören neben der Erzieherin, die wir ja zuerst nennen möchten, 26 Jungen. Zu den größeren, aber eben besonders zu den längeren, gehöre auch ich. Zu dieser jetzigen Zeit bin ich ziemlich genau 11 1/2 Jahre alt und habe etwa die gleiche Größe, wie unsere nette Erzieherin, Fräulein Jödicke, die aber auch Regina heißt. Die Erzieherinnen haben auch eine Art Dienstkleidung. Wir sehen sie stets mit weißen, gestärkten Schürzen – in Haus und Hof, beim Wandern aber nicht. Acht Erzieherinnen sind im Heim tätig, zwei Krankenschwestern und ein Arzt. In meiner Gruppe sehen die Jungen allerdings nicht besonders krank oder schwächlich aus. Alles fröhliche Kumpel – so ist mein Eindruck.

 

Einige Worte zum Haus und zur Kur

Seit 1818 wird diese Art von Heilkunst in Bad Frankenhausen schon gepflegt. In diesem Sanatorium aber noch nicht solange, denn es ist bedeutend jünger. Das erste Kinderkurheim richtete Frau Minna Hankel im Jahre 1879 an der Wipper ein, an dem kleinen Flüsschen, das sich seinen Weg durch Frankenhausen bahnt. Der Bau „unseres“ Erholungsheimes wurde vom Gewerkschaftsbund der Angestellten, unter dem Vorsitz des Herrn Hermann Hedrich in Auftrag gegeben und in den Jahren 1926 und 1927 errichtet. In jener Zeit führte Herr Hedrich in Hamburg auch eine große Krankenkasse für weibliche Angestellte. Das Haus ist also seinem Bemühen und seinen Geldquellen zu verdanken. Architekt des Hauses war der Leipziger Georg Wünschmann (1868 – 1937). Errichtet hat die „MIMA“ das Gebäude, das war die Mitteldeutsche Massiv-Sparbau GmbH aus Frankenhausen, unter Carl Boettger, der zum Bau noch weitere Auftragnehmer einbezog. Das Bauwerk besteht im wesentlichen aus dem heimischen Muschelkalksandstein. Ja, ich würde gern auch ein Architekt oder Bauingenieur werden.

So, nun wissen wir es. Das Gebäude ist gerade 30 Jahre jung, kein großes Alter für ein Haus. Deshalb sieht es ja auch noch ziemlich neu aus.

Im Jahre 1929 erhielt das Kurhaus, das Hermann-Hedrich-Heim, wie es hieß, eine eigene Solewasserleitung gelegt. Herr Hedrich brachte auch die Oberin (Vorsteherin des Hauses) und die ersten betreuenden Krankenschwestern aus Hamburg mit. In den folgenden Jahren erholten sich deshalb hier auch besonders viele kranke und schwache Kinder aus dem Raum Hamburg. 1935 erfolgte dann links am Haus der Anbau einer Schwimmhalle.

Als später im Zweiten Weltkrieg erste Bomben auf Frankenhausen abgeworfen wurden, schloss man das Erholungsheim und es wurde wohl erst um 1949 wieder eröffnet.

Vor wenigen Jahren bekam das Sanatorium einen neuen Namen, obwohl der Herr Hedrich, der das Heim bauen ließ, ein sehr guter, sozial denkender Mensch war – wie man hört. Das Sanatorium heißt jetzt „Helmut Just“. Dieser Helmut Just, hat aber mit diesem Gebäude oder mit Bad Frankenhausen nichts weiter zu tun. Das Haus erhielt diesen Namen zu seinem Gedenken. Er war ein junger Berliner Grenzpolizist. In Berlin, am 02. Juli 1933 geboren, – also gerade ein Jahrzehnt älter als die ältesten von uns. Er lernte Maler, diente in Berlin bei der Grenzpolizei und wurde dort am 30. Dezember 1952, im Alter von noch nicht einmal 20 Jahren, von der Kugel eines illegalen Grenzgängers tödlich getroffen. Es hätte genauso schlecht, auch umgekehrt geschehen können, denn das Überschreiten der Grenze ohne Genehmigung ist streng verboten. Es ist unter Lebensgefahr verboten, sich auszusuchen, wo man wohnen möchte. Die meisten der Republikflüchtigen besitzen aber wohl keine Waffen.

Wir hatten gerade noch im Mai, vor dem Ende des Schuljahres, die Schul-Wandzeitung unter dem Motto fertig gestellt: „Wir steh'n im Kampfe Tag und Nacht – der Grenzschutz unser Land bewacht“. Es gibt immer wieder schrecklich traurige Nachrichten.

 

Doch nun zurück in unsere Gegenwart

Wir wohnen in freundlichen hellen Zimmern. Das ganze Haus ist sehr sauber, gepflegt und es riecht ein wenig ähnlich wie in der Schwimmhalle. Aber einen ganz treffenden Geruchsvergleich habe ich nicht. Das macht die Sole - ohne „h“, der Salzwassergeruch eben, der von den Behandlungsräumen, die im Keller liegen, auch nach oben dringt.

 

Bald nach der Ankunft werden wir gemessen, gewogen und ärztlich beäugt.

Die medizinische Behandlung für uns alle, bezieht sich im Wesentlichen auf das Baden in den großen Holzwannen, die mit dem warmen, 5 % salzigen Wasser gefüllt sind. Es ist also ein halbstündiges herum Liegen oder Aalen, dabei die Seele baumeln lassen oder auch mal schwatzen, zweimal in der Woche. Das also ist die wohltuende Wirkung der Sole.

Auch gibt es einen Raum, in dem 2%ige Sole in der Raumluft vernebelt wird. Darin halten sich vorwiegend die Kinder auf, die mit erkrankten Lungen oder Bronchien anreisten. Wie ein Kapuziner sieht man in dem weißen Igelitumhang aus, inmitten des „Waschküchennebels“ und atmet und atmet eine halbe Stunde lang tief durch und alle Bronchienverästelungen und auch die Lungenflügel mit den kleinen Lungenbläschen, nehmen den heilsamen Solenebel auf und entfalten dort ihre gute Wirkung.

Salzig ist das Wasser deshalb, weil darinnen viel Natrium, Kalium, Calcium, Magnesium aber auch Fluoride, Sulfate und Chloride gelöst sind. Die ganze Welt scheint inzwischen davon zu wissen, denn sogar Elvis Presley singt das neue Lied: „O sole mio“.

Vom Wasser werden diese wertvollen Salze einfach aus dem Gebirge ausgewaschen. Dabei entstehen im Berg natürlich große Hohlräume. Wohin das führen kann, sehen wir beispielsweise an der Oberkirche „Unserer lieben Frauen am Berge“, die schon schräger steht, als der Schiefe Turm zu Pisa – aber trotzdem noch immer nicht ganz so berühmt ist.

Je nach dem, was der Arzt so für günstig hält, bekommen mehrere Kinder auch noch zusätzliche Einzelbehandlungen, zum Beispiel Hautbehandlungen oder andere Inhalationen oder auch die künstliche Höhensonne, die wieder ganz anders riecht.

 

Der Tagesablauf

Für sechs Wochen dürfen wir hier sein, da will man die Tage schon schön einteilen und auch manches Wissenswerte notieren (falls man es nicht behalten kann). Also, die Last des Einteilens, nimmt uns die Heimleitung, beziehungsweise nehmen uns die Erzieherinnen ab.

 

Um 7.00 tut man so, als müsse man uns wecken. Für die meisten ist die Nacht schon vorher vorbei. Aber wir stehen mehr oder weniger flink auf, waschen uns, räumen ein wenig Krimskrams fort, machen die Betten so, dass es zum Zimmerdurchgang möglichst nur ein Lob gibt.

Nach dem Frühstück geht es entweder zu den Kur-Behandlungen oder auf die Wanderung, zu Spielen im Freien oder auch mal im Haus.

Nach der schmackhaften Mittagsmahlzeit um 12.00 Uhr, ist dann eine Mittagsruhe angesagt. Um 14.30 gibt es für uns eine kleine Vesper mit Milchkafe und einem Stückchen Kuchen.

Bis 18.00 Uhr haben wir dann erneut Freizeit für Spaziergänge oder Spiele. Nach dem Waschen und Zähneputzen wartet dann bereits wieder das kuschelige Bett auf jeden von uns. Bis 20.00 Uhr, also zum Beginn der Nachtruhe, können wir noch Erfahrungen über den vergangenen Tag austauschen oder Fräulein Jödicke liest uns eine spannende Geschichte vor oder es wird ein Abendlied gesungen. So schnell ist ein Tag vorbei.

