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Zur Ahnenliste "Janecke" gehörend:

Chris Janecke

Geboren in Potsdam-Babelsberg, am 29. Dezember 1945.

Teil 1: Die Jahre 1945 bis 1955

Einige autobiografisch beschriebene Bilder aus dem Lebensfilm.

Autor und Kontaktpartner für Fragen, Meinungen und Ergänzungen:

E-Mail: christoph@janecke.name


Bearbeitungsstand: April 2017


Zu diesem Text gibt es einige Bilder – bitte hier klicken.






Die mir bisher bekannten Vor-Mütter und Vor-Väter in gerader Linie:

Meine Empfehlung: Bitte diese Tabelle von unten nach oben lesen!


Gene-

ration

Ehemann

Ehefrau

Leben in der Zeit

Orte der Lebens-mittelpunkte


Bei der Generation 08 versiegt der Strom der Kenntnis bereits, weil die Kirchenbücher vernichtet worden sind. In benachbarten Orten lässt sich der gleiche Familienname wesentlich weiter zurück verfolgen – aber es fehlt die zuverlässige Belegbarkeit der Familien-Zusammengehörigkeit.


08

Janecke,

Joachim

namentlich nicht bekannt

um

1750 bis 1806

Calenberge = Kahlenberge

07

Janecke,

Andreas Christoph

Later,

Catharina Margarethe

1778 bis 1849

Calenberge Schönberg, Höwisch

06

Janecke,

Joachim Heinrich

Betke,

Catherine Elisabeth

1807 bis 1887

Meseberg Osterburg

05

Janecke, Carl Friedrich August, der Ältere

Neumann,

Dorothee Elisbeth

1842 bis 1912

Schmersau

Osterburg

04

Janecke, Carl Friedrich August, der Jüngere

Dittwaldt,

Paula Klara Antonie

1869 bis 1950

Berlin

Nowawes-Neuen.

03

Janecke,

Alfred Richard

Sommer,

Anne-Marie

1900 bis 2003

Rixdorf, Nowawes Potsdam-Babelsb.

02

Janecke, Chris.toph


Nähere Angaben sind sogar dem Autor bekannt, unterliegen aber im allgemeinen Interesse dem familiären Datenschutz.

01

Janecke, Kinder.

00

Janecke, Enkel.



Die Bedeutung dieses

Familien-Namens:



Eine kurze Vorbemerkung:

Hier sitze ich nun mit ergrautem Bart, inzwischen eine Brille auf der Nase, oft ein Schmunzeln mitten im Gesicht und beginne wieder mit meinem Hinein-Versenken in die Vergangenheit. Diese sehe ich allerdings "als Gegenwart zu meiner Zeit"oder "allgegenwärtig". Ich beginne der Erinnerung auf die Sprünge zu helfen und manches zu notieren, was mir in diesem Leben begegnete, wer und was mich womit bewegte. Neben mir auf dem Tisch liegen Zettel, mit Stichworten beschrieben, auch alte Fotos und persönliche Dokumente. Alles trägt dazu bei, dass während des Schreibens immer mehr alte Begebenheiten erneut „lebendig“ werden. Es werden Notizen und Bilder sein, die anderen Menschen eher unwichtig erscheinen mögen, sind es im Sinne der Weltgeschichte doch tatsächlich völlig unbedeutende Ereignisse. Auf dem Wege des Wiedererlebens und dieses Aufschreibens begleiten mich im Geiste verschiedene andere Menschen. Zu einem von ihnen gehören auch die folgenden Worte:



* Einige Empfehlungen für ein glückliches Leben *


Beschreite deine Wege bewusst! Geh' sie stetig und gelassen, ohne Hast und Eile.

Suche den Frieden in der Stille. Versuche den Frieden in dir selbst zu finden.

Meide die Lauten und Streitsüchtigen, sie stören den Ausgleich des Gemüts.

Nimm für dich ungewohnte Dinge der Jugend und des Alters mit Milde auf.

Versuche die anderen Menschen zu verstehen, ohne dich selbst aufzugeben.

Achte die anderen, auch wenn sie dir völlig anders scheinen als du dich siehst.


Äußere deine fundierten Meinungen besonnen und ruhig, klar und fest.

Höre anderen zu, auch wenn sie dir gleichgültig und unwissend erscheinen,

denn sie sprechen ihre Sprache, leben ihre Geschichte und tragen eigene Sorgen –

egal ob sie jung, manchmal überschießend sind oder schon alt und müde.

Höre freundlich und dankbar auf die Weisheit und den Rat des Alters.


Vergleichst du dich mit anderen, so merkst du, dass du unter Menschen lebst,

die andere Erfahrungen gewannen, anderes Wissen und Können besitzen, als du.

Menschen, die mehr wissen – oder weniger, die dir unguter oder besser scheinen.

Fühle dich deshalb nicht als gering – erhebe dich nicht über sie. Jeder hat seinen Platz.

Es gibt stets Menschen, deren Wesen größer oder kleiner sein mag, als das Deine.


Verfolge beharrlich die von dir als gut erkannten Wege und Ziele.

Freue dich der Erfolge deiner Leistungen und trage deine Pläne in die Zukunft.

Sie sind ein echter Besitz, dein Schatz im Wandel der Zeiten.

Bleibe in Demut und sei bescheiden. Das Schicksal kann sich jederzeit wenden.


Pflege Umsicht im wirtschaftlichen Handeln, denn in Menschen ist List und Tücke.

Lass wegen Lug oder Trug aber nicht ab von deinen Idealen, bewahr dir diese,

denn besonders die Rechtschaffenheit wirst du reichlich antreffen dürfen.


Die Leute reden von hohen Idealen und oftmals wird Heldentum gerühmt.

Bleibe du – du selber, bleibe deinen soliden Grundsätzen treu.

Täusche keine falschen Gefühle vor und achte besonders die Liebe.

Trotz vieler Enttäuschungen in der Welt verdorrt sie nicht,

denn wenn sie wahr, dann ist sie unvergänglich.


Sei dankbar für jedes Jahr, das du erfüllt durchleben darfst,

auch wenn mit jedem Tag ein Stück der Jugend schwindet.

Bedenk beizeiten, dass Unvorhergesehenes in dein Leben treten könnte,

doch beunruhige nicht die Freude am Dasein mit Zweifeln und Ängsten.

Sei immer so, dass du vor dir selbst bestehen kannst.


Du bist ein Kind des Universums, genau wie die Tiere, die Pflanzen und die Sterne.

Du hast ein Recht auf dieser Welt zu sein, doch du lebst auf diesem Planeten nicht allein.

Sei also stets bemüht um freundliche Beziehung mit allen Wesen, die da leben.

Denk an die früheren Alten und jene, die dir schon folgen oder später nach dir kommen.

Liebe und ehre die Natur der Erde, lebe mit ihr in Harmonie – du bist ein Teil von ihr.

Achte die Dinge. In ihnen sind die Stoffe der Erde, das Wissen und Können der Menschen.


Lebe in Frieden mit dem Guten, dem Göttlichen, dem Besten, wo und wie es dir begegnen mag.

Bewahre den Frieden, egal ob dein Mühen und Sehnen Erfüllung findet und

auch dann, wenn dir das Leben große Probleme und schwere Prüfungen auferlegt.

Diese Welt ist wunderschön. Erkenne sie und strebe danach glücklich zu sein.


* Was manchmal fehlt * Desiderata * Erwünschte Ziele für dich *

Original: Max Ehrmann (1872–1945) – (Fassung nach mehrfacher freier Übersetzungsbearbeitung)



Ich durchlebe diese vergangenen Zeiten also nochmals im Eildurchlauf, gewiss mit dem unbemerkten Überspringen verschiedener Vorkommnisse, die wegen geringerer Wichtigkeit unerkannt tief im Unbewussten schlummern. Meine Auffrischung des Erinnerns findet jedoch nicht nur am Schreibtisch statt. Verschiedene meiner früheren Aufenthaltsorte in diesem Leben suchte/suche ich gerne extra nochmals auf. Und das immer nur ganz alleine, sonst kann ich nicht tief genug zurück fühlen!


Wegen des Fehlens jeweils zeitnaher Aufzeichnungen folgt hier kein Tagebuch, sondern eher eine Jahreskladde, gefüllt lediglich mit Erinnerungssplittern, die sich bis heute erhalten haben, etwa in der Art, wie ein Huhn hier und da ein Körnchen aufpickt, das es eben grad' noch so sieht.

In den Erinnerungen beschränke ich mich im Wesentlichen auf das persönliche Erleben. Wichtigeres aus Weltpolitik oder Kommunalpolitik, über Naturereignisse, Spannendes über Erfindungen und Entdeckungen, steht auf den Blättern „Zeitgeschichte“ der gleichen Internetseite, die man parallel dazu lesen kann, die somit das eigene kleine persönliche Erleben in den größeren Rahmen stellt.

Wandern wir also gemeinsam locker durch jene vergangene Zeit, in der sich wahrscheinlich bei manch einem Leser ähnliches Empfinden einstellt oder aber bei ihm ganz andere Gefühle und Erinnerungen auftreten – alles kann gut sein.



Das Jahr 1945 – in meiner Erinnerung war das ein recht kurzes Jahr.

Gedanken über meine vorgeburtliche Zeit vor meinem Auftritt auf dieser „Weltbühne“


Langsam bereitet sich der '45er Spät-Herbst darauf vor, in den Winter überzugehen. Ich, als ziemlich groß gewachsener Fötus, habe keinen Platz mehr, in der Fruchtblase wirklich noch fröhlich umher zu schwimmen zu können. Es wird mir immer schwerer und unbequemer, meine Lage mal in der Höhle der warmen Gebärmutter zu verändern. Ich merke, dass es schmerzhaft wird, die Arme und Beine zwangsläufig immer stark angewinkelt halten zu müssen. Das Bedürfnis zur Entspannung, mein ungeduldig zunehmender Wunsch, Arme und Beine endlich strecken zu können, beginnt mit dem Fortschreiten der Zeit übermächtig zu werden. Meine Ernährungslage ist wohl nicht sonderlich gut. Es scheint, als ginge es meiner Mutter in dieser Hinsicht auch nicht besser. Ich spüre, dass eine neue Zeit mit einem veränderten Lebensraum mit unbekannten Bedingungen heranreift und diese wohl sehr bald anbrechen muss. –


Meine ältere Schwester plaudert indessen unbefangen:

"Ende Dezember zeigt der Kalender. Nun bin ich bald schon drei Jahre alt.

Gerade, da wir so gemütlich zusammen leben, muss Mutti noch mal so plötzlich fort, weil ich als verspätetes Weihnachtsgeschenk dieses schon lange angekündigte Geschwisterchen bekommen soll. Ein Schwesterlein sollte es am besten sein – oder vielleicht auch ein Brüderchen.

Soviel steht schon mal fest: Meine Tante Käte und Vaterschwester versorgt den Haushalt und auch mich in diesen Tagen. Und das ist wichtig und gut so."


Das letzte Halbjahr des Zweiten Weltkrieges liegt schon einige Monate hinter uns. Ich werde am Ende des ersten Friedenshalbjahres im Städtischen Krankenhaus von Potsdam-Babelsberg geboren. Am Sonnabend, den 29. Dezember 1945 gegen 9.00 Uhr am Vormittag.


Vorerst empfängt mich ein angenehm-verträgliches Dämmerlicht, leider abrupt abgelöst von der grellen Baby-Inspektionslampe, ein "Gruß der Welt" für jeden Neuankömmling. Auch stören laute, grelle Stimmen, die bislang freundlich gedämpft an mein Ohr kamen. Die vor Kälte zitternden Schwesternhände stellen an meiner bloßen blauroten Magerkeit eine hinlänglich gesunde Normalität fest. Begrüßungsverhältnisse dieser Art fechten mich aber nicht sehr an.

So, da bin ich schon mal auf dieser Welt, habe ihre lichtvolle Schönheit aber noch nicht erblickt.


Den Namen Christoph(orus) haben meine Eltern für mich reserviert. Als ein schützender Träger und Begleiter des Christkindes zur Weihnachtszeit sozusagen. Als Ausübender einer solch tragenden Rolle ist es für dieses Jahr etwas zu spät und auch scheine ich dafür noch etwas zu klein. Für eine Silvesterfeier zur Begrüßung ist es hingegen zu früh. Das neue Jahr wird ohnehin eher still, kaum mit Böllerschüssen begrüßt – diese hat man aus jüngerer Vergangenheit noch zu gut im „geistigen Gehör“ und es gibt auch eher wichtigere Einkäufe für den Lebensunterhalt zu bedenken. Falls es 'was gibt.


Dieses Babys Mutti, die Anne-Marie, erzählt:

Am 29. Dezember 45 wurde unser Kind „Christoph“ geboren. Diesmal ging es gut, nach vielem vorherigen Bangen und Bitten.

Draußen ist es bitter kalt. Es liegt hoher Schnee.

Im Babelsberger Kreiskrankenhaus auf dem Gelände der Oberlin-Klinik fehlen dem Kreiß-Saal mehrere Fensterscheiben, einiges ist mit Pappe notdürftig vernagelt. Die Temperaturen im Kreißsaal und den Zimmern der Entbindungsstation sind wohl nicht viel anders als draußen – die Situation erinnert mich in diesen Tagen an die karge Herberge in einer abweisenden Welt vor rund zwei Jahrtausenden. „Es begab sich aber zu der Zeit, als ...“ – die Weihnachtsgeschichte.

Wir Gebärenden kamen mit Hunger und haben auch Angst vor den sowjetischen Soldaten, die immer wieder, auch in diesen Räumen, ihre unerwarteten Razzien machen. Trotzdem kann ich mich in den folgenden Tagen sättigen. Es gibt für uns zumeist gute Graupen in wässriger Brühe.


Aus Anne-Maries Taschen-Notiz-Kalender 1946 (geführt vom 29. Dez. 1945 bis 14. April 1946):



Soweit der Vorspann vom Rest des Jahres 1945.


1946 – Mein 1. volles Lebensjahr

Einige Auszüge aus Anne-Maries Taschen-Notiz-Kalender; speziell geführt für Notizen zur Entwicklung von Christoph.

Anmerkung: Die (in Klammern gesetzten Erläuterungen) stammen „vom Baby Christoph“, 70 Jahre später angefügt.


(Großvater August Janecke hatte weise „Walter“ vorgeschlagen, obwohl er wusste: „auf mich hört ja niemand von den jungen Leuten“).



Fr., 04. 01. 46

Christoph hat heut’ zum ersten Mal richtig gelacht. Nur weiß er bestimmt noch nix davon. Spaß macht's trotzdem es anzusehen. Er hat 100 g getrunken.

Di., 08. 01. 46

Chr. kleiner Po ist ganz wund. Weshalb nur? Heute Abholung vom Krankenhaus mit Auto nach Hause zu Richard und zu Christophs Schwester (dem ersten Kind).


(Das war gut).

(Sie bekamen ihm, denn er wird bald zwei Monate alt).

(der Diakonissen-Schwester Elisabeth Gandert. Eine Scheibe Brot, das ist die Hälfte ihrer eigenen Tagesration. Sie wird ab Pfingsten meine 1. Paten-Tante sein).

Von diesem Weißbrot entsteht ein kräftigender Magermilchbrei für Christoph. Denn bei den Versuchen mit unserem Graubrot wurde die Milch sofort sauer.



21. März 1946

Wir (also die vierköpfige Familie) sind zum Alten Stern (zur Gaststätte am Jagdschloss Stern gelaufen). In lauer Luft bei Sonnenschein draußen Kaffee (Kaffee-Ersatz-Extrakt) getrunken.


Schöne Aussichten

Was aber sagen denn so die Astrologen, die Esoteriker und die Numerologen aber insbesondere auch echte Wissenschaftler für das Leben dieses kleinen Kindes, diesem winterlichen Steinböckchen voraus, wie es vielleicht etwa die „Drei Weisen aus dem Morgenlande“ taten?






Kriterium



Voraussage "der Weisen"


und mein eigenes Empfinden


Wesen


Romantiker


Ja, ja, „der zeitweilige Träumer“ – im Milieu zwischen Ludwig Richter und Carl Spitzweg, mit satirisch-ironischem Einschlag, „gern zu Hause“.



Charakter


Sensibel, diplomatisch,

heiratet spät …



Duldsam – aber nur bis zur Grenze.

Ja…und vielleicht doch viel zu früh.



Mineral


Onyx, schwarz


Viele Lieblingssteine aber eher milchig-weißer Opal oder gelb-transparenter Citrin.



Baum


Eiche


Eher die Linde



Aggregat


Wasser


Ja, Bäche, Flüsse, Zelt am See, Boot, Floß alles sehr willkommen.



Sozialverhalten,

Medizin?


Helfertyp


Ja, unbedingt.

Das gesamte Leben hindurch.



Blutgruppe


Er hat die seltenste Gruppe in der deutschen Bevölkerung. Und nach dieser: -->



nachdenklich, pflichtbewusst,

kreativ, konzentriert,

wünscht sich viel Schlaf – aber es gibt so viel zu tun.



Berufe,

Tätigkeiten


Besondere Eignung für Tätigkeiten mit dem Schwerpunkt geistiger Anteile wie Forscher, Ingenieur, Schriftsteller.

Lieber unabhängiger Einzelkämpfer, als sich unterordnend.


Malerei / Musik nicht ausgeschlossen.


Und so wurde es: Ingenieurtechnisches Arbeiten in den Bereichen der komplexen Hygiene und Arbeitshygiene, der Gebäude-Ausrüstung, dem Umweltschutz, der Arbeitssicherheit, Entwerfen und testen neuer Technik. Technische Formgestaltung (Design). Technischer Autor. Berufspädagogik (Lehrkraft).

Außerberufliche Interessen: Archäologie, Bionik, Schreiben, Tiere. Aber auch handwerklich "bastelte er" so manches.



Graphologie


Eher defensiv-miteinander, als kämpferisches Durchsetzen gegen andere, gegeneinander.


Nun ja, das praktische, das wahre Leben forderte von allem seine ausgewogenen Portionen.



Weitere Ausführungen, beispielsweise zu den schönen Voraussagen der Numerologie oder zu den Ergebnissen meiner ausgeprägten Linien auf den Patschhändchen sparen wir uns noch.


Noch einmal zurück geschaut: Die ersten Tage im Licht

Der Standesbeamte, Herr Richter, hat als Staatlichen Anteil am Geschehen, den Geburtsschein Nr. 6/1946 ausgestellt (und um 60 unserer Reichspfennige dafür gebeten, hernach erhalten und gewiss auch in die Standesamtskasse des Rathauses eingelegt). Er ist ein zuverlässiger Mann!

Mein Vater schreibt in der von ihm für alle Verwandten und Bekannten gestalteten Geburtsanzeige überschwänglich irgendetwas von einem „kräftigen Stammhalter“, obwohl ich recht schlaksig, also lang und noch dünn aussehe. Nun, der Wunsch ist hier wohl der Vater dieses Ausdrucks.

Mein zusammensteckbares Holz-Bett hatte Mutti hochschwanger selbst tragend, im Frühwinter 1942 für ihr erstes Kind, für meine inzwischen schon große Schwester, mit der S-Bahn aus Berlin geholt. Am nächsten Tage wurde auch dieser Möbelverkaufs-Tempel bei einem Fliegerangriff von Bomben völlig zerstört. Wie gut, dass unser Bett gerade noch vorher verkauft / gekauft wurde.

Einige Tage nach meiner Geburt, fand mein erster Umzug statt, von der Klinik, in der gleichen Straße ein paar Häuser weiter, in das Heim meiner Familie. Rudolf-Breitscheid-Straße 39, die vor kurzem noch Lindenstraße hieß und bald die neue Hausnummer 46 erhält.


Die Eingangsbemerkung zum Licht bezieht sich tatsächlich auf die kurzen Stunden an den Wintertagen. Für die künstliche Beleuchtung war damals für die Kriegszeit angeordnet, ausschließlich 15-Watt-Glühlampen zu verwenden. Einerseits wegen des möglichst geringen Energieverbrauchs, zum anderen wegen der zuverlässigeren Verdunkelungsmöglichkeit gegen spähende fliegende Aufklärer und den folgenden möglichen Bomberangriffen. Das Argument des Einsparens gilt ja immer noch, oft wird der elektrische Strom auch abgeschaltet.

In meinem neuen Zuhause ist die Heizungssituation derzeitig auch nicht wesentlich günstiger angelegt, als in der Klinik und mit der Getränkeversorgung – na, ja. Ermessen könnt Ihr es daran, dass mein zartes Hunger-Durst-Begehren mütterlicherseits nur etwa bis zum 12. Februar gestillt werden konnte und dann schon bald ein Festessen hinzu kam. Dieser Ausdruck bezog sich aber weniger auf eine feierliche Art, als auf die Konsistenz der Zusatz-Nahrung.


Schaukelübungen für Kurzreisen

In dieser Zeit gehen die Gedanken der Eltern wohl weniger zu sehr weiten, großen Ausflügen. Bei kleineren Spaziergängen liege ich tief unten in dem gemütlichen weißen Kinderwagen mit einer Karosse aus leicht bauchig geformtem Sperrholz, das weiß lackiert ist, wohl auch mit Hartpappe ausgekleidet und mit Lüftungslöchern versehen. Gegen die Witterungsunbilden dient ein „Verdeck“ aus weißem „Wachstuch“. Fahren wir einmal mit der S-Bahn fort, muss der Kinderwagen von Mutti und mit Hilfe einer fremden zweiten (ungeübten) Person die Treppe zum Bahnsteig hinauf getragen werden. Und irgendwann auch wieder hinunter. Ich glaube mich fest daran zu erinnern (genau wie an die Empfindungen aus der Zeit vor meiner Geburt), dass ich bei diesem Getragen-Werden ein Gefühl mangelnder Sicherheit hatte. Ich hatte Sorge, dass der Fremde mit den Händen abrutschen oder stolpern und den Wagen mit Inhalt hätte fallen lassen können. Ein weiterer Schwachpunkt waren die Clip-Schellen, die das Rad auf der Achse halten sollten aber sich manchmal lösten. Das wusste ich aber noch nicht. Fast immer gingen solche Schaukelübungen gut aus. Vorbei schwebte ich am Bahnhofsaufgang an dem Emaille-Schild, das mich stets mahnte „Das Spucken auf den Fußboden ist verboten“, obwohl ich das ohnehin nicht getan hätte.

Ihr wisst ja: Bevor man den Bahnsteig betreten konnte, stand oben auf dem Treppenabsatz die „Wanne“, in der ein Bahnbediensteter (weiblich oder männlich) saß, der/die die Fahrkarten mit der Lochzange entwertete. Man durfte eben nur mit einem Fahrschein fahren, der bereits wertlos gemacht wurde. Wollte man seinen lieben Besuch nur bis zum Zuge bringen, bedurfte es zum Überwinden der Wannenkontrolle zumindest einer Bahnsteigkarte, die man zu jener Zeit unten am „Schalter“ für 10 Reichspfennige erstehen konnte. Das waren so meine ersten wichtigen Eindrücke aber nun will ich Euch nicht mit jeder Entdeckung von mir bekannt machen, nicht jede Kinderkrankheit erklären, nicht mit jedem Pups von mir konfrontieren, nur soviel – mein Mütterlein hat damals vieles davon sorgsam und detailliert notiert. Es ist für Interessenten nachlesbar.


Patenwerbung – lauter patente Leute

Das sind sie nun: diejenigen lieben Menschen, die meine Entwicklung beobachten und ihre Hand schützend über mich halten möchten, mir manches mit auf dem Weg durchs Leben geben wollen:

  1. Die Oberlin-Diakonissen-Krankenschwester (in Rente) Elisabeth Gandert, 1874 bis 1958, die aus Berchtesgaden über eine Tätigkeitszeit in Bernburg, nach hierher zugewandert war.

  2. Betty Pehlke, Ehefrau des pensionierten Nowaweser Stadtbaumeisters Ferdinand Pehlke,

  3. Rosemarie Bernhart aus Rudolstadt, die junge Ehefrau von Anton Bernhart.

  4. Herr Hans Ewert, der in der Ferne, dessen persönliche Bekanntschaft ich nie machte.


Nun ist es Taufzeit

Zur Zeit des lieblichen Pfingstfestes, am Sonntag, den 9. Juni 1946, werde ich in der Babelsberger Friedrichskirche von Herrn Pfarrer Wolfgang Iskraut (ihr wisst ja, der Schwager von Pfarrer Viktor Hasse) getauft. Also nicht echt getaucht, nur so ein bisschen mit Wasser bespritzt. Einige gutgemeinte Worte spricht er als Vertreter von oben auf mich herab. Auf mich, mit semmelblondem Haar, ganz in weiß – eher wie ein Mädchen gewandet. (Während dieses ersten Lebensjahrzehnts wird sich die Haartönung ganz von alleine, ohne fremdes Zutun, in ein Schwarzbraun wandeln).

Zu seinen Worten gehört hauptsächlich der Taufspruch: „Sehet, welch eine Liebe hat uns der Vater erzeiget, dass wir Gottes Kinder sollen heißen“. 1. Joh. 3.1

An diesem Tage wird auch mein Name, den bereits der Standesbeamte, Herr Richter, vor längerer Zeit zu Buche geschrieben hatte noch einmal manifestiert. „Christoph“ soll er heißen. So wurde der innig geäußerte Wunsch des Opas August: „Es wäre gut, wenn das Kind Walter (ja schlicht >der Waltende<) hieße“, nicht berücksichtigt. Die Idee, dass selbst ein so kleiner Mensch schon vorsichtshalber mehrere Vornamen tragen könne, um später selbst noch mal wählen zu können, fiel nicht auf fruchtbaren Boden, auch nicht in die Waagschale. Auch ich selber konnte wegen noch ausstehender Sprachkenntnisse den Eltern nicht beibringen, dass ich ganz gern Jan („die Gnade des Herrn“) geheißen hätte. Aber das wäre mit einer Doppelung zum Nachnamen vielleicht auch etwas des Guten zu viel gewesen. Bei der Namensnennung wäre ich des Stotterns verdächtig geworden.

Die Tauf-Feier findet in der Priesterstraße 68 (spätere Karl-Liebknecht-Straße121), in der Wohnung der Sommer-Großeltern statt. Dieser Großvater, mütterlicherseits, erlebt mich allerdings als Enkelsohn nicht mehr. Er starb einen Monat vor meiner Geburt.


Meiner großen Schwester Haarpracht wird zu meinem Tauffest mit einem Schneckenkrönchen herausgeputzt. Sonst schmückt sie sich gern mit der üblicheren Modefrisur „Hahnenkamm“.

Sie selber erzählt dazu bei der Betrachtung des Familienbildes vom Tauftage:

Pfingsten. Ich bei der Taufe meines Bruders, vor dem Garten von Oma Margarethe Sommer. Es ist schon schön warm und grün und bunt. Mein Kleid hat Tante Käte genäht und vorher an mir Maß genommen, damit es auch richtig hübsch auf mir hängt.

Dieses kleine weißliche Nachkriegsbündel auf dem Schoß von Mutti, ist nun mein neuer Bruder. Man kann noch nicht viel mit ihm anfangen – aber alle freuen sich. Darüber?

Pfarrer Wolfgang Iskraut hat ihn heute gebadet – aber nur ein bisschen. Erst seitdem heißt er richtig „Christoph“. Seine Taufpaten-Tanten lerne ich an diesem Tage noch besser kennen, als meine eigenen, denn das ist bei mir schon zu lange her.

Jetzt sind wir vier. Das hört sich hübsch gereimt an. Wie ein Gedicht – nicht?“


Meine frühe Nordlandreise

Im März bekommt meine Schwester den bösen Husten und ich gleich ein bisschen mit. Außer bittrer Arznei sollen gegen dieses reizende Bellen reizklimatisch veränderte Verhältnisse gut sein und so kommen wir auf irgendeine Weise, an die ich mich nicht mehr so genau erinnere, im August 1946 zur Erholung für einige Tage auf die Insel Rügen nach Lietzow, an jene Stelle, wo die beiden Jasmunder Bodden voneinander geschieden werden. Oder sich treffen.


Meine Mutti erzählt – denn sie weiß manches noch besser:

"Hier in Babelsberg haben wir nicht genug zu essen. Unser Betrieb ist wie alle Druckereien geschlossen, mit Verboten belegt. Die sowjetische Militäradministration hat Sorge, dass antisowjetische Flugblätter oder Druckschriften hergestellt werden könnten. So sind wir ohne verschuldeten Anlass unter strenger Kontrolle. Wir müssen uns zur Kontrolle ständig auf der Kommandantur melden. Ohne diesen Teil der Arbeit, ohne die Einnahmen, können wir auch die Miete nicht mehr pünktlich voll zahlen. So kratzen wir das restliche Geld zusammen und fahren nach Lietzow auf der Insel Rügen. Im Zug fehlen noch nachkriegsbedingt teilweise die Fensterscheiben aber es ist ja Sommer. Nur um die Kinder mache ich mir wegen der Zugluft Sorgen, denn Püdde hat Keuchhusten und Christoph ist nun gerade erst ein halbes Jahr alt.

Das Fläschchen für Christophs Milch darf ich bei einigen der vielen Zwischenaufenthalte dem Zugführer geben. Dieser lässt dann die Milch vorn in der Lokomotive aufwärmen und ebenso das Wassermagerbrei-Töpfchen, denn das Reisen dauert lange, macht durstig und auch hungrig. Wir Eltern essen später etwas. „Hoffentlich“, denken wir und „mal sehen, ob es für uns're Lebensmittel-Reisemarken dort etwas gibt“. Es wird etwas geben. Das weiß die Zukunft.

Der Zug fährt nicht auf die Insel, sondern endet am Bahnhof „Rügendamm“. Über die erst notdürftig reparierte Brücke müssen die Leute zu Fuß gehen. Dann rollt uns ein Bus weiter.

In Lietzow wohnen wir in der Pension „Strandburg“, nahe der Boddenstraße, unmittelbar am Strand des Großen Jasmunder Boddens gelegen. Das ist dort, wo beide Bodden fast zusammenstoßen und nur das Ufer mit der Boddenstraße dazwischen ist und die Strandburg mit uns drin und die Bahngleise und ein bisschen Wald. Sonst weiter rein gar nichts.

Hier können wir uns sogar richtig satt essen – Vati ist vom anhaltenden Hunger so geschwächt. Es gibt Kartoffeln – und Sonne und die Meeresluft tragen auch zur Erholung bei. Als Getränk nehmen wir immer gern das Wasser aus der Leitung, denn der Kafe aus getrockneten, aufgebrühten Lupinen und zum Schwärzen mit etwas Wegwarte (Zichorie) versetzt, hat einen schrecklichen Geschmack. Ansonsten sind die Verhältnisse in der Unterkunft etwas unerquicklich, so dass wir sie aus gegebenem Anlass schnell „das Räubernest“ nennen, weil es viel besser passt.

Mit unserem Mädel muss ich mehrmals in die Stadt, nach Bergen fahren, weil sie dort Spritzen bekommen kann, um den Keuchhusten zu lindern.

Einen unheimlich großen Schreck gab es heute: Christoph lag nur kurze Zeit unbeaufsichtigt im Kinderwagen. Er hat dort das silberne Klingelhäschen zum Spielen, einen metallenen Hohlkörper, innen mit einer Kugel, an einem langen blauen Band befestigt, damit er (der Silberhase) sich nicht zu weit vom Wagen entfernen kann. In dieser kurzen Zeit hatte sich der Junge das Band irgendwie um den Hals gewickelt und war im Gesicht und am Hals schon ganz bläulich angelaufen. Bei den ihn freundlich umsorgenden Schutzengeln schrillten die Alarmglocken. Intuitiv fühlte ich die Aufforderung, sofort nach dem Baby zu sehen. Gerade noch rechtzeitig kam ich hinzu. Ich weiß nicht, wie das überhaupt möglich war, wie es dazu kommen konnte. Hoffentlich hat die mangelnde Blut- und Sauerstoffversorgung des Gehirns keine bleibenden Beeinträchtigungen bewirkt.

Insgesamt ein Grund dankbar zu sein, dass es noch einmal so abging. Eine Lehre fürs Leben".

Christoph ergänzt später: Da meine blaue Gesichtsfarbe (weitaus dunkler als die des Bandes) noch rechtzeitig bemerkt wurde, bin ich heute in der Lage, an diesem bis hierher kurzen Lebenslauf weiter zu schreiben.


Die Kinder sollen es besser haben

Die sowjetische Militäradministration (SMAD) ordnet mittels Befehl an, dass im Rahmen einer einzurichtenden Schulspeisung jedem Schulkind an jedem Schultag ein Teller warmen Essens zum Preis von 0,15 RM (Reichsmark) zu gewährleisten ist.


Die Fremdsprache meiner großen Schwester

Die Eltern werden später berichten, dass Püdde in ihrem dritten Lebensjahr für einige Tage recht flüssig aber für die Eltern nicht erklärbar, von ihnen kaum verstehbar, plötzlich in einer „harten“ ostpreußischen Mundart mit eingestreuten völlig ungebräuchlichen Worten redete, was später noch mehrmals auftrat, dann aber nur noch kurzzeitiger und sich bald völlig verlor. Nie hatte das Kind Kontakt zu Menschen mit solch einem hier sehr auffälligem Dialekt.

Waren das möglicher Weise Restkenntnisse aus einem früheren Dasein und deren Reflexion?


Vom 20. September, bis etwa zum 10. Oktober 1946, halten sich Vati, seine Schwester Käthe (manche Leute nennen sie auch einfach Käte, weil's moderner scheint) und meine Schwester im Thüringer Land auf. Sie sind in Bad Sulza zu finden, im Hotel Eschenbaum.

Mutti und ich bleiben dagegen zu Hause in Babelsberg, führen hier den Betrieb und den Haushalt.


Kinderlieder

Die ersten Kinderlieder, die ich hörend lernte:


Backe, backe Kuchen, der Bäcker hat gerufen:

Wer will guten Kuchen backen, der muss haben sieben Sachen:

Eier und Schmalz, Butter und Salz, Milch und Mehl,

Safran macht den Kuchen gehl. Schieb, schieb in den Ofen hinein.


Alle meine Entchen II:schwimmen auf dem See:II,

Köpfchen in das Wasser, Schwänzchen in die Höh’.


Summ, summ, summ, Bienchen summ herum.

Ei, wir tun dir nichts zu Leide, flieg nur aus in Wald und Heide.

Summ, summ, summ, Bienchen summ herum.


Erst kommt der Sonnenkäfer-Papa,

dann kommt die Sonnenkäfer-Mama

und hinterdrein, ganz klitzeklein,

die Sonnenkäferkinderlein.


Suse, liebe Suse, was raschelt im Stroh?

Das sind die lieben Gänschen, die haben kein Schuh’.

Der Schuster hat’s Leder, kein’ Leisten dazu,

drum geh’n die lieben Gänschen auch heut’ ohne Schuh’.


Kleinstkinderspielzeuge

Womit spielt in der Nachkriegszeit das Kleinstkind Christoph? Da wurde bereits erwähnt: Der Häschenblechhohlkörper, „silberner Klingelhase“ geheißen, jetzt nicht mehr "an der Leine".

Des Weiteren ein schwarzer Stoffhund namens „Wauwi“ (mein allertreuester Freund).

Ein dünnes Buch mit Blättern aus dicker Pappe mit farbigen Bildern. Die für mich aufregendste Abbildung darin war die eines richtigen Lastautos. Toll. Man konnte damit ausgezeichnet Traumreisewege befahren. Es braucht gar kein schnelles Fahrzeug sein. Dieses hier hatte den Vorteil, dass man alles aufladen kann, was man für ein gutes Leben wirklich braucht.

Dann gab noch einen Schlenker-Stoff-Clown namens "Bajazzo", den Mutti für ihren Sohn liebevoll selbst gefertigt hatte, mit dem ich aber trotzdem „nicht recht warm wurde“, mit ihm also keine enge Freundschaft schloss. Das lag an unseren zu verschiedenen Charakteren. Der Einfachheit halber hört er bei Bedarf auf meinen Ruf „Jascho“. Diese Bezeichnung ist mir eine linguistische Hilfe und darf bitte nicht etwa als ein Kosename missdeutet werden.

Kreativ wurde das Spielen dann mit gelb-blauen Pappschächtelchen (nicht von der FDP gestiftet), die vordem Süßstoff enthalten hatten.

Später kommen die flachen dunkelblauen Behältnisse hinzu. Sie haben einen Schiebedeckel nach dem Schwalbenschwanz-Prinzip und sind aus Duroplast gefertigt. Sie hatten ursprünglich „Acetophen“ enthalten, das waren Tabletten gegen grippale Infekte, Fieber und Gliederschmerzen.

Zusammengefasst: Mit dieser Ausstattung konnte ich mich zu den Reichen dieser Welt zählen!

November '46:

Vati hält sich zur medizinisch verordneten Nachkur in einer Villa des Krankenhauses „Heckeshorn“ am Wannsee im Westberliner Stadtbezirk Zehlendorf (Amerikanischer Sektor der gevier-teilten Stadt Berlin) auf. Während der Besuchszeiten unternehme ich im Garten (einige Stufen führen dorthin hinunter) meine ersten Laufübungen, einmal auch an der treu sorgenden Hand von Patentante Elisabeth Gandert. Hier lernen wir auch die Krankenschwester Renate Zauleck kennen (die eigentlich aus Berlin-Pankow stammt aber inzwischen hier lebt und arbeitet). Dieser Name wird uns später noch öfter begegnen. Meine große Schwester spricht sie aber viel lieber mit „Tante Spinate“ an, denn das Wort geht ihr bei größerem Mitteilungsbedarf flüssiger von der Zunge und der wertvolle Spinat ist ihr neben anderem selbstgerupften Grünzeug ohnehin als ein übliches Gemüse geläufig.


Immer noch 1946

Es weihnachtet schon sehr – und doch ist der Brotkorb ziemlich leer. Das kommt vom zurückliegenden Krieg und von der Nachkriegszeit. Diese steht unsern Eltern in ihren Gesichtern geschrieben und auch eine Personenwaage wüsste davon ein Lied zu singen. (Wir besitzen keine aber oben auf dem Bahnsteig des Bahnhofs steht eine – von den Dresdener Süßwarenfabriken, wie auf einem Schildchen zu lesen ist. Leider spendet dieses Gerät weder Süßes noch Brot, nur ein trockenes Pappkärtchen, einer Fahrkarte gleichend, mit der Gewichtsangabe dessen, der kurz mal auf der Waagen-Plattform steht.

Ist mal dieses "klitschige" Wasserbrot vorhanden, schneidet man es vorsichtig und trocknet es leicht röstend auf der Herdplatte. Zum Festmahl wird es mit Margarine, Sirup oder Marmelade bestrichen. So ist es auch verträglich-bekömmlich.

Herr Erich Füssel kam zeitig genug aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Er ist so freundlich und fertigt von diesem Weihnachtsfest, also speziell von uns, ein Foto.

Meine Schwester, mit ihrem modischen Haarkrönchen, ist auf dem Bild die einzige Person mit einem strahlenden, gewinnenden Lächeln. Bald schon wird sie vier Jahre alt sein.


Als Weihnachtsgeschenk für meine Eltern, das Fest fiel ja diesmal so etwa mit dem Ende meines ersten Lebensjahres zusammen, kann ich ihnen meine etwas wackligen Laufkünste vorführen, lag damit also etwa in dem üblichen Zeitrahmen der Kindesentwicklung. Man braucht nur einen Haltepunkt scharf anzuvisieren und mit den Armen ausbalancierend auf ihn zugehen, dann geht das schon – und wenn es mal nicht richtig glückt, gibt es in dem engen Zimmer geeignete Möbelstücke, um sich erneut aufzurichten. Und man sieht immer: Übung macht den Meister.


Was in diesem Jahres sonst noch so geschah:

Natürlich passierte viel, viel mehr. Das könnt ihr für jedes Jahr beispielsweise in den Dokumenten zur „Zeitgeschichte“ auf der gleichen Internet-Seite lesen und in besseren Quellen auch.


1947Mein 2. Lebensjahr

Im Wettlauf um gute Gesundheit holen mich im März die Windpocken ein.

Im April ist mein Windelalter vorbei. Für gemütliche Sitzungen lädt mich fürderhin der Topf ein.


Kinderbücher:

"Struwwelpeter" ist in dieser Zeit der Renner.


Unterhaltung

An Unterhaltungsmusik komponiert beispielsweise Rudi Schuricke jetzt „Die Caprifischer, Vaya con dios...“ wovon ich noch nicht so viel habe, aber die Musik hält sich so lange am Schlagerhimmel, dass ich sie später auch noch ganz frisch mitsingen kann. Theo Lingen gibt auch einige Jahre zum Besten: „II: Der Theodor :II, der steht bei uns im Fußballtor“. Herr Lingen erinnert mich auch heute noch mit seinem mittelgescheiteltem Haar und seinen Gesichtszügen sehr an die Klasssenkameradin meiner Mutti: "Tante Emma".


Mittel zum Leben – Lebensmittel

Der Bruder von Vatis Mutter war gleichzeitig ein vormals gut situierter Reichsbahn-Amtmann. Er heißt Max Dittwaldt. Er und seine Frau Gertrud (Tante Trudel) waren im März 1945 aus Königsberg in Ostpreußen (von Pillau über die Ostsee) mit ihrer „Resthabe“: einem Rucksack und einem Köfferchen "Heim ins Reich" geflüchtet. Nach einem Kurzaufenthalt im Schweriner Auffanglager, wohnen sie jetzt in einem Lüneburger Zimmerchen zur Untermiete, in der Ilmenaustraße 1a. Lüneburg liegt sehr weit entfernt, dort, wo viele Soldaten in englischer Sprache reden, was man nicht verstehen kann. Bei uns ist es das Russische, das vom Laien ähnlich gut verstanden wird.

Zu den Festtagen schicken sie uns ein Päckchen mit Kartoffeln, „Tüffeln“ oder „Tüfften“, wie Onkel Max sie in niederdeutscher Ausdrucksweise ankündigt. Zwischendurch senden sie aus ihrer westlichen Besatzungszone auch immer mal Brotrinden von Schnitten (trockenes „Hasenbrot“), die ihre älteren oder schon ersetzten Rentner-Zähne nicht mehr beißend teilen können, zu uns. Je nach Vortrocknung und Reisewitterung kommen sie manchmal auch unverschimmelt hier an.

Anfangs trugen die Päckchen neben der Adresse vorsichtshalber noch den Hinweis „Germany“, weil ja auch Potsdam-Babelsberg jetzt in eine verdächtige Nähe zu Moskau gerückt ist. Pflicht war es, sie mit „Geschenksendung – keine Handelsware“ zu kennzeichnen.

Auf den Päckchen muss immer draufstehen: "Ostzone!" und "Liebesgabe (für die Brüder und Schwestern im Osten) – keine Handelsware", damit sie leichter und weniger häufig geöffnet, geprüft und die Brotrinden seltener begrapscht, über die Interzonengrenzen eilen können. Es ist immer sehr gut von den Dittwaldts gemeint und wir sind dankbar dafür. Die Rinden schmecken, wenn man Hunger hat, ziemlich ausgezeichnet. Mutti kocht auch Brotsuppe daraus, mit einem Häubchen von Hühnerei-Eiweiß-Schnee garniert, wenn es Eier gibt. Garantiert.

Bald haben wir hier bei uns in der SBZ (Sowjetische Besatzungszone) Haferflocken auf Lebensmittelmarken als wertvolle Grundnahrung für uns Kinder. Darüber ist Mutti sehr froh. Enthalten sind in dem daraus hergestellten Brei allerdings zahlreiche Hartschalenteile, auch Spelzen oder Hacheln genannt, die uns zum rückwärts-frühstücken einladen. („Erks“). Hat die sondierende Zungenspitze sie rechtzeitig erkannt und abgesondert, reihen wir diese zur Flocke gehörenden Fremdkörper am Tellerrand auf, um das Ausmaß des Schreckens darzustellen. Hier können sie als stumme Zeugen dafür dienen, wie sauer uns die süßen Haferflocken wurden.

Eines sehr schönen Tages – das ist dann aber erst später eingetreten, kommt von Dittwaldts aus Lüneburg wieder ein Päckchen aber ohne Brotkrusten (oder Brotkürsten oder Brotrinden), sondern mit einer dunkelblau/hellblau-silbrigen Tüte mit Kölln-Haferflocken zartester Machart. Vielleicht sind diese, so vornehm aufbereitet, nicht mehr ganz so biologisch vollwertig wie die Groben, stellen aber einen Genuss dar, der auf unseren Kinderzungen so dahinschmilzt, wie auf unseren übrigen Sinnen ebenso. Vor diesen neuen Mahlzeiten tanzen Schwesterlein und Christoph-Klein dann in Vorfreude um den Tisch herum und singen mit Begeisterung „Lüneflocken, Lüneflocken“, obwohl diese doch eigentlich vom Familienkonzern namens Kölln stammen.

Lebensmittelmarken gibt es für fast alles Wichtige, zum Beispiel für Butter, Margarine, Brot, Fleisch, Wurstwaren, Kartoffeln und anderes mehr. Es ist also nicht möglich mehr zu kaufen, mehr zu essen, als es die Markenabschnitte pro Zeiteinheit (Monat) ermöglichen. Man muss / will also gut einteilen. Hält man sich nicht am Heimatort auf, kann man beim Rat der Stadt "Reisemarken" im Tausch gegen die regulären ortsgebundenen Marken beantragen.


Anfang November muss Vati wegen Herz- und Kreislaufbeschwerden ins Krankenhaus Berlin-Nikolassee. Dort besuchten wir ihn. Wieder war auch meine gütige Patentante Schwester Elisabeth dabei, die dort zum Zeitvertreib ein wenig mit mir spielte. Spielen allein ist aber der ernsthafte Lebensinhalt nicht. So möchte sie mich dazu führen, unter ihrer Anleitung als Wunderkind bis „Zehn“ oder aber als ihr erstes Patenkind zumindest anfangs bis „Drei“ zählen zu können. Aber irgendwo sind uns da Grenzen gesetzt. Ich bin kein Wunderkind und habe auch diese Dame nicht glücklich gemacht. Zu ihrer Enttäuschung redete ich lieber die „Ältern“ vorerst gebührend mit „Mama“ und „Papa“ an, denn Zahlenreihen und zusammenhängende kurze Sätze nahm ich wohl erst nach dem 2. Geburtstag in mein Repertoire auf, so dass die Lieben schon wieder Sorge haben, dass es mir an irgendetwas fehlen könne. Diese Sorge zerstreue ich jedoch bald mühelos, was sie mit der Bezeichnung für mich als „unser Quasselpeterchen“ quittierend honorieren.

