| Zurück zum Inhaltsverzeichnis |
Hinweise zur Zeitgeschichte der Jahre 1901
– 2000
Ein kleines Nachlesewerk
Heimatgeschichte. Notizen als Begleitung der Ahnen- und
Familienforschung, Stand: September 2008
Diese Beiträge zur Zeitgeschichte wurden zusammengestellt von: Chr. Janecke,
E-Mail: christoph@janecke.name
Verwendet wurden als Literaturquellen: Stein:
Kulturfahrplan, Autorenkollektiv Dr. Richter: Unsere Welt 1800 – 2000, Rezac:
Rund um die großen Erfindungen, Lenz: Das Buch der 1000 Rekorde, „Deutscher
Rundflug“, ungezählte Meldungen in Zeitungen und Zeitschriften, Radio und
Fernsehen. Diese Werke enthalten auch wertvolles Bildmaterial zur
Zeitgeschichte. Diese Notizensammlung erhebt keinen Anspruch auf
Vollständigkeit. Die übernommenen Notizen, Hinweise, Formulierungen und
Kommentare geben nicht in jedem Falle die Meinung des oben genannten Autors
wieder. Es wird daran gearbeitet, die Angaben zum vorliegenden Jahrhundert
weiter zu vervollständigen und die Beiträge zur Zeitgeschichte in die Zeiträume
vor und nach dem hier vorgestellten Teil des 20. Jahrhunderts auszudehnen.
1901. Das 20. Jahrhundert beginnt
Politik:
Den Friedensnobelpreis erhält der Schweizer Mitbegründer des Roten Kreuzes Henry Dunant. „Tutti fratelli! Alle sind Brüder!“ So sein damaliger Ruf im Jahre 1859 über das Schlachtfeld von Solferino am Gardasee in Italien. Siehe auch: Die Genfer Konventionen.
Häufige Protestversammlungen der SPD gegen die Erhöhung der Fleisch- und Getreidezölle. 15.000 Arbeitslose schließen sich allein in Berlin an. Die Auseinandersetzungen, auch im Parlament, münden in den „Zolltarifkrieg“ im Reichstag.
Königin Viktoria von England stirbt am 22. Januar 1901.
Wissenschaft:
Mit dem ersten Januar beginnt die regelmäßige Erfassung und Aufzeichnung der Wetterdaten.
Wilhelm Konrad Röntgen erhält den Physik-Nobelpreis für die Entdeckung der X-Strahlen. In diesem Jahr gelangen ihm auch die ersten Abbildungen von Gegenständen auf präpariertem Papier. Bereits seit 1895 arbeitete er an Versuchsserien.
Behring erhält den Nobelpreis für Medizin für die Entwicklung eines Serums gegen die schreckliche Infektionskrankheit „Diphtherie“, die in Epidemien zahllose Todesopfer forderte.
Arthur Berson vom Königlich Meteorologischen Institut Berlin und Reinhard Süring vom Meteorologisch-Magnetischen Observatorium in Potsdam, bewiesen die Existenz der Stratosphäre. Sie stiegen am 31. Juli 1901 auf dem Tempelhofer Feld bei Berlin mit dem Ballon „Preußen“ auf. Sie erreichten mit etwa 10.800 Metern einen Höhenweltrekord, der erst im Jahre 1931 durch Auguste Piccard abgelöst werden kann. In der eisigen, dünnen (sauerstoffarmen) Luft wurden sie ohnmächtig, konnten aber noch kurz vorher den Sinkflug einleiten. Die Lufttemperatur betrug -40°C. Einige Tausend Meter tiefer erwachten sie wieder. Sie landeten auf einer Wiese bei Cottbus. Den gigantischen Ballon von 8.400 qm Luftvolumen und den offenem Korb hatte der Potsdamer Baumeister Enders entwickelt und dem Potsdamer Observatorium geschenkt. Das Gesamtvorhaben fand unter der Schirmherrschaft des „Deutschen Vereins zur Förderung der Luftschiff-Fahrt“ statt.
K. Birkeland entwickelt eine Theorie zur Entstehung des Nordlichtes: Elektronenstrahlen der Sonne werden im Magnetfeld der Erde abgelenkt, was zu den Lichterscheinungen führt.
Karl Ferdinand Braun entwickelt den Kristalldetektor für die Funktechnik.
Breuil und Peyrony entdecken und erforschen in Frankreich verschiedene Höhlen mit Wandmalereien aus der Eiszeit. Dutton entdeckt den Erreger der Schlafkrankheit.
Thomas Alva Edison verbessert den elektrischen Eisen-Nickel-Akkumulator von Jungner.
Gillen und Spencer durchqueren Westaustralien von Süd nach Nord.
Der Italiener Marconi telegraphiert drahtlos über den Atlantik.
Herr Menna erfindet das Autogene Schweißen mit Acetylen (aus Karbid) und Sauerstoff.
Professor Slaby und Graf Arco erfinden für die Funktechnik eine Abstimmungsspule.
Fund des ersten vollständig erhaltenen Mammuts (mit Fleisch) im ewigen Frostboden Sibiriens. Der erste Wundschnellverband „Leukoplast“ wird entwickelt
Beginn der offiziellen Deutschen Antarktisforschung mit dem Start des Polarforschungsschiffes „Gauß“. 1. Reise: 11.08.1901 – 24.11.1903.
Max Planck veröffentlicht seine Quantentheorie.
Technik:
Eine Studiengesellschaft für elektrische Schnellbahnen beginnt mit Versuchsfahrten auf der Militärbahnstrecke Berlin – Zossen. Triebwagengeschwindigkeiten von mehr als 200 km/h werden erreicht.
Der erste tragbare Bürolocher „Phoenix“, wird 1901 von der Stuttgarter Firma Louis Leitz auf den Markt gebracht.
C. King Gillette meldet im Dezember in Boston (Massachusetts) das Patent für einen Rasierapparat mit auswechselbarer Klinge an, der wegen seiner leichteren Handhabung später das Rasiermesser ablösen wird. Ende des Jahres beginnt er mit der Herstellung von Rasierapparaten zur Nassrasur. (Die Wochenproduktion wird im Jahre 1950 100 Millionen Klingen betragen).
Das Automobil: Der nach Plänen von Daimler und Maybach gebaute „Mercedes“ ist das erste Auto, das keine Stilelemente einer Kutsche oder verstärkter Fahrräder mehr aufweist.
In Berlin nimmt bereits das erste elektrische Taxi, (ein “Akkumobil“) seinen Betrieb auf.
Der Engländer Booth stellt einen elektrischen Staubsauger vor.
Der Amerikaner Abraham erfindet den Druckknopf.
Die erste elektrische „Normaluhr“ wird in Deutschland aufgestellt.
Charles A. Parsons rüstet ein Handelsschiff mit einer Dampfturbine aus.
Der Reichsverband der Automobilindustrie e.V. wird gegründet.
Baubeginn des Teltowkanals südlich von Berlin (Fertigstellung im Jahre 1907).
Das erste europäische Fernheizwerk nimmt in Dresden den Betrieb auf.
Beginn der ersten Automobil-Fernfahrt „Berlin – Paris“ am 23. Juni.
Am 19. Dezember wird die erste Verkehrsregelung vermittels einer Ampelanlage in Berlin an der Kreuzung Unter den Linden – Friedrichstraße eingerichtet.
Potsdamer Bauten:
Auf der Insel Hermannswerder ist Baubeginn für die Gebäude der Hoffbauerstiftung, einer caritativen Einrichtung.
Erziehung / Bildung:
August Wichgraf, geboren am 24. Juni 1811 in Gumbinnen (Ostpreußen), Potsdamer Oberpräsidialrat, hatte in der Nowaweser Mittelstraße (heute Wichgrafstraße) im Jahre 1855 eine Musterweberei / Webschule gegründet. Er starb am 02. Mai 1901 und wurde auf dem Bornstedter Friedhof begraben.
Literatur:
Thomas Mann schreibt „Die Buddenbrooks“ und sein Bruder Heinrich die Satire „Im Schlaraffenland“.
Malerei:
Die Jahrhundertwende bedeutet auch eine große Wende für die Kunst. In der Malerei tritt für etwa zwei Jahrzehnte der Expressionismus „seine wilde, wirre Herrschaft“ an. Zu den Vertretern gehören auch Mantisse, Vlaminck, Dufy, Kandinsky, Marck, P. Klee, Macke, G. Grosz, Arp, Ernst, Feininger und Kokoschka. Kubisten, Surrealisten und Futuristen verzerren das äußere Bild, um zum Wesentlichen zu kommen, zur abstrakten „reinen“ Form und Farbe.
Musik und ähnliches:
Ragtime dominiert im Jazz. Die Zwölftonmusik will die Gleichberechtigung aller Töne zu Gehör bringen.
Die amerikanische Tänzerin Josephine Baker beginnt ihren kometenhaften Aufstieg mit einer Show in Paris. Barbusig aber mit einem Röckchen aus Bananen bestehend, entzückt die große schlanke Farbige die Männerwelt.
Dadaistische Stammler reihen sinnlose Wortfetzen „als das Wahre“ aneinander.
Max Reinhardt eröffnet am 09. Oktober in Berlin das Kabarett „Schall und Rauch“, das er ein Jahr später zum „Kleines Theater“ umformen wird.
Alltag:
Es tritt die Rechtschreibreform in Kraft. Nach vielen Streitereien ist es wohl nurmehr ein Reförmchen. Wir schreiben jetzt Thür, Thor, Thee und so weiter ohne „h“. Das Sitzmöbel „Sopha“ wird nun „Sofa“ geschrieben, doch bei vielen ähnlichen Worten wird aus unerfindlichen Gründen die bisherige Schreibweise beibehalten.
Der Trenchcoat findet als Regenmantel beim Militär Einzug.
Der 20jährige Schüler Karl Fischer (vom Steglitzer Gymnasium) gründet für die bürgerliche Jugend die Bewegung „Wandervogel“. Das Pergamonmuseum (Interimsbau) wird eröffnet.
Preise:
Eine Fahrt mit dem Pferdeomnibus (Zweispänner für 25 Personen) kostet 5 Pfennige.
Eine Bockwurst bei Aschinger kommt uns 30 Pfennige, dazu Brötchen, soviel man möchte, ohne zusätzliche Berechnung. Ein Glas Bier kostet 10 Pfennige.
Ein Arbeiter erhält oft nicht mehr als 20 Mark Wochenlohn, wovon die Familie zu ernähren und zu kleiden war – da waren auch 30 Pfennig viel Geld. Das Geld war meist aus Metall: Kupfer, Nickel, Silber und auch Gold. Einen Hundert-Mark-Schein hatten nur wenige bei sich.
Das Jahr 1902
Politik:
Der russische Sozialist Lew Trotzki flüchtet aus ostsibirischer Verbannung nach London (1905 ist er Arbeiterführer in Sankt Petersburg, 1906 erleidet er erneut Verbannung und Flucht). Karl Liebknecht wird Abgeordneter im Reichstag.
Kaiser Wilhelm II „sucht den Platz an der Sonne“, was soviel bedeutet, mit dem Wunsch nach afrikanischen Kolonien die „bereits vergebenen Gebiete der Welt“ neu aufzuteilen – mit Unterstützung durch eine starke Seestreitmacht.
05. Juni: Im Reichstag wird eine Gesetzesvorlage zur verstärkten Unterdrückung der polnischen Bevölkerung angenommen. Im gleichen Monat verurteilen Volksversammlungen dieses Gesetz.
Nach dem Tode der Königin Viktoria von England am 22. Januar 1901, sollte am 26. Juni dieses Jahres ihr Sohn Eduard VII (schon über 60 Jahre alt, verheiratet mit Alexandra) gekrönt werden. Plötzlich erkrankt der König am 24. Juni an einer Appendizitis. Zögerliche Internisten verhindern eine rechtzeitige Operation. Der Wurmfortsatz kann, bereits vereitert, „in letzter Minute“, mit Erfolg entfernt werden. (Siehe auch Medizin 1885).
13. / 14. September: 2. Konferenz sozialdemokratischer Frauen in München.
Wissenschaft:
Charles Richet (1850-1935) entdeckt die Anaphylaxie (Empfindlichkeit gegen artfremdes Eiweiß).
Emil Fischer gelingt der Nachweis über den Aufbau der Eiweißstoffe aus Aminosäuren. Guido Holzknecht begründet wissenschaftlich die Strahlentheorie (mit Dosismessung) mittels X-Strahlen. Nach Selbstversuchen wird er 1931 an Strahlenkrebs sterben.
Dem Mediziner Cushing gelingt die erste feinste Nervennaht.
Ernst Rolff erfindet den Rastertiefdruck.
Just und Hana entdecken die Möglichkeit der Lichtabgabe von Wolfram.
Wilhelm Dörpfeld berichtet über eigene Ausgrabungen in Troja und Ilion.
Köpsel erfindet den Drehkondensator zur Abstimmung elektrischer Schwingungen (z. B. im Radio angewendet).
In Paola, einem Vorort von Valetta auf Malta, wurde beim Bau eines Hauses zufällig ein darunter liegendes Heiligtum entdeckt. Ein antiker Palast unter der Erde, vielleicht ein Totentempel, drei Stockwerke, bis 14 m tief in den Kalkstein gehauen.
Naturwissenschaft:
Im afrikanischen Uganda werden von weißen Männern erstmals Berggorillas gesichtet.
Der Paläontologe Barnum Brown entdeckt in diesem Jahr als erster Forscher Fossilien des Raub-Dinosauriers „Tyrannosaurus Rex“, mit 15 Metern Länge und 8 t Masse, das größte bisher entdeckte Landraubtier.
Technik:
Hugo Junkers entwickelt den Gasbadeofen.
Die ersten Trommelwaschmaschinen mit Handkurbelantrieb werden angeboten.
Die Große Industrie-, Gewerbe und Kunstausstellung lädt nach Düsseldorf am Rhein ein. Viele Exponate sind im „Jugendstil“ gestaltet.
Der Ingenieur Robert Bosch erfindet die Hochspannungsmagnetzündung für schnelllaufende Motore.
Frank und Caro Birkeland sowie Eyde befassen sich mit der Verwendbarkeit von Luftstickstoff.
Am 18. Februar wird in Berlin die erste U- bzw. Hochbahnstrecke Deutschlands eröffnet. Sie führt vom Potsdamer Platz bis zum Stralauer Tor. Am 11. März wird der Streckenabschnitt Potsdamer Platz -Zoologischer Garten eröffnet. Am 17. August folgt die Hochbahnstrecke Stralauer Tor zur Warschauer Brücke und die Strecke Zoo – Knie.
Das Fünfmastvollschiff „Preußen“, das größte Segelschiff Deutschlands, wird in den Dienst gestellt. (1911 wird es stranden).
Potsdamer Bauten:
Der Gebäudekomplex für die Regierung der Provinz Brandenburg wird in der Spandauer Straße 32-33 errichtet und 1906 fertiggestellt (heute Stadtverwaltung, Fr.-Ebert-Str. 79 -80)
In Bornim wird am Fuße des Pannberges der Bau der Kirche begonnen. Das Kirchgebäude, durch Baumeister Kickton erstellt, wird bereits im nächsten Jahr geweiht werden.
1899 begonnen und jetzt fertig gestellt, wurde die vom Baumeister Schwechten auf dem Brauhausberg gebaute Kriegsschule.
Der Park von Sanssouci erhält unterhalb der Orangerie die Bronzeplastik „Bogenschütze“ von Geyger.
Wirtschaft:
Der Türkische Sultan unterzeichnet die Bagdadbahn–Konzession am 12. Januar. Die Orientreise von Kaiser Wilhelm II im Spätherbst gleicht einem Märchen aus 1000 und Einer Nacht: Feierliche Schiffsabfahrt in Venedig, prunkvoll die Ankunft in Konstantinopel (Istanbul), phantastisch der Einzug in Jerusalem. Mit Sultan Abdul Hamid II. und dem Vorstand der Deutschen Bank, Georg v. Siemens, erörtert er den Bau einer der spektakulärsten Eisenbahnlinien der Welt. Ein Vorhaben noch nicht gekannter Dimension: Von Berlin durch Deutschland nach Istanbul (der Hauptstadt des Osmanischen Reiches), durch Kleinasien nach Damaskus und weiter über Bagdad nach Basra, dem Hafen am Persischen Golf wird die Strecke führen. Der Bau einer 2.500 km langen Strecke durch das bis 3.000 m hohe. Taurus- und Amanus-Gebirge ist eine technische und finanzielle Herausforderung aber auch eine Politische. Berührt doch die Strecke die Interessen verschiedener Kolonialherren: Frankreich-Syrien, England-Persischer Golf, behindert von der Rivalität zwischen Russen und Osmanen auf dem Balkan. Der Bau liegt in den Händen von Philipp Holzmann. Schienen von Krupp (heute nach 100 Jahren noch lesbar). Auch Lokomotiven und Waggons kommen aus Deutschland. Der Bau wird dann 1904 beginnen und soll 1913 beendet werden. In sieben Jahren baut Deutschland 44 Tunnel mit 20 km Gesamtlänge. Der Euphrat wird mit einem imposanten Brückenbauwerk überspannt. Bis zu 35.000 Arbeiter sind auf den Baustellen eingesetzt. Durch den Weltkrieg, den Zerfall des Osmanischen Reiches und neue Kräfteverhältnisse im Orient, kann aber der erste durchgehende Zug Istanbul - Basra zeitlich erst sehr verzögert fahren. Noch heute sieht man in Arabien Bahnhofshäuschen im deutschen Schwarzwald-Stil.
In Berlin wird die Industrie- und Handelskammer gegründet.
Kunst und Kultur:
Humperdinck komponiert die Märchenoper „Dornröschen“.
Das Jahr 1902 gilt als das Geburtsjahr des deutschen Films.
Literatur/Erziehung:
Am 1. April wird Rosa Luxemburg Redakteurin der Leipziger Volkszeitung. Die Chefredakteurstelle hat Franz Mehring inne.
Peter Rosegger schreibt: „Als ich noch ein Waldbauernbub war.“
Das Buch von Max Eyth. „Der Kampf um die Cheopspyramide“ wird veröffentlicht.
Der Däne Nicolai Grundvig gründet in Berlin die „Volkshochschule“ nach der Idee der freien modernen Volksbildung für Jedermann. Oskar Meßter dreht den Film „Salome“.
Alltag:
In Buch (Waldhaus) bei Berlin wird ein Heim für Lungenkranke eröffnet.
In Treptow bei Berlin finden von diesem Jahr an Fahrradrennen statt.
14. Juni: Internationale Bootsausstellung am Wannsee.
Naturgewalten:
Auf der Insel Martinique bricht am 08. Mai der Vulkan „Montagne Pelé“ aus. Fast alle Bewohner von Sankt Pierre, etwa 26.000 Menschen, ersticken binnen weniger Minuten. Die Glutwolke verbrennt / versenkt auch 18 Schiffe, die in der Bucht vor St. Pierre auf Reede lagen. Eines der Wracks wird später, im Jahre 1978, von Tauchern des Forschungsschiffes „Calypso“ unter der Führung von Jaques Cousteau untersucht.
Aus dem
Jahre 1903
Politik:
Der Reichstag wird wieder neu gewählt. Wie selbstverständlich wird den Frauen erneut kein Wahlrecht zugestanden (siehe auch 1907 / 1908).
Der Reichstag setzt am 23. März das Kinderschutzgesetz in Kraft.
In Russland spalten sich die Sozialisten wegen der von Lenin verordneten zentralistischen Organisation in Bolschewiki (Mehrheit) und Menschewiki (Minderheit).
Wissenschaft:
Den Physik-Nobelpreis erhalten für die Erforschung der Radioaktivität: H. Bequerel, Marie Sklodowska-Curie und Pierre Curie.
Theodor Boverie (?) beschreibt erstmals Chromosomen.
Wilhelm Eindhoven entwickelt das Elektrokardiogramm.
O. Schlick entwickelt den Schiffskreisel zur Schlingerdämpfung.
Die Daktyloskopie hält in der Kriminalistik Einzug.
Roald Amundsen begibt sich für drei Jahre mit dem Schiff „Göja“ auf eine Nordpolargebietexpedition, bei der er auch endlich die lange gesuchte Nordwestpassage findet und „bezwingen“ kann.
Der russische Lehrer Konstantin Eduardowitsch Ziolkowski (1857 – 1935) gilt als „der Vater“ der Raketentechnik. In diesem Jahr schlägt er den Bau von mehrstufigen Flüssigkeitsraketen vor, die dem Verlassen der Erde mit Rückstoßkraft dienen sollen. Er findet im zaristischen Russland aber wenig Gehör für seine Überlegungen, mit denen er den gesellschaftlichen Interessen weit vorauseilt. So gilt der Gelehrte eher als ein Sonderling.
Technik:
Erfindung der Thermoskanne durch die Glasbläser Burger und Reinhold in der Glashütte bei Baruth im Brandenburger Land.
Ein deutscher Elektrotriebwagen der Eisenbahn erreicht erstmals eine Geschwindigkeit von 210 km / h.
Die Potsdamer Sternwarte erhält ein 800 mm - Fernrohr mit „Stenbeil-Objektiv“.
17. Dezember 1903: Die beiden amerikanischen Pfarrerssöhne und Fahrradmechaniker, sowie Aviatiker, die Brüder Orville und Wilbur (1876 – 1912) Wright stellen in den Sanddünen von Kitty Hawk (USA) den ersten Motorflug der Welt mit dem Doppeldecker „The Flyer“ vor und fliegen in 12 Sekunden 50 m weit. Wenig später in einer Sekunde 255m.
Der Berliner Feinmechaniker Oskar Meßter beginnt in diesem Jahr Versuche mit kurzen Grammophon-Tonfilmen. Bei der Vorstellung des Stummfilms wird der Ton von der Schallplatte über sehr große Grammophontrichter in den Saal abgegeben. Allgemein üblich ist aber noch der Filmerklärer vor der Leinwand, der auch selber zusätzlich charakteristische Töne macht, vom unentbehrlichen Klavierspieler unterstützt. Oskar Meßter wird später Filmunternehmer.
Wirtschaft:
In Dresden wird am 17. / 18. Mai, auf dem ersten Genossenschaftstag, der Zentralverband deutscher Konsumvereine gegründet.
Am 27. Mai wird die Gesellschaft für drahtlose Telegraphie mbH „Telefunken“ gegründet – ein Gemeinschaftsunternehmen von Siemens und Halske sowie der AEG.
Am 04. August: Erste internationale Konferenz zur Funktelegraphie in Berlin. Konzernvergrößerung durch Zusammenschluss der Starkstromabteilungen von Siemens und Schuckert.
Am 8. Juli wird die erste elektrische S-Bahnstrecke in Berlin vom Potsdamer Vorortbahnhof nach Lichterfelde-Ost eröffnet.
Am 01. Oktober: Die erste Berliner Autodroschke (Taxi), ein NAG-Wagen, nimmt für ein Jahrzehnt des täglichen Einsatzes seinen Dienst auf.
In Wuppertal, zwischen Barmen und Elberfeld wird die erste Hängebahn, „Schwebebahn“ genannt, eröffnet. (Der erste Absturzunfall eines Wagens wird sich im Jahre 1999 ereignen).
Henry Ford gründet eine Automobil-Gesellschaft für die Massenproduktion von Fahrzeugen.
Rekord: Ein Kraftwagen durchquert die USA von Ost nach West in 65 Tagen.
Potsdamer Bauten:
Bau der Neuen Synagoge am Wilhelmplatz neben der Hauptpost vom Architekten Kerwin entworfen. Ein moderner Barockbau aus rotem Sandstein. Er wird nur 35 Jahre benutzt werden können, denn in der „Reichskristallnacht“ / „Reichsprogromnacht“ am 9. November 1938 wird die Synagoge zerstört.
Literatur:
Gerhard Hauptmann schreibt „Rose Bernd“.
Sven Hedin veröffentlicht sein Buch „Im Herzen von Asien“.
Mode:
Die Welle der Reformbewegung erfasst auch die Mode: Paul Schultze-Naumburg proklamiert, dass das Frauenkleid seinen Halt auf den Schultern suchen müsste. Es ist das neue, gesunde Hängekleid, wie es schon Pfarrer Kneipp forderte oder auch der Reformsack, wie die Gegner sagen.
Alltag:
Richard Steiff ersinnt den „Teddybären“ als Kinderspielzeug. Markenzeichen: Knopf im Ohr. Der Bär erhielt seinen Teddy-Namen nach dem Präsidenten der USA Theodore Roosevelt.
In den USA wird ein Genussartikel für Sommertage entwickelt. Die Eiswaffel (mit Inhalt).
Das Radrennen „Tour de France“ findet zum ersten Male statt.
Am 08. Mai wird der „Allgemeine Deutsche Autoclub“ (ADAC) gegründet.
Notizen zum
Jahre 1904
Politik:
In Afrika wird der Aufstand der Hereros niedergeschlagen. Holzkeulen gegen kaiserlich deutsche Maschinengewehre. Über 30.000 Hereros fallen und etwa 1.500 deutsche Soldaten.
Russisch-Japanischer Krieg 1904 / 05 mit Schlachten bei Port Arthur und Tsushima. Japan gewinnt den Krieg.
Wissenschaft:
A. Korn entwickelt die Fernfotografie. Er ist Physiker. In diesem Jahr gelingt ihm auch die erste Bildübertragung (als Vorstufe des Fernsehens). In den Jahren 1914 – 1939 wird er als Lehrer an der Technischen Hochschule in Berlin-Charlottenburg wirken.
K. Schwarzschild entwickelt die Zenit-Kamera für geographische Ortsbestimmungen.
Rubel erfindet den Offsetdruck vom Gummituch.
E. Rutherford und F. Soddy deuten die Radioaktivität als den Zerfall von Atomkernen.
Stolz stellt Adrenalin als erstes synthetisches Hormon her.
Technik:
Der Amerikaner Reno baut die erste Rolltreppe.
Berliner Bauten:
Das Kaiser-Friedrich-Museum (Bode-Bau) wird eröffnet.
Der Bau des Doms am Ufer der Spree wird beendet. Er dient als evangelische Hauptkirche und eine der letzten Ruhestätten für die Kaiserlich-königliche Familie.
Wirtschaft:
In Amerika wird der Bau des Panama-Kanals in Angriff genommen. An der schmalsten Stelle des Kontinents baute dort zunächst eine US-Gesellschaft eine Eisenbahnstrecke, die auf diesem Wege kleineren Schiffen die Ost-West-Passage auf dem Schienenweg ermöglichte. Kolumbien erklärte sich bereit, dem Bauherrn USA einen Landstreifen zu verkaufen. Mit dem Bau wird 1904 begonnen und nach vielen Strapazen und Opfern an Menschenleben kann ein Jahrzehnt später, am 15. August 1914 das erste Schiff den Kanal passieren. Somit wird
die unheimlich große Baustelle in Amerika beendet und mit dieser Schiffspassage der Panamakanal, der den Atlantischen Ozean mit dem Pazifik verbindet, eröffnet.
In Berlin öffnet das Warenhaus „Wertheim“ in der Leipziger Straße. Architekt Alfred Messel (1853-1909). Ebenso wird die neue Hofkirche „Der Berliner Dom“ fertig gestellt. (Baubeginn war 1894. Architekten Julius sen. und Otto jun. Raschdorff.
Die erste deutsche Gasfernleitung zwischen Lübeck und Travemünde in Betrieb genommen.
Die chinesische Shantung-Bahn, von Deutschland seit 1899 erbaut, wird dem Verkehr übergeben, ebenso die Trans-Baikal-Bahn von Irkutsk nach Ruchlowo (seit 1900 im Bau).
Die englische Automobilfabrik Rolls Royce wird gegründet.
Bildung und Erziehung:
Die taubblinde Helen Keller promoviert zum Dr. der Philosophie.
Sport:
In Amerika wird der Schwimmstil „Crawl“ entwickelt, das Kraulen gibt es auch bald in Deutschland.
Zeitgeschichte
– das Jahr 1905
Politik:
Die Norweger entscheiden sich bei einer Volksabstimmung gegen den zu engen Zusammenhang mit dem übermächtigen Schweden. Mit dem Vertrag von Kristiana von 1907 wird Norwegen unabhängig.
Der Friedensnobelpreis wird Berta von Suttner (Österreich) verliehen.
Bürgerlich-demokratische Revolution in Russland (1905 – 1907) mit Teilerfolgen. Der Zar Nikolaus II erlässt das „Manifest über die Freiheiten“. Berlin wird zum Sammelpunkt vieler russischer Emigranten, die allerdings durch die Polizei des Deutschen Staates und durch denunzierfreudige Bürger bespitzelt werden.
Meuterei auf dem Schlachtschiff „Potemkin“: Nach dem sich ein Marinesoldat beschwert hatte, wurde er von einem Offizier kurzerhand erschossen. Daraufhin beginnt die Besatzung am 27. Juni 1905 in Odessa eine Meuterei. Bei dieser wird die Schiffsführung getötet. Letztendlich wird der Aufstand niedergeschlagen und die Besatzung flüchtet in die rumänische Hafenstadt Konstanta.
Wissenschaft:
Der Nobel-Preis für Medizin geht an Robert Koch, für die Ergebnisse in der Tuberkuloseforschung.
Der Skandinavier Sven Hedin erforscht ab 1905 mehrjährig Persien und Tibet und entdeckt (wohl 1908) für Europa das Transhimalaja-Gebirge. Bruce und Lavard durchqueren Tibet und die Wüste Gobi bis Peking.
Albert Einstein erweitert Max Plancks „Grundlagen der Quantentheorie“. Des Weiteren stellt er die spezielle Relativitätstheorie vor, als Folgerung aus dem Prinzip von der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit.
Technik:
Die nun schon bekannten Wrights fliegen inzwischen mit verbesserten Aeroplanen Flüge in der Größenordnung von 45 km in 38 Minuten.
In Großbritannien wird die Produktion des Fahrzeuges „Rolls Roys“ aufgenommen.
Das Auto „als Normalwagen“, also durchschnittlicher Größe, kostet in deutschen Landen etwa 23.500 Goldmark.
Osram stattet jetzt die elektrischen Glühlampen mit Wolframfäden aus.
Der Russe Laurent erfindet den Feuerlöscher mit chemischer Löschsubstanz.
Gesundheit:
In Berlin öffnet die erste Beratungsstelle für junge Mütter. Die Babys dürfen aufatmen: „Penaten“ kommt auf den Markt. Eine spezielle Schutzcreme gegen das Wund-Werden.
Eine Pestepidemie in Indien fordert hunderttausende Menschen an Opfern, ebenso wütet die Pest auch in Südafrika. Die Bekämpfung konzentriert sich auf das Vernichten von Ratten und Flöhen.
Wirtschaft:
Der Bau des Mittelland-Kanals, der Verbindung zwischen Rhein und Elbe beginnt. (Fertigstellung des letzten Stücks 1926-38).
Gründung der Mitteleuropäischen Schlaf- und Speisewagen AG (MITROPA).
Einrichtung eines öffentlichen Autobusverkehrs in Berlin.
Fouche und E. Witt entwickeln das autogene Schweißen weiter.
Owens entwickelt eine Flaschenglasmaschine für die Herstellung von 60.000 Bierflaschen je Schicht.
In Berlin (Dessauer Straße) wird die erste Chauffeurschule (Fahrschule) gegründet.
Das Leben in Berlin wird gefährlicher, denn das hilfreiche Feuerlöschgerätewerk ist umgezogen. Es hat sich jetzt im uckermärkischen Neuruppin niedergelassen, um dort in der alten Heimat von Schinkel und Fontane, die wichtigen Spitztütenlöscher herzustellen.
Kunst und Kultur, Literatur:
Max Reinhardt übernimmt das „Deutsche Theater“ in der Berliner Schumannstraße und eröffnet es mit dem Stück „Kätchen von Heilbronn“ von Heinrich v. Kleist. Außerdem hat er den „Sommernachtstraum“ und „Der Kaufmann von Venedig“ im Programm. Den Literatur-Nobelpreis erhält Henryk Sienkiewicz (Polen). Heinrich Mann schreibt: „Professor Unrat“. Ernst Haeckel, in Potsdam geboren, verfasst „Der Kampf um den Entwicklungsgedanken“. In Dresden wird die „Brücke“ gegründet, eine Gemeinschaft expressionistisch schaffender Künstler um Karl Schmidt-Rottuf und Ernst-Ludwig Kirchner. Die bekannte Schriftstellerin Hedwig Courths-Mahler zieht um. In die Dönhoffstraße in Karlshorst. Sie schafft es, jährlich bis zu einem Dutzend Kitschromane zu schreiben. Diese werden in hohen Auflagezahlen gedruckt und von den Lesern wie Drogen konsumiert.
Im ersten Jahrzehnt dieses neuen Jahrhunderts ist Berlin mit etwa 30 Bühnen ein Zentrum der Schauspielkunst.
Naturereignisse:
Die chinesische Wollhandkrabbe gelangt nach Europa und entwickelt sich zur Plage.
In Japan taucht „langsam“ eine Insel auf dem Meer auf. Sie erhält den „Geburtsnamen“ Nushima. Einige Monate später versinkt sie jedoch wieder in der Tiefe des Meeres.
Alltag/Mode:
Korsettlose Hemdkleider leiten allmählich die schnürleibfreie gesunde Damenmode ein.
Die Wohnungen zeigen sich aber überwiegend dunkel gehalten, oft mit Ausstattungsgegenständen und zahlreichen Staubfängern überladen.
1906
Politik:
Am 16. Januar beginnen unter Teilnahme von 11 Ländern Verhandlungen zur Beilegung des deutsch-französischen Konfliktes um Marokko.
Die Regierungsvorlage über „Hunger- und Wucherzölle“ wird im Reichstag in Kraft gesetzt.
Der Schuster Wilhelm Voigt beschafft sich in Potsdam, Mittelstraße 3, eine Uniform und setzt als Hauptmann verkleidet mit einigen Soldaten, die er auf der Straße zum Sondereinsatz requirierte, die Köpenicker Stadtregierung fest und erbeutet die Stadtkasse. Später schrieb dazu Zuckmayer das Theaterstück „Der Hauptmann von Köpenick“. Dieser sozialkritische Stoff wird später auch verfilmt (Heinz Rühmann in der Hauptrolle).
Das Internationale Nachtarbeitsverbot für Frauen wird erlassen.
Der persische Schah gibt seinem Land eine Verfassung.
Wissenschaft:
Erstmals in der Menschheitsgeschichte gelingt die Ferntelephonie ohne Verbindungsdraht. Die Großfunkstation Nauen ermöglicht weltweite Fernsprechverbindungen.
F. G. Hopkins begründet ersten klaren Hinweis auf die „Vitamine“, als geringe, noch unbekannte aber lebenswichtige Stoffe in der Nahrung.
Prägung des Begriffes „Hormone“ für die Wirkstoffe der innersekretorischen Drüsen.
Albert Einstein begründet das Gesetz von der Gleichwertigkeit von Masse und Energie (wird zum Schlüssel der Atomkernforschung).
August von Wassermann (1866 – 1925) entwickelt die Serumdiagnose der Syphilis.
Robert Koch (1843 – 1910), Mitbegründer der Bakteriologie, entdeckt die Wirksamkeit von Arsen gegen den Erreger der Schlafkrankheit. Er erhält 1905 den Nobelpreis für Medizin.
Erste internationale Konferenz für Krebsforschung in Heidelberg und Frankfurt (Main).
Walter Nernst prägt den Satz von der Unerreichbarkeit des absoluten Nullpunktes.
Amundsen gelingt erstmals mit einem Schiff die Nordwestpassage. Seit 1903 ist er unterwegs (1904 am magnetischen Pol).
Der Seenotrettungsruf: „Save Our Souls – rettet unsere Seelen“ wird festgelegt. Ein Übereinkommen zwischen der britischen Marconi Co. und der deutschen Telefunken Gesellschaft legt am 3. Oktober auf der Berliner Funk-Konferenz das „SOS“ als internationales Notsignal fest. Es wird erstmals 1909 von der „Slavonia“, die vor den Azoren Schiffbruch erleidet, gesendet.
Die Ausgrabung hethitischer Keilschrifttafeln in der östlichen Türkei wird zur Sensation.
Technik und Wirtschaft:
Das Parseval-Luftschiff nimmt den Dienst auf. Mit 90 PS, 45 km/Stunde schnell. (Der Entwickler heißt Parseval).
Fourcault entwickelt eine Ziehmaschine für Flachglas.
Scharfenberg erfindet die automatische Eisenbahnkupplung.
Die Mercedes – Büromaschinenwerke werden in Berlin gegründet.
Der Simplon-Tunnel ist fertig. Baubeginn war 1898. Er ist 19.823 km lang.
Der Hamburger Hauptbahnhof nimmt den Betrieb auf.
Das Feuerschiff „Reserve Sonderburg“ läuft in Bremen vom Stapel. Später wird es umgebaut und als Segelschulschiff den Namen „Alexander v. Humboldt“ erhalten.
Der sozial engagierte Elektro-Unternehmer Robert Bosch führt in seiner Firma den Acht-Stunden-Arbeitstag ein. Bei dem bestehenden Auto-Boom gründet er den „Bosch-Dienst“, einen Kundenservice.
Der Schwede Sundback konstruiert den Reißverschluss. Vielleicht hätte er seine Erfindung besser Zugverschluss nennen sollen, dann wären nicht so viele von grober Betätigung zerrissen worden.
Die Entwicklung einer Verstärkerröhre durch Forrest und Liebe ist erfolgreich verlaufen.
Kultur:
Max Reinhardt gründet in Berlin die „Kammerspiele“ (Kleines Haus am Deutschen Theater). Dieser Neubau ist ein 400 Personen fassendes Gebäude ohne eingebauten Rang. Neu auf dem Plan steht unter anderen Stücken „Das Wintermärchen“.
Wilhelm von Bode wird (bis 1920) Generaldirektor der Berliner Museen.
Literatur:
Friedrich Meinecke schreibt: „Das Zeitalter der deutschen Erhebung“, über die Geschichte der Befreiungskriege. Fridtjof Nansen (1861 – 1930) schreibt über die norwegische Nordpolar-Expedition 1893 – 1896. Marie von Ebner-Eschenbach veröffentlicht: „Meine Kinderjahre“ und Ricarda Huch: „Die Verteidigung Roms“. Herr Löns „Mein braunes Buch“ (Heidbilder).
Soziales:
Der Arbeitstag darf nunmehr nicht mehr als neun Stunden betragen.
Sport:
Die Olympiade findet in Athen statt.
Jiu-Jitsu (Selbstverteidigung) gewinnt in Europa an Verbreitung.
Alltag/Mode:
Der jüngst kreierte Hosenrock stößt in Paris auf heftige Ablehnung.
Naturgewalten:
San Franzisko / Kalifornien erleidet am18. April um 5.12 ein 48 Sekunden langes, ein gewaltiges Erdbeben mit 8,3 Punkten auf der Richter-Skala. Hier stießen die pazifische und die nordamerikanische Platte aufeinander. Das Erdbeben legt die Stadt in Trümmer. Es entfacht Feuer mit anschließenden verheerenden Bränden. Viele Nachbeben folgten. 3.000 Menschenleben waren zu beklagen aber 300.000 werden obdachlos. Der Schriftsteller Jack London, der hier wohnt, berichtet über dieses schreckliche Ereignis und fertigt viele Fotos. Am Vorabend sang Enrico Caruso in „Carmen“ in der Stadt. (Bis zur Weltausstellung in San Francisco 1915 wird die Stadt wieder aufgebaut). In Kolumbien gab es ebenfalls Erdbeben. Auch der Vesuv brach in diesem Jahr aus.
Das Jahr 1907
Politik:
Die sozialistische Internationale beschließt, den drohenden Krieg zum Sturz des Kapitalismus zu nutzen.
Gemäß der preußischen Gesetzgebung ist „Frauenspersonen, Geisteskranken, Schülern und Lehrlingen die Zugehörigkeit zu politischen Vereinen verboten“. In dieser Fassung wird die Gesetzgebung nur noch bis 1908 Gültigkeit besitzen können. Selbst in öffentlichen Versammlungen dürfen Frauen nur auf der Empore eines Saales sitzen, beziehungsweise, wenn keine vorhanden ist, hinter einem Seil, das im hinteren Teil des Saales ein kleines Frauenabteil abtrennte. (Quelle: Martha Balzer, Erinnerungen).
In diesen Tagen hält sich Lenin (Wladimir Iljitsch Uljanow) mit seiner Frau Nadeshda Krupskaja auf der Durchreise in Berlin auf. Sie waren auf der Flucht aus dem finnischen Exil und ihr nächstes Ziel war die Schweiz. In Berlin wohnt auch Lenins Schwester, Anna Elisaroff geb. Uljanow. Bei ihr lagen beide Gäste während des verlängerten Durchreiseaufenthaltes, um eine Fischvergiftung (die sie sich in einem Berliner Lokal zugezogen hatten) auszukurieren.
Deutschland schafft sich ein Kolonialministerium.
Der amerikanische Staat Oklahoma tritt den USA bei.
Die amerikanischen Brüder Wright sind in Berlin und bieten dem preußischen Kriegsministerium ihre Erfindung an – ein Motorflugzeug – was aber bei den Herren vom Ministerium nicht auf Interesse stößt.
Wissenschaft
Aurelius Stein (in Österreich geboren aber britischer Staatsbürger, hörte von den Höhlen bei Tunhuang in China am Rande der Wüste Gobi (Höhlen der Tausend Buddhas).
Diese Höhlen enthalten eine zugemauerte Kammer mit etwa 300.000 Schriftrollen / Schriftbänden) aus dem 6. – 11. Jahrhundert – ein einzigartiger Schatz, der wegen der trockenen, stehenden Luft im Raum ungewöhnlich gut erhalten geblieben war. Einen Teil der Entdeckung bringt Stein später als Kunstraub nach England, wofür er zu Hause geadelt wird.
Im März mischt der Herr Apotheker Meyenburg in Dresden die erste Zahnputzpasta. Sie sieht grün/blau aus und erhält den Namen „Chlorodont“.
Cl. Pirquet kann die Tuberkulose mit einem Tuberkulin-Test diagnostizieren.
Rasputin wird als Heiler an den Zarenhof gerufen, weil der junge, künftige Zar Alexej ein Bluter ist.
August Musger prägt den Begriff der „Zeitlupe“.
In Potsdam wird die Photometrische Durchmusterung des Himmels von 14.200 Sternen vorgenommen. Pickering erstellt einen Katalog für die Klassifizierung von Sternen nach ihren Helligkeiten.
Erste Untersuchungen der Wirkung von Röntgenstrahlen auf biologische Objekte erfolgen.
Technik:
Arthur Korn gelingt die Bildtelegraphie über die Entfernung München – Berlin – Paris – London.
Erstmals wird (in den USA) die moderne Glühlampe mit Wolframfaden produziert; entwickelt von den Österreichern Alexander Just und Franz Hanmann. Diese Entwicklung hatte viele „Vorbereiter“, darunter der wohl bekannteste: Thomas Alva Edison, der mit vielen Glühmaterialien experimentiert und sich 1880 letztlich auf den Kohlefaden festgelegt hatte.
Berlin ist in “heller“ Aufregung. Die Teilnehmer der Autofernfahrt Peking – Paris mit einer Streckenlänge von 13.000 km machen in der deutschen Hauptstadt einen Etappenaufenthalt. Als Gesamtfahrzeit sind für alle, die das Ziel erreichen, zwei Monate Fahrzeit angesetzt. Leider sind für den Automobilbau auch schon Interessenten vorhanden, die solche Fahrzeuge für einen Kriegseinsatz berücksichtigen wollen. Den ersten brauchbaren Raupenschlepper konstruierten Roberts und Hornsby. Daraus entwickelte man den britischen Tank (Geheimname für gepanzerte Militärfahrzeuge mit umlaufender (endloser) Kette.
Konstruktion der ersten Motorpfluges von Robert Stock und Karl Gleiche.
Eine Hochfrequenzmaschine wird für die drahtlose Telegraphie entwickelt.
Wirtschaft:
Deutschland steckt in diesen Jahren (vorerst bis 1909 … 1910) in einer Wirtschaftskrise.
Der Teltowkanal, zwischen Berlin und Potsdam, der sich seit 1900 im Bau befindet, wird eröffnet.
September: Erste elektrische Straßenbahn in Potsdam.
Ettore Bugatti gründet als Autokonstrukteur eine Fabrikationsstätte im elsässischen Molsheim. Dort entstehen Luxuslimusinen – optische und technische Meisterwerke und auch Rennwagen.
Bauen in Berlin und Umgebung:
Das KaDeWe (Kaufhaus des Westens, des Herrn Jandorf wird am Wittenbergplatz eröffnet.
Auch die Firma Wertheim kauft in der Leipziger Straße Grundstücke, darunter auch das mit dem eben fertig gestellten Geschäftspalast von Sarotti, der sodann wieder abgerissen wird.
Die Verwaltung von Pankow kauft den Privatpark auf dem Gelände der alten Papiermühle auf – es entsteht der Bürgerpark.
Die Rixdorfer Rollberge werden abgetragen, um neuen Verkehrswegen Platz zu machen und gleichzeitig Kies als Baustoff zu gewinnen.
Wo überall wird leider auch Wald abgeholzt, um neues Bauland zu gewinnen, so auch im Zehlendorfer Forst, am Tempelhofer Feld, beim Tiergarten, im Grunewald (ist Holzauktion), in der Schönholzer Heide, in den Müggelbergen, in Halensee usw. Industrieansiedlungen und ungesunde Mietskasernen für Arbeiter sind „als Ausgleich“ zu befürchten.
Henri Farman gelingt ein Motorflug über 770 m Länge in 52 Sekunden.
Robert Garbe und Wilhelm Schmidt entwickeln eine Heißdampflokomotive (sie wird gern in explosionsgefährdeten Betrieben eingesetzt werden). Hugo Junkers konstruiert den Doppelkolbenmotor.
Potsdamer Bauten:
Der Rechnungshof des Deutschen Reiches wird in der Waisenstraße errichtet.
Die neue Glienicker Brücke entsteht zwischen Potsdam und Berlin, eine Stahlkonstruktion auf steinernen Pfeilern, die die Schinkel’sche Brücke ablösen wird. Noch in diesem Jahr soll sie bereits fertig sein. Noch weiß man nicht, dass sie nur 37 Jahre bestehen wird, da sie Ende des 2. Weltkrieges zerstört werden wird – aber danach in gleicher Bauweise wieder neu errichtet.
Malerei:
Der Spanier Pablo Picasso wendet sich dem Kubismus zu.
Musik:
Erste öffentliche Konzerte des jungen Wilhelm Kempff jun. in Potsdams Palast Barberini, im Hotel Königsberg, am Alten Markt und im Konzerthaus in der Kaiser-Wilhelm-Allee. W. Kempff wurde 1895 in Jüterbog geboren, wird lange in Potsdam leben und 1991 in Positano (Italien) sterben. Er wird als einer der bedeutendsten Pianisten und Organisten des Jahrhunderts an der Potsdamer Nikolaikirche gelten, an dem bereits sein Vater als Organist tätig ist. Familie Kempff wohnt in der Kiezstraße 11 und später Am Neuen Garten 51 (die heutige Bezeichnung), also in einem der Einfamilien-Häuser der Siedlung, die Otto v. Estorff gebaut hatte.
Theater:
Bei Max Reinhardt werden „Romeo und Julia“ und „Was ihr wollt“ aufgeführt.
Filmkunst:
Kurze Texte zwischen den Szenenbildern lösen den Erklärer, der sonst vor der Leinwand stand, ab.
Erziehung:
Rosa Luxemburg wird Lehrerin. Die italienische Ärztin und Pädagogin Maria Montessori (1870 – 1952) eröffnet ihr erstes Kinderhaus. Sie erstrebt eine frühe kindliche Selbständigkeit durch Spiel und Beschäftigung.
Alltag:
Am 14. 08 wird in Potsdam der Männergesangverein „Postalia“ gegründet.
Der Tierpark Hagenbeck wird in Hamburg eröffnet.
Ausgewählte
Hinweise für das Jahr 1908
Politik:
Die Konjunktur der Anfangsjahre des Jahrhunderts, die einen mäßigen Optimismus verbreitete, ist „ausgelaufen“. Die USA hat eine Überproduktionskrise, die den Weltmarkt empfindlich mit erfasst. Es herrschen Kurzarbeit mit Verdienstausfall oder Normalarbeitszeit mit Lohnkürzung (auf die Hälfte bis zu zwei Dritteln des Einkommens) oder es drohte gar die totale Arbeitslosigkeit. Trotzdem streikten bereits 1907 in Berlin die Herrenschneider, die Arbeiterinnen des Glühlampenwerkes von Siemens, die Bäckergesellen, Kaffeekellner, Bauarbeiter, Holzarbeiter und als die aktivste sozialdemokratische Gruppe: die Droschkenkutscher.
Das Deutsche Flottengesetz wird verabschiedet. Es wurde von Admiral Alfred von Tirpitz im Auftrage des Kaisers entworfen. Der Kaiser gab den Auftakt: „Die Zukunft Deutschlands liegt auf dem Wasser“. (Woraus der Volksmund angesichts der politischen Entwicklung später machte. „Die Zukunft Deutschlands liegt im Wasser“). Vorerst wird Deutschland aber nach Großbritannien zur zweitstärksten Seemacht der Welt.
Der vormalige Landrat des Kreises Teltow in der Provinz Brandenburg, Herr Stubenrauch, wird Polizeipräsident von Berlin.
Wissenschaft:
E. Rutherford aus Groß Britannien erhält den Nobel-Preis für Chemie für seine Forschungen über die Radioaktivität.
Den Nobelpreis für Medizin erhalten I. Metschnikow aus Russland und Paul Ehrlich für die Forschungen zur Immunität.
George Ellery Hale (geb. 1868, gest. 1938) entdeckt Magnetfelder der Sonnenflecken (siehe Komet Halebob).
Die Gebrüder Ljungström entwickeln die erste Turbolokomotive.
Rudolf Marcks baut das erste sich automatisch aufblasende Rettungsfloß.
In Heidelberg wird der Unterkiefer eines „Alten Menschen“ gefunden. Das Alter wurde auf rund 500.000 Jahre geschätzt. „Sein Name“: Homo sapiens heidelbergiensis.
Telephonie: Nicht mehr alle Gesprächsverbindungen muss das Frollein vom Amt stöpseln: Der erste Fernsprech-Selbstwählautomat, ein Drehwähler für Ortsgespräche, wurde in Hildesheim in Betrieb genommen.
Technik:
Die weltweit erste Lokomotive, mit einem Dieselmotor ausgestattet, geht in Betrieb.
Berlin, 24. Juli. Die Teilnehmer der Autofahrt „Rund um die Erde“ treffen in Berlin ein. Unter ihnen wird in seiner Heimatstadt der Autolenker Oberleutnant Koeppe stürmisch begrüßt.
Auf den deutschen Markt kommt der erste funktionstüchtige Kolben – Füllfederhalter (USA-Patent seit 1884).
Wirtschaft:
Die MAN (Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg-AG wird gegründet.
Die Auto-Fabrikation des Amerikaners Henry Ford beginnt mit dem Typ „Tin Lizzy“ / „Blechliesel“. Es ist die erstmalige Massenproduktion von Autos am Fließband, statt der bisher rein handwerklichen Einzelfertigung. Bis 1925 wird die Fabrik 15 Mio. Fahrzeuge liefern.
Johann Schütte ist beteiligt an der Gründung der Schütte-Lanz-Gesellschaft für Luftschiffbau. Er konstruiert sein erstes Starrluftschiff. Die Zeppelin-Luftschiffbau GmbH entsteht aus „Volksspenden“. Zeppelin-Unglück bei Echterdingen.
Edmund Rumpler (1872 – 1940), ein Maschinenbauer, ist Gründer und Direktor der „Rumpler-Flugzeugwerke“.
Das „Diamantenfieber“ bricht hierzulande aus, nachdem angeblich ein Bahnarbeiter in Deutsch-Südwest-Afrika im Kies einen Edelstein gefunden haben soll. Die Börse steht Kopf und jeder will von der vermeintlichen Millionentorte ein Stück abhaben. Das Spekulieren brachte jedoch keinen Gewinn – für viele aber Verarmung.
Bauten in Potsdam:
Gebaut wird in modernem Zopfstil die Staatliche Handels- und Gewerbeschule für Mädchen.
Kunst:
Die Potsdamer: Maler Heinrich Basedow, Pfarrer Röhrig und Kunsthändler Ditges gründen einen Kunstverein (1945 aufgelöst).
Kultur:
Das Märkische Museum in Berlin wird am 10. Juni der Öffentlichkeit übergeben. Ein Bau, entworfen vom Stadtbaurat Ludwig Hoffmann, errichtet in märkischer Backsteingotik. (Fritz Stahl sagt: „Hoffmanns Bauten sind Geschmacksinseln im wilden Häusermeer Berlins“. Das Museum hat alles: Den Roland am Portal, Backsteinfiligran am Giebel, auch Burgverlies und Kirchenschiff).
Theater:
Bei Max Reinhardt gibt es „König Lear“ zu sehen.
Erziehung:
Die Mädchenschulreform ermöglicht den Frauen jetzt offiziell das Recht, ein akademisches Studium aufnehmen zu dürfen.
Sport:
Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft darf zu ihrem ersten Länderspiel antreten. Am 5. April um 3.00 Uhr nachmittags, bei Basel in der Schweiz auf dem Landhof. Die Schweiz siegte mit 5:3. Ein Jahr später in Karlsruhe wird Deutschland gegen die Schweiz mit 1:0 gewinnen
Alltag:
In diesem Jahr wurde am Wannsee zwischen Potsdam und Zehlendorf gelegen, das erste angelegte öffentliche Familienfreibad (ohne Geschlechtertrennung) eröffnet.
Am 26. September stürzt ein Wagen des Hochbahnzuges vom Berliner Gleisdreieck.
In diesem Jahr gibt es erstmals einen Weihnachtskalender (mit Türen und Fenstern). Vorher wurden zwar die Tage vom 1. bis zum 24. gezählt – z.B. mit belehrenden Tagessprüchen (Traktätchen) oder auch ganz einfach mit Kreidestrichen, von denen täglich einer fortgewischt wurde – „dreimal werden wir noch wach, heißa, dann ist Weihnachtstag“.
Naturgewalten:
Am 30. Juni 1908 Absturz eines Riesenmeteors (Kometkern) von etwa 30 – 60 Metern Durchmesser in Sibirien im Sumpfgebiet an der steinigen Tunguska nahe der Faktorei Wanawara (oder eine Atomexplosion als Folge des Unfalls eines fremden Raumfahrzeuges, so wird gemutmaßt). Eine ungeheure Explosion mit anhaltender Radioaktivität in der Umgebung. Starke Waldverwüstung in 30 km Umkreis. Es war kein senkrechtes Auftreffen, sondern ein schürfender Schrägaufprall auf die Erde. Die Druckwelle läuft deutlich spürbar zweimal um die Erde. In der Nacht wurde der Himmel auch über Europa sehr erhellt. Noch im Umkreis bis zu 1.000 km zerbarsten Fensterscheiben und zerbrach Geschirr, vornehmlich Glas.
Messina wird von einem Erdbeben heimgesucht. Etwa 86.000 menschliche Opfer sind zu beklagen.
Zeitnotizen
zum Jahr 1909
Politik:
Die englische Frauenbewegung (die Suffragetten) fordern das Stimmrecht für Wahlen ein.
Wissenschaft und Technik:
Tönende Funken, dargestellt von M. Wien.
Der Physik-Nobelpreis geht an die Herren G. Marconi (Italien) und K. F. Braun (Deutschland) für die Entwicklung der drahtlosen Telegraphie.
Von Bakeland wird ein formbares Edelkunstharz (Kunststoff), das „Bakelit“ entwickelt.
Am 06. Januar fand Ernest Henry Shakleton den magnetischen Südpol.
Der Amerikaner Robert Edwin Peary gelangt mit einer Expedition am 06. April 1909 als erster zum Nordpol, nachdem 1906 sein Versuch missglückt war.
Herr Bollweg erforscht die Möglichkeit des autogenen Schweißens unter Wasser.
Paul Ehrlich und Herr Hata entwickeln das Mittel Ehrlich-Hata-606 „Salvarsan“ gegen die Infektionskrankheit Syphilis.
Herr Eichengrün erfindet den unbrennbaren Kunststoff „Zellon“, vor allem für Sicherheitsfilme.
Flugverkehr:
Das große Wettfliegen über den Ärmelkanal findet am 25. Juli 09 von Calais nach Dover mit drei französischen Flugzeugen statt. Es starten:
Graf de Lambert mit einem Doppeldecker – hatte zu Beginn einen Maschinenschaden.
Hubert Latham. Sein Eindecker erlitt einen Motorschaden. Die Maschine stürzte ins Wasser und ging verloren aber der Pilot wurde gerettet.
Louis Blériot (1872 – 1936) ein französischer Aviatiker überfliegt die knapp 32 km des Ärmelkanals in 27,5 Minuten und gewinnt den Wettbewerb (1.000 Pfund Sterling, von der Zeitung „Daily Mail“ ausgesetzt) mit seinem selbstkonstruierten Eindecker.
H. Farman fliegt schon bald 234 Kilometer in 4 1/2 Stunden.
Die amerikanischen Brüder Wright sind wieder hier. Sie geben Vorführungen auf den Exercierplätzen Tempelhofer Feld in Berlin und Bornstedter Feld bei Potsdam. Die Maschine fliegt Vollkreise, steigt wohl über 100 m senkrecht empor, stoppt und wendet jäh, so wie ein dünnes Insekt, die Luftschiffe „Zeppelin“ und „Parseval“, die in der Nähe kreisen, nehmen sich dagegen aus, wie riesenhafte Hornissen.
Latham (aus Frankreich) hatte ein Behördenpech bei seinem ersten Überlandflug auf deutschem Gebiet. Er flog die etwa 10 km vom Exercierplatz „Tempelhofer Feld“ (hier lehrte Turnvater Jahn schon vor Zeiten seine Leibesübungen) nach Johannisthal (hier wird der neue Landeplatz in dem dafür niedergelegten Forst eingeweiht). Für seine fliegerische Leistung erhielt er von dem Berliner Polizisten eine Ordnungsstrafe „wegen groben Unfugs des sich Bewegens in der Luft“ und das im Geiste der 1. Internationalen Luftfahrtausstellung.
Alfred Frey unternimmt im Mai einen Rundflug über Berlin. Sein Aeroplan schoss mit einer Geschwindigkeit von 70 km in der Stunde dahin.
Von diesem Jahr an wird die „Rumpler-Taube“ in Serie hergestellt, ausgestattet mit einem Aeolus-Motor, 8 Zylinder, 35 PS.
Hans Grade aus Bork in der Mark konstruiert das Fluggerät „Libelle“. Es wird für die Postbeförderung eingesetzt, kann aber statt der alten Säcke auch einen Passagier befördern. Im Herbst gewinnt Hans Grade den Lanz-Preis der Lüfte in Höhe von 40.000 Mark für das Fliegen einer liegenden Acht als vorgegebene Aufgabe. Die Libelle aus Bork wurde in viele Länder aller Erdteile exportiert. Später baute Hans Grade auch Kleinautos, deren Karosse mit einem Flugzeugrumpf durchaus verwandtschaftliche Beziehungen zeigte.
Umjubelt wird in dieser Zeit auch Graf Zeppelin, der aber leider schon 1906 den Spitzenleuten des Kaiserreiches seine Luftschiffe als mögliche Bombenträger empfohlen hatte, (um deren Weiterentwicklung und Bau „durch Finanzspritzen“ zu erleichtern. Am 01. Juni will Graf Zeppelin, der württembergische Offizier, mit seinem 6. Luftschiff (fünf gingen bisher verloren) nach Berlin, auf das Tempelhofer Feld kommen. Dazu reist der Kaiserhof aus Potsdam an. Menschenmassen bevölkern das Feld – aber „der Zepp.“ kommt nicht. Am 29. August ist es dann tatsächlich soweit und das Luftschiff schwebt über Tegel herein.
Wirtschaft:
Krupp entwickelt ein 42 cm Geschütz. Die Herren Maybach und Graf Zeppelin gründen die „Maybach Motorenbau GmbH“.
Der Schiff-Eisenbahn-Verkehr (Trajekt, Eisenbahnfähre) zwischen Sassnitz und Trelleborg wird aufgenommen.
Bauten in Berlin:
Der Architekt Peter Behrens (Lehrer von Walter Gropius und Le Corbusier) baut in Berlin herrlich helle, großräumige Fabriken mit klarer Formensprache, wie zum Beispiel die Turbinenfabrik für die AEG in Moabit in der Huttenstraße. Viel Stahl, viel Glas, sparsam Beton.
Kunst:
Der Maler und Zeichner Hugo Höppener, „Fidus“ baut sich in Schönblick bei Woltersdorf „das Fidus-Haus“. Er ist Vegetarier, reformgekleidet, Anhänger der Freikörperkultur, empfindet sich selber „als Keimzelle für ein neues Leben“. Seine Werke zeigen häufig „licht- und naturtrunkene“ Jungfrauen und Jünglinge. Fidus ist „Germane“, sowohl in der Wahl des Stoffes, als auch in dessen Gestaltung. Er fühlt sich als Künder, Diener, Priester und Kämpfer für eine ferne Idealkultur. Er sieht aus, wie ein nach eigenem Entwurf gestalteter Faun. Ging es feierlich zu, so war er der Feierlichste, war das Umfeld und die Situation frech-fröhlich, so riss er die deftigsten Kalauer.
Theater:
Bei Max Reinhardt stehen „Hamlet“ und „Faust“ auf dem Spielplan.
Sport:
In diesem Jahr findet erstmals ein Sechstage-Fahrradrennen in Berlin (in der Halle) statt. Hohe sportliche Leistungen und ein großes Volksfest.
Mode:
Üblich ist es für Damen, sich auf 48 cm Taillenumfang schnüren zu lassen. Wenn es geht.
Alltag:
Erlassen wird erstmals ein Gesetz über den Kraftfahrzeugverkehr in Deutschland. (Späteres Straßenverkehrsgesetz pp.).
Haarmode. Die Dauerwelle, das Damenhaar mit heißen Brennscheren geformt, wird in London erfolgreich versucht.
Im Schwarzwald installierte man den ersten Skilift Deutschlands.
Im August wird das Deutsche Jugendherbergswerk gegründet. Dessen Leitgedanke lautet: „Begegnung – Gemeinschaft – Toleranz“. Die erste Jugendherberge wird in Westfalen auf der Burg Altena eröffnet.
In Berlin entstehen Vereine für Freikörperkultur, die sich für „Licht- und Luftbäder“ einsetzen.
Aus der
Zeitgeschichte des Jahres 1910
Politik:
Die innenpolitische Lage und auch die außenpolitische Atmosphäre wird immer gewittriger, gekennzeichnet durch verstärkte Ausbeutung der arbeitenden Menschen. Ausschreitungen der Staats- und Polizeigewalt müssen häufiger beobachtet werden.
Die SPD tritt für das Abschaffen der Ungerechtigkeiten zwischen der Anzahl der Wählerstimmen im Gegensatz zur Anzahl der Abgeordnetenstimmen ein. Sie richtet sich gegen das bisherige Dreiklassenwahlrecht. Der „Wahlrechtsspaziergang“ in der Berliner Siegesallee wird von der Polizei blutig beendet.
Der Staat hat seit der Jahrhundertwende jährliche Einnahmezuwächse durch die Höhe der Einfuhrzölle. Für die Bevölkerung sind im gleichen Zeitraum jedoch die Preise gestiegen
- bei Schweinefleisch um 32%, bei Schmalz um 40%, bei Rindfleisch um 72%. Immer länger werden die Menschenschlangen vor den Freibankfleisch-Verkaufsstellen.
Der Kaiser von China schafft die Sklaverei ab. Der Ankauf und Verkauf von Menschen in China wird am 10. März 1910 in China verboten. Mischehen zwischen Chinesen und Ausländern werden zugelassen. Der 13. Dalai Lama flieht vor den Chinesen aus Tibet nach Indien.
Zar Nikolaus II. hält sich in Potsdam auf. Hier wird die Vereinbarung zur Freiheit von feindlichen Bündnissen beschlossen (siehe aber Sarajewo 1914, als einen der Auslöser zum 1. Weltkrieg).
Wissenschaft:
Der Halleysche Komet ist auch über dem Nachthimmel von Deutschland mit unbewaffnetem Auge zu erkennen. Die nächste Wiederkehr wurde für das Jahr 1986 berechnet.
Herr Lieben entwickelt den Lautverstärker. Jetzt braucht man die Nachrichten, vom Kristalldetektor eingefangen, nicht mehr einzeln über Kopfhörer hören (oder zum Verstärken in eine große Blechschüssel legen), sondern vermittels eines so genannten „Lautsprechers“ kommen mehrere Menschen in den Hörgenuss. Aber auch noch später werden sich andere Menschen mit dieser Entwicklung befassen.
Technik:
Der Aviatiker Hans Grade aus Borkwalde fliegt mit seiner Eigenbaumaschine weiterhin erfolgreich. Claude erfindet das Neon-Glimmlicht.
Wirtschaft und Verkehr:
Die Weltausstellung findet in diesem Jahr in Brüssel statt. Wirtschaftliche Schwierigkeiten gibt es wegen des Ungleichgewichtes auf dem Weltmarkt, für den Zugang zu Rohstoffquellen. Stimmen werden lauter, die eine verbessernde Regulierung „mit dem Schwert“ wünschen.
Bis zu diesem Jahr durfte die Geschwindigkeit von Automobilen innerorts nicht die eines trabenden Pferdes überschreiten. Da „das Publikum“ aber an einer schnelleren Abwicklung der Fahrten interessiert und mit den Gefahren des Verkehrs vertraut scheint, wird (in Berlin) die zugelassene Höchstgeschwindigkeit auf 25 km/h heraufgesetzt. (Exakt gemessen werden kann sie jedoch zur Kontrolle noch von niemandem).
Der Peruanische Aviatiker Geo Chavez überfliegt mit seinem Blériot-Eindecker von Deutschland aus die Alpen, über das Simplon-Massiv und will in Italien landen. Beim Landeanflug stürzt er jedoch ab und kann nur noch tot geborgen werden. H. Farman flog kürzlich 463 km in 81/4 Stunden.
Berliner Bauten:
Im November wird in der Potsdamer Straße der „Sportpalast“ eröffnet. Er besitzt Plätze für 12.000 Zuschauer und ist damit der größte Eispalast des Kontinents. Jedermann kennt zu dieser Zeit den „Sportpalastwalzer“.
Bildung und Erziehung:
10. Oktober – 100ster Tag der Wiederkehr der Gründung der Berliner Universität. Als Hauptredner sprach der Historiker Schäfer. Als Ehrengast redete (leider wie ein Feldwebel auf dem Kasernenhof) der Kaiser. Er wirkte in der festlichen universitären Atmosphäre wie ein primitiver Eindringling.
Literatur:
Ganghofer schreibt das autobiographische Werk „Lebenslauf eines Optimisten“. Bruno Hans Bürgel schreibt „Aus fernen Welten“, ein Buch der volkstümlichen Astronomie.
Kunst:
Käthe Kruse stellt im „Warenhaus Tietz“ am Berliner Dönhoffplatz ihre ersten Puppen aus. Wie eine Revolution – schnell gibt es einen großen Interessentenkreis für diese neuen, ganz „natürlichen“ Puppenkinder.
Der Feinmechaniker und Filmpionier (später Filmunternehmer) Oskar Meßter dreht die ersten deutschen Spielfilme. Es handelt sich natürlich um „stumme Filme“ mit dem Erklärer der Handlung vor der Leinwand, ausgerüstet mit einem Zeigestock, dessen Worte von einem Kinopianisten musikalisch untermalt werden.
Mode:
Nach den Jahrzehnten üppiger weiblicher Formen ist jetzt die schlanke, geradezu knabenhafte Linie mit flacher Vorderpartie im Kommen. Als neue Idealmaße gelten für die Dame: Oberweite 44 cm, Beckenumfang maximal 110 cm.
Der Büstenumfang kann in Grenzen mit dem Schnürkorsett reguliert werden. Die übliche Größenkennzeichnungen: Blaustern (Backfisch): 40 cm Büstenweite, Gelbstern: 44 cm (Ideal), Weißstern, für die leicht füllige Matrone 46 cm, Grünstern (üppig) 48 cm, Rotstern: (behäbig) 50 cm.
Der Rock wird bodenlang oder gar schleppend. Die Kleider sind sehr eng, gerade so fußfrei gehalten, sehr enge Wickelkleider sind modern und so genannte „Humpelröcke“, die ein Ausschreiten unmöglich machen. Treppensteigen ist nicht vorgesehen.
Was gab es 1911
Bemerkenswertes?
Politik:
Am 31. Januar stirbt Paul Singer in Berlin, einer der populären sozialdemokratischen Politiker. Fast 1 Million Berliner geben am 6. Februar seinem Sarg das Geleit.
Am 19. März wird zum ersten Mal der Internationale Frauentag begangen, den Clara Zetkin den europäischen sozialistischen Frauenorganisationen vorgeschlagen hatte (später wird dieser Festtag am 8. März begangen). Die zentrale Losung ist der Kampf um die volle politische und soziale Gleichberechtigung der Frau.
Der Zweckverband „Groß-Berlin“ wird gegründet, ein Verbund von Berlin mit den umliegenden Städten und Gemeinden aber ohne gesetzlich fixierte Kompetenzen.
Erstmals werden bei einem deutschen militärischen Manöver auch Flugzeuge eingesetzt.
Bürgerkrieg in Mexiko.
Kolonialbestrebungen: Am 11. Juli erscheint das deutsche Kanonenboot „Panther“ „vorsorglich“ vor der Küste vor der nordafrikanischen Küste bei Agadir. Später folgen die Schiffe „Eber“ und „Berlin“. Agadir bildet den Zugang zum erzreichsten Teil und landwirtschaftlich bestem Gebiet von Marokko, das es zu „schützen“ und auszubeuten gilt. Aber auch der bereits französische Kongo wird als eine willkommene deutsche Kolonie angepeilt.
Krönung in Dehli. Kaiser von Indien wird König Edward von England.
China: Sun Yat Sen, der „Vater der chinesischen Revolution“ wird erster Präsident der chinesischen Republik. Die Kuomintang hat gesiegt. General Tschiang-Kai-Schek wird militärischer Berater.
09. Nov. 1911: August Bebel, Vorsitzender der SPD, hält seine letzte Rede vor dem Reichstag. Er sieht das Ende der gegenwärtigen Staats- und Gesellschaftsordnung. Er sieht einen Krieg und die Zeit danach, sieht Revolution, Massenbankrott, Arbeitslosigkeit und Massenelend. „Zieht eure Lehren – ihr seid gewarnt“, ruft er den Abgeordneten zu.
Wissenschaft:
Die Herren Goldschmidt und Arco von Laue entwickeln den Hochfrequenzdynamo.
Oskar Picht aus Pasewalk entwickelte die Stenographie-Schreibmaschine. Im Jahre 1899 hatte er bereits das System der Blindenschrift von Louis Braille (6 Punkte in 63 Kombinationsmöglichkeiten in Schreibmaschinentypen umgesetzt. Mehrere Jahre war er vorher Blindenlehrer in (Berlin) Steglitz.
Funk und Terucchi finden das Vitamin B gegen die Mangelerkrankung Beriberi.
Wissenschaft / Entdeckungen:
Südamerika: Die kleine Inkastadt Machu Piccu in den Anden wurde von dem Amerikaner Hiram Bingham für die Archäologie wieder entdeckt. Sie liegt auf einem Felsplateau über schwindelerregenden Abgründen und wird von dem Berg Huayona Piccu überragt. Die Stadt kann (wegen des toten Winkels) nicht vom Tal aus gesehen werden. Alle Häuser, das sind Reihenhäuser auf Terrassen unterschiedlicher Höhe, sind aus Granit ohne das Verwenden eines Bindemittels gemauert und sehr gut erhalten – nur die Dächer fehlen. Wahrscheinlich wurde die Stadt im 15. Jahrhundert im Zuge der einsetzenden spanischen Eroberungszüge verlassen.
Am 14. Dezember 1911 erreicht der Norweger Roald Amundsen mit vier Begleitern als erster Mensch den Südpol der Erde. Er ist am 28. Oktober von der Walbucht aus mit 52 Schlittenhunden aufgebrochen und legte 1.100 Kilometer zurück. Sein Wettbewerbsrivale, der Brite Robert Falcon Scott (1868 – 1912) beginnt seine Expedition vier Tage früher, er kommt aber erst am 17. Januar 1912 an den Südpol. Scott lässt seine Schlitten von Ponys ziehen, die aber die Anforderungen nicht aushielten. So ziehen die Männer Schlitten mit dem Nötigsten selber. Er hinterlässt am Pol enttäuscht die Botschaft, dass er in der Weltgeschichte „nur“ Zweiter wurde. Auf dem Rückweg erfroren Scott und seine Begleiter bei tobendem Schneesturm vor Erschöpfung in ihrem Zelt, nur 18 km von ihrem rettenden größeren Depot entfernt. Roald Amundsen wird bei der Rettungsaktion für den italienischen Luftschiff-Führer General Nobile 1928 sterben – d.h. offiziell bleibt er vermisst. Er wurde nie gefunden.
Technik:
Kamerlingh Onnes entdeckt das Verschwinden des elektrischen Widerstandes bei tiefen Temperaturen. Die Bedingungen für die Supraleitung sind damit gefunden. Pulfrich konstruiert den Stereoautographen zur Geländevermessung bei Nutzung eines photographischen Raumbildes.
Rutherford entwickelt Vorstellungen zu einem Atommodell mit kleinem massenreichen Kern und einer Elektronenhülle.
Im Bau sind die Schwesternschiffe „Olympic“ und „Titanic“, britische Turbinen-Ozeandampfer mit 60.000 t Wasserverdrängung. Sie werden zur White-Star-Line gehören.
Zu den Veranstaltungen „Deutscher Rundflug“ in Berlin Johannisthal kommen durchaus 400.000 Schaulustige. Die Züge sind überfüllt. Zum Teil liegen die Leute unter den Bänken und in den Gepäcknetzen der Bahnen. Die Kapelle fuhr einmal sogar auf der Lokomotive mit. Der Aviatiker Fokker wagte mit seinem Renn-Eindecker sogar Aufstiege mit Passagieren – bis zu etwa 300 m Höhe, stürzte aber beim letzten Landeanflug aus etwa 10 m ab, weil ein Flügel brach. Auch die Aviatiker Marchal, Alig und Rupp hatten Unfälle. Hellmuth Hirth, Chefpilot der Rumpler-Werke (Edmund Rumpler) schafft mit der „Taube“ 2.475 Höhenmeter. Sein Schnurrbart war hart gefroren, Seine Kleidung mit Reif überdeckt. „Es ging gut mit diesem Aeroplan“, bestehend aus ein bisschen Holz, ein bisschen Draht, ein paar Quadratmetern lackierter Leinwand … von einem schweren Motor emporgezogen.
Hirth und Garros absolvierten den Fernflug München – Berlin in einer Rekordhöhe von 3.900 Metern.
Schütte und Lanz bauen ein stromlinieförmiges Luftschiff. (Johann Schütte und Karl Lanz, beide 1873 geboren).
Im gleichen Zeitraum entsteht bei Potsdam am Templiner See / in der Pirschheide der Luftschiffhafen und die Luftschiffwerft für Zeppelin-Luftschiffe.
Wirtschaft:
In verschiedenen Betrieben kommt es wegen der Teuerungen und des Ausschlusses von Lohnzulagen zu Streiks. So erscheinen vom 16.-18. Juni auch keine der sonst zahlreichen Zeitungen des Scherl - Verlages, Blätter mit über 1 Million Lesern bzw. es erscheinen nur Kurzausgaben.
Namhafte Betriebe werden „aufgefressen“ – die Konzerne werden größer und ihrer gibt es immer weniger. Der Siemenskonzern schluckt Unternehmen wie Sigmund Bergmann, Halske, Schuckert. Die AEG kauft Betriebe des Lahmeyer-Konzerns.
Bauten:
Der Stadtbaurat und Architekt Ludwig Hoffmann übergibt am 29. Oktober das neue Berliner Stadthaus am Molkenmarkt.
Unweit des Bahnhofs Friedrichstraße wird der Admiralspalast eröffnet.
Der Elbtunnel in Hamburg wird fertig. 450m lang, seine Sohle 21 m unter dem Wasserspiegel der Elbe.
Bauten in Potsdam:
Bei dem sommerlichen extremen Niedrigwasser der Havel wurde die Uferbefestigung an der Heiligengeistkirche erneuert. Dabei wurde die Lage des slawischen Burgringwalls (Potztupimi) gefunden, die in der Schenkungsurkunde über den Ort (Otto III.) aus dem Jahre 993 erwähnt ist.
In Nowawes wird in Parknähe die Sternwarte gebaut, die 1913 fertig gestellt sein wird.
Auf der Insel Hermannswerder bei Potsdam entsteht durch die Hoffbauer-Stiftung ein Krankenhaus und eine Kirche, von A. u. F. Bolle entworfen.
Bildung und Erziehung:
In Leipzig eröffnet Henriette Goldschmidt eine Frauenhochschule. Die Staatliche Prüfung für Kindergärtnerinnen wird eingeführt.
Literatur:
Gerhart Hauptmann schreibt „Die Ratten“. F. Dahn veröffentlicht „Die Könige der Germanen“, ein 20bändiges Werk, das er 1861 zu bearbeiten begann.
Musik:
Ur-aufgeführt wird die neoromantische Oper „Der Rosenkavalier“ von Richard Strauss. Wilhelm Furtwängler beginnt seine Dirigentenlaufbahn an der Lübecker Oper.
Theater:
Am Freitag, den 12. Mai 1911 gibt es im Königlichen Schauspielhaus in Potsdam, Am Kanal zum 24. Mal den „Rigoletto“. In Max Reinhardts Kammerspielen in Berlin wird die Komödie „Die Hose“ aufgeführt.
Filmkunst:
Die schwedische Schauspielerin Asta Nielsen wird zum „Ersten Kassenmagneten“ der Stummfilmzeit. Die von der „Union“ herausgebrachten Filme hatten eine Länge von 1.500 – 1.600 m In jedem Monat entstand ein neuer Film dessen Uraufführung stets in Berlin stattfand.
Sport:
Die erste deutsche Frau erlangt ein Flugzeugpilotenzeugnis: Die Bildhauerin „Melli“, Amélie Beese ist die erste deutsche Pilotin (Deutscher Pilotenschein Nr. 115).
Werner Alfred Pietschker: Geboren am 14. Januar, Pfarrerssohn aus Bornstedt bei Potsdam, Flugpionier, tödlicher Absturz in Johannisthal bei Berlin am 15. November. Ihm zum Gedenken stiftete die Mutter später in Potsdam das Werner-Alfred-Bad. Bruder Arnold P. geb. 02. Juni 1894, gefallen in Frankreich am 06. Sept. 1914. Deren Vater: Dr. Carl P. Pfarrer in Bornstedt, geb. 05. Juni 1846, gest. 04. Juni 1906. Seine Ehefrau Käthe P. geb. v. Siemens, geb. 23. Sept. 1865, gest. 16. Juni 1949.
Mode:
Der so genannte Hosenrock für die Dame wird vorgestellt. Er findet jedoch bei der Bevölkerung noch wenig Anklang. Die Hüte erhalten weit ausladende kreisrunde Krempen (wagenradgroß über die Schultern reichend), mit Federschmuck „garniert“. Sollte Frau mit der Elektrischen fahren wollen, neigte man den Kopf im Türrahmen kurz zur Seite, so dass der Hut fast senkrecht stand. So passte er unbeschadet durch die Tür.
Alltag:
Die Reichsversicherungsordnung, ein umfängliches Werk mit 1805 Paragraphen, tritt in Kraft und wird im Wesentlichen rund 75 Jahre Bestand haben.
Naturerscheinungen:
Ein sehr heißer Sommer in Mitteleuropa.
Ausgewählte
Informationen zum Jahre 1912
Politik:
Im Januar gründen nationale Draufgänger den Deutschen Wehrverein. Sie betreiben chauvinistische Propaganda, Kriegshetze, verlangen Aufrüstung und darüber hinaus einen Rüstungsvorsprung der es ermöglicht, „zu einer kraftvollen Initiative überzugehen“. Die Produktion eines Maschinengewehrs nach amerikanischen Lizenzen wird vorbereitet, das die Bezeichnung MG 08/15 tragen wird. Die deutsche Flotte wird auf Befehl des Kaisers um mehrere Schlachtschiffe verstärkt und das Heer erweitert.
Der Kaiser lässt von Siemens ein Riesenluftschiff für militärische Zwecke bauen, für das in Berlin-Biesdorf eine drehbare Halle errichtet wird.
Der Staat ruft die Bürger zum „Kornblumentag für die nationale Reichsflugspende“ auf. Damit soll die Produktion von Kampfflugzeugen und die Ausbildung von Kampffliegern finanziell gestützt werden.
Der Traum einer Stadt „Groß-Berlin“ wird am 01. April Wirklichkeit. Es ist trotz dieses Datums kein Scherz. 29 Gemeinden setzen an diesem Tag das Wort „Berlin“ vor ihren Ortsnamen.
Reichtagswahl. Für den „Kaiser-Wahlkreis“ Potsdam-Spandau-Osthavelland, kandidiert für die SPD der Reichstagsabgeordnete, Rechtsanwalt Dr. Karl Liebknecht. Die deutsche Sozialdemokratie wird stärkste Fraktion im Reichstag.
Erste Kontakte zwischen Lenin und Stalin.
Thomas Woodrow Wilson wird am 05. November 1912 zum 28. Präsident der USA gewählt. Er betreibt liberale Reformen und fördert die Mittelschicht.
Im Januar tritt New Mexico, das Land of Enchantment, als der 47. Bundesstaat den USA bei. Am 14. Februar tritt Arizona, der Grand Canyon State, als 48. Bundesstaat bei.
Zwangsvölkerwanderung: In den Jahren 1912 und 1913 werden 200.000 Türken aus den Balkanstaaten gegen 200.000 Griechen und Bulgaren aus der Türkei „ausgewechselt“, um eine „ethnische Säuberung“ zu erzielen.
Walter Rathenau stellt für die Entwicklung Deutschlands fest: „Die vergangenen 100 Jahre bedeuteten die Aufteilung der Welt. Wehe uns, dass wir so gut wie nichts genommen und bekommen haben (Kolonien). Wir brauchen Land dieser Erde – bis wir annähernd so wie unsere Nachbarn gesättigt sind.“
Das Kaiserreich China bricht zusammen.
Wissenschaft:
In Berlin-Dahlem werden von der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft verschiedene Institute gegründet, so: Das Institut für Elektrochemie – Fritz Haber, Institut für Chemie – Beckmann und Willstätter sowie Otto Hahn und Lise Meitner, Serologie – v. Wassermann, Experimentalbiologie, Physikalisches Institut – Albert Einstein.
William Küster und Hans Fischer finden die Strukturformel des roten Blutfarbstoffes.
Archäologie: Ludwig Borchardt gräbt in Amarna (Ägypten) die farbige Kalksteinbüste der Nofretete, der Gattin Echnatons aus. Sie ist etwa 3.300 Jahre alt.
Siemens entwickelt einen Schnelltelegraphen für 1.000 Zeichen/min.
In Dresden wird das Deutsche Hygiene-Museum gegründet.
Technik:
Berlin. Großartige Leistungen beim Bau der Untergrund-Bahn. Die Bahnstrecke unter der Spree hindurch. Häuser müssen aufgetrennt und Gleise hindurch geführt werden. Ein Hotelpalast muss bei seinem vollen Betrieb untergraben werden. Die 100jährige Linde am Leipziger Platz war umzusetzen. Am Spittelmarkt, Ecke Wallstraße, kreuzt der Tunnel einen mittelalterlichen Pestfriedhof. Grundwasser war abzusenken.
Eine traurige Nachricht vom Luftsport: Bisher sind in der Geschichte des neuzeitlichen Flugwesens 3 Aviatikerinnen und 155 männliche Flugpioniere beim Fliegen tödlich verunglückt.
Maschinenbau:
Die Preußisch-Hessische Eisenbahn nimmt am 11. Sept. 1912 die weltweit erste Diesellokomotive in Betrieb Die von der Fa. Borsig in Berlin gebaute Maschine hat einen Vierzylinder-Motor mit einer Leistung von 1.000 PS.
Wirtschaft:
Kaplan entwickelt Propeller Turbinen mit regelbaren Leit- und Laufschaufeln.
Forschungen bei Krupp führen zu nicht rostendem Stahl.
Die Woolworth-Gesellschaft wird in New York gegründet.
Erste deutsche große Luftpostroute Frankfurt (M.) – Worms eingerichtet. Eine kleine Postfluglinie betreibt Hans Grade zwischen dem märkischen Heidedorf Bork und dem 10 km entfernten Städtchen Brück. Der Bedarf füllt tatsächlich keine großen Postsäcke. So kann er auch alternativ eine Person (hinter sich) mitnehmen.
Erste hochseetüchtige Motorschiffe werden gebaut.
„Der Berliner Bankkrach“: Viele Bauherren hatten Aufträge ausgelöst, ohne aber die Leistung zu zahlen oder diese bezahlen zu können. So konnten auch die Baubetriebe / Handwerker in der Folge weder Material einkaufen, noch Löhne zahlen. Viele Betriebe gehen bankrott. Die Arbeitslosigkeit breitet sich mehr und mehr aus.
Berliner Bauten:
In Berlin wird das erste deutsche Krematorium eingerichtet.
Am Ku’damm (Kurfürstendamm) entsteht das Hotel Eden. Das beste Hotel aber wird das Adlon am Pariser Platz, unmittelbar am Brandenburger Tor werden, für dessen Baustelle das Schinkelsche „Palais Redern“ weichen muss.
Schmitz baut für den Aschinger-Konzern die Großgaststätte „Rheingold“ für 4.000 Gäste.
Literatur:
Der Nobelpreis geht an Gerhard Hauptmann.
Hofmannsthal schreibt den Operntext „Ariadne auf Naxos“ zur Musik von Richard Strauss.
Shaw schreibt „Pygmalion, eine englische Komödie und K. Tucholsky „Rheinsberg – ein Bilderbuch für Verliebte“. Von Sternheim schreibt das Drama „Bürger Schippel“.
Theater:
Bei Max Reinhardt gibt es „Viel Lärm um nichts“ zu sehen.
Filmkunst:
Unter vielen neuen Filmen ist auch „Jugend und Tollheit“ zu sehen.
Sport:
Olympiade in Stockholm. Zu den Sportarten gehören: Tauziehen bei den Männern und das Seilklettern der Damen.
Erster Fallschirmsprung vom Flugzeug.
Erziehung:
Einrichtung von Lyzeen in Preußen als „höhere Mädchenschulen.“
Kunst / Malerei:
Louis Corinth malt „Florian Geyer”.
Alltag / Mode:
In China verschwindet der Zopf als männliche Haartracht.
Eine Katastrophe: Der größte, völlig neue Passagierdampfer „Titanic“ sinkt nach dem Zusammenstoß mit einem Eisberg in der Nacht vom 14. zum 15. April im Nordatlantik.
Das Strandbad Müggelsee bei Berlin eröffnet am 26. Mai 1912. Bereits im Eröffnungsjahr wird es 177.365 Besucher geben.
2. September: Herbstparade am Sedantag (Feier des Sieges über Frankreich vor 42 Jahren). Vorführungen der Luftflottille über dem Tempelhofer Feld zur Kaiserparade mit 6 Eindeckern, 6 Doppeldeckern und 2 Luftschiffen. Viel Militär, Fahnen über Fahnen.
Man kann mit dem Luftschiff „Schwaben“ von Zeppelin für die unglaublich „große Stange Geldes“ von 200 Reichsmark zweistündige Rundflüge über Berlin unternehmen. Mit dem Luftschiff von August v. Parseval (das auch für das Militär entwickelt wurde), ist es bereits für 100,-- Reichsmark möglich.
Leider gehen immer wieder Luftschiffe einschließlich der Passagiere verloren. Schuld daran ist die brandempfindliche Wasserstoff-Füllung. Oft setzt ein Katastrophentourismus zum Unglücksort ein, einschließlich einem dortigen Picknick und „Andenkensammlung“ von Bruchstücken zu deren Verkauf.
Naturgewalten:
In Alaska ist ein extrem starker Ausbruch des Katmai-Vulkans zu verzeichnen. Zum Glück der Menschen ist das Gebiet fast unbesiedelt. In dem dort aufgebrochenen Gebiet hätte die Grundfläche der Stadt Berlin bequem Platz gefunden.
Das Jahr 1913
Politik:
Die 200. Wiederkehr der Geburt von König Friedrich II. wird mit militärischem Pomp begangen. Es rasselte und klirrte selbst in den Festreden sehr stark – zur „Verteidigung vor den verderblichen Anschlägen der Nachbarn“, die aber einen Anlass zur Neuaufteilung der Welt befördern könnten.
Kanzler und Ministerpräsident Bethmann-Hollweg möchte zurücktreten, “da die Politik ja nun derart ist, dass sie eigentlich keiner mitmachen kann“.
Am 13. August stirbt August Bebel in der Schweiz. „Jedes Wort, das er je gesprochen hat, ist uns (der Arbeiterschaft) recht gewesen“. Friedrich Ebert wird Vorsitzender der SPD.
Kaiser Wilhelm II bereitet einen Krieg gegen Russland vor. Wir wissen, dass seine „angeschwägerten“ Verwandten (Nikolaus II.) dort die Regierungsgewalt ausüben.
Im Frühjahr wird Bethmann-Hollweg Reichskanzler: „Es ist unzweifelhaft, dass wir mit der Heeresvorlage (Etaterhöhung zur Aufrüstung) die Spannung in der Welt nicht mildern, sondern verschärfen“, sagt er.
25jähriges Kaiserjubiläum (Regierungszeit seit 1888). Kaiser Wilhelm II. wünscht sich eine „Neuaufteilung der Welt“.
Fast ein Dutzend mal hält sich Lenin zwischen 1900 und 1914 in Berlin auf, trifft sich hier mit Maxim Gorki, Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht, den Zetkins, August Bebel, Kautsky, Adoratzki und anderen.
Bürgerkrieg in Mexiko.
Wissenschaft:
Die Herren Einstein und Großmann begründen die Relativitätstheorie. Albert Einstein wird Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physik.
Herr A. Meißner stellt den Kathodenröhrensender (für Radiosendungen) vor.
Niels Bohr stellt die neueste Gestalt der Atomtheorie vor.
Vater und Sohn Bragg schreiben über die Kristallstruktur der Mineralien.
Alexander Behm erfindet das Echolot.
Der Ingenieur Christoph Wirth entwickelt die drahtlose Fernzündung und die Funksteuerung für jedwede ferngelenkte Apparate.
Hans Bredow gelingt die verbesserte Musikverstärkung und -übertragung mit Lautsprechern.
Medizin:
Der Arzt und Organist Dr. Albert Schweitzer (1875 – 1965) arbeitet als evangelischer Missionsarzt (bis zu seinem Tode) im Urwalddorf Lambarene am Ogowe in Französisch-Kongo (ab 01. August 1960 wieder frei und Gabun genannt. Präsident ist dann Leon Mba).
Herr Prowazeck entdeckt den Fleckfiebererreger (Rickettsia prowazecki).
Technik:
Sikorski baut das erste brauchbare Riesenflugzeug mit 28 m Spannweite und 4 Stück 100 PS-Umlauf-Motoren. Am 25. Oktober führt der Franzose Pégond in Johannisthal mit einer Maschine von Blériot waghalsige Loopings, also senkrecht ausgeführte Schleifen vor. Ebenso den Salto mortale, Kurvenflüge mit 90° Steillage, Sturzflüge, Rückenflüge. In weiten Kreisen schraubt er sich bis 1.200 m Höhe empor. Er schlägt „ein neues Kapitel“ in der Geschichte der Flugkunst auf. Als die Maschine wieder auf dem Boden aufsetzt wird Pégond vom Publikum mit frenetischem Jubel empfangen.
Alfred Wegener und J. P. Koch durchqueren Grönland, das sich Ihnen aber nicht grün darstellt.
Junkers konstruiert den Zweitakt-Doppelkolben-Dieselmotor.
Herr Geiger stellt ein Zählgerät für energiereiche Strahlungen vor (Geiger-Zählrohr).
Fritz Haber und Karl Bosch bringen die Hochdruck-Ammoniak-Synthese zur Anwendungsreife.
Berlin: Der Untergrundbahnhof „Alexanderplatz“ wird eröffnet.
Wirtschaft:
Ein deutscher Turbinen-Ozeandampfer mit 52.100 BRT läuft vom Stapel und wird auf den Namen „Imperator“ getauft.
Der Oder-Havel-Schifffahrts-Weg mit der riesigen Schleusentreppe bei Niederfinow wird eröffnet.
Die Sternwarte in Nowawes erhält ein Fernrohr mit 650 mm Durchmesser und 10 m Brennweite.
Das Aquarium im Berliner Zoologischen Garten eröffnet seine Tore.
Bei Husum nimmt ein Flutkraftwerk seinen Probebetrieb auf.
Der Niederländer Anthony Fokker gründet ein Flugzeugwerk in Deutschland.
Die bisherige Einzelstück-Handarbeit im Automobilbau tritt in eine völlig neue Technologie ein. Henry Ford baut in Detroit (USA) die „Blechliesel“, Autos auf dem Montage-Fließband. Er wird der erste Produzent sein, der im Jahr 1921 mehr als 1 Million Fahrzeuge von seinen Fließbändern rollen lässt.
In den Betrieben nimmt der Arbeitsdruck weiter zu. Immer mehr Industrielle erproben das aus den USA importierte Taylor-System zur Steigerung der Leistungen der Lohnarbeiter (Normzeitfestlegung nach dem Messen der einzelnen Handgriffe des Rekordarbeiters mit der Stoppuhr).
Bauten:
Das Völkerschlachtdenkmal, seit 1895 im Bau, wird fertig. Es erinnert an die Befreiungskriege 1812 / 13. Errichtet wurde es nahe dem Schlachtfeld Probstheida bei Leipzig.
Potsdamer Bauten:
Am Ufer des Jungfernsees, am Rande des „Neuen Gartens“, wird der Bau des Schlosses Cecilienhof begonnen, der im englischen, spätgotischen Landhausstil gehalten sein wird. Architekt ist Schultze-Naumburg. Die Bauzeit wird 1917 beendet sein. Hier soll Kronprinz Friedrich Wilhelm mit seiner Ehefrau Cecilie einziehen.
Musik/Theater:
In der Jahrhunderthalle zu Breslau findet die Weihe der Orgel statt. Mit 15.133 Pfeifen ist sie das größte Musikinstrument ihrer Zeit.
Walter Kollo komponiert die Berliner Operette „Wie einst im Mai“.
Filmkunst:
Charlie Chaplin wechselt vom Variete zum (Stumm-) Film. In Deutschland werden unter vielen weiteren Filmen „Die Sufragette“ und „Engelein“ gedreht, wie auch „Der Totentanz“ (Kamera Guido Seeber). In den Neubabelsberger Ateliers entsteht der Film „Der Student von Prag“, der erste deutsche Spielfilm, der ausländische Beachtung fand.
Literatur:
Der Nobelpreis geht an den Inder Rabindranath Tagore.
In Leipzig wird die Deutsche Bücherei ihrer Bestimmung übergeben.
Bernhard Kellermann veröffentlicht seinen Roman „Der Tunnel“ (zwischen Europa und Amerika).
Sport:
In Nordamerika wird offenbar zum ersten Mal der 6.187 m hohe Mont Mc. Kinley (durch Stuck) bestiegen.
Alltag:
Die Einwohnerzahl der Stadt Berlin beträgt knapp 4 Millionen Menschen.
Kreuzworträtsel. Zu Weihnachten erscheint in einer Zeitung erstmals ein Kreuzworträtsel. Allerdings nicht in Deutschland, sondern in der „New York World“. Es wurde von dem, aus Liverpool stammenden Engländer Arthur Wyne zusammengestellt.
1914 – 1918 Die
Zeit des ersten Weltkrieges
1914
Politik:
In Deutschland wird es verboten sich zu duellieren (Gründe: Streit / Ehrverletzung, studentische sich schlagende Verbindungen).
Am 28. Juni in Sarajewo: Auf den österreichischen Erbfolger Erzherzog Franz Ferdinand wird von einem Serben eine Handgranate geworfen. Wenig später erfolgt ein 2. Attentat durch einen Pistolenschützen. Der Erzherzog erliegt den schwersten Verletzungen des Attentats. Politische Gegner sehen es als Befreiungstat gegen die Unterdrückung Serbiens durch Österreich an. Nun will Kaiser Franz Joseph Krieg gegen Serbien und der deutsche Kaiser Wilhelm II steht zu ihm, durch eine Bündnisverpflichtung gefesselt. (Eine Strafaktion gegen Serbien wird vorbereitet aber Wien einigt sich vorerst mit der Regierung in Sarajevo auf Frieden).
24. Juli. Ein Ultimatum Österreichs an Serbien verstreicht. Militärische Mobilmachung in Serbien.
28. Juli: Es kommt zur österreicherischen Kriegserklärung an Serbien.
29. Juli Mobilmachung in Russland.
31. Juli: Mobilmachung in Österreich.
01. August: Militärische Mobilmachung Deutschlands. Der Deutsche Kaiser Wilhelm II. und der russische Zar Nikolaus II. sind zwar verschwägert, trotzdem ergeht am 01. August von Deutschland eine Kriegserklärung an Russland. Wilhelm II. Er ist sowohl oberster Kriegsherr, gilt aber auch als oberster Bischof der protestantischen Kirche. Er ist erfüllt von sich selbst in einer „von Gott gegebenen“ Selbstdarstellung. Er repräsentierte mehr, als er regierte, war sozusagen der oberste Staatsschauspieler.
02. August: Bündnisvertrag Deutschlands mit der Türkei.
03. August: Kriegserklärung von Deutschland an Frankreich. „In 42 Tagen von Berlin nach Paris“ sagt der Kaiser und ähnliche Kaisersprüche machen die Runde. Wilhelm der Redekaiser, der Plötzliche aber auch Wilhelm der Zögerliche, was diplomatische Risiken in sich birgt, der Reisekaiser (Bahnhof Wildpark nahe des Neuen Palais), neun Monate des Jahres auf Reisen, zum Regieren keine Zeit. Er ist aber auch wieder ein
Es fanden sich vorerst viele Freiwillige für einen erfolgreichen, schnellen Krieg. Bisher galten die Deutschen als Kulturvolk, ab 1914 nur noch als Barbaren, als Angreifer. Die Freiwilligen stellten sich einen kurzen siegreichen Krieg vor – unter dem Motto: Jeder Schuss ein Russ, jeder Stoß ein Franzos’. Dass die kriegerischen Handlungen in den fremden Ländern stattfänden und diese sich zu verteidigen wüssten, daran dachte man wohl weniger.
04. August: England erklärt Deutschland den Krieg.
04. August: Deutschlands Einmarsch in das neutrale Belgien. Kriegserklärung Belgiens an Deutschland.
Später verteilt Kaiser Wilhelm II im Koblenzer Hauptquartier Orden. Er, der sich so gerne in Uniform sah (bis zu sechsmal täglich wechselte er seine Uniformen, ist nun kein Militär – nur seine Generäle führen den Krieg. Der Kaiser wolle lediglich einen kleinen Russlandfeldzug. Die Generäle streben aber nach Siegen in Frankreich. So beginnt ein Zwei-Fronten-Krieg, der die Kräfte wesentlich schmälert.
Der Erste Weltkrieg beginnt. Es geht um die Vorherrschaft auf dem europäischen Kontinent, um die Zukunft, „die auf dem Wasser liegt“ für den Flotten-Kaiser (Deutschland soll endlich Seemacht werden –Admiral Tirpitz soll es richten), die Neuaufteilung der Welt, um den Platz an der Sonne (z. B. Deutsch-Südwest-Afrika als Kolonie).“Wir Deutschen fürchten Gott und sonst nichts auf der Welt“ „Wir ziehen in den Krieg – für Kaiser, Volk und Vaterland“, „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche“, ruft der Kaiser.
23. August: Japan erklärt Deutschland den Krieg.
27. August: Mobilmachung des Deutschen Landsturms.
Noch im August schlagen die Deutschen die Russen bei Tannenberg, die im vorigen großen Krieg gegen Napoleon vor 100 Jahren Waffenbrüder waren. 50.000 Russen fallen. 96.000 geraten in deutsche Gefangenschaft. Wie viele Deutsche, das wurde im Siegestaumel nicht erwähnt „Gottes Krieg gegen den Satan“, so der Kaiser.
Polnische Legionen kämpfen unter Pilsudski auf österreichischer Seite gegen Russland.
Eine kurze Vorschau:
In vielen Ortschaften Preußens kommt es zu Antikriegsdemonstrationen. Deutschland wird den Krieg einfach verlieren müssen, weiß man, denn „die Hälfte der Welt“ liefert an die Verbündeten (die Entente) militärischen Nachschub.
05.-09. September: Schlacht an der Marne.
09. Sept.: Die Deutsche Regierung stellt ein Programm der Kriegsziele auf. Antwerpen fällt im Krieg
Oktober / November: Schlacht an der Ypernfront.
28. Oktober: Die Türkei tritt in den Krieg ein.
02. Dezember: Karl Liebknecht stimmt im Reichstag als einziger Abgeordneter gegen die Kriegskredite.
Wissenschaft:
Prof. Albert Einstein wird an die Preußische Akademie der Wissenschaften berufen.
Debes arbeitet seit 1896 an einer wissenschaftlichen Mondkarte nach photographischen Aufnahmen.
Periodensystem der chemischen Elemente: Mit der systematischen Gliederung erkennt man, dass auf der Erde 92 natürliche Elemente vorhanden sein müssten. Bisher sind 86 bekannt. Daher müssen in dem alten System „noch Plätze freigehalten“ werden – für theoretisch vorhandene Elemente, die aber erst noch entdeckt werden müssen. (Siehe 1870: Mendelejew und Meyer haben zeitgleich und unabhängig voreinander ein System der chemischen Elemente aufgestellt).
Technik / Bauwesen:
Walter Gropius schreibt ein Architekturwerk über den modernen Fabrikbau.
In England entwickelt (G. Burstyn) den Panzerkampfwagen „Tank“.
Die Fa. Schütte / Lanz baut das Luftschiff SL 2, „tauglich“ für den Kriegseinsatz.
Von den Anfängen des Fluges bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges sind allein in Berlin-Johannisthal bei Abstürzen 24 Aviatiker tödlich verletzt worden.
Wirtschaft:
Die neue Sechs-Rollen-Rotationsdruckmaschine von „König und Bauer“ druckt stündlich 200.000 achtseitige Zeitungen.
In Dienst wird gestellt ein neuer gewaltiger Turmdrehkran für 250 t Tragkraft, bis 96 m hoch reichend, gebaut von Demag, für Blohm und Voss. Desgleichen einen Schwimmkran gleicher Tragfähigkeit.
Aufhebung der „hemmenden Arbeitsschutzvorschriften“ in den kriegsführenden Ländern.
Nach 30 Jahren Bauzeit (davon die wesentliche Strecke in acht Jahren) wird der Panama-Kanal eröffnet. Er ist 80 km lang und mit sechs Doppelschleusen ausgestattet. Dadurch wird das Umfahren von Südamerika mit dem stürmischen Kap Hoorn unnötig.
Soziales:
Elsa Brandström (1888 – 1948) wird Abgesandte des Schwedischen Roten Kreuzes in Russland, als „Der Engel Sibiriens“.
Es stirbt Bertha von Suttner (geb. Gräfin v. Kinsky), österr. Pazifistin, Friedensnobelpreis 1905.
Literatur:
Ricarda Huch schreibt: „Der große Krieg in Deutschland“, ein Geschichtsbild über den 30jährigen Krieg.
Hermann Löns (geboren 1866), Schriftsteller zahlreicher Tier- und Jagdgeschichten, fällt als Soldat am 26. Sept.14.
Heinrich Mann veröffentlicht mit seinem „Der Untertan“ ein Spiegelbild der Kaiserzeit.
Mit dem Titel „Verfall und Triumph“ erscheint Lyrik und Prosa von Johannes R. Becher
Film:
Die Italiener drehen den Film „Die Zerstörung Karthagos“, bei uns wird „Engeleins Hochzeit“ aufgeführt. Asta Nielsen und Henny Porten arbeiten mit dem Filmpionier Oskar Meßter zusammen. Auch andere bewährte Theaterschauspieler erproben das Agieren nur vor der Kamera „als Zuschauer“, darunter Albert Bassermann, Paul Wegener, Emil Jannings, Fritzi Massari und andere.
Musik:
Enrico Caruso (eigentlich Nardini) singt in Berlin den José in „Carmen“.
Strawinsky vertont „Die Nachtigall“, russische Oper nach dem Märchen von Chr. Andersen.
In den USA hält Jazz in der Tanzmusik Einzug.
Schlager: Puppchen, du bist mein Augenstern, Puppchen ich hab dich ja so gern,...
Alltag:
Miederwaren: Vom 15. bis zum 20. Jahrhundert waren für die Damen Korsetts, mit Fischbein, später mit Stahlgeflechtgerten der schönen Körperform zuliebe üblich – oft so eng geschnürt (zusammengezerrt), dass es zu Ohnmachten wegen Luftmangels kam, zu Quetschungen der Organe, zu Rippenbrüchen und Lungenverletzungen. Jetzt endlich kommt das etwas aus der Mode. Neu gibt es jetzt, sozusagen als Befreiung Büstenhalter und Hüftgürtel mit Strumpfbändern und für Kinder so genannte „Leibchen“. Eine Befreiung!
Natur:
Ein Komet (der Delavanschek) taucht auf. Er kehrt wahrscheinlich wegen seiner Bahngestaltung erst wieder in 24 Millionen Jahren „zu uns“, also in die Nähe unserer Sonne zurück. Der Halleysche Komet dagegen ist für uns recht oft, alle 76 Jahre erneut sichtbar.
Aus dem
Jahre 1915
Politik:
Die Hohenzollern-Dynastie feiert ihr 500jähriges Bestehen.
Aus dem Kriege:
Seegefecht zwischen deutschen und britischen Schlachtschiffen vor der Doggerbank bei Helgoland. Dabei wird der deutsche Panzerkreuzer „Blücher“ am 24. Januar 1915 versenkt. Die Helgoländer werden nach Hamburg evakuiert und die Insel wird zur Marinefestung.
Februar: Winterschlacht in Ostpreußen. Polnische Winterschlacht in den Masuren.
Rosa Luxemburg wird verhaftet und vorerst ein Jahr im Berliner Frauengefängnis Barnimstraße inhaftiert.
Februar / März: Winterschlacht in der Champagne. Einführung der Brotkarte in Deutschland.
Kampf um Verdun von Februar bis Dezember. Auf deutscher Seite auch die Truppen des General Falkenhayn. In den Stellungskrieg wird von deutscher Seite „Bewegung gebracht“ mit Flammenwerfern und Giftgas. Die anhaltende Schlacht forderte hier etwa 1 Mio. Tote und Verwundete. Am Ende werden die Fronten etwa wie am Beginn sein.
Wie schon in den Jahren 1895 / 96 so auch jetzt in einer zweiten Welle (1914 / 15) metzeln türkische Moslems etwa eine Million armenischer Christen nieder, weil diese andersgläubig bzw. damit als gottlos gelten.
Wissenschaft:
Albert Einstein stellt in Berlin seine Erkenntnisse über die Gravitation zusammen.
Alfred Wegener erarbeitet in Potsdam die Theorie der Kontinentalverschiebung.
Technik:
Das erste Ganzmetallflugzeug der Welt „Der Blechesel“ wird in Deutschland gebaut. Das erste Flugzeug, das ohne die bisher notwendigen Verstrebungen bzw. Drahtverspannungen für die Tragflächen auskommt. Es ist die „J 1“, von Prof. Hugo Junkers (Ingenieur und Unternehmer) konstruiert. Das Flugzeug erreicht die unglaubliche Geschwindigkeit von 170 km/h. Junkers erarbeitete ca. 180 patentwürdige Erfindungen und Entwicklungen.
Rumpler und Caudron entwickeln zweimotorige Kampfflugzeuge.
Der schlauchlose Taucheranzug (für eine freie Bewegung) wird entwickelt.
Baukunst:
Architekten (des Bauhauses) wie Bruno Taut, Behrens, Poelzig, Mendelssohn, Walter Gropius, Ernst May, Mies van der Rohe begannen das Bauen und die Formgestaltung radikal zu reformieren.
Wirtschaft:
Patent in den USA (Eastman-Kodak) über einen Volks - Fotoapparat aus Pappe und etwas Holz, mit 6x9 cm Rollfilm.
Bildung und Erziehung:
Im deutschsprachigen Raum wird seit etwa dem 15. Jahrhundert die „Deutsche Schrift“ verwendet. Diese tritt in verschiedenen Erscheinungsformen auf. Sehr bekannt ist die „Fraktur“. In den Jahren 1915 bis 1941 lernen die Schulkinder eine vereinfachte Einheitsschreibform, die „Sütterlin-Schrift“. 1941 wurde Sütterlin von den Nationalsozialisten untersagt. Seither wird das Alphabet mit den „Lateinischen Buchstaben“ gelehrt und angewendet.
Literatur:
Den Literatur-Nobelpreis erhält Romain Rolland aus Frankreich.
Musik:
Emmerich Kalman (1882 – 1953) komponiert die ungarische Operette „Die Csardasfürstin“.
Die Blüte des New-Orleans-Jazz wandelt sich, durch weiße Musiker stark beeinflusst, zum Dixieland.
Notizen zur
Geschichte – das Jahr 1916
Politik und Krieg:
In diesem Jahr tritt auch Rumänien in den Krieg ein und Deutschland erklärt Portugal den Krieg.
Juni 1916: Seeschlacht vor dem Skagerrak unter Admiral Scheer. Verluste bei den Briten 115.000 Tote, für Deutschland 60.000 Tote.
August: Hindenburg und Ludendorff übernehmen die Macht – als „Ersatzkaiser“.
Für das deutsche Heer werden als Neuerungen die Gasmaske und der Stahlhelm eingeführt.
Im Westen (Frankreich) Stellungskrieg. Hunderttausende stehen in den Schützengräben auf beiden Seiten. Dieser wird durch das eingesetzte Chlorgas (von Fritz Haber entwickelt) in Bewegung gebracht.
Bald folgt als Kampfmittel auch Senfgas (Kennzeichnung: Gelbkreuz).
1916 Frankreich, allein 700.000 getötete deutsche und französische Soldaten in den sinnlosen Schlachten um Verdun. Die deutsche Heeresleitung bricht am 15. Dezember den Angriff auf das Gebiet um die französische Festung Verdun ab, nachdem alle Geländegewinne wieder verlorengegangen sind, die Operationen im Stellungskrieg erstarrt sind. Der deutsche Angriff hatte am 21. Februar begonnen, der französische Gegenschlag erfolgte am 24. Juni.
Rosa Luxemburg verfasst Kampfschriften gegen den Krieg. Karl Liebknecht erhält wegen seiner öffentlichen Stellungnahme gegen den Krieg zwei Jahre Zuchthaus.
Für alle Männer zwischen 17 und 60 Jahren Lebensalter besteht die Arbeitsdienstpflicht.
Es stirbt der Kaiser der Österreicher, Franz Joseph (Ehemann von Kaiserin Elisabeth / Sisi).
Wirtschaft:
Auf der Weltausstellung im Londoner Hyde-Park wird ein deutsches „Handels-U-Boot“ ausgestellt. Viele neue Gegenstände gibt es aus Gummi von den Nachkommen von Charles Goodyear. Jener scheint ein bedeutender Erfinder aber ein schlechter Geschäftsmann gewesen zu sein.
William Edward Boeing, geb. am 1. Okt 1881 in Detroit gründet als Flugzeugkonstrukteur eine eigene Flugzeugfabrik. Bald entwickelt er sich zum weltgrößten Hersteller ziviler Flugzeuge, später der Düsenflugzeuge.
In diesem Jahr wird der Leipziger Hauptbahnhof vollendet, der unter der Leitung des Konstrukteurs W. Lossow sich seit 1905 im Bauzustand befindet.
Das Ammoniakwerk in Merseburg (Leuna) entsteht.
Soziales:
Der „Sonntagsbund“ zur Förderung und Gewährleistung der Sonntagsruhe wird gegründet.
Die Altersruhestandgrenze, der Eintritt vom Berufsleben in den Ruhestand, wird mit 65 Lebensjahren festgeschrieben.
Nach der Brotkarte wird nun die Fleischkarte eingeführt. Zur Abholung können wöchentlich pro Nase 250 Gramm gekauft werden.
Hungersnot in Deutschland. Der sogenannte Kohlrübenwinter 1916 / 1917 beginnt.
Film:
In verschiedenen Abenteuerfilmen ist Harry Piehl zu sehen und in „Die Ehe der Luise Rohrbach“ als Hauptdarsteller Henny Porten und Emil Jannings.
Naturgewalten:
Am 03. April stürzt in Treysa bei Marburg in Hessen ein 63 kg schwerer Eisenklotz aus dem All auf die Erde.
Das
Kriegsjahr 1917
Politik/Krieg:
Die Rechtsparteien proklamieren als Kriegsziel den „Siegfrieden“.
Eine neue Giftgassorte wird entwickelt. U-Boote werden für den Krieg verstärkt eingesetzt. Der Abgeordnete Philipp Scheidemann fordert die Beendung dieses unseligen, verlustreichen Krieges. Auch Österreich als Verbündeter verlangt das Kriegsende.
Die linke Mehrheit des Reichstages beschließt die Verabschiedung einer Friedensresolution – im Gegensatz zur Heeresleitung.
Matrosen der Marine widersetzen sich dem Krieg, wollen einen Beitrag leisten diesen zu beenden. Als Rädelsführer werden die beiden jungen Maate Max Reichpietsch (aus Neukölln) und Albin Köbis (aus Reinickendorf) hingerichtet.
Die USA erklären Deutschland den Krieg.
In Russland hat der Zar Nikolaus II (Romanow), Lenins Bruder hinrichten lassen.
Lenin und Trotzki kehren aus ihren Exilländern Schweiz und USA nach Russland zurück und bereiten die Revolution vor.
In Russland Februarrevolution (Bürgerrevolution gegen die zaristische Monarchie mit bürgerlicher Regierung unter Alexander Kerenski als Folge). Lenin sagt bürgerlicher Regierung den Kampf an. Der Staatstreich missglückt. Lenin flieht nach Finnland.
07. November (26. Oktober nach russischem Kalender): Beginn der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution in Russland. Nach den ersten Schüssen des Panzerkreuzers Aurora unter der Führung der Kronstädter Matrosen, Sturm auf das Winterpalais, dem Sitz der jungen bürgerlichen Regierung unter Kerenski. Bolschewiken unter Führung des Jurastudenten Lenin, Trotzki, Sinowjew und anderen stürzen den Zaren, putschen sich gegen die bürgerliche Kerenski-Regierung an die Macht. Politische Ziele sind: Enteignung der privaten Betriebe, Verteilung von Grund und Boden, Bildung der „Rote Armee“.
Friedensvertrag in Brest-Litowsk durch die Bolschewiki für die Front des Ostens.
Die Tänzerin Mata Hari (Margarete Zelle) wird in Paris als deutsche Spionin erschossen.
Wissenschaft:
Den Physik-Nobelpreis erhält Max Planck für die Entdeckung des Wirkungsquantums. Den Chemienobelpreis erhält Fritz Haber für das Erforschen der Ammoniaksynthese.
Otto Hahn und Lise Meitner entdecken das radioaktive Element Protactinium.
Shapley untersucht die Ausdehnung des Sternennebels „Milchstraße“ und kommt auf einen Durchmesser von ungefähr 100.000 Lichtjahren.
Wilhelm Ostwald stellt seine Farbenlehre und den „Farbenatlas“ vor.
Technik:
Junkers meldet ein Tiefdecker-Flugzeug zum Patent an. Ludwig Prandtl begründet seine Tragflächentheorie.
Literatur:
Heinrich Mann schreibt den Roman „Der Untertan“, ein Roman über / gegen den deutschen Untertanengeist.
Film:
In den USA startet der Film „Der Fleischerjunge“ (natürlich Stummfilm). Die Hauptrolle spielt, egal wie komisch die Situationen auch waren, der Mann, der nie lachte: Buster Keaton.
Die Universum Film Aktiengesellschaft (UFA) wird in Neubabelsberg gegründet und richtet gleich eine Kultur- und Lehrfilmabteilung ein.
Musik:
Auch der Potsdamer Musiker Wilhelm Kempff jun. wird als Landsturmmann eingezogen. Er war aber äußerst ungeschickt mit dem Gewehr und durfte als Musiker Diplomatie betreiben. Er wird 1919 bei Nathan Söderblom in Uppsala und in Stockholm beim Königspaar Gustav Adolph und der geb. deutschen Königin Viktoria weilen. 1921 wird er bei Dr. Axel Munthe auf Capri sein.
Tomaskantor in Leipzig wird jetzt Günther Ramin (geb. 1898).
Alltag:
Nachrichten aus Potsdam: Am 12. Februar wird das städtische Säuglingsheim gegründet.
1918 – 1933
1918
Politik und Krieg:
900.000 Amerikaner unterstützen Frankreich im Kampf.
Deutsche Arbeiter wollen Frieden und Demokratie, brauchen keinen Kaiser und sehen auf das Beispiel von Russland.
17. Juli: Ermordung der Zarenfamilie Romanow in Jekaterinenburg.
Hindenburg und Ludendorff lassen um Waffenstillstand bitten.
Der Erste Weltkrieg ergab 15 Millionen Tote. (Ein Deutsches Ferngeschütz mit 128 km Reichweite beschießt Paris? Wann?). Während des Krieges gingen 52 deutsche Luftschiffe verloren.
Der Kaiser gibt eine tragikkomische Figur ab. Einen großen Krieg (ohne vorteilige Ergebnisse) – „Das habe ich nicht gewollt“, meint er dazu.
Im Schloss in Spa finden Abdankungsverhandlungen zur deutschen Monarchie statt.
Am 09. November verkündet Prinz Maximilian von Baden unautorisiert die Abdankung des Deutschen Kaisers. Dieser wurde nicht gefragt – nicht er selbst hat auf den Thron verzichtet, bereitet jedoch seine Flucht nach Holland vor.
Max v. Baden übergibt die Regierungsmacht sofort an den Vorsitzenden der SPD, Friedrich Ebert dem Älteren. Philipp Scheidemann verkündet die Republik. Etwas später tut das Gleiche Karl Liebknecht noch einmal, mit dem Ziel der Räterepublik.
09. Nov. 1918: Beginn der Novemberrevolution in Deutschland.
Kaiser Wilhelm II flieht am 10. Nov per Auto bis zur Grenze und dann weiter per Zug ins Asyl in die Niederlande. Aber viele Güterwagen seines Berliner und Potsdamer Hausstandes folgen ihm nach. So auch seine Frau Viktoria.
11. November: Waffenstillstand Die deutsche Flotte wird bei Scapa Flow (England) von ihren eigenen Besatzungen versenkt.
Bauten in Potsdam:
Das Gebiet an der Stadtheide (stadtauswärts Richtung Pirschheide) wird als Siedlungsraum erschlossen.
Kunst und Kultur:
Das „lebendigste“ der Berliner Theaterblätter, die „Schaubühne“ wird in „Weltbühne“ umbenannt.
Alltag:
Potsdam hat jetzt etwa 60.000 Einwohner.
1919 – 1933
Die Weimarer Republik (neues 2. Deutsches Reich)
Zeit des „Bauhauses“
1919
Politik / Krieg:
Nach dem Ende des Weltkrieges herrschen Gewalt, Umsturzversuche, Revolten und Mord.
Am 11. Januar die letzte große Massendemonstration der Nowaweser und Potsdamer im Zuge der Novemberrevolution und vor der Wahl zur verfassungsgebenden Deutschen Nationalversammlung am 19. Januar im Potsdamer Lustgarten. In Nowawes treten die Belegschaften nahezu aller und in Potsdam einiger wichtiger Betriebe in den Streik.
Am 15. Januar werden von reaktionären Offizieren die sozialistischen Politiker Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht in Berlin ermordet und in den Landwehrkanal geworfen.
Aufstand des Kommunistischen Spartakusbundes und dessen Niederschlagung durch die Reichswehr unter der Führung von Gustav Noske.
Der Versailler Friedensvertrag (ohne Deutschlands Beteiligung) vom 18. 01. 19 enthält 440 Artikel als Diktat, von einem neuen Deutschland einzuhalten. Ein Siebtel der Fläche des Reiches ist fort. Darunter Elsass-Lothringen, das Saargebiet, Posen, Teile von Schlesien, Westpreußen und das Memelgebiet, Nordschleswig und Südtirol. Die deutschen Kolonien werden aufgelöst. Die deutsche Armee wird auf eine Höchststärke von 100.000 Mann begrenzt. Es wird nur eine kleine unmilitärische Flotte gestattet. Die Luftfahrt wird für Deutschland stark eingeschränkt.
Reparationsleistungen werden auferlegt, die mehrere Generationen abzuarbeiten hätten. Bis zum Jahre 1984, so der geplante Wille der Alliierten, sind Zahlungen an Kriegsreparationen zu leisten, verkündet am 28. Juni. Die Bedingungen des Friedensvertrages von Versailles drücken das deutsche Land jahrelang wirtschaftlich zu Boden. (Aber dieser „Knebelvertrag wird mit der Zeit gelockert, Zwangsverpflichtungen aufgehoben).
Die Übergangsregierung der Volksbeauftragten übergibt die Macht an die in Weimar am 19. Januar 1919 neu gewählte Nationalversammlung (Weimarer Republik). Friedrich Ebert (SPD) wird am 11. Februar Reichspräsident (bis 1925, seinem Todesjahr) und Philipp Scheidemann wird Reichsministerpräsident.
Die Reichsflagge wird schwarz – rot – gold, die Handels- und Kriegsflagge hingegen schwarz – weiß - rot mit schwarz – rot - goldener Gösch.
Am 31. Juli wird die Nationalversammlung nach Weimar einberufen. Sie bestätigt die bereits zweimal ausgerufene Republik.
Den Entwurf einer neuen Verfassung erarbeitet Hugo Preuß. Die neue Verfassung wird am 13. August beschlossen: „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus“
Hindenburg wird Reichskanzler. Wilhelm II möchte gern wieder zurück auf den deutschen Thron, der nicht mehr steht. Die Holländer widerstehen der Auslieferungsforderung der Alliierten.
In Deutschland wird erstmals das Frauenwahlrecht eingeführt. Die Zeit war überreif.
Der Achtstunden-Arbeitstag wird gesetzlich eingeführt.
Gründung der Deutschen Arbeiterpartei, deren Mitglied ein gewisser Adolf Hitler wird.
Die Kommunistische Internationale (Komitern) wird gegründet.
In Potsdam wird das Reichsarchiv eingerichtet, das aus dem Heeresarchiv wächst.
Wissenschaft:
Rutherford veröffentlicht seine Arbeit über die Möglichkeit des Spaltens von Atomkernen.
Erste Versuche mit der Kurzwelle.
Wissenschaft / Medizin:
Huldschinsky entdeckt die antirachitische Wirkung der Sonneneinstrahlung (Pro-Vitamin-D-Bildung).
Technik / Maschinenbau:
Flugtechnik: Erste Atlantiküberquerung der Menschheit mit einem Flugzeug von West nach Ost des Briten John Alcock mit dem Amerikaner Arthur Witten Brown von Neufundland nach Irland.
H. Klemm konstruiert ein Leichtflugzeug und Krupp den ersten Motorroller.
Das erste Passagierflugzeug der Welt ist die Junkers F 13 „Anneliese“, ein Tiefdecker. In der erstmals geschlossenen Kabine finden Pilot, Co-Pilot und vier Passagiere Platz. Es erreicht 170 km / h. Stabilitätszuwachs durch Wellblecheinsatz. Dieses Flugzeug wird in viele Länder der Erde exportiert werden, so auch nach Afrika, in die USA und in die Sowjetunion.
Mit dem Vorhaben „Tonfilm“ beginnen in Berlin Entwicklungsarbeiten durch den Physiker Dr. Joseph Engl, den Techniker Hans Vogt und den Mechaniker Joseph Masolle. 1921 wird es soweit sein. Der erste Tonfilm kann einem erstaunten Publikum vorgestellt werden.
Auf einer Überfahrt von Antwerpen nach England im September verschwindet Rudolf Diesel. Man nimmt einen Suizid an. Er gilt als verschollen; wurde nicht aufgefunden.
Bautechnik:
Gründung der Bauhaus-Schule am 01. April 19 in Weimar durch Gropius, Feininger, Itten und Marcks. Zu den Lehrern gehören auch Kandinsky und Paul Klee. Dort war sie bis zum 01. April 1925 angesiedelt; dann erfolgte die Verlegung nach Dessau.
Wirtschaft:
Gründung des Glühlampenwerkes „Osram“.
Verkehr:
Der erste regelmäßige Linienflugverkehr in Deutschland wird zwischen Berlin und Weimar eingerichtet. Damit auch der Beginn der regelmäßigen Luftpost zwischen Berlin und Weimar.
Gesundheit:
Eine weltweite Grippeepidemie fordert allein in Deutschland 196.000 Menschenleben.
Erziehung / Soziales:
Dr. Otto Perl (geb. 1882, Orthopädie) gründet den Selbsthilfebund der Körperbehinderten (siehe Perlsches Gerät zum Entspannen der Wirbelsäule).
Deutsche Kindergärten übernehmen die italienische Montessouri – Methode.
Erste freie Waldorfschule in Stuttgart. Deren Leiter ist der Anthroposoph Rudolf Steiner.
Gründung der „Technischen Nothilfe“. Die „Arbeiterwohlfahrt“ wird gegründet.
Literatur:
Richard Dehmel veröffentlicht sein Kriegstagebuch „Zwischen Volk und Menschheit“. Heinrich Mann schreibt „Macht und Menschen“.
Bruno Hans Bürgel schreibt seine Autobiographie „Vom Arbeiter zum Astronom“.
Musik:
Sergej Rachmaninow, seit 1912 Kapellmeister in St. Petersburg, siedelt in die USA über.
Filmkunst:
A. Hugenberg gründet die Universum-Film-Aktiengesellschaft und errichtet Ateliers auf einer Fläche zwischen Nowawes und Drewitz.
Sport:
Gründung von Boxerverbänden / -Vereinen.
Alltag:
Erster Nacktbadeklub „Die Sonnenfreunde“ in Motzen, am Motzener See gegründet, was vorerst zu einem großen Skandal führt.
1920
Politik:
Fridtjof Nansen leitet als Oberkommissar des Völkerbundes zahlreiche Hilfsaktionen für Gefangene und Vertriebene des 1. Weltkrieges.
Es stirbt Joachim, Prinz von Preußen (1890 – 1920), Sohn des letzten Kaiserpaares durch Selbsttötung.
Der Gesamtrussische Sowjetkongress nimmt den GOELRO-Plan zur Elektrifizierung des gesamten Landes an.
Wissenschaft und Technik:
Es wird die Sendeantennenanlage der Großstation Nauen gebaut, mit einer 150 m – Antenne für den innereuropäischen Funkverkehr und einer 250 m – Antenne für den Überseeverkehr nach Amerika. Des Weiteren besteht die Hauptfunkstelle in Königs Wusterhausen.
Erste Rundfunksendungen in Berlin und Umgebung. Jetzt wird der Text nicht mehr in Morsezeichen verschlüsselt, sondern man kann erstmals Sprache und Musik senden und empfangen. Dazu bedient man sich trotzdem noch der Kopfhörer und eines Kristalldetektors. Weihnachten 1920 wird das erste Konzert aus Deutschland weltweit übertragen, gesendet von der Postsendestation in Königswusterhausen. Ausgestrahlt wird zuerst das Lied „Stille Nacht, Heilige Nacht“ in der Instrumentalbesetzung: Violine, Akkordeon, Klarinette.
Der erste erfolgreiche Tonfilmversuch, noch nicht im Kino aber „im Labor“, im Studio. Erfinder sind der Physiker Dr. Joseph Engl, der Techniker Hans Vogt und der Mechaniker Joseph Masolle. Diese Fleißigen wurden jedoch von ihrer Erfindung nicht reich, wie hingegen später andere Leute. Die erste öffentliche Tonfilmvorführung gibt es zwei Jahre später in Berlin.
Wirtschaft:
Die Königliche Eisenbahn-Hauptwerkstätte (Alte Königstraße) wird in „Reichsbahnausbesserungswerk“ umbenannt. Derzeitig 2.000 Mann Belegschaft (vergleiche 1838).
Sport:
Am 26. Juni: Erste Große Potsdamer Ruderregatta am Regattahaus am Luftschiffhafen.
1921
Technik:
1921 ist es soweit. Der erste Tonfilm kann einem erstaunten Publikum vorgestellt werden.
Bauten in Potsdam:
In den Ravensbergen entsteht der Einstein-Turm, den Mendelssohn konstruierte.
Wirtschaftspolitik:
Die Städte beginnen eigene Notgeldscheine zu drucken (bis 1923).
Die erste Autobahn Deutschlands. Bei Berlin im Grunewald wird die Automobilverkehrs- und Übungsstraße (AVUS) am 19. Sept. 1921 eröffnet. Hier finden nun auch Autorennen statt.
21. September: Schwerer Unfall auf dem Gelände der Badischen Anilin- und Soda-Fabrik bei Ludwigshafen. Ein Silo mit Ammonsulfatsalpeter explodiert. 600 Tote, 2.500 Verletzte.
1922
Politik und Krieg:
In Italien gelangen unter Mussolini die Faschisten an die Macht.
Wissenschaft:
Seit 1894 grub der britische selbsternannte Archäologe (eigentlich Maler und Zeichner) Howard Carter im Tal der Könige bei Luxor in Ägypten. immer wieder sind alle Geldmittel verbraucht. Zwar wurden 60 ausgeraubte Grabanlagen freigelegt aber Carter sucht das Grab des Kindkönigs „Tutanchamun / Tut-ench-Amun“. Am 26. Nov.1922 entdeckt er eine Grabstätte, von der er überzeugt ist, dass er hier am Ziel ist. Erst zwei Wochen später, nachdem sein Geldgeber aus England eintrifft, wird die Anlage geöffnet und am 17. Febr. 1923 die Hauptkammer geöffnet. Mit seiner Hoffnung und Vermutung hatte er Recht. Dieses einzige, unversehrte Grab enthielt unermessliche Schätze. Objekte, die mehr als 3.000 Jahre lang in der Verborgenheit geruht haben. Das Bergen und die Auswertung der Kunstschätze dauern bis 1927. Reichtum und Pracht der Grabbeigaben des jugendlichen Königs, eines eben eher unbedeutenden Pharaos der 18. Dynastie. Was wohl mögen erst die anderen Herrscher-Gräber als Beigaben enthalten haben, wären sie nicht bereits in der Antike geplündert worden. Wo mögen die Schätze geblieben sein?
Technik
Die junge amerikanische Flugpionierin Amelia Earhart (geb. 1897) macht mit spektakulären Alleinflügen auf sich aufmerksam. Siehe auch 1928 und 1937.
Baukunst in Potsdam:
Die Potsdamer Nikolaikirche erhält zwei neue Stahlglocken. Die Festrede zur Weihe hält Herr Generalsuperintendent Dibelius. Kantor der Kirche ist der Musikdirektor Wilhelm Kempff, sen. (1866 – 1938).
Alltag:
Nachrichten aus Potsdam: Am 07. Mai wird die „Siedlung Eigenheim“ zum Bezug freigegeben.
Aus „Politik wird Alltag“:
Wilhelm II heiratet wieder. Erst zwingt man ihn zum Abdanken, dann wird er Witwer. Doch bald findet er ein neues Glück. Am 5. Nov. 1922 heiratet der 63jährige im niederländischen Exil die 28 Jahre jüngere aber ebenfalls verwitwete Prinzessin Hermine von Schönaich-Carolath aus dem Hause Reuß, ältere Linie. Sie überlebt ihren Mann um sechs Jahre. 1947 stirbt sie in einem sowjetischen Internierungslager.
Das Jahr 1923
Politik:
Franzosen und Belgier besetzen das Ruhrgebiet, weil Deutschland nicht die Kriegsreparationen bezahlen kann.
Ein Putsch von „Rechts“. Hitler und Ludendorff werden als Rädelsführer verhaftet.
Erste staatliche Schulen ohne Religionsunterricht.
Zum ersten Mal wird (am zweiten Sonntag im Mai) der Muttertag begangen.
1922 / 23. Der griechisch-türkische Krieg vertrieb 1,2 Millionen Griechen aus der Türkei und 400.000 Türken aus Griechenland. Ferner galten den Türken 3 Mio. Armenier als „unerwünscht“. Sehr viele wurden ermordet.
Wissenschaft:
Der Deutsche Rundfunk beginnt mit Sendungen für die Bevölkerung. Vorher gab es für das Volk keine Rundfunksendungen. Am 29. Oktober wird aus dem Berliner Vox-Haus die erste Rundfunk-Musiksendung für die vorerst 400 Berliner Rundfunkteilnehmer ausgestrahlt.
Wirtschaftspolitik:
Ständig werden durch den Zwang der Inflation neue Geldscheine und auch Briefmarken gedruckt, alte überdruckt, da die Werte zum Schluss bis in die Milliardenwerte ansteigen.
Nach der Inflation mit dem Zusammenbruch des Währungssystems, wird am 01. Dezember 1923 die „Rentenmark“ eingeführt. Die Goldmark, die Reichsmark. Große Teile der Bevölkerung gelten als völlig verarmt.
Verkehr:
Claude Dornier ist Mitarbeiter des Luftschiffkonstrukteurs Ferdinand Graf v. Zeppelin. Dornier entwickelte das Wasserflugzeug „Do J Wal“. Von diesem Jahr an werden davon 300 Stück gebaut.
Im innerstädtischen Großstadtverkehr kommt es zu Fahrzeugstauungen. Daher wurde es ab 1. März gestattet, die Kraftwagengeschwindigkeit innerhalb der Ortschaften von 15 auf 30 km pro Stunde zu verdoppeln.
Literatur:
Im März kam das Buch „Bambi, eine Lebensgeschichte aus dem Walde“ vom Österreicher Felix Salter auf den Markt (siehe 1942).
Hermann Oberth (1894 - 1989) veröffentlicht sein Buch „Die Rakete zu den Planetenräumen“.
Musik:
Nach dem Motto „sich irgendwie über Wasser halten“, kommt der Schlager auf: „Wir verkaufen unser Oma ihr klein Häuschen“.
Soziales:
Etwa jedes zweite Kind im Deutschen Reich ist unterernährt. Besondere Not herrscht im französisch besetzten Westen.
Alltag:
Bei der Gesellschaftsschicht, der es besser ging – gibt es Tanzvergnügen. Der Charleston hat Hochkonjunktur, viel Glamour. Damen tragen jetzt gerne den „Bubikopf“. Einerseits Not, andererseits überschäumende Lebensfreude. Neue Arbeitszeitregelungen gestatten Sonntagsfreizeit. Zelten und Wandern werden modern (selbst mit dem aufziehbaren Grammophon im Gepäck oder im Auto). Aber auch jetzt noch gilt der Badeanzug für Männer als Pflicht. Andererseits entsteht die Bewegung der Freikörperkultur. Der Sport mit dem Rhönrad wird entdeckt. Die ersten Vereine frönen dem Fußballsport.
Natur:
Am 05. Mai hatten wir in Potsdam rund 30°C. Eine ungewöhnlich hohe Temperatur.
Ein schweres Erd-/Seebeben in der Sagamibucht in Japan. Ungefähr 100.000 Menschen überleben das Beben nicht.
1924
Politik:
Prozess gegen Hitler wegen seines blutigen Putsch-Versuches in München. Er erhält als Urteil fünf Jahre Haft. Von seiner Haftstrafe braucht er nur wenig absitzen, denn im gleichen Jahr erreicht ihn eine Amnestie. Im Gefängnis schreibt er „Mein Kampf“, d. h. wegen der kurzen Haftzeit beginnt er vorerst damit.
Wissenschaft und Technik:
Eine Arbeitsgruppe um Dr. Esau entwickelt (wie auch andere zu seiner Zeit) einen Kurzwellen-Radiosender.
Ein Zeppelin-Luftschiff überquert zum ersten Mal den Atlantik. Am 15. Oktober landete das 200 m lange Luftschiff ZR 3 (LZ 126) unter der Leitung von Dr. Hugo Eckener nach einer Flugdauer von 71 Stunden und 17 Minuten in Lakehurst bei New York. Das Luftschiff galt als Reparationsleistung für Schäden des Ersten Weltkrieges. Dr. Eckener wird Ehrenbürger der Stadt New York. Die ZR 3 besitzt fünf Motoren mit je 400 PS und erreichte eine Geschwindigkeit von 120 km je Stunde.
Die Berliner Vorortbahnen fahren ab 1924 als S-Bahn (Stadtbahn) elektrisch.
Die Kunstseide ist entwickelt.
Literatur:
Thomas Mann veröffentlicht seinen Roman „Der Zauberberg“.
Musik:
Der Jazz hält seinen Einzug in Deutschland. Susan Baker ist die derzeitig umschwärmte Sängerin.
Schlager: „Mit dir, mit dir, möchte ich am Sonntag angeln geh’n“.
Soziales / Kriminalität:
Der Fleischer Fritz Hamann wird zum Tode verurteilt, weil er 27 Männer zu Fleisch verarbeitete und verkauft hat. Die Mordserie wurde wohl aufgedeckt, so wird erzählt, als ein Stück Ehering in einer Wurst gefunden wurde. Der „Buschfunk“ spricht davon, dass die Opfer durch eine Falltür des Verkaufsraumes in den im Keller aufgestellten Brühkessel stürzten.
Nachrichten
aus dem Jahre 1925
Politik:
Die Konferenz von Locarno legt fest, dass im Zuge der Gebietsausgleiche nach dem Weltkrieg Elsass und Lothringen endgültig an Frankreich fallen.
Wissenschaft:
Graböffnung in Luxor in Ägypten. Vergoldetes Holz strahlt den Archäologen am 25. Januar 25 entgegen, als sie In Ägypten das über 3.000 Jahre alte Grab des kindlichen – Pharaos Tutanchamun öffnen. Bereits 1922 hatte der britische Forscher Howard Carter die Stelle nahezu unversehrt entdeckt. (Datenangaben umstritten – vergleiche mit 1922).
Der Polarforscher Roald Amundsen wählt für seine neueste Nordpol-Expedition das Flugboot „Do J“ aus der Werft Dornier am Bodensee.
Technik:
In diesen Jahren gibt es zahlreiche Versuche, um Fernsehbilder zu erzeugen. Gute Erfolge sind beim Schotten John Logie Baird zu verzeichnen, bei dem auch Manfred v. Ardenne zum Erfahrungsaustausch zu Gast ist.
Wirtschaft und Verkehr:
Der momentan verkehrsreichste Platz der Welt soll der Potsdamer Platz in Berlin sein. Hier wurde kürzlich die erste Verkehrsampel Europas aufgestellt.
Bautechnik:
Vom ersten April 1925 an, besteht das neue Bauhaus-Gebäude in Dessau, entworfen von Walter Gropius. Vorher war es in Weimar beheimatet.
Beitrag zur Weltverständigung:
Dr. Hugo Junkers regt den Zusammenschluss von vorerst 12 europäischen Staaten an, die „Europa-Union. Am 07. September findet die Gründung in Dresden statt.
Literatur:
Sehr gerne werden Bücher von Karl May und Hedwig Courths-Mahler gelesen.
Kultur / Film:
In der Stummfilmzeit werden auch in Deutschland die Amerikaner Charlie Chaplin, Buster Keaton sowie Pat und Patterchon Publikumslieblinge.
Soziales:
Die Berufstätigkeit der Frauen, zumindest bis zur Hochzeit, beginnt sich durchzusetzen, fördernd beeinflusst wohl auch von dem kriegsbedingten Männermangel.
Sport:
Rekordzeit im Ärmel-Kanal-Schwimmen: 14 1/2 Stunden.
1926
Politik:
Viele Gebäude die früher „Der Krone“ gehörten, fallen an den Staat. So wird auch das Stadt-Schloss (bis 1945) Sitz des Magistrats, da das Rathaus am Alten Markt viel zu klein ist.
Briand und Stresemann erhalten den Friedens-Nobelpreis.
Am 24. April schließen Deutschland und Russland einen Freundschafts- und Neutralitätsvertrag.
08. September: Deutschland wird in den Völkerbund aufgenommen, wird nicht mehr als Kriegstreiber geächtet. Damit wird das Land auch frei von französischer, belgischer und englischer Militär-Besetzung (bis auf das Rheinland). Dr. Konrad Adenauer ist Oberbürgermeister von Köln.
Wissenschaft:
Seit 1926 bis heute (2008) werden in Peru (Nazca) und Bolivien die rätselhaften schnurgeraden, oft kilometerlangen Linien (aber auch Tierdarstellungen im Gelände auf ihre Bedeutung untersucht, ohne dass sie bis heute restlos geklärt erscheinen. Die Linien werden etwa 100 vor Chr. bis etwa 500 n.Chr. angelegt worden sein und könnten sowohl astronomische, als auch kultische oder religiöse Bedeutung haben.
Wirtschaft:
Nach dem Ende der Inflation und dem Einströmen amerikanischer Kredite verbessern sich die wirtschaftlichen Verhältnisse in Deutschland.
Technik:
In den USA baute Robert Goddard die erste Flüssigkeitsrakete (der Neuzeit). Diese war 330 cm lang, flog 54 m weit bei einer Steighöhe von 27 m (siehe auch 1935).
Wirtschaft:
In diesem Jahr wird die Lufthansa gegründet.
In Berlin-Tempelhof wird auf dem ehemaligen Exerzierplatz der weltweit erste Flughafen für den Linienverkehr eingerichtet. (April)
Literatur / Film:
Fritz Lang dreht in den Filmstudios von Neu-Babelsberg den Film „Metropolis“ über versklavte Massen in einer Zukunftsstadt.
Soziales:
In Düsseldorf gibt es die größte Messe über moderne Wohnverhältnisse, Kindergärten und Schulen, Die GESOLE (Gesundheit – Soziales - Leben). In dem dazugehörenden Vergnügungspark gibt es zum ersten Mal „Autoscooter“.
Alltag, Nachrichten aus der Stadt Potsdam:
03. 10. Reichsmeisterinnentag der Jungdeutschen Schwesternschaften.
17. 10. Erstes Potsdamer Hundeturnier im Potsdamer Luftschiffhafen.
10. 11. Feier: 200 Jahre des Bestehens der Heiligengeistkirche.
24. 11. Stadtmuseum am Neuen Markt eröffnet.
02. 12. Typhusepidemie in Potsdam. // In der Havel wurde ein 22pfündiger Hecht gefangen.
05. 12. Fest des Landesverbandes des Bundes der Radfahrer.
Zeitgeschichtliches
im Jahre 1927
Politik:
Eine Pflichtversicherung für den Fall von Arbeitslosigkeit wird am 16. Juli eingeführt. Im Sept. tritt Deutschland dem internationalen Schiedsgerichtshof in Den Haag bei.
Der Franzose Buisson und der deutsche Historiker Ludwig Quidde teilen sich den diesjährigen Friedensnobelpreis.
Wissenschaft:
Der Brite (Sir) Alexander Fleming entdeckt (aus Versehen) das Penicillin und seine antibakteriellen Eigenschaften. Es handelt sich um den Schimmelpilz „Penicillium notatum“, den er zuerst gegen Staphylokokken einsetzt. Anwendung im Tierversuch im Jahre 1940. Die Großanwendung wird aber erst im nächsten Weltkrieg einsetzen. Bisher schwört man noch auf die Anwendung der Sulfonamide (Schwefelpräparate des Deutschen Domagk).
Maschinenbau:
Die Fa. Opel testet ein Raketenauto auf der Berliner AVUS. Es beschleunigt sich in 8 Sekunden von 0 bis 100 km/h.
Flugtechnik: 20. /21. Mai 27. Nordatlantikflug (1. Alleinflug) von West nach Ost durch den Postflieger Charles Lindbergh in 33,5 Stunden von New York nach Paris. Eine Vorschau: Später hatte er mehrere Familien, gefördert durch seine vielen Reisen während der Tätigkeit für den USA-Militär-Geheimdienst im „Dritten Reich“ und danach. Es sollen mindestens drei Familien mit mehr als zehn Kindern gewesen sein. Die jeweiligen Frauen wussten von den anderen Frauen / Familien nichts. Dazu gehörte natürlich seine Frau in den USA, mit der er sechs Kinder hatte. Für die anderen war nur Zeit für Kurzbesuche. Geld, um sie zu versorgen, hatte er wohl. So hatte er z. B. allein in München Frau Hessheimer drei Kinder von ihm. 1974 starb er mit 72 Jahren. 2001 stirbt Frau Lindbergh in den USA. Erst nach dem Tod der Frau Hessheimer (2004 / 2005) erfahren ihre Kinder, wer ihr unbekannter Vater war.
Mit einem Flugboot „Do J“ von den Dornier-Werken, gelingt dem Portugiesen Sarmento de Beires ebenfalls eine Nachtüberquerung des Atlantischen Ozeans.
Wirtschaft:
Der Nürburgring, eine Auto- und Motorrad-Rennstrecke in der Eifel, wird nach dreijähriger Bauzeit am 18. Juni 1927 fertig gestellt. Der Kurs ist 22,8 Km lang und wurde auf Grund einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme der Reichsregierung für das wirtschaftliche Notstandsgebiet entwickelt.
Zwischen Berlin und Hamburg verkehren ab 1. Juli Züge mit einem Salonwagen. Der Wagen enthält sieben Abteile mit je zwei Plätzen. in den Abteilen befinden sich kleine Schreibtische, wie auch ein Waschtisch.
Bauen in Potsdam:
Die Straße „Am Brauhausberg“ wird als Umgehungsstraße (Entlastung der Leipziger Straße) ausgebaut und mit Straßenbahngleisen versehen. Die neue Linie zum späteren Neubau des Schützenhauses soll in drei Jahren fertig sein.
Musik:
Sechs Musiker gründen in Berlin die Gruppe „Comedian Harmonists“. Es handelt sich um fünf Sänger und einen Pianisten. Drei von ihnen sind jüdischer Abstammung, was erklären soll, dass die Gruppe im „Dritten Reich aufgelöst wurde. Zu den bekanntesten Liedern gehören: „Veronika, der Lenz ist da“, „Der kleine grüne Kaktus“, „Irgendwo auf der Welt“, „Amalie geht mit dem Gummikavalier ins Bad“.
Film: In den USA dreht Walt Disney den ersten der Micky Mouse Zeichentrick-Filme.
Soziales:
Das Diakonissenfeierabendheim des Oberlinvereins in Nowawes an der Ecke Wilhelmstraße / Lindenstraße wird eingeweiht. Pfarrer Theodor Hoppe (1846 – 1934), Leiter des Oberlinhauses, wird der Einzige Ehrenbürger von Nowawes sein.
Alltag:
Am 01. Juni eröffnet Reichspräsident v. Hindenburg den nach ihm benannten Eisenbahndamm zwischen der Nordseeinsel Sylt und dem schleswig-holsteinischem Festland. 300.000 t Steine wurden für den 12 km langen Damm aufgeschüttet, der an der Basis 50 m und an der Dammkrone 10 m breit ist.
Nachrichten aus der Stadt Potsdam:
01. Januar: Die Potsdamer Havel führt mit 1,70 m über Normal „mittleres Hochwasser“.
06. 01. Die Grippeepidemie nimmt zu. Das DRK stellt zusätzliche Krankenbaracken auf dem Krankenhausgelände auf.
03. 02. Das Havelhochwasser beträgt jetzt 1,95 m.
25. 02. Der Bote des Städtischen Gaswerkes Bernhard Hammermeister wird am Ruinenberg überfallen, ermordet und beraubt. Der oder die Täter sind flüchtig.
31. 03. 100-Jahr-Feier zum Bestehen der Kolonie Alexandrowka in der Newski-Kapelle
30. 04. Schon wieder ist eine Brandstiftung im Amtsgericht Kaiser-Wilhelm-Straße entdeckt worden.
15.05. Enthüllung des Weihesteins im Luftschiffhafen für die 1.700 im Weltkriege gefallenen Söhne der Stadt.
21. 05. Beginn der Allgemeinen Wassersportausstellung (AWA).
29. 05. Jubelfeier. 100 Jahre Schornsteinfegerzwangsinnung.
01. 06. Ausreise des Potsdamer Meteorologischen Observatoriums zur Lappland-Expedition.
11. 06. Der amerikanische Flieger Chamberlin und sein Begleiter Levine werden im Luftschiffhafen vom Magistrat und der Stadtverordnetenversammlung begrüßt. // Fernwettfahrt der Wanderboote auf dem Kurs: Rund um Potsdam.
30. 06. Stadtgeschichtliche Entdeckung. Die Ansicht des Vorgängerbaus der heutigen Garnisonkirche in der Breiten Straße in einem Gesangbuch von 1740 entdeckt worden.
03. 07. In der „Siedlung Eigenheim“ ist die Damaschke-Bank eingeweiht worden.
19. 07. Fünf Luisenbrautpaare und ein Silber-Luisenbrautpaar werden heute im Andenken an die hochselige Königin Luise in der Garnisonkirche getraut.
23. 07. Es stirbt der Kunstmaler und Stadtrat a. D. Fritz Rumpf.
05. 08. Es stirbt der bekannte Kaufmann Wilhelm Spormann.
20. 08. Eine Gruppe amerikanischer Journalisten besichtige Potsdam.
26. 08. Amtsrat a. D. Alfred d’ Alton-Rauch, der letzte Enkel des Bildhauers Christian Daniel Rauch, begeht seinen 90sten Geburtstag.
11. 09. Brandenburgisches Provinzial-Missionsfest in Potsdam. // Beginn der 2. Gildewoche der Potsdamer Künstler. Die „Potsdamer Tageszeitung“ (Hayns Erben) wird mit der Gilde-Medaille ausgezeichnet.
16. 09. Die Stadtverordnetenversammlung bewilligt den städtischen Beamten eine finanzielle Beihilfe für diesen Monat.
17. 09. Im Leibreitstall wird die Ausstellung des Kunstvereins eröffnet.
27. 09. Der Brandenburgische Verkehrsverbund wird in Potsdam gegründet.
Mode der Damen:
Viel Knie wird gezeigt aber wenig Taille, auf eine knabenhafte Figur legt man Wert („gotisch - schmal“) und trägt als Frisur gern einen Bubikopf.
Naturgewalten:
Am 30. Dezember fällt in Oesede bei Osnabrück ein 3,6 kg schwerer Eisenerzklotz aus dem All zur Erde nieder.
Anmerkungen
zum Jahre 1928
Politik:
Mit dem „Briand-Kellog-Pakt“ wird der Krieg, als Mittel zur Lösung politischer Probleme geächtet. Deutschland tritt diesem Pakt bei.
Im Winter 1928 / 29 treten Anzeichen für eine neue Wirtschaftskrise auf. Die Arbeitslosenzahl wird auf 2 Millionen Menschen geschätzt.
Wissenschaft:
(Sir) Alexander Fleming züchtet im Herbst dieses Jahres aus dem Pinselschimmel Penicillium notatum gezielt das erste Antibiotikum (Penicillin). Es entstand aus seiner Beobachtung, dass die Schimmelpilze Staphylokokken abtöten. Die Massenproduktion und erstmalige Großanwendung wird im 2. Weltkrieg gegen Wundbrand helfen.
Technik:
In der jährlichen Berliner Funkausstellung wird den Besuchern erstmals das Fernsehen vorgestellt: Großer Holzkasten, Bildschirm 3 x 4 cm groß mit schemenhaften Bildern und den groben Zeilen der Nipkow-Scheibe.
Manfred v. Ardenne arbeitet an der Weiterentwicklung der Braunschen Röhre in Zusammenhang mit der Verbesserung von Fernsehbildern.
Erfunden werden in diesem Jahr das Elektrobügeleisen mit Thermostatregelung und die Wäscheschleuder.
Verkehr:
Am 13. / 14. April waren es (ein Jahr nach Charles Lindbergh) europäische Flieger: die Herren Köhl, von Hünefeld und Fitzmaurice, die den Atlantik als erste in umgekehrter Richtung, von Osten nach Westen überflogen. Die Strecke führte sie von Irland nach Kanada. Sie flogen die Junkers-Maschine W 33 „Bremen“ und benötigten für diese Distanz eine Flugzeit von 36 Stunden. Auch ihre Leistung war natürlich in aller Munde. Nach ihrer Rückkehr wurden sie stürmisch auf dem Gelände des Potsdamer Luftschiffhafens an der Pirschheide und dem Templiner See. Die technische Entwicklung geht stürmisch voran (siehe 1939 – das Düsenflugzeug).
Ende Mai stürzt der italienische General Umberto Nobile mit seinem Luftschiff „Italia“ in der Nähe des Nordpols, auf der Rückfahrt ab. Das Luftschiff wird zerrissen. Ein Teil der Besatzung fliegt davon und wird nicht mehr aufgefunden Nobile hingegen stürzt wie verschiedene Leute der Besatzung auf das Eis. Etwa einen Monat verbrachten die Luftschiffer bei klirrender Kälte im Zelt auf dem Eis. Sie werden am 23. Juni von dem norwegischen Flieger Einar Lundberg gerettet. An den Rettungsversuchen waren etwa 1.500 Polarspezialisten mit 16 Schiffen, 21 Flugzeugen und mehreren Schlittengruppen beteiligt. 17 Besatzungsangehörige bzw. Rettungshelfer starben bei der Aktion. Der norwegische Polarforscher Roald Amundsen, der am 18. Juni zu einem Rettungsflug startete, bleibt vermisst. Nobile gilt als überheblich, leichtsinnig und fachlich nicht besonders gut.
Beginn des Baues der Autobahn von Köln nach Bonn. Der Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer tut dazu „den ersten Spatenstich“.
Die S-Bahn (Stadtbahn, Schnellbahn) nimmt zwischen den Endbahnhöfen Potsdam und Berlin – Friedrichstraße den Betrieb auf. Welch ein großer Fortschritt.
Der deutsche Industrielle Fritz von Opel konstruiert einen Rennwagen, der von Feststoffraketen angetrieben wird. Bei den Testfahrten erreicht er eine Geschwindigkeit von 230 km/h.
Im November fährt Dr. Hugo Eckener mit dem Luftschiff „Graf Zeppelin“ nach Amerika.
Literatur / Film:
In Neubabelsberg beginnt man Filme zu drehen bei denen gleichzeitig die Sprache und andere Töne wiedergegeben werden. Der Tonfilm wird Wirklichkeit.
1929
Politik:
Seit dem 11. Februar 1929 ist die Vatikanstadt innerhalb von Rom ein selbständiger Staat. Auf seiner Fläche von etwa 110 Fußballfeldern (0,5 Quadratkilometern) leben etwa 850 Menschen.
Deutschland wird nach dem Dawes-Plan, nun mit dem Young-Plan von Kriegsreparationen weiter entlastet.
In Berlin blutige Demonstrationen – Zusammenstöße mit der Polizei.
Briand und Stresemann legen am 04. September dem Völkerbund den Plan für ein vereintes Europa vor.
Wissenschaft:
Berger entwickelt das Elektroenzephalogramm (EEG).
Technik:
In diesem Jahr fand die erste Non-Stop-Fahrt eines Luftschiffs rund um die Erde statt. Es handelte sich um das Schiff LZ 127 „Graf Zeppelin, das in 20 Tagen eine Strecke von 24.000 km zurücklegte.
Am 12. Juli startete das große Wasserflugschiff Dornier Do-X zum ersten 40minütigen Rundflug über den Bodensee. 169 Passagiere (Werksangehörige mit Familienmitgliedern, bei Langstecken-Luxus-Flügen nur 66 Passagiere), 12 Motore von je 600 PS Leistung. Maximale Geschwindigkeit 210 km/h.
Am 16. Juli beginnt der Dampfer „Bremen“ seine Jungfernfahrt nach New York. Er fährt mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von knapp 28 Knoten und benötigte für die Wertungsstrecke für „den Kampf um das Blaue Band“ von Nordfrankreich bis New York, 4 Tage, 17 Stunden und 42 Minuten und gewinnt damit als schnellstes Schiff das Blaue Band.
Auf den Markt gebracht wurde der erste Elektrokühlschrank.
Die Berliner S-Bahn fährt mit Wagen 2. und 3. Klasse für 20 Pf. Die Dritte Klasse ist ausgestattet mit geknüpften Netzen zur Gepäckablage, Messingaschenbechern, Holzsitzen und Textilvorhängen. Die Zweite Klasse hat auf den Holzsitzen Polsterbezüge.
Wirtschaft:
Die USA im Aktienfieber. Ein Aufschwung ohne Ende? Eine Überproduktion besteht. Die Kaufkraft wächst nicht gleichermaßen mit. Der 25. Oktober 1929 ist „der schwarze Freitag“ an der Wallstreet, mit dem großen Börsenkrach und großem Kurssturz. Beginn der Weltwirtschaftskrise, die bis nach 1933 wirksam bleibt. Das Ende der „Goldenen Zwanziger“.
Weltausstellung in Barcelona. Deutscher Pavillon gestaltet von Mies van der Rohe, einem namhaften Vertreter des Bauhauses.
Literatur:
Thomas Mann (1875 – 1955) erhält den Nobelpreis für Literatur.
Soziales:
Viele Menschen sind arbeitslos. Demonstrationen in Berliner Arbeitervierteln.
Der Tagessatz der Unterstützung für Erwerbslose beträgt 10 Pf (Pfennige). Das ist soviel wie ½ Fahrkarte für die S-Bahn.
Naturerscheinungen:
In der Nacht vom 2. zum 3. Februar haben wir nachts -23°C Frost.
Notizen zum
Jahr 1930
Politik:
Mit Reichskanzler Hermann Müller (SPD) stürzt am 27. März die letzte parlamentarische Regierung der Weimarer Republik. Am 30. März wird Heinrich Brüning (Zentrumspartei) Reichskanzler. Die Weltwirtschaftskrise wirkt sich verheerend auf Deutschland aus. Als eine Gegenmaßnahme wird die Annullierung des Versailler Vertrages versucht. In der Konferenz von Lausanne wird es 1932 tatsächlich zum Streichen der Reparationsforderungen kommen. 4,4 Mio. arbeitslose Menschen. Bei den Reichstagswahlen erhält die NSDAP 18% und 107 Sitze, sie ist nach der SPD die zweitstärkste Partei, die Deutsch-Nationalen 41 Sitze, die Kommunisten 77 Sitze (eine neue Macht soll das Ruder herumreißen).
Nun rücken die letzten französischen Besatzungstruppen aus dem Rheinland ab.
In Indien ruft Mahatma Ghandi zum gewaltfreien Widerstand gegen die britische Kolonialherrschaft auf. Dazu gehört der „Salzmarsch für Freiheit“, um die hohe britische Salzsteuer zu brechen. 90.000 Menschen nehmen daran teil. Die Engländer hingegen antworten darauf mit Gewalt.
Wissenschaft und Technik:
Clyde W. Tombaugh vom Lowell-Observatorium in Flagstaff entdeckt den sonnenfernsten Planeten Pluto. Sein Durchmesser beträgt nur 2.300 km. Für eine Sonnenumrundung benötigt der Planet auf seiner Bahn etwa 250 Jahre.
Der Raketenspezialist Max Valier (1895 - 1930) verunglückt bei der Explosion eines Versuchstriebwerks tödlich.
Herr Professor Albert Einstein eröffnet die Funkausstellung in Berlin.
Bauen in Potsdam:
Am 05. Juni wird die Straßenbahnlinie vom Leipziger Dreieck durch die Straße „Am Brauhausberg“ zum neu erbauten Schützenhaus in der Michendorfer Chaussee in Betrieb genommen. Architekt des neuen Schützenhauses ist Heinrich Ludwig Dietz. Die Weiterführung der Strecke bis nach Caputh ist vorgesehen. Wegen der Steigung am Brauhausberg werden die besonders leistungsstarken Hecht-Zugwagen eingesetzt.
Film:
In diesem Jahr beginnt die „Oscar-Verleihung“ für Filmwerke und Schauspieler.
Die UFA dreht in Neubabelsberg „Der Blaue Engel“ mit Marlene Dietrich als Lola.
Sport:
Max Schmeling wird Boxweltmeister. Er wohnt in Saarow am Scharmützelsee.
Alltag:
In den Vereinigten Staaten von Nordamerika erfindet der Filmproduzent und Zeichner Walt Disney die Entenfiguren Donald Duck, Dagobert und die Kinderenten Tick, Trick und Track.
Unter dem Namen „Tempo“ werden erstmals Papiertaschentücher produziert.
Naturgewalten:
Am 30. September gehen in Beverbruch (Oldenburg) zwei Meteoriten von 11,7 kg bzw. 4,8 kg auf die Erde nieder.
1931, Verschiedenes aus diesen zwölf
Monaten
Politik:
Arbeitslosigkeit im Januar: 4,77 Millionen, im Dezember werden es 5,66 Mio. sein.
Albert Einstein unterstützt die „Internationale der Kriegsdienstverweigerer“.
Wissenschaft und Technik:
Die Amerikanerin Amelia Earhart, geb. 1897, flog alleine über den Atlantik. Siehe auch 1922 und 1937.
Auf der jährlichen Berliner Funkausstellung wird ein neues Fernsehsystem vorgestellt – ohne Nipkowscheibe, sondern mit einem Elektronenabtaststrahl der Braunschen Röhre. Mit dieser Entwicklung (Manfred v. Ardenne) gelingt das Übertragen von Kinofilmen mit der Fernsehtechnik. Das elektronische Fernsehen beginnt.
Am 15. Januar gelingt dem Sender in Nauen erstmals ein drahtloser Funkkontakt mit der US-Funkstation auf Long Island bei New York. Die 5.200 km-Verbindung ermöglichten Hochfrequenzmaschinen beider Stationen.
Der Wissenschaftler Jansky entdeckt, dass Sterne = Sonnen natürliche Radiowellen ausstrahlen (siehe 1937 und 1946).
„Sirama“, so heißt der erste elektrische Rasierapparat. Siemens bringt ihn auf den Markt.
Das erste Haushaltwaschmittel aus synthetischen Stoffen wurde entwickelt. „FEWA“heißt es. Werbemarke: Runder Kopf mit rundem Dutt.
Am 18. Oktober stirbt Thomas Alva Edison mit 84 Jahren. Es gibt in New York eine Stromabschaltung für eine Gedenkminute. Edison war es, der der Welt das elektrische Licht beschert hatte.
Bautechnik:
Der Architekt Heinrich Tessenow baut die „Neue Wache“ in Berlin, ein Schinkel-Bau, zum Ehrenmal für Gefallene um.
Am 01. Mai 31 weiht US-Präsident Herbert Hoover das Empire State Building ein. Das Bürogebäude hat 102 Etagen und ist 391 m hoch. Der verantwortliche Konstrukteur ist William F. Lamb. Für vier Jahrzehnte, bis 1973, wird es das höchste Gebäude der Erde sein. Bei San Francisco wird die Golden-Gate-Brücke gebaut.
Literatur:
Es erscheint „Schloss Gripsholm“ von Kurt Tucholsky. Ebenfalls „Der Hauptmann von Köpenick von Carl Zuckmayer (nach wahrer Begebenheit). Bert Brechts „Dreigroschenoper“ wurde verfilmt.
Alltag, Nachrichten aus Potsdam:
22. 11. Große Fleischereiausstellung der Potsdamer Schlächtermeister.
Einige
Notizen zum Jahre 1932
Politik:
In Deutschland gibt es knapp 7 Mio. Arbeitslose. Wahl zum Reichspräsidenten am 10. April: Der 85jährige Paul von Hindenburg erhält 53 % der Stimmen, Adolf Hitler (NSDAP) 37% und Ernst Thälmann (KPD) 10 %. Das Kabinett Brüning wird (von rechts) gestürzt, von Papen und anschließend General Schleicher können nur kurzlebige Kabinette bilden, da die Nationalsozialisten, Deutschnationale und Kommunisten (gemeinsam) die Mehrheit stellen, die jede ordentliche demokratische Regierung verhindern. Somit ist die demokratische Weimarer Republik am Ende ihres Bestehens.
In den USA wird Roosevelt neuer Präsident. Die USA kann ihre Krise nicht in gute Bahnen lenken. Es ist die Überproduktion von Lebensmitteln. Um die Preise zu halten, werden Unmengen, beispielsweise von Kaffee und Weizen ins Meer geschüttet, obwohl es in der Weltbevölkerung, wie auch in der eigenen ärmeren Bevölkerung Hunger gibt.
Wissenschaft:
G. Domagk entwickelte die Sulfonamide als chemische Heilmittel. Er wird dafür 1939 den Nobelpreis erhalten.
Prof. Werner Heisenberg erhält den Nobelpreis für Physik.
Der amerikanische Zoologe William Beebe (1877 – 1962) beginnt die Tiefsee-Erforschung in einer Tauchkugel bis zu einer Tiefe von 750 m.
Kunst und Kultur:
Die UFA in Neubabelsberg (Universum-Film-Aktiengesellschaft) gehört A. Hugenberg, wird aber 1933 staatlich und später dem Reichspropagandaministerium (für „Volksaufklärung“) unterstellt.
Alltag, Nachrichten aus Potsdam:
01. 02. Der Organist Wilhelm Kempff wird als ordentliches Mitglied der Abteilung für Musik in die Akademie der Künste gewählt.
27. 02. der eintausendste Deutsche Blindenführhund wird seinem Herrn übergeben. // Oberbürgermeister Rauscher wird Vorsitzender der Brandenburgischen Provinzialregierung mit ihrem Sitz in der Nauener Straße.
01. 03. Direktor Fritz Jesinghaus ist 25 Jahre im Städtischen Elektrizitätswerk tätig.
03. 03. Der Hauptobservator am Astrophysikalischen Observatorium, Herr Prof. Dr. Wilhelm Westphal wird 50 Jahre alt.
22. 03. Bierpreissenkung!
14. 04. Goldenes Militärjubiläum des Generalleutnants a. D. Bernhard Graf Finck zu Finckenstein.
28. 04. Das erste Frühlingsgewitter des Jahres über Potsdam.
08. 05. Die Wohnung der Königin Luise wurde (im Stadtschloss) im alten Stil wieder eingerichtet.
13. 05. Georg Fritsch wird Stadtbaurat in Potsdam.
19. 05. Der Wünschelrutengänger Schuldt veranstaltet Versuche zur Verbesserung der Akustik in der Nikolaikirche (mit zweifelhaftem Erfolg).
07. 06. Richtfest in der Stadtrandsiedlung (Kriegsopfersiedlung).
19. 06. Internationale Motoryacht - Wettfahrten auf dem Templiner See.
01. 07. Heinkel-Wasserflugzeuge veranstalten Luftrennen über den Templiner See.
Ab 07. 07. wird „Die Alte Fahrt“ an der Burgstraße ausgebaggert.
26. 07. Das Schulschiff „Niobe“ kenterte. Drei junge Leute aus Potsdam starben dabei.
31. 07. 200-Jahr-Feier der Garnisonkirche.
07. 08. 70 Jahre alt wird Oberst a. D. Alfred Keller, Leiter der Numismatischen Abteilung des Städtischen Museums. // Einweihung der Kolonie „Sternschanze“.
02. 09. Feier zum 25jährigen Bestehen der Potsdamer „Elektrischen“ (Straßenbahn).
27. 09. Die Neugestaltung des Bahnhofsvorplatzes ist beendet.
Sport:
Die Olympischen Spiele finden in diesem Jahr in Los Angeles statt.
Die Zeit 1933
– 1945 – die Zeit des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges
1933
Am 30. Januar wird Hitler Reichspräsident.
05. März Reichtagswahl. Die NSDAP bleibt mit 43,9% unter der absoluten Mehrheit; geht aber mit den Deutschnationalen zusammen.
21. März 33. Eröffnung der
Reichstagssitzung in der Potsdamer Garnisonkirche als Versammlungsraum. Grund:
Das Berliner Reichstagsgebäude war ab 27. Februar wegen Brandstiftung nicht
nutzbar. Angeschuldigt werden der bulgarische Kommunist Georgi Dimitroff und der
Niederländer van der Lubbe). Machtübergabe an Adolf Hitler aus den Händen des
greisen Generalfeldmarschalls v. Hindenburg. „Der Tag von Potsdam“ gilt als der
Beginn der Zeit des Nationalsozialismus, des neuen 3. Deutschen Reiches, der
faschistischen Herrschaft in Deutschland.
Am 30. April ernennt v. Hindenburg Hitler zum Reichskanzler.
Hitler erlässt die „Reichstagsbrandverordnung“, um die Demokratie vollends abzuschaffen. Joseph Goebbels kann seine Propaganda ungehemmt verbreiten.
Verbot der KPD, Verbot der SPD, Verbot aller Parteien außer der NSDAP.
Am 02. Mai bereits verbietet Hitler freie Gewerkschaften.
„Gleichschaltung aller Organisationen in die nationalsozialistische Richtung.
Ab 10. Mai zahlreiche Bücherverbrennungen (Werke von Marx, Mann, Kästner, Freud, Remarque, Kerr, Kurt Tucholsky, Carl v. Ossietzky und vielen anderen) an deutschen Universitäten und anderen Orten.
Das Dritte Reich, nach Kaiserreich und Weimarer Republik hat begonnen, ebenso die Emigration vieler Geistesschaffender. Deutschland tritt aus dem Völkerbund aus, stellt sich außenpolitisch ins Abseits.
Technik:
Die Gorch Fock I wird am 3. Mai als Segelschulschiff in den Dienst gestellt. (1945 wird sie gesprengt, versenkt, später wieder gehoben, restauriert und fährt im Dienst der russischen Marine. Ab 2003 wird sie als Museumsschiff in Stralsund liegen).
Verkehr:
Ab Mai 1933 verkehrt der dieselelektrische Schnelltriebwagenzug „Der fliegende Hamburger“ mit einer Reisegeschwindigkeit von 125 km/h; Höchstgeschwindigkeit 160 km/h.
In der UdSSR ist der Weißmeerkanal eröffnet worden. Er verbindet das weiße Meer mit dem Onegasee. Er ist 227 km lang, 5 m tief und hat 19 Schleusen zum Höhenausgleich.
Bauen in Potsdam:
Die Jungenschule in der Neuendorfer Schulstraße 9 erhält zur Erweiterung einen Anbau von dem Architekten F. Kuhnert.
1934
Politik:
Deutschland schließt einen „Nichtangriffspakt“ mit dem polnischen
Nachbarn. Paul von Hindenburg stirbt. Chinas Kommunisten gehen unter der
Führung von Mao Tse Tung „Auf den langen Marsch“ (der 14 Monate andauern wird).
Mao ist von Beruf Hilfsbibliothekar. Er hat die Vision eines unter dem
Kommunismus geeinten Chinas.
Kriminelles:
Adolf Hitler hat Angst vor Nebenbuhlern. Unter dem Vorwand des so
genannten „Röhmputsches“ lässt er SA-Führungskräfte ermorden und Intellektuelle
oder stärkere Charaktere, die er für gefährliche Gegner in den eigenen Reihen
hält. Es handelt sich um eine Liste von mindestens 83 Personen, die über das
Land verstreut, hingerichtet werden. Unter den ermordeten befinden sich auch
der frühere Kanzler Schleicher und dessen Ehefrau, Gregor Strasser Organisationsleiter
in der NSDAP, Erich Klausener (Katholische Aktion), Edgar Jung, ein Mitarbeiter
von Vizekanzler v. Papen und Gustav v. Kahr, bayerischer
Generalstaatskommissiar.
Technik:
Die Reichspost eröffnet in Berlin den ersten deutschen Fernsehsender mit dem Namen „Paul Nipkow“. Das Ganzmetallflugzeug „Ju 52“ aus den Junkers-Werken, verspricht ein sehr robustes, leistungsfähiges Großraumflugzeug zu sein. Es ist wieder mit einer Wellblechkarosse zur Stabilitätserhöhung bekleidet. Später wird man es liebevoll „Tante Ju“ nennen.
Alltag:
Erste Ferienreisen mit der neu gegründeten Organisation „Kraft durch Freude“ (KdF) werden vergeben.
1935
Politik:
Saarland – eine Volksabstimmung am 13. Januar ermöglicht die Rückgliederung des Saarlandes nach Deutschland. Wählen konnten die Einwohner unter
- Der Beibehaltung der gegenwärtigen Rechtsordnung (Status quo)
- Der Vereinigung mit Frankreich oder
- der Vereinigung mit Deutschland.
16. März – Einführung der Wehrpflicht. Offene Wiederaufrüstung (was der Versailler Vertrag weitgehend ausgeschlossen hatte).
Am 15. September werden die „Nürnberger Gesetze verabschiedet. Sie ermöglichen offiziell eine Abkehr von der Demokratie, geben den Nationalsozialisten freie Hand auch zur Unterdrückung anders denkender Menschen im eigenen Land, Menschen anderer Religionen oder fremdländischer Herkunft.
Carl v. Ossietzky wird wie viele andere verhaftet und in ein Konzentrationslager geschafft. Den ihm verliehenen Friedensnobelpreis darf er nicht annehmen. 1938 wird er an den Folgen dieser Inhaftierung (nach seiner Freilassung) sterben.
Wissenschaft und Technik:
Wegen seines hohen Gewichts wird erst jetzt ein Dieselmotor in einen Lkw eingebaut. Es handelt sich bei dem Fahrzeug um einen Mercedes-Benz 260 D, mit 45 PS, v max. 90 km/h.
Die ersten Farbfilme sind in den Kinos zu bewundern.
Manfred von Ardenne stellt das erste Fernsehgerät vor. Damit schafft er die Grundlagen des Fernsehens. Genutzt wurde ein Kathodenstrahlrohr. Bis dieses „Pantoffelkino“ aber Einzug in die Haushalte findet, vergeht noch eine Weile, so kommt man in „Fernsehstuben“ zusammen. Gesendet wird dreimal pro Woche für 21/2 Stunden und samstags am Abend. Der offizielle Sendebeginn ist der 22. März 1935 (siehe auch 1939).
Anschließend wird Manfred von Ardenne für Hitler an der Entwicklung der Atombombe forschen.
Erste Tonbandgeräte sind entwickelt worden.
In den USA baut Robert Goddard eine weitere Flüssigkeitsrakete (siehe auch 1926). Das neue Modell ist 450 cm lang und erreicht eine Steighöhe von 2.285 m.
Alltag:
Die Firma „Alete“ bringt bereits vorbereitete Babynahrung auf den Markt. Werbeslogan: „Alete kocht für’s Kind“.
In Berlin am Funkturm findet zum ersten Mal „Die grüne Woche“, eine internationale Landwirtschaftsausstellung statt.
Robert Wadlow (1918 – 1940) ist mit einer Körpergröße von 2,72 m derzeitig der größte bekannt gewordene Mensch auf unserer Erde.
Literatur:
Erich Kästner schreibt: „Das fliegende Klassenzimmer“.
Aus dem
Jahre 1936
Politik:
17. Juli 1936. Ein Putsch in Spanisch-Marokko. General Franco unternimmt von Las Palmas (einer Insel der Kanaren) aus, den Militärputsch, der zum Bürgerkrieg führt. Er beginnt die rechtsgerichtete Militäroffensive mit dem Ziel, die erst im Februar gewählte linksdemokratische Volksfrontregierung in Madrid zu stürzen. In den folgenden drei Jahren erschüttert ein Bürgerkrieg das Land, in dem über eine halbe Million Menschen sterben. Einbezogen sind darin nicht nur das spanische „Mutterland“, sondern auch die früher kolonialisierten Mittelmeerinseln der Balearen und die Atlantikinseln der Kanaren, wie auch das afrikanische Marokko. Unter den Kämpfern nicht nur Einheimische sondern auch unterstützende Kräfte aus anderen Ländern (Internationale Brigaden, siehe Thälmann-Kolonne, „Spaniens Himmel breitet seine Sterne …“). Francisco Franco y Bahamonde, Führer der faschistischen Falange–Partei wird zum General und Staatschef auf Lebenszeit ausgerufen. Mussolini und Hitler bieten Franco ihre Hilfe an und schicken Soldaten. Während der Zeit der Olympischen Sommerspiele greift Hitlers „Legion Condor“ in den spanischen Bürgerkrieg ein. Die Diktatur in Spanien wird erst 1975 mit Francos Tod enden. Nachfolger wird König Juan Carlos.
Das Konzentrationslager Sachsenhausen wird eingerichtet.
Technik:
Zur Olympiade gab es erstmals „Fernsehen“ – allerdings nicht in den Haushalten der Bürger. Der bekannte Hersteller von Filmmaterial „Agfa“ (Actien-Gesellschaft für Anilin-Fabrikationen) bringt den ersten Farb-Rollfilm (vorerst für berufliche Spezialisten) auf den Markt.
Die schnellste (deutsche) Dampflokomotive der Welt verkehrt zwischen Berlin und Hamburg mit rund 200 km/h. Auf den Testfahrten zwischen Nauen und Neustadt (Dosse) wurden 200,4 km / h erreicht. Die Maschine ist 27 m lang voll stromlinienverkleidet und fährt mit einer Anhängemasse von 197 t. Ihr wird Kohlestaub in den Feuerungskessel geblasen.
Archäologie / Geologie:
Im November werden bei Peking, nahe den Drachenbergen, etwa 40 Skelette freigegraben. Die Altersbestimmung ergibt 500.000 Jahre. Diese Altersgruppe der Menschheitsgeschichte wird nach dem Fundort „Der Pekingmensch“ benannt.
Bauen in Potsdam:
Der „Burgturm“ des Reichsarchivs am Brauhausberg wird von 64 m Höhe auf 50 m reduziert und modernisiert. Weitere „sachliche“ Klinkerbauten werden angefügt (1934 – 1937).
Visionen für Großprojekte:
Wird in fernerer Zukunft das Mittelmeer verlanden, in den Atlantik abfließen? Der Pazifist Sörgel schlägt vor, zwischen Europa und Afrika an der Meeresenge von Gibraltar einen Damm zu errichten und ein „Atlant-Europa“ zu schaffen. Hitler und Speer bekunden dafür aber bereits aus politischer Sichtweise kein Interesse – bevor der fachliche Inhalt geprüft ist. Die Idee stirbt und ihr geistiger Vater ebenfalls 1952 bei einem Verkehrsunfall.
Musik:
Premiere der Sinfonischen Erzählung für Kinder „Peter und der Wolf“, von Sergej Prokowjew, am 02. Mai 1936 in Moskau uraufgeführt. Sie entstand nach einem Märchen der Brüder Grimm. Jede Figur: Peter, der Großvater, die Ente und der Wolf, werden durch ein ihnen zugeordnetes Instrument und eine Erkennungsmelodie gekennzeichnet.
Sport:
In Berlin und Umgebung finden die Olympischen Spiele statt. Hier erhält das offizielle Deutschland noch einmal seine Anerkennung und die Reichsregierung gibt sich (in diesen Tagen) auch weitgehend offen und liberal. Zwei Wochen also tolerante Tyrannen.
Jesse Owen (ein USA-Athlet ursprünglich afrikanischer Abstammung) erringt beim 100 m-Lauf die Goldmedaille. Der beste Hochspringer ist der dunkelhäutige Johnson. Im Weitsprung werden 8,06 m erreicht.
Hitler war über diese Medaillensiege verstimmt, wollte er doch die Überlegenheit der weißen Rasse bestätigt sehen. Zum Abschluss der Spiele „wird ein Lichtdom errichtet“, der von Flugzeugabwehrscheinwerfern realisiert wird.
Zur Zeitgeschichte
1937
Politik und Krieg:
Hitler „hilft“ General Franco im Spanischen Bürgerkrieg. Einer der vielen Einsatzorte ist die Stadt Guernica im spanischen Baskenland. Hier probt die junge unerfahrene Luftwaffe den Luft-Boden-Krieg. Bomber der „Legion Condor“ unter Freiherr von Richthofen zerbomben diese Stadt total in etwa 3 1/2 Stunden. Der Künstler Pablo Picasso erhielt den Auftrag, dieses Grauen im Bild „Guernica“ festzuhalten.
Japan überfällt China und besetzt Nordchina.
Stalin „säubert“ die Sowjetunion – mit Terror gegen das eigene Volk, zuerst gegen Leninanhänger, bisherige Helden der Sowjetunion. Stalins Frau erschoss sich bereits 1932 selber, weil sie ihn nicht von diesem Vernichtungsfeldzug abbringen konnte. Stalin lässt Kirow hinrichten und viele Anhänger Trotzkis. Ungezählte Menschen, unter ihnen auch Offiziere und viele Intellektuelle werden zwangsumgesiedelt, vor allem auch in Zwangsarbeitslager (GULAG) nach Sibirien in den Fernen Osten deportiert.
Es wird der Stalin-Hitler-Nichtangriffspakt geschlossen, damit sich Stalin nicht auf eine eventuelle deutsche Invasion vorbereitet und nicht bei der geplanten Invasion des polnischen Gebiets eingreift. Hitler wird diesen Pakt bedenkenlos brechen. Stalin wird den polnischen Nachbarn, den slawischen Bruder, unterdrücken, ermorden, vertreiben, sich Land aneignen.
Wissenschaft:
Der Russe Iwan Dmitriewitsch Paparin driftet 1937 / 1938 auf einer großen Eisscholle durch das Polarmeer.
Der US-Amerikaner Reber baute das erste Radioteleskop, um von den Sternen Radiowellensignale aufnehmen zu können (siehe 1931).
Es wird der erste Computer der Welt vorgestellt.
Technik und Verkehr:
Das Luftschiff LZ 129 „Hindenburg“ verbrennt im Mai in Lakehurst bei dem Landemanöver während eines Gewitters mit 97 Menschen an Bord, weil die Wasserstoff-Füllung sofort in Flammen stand. Nur wenige Menschen entkamen dem Flammenmeer.
Dieser schreckliche Unfall bedeutete das Ende der Fahrt mit Luftschiffen für die kommenden Jahrzehnte.
Die Billets für eine Atlantiküberquerung (Deutschland – USA) kosten 1.000 Reichsmark.
Amelia Earhart (1897 – 1937) begibt sich in diesem Jahr allein auf eine Flug-Erdumrundung (ab 21. Mai in Miami). Nachdem ¾ der Strecke geschafft waren, wollte sie noch einmal auf Howland Island im Pazifik zwischenlanden und ist auf diesem Wege verschollen. Eines der Suchflugzeuge entdeckte auf einer sonst unbewohnten Insel ein Biwak, konnte aber dort nicht landen und diese Sichtung wurde nicht ernst genommen. Erst Jahrzehnte später wurde dort tatsächlich ein weibliches Skelett und Reste von Bekleidungsstücken gefunden. Siehe auch 1922, 1931: Erste Flugüberquerung des Atlantischen Ozeans von einer Frau.
Fertig gestellt wird die Golden-Gate-Hängebrücke in San Francisco, mit einer größten Stützweite von 1.280 m, Gesamtlänge 2.740 m, mehr als 70 m hoch. Der Baubeginn war 1933, der Konstrukteur: Morrow Strauss (1870 – 1938).
Potsdamer Bauten:
Die Bauten des Potsdamer Reichsarchivs (frühere Kriegsschule auf dem Brauhausberg) werden zum Heeresarchiv umgewandelt.
Kunst:
Die Nationalsozialisten befinden über „entartete Kunst“.
Sport:
Favoriten im Autorennsport sind BMW und Autounion. Beliebt sind die „Silberpfeile“ mit Manfred von Brauchitsch und Bernd Rosenmeyer. Um diese Zeit (bis zum Kriegsbeginn) wurden auf der AVUS in Berlin und auf dem Nürburgring Geschwindigkeiten bis über 400 km/h erreicht.
Soziales:
Papst Pius der II. tritt gegen Hitler auf.
Alltag, Nachrichten aus Potsdam:
21. / 22. 08. „Potsdamer Tageszeitung“: Neue Militärbadeanstalt Große Fischer Straße. Dieses o. g. kostbare Havelgrundstück gehört der alten Potsdamer Fischerinnung und ist von jetzt an, dem Militärfiskus für den Schwimmbetrieb verpachtet.
Die Schwimmausbildung der Rekruten beginnt mit einer vorbereitenden Übung, bestehend aus gymnastischem Unterricht als „Trockenübung“. Darauf folgen Wassergewöhnungsübungen, bis die Rekruten sich selbst über Wasser halten können. Nur noch wenigen müssen dann die Schwimmtempi an der Angel beigebracht werden.
Allerdings kann der größte Hundertsatz der Rekruten bereits beim Eintritt in den Heeresdienst schwimmen. Die Oberaufsicht über den gesamten Schwimmbetrieb ist dem Oberleutnant v. Caprivi vom Infanterie-Regiment Nr. 9 übertragen worden. Staatlich geprüfter Regimentsschwimmlehrer ist Unteroffizier Hainz.
Gedanken zur
Geschichte des Jahres 1938
Politik:
Der Präsident der USA, Franklin D. Roosevelt, unterzeichnet am 25. Juni ein Gesetz, den „Fair Labor Standard Acts“, der Kinderarbeit als illegal bezeichnet. Es werden ferner Mindestlöhne festgelegt sowie auch eine maximale Wochenarbeitszeit von 44 Stunden.
Bürgerkrieg in Spanien. Der deutsche Kommunist Arthur Becker fällt als Mitkämpfer der Internationalen Brigaden.
Die Potsdamer Garnison zählt gegenwärtig 10.000 Soldaten.
Die Stadt Nowawes wird mit der Villenkolonie Neu-Babelsberg zu Babelsberg zusammengelegt. (Der Name des „roten“ und zusätzlich slawischen Ortes soll damit verschwinden).
01. März: Tag der Luftwaffe. Großes Schaufliegen über Berlin. Noch nicht gezeigt werden Kriegsschiffe, U-Boote und Panzer.
Am 15. März werden Böhmen und Mähren (Tschechei und Slowakei) seitens der Wehrmacht besetzt und unter die Hoheit Großdeutschlands gestellt. Die Wehrmacht marschiert in Prag ein. Es wird nun endgültig der Kriegswille Adolf Hitlers klar.
Im September marschieren deutsche Soldaten ins Sudetenland ein und nach dessen „Anschluss“ nach Österreich. Das Münchener Abkommen schlägt das Sudetenland ohne Einverständnis der Tschechoslowakei zu Deutschland.
Der Führer Adolf Hitler holt seine eigene österreichische Heimat – die Ostmark -„Heim ins Reich“.
In der Nacht vom 09. zum 10. November kommt es zur „Reichsprogromnacht“ / zur „Reichskristallnacht“ gegen jüdische Mitbürger, Geschäfte und Synagogen, wie auch Friedhöfe. Gebäude werden gebranntschatzt, Schaufenster gehen zu Bruch, Laden- und Fabrikinhalte werden geplündert. Tafeln oder Hauswandbeschriftungen fordern auf „Kauft nicht beim Juden“. Jüdische Menschen werden misshandelt und getötet, nur wegen ihres Glaubens, oft auch nur wegen ihrer Abstammung. Das Datum steht für den öffentlich bekannten Beginn der Existenzvernichtung und Lebensbedrohung der jüdischen Mitbürger.
Wissenschaft:
Paul Schlack (Laborleiter bei der IG Farben) entdeckt die Polymerisation des Caprolactams. Damit war quasi der Kunststoff „geboren“, der den Namen „Perlon“ erhielt. Etwa zeitgleich wird in den USA die Kunstfaser „Nylon“ entwickelt.
Die erste Atomkernspaltung erfolgt durch die Wissenschaftler Otto Hahn und Strassmann.
Technik:
Der „Volkswagen“, VW 1200, „Der Käfer“ läuft vom Band. L: 4.050, B:1.540, H: 1.500. Er soll 999,-- RM (Reichsmark) kosten.
Ein neues Schreibgerät ist erfunden worden: Der Kugelschreiber. Der ungarische Bürger Biró ließ das Gerät patentieren.
In diesem Jahr erreicht auch England (wie Deutschland 1936) mit der Dampflokomotive („Mallard“ / Wildente) reichlich 200 km mit 250 t Anhängelast.
Am 01. Mai 38 eröffnet die Lufthansa ihre Fluglinie Berlin – Kabul.
Bauwesen:
Berlin. Die ersten Pläne von Albert Speer zum Umbau Berlins zur Welthauptstadt „Germania“ sind gemäß Führerbefehl bestätigt. Die neuen Magistralen benötigen viel Platz. Zahlreiche Häuser müssen in der Planung weichen und selbst Friedhöfe. Mit 35.000 geplanten Umbettungen einschließlich ihrer Denkmäler zum Südwestfriedhof Stahnsdorf wird begonnen.
Alltag:
In diesem Jahr werden für Papiere in Deutschland die DIN-Formate (Deutsche Industrie Norm, so das Format DIN A 4) eingeführt.
1939 – 1945 Die Zeit des Zweiten Weltkrieges
1939
Politik und Krieg:
März: Werbewoche der HJ (Hitlerjugend) für die Aufnahme von Pimpfen (Jungvolkjungen) und Jungmädeln (ab 10 Jahren). Aufrufe zur Ehrenpflicht der Teilnahme am „ersten Appell“.
Am 23. August kommt es in Moskau zum Hitler-Stalin-Nichtangriffspakt. Im „Frieden von Brest-Litowsk holt sich Stalin seine Stillhalte-Belohnung“ von Deutschland: Die Geheime Abmachung zur erneuten Aufteilung Polens. Stalin besetzt Ostpolen schon mal und vertreibt die Polen westwärts. Außerdem stimmt Hitler zu, dass Stalin die baltischen Staaten und Bessarabien (ohne Gegenmaßnahmen von deutscher Seite) annektieren kann. Die Stadt Lemberg wird zum russischen Lwow. Später liquidiert die Rote Armee einen Teil der polnischen Offiziersschicht bei Katyn.
Am 01. September Überfall deutscher Truppen auf Polen, nach einem fingierten polnischen Angriff auf den deutschen Sender in Gleiwitz. So wird der Polenfeldzug als „Vergeltung“ begründet. Das Schiff „Schleswig-Holstein“ schießt in die Stadt Danzig hinein. (Von jetzt an wird „zurück“ geschossen). Die Polnische Armee wehrt sich mit ihrer vornehmen Kavallerie gegen deutsche Panzer und Flugzeuge - vergeblich. Daraufhin erklären zwar England am 03. September (Bündnispflicht) und Frankreich an Deutschland den Krieg, eilen Polen jedoch nicht zu Hilfe. In Warschau wird ein Stadtteil als „Ghetto“ für Juden eingerichtet, das bis 1943 Bestand haben wird. Polnische Juden und die polnische Intelligenz werden erschossen, teilweise auch zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt. In vier Wochen ist Polen erobert. Lodz wird in Litzmannstadt umbenannt. In „geleerte“ polnische Wohnungen ziehen Deutsche ein. 400 deutsche Bomber legen auch Warschau in kurzer Zeit in Schutt und Asche.
Das Deutsche Kriegsschiff „Graf Spee“ unter Kapitän Hans Langsdorf macht von sich Reden, obwohl es noch niemand kennt. Als ein „Geisterschiff“ taucht es im Südatlantik und im indischen Ozean immer wieder auf, getarnt mit wechselnden Farbanstrichen und unterschiedlichen Aufbauten (mal mit 2. Befehlsturm, mal mit einem weiteren Schornstein – aus Sperrholz und Latten, um die Silhouette des Schiffes zu variieren. Es versenkt zahlreiche feindliche Kriegsschiffe, auch „feindliche“ Handelsschiffe, nimmt aber weitmöglichst deren Besatzungen auf, um Menschenleben zu schonen. Der Erfolg wird auch begünstigt von der möglichen großen Angriffsdistanz – die neuen Schiffskanonen haben eine Reichweite bis zu 30 km. Das geht solange „gut“ bis das Schiff von den Alliierten doch eingekreist und versenkt wird.
November: Der Hilfsarbeiter Georg Elsner (geb. 04. 01. 1903) wollte mit einem Attentat auf Hitler den 2. Weltkrieg verhindern. Er baute eine mittels Uhrwerk zu zündende Bombe in eine Säule des Bürgerbräukellers in München ein. Die Bombe explodierte planmäßig in der Nähe des Rednerpultes. Hitler hatte seine Rede jedoch gekürzt und einige Minuten vor der Explosion den Saal verlassen. Georg Elsner wollte noch in die Schweiz fliehen, wurde aber gefasst und noch kurz vor Kriegsende am 09. April 1945 im Konzentrationslager Dachau erschossen. Auf Hitler wurden bis 1945 etwa 40 Attentate verübt, die alle fehlschlugen. Hitler machte daraus kein Hehl und sprach von „göttlicher Vorsehung“.
Wissenschaft:
In Berlin gelingt den Wissenschaftlern Hahn und Strassmann die Atomspaltung, d Deutschland wird damit theoretisch der Weg zur Atombombe geöffnet, was als eventuell kriegsbeeinflussend angesehen werden kann. Nur in „Norsk Hydro“, einem Wasserkraftwerk in Norwegen, ist die Produktion von D2O (Schweres Wasser, welches die Kettenreaktion verlangsamt) bekannt. Deutschland und Frankreich interessieren sich dafür und wollen jeweils getrennt, die gesamte Produktion kaufen. Dieser Umfang (183 kg D2O) wird jedoch in die USA verbracht.
Technik:
In diesem Jahr wird der erste Flug eines Düsenflugzeuges bekannt. Der deutsche Flugkapitän Warsitz steuert eine „Heinkel 178“ (siehe auch 1947 – Überschallflugzeug).
Auf der Berliner Funkausstellung wird am 28. Juli 39 nunmehr der Einheitsfernseher „E 1“ vorgestellt. (Seit 1935 gibt es Fernsehsendungen). Jeder Besitzer kann damit Sendungen aus Berlin-Witzleben empfangen. Weitere Sender werden geplant, um den Empfang im gesamten Reich zu ermöglichen. Ein Fernseh-Volksempfänger kostet derzeitig 650 Reichsmark. Aber die Bevölkerung hat davon noch nicht viel – und mit dem Beginn des Krieges wird die Produktion auch schon wieder eingestellt.
Wirtschaft:
In diesem Jahr findet die Weltausstellung in New York statt. Ein Chemiegigant stellt dort die Faser „Nylon“ aus der organischen Chemie vor. Erzeugnisse aus dieser Substanz heißen in Deutschland (spätere Bundesrepublik) weiterhin Perlon aber in der Deutschen Demokratischen Republik: Dederon.
Musik:
Der Organist und Glocknerist der Potsdamer Garnisonkirche, Herr Professor Otto Becker, gibt am Sonntag, Palmarum am 02. April 1939 um 20.00 Uhr sein Abschiedskonzert vom Berufsleben. Er wird Werke von Bach und Händel zu Gehör bringen.
Von diesem Jahr an laufen im Radio die Wunschkonzerte – vor allem natürlich für die Soldaten. Im „Paradies der Junggesellen“ singen Siebert, Brausewetter und Rühmann das Lied, das noch über viele Jahre bekannt sein wird: „Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern, keine Angst Ros’marie.“ Ilse Werner pfeift die Melodie: „Sing’ ein Lied, wenn du mal traurig bist. Fred Bertelmann singt „Heimat deine Sterne in dem Film: Quacks, der Bruchpilot mit Heinz Rühmann. Evelyn Künneke: „Sing, Nachtigall, sing, ein Lied aus alten Zeiten“ – „So wird’s nie wieder sein“.
Filme:
Wie bereits erwähnt: „Quacks, der Bruchpilot“, „Kitty und die Weltkonferenz“.
Alltag:
Potsdam zählt in diesem Jahr 135.900 Einwohner.
Die Stadt Babelsberg wird am 01. April nach Potsdam eingemeindet und heißt nunmehr „Potsdam-Babelsberg“.
Erinnerungen
an das Jahr 1940
Politik und Krieg:
Churchill wird englischer Premierminister.
In Blitzkriegsabsicht besetzt die Deutsche Wehrmacht ab 05. Juni Frankreich, Belgien, die Niederlande, Dänemark und Norwegen.
Frankreich: Fünf Tage nach der Unterzeichnung des Waffenstillstandsabkommens mit Deutschland beschließt die französische Regierung am 27. Juni 1940 von Paris in die nicht besetzte Stadt Vichy umzuziehen. Die mit den Deutschen kooperierende Regierung wird später zum Angriffsziel der Widerstandsbewegung (Resistance) unter Führung von Charles de Gaulle (dem späteren Staatspräsidenten General de Gaulle).
Die „Deutsche Wochenschau“ lässt die Frontberichterstatter schwärmend zu Wort und Bild über die Siege in Belgien, Holland und Frankreich kommen.
Die ersten Bomben des 2. Weltkrieges fallen auf Potsdam, Berlin und Umgebung. Der Krieg beginnt, langsam zu seinem Ausgangspunkt zurückzukehren. So wird in der Nacht vom 21. zum 22. Juni die Babelsberger Post in der Eisenbahnstraße bei dem Angriff zwischen 1.42 und 1.59 getroffen.
Technik:
Deutsche Techniker und Ingenieure entwickeln in der Heeresversuchsanstalt Peenemünde auf Usedom Großraketen mit Flüssigkeitsantrieb. Es sind wohl die ersten der Neuzeit, die direkt als Waffe, als “Vergeltungswaffe“ V1 und V2 entwickelt, gebaut und in Serie produziert werden. Die wissenschaftlich-technische Leitung obliegt den Herren Hermann Oberth und Wernher von Braun.
Das erste elektrische Grammophon kommt in die Geschäfte. Nun braucht man nicht mehr „das Uhrwerk“ mit der Feder mit dem Kurbelapparat aufzuziehen, wenn man eine Schallplatte hören möchte.
Bauen in Potsdam:
Das Kino „Bergtheater“ mit 700 Sitzplätzen ist in der Leipziger Straße 73/74 am Brauhausberg fertiggestellt worden und soll am 05. Dezember eröffnet werden. Architekt ist Heinrich Ludwig Dietz. Es weiß heute noch niemand, dass dieses Kino nicht einmal 5 Jahre bestehen wird, denn bei dem großen Fliegerbombenangriff am 14. April 1945, kurz vor Mitternacht, wird auch dieser Bau zerstört werden.
Film –Musik:
Das deutsche Volk ist vom Krieg abzulenken. Für Stunden Hochstimmung zu verbreiten, ist die Devise. Heinz Rühmann hat zu singen: „Mir geht’s gut, ich bin froh und ich sag dir auch wieso.“ Marika Rökk dagegen seufzt: „Für eine Nacht voller Seligkeit, da gäb’ ich alles hin oder „Er heißt Waldemar und hat schwarzes Haar“. Claire Waldoff singt: „Hermann heeßt er“.
Alltag:
Für die Beleuchtung in der Kriegs- und der späteren Nachkriegszeit waren Glühlampen in der Leistungsaufnahme von 15 Watt genehmigt. Das hatte die Vorteile sowohl bei der Energieeinsparung, als auch zur leichteren Verdunkelung zum Schutz vor feindlichen Flugzeugaufklärern bzw. nachfolgenden Bombern.
Nachrichten
aus dem Jahre 1941
Politik:
Am 4. Juni stirbt im Hause Doorn der ehemaliger letzte deutsche Kaiser Wilhelm II von Hohenzollern im Alter von 82 Jahren, der 30 Jahre lang König von Preußen und Kaiser von Deutschland war und anschließend 22 Jahre verbittert im holländischen Exil gelebt hatte, die letzten Jahre im Schloss unter der Bewachung von deutschen SS-Mannschaften.
Am 22. Juni beginnt trotz des bestehenden Hitler-Stalin-Paktes der deutsche Angriff auf die Sowjetunion, die darauf nicht vorbereitet ist. Unternehmen „Barbarossa“: Es besteht eine 1.600 km lange Angriffsfrontlinie Der Beginn des Angriffs richtet sich gegen die Festung Brest. Im Winter 41 aber bleiben die Angriffe vor den Toren Moskaus stehen.
Vom 19. September 41 an, müssen im Deutschen Reich alle jüdischen Menschen gut sichtbar den gelben Davidstern tragen. Außerdem wird ihnen untersagt, ihren Wohnsitz ohne Genehmigung zu verlassen.
Hitler erklärt den USA den Krieg. Messerschmidt baut in Augsburg Bomber, die die USA erreichen sollen, werden aber zugunsten der Tragfähigkeit für diese lange Flugstrecke (hin und zurück) für Treibstoffvorrat und für die Bombenlast zu leicht gebaut, müssen umkonstruiert werden.
Dornberger und v. Braun bauen in Peenemünde an der V2. Reichweite etwa 4.500 km.
Am 18. Oktober beginnend, fahren vom Bahnhof Berlin-Grunewald Züge mit Menschen in die KZ-Vernichtungslager.
Am 07. Dezember greift Japan die USA auf deren Flottenstützpunkt Pearl Habour (Hawaii) im Pazifik an. Die Flugzeit von Japan aus betrug etwa 1,5 Stunden. Knapp 2.500 Menschen starben. Die USA-Regierung erteilt den Physikern ihres Landes den Auftrag die Atombombe (als Abschreckungs- und Vergeltungswaffe) zu entwickeln.
Wissenschaft und Technik:
Konrad Zuse stellt in Berlin-Kreuzberg den ersten nutzbaren Computer vor. Als Lochstreifen dienten ihm Filmrollen. Die Patentanmeldung im Jahre 1967 wurde abgelehnt.
Wirtschaft:
Am 01. August kommt die erste Briefmarke mit dem Porträt A. Hitlers heraus. Leider vorerst als Dauerserie.
Bauen in Potsdam und dessen Gegenteil:
In der Nacht vom 07.-08. Juni (andere Quellen nennen die Nacht vom 07.-08. August 1941), wird die Bethlehemkirche auf dem Neuendorfer Anger in Potsdam-Babelsberg von einer Bombe getroffen.
Kunst – Musik – Film in den Kriegsjahren:
In diesem Jahr kommt aus den USA eine neue musikalisch-theatralische Form – das Musical. Allerdings bitte vorerst nicht nach Deutschland.
Die Sendungen sollten vom Alltag ablenken, eine optimistische Stimmung verbreiten.
„Glocken der Heimat“ und „Heimat deine Sterne gehörten nun zum Liedgut.
Lale Andersen und Marlene Dietrich singen „Lili Marlen“. Vor der Kaserne... dieser „Schlager“ wurde zur Erkennungsmelodie des Senders Radio Belgrad – täglich um 22.00 Uhr. Das Lied wurde bereits 1915, im vorigen Weltkrieg gedichtet. Die UFA stellt vor:
„Angelika“, „Artisten“ (mit Harry Piel) „Die goldene Maske“, „Die Kellnerin Anna“, „Immer nur Du“, „Jakko“, „Oh, diese Männer“ (mit Grete Weiser und Paul Hörbiger), „Walzer einer Nacht“, „Wie der Hase läuft“, „Auf Wiedersehen Franziska“ mit Marianne Hoppe und Hans Söhnker.
Einige
Notizen zur Zeitgeschichte des Jahres 1942
Politik und Krieg:
Im August 1942 zerstören deutsche Bomber die Stadt Stalingrad. Anschließend soll die Stadt von der 6. Armee unter General Paulus eingenommen werden. Das aber gelingt nicht so, wie vorgesehen. Bis zum 19. November werden die deutschen Truppen, die nicht für einen Winteraufenthalt ausgerüstet sind, von sibirischen Truppen eingekesselt. Zur Weihnachtszeit bestehen dort -40°C. Viele Soldaten erfrieren und verhungern. Trotzdem dürfen sie nicht kapitulieren. Erst sehr spät kommt es dazu.
Der Wüstenkrieg von Rommel wird gestoppt.
Zur Massenvernichtung von Menschen werden „Konzentrationslager“ eingerichtet wie z. B. Auschwitz-Birkenau, Buchenwald, Sachsenhausen, Dachau, Treblinka und viele weitere. Der Unternehmer Oskar Schindler (1908 – 1974) rettet in einem eigenen Arbeitslager knapp 1.100 Jüdischen Menschen das Leben.
Wissenschaft und Technik:
Das Mobiltelefon (im Format eines Aktenkoffers, mit traditionellem Telefonhörer) wurde zum Patent angemeldet und in später immer kleiner werdender Form, seit 1983 in Serie produziert.
Herr Enrico Fermi entwickelt den ersten funktionierenden atomaren Versuchreaktor der Welt, der auch in Betrieb genommen wird. Erfolgreiche Kernkettenreaktion zum Ende des Jahres 1942 in einer Sporthalle in Chikago, gegenüber seinem Institut für nukleare Studien. Aber auch bei Heisenberg in Leipzig werden Versuche zur Kernreaktion mit 700 kg Uran und 150 kg D2O (schweres Wasser) unternommen, deren Zusammenbringen zur Explosion mit anschließendem Brand führte. D2O, das „schwere Wasser“, verlangsamt die Kettenreaktion des atomaren Zerfalls. Dessen Produktion ist sehr stromaufwendig. Die Deutschen wollen sich mit größeren benötigten Mengen von D2O in die Lage versetzen, eine Atombombe als Wunderwaffe zu bauen, die die Kriegswende bewirken soll.
Engländer und Norweger wollten das norwegisches Wasserkraftwerk sprengen, welches D2O produziert, damit es nicht den Deutschen in die Hände fällt, was aber fehlschlug, da es bereits unter deutscher Kontrolle stand.
Beginn der Entwicklung des Flugkörpers Fieseler Fi 103 (V 1) und der Großrakete „Aggregat 4“, später Vergeltungswaffe „V 2“ genannt, die in größerer Zahl gegen die Zivilbevölkerung hauptsächlich englischer und niederländischer Städte eingesetzt wurden.
Alltag:
Die Bevölkerung hilft sich gegenseitig mit Tauschgeschäften und Verkaufsaktionen. So werden Kartoffelschalen (zur Schweinefütterung) gesammelt und dafür ein Eimer Brennholz entgegengenommen. Sachwerte werden gegen Lebensmittel veräußert – so lagen bei Landwirten oft mehrere Teppiche übereinander, die als Bezahlung für Naturalien dienten.
Literatur:
In den USA verfilmt Walt Disney das Buch „Bambi“ von Felix Salter aus dem Jahre 1923. Damit wurde das kleine Reh zum Weltstar.
Musik:
Ilse Werner sang und pfiff: „Wir machen Musik“, Zarah Leander sang durchaus nicht unpolitisch mit hoffnungsvollem Ausdruck: „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh’n“ und einige Monate später verwegen: „Davon geht die Welt nicht unter“. Bald folgten. „Kauf ‚ dir einen bunten Luftballon“ so wie “Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei“. Als es immer schlimmer wurde mit dem Krieg wurde „Sing und tanz mit mir“ auf den Markt gebracht und auch das Lied „Haben Sie schon mal im Dunkeln geküsst –bezug nehmend auf die strenge Luftschutzverdunkelung der Wohnungsfenster.
Filmkunst der UFA:
Zu den Filmen, die im Kriegsjahr 1942 gedreht wurden, gehören:
Altes Herz wird wieder jung
Andreas Schlüter (mit Heinrich George)
Das Hochzeitshotel
Der große Preis
Der große Schatten (mit Heinrich George)
Der Seniorchef (mit Otto Wernicke)
Die Entlassung (mit Emil Jannings
Die goldene Stadt (mit Kristina Söderbaum und Eugen Klöpfer)
Die große Liebe (mit Zarah Leander)
Einmal der liebe Herrgott sein
Man rede mir nicht von Liebe
Meine Freundin Josefine (mit H. Krahl
Romanze in Moll
Stimme des Herzens
Nachrichten
über das Jahr 1943
Politik und Krieg:
Im Januar wird für die Kinder der Reichshauptstadt die „Kinderlandverschickung“ in die Alpen und das Riesengebirge eingerichtet – wegen der zunehmenden Flug-Bombardierung von Berlin.
Am 22. Februar werden Sophie und Hans Scholl, Mitglieder der Münchener Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ hingerichtet. Vor ihrem Tode wurde Sophie von dem Gestapo-Mann Robert Mohr, drei Tage lang intensiv verhört. Die Verhör-Protokolle tauchen erst nach der politischen Wende 1989 / 1990 aus den dann geöffneten Archiven der Staatssicherheit der DDR wieder auf.
Das Warschauer Ghetto (1939 eingerichtet) wird aufgelöst – das bedeutet - ihre Einwohner deportiert.
Der Propagandaminister Joseph Goebbels schreit die rhetorische Frage durch den Berliner Sportpalast: „Wollt ihr den totalen Krieg?“ … und sehr viele der etwa 5.000 Zuhörer brüllen begeistert „Jaa“, wie der Film-Wochenschau und der Radioübertragung sowie den Zeitungen zu entnehmen war.
Kriegswirtschaft:
Am 18. August wird die V2 – Produktionsanlage in Peenemünde bombardiert und daher nach Österreich verlagert. Dazu mussten in Ebensee Zwangsarbeiter Stollen in die Felsen des Gebirges treiben, was den Tod von ca. 8.000 Arbeitern forderte.
In diesem Jahr wird ein Partisanenanschlag auf das norwegische Kraftwerk am Tinnsee mit begrenztem Erfolg stattfinden – aber die Schäden sind auf Befehl der Deutschen in wenigen Wochen repariert. Später werfen Engländer Flugzeugbomben, die wesentliche Teile des Kraftwerks zerstören. Die D2O –Anlage bleibt jedoch erhalten. (siehe Hinweise 1939, 1942 – 1944).
Die Fa. Focke-Wulff soll einen neuen Bomber (Condor) bauen, der es in die USA und zurück schafft (oder nur hin: Lasteinsparung für geringere Treibstoffmenge, das Aufgeben des Lebens des Piloten einkalkuliert. Das Entwicklungsergebnis zeigt sich als zu langsam gegenüber den amerikanischen Bombern, die den Vorteil haben, in England zwischenlanden und tanken zu können.
Der Betrieb des Dr. Fritz Lallinger entwickelt nunmehr Düsentriebwerke für neuartige Flugzeuge – und deutsche Kamikazepiloten.
Film – Musik:
Johannes Heesters singt im „Karneval der Liebe“ –„Das Karussell fährt immer rundherum“. Margot Hielscher singt: „Frauen sind keine Engel“. „Romanze in Moll“ mit Marianne Hoppe und Paul Dahlke. Die Universum-Film-AG (UFA) dreht 1943 / 1944 den Film „Große Freiheit Nr. 7“ mit Hans Albers in der Hauptrolle. Wegen der Flugzeugangriffe wird der Film nicht am eigentlichen Handlungsort in Hamburg, sondern in Prag gedreht. Eine Aufführungserlaubnis wird aber erst nach Kriegsende erteilt
Aus der
Zeitgeschichte 1944
Politik / Krieg:
Im Februar gelingt den Deutschen das Verladen von 50 Fässern mit D2O aus dem norwegischen Kraftwerk, um diese nach Deutschland zu transportieren. Norwegische Widerstandskämpfer wollen die Fähre „Hydro“ mit diesem Material in Abstimmung mit dem englischen Militär bei der Fahrt über den Tinnsee versenken. Tatsächlich wird die Fähre zur Explosion gebracht. Es sterben 18 Menschen. Nicht alle Fässer gingen entzwei, sondern sanken unter Wasser auf den Boden des Gewässers (im Jahre 2004 werden diese aus 430 m Tiefe gehoben, siehe auch 1939, 1942, 1943). Damit war der Bau einer deutschen Atombombe unter Heisenberg (Leipzig) oder Hahn / Strassmann (Berlin) vorerst vereitelt.
Das 1. Düsenflugzeug der Welt, die „Messerschmidt ME 262“ wird als weitere Wunderwaffe vorgestellt. Das Flugzeug wird jedoch keine Bedeutung für den weiteren Kriegsverlauf erlangen.
Goebbels ist Stadtpräsident und Gauleiter von Berlin sowie Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda.
Am 06. Juni 44 landen in der von Deutschland besetzten Normandie Frankreichs, unter großen Verlusten Kanadier, Briten und US-Soldaten zur Befreiung Europas von den Hitler-Truppen.
10. Juni: Die 2. SS-Panzerdivision richtet in Frankreich ein Massaker unter der Zivilbevölkerung an. In dem Dorf Oradur sur Lane werden die etwa 100 Männer zusammengetrieben und erschossen. Mehr als 500 Frauen und Kinder werden in die Dorfkirche gesperrt und dort verbrannt. Nach dem Krieg wird der Ort im Zustand des grausamen Überfalls als Mahnmal erhalten bleiben.
Auf Hitler sind viele Attentate vorbereitet und ausgeübt worden. Keines traf jedoch Hitler.
20. Juli: Im Führerhauptquartier Wolfsschanze in den Masuren wird durch den Offizier Graf v. Stauffenberg ein Attentat versucht. Während der Lagebesprechung in einer Baracke am Kartentisch sollte der Sprengsatz, der in einer Aktentasche gelagert war, explodieren. Dieser explodierte auch planmäßig aber Hitler wurde nicht getroffen. Die lange Vorbereitung dieser „Operation Walküre“ mit mehreren Attentatsversuchen hatte dem „Kreisauer Kreis“ oblegen. Aus diesem Kreis wurden die entdeckten Offiziere als Verschwörer im Auftrage Hitlers wegen Hochverrats ermordet:
Adolf Reichwein, Wilhelm Leuschner, Ulrich von Hassel, Carl Friedrich Goerdeler,
Henning von Tresckow, Albrecht Ritter Mertz von Quirnheim, