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Im nachstehenden Bericht werden folgende Orte beschrieben:


An der Fahrtstrecke liegend, wurden auch erwähnt


Bearbeiter: Chris Janecke, E-Mail: christoph@janecke.name Bearbeitungsstand: März 2015


Meine Reise in die Vergangenheit zu einigen Orten im Raum Landsberg an der Warthe, zu früheren Wohnstätten meiner Vorfahren aus der Familie Dittwald


Heute, am 27. Juli 1999 möchte ich gern die früheren Wohnsitze unserer Dittwald-Vorfahren aufsuchen, sehen wo sie lebten. Sie lebten in der brandenburgischen Neumark, im Kreis Landsberg am Warthebruch, in Niederschlesien – so diese damaligen Bezeichnungen für das seit 1945 polnische Gebiet richtig wiedergegeben und auch verständlich sind. Nur so kann sich meine Vorstellung „an die damalige Zeit erinnern“. Wenn möglich, möchte ich im Kirchenbucharchiv an einem weiteren Tage nach den noch unbekannten Familiendaten suchen, diese finden – aber euch schon heute über diese Fahrradfahrt berichten.

Um 5.00 Uhr am Morgen mache ich mich auf den Weg durch die weitläufige Stadt Potsdam. Vom Potsdamer Hauptbahnhof bis nach Landsberg/Gorzow benutze ich dann aber doch, wie geplant, besser den Zug. Die Bahnstrecke führt den Zug durch Berlin und die Grenzstadt Küstrin/Kostrzyn. Bei der Pass- und Zollkontrolle gibt es keinerlei Probleme. In diesen Wochen, so auch an diesem Tage besteht ein sonniges Hochsommerwetter.

Bald hinter dem Bahnhof Küstrin/Kostrzyn äugen zwei Rehe, Ricke und Kitz, dem Zug hinterher. Weiter fährt die Bahn durch Dabroszyn. Im nächsten Ort Kamien Maly befinden sich wohl auf mindestens jedem zweiten Haus Storchennester. Weiter rollt der Zug durch die Orte Witnica, Nowiny wielkie, Bogdaniec, Lupowo, Gorzow, bis er dann pünktlich um 9.44 Uhr in Gorzow Wielkopolski (Landsberg an der Warthe) eintrifft.

Die 43 Kilometer zwischen Küstrin und Landsberg fuhr der Zug durch das flache Land des Warthebruchs, das im Norden zeitweilig von Hügelketten gesäumt wird. Die Namen der Orte die an dieser Strecke liegen, lauteten bis 1945: Küstrin, Tamsel, Klein Kammling, Vietz, Dühringshof, Neu Gennin, Loppow, Neuritz und Landsberg.

Die Stadt Landsberg beherbergt heute etwa 130.000 Einwohner.

Das Archiv in der Uliza Grottgera 24/25 war dank des Stadtplans eines freundlichen Taxifahrers schnell gefunden. Im Archivum panstwowe wurde ich sehr freundlich von einer Mitarbeiterin namens „Janecke“ empfangen. Die Kirchenbücher, zumindest für den Zeitraum zwischen 1827 und 1872, für Dechsel z. B. ab 1802, sind für die von mir gesuchten Orte vorhanden. Ein Bedarf zu älteren Zeiten besteht bei mir ebenfalls – aber leider... . Einsehen durfte ich die Bücher an diesem Tage noch nicht, weil dafür erst ein schriftlicher Antrag erfolgen und daraufhin die entsprechende Genehmigung aus Warschau vorliegen muss – eine Wartezeit.

So nutzte ich den Tag wie vorgesehen zu einer Fahrradtour in die Dörfer Dechsel, Massow - Nieder-Alvensleben, Eulam und Jahnsfelde, um die Wohnplätze der Vorfahren kennenzulernen. Diese Dörfer und die Wege zu jenen Orten beschreibe ich im Folgenden kurz.

Wieder aus Richtung Bahnhof Landsberg kommend, fahre ich nach Osten. Vor mir steht die Marienkirche, die auf meinem Farbdruck von etwa 1920 in ihrer Umgebung sonntäglich, so friedlich wirkt. Erquickend geradezu der an der Kirche sprudelnde Brunnen unter schattenspendenden Bäumen.

Mein heutiger Eindruck ist wesentlich „nüchterner“. Hohe Häuser mit vielfältiger schreiend bunter Plakatwerbung im Rund, motorbrüllender Straßenverkehr, trockene, staubige Stadt – kein von mir als schön empfundener Ort zum Verweilen.

Nun wende ich mich nach Südosten, überquere die Warthe und folge dem Verlauf der Straße Nr. 3 (E 65) durch Kernein/Karnin in Richtung Schwerin/Skwierzyna – Posen/Poznan – Grünberg/Zielona Gora, da ich zuerst nach Dechsel möchte. Der Ort Kernein wurde in der Nachkriegszeit zu Landsberg eingemeindet.


Dechsel/Deszczno

Dechsel ist ein Angerdorf, 8 km südöstlich von Landsberg. Der Ort bestand nachweislich bereits vor 1316. Die damaligen Benennungen: 1345 „Dessen, ein bereits wüster Ort“. 1452: inzwischen wiederbelebt als „Deszen“. Dechsel hatte im 30-jährigen Krieg wegen seiner „günstigen“ Lage an der großen Durchgangsstraße von Landsberg nach Schwerin sehr unter Plünderungen zu leiden.

Kirchenbücher sind ab 1802 erhalten. Die jetzige Kirche wurde 1892 erbaut. Davor stand an gleicher Stelle auf dem Dorfanger eine Fachwerkkirche aus dem Jahr 1749.

1909 hat Dechsel in 147 Wohnhäusern 200 Familien-Haushalte und 12 Einzelpersonen. Von den 975 Einwohnern sind 452 (46%) männlich und 54% weiblich. Eine Familie besteht im Durchschnitt aus 5 Personen. Die Gemarkung umfasst 1.432 Hektar.

Aus Richtung Landsberg kommend, finde ich links am Dorfanger (gegenüber der Kirche) die Gemeindeverwaltung. Die Kirche auf dem Anger befindet sich heute in einem etwas vernachlässigtem Zustand. Auf dem Kirchengelände – ein massiver Steinsockel. Ich denke, dieser wird bis 1945 ein Denkmal getragen haben – beispielsweise für „Unsere gefallenen Soldaten des Krieges 1914–1918“. Auf diesem schweren Fels steht heute ein leichter Glasbehälter als Wetterschutz für eine bunte Mariengestalt – zu Ehren der Mutter Jesu. Die Hauptstraße ist heute leider sehr stark vom Durchgangsverkehr belastet. Infolge der Bauerweiterungen wirkt der Ort eher wie ein Straßendorf. Im Ort finden wir (wie überall) recht unterschiedlich alte Bausubstanz. Es gehören dazu Kolonistenhäuser aus der Zeit Friedrich II., des Großen, diese aber häufig baulich „überformt“, also verändert, erweitert, modernisiert. An jüngeren Bauten sieht man die typisch polnischen Würfelhäuser mit Flachdach, aus den 1960er und 70er Jahren. Zwischendurch aber auch einige aus den 1990ern, die „West-Standard“ zeigen.


Massow/ Maszewo, inzwischen zeigt das Thermometer 27°C im Schatten.

Im Straßendorf Dechsel biege ich nach Süden (rechts) ab und überquere die Bahnlinie Landsberg - Schwerin. Rechter Hand steht der Bahnhof einsam in der Sonnenglut. Er macht einen verlassenen Eindruck. Gras wächst auf dem Bahnsteig und im Gleiskörper. Nur das Durchgangsgleis für den Fernverkehr zeigt blank gerollte Schienenköpfe. Kurz hinter dem Bahnhof Dechsel, führt eine kurze, schnurgerade, herrlich ruhige Ortsverbindungsstraße nach Massow. Diese ist wie ein Gewölbe mit Ahorn- und Pappeln überkront und grün beschattet.

Das Dorf wurde 1770 gegründet und nach dem Minister Massow benannt. Zur Zeit der Gründung wohnten hier auf 32 Grundstücken, 32 Familien. Jeder Familie wurde ein Haus, ein Stall und fünf Morgen Ackerland zugemessen, das sind etwa 12.500 qm oder eine Fläche von beispielsweise ungefähr 112 x 112 m). Die Gesamtfläche des kleinen Ortes betrug 43 Hektar (das sind 172 Morgen oder 430.000 qm) .

Im Jahre 1770 hat hier noch keine Familie Dittwald gelebt. (Quelle: Einwohnerverzeichnis in „Der Neumärker“ – Blätter für neumärkische Familienkunde, Mitteilungen des Vereins für die Geschichte der Neumark, Band 3, 1943.)

Massow besitzt keine eigene Kirche. Das Dorf gehört zum Kirchspiel Dechsel. Auch das zuständige Standesamt wurde dort in Dechsel im Herbst 1874 eingerichtet.

1909 hatte Massow 31 Wohnhäuser. In diesen lebten 34 Familien und 2 Alleinstehende. Von den 144 Einwohnern waren 47% männlich und 53% weiblich. Eine Familie bestand im Durchschnitt aus vier Personen.

Auf meiner alten Landkarte sehe ich noch die Dörfer Nieder-Alvensleben und Massow dicht beieinander liegen. Beide wurden wahrscheinlich nach 1945 zu „Maszewo“ zusammengefasst. Auch mit dieser Zusammenlegung erreicht der neue Ort keine wesentliche Größe. Massow bietet einen beschaulichen Anblick. Sandwege verbinden die überschaubare Anzahl von Häusern miteinander. Diese früheren Nachbarsiedlungen umrollt man mit dem Fahrrad auf einem Rundkurs in wenigen Minuten.

Der Weg nach Eulam/Ulim

Der Rundkurs durch Massow führt mich im Kreis bis fast wieder zum Ortseingang (von Massow) zurück. Von Massow aus nehme ich den Weg nach Westsüdwest auf einer kaum befahrenen schnurgeraden Nebenstraße, die am Ortsausgang von Massow von Kopfweiden gesäumt wird.

Der erste Ort den ich erreiche heißt Bürgerbruch/Bialoblocie (exakte polnische Schreibweise und Aussprache mit „gestrichenen“ < l >). Es ist ein Straßendorf, das einen sehr friedlichen Eindruck vermittelt. Hinter jedem der Gehöfte befindet sich eine lange, gärtnerisch oder landwirtschaftlich genutzte Fläche. Meine alte Detailkarte lässt auf eine vormals engere Bebauung der Straßenzeile schließen, die offenbar seit der Kriegszeit „ausgedünnt“ ist. Zwischendurch sieht man immer wieder begonnene Rohbauten ohne Handwerker, Geräte oder Materiallagerung – vermutlich ging den Bauherren bedauerlicher Weise das Geld für das Fortsetzen der Bauarbeiten aus.


Am Beginn des Ortes Schönewald/ Krasowiec, durch den die bisherige Straße im gleichen Verlauf noch ein Stückchen fortgeführt wird, biege ich nach rechts auf die Straße 132 ab und rolle nach Nordwesten. Nach 3 km, hinter Rodenthal/Pradocin, wende ich mich nach links und nutze die Straße, die durch einen Kiefernwald nach Eulam führt.


Eulam/Ulim

Mehrere Sandwege und eine Asphaltstraße führen in das Haufendorf mit länglichem Dorfanger, auf dem die Kirche steht. Der Kirchturm wurde im Jahre 1747 errichtet. Das Kirchenschiff jedoch, ein Neubau von 1874/76, löste die alte Fachwerkkirche von 1678 ab. Die Glocke besitzt einen Durchmesser von 88 cm. Sie wurde 1701 von Johann J. Schultz in Berlin gegossen.

Noch 1934 lagen hier im Pfarrhaus die Kirchenbücher ab 1750.

Die eine gute Dorfstraße endet unvermittelt auf dem Dorfanger – führt nicht weiter zu einem anderen Ort. Es besteht also keinerlei Durchgangsverkehr. Deshalb herrscht hier trotz der Nähe der lauten Kreisstadt Landsberg/Gorzow eine himmlische Ruhe. Die Grundstücke des Ortes vermitteln einen gepflegten Eindruck.

Eulam ist ein altes Dorf. 1316 übereignete Markgraf Ludwig der Ältere dat Dorp Ulem der Stadt Landsberg. 1909 hatte Eulam 65 Wohnhäuser. In diesen lebten 74 Familien und 5 Einzelpersonen. Von den 387 Einwohnern waren 199 männlich (51%) und 49% weiblich. Die durchschnittliche Familienstärke betrug 5 Personen. Die Gemarkung umfasste 839 ha.


Auf Wiedersehen Eulam! Auf, nach Jahnsfelde!

Auf der vorerwähnten Asphaltstraße, die am Dorfanger beginnt aber schon bald in einen trockenen, staubigen Sandweg übergeht (seit Wochen fiel kein Regen) verlasse ich Eulam. Bald erreiche ich Egloffstein/Lagodzin (in polnischer Schreibweise mit „gestrichenem“ < L >) und rolle vorbei an der Siedlung „Rosswiese“ wieder Landsberg zu. Da der Tag so recht ausgefüllt sein soll, entschließe ich mich, von Eulam noch nach Jahnsfelde zu fahren. Dazu ist es erforderlich, die Stadt Landsberg wieder zu durchqueren.


Jahnsfelde/Janczewo

Verlief die bisherige Tour durch die Ebene auf der Höhe von etwa 20 m üNN, so geht es zu meinem letzten Tagesziel fast ständig bergauf. Der nächste Ort heißt Lorenzdorf/Wawrow. Nach weiteren 4 km erreichte ich auf der Höhe von 90 m über dem Meeresspiegel den Ort Jahnsfelde/Janczewo. Links an der Straße ein prächtiger, soeben fertig gestellter Bau, der natürlich keinen vergleichbaren Eindruck von der Wohn- und Lebensart unserer Vorfahren vermittelt. Im Ortszentrum der leicht erhöhte Kirchplatz. Die Kirche ist allerdings nicht nutzbar. Sie ist von Verfallserscheinungen gekennzeichnet. Der Turm ist provisorisch stützend eingerüstet. Im Pfarrhaus lagen bis etwa 1945 die Kirchenbücher ab 1758. Neben der Kirche liegt der Gutspark mit einem riesigen aber leeren Speichergebäude am Rande. Das ehemalige Gutshaus aber wurde offenbar abgerissen.


Den Ort nannte man bereits um 1337 Jansfelde. Lehnsherren waren die v. Wulkow. Das Dorf hatte eine Fläche von 64 Hufen. 1499 bestanden hier in „Gansfeld“ zwei Rittersitze. Besitzer waren zu jener Zeit: Strauß zu Stolzenberg und Wermsfelde sowie die v. Rülicke zu Zantoch.

1608: Besitzer sind die v. Platow, 1717: die v. Schöning, 1844: Graf von der Schulenburg-Lieberose.

1909 hatte Jahnsfelde 38 Wohnhäuser. In jenen lebten 51 Familien und 6 Alleinstehende. Von den 254 Einwohnern waren 131 männlich (52%) und 49% weiblich. Eine Familie bestand im Durchschnitt aus 5 Personen. Die Feldflur von Jahnsfelde umfasst 408 Hektar.


Schluss.

Zurück von Jahnsfelde nach Landsberg geht es fast stets bergab und hinter Lorenzdorf auf einer sehr breiten Allee, deren Fahrbahnen mittels eines Grünstreifens voneinander getrennt sind. Schnell, leicht und trittlos lege ich dieses letzte Stück der heutigen Radwanderung zurück – dafür aber mit heißen Bremsen. Gerade noch rechtzeitig komme ich um 18.07 Uhr zur Abfahrt des Zuges nach Küstrin/Kostrzyn. Die Weiterfahrt von der Grenze bis nach Berlin-Lichtenberg verläuft ebenso zügig, wie die anschließende S-Bahn-Fahrt, so dass ich schon um 22.05 in Potsdam bin und nach der allerletzten Tagesetappe auf schmalen Reifen um 22.45 zu Hause eintreffe. Ein prall gefüllter Tag. Der Anteil der Fahrradstrecke zu den Wohnorten der Vorfahren, also zu den Besichtigungsstationen hatte etwa 65 km betragen.

Wer nun aber von meinen Vorfahren in den von mir aufgesuchten Orten lebte, dass steht in der Rubrik „Lebensläufe“ unter den Namen der Dittwald-Familien auf der gleichen Internetseite.


Chris Janecke