Nach kurzer Zeit merken wir: Wir Jungen vertragen uns alle recht gut miteinander.

 

Unsere Wanderungen und Spaziergänge – Natur und Kultur

Die Kinder zwischen 6 und 14 Jahren sind in vier Altersgruppen eingeteilt. Jede Gruppe hat einen Gruppenraum für sich. Neben dem guten Essen und den Spielen (Regen kam kaum mal vor) gehen wir viel in der Umgebung spazieren. Dabei erzählt uns unsere Erzieherin auch manches. So lernen wir viel Neues kennen:

 

Eine recht weite Wanderung war es zum Kyffhäuserdenkmal. Interessantes begegnete uns. Versteinertes Holz, verkieselte Baumstümpfe und Stämme, links am Straßenrand, am Chausseestein 1.44. Steinerne Hölzer, vorher noch nie gesehen, die an der Landstraße zu finden sind, sollen schon 300 Millionen Jahre alt sein. Das sieht man ihnen nicht an – sie sehen recht frisch aus. Die längsten Stämme sind etwa 15 m lang und besitzen einen Umfang von mehr als 3 m. Zum ersten Besichtigen mussten sie allerdings erst freigelegt werden. Aus solchen Stammrollen wurde auch der wegweisende Obelisk zusammen gesetzt, der an der Wegegabelung zum Kyffhäuserberg steht.

Vorbei geht es am Ententeich (im Moment ohne Enten) und mit einer guten Aussicht zum Kulpenberg, der 473 m hoch ist. Beim Aufstieg zum Kyffhäuser-Denkmal besichtigen wir die ruinösen Reste der Reichsburg Kyffhausen aus dem 11. Jahrhundert, mit Unterburg, Mittelburg und Oberburg. Die feste Burganlage hat eine Ausdehnung von etwa 600 x 60 Metern. Alles ist sehr gut anzuschauen.

Dann stärken wir uns erst einmal am mitgenommenen Proviant.

Das Denkmal ist 81 Meter hoch. Man baute es von 1890 bis 1896. Vor dem Denkmal sitzt der steinerne Staufer-Kaiser Friedrich I, „Barbarossa (1122 bis 1190). Als Reiterstandbild sehen wir den Hohenzollernkaiser Wilhelm I. (1797 bis 1888), der in Berlin, Babelsberg und Potsdam (also bei mir zu Hause) lebte, hier aber verewigt wurde. Wir erklimmen die 366 Stufen des Denkmals bis zur Aussichtsplattform. Wären wir täglich nur eine Stufe fortgerückt, dann hätten wir also – in einem Jahr noch hier gestanden. Soviel Zeit haben wir aber nicht.

Zurück nach Bad Frankenhausen fahren wir dann aber mit dem Bus.

 

Auf dem Wege in Richtung Rottleben, das ist von unserer Thomas-Müntzer-Straße durch den kleinen Park hindurch, und dann immer weiter geradeaus, kommen wir auch zur „Marienglashöhle“. Von hier können wir uns Erinnerungsstücke mitnehmen. Es handelt sich um halbdurchsichtige wasserhelle Gipskristalle, die hier in langer Zeit „gewachsen“ sind. Calciumsulfat, wie der Kenner sagt.

 

An einem anderen Tag wandern wir wieder in Richtung Steinthalleben aber diesmal bis zur Barbarossahöhle. Das ist eine Anhydrit-Höhlenanlage, hat also schon wieder etwas mit Gips zu tun. Man entdeckte die Hohlräume 1865 bei der Suche nach Kupfererz und diese Höhlenräume bieten ihre Anblicke nun schon seit 1866 „dem staunenden Publikum“. Die Höhle hat Räume, die bis zu 30 m hoch sind. Die Höhlenausdehnung beträgt ungefähr 25.000 Quadratmeter, hat kristallklare Seen und von der Decke herabhängende Anhydritlappen („Gerberei“). Die Barbarossahöhle erinnert an die Legende um den Stauferkaiser Friedrich I, für den man hier auch einen Thron und einen Tisch aus dem Höhlengestein aufgeschichtet hat, damit es für ihn gemütlich ist. Denn in dieser Höhle, „seinem Schloss“, soll der alte Rotbärtige wohnen und ruhen, solange die schwarzen Raben noch um den Berg fliegen, wird uns erzählt. (Wir aber haben draußen vor allem Sperlinge beobachtet). In Wirklichkeit, so sagen andere, ist der alte Kaiser aber auf einem Kreuzzug nach Palästina beim Baden in einem Fluss ertrunken. Seinen 69. Geburtstag hatte er vorher noch auf jenerReise gefeiert. Der 70. wäre bestimmt prächtiger geworden, wenn nicht ... Wie es auch sei – wir alle haben schwimmen gelernt und unser Leben ist ja nicht so gefährdet, wie das eines ritterlichen alten Kaisers.

 

Das Sole-Freibad in Bad Frankenhausen wurde im Jahr 1936 – 1938 von der „MIMAS“, also auch wieder von der Mitteldeutschen Massiv-Sparbau Gmbh errichtet. „MIMAS“ baut alles für Sie! Der leicht erscheinende Turm hat eine Schwindel erregende Höhe. Sprungbretter in 1 m, 3, 5 und 10 m Höhe. Das Schwimmbad wird auch mit Salzwasser aus dem Gebirge gespeist. Man fühlt sich fast wie am Meer. Nur das Becken musste wohl schon mehr als einmal erneuert oder zumindest abgedichtet werden, weil wegen der Verwerfungszone der Erdkruste, Setzungen und Risse, und damit Undichtigkeiten, entstehen.

 

Die Herstellung von Perlmuttknöpfen ist in Frankenhausen in den kleinen Familienbetrieben seit etwa 1700 angesiedelt. 1831 gründete dann August Zierfuß die erste Knopffabrik.

Viele Perlmutt-Reststücken (Stanzabfälle) von Muschelschalen, die von der Knopfherstellung übrig geblieben sind, sehen wir. Der glänzende Abfall liegt auf vielen Wegen. Seit langer Zeit sind viele Schuhe darüber hinweg gelaufen oder auch geschurrt. Trotzdem sind die harten Oberflächen blank. Bei unseren Spaziergängen durch die Umgebung von Bad Frankenhausen, denke ich immer wieder an das Grimmsche Märchen von Hänsel und Gretel und dabei auch an den Besuch unserer Familie in der Berliner Staatsoper vor sechs Jahren, wo wir dieses Märchen ansahen und die Musik von Herrn Engelbert Humperdinck dazu hörten. Den genauen Text kannten wir ja sowieso auswendig, so dass wir auch die gesungenen Worte gut verstanden.

„Die weißen Kieselsteine, die Hänsel auf dem Waldweg ausgestreut hatte, schimmerten im Mondenschein wie neu geschlagene Batzen und wiesen den Kindern den Weg aus dem tiefen Walde hinaus, zurück zu ihres Vaters Haus.“

Hier, für Bad Frankenhausen, müsste das Märchen ein wenig umgeschrieben werden – etwa in der Art: „Die Perlmuttstückchen, die Hänsel auf dem Weg durch den Wald vorsorglich ausgestreut hatte, glänzten im Sonnenschein, wie auch im Mondenlicht hell in allen Farben und halfen den Kindern, den Rückweg aus dem Wald zu finden.“

Von diesen Abfällen habe ich einige eingesammelt und sie werden dann zu Hause in einem Bilderrahmen hängen und ins Fotoalbum einkleben – noch schöner, als ein gekauftes Andenken.

Auf den Spaziergängen durch den Wald kommt mir in den Sinn: „Und auf des Waldes Wegen, gleißt im Sonnenlicht der Glimmer uns entgegen“. Zugegeben – es wäre nur eine kurze, etwas holperige Schlusszeile für ein prächtiges Lobgedicht auf Bad Frankenhausen. Wir sehen und hören hier so viel Interessantes, dass jeder Tag, wie ein Feiertag scheint. Ich meine, verschiedenes werde ich nie wieder vergessen können und wollen.

 

Einige Stadtrundgänge unternehmen wir (die Ziele aufgeteilt, damit für den nächsten Tag immer noch 'was übrig bleibt), denn Frankenhausen ist ja kleiner als Berlin. Wir besichtigten schon einen Betrieb der Knopfherstellung. Davon gibt es eine ganze Menge, die meisten aber sind sehr kleine Familienbetriebe. Das Heimatmuseum im früheren Schloss ist unser heutiges Ziel.

 

Am Schlachtberg tobte einer der letzten großen Kämpfe, die wohl entscheidende Schlacht des Bauernkrieges am 15. Mai 1525, bei dem die Bauern unterlagen, da die Fürstenheere den vereinbarten Waffenstillstand brachen. Die Bauern und Arbeiter hatten außerdem nicht eine solch gute Aus-Rüstung, Ausbildung und Führung. Das bedeutet, sie rückten mit ihren landwirtschaftlichen Geräten als Waffen an, kannten aber überhaupt nicht die fürchterliche Wirkung, beispielsweise der fürstlichen Kanonen, so dass sie, zwar kampfesmutig vom Schlachtberg kamen aber angesichts der Übermacht des Gegners schnell in Richtung Stadt flüchten wollten. Unter ihnen wurde seitens der Landsknechte ein grauenvolles Gemetzel angerichtet. Es gab in kürzester Zeit etwa 6.300 Tote. Ihre Kräfte hatten die im Kampf unerfahrenen Bauern völlig falsch eingeschätzt. Ein Weg zum Schlachtberg wird seit dieser Zeit „Die Blutrinne“ genannt. Der Pfarrer und Bauernführer Thomas Müntzer (1489 bis 1525) hatte sich für Rechte der Bauern, für deren besseres Los in der feudalen Leibeigenschaft, für die Versorgung von Obdachlosen und für die Einrichtung von Armenspeisungen eingesetzt – für sehr soziale irdische Vorhaben und er wiegelte die unterdrückten Bauern zum Kampf auf, ohne aber zu erkennen, dass sie gegen das Berufsheer der Landsknechte keinerlei militärische Siegeschancen hatten, sondern einfach nur geopfert wurden. Thomas Müntzer wurde gefangen. Wenig später folterte man ihn auf der Wasserburg Heldrungen und am 27. Mai 1525, wurde er, der gerade erst 35jährige, bei Mühlhausen enthauptet. Wir verehren ihn heute noch sehr.

Vor knapp zwei Jahren (03. August bis 16. Dezember 1955) stellte die DEFA bei uns zu Hause, also in den Babelsberger Studios, den Film „Thomas Müntzer“ her. Die Regie führte Martin Hellberg, der im thüringischen Bad Berka wohnt. Die Außenaufnahmen für den Film wurden gedreht in Trebbin (eine sehr beliebte Gegend für DEFA-Film-Teile), in Magdeburg, Quedlinburg, Allstedt, Müllerbach, am Frankenhäuser Schlachtberg, in der Rothenburg/Kyffhausen, am Rennsteig bei Saalfeld, in Mühlhausen, in Kapellendorf bei Weimar, Meißen, im Schloss Heldrungen mit Schlossverlies und Folterkammer und in Gorma auf dem Richtplatz.

Dr. Martin Luther, auch ein Pfarrer, der genauso die Unterdrückung der Leibeigenen erkannte, sah jedoch die Unterlegenheit der Bauern, riet vom bewaffneten Kampf mit unsäglichen Verlusten ab und als das nichts fruchtete, wetterte er sogar gegen die Bauern, die sich trotzdem, nur mit Spaten, Sense und Morgenstern ausgerüstet, gegen die Feudalherren erheben wollten. An ihn soll in der DDR nicht so sehr gedacht werden, höchstens für sein Bemühen um die Deutsche Sprache, Grammatik und Rechtschreibung.

Dazu fallen mir die Lieder ein: „Wir sind des Geyers schwarzer Haufen“ und „Die Glocken stürmten vom Bernwardsturm“. So etwas sangen wir „in unserer Frankenhäuser Kulturzeit“ aber nicht. Fräulein Jödicke könnte ja schließlich auch keinem kleinen kranken Kind andauernd 'was von Blut und Bauernfolterei erzählen oder vielleicht lieblich vorsingen. Wenn es dadurch noch kränker würde – da würde der Heimarzt gewiss ziemlich ratlos seinen Kopf schütteln, denn er wüsste ja nicht, woran das liegen könnte.

 

Nicht weit von uns, am Fuße des Schlachtberges, als Teil der Oberburg, einer Burg der Franken, besichtigen wir den Hausmannsturm, aber leider nur von außen. Innen mag er noch viel interessanter sein, doch er ist verschlossen.

Das schlimmste, was uns Fräulein Jödicke über den Turm erzählte, war, dass einmal beim Decken des Turmdaches ein Dachdecker abstürzte und sein Leben nicht mehr gerettet werden konnte.

Ach nein, das bringe ich jetzt mit unserer Familiengeschichte durcheinander. Unser Urgroßonkel Gericke war es, der als Zimmermann 1856 beim Bau des Flatowturmes im Babelsberger Schlosspark abstürzte.

Hier in Frankenhausen war es wohl damals so, dass der Türmer, der Turmwächter- und -bewohner, nach einem Schuh von seinem lieben, kleinen Kind langte, der auf dem Dach lag und abgerutscht war, dabei er aber wohl das Gleichgewicht verlor und abstürzte. Wie unsagbar traurig. Hätte er sich doch besser eine Angel gebastelt. oder eine Harke mit langem Stiel genommen. Aber wenn es am spannendsten ist oder gräulich wird, muss Fräulein Jödicke abbrechen, damit keiner von den anfälligen Kleineren vielleicht vor Schreck einen Asthmaanfall oder einen Hautausschlag bekommt.

„Die echten Eingeborenen“ – ich schreibe das so vorsichtig, weil ich beinahe „die echten Frankenhausener“ geschrieben hätte, aber die richtige Benennung darf wohl ausschließlich „die Frankenhäuser“ sein. Also, die Frankenhäuser sagen zu diesem Turm in der thüringischen Sprache natürlich Husmannstorm. So geht man auch nicht „auf den Hof des Hauses“, sondern „uffn Husplan nus“, wenn ich das richtig verstand. Andere Worte könnten wir gar nicht begreifen aber die Erzieherinnen sprechen so mit uns, dass wir sie verstehen.

 

Fräulein Jödicke erzählt und zeigt uns auch andere natürliche Merkwürdigkeiten aus der Thüringer Heimat. Zum Beispiel über die Possenwiesen in der Nähe von Sondershausen, wohin wir jetzt nicht kommen. So besitzt sie zum Beispiel hart versteinerte Kerne von früheren, als wirbellose, umschalte Weichtiere bekannte, echte kleine Kopffüßer, Tiere aus der Gruppe der Ammoniten, die sie liebevoll „Ceratites nodosus“ nennt. Diese Versteinerungen stammen aus dem Erdzeitalter des Trias und sind – also mindestens 240 Millionen Jahre alt. Unvorstellbar. Ihr Durchmesser kann durchaus bis 20 cm betragen. Erstaunlich, dass nicht alle in dieser langen Zeit weggesammelt worden sind? Nein, man findet sie, wenn man einen Berghang glatt abschürft, mitten im Berg, in einer ziemlich waagerechten Schicht, in einem „Leithorizont“. Diese belebten damals die Fläche über dem Muschelkalk so zahlreich, dass man sie heute noch (als eine Leitschicht) finden kann. Manchmal liegen sie aber auch unter den Lesesteinen am Rain, also zwischen Acker und Wegesrand und nicht jeder erkennt sie, weil die lange Zeit sie mit einer dicken Schicht Kalkstein ummantelt hat.

 

Unser liebes Fräulein Jödicke erzählte heute – nur als Beispiel, auch über „Bonifatiuspfennige“. Gut, bezahlen kann man damit heute schlecht. Es sind in den Muschelkalk eingebettete versteinerte Scheibchen mit einem Riffelrand und Sternchen- oder Räderoberfläche, aus denen sich der Stängel einer Seelilie zusammensetzte. Ähnlich einer Münzrolle (in verkleinerter Form) sieht es aus, jetzt gefunden, aus unvorstellbar lang zurückliegender Zeit, als es noch keinen Menschen auf der Erde gab. Aber eine „Blüte“ dieser Seelilie aus diesem Muschelkalkmeer, konnte sie uns nicht zeigen. Das hole ich zu Hause in Meyers Lexikon nach und natürlich muss ich noch anmerken, dass die Seelilie mit ihrer „Blüte“ ein Tier war. Einige Pfennige von ihr, (also nicht nur von der Seelilie, sondern damit auch von Fräulein Jödicke), bewahre ich „als ewiges Andenken“ in meiner Schatzkiste auf.

Ich wette, dass Fräulein Jödicke sehr viel mehr weiß, als sie zur Beschäftigung mit Kindern unbedingt braucht. Und das ist gut so.

 

Zur Halbzeit haben wir ein Bergfest und auch sportliche Wettkämpfe. Aber es macht Spaß, es ist keine Leistungsprüfung, zum Glück überhaupt kein schwieriges Geräteturnen dabei.

 

Wieder Schreibstunde. Ich nehme heute die Ansichtskarte mit dem Weinberg-Panoramablick und den Gebäuden: Sanatorium, Hausmannsturm und Frankenburg, dahinter ein Stück vom Schlachtberg. In der Frankenburg hat unser Fräulein Jödicke einen Teil ihrer gewiss ganz schön schweren Ausbildung zur Kindergärtnerin gehabt, bevor sie die Arbeit im Sanatorium aufnahm.

Als Porto kleben wir für eine Karte eine 10-Pfennig-Marke. Ein Brieftransport kostet 20 Pfennige. Wir haben zurzeit die blauen Marken mit den Arbeitern drauf und dem „Fünf-Jahresplan-Emblem“.

 

Weitere kulturelle Erlebnisse

Wir singen verschiedene Lieder. Schöne Volkslieder, wie

- Kein schöner Land in dieser Zeit  Alte Volksweise,  W. v. Zuccamaglio

- Im Frühtau zu Berge   Schwedische Musik, Text: Olof Thunman

- Ich wandre ja so gerne   von Herbert Roth und Karl Müller

- Das Wandern ist des Müllers Lust  von Carl Friedrich Zöllner und Wilhelm Müller

- Unsre Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer ...

Die Lieder kannte ich schon. Das machte es alles piepeleicht – man ist gleich voll mit drin. Natürlich kennt das Fräulein Jödicke noch viel mehr Lieder, auch Scherz- oder Tanzlieder aber die kann ich nicht alle aufzählen. Sie muss ja auch für jedes Kinderalter 'was nettes bereit halten.

 

Eine schöne Zauberveranstaltung ließ mich lange noch nicht in Ruhe – wie der Zauberkünstler das nur machte? Ich habe doch ganz genau aufgepasst und nicht gemerkt., wie das ging.

 

Und schon naht das Ende unserer Erholungszeit

Für das große Abschiedsfest haben die Kinder der Gruppen Beiträge eingeübt, die nun vorgetragen werden können. Wenn ich aber an Abschied denken soll, ist mir gar nicht so festlich zumute. Es war doch sehr abwechselungsreich, wir haben viel gesehen, neues gelernt, was weitaus über einen normalen Unterricht hinausgeht. Die Jungen haben sich alle gut miteinander vertragen, so wie man es von unserer Schulklasse nicht durchweg kennt. Hier ist es immer ganz lustig und fröhlich – besonders vielleicht auch, weil wir in den Ferien sind, in einer anderen schönen Gegend, zusammen mit anderen Leuten, die uns die Zeit recht schön gestalten – kein Alltag eben. Ja, alle Erwachsenen im Heim bemühen sich mit Erfolg, uns Sonntage, Sonnentage, zu bereiten.

Wie bei der Ankunft und bei der Halbzeit werden wir auch vor der Abfahrt gewogen. Trotz des guten Essens habe ich kaum messbar an Gewicht zugenommen (kleiner bin ich auch nicht geworden), sehe also ähnlich aus wie bei der Ankunft – aber das soll dann die „Nachkur“ im Selbstlauf bewirken. Ich fühle mich zumindest sehr wohl. Geist, Seele und Körper haben sich erholt. Das wird beim Arzt aber nicht so recht gemessen.

Beim Packen des Koffers wird einem nach sechs Wochen etwas schwermütig ums Herz – als das Inhaltsblatt verglichen und abgehakt wird, damit wir hier auch nichts zurücklassen. Kein einziges Andenken an uns wird hier gebraucht – die nächsten Kinder kommen schon bald.

Ich dagegen nehme als Andenken viele Erinnerungen mit, die mich bestimmt lange begleiten werden, unser Gruppenbild, Ansichtskarten, einige Perlmuttabfälle, ein Stückchen vom Glimmergestein aus dem Waldboden (vom versteinerten Holz konnte ich kein Stückchen ernten) und ein kleines Abziehbild mit der Ansicht der Stadt.

Vieles haben wir hier gesehen. Was für den Einwohner der Stadt das Alltägliche ist, scheint uns als etwas ganz Besonderes, Neues, Anregendes. – was unsere Erinnerung an die schönen Tage wach halten wird.

Wir fahren nun wieder, ich anfangs in etwas gedämpfter Stimmung. Unsere netten Erzieherinnen bekommen bald wieder ganz neue Kinder, an die sie sich gewöhnen müssen. Und auch denen werden sie wieder viel zeigen und erzählen, was diese dann mit nach Hause nehmen zu den Eltern, Verwandten, Schulkameraden – und so muss Frankenhausen ja bald weltberühmt werden. Natürlich freuen wir uns aber auch schon auf zu Hause.

 

Vielen Dank für die erlebnisreichen Wochen, liebes Heimpersonal.

Vielen Dank besonders an Fräulein Jödicke, Frau Liesegang und die Damen in der Küche!

 

Auf Wiedersehen, du Diamantene und Goldene Aue, Tschüss du Hainleite und Bad Frankenhausen!

 

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Meine Mutti ruft aber bei meiner Rückkehr: „Junge, hast Du aber frische Farbe bekommen – und Du quasselst ja wie ein Thüringer Wasserfall.“

 

Einige Nachworte:

1992, bald nach der politischen Wende, dem Ende der DDR, wurde das Kindersanatorium aufgelöst. Geschlossen. Die Anzahl von Kureinrichtungen reduzierte man drastisch. Kinderbehandlung und -erholung, in dem Maße, wie in der Vergangenheit betrieben „rechnet sich nicht“, besonders nicht, wenn man an Kurzsichtigkeit leidet.

Für viele Kinder waren die Zeiten des Aufenthaltes im Sanatorium „ein Segen“, für das betreuende pädagogische und medizinische Personal oft eine Lebensaufgabe, an der viel Liebe und Herzblut hing.

 

Es blieb nicht viel davon. Zu wenig der Erinnerung an das Sanatorium. Das Stadtarchiv und das Museum in Bad Frankenhausen haben kaum Material über das Heim und seine Bewohner. Nichts, was die Menschen damals bewegte. Ein paar alte Ansichtskarten vielleicht.

„Mein schönes Heim“ habe ich Ende Oktober 2009 nochmals besucht, um es wiederzusehen, noch einmal durch die Räume zu gehen, um Erinnerungen aufzufrischen, „damit auch dieser Kreis sich schließen möge“. Ich fand das Gelände leer und verschlossen, das Gebäude zugewachsen, vereinsamt, von Spuren des Vandalismus gezeichnet.

Ernüchterung und Wehmut breiten sich aus, immer wieder mit neuer Nahrung versorgt. Genauso wie diesem Kinderkurheim geht es vielen Erholungs- und auch Kultureinrichtungen, nach der politischen Wende, ebenso Stätten von Aus- und Weiterbildung, die damals „blühten“.

 

Mit dem Eintritt in das Rentenalter, beginnt das damalige Kur-Kind Christoph seine Lebenserinnerungen aufzuschreiben. Dazu gehört auch der vorstehende kleine Bericht, der nun erst nach über einem halben Jahrhundert entsteht. Manches ist in jener Zeitspanne in der Erinnerung etwas verblasst, anderes steht noch deutlich vor Augen. Der Autor denkt jedoch, dass er das Wesentliche hinreichend richtig wiedergegeben hat.

Seine Suche nach der damaligen Heimleiterin, Frau Liesegang und der Gruppenerzieherin, Frau Regina Kolb, geborene Jödicke, hatte einen unerwartet schnellen Erfolg. Es entwickelte sich ein anregender Briefwechsel. Diese Schreiben waren für den Autoren eine wertvolle Erinnerungshilfe und wurden hier inhaltlich einbezogen. Auch dafür sei den beiden engagierten Pädagoginnen an dieser Stelle noch einmal herzlich gedankt.

Der sechswöchige Aufenthalt in Bad Frankenhausen war für Christoph und ungezählte weitere Kinder eine Zeit schöner Erlebnisse und guter Erholung. Wertvolle Erinnerungen, die ein Leben lang erhalten bleiben. Und mit dem frischen Aufleben dieser Gedanken an damals, schließt sich nun der Kreis nach über einem halben Jahrhundert.

 

Besucht doch Bad Frankenhausen auch einmal – es lohnt sich bestimmt!

 

 

 

Christoph Janecke, Potsdam, 08. März 2011.   E-Mail-Anschrift: christoph@janecke name