Damals, zur Zeit der Namensgebung für mich war dieser schöne Name nicht in die engere Auswahl gekommen und auch männliche Schnatterinchen sind zu dieser Zeit noch unbekannt.

Trotz alledem: Sorge bereitet mir, ich habe ja meine vielsprechende große Schwester als leuchtendes Vorbild, dass ich im Redefluss verschiedene Begriffe noch nicht richtig äußern konnte, obwohl sie mir "auf der Zunge lagen", trotzdem noch den Redefluss zu bremsen imstande waren. Das war vertrackt, brachte mich manchmal sehr bewusst zum Verzweifeln. Ich werde auch das nicht vergessen können.


1948Mein 3. Lebensjahr

Kindergartenzeit

Ich gehe von nun an in die Schulstraße.

Also noch nicht ganz bis zur Schule aber immerhin in den Kindergarten.

Kindergarten, Schweinebraten, hat die ganze Welt verraten“, so riefen die damals schon höher Gebildeten und Wissenden hinter mir her, als sie sahen, wohin Mutti meine Schritte zu lenken gedachte.

Im zarten Alter von 2 ½ Jahren kam ich als „Mittagskind“ in den evangelischen Kindergarten des Oberlinhauses in der Schulstraße zur Diakonissenschwester Helga Stein. Diese war uniformiert mit steifer weißer Kopfhaube, graublauer Bluse und weißer Schürze. Wenn ich euch das anvertrauen darf: Es gefällt meiner Mutti dort recht gut (das kann ich erklären – sie musste ja nicht dort bleiben), mir sagt das Ganze aber überhaupt nicht zu. Schon die Gedanken an den nächsten Tag rührt mich anfangs zu Tränen. Schrecklich, was man dort alles mitmachen muss. Der einzige Trost war ja noch meine Schwester, die ich ab und zu sah. Ansonsten eine Horde anderer Kinder, die oft schreien, laut umhertoben. Habe ich mal ein momentan herrenloses Auto ergriffen, um mit diesem eine wundervolle Traumreise zu unternehmen, kommt schon ein schreiendes Kind, um mir das Objekt, den Angelpunkt der Phantasie, fortzureißen, weil es dafür seinen eigenen Bedarf erkannt hat. Dann gibt es die Ringelreihen-Kreis-Tanzspiele: auf Kommando zu absolvieren wie „Laurentia, liebe Laurentia mein“, an eine Laurentia gerichtet, die ich überhaupt nicht kenne. Auch haben wir das Haupt (aber nur das eigene) zum Verrichten des Gebetes de- und reumütig zu senken. Woran aber mögen diese vielen kleinen Gehirne in dieser Zeit wirklich denken? Zum Beispiel an das Frühstück, das vor jedem steht – oder besser an das des Nachbarn? Alles nicht so nach meinem eher freigeistigen Geschmack. Dann das erzwungene Lernprogramm! An mehr als einem Tage „müssen wir oftmals schleifen“, solange eben, bis wir das Binden der Schnürsenkel an den Schuhen beherrschen.

An anderen Tagen sind Klebearbeiten mit Buntpapier oder Flechtarbeiten mit Papierstreifen an der Reihe. Das ist schon viel besser. Als ich „den Bogen raus hatte“, war aber erst mal wieder Schluss damit. Auch zu späterer Zeit gibt es eigentlich nur zwei Erlebnisbereiche, mit denen ich mich anfreunden kann: Mal- und Bastelstunden und vor allem die sommerlichen Mahlzeiten, sitzend im „Hof-Garten“ an der quasi bayerischen Bierzelt-Ausstattung (ohne Zelt), also an langen Holztischen und an jenen beiderseits angeordnet, die lehnenlosen Holzbänke. Das alles im Halbschatten unter dem alten Wal-Nussbaum. Genüsslich zu den aus der Heimat mitgebrachten Schnitten, den mageren köstlichen Milchkafe trinken, dessen Nachgeschmack noch heute den Papillen meiner geistigen Zunge anhaftet. Alles in relativer Ruhe genießen zu dürfen, dabei das Schwatzen mit vollen Mündern der Nachbarschaft auszublenden, die Ohren zuzumachen. Das ist was! Das war schön – dort eine Zeit träumen zu dürfen, in sich allein sein zu können, bis alle mit dem Mampfen fertig waren. Mit innerer Ruhe – ganz ohne Krach – ein Geschenk des Tages.


Immer wieder werden wir im Kindergarten mit dem rechteckigen engzahnigen Läusekamm (ohne Griff) prüfend bearbeitet. „Staubkamm“, so wird er sowohl diskret und vornehm, als auch absichtlich irreführend bezeichnet. Aber wohl niemand wurde in die Irre geführt – ein Jeder wusste Bescheid. Bei meiner Schwester und mir konnten bei aller größter Mühe nie diese Nissen entdeckt werden. Wir hatten keine Läuse zu Gast, dienten ihnen nicht als Wirte. Ich schwöre es! Ob manchmal Flöhe auch Läuse haben – oder springen die einfach viel zu schnell von dort wieder fort?

Komischer Weise haben viel viel später, noch so lange Zeit nach dem Krieg, wieder viele Leute Läuse. Auch Flöhe gibt es. Wo die nur hergekommen sein mögen? Und weshalb zu wem!


Herbstkur in Bornstedt bei Potsdam

Für September / Oktober 1948 erhielt unser Vater eine dringend notwendige Herz-Kreislauf-Behandlung verordnet. Es geht nach Bad Elster, im schönen Thüringer Land gelegen. Da unsere Mutti ihn wegen seiner Geh-Behinderung begleiten muss, verleben meine Schwester und ich ersatzweise “frohe“ sechs Wochen im Oberlin-Kinderheim in Bornstedt. In der Potsdamer Straße 196 etwa gegenüber dem alten Forsthaus. Von dort wäre ich am liebsten schon am ersten Tage ausgerissen aber die Heimat schien irgendwo – unerreichbar in einem anderen Erdteil zu liegen. Also verraten und verkauft. Alte, strenge und familienlose sowie wohl überforderte Diakonissenschwestern die sich uns kleinen Kindern widmen wollen, sind unsere Betreuerinnen. Es ist so ähnlich wie bei Hänsel und Gretel. (Sie meinen es aber so sehr gut mit uns, können das vielleicht bloß nicht so recht zeigen und ausleben – hören wir später). Eine schreckliche Zeit, verlassen sind wir von aller Welt. Wenig gutes Essen. Verwöhnt sind wir diesbezüglich sowieso nicht. Selbst meinen einzigen Freund, meinen schwarzen Wauwi mit den himmelblauen Augen, lassen die garstigen Kleinkinderaufbewahrerinnen nicht als mein Trost mit mir im gleichen Bett schlafen, sondern sperren ihn (als wertvolle pädagogische Maßnahme) in den dunklen Koffer und lagern diesen bei abgesperrter Atemluft auf dem kalten Dachboden ab. "Hunde haben hier keinen Zutritt". Ja, so ist das. So schrecklich diese Stätte, dass ich sie erst nach 50 Jahren wieder aufsuchte, um Frieden mit ihr zu schließen – also die alten Damen hatten inzwischen das Haus verlassen. In der Zeit des Heimaufenthaltes lernen wir das Lied:


Wenn die Arbeitszeit zu Ende

Wenn die Arbeitszeit zu Ende,


rüsten nach der Burschen Art 


Samstag alle fleiß' gen Hände

zu der frohen Wanderfahrt.

Singend zieh'n wir aus dem Städtchen,

frei das Herz und leicht der Sinn.

//: Links die Burschen, rechts die jungen Mädchen 
und ich selber mitten drin. ://


Hei, das ist ein fröhlich Wandern!


Wiesen, Felder zieh'n vorbei.


Einer sagt es froh dem andern;


heute, Bruder, sind wir frei!

Weit zurück schon liegt das Städtchen,


und wir wandern leicht dahin;

//: Links...


Singen, spielen im Vereine, 


Rast in kühler Waldesruh.

Und beim hellen Mondenscheine


wandern wir der Heimat zu.


Singend zieh'n wir ein ins Städtchen,

frei das Herz und leicht der Sinn.

//: Links die Burschen, rechts die jungen Mädchen

und ich selber mitten drin. ://

Nein, solch ein schöner Gesangsbeitrag kam von mir nicht freimütig aus vollem überzeugten Herzen. So froh war ich nicht. Das Lied war nur die Theorie, die Praxis sah für mich anders aus.

Auch sammeln wir hier in Bornstedt fleißig Bucheckern. Daraus sollen Halsketten (ich will an so 'was nicht denken, da steht mir immer Lietzow '46 mahnend vor Augen) und auch schmückende Armbänder für die Mädchen entstehen. Hoffentlich bleibt auch etwas als Winternahrung für die freundlichen Tiere des Waldes übrig. Für Eichhörnchen zum Beispiel. Das wäre gut. Mit denen kann man wenigstens ordentliche Gespräche führen, wenn sie nicht fortlaufen.

Aber noch im Oktober 48 feiere ich mit meinem Wauwi ein gewaltig-stilles Wiedervereinigungsfest. Das vormals plüschige Fell sah dann später recht „abgeliebt“ aus – etwa so wie unser Teppich auf seiner Rückseite.

Unseren Teppich von unten kenne ich sehr gut. Wenn Mutti den Teppich des Wohnzimmers gesaugt hat (ihr kennt ja den großen, grauen, kräftigen Topfstaubsauger von Miele?) dann werden die Teppichseiten nach innen umgeschlagen, weil Mutti dann die mit rotbrauner Ölfarbe gestrichenen Dielenbretter wischt. Ich sitze während dieser Zeit unter dem Tisch, also „in meinem Boot“ und um mich herum die Teppichwellen, die ach so wilde See.


Die neue Währung – ohne Gewähr langen Bestandes?

Bisher bezahlen die Eltern in Mark und Pfennig des Deutschen Reiches. Nun aber ist es aus damit, denn es erfolgt die Währungsumstellung, die auch uns im Lande Brandenburg die Deutsche Mark der sowjetischen Besatzungszone bringt, nachdem die West-Alliierten in ihren Zonen gemeinsam einheitliches neues Geld, also völlig anderes, eben West-Geld herausgegeben hatten. Das soll ja wohl nur eine kurze Übergangswährung bis zur Wiedervereinigung sein. Dann gibt es wieder anderes schönes gesamtdeutsches Geld. Am Tage nach der Währungsumstellung in den Westzonen waren dort plötzlich alle Geschäfte proppevoll mit Waren. Der Auftakt-Termin des "Wirtschaftswunders".

Ob das bei uns im Osten genauso wird? Ach nein – wissen wir später. Es wurde nicht. Es gab da gewisse Unterschiede. Hier wurde nichts hineingepumpt, sondern Anlagen als versuchsweise Kriegsreparationen stellvertretend für das alte gesamtdeutsche Reich gen Osten transportiert. Dass dieser kleinere Anteil der Deutschen sich mithilfe ihres Fleißes wieder hochrappelte war vielleicht das noch größere aber eher unauffällige und von vielen Schwierigkeiten begleitete Wirtschaftswunder.

Das mit dem neuen Geld ist für uns Jüngere günstig, denn wir haben plötzlich viel Spielgeld in unserer Kasse, weil mit den bisherigen Reichspfennigen niemand mehr 'was anzufangen weiß. Außer uns Kindern.


Weihnachtszeit, schöne Zeit

Wir drei: Vater, Tochter und Sohn sind am 24. Dezember interessanter Weise in den Laden verbannt worden, weil Mutti im Zimmer irgendwas kramt, rumort, zum Fest vorbereitet. Wir stehen im offenen Türrahmen schauen auf das Treiben in der Straße und reden über das Leben.

Meine große Schwester ergreift hier jetzt das Wort, denn sie redet viel reifer, als ich es kann und so legt sie los: „Mutti schmückt das Bäumchen im Wohnzimmer und ist dort noch ganz geheimnisvoll beschäftigt. Vati, Christoph und ich stehen in der geöffneten Ladentür und schauen dem Treiben auf der Straße zu. So gehen auch Gedanken und Gespräche zum lieben Weihnachtsfest. Aber etwas kritisch muss ich mich dann schließlich als die vom Kindergartenerfahrungsaustausch Aufgeklärte doch schon mal äußern, also: – „Pühh! Echten Weihnachtsmann und so 'was – gibts ja überhaupt nich. Wozu denn überhaupt ein Gedicht lernen? Alles nur Spinnerei und so. Dis glaubt ja höchstens noch so'n Baby wie Christoph“ (dieser kleine Bruder gestattet es sich an dieser Stelle, sanft einlenkend mit überzeugtem Ernst im Gesichtsausdruck, anzumerken: „Abba Osterhase mit weiches Fell gib es würklich“). –

Das Schicksal aber will es offenbar so:

Auf der anderen Straßenseite schreitet ein weißbärtiger Rotgewandeter mit geschultertem Sack fürbass und unser Vater ruft laut: „Lieber Weihnachtsmann, komm' doch bitte mal zu uns herüber, hier ist so ein Mädchen, das nicht glaubt, ...“ und er kommt dann tatsächlich über die Straße gestapft, riesengroß, geradewegs auf mich, die Ungläubige, zu...

Nachher habe ich dann Mutti hervorsprudelnd erzählt: „Ich habe dann nur ganz schnell die Hände und die Füße gefaltet und brav aufgesagt: Lieber guter Weihnachtsmann schau mich nicht so ...“ Die Rute hat er dann in seinem grauen Sack stecken lassen – nur mal so leicht mit einem Tannenzweig gedroht – oder zwinkernd gewinkt?

Ja, während dieses Ereignisses, das einer größeren Portion an Dramatik wohl nicht entbehrt, schmückt Mutti immer weiter am Weihnachtsbaum herum. Eine sehr wichtige Rolle spielen dabei unsere Buntpapierkringelgirlanden. Und auch süße Kringel, die später (im Januar) „geplündert“ werden dürfen. Dann gibt es noch die Kerzenhalter, an einem Ende als Spiralbohrer fürs Stämmchen gestaltet, am anderen Ende mit einem Messingblechteller und scharfen Metallzähnen, die die Kerzen halten. Auf der Spitze des Bäumchens sitzt ein silbriger „Eisvogel“ mit einem Schwanz aus Glasfasern. Über die Zweige wird vorsichtig und einzeln das Jahr für Jahr aufbewahrte und wiederverwendete schwere Stanniol-Lametta (Vorkriegsware) gehängt. Ein Jahrzehnt später wird es dann das zu leichte Aluminium-Lametta geben, bei dem das Bäumchen aussieht, wie der ungekämmte Struwwelpeter, wie ein Wirrkopf – aber bitte, eben nicht bei uns.


1949 – mein 4. Lebensjahr

Als Vorbeuge-Maßnahme bezüglich drohender Stromsperren ist es angeraten, bei den 110 Volt Spannung, 15 Watt-Lampen zu nutzen. Wir haben noch einige „großkerzige“ Vorkriegsglühlampen, deren Glaskolben in einer Spitze "auslaufen" und dort zugeschmolzen sind. Diese werden erst mal beiseite gelegt. Bei den neuen kleinen 15-Watt-Lampen kann man getrost hineinsehen und den rot-gelben Glühfaden betrachten, ohne geblendet zu werden. Für uns Kinder sind es gemütliche Stunden, wenn bei den Stromsperren die Beleuchtung von der Glühlampe hochherrschaftlich auf Stearin-Kerzen wechselt. So traut und feierlich. Die Kerzen werden selbstredend solange genutzt, bis sie kleine Stümpfchen sind und dann andere Reste „aufgepfropft“ oder für die kürzeren Aufenthalte in der Außentoilette weitergenutzt, denn in dieses stille Örtchen führen keine Elektroleitungen hinein. Für seltene Gänge in der Dunkelheit in den Keller oder in den Brennstoffschuppen nutzen wir die Stall-Laterne, ein fast geschlossenes "Windlicht", dass dem vorbeugenden Brandschutz gerechter wird, als das offene Kerzenlicht, auch "Talgmops" genannt.

Eine Petroleumlampe besitzen wir auch. Aus einem Glasbehälter bestehend, der aussieht wie ein größerer Parfümzerstäuber. Dessen messingfarbene Schraubverschlusskappe ist mit einem Schlitz versehen, durch den mittels eines Handrädchens von Zeit zu Zeit ein flacher Docht nach oben geschoben wurde – immer um den Betrag des Abbrandes.

Gesellige Spiele

Zuhause erwartet uns heute eine große Überraschung: Wir haben jetzt sogar „Das beliebte Original-Spiel * Mensch ärgere dich nicht * für vier bis sechs Personen“, gesetzlich geschützt, JFSM, Int. Reg. Joseph Friedrich Schmidt, München 13, Lizenzherstellung von „Der Spielkasten“ in Berlin, - Ostzonen Ausgabe -, 3,25 Reichsmark. Aha, schon vorausschauend vor einiger Zeit gekauft.

Auch mit ohne zu viel Spielzeug kann ich glücklich sein. Es ist schon schön, wenn Vati mal etwas Zeit hat und ich auf dem Tisch allein mit vorgestreckten Armen und Händen einen imaginären Hof einfriede und die Finger ein Tor bilden, was sich für Menschen, Tiere und Fahrzeuge leicht öffnen und schließen lässt. Zu frohem Spiel besitze ich hölzerne (leere) Garnrollen und auch Rollen vom Leukoplast-Pflaster. Das sind in der Wirklichkeit des Spiels natürlich Autos. Auch die kleinen alten Vorkriegs-Spritzflaschen mit dem schönen Mädchennamen "Maggi" glänzen wie neu und diese dienen mal als Verkaufsgut im Kaufmannsladen, mal sind sie Straßenlaternen oder Bäume. Hinzu kommen noch kleine wertvolle Schiebeschachteln, in denen sich früher Reißzwecken befanden. Damit zu spielen ist schön. Wunderbare Spiele lassen sich da "mit so tun als ob" gestalten – und mein "geistiges Auge" sieht alles ganz deutlich, was kein anderer erblicken kann. Wir sind damit verhältnismäßig ganz schön reich.

Von Muttis Jugendfreundin aus Westdeutschland bekamen wir ein Fische-Angelspiel geschickt / geschenkt. Das war sehr freundlich von ihr. Ein Pappaquarium mit kleinen Pappfischen, jeder mit einer Metall-Heftklammer gefoltert. Mit einer Angel, an deren Ende ein Magnet befestigt ist, kann man sich sein Mittagessen angeln. Weiter nichts. Was soll das? Da kommt sofort Langeweile auf. Also bitte, meine Anmerkung will keinen Undank zum Ausdruck bringen aber...


Etwas Neues: „Die HO hat alles“ (Handelsorganisation in der Ostzone). So sind in der Backwaren-Verkaufsstelle jetzt „Schweineohren“ aus Blätterteig, mit flüssigem Zucker geschönt, im Angebot. Das Stück für 5,- Deutsche Mark, Ost. Frei, ohne Lebensmittelmarken. Solange der Vorrat reicht.

Es handelt sich nicht um ein Grundnahrungsmittel. Es ist eher ein zeitweiliges Luxusgut.


Italienische Sonne in Babelsberg

Jetzt im Winterhalbjahr gehe ich einige Male bis fast in den sonnigen Süden. Das bedeutet für mich: Gesundheitsvorsorge im Oberlinhaus. Ein Katzensprung entfernt – ist ja gleich nebenan. Ich habe nämlich auf Muttis Antrag einige Höhensonnen-Bestrahlungen verordnet bekommen, weil der Arzt zustimmte und meinte, dass sei eine gute Idee. Höhensonne löckt Pro-Vitamin D. Im Verein mit Lebertran gut gegen die Rachitis. Das ist nicht wie der Name uns vielleicht einreden möchte, eine lateinische Entzündung des Rachens, enthält auch keinerlei Rache-Gedanken, sondern benennt die Knochenweiche, die zum Beispiel zu ungesunden X- oder auch halb-O-förmigen Säbelbeinen als Folge des Mangels an Vitamin D führt. Und gerade das soll hier vorher nachhaltig bekämpft werden.

Leider wird man von dieser Höhensonne nicht braun aber die Haut soll zumindest angeregt werden, ein bisschen des Vitamin D zu bilden. Das können wir nicht ganz alleine, nicht ohne Hilfe.

Ich kenne das schon von früher: Der eigentlich kuschelige weiche, warme Sandstrand, der sich sonst unter der natürlichen Höhensonne befindet, ist hier ausgetauscht gegen eine harte Untersuchungsliege, mit einem Laken überzogen. Die liebe warme Sonne ist eine laut summende grünlich grelle Lampe (vor der man die Augen mit einer sehr dunklen Gummiband-Brille schützt). Die lieblichen Düfte südländischer Pflanzen werden ersetzt von einem aufdringlichen Ozongeruch. Aber bitte diese Beschreibung der Situation nicht als Undank werten. Es hat schon alles sein Gutes. So gut wird für uns gesorgt.


Ich biete mich an – als euer Wanderführer durch Haus und Hof

Da ich inzwischen groß genug dafür bin, kann ich Euch auch gerne über das Hausgrundstück und durch unsere Miet-Wohnung führen, die uns seit 1941, also dem Zeitpunkt der Hochzeit unserer Eltern, bis zum späten Frühjahr 1956 beheimatet. Wohnraum und Arbeitsstätte der Eltern liegen im gleichen Hause und sind miteinander verbunden.


Warnung: Solch ein Spaziergang über das Grundstück ist recht anstrengend und wer außerdem in Zeitnot ist, sollte das Kapitel vielleicht besser überspringen.


Das Haus Rudolf-Breitscheid-Straße Nr. 46 (früher als Lindenstraße 39 benannt), liegt eingebettet in der Straßenzeile gegenüber einen der Eingänge des Bahnhof Babelsberg. Das Haus wurde 1874 an der Stelle eines alten kleinen ortstypischen Kolonistenhauses errichtet. Das Grundbuch Babelsberg Blatt 6862 vermerkt, dass das Grundstück in der Gemarkung Babelsberg, Flur 1, Flurstück 893/1 liegt und 319 m² groß ist. Wenn man auf der Straße vor dem Gebäude steht, erhebt sich rechts davon das riesige Quant’sche Nachbarhaus Nr. 47, mit der Bäckerei und Konditorei (sowie Eisverkauf! -wichtig-) derzeitig von Familie Weber bewirtschaftet, denn die Quandts sind schon zu alt zum Backen. Links von "unserem" Gebäude steht das kleinere Kolonisten- und Weberhaus Nr. 45, in dem oben Familie W., jun. wohnt. Im Erdgeschoss, in den früheren Wohnungen, befinden sich zwei Geschäfte: links: „Schöne Spielwaren und Sportartikel“, das Helene Runge, geborene Beerbaum und ihr Sohn Hellmut gemeinsam betreiben, nachdem Hellmut (Cousin meiner Mutti) aus dem Krieg beziehungsweise aus der Gefangenschaft zurück gekommen war. Seine Eltern leben getrennt, das heißt, sein Vater Carl Robert Runge wohnt nicht hier, sondern in der Fultonstraße 5.

Rechts im besagten Kolonistenhaus Nr. 45: der Friseur Herr Heue. An der rückwärtigen Seite dieses Hauses lässt Herr Heue bald einen Glasanbau errichten, wie ein Wintergarten aussehend oder eine Veranda, mit „krisseligem“, also undurchsichtigem Glas. In diesem Anbau sitzen die Damen unter der Haube, so der haarkünstlerische Verschönerungsprozess es erfordert. Bei dem Blick in teils hochrote Frauen-Gesichter habe ich den Eindruck, dass die Behandlung wohl so ähnlich anstrengend ist, wie beim Arzt. Der Herr Heue trägt auch einen eben so weißen Kittel. Und pomadige Haare. Er ist bestimmt ei ganz schön gelehrter Mann.

Auf dem Hof für beide Grundstücke 45/46, der durch das links neben dem Häuschen angeordnete Tor erreichbar ist, befindet sich das „Garten-Wohnhaus“ des Eigentümers Herrn W., Senior. Des Weiteren ein langer massiver eingeschossiger Steinbau, der den Hof in der Länge teilt. Die Aufteilung dieses Nebengebäudes: beginnt von Norden her gesehen, mit einem türlosen Gelass, in dem Mauer- und Dachziegel, auch Lehm und Sand lagern. Daran schließt sich die Waschküche an, die ein eingemauerter Kochkessel dominiert. Ferner stehen darin der Dreifußbock mit dem hölzernen Waschfass, die Zinkwannen und der hohe Zinkzuber zum Einweichen der zu waschenden Kleidungsstücke. Es folgen mehrere Gelasse, die der Hausbesitzer wohl zum Abstellen gar manch mehr oder weniger wichtiger seiner Gerätschaften nutzt – für manches eben, was der Besitzer mehrerer solcher Häuser zu brauchen glaubt, wenn er Maurer von Beruf ist. Alle Holztüren dieser Verschläge, die neugierigen Blicken wehren, sind mit rotbrauner Ölfarbe gestrichen (so, wie es auch jedem anständigen Dielen-Holzfußboden zugedacht ist). Der letzte Verschlag dieses Bauwerks als südlicher Abschluss enthielt unsere Außen-Toilette mit einem überdachten Eingang auf der Seite unseres Hofteils.

Auf der gegenüberliegenden Hofseite, an das große Quant'sche Haus Nr. 47 gelehnt, steht „unsere Werkstatt“. Hier werkt aber niemand. Es ist ein großer Abstellraum. Die Eltern wollen später mal den Hauswirt fragen, ob sie sich dieses Gebäude als 2. Zimmer ausbauen lassen dürfen. Sie schieben diese Frage aber solange auf, bis sie vielleicht das Geld dafür zusammen haben, damit diese Frage keine Luftblase ist, sondern "Hand und Fuß" hat. Es folgen dann die Kammern für die Brennstoffvorräte der Mieter. An letztgenanntes Bauwerk schließt sich der Freiluft-Hühnerzwinger des Hauswirtes an. Ihr könnt das alles noch besser mit Hilfe meiner Grundstücksskizze nachempfinden – oder am besten: Besichtigt es doch einfach mal an Ort und Stelle!

Gegenüber des Werkstatteingangs sind an der Gebäudewand stehend, die langen Holzleitern des Hauswirtes befestigt, die über das Haus hinaus hoch in den Himmel ragen, als wollten sie die Wolken aufgabeln. Ich habe sie nie anders als in dieser Wartestellung gesehen, Wind und Wetter, Sonne und Schnee ausgesetzt, was mir leid tat für sie. Weiter hinten, in Höhe der Brennstoffschuppen befindet sich die Klopfstange, weil dort den Teppichen, soweit vorhanden, mit dem Ausklopfer der Staub ausgeklopft wird. Sie einfach (wie viel später) an ihrem Bestimmungsort zu belassen und allein mit dem Staubsauger zu bearbeiten, ist heute noch unüblich. Natürlich ist man bei diesem Tun, je nach Klopfhäufigkeit und der davon abhängenden Ergiebigkeit, ebenfalls in eine Staubwolke eingehüllt und die Atemluft ist entsprechend dicker. Links neben diesem Platze solcher Sklavenarbeit liegen zwei große Betonquader völlig unbekannter, nie geklärter Herkunft und Zweckbestimmung auf dem Erdboden (herum). Als Mensch, Maurer und Hausbesitzer braucht man vielleicht eben solche Elemente irgendwann einmal sehr dringend. Diese und der zwischen ihnen von Kinderhand etwas ausgeschachtete Zwischenraum des grauen Hofsandes, ergibt für mich ein wunderschönes, geradezu vornehmes Auto, in dem man sich auf weite Reisen durch die Welt träumen kann, genau so weit wie die Phantasie gerade reicht. Die Zeit dafür – die wird manchmal abrupt gekürzt von solchen Rufen wie: "Reinkommen, Abendbrot", dabei war in Wirklichkeit ich gemeint, denn das Essen steht ja schon auf dem Tisch. Es gibt für uns aber auch mobile Autos, also Automobile. Zu denen gehört beispielsweise mein alter Kinderwagen,

die tiefliegende „Rumpelkutsche“ aus Sperrholz, bauchig gebogen und mit elfenbeinfarbenem Lack geschönt, mit Pappauskleidung, weißem Wachstuchverdeck. Jener wurde zu frohem Kinderspiel freigegeben. Mit diesem also „kariolen“ wir gern auf dem Hof umher und später dann mit unserem großen Handwagen, bevor es ernsthaft in den lebhaften Straßenverkehr geht.


Natürlich spielen wir viel draußen – zum Beispiel Verstecken. Da gibt es für die Versteck- und Wartezeit mancherlei Überbrückungsverse die im Singsang zu rufen waren, wie: „Eins, zwei drei vier Eckstein, alles muss versteckt sein. Hinter mir und vorder mir gibt es nich. Eins, zwei, drei ich komme!!!“ oder auch nur das langsame aber laute Zählen von eins bis zehn, bis das Suchen beginnt. In der Wartezeit die eigenen Augen mit den Händen zugedeckt, manchmal die Finger dabei ein wenig gespreizt. Hat man einen Versteckten jedoch entdeckt, so wird laut gerufen: „Anschlag Moni“. War Moni damit nicht einverstanden, tönt es zurück: „Güldet nich – du hast gelunscht“. Necken kann man den vorerst vergeblich Suchenden, indem man aus dem Versteck ruft: „Eckenkiekerla huhu“ (oder ähnliches), um den Vorgang des Gefunden-Werdens ein wenig zu beschleunigen, die Sache zu erleichtern. Eine zeitliche Dehnung darf sich ja nicht zur Langeweile ausarten. Ja, so war das nämlich.


Im Hause hatten meine Eltern vorerst das so genannte Erdgeschoß gemietet (das ist nicht so schlimm wie es sich anhört, hat nichts mit Kriegsmunition zu tun). Von der Straße aus kommend, betreten wir zuerst der Laden, abgeteilt als Kundenraum und Verkaufs-Büro, dahinter die Dunkelkammer für die Fotokopierarbeiten, ein schmaler „Durchgangsschlauch“, der ohne Anmeldung und Erlaubnis nie und nimmer bei Tageslichteinfall durchschritten werden durfte. Innerfamiliär wird der Raum aber nie „das Fotolaboratorium“ genannt, sondern schlicht als „die Kabine“ oder „das Kabuff“ bezeichnet und ein Jeder (von uns) weiß, welcher Raum gemeint ist.


Rechts vom Büro geht es zwei Stufen höher in den Lichtpausraum, ausgestattet mit großem Tisch zum Bearbeiten der Zeichnungen, für das Fertigen großformatiger Kunst- und Plakatschriften und als Standort der Lichtpaus-Apparatur. Auch dieser Raum ist ein zeitweiliges Heiligtum für konzentriertes, störungsfreies Arbeiten des Vaters.

Dahinter liegt das kombinierte Wohn-Schlaf-Zimmer, mit dem Fenster nach Norden gerichtet und mit Aussicht auf die „Werkstatt“. Die Küche kann man erreichen, wenn man, von der Straße kommend, durch Kundenraum, Büro und Fotodunkelkammer schlüpft oder aber durch Büro, Lichtpause und Wohnzimmer oder aber man benutzt den Seitenflur des Hauses und kommt, vier Stufen höher, direkt in die Küche. Links neben dem Laden kann man also das Haus auch durch den seitlich angeordneten Flur betreten, von dem nach rechts schwenkend die Treppe ins Obergeschoß führt, in dem das Ehepaar Schubert wohnt. Oder man durchschreitet den Flur bis zum Ende und geht in den Hof.

Alle diese von uns genutzten Räume sind als Durchgangsräume so untereinander verbunden, dass sowohl den Kunden schon mal klar werden kann, was so auf dem Küchenherde schmurgelt. Ebenso hat der die Lichtpausen entwickelnde, stechende Ammoniakdampf auch im kombinierten Wohn- und Schlafzimmer sein Zuhause und wabert durch die übrigen Räume. Man kann also die gesamte Wohnung mit Ladenbereich in Kreisläufen durcheilen, was für uns Kinder, zum Beispiel als Rennstrecke aber nicht angezeigt war.

In der Nachkriegszeit mit vielen Flüchtlingen und Berlins sowie Potsdams zerbombten Zentren ist die Wohnungsnot groß und an das Mieten günstigeren Wohnraums schon deshalb, aber auch aus Kostengründen nicht zu denken.


Nur sehr standhafte, geduldige Leser werden sich der Frage zuwenden: Wie aber sind die Wohnverhältnisse mit ihrer Einrichtung im Einzelnen?

Eilige Zeitgenossen überfliegen die nun folgenden Beschreibungen besser.


Der Kundenraum

Betritt man von der Straße her den Kundenraum, wird man von der mit der Tür verbundenen Ladenglocke angemeldet und steht vor einem Schalterfenster, durch das hindurch hauptsächlich Theaterkarten verkauft werden, die, für die Kunden unsichtbar, rechts und links vom Fenster in Regalen sortiert liegen. Rechts neben dem Schalterfenster befindet sich der Ladentisch, ein Teil der Tischplatte ist klappbar, um den Durchgang ins Büro zu ermöglichen. Über den Ladentisch werden Büromaterialien verkauft (1 Tintenfässchen 30 Pfennige), Kundenaufträge angenommen wie auch Lichtpausen und Fotokopien ausgeliefert. Zum Kundenraum gehört auch noch das Schaufenster.

Außen am Haus stehen Werbetafeln, hauptsächlich mit den Angeboten der Berliner Theater.


Das Büro

Nicht allzu groß ist es und muss doch drei Arbeitsplätze aufnehmen: Den Platz am Theaterkartenschalterfenster, den Platz am Ladentisch und einen Platz im Hintergrund, an dem Schreibmaschinenarbeiten, Abrechnungen usw. erledigt werden. Dazwischen spielen auch wir Kinder, wenn es allein im Wohnzimmer zu langweilig ist – aber eben so zurückhaltend und leise, dass es die Kunden und den Geschäftsverkehr nicht stört. Andererseits gibt es mit dem steten Wechsel von Kunden und deren Anliegen, auch wenn ich diese noch nicht immer alle verstehe, doch ständig neue Anregungen für die Phantasie, die wohl in gar viele Gebiete schweift. Allein schon die Gespräche über die Inhalte der Theaterstücke und deren Personenbesetzung! Ein Bildungsprogramm – so ganz nebenbei den Horizont erweiternd. Vieles Spielmaterial bietet so ein Laden! Beispielsweise gehören alte Stempel dazu oder ungültig gewordene Theaterkarten aller Couleur (das gesamte benachbarte Regal ist ja angefüllt mit diesen wunderschön anzusehenden verschieden farbigen Karten, die etwa das Format 150 x 45 mm haben und den Wert für je eine Theatervorstellung). Davon darf um Himmels Willen nie versehentlich etwas verloren gehen.

Mein Vater prägte damals über mich den Satz: Christoph kauft sich‚ ’ne Theaterkart’ und macht darauf ’ne Dampferfahrt.


Die „Fotokabine“, das Laboratorium oder die Dunkelkammer

In dieser vom Büro mittels Holzwand abgetrennten Dunkelkammer ist an einem schmalen Gang mit Steharbeitsplätzen der Belichtungskasten mit Zeitschaltuhr aufgestellt, in dem die Originalvorlagen abfotografiert werden und ein Tischgestell angeordnet, auf denen großformatige flache Fotowannen stehen, die verschiedene Flüssigkeiten zum Entwickeln, Fixieren und Wässern enthalten. Hier werden von den Originalvorlagen der Kunden Kontaktnegative gefertigt und von diesen dann wiederum Positivdarstellungen. Eine aufwendige Prozedur, die zu jener Zeit aber dem üblichen Stand der Technik entspricht und als normal erscheint, weil man ja nichts anderes kennt, als dieses moderne Verfahren.

Über den flachen Wannen werden die bearbeiteten Papiere dann auf den „Wäscheleinen“ zum Trocknen aufgehängt. An den unteren Rändern der Papiere sammelt sich das Wasser, deshalb werden diese Überschüsse der Nässe zwischen Daumen und Zeigefinger abgestreift, um den Prozess des Trocknens etwas zu unterstützen. Bei ganz eiligen Kleinaufträgen wird die beheizte Trockenpresse genutzt. Schwer lassen sich die großen flachen Wannen, vollgefüllt mit den Chemo-Wässern tragen, ohne überzuschwappen, um deren Inhalte dann mit Hilfe eines Trichters wieder in die Vorratsflaschen zu gießen. Alle diese Vorgänge werden während der Arbeit nur wenig von einer roten Lampe erhellt, ansonsten beim Aufräumen und Reinigen mit einer normalen weißlichen Osram-Lampe, deren Kolben unten spitz zuläuft und dort nach dem Evakuieren der Luft zugeschmolzen worden war. Diese Glühlampe hielt jahrelang, bis etwa 1953 das Lichtnetz der Stadt von 110 Volt auf 220 Volt umgestellt wurde. Da mussten auch diese Glühlampen weichen. Teurere Geräte, die weiterhin Bestand haben sollten, werden dann bis zu ihrem „Lebensende“ mit einem Vorschalt-Transformator betrieben, der die neue Netzspannung entsprechend verringert, damit für das Gerät alles beim alten bleibt.

Arbeitsschutz geht alle an: Einmal habe ich es gewagt aus einer Schale etwas von diesem "bestimmt köstlichen Kandiszucker" zu naschen. Es war aber ekelhaftigstes Fixiersalz" für die Fotoarbeiten.


Die Lichtpauserei

Neben diversen Schränkchen und Hängeregalchen, die vielerlei Utensilien aufzunehmen haben, besteht die Haupteinrichtung aus dem Schreibtisch, dem großen Zeichentisch und der Lichtpausanlage. Auf dem Zeichentisch werden nicht nur technische Zeichnungen oder großformatige Plakate oder die „Drehpläne“ früher für Ufa und TOBIS-Film, jetzt für die DEFA bearbeitet, sondern auch Lichtpauspapier von der Rolle in gewünschte Formate geschnitten. Nach dem Pausen und Entwickeln werden die Ränder einer jeden lichtgepausten Kopie beschnitten. Und das geht mitunter sogar bis über das Format DIN A0 hinaus. Wegen der Großformatigkeit kommt keine Schlagschere als Tischmodell zum Einsatz, sondern alles wird mit der Handschere beschnitten. Als ich etwas älter wurde, half ich natürlich beim Beschneiden. Man muss dabei höllisch aufpassen – selbst mit der langen, geraden Schere kann man versehentlich zu leicht „Bäuche“, Kurven, statt gerader Linien schneiden.

(Später wird dann zur Weihnachtszeit auch unsere elektrische Eisenbahn gastweise auf diesem Tisch rollen dürfen).

Die eigentliche Lichtpausanlage besteht aus einem großen, schweren, längsgeteilten Glaszylinder, schwenkbar zwischen zwei A–Böcken aufgehängt. Auf diesem Zylinder, in die Waagerechte geschwenkt, werden das Lichtpauspapier und die Transparentoriginale mittels einer Leinendecke festgespannt. Zum Belichten schwenkt man den Zylinder in die senkrechte Stellung. Dann wird eine Lampe von oben nach unten durch den Zylinder geführt. Das heißt, sie „fährt“ am Stahlseil hängend, und mittels Gewicht gezogen, wie von alleine durch den Zylinder. Die benötigte Geschwindigkeit = Verweildauer der Lampe = Belichtungszeit, wird mit einem verstellbaren Bremspropeller, also vom Luftwiderstand gebremst, realisiert. Die Lampe besteht aus einer Glasglocke in der sich auf Abstand gehalten, zwei Graphitstäbe gegenüberstehen. Beim Anlegen einer hohen Spannung springt ein hell gleißendes Lichtband, ein „Lichtbogen“ von einem Kohlestab-Ende zum anderen. Hat die Lampe den großen Zylinder durchlaufen, wird sie mit einer Seilwinde per Handkurbel wieder nach oben gezogen. Hierbei kann man mit der Geschwindigkeit des Kurbelns nochmals eine Feinregulierung der Nach-Belichtungsdauer „nach Gefühl“ erreichen. Ließe man die Handkurbel versehentlich los, würde die heiße Lampe aber nicht nach unten „durchrauschen“ und am Boden zerschellen, denn die Seilwinde wird entgegen der Kurbelrichtung von einer Sperrklinke sichernd gehalten. Nach dem Belichten sieht man die von der schwarzen Tusche (Linien, Zeichen, Schrift) des Transparentoriginals abgedeckten, also unbelichteten Stellen des Lichtpauspapiers schwach hellgelb. Nach dem Belichten kommen die zusammengerollten Papiere dann in die Ammoniak-Entwicklerkästen. Sind die Pausen dann im Gas entwickelt, zeigen sie die Schrift/Zeichnung mit kräftigen rotbraunen (Sepia) oder blauen Konturen auf hellem Grund.


Als ich noch ein Baby war, war dieser waagerecht gestellte Glaszylinder öfter der Ort meines Mittagsschlafes. Nach dem Erwachen dauerte das Orientieren einen Moment – wo man auch hinsah – von gebogenen, spiegelnden Glaswänden umgeben. So etwas kennt nicht jedes Kind!


Das große Pensum der Arbeiten füllt nicht nur den Tag der Eltern aus, sondern auch oft Zeiten der Nacht, soweit der Materialvorrat, die Genehmigungen und die eigene Kraft reichen. Auch muss mitunter ohne lieferbares Material „irgendwie“ geleistet werden, damit von staatlicher oder sowjetischer Seite nicht eine „Verweigerungshaltung als Sabotage“ vermutet wird, falls nicht zu anderen Zeiten wiederum Produktionsverbote verhängt werden oder eine Kappung des Arbeitsmaterials vorgenommen wird. Beliebige, unberechenbare und willkürlich wechselnd erscheinende Anordnungen. Größte Anstrengung ist erforderlich, um die Familie ernähren zu können, denn in der sowjetischen Besatzungszone bzw. auch später in der DDR werden bis zu 80% der hier geschaffenen mageren Einkünfte bei selbständig Gewerbetreibenden, die also nicht in einem staatlich geführten Betrieb angestellt sind, vom Finanzamt „weggesteuert“. Das bedeutet, als Steuer eingezogen, um private und somit „kapitalistische“ Wirtschaftsbestrebungen, den Eigenbesitz an Produktionsmitteln, während der Vorbereitungsphase zum Aufbau des Sozialismus nicht störend zur Wirkung kommen zu lassen. Da reicht es bei größter Sparsamkeit gerade zum recht einfachen Leben. Diese Zeiten sind als sehr schwierig und kräftezehrend anzusehen. Der umsichtige Steuerberater, Herr Rath, trägt seinen Namen durchaus zu Recht. Einen Acht-Stunden-Tag wie für Arbeiter in der Fabrik oder Angestellte im Büro gibt es nicht. In diesen Zeiten ist unser Vater wegen Unterernährung und völliger Überarbeitung nach Zusammenbrüchen öfter im Krankenhaus.


Nun das kombinierte Wohn- und Schlafzimmer im Erdgeschoss oder im Hochparterre (weil es drei Stufen über dem Hof liegt).

Dieser Raum hat zwei Türen. Eine Tür stellt die sinnreiche Verbindung zur Küche dar, die andere Tür führt in den Lichtpausraum, also in die Arbeitsstätte. Der Raum ist recht lichtarm. Nicht nur weil dessen Fenster nach Norden weist, sondern auch wegen des nur wenige Meter davor stehenden Werkstattgebäudes. Eng ist es in diesem Raum.

Ich schlafe in einem zerlegbaren, mit Holzdübeln zusammensteckbaren Kinderbett, darinnen schon vor mir meine Schwester ruhte. (Die Zukunft wird wissen, dass dieses Bettchen nacheinander 10 Kindern in 2 Generationen eine Ruhestätte bieten wird).

Mein Sitzplatz befindet sich, kuschelig geschützt, zwischen dem Wohnzimmerschrank und der „Anrichte“ auf dem aus Weidenruten geflochtenen zylindrischen Wäschekorb. Das ist mein bequemer lehnenloser „Stuhl“. Das übt das "Geradesitzen ohne sich anzulümmeln."

Während dieser Nachkriegszeit ist eine schwarz-weiße Katze namens „Lola“ unsere freundliche tierische Hausgenossin, die in diesem Zimmer wohnt.


Die Küche

Dieser Raum ist, wie alle Räume, ein Durchgangsraum. Man geht durch diese Küche, wenn man vom Flur zum Wohnzimmer will oder zur Fotokopie (Dunkelkammer) möchte. Die Küche hat also drei Türen. An der Wohnzimmerwand befindet sich die Wasserzapfstelle, bestehend aus einem Messingauslaufventil, darunter ein gusseisernes, halbrundes Ausgussbecken. Daneben steht als Schmuckstück der 3-Platten-Elektro-Herd, mit zwei einhängbaren „Seitenflügeln“ als Abstellflächen, diese schwarz emailliert, der Herd ansonsten weiß, ein Hochzeitsgeschenk meiner Großeltern für ihre Tochter, meine Mutti. Dann folgt der Waschtisch: Ein Küchentisch, aus dem man ein Holzgestell ziehend herausrollen kann. In dem Holzgestell hängen zwei Schüsseln, die wechselnd der Körperhygiene, der kleinen Textil-Handwäsche aber auch dem Waschen von Gemüse und dem Reinigen des Essgeschirrs dienen. Ein Universalmöbelstück und Multitalent also. Den Abschluss an dieser Wand in Richtung Dunkelkammer bildet eine alte „Kochmaschine“, also ein aus weißen Kacheln mit Lehm gemauerter Kohleherd, der zu seiner Zeit gleichzeitig den Raum heizte, der aber nicht mehr genutzt wird, denn er ist vom Hausbesitzer stillgelegt, weil defekt. Macht nichts: seit 1941 haben wir den erwähnten Elektroherd. Wenns Strom gibt. Sonst zeigt er sich lediglich als Schmuckstück. Auf dieser (k)alten „Kochmaschine“ steht unser Fliegenschrank (eigentlich hätte man ihn freundlicher Anti-Fliegen-Schrank nennen müssen, um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Also der luftige Gazeschrank, in dem aber weder Fliegen noch Gaze bevorratet werden. Ein Lattengestell mit Tür, etwa 50 x 50 x 100 cm (hoch). Hierin wird die geringe Auswahl der Lebensmittel aufbewahrt. Kühl ist es in der nach Norden orientierten Küche ohnehin (im Winter eiskalt) und zusätzlich bekämpfen die Ammoniakschwaden von der Lichtpausanlage nebenbei sowieso Bakterien und deshalb halten sich die Lebensmittel länger. Viele derer sind es in dem großen Holzgestell sowieso selten. Die Gaze ermöglicht es, die Schätze zu sehen aber vor allem ist es natürlich ihre Aufgabe, Fliegen den Zutritt und Zuflug zu verwehren.

Auf der gegenüber liegenden Seite des Raumes stehen der Küchenschrank und später auch noch ein großes Regal, das Materialien für den Gewerbebetrieb aufnehmen wird. Auf dem Küchenschrank steht die Eieruhr, das ist ein umdrehbares Standglas mit Sand gefüllt, mit dem die Zeit des Eierkochens bestimmt wird. Fünf Minuten benötigt der Sand, um vom Vorratsbehälter durch die Taille Glases zu rieseln. Das ist fürs Ei geeicht.

Der Fußboden der Küche ist mit „Linoleum“ belegt, bestehend aus einem groben textilen Trägermaterial, mit einem harten, wasserfesten Belag beschichtet. Küche und Wohnzimmer sind mit ein-fachen Fenstern ausgestattet. Im Winterhalbjahr hängen gegen den Einbruch kalter Zugluft immer Decken "bis zu halber Höhe" davor. Schnell sind diese Glasscheiben dann mit Eisblumen "zugewachsen".

Manchmal werden größere Münzen in die Ofenröhre gelegt, diese aufgeheizt und anschließend gegen die Fensterscheibe gedrückt. Für kurze Zeit hat man dann ein Guckloch durch die Eisblumen nach draußen, bis es wieder "zuwächst". Und das neue Wachstum geht viel schneller, als bei Dornröschen.


Hier für jüngere Interessenten noch eine Antwort auf die Frage: Wie sieht eine moderne, später dann historische Kochmaschine aus (auch wenn unsere nicht mehr funktioniert)? Also: Es handelt sich um einen Herd. Etwa 70 cm hoch, 1,2 m bis 1,5 m lang und 0,7 m bis 0,8 m "tief"/breit. Er steht immer an einer Küchenwand, weil er einen Schornstein = Kamin, = eine Esse, = also einen Rauchabzug benötigt. Er wird vom Fußboden aus auf einer lastverteilenden Grundplatte hoch gemauert, aus (weißen) Kacheln, diese mit eisernen Halteklammern versehen, mit Lehm verbunden und mit Schamottesteinen zur Wärmehaltung ausgekleidet. Unten, mittig hat man oft eine Aussparung für einen Brennstoffvorrat vorgesehen. Bei modernen Kochmaschinen links zwei Gasbrennstellen, weiter rechts der Holz- und Kohlebrennraum. Dieser Teil abgedeckt mit einer Stahlplatte. Dort, wo die Kochtöpfe platziert werden sollen, hat die Stahlplatte kreisförmige Öffnungen, die mit mehreren zentrischen Ringen verschlossen werden, die aber je nach Topfbodengröße bei Bedarf entfernt / geöffnet werden können. Die Töpfe werden dann vom Rauch geschwärzt aber es spart Energie. Die Vorderfront besitzt eine Feuerungstür und darunter hinter einer weiteren Tür den Aschekasten, darunter auf dem Fußboden aus Brandschutzgründen eine Blechfläche. Die Oberkante der Kochmaschine ist mit einem Winkelstahl eingefasst und davor ist oft ein Stahlrohr als Distanzhalter (zum Schutz für den Bauch und für Kinderfinger) angebracht. Vorsichtig nutzen ihn manche auch als Handtuchtrockner. An der Wandfläche hinter/über dem Herd "ein Spiegel", das heißt, eine vor Fettspritzern schützende Fläche aus Fliesen und Kacheln, oft mit einem eingearbeiteten Sinnspruch zur Erbauung der Hausfrau, wie "Eigener Herd ist Goldes Wert". Dort finden wir auch den Drosselschieber, der die Abluft und somit auch die Geschwindigkeit des Abbrandes regelt und die lange Stange zum Betätigen der Klappe für den Lüftungszug im Schornstein, auch Wrasenabzug genannt. Komplettiert wird das Ganze mit einigen Haken (möglichst aus glänzendem Messing) für kleine Küchengerätschaften und Topflappen.


Das Schlafzimmer im Obergeschoss des Hauses

Es ist ganz neu zum Mietumfang hinzugekommen und führt zu einer Auflockerung des bisher kombinierten Wohn- und Schlafzimmer im Erdgeschoss. Dort in das untere Zimmer passt jetzt sogar noch etwas Luft hinein! Das neue Schlafzimmer befindet sich Wand an Wand mit dem Wohnzimmer der Mietspartei Ehepaar Schubert. Hierin (also nun wieder nebenan bei uns) finden die Ehebetten der Eltern Raum, der Kleiderschrank, die Frisierkommode, Kinderbetten. Das alles mit dem Blick durchs Fenster auf den Bahnhof. und in die Züge – wenn gerade welche halten.


Die Außentoilette, ein stilles Örtchen – zum Glück allein für unsere Familie.

Tagsüber verrichten wir unser „Geschäft“ in jenem abgeschiedenen Örtchen auf dem Hof. Im Winter ist's in diesem Verschlag natürlich recht frisch. Es herrschen drinnen die Außentemperaturen. Auch am Tage ist es ein lichtloses Gelass aber durch die Ritzen der Tür dringt etwas Licht. Allerdings stieben durch dieselben Ritzen im Winter auch Schneekristalle hinein. Inmitten des knapp 1 x 1 m großen Raumes steht der gusseiserne Rundspültrichter, zu dessen Wasserversorgung ein geschwungenes Bleirohr führt. An der Wand hängt ein Pappkästchen, mit geblümten Stoff beklebt, aus dem vormals Fläschchen mit Ligament-Büroleim angeboten wurden. Jetzt dient es dazu, die sorgfältig mittels Messer formatierten Zeitungsblätter aufzunehmen, da es in diesen Jahren kein Toiletten-Rollenpapier gibt.

Andere haben dazu einen Zettelspießer – ein solcher wäre aber in dem dunklen Klo(sett) zu unfallträchtig erschienen. Die Finsternis können wir uns allerdings bei Bedarf mit einer Stearinkerze erhellen, die in einem schwarzen schmiedeeisernen Halter steht und uns bei längerer Sitzungsdauer Licht, Wärme und Spielgelegenheit spendet, auch die Gedanken auffrisst.

Tritt die „dünne Notdurft“ auch mal in der Nacht auf, gibt es einen Toilettenstuhl mit geruchsverschließendem Deckel, wie auch einem weiß emaillierten Henkeltopf mit der üblicher Weise sinnigen Bezeichnung „Nachtgeschirr“.


Die Werkstatt“.

In unserer Werkstatt (ein Abstellraum in dem gesonderten Hofgebäude), war es seltsam, geheimnisvoll. Die Fensterläden waren geschlossen und in den wenigen trotzdem eindringenden besonnenen Lichtstrahlen sieht man Stäubchen flirren – ansonsten alles im Halbdunkel. Vatis Fahrrad hängt an der Wand. Er kann es nicht mehr nutzen. Muttis Rad ist seit dem Sommer 45 fort. Auf Nimmerwiedersehen. Verschiedene Holzkisten stehen dort. Ein Papierrollenabreißgerät vom „aufgelassenen“ Elektrowaren-Geschäft Sommer mit superscharfen Abreißkanten, alte Druckereiapparate-Bestandteile, Werkzeuge, Klapphocker, ein hölzernes Ziehharmonika-"Feldbett" von Opa Sommer und gar manches mehr. Diese Werkstatt wollten meine Eltern eigentlich gern als Zimmer ausbauen lassen, mit einem Verbindungsgang zum Haus, besonders damit wir Kinder nicht immer den Ammoniak-Entwicklerdämpfen ausgesetzt sind, der stets durch alle Räume der kleinen Wohnung wabert – aber es kam nicht dazu. Das Hauptproblem war wohl das Geld.

Hier sind wir am Ende der Besichtigung von Wohn- und Arbeitsräumen.


Stromsperren

Ganz kurz hatte ich sie ja schon mal erwähnt. In der Nachkriegszeit gibt es sowohl morgens, als auch abends oft Stromsperren, also gerade immer dann, wenn der Strom für Beleuchtungszwecke gebraucht wird. Planmäßig wird die Stadt oder einzelne ihrer Gebiete abgeschaltet, um in anderen Stadtgebieten wichtige Produktionsanlagen betreiben zu können. Oft braucht aber gar nichts mühevoll schaltend gesperrt werden, wenn die Versorgung wegen der Überlastung von ganz alleine zusammenbricht. Eben noch künstlich erhellt war der Raum und schwupps – schon ist's duster. Die Eltern jammern, dass sie nicht weiterarbeiten können, die Pausen irgendwie halb belichtet und somit bald vernichtet, was den Kunden nicht berechnet werden kann. Eigene Verluste. Immer wiederkehrend. Für uns Kinder ist diese Zeit, die vom Kerzenlicht (dem Talgmops) erhellte, eine besinnliche. Das ganze Jahr, wie im Advent. Besonders schön ist es, wenn Vati unserer Bitte folgt und „einen Schlag“ aus seiner Jugend erzählt. Mit Auge, Ohr und Mund waren wir ganz bei der Sache, wenn er von seiner Kinderzeit auf dem Grundstück in der Wiesenstraße an der Nuthe, den Wasserfahrten auf dem „Sargdeckel“, wie liebevoll das Boot in Punt-Bauart geheißen wurde, das Rutschen auf einer Bohle vom hohen Kieshaufen herab – mit Splittern im Hinterteil, später von den Flügen der Zeppelin-Luftschiffe, den kleinen Fliegern und ihren darin sitzenden "Pionieren" und anderes mehr erzählte. Davon konnten wir gar nicht genug hören, so dass die Spannung, wenn auch nicht im Stromnetz, aber bei uns Kindern in Hirn und Herz, selbst bei den Wiederholungen anhielt.

Für Mutti war es da viel schwieriger, wenn sie versuchte bei dem Kerzenlicht die Zeit nutzbringend zu verwenden und zumindest nebenbei Strümpfe (auf dem Stopfpilz) zu reparieren.


Hübsch ist in der Dunkelheit auch die „phosphorezierende“ sonst im Hellen nur weiß aussehende Plakette anzuschauen, die in der Dunkelheit grün leuchtet, etwa so schön wie die Zahlen und Zeiger auf unserem Wecker, also der Uhr. Das erscheint uns immer besonders geheimnisvoll. Diese Plakette hat die einen Durchmesser von etwa vier Zentimetern und ist hinten mit einer Broschen-Anstecknadel versehen. Diese Plaketten wurden in der Kriegszeit ausgegeben damit sich die Leute auf der Straße nicht an- und umrannten, wenn bei einem Bomben-Luftalarm die Straßenbeleuchtung ausgeschaltet war und bei Neumond, also bei "Kein-Mond" oder starker Bewölkung völlige Dunkelheit herrschte.

Natursalate

Die Wiesen in der Umgebung des Flüsschens Nuthe sind im Winterhalbjahr, zum Beispiel zwischen dem Horstweg und dem Schlaatz mit seinem Meteorologischen Beobachtungs- und Mess-Stützpunkt oft überflutet, so dass die größeren Kinder auf den Wiesen Schlittschuh laufen. Jetzt, im Frühjahr sind sie nur noch sehr feucht aber wir können bereits an die erste Ernte gehen. Löwenzahn und Brennessel. Alles kleingehackt mit etwas Salz – noch besser als Petersilie.Auch das Hahnenfußgewächs Sumpfdotterblume, deren feste Knospen, sauer eingelegt, als Ersatz anstelle von Kapern verwendet werden können, wächst sehr munter. Schon Muttis Vorbereitung ist ein Genuss und wenn das große Salat-Hornbesteck auf dem Tisch liegt, geht's bald los – dann kann einem schon das Wasser im Munde zusammenlaufen.

Brennessel und Sauerampfer ergeben, wenn man will und so man muss, auch eine leidliche Suppe voller schöner Vitamine., wenn sie nicht zu lange kocht. Die Natur gibt uns viel Gutes. Kostenlos.


Am 5. April ist die große Doppelfeier für uns: Wir begehen den Hochzeitstag unserer Eltern. Und auch unser Kindergarten (des Oberlin-Vereins) hat heute Geburtstag. Allerdings ist es schon der 75-ste, also nur 5 Jahre jünger als unser Opa! Ach so, ja. Mit ihm also bald die nächste Feier!


Zum Pfingstfest hat Mutti wieder das Haus sehr schön geschmückt. Links und rechts der Ladentür stehen Birkenstämmchen in frischem Grün und auch stark duftender Flieder in Steingut-Töpfen mit Wasser. In der Wohnung befindet sich gleichartiger Schmuck, etwas kleiner gehalten.

Am 1. Feiertag gehen wir auf einen großen Ausflug in den Babelsberger Park. Hier sind wir des Öfteren. So auch mit Onkel Hellmut Runge, der diesmal sein Fahrrad dabei hat, so dass sich unsere Füße auch mal ausruhen können, wenn auch er dafür schwerer zu schieben hat. Er tut es gern. Am Nachmittag des 2. Feiertages unternehmen wir mit Tante Luzie und Ulli einen schönen Familienausflug mit Picknick im Walde.


Neuglobsow am Großen Stechlin

Herrlicher Urlaub statt Alltag. Im Juni /Juli kann unsere Familie für vier Wochen gemeinsam in Neuglobsow am Stechlin-See sein. Vati und Tante Liesel sind schon vorgefahren. Mutti kommt mit uns Kindern hinterher.

Schon die abenteuerliche Fahrt dorthin werde ich nie vergessen. Erst mit Zügen und mehrfachem aufregenden Umsteigen und jeweiligem Nachzählen der Gepäckstücke. Dann ab Gransee mit einem „Koffer-Fahrzeug“, einem besonderen Personenkraftwagen. Er hat 2 Sitze und der hintere Teil, in dem ich sitze, ist so eine Holzkiste ohne Seitenfenster aber mit einem Hintertürchen. Sicher eingepackt zwischen Taschen und dem Koffer kann man aber nach hinten durchs Fenster fast alles sehen, was die Landschaft so bietet. Die erste Autofahrt meines Lebens – welch ein Genuss. Das muss ich doch mal erwähnen!

Angekommen in Neuglobsow am Großen Stechlinsee. Hier ist es schön. Wir wohnen im „Haus Sonnenhügel“ in dem gleichnamigen Sträßlein. Das Haus gehörte noch bis vor drei Jahren der Berliner Berufsschullehrerin Frau Elise Deutsch, also bis zu ihrem Ableben. Im Dorf stehen verschiedene kleine Fachwerkhäuser der früheren Arbeiter der Glashütte. Der Ort wurde eben wegen dieser Glasschmelzerei und -bläserei etwa 1780 gegründet.

Seit 11 Jahren, kurz bevor der schreckliche Krieg begann, ist dieses prächtige Stück Land ein Naturschutzgebiet, deshalb darf man da auch nicht laut oder falsch singen, ganz zu schweigen von lautem Schreien. Das könnte die geschützten Ameisen ärgern oder die Singvögel stören. Der Große Stechlin gehört zu den größten Klarwasserseen Norddeutschlands. Die alte slawische Bezeichnung „Steklo“ für diesen See, bedeutet auch soviel wie „glasklar“. Um aber Irrtümer bei unwissenden Fremden zu vermeiden hat man den Namen dann doch lieber ins Deutsche übersetzt, denn bei "Stechlin" ist alles klar. Der See, so als große Wanne gesehen, fasst ungefähr 97 Millionen m³ Wasser – mehr soll nicht hinein, weil er sonst überlaufen würde. Er nimmt eine Flächenausdehnung von 4,25 km² ein. Wollt ihr den See umwandern so sage ich euch gleich mal, dass die Länge der Uferlinie 16 km beträgt. Man kann also nicht ... mal schnell ... Auch stehen kann man in diesem See nicht, denn an den tiefsten Stellen muss man bis zu knapp 70 m tauchen, bis man wieder festen Boden unter den Füßen hat. Sehen kann man ohne Lampe bis in etwa 10 m Tiefe. Ein wahres Urlaubsparadies also. Nicht nur wir baden in Ufernähe, sondern auch Plötzen, Hechte, Barsche, Aale, Karpfen, Maränen und andere Wassertiere.

Für uns gibt es auch Fahrten mit einem Ruderboot über den Stechlin. Die erste Ruderbootfahrt meines Lebens. Wunderschön – und natürlich singen wir dabei das Lied: II:„Jetzt fahr’n wir über’n See, über’ See….“ :II. Wir treffen uns auch mal mit der lieben Patentante meiner Schwester, die Margarethe Baensch heißt. Also die Patentante. – Weniger schön: es stellen sich Windpocken ein. Andere Pocken würden aber viel, viel schlimmer sein. Das ist ein guter Trost.

Aber jede Ferien gehen einmal zu Ende und die Zeit kommt, da wir uns verabschieden müssen. Auch hier im Urlaub sind sowjetische Militärbürger in ihrem Dienst. Weil doch zu Hause in unserem Laden oft russische Offiziere verkehren, nehme ich mir auch etwas von dieser schönen sowjetischen Sprache an. Meine wichtigen Lieblingswörter sind „Mettschlemme“ und "Schlampampe". Ich spreche sie öfter mal aus, wenn mir so danach ist. Ein Blick in die Zukunft: Später, im 6. Schuljahr, wird es dann zum Beispiel aber schon "Bensakalonka", einer der Begriffe für die Treibstoffversorgung sein und noch etwas später, wenn wir die Sehenswürdigkeiten in der ruhmreichen Sowjetunion besprechen, wird auch "Dostoprimeschatjelnostch" und ähnliches zu den Ohrwürmern gehören. So richtig ordentlich sprechen kann man es aber erst dann, wenn es hübsch in kyrillische Lettern gesetzt ist.

Wieder daheim.


Sonntagsfreuden

Des Öfteren ist mir nach einem kleinen Stückchen Sonntags-Kuchen zumute – aber damit sind wir nicht verwöhnt. Doch es gibt für uns einen gewissen Heimvorteil bei der Beschaffung. Und das ist so: Wie ihr ja inzwischen wisst, befindet sich im Nebenhaus die Bäckerei und Konditorei Weber. Bei diesem Geschäft fallen so viele Kuchenkrümel an, dass die Bäckerfamilie sie nicht alleine aufessen wollen, obwohl sie ja Zwillings-Töchter haben, die schon etwas älter sind, als wir. Deshalb können wir uns ab und zu ein gefülltes Tütchen mit Kuchenkantenabschnitten und Krümelresten abholen. Köstlich.

An den freien Sonntagen arbeiten die Eltern möglichst nicht. An jenen Tagen unternehmen wir oft Wanderungen. Mal in den Babelsberger Park und mal nach Potsdam zum „Café Taag“ in der kleinen Heinrich-Mann-Allee. Die Ältern sagen immer noch so altertümlich: „Saarmunder Straße“ (weil die Straße zu diesem Ort führt und früher auch so hieß. Dabei ist diese Umbenennung nun schon ungefähr drei Jahre her. An einem anderen Tag geht's durchs Birkenwäldchen oder auch zum Jagdschloss Stern. Wir sind gut zu Fuß, so laufen wir auch von Babelsberg nach Rehbrücke zur Gastwirtschaft „Burgfischerei“ – das aber an einem anderen Tag, sonst wird es zu viel, wäre es zu weit.

Besonders schön ist es auch bei Tante Liesel, die richtig Elisabeth heißt, denn sie hat einen Garten in der Rudolf-Breitscheid-Straße und zu ihr ist es nicht weit.


Geheimnisvolles kommt auch "ab und zu" vor: Vom Himmel rieseln immer mal wieder Flugblätter mit neuesten Nachrichten, von feindlichen Flugzeugen abgeworfen, die jetzt aber keine Bomben mehr tragen. Ich kann die Mitteilungen noch nicht lesen. Sie werden von so komischen Männern eingesammelt, die es damit sehr eilig haben aber wir dürfen nicht helfen und die Blätter aufheben. Es ist streng verboten.


Waldeslust

Mit der Kinderkirche unternehmen wir einen Waldspaziergang, mit Picknick und solchen Spielen, wie Eierwettlauf und Sackhüpfen aber auch Ringelreihen-Kreistanz, was nicht so das Rechte für mich ist. Mutti geht darin aber mit Leib und Seele völlig auf, war sie doch in einer Jugendgruppe des Volkstanzkreises und hatte ebenfalls in ihrer Jugendzeit (sie sagt gerne: in der "Mädelzeit") sonntags eine ganze Kinderkirchen-Kindergruppe zu betreuen. Deshalb erinnert sie sich auch bei dieser Gelegenheit bestimmt gern dieser zurückliegenden Zeit.


Überhaupt keine Pferde

Ein bedeutender Feiertag! Opa August Janecke vollendet sein 80-stes Lebensjahr! Und das am 18. September 1949. Einen Monat früher wäre es noch treffender gewesen.

Wie bin ich doch aufgeregt. Bei wunderschönem Wetter ist eine Kutschfahrt von Babelsberg zur Gaststätte Forsthaus Templin vorgesehen. Selbstverständlich zur Feier des Tages mit dortigem Festessen auf den mageren Lebensmittelmarken. Diese waren bereits vorausschauend zurück gelegt, vom Munde abgespart und liegen bereit. Ich stehe also vor dem Hause des Töpfermeisters Lüscher in der Wichgrafstraße 22, in dem Opa August und Tante Käte wohnen. Natürlich fiebere ich in froher Erwartung einer Kutsche entgegen, gezogen von zwei schönen braunen Pferden. Nach unendlich scheinender Wartezeit kommt dann vom Plantagenplatz etwas über das Kopfsteinpflaster hufgeklappert und hinterher gerumpelt – zwei ziemlich weiße Zugtiere vor einem offenen Landauer (es sind aber keine weißen Hirsche wie damals bei Herrn Pückler). Enttäuscht laufe ich hoch in die Wohnung und rufe: Es sind gar keine richtigen Pferde – es sind ja bloß Schimmel. Allgemeines Schmunzeln. Nur meine Schwester stichelt herum – ob ich denn vielleicht Zebras erwartet hätte? Die braven Tiere nehmen es mir nicht übel und die Fahrt verläuft doch sehr, sehr schön und harmonisch. Schwarze offene Kutsche mit weißen Pferden davor. Prächtig!


Leider erst über drei Jahrzehnte später „erforsche“ ich, dass mein Großvater Janecke in seiner Jugend selbst einen kleinen Pferdefuhrwerksbetrieb in Berlin hatte, während des Ersten Weltkrieges im schwierigen Gelände mit Pferden die schweren Geschütze in die Positionen an der Frontlinie ziehen musste und vom Tierarzt öfter als Helfer herangezogen wurde, weil er eben einen „Pferdeverstand“ besaß und "erforschte" ebenso, dass wiederum sein Großvater Janecke in der Altmark (Provinz Sachsen) zeitweilig ein Postillon war, also auch sehr verbunden mit den Pferden. Meinen eigenen Umgang mit Pferden werde ich später in der Landwirtschaft finden. Dieser wird aber kürzerer Dauer sein.


Oktoberfest

7. Oktober. Schon wieder Geburtstag. Nachdem die Alliierten zum Ende des Kriege nicht nur Deutschland besetzt, sondern uns auch brüderlich die Hand gereicht hatten, wurde im Westen erst eine Bi-, dann eine Tri-Zone gebildet, von US-Amerikanern, Briten und dann auch von Franzosen. Daraus entstand die Bundesrepublik Deutschland mit der Stadt Bonn als Regierungssitz – wahrscheinlich nur für eine kürzere Zeit bis zur Wiedervereinigung. Die Sowjetunion blieb mit dem ihr zugestandenen Ostteil Deutschlands ein Außenseiter und ließ die kleinere östlich gelegene Deutsche Demokratische Republik vorbereiten. Die Gründung geschieht nun heute, am 7. Oktober 1949. Die Geburtsstunde des ersten Arbeiter- und Bauernstaates auf deutschem Boden – unter der Diktatur des Proletariats. So wird auch die Teilung der früheren Reichshauptstadt Berlin manifestiert. Ostberlin ist somit die Hauptstadt der DDR aber Westberlin eine politisch scheinselbständige Insel, die völlig von der DDR eingeschlossen ist.

Im Westen singt Buly Bulahn hinschmelzend: “Ich hab so’n Heimweh nach’m Kurfürstendamm" und Eberhard Storch singt (und wir mit): „Auf Wiederseh'n, bleib nicht so lange fort“.


Hausaufgaben

Meine Schwester hat ja schon ihre Schulzeit begonnen. Nachmittags stehen da Schulaufgaben oder Hausaufgaben auf dem Plan, da darf ich nicht stören.

In der Potsdamer Wilhelm-Pieck-Straße gibt es jetzt in der alten Charlottenschule für Mädchen, die früher auch mal von unserer Tante Käte besucht wurde, jetzt die Staatliche Schuhtauschstelle für Jungen und Mädchen. Das ist praktisch, weil die Kinder ja wachsen. Dort kann man zu klein gewordene Schuhe, die sauber sein müssen, die frei von Fußpilzen und Läusen sein sollen, abgeben, und, falls sich etwas passendes findet, mit anderen alten, etwas größeren Schuhen wieder nach Hause gehen.

Meine Schwester und ich werden schon recht früh zu fest wiederkehrenden Aufgaben im Haushalt angehalten. Bei mir gehört das Staubwischen der Stühle dazu (weil ich an höhere Arbeiten noch nicht so gut heranreiche). Dann kommt dann das Putzen der Messingteile hinzu, also das Wasserauslaufventil („der Hahn“) über dem Ausgussbecken in der Küche und die Schlüssellochblenden, („die Schilder“) sowie deren Türdrücker („die Klinken“). Das hat an jedem Sonnabend zu geschehen, mit einem Läppchen, mit "Sidol" angefeuchtet, dass wohl später etwas sozialistischer in "Perdol" umbenannt wurde. Die Oxidschicht heruntergerieben, das Messing wurde blank, das Tüchlein schwarz. Die Finger auch.

Natürlich gehört auch das „Tisch decken“ vor den Mahlzeiten dazu – und das vorherige Händewaschen sowie das nachma(h)lige Abräumen.

Zu besonderen Anlässen (wie bei Wanderungen) benutzten wir in einer Gasthaustoilette (falls überhaupt vorhanden) nicht die normale Seife, sondern Mutti hat aus der nebulösen, grauen Vorkriegszeit noch hauchzarte, herrlich duftende rosa Seifenblättchen als besondere Attraktion für uns. Zumindest solange, bis eines Tages der Vorrat aufgebraucht war.

Später, nach dem Einkaufsmitlauf, kommt das selbsttätige Einkaufen in eigener Verantwortung hinzu, welches im Familiensprachgebrauch „Einholen“ genannt wurde.


Kinderspiele und Kindersprüche

Mit Zucker und Zimt – das Spiel beginnt!“

Spaß macht es, nach Gewitterregen Streichhölzer als Boote an der Fahrbahnkante zu platzieren, mit den Augen zu verfolgen und mit den Füßen über lange Strecken zu begleiten, wie sie im Rinnstein („im Schnittgerinne“) in rasender Fahrt mancherlei stromschnelle Gefahren zu bestehen haben. Bootsmaterial haben uns unbekannte Raucher immer wieder rechtzeitig bereit geworfen. Als beliebte Wildwasserstrecke dient uns der Abschnitt in der Rudolf-Breitscheid-Straße zwischen Kirch- = Herbert-Ritter- = Bendastraße, vorbei an „unserem“ Haus vorbei an Blumen-Schilde, also bis zum Straßenknick. Am Knick bricht der Gully, ein Regenwassereinlauf, unser Spiel ab. Abrupt.

Ab und zu spielen wir auch im Dachgeschoss der Nachbars-Wohnung. Besonders interessant ist das Bereiten der Gerichte in der Puppenküche. Gern werden dort Karamell-Haferflocken-Bonbons hergestellt. Das Rezept: Man fettet eine Pfanne ein, gibt Zucker hinein, heizt bis dieser schmilzt, tut Haferflocken hinzu und rührt das Ganze eine Weile. Bevor die ganze Herrlichkeit erkaltet, schneidet man die zähe Masse in Karos. Anschließend wird alles von alleine hart und lutschbar.


Auf dem Hof spielen wir Murmeln. Tonkügelchen sind die schlechtesten "Teilnehmer". Spezialisten unter den Kindern haben Stahlkugeln aus alten Maschinen-Kugellagern geerntet. Das ist schon 'was! Später die vornehmen „Glasbucker“ mit spiraligen Farbfäden drin.

Beliebt ist im Sommer das Spiel zur gerechten Obstverteilung „Au-Pfläumchen“: Eine Anzahl von Pflaumen wird auf den Tisch gelegt und die Kinder bestimmen still ein „Au-Pfläumchen“ – in Abwesenheit des „Probanden“. Dieser darf solange ganz vorsichtig Pflaumen nehmen, bis er das „Au-Pfläumchen“ berührt und der gemeinschaftliche Aufschrei „Au“ dieses Mitspielers Ernte beendet und der nächste Kandidat an der Reihe ist. Für Leckermäuler gibt es aber auch Schoten zu schlachten oder Chalwa (tschechischer Honigkuchen, der kein richtiger Kuchen ist, sondern viel besser – ohne Teig – solch eine eher undefinierbare Köstlichkeit als flache, ausgewalzte Platte).

Natürlich werden aus Seifenwasser und einem Strohhalm die schönsten schillernden Seifenblasen gezaubert – und wer die größten hat, die am weitesten fliegen, der kann sich freuen – mindestens genauso wie die anderen Kinder.

Stille Post“ besteht darin, einen markanten Satz leise von Kind zu Kind weiterzusagen. Das letzte darf dann laut den Inhalt wiedergeben. Mancher schummelt aber auch und bringt absichtlich und künstlich andere, lustige Inhalte ein.

Doof fand ich solche „Intelligenz-Spielfragen“ wie: „Rechts an/m Wald steht ein Haus, guckt ein kleines Männchen 'raus“. Was hatte das Männchen für einen Beruf? Es gab besseres Beruferaten.

Auch spielten wir: "Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann?", "Meister, Meister gib uns Arbeit",

"Herr Fischer, Herr Fischer, wie tief ist das Wasser?" Völkerball (Abschlagen), "Müde, matt, krank, tot ". "Kaiser, König, Edelmann, Bürger, Bauer, Bettelmann". "Ziehet durch ziehet durch, durch die goldne Brücke". Abnehmen (mit in sich geschlossener Schnur "Brücke, Badewanne, Schwan, Krone" und andere Figuren können von den Händen des zweiten Mitspielers abgenommen und dann als andere Figur wieder übergeben werden. Wenn man es kann. "Himmel und Hölle".


Der Lindenwirt

Er ist kein Gastwirt. Unser alter Hauswirt in unserer alten = früheren Lindenstraße ist mittelgroß und hager, hat eine rote Gesichtshautfarbe und ist doch kein echter Indianer. Er wohnt mit seiner Frau "im Gartenhaus" seines Grundstücks. Seine Madame sieht hingegen etwas füllig aus. Wenn ihm das Kinderspiel auf dem Hof zu fröhlich und zu bunt wird, gebietet er: „Eens, eens von Hoff," mit der entsprechenden Arm- und Daumenbewegung in Richtung Straße weisend und dabei die Gesichtsfalten in eine Drohgebärde ziehend. Dieses "1 – 1" war zwar nicht so ganz eindeutig verstehbar formuliert aber für uns war unmissverständlich, was er damit und seiner begleitenden Körpersprache auszudrücken suchte.

Sein Enkel Wolfgang, der sechs Jahre reifer ist als ich es bin, kommentiert gern: „Da jumpt die Jeije“. (Das heißt in deutscher Sprache etwa: Der da spielt die erste Violine und lässt die Puppen nach seinem Willen tanzen). Im späteren Leben wird Wolfgang der schönen, grundsoliden Tätigkeit eines Kindergarten-Hausmeisters nachgehen.


Alle Wetter!

29. Oktober 1949. Zwanzig Tage ist unser junges Land jetzt schon alt.

Bereits fast November ist es und bei uns zeigt das Thermometer 23°C im Schatten an. Drohender Klimawandel? Alle Wetter! So 'was hat die Welt noch nicht gesehen! Eine Witterung wie im Sommer – oder doch ähnlich wie es am 24. Dezember 2012 sein wird. In München 21,7°C!

Vati sagt scherzhaft weise voraus: „Ich denke es gibt heute noch ein paar schöne Tage“. Ob er recht hat?


Zu unserem schon nicht mehr ganz neuen Geld gibt es jetzt auch „richtig goldene“ 50-Pfennig-Münzen, hinten mit Fabrikschornsteinen und einem Pflug darauf – der goldene 50-er der Arbeiter und Bauern in ihrem ersten Fünf-Jahr-Plan.


Eine Benimm-Schule

Wir waren wieder bei Zaulecks in der Steglitzer Schlossstraße 41a. Also in West-Berlin.

Ach, ist das am Grenz-Bahnhof Griebnitzsee immer bedrückend aufregend. Obwohl wir ja gar nichts Böses machen, werden wir aber alle von unseren Grenzpolizisten so angeguckt, als ob!

Und immer müssen Leute aus dem Zug aussteigen und zur "Untersuchung" (also, ein Arzt ist da nicht) vorerst in die Holzbuden auf dem Bahnsteig. Willkürlich. Auf Verdacht. Niemand von uns weiß, ob diese Menschen dann mit einer der nächsten Bahnen weiterfahren dürfen. Für einige wird ein neues Reise-Ziel festgelegt werden, das uns unbekannt bleibt.

Es ist nett dort in Berlin, aber die ältere gnädige Dame ist doch gar zu vornehm und steif. Sie ist eine geborene v. Bülow und hatte später (also von mir aus gesehen in früheren, weit zurückliegenden Zeiten), den Pfarrer Zauleck geheiratet. Deshalb heißt sie inzwischen so und ihre Krankenschwester-Tochter auch. Sie stammt wohl also etwa aus der Ecke, aus der auch der sehr unsteife Herr Loriot kommt.

Es ist manches ungewohnt in diesem Haushalt, was mich beklemmt. Nur ein Beispiel: Andere Leute dürfen Bonbons mit den Fingern greifen. Hier benutzt man sogar zum Greifen des Zuckers für den Fünf-Uhr-Tee eine Zange. Zucker, der vorher extra zu Würfeln gepresst wurde, weil es angeblich besser ist, wenn er sich schlechter auflöst. Meine Schwester gesteht: „Ich ergreife also das Zuckerstück mit diesem federnden Doppellöffel oder der Zange (weil es so schön unpraktisch ist und obwohl der Zucker auch gar nicht so eklig oder giftig ist, dass man ihn nur mit einer Zange fassen möchte) und lege damit den Zucker genießerisch in meinen Mund. Als Nachteil wurde nun ausgerechnet mir angerechnet, dass die gnädige Frau Gastgeberin vergessen hatte, jeder Person so einen Doppel-Löffel, solch eine Zange hinzulegen. Kleine Einzel-Löffel hatten sie ja noch genug – aber eben leider keinen passenden Streuzucker dazu. Es liegt vielleicht auch am Krieg, dass sie nicht mehr ausreichend Zuckerzangen besitzen, dachte ich".

Erst die ernste Aufklärung seitens der vornehmen Dame zum Benimm machte die Angelegenheit dann zur Peinlichkeit – unnötig aber manche Erwachsenen wollen eben gern darstellen, dass sie schon etwas mehr wissen als wir Kinder aus dem Osten.


Auf Wiedersehen, Oma

Am 3. November stirbt unsere Oma Margarethe Sommer, geborene Runge, im Alter von 68 Jahren. Unsere Großmutter, die ganz schön klein war. Also, das ist die Mutter unserer Mutti. Sie kochte bisher, anders als es bei uns üblich ist, immer auf einem Herd mit Holz und Kohlen. Sie hat es so "von der Pike auf" gelernt. Ich sehe sie auch noch in meinen späteren Jahrzehnten vor meinem geistigen Auge in einer dunkelblauen, weiß-rot gepunkteten Kittelschürze, die sie oft trägt. Sie hatte früher auch einen Ehemann. Einen strengen Fachmann. Den Opa Max, er war Schlosser und Elektrotechniker – habe ich aber nicht kennengelernt, weil er einen Monat, bevor ich geboren wurde, im Alter von 70 Jahren starb. Wir besuchen aber beide häufig auf dem Friedhof an der Goethestraße. Ihr findet die Ruhestätte ganz leicht, wenn ihr vom Haupteingang den Weg geradeaus vierzig große Schritte geht, dann seht ihr auf der linken Seite bei der großen Eiche den grauen Stein aus Spremberger Syenit, auf dem schlicht „Familie Sommer“ steht und den noch eine eingravierte Sommer-Sonnen-Blume schmückt.

Unsere gute Oma Klara Janecke ist schon vor langer Zeit gestorben, so dass nicht mal unsere Mutti sie gesehen hat. Eine Herzensgute, mit frischem, "schlagfertigen" Berliner Mundwerk. Nur auf den alten Fotos bleibt sie noch jung. Und schön. Da kommt nicht jede mit!

Opa August Janecke ist dagegen noch da. Er ist mir angenehm. Bei ihm darf ich alles, mache aber längst nicht alles...und er liest dabei im Lehnstuhl, schmaucht ein Pfeifchen, lernt die Zeitung auswendig und schläft manchmal dabei ein. "Ach wo, ich denke gerade nach", sagt er dann.


Auflockerungen

Für den Winter haben sich die Eltern außer den sonntäglichen Spielen und trotz ihrer vielen oft bis in die tiefe Nacht hineinreichenden Arbeiten wieder etwas Besonderes ausgedacht. Kürzlich brachte Mutti für jeden von uns eine rote Wundertüte mit. Sie enthielt eine normale Muschel (aber ohne lebendes Tier) – sonst nichts – außer ein bisschen alte Luft. Das soll ein Wunder sein? Nun aber schreibt die Gebrauchsanweisung vor, dass diese Muschel in ein mit Wasser gefülltes Glas zu legen sei. Das tun wir nun. Zeit des Wartens. Nichts tut sich. Komisches Wunder.

Die Eltern als Zauberkünstler sehen sich etwas verlegen-ratlos an. Sie kennen diesen Zauber auch noch nicht. Nach Unzeiten des auf-die-Folter-gespannt-Seins ("wir machen jetzt lieber was anderes") – dann endlich: Die Muschelhalbschalen öffnen sich einfach wie von Zauberhand und daraus entsteigt eine schöne Kunstblume in Richtung Wasseroberfläche. Also doch noch so eine Art von Halb-Wunder. Man hätte in der Gebrauchsanweisung auch vermerken können."Sehr geehrter Käufer! Haben Sie nur wenig Zeit für Wunder, dann geben Sie diesem Kaltwassertier bitte warmes Wasser". So wäre die Blume vermutlich schneller aufgeblüht, die Wunderspannung aber kürzer gewesen.


Ja, mit kleinen Begebenheiten schaffen die Eltern Erlebnisse, kleine Höhepunkte im Alltag, an die ich noch heute, viele Jahrzehnte später in Dankbarkeit denke.

Wir haben sogar ein Puppenhaus. Unten Wohnzimmer und Küche, oben Schlafzimmer und Bad, wohin eine Außentreppe führt – so richtig mit Möbeln, elektrischer Türklingel und Beleuchtung in jedem Raum. Herrlich. Die Klospülung funktioniert aber ohne Wasser.


Sind wir bei Tante Käte und habe ich dort eine freie Wartezeit, kann ich mit den kleinen Zinngussfiguren spielen. Sie hat davon einen ganzen Tierpark.


Advent, Advent, ein Lichtlein brennt

Zum ersten Dezember wird die blaue Engelstreppe (auf Pappe gedruckt) an die Wand gehängt.

24 Stufen führen bis zum Himmelstor, das sich am Heiligen Abend bereitwillig öffnen lassen wird. Adventskalender zeigen hinter jedem Datumstürchen ein kleines buntes Bild.

An mehreren Orten des Wohnzimmers stehen hinterleuchtete „Transparente“ mit adventlichen und weihnachtlichen Motiven. Die Zukunft berichtet: Diese werden noch im Jahr 2016 genutzt.

Heiße Bratäpfel duften auf dem Steingutteller in der eckigen Wärme-Röhre des Kachelofens vor sich hin. Sorgen für Appetit und fördern selige Stimmung.

Unser Hausgesang wechselt mit den Jahreszeiten auch sein Repertoire. Singen von Adventsliedern und dabei fröhliches Kleben von bunten Kringeln aus schmalen Buntpapierstreifen.

Noch weiß ich nicht, dass auch für mich der Schwierigkeitsgrad wachsen wird und ich im kommenden Jahr aus eben solchen Streifen dann Papierflechtarbeiten für die Außenseite einer Buchhülle oder Buch-Lesezeichen als Weihnachtsgeschenk für liebe Anverwandte fertigen werde. Die Lesezeichen erhalten am unteren Ende noch ein aus verschiedenfarbiger Wolle geflochtenes Schwänzchen. In dieser kunsthandwerklichen Fertigung erzielt meine Schwester eine große Meisterschaft. Nur ihr zu Ehren erwähne ich es schon in diesem Jahr, wenn ich auch erst im nächsten...


Grüße der Gebrüder Grimm zum Advent – eine gar grimmige Begebenheit

Im Kindergarten erhalten wir bei der mangelnden Ernährungslage täglich einen Esslöffel voll Lebertran, so dass wir bald selbst den Geruch ausdünsten, als seien wir die Leber des Walsäugefisches daselbst. Ja, Tran, der uns wichtige Fettsäuren bringt (ohne dass dieses Omega-3 wirklich säuerlich schmeckt), dazu einige Vitamine schenkt und der Rachitisgefahr entgegen tritt. Gegen letztere Volkskrankheit wird auch mit dem Erdalkali-Metall Calcium (Calcipot-Tabletten) vorgebeugt. Ja, wirklich, Metalle kann man schlucken, nicht nur im Zirkus der Araber mit dem Degen.


Der Weg zum Kindergarten führt uns bei „Oma Schmidt“ vorbei, die, wenn wir nach Unterqueren der Eisenbahnbrücke rechts um die Ecke biegen, am Beginn der Schulstraße in ihrem alten hölzernen Zeitungskiosk sitzt, einem ehemaligen Wagen. Dieser ist mit den nur noch kaum schützenden Resten eines Farbanstrichs versehen, dem man in seinen besseren Zeiten gewiss den Farbton „altrosa“ zugesprochen haben könnte. So meine Erinnerung. Ein eigentümlicher, ganz arteigener Geruch von Druckerschwärze, Gerstenkaffee, Altpapier und gewiss noch anderem Lebensbeiwerk entströmt seinem „Schalterfenster“, hinter dem die Oma Schmidt sitzt. Hierher, zur „Nenn-Oma Schmidt“ bringen wir auch die Schalen unserer Kartoffeln, denn Oma Schmidt, obwohl für uns nur im Verkaufswagen zu sehen, soll auch noch irgendwo (nachts) in einem Hause leben und dort in dessen Nähe sogar Kaninchen beherbergen. Stallhasen, kleine freundliche Kuscheltiere, die auch täglich mal Hunger haben, so lange, wie ihr allzu kurzes Leben währt. Die Schalenschale wird zu der sich öffnenden Tür des Kiosks hinein gereicht, so dass man kurzzeitig der ganzen bescheidenen Pracht des Wageninhaltes gewahr wird.


In der Vorweihnachtszeit wird im Kindergarten täglich ein Kind, das besonders folgsam, lieb und freundlich war auserkoren die Kerzen des Adventskranzes ausblasen zu dürfen. Dieser Kranz hängt an roten Bändern vom Rundhaken der Raum-Decke herab. Dazu wird das Kind von der „Tante“ zum grünen Kranze, bzw. seine Kerzen emporgehoben. An diesem Tage widerfuhr mir, entgegen allen Erwartungen, ja zu meinem Entsetzen, diese Auszeichnung.

Ihr habt ja schon in meinem Bericht über das Jahr 1948 gelesen, dass ich im Kindergarten, in jenem lauten Trubel, keine rechte Ruhe finde, um überhaupt manch weiterbildendes Spiel genießen zu können.

Wir haben im Kindergarten Holzwürfel, die mit Bildern von sechs verschiedenen Märchen beklebt sind. Jene möchte ich nicht nur stückweise während des täglichen Kampfes um das Spielzeug ansehen – ihr wisst ja: meine Gemütsveranlagung hat permanent „eher schwach ausgebildete Ellenbogen“, es wäre mir fatal gewesen, wenn ich jemandem weh getan hätte – ich möchte diese Würfel ausleihen und zu Hause in Ruhe mit gehöriger Muße betrachten. Möchte die Geschichten zusammensetzen, mit ihren Helden die Abenteuer gemeinsam durchleben. So befinden sich just an diesem Tage die Bauklötzchen zwecks ihrer Ausleihe in den langen Beinen meiner Hose, die sinnvoller Weise einen dem Zweck entsprechenden unteren Abschluss mit Gummibündchen haben. Sie erscheinen unten nur etwas sehr ausgebeult. Herunterziehen kann die Last die Hose nicht, denn ich benutzte ja Hosenträger. Aus Sorge vor einer möglichen Entdeckung ist für mich der gesamte Auszeichnungsgenuss dahin. Denn siehe: "Lerne nicht allein, sondern besser in der Kindergarten-Gemeinschaft". Doch auch an diesem Tage wacht ein gütiger Schutzengel. Danke!

Die geliehenen Märchenbilderklötze deponiere ich vorerst unter dem räderlosen aufgeständerten Zeitungswagen der „Oma Schmidt“ um sie dann, wenn die Umstände günstig scheinen, in unserem Keller einzulagern. Gedanken an einen möglichen Bauklotzverlust in der freien Natur quälen mich nicht, rechne ich doch in der Umgebung nur mit ehrlichen Leuten. Nur im Keller, so meine ich, sei ein ruhiges, frohes Betrachten des Leihguts, ein guter Lernprozess denkbar.

Es gehört zum Kreis meiner kleinen Aufgaben, die Familie mit Kartoffeln aus jenem Keller zu versorgen. Solch sinnreiches Beschäftigen mit den Märchen in der Tiefe fand aber bereits nach wenigen Tagen und kurz vor dem Weihnachtsfest ein jähes Ende, als unsere Mutti sich besorgt suchend um ihren verlorenen Sprössling kümmerte, der im Keller versonnen, gedankenverloren dem Bildungsprogramm huldigte, neben Hänsel und Gretel als Dritter im Bunde. Die ganze Angelegenheit flog nun auf, das Leihgut und ich wurden ans Tageslicht befördert und die Aktion endete mit demütiger und demütigender Entschuldigungszeremonie einschließlich der gegenüber meiner Planung verfrühten Rückgabe, also vor dem beabsichtigten Ende der Ausleihzeit dieses nicht schlechten Gutes im Kindergarten, was mein künftiges Leih-Verhalten im Leben beeinflusste. Ich wollte nur Gutes! Könnt ihr glauben! Und der Kindergarten freute sich: "Aha, was zum Spielen!" Der kurzzeitige Ausleihverlust war nicht aufgefallen. Es war die Zeit der Inventur noch nicht.

Zumindest konnte ich nach Geständnis und erhaltener Absolution mit kaum befleckter Seele das weihnachtliche Hochfest begehen. Auch solches war schon wieder was Gutes!


Ein andres Mal pass besser auf und mache nicht die Mode“, das war so ein gesanglich unterlegter Merksatz, den wir Kinder trällerten, ohne genau zu wissen, was er uns bedeuten wollte.



Weihnachtszeit – schöne Zeit

Am Heiligen Abend ist alles anders. Die Eltern haben früher mit der Arbeit aufgehört. Wir, das sind Vati, meine Schwester und ich – stehen wieder in der Ladentür und schauen auf die Straße. Und warten der festlichen Dinge, die da kommen werden. Und sie kommen.


Wir haben zum Weihnachtsfest ein Paket von Verwandten geschickt bekommen. Das hat nach dem Öffnen einen ganz eigenen, "spannenden" Geruch, einen Duft. Also nicht nur von dem Tannenzweig, der obenauf liegt.

Solche Vermerke wie SBZ, "Sowjetische Besatzungszone“, "Ostzone“ oder ähnliches ist nun nicht mehr üblich. Jetzt soll groß und fett „DDR“ vom Absender geschrieben werden. Aber wir sind nicht der Absender. Wird von den Absendern etwas veraltetes geschrieben, so wird es künftig von den fleißigen Postzollangestellten dick geschwärzt damit es nicht das Auge schmerzt. So kann man dann zumindest noch innerhalb des Rest-Weges durch die DDR aktuell das Wort DDR lesen. Und das ist gut und richtig so.

Die Eltern wollen jedoch nicht nur als Empfänger dastehen. So erhält der Westabsender (ich lasse hier mal vorsichtshalber die Anschrift fort) etwas Potsdam-spezifisches Literatur-Kulturvolles. Ein Kalender, ein gutes Buch, Potsdam-Briefpapier. Schon das Verpacken wird künstlerisch. Verwendet wird dazu neues, unbrauchbar gewordenes Lichtpauspapier, verklebt und das Ganze mit Papierstrippe (anstelle von Hanf o. ä.) zusammengehalten. Diese Schnur wurde aus zusammengedrehten Papierstreifen hergestellt und will nicht zu stark angezogen werden, weil sie eine Überdehnung mit dem Reißen quittiert. Auch geht die Haltbarkeit flöten, sobald das Drillpapier feucht wird. Aber unsere guten Gedanken und Wünsche begleiten die Sendung.


Silvesterfreuden

Zu Silvester haben die Eltern, deren Arbeit noch bis in den Abend hinein geht, für uns wieder eine besondere Attraktion: Das berühmte Bleigießen. Gesägte Stücke von einem alten Wasserrohr aus Plumbum, werden in einem ebenso alten Topf liegend auf der Herdplatte verflüssigt. Pfui, welche gesundheitsschädlichen Dämpfe – ach was, ist das schön – schon der heiße klare metallische Spiegel, wenn man die schwimmende graue Schmutz- und Oxidschicht mit dem alten Löffel fortzieht und beseitigt. Dann der für jedes Familienglied portionierte „Schluck“ des siedenden flüssigen Metalls in kaltes Wasser gegeben – und welche erstarrten Phantasiegebilde gibt das – ähnlich der einfacheren Methode des Tintenklecksens auf ein zu faltendes Blatt, hier aber nicht nur flächig, sondern eben körperlich-dreidimensional und unsymmetrisch – wie interessant. sind doch diese Gebilde. Wenn man sich daraus mit viel Einsatz von Geistesschmalz und Witz auch noch die spannenden Ereignisse des kommenden Jahres herausdeutelt, dann erstmal...einfach großartig.


Zum Abend gibt es Kartoffelsalat mit Ei vom Huhn und Heringshäppchen vom Fisch. Später am Abend als „Nachtisch“ endlich die Mohnpielen. Die Zahnbürste war also mehrmals in Aktion.

Mohnpielen – wie war das doch gleich? An den Küchentisch wird der "Fleischwolf" mit einer Klemme festgeschraubt. Aufgekochter Mohn wird in den Trichter gegeben und mit der Handkurbel die Zuführschnecke zum Rotieren gebracht. Diese bringt den Mohn zum vierflügligen Messer, das darin umherschneidet. Die Masse wird beim Weitertransport durch die enge Lochscheibe gedrückt und in einer Schüssel aufgefangen. Diese Masse wird mit heißer Milch versetzt, (eventuell mit Weißbrotbröcken gestreckt), mit Rosinen Zitronat, Orangeat angereichert, Zucker zugegeben,auch süße Mandeln oder Walnüsse sind in feinen Stücken willkommen. Die Masse wird mit einem Schluck Weinbrand abgeschmeckt und soll eine Weile in Ruhe ziehen. Anmerkung bezogen auf die Zutaten: Das ist kein richtiges Nachkriegsrezept – man nimmt davon eben das, was man hat.


Ganz „überschwänglich, laut und ulkig“ ging es bei uns nicht zu, genauso sparsam mit Alkohol für die Großen – ein kleinerer Glühwein oder Grog sowie Kinderbowle.

Dann spielten wir gemeinsam etwas oder erzählten viel oder verfolgten eine kürzere Zeit auch mal eine Radiosendung, wenn sie uns „nett“ erschien.


Zum Jahresabschluss die Rückschau auf unsere guten Lieder – Liedgut 49

Was sangen wir in fröhlichen Stunden? Daheim werden gern des Volkes Lieder gepflegt. Auch die Lieder der Kirche kommen zu ihrem Recht. Zusätzlich lernen wir beispielsweise so richtige Kinderlieder wie:

- Spannenlanger Hansel, nudeldicke Dirn, geh'n wir in den Garten, schütteln wir die Birn'. ...

- In einem kleinen Apfel, da sieht es lustig aus ...

- Der Kuckuck und der Esel, die hatten einen Streit: Wer wohl am besten sänge ...


Na ja, das waren mehr die normalen, die gesitteten Lieder.

Unter uns Nachbar-Kindern sind aber durchaus solche beliebten sinnreichen Texte gang und gäbe wie:

Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad

ohne Hupe, ohne Bremse ohne Licht.

(Wie vor aber letzte Zeile:)

Meine Oma ist ne ganz patente Frau.


(Ich denke dabei auch an den Rummel – an das Motorradfahren an senkrechter Steilwand, "im Zylinder"! Da sah ich zwar keine Oma im Sattel, undenkbar ist es jedoch nicht).

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Immer an der Wand lang,

schmiert die Mutter ihre Butter,

immer an der Wand, an der Wand entlang.


(Was is'n Butter? Noch nie gegessen).


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Tschia tschia, tschia, tscho

Käse jibts in der HO.

50 Pfennig kost' das Stück

und die Leute laufen wie verrückt.


(Man setzte in der Nachkriegszeit wegen der großen Verknappung

statt "Käse" auch mal "Männer" ein und für "Leute" = "Frauen")

Käse jibts in der HO

Lange Schlange musste stehn

aber Käse kriegste keen.


Tschia tschia, tschia, tscho

Fische jibt et an der Jrenze,

doch wenn de hinkommst,

kriegste nur noch Schwänze.



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Und wenn Sanella ranzig wird,

dann kommt sie in den Keller.

Kaum ist die Kellertüre zu,

dann hat Sanella keine Ruh’,

denn die Mäuse beißen zu.

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Maikäfer fliege,

der Vater ist im Kriege.

Die Mutter ist im Pommernland,

Pommernland ist abgebrannt,

Maikäfer fliege.


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An der Ecke steht ein Schneemann,

den die Kinder da gebaut.

Und der liebt das Fräulein Lehmann,

hätte sie so gern zur Braut.


(Dieses Lied singt im Radio Cornelia Froboesss für uns alle.)



1950 – Mein 5. Lebensjahr

Wohnungswechsel unserer Tante Käte

Im Frühling sitzen wir bei Tante Käte in der Wichgrafstraße 22 bei Kaffee und Kuchen „im Garten“, das ist der Platz zwischen dem Vorder- und dem Hinterhaus. Etwas einsam ist es jetzt dort, denn ihr Vater, unser Opa August Janecke, ist ja nicht mehr dort. Am 2. Februar ist er gestorben, ein halbes Jahr nach seinem 80sten Geburtstag. An ihn erinnern aber gemeinsame Stunden, die Erzählungen unseres Vaters und einige Fotos. Eines zeigt ihn im Militärmantel grad' auf dieser Fläche zwischen den Gebäuden, wo wir jetzt sitzen, als seine Familie im Kohlrübenwinter 1917 in dieses Haus zog und er von der Front auf einem kurzen Urlaub hier war. Es ist richtig: auch er hatte eine Frau – unsere liebe Oma Klara Janecke, geborene Dittwaldt. An sie kann ich mich aber nicht so recht erinnern, denn ihr Leben endete schon zu zeitig, am 25. Februar 1933. Nun besuchen wir sie beide auf dem Friedhof an der Wichgrafstraße – also schräg gegenüber ihrer Wohnung.

Weil Opa August Janecke im Winter starb, wird der Tante Käte wegen der bestehenden Wohnungsnot die nun für sie zu groß gewordene Zwei-Zimmer-Wohnung im Hause des Töpfermeisters Lüscher gekündigt. Also nicht vom Hausbesitzer gekündigt, sondern von den "Staatlichen Organen", der Stadtverwaltung, denn sämtliche Wohnungen gelten "als bewirtschaftet", um diese dauerhaft zu wenigen gerecht zu verteilen. So folgt ein Abschied von der Zeit des hier Wohnens von 1917 bis 1950.

Tante Käte zieht einige Fußminuten weiter in eine ihr zugewiesene Wohnung Pestalozzistraße 10. Hätte man da nicht einen besseren Namen wählen können, denke ich so bei mir, muss man denn an diesen schönen sonnigen Tagen an die schrecklichen mittelalterlichen Pestzüge erinnert werden – wenn so etwas nun wiederkäme? Au wacka. (Ist nicht italienisch). Später werde ich erfahren, dass die Straße so heißt, weil wir diesen guten berühmten Pädagogen ehren wollen.


Die neue Wohnung die Tante Käte zugewiesen bekommt: Stube, Küche mit „Kochmaschine“. Wenn diese geheizt ist und die Metalloberfläche etwas Wasser abbekommt, tanzen kleine Wasserperlen lustig auf der Herdoberfläche, bevor sie zischend verdampfen. Die mit weißen Kacheln, Schamotte und Lehm gesetzte Kochmaschine ist mit einer massiven Einfassung aus Winkelstahl versehen, die aber unansehnlich, schon rostig ist, weil sie vom Vormieter nicht gepflegt wurde. Die Tante reibt erst grob mit feinem Sandpapier, dann täglich mit einer ebenfalls feinen Metallkette mal eine Minute darüber und schon nach kurzer strahlt die Einfassung blitzblank, hochglänzend.

In der Küche wohnt in einem Käfig, den man „Bauer“ nennt, ein Stieglitz. Wenn er gern möchte, kann er seinen Bau auch mal verlassen. An die Küche schließt sich eine Speisekammer an. Dann gibt es den kleinen Korridor von dem alle Türen abgehen – auch die zum Wohnzimmer und zur gemütlich warmen Innen-Toilette. Unten gibt es auch noch ein kleines Gärtchen, so etwa 5 x 5 m groß. Viel heller Sand mit wenig Nährstoffen. Ein lilafarbener Fliederstrauch und ein noch kleines Forsythiengehölz stehen dort. Eine Gartenbank, die Klappstühle dazu der alte Klapptisch mit Wachstuchdecke und heute darüber die geblümt Selbstbestickte. Am Rand eine Menge zarter wunderschöner Cosmea in verschiedenen Blütenfarben. Auch ein Topf mit Pantoffelblumen steht bereits auf dem frisch gedeckten Kaffeetisch. Sehr schön ist das alles. Solch einen kleinen Garten würden wir auch recht gern haben. Ich denke – der Wohnungswechsel ist nicht schlecht (ich hänge auch noch nicht so sehr am Altgewohnten wie Tante Käte).


Wir sehen den spannenden Film „Das doppelte Lottchen“. Den Film über die als Babys getrennten Zwillinge der ehegeschiedenen Eltern. – Ihr wisst ja: Zum Thalia-Filmtheater haben wir es nur fünf Häuser weit und zum Kino „Flohkiste“, also den „Union-Lichtspielen“, wie man auch sagen könnte, ebenfalls in unserer Straße, ist es auch nur ein Katzensprung. Ja, hier brummt die Kultur lebhaft!


Hofschönung

Eifern wir der Tante Käte nach! Wir wollen es schöner haben auf dem sandigen, beschatteten Hof. Deshalb ersuchen die Eltern den Hauswirt, Herrn W., um die Genehmigung, auf „unserer“ Hofseite Rasen aussäen zu dürfen. Die Zustimmung wird erteilt und Mutti und der energische kriegsversehrte „Onkel“ Gustav Hansen (vor dem Krieg Lehrer; er hat jetzt nur noch einen Arm und ein Bein, behilft sich aber mit Prothesen sehr geschickt), streuen den Samen, harken in ein, klopfen den Samen fest, gießen ihn mit Wasser, aus der Küche herangetragen, reden ihm gut zu, auf dass es ein Rasenteppich werde. Bis auf einen schmalen Pfad dürfen wir die Hoffläche nicht begehen, nichts zertreten. Doch die zarten Pflänzchen verhungern dann wohl auf ihrer zu wenig nahrhaften Unterlage des grau-schwärzlichen Sandes und Wasseranschlüsse für eine Versorgung, zusätzlich zur Regenspende gibt es auf dem Hof nicht...und das Wasser von oben blieb aus – es konnte kein Gebrauchsrasen sich bilden.


Trotz alledem: Unser Hof soll schöner werden! Hatte die große Mühe von Mutti und Herrn Hansen nicht gefruchtet, so haben wir uns jetzt eine kleine Gartenecke zwischen Werkstatt und Wohnhaus gestaltet, denn Herr W., sen. als Hausbesitzer, hat nochmals "ausnahmsweise ja“ gesagt.

Es ist genau vor dem Heue’sche Parfüm- und Frisierwässerchen-Altkartonagen-Holz-Verschlag, der gerade erst gebaut wurde. Das Bauen war die Attraktion auf unserem Hof, deren Errichtung ich als den ersten Neubau in meinem Leben sehr bewusst miterlebte. Aus duftenden Brettern und Holzlatten gefertigt, bald braun stinkend mit Karboleneum angestrichen, was die gelagerten Kartons mit Restduftstoffen vergeblich zu überdecken suchten.

Die Gartenfläche ist etwa 2,5 x 2,5 m groß und sieht sehr hübsch aus. Vom Weg zum Baden, also von den wilden Flächen hinter dem „Schwarzen Damm“, haben wir schöne Kanadische Goldraute (Wildkraut am Rande des Bauschutts) mitgebracht und Mutti hat von irgendwoher Samen für Kapuzinerkresse und Ringelblumen gezaubert. Man kann sogar noch das zusammengeschobene Zieharmonika-Feldbett (von Opa Sommer) als Sitzbank hineinstellen und den Klapphocker. Das ganze haben wir mit Schnur „eingefriedet“. So ist es ein recht friedliches Fleckchen geworden.

Für eine kürzere Zeit, bis über diese Fläche von und mit höherer Gewalt wieder anders verfügt wird – das sind doch nur unnütze Kindereien! – Wir sind bloß Mieter.


Das stärkste Radonwasser

Im Juni bekommt unser Vati eine Kur nach Bad Brambach, um seine Arbeitsfähigkeit irgendwie aufrecht zu erhalten. Es geht ihm sehr schlecht. Der Ort liegt nicht hier in unserem Land Brandenburg, sondern in einem anderen Land, im Vogtland. Radiumbäder. Er soll wohl mehr strahlen, ist er doch so überarbeitet und ernst. Vati und seine Schwester fahren vor und wohnen in der Pension "Drei Linden", im Sprudelweg 12. Diesmal brauchen wir nicht ins Heim.

Wir dürfen mit Mutti anfangs des Monats Juli hinterherfahren. Nur wäre für uns alle der Sprudelweg zu klein und so wohnen wir nun zusammen im „Haus Gertrudis“ in der Bad Brambacher Bergstraße 9, im Parterre. Die Vermieterin ist die nette Frau Schindler. Vati nimmt dort Radiumbäder (also nicht bei Frau Schindler, sondern im Kurhaus), wird von außen und innen damit gespült und sogar wir dürfen so' was auch trinken. Das stärkste Radonwasser überhaupt, gibt es hier. Auch wir Kinder strahlen schon ganz mächtig. Leider haben wir davon kein Foto. Aber die Hauptsache: es hilft für und gegen fast alles.

Nun wollt Ihr vielleicht wissen, was Schindler und Gertrudis verbindet. Also das war so: Im nebenan liegenden Grundstück wohnte seit alter Zeit der Gustav Schindler, ein Brambacher Musikinstrumentenbauer, der seine Geigen auch im eigenen Laden verkaufte. Seine Frau hieß dann seit ihrer gemeinsamen Hochzeit mit Nachnamen ebenfalls Schindler. Das Ehepaar Schindler bekam bald, in üblicher Zeit nach ihrer Hochzeit ein Töchterchen, das Gertrud geheißen wurde. Gertrudchen Schindler. Der Geigenbauerfamilie ging es nicht schlecht. Aber die Eltern sprachen: „Unsere liebe Tochter soll es später noch besser haben als wir. Deshalb bauen wir ihr ein Haus. Dann hat sie etwas, dass sie an Kurgäste vermieten und davon ihren Lebensunterhalt ganz friedlich bestreiten kann.“ Sehr weise gedacht, nicht wahr? "Sie selbst aber soll solange bei uns wohnen bleiben können, wie es ihr recht ist. Damit niemand das neue Haus verwechsele, geben wir ihm den stolzen Namen Gertrudis, was im Althochdeutschen (bei den ollen Germanen) soviel bedeuten wollte wie >Speer + Zauber< , denn so ist die Gertrud nun einmal: stark, kämpferisch und bezaubernd. Und hinten, das angehängte -is fühlt sich auch recht germanisch an. Und die Eltern machten nicht weiter viele Worte darum, sondern ließen um 1935 tatsächlich ein sehr schönes Haus errichten. In der Folgezeit versah auch Frau Schindler sen. Vermieteraufgaben im neuen Haus, die Tochter Gertrud unterstützend. Die musikalische Gertrud heiratete beizeiten den begabten Musikinstrumentenbauer Stübiger, denn der Weg zu ihrem Kennenlernen war nicht weit, denn dieser junge Herr und angehende Schwiegersohn sowie jetzige Vater, arbeitete bereits im Hause der Schindlers, besonders in deren Instrumentenwerkstatt. Man sagt nur dann mit offenem Mund: "welch ein Zufall", wenn man nicht weiß, wie es zusammenhängt. Aber ihr seid jetzt klüger oder notfalls nur schlauer – wie ihr wollt – aber doch nur ein bisschen, denn auch in allen Brambacher Familien gehen die Geschichten weiter – mit Freude, auch Leid und neuem Beginn.

So ist das und nun sind wir hier zu Gast bei dieser klingenden Familie. Eine Familie König ist auch zur Kur hier, sie wohnen im Obergeschoss, in dem Zimmer, dem der halbrunde Balkon vorgelagert ist. Von dem Balkon aus kann man natürlich weiter sehen als wir unten. So kann der königliche Blick über die Wiesenanhöhe schweifen, bis über die Bahnlinie hinweg. Wir probieren das mit dem Blick aber auch mal als Gäste bei den Gästen und es werden sogar Fotos mit uns und den Königskindern geknipst. Aber im Vertrauen darf ich euch verraten: Der Vater ist überhaupt kein König. Nur einer seiner Vorvorväter hat immer so vornehm getan, fast, als wäre er ein richtiger.

Von der Bahnschranke her, hören wir immer mal das Läuten bevor ein Zug kommt.

Nach vorn aus dem Hause tretend, kann man bei schönem Wetter noch viel weiter sehen, durchaus 50 km weit bis nach Oberwiesenthal zum Fichtelberg und darüber hinaus, über die Grenze hinweg hinein in die Tschechoslowakei, bis zum Keilberg.

Gestern bin ich zu allem Überfluss gestürzt und habe mir auf dem Straßenpflaster das rechte Knie aufgeschlagen und die Haut abgeschürft. Sie fehlt. Sie ist weg. Mutti besorgte aus der Apotheke das gute Wasserstoffperoxid zum gründlichen Reinigen, das mag sie lieber als Jod. Das haben wir gemeinsam. Das Knie tut höllisch weh. Nun liege ich hier mit verbundenem Bein auf dem Bett und das helle Sonnenlicht lacht lockend durch die Fensterläden. Die Eltern sind draußen spazieren. Ich werde jetzt die Zähne zusammenbeißen und den Älteren ganz vorsichtig mit steifem Knie nachstaksen, obwohl es sehr „schringt“, wie Mutti meinen Schmerz ins Medizinische übersetzt. (Bitte das jetzt nicht weiter lexikalisch verfolgen). –

Bald aber sind wir wieder zu Hause in Babelsberg.


Ich helfe meiner Schwester. Diesmal beim Erlernen des Schwimmens.

Meine Schwester lernt im Sommer in der Havel schwimmen. In der Badeanstalt auf unserer Babelsberger Seite der Havel – gegenüber vom Turmstumpf der Potsdamer Heiligengeistkirche. Der früheren. Mutti sagt traurig: „Das war der Krieg. Im April 1945, kurz vor Schluss. Es sind grad' fünf Jahre her, als das Potsdamer Stadtzentrum zerbombt wurde“.

Wir Kinder sind da nicht so empfindsam. Für uns ist dieser Zustand normal. Sah das doch in Wirklichkeit schon immer so aus. Eine Ewigkeit.

Die erste Stufe der schwesterlichen Schwimmkunst: Trockenübungen mit dem Bauch im Sand. Das ist sehr schwer zu perfektionieren, weil es ja leidlich nur für die Arme geht. Als zweite Stufe: An der Angel schwimmen. Ein Engel an der Angel. Wie sieht das aus? Meine Schwester erinnert etwa an eine zusammengerollte Serviette im Ring. Sie also in einem sich um Brust und Rücken schmiegenden Korkplattenzylinder steckend, der die waagerechte Lage im Wasser begünstigt. Die Schwimm-Meisterin, Frau Kanzler mit Namen, braungebrannt, gewellt-struppiges Haar mit der Stimme in der Tonlage eines Grizzly-Bären. Die Meisterin schreitet einen reichlichen Meter über dem Wasser auf der breiten Steganlage trockenen Fußes einher und röhrt die heiser-dunklen Anweisungen hinunter. Diese beiden Partnerinnen sind mit einer Halteleine am Stab verbunden – eben mit „der Angel“.

Ich, in dieser Kunst noch nicht unterwiesen, folge meiner Schwester treu – allerdings senkrecht, mit den Füßen auf dem Grund, also bar eines Korkkorseletts und rettendem Angelhaken. Ich gehe also fröhlich hinterher. Freiwillig. Immer tiefer. Ohne Kanzlerzwang aber auch ohne deren Verbot.

Und eben dieses flüssige Medium, das mir bald zeigt, wie wunderschön grün es um mich herum wird, entzieht mich gleichsam den Blicken meiner Mutter, die sie vom Ufer aus nach uns schickt. Solches versetzte sie in helle Aufregung, insbesondere, da sie auch selbst des Schwimmens nicht mächtig ist., weil sie's mit dem Herzen hat.

(Es ist ja bekannt, dass in früheren Zeiten selbst Matrosen oft nicht schwimmen können sollten, was den Vorteil hatte, dass sie, wenn ihr Schiff unterging, nicht so lange mit dem „Gevatter“ ringen brauchten).

Hier aber war es anders. Einige große Jungen sollten nach mir gründeln, mich unter Wasser aufspüren, zurück auf den rechten Rück-Weg ins Flachwasser zerren und sie rissen mich dabei aus meinen schönsten grünen Träumen (bat darum die Mutti oder war es ein Schutzengel-Auftragswerk?...ich war ja nicht oben dabei, um das beurteilen zu können).

Ich habe geschworen nie wieder auf des "Meeres"-Grund die Havel zu durchqueren, damit Mutti keine Angst haben braucht, dass ich unter Wasser 'was verträume oder dort gar mit Raubfischen zusammenstoßen könnte.


Weitere Badefreuden

Unser Ziel ist auch heute wieder die oben genannte Badeanstalt.

Der Weg dorthin ist so einfach wie beschwerlich: Die Rudolf-Breitscheid-Straße (die bis vor einigen Jahren Lindenstraße hieß) hinunter bis zur letzten Querstraße „Alt Nowawes“ (vorher: Wilhelmstraße).

(Ihr wisst ja: dort in der Nr. 15 hatte früher unser Urgroßvater Runge die Gaststätte „Deutsches Wirtshaus“ und im Haus 24 lebte zeitweilig unser Urgroßonkel Albert Sommer, der Schuhmacher-Meister. Diese Kopfsteinallee „Alt Nowawes“ überqueren wir. Dann gehen wir zwischen Waisenfriedhof und der Kegelbahnkneipe „Haushalter“, wo auch die Kleintierzüchter-Austellungen stattfinden, hindurch und dann weiter auf dem „Schwarzen Damm“ entlang bis zu dessen Ende. Eine fast schnurgerade Strecke, auf der sich fast niemand verlaufen kann.

Der Schwarze Damm ist ein baumloser Weg mit staubigen dunklen Rückständen wie Schlacken von Koks. Ödland, eine großes Brachgelände. Beiderseits des Wegs Schüttkegel aus dem Schutt von Kriegsruinen. Die Häuser der Rudolf-Breitscheid-Straße, die vorher auf dem Stück zwischen Alt Nowawes und Glasmeisterstraße standen, liegen wohl auch hier.

So, nun riecht man schon das Wasser – gleich sind wir angekommen am Strand der Havel.

Am gegenüber liegenden Ufer, in Potsdam, liegt an der „Großen Fischerstraße“ die Türksche Schwimmanstalt, seit dem Kriegsende ist es die Russenbadeanstalt, wie sie umgetauft wurde, weil kein Potsdamer mehr dort baden darf. Das wäre für die Soldaten zu gefährlich. In Kreisen größerer Jungen wird sie auch kurz „die Mili“ genannt. Jene ist ähnlich der unsrigen gestaltet. Links daneben die bereits erwähnte zerstörte Heiligengeistkirche, deren Rest, der Turmstumpf noch steht, die mit den Vorfahren unserer Familie zur Sakramentsspende und so auch viel zu tun hatte.


Vor uns nun, nachdem wir unser Kleines Eintrittsgeld (10 Pf) entrichtet und den Quittungsschnipsel entgegengenommen haben, das Geviert der Anstalt. Im Schuppen gibt es das Domizil der Bademeister, wohl auch einen Raum für die Erste Hilfe in Notfällen und einige Umkleidekabinen. Wir ziehen uns aber am Sandstrand auf der mitgebrachten Liegedecke um. Das ist zwar etwas umständlich, weil sehr genierlich aber es geht. Quer vor uns die Uferlinie, zu der zwei breite Holzbretterroste hinunterführen, so dass man später, nach dem Baden, nach abschließender Fußwaschung, sandlosen Fußes zurückkehren kann. Wir gehen immer neben den Holzrosten. Vorsicht Fußpilz. Parallel zur Uferlinie, dieses Rechteck begrenzend, im Wasser ein hoher Steg, dessen beide „Querflügel" zum Strand zurückführen. Der linke Steg ist mit dem Sprungturm verbunden, der mit einem 1 m- und einem 3 m-Sprungbrett ausgestattet ist. Diese Hochstege sind zum Teil noch mit senkrechten Brettern verkleidet und auch diagonal-aussteifende Hölzer behindern freies Schwimmen unter der Steganlage.


Zur Versorgung haben wir immer eine Feldflasche mit (so eine bauchige Armeeblechflasche mit Schraubverschluss und übergestülpten Blechbecher), mit Tee oder wasserverdünntem Sirup oder Muckefuck („Malzkafe-Ersatzextrakt“) sowie den gefüllten Brotbeutel. Den Brotbeutel mögen wir nicht so sehr, weil wir damit von den Tragebehältern (Campingbeutel) anderer Kinder „optisch abstechen“. Der Brotbeutel stammt aus unserer Mutter „Mädelzeit“ und wurde genutzt, wenn sie „auf Fahrt“ (also zu Fuß) wanderten. Dieses Behältnis ist aber praktisch und unzerstörbar, aus grauem groben Linnen und regenfest. imprägniert.

Wir haben Kartoffelsalat im Marmeladenglas mit. Stullen auch, na klar.

Zum Schutz vor der übermäßigen lieben Sonne hilft uns das berühmte, arteigen duftende dunkelbraune „Nussöl“ in der flachen Glasflasche bei uns. Es bräunt notfalls ein wenig, wenn die Sonne mal nicht scheint. Noch heute habe ich das knirschende Geräusch im Ohr, wenn beim Zuschrauben der Flasche „frisch geölter Sand ins Gewinde zwischen Flaschenhals und der schwarzen Duroplast-Schraubkappe geraten war. Und das galt als üblich.

Doch auch jeder schöne Badetag geht einmal zu Ende.

Der Schwarze Damm ist ein Weg, der nicht von Bäumen begleitet wird, auf den die Sonne unbarmherzig herniederprasselt, so dass wir auch nach dem Bad verschwitzt, frisch schwarz eingestaubt und etwas erschöpft wieder daheim eintreffen. In den grob verteilten Schutthaufen liegen aber bestimmt auch noch verschüttete Schätze, denn die Trümmer wurden wohl nicht weiter sortiert. So stoßen wir am Wegesrand auf viele kreisrunde Glasscheiben („Butzen“), etwa 6 bis 7 cm im Durchmesser, die irgendein Unhold als Abfall betrachtet und weggeworfen hat. Damit füllen wir unsere „Turnbeutel“ , wie auch den Brotbeutel und schleppen eine ganze Menge davon nach Hause. Mutti macht mit uns daraus neue Teeglas-Untersetzer: Zwei Scheiben und dazwischen auf weißem starken Papier (Zeichenkarton) getrocknete Blüten und Gräser, den kreisrunden Rand mit einem Klebebandstreifen eingefasst. Das werden hübsche Geschenke und einige Exemplare bleiben auch bei uns.Bleiben uns jahrelang treu.


Einige der Schlager aus dem Radio der Jahre 1945 bis 1950:


Ach Babett backe Kuchen, das wär' wunderschön

Evelyn Künneke

II: Auf Wiederseh'n :II bleib nicht so lange fort

Ursula Maury und andere

Buona notte, Bambina mio

René Carol und andere

Der Insulaner verliert die Ruhe nicht, der Insulaner liebt keen Jetue nicht, der Insulaner hofft unbeirrt

ein Berlin-Lied anlässlich der Berlin-Blockade seitens der UdSSR

Du bist II: die Rose: II vom Wörthersee. Odlijodlijöh.

Maria Andergast + H. Lang

Du und ich im Mondenschein

Ilse Werner

Hoch drob'n auf'm Berg, gleich hinter

Rudi Schuricke + sein Terzett

Ich brauche keine Millionen

Johannes Heesters

Ich küsse Ihre Hand Madame und denk es wär' ihr

Helmut Zacharias

Ich tausch so gerne um

ein Schwarzmarktlied, Bully Buhlan

La Le Lu (ein Kinderschlaflied)

Heinz Rühmann und viele andere

Man müsste Klavier spielen können

Johannes Heesters

Santa Lucia

Vico Torriani

Tennessee-Waltz. Als ich tanzte, mit dem Liebsten

Lonny Kellner // Bärbel Wachholz u. andere

Oh, mein Papa...aus der Operette "Feuerwerk"

Lyss Assia

Wenn die Glocken hell erklingen sind die Berge voll

Gerhard Wendlandt


...und immer so weiter.

KInderlieder. Wir selber singen ansonsten:

- Im Märzen der Bauer die Rösslein anspannt ... aber auch:

- Komm lieber Mai und mache ... von dem Herrn Mozart gedichtet und komponiert.

- Maikäfer fliege (das schrieb ich schon auf) ... damit war es aber sowieso nicht weit her, denn unser Herr Hauswirt sammelte die Maikäfer, um diese seinen Hühnern als Zusatzkost... – schön viel Eiweiß für die Eier – zu verfüttern. Der Barbar! Zu viele durften es aber nicht auf einmal sein, damit die Hühnereier noch Hühnereier blieben und nicht zu „Windeiern“ wurden.

Wir sammeln ja auch – aber nur zu wissenschaftlicher Beobachtung. Die Schuhverkäufer haben im Frühjahr keine Probleme mit ihrem Leergut, denn wir Kinder brauchen dringend Wohnungen für Maikäfer und dazu sind Schuhkartons hervorragend geeignet. Schön mit Blättern ausgepolstert und in den Deckel ausreichend viel Luftlöcher eingebracht. Nach den Merkmalen der Käfer unterschieden wir beispielsweise Müller, Bäcker und Schornsteinfeger unter den Käfern. Nachdem dann in der sozialistischen Landwirtschaft bald verstärkt mit Pestiziden gearbeitet wurde, gab es kaum noch Maikäfer.


Wollen wir mal vom Babelsberger Park nach Potsdam, so benutzen wir gern die Seilfähre am Parkeingang bei Familie Ehm/Hapke, die uns nach Potsdam zur Stalinallee hinüber bringt. Später gibt es Änderungen: Zuerst bekommt die Stalinallee (1953) wieder ihren alten Namen "Berliner Straße". Noch später wird diese tragfähige Fähre eingestellt und durch ein Motorboot ersetzt. Auch ganz schön aber nicht so praktisch. Dieser Motorbootfährverkehr wird ebenfalls eingestellt, als die neue Humboldtbrücke (aber erst 1978) dem Verkehr übergeben wird. Diese Fährstelle (Ehm/Hapke) lag etwa mittig zwischen der Humboldtbrücke und der GST-Matrosenstation. Aus dem Gebäude der nicht mehr benötigten Fährstelle wurde zeitweilig ein Kindergarten.


Der Uhren-Alte“.

Nachbarkinder aus unserer Straße bitten mich einmal, bei einem alten Mann die Uhrzeit zu erfragen, weil sie sich selber „nicht trauen“. Ich selbst bedurfte nicht des Wissens um die genaue Uhrzeit, tue ihnen aber diesen Gefallen. Kaum war der Mann von mir befragt, schlug er derb mit dem Stock nach mir – aber daneben. Er war wohl mit dieser Frage öfter unnütz von Kindern geärgert worden und sah auch in mir nun einen bösen Buben. Da bin ich Gutgläubiger auf den groben Scherz der anderen Kinder mit dem armen Mann 'reingefallen. Ein Stück Lehre.


Hausarbeiten – Das Einkaufen

Zum Einkaufen der Lebensmittel gehen wir gern in die Karl-Liebknecht-Straße. Mutti sagt immer noch Priesterstraße. Dort ist sie aufgewachsen. Die Straßennamen wissen wir alle in ihrer doppelten Bezeichnung, also Vorkriegsname : Nachkriegsname. Wir brauchen dazu keinen Übersetzer. Auf dem Weg in die Karl-Liebknecht-Straße kommen wir stets an der Linden-Apotheke vorbei. Wir sehen viele kriegsversehrte Männer, die, vielleicht etwas verschämt, um einige Münzen betteln und an dieser Apotheke sitzt oft einer den langen Tag an die Hauswand gelehnt, dem die Beine in Höhe der beiden Oberschenkel abgetrennt worden waren und deren Stümpfe in Teilen zerschnittener Autoreifen liegen – so als Ersatzschuhe? Auch dieser bittet – stets aber schweigend mit den Augen und der bereitliegenden Mütze um etwas Geld. Ob sie alle sich ein bisschen besser fühlen würden, wenn sie mit den Händen noch eine etwas nützliche Tätigkeit vollbringen dürften, wenn ihnen dazu Hilfe, Anleitung und Vermittlung gegeben würde? Wenn man ihnen verdiente Würde gäbe? Denn sie sind ja zumeist nicht freiwillig als Soldaten in den Krieg gegangen. Sie sind "unverschuldet" in diese Lebenssituation gekommen, haben befehlsgemäß Leiden bei anderen verursacht, erlitten selber vieles Leiden, leiden noch jahrelang, wohl oft unter Schmerzen – als ein "gerechter" Ausgleich? Und werden nun fallen gelassen vom sozialen Staat der den Sozialismus aufbaut? Weil sie dem vorigen Staat zu dienen hatten? Also jetzt den ganz richtigen schönen Internationalen – der schreckliche aggressive nationale Sozialismus liegt ja noch nicht lange zurück. Ob es den anderen Soldaten "besser" gegangen war, die hoffentlich möglichst nur einen ganz kurzen Schmerz spürten, bevor schnell eine Ohnmacht sie sanft umgab, eine tiefe Bewusstlosigkeit sie aus dem menschlichen Krieg der Vernichtung in den ewigen Frieden hinüber geleitete?

Aber über diesen Fragen steht die Wichtigste des "warum überhaupt?" Warum gibt es solche schrecklichen Kriege? Wie kann es möglich sein, dass Menschen sich über andere so erheben (wollen, können) Krieg zu führen, sich so über andere zu erheben, sie in diesen Krieg schicken zu können. Und warum kann es die Masse der Guten nicht verhindern? Warum machen da so viele (zwangsweise) mit? Fragen, die mir niemand beantwortet. Ich Fünfjähriger habe aber auch niemanden gefragt, sondern das Wesentliche im Kopf und Herzen bewegt.

Also, die Karl-Liebknecht-Straße vereinigt die frühere Priesterstraße und ihre Verlängerung, die frühere Eisenbahnstraße. Daher mussten nach der Umbenennung alle Hausnummern, Stempel, Geschäftsbriefbögen usw. geändert werden. Aber wir wollen am Ende der Straße viele neue Häuser bauen, deshalb fehlen in der Straße seit der Neunummerierung zwischendurch, in der Mitte, ungefähr 50 Hausnummern. So 'was ist selten! Da gibt es dann später wieder vieles umzumodeln. Wenn wir also an der Apotheke nach rechts um die Ecke in die K.-Liebknecht-Straße einbiegen, kommen wir am Haus 6: Hermann Köhler, Haushaltswaren vorbei. Nr.11, gleich hinter der Schornsteinfegergasse (früher Bäckerstraße) ist das Haus des Bäckers. Dahinter Radio-“Tauschel“ (er tauscht heute nichts – es ist nur noch sein Name). Dann Eisenwaren „Balz“ (hat fast alles, was man braucht). Oft bin ich beim Gemüsehändler Buchwald, Nr. 20. Dann kommen wir zu Kurzwaren-Lenius. In der Nr. 24 ist die Möbel- und Sarg-Tischlerei Gericke. Herr Gericke ist ein entfernter Verwandter von uns, von meines Vaters Seite.

Wenn wir Lebensmittel kaufen, gehen wir auch oft in die Garnstraße, die von der K.-L.-Straße abzweigt, beispielsweise zu Bäcker Günther, linke Seite im Haus Nr. 20.

Ein zeitlicher Vorgriff: Viel später werde ich in der Nr. 18 beim Fahrrad- und Mopedteilehandel ein treuer Kunde sein. Dort gibt es auch den prima Nitro-Reparaturlack in vielen Farben, das Fläschchen zu 90 Pfennig und eigene Farbwünsche lassen sich ohne Schwierigkeiten bestens "stufenlos" zusammen mischen.


Der Brotkauf

Frau Dora Zentner ist ihr Name aber der Waagenzeiger hätte ihr nicht mit einem 50-kg-Ausschlag geschmeichelt. Einem gleichgestalteten männlichen Brotverkäufer (den es dort nicht gibt) hätte man wohl eher eine Korpulenz bescheinigen mögen. Gewichtig wogt sie im weißen Kittel durch den Laden des ehemaligen Weberhauses in der Garnstraße Nr. 17, um die Backwaren zu verkaufen. Blonde Wellen-Wuschel, vom Netz gefangen, volle rosige Wangen. Stets soll ich von dort das besonders gute "Genth-Brot" mitbringen, obwohl wir ja die Bäckerei Weber mit ihren schönen weiblichen Zwillingen gleich im Nachbarhaus haben. Ein Brot – das sind 3 Pfund, so sagen die meisten Leute, schreiben es aber von einem Kürzel ausgedrückt (das hier auf der Schreib-Tastatur fehlt). Es sollen 1.500 Gramm sein aber solch einen Wunsch trägt kein Käufer vor. Es sind auch 1½ oder 1,5 kg (gesprochen aber üblicher Weise: "anderthalb Kilo"). Das frische Brot duftet wieder so verführerisch, dass ich nicht widerstehen möchte und ich es als Beschaffungs-Lohn oder Wegzehrung vorsichtig ein wenig anbohre (mit dem Zeigefinger, um den köstlichen Inhalt zu prüfen, um zu kosten, ob es für die anderen bekömmlich sein mag. Wie mir zu Hause von Mutti weniger freudig und traurig zugleich mitgeteilt wird, ist das Brot diesmal nicht für uns gedacht, sondern von Muttchen Dyck (unsere Angestellte) bestellt. Oh, oh. Der Kanten, das Endstück wurde abgeschnitten. Auch das lehrte mich und ging vorüber. Ansonsten gibt es bei Frau Zentner Schrippen, das Stück für 5 Pfennige oder runde Kuchenbrötchen für 6 Pfennige, die unsere Mutti stets „Mannheimer“ nennt. Genauso schmeckt „Einback“, zusammenhängend wie eine Stange. Das ist Zwieback, wenn er noch keiner ist, also nur einmal gebacken und noch nicht hart, nicht trocken und bröckelig krümelnd. Die „Knüppel“ kosten 8 Pfennige aber die "Schusterjungs" aus Roggenmehl 3 Pfennige. Die schmecken besonders aromatisch-kräftig.

Kuchen gibt es bei Frau Zentner nicht aber weil wir grade bei den Namen sind – wir essen auch mal Pfannkuchen, das kuglige Gebäck, das auch als „Berliner“ bezeichnet wird, bloß nicht in unserer Region. Dort aber werden wiederum Pfannkuchen als fladenartiges Flachgebäck im Tiegel/"Tiechel" hergestellt, wie bei uns Kartoffelpuffer oder Eierkuchen oder "Plinsen". So verschieden kann das alles sein.

Im Hause Garnstraße 15, fast gegenüber der Tuchmacherstraße (früher Auguststraße) gibt es Anstrichstoffe und Tapeten. Weit hinten, ist es das Haus Nr. 3? residiert wohl Radio-Reetz und ebenfalls etwa dort vorher Elektro-Thomas, ein Berufskollege von unserem Großvater Max Sommer.

Nun geht es die andere Straßenseite zurück Richtung Karl-Liebknecht-Straße: Etwa in Nr. 40 der Betrieb "VEB Deutsche Schallplatte" (früher Elektrola).

In der Nr. 28 haben Ernst Schülke und Frau das große Stoffgeschäft. In der 26 ist der Verkauf und die Reparatur von „Schirm-Hamann“ zu Hause. Alles Grundstücke, die mir recht vertraut sind.


Der Milchkauf

Milch kaufen wir meist bei Herrn Krohn (Garnstraße, Haus Nr. 23), der die begehrte Flüssigkeit mit einem zylindrischen Schöpfhohlmaß aus der großen Kanne in unser ¾ l „Industrieglas“ einfüllt. Es ist dies' ein schlankes Glas oder eine sehr weithalsige Flasche aus „kriseligem“ Glas oben mit Glasdeckel, Gummiring und Kipphebelverschluß gesichert. Reicht uns diese Menge nicht aus, nehmen wir auch eine 1-Liter-Aluminiumkanne mit Steck-Deckel und Tragehenkel, auf dem ein Holzgriff aufgezogen ist. Herr Krohn ist stets milchadrett gekleidet mit weißer glatter Schürze, trägt ein weißes Hemd mit schwarzer Fliege. Er hat schwarzbraunes welliges Haar und trägt eine dunkle Hornbrille. Er sieht mehr so aus wie ein Lehrer oder zumindest Wissenschaftler. Den Milchverkäufer sieht man ihm nicht mehr an, sobald er seinen Platz hinter der Kanne verlässt.

Fisch dagegen erwerben wir in der Verkaufsstelle "Nordsee", im Eckgebäude Garnstraße / Karl-Liebknecht-Straße. Die hohe Giebelseite des Nachbarhauses zeigt eine verblasst erhaltene farbige Fewa-Reklame aus der Vorkriegszeit: Die Hausfrau beim Waschprozess – natürlich nur mit Fewa.

Auf ihrem Hals trägt sie einen runden Kopf mit einem runden Dutt.


Toter Mann und tote Wölfe

Heute sind wir, meine Schwester und ich, in der Wattstraße 2 (3 Treppen hoch) bei "Oma" Vicum, das ist die Mutter von Tante Luzie, Muttis Schulfreundin. Am Nachmittag trieseln wir noch unten auf dem glatten Asphalt am Rande der sternförmigen Kreuzung und malen auch mit Kreide, gleich gegenüber von der Polizei, wo die Volkspolizisten in ihren dunkelblauen Uniformen, dem schwarzen, lackierten Helm (Tschako) und bewaffnet mit dem Gummiknüppel ein- und ausgehen, um irgendetwas zu ordnen. Sie werden von uns „Butzen“ genannt; in Ost-Berlin heißen sie wohl etwas despektierlicher „die Pupen“. Und der Gummiknüppel – andere Jungen erzählen, dass dieser eigentlich nur eine harmlose Fahrradluftpumpe sei.

Als wir nach dem Spiel dann wieder oben in der Wohnung sind und vom Balkon ein Weilchen nach unten schauen, kippt auf der Straße, dort wo wir gerade noch fröhlich gespielt hatten ein alter Mann um, der später, nach erst längerer Zeit zugedeckt und dann fortgetragen wird. Das hat unsere vorher ausgelassene Stimmung schlagartig geändert, sehr bedrückt. Das Höchstmaß der Schwermut ist erreicht, als uns Tante Luzie, die uns gern freundlich ablenken und aufheitern möchte, mitten im Hochsommer versucht uns den Kanon beizubringen: “Ein gar harter Winter ist, wenn ein Wolf den andern frisst.“ Erst ein gestorbener Mann und dann zum Beruhigen noch einige Wölfe, die sich gegenseitig zu Tode zerfleischen. Das brachte das Fass der Traurigkeit schier zum Überlaufen.


Neuigkeit: In der HO soll es erstmals nach dem Krieg irgendwelche Textilien frei käuflich, ohne Bezugsschein geben! "Zellwolle" soll als neueste Faser verarbeitet worden sein. Ist das nun mehr Zellstoff oder mehr Holzwolle oder gar so'n Stoff aus dem die dünne Papierstrippe ist, die so leicht reißt? Hoffentlich schmeckt es den Motten nicht zu gut.


Von Zauleck’s aus West-Berlin bekomme ich eine abgelegte, weil ausgewachsene Lederhose geschenkt. Ein Schmuckstück – abgetragen, zünftig speckig, der Hosenträger-Verbinder mit einem echtem Hirschgeweih-Ring geschmückt. Für mich auf "Zuwachs". Sie ist noch etwas zu groß.

Anderes kann man jetzt schon nutzen: Wir haben das Würfelspiel "Wir fahren mit der Eisenbahn". Unten rechts steht darauf, dass uns die Landschaft mit den Tieren, die Häuser, Bahnhöfe, Züge –alles der Herr Jochen Specht gezeichnet hat. Für das Spielen sind eine Menge an Schwierigkeiten eingebaut, so dass man auch anhand hoher "Würfelaugen" nie abschätzen kann, wer gewinnen könnte.


Hatten wir im Februar unseren Opa August beerdigt, so starb jetzt am 04. Oktober unser Onkel Ferdi, der Stadtbauinspektor Ferdinand Pehlke. Seine Frau Betty ist eine meiner Taufpatentanten. Sie will nun nicht hier alleine bleiben und zieht zu ihrer Schwester nach Hamburg-Großborstel. Ferdis Urne wird dorthin überführt. Beide werden mir fehlen, ebenso wie das Duftgemisch in ihrer Wohnung nach dem (schwesterlichen Hamburger) Bohnenkaffee und Bohnerwachs. Das wird dann eine Ausreise, keine illegale Republikflucht. Eine seltene Ausnahme.


1951 – Mein 6. Lebensjahr. Zu den Erlebnissen gehören unter anderem:

Spielend lernen

- Auf dem Rücken der Partner Zahlen schreiben, die sie erfühlen sollen.

- Ich sehe was, was du nicht siehst – und das sieht ... aus.

- Im Dunklen Fahrzeuge erraten, das bedeutet: sie nach ihrem Lichtschein an der

Schlafzimmerdecke beziehungsweise an ihrem Geräusch erkennen.


1. Mai mit Doppelfeier

Am 1. Mai wird wie in jedem Jahr der Gründungstag des Geschäftes unserer Eltern gefeiert. Die eigentliche Gründung damals durch unseren Vater als Junggesellen alleine, bzw. mit seinen Eltern und der Schwester Käte begangen. Heute wieder ein wirklicher Festtag und draußen scheint die Sonne. Zum ersten mal in diesem Jahr werden die braunen Strumpfhosen verbannt und die weißen Kniestrümpfe herausgeholt.

Alle fünf Jahre wächst mit einem großen Sprung die Zahl, die vom Geschäftsjubiläum kündet. Diesmal sind 25 Jahre erreicht. Zu diesen Fünfjahres-Etappen wird von nun an zum Andenken ein Familienfoto von fachmännischer Hand in unserer Wohnung gestaltet. Die Vorbereitungen sind ganz schön aufwändig. Meine Schwester hat ihr neues lindgrünes Kleid an, mit der weißgelben Stickerei, ihr wisst schon, wie die Margeriten nun eben einmal aussehen. Ich trage das neue dunkle, so genannte „Hamburger Jäckchen“ (die Stoffreste dafür kamen aus jener Stadt) mit dem weißen Bubikragen.

Nun werden die Kinderköpfe von geschulten Händen so hingebogen, dass sie später auf dem Bild ganz natürlich aussehen. Bitte von jetzt an keinesfalls bewegen!

Die große Attraktion ist, die gesamte Szenerie der gespannt und/oder etwas krampfhaft im dämmrigen Wohnzimmer wartenden Familie mit Hilfe von abzuflammenden Magnesiumoxid-Blitzbeuteln schlagartig in taghelles Licht zu bringen, uns also ins rechte Licht zu setzen, während das geöffnete Fotoobjektiv Bild und Licht willig hereinlässt.

Bei der festlichen Kaffeerunde am Nachmittag sind dabei: Charlotte Dyck, Elisabeth Skirk, Renate Zauleck, Esther Gamon, Luzie Barth, Käte Janecke, Hertha Thomas, Elfriede und Christlieb Albrecht, Gustav und Margarete Hansen, Herr Paul Tietz.


Und genauso oder ähnlich wird von uns auch der heutige Kampf- und Feiertag der Werktätigen begangen.


Urlaub in der Schweiz

Gleich nach der Maifeier reisen wir, meine Schwester + ich, mit Mutti nach Buckow in die Märkische Schweiz. Nein, richtiger ist, dass erst einmal die gesamte Familie fährt, denn Vati und Tante Käte begleiten uns bis zum Bahnhof Strausberg, wo wir umsteigen und dort kehren die beiden zu ihrer Babelsberger Arbeit zurück (hatten aber doch ihren Ausflug) – aber für uns beginnt der Urlaub jetzt so richtig. In Buckow am Bahnhof angekommen, müssen wir uns erst einmal nach dem Weg zu unserem Quartier erkundigen. Mutti fragt eine ältere Frau mit Kopftuch, so nach der Art der Trümmerfrauen geknotet oder auch so, wie es Witwe Bolte hielt, gebunden. Und es ist nicht schwer zu finden: Vom Bahnhof ein Stückchen geradeaus, dann die „Neue Promenade“ hinunter, links in die Königsstraße hinein und dann, vor Pfarrhaus und Kirche gleich wieder nach rechts in die Wallstraße. Na bitte. Dort ist es dann das vierte Haus auf der rechten Seite dieses Sandweges. Wir wohnen für die Ferientage also im Hause der Familie Schoene in der Wallstraße 4. Hierin leben Frau ("Schwester") Schoene mit ihren Kindern Siegfried und Kriemhild und den Geschwistern Michel, die, es ist ganz traurig, überhaupt keine eigenen Eltern mehr haben. Siegfried und Kriemhild sowie ihre Mutti, stammen aber nicht aus Xanten am Unterrhein wie die echten aus der germanischen Nibelungen-Sage, sondern waren aus Sachsen hergezogen. Dort sind diese bedeutenden Namen auch sehr beliebt.

Den wichtigen Wall, den von der Wallstraße, habe ich aber in diesen Ferientagen überhaupt nicht gesehen. Vielleicht war der aber nur früher mal da – auf "der Linie", auf der man dann diese Straße baute. Und zur Erinnerung hat man nur noch den Namen...das könnte doch sein! – ?

Die Ingrid der beiden Michel-Geschwister wird uns etwa ein Jahrzehnt später als junge Frau, als angehende und berühmt werdende Opernsängerin – für uns ganz plötzlich und unerwartet erneut begegnen (wir Unwissenden sagen gern "zufällig") –. „Marienwürmchen setze dich auf meine Hand ...“ wird sie uns unter anderem darbieten. Aber das wissen wir natürlich jetzt noch nicht. Dazu ist die Zeit einfach noch nicht reif.

Familie Meinel aus Potsdam, ist im gleichen Hause, zur gleichen Zeit, wie wir zu Gast. Das heißt: Mutter und Kinder machen Urlaub, genauso wie wir, aber der Vater Meinel hat noch eine kirchliche Jungengruppe zu betreuen. Er also hütet derweil einen Sack Flöhe, wie es der Volksmund mitunter nennt und soll dabei ein strenges aber gerechtes Regime führen.


Von der Wallstraße geht es zur Wohnung der Schoenes vier Stufen hinauf. Somit liegt diese im Hochparterre. Unsere Unterkunft ist so richtig einem Landurlaub angemessen: Wir haben ein hübsches Stübchen eine Treppe höher, unter dem Dach, genauso wie die Meinels, nur auf der anderen Seite des Treppenpodests – müssen, um von unten ins Dachzimmer zu gelangen, die etwas knarrende, Holztreppe im Halbdunkel hinaufsteigen. Die Mahlzeiten nehmen wir aber gemeinsam unten in der Küche ein. Der Küchentisch ist mit einer Wachstuchdecke belegt. Über dem Küchentisch hängt von der Decke spiralig ein langes Fliegenfängerband herab.100 cm lang,

4 cm breit. Mit braunem Kleber bestrichen ist diese Zelluloid-Falle, die Lockdüfte ausdünstet. Mich lockt es nicht aber die armen Fliegen! Es handelt sich nach meinem Geschmack um einen Appetit-Zügler.

Aufmunternd wirkt dagegen das wirklich Schoene-Geschirr mit dem herrlich rustikalen Bauernmuster, mit frischen, kräftig farbigen Blumen. Auch die neuen weißen Keramiktrinkbecher mit bunten Bildern geschmückt, die Mutti für uns als Überraschung eingepackt hat, erfreuen uns. Morgens gibt es Milchkafe. Die Buttermilch zwischendurch schmeckt aus den Bechern besonders gut, doch abends den Kräutertee, gibt es wieder in Henkeltassen.

Ehe ich's vergesse: Die Schoene-Hausmutter heißt auch noch Luise. Schwester Luise.


Viel haben wir uns vorgenommen – vor allem aber: Tüchtig erholen wollen wir uns. Das ist hier unsere wichtigste Aufgabe.

Und wandern will Mutti mit uns und dabei viel singen, wie eine Lerche, befreit von der Alltagslast, so in den Himmel tirilierend. Schöne Wege gibt es ja genug, hat uns Frau Schoene berichtet. Und viel erfrischende Waldesluft, für die schon früher die Freifrau von Friedland weise vorausschauend gesorgt habe, indem sie die Wälder anpflanzen ließ. Das aber ist schon lange her, eben etwa so lange, wie die Bäume groß sind. Da können unsere Lungen so recht die heimatliche Ammoniak-Luft ausatmen.

Bei trockenem Wetter und Sonnenschein geht das frohe Wandern, hinein in diesen warmen Monat Mai, auch sehr gut. Wir brauchen wir uns nur aus dem Haus in die Wallstraße nach rechts über die Wallgrabenbrücke bewegen, also auf dem Weg, an dessen Zäunen viel Hopfen wuchert und schon ist man im Park, der früher, noch vor ein paar Jahren, Schlosspark hieß. Ein Grafen-Schloss gibt es hier schon seit sechs Jahren nicht mehr, nur noch ein paar alte Ruinenreste davon. Interessant ist der Bach, der sich vom Griepensee kommend, am Park entlang, zwischen Wald und Wiese, vorerst Richtung Marktplatz und zur alten Wassermühle schlängelt. Ein helles, schnell fließendes und klares Gewässer, gerade fuß- bis wadentief, so dass man ganz herrlich darin spielen kann. Am Boden glitzern und gleißen die perlmuttbeschichteten Muschelstückchen im Sonnenlicht. Unsere märkische Mutti muss gleich anstimmen: „... I hab daraus getrunke, gar manchen frischen Trunk,II: i bin net alt geworde:II, i bin noch allzeit jung.“ (So in der Art wird also im Schwabeland angegebe! Zumindescht singt das ihre dort wohnende Freundin so mit einfach abgekürzten Worten und Mutti hat es sich aus lauter Freundschaft auch gleich angenomme, was hier bei uns in der Mark Brandenburg eher etwas seltsam wirkt). Ja, im Urlaub (und mit braven Kindern) kann man sich eben noch jünger fühle. Wir kennen den Text und die melodische Weise natürlich selbstmurmelnd auswendig – es ist das Lied, welches so komisch mitten im Satz anzufangen scheint: „ ... Und in dem Schneegebirge, da fließt ein Brünn'lein kalt“ ... es muss unbedingt kaltes Wasser sein, damit es sich dann auf "alt" reimt. Aber Mutti singt es eben in der Nähe des "Buckower Warmbades". Macht nichts. Kennt ihr es auch?

Auf verschiedenen Spaziergängen und auch kürzeren Wanderungen begleitet uns gern die freundliche alte Hausdame der Familie Meinel. Die Frauen haben sich immer etwas zu erzählen. Wir hüpfen, springen und hopsen dann eben etwas langsam-gesitteter.


Wir erleben wohl in jeder Ferienstunde etwas Neues, besuchen den nahen Griepensee und wandern auch zum Buckowsee durch den Erlenbruchwald, in dem auch einige Birken zu sehen sind und wo im Unterholz der Faulbaum und die Schwarze Johannisbeere wachsen. In Ufernähe und dort, wo das Licht ausreicht, finden wir Farnkraut und Wasserschwertlilien. Mit etwas Glück sehen wir den herrlich metallisch blau glänzenden Käfer, der die Erlen so sehr mag. In den Bäumen wohnen Stieglitze und Zeisige. Und auch die Libellen halten sich mit ihren Kunstflügen gerne in der Nähe der Bäche auf. In dieser Welt ist man tatsächlich nur ein Gast.


An einem anderen Tag laufen wir entlang des Flüsschens Stobber zur Güntherquelle und darüber hinaus in Richtung Tornowsee. Auf dem Rückweg haben wir ein Stück vor der Malzmühlenbrücke ungewollt Störche gestört, die auf dem Wege ihr Abendessen suchen – vielleicht zum Beispiel diese Nacktschnecken, denn wer kalte, labbrige Frösche speist, hält vielleicht auch etwas von diesen kaltblütigen „Köstlichkeiten“. Der Stobber-Bach schlängelt sich fußtief durch den Wald, bildet Buchten und formt Sandbänke. Die stark hüglige Landschaft zeigt je nach Feuchtigkeit des Bodens, wechselnde Waldbaumarten.

Aha, und so ungefähr sehen also auch die Alpen in der anderen fernen Schweiz aus?


Zum größten See, das ist der Schermützelsee, ist es ein bisschen weiter. Wir besuchen dort mal die Badeanstalt. Das ist da nicht so romantisch, sieht jedoch geordneter aus. Aber es gibt noch mehr Seen, wie den Abendrothsee in der Nähe der Mühle (weil der Mann so hieß, hat der See diesen Namen, nicht etwa, weil genau darin die Sonne versinkt) und es gibt auch den Weißen See. Natürlich zeigt uns Mutti auch den Kurpark zwischen dem Schermützel- und dem Buckowsee, in dem sie ebenso fremd ist, wie jener für uns neu. Dorthin gelangt man einfach, wenn man durch den Park, über die (Schloss)-Parkbrücke, vorbei an der Wannen-Warm-Badeanstalt und über die Stadtmühlenbrücke erstmal in Richtung Freibad läuft.


Wenn man müde vom Wandern oder das Wetter regnerisch oder das Gras am Morgen noch feucht vom Tau ist, soll man besser erst mal in der Stadt bleiben. Dann läuft es sich in der Natur nicht so gut. Oder genauer: Es läuft sich dann sehr schlecht. Nehmen wir nur alleine schon unseren Wallweg in Richtung Park durch den kühlen Grund. Mit schwarzen Nacktschnecken ist er dann wie übersät, so dass ich gar nicht weiß, wohin ich beim Laufen meine Füße setzen soll. „Der Schneckenweg“, so wird das letzte Stück der Wallstraße von mir genannt. Aber eigentlich gibt es davon viele. Hoffentlich bekommen die Störche viele hungrige Jungen mit gesundem Appetit. Alles Hiersein ist schließlich ein Kampf ums Dasein. Da kann man nichts weiter machen.


Anstrengend ist für mich, wegen der aufkommenden „langen Weile“, die Teilnahme am sonntäglichen Gottesdienst. Zwar findet er bei dem schönen Frühjahrswetter nicht im kalten Kirchen-Raum statt, der gerade von den Schäden des schrecklichen Weltkrieges, also besonders vom 1. Mai 1945, instand gesetzt ist, sondern wird unter freiem Himmel auf grob gezimmerten Bänken (ohne Rückenlehne) abgehalten. So kann ich zumindest den Vögeln zuschauen. Mutti kennt diese Unduldsamkeit bei der mir suboptimal erscheinenden Nutzung meiner Zeit und hat fürsorglich für mich ein Quartettspiel zur inneren Erbauung anderer Art mitgenommen, deren Karten ich aber natürlich „in- und auswendig“ kenne. Es handelt sich heute um das äußerst gesunde und für Laien lehrreiche Kräuter-Quartett. Vor Verzweiflung über das gar zu langsame Voranschreiten der Uhrzeiger, rupfe ich mir einige Haarbüschel aus – eine Art von Selbstkasteiung oder Buße wegen der zu geringen Anteilnahme am gemeinsamen Loben und Preisen oder der Negierung der an mich gerichteten imperativen Aufforderung: "Kämpfe den guten Kampf des Glaubens". So habe ich zumindest ein bisschen gegen mich selbst gekämpft. Die Erbauung jedoch liegt für mich dann eher in der Erlösung durch den Ablauf der Zeit.


Interessant ist das Pumpen des Wassers am Marktplatz-Brunnen gegen den übermächtigen Durst von Mensch und Tier. Eine große Attraktion – fast schon ein Wahrzeichen für die Stadt. Der Brunnen wurde 1924 errichtet, als ein “Born der neuen Lebenskraft“, wie so schön gesagt wird. Wurde. Hier fotografiert Mutti uns, mit Kriemhild und Siegfried, als Beweis, dass wir hier sind und zur lieben Erinnerung für die nächsten Jahrzehnte, wie schön es hier doch war. Wäre doch auf den Bildern auch Ingrids liebliche Gesangstimme mit drauf.


Viele kleine nette weitere Begebenheiten „am Rande des Weges“ erleben wir in diesen Tagen. Diese Ferien – ein Höhepunkt des Jahres, der uns tief bewegt.


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Ein sehr wichtiger Nachschriebs zu diesem Urlaubsthema, ein halbes Jahrhundert später notiert:

Was weder meine Mutti wusste und meine große Schwester erst recht nicht – denn ich erforschte es erst im Jahre 1994: Mutti ging mit uns in Buckow ohne es zu wissen durch „lang' vertraute Gassen“, denn ihre Altgroßeltern hatten in Buckow gelebt, Friedrich Sommer, als Zimmermann tätig, der aus dem Kriegsgetümmel, wohl aus Richtung Frankreich, wieder zu seiner Frau nach Hause, nach Buckow, zurück kam. Nicht mehr als Zimmermann und Kanonier, wie beim Ausrücken oder besser gesagt auf dem Hinweg, sondern als Invalide – aber noch lebend. Und einige Jahre später, ausgangs des Winters 1809, starben diese beiden Eltern mit 39 und 41 Lebensjahren an einer "hitzigen Brustkrankheit". Und ihre vier kleinen Kinder, zwischen zwei und elf Jahren ihres Lebensalters, waren plötzlich Waisenkinder. Das zweite dieser Kinder wurde später Muttis Urgroßvater. Er hieß ebenfalls Friedrich Sommer, am 30. Dezember 1800 in Buckow geboren, fand nach dem frühen Tod der Eltern erst in Potsdam, dann in Nowawes eine neue Heimat, wo er bis zu seinem Lebensende als Schuhmacher-Meister das tägliche Brot für seine vielköpfige Familie erarbeitete. Sein jüngerer Bruder Carl erlernte den Beruf eines Müllers, wurde ein Mühlen-Meister, der sein Leben lang in verschiedenen Mühlen tätig war. Von den beiden Mädchen der vier Geschwisterkinder hoffen wir sehr, dass sie heirateten und doch noch etwas mehr glücklich geworden sind. Zumindest konnte ich unserem Mütterlein, zeitlich zurückgehend entdecken, woher denn eigentlich ihre Vorfahren stammten.


Zu den Schlagern 1951/52 gehören: Eine weiße Hochzeitskutsche – Pack' die Badehose ein (von Conny Froboesss aus dem Osten, die jetzt im Westen ist) – Schütt' die Sorgen in ein Gläschen Wein und viele andere mehr.


Herr W., jun. kommt aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Das ist unser Nachbar, den wir bisher noch nie sahen. Also das ist der Zwischenmensch zwischen dem alten Hauswirt und unseren Nachbarkindern und somit der Sohn vom Eigentümer. Das verursacht eine teils freudige Aufregung in jener Familie, von der auch wir gleich mit erfasst werden. Jetzt also kommt der Mann von Frau Elfriede aus der Sowjetunion hierher und hat gleich in der Familie auch schon etwas zu sagen. Das ist für die Kinder eine ganz neue Situation. Bisher hat ihre Mutti immer gesagt, was zu tun sei und das meiste hat sie dann ja selbst gemacht. Nun ist plötzlich ein fremder Mann da. Dieser Mann soll aber vor vielen Jahren auch schon mal hier gewohnt haben. Die Kinder sollen zu ihm „Vater“ sagen. Bisher ist aber immer nur von dem „Heimkehrer“ die Rede.


Meine erste Hochzeit

Und wieder posaunt meine große Schwester 'was aus: „Nun ist es soweit: Mein Bruder hält Hochzeit mit der schönen brünetten Monika. Eingeladen sind auch die Zwillinge der Bäckerei Weber, Monis Bruder Wolfgang sowieso, ich und der kleine Hansi. Sogar fotografiert wurde die gesamte Gesellschaft mit Muttis AGFA-Box vor dem Friseur-Wintergarten des Salon Heue.

Ein großes Fest – und doch kein unauflöslicher Bund.

So richtig glücklich sieht Christoph dabei nicht aus – kümmert sich auch etwas zu wenig um seine Braut, seine Frau. Sie ist seine Erste und Einzige – das Eheleben ist für ihn aber offensichtlich noch etwas ungewohnt. Wie wir im Folgenden sehen, hat sich das Thema schon bald nach der großen Feier von selbst erledigt. Mein Bruder ist mit seinen 6½ Jahren einfach noch zu unreif für so 'was."

Ich denke Monika hat bald zu reiferen Herren aufgeschaut.

Trotzdem bietet lieb' Moni mir großherzig leihweise ihr Fahrrad, damit ich mich in dieser Kunst üben kann. Eine große Geste. Dieses Angebot nehme ich freudig an und Moni unterstützt mich sogar beim Üben auf auf ihrem großen Vorkriegsfahrrad. Sie hat ein eigenes das funktioniert! Eine Seltenheit! Das von Ihrem Opa steht im Garten, dessen Vorderrad mit einem Gartenschlauch bewickelt, da es kaum neue Bereifung gibt. So hat ihr strenger Großvater es nachempfunden, wie es der irische Tierarzt Dunlop einst auch schon versucht hatte. Das Fahren ging bei mir nur im Stehen und das Aufsteigen mit Hilfe einer Betonstufe am Gartenhaus ihrer Großeltern – aber es ging, das heißt, irgendwie wackelte ich vorwärts.


Ein neuer Hausgenosse

Zu uns kommt das gute Struppchen, ein etwas räudig erscheinender grau-schwarzer Drahthaarterrier, aus dem Tierheim kommend, ein ausgezeichneter und energischer Wächter. Er wurde uns vom Tierarzt Herrn Dr. vet. med. Erwin Holtz, der in Potsdam, Nansenstraße 7, eine kleine Tierklinik betreibt, ans Herz gelegt. Falls ihr auch mal einen braucht, er hat die Telefon-Nr. 17 76. Wann er einst das Licht der Welt erblickte bleibt uns verborgen; er kommt als bereits Erwachsener zu uns und auch über sein Vorleben wurde uns nichts näheres bekannt.

Von sowjetischen Offizieren wäre er fast mehrmals in unserem Geschäftsraum grausam erschossen worden, denn Struppi ist allergisch gegen: Ratten, Pferde, Radfahrer und Uniformierte, egal ob harmlose Eisenbahner, freundliche Briefträger oder eben sowjetische Offiziere. Da schlugen die Emotionen hohe Wellen und er hielt seine Meinung nicht hinter dem Berge, so dass wir mehrfach den bevorstehenden Eintritt eines Herzanfalls befürchteten. Den erstgenannten Uniformträger-Gruppen konnte man positiv zurechnen, dass sie unbewaffnet waren.

Nur das entspannende Herumbrüllen des Militärs in unserem Laden einerseits, das Flehen der Familie andererseits, bewahrte ihn wohl mehrmals vor dem allzu zeitigen Eintritt in den Hundehimmel. Womöglich hatte Struppi traumatische Erlebnisse in seiner Welpen- und Jugendzeit, die wir nicht kennen, die ihn aber zu dem prägten, was er heute darstellt. Auch den Einfluss seiner Ahnen als Erbmasse für sein Wesen können wir nicht beurteilen. Wir wissen viel zu wenig. Ich denke aber: Cobaka-Struppchen selbst hegte keinerlei konkrete persönliche Feindschaftlichkeit zu den sowjetischen Freunden. Diesen tröstenden Hinweis sollten sie doch bitte mitnehmen.

Ein Blick in die Zukunft: Struppi wird dann noch bis 1963 bei uns leben, solange, bis dass der Krebs ihn zu arg zwackte.


Pfingsten

Sehr freuen wir uns auf die Pfingstkonzerte in der Kulturgaststätte „Lindenpark“, zwischen dem Birkenwäldchen und der Stahnsdorfer Straße gelegen. Aber diese Konzerte sind nicht oft im Jahr.

Mutti schmückt die Wohnung immer sehr schön mit Flieder. Schon an der Ladentür stehen Eimer mit Birkenstämmchen. Wohl erst in späteren Jahren kommen manchmal duftende Fresien hinzu. Eine Harmonie der Farben, Formen und Düfte.

Nach dem Mittagessen gibt es grüne Götterspeise, den Wackelpudding als Kompott und niemand weiß, woher Mutti das alles genommen hat. Am Abend dann Zwergenbrot mit Margarine, Petersilie und Frühlings-Eiern. Köstlich. Es ist ein großes Geheimnis, woher das Zwergenbrot, woher diese kleinen Scheiben kommen und wer dieses Brot überhaupt bäckt. Obwohl ich oft einkaufen gehe, hatte ich noch nie den Auftrag „Zwergenbrot“ mitzubringen und doch ist es plötzlich da. Aber nur, wenn es gebraucht wird. Es liegt also nicht einfach so 'rum, weder im Brotkasten, noch sonstwo.

Welche nicht sichtbar verbindenden Zusammenhänge mag es zwischen echten Geheimnissen und zweifelhaften Wundern geben? Wer kann mir das sagen?


"Abschiedsgeld" oder "Auf der Flucht"

In dieser Zeit gibt es einige einschneidende kriminelle Ereignisse. Man spricht vom Mord an einer Frau im Birkenwäldchen und munkelt über die Tötung eines Jungen in der Löwen-Gaststätte. Es besteht permanent die Parole: "Nimm nichts Süßes von Fremden, gehe mit niemandem mit". Eines Tages komme ich mit beiden Händen voller Kleingeld ganz verdaddert ins Haus, um es abzugeben. Meine Eltern machen sich große Sorgen, ob das vielleicht eine Anlockhandlung gewesen sei und wofür und weshalb überhaupt? Ich weiß nichts. Gar nichts. Wir alle sind ganz aufmerksam aber es ereignet sich nichts weiter. Ich kann nur sagen, dass ein Mann mir vor unserem Haus auf der Straße sagte: „Junge, halt mal schnell die Hände auf“ – mehr war nicht. Wahrscheinlich war es nur jemand, der auf dem Weg in den Westen war, sein Ostgeld nicht mehr brauchte und der zum Abschied von der Ostzone noch was Gutes tun wollte, aber Jemandem, der ihn nicht verraten würde, bevor er zum Bahnhof ging. So lief ich ihm versehentlich über den Weg und er schüttete im Vorbeilaufen seine restliche Habe in meine Hände. So etwas gab es doch schon einmal: Ja richtig, beim Sterntaler.

Die Republikflüchtigen liefen aber nicht immer nur per Fuß zum Bahnhof, um dort am Fahrkartenschalter „1 x 30 und zurück“ zu verlangen, auch wenn sie gar nicht beabsichtigten, die Rückreise für 0,30 Mark anzutreten. Sie haben nur vorsichtshalber das Doppelte vom Nötigen eingekauft, um die Mitarbeitern der Staatssicherheit (die am 08. Februar 1950 gegründet wurde) oder die Polizei nicht zu beunruhigen.


Fliegende Kartoffelschalen

Die Kartoffelschalen brachte ich zur „Zeitungsoma Schmidt“. Sie verkaufte nicht nur bedrucktes Papier aus dem Kiosk in der Schulstraße, sondern sammelte auch Küchenabfälle, die sie zu Kaninchenfleisch veredeln ließ. Wir sprachen bereits vor einiger Zeit über dieses Thema. Eines Tages, ich dachte wohl gerade zu sehr an die Kaninchen, wurde ich in der Rudolf-Breitscheid-Straße auf der Fahrbahn von einem Auto angerempelt, kam aber mit dem Schrecken davon. Nur die Kartoffelschalen flogen in hohem Bogen davon, was wohl aber deren Geschmack nicht negativ beeinflusst hatte. Ich hatte sie schnell wieder aufgesammelt und reagierte dabei den Schreck ab. (Bei solchen Stresssituationen mahnte uns unsere Mutti – sofern sie zugegen war – immer erst einmal die Blase zu entleeren, um wieder ruhig und entspannt sein zu können.


Kramer

Im Sommer sind wir ab und zu bei Kramers. Die Tochter des Hauses ist aber wirklich schon zu groß für mich. 11 vielleicht. Mindestens. Von ihr lerne ich trotzdem solche Lieder wie: „Die Mädchen aus der Normandie, die küssen so gern ihre jungen Herrn“ und „Ein Mister aus Manhattan kam jüngst in Holland an“ sowie „Atte katte nova“. Nein, nein, es geht hier mitnichten um eine neue plattdeutsche Katze. Ihre Mutti, die Tante Inge, hat es selbst auch mit dem Nordischen. Sie ist Lehrerin für nicht leicht erziehbare Kinder und andere, die es irgendwie schwer zu Hause haben und sie spricht auch schwedisch. Deutsch auch. Woher sie das nur alles kann? Nun ja, einen Erklärungsversuch gibt es: Ihre Schwester hatte einen jüdischen Mann geheiratet und als die Nazis ihr grauenvolles Werk begonnen hatten, reisten sie aus, rissen sie aus, solange noch Zeit war – nach Schweden. Und weil man in der Fremde vielleicht die Muttersprache vergisst, lernte die Schwester Inge hier in Deutschland schnell schwedisch, damit sich die Schwestern zweisprachig Briefe schreiben, sich stützen konnten.

So erzählt die Tante Inge mir, dass in Schweden alles sehr sauber ist und man auch so spricht. So sagt man für die Abdeckung der Räder eines Autos zum Beispiel "Abschirmblech" aber nie etwa wie bei uns so etwas extraordinär-anstößiges wie "Kotflügel" dazu. Geradezu abstoßend. Und wir denken dabei weder an Adler noch an Engel, höchstens an Hundeka... Das fällt einem sonst gar nicht auf, wenn man nicht besonders darauf hingewiesen wird. Wir sollten also die Worte prüfen und entscheiden, was wir davon persönlich übernehmen möchten und was lieber nicht, sollen achtsam mit ihnen umgehen, nicht so gedankenlos in den Tag hinein schwatzen. Nicht umsonst heißt es: "Hüte deine Zunge". Fast alles ist nicht egal oder gleichgültig. Interessant ist ebenso von ihr zu hören, wie manche Eltern Entschuldigungszettel für einen Schul-Ausfall ihrer Kinder schreiben. Zum Beispiel wurde ihr da der Zettel der Mutter vorgelegt, auf dem schwerer lesbar geschrieben stand: "Wegen Splintern in Hintern konnte Jaqueline nicht zur Schulen gehn. Gruß Frau Schulze".Tante Inge weiß daher, dass die Kinder es auf Dauer einfacher hätten – würde man vorerst die Eltern nochmals in eine gute Schule nehmen. Die Gespräche mit ihr sind für mich sehr lehrreich.

Zu ihrem Haushalt gehören neben ihrer Tochter noch ihr Vater, der aber einen anderen Namen hat und der Airdele-Terrier „Akbar“. Dieser Name ist nun aber mal nicht schwedisch, sondern arabisch und bedeutet "Der Große" – und richtig, dieser ist tatsächlich viel größer als unser Struppchen, obwohl auch er zu den Terriern gezählt wird.


In der Nuthe

Herrliche Sommertage! In dieser Zeit bin ich des Öfteren beim Bootsstand „Havelzweig“ in der Babelsberger Straße (wo auch später mein eigener „Erzfrachter“, der „Fregattvogel“ stehen wird).

Havelzweig hat nichts mit Baumgeäst zu tun, sondern der kleine Fluss „Nuthe“ wird als (Ab-)Zweig der Havel angesehen, was bestimmt nicht ganz richtig ist, denn es handelt sich eher um einen Zufluss: Die kleine Nuthe mündet in die große Havel. Aber wir brauchen an dieser Stelle nicht päpstlicher ... . In der Mündung des Flusses liegen seit dem Krieg halb versunken einige eiserne Lastkähne. Das ist ein ausgezeichneter Abenteuerspielplatz – aber nicht ungefährlich. Doch zurück zum Bootsplatz!

Herr Otto Köthur, ein Mann kleiner Gestalt ist ein Tischler, jetzt aber im Alter ist er also der Besitzer dieses Bootsstandes. Er wohnt in der Johannsenstraße 2. Seine Frau ist eine Verwandte von Charlotte Dyck, die bei uns im Laden tätig ist, aber dort in der Wohnung mit lebt. „Muttchen Dyck“, eine sehr freundliche, vom Leben schwer geprüfte Frau, hatte früher glücklich in Danzig gelebt. Im Krieg wurde sie dort aber ausgebombt, hatte ihren Sohn Hans verloren, der als junger Soldat fiel und sie begrub ihren umgekommenen Ehemann eigenhändig im Garten. Nach der darauf folgenden Ausweisung / Vertreibung (das Gebiet war ja nun polnisch geworden), ging sie ohne Hab und Gut im Treck auf die Flucht, die für sie in Potsdam-Babelsberg endete –.

Ich dagegen habe es als Kind leicht und unbeschwert. Vorerst gebe ich mich hier am Bootsstand fröhlich-verträumt der Romantik hin und unternehme mit einem angeketteten Köthur-Ruderkahn, halb verdeckt vom Trauerweidenvorhang, große Seereisen – nicht ohne angenehme Abenteuer – suche auch nach Schätzen auf dem Meeresgrund. Und es ist eine Lust zu angeln, besonders wenn die Fischlein wissen können, dass man ihnen ohne Angelhaken kein Leid anzutun gedenkt. Der Kater verzichtet deshalb gelangweilt darauf, neben mir für längere Zeit Platz zu nehmen, sieht und hört nicht 'mal so wie ich, den Vögeln zu. Der Sohn der Köthurs wurde im September 1944 in Babelsberg geboren. Zeitweilig besuchten wir die gleiche Klasse in der Schule 17.

Etwa ebenso saß mein Vater vor einigen Jahrzehnten in einem Kahn auf der anderen Seite des Flüsschens, schräg gegenüber meines momentanen "Schwimmortes", an der Wiesenstraße 20/22.


Direkt neben dem Wohnhaus der Köthurs, Johannsenstraße 2, befindet sich eine Fußgängerbrücke, die über die Bahnanlagen führt. Es ist „der Übergang“, im Kindervolksmund eher „der Galgen“ genannt. Er ist eigentlich nicht nur zum darüber Laufen gut: Braucht jemand ein schlechtes Gewissen, dann kann er warten bis eine Dampflok darunter hindurchfährt und kräftig in den Schornstein spucken – ob dann das Feuer ausgeht oder der Rauch als Strafe einem nur das Gesicht schwärzt? Es gilt: probieren geht über studieren. Vorsicht ist dagegen geboten, wenn Jungs beim Elektrobahn-Betrieb nach unten pinkeln. Das ist weniger harmlos und unanständig. Lebensgefährlich. Hier gilt das alte Sprichwort: Vorher studieren, geht über probieren! Eine Etage tiefer, auf der Mühlendamm-Brücke, die über die Nuthe führt, geht es dagegen ganz gemütlich zu, nach der Melodie: “Ich steh’ auf der Brücke und spucke in’ Kahn, da freut sich die Spucke, das se Kahnfahren kann. Hollatrihia, Hollatrio …“


Auf den Havelseen

Wir waren aber auch mit größeren Schiffen beschäftigt. Das waren vielleicht Höhepunkte. Gemeinsame Familienausflüge. Mit den Dampfern “Templin“ oder „Caputh“. Von Potsdam, Lange Brücke, bis nach Caputh für 80 Pfennig „pro Nase“ eine ¾ Stunde Fahrt, mit Halt am Regattahaus, Luftschiffhafen und am Forsthaus Templin. Schon gleich nach dem Ablegen vom Kai wird es ja schon spannend, wenn vor der Eisenbahnbrücke zwischen Planitz-Insel und Kiewitt der lange Schornstein umgelegt werden muss und der Rauch sich ungeordnet verteilt, je nach Windrichtung und natürlich auch in die Gesichter der Passagiere. Während dieses Manövers darf dann auch niemand stehen oder umherrennen. Dann erst das interessante Hinunterschauen in den Bauch des Schiffes wo die Dampfmaschine leise und gleichmäßig arbeitet. Wie von dort die wohlige Wärme zu uns emporsteigt während der Heizer schwitzend die Kohlen in das Feuerloch schippt. Daneben ein riesiger Kupferkessel mit zahlreichen Rohrleitungen und Anzeigegeräten. Noch „familiärer“ schippert es sich allerdings auf dem kleinen Schiff „Nedlitz“.


Die Jahreszeiten vergehen!


Die Staatsoper in Berlin

Meine Schwester erzählt: „Zum ersten Mal besuchen wir in Berlin die Deutsche Staatsoper, die zurzeit gastweise im Admiralspalast untergebracht ist. Eine riesengroße Weihnachtsüberraschung. Wir sehen und hören dort „Hänsel und Gretel“ der Gebrüder Grimm, mit Musik von Herrn Engelbert Humperdinck. Welch ein einprägsamer Name!

Weil in der Oper aber so viel gesungen wird, was man nicht alles gut verstehen kann, haben wir das Operntextbuch zum Märchen schon wochenlang vorher abends in den Betten mit verteilten Rollen und zum Teil verstellten Stimmen gelesen (außer mein Bruder, der ist ja Analphabet und kann nur vom Hören lernen). Genauso also das Libretto gelesen, wie es dann gesungen wird, so dass wir natürlich fast alles auswendig können, ohne dass wir wissen, wohin diese Bettleserei überhaupt noch führen soll. Das ist ein Geheimnis der Eltern“.

aber inzwischen wissen wir es ja.

Christoph: "Ich füge in dieser Redepause mal schnell ein: Es war alles sehr interessant und spannend, abgesehen von der bekannten Handlung, aber das Sandmännchen, diese phosphoreszierenden Baumstümpfe im dunklen Wald, der Engelchor, das Taumännchen, natürlich auch die Hexe. Die Hexe, die dem Johannes solchen Gute-Nacht-Gruß zuruft wie: "Schlaf nur, schlaf du gutes Schaf, bald schläfst du deinen ew'gen Schlaf, hi hi hi". Sie vermag eben nicht hinter der Scheinfreundlichkeit ihre wahren Absichten zu verbergen. Fräulein Margarethe, die Gutherzige, schafft es hingegen dank ihrer Leibeskräfte, die Unredliche in ihr eigenes Fegefeuer zu schicken. Und die wiedererweckten Lebkuchenkinder – welche Freude – nicht zu vergessen auch der Vater mit seiner bösen, etwa gleichaltrigen Stiefmutter."

Jetzt wieder meine Schwester, weil sie ja sowieso als Frau mehr und anderes bemerkt als ich:

„– Und da standen wir nun im Opern-Foyer vor dem großen Spiegel: Ich mit dem schönen hellgrünen Kleid mit den aufgestickten weiß/gelben Margeriten (mein ganzer Stolz) und etwas weiter unten die dunkelbraunen langen Strümpfe, am „Leibchen“ angeknöpft. Ach, sah das aber anders aus, als bei den Roben der mir benachbarten Damen. Mein Stolz schmolz. Christoph hatte seinen ersten mausgrauen Anzug an, von Tante Käte fabriziert. Das passt so recht zu ihm. Früher war der Stoff der Sommeranzug unseres Großvaters Max Sommer. Jetzt ist das "Gute Stück" erheblich kleiner, sieht aber aus wie neu".

Ein komisches Gefühl beschleicht mich gegen Ende der nächtlichen Rückfahrt: Als wir in der S-Bahn sitzend durch West-Berlin rollen, sind Häuser und Straßen voller leuchtender Reklame. Bald hinter dem Bahnhof Wannsee wird es finster. Wir sind wieder zu Hause“.


In West-Berlin

Wieder sind wir bei Zauleck’s in der Steglitzer Schloss-Straße 41. Also bei Krankenschwester Renate Z. und ihrer ehrwürdigen, vornehmen Frau Mutter. Das ist etwas Besonderes. Schon der Weg dorthin. In den winterlichen Straßen ist der Schnee zwischen Fahrbahn und Fußweg zu hohen Wällen hochgeschaufelt. (Unsere Mutti sagt immer „der Damm“ zur Fahrbahn und unser Vati sagt immer „Bürgersteig“ zum Fußweg – obgleich sie ja aus dem gleichen Land stammen. Aus Übermut bin ich einmal über den Schneewall geklettert, so dass ich vom Fußweg aus nicht mehr zu sehen war. So hoch.

Ich bekomme von Zaulecks schon wieder ein Geschenk. Für die bevorstehende Schulzeit eine alte, vom erwachsenen Sohn längst abgelegte Schulmappe aus richtigem dicken Leder, die meine künftige eigene Schulzeit jahrelang begleiten wird. Dass innen dick mit Tinte der Name „Zauleck“ steht, stört mich nicht weiter, denn ich wusste ja, wie ich heiße. Und es ist eine gute stabile Büchertasche. Ehrwürdig. Zur Begrüßung wird sie in Babelsberg mit der feinen Wittol-Schuhpflege-Creme einbalsamiert.

Renate Zauleck wird später heiraten und nach Amerika auswandern. Tschüß.

Auch die sonst so romantische Rückfahrt vom Rathaus Steglitz zum Bahnhof Wannsee im Doppelstock-Bus werde ich nie vergessen: Ein Mädchen etwa so alt wie ich, fuhr mit ihrer älteren, offensichtlich geistig verwirrten Schwester in diesem fast leeren Nacht-Bus. An der Zielhaltestelle angelangt, wollte dieses große Kind jedoch nicht aussteigen, was die kleine Schwester zur Verzweiflung brachte. An der Endhaltestelle wollte der freundlich-ernste Busfahrer die Polizei um Hilfe rufen. Dass es so etwas traurig-schlimmes gibt – auch im Westen ist nicht alles einfach und gesund.


In der kalten Jahreszeit heizen wir den Wohnzimmerofen mit Briketts. Für den Vorrat soll der hölzerne Kohlenkasten mit Scharnierdeckel stets gefüllt sein. Der Ofen, der im hinteren Teil des Geschäftsraum steht, ist ein Allesbrenner. Bei diesem kann auch während des Abbrandprozesses nach Bedarf Brennstoff von schräg-seitlich-oben nachgefüllt werden. Er frisst gern Papier, Holz, Sägespäne, gesammelte Kiefernzapfen, Koks, Anthrazit, Eierkohle und auch Kohlengruß, also "Abrieb" (Vorsicht Explosionsgefahr nur in kleinen Mengen hinzugegeben) und somit alles, was brennbar ist. Es macht Spaß, ihn mit dem Inhalt der "Schütte" zu füttern. Man muss nur aufpassen, dass das dunkle Ofenrohr nicht eine zu helle Farbe annimmt.


1952Mein 7. Lebensjahr, 1952/53 das 1. Schuljahr


Bekleidung – die Mode der Zeit

Bei Kälte ist es natürlich Pflicht, die guten langen Strümpfe zu tragen, die von der Erdanziehungskraft immer wieder erneut herunter gezerrt werden. Dagegen ward aber ein ekelhaftes "Kraut" gewachsen: Das so genannte Leibchen. Eine Art gestrickter breiter Leibgurt oder Nierenschützer mit Haltern (Strapsen) für sie Strumpfbänder.

Ist es winterlich gar zu kalt wird der Unterzieh-Overall (würde ich heute sagen), verordnet, also lange Unterhose, mit langem Unterhemd in einem Stück, als Kombination mit den Schlitzöffnungen für Groß und Klein. Dieses treu wärmende Monsterchen hieß bei uns „das Trikot“. In anderen Familien wurde es lustig „Der Hampelmann“ geheißen.


Ein Erlebnis, das mir fast das Herz im Leibe gefrieren ließ: Es war Winter mit strenger Kälte. Direkt an der Bahnhofsmauer, uns also schräg rechts gegenüber, war im Fußweg ein Kabelgraben gezogen, Sand und Kleinpflastersteine direkt an der Mauer angeschüttet. Diese Straßenseite kann man also nicht benutzen. Von unserer Seite sehe ich beim Vorbeigehen auf diesem Sandwall ausgestreckt eine erfrorene schwarz-weiße Katze. Sie wird verletzt gewesen oder gar an dieser Stelle (vielleicht von einem Stein?) getroffen worden zu sein. Zumindest hätte sich dort kein Tier gestreckt schlafen gelegt. Friede ihrem Seelchen. Dieses Erinnerungs-Bild hat mich nie wieder ganz verlassen. Als ich auf dem Rückweg wieder dort vorbeikam, sah ich, dass jemand sie fortgenommen hatte.


Frühling

Schön ist es, wenn nun die Kniestümpfe im Kleidungsangebot erschienen und dann gar die Söckchen. Ja, in diesen Jahren unterscheiden wir noch genau zwischen Sonntags- und Alltagskleidung, was sich erst viel später verlieren wird. (Der Begriff Wochenendkleidung kam gar nicht erst auf, denn bis in die 1960er Jahre wurde ja auch an den Sonnabenden gearbeitet.)


Sommer

Im Sommer werden von der Regierung die deutschen Länder im östlichen Teil Deutschlands aufgelöst und kleinere „Bezirke" gebildet. Zwar wohne ich noch in demselben Hause, ziehe aber gleichsam um, aus dem Land Brandenburg, in den etwa um zwei Drittel kleineren Bezirk Potsdam.

So aber geht es allen. Unsere Verwandten in Wittenberge, bisher ebenfalls im Land Brandenburg, leben jetzt plötzlich im Bezirk Schwerin...und so weiter. Das ist viel moderner und "zerschlägt die Reste des alten militaristischen Staatsgebildes". Auf zu neuen Ufern!

Was gibt uns denn so die Zeitung?

Am Montag, den 11. August lesen wir die Pressestimmen unter folgenden Schlagzeilen:


Bald gehe ich in die Schule – aber jetzt noch nicht

Eigentlich heißt es ja, man solle nicht zu spät zur Schule kommen. Nicht eine Stunde, selbst nicht eine Minute. Besser etwas früher da sein, lautet die Devise. Bei mir dagegen wurde es höchst offiziell anders gestaltet, woran ich überhaupt keine Schuld trage.

Mehr als zwei Wochen waren es, die ich zu spät kam – gleich am Anfang. Ausgerechnet wurde ich in diesen Tagen verschickt. Also nicht direkt als Paket – die Erwachsenen sagen nur so, weil ihnen nichts Treffenderes einfällt. Fast kann ich dorthin laufen. Es geht wohl weniger um Luftveränderung, sondern mehr um eine reichlichere Speisengrundlage ohne Lebensmittelmarken, um mich für die Anforderungen der Schule zu stärken. Aber Psst! Es geht ins Wirtschaftswunderland. Ich reise also von Babelsberg, in der DDR gelegen, mit einer 30-Pfennig-Fahrkarte nach West-Berlin in den amerikanischen Sektor, nach Nikolassee, (Stadtteil Berlin-Zehlendorf). Das sind abzüglich der langen, langen Zeit der nervigen Grenzkontrolle auf dem Bahnhof Griebnitzsee, etwa 8 Minuten Fahrzeit. In diesem kirchlichen Heim gibt es außer Lebertran auch „Schwedenspeisung“. Und Lieder lernen wir, und singen sie inbrünstig, die hier – außerhalb des Hauses – kein Mensch versteht (also ich singe auch und verstehe auch nichts – es ist eben alles ein bisschen sehr schwedisch und dafür wollen wir dankbar sein). So wie mir muss dem einfachen Volk vor der Reformation zumute gewesen sein, wenn der Priester die Messe in lateinischer Sprache celebrierte. Hätte ich doch nur die Tante Inge hier, die so gut schwedisch sprechen kann.

Nur als Beispiel nenne ich euch mal aus meinem Gedächtnis: eine Liedzeile, die gewiss kein Schwede lesen könnte und die geht so:

- "Ge hit of de Lufte, det var 'n lullner Bur ...“. Schön nicht wahr? Gewiss wird das in originaler Orthografie anders aussehen; ich zeige eben nur meinen phonetischen Eindruck zum Lied. Das fleißige Einstimmen darauf, gilt sozusagen als ein Dank an die freundlichen

skandinavischen Lebensmittelspender. Sechzig Jahre später bemühe ich den elektronischen Translator, um den Liedinhalt nachträglich genießen zu können aber das Dolmetschprodukt erzählt mir Märchen über: "Gib mir die Lüfte für den Krieg des Lullner Burschen. Das kann es ursprünglich wohl nicht gewesen sein.

Oder auch jenes Lied:

- II:„Atte katte nova:II, eh misa, de misa, dulla misa deh. Hexa kolla misa woope…“.

Prachtvoll, dieses finnische Fischerlied! In Wirklichkeit völlig ohne Hexen! Hierbei zumindest konnte ich bald kräftig mit einstimmen, denn dieses Lied hatte ich schon bei Kramers gelernt und jene (vorher) von ihren schwedischen Verwandten

Und dann komme ich, sowohl geistlich, als auch körperlich frisch gestärkt, voller neuer Eindrücke aus einer ganz anderen Welt, doch noch in die heimatliche Schule.


Schule

Spätsommerlicher Frühherbst. Meine Schwester spricht so weise: „Nun besucht auch Christoph endlich die Schule und ist besser ausgelastet, denn im Kindergarten mochte er ja sowieso weder die Kreisringelspiele, nicht die Laurentia (geheiratet hatte er ja wie ihr wisst schon im vorigen Jahr die Moni), noch wollte er das laute Geschrei."

Hurra! sage auch ich. Endlich komme ich in die Schule. In die aus roten Steinen gebaute Schule 30 in der Tuchmacherstraße 51, die gleich vorn am Anfang der Straße steht, hinter dem Eckgrundstück, auf dem das alte Weberhaus (Garnstraße 31) früher als lutherisch-reformierte Schule diente. Meine ist die gleiche Schule, in der unsere liebe Mutti ihr erstes Schuljahr verbrachte. Damals stand das Gebäude aber in der Auguststraße, heute in der Tuchmacherstraße.

Ich komme als der Neue hinzu, allerdings nicht am 1. September, dem Weltfriedenstag, sondern mit der bekannten Verspätung, am 17. Alle anderen Kinder kennen sich schon und die Lehrerin, Frau Schollmeier. Nun muss ich alles das „nachbüffeln“, was die anderen Kinder schon längst können und nach dem ersten Tag kennen alle mich – nur ich stehe noch vor einer größeren Anzahl von Unbekannten.

Der Klassenraum ist mit drei Reihen von Sitzbänken mit Schreibflächen aus Eichenholz ausgestattet. Das Mobiliar ist unverrückbar zusammengeschraubt. Die Schreibflächen besitzen Aussparungen, in denen die Tintenfässchen versenkt werden, damit diese nicht umkippen können. Die Öffnungen der Aussparungen sind mit einem Scharnierdeckel aus Blech abgedeckt. Unter der Schreibfläche befindet sich eine Ablage für die Schulmappe, „den Ranzen“. Mein Besitztum ist ein solcher, in dem innen (ihr wisst das schon) in großen Tintenlettern „Zauleck“ als Eigentumsbeweis geschrieben steht. Alles klar. Ein Erbstück also, keinesfalls ein „Fundstück“. Vor der ersten Bank der Mittelreihe steht der Lehrertisch – in den ersten Jahren noch auf einem Holzpodest, damit wir auch kleinere Pädagogen besser erkennen können. Die Sitzbänke stehen auf den mächtig breiten Dielenbrettern, die in den Ferien wohl mit einer Terpentin-Ersatz-Öl-Mischung getränkt worden sind – wohl gegen Schädlingsbefall, zur Erhöhung der Haltbarkeit und zur Ästhetik – zeigen sie doch ein gepflegtes Schwarzbraun, ein „sattes“ Aussehen.

Vor uns steht die große Tafel, als freistehender A-Bock auf Rollen montiert. Sie hat zwei schwarze Schiefertafeln, die sich mit Hilfe von Seilzügen übereinander in der Höhe tauschen lassen und können zudem vorn und hinten beschrieben werden. Es stehen also vier Tafelflächen bereit, davon eine mit Karos für das Rechnen und eine mit der Lineatur für die Schuleingangsschrift, also mit Hilfslinien für die Ober- und Unterlängen von Buchstaben. Dank eines Doppelrahmens lassen sich die Tafeln in der Horizontalen um 360 und mehr° drehen, dass heißt, auch die Vorder- und Rückseite ist problemlos wechselbar, so dass der Lehrer bereits einen Unterrichtsstoff als Tafelbild vorbereiten kann, ohne dass dieser gleich ablenkend sichtbar ist. Natürlich nutzen später die Schüler (als sie „aufgetaut“ waren) diese Möglichkeit auch, um mit Kreide Totenköpfe u.ä. als Zeichenhilfe für den Lehrer vorzubereiten. Diese Tafeln kommen später aus der Mode und modern werden ein knappes Jahrzehnt später Wandtafelmodelle, mit Seiten-Klapp-Flügeln.

Zum Mobiliar, allerdings im ersten Schuljahr noch nicht in Nutzung, gehört auch der Kartenständer mit der Halteklaue am oberen Ende, die das Rundholz der Karteneinfassung greifen soll. Manchmal tut es aber auch ein Nagel in der Wand, über den die Kartenhaltestrippe gehängt wird. Vorn in der Zimmerecke an der Tür steht der hölzerne Papierkasten, der im Laufe seines Bestehens wohl schon verschiedene Anstriche über sich ergehen ließ aber trotzdem immer etwas traurig abgeschrammt aussieht.

Als Bildschmuck schaut von der Wand der Tischler Wilhelm Pieck (vormals KPD, jetzt nach dem Vereinigungsparteitag in der SED) mild auf uns herab. Über ihn kursiert ja die Geschichte, dass er schon früher ein so sehr ordentlicher Junge gewesen sei, der seine Sachen immer sehr gut aufgeräumt hatte. Wenn es so stimmt, konnte er vorbildlich die Schalmei und die Fanfare blasen. Eines schönen Tages suchte er und suchte seine Tuba, die er ebenfalls ganz vortrefflich zu spielen verstand, doch er hatte sie so gut fortgeräumt und konnte sich nicht mehr sogleich erinnern – wohin. Ich glaube aber, das gehört so mehr zu den spaßigen Gerüchten. Wo genau die wirklichen Grenzen sind erkennt man nicht immer so leicht. Erst später (also zu meiner Zeit = jetzt) ist er unser Erster Ministerpräsident der DDR und er wird auch der letzte dieser Bezeichnung sein.


Zum Schulbeginn bekomme ich als Ermunterung (für uns alle zur Nutzung) ein schönes Würfelspiel. Es zeigt am Anfang einen Jungen, der das erste Mal den Ranzen trägt … und der dann am Ende des Weges nach acht langen Schuljahren fröhlich von der Schule entlastet, ledig der Schultasche, in den nächsten Lebensabschnitt springt. Ob ich das auch so lange durchhalten kann? Acht Jahre?

Hier, in dieser Schule kann ich aber nur ein Jahr lang bleiben, weil dieses Gebäude dann als Hilfsschule für lernschwächere Schüler auserkoren wird. Viel später wird die Schule dann Förderschule genannt. Besonders gefördert werden sehr gute Schüler und auch eher schwache Kandidaten. Für die normal-guten Menschen aber geht es bloß ganz normal weiter.

Ein tolles Ereignis. Heute war Vati an unserer Schule. Als "Gastlehrer" sollte er in einer höheren Klasse einen Vortrag über die Eisenherstellung halten und wir (als seine Kinder) durften aus unserem Unterricht heraus und auch dabei sein. Vorher schon hatte er auf die Schiefertafel mit Kreide einen Hochofen mit seinen technischen Einrichtungen gezeichnet. Was er alles schwieriges berichtete weiß ich nicht mehr genau zu sagen aber es war spannend und sah sehr schön aus.


An einem Nachmittag in der Woche habe ich Religionsunterricht. Reli. Bei Fräulein Irmgard Dessin. Die Stunden werden in der Karl-Liebknecht-Str. 23 abgehalten. Mutti sagt zu diesem Kirchengrundstück immer „Priester 18“ aber wir verstehen das und übersetzen uns derartige veraltete Bezeichnungen mühelos ins Moderne. Fräulein Dessin ist eine Nachfahrin von Herrn Oberpfarrer Dessin. Später werden wir Reli bei Herrn Brandt haben, der in der Potsdamer Waldstraße, kurz vor dem Beginn der Ravensberge wohnt. Herr Brandt trägt keinen Bart, sondern eine schwarze Baskenmütze. Er ist auch kein Feuerwehrmann, deshalb wurde gegen Verwechselungen ihm hinten auch noch das „t“ angehängt. Zu ihm wandere ich über den mit Pappeln gesäumten Horstweg oft mit einem meiner Schulkameraden. Vor einer halben Generation waren es deutlich mehr aber man wendete sich, möchte nicht auffallen, tut etwas sozialistischer ... ist im Aufbau begriffen. Man schwimmt immer leichter mit dem Strom und deshalb in jeder Gesellschaft auch wieder stromlinienförmig in eine andere Richtung.

Der Horstweg überquert das Flüsschen Nuthe mit einer Holzbrücke. Die originale Stahlbrücke wurde im Krieg zerstört. An dem ersatzweisen Neubau hatte unter anderem auch Herr Erich Füssel (Wichgrafstraße 18) mitgearbeitet, als er aus der Kriegsgefangenschaft kam.


Entspannendes

Außer der Schule gibt es für uns noch andere süße Sachen. Dazu gehörten lose Bonbons, die „Maiblätter“. Das sind in großen Gläsern angebotene grüne Bonbons in der Form von Birkenblättern, oft mit Zucker überstreut, um dem Zusammenkleben entgegenzuwirken. Ebenso Himbeeren – in der entsprechenden Form- und Farbvariante. „Brustkaramellen“, honiggelbe kleine Barren mit Eukalyptus-Geschmack. Alle werden den Gläsern mit kleinen Metallschaufeln entnommen. Des Weiteren gibt es das Stangenbonbon-Erzeugnis „Rox“ in kurze zylindrische Rollen geteilt mit einer farbigen Blüte in der Schnittfläche. Natürlich auch Lutscher am Stiel oder lange weiße Stangenbonbons mit grade längsverlaufenden oder spiraligen Streifen. Lecker schon beim Ansehen auch die kleinen „chanchierenden Kissen, die es später in größerer Abmessung auch als Einportionenkfolienkissen für Haarwaschmittel geben wird. Und Zahnärzte gibt es auch.


Ballwurfspiel

An der Wand der massiv gemauerten Schuppen auf dem Hof finden die Einmann-Ballspiele auch der Mädchen statt. Der Ball wird an die Wand, die sowieso bar jeden Putzes ist, geworfen und dabei ein Vers aufgesagt. Der Ball soll von der Wand abprallen, in die Hände zurückkehren, darf nicht hinunterfallen, sonst erfolgt die Ablösung. Der Text des Verses wird während der Flugzeit des Balls panto und mimisch ausgemalt und dieser lautete etwa so:

Rotes Radieschen – eisernes Füßchen – armer Student – wäscht sich die Händ' – trocknet sich ab – kämmt sich das Haar – geht zum Altar – kniet nieder – betet zu Gott – steht wieder auf – geht munter nach Haus – trinkt ein Glas Wein – schläft selig ein.

Ach wie erhebend! Ich war noch lange beim Üben – alle anderen waren viel größer.


Angina tonsillaris

Im Herbst habe ich wie des Öfteren eine fiebrige Erkältungskrankheit mit einer Entzündung der Rachenmandeln. Das Azoangin, Tabletten, die vor dem Einnehmen aufgelöst werden müssen, dann so aussehen wie ein gesundes Eigelb aber ekelhaftig nach Krankheit schmecken, helfen auch mit Unterstützung des Salbei-Tees nicht schnell genug und nicht ausreichend. Zum Aus-Schwitzen der Krankheit verordnet Mutti eine Tablette Acetophen und eine große Tasse heißen Fliedertees. (Das schönste an den Tabletten sind die dunkelblauen Kunststoffschachteln mit Schiebedeckel, fast wie ein verkleinerter Federkasten – ich erwähnte es früher schon mal, hier nur wegen der besseren Nachhaltigkeit). Es fehlt uns an einer Sauna. Deshalb wird der Hals mit einem warm-feuchten Wickel versehen. Sodann das Kind im Stück in das Laken und in Decken wie eine Mumie gewickelt und mit dem Federbett warm zugedeckt. Dann wartet dieses Bündel zwangsweise reglos der Dinge, die da kommen sollen. Es sollte so lange heiß sein, bis die Bakterienkolonien, die es sich auf den Rachenmandeln wohl sein lassen, den Hitzetod sterben werden. Also braten soll man im Stück oder schmoren im eigenen Safte. Nach Beginn des richtigen Schwitzens (untrügliches Zeichen: Schweißperlen im Gesicht), kann schon mal der Wecker gestellt werden. Von diesem Zeitpunkt an braucht es noch mindestens eine halbe Stunde bis zur Erlösung aus dieser erstickenden Zwangslage. Dann erst wird die Packung vorsichtig angelüftet und Mutti wäscht das Kind Stück für Stück, was es im Normalfall sonst selber tut. Aber eine Erkrankung ist eben nicht der gewünschte Normalfall. Die Prozedur des Schwitzens ist wohl recht kreislaufbelastend aber anschließend fühlt man sich bedeutend besser, fast wie neu geboren. Zur Versöhnung ob der durchstandenen Qualen gibt es eine große Tasse Milch und dort hineingebracht Weißbrotwürfel, meist mit Zucker oder wenn vorhanden, mit Kunst-Honig angereichert.


26. Dezember 1952: Im Westen soll es jetzt "Heimkinos" für das Wohnzimmer geben. Zumindest hat der Allgemeine Rundfunk-Dienst heute die erste Nachrichtensendung in die wenigen Wohnungen zu diesen Geräten geschickt. Das Fernseh-Zeitalter hat heute für die Bevölkerung in Westdeutschland begonnen (in unsere Familie wird sie genau ein Jahrzehnt später Einzug halten)


Lola missachtet fremde Geschenke

Zum Geburtstag hatte ich ein Töpfchen mit Alpenveilchen (die Winterblume der Wahl) und ein

Töpfchen mit „Glücksklee“ bekommen, die auf dem Fensterbrett in der Küche stehen.

Für das Glück blieb nicht viel Zeit. Solch Umstand trat im Leben öfter auf. Unsere schwarz-weiße Katze „Lola“, dieses räuberisch lebende Tier, betrachtete dieses Pflänzchen als willkommene vitaminöse Anreicherung ihres Speiseplanes und verspeiste es. Es muss ja nicht immer Fisch sein. Mäuse waren nicht. Den daneben am Draht eingespießten Schornsteinfeger, so eine Art Tierscheuche und den Glück und Gesundheit verheißenden Fliegenpilz, – ("verstehe es wer will", sagte Tante Käte dazu) hat sie dagegen ungeschoren „am Leben“ gelassen.


Nach dem Weihnachtsfest...

gab es viel interessantes zu tun. Ich bekam nämlich einen Baukasten von BoB. Also das ist kein amerikanischer Spender mit einem solchen Vornamen, sondern ein Steinbaukasten mit der Bezeichnung "Bauen ohne Bindemittel" von der Firma Heinrich Huft aus Waldheim in Sachsen. Das Raffinierte daran: Ich brauche im Wohnzimmer überhaupt nicht mit Mörtel hantieren. Jeder der kleinen gebrannten Tonziegel hat oben mehrere Noppen (Erhebungen) und unten die dazu passenden Eindellungen, ("Grübchen"). Die herrlichsten Bauwerke kann man damit errichten. Zu den Ziegeln gibt es auch Fenster, Türen, Dachschindeln und was noch fehlt, bastelt man aus Pappe dazu. (Viele, viele Jahre später wird man im Westen sowas ähnliches aus leichtem Plast-Material nacherfinden und es "LEGO" nennen).


Zu den Volks- und Weihnachtsliedern kommen auch viele Schlager. Es gehören dazu:

Blaue Nacht am Hafen

Lale Andersen

Der Bäcker bäckt ein Kuchenherz für

Lonny Kellner

Die süßesten Früchte fressen nur

Leila Negri, Peter Alexander

Egon

Friedel Hensch

Petite fleur, Sag Adieu (kleine Blume)

Sidney Bechet

Tabak und Rum liebt ein Cowboy

Bruce Low

Wir können uns nur Briefe schreiben

Sonja Bach

II: Wunderbar :II, diese Nacht so sternenklar

Zarah Leander



1953 – Mein 8. Lebensjahr , 1953/54: Das 2. Schuljahr

Christoph allein zu Haus. Fast.

Also nicht ganz allein, die Älter(e)n sind noch da – aber das erste Mal ohne meine große

Schwester. So, wie ich im vorigen Sommer „verschickt“ wurde, lebt sie jetzt (im Februar und

März) wegen des schönen Reizklimas an der Ostsee, in Boltenhagen, in dem kirchlichen

Wichernhaus“ zur Erholung. Da ist alles ziemlich heilich. Es scheint schon, dass sie dort tatsächlich bereits sehr gereizt ist und Heimweh hat sie auch, denn sie schrieb uns, dass ihr der liebe Gott gesagt habe, die Eltern mögen sie ganz schnell abholen – und doch muss sie dort bleiben. Janz jemein – weil die Eltern eben nicht immer, wenn es auch noch so nötig scheint, auf Gottes Wort hören. Später erzählte meine Schwester uns, dass es im Essen so viele Fettbrocken gab, die die Kinder stark machen sollten, die sie jedoch nicht hinunterwürgen konnten aber auch nicht auf dem Teller lassen durften, weil das eine große böse Sünde wäre. So suchten sich die Mädchen verschiedene irdische Auswege, um dieses Problem zu lösen. Wie sollte ich, bitte, da von hier aus Trost spenden?


Die neue Königin

Eine ganz richtig lebendige Prinzessin. Kein Märchen! Mein Ehrenwort!

Am 2. Juni besteigt in London Prinzessin Elisabeth, Ehefrau von Prinz Philip den Thron und wird mit der Krönungszeremonie Königin Elisabeth II. von England. Die Thronfolge überkam sie von ihrem Vater König Georg VI., der am 06. Februar 1952 gestorben war. Die Lebenszeit dessen Ehefrau, nun Königin-Mutter, wird aber sogar weit bis in das nächste Jahrtausend hineinreichen und auch die Regierungszeit der Tochter Elisabeth wird das jetzige Jahrhundert überschreiten). Die Zukunft weiß das heute schon.


Der 17. Juni

Mitte des Monats Juni herrscht eine große Aufregung in der Stadt. Im Land. Ein Aufstand droht. Den Aufständischen wird gedroht. Arbeiter gegen die Regierenden. Die Regierung gegen Arbeiter. Werdende Sozialisten gegen werdende Sozialisten. Die Volksregierung soll vielleicht durch eine Volksregierung abgelöst werden. Einige sollen vorher stürzen. Manches ist noch jung aber moralisch schon hinfällig.

Angefangen haben soll es mit dem Streik der Bauarbeiter in der Berliner Stalinallee. Mehr Arbeitsleistung am Tag für relativ weniger Geld soll die Festlegung der Regierung sein, was nicht zu vollen Verständnis führt, nicht zu sofortigem Kuschen führt. "Mann der Arbeit, aufgewacht". Deshalb rollen gleich Panzer gegen arbeitende Menschen durch die Hauptstadt. Das wird effektiver sein, als Gespräche zwischen Genossen und ihren Kollegen. Russische Panzer hier und amerikanische Panzer dort schon mal als Drohgebärde gegen die russischen. Jeder in seinem jeweiligen Stadtteil. Viel Militär und Fahrzeuge der Kasernierten Volkspolizei sind auch in unserer Stadt Potsdam unterwegs. Deutsche Polizei und sowjetisches Militär. Hören wir, denn es ist wie öfter, schon sehr früh Sperrstunde, „Straßensperre“ und wir Bürger dürfen dann die Häuser nicht mehr verlassen. Die Angst der Regierenden vor ihrem Volk geht um. Auch jetzt wieder lose Blätter. Flugzettel. Aber zwei Tage später ist es äußerlich wieder ruhig. Es soll eine Anzahl von Bewohnern weniger geben, die dem wahren sozialistischen Aufbau im Wege standen, wird leise getuschelt. Harte Worte wie „Lindenstraße 54“ (Untersuchungsgefängnis der Staatssicherheit) und „Sibirien“ fallen, so wie vor einigen Tagen die Schüsse.


Nun von der mittelgroßen Welt wieder in meine kleine:

So, der erste Bleistift in meinem Leben ist durch Schreiben und Spitzen schon ganz schön verbraucht. Jetzt bekommt mein Federkasten Zuwachs: Eine Bleistiftverlängerung, um den Stift bis zum letzten Stümpfchen sorgsam aufbrauchen zu können. Das ist ein zylindrisches Holz, hohlgebohrt, also eine Hülse, unten geschlitzt, damit sich für eine Klemmwirkung der Durchmesser etwas verringern lässt und darüber ein Ring gestreift der das Ganze zusammenhält – natürlich erst dann, nachdem der Bleistiftrest hineingeschoben wurde. Derartige Probleme lassen sich einfach lösen.


Wir haben es gut,

Dazu trägt auch auch bei: Wir sehen den spannenden Abenteuerfilm: „Die Geschichte vom kleinen Muck“. Zwar kennen wir schon das Buch von Wilhelm Hauff aber der Farbfilm ist doch noch was ganz anderes. Es wird darin ja viel aus dem Orient vom Sultanshof berichtet aber wenn wir uns richtig orientieren, wissen wir: Der Film ist komischer Weise hier nebenan auf dem Babelsberger DEFA-Gelände entstanden. Der gesamte Palast ist dort echt aufgebaut und alle Wüstendünen, Scheihks, Wesire, Kalifen und Omane oder wie die heißen, extra hergeholt. Sogar der kleine Muck spricht deutsch, damit wir mehr davon haben. Ein toller Film!!!


Ferien

Zum Beginn meiner ersten Großen Schulferien, für das Zeugnis, bekommen wir von den Eltern ein Kaleidoskop (eine Pappröhre mit farbigen Glaselementen, 3 Spiegelflächen und einer Milchglasscheibe), was Mutti gewiss nebenan bei Tante Lene erwarb (Helene Runge, geborene Beerbaum, der Mutter von Muttis Cousin Hellmut Runge, „Schöne Spielwaren und Sportartikel“). Herrlich, welche symmetrischen Muster vielgestaltiger Art sich in vielen Farben dem Auge bieten. Es regt an, gleiches auch mit anderen eingelegten Formen und Farben zu probieren.


Die Spannung steigt

1953: Umstellung der Spannung des elektrischen Stromes in den Haushalten von 110 Volt auf 220 Volt. Glühlampen und einfache Geräte werden ausgetauscht, kostenintensive Geräte und Maschinen erhalten zusätzlich eine dicke Kupferspule, möglichst im Holzkasten. Das sind dann so genannte Vorschalt-Transformatoren, die die nun erhöhte Netzspannung auf die alte Betriebsspannung des Gerätes reduzieren.


Der Teppichwetzer

Ich baumele so gerne, auf meinem Stuhl sitzend, mit den Beinen. Die sind inzwischen aber so lang, dass die Schuhsohlen dabei über den Teppich „schlurfen“. Vorwärts und zurück. Jetzt ist es soweit. Obwohl ich mir ein bisschen Mühe gebe die Beine still zu halten, ist der alte Teppich nun mit einem Loch versehen. Von mir. Schande. Bekannt ist es ja, dass selbst Albert Einstein beim Nachdenken wandern, sich bewegen musste, um die Gedanken leichter spielen zu lassen. Mancher von uns hat so seine Eigenheiten – andere sagen Unarten dazu. Nun klebt Mutti einen viereckigen Flicken drauf. Jetzt baumele ich aber nicht mehr.


Lieblingsgerichte

oder sagen wir lieber weniger juristisch: Lieblingsessen („Leibspeise“ steht nicht in unserem familiären Duden).

Ab und zu können wir uns bei unserer Mutti etwas wünschend bestellen. Besonders natürlich zum Geburtstag. Bei mir sind es immer wechselweise zwei Mahlzeiten, die wenig Ähnlichkeit miteinander haben. Entweder kurze Milchnudeln (oder Milchreis) mit Zucker und Zimt und ein zerlaufendes Margarineflöckchen obenauf oder aber geklopftes, angebratenes Fleisch mit Mischgemüse (Junge Erbsen und Mohrrüben). Das Fleisch ist dann meist dann ein Kotelett (wo sind aber überhaupt die Schnitzel zu dieser Zeit?) Unser Vater redet dieses Kotelett stets mit „Karbonade“ an. Dabei war es überhaupt nicht schwärzlich angebrannt. Oder wollte er uns nur verkohlen? Eine Generation später, bei unseren Kindern, werden eher Nudeln mit Tomatensoße an der Listenspitze stehen oder Pommes mit Ketchup. Die letzten Begriffe waren zu meiner Zeit unbekannt.


Auch Brausepulver ist eine beliebte Nahrung. Man braucht das Pulver nicht etwa erst kompliziert in Wasser auflösen, sondern kann es besser gleich als schmackhaftes Konzentrat aus der Portions-Tüte mit dem angefeuchteten Finger auf die Zungenspitze platzieren. Dort schmeckt und prickelt es. So tun wir es. Die schwerste Entscheidung bei chronischem Pfennig-Mangel besteht in der Wahl zwischen grünem und rotem Pulver. Rot ist noch mehr 'was für Mädchen. Bei grünem ist die Mengenvorsicht geboten weil es „Waldmeister“ enthält, welches mit der Bezeichnung „Cumarin“ auch freundlich als Rattengift angeboten wird. Man schläft so friedlich ein. Das wäre verfrüht. Der Leistungskalender enthält noch viele unbewältigte Aufgaben und schon Herr Paracelsus meinte: "Die Dosis macht das Gift".


Bekannte in unseren Straßen sowie unsere Straßenbekanntschaften

Warnung! Jetzt wird es noch langweiliger. Gedacht ist der Abschnitt nur für interessierte Insider, Familienforscher und Heimatstadt-Freunde. Alle anderen Leute sollten darüber hinweg blättern.


Ach was – blättern und so – ich habe mich entschieden, diesen seitenlangen Abschnitt völlig zu entfernen und der Babelsberger Ortsgeschichte zuzuordnen, denn die meisten Leute, die ich hier ehrend erwähnen wollte, sind selbst schon längst Geschichte.

Also frisch weiter im Text.


Nachrichten aus dem großen Land des Großen Bruders

Wir erinnern uns der Liebe des Generalissimus Josef zu solchen elegischen Liedern wie: "Such' ich, ach, das Grab meiner Liebsten...wo bist du, entschwundenes Glück?" Nu isser selbst so weit und jetzt, hoffentlich, wird ihm diese Frage eindeutig beantwortet. Vielleicht in seinem Seelen-Sinne? Wer weiß? Einer Wiedervereinigung steht prinzipiell nichts mehr im Wege, denn Im Frühjahr stirbt der sowjetische Staatsführer J. W. Stalin, der in Georgien geboren war aber nicht in Grusinien starb. Es hat sich für eine Übergangszeit schnell gebildetes Nachfolge-Trio gefunden. Oder auch ein Troi. Die Troika: Molotow, Malenko und Chrustschow. Malenko bleibt mir sofort im Kopf haften. Immer wenn ich das sich bewegende (gelenkige) Gestänge von Muttis Nähmaschine sehe, denke ich an Malenko. Ich brauch' kein Wörterbuch als Gedankenstütze. Die andern beiden muss ich mir erst aktiv einprägen. Es ist Staatstrauer um den Stählernen (sein selbstgewählter Künstlername). angeordnet. Viele sind traurig. Weinen bitterliche Tränen. Auch vor der Kamera im "Augenzeuge", den relativ aktuellen Nachrichten im Kinofilm-Vorspann. Rahmen der Bilder die uns ihn vor Augen führen, bekommen einen schwarzen Schrägstreifen. –

Stalin. Die von unserem Staat kurz gehaltene Trauerzeit ist vorbei. Durfte man zu Lebzeiten kein kritisch fragendes Wörtchen sagen ohne dass hochnotpeinliche Verhöre oder Strafen auf dem Fuße folgten, so wird jetzt "freimütig besprochen", dass auf Stalins Befehle viele, viele hunderte, ja viele tausende Menschen, viele Gute, auch aus dem eigenen Land nach Sibirien verschleppt, zwangsumgesiedelt oder ermordet wurden. So plötzlich hat "man", also auch die Partei- und Staatsführung der DDR es erkannt, kaum dass die letzten Bruderküsse erkaltet sind. Da sage noch jemand, dass es keine Zufälle gibt. Stalins Bild beginnt in der Geschichte schnell zu schwanken. Nach Lenin der Beste der Sozialisten – eine Bestie? Es dauert nicht allzu lange, dann erhält auch unsere Stalinallee wieder den Namen: Berliner Straße. Nur in diesem Falle weiß man zuverlässig wohin die Reise geht.


Nun fängt das schöne Frühjahr an und alles fängt zu blühen an, auf grüner Heid' und überall.

In unserer Zeit unterscheidet man ja durchaus Alltagskleidung und Sonntagskleidung. Zum echten Frühlingsgefühl gehören zu letztgenannter Kategorie weiße Kniestrümpfe zu kurzen Hosen.


Besuche in alten Häusern

Heute waren wir zur Hochzeitsfeier bei Tante Luzie in der Heinestraße 11. Das Haus ist innen so vornehm: Dunkles Holz, dunkles gepflegtes Treppengeländer, auf dem Treppenabsatz ein Fenster zum Hof aus bunten Butzenscheiben, die das Licht nur sehr gedämpft hineinlassen.

Ähnlich vornehm und gedämpft erscheint es mir bei den Besuchen im Pfarrhaus bei Familie Iskraut in der Lutherstraße 1. Dort waren meine Eltern schon, als hier der Schwager von Pastor Wolfgang Iskraut, der Pfarrer Viktor Hasse und Pfarrer Mehlhase (der sonst hauptsächlich in der Priesterstraße residierte) ihren Dienst taten, bis hinein in die vergangene schwärzeste Zeit Deutschlands, als hier viele Antifaschisten der Bekennenden Kirche ein- und ausgingen, zu denen auch meine Eltern gehörten...auch über den rückwärtigen Gartenzaun fort-stiegen, wenn die Gestapo vorn vor dem Haus stand.


Wieder als Besucher in Berlin

Ein warmer Sommertag. Heute sind wir auf dem Weg zu Tante Dörte und Peter Kühnbaum am Treseburger Ufer 44. Fast eine Weltreise. Mutti möchte als Gruß wohl noch ein Stück Seife mitbringen. In der Drogerie mit ihren verführerischen West-Düften ist vor uns eine andere Kundin dran. Wie anders das alles ist als bei uns zu Hause im Osten. Selbst schon die fremden Geldmünzen, wenige Kilometer entfernt von zu Hause – in einem fremden Land, wo die Verwandten wohnen – alles sehr nah und doch auch merkwürdig fremd, selten, etwa wie an Feiertagen. Ich sehe, wie die Verkäuferin den Preis in die Kasse tippt, aber laut einen höheren Preis zu ihren Gunsten nennt. Bloß ein Versehen, ein Zahlendreher. Schüchtern aber bestimmt mache ich auf den Fehler aufmerksam und bekomme als Lohn eine kleine hellbraune Werbe-Zahnpastatube Biox-Ultra. Mein erster Verdienst wegen Aufmuckens. (Das wird später anders aussehen). Bald aber gibt es bei Kühnbaums auf dem Balkon, unter farbig gestreifter Markise Kaffe und Kuchen. Tante Friedel Liebnow aus Pankow-Heinersdorf ist auch da.


Kohlen holen

Bei uns werden nicht nur Briketts angeliefert, wir Kinder holen auch welche mit dem Handwagen vom Händler. Warum? Unser „Verschlag“ oder "der Stall" ist nur klein, er kann also nicht den gesamten Winterbedarf aufnehmen. In den 1950ern gibt es auch immer wieder Versorgungsengpässe, so auch bei den schwärzlichen Presslingen, so dass eine „Etappen-Versorgung“ notwendig ist, die wir eben zum Teil selber erledigen. Wir holen Kohlen beispielsweise von

Die Briketts werden mit der Gabel / Forke in die hohe drehbare Mulden-Schütte gefüllt, die Feinabstimmung mit Gewichten vollzogen, dann schwenkt der Händler das Gerät über unseren Handwagen, kippt die Schütte nach vorn herunter und lässt "das schwarze Gold" in den Wagenkasten rutschen, von wo die Kohlen polternd von ihrem Ankommen künden.

Jeweils 1 Zentner (eine Maßeinheit, die wohl 1848 ungültig wurde?) ist für uns angemessen.

Ansonsten bekommen wir in den Nachkriegsjahren auch nasse Rohbraunkohle, später Briketts und für den Eisenofen im Büro, selten und begehrt, Eierkohle und Anthrazit. Körper und Lunge unseres Kohlehändlers sind natürlich auch schwarz. Auf seine Seele soll es nicht abgefärbt haben.

Das Heizen mit Kohle werde ich bis zum 21. Dezember 1995 praktizieren. Anschließend werden wir in der neuen Wohnung mit einer Warmwasserheizung, gasbeheizt betrieben, verwöhnt.


Ich habe Mangelerscheinungen. Es gibt weitere Aufgaben für uns:

Im Hause Ernst-Thälmann-Straße 26 (frühere Großbeerenstraße) gewinne ich meine ersten Erfahrungen im Wäsche-Kaltmangeln, also beim Plätten mit Raumtemperatur. Die Mangel kann man z.B. für eine Stunde Arbeit mieten,; sie bleibt dabei aber an ihrem Ort. Diese Mangel besteht aus einem gewaltigen Holzkasten, gefüllt mit Megalithen. Nie dürfen die Hände sich zu sehr der Einzugswalze nähern. Die Rollen dieses steinreich belastenden Kastens wurden von einem großen Rad angetrieben und jenes wieder von einem Elektromotor und über eine Pleuelstange, auf das der Kasten stets vor und zurück fährt und die Wäsche dabei glättete. Das jedoch nur dann, wenn man sie zur Vermeidung von Quetschfalten vorher akkurat eingelegt hatte. Das fertige Wäschepaket wurde zum Schluss in das „Rolltuch“ eingeschlagen.


Sättigungsbeilage – Solanum Tuberosum für das Winterhalbjahr und den kommenden Sommer. Kartoffeln – alle Leute "kellern ein".

Es ist in dieser Zeit nicht möglich mal schnell ein Kilogramm Kartoffeln aus der Kaufhalle zu besorgen! Erstens werden Kartoffeln nicht kiloweise abgegeben und zweitens ist der Name und die Einrichtung "Kaufhalle" oder gar "Supermarkt" überhaupt noch nicht bekannt. Netze und Beutel hingegen sind zum Einkauf üblich – im Gegensatz zum Zeitraum 50 Jahre später. Da gibt es hauptsächlich Plastiktüten, schändlicher Weise zur einmaligen Benutzung. Falls man nicht selber bewusster lebt und handelt. Aber zurück zum Thema: Wenn also die Kartoffeln im Herbst für alle Mieter kommen, muss ich dabei sein. Die Hausfrauen stehen, soweit sie die Zeit aufbringen, schon mit den Kartoffelkarten in der Hand wartend da. (Kartoffelkarten deshalb: Lebensmittel kann man nicht frei kaufen. Weil sie knapp sind, werden sie je Person und Zeiteinheit eingeteilt, rationiert, zugemessen und von der Karte die jeweils verkaufte, dort aufgedruckte Mengenangabe abgeschnitten). Jene Bürger, die keine Wartezeit mit Plaudern verbringen können, merken die Ankunft später, brauchen nicht drängeln, sind eben zum Schluss dran, bekommen auch ihren Teil. Aber ich bin eben der stellvertretende Platzhalter und Bescheidsager.

Vor der Kartoffelankunft ist es mir aber bange – wenn die Pferde unter der Bahnunterführung die schweren Wagen ziehen und dann mit den blanken Hufeisen vom stumpfen Asphalt auf die glatten Kupferschlackesteinen der Fahrbahn treten und darauf rutschen wie auf Eis – sah und hörte ich sie vor meinen geistigen Augen und Ohren stürzen, weil es ja auch einmal passiert war und ein Polizist den Schmerzen des Pferdes mit seiner Dienstwaffe ein Ende bereitete. Und das zweite Pferd musste das mit ansehen und anhören.

Meist herrscht um diese Zeit ein beständig mild-trockenes September-Wetter, so dass die Kartoffeln auf den Hof geschüttet werden. Jedem Mieter einen Haufen in einer Ecke.

Auch für unsere Familie sind es einige "Zentner." – die müssen dann reichen bis zum nächsten Jahr um diese Zeit. Vielleicht gibt es vorher auch einige neue Kartoffeln. Es bleibt dabei die ewig junge Frage: Wann werden neue Kartoffeln von ganz alleine alte Kartoffeln. Grenzwerte stehen nicht im Kalender. Jetzt werden die Knollen vereinzelt, ausgelegt, damit sie besser nachtrocknen. Das anschließende Sortieren geht in drei Fraktionen: Die guten Kartoffeln, angehackte, die zuerst verbraucht werden müssen und sehr kleine, die wir zu Pellkartoffeln auswählen. Erst nach dem Trocknen wird „eingekellert“. Angehackt sind verschiedene Kartoffeln daher, weil sie bei der Ernte mit der Handhacke aus dem kleinen angehäufelten Damm gezogen aber dabei auch manchmal, weil noch nicht sichtbar, getroffen werden. Später besorgen dieses „Ausbuddeln“ dann Maschinen hinter dem Traktor. Erst der Schleuderradroder, der immer nur die Kartoffel eines Damms freilegt, später der Siebketten-Vorratsroder, der behutsam unter mehrere Reihen greift, die Kartoffeln anhebt und sie über ein Sieb geleitet, nach hinten wieder ablegt. Einige Jahre darauf wird die Kartoffel-Vollerntemaschine als völlig neue Generation auf den Plan kommen, die Kombine, die die Knollen auch gleich aufsammelt und die man komischer Weise ausgerechnet bei uns englisch aussprechen soll. Es wird dann also eine "Kombein" sein. Das alles werde ich aber erst in einigen Jahren wissen, wenn ich in eine Ausbildung zum Landwirt hinein schnuppere und die Kartoffeln schon vor ihrer Ernte auf dem Acker besuche.

Von den Wintereinkellerungskartoffeln habe ich einige Jahre immer die Keime abgeknipst. Später gibt es dann das Streu-Pulver namens „Keim Stopp“. Wahrscheinlich ist diese Chemie schlimmer. Wie haben einige „Ein-Zentnerkisten“ und eine größere „Horde“ mit schrägem Boden und Austritts-/ Auffangkasten, so dass sich die Kartoffeln selbst in Bewegung halten – beim Nachkullern, wenn welche entnommen werden. Im Winter werden die Kartoffeln nochmals „ausgelesen“, damit möglichst keine Fäulnis-Ansteckung auftritt.

Der Keller in der Rudolf-Breitscheid-Straße ist insofern unangenehm, als dass durch welche winzigen Ritzen auch immer, dort einige Nacktschnecken ihren Lieblingsplatz haben.


Getränke

An Getränken steht für uns Kinder hauptsächlich Kräutertee bereit, auch Fruchtsirup aus der Flasche, der dann im Becher auf ein verträgliches Süße-Maß mit Wasser (etwa 1:15 bis 20 x) verdünnt wird. Presseaufrufe: „Bürger, beugt Infektionen vor! Nur abgekochtes Wasser trinken“, befolgen wir.

Auch gibt es mal Malzkafe sowie, um wieder zum Thema zu kommen, das salzig wohlschmeckende "Abgiesswasser" vom Kochen der Kartoffeln.

Dann nehmen wir gern noch eine spezielle Erfrischung zu uns. Es ist etwas, dass so etwa in der Mitte zwischen zwischen Essen und Trinken liegt: Saure, dicke Milch. Ausgangsprodukt: möglichst Vollmilch. Das ist Milch von der Kuh, deren ursprünglicher Fettgehalt auf 2,5 % Fett reduziert und damit handelsüblich wird. Diese gibt man in eine Schale und rührt, diesen auflösend, etwas Zucker hinein. Das Ganze bedecken wir mit einem Teller und denken am besten nicht mehr daran, vergessen es. Nach drei Tagen erinnern wir uns und schauen nach. Die Milchoberfläche hat eine dichte Schicht ("Pelle") und die Milch ist süß-säuerlich, dick geworden – während unserer Abwesenheit haben Mikroorganismen fleißig daran gearbeitet – eine schmackhafte, gesunde Erfrischung. Achtung!!! Das geht nur mit naturbelassener Milch. Pasteurisierte Milch, "H"-altbar gemachte Milch würde lediglich schlecht werden, bitter schmecken.

Das Thema "Brausepulver" hatten wir ja schon, das auch völlig ohne Wasser genießbar ist.


Eis

Als Lohn für besondere Leistungen oder bei schönen Anlässen gibt es außer einem extra leckeren Abendessen auch (selten) zwischendurch ein Eis – gleich nebenan in der Bäckerei / Konditorei Weber wird es hergestellt. Schon das Zusehen bei der Vorbereitung der Einzelportion ist ein Genuss – wie die untere Waffel in die Blech-Form gelegt wird, die Form mit dem Eisspatel voll des köstlichen Eises gestrichen, Überschüsse mit dem Spatel egalisiert und als Abschluss die Deckwaffel aufgelegt wird – bis wir dann zum Ende dieser Vertragshandlung den fest umkrampften Schatz von 15 Pf als Gegenwert hingeben. Später kommen dann je 2 Muschelhalbschalen hinzu, viel später die Waffelteigspitztütchen, die mit dem Kugelportionierer gefüllt werden. Das geht bedeutend schneller. Schade nur, dass zum Schluß nach dem kühlen Eis, der Waffelgeschmack bleibt.

Unser Vater legt beim Ausreichen des sauer verdienten Geldes für Eis (die Eltern verzichteten auf eine Portion für sich selber) Wert darauf, dass eine kleine Menge erworben wird – mit der scherzhaften Begründung „sonst verkühlt Ihr Euch noch den Verstand“.

Da wir gerade beim Bäcker und seinen Waren sind: Zu Hause wird Brot wohl nie alt. Hartgewordene Brötchen gibt der Bäcker verbilligt ab. Diese werden zu Hause grob zerkleinert und durch den gusseisernen "Fleischwolf" gedreht. Brötchen werden also zu Semmelmehl verarbeitet – nie aber umgekehrt. Kein Krümchen an Nahrung darf verderben.


Lieder

In der Schule lernen wir die Lieder:

Aber im Radio hören wir auch die kleine Conny aus Westberlin (Cornelia Froboesss, ursprünglich aus dem östlichen Wriezen stammend) die uns mit „Pack die Badehose ein“, lockt. Auf unserem DDR-Sender des gleichen Radioapparates wird uns dieses Lied bald ebenfalls vorgesungen oder richtiger: nachgesungen, hier allerdings ohne Comics und solches Zeuch und auch der West-Berliner Wannsee wurde allgemeingültig zum Waldsee umgedichtet, denn dort, zum Erstgenannten, kann ja nicht jeder hin. So wie wir. Also nicht. Aber von weitem zum Wannsee Sehen, das ist möglich. Umgedichtet erhielt das Lied seinen DDR-heimatkundlichen Bezug.


Lieblingsgeschirr

Unter allen Geschirrteilen ist mir eine (vormals großelterliche) einzelne Tasse, die demzufolge zu keinem Geschirrsatz mehr gehört, am liebsten. Eine große, streng zylindrische Tasse aus dickwandigem Material. (Später würde man sagen – „ein Kaffeepott“). Das Besondere: Sie ist fast weiß aber eben auch nicht völlig, sondern mit einem "Stich" ins Bläuliche. Sie ist lichtdurchscheinend aber nicht durchsichtig. Sie besteht aus Opalglas. Tante Käte sagte dazu: Französisch' Glas. Also – über derartige Schätze verfüge ich! Doch ich muss heute (2016) sagen: Es war einmal, denn leider ging sie irgendeines unguten Tages trotz ihrer Stabilität zu Bruch. Möglicher Weise in meiner Abwesenheit.

Sehr gern habe ich auch unsere rosafarbenen Glas-Kuchenteller, mit künstlerischen Muster-Schliff an der Unterseite. Zu den selteneren festlichen Gelegenheiten kommen sie auf den Tisch. Meist werden sie dabei vom Kuchen "fast zugedeckt", so dass man sie in voller Schönheit selten länger sieht – bleiben also immer etwas Besonderes.



Geschätzte und freundliche Geschäftspartner meiner Eltern, die hier geehrt werden:



Bestrickende Dienstleistungen

Meine große Schwester erlernt das Stricken mit Nadeln. Ich bediene mich derweil mal der Strickliesel, um Seilgestricke zu fertigen; manchmal werden es auch Strickseile. Damit meiner Schwester das Üben nicht so schwer fällt, um also die erforderlich Ausdauer zu fördern, gibt es zur Anregung des Fleißes für sie ab und zu ein so genanntes Wunderknäuel. Wer bei emsigen Stricken dabei das Wollknäuel abrollt, legt dabei kleine Täfelchen Schokolade oder Bonbons frei, die dort eingebunden sind. Aber eben nur, wenn man fertige Knäule geschenkt bekommt. Ansonsten werden kreisrunde „Doggen“ des Wollgarns erworben, die dann über die beiden senkrecht hoch gehaltenen Hände des kleinen Bruders gestülpt werden, der sie straff halten muss und zeitgleich für einen glatten Fadenlauf, bei jeder Runde des Knäuelwickels, also fast in jeder Sekunde, so locker kurz in den Handgelenken abgeknickt und sofort wieder streckt, dass die Fadenlage sich beim Aufrollen zum Knäuel gut abnehmen lässt, ohne dass aber eine Fadenlage herunter fällt. Eine verantwortungsvolle und deshalb schweißtreibende Arbeit.


Schon wieder an Kohle denken

Die Fußwege werden zu winterlicher Zeit von den Bürgern selbstverständlich gestreut, abgestumpft. In Ermangelung von Streusand oder Kies, nehmen viele Leute Kohleabrieb (den so genannten Kohlengruß – schönen Gruß vom Kohlehandel), der ansonsten gern mit verfeuert wird. Manche Leute nehmen gar die Asche der Brennstoffe. Jene schmiert aber gewaltig wenn sie auftaut. Mit solchen versehentlich be-aschten Schuhsohlen darf man sich natürlich nicht in die Wohnung trauen.

Bevor die Briketts für die nächste Heizsaison geliefert werden (das ist meist in der wärmeren Jahreszeit) der Fall, werden aus Platzgründen die Reste des Vorjahres noch einmal aufgestapelt und der Gruß in kleinen selbstgefertigten Zeitungstüten portioniert.

Ganz wichtig: Fährt der Kohlelastwagen nicht mit gefüllten 50-Kilogramm-Säcken (man sagt aber meist "Zentnersäcke"), sondern mit losen Briketts, die erst beim Abladen mit großen Gabeln in Rückentragekiepen eingegeben werden, gehen wir Kinder mit dem Eimer in der Hand den anfangs hochbeladenen Fahrzeugen hinterher, um in scharfen Kurven herabgeschleuderte „Rekord-Briketts" geschwind aufzunehmen. Das ist im Gegensatz zu dem Sammeln der Flugblätter erlaubt.


Das Jahr neigt sich seinem Ende zu

Zum Weihnachtsfest gab es für mich einen "Stabilbaukasten", der mit dem eigentlichen Anlass des Festes zwar wenig zu tun hat, aber ein tolles Konstruktionsmaterial aus Lochstreben, Lochplatten Schrauben, Muttern, Rollen und Rädern darstellt, kurz, ziemlich alles, was ein junger Metallbauer so in seinem Leben braucht. So vergesse ich die Welt um mich herum, habe "viel zu tun" – außer mal schnell beim Geschirrabtrocknen helfen oder mit Struppi eine Runde gehen, damit er die Bäume gießen kann. Mit dem Baukasten-Inhalt kann man mit oder ohne bildlicher Anregungen die kühnsten Bauwerke ... Türme, Windmühlen, Blechhütten, Lastautos, Krane und sonst 'was bauen. Grenzen setzt eigentlich nur der Finanzhaushalt der Eltern, sonst könnte man mit Ergänzungsbaukästen ... ach, ein Ende wäre nicht abzusehen. Weil es aber nicht so ging, muss ich immer mal wieder ein Wunderwerk abbauen.

Pädagogisch-polytechnische Anregungen für konstruktiv-kreatives Gestalten in bester Form.

Von der Mitarbeiterin der Eltern, von Muttchen Dyck bekam ich sogar auch etwas: Das gerade neu erschienene dicke, 519 Seiten umfassende, Indianerbuch "Die Söhne der Großen Bärin", von Liselotte Welskopf-Henrich. Ich suche jetzt einige Bilder der Prärie-Indianer und der Landschaft ihres Lebensraumes, um das Buch noch ein bisschen zu ergänzen.

Wenn andere Jungen sagen würden: "Ich habe dies oder jenes "gekriegt", würde Frau Dyck immer sanft darauf hinweisen, dass man besser sagt, dass man es "geschenkt bekommen" hat. Sie achtet sehr auf eine gute Sprache (nicht nur wenn es an "Krieg" erinnert) und ich lerne dankbar dabei auch von ihr. Ihren guten Rat kann man einfach nie "in den Wind schlagen".


Ach, eh' ich's vergesse: Einige der Schlager des Jahres '53:


Anneliese, ach Anneliese, warum bist du böse

Hans Arno Simon // Heinz Woelzel

Bravo, bravo beinah' wie Caruso

Vico Torriani

II: Glaube mir :II meine ganze Liebe gab ich

Komponist Rudi Schuricke

Jambalaja. In Peru, in Peru in den Anden, gibt's

Fats Domino // Gerhard Wendland

Man müsste noch mal Zwanzig sein und so ver.

Willi Schneider

Was kann schöner sein? What ever will be.

Que sera, sera.

Doris Day // Lyss Assia


1954Mein 9. Lebensjahr, 1954/55: Das 3. Schuljahr

Winterfreuden

Am liebsten sind wir im Park Babelsberg auf den Rodelbahnen am Flatowturm unterwegs. An der breiten Bahn in Richtung Karl-Liebknecht-Fußballstadion (Karli). Auch auf der schmalen, vereisten und damit schnellen "Todesbahn" die zu der vorgenannten parallel an deren rechten Rand verläuft, gibt es so manche Schussfahrt. Wegen der Gleichberechtigung besuchen wir aber auch mal den Idiotenhügel für Babys mit der Kurzstrecke am Kutscherhaus unterhalb der Gärtnerei. Im Sommer hatten fleißige Aufbau-Helfer-Hände eine geschwungene Bahn am Abhang vom Turmvorplatz in Blickrichtung Kindermann-Weiher tief eingrabend geschippt. Unter der Brücke hindurch, auf der Kaiser Wilhelm I. mit dem damals künftigen Reichskanzler Bismarck verabredet hatten, dass lieber dieser die Regierungsgeschäfte übernehmen solle. Ob diese Rodelbahn dem Kaiser in seinem Schlosspark gefallen hätte? Nun vielleicht – wenn der Landschaftsgestalter Peter Joseph Lenné sie eine halbe Generation vorher fachkundig angelegt hätte...aber für uns nun diese viele Mühe... und da geht ja nun gar nichts – ich meine: auf dieser neuen Kunstbahn unter der alten Brücke. Schade um die Arbeit, schade ums Geld. Das ist keine richtige Bahn, wenn es auch gut gemeint war. Man hätte die Kinder fragen sollen. Und überhaupt: Wir sind mit den bisherigen zufrieden.

Das stille Gleiten auf dem weißen Schnee ist natürlich kein wirklich leises Vergnügen. Wegen Querläufern muss man immer mal wieder laute Warnrufe wie "Bahni!" oder ähnliches losschicken und zahlreich Kuh- und andere Glocken geben ein Konzert. Das wieder Bergaufmühen geht leiser und schweißtreibender vor sich. Schnell vergehen diese Nachmittage.

Der Hinweg zum Park ist immer viel kürzer als der Rückweg, wenn man dann doch schon etwas müde, hungrig und mit nassen, halbgefrorenen Strickhandschuhen in der Dunkelheit unter dem trüben Gaslaternenlicht, das nicht mehr als einen traulichen Orientierungsschein abgibt, wieder der heimischen Wohnung zu schleicht. (Das Halbgefrorene liebte übrigens der Fürst Pückler so sehr, der in der Nachfolge von Lenné hier ebenfalls manches gestaltete). Zu Hause angekommen, besteht dann noch die Aufgabe, die Stiefel mit Zeitungspapier auszustopfen, was mehrfach zu wiederholen ist, sobald sich das Papier feuchtgesaugt hat. Schnell trocknen ist wichtig, weil sie ja wieder gebraucht werden, „aber nicht zu dicht an den Ofen, das macht das Leder hart“. Dass sie täglich zu fetten / zu putzen sind, versteht sich von selbst. Wir möchten das ja auch gern.


Ganz andere Erinnerungsgefühle stellen sich ein, wenn wir, meine Schwester und ich, Tante Käte mit dem Rodelschlitten aus der Pestalozzistraße 10 zum gemeinsam zu begehenden Weihnachtsfest abholen – wenn genug Schnee liegt. Wir froh gestimmt, ausgeruht, warm und trocken. Trotzdem – nicht zu vergessen – eine verantwortungsvolle Aufgabe, bei der man keinen übermütigen Quatsch machen darf. Der Schlitten mit der Käte drauf darf nie umkippen. Man darf ihn, den Belasteten, aus Spaß mit der Leine also höchstens ein ganz kleines bisschen schleudern.


Auf dem Schulhof entstehen in jedem Winter sehr schnell herrliche Schlitterbahnen aus Eis. Es ist unsere wichtige Pausenarbeit, die uns leider unser Schulhausmeister, Herr Roelofsen, immer wieder zerstören muss, obwohl, wie jedes Kind schon weiß, man auf stumpfen Bahnen oder auf dem Teppich viel schneller stolpert und stürzt, als wenn man auf glatten Bahnen schnell, sanft und verhältnismäßig elegant entlang gleitet.


Was wir so lesen

Da ich das Lesen nun flüssig beherrsche, bin ich der "Oma Schmidt" mit ihrem Zeitungskiosk bis zum Ende, also bis zu dem ihrem, ein treuer Kunde. Nachdem die gute Seele sich aber von ihrem räderlosen Verkaufswagen und bald darauf generell von dieser Erde verabschiedet hat, tritt bei mir eine Versorgungszäsur mit Erzeugnissen der sozialistischen Presse ein. Nach geraumer Zeit wird an gleicher Stelle ein neuzeitlicher Kiosk des Postzeitungsvertriebs aufgestellt. Ach wie modern doch der Neue ist oder sogar postmodern: So mit schrägen Wänden, die nach oben auseinander streben, gelb, schwarz abgesetzt, mit großen Glasscheiben versehen. Mit seinem Aussehen verdrängt er meine bisherigen Eindrücke ein wenig in das Reich der Historie. Dieser Verkaufskiosk wird an jener Stelle aber erheblich kürzere Zeit stehen, als der aufgebockte Schmidt-Wagen. Auf mein "warum?", gibt es für mich keine Antwort. Es wurde so entschieden.

Die Frösi ("Fröhlich sein und singen") und die "ABC-Zeitung" durfte ich kaufen sowie hin und wieder auch die Atze und das Mosaik. Manches konnte ich aus meinem kleinen finanziellen Budget selber bestreiten, das ich mit dem Erlös vom Sammeln der Altstoffe wieder auffüllte.

Dort gibt es auch den frechen "Frischer Wind", den Vorläufer des "Eulenspiegel".

Unsere Mutti mag besonders Geschichten von Johanna Spyri (wie "Keiner zu klein – Helfer zu sein" oder "Gritlis Kinder" – meine chice Großcousine heißt auch Grit –. Oder Schriften von Sophie Reinheimer (für Kinder vermenschlichte Naturgeschichten) oder Bücher von Adalbert Stifter und Peter Rosegger. Ich aber wende mich lieber anderen Werken der Literatur zu. Zu den Büchern, die ich verschlinge, gehören:


und aus Westdeutschland geschickt bekamen wir, meist zu Weihnachten (aber über mehrere Jahre verteilt):


Für die Pausen beim Lesen in den Büchern haben wir ganz tolle Lesezeichen: Von der Sächsischen Landeslotterie und von der Deutschen Volkskunstausstellung. Diese halten wir genau wie die Bücher sehr in Ehren (das bedeutet, ich besitze diese Lesezeichen auch im aktuellen Jahre 2016 noch).


Die Eltern halten die BNN (Brandenburgische Neueste Nachrichten) als Tageszeitung, die nach dem Lesen zu vorzüglichem Toilettenpapier umgestaltet wird (denn Rollenkrepp-Papier haben wir noch nicht. Manchmal gibt es auch „Der Morgen“ (Das Blatt der LDPD – der Liberal Demokratischen Partei Deutschlands, in der DDR).


Radiosendungen

Der Sender RIAS (Radio im Amerikanischen Sektor – von Berlin) steht ja bei uns gleich nebenan, nur auf der anderen Seite der "Interzonengrenze". Über Jahre wurde die Sendefrequenz des RIAS laut von einem Störsender der DDR überlagert, der nichts weiter sendete als ein lautes Qui, qui, qui in Form einer akustischen Sinus-Schwingung – aber wir wollen nun hier mitten im Kalten Krieg nicht auch noch französisch reden. Dieser Störsender stört also, wie es ja seine Aufgabe ist, das Zuhören erheblich, ganz vortrefflich. Trotzdem hören wir in dieser Zeit gerne, weil wir das Stören im Geiste ja herausfiltern:


Der 1. Mai. Das ist ja immer ein Festtag. Und heute ein noch ganz besonderer.

Zum Ersten: es ist der Kampf- und Feiertag der Werktätigen. Was wird hier, wer soll hier immer wieder noch bekämpft werden? Das sollen doch nur die Arbeiter im Westen gegen die sie ausbeutenden Kapitalisten tun. Egal. Auch dagegen sind wir und protestieren hier auf unserer Seite etwas. Die da drüben werden schon seh'n, was sie davon haben.

Zum Zweiten haben die Eltern das Begehen des Datums der Geschäftsgründung. Und in diesem Jahr extra drittens: Die Eltern offenbaren uns – wir bekommen von Ihnen ein Geschwisterchen …und das so ganz zwischendurch, noch lange vor Weihnachten, noch im Hochsommer. Nur ob es ein Mädchen oder ein Junge sein wird bleibt noch (allen!) ein Geheimnis.

Na dann nur zu, denn es wird ja auch Zeit – und herzlich Willkommen.


Das Schlafzimmer – heute für uns sturmfreie Bude, denn die Eltern fahren nach Berlin

Im Obergeschoss, welches wir uns mit den Mitmietern, dem Ehepaar „Schubert“ teilen, liegt das gemeinsame Schlafzimmer (ohne Ehepaar Schubert) für uns vier Menschen, das man direkt vom Treppenhaus aus betritt. Deshalb soll man sich beim Schlafen und so besser immer etwas leise verhalten. Durch die Fenster in der Haussüdseite lugt die Sonne und die Lindenblätter winken zu uns herein.

Wir sind hier auf Augenhöhe mit den S-Bahn-Zügen, dem Bahnhof Babelsberg gegenüber. Deren Ankommen und Abfahren stört uns nicht. Wir empfinden es eher als "la musice". Wären Züge ausgefallen, hätten wir vielleicht nicht schlafen können.

Betritt man unseren Schlafraum und blickt zum Fenster, stehen links die Ehebetten der Eltern darüber an der Wand ein gar lieblicher Elfenreigen auf der Wiese am Wasser mit Schwanengetier, gerahmt in Goldbronze. Am Fenster, jetzt wieder außerhalb des Bildes, die Frisierkommode mit dreigeteiltem Spiegel. Auf der rechten Seite am Fenster die Kinderbetten vor einer hölzernen Wandverkleidung (denn es ist ja eine kalte Außenwand), mit weißem Schleiflack gestrichen. So weiß wie die Wand ist auch das Stahlrohr-Bettgestell, am Kopfende aber mit einem „güldenen“ Ring geziert. Nur deshalb denkt niemand, es könnte aus dem Krankenhaus geliehen worden sein. Den Abschluss des Mobiliars bildet dann der große dreitürige Kleiderschrank.

Fahren unsere Eltern (selten, aber so wie grad' heute) nach Berlin ins Theater, kann man bei ihrer Abfahrt aus unserem Schlafzimmer im Obergeschoss zur S-Bahn Hinüber- und Herüberwinken. Bei der Ankunft gestaltet es sich schwieriger. (Zur Erläuterung für Außenstehende: S-Bahn kann Stadtbahn bedeuten oder Schnellbahn, nur mit der MITROPA hat sie nichts zu tun, woran man eigentlich zuerst denken könnte). Wir können also sehr gut prüfen, ob die Eltern auch zuverlässig abgefahren sind, ob "die Luft rein“ ist. Schöne Zeiten. Sonnenbeschienene Sternstunden. – Obwohl: vorher war es bei schönem Wetter etwas schwierig, so zeitig vom Hof hereinzukommen. Es war draußen beim Spielen eben auch sehr schön. – Unser Leben ist einfach schön.

Die Eltern sind nun fort. Danach haben meine Schwester, als die nunmehrige Bestimmerin, und ich alleine die Sachherrschaft über die Wohnung, speziell über das Schlafzimmer mit dem „Sommerbett in der Sonne“, (denn nach hinten im Erdgeschoss ist es für Wohnzimmer und Küche die kalte und lichtärmere Nordseite).

Mutti hat für uns zum ausgiebigen Abendessen den großen Topf mit Milchbrei bereitet. Milchreis, Grieß oder Milchnudeln (Kurzmakkaroni oder Muscheln) mit Apfelmus, Zucker und Zimt, gehören zu dieser Tradition. Bereitete das Mütterlein diese leckere Mahlzeit zeitig, so kommt der Topf in die „Kochkiste“ oder in die "Katzenkiste", eine gedämmte Warmhalteholzkiste, deren Deckel der Aufdruck einer sich putzenden Katze ziert. Putzi eben.

Auch "leicht angesetzter“ Milchbrei unten am Topfboden ist nicht verkehrt., ist willkommen. Kennt Ihr den Kalauer mit dem „Gewürz der Seligen“? (Leicht angebrannt schmeckt manches sehr gut).

Am Abend, sauber gewaschen im Bett, kann sich jeder genüßlich in seine Lektüre vertiefen.


Noch ein ganz anderes Möbelstück hat sich den Namen “Sommerbett“ verdient, wenn auch aus einem anderen Grund. Es handelte sich um ein schmales hölzernes "Zieharmonikabettgestell", das Opa Max Sommer seit der Zeit des Ersten Weltkrieg besessen hatte. Nun steht es bei uns und kann notdürftig einem etwaigen Überraschungs-Schlafgast eine Ruhestatt bieten.



Umschul(schw)ung

Das neue Schuljahr bringt eine große Umstellung. "Meine Schule 30" in der Tuchmacherstraße wird zur Hilfsschule erklärt, für Kinder, die es eben schwerer haben mit dem Lernen und fast alle Schüler müssen sie deshalb glücklich verlassen, werden aufgeteilt. Die nächste Bildungseinrichtung für mich, dann ab September, ist die nahegelegene Schule 17 in der Schulstraße.


Auch dieses Jahr ist wieder mit wichtigen Ereignissen vollgepackt.

Wie ihr ja schon wisst, bekommen wir wahrscheinlich im kommenden Monat, im August, ein Geschwisterkind. Und soviel steht fest: Das Baby soll trotzdem weder Auguste noch August heißen. So heißt doch heute kaum noch ein Mensch. So was Unmodernes gab's nur früher. Das Baby wird nicht wie wir im Babelsberger Krankenhaus zur Welt kommen. (Kinder bekommen ist ja zum Glück sowieso keine richtige Krankheit). Mutti ist so sehr abgearbeitet und soll für einige Zeit aus dem Alltag mit der beißenden Ammoniakluft der Lichtpauserei herauskommen. Daher hat die Ärztin für die Dauer von drei Wochen einen Platz im Mütterentbindungs- und -genesungsheim besorgt und ihr diesen anschließend verordnet. Darüber ist Mutti sehr froh aber sie macht sich auch Sorgen darüber, wie wir in dieser Zeit versorgt werden. In dieser Zeit wird Tante Käte den Lebensmittelhaushalt bei uns führen. Eine Sorge weniger.

Das Heimelige an diesem Mütterheim sind die ollen Holzbaracken auf dem Krähenberg in Caputh, die wohl seit dem Krieg dort stehen, damals aber anderen Zwecken dienten. Heute gehören die Baracken der SVK (Sozialversicherungskasse) des Bezirkes Potsdam.

Mutti verreist also im Juli für einige Zeit, wenige Kilometer weiter in die Landluft nach Caputh.

Der Heizungsplaner und -Installateur Herr Otto, ein Kunde von Vati, fährt uns mit seinem Auto am Sonntag zum Besuch auf den Krähenberg. An anderen Tagen finden wir Kinder den Weg auch allein mit dem Bus dorthin. Ab Potsdam-Bassinplatz und von dort 8 km weiter bis Caputh, Bahnhof Schwielowsee, 80 Pfennige Fahrgeld oder auch mal mit dem Schiff der "Weissen Flotte". Ähnliche Strecke, gleicher Preis.


Fahrt ins Thüringer Land

Weil wir Mutti auf dem Krähenberg gut untergebracht wissen, unternehmen auch wir jetzt im Juli, um die Wartezeit abzukürzen, eine Reise ins Thüringer Land. Wir sagen mal immer noch so. Eigentlich müssen wir uns entscheiden, ob wir in den Bezirk Erfurt, Gera oder Suhl reisen wollen aber Thüringen als Landschaft darf man noch sagen, bloß eben nicht Land. Es ist, denke ich, aber nicht so sehr schlimm, denn an den Bezirksgrenzen gibt es auch keine ständigen Pass- und Ausweiskontrollen – höchstens nur mal so zwischendurch – der Ordnung halber.

Machen wir es uns also ganz leicht und sagen: Wir fahren nach Rudolstadt.

Dort in der Stadt (bei der vielleicht mal einer das "ph" vergessen hat?) wohnt meine 2. Patentante Rosemarie Be. und ihre Familie, nahe der Kirche und unmittelbar unterhalb des Schlossberges der Heidecksburg gelegen. Tante Rosemarie hat mich ja schon am 04. März 1946 in Babelsberg erstmals besucht, um zu sehen, ob sie Pfingsten des gleichen Jahres bei der Taufe meine Patentante sein will. Nun sind wir endlich bei ihr zum Gegenbesuch. In dieser Familie lebt ein noch kleines, sehr niedliches Kind. Eva-Maria steht in ihrem Geburtsschein geschrieben, wenn auch niemand sie so ruft. Ich denke, eine kleine Schwester wäre was Schönes. Sie würde einem wohl kaum soviel Vorschriften machen und ihr Bestimmer würde ich nicht sein – bei mir hätte sie "freie Hand". Aber mit Haut und Haar wäre ich ihr Beschützer! Ich meine – das ginge schon.

Viel sind wir auch mit den Kindern der Familie Bä. zusammen, mit Almut, Adelheid und Peter. Sie sind alle viel größer als ich und ich fühle mich da so wie „das fünfte Rad am Wagen“. Aber das geht noch – alle sind ja lieb und freundlich zu mir. Und doch: Mit Eva-Maria ist es ganz was anderes. Was eigenes.


Schnell gehen diese Besuchstage vorbei und wir sind schon wieder in Babelsberg. Am 16. August ist es dann soweit. Ein sehr anstrengender Festtag. Das neue Familienglied wird in Caputh geboren. Ein ganz sehr niedliches Baby mit kurzen blonden Löckchen ist da heran gewachsen. Er sieht genauso aus, wie sich unsere Eltern im Jahre 1941 ihr erstes Kind vorgestellt hatten. Nun kommt also ein Ebenbild des Gewünschten mit etwas Verspätung, wahrscheinlich als letzter.


Spaziergänge und Ausflüge (manches erwähnte ich schon mal so nebenbei)

Die sonntäglichen Familien-Großausflüge führten uns abwechselungsreich und meist zu Fuß zu einer Anzahl verschiedener Ziele, wenn sich diese auch im Leben mal wiederholten. So wandern wir beispielsweise


Kürzere Spaziergänge unternehmen wir häufiger, beispielsweise


Sehr viele neue Kinofreuden

Ab und zu dürfen wir ins Kino gehen. Die Sowjetmenschen sagen stets stolz „Kinotheater“. Das ist würdiger. In unserer Straße gibt es zwei Kinos: Das große "Thalia" gleich fünf Häuser weiter, (Viele Leute, die nicht tagtäglich griechisch reden, "jeh'n eher in dis Talja" – ooch wenn keene Ferjen sind) und dann noch die so genannte "Flohkiste" (kein richtiges Theater), gerade nur reichlich 200 m weiter. Für 80 Pfennige darf man das schon mal genießen. Die älteren Kinder gingen vor ein paar Jahren noch für 25 Pfennige. Besonders schön zur Einstimmung auf diesen Filmkunst-Genuss, sind die ausführlichen Programm-Blätter mit Textzusammenfassung, Erläuterungen, einigen Standbildern aus dem echten Film und dem Nennen der Namen der Mitwirkenden. So kann man sich gründlich vorbereiten, wie wir vor der Aufführung von "Johannes und Margarethe" mit der Hexe.

Vor dem Hauptfilm werden zuerst Werbe-DIAS gezeigt z. B. „Ob im Kino oder Bus, Casino immer ein Genuss“ (Zigarettenreklame). Dann folgen ebenfalls als Diapositive Vorankündigungen auf die nächsten Filme unter dem Einleitungsdia: „Demnächst in Ihrem Theater“. Dann kommt „Der Augenzeuge“, die aktuell politische Zeitschau, mitunter folgt ein Kurzfilm und dann das Hauptwerk. Dann geht es richtig los.

Wir sahen in den 50-er Jahren dort z. B.

Jugendliche dürfen ja schon nach Berlin fahren, wo sie beispielsweise den „3-D“-Film „Windjammer“ mit rot-grüner Pappbrille so hautnah spüren, dass man vom Segelschiff im Kinosaal schier überfahren wird. Andere wiederum sollen im Kino nasse Hosen bekommen haben. Ich genieße derweil solche Erzählungen. Das reicht schon.

Ein Preis-Vergleich für unsere Kino-Ausgaben: (Annahme: unsere Eltern "verdienen" am Verkauf eines Fässchens Tinte, das 30 Pfennige kostet, etwa 10 Pfennige, davon frisst das Finanzamt bis zu 80%, denn sie sind ja keine Arbeiter oder Angestellte eines Volkseigenen Betriebes mit festem Lohn/Gehalt, sondern sie sind als selbständig Gewerbetreibende das Relikt einer eher schon weit überholten kapitalistischen Wirtschaftsordnung, denen in der DDR eigentlich kein rechter Platz

zukommt. Um das vorgenannte Beispiel zu Ende zu führen: es bleiben etwa drei Pfennige – heute also vielleicht etwa 1 Cent – und wir Kinder dürfen sogar mal für 80 Pf pro Person ins Kino!

(Damals das Fässchen Tinte 30 Pfennige = 0,30 Mark der DDR, "gestern" 5,- Deutsche Mark der Bundesrepublik, "heute" 2,50 EURO). So entwickelte sich das im Laufe der Zeit.


Auch bei Onkel Christliebs Familie sind wir zum Kino eingeladen. Hier geht es um Stumm-Filme. Nein, nein, es handelt es sich nicht um Filmwerke über den West-Berliner Polizeipräsidenten, namens Stumm. Die Bilder sind brillant; es fehlt nur der gute Ton. Es sind also 0-Ton-Werke. Onkel Christlieb spielt dazu als tönende Untermalung weder das Klavier (wie es früher im Kino üblich war) noch die Orgel, wenn er als Kantor und Organist das auch sehr gut könnte – doch das Instrument steht ja reichlich 100 m weiter in der Kirche. Das macht aber alles nichts, denn die Filminhalte sind uns ja bekannt: Hier ging es um die unterschiedlichen Lebensweisen von Stadt- und Landmaus, dort um „Kegelköpfe“ in dem Filmwerk „Von Einem der auszog das Gruseln zu lernen“ und bald erfreut uns wieder ein Film vom Freibad – besonders wenn der Sprung vom Brett ins kühle Nass mal wieder rückwärts laufend dargeboten wird. Diese Kinematographische Apparatur ermöglicht das. Wir kannten die Filme bald nicht nur in- und auswendig, sondern die Bilderinhalte auch vor- und rückwärts laufend.



Die Schule 17

Diese Schule wird bis zum Sommer 1960 eine "reine" Jungenschule sein. Mädchen und ihre Eigenschaften lernen wir hier also vorerst nicht kennen. Einen sehr kurzen Schul-Weg habe ich: Die Bahnbrücke unterquert, nach rechts gewandt, zum Zeitungskiosk der „Oma Schmidt“ (mit ihr drinsitzend) gegrüßt, am Bahndamm entlang – vorbei am gegenüberliegenden Hause (Schulstraße 2), vom Urgroßvater Carl Heinrich Franz Runge erbaut, danach am Haus der Lehrerinnenschwestern, den beiden Fräulein von Kidrowski ebenso vorbei gehuscht, ferner am Eingangstor des vor Urzeiten von mir besuchten Kindergartens vorbei und schon, schwupp, bin ich in der Schule.

Auf dem Hof fegt das Hausmeisterehepaar Roelofsen das erste Laub. Deren Wohnung befindet sich im Keller unter der Schule – sie sprechen davon, dass sie im Souterrain leben. Wie es auch nun wirklich sei – darüber will ich nicht entscheiden. Auf dem Hof lagern immer große Haufen feuchter Rohbraunkohle, so wie der Tagebau sie freigegeben hatte und sie vom Regen auch mal gegossen werden. Die Haufen werden von uns auch freundlich Blumenerde genannt. Hinein schubsen dürfen sich die Schüler in die Haufen nicht, denn die Kohle schmiert und die Kleidung sähe dann dementsprechend aus. Das Hausmeisterehepaar hat eine liebe Not damit, das Material im Keller neben ihrem Zimmer leicht vorzutrocknen und mit dem Feuer jener Rohbraunkohle die Unterrichtsräume zu wärmen. Erst später werde ich wissen, dass Herr Roelofsen mit Vornamen Peter Albert heißt, und am 12. Mai 1903 seinen nullten Geburtstag hatte. Seine Frau hieß früher als junges Mädchen Stalinski (die Stahlharte) aber so sieht sie nicht aus und Margarethe (seine "Perle") heißt sie immer noch. ein Dreivierteljahr nachdem ich diese Schule verlassen haben werde, wird Herr Roelofsen in dieser Schulhof-Kellerwohnung, Schulstraße 9, am 16. März 1963 sterben. Wir alle wissen das aber jetzt noch nicht.

Doch nun schnell wieder die Zeit um ein Jahrzehnt zurückgedreht in das Jahr 1953.

Meine jetzige Schule ist nicht neu. Sie hat schon eine Geschichte:



Wertvolle Schul- und Bürokrempelchen für Schule und Freizeit. Was hatten wir damals in den 50-er Jahren? Erzeugnisse aus der DDR für die DDR.

Zum Decken des Eigenbedarfs habe ich es nicht weit. Das meiste findet sich unter den Verkaufsmaterialien im elterlichen Geschäft.



Der Schulunterricht führt uns ebenfalls ins Kino. Die Pflichtfilme rufen stets die zurückliegende Kriegszeit den Lehrern in Erinnerung und uns, die wir ja jene Zeit nicht miterlebt hatten, die Ereignisse stets neu mahnend vor Augen. Es ging dabei z. B. um "Der wahre Mensch“ (der junge sowjetische Offizier Alexej Maresjew (1916–2001) wird als Pilot mit seinem Flugzeug abgeschossen und ringt um sein Leben. Nach Amputation beider Beine fliegt er wieder, um im Großen Vaterländischen Krieg die Heimat weiterhin gegen die Deutschen zu verteidigen) oder „Ein Menschenschicksal“ von Michail Scholochow oder „Ernst Thälmann, Sohn seiner Klasse“, „Stalingrad“ und andere.


Die Stummfilme späterer Jahre direkt im Schulunterricht sind nicht ganz so menschlich ergreifend oder nachhaltig, wenn man uns partout vors schläfrige Auge führt, wie schön sich doch unter osmotischem Drucke das Trinkwasser in schematisch dargestellten Pflanzenstängeln verteilt. (Außerdem müssen wir wider besseres Wissen auch noch „Stengel“ schreiben, weil angeblich der Herr Duden es so gewollt hatte, dass man Stange mit „e“ schreibt und niemand es sich traute sich dagegen zu wehren. Man kann das einfach so behaupten, denn der Konrad ist ja schon tot und viele seiner Jünger auch. Wenn man es also logisch-richtig schreibt, wird einem das deshalb als Fehler angezählt.

Das Beispiel „DER GROßE DUDEN“, mit kleinem „ß“ dazwischen, weil "man" sich weigerte, einen solchen (eigentlich heimlich bekannten) Großbuchstaben zu erfinden und diesen, wie auch "seinen kleinen Bruder" ordnungsgemäß in das Alphabet einzufügen, habe ich nie verstanden (die Schweizer auch nicht). Bis "heute" nicht, da schon wieder eine Rechtschreibreform hinter uns liegt. Mit solchen kritischen Problemfragen (quasi aus dem Stand des 1. Schuljahres), habe ich über Jahrzehnte jeden hochstudierten Lehrer in die Ratlosigkeit getrieben bzw. davon überzeugt, dass ich für keine Meinung oder Handlung anderer Leute ein Mitläufer bin. Wie es sich immer wieder zeigen soll.


Wichtiges

Unser Brüderchen wird am roten Po mit importierter Penatencreme versorgt. (Hirte und Schaf). Ist das ein angenehmer Duft aus einer schöne Dose. Wie die Dose, so nun auch das Kind. Dufte.


Noch mehr zur Zoologie

Der Krieg, so klärt man uns auf, hält an. Allerdings ist es jetzt nicht der heiße, sondern nunmehr die erkaltete Form, die hitzig betrieben wird. So wird seit 1951 auch in diesem Jahr bekanntgegeben, dass die imperialistischen Amerikaner es darauf absehen, den DDR-Bürgen die lebensnotwendige Ernährungsgrundlage, die Kartoffel, zu entziehen. Es seien wieder unberechtigt amerikanische Flugzeuge über unserem Hoheitsgebiet eingedrungen und hätten als biologische Waffe Unmengen von Kartoffelkäfern abgeworfen und diese hätten den Absturz, wie man jetzt unten deutlich sehen könne, lebend überstanden. Das Ziel sei es, die Volkswirtschaft in die Kniee zu zwingen, den ersten deutschen Arbeiter- und Bauernstaat auf deutschem Boden zu vernichten. Diese Imperialisten und auch die "Bonner Ultras", wie Walter Ulbricht sie weise nennt, haben jedoch nicht mit der Findigkeit der DDR-Regierung gerechnet: Insbesondere Schulkinder, verdiente Veteranen und andere Rentner werden aufgefordert, diese imperialistischen und auch vereinzelte eigene Kartoffelkäfer von den Pflanzen auf den Kartoffel-Feldern abzusammeln. Beim Sammeln brauche, (das war wohl lediglich ein Gerücht), nicht nach deren Herkunft unterschieden werden.



In der Schlagerwelt brachte das Jahr unter anderem:


Am Tag als der Regen kam

Dalida

Rock around the clock!

Bill Haley and his Comets

Die Revolution in der Schlagergeschichte im April 1954! Der erste Rock’n Roll-Titel.

"Umwerfend", sage ich.

Unsere Tante Käte sagt: „Verrückt und drei macht neun – das ist keine Musik.“

II: Glaube mir :II, meine ganze Liebe gab ich

Maria Mucke

Mr. Patton aus Manhattan // See you later Aliga.

Elvis Presley

Wenn Teenager träumen es küsst sie ein Mann

Rick Nelson


1955Mein 9. Lebensjahr, 1955/56. Das 4. Schuljahr

Erholung in Grünheide (Sächsisches Vogtland)

Zum ersten Mal in meinem Leben verreise ich ganz allein – mit vielen anderen Kindern.

Von der Sozialversicherung aus (SVK des FDGB) werde ich im März für 3 Wochen in das Kindergenesungsheim Grünheide, Kreis Auerbach “verschickt“, so der offizielle Ausdruck.

Das sollen wir positiv sehen, obwohl die kleine Silbe "ver-" für mich meist was Abträgliches enthält, wie bei Versehen, vergessen, verschnitten, versäumen, verbieten, verteufeln, vertauschen, verzweifeln, ver... und nicht gefunden, weil ver-sucht, ver-schickt – ich möchte aber gern auf dem richtigen Weg ans Ziel kommen und mich lieber positiv ausdrücken.

Ich bin jetzt 9¼ Jahre alt. Die Abreise zur Erholung ist nicht so fröhlich, die Zugverbindungen weisen größere Zeitabstände auf. Wir, also Mutti und ich, mussten gestern am späten Abend in Babelsberg aufbrechen und Mutti brachte mich in der Nacht zu dem noch kriegsruinösen Stettiner Bahnhof, dem späteren Berliner Nordbahnhof, von wo aus der Zug in den Süden abfahren sollte. Einige Stunden hatten wir müde aber geschützt vor dem Scheefall in dem ziemlich zugig-feuchtkalten, dunklen Bahnhofstunnel, im Bahnsteigverbinder auf dem Vulcanfiber-Koffer sitzend gewartet, dösend, halb schlafend. Irgendwann rief dann eine Frau mit dunkelgrauem Lodenmantel bekleidet und ein Rotes-Kreuz-Tuch auf dem Mantelrücken angeheftet, mit Taschenlampe und Zetteln ausgerüstet, im Dunkeln unsere Namen auf, so dass wir wussten, wohin wir gehören, bis dann das Geschiebe zwischen all' den fremden müden Menschen in den frühen Morgenstunden losging und sich der Zug später, dann natürlich nach kurzem Abschied elternlos, in Bewegung setzt. Sehr viele Kinder waren es wohl nicht aus dem Raum Berlin, wie ich später hörte aber eigentlich nur teilweise verstand. Der Zug hat mehrfach längere Aufenthalte. Vielleicht waren die Kohlen aufgebraucht oder zu nass – oder es gibt andere Ursachen – wir wissen es nicht und wir wechseln zwischendurch auch die Bahn. Dass an diesem Tag kein Kind verlorengeht ist schon erstaunlich. Am Nachmittag, als es bereits wieder dämmert, kommen wir in Auerbach an, wo wir in einen Bus umsteigen, der uns, inzwischen schon wieder im Dunkeln, nach Grünheide bringt. Das sind aber dann ungefähr nur noch fünf Kilometer.

Grünheide, mitten im Wald gelegen, gehört zum Ort Schnarrtanne.

Dieser Teil der Erholungs-Anlage in dem auch ich wohnen werde, heißt "Haus Freundschaft“. Gleich nach der Begrüßung und einem Abendessen packen wir den Koffer aus und die Erzieherin prüft, ob nach dem Inhaltsverzeichnis auch alles vorhanden ist. Der Ankunftstag ist vorbei.


Ganz besonders eigen ist dieses Gefühl, das neue duftende Stück Seife aus der Schale zu nehmen, ähnlich wie die Zahnbürste, die nun, anders als sonst, in einem eigenen Behälter liegt. Eine letzte Verbindung zur Heimat und doch ganz anders. Anders ist das als zu Hause. Zu Hause mag ich zum Waschen der Hände die braune Glycerin-Seife, die so halbdurchscheinend ist.


Erst am nächsten Tag können wir so recht erkennen, wo wir uns befinden. Wir wohnen in einem sehr schönen älteren, dunkelbraunen Holzhaus und alles ringsherum ist tief verschneit. Die Nadelbäume ächzen (oder schnarren sie gar?) unter der Last des Schnees. Auf unseren ersten Spaziergängen erfahren wir, dass die vielen kleinen Bäche trotz des Frostes nicht zufrieren; dazu fließt das Wasser zu schnell.

Grünheide – das ist keine Stadt, nicht mal ein Dorf. Früher, um das Jahr 1700, bezeichnete man damit nur ein Forsthaus, ein Grundstück mit vielleicht 5 – 8 Personen. Seltsam ist das schon: Das Forsthaus mitten im Walde aber sein Name stammt der Heide – aus einer eigentlich völlig baumlosen Landschaft wo der Heidrich lebt aber nicht der Forstmann. Hier ist es aber nun mal so.

In der weiteren Umgebung bestehen von alters her bäuerliche Wirtschaften, der Bergbau und die eben hauptsächlich die Waldwirtschaft.

Im Jahre 1888 erholten sich hier im Walde erstmals 24 Großstadtkinder und im Jahre 1934 sollen bereits 1.500 Gäste diese Sommerfrische aufgesucht haben. Aber inzwischen nicht alle bei der Försterfamilie. Zwischen 1940 und 1950 waren es Kinder, deren Familien im Krieg "ausgebombt" waren. Ab 1950 begann der Hochbetrieb medizinisch begründeter Kinderkuren – und jetzt gehören auch wir zu den „Luftschnappern“.

Ich habe die altgeerbten (Schweden-) Winterstiefel von Zaulecks an, mit der speziell gefalteten, beiderseits seitlich angenähten Lasche unter den Schnürsenkeln, bei der kein Schneewasser eindringen kann. So etwas hat hier noch niemand gesehen. Es wird im Heim sehr darauf geachtet, dass die Schuhe nach der Heimkehr vom Spaziergang ordentlich getrocknet und anschließend gut gefettet werden.

Gleich am Tag nach der Ankunft schreiben wir nach Hause, dass wir gut angekommen sind und dass es uns gefällt. Unsere vollständige Absender-Anschrift lautet:


Sozialversicherung

Anstalt des öffentlichen Rechts

Kindergenesungsheim "Grünheide"

Grünheide Kreis Auerbach (Vogtland)


Ich war schon bereit eine Kurzfassung als Absender zu wählen – aber wir brauchen überhaupt keinen Absender auf den Umschlag schreiben, die Heimleitung drückt einen Absender-Stempel drauf (siehe oben). Nur bei den Ansichtskarten kommen sie ein bisschen in Schwierigkeiten.

Später folgen noch einige Kurzbriefchen oder Ansichtskarten. Wir haben davon mehrere Sorten: Das Bild vom Haus "Freundschaft" und das Foto vom Haus "Junger Pionier" – von diesem eine Sommer- und eine Winterausfertigung sowie eine Karte mit zwei Außenansichten des "Jungen Pionier", dem Speisesaal und einer Jungenschar im Waschraum. Ich wähle "mein" Holzhaus im Schnee, zwischen den Tannen stehend, aus. Auch meiner ältesten Patentante Elisabeth schreibe ich, versäume aber leider, eine Briefmarke auf dieses kurze, kleine Brieflein zu kleben, so dass Tante Elisabeth bei der Aushändigung das Porto und 10 Pf Nachgebühr (Strafe), also insgesamt 30 Pfennige berappen musste, um die Grüße des Patenkindes in Empfang nehmen zu können. Oh, oh! Die Diakonissenschwester Elisabeth Gandert wohnt im Feierabendheim der Schwestern des Oberlinhauses, die zu alt für eine tägliche Arbeit sind. Viele arbeiten sowieso viel, viel länger, als das staatliche Renteneintrittsalter es vorsieht. Ach ja, vor einem viertel Jahr brannte ihr das Weihnachtsbäumchen ab und ob der Erwärmung weinte ein Seitenteil ihres Holzschrankes vor Rührung noch Harztränen darüber. Zum Glück ging es für alle noch glimpflich ab, weil ihr Hilfegeschrei rechtzeitig und laut genug ertönte. Wenn meine Patentante etwas tut, macht sie das ganz bewusst, damit sie im hohen Alter nichts vergesse, legt den Zeigefinger auf jeden betrachteten Posten und kommentiert ihr Handeln: „So, das ist das... und das ist das“ – und „Christoph, hetze mich nicht“ – wenn sie intuitiv bemerkt, dass ihr Besuchs-Patenkind bei bei diesem zeitraubenden Tun unruhig wird. Ich brauche keinen Mucks zu sagen. Sie fühlt es.


Klar, wir Jungen im Erholungsheim tauschen unsere Erfahrungen aus aber es dauert eine Weile, bis ich bestimmte Worte auch verstehe, die aus den Mündern der Kinder kommen, die aus sächsischen Ballungszentren zur Erholung hergeschickt worden waren.

Zum Beispiel wusste einer dieser Jungen, dass ein bestimmtes Auto überhaupt nicht mit Benzin fahren könne, sondern dazu „Euel“ brauche, was so ein regionaler Begriff für Dieselkraftstoff ist. Das aber war mir dann klar wie dicke Tinte und seine wichtige Mitteilung hieß quasi "Eueln" nach Athen tragen. Den Verwandtschaftsgrad zwischen ihm und seiner „Oumi“ konnte ich mir noch leicht erschließen. Doch dann wurde es für mich schwierig: dass „Ei for bipsch“ (oder so ähnlich) in's Deutsche übersetzt heißt: „Sieh mal einer an“ oder möglicher Weise „Na, so 'was aber auch“ oder vielleicht „Na, da schau her“ bedeuten könnte oder einfach nur „Aha“ zum Ausdruck bringen möchte, musste ich erst lernen. Dann trieben sie es auf die Spitze und es begann mir gegenüber ein richtiges Angeber-Lehrprogramm. So sollte ich, nur als eines der Beispiele, darlegen, was "ä Modschekiebsche“ sind, obwohl es jetzt, im Märzenschnee, überhaupt keine Marienkäfer zu besichtigen gibt. Das habe ich nicht herausbekommen. Manches aber kenne ich inzwischen schon. Diese Lehrstunden haben meine Sinne geschärft, dafür bin ich dankbar – sonst hätte ich viel, viel später zum Beispiel nicht "aus dem Handgelenk" übersetzen können, was Wissende beispielsweise unter einer "Berdenacksbrieh'" verstehen. Für manchen Sachsen mag das eine unverstehbar heimische Vokabel sein, bei der auch kein Konrad Duden hilft. Für mich jedoch war es nunmehr ein Leichtes.

Insgesamt wurde mir aber recht deutlich bewusst, wie sehr es mir bisher an Bildung mangelt. Man darf es auch nicht an Demut fehlen lassen. Und wie eingangs erwähnt: Eine eher geringe Anzahl von Kindern kam aus der Berliner Region. Man kann einfach nicht von "der deutschen Sprache" reden – so viele wie es unterschiedlicher Art gibt.


Verschiedene neue Volkslieder lernen wir hier. Dazu gehört zum Beispiel das mundartliche Lied über den Reh- und Hirsch-Geweihsammler, einen armen Dieb, der knapp an der Gefängnisstrafe vorbeikommt. Das geht etwa so:

... oder, etwas harmloser ist:

und bei beiden Liedern gehören immer froh juchzende Jodler dazwischen, damit es recht zu Herzen dringt sie beschönigen ein bisschen gekonnt den Text, wenn es wie oben um Diebstahl und Gefängnis geht. Su sein de Bergleit ebend. Da kann man nichts machen.


Bei den Spaziergängen hören wir oft im Wind die Bäume knarren oder schnarren. Daher auch der Name des Ortes „Schnarrtanne“? – und ich dachte es wären Spechte, die da so schnell klopfen. Nein, nein ganz anders: Das Wort Schnarre soll von der Misteldrossel abstammen, ihr ein Kosename sein. Der Name des Ortes bedeutet also: „Der Tannenwald, in dem der Schnarrenvogel lebt“. Wegen des hohen Schnees können wir aber nicht einfach so durch den Winterwald wandern, sondern nur da entlang, wo extra vorher Schneepflüge die Schneemassen zur Seite geschoben haben. Dort aber, wo Bächlein (Rinselwässer) über Kiesel springen und das fließende Wasser an den Rändern Schnee abwäscht, lugt blätterloses Zweiggestrüpp der Blaubeeren hervor. "Hali, Hali, Hallo!" Während der Zeit unseres Aufenthaltes zeigten sich uns aber weder Blaubeeren noch Braunbären.

Im Winterwald dunkelt es schnell, deshalb sind wir oft vormittags an der frischen Luft und nachmittags, nach Mittagsruhe und Vespermahlzeit beim Spielen im Gruppenraum.

Bei Wanderungen, Spiel und Sport, Essen, Trinken und vielem Schlafen, gehen diese drei besonders kurzen Wochen schnell vorbei und schon sehr bald werden wir wieder auf langen Wegen in die verschiedenen heimatlichen Ecken unseres Landes gefahren.


Was ich jetzt noch nicht wissen kann: Die Erholungszeit in Grünheide ist ein großer Auftakt für die weiteren, in mehreren aufeinanderfolgenden Jahren ermöglichten Aufenthaltszeiten in verschiedenen Erholungseinrichtungen. Eine großartige Leistung von Sozialversicherung und Staatlichem Gesundheitswesen der DDR, wie es eine solche wohl nicht von vielen Ländern dieser Erde vorgesehen wird, – verordnet von dem durch die Schulen wandernden Arzt, der alle Schulgebäude und deren Insassen aufsucht und daraufhin wichtige Entscheidungen, in Verbindung mit der Kinder- und Jugendfürsorge trifft.


"Altstoffe sind wichtige Rohstoffe!". Na, na, nicht ganz so roh: Sekundär-Rohstoffe

Pioniere und auch andere Schüler sammeln in der Bevölkerung stets kostenlos Papier, Gläser/Flaschen, Metalle, Lumpen, Knochen (" Bonzo sucht Knochen!" Bonzo ist ein Hund, auf der Rückseite von Schreibheften abgebildet, der uns hilft, olle Knochen für die Seifenherstellung zusammenzutragen). Wir bieten das Sammelgut den Staatlichen Aufkaufstellen an. Zum An- oder Aufkauf. Bei Metallen legen wir besonderen Wert auf das Bunte aber auch ordinärer Eisenschrott, der nicht so rar aber dafür schwer ist und leider zu geringeren Preisen gehandelt wird, erfassen wir selbstmurmelnd, denn wir räumen alles auf und kennen die Werbeaktion „Martin braucht Schrott“. Diese Sammelanregung sehen wir auf der vierten Umschlagseite von unseren grünen oder blauen Schulheften: Den Siemens-Martin-Hochofen in der Max-Hütte bei Unterwellenborn. Zum Glück besitzen wir den großen stabilen Handwagen. Wir müssen nur in engen Kurven darauf achten, die Handdeichsel nicht zu sehr einzuschlagen, weil die eisenbereiften Holzräder sich dann in die Bodenplatte und die Seitenbretter des Wagens einschneiden oder einschleifen. Eine Konstruktionsschwäche.

Übrigens hat der Begriff „Altstoffe“ irgendetwas zu altes, herabminderndes an sich, was sie trotz des ihnen innewohnenden Wertes geschmälert erscheinen lässt. Aus diesem Grunde wird später der viel schönere Sammelbegriff „Sekundärrohstoffe“ eingeführt. Also beispielsweise "Sekundärtextilen" statt "Lumpen".


Im Friedrichstadt-Palast an der Weidendammer Brücke oder richtiger: Am Zirkus 1, nahe der Berliner Friedrichstraße

Noch vor 10 Jahren war der Palast während der Kriegszeit ein Pferdestall und jetzt findet hier wieder Varieté statt, gleich neben dem Berliner Ensemble mit dem rot leuchtenden rotierenden Emblem auf dem Dach. Hier sind Helene Weigel, Bertold Brecht und viele andere Menschen tätig.


29. Mai 1955: Meines Bruders Taufe mit den Patentanten und Onkeln: Heidi Z., Charlotte Dyck, Pfr. Hannes Schulz. Darüber schreibt er dann gewiss mehr in seinem eigenen Lebenslauf. Da will ich nicht unautorisiert vorgreifen.


Der Internationale Kindertag am 1. Juni

Wir haben auch diesen Tag schön verlebt. In der Schule lasen die Lehrer Geschichten vor. Am Nachmittag waren wir auf dem Grundstück des Schulhortes eingeladen zu Sackhüpfen, Büchsenwerfen, Eierlaufen, Kafe und Kuchen sowie frühabendlichem Lampionumzug.


Gern sind wir bei unseren entfernten Verwandten in Caputh, zu Gast, in dem kleinen Haus, vor allem aber in dem riesengroßen Garten, der sich zwischen dem Schmerberger Weg und dem Spitzbubenweg, nahe des Caputher Sees erstreckt.


Rummel ohne Vogelschießen

Seit der Konfirmation meines bedeutend älteren Großcousins Herbert, bin ich öfter mit ihm zusammen. Gemeinsam besuchen wir auf dem Weberplatz den Rummel. Hier gibt es Überschlagschaukeln in Bootsform, elektrische Motor-Scooter (zweisitzige Personenautos) und vieles mehr. Alles können wir nutzen. Nur beim Fahren der Motorräder an der senkrechten Wand in der "Zylinder-Arena" darf man nur Zuschauer sein. Unserer kleinen Bekannten in Thüringen war nicht verständlich, was "Rummel" bedeuten solle. Nachdem ich ich ihr so einige Beispiele genannt hatte, sagte sie aufatmend: "Ach so, du meinst, Du warst beim "Vogelschießen" ... und dabei war überhaupt nichts von Vögeln oder Schießereien auf diesem Platz. Alles ganz friedlich!

Daran sieht man auch wieder, wie schwierig das mit den verschiedenen Sprachen in unserem Land ist, und dass Mädchen manchmal aber auch alles das fühlen und verstehen, worüber man gar nicht gesprochen hat, was sie überhaupt nicht gesehen haben. So 'was fehlt bei mir.


Das neue Schuljahr beginnt bald

Die herrliche acht Wochen lange schulfreie Sommerzeit füllt die Monate Juli und August.

Am ersten September geht es wieder los. Ja, warum eigentlich, freuen wir uns schon darauf?

Vorfreude ist die schönste Freude – oder ein anhaltender Genuss? Sorgsam wird durchgesehen,

was an Materialien zu ergänzen wäre.

Die neuen Schulbücher werden mit Schutzhüllen aus nicht mehr brauchbarem Lichtpauspapier

versehen, von Vati mit Tusche in Plakatschrift beschrieben.

Wir besuchen vor dem Schulbeginn auch schon mal unseren Klassenraum. Unser Hausmeister,

Herr Roelofsen, hatte keine Ferien. Er hat den Fußboden mit Terpentin geölt, so dass er staubfrei,

frisch, fett und dunkel aussieht.

Neue Schulbänke stehen im Raum: Tische wie bisher mit fest angebauten Sitzen in einer

festmontierten Linie. Bisher Eichenholz mit eingelassenem Tintenfass und Blechklappdeckel, jetzt

feiner, glatt und rötlich, so wie Mahagoni.


Es war einmal – Das ist hier nicht der Beginn eines schönen Märchens

Bisher hatten wir einen sehr netten Klassenlehrer. Den Herrn Paetke. Bis Anfang Juli. Jetzt, nach den Großen Ferien haben wir erst mal gar keinen. In der zurückliegenden Zeit ist er von der DDR aus vorerst nach Westberlin "gegangen" und von dort vielleicht ganz woanders hin. Die Kinder können sich also schon mal freuen, wenn sie ihn bekommen. Verschiedene Leute sagen über die Republikflüchtigen...dass jene es hier nicht mehr ausgehalten haben. Andere Erwachsene benutzen ganz andere Worte, die später wohl in solchen Sätzen gebündelt werden, wie "es handelt sich um feindlich-negative Elemente, die die DDRepublik an die Bonner Revanchisten verrieten und denen man nicht nachtrauern soll. Schade, dass wir sie nicht mehr einsperren können, dafür dass sie lieber woanders leben wollen".

Meine große Schwester lernte in der Schule noch das schöne Lied:

"Wir sind jung, die Welt ist offen, oh du schöne weite Welt...".

In meiner Altersgruppe stehen solche Lieder nicht mehr im Lehrplan. Vorsichtshalber. Und man soll ja sowieso nicht lügen; man soll es meiden, wo es nur geht!



Schwarzes Sparen

Früher hieß es: „Spare in der Zeit – so hast du in der Not“. Zum Glück ist die Not vorbei; so hören wir heute froh, optimistisch und der Zukunft zugewandt: “Sparen hilft dem Aufbau – Sparen hilft auch dir“. Getreu diesem Motto wollen wir in unserer Familie nun auch noch sicherer sparen, also nicht nur in Schweinchen, diesen unsicheren Kandidaten oder vielleicht überredbaren Schachteln, sondern im Handtresor der Bank. Dazu lädt uns Vati ein – eine besonders wertvolle Überraschung. Diese gemietete sehr schwere schwarze Sparbüchse, gibt für den eiligen kleinen Bedarf tatsächlich nichts wieder frei. Wenn sie voll Aluminiumgeld ist, dürfte sie nicht wesentlich schwerer sein als im Leerzustand und man kann dann die mühsam gesammelten Schätze in der/auf der Bank für einen Moment bewundern, schwupp, gehen sie als kleine unscheinbare Zahl ins Sparbuch ein und andere Leute arbeiten mit unserem Häufchen. Außerdem muss man noch mehr sparen, weil ja die Miete für den Tresor aufgebracht werden muss. Wir erkennen bald, dass wir nach einem Jahr Mindest-Laufzeit besser von dieser modernen Sparmethode Abschied nehmen.


Ich allein bin schuld daran?

Meine Tante Käte schwärmt bei meinem Besuch wieder von alten Zeiten. Wir sehen erneut ihre Fotoalben aus früheren Zeiten an, was freudige Erinnerungsbilder in ihr weckt – viele Leute sind da auf den kleinen 6 x 9 cm zu sehen, die ich nicht kenne, die schon alle längst tot sind. Und auf den Abbildungen noch dazu diese Guten hauptsächlich mit stecknadelkleinen Köpfen. Die Tante merkt sehr wohl, dass mich ihr Vortrag nicht so sehr fesselt, meine Neugier auf mehr, sich eher in engeren Grenzen hält, obwohl es doch so sehr schön sein mag, nicht nur allein zu schauen, sondern sein Wissen an jüngere Menschen weiterzugeben – wenn einem doch das Herz davon noch so voll ist.

Daran musste ich sofort wieder denken, das hat mir mein Gewissen vorgehalten, als wir nach ihrem Ableben im Jahre 1978 die Wohnung ausräumten.Von den Fotoalben war nichts mehr vorhanden. Keine Spur. Wahrscheinlich hatte sie an einem unguten Tage eine warme Wohnung gehabt. Ich machte mir Vorwürfe, weil sie diese ihre Erinnerung vielleicht wegen meines kindlich nur subtilen Interesses vernichtet hatte. Jetzt, da ich als Erwachsener mit der Ahnenforschung in unserer Familie begonnen habe, hätte es mich brennend interessiert, diesen Schatz zu bewahren und "auszuwerten", Fotoanlässe und -Inhalte zu beschreiben. Personen und deren Leben zu erwähnen. Nichts war in dieser Hinsicht mehr möglich.


Wir möchten Conrad Röntgen ehren und jene, die seine Entdeckung für alle nutzen

Alle zwei Jahre sind wir geladene nutznießende Teilnehmer der Volksröntgen-Aktion, bei der wir in großen grauen Bussen hinter den Bildschirmen stehen und uns mit den von Herrn Röntgen entdeckten Strahlen den Brustkorb auf Film (im Maßstab 1 : 1) bannen lassen. Das Ziel: Möglichst frühzeitig irgendwelchen ungesunden Tuberkeln auf die Spur zu kommen, was einschließlich der eventuellen Patientenbehandlung erfolgreich zu deren Ausrottung in unserem Land führt.


Straßenbahn und mehr von unserem Verkehr

Zu unserer Kinderzeit fahren durch Potsdam und Babelsberg die bewährten Vorkriegsmodelle der Straßenbahnen. Was auch sonst? An unserem Haus rollen die Wagen der Linien 4 und 5 sowie manchmal E (Einsetzer bei Ausfall einer regulären Bahn, Sonderfahrten) vorbei. Die Strecken gehen von der Babelsberger Endhaltestelle Fontanestraße bei der Linie 4 zum Potsdamer Luftschiffhafen, (dorthin, wo es früher den regen Verkehr der Zeppeline gab) und bei der Linie 5 zum Kapellenberg an der Russischen Kolonie Alexandrowka (seit 1826 dem Gedenken der Waffenbrüderschaft und dem verstorbenen Zaren Alexander von Russland gewidmet).

Am Beginn des DEFA-Films „Heißer Sommer“ – im Jahre 1968 wird er gezeigt werden, – kann man auch dann noch gleiche Straßenbahnen in Leipzig sehen. Und nicht nur im Film. Vorne und hinten ein Ein- und Ausstiegs-Perron mit Stehplätzen, dazwischen der Wagenhauptteil mit zwei Innen-Türen geschlossen. An den Außen-Türen Emailleschilder mit der Mahnung: “Beim Ausstieg linke Hand am linken Griff“ mit dem entsprechenden Bild einer sich an der Griffstange haltenden Hand, um nicht etwa beim noch Rollen der Bahn, entgegengesetzt der Fahrtrichtung abzuspringen. Abspringen soll überhaupt nicht sein, auch wenn das nun gerade Spaß macht.

Der Fahrerstand ist in Greifhöhe mit zwei handlich-großen Messingkurbeln ausgestattet. Die linke als Regler für die Fahrgeschwindigkeit mit dem Anzeiger für die Geschwindigkeitsstufe und die Kurbel für die rechte Hand, als Bremskurbel. Ich habe noch das Ratschen der Bremskurbel im Ohr, die sich nach dem mehrfach umrundenden Festziehen mit einem leichten Linksklick wieder löst. Dann gibt es den Startschlüssel und den manuellen Scheibenwischer. Die Außen-Klingel, fußbetätigt, befindet sich unter ihrem Schutzblech, um die versehentliche Abgabe von Warnsignalen auszuschließen. Dann die lange Weichenstellstange, die in ihrer Tüllen-Halterung hängt. Das Ganze – ein Steharbeitsplatz für acht Stunden. Massive Messingschilder, je nach Baujahr mit den Initialen von "Siemens & Halske" oder "Siemens & Schuckert", geben den Hersteller dieser Fahrzeuge an.

Den steilen Potsdamer Brauhausberg bis zum Schützenhaus an der Michendorfer Chaussee, befuhren die besonders stark motorisierten "Hecht-Wagen".

Zu jener Zeit kassieren noch Schaffner das Fahrgeld und klingeln nach dem Einsteigen „ab“. Dazu bedienen sie sich einer über den Köpfen längs durch den Wagen reichenden Zugleine, so dass die Schaffner dem Fahrer von jedem Aufenthaltsort im Waggon das Abfahrtsignal mit der Glocke geben können, auch wenn sie beim Kassieren in der Wagenmitte von der Menge der Fahrgäste "eingekeilt" sind und überhaupt nicht sehen, was sich an den Ausgängen tut. Die Schaffner tragen am Lederriemen vor ihrer Brust die Münzenwechselkasse für 5-, 10-, 20- und 50-Pfennig-Münzen, den Daumen, um ihn zu schonen, mit Gummiüberzug sowie in der linken Hand die Palette mit den unterschiedlichen Fahrscheinblöcken. In der rechten Hand die blanke Lochzange zur Entwertung der Mehrfachfahrscheine (10-er-Karten). Man hat als Schaffner wirklich alle Hände voll zu tun. An der Seite hängt ihnen die Aufbewahrungstasche für Geldscheine. Von zwei "markanteren" Schaffnern sehe ich noch heute (nach mehr als sechs Jahrzehnten) deutlich deren Gesichter vor mir. Das waren Herr Trudchen und die Frau Erna.

Für die Kinder walzen die Räder der Straßenbahn ganz freiwillig immer mal eine Münze zu einem flachen Blechschildchen aus. Ähnliches gibt es als so genannte "Stocknägel" auch im Laden – hauptsächlich für Urlauber als Andenken, dann aber mit anderen Motiven.


In der Berliner S-Bahn, die ja mit einer ihrer Strecken (bis auf die Zäsur 1961 bis 1991) in Potsdam endet, sind die Warnhinweise, die von einem Aussteigen während der Fahrt abraten, in deutsch, englisch, französisch, italienisch und russisch notiert. Erst Emailleschilder, später, als diese wohl zu viele Liebhaber gefunden hatten, als Abzieh- oder Schiebebilder gefertigt. Also unmausbar aufgeklebt.


Die Überland-Busse haben ihre Zentrale Abfahrtstelle auf dem Potsdamer Bassinplatz (auf dem ja kein Bassin mehr zu sehen ist). Er grenzt unmittelbar an das Grundstück der Katholischen Kirche "Peter und Paul" sowie an den sowjetischen Ehrenfriedhof. Hier ist der Ort des "Ersatzherzens" der Stadt, weil der ursprüngliche, nahegelegene zentrale Platz "Alter Markt" mit dem Stadtschloss, dem Alten Rathaus, der Nikolaikirche und vielen Bürgerhäusern, nach den Bomben- und späteren Artillerietreffern seit dem Frühjahr 1945, kein zentral nutzbarer Platz als Stadtmitte mehr ist.

Ältere Busse befahren Strecken mit erhöhtem Personenaufkommen dann mit einem Anhänger an der Zuggabel. Der Schaffner muss zwischen Zugmaschinenbus und Anhänger an den Haltestellen hin-und herspringen. Moderne Busse wie die neuen ungarischen vom Typ "Ikarus" haben diese Möglichkeit nicht mehr. Sie brauchen keinen Anhänger schleppen.

Von den elektrischen Oberleitungsbussen (O-Busse), die durch Babelsberg rollen, fahren die meisten "solo", nur einige mit einem Anhänger.


Die bildhafte Aufklärung über die Gefahren des Straßenverkehrs wird der Bevölkerung mittels Bildserien am Negativ-Beispiel der Figur des „Hugo Leichtsinn“ nahe gebracht.


Flugverkehr

An der GAGfAH-Siedlung, der früheren Gemeinnützigen Aktien-Gesellschaft für Angestellten- Heimstätten-Bau, befindet sich nahe der Bruno-Hans-Bürgel-Straße (benannt nach unserem geehrten Volksastronom) die große Kiesgrube zur Baumaterial-Gewinnung (später zugeschüttet). Von deren hohem Rand kann man wunderschön Papierflugzeuge starten oder auch Drachen. Bei unserem Selbstbau ist das nicht so ganz erfolgreich. Bei anderen gekauften Modellen kann man allemal zuschauen.


Kunstgenuss

Meine Schwester und ich waren heute zu Gast bei Frau M. und ihrem Sohn Hans-Jürgen in der GAGfAH-Siedlung, Hans-Jürgen, einige Jahre älter als wir, sollte/wollte uns etwas auf dem Klavier vorspielen. Bis es los ging, dauerte es eine Weile, weil sich der Künstler eine Zeit lang vorbereiten musste. Wir staunten nicht schlecht, ich staunte sehr, wir waren begeistert darüber, mit welchem Temperament und noch dazu völlig ohne Noten er aus dem Kopf längere Stücke, beispielsweise „Die Wut über den verlorenen Groschen“ des Ludwig van Beethoven oder Partien aus der alten Oper „Rübezahl“ darbieten konnte. Kenner nennen das eine "große Inselbegabung".


Noch mehr Genüsse – Dinge, die das Kinderleben versüßen

Die Ausrücker

Es gibt in dieser Zeit noch gar nicht so viele Autos. Trotzdem stehen immer wieder welche völlig verlassen in der Schulstraße am Bahnhof. Viele der von auswärts Ankommenden ahnen gewiss nicht, dass sie ihr Fahrzeug genau vor dem Polizeirevier abgestellt haben und gut unter Beobachtung sind. Gewöhnlich werden die Autos nach 2 bis 3 Tagen abgeholt – nicht von ihren bisherigen Besitzern. Dann war klar, dass der vormalige Eigentümer des Fahrzeugs sein Auto, seine Wohnung, Haus und Hof, alle seine Werte, aus Gründen die er kannte gegen eine kurze Fahrt mit der S-Bahn getauscht hatte und ein Stück hinter der nächsten Bahnstation Griebnitzsee dann schon im amerikanischen Sektor von Berlin angekommen war. Also republikflüchtig geworden ist oder, wie es im offiziellen Sprachgebrauch auch heißt, den Arbeiter- und Bauern-Staat an die Revanchisten und Imperialisten der westdeutschen Regierung verraten hat.

Öfter seufzte unser Vater: Ach, hätten wir doch solch einen vielleicht kostengünstigen herrenlosen Wagen als Familienkutsche – aber daraus wurde nichts. Die Staatsmacht wusste die Fahrzeuge wohl schon irgendwo einzusetzen oder mit neuen Papieren gebraucht zu verkaufen.

Für ein Neufahrzeug reichte das hart erarbeitetet Geld der Eltern in ihrem gesamten Leben nicht. Kurz vor dem Krieg waren die erforderlichen 999,- RM (Reichsmark) für einen KdF-Wagen (Aktion: "Kraft durch Freude") fast zusammen gespart. Dieses Auto sah aus wie ein "Käfer". Aber noch auf den Fließbändern wurden diese Maschinen dann mit kriegsverwendungsfähigen Karossen versehen, damit sie zumindest den Eindruck eines Geländewagens vermittelten und in der Nachkriegszeit – wir aber davon inzwischen abgeschnitten – entstand in Wolfsburg tatsächlich der zivile VW-Käfer. Die Ersparnisse der Eltern, wie so vieler Menschen, waren aber ohnehin futsch.


Der Haarsör

Vor dem Fest werden noch einmal die Haare geschnitten. Wir, Vater und Sohn wirken danach erheblich jünger. Zu diesem Zwecke besucht uns der Haus-Friseur, Herr Walter Becker, der Nachfolger von Herrn Sowa, der also auch als „Wander-Friseur“ tätig ist. Er sucht seine Kunden auf und nicht umgekehrt. Herr Becker ist ein freundlicher, knapp mittelgroßer älterer Mann, der in der Rudolf-Breitscheid-Straße 72 wohnt. Er ist von grauer Gesichtsfarbe mit einer recht großen Nase, diese von hervor drängenden rot-blauen Äderchen gezeichnet, die er mit einem schwer nachahmlichen „blubb-blubb-bluff“ immer sehr geräuschvoll in sein Taschentuch schnäuzt oder mitunter auch schneuzt. Das Frisieren beginnt damit, den sogenannten Frisierkreppstreifen, nicht unähnlich dem Abschnitt einer Toilettenpapier-Rolle um den Hals zu legen, der verhindern soll, dass anschließend kleine Haarabschnitte die Haut so mächtig kratzen und pieksen. Ich aber halte es mehr für eine symbolische Handlung mit unnötigem Papierverbrauch. Zu Beginn ward stets die Frage nach der Art des gewünschten Haarschnitts gestellt. Das gehört zum Ritual. Jeder der Anwesenden sieht und weiß natürlich, nach welchem Muster beim vorigen Mal gekürzt worden war. Regelmäßig heißt es dann: Bitte einmal "Kurz“ (für 1,10 Mark, der Jungenhaarschnitt für

85 Pfennige). Später lässt mich meine Wahlfreiheit und Entscheidungsgewalt die Bitte „Fasson“ äußern. Erst ein knappes Jahrzehnt später wird es dann der „Rundschnitt“ sein. Das dann aber nicht mehr bei Herrn Becker. Gemütlich ist das bereits pseudohypnotisch wirkende Anlegen des Umhangs, bei dem einem schon fast die Augen zufallen können. Dazu das Klappern der Schere, die selbst im Leerlauf fleißig im Trab gehalten wird um nicht aus dem rechten Takt zu kommen und dann gar das sanft-monotone Schnurren der elektrischen Haarschneidemaschine. Öfter drückt des Beckers gekrümmter Zeigefinger unter meinem Kinn mich in die Wirklichkeit zurück und den Kopf damit etwas höher.

Die Anzugsordnung des Herrn Becker ist recht interessant – einer Zwiebel ähnlich. Weil ich ja nichts zu tun habe, als den Blick schweifen zu lassen, kann ich hinter den Schere Kamm und führenden Händen an seinen Handgelenken genau ausmachen, dass er stets über der schwärzlich behaarten Haut ein langes Unterhemd trägt, dann das buntkarierte Hemd darüber worauf nach außen dann im Winter ein, zwei dünne Pullover die Handgelenke umschließen, umhüllt von einem älteren Jackett. Im Preis des Haarschnitts ist diese Besichtigung eingeschlossen.

Wenn es an das Ausschaben der Haare hinten im Nacken geht, ist das ein sicheres Zeichen für das Ende der Prozedur und Mußezeit. Den Abschluss bilden stets ein Wischer mit dem breiten, weichen Pinsel über Gesicht und Hals sowie eine parfümierte Puderwolke aus dem Zerstäuber mit Gummiball. Ohne diese Zeremonie geht es nicht. Die neue "Tolle" ist somit fertig. Muttchen Dyck fragte dann hin und wieder scherzhaft, ob ich denn die Treppe hinuntergefallen sei (und mir dabei die Haare abgestoßen hätte). Bei Gleichaltrigen war da eher die „kahle Bonje“ im Sprachgebrauch.


Schwimmfest

Die offizielle Prüfung meiner Schwimmkenntnisse wurde auf dem Freischwimmer-Zeugnis am

13. August 1955 dokumentiert. Die Prüfung nahm der Schwimmlehrer, Herr Martin, ab. Die Respektsperson erscheint mit weißer Schiffermütze und im weißen Unterhemd zu blauer Trainingshose als Berufsbekleidung.

Die Prüfung besteht aus einer Viertelstunde des Brustschwimmens im Steg-Geviert der Badeanstalt – es war so ähnlich wie ein Kreisschwimmen, bloß eben mit Ecken, deshalb konnte es noch nicht den echten Kreismeisterschaften zugerechnet werden. Dieser Viertelstunde folgte als krönender Abschluss der Hopser vom niedrigen 1m-Brett des hohen Turmes.

Allerdings muss ich euch gestehen, dass ich mich zu späterer Zeit in einer Zwangslage befinden werde: Es ist mir dann nämlich nicht mehr möglich, euch den Wahrheitsgehalt meiner Ausführungen zu dokumentieren. Und das wird, hier ein kleiner Zeiten-Trick, so kommen:

1958, im 6. Schuljahr, wird unsere Klasse fast geschlossen die Fahrtenschwimmerprüfung ablegen. Es sind nur einige wenige Schüler die sich bis dahin am Nichtschwimmerstatus festhielten und deshalb danach streben sollen, sich vorerst frei zu schwimmen.

Das Doppel-Schwimmzeugnis befindet sich auf einem DIN-A 4-Blatt im Querformat. Die linke Seite trägt den Freischwimmer-Nachweis, der rechte Vordruck ist noch jungfräulich, blütenzart-weiß, unausgefüllt und enthält den Fahrtenschwimmer-Vordruck. Zum Neueintrag sammelt der Sportlehrer also die bisherigen Zeugnisse ein. Herr Freydank, unser Sportunterrichtender, sieht aus wie ein alter Germane: Ein Athlet, mittelblondes kräftiges gewelltes Haar, vom vielen Denken eine ebensolche gewellte Stirn, braungebrannt. Helle Augen.

Ein, zwei Tage nach unserer Prüfung des Fahrtenschwimmens ist unser Sportlehrer in den Westen „abgehauen“, "hat sich abgesetzt" oder ist "getürmt", beziehungsweise "nach Drüben" gegangen" oder wie man im Sächsischen eher sagt: "er ist in den Westen gemacht". Schon wieder einer. Unsere Zeugnisse werden nie wieder gefunden. Gelten als verloren. Ein Ersatz wird nicht ausgestellt. Nur deshalb stehe ich heute so vor euch und kann nichts belegen – außer euch vielleicht als Beweis eine Runde vorschwimmen.


Doch nun wieder schnell zurück in unser 55-er Jahr! Zuhause wartet nach der Schwimm-Prüfung eine große Überraschung:

Für unsere weißlackierten Stahlrohrbetten erhalten wir eine Bett-Leseleuchte und die sieht so aus: Ein waagerechtes zylindrisches weißes Drahtgestell mit zwei Rundhaken, so dass man diese Lampenbügel gut über das Bettgestell aus Stahlrohr hängen kann, ja, sehr ähnlich wie die Bügel einer Brille auf den Ohren sitzen oder das "Haltefragezeichen" eines Kleiderbügels. Das Drahtgestell ist als Blendschutz zu zwei Dritteln des Umfangs mit einer geschmackvollen Tiefdrucktapete bespannt, die zu besserer Haltbarkeit farblos lackiert ist. Nur nach unten hat das Licht den freien Austritt, denn in dem Gestell ist selbstverständlich auch die Fassung mit Glühlampe installiert. Prächtig. Dankeschön, liebe Eltern.


Organisierte sommerliche Ferienspiele

In den Sommerferien nehme ich wieder an den Ferienspielen der Schule teil. Dazu treffen wir uns im Volkspark Babelsberg (dem früheren Schloss-Park, als der Ort selbst noch Nowawes hieß) mit Schülern anderer Klassen und auch anderer Schulen zusammengewürfelt. Das ist sehr schön wenn man nicht nur Lehrer sieht. Die Hort-Erzieherinnen, die uns betreuen, haben in den Ferien keine Hortzeit. Sie sind lustig und unternehmen viel mit uns. Die wenigen Lehrer, die wir in den Ferien sehen, sind jetzt gar keine richtigen Lehrer, sondern sehr kameradschaftliche Kumpels. Nur beim Laufen auf der Straße gehen wir diszipliniert und in Zweierreihen und beim Anstehen in der Schlange zum Essenempfang. Jedes Kind hat dazu von zu Haus einen Behälter und einen Löffel mitgebracht. Ich habe ein Vorkriegs-„Kochgeschirr“ das ist ein in seiner Grundfläche nierenförmiger Blechtopf mit übergreifendem Deckel, wie er bei der Armee üblich war. Dazu besitze ich den strapazierfähigen Umhänge-Brotbeutel aus Muttis Jungmädel-Wanderzeit für das Frühstück.

Jeden Tag um die Mittagszeit gibt es also warmes Essen. Es wird von irgendwoher in großen doppelwandigen Behältern (Thermophoren) angeliefert. Außen grün, innen Aluminium. Die schnellen Mahlzeiten sind immer wohlschmeckend. Es gibt beispielsweise: Brühnudelsuppe (mal Sterne, mal Buchstaben) oder Weißkohl, mal Graupen (Kälberzähne), auch Kartoffelsuppe oder Erbsensuppe mit Bockwurst.

Warmer und später kalter Tee in allen Zwischentemperaturstufen können wir den ganzen Tag über trinken.

Wir malen, singen, kneten, vergnügen uns beim Fußball!, Sackhüpfen, Baden, sind eifrig beim Staffelwettlauf, Ballzielwurf, beschäftigen uns mit kleinen Schnitzarbeiten.

Wenn das Wetter mal nicht so sehr schön ist, gibt es ein anderes Programm: Wandern, wir hören vorgelesene Geschichten, lesen aber auch selbsttätig, basteln, kämpfen auf Brettspielen um Siege. Sind froh.

Auch waren wir mal in einem der Häuser im Neuen Garten, die im Holländischen Stil erbaut wurden, bei der großen Modelleisenbahn, die dort mit allen möglichen Landschaften in der Spurweite "Null" aufgebaut ist. Die Zukunft weiß: Später muss diese weichen, weil das Potsdamer Planetarium diesen Platz beansprucht. Aber nach 1990 wird auch das Planetarium umziehen – in die Gutenbergstraße – und modernisiert am neuen Ort ihre Gäste empfangen.


Gut Holz – Das fröhliche Holzhacken

Im Sommerhalbjahr ist auf dem Hof immer das Hacken der Holzscheite für den Winter angesagt. Eingekauft werden Baumscheibenrollen, zumeist aus Kieferbeständen, die dann mit Axt und Beil auf dem Hauklotz zu Scheiten, Scheitchen und Spänen ofenbereit zerteilt werden.

Einmal im Jahr kommt der gute Herr Paul Tietz, ist und isst zu Gast als Holzhacker. Er bessert mit dieser wichtigen Wintervorbereitung gewiss seine Rente etwas auf und pflegt dabei die Vielfalt sozialer Kontakte. Es ist für mich jedes Mal ein Schau-Fest, verbunden mit der Aufgabe, sobald er mit der Axt außer Reichweite ging, alles das, was er zerschlagen hatte, fort zu räumen und aufzuschichten.

In diesem Jahr hat sich der Arme aber wohl bei anderen Leuten leider selbst ins Bein gehackt, kann also nicht kommen. Er wird im nächsten Monat 65 Jahre alt – besser, es wäre ihm erspart geblieben. So kommt es, dass ich als einziger und damit dienstältester Sohn meiner Eltern zu seinem Nachfolger werde, was sich bei mir aber auf den Einsatz auf "unserem" Hof beschränkt, denn ich muss ja nicht so viel mit anderen Leuten schwatzen. Meine Tante Käte sagt bei solchen Un-Fällen äußerlich ungerührt: "Unjeschicktet Fleisch muss weg!"

Mit der großen Axt geht die Arbeit in diesem Jahr noch nicht aber das handliche Beilchen leistet mir und dem Holz gute Dienste. Erst beschwerlich und aussichtsarm ob der Menge, mit Blasen an den Händen. Später dann mit dem Wachsen der gehackten Umgebungshaufen, bin ich rechtschaffen zufrieden mit dem Werk. Kiefer lässt sich ausgezeichnet spalten und die Klinge halte ich stets scharf. Auch verabrede ich mit mir, schwierige Ast- und Wurzel-stücken nur grob zu trennen und die Feinzerlegung dem Ofen anzuvertrauen.

Das Aufschichten im „Stall“ (ohne Tiere) ist dann eher eine Entspannungsübung und man kann nochmals hübsch das Ergebnis betrachten. Immer mal bei Bedarf eine Querholzwischenlage, damit der prächtige, mehrreihige Stapel nie nach vorne kippt. Und wie das Holz so vor sich hin duftet! Eine Arbeit, von der ich im Ergebnis viel mehr sah mehr sah, als von den erledigten Mathe-Hausaufgaben – es waren ja zudem Große Ferien.

Um das Glück der Vorratswirtschaft voll zu machen: Für 3,- Mark können wir einen Holzsammelschein beim Förster oder richtig: Beim "VEB Forstwirtschaftsbetrieb" erwerben (als Ausweis immer mitführen!) und dann, im Sommer den Wald aufräumen, herabgefallene Äste, so genannten „Knack“ oder "Bruch" ernten, solange die Lagerkapazität und die Lust ausreichen. Da lohnt sich sogar der Weg bis in die Potsdamer Ravensberge (das ist dort, wo die Raben hausen). Wir haben ja den großen Handwagen mit dem völlig zerlegbaren Kasten, der sich für das Bergen solchen, auch überhängenden Transportguts hervorragend eignet. Und ein dicker Strick hilft das Ganze zusammenzuhalten.


Spiele und weitere Neuerungen

Einer aus unserer Klasse hat Streichhölzer mitgebracht, für die man keine Reibefläche einer Streichholzschachtel benötigt. Man kann diese sowohl an der Lederschuhsohle (Gummi geht nicht), als auch an der Fensterscheibe und sonstwo „anreißen“. Wieder so ein kleines Wunder. Die sind nicht im KONSUM eingekauft. Ansonsten ist es beliebt, auch außerhalb der Silvesterzeit kleine Knallereien zu veranstalten: Ein hohler Schlüssel, dahinein Pulver von abgekratzten Streichholzkuppen, ein passend abdichtender Nagel, beides mittels Schnur verbunden und halbwegs geschickt an die Wand (außen, im Freien) geschleudert, ergibt eine wunderschöne Explosion. (Bitte nicht weitersagen. Es wird als verboten verfolgt). Schießen mit Flitzbogen (der Armbrust des kleinen Mannes) aus Plaste, vorn aber statt der Pfeilspitze ein Saugnapf. So bleiben die Pfeile gut an glatten Flächen des Zielobjekts "kleben" und können niemanden verletzen. Neckbälle am Gummiband gibt es. Selbstgefertigte Blasrohre für Holunderbeeren. Selbstgebaute Katschies haben wir – Katapulte mit Gummizug als Wurfschleuder. Die gute Frau Weiß in der Rudolf-Breitscheid-Straße 80 freut sich immer, wenn die aufmerksamen Jungen einzelne Gummiringe für die Einweckgläser ihrer Mütter kaufen. Man musste sie nicht damit beunruhigen, dass ihr Geschäft unsere Waffentechnik vervollständigt.

Mode ist es, im Winterhalbjahr die Sohlen der Stiefel mit den sechseckigen "Soldaten-Nägeln" zu versehen. Man steht dann quasi nicht mit der Schuhsohle, sondern mit diesen Spikes auf dem Pflaster und läuft mit entsprechenden Geräuschen. Nur der eine Schuhmacher-Meister in der Ernst-Thälmann-Straße verfügt noch über solch einen Nagel-Vorrat und hat häufig Besuch von kaufwilligen Jungen. Den Sohlen tut das in Wirklichkeit gar nicht so gut.


Beliebt ist das "Klimpern", das Zielwerfen von Münzen in Richtung Hauswand mit Pfennigen.

Wird beim Werfen die schon liegende Münze eines Mitspielers getroffen darf diese in den eigenen Schatz dieses Werfers überführt werden. Mit der Münze die man mit geringstem Abstand zur Hauswand werfend platziert, kann man alle schlechter, mit größerem Abstand geworfenen ebenfalls als eigenen Gewinn einsammeln. Verwendet werden auch ungültige Altmünzen. Die aus der Kaiserzeit sind stets aktuell. Gültige DDR-Pfennige sorgen für einen doppelten Gewinn (an Münzenmenge + Realwert).


Septemberbesuch

An diesem Sonnabend wollten wir eigentlich Tante Marianne Seehafer in Berlin, in der Nähe des Schlachtensees besuchen. Vor einiger Zeit hatte sie geheiratet. Leider treffen wir sie nicht an, weil sie sich gerade bei, auf oder in einem Weiterbildungsseminar für Lehrer aufhält. Es war nur der neue Mann da, der "Onkel Hans", ein besonders freundlicher. Er ist kein Lehrer. Er ist ein Ingenieur. Aber das Schönste: Vor der Haustür, am Vorgartenzaun, steht ein interessantes kleines schwarzes Motorrad. Eine NSU, mit der die Beiden so manche dringenden Spazierfahrten erledigen. Einen großen Hund, einen gutmütigen Bernhardiner, haben sie auch. Der hat aber noch nie eine Labeflasche oder ein Fässchen mit Rettungsschnaps getragen, wie es in der Schweiz so üblich ist. Der Hund von Onkel Hans geht an diesem schönen Tag neben uns spazieren, mit traurig wirkenden Augen, obwohl er dazu kaum einen Grund gehabt haben dürfte.


Vertraute Fremdworte

Brüsche (mit langem "ü") – eine Beule (am Kopf, beim Zusammenstoß mit...).

"Dufte" – etwa so viel wie "Knorke" oder "Schau", also "sehr schön".

Kienäppel – Kiefernzapfen.

Pesen, wetzen – schnell laufen.


Einige Schlager des Jahres '55

Ganz Paris träumt von der Liebe, denn da ist sie

Caterina Valente // Nicole Felix

Ich möcht' auf Deiner Hochzeit tanzen

Bully Buhlan

Papa, du bist so reizend, so chic und elegant

Julia Axen

Weißer Holunder blüht wieder im Garten

von Bärbel Wachholz

Zwei Spuren im Schnee führ'n herab aus steiler

Vico Torriani


Wir sammeln weiter – und das ist gut so

In der Schule wird wieder fleißig gesammelt: Radiergummis, Hefte, Bleistifte usw., um diese in afrikanische oder asiatische Länder zu schicken, wo es die Kinder nicht so gut haben wie wir.


Solidarität. Schwerpunkt in diesem Jahr wieder: Die Menschen von Vietnam im Krieg.

Wir leben im Frieden. In der Schule wird auch in diesem Jahr wieder gesammelt: Radiergummis, Hefte, Bleistifte und Verbandstoffe wie oben und in den Vorjahren. Neu hinzu kommt die Aktion „100 Fahrräder für Vietnam". Ein Gast erklärt uns in der Schule zu diesem Sammelaufruf, dass die vietnamesischen Menschen nicht damit in ihrem heimatlichen Urwald spazieren fahren wollen. Die Räder werden an der Stelle von Lenker und Sattel mit Führungsstangen für vier rechts und links laufende Helfer ausgestattet, um damit schiebend die Lasten zur Versorgung der Bevölkerung und der Volksbefreiungsarmee zu transportieren, die im Kampf gegen das übermächtige amerikanische Militär stehen. Wir wollen es verdeutlichen: Wir sollen keine Fahrräder sammeln, sondern es wird um Geld gebeten für den Kauf, Umbau und Transport der Fahrräder bis nach Vietnam. Das Geld wollen wir in den "Rumpelmännchenaktionen" und somit vom Verkaufserlös der gesammelten Flaschen und Gläser, der Zeitungen, Lumpen und des Metallschrotts zusammen bekommen. Elterliche Spenden gelten ebenfalls als willkommen. Wir geben uns erfolgreich Mühe.






Liebe Leserinnen und Leser,


Dieser Teil-Bericht über das Leben endet hier mit dem Jahr 1955.

Die Fortsetzung "janecke-chris-2" ist als Datei ebenfalls vorrätig und begleitet uns

durch die Jahre 1956 bis 1960.


Freundliche Grüße,

Chris Janecke, Potsdam, am 31. Mai 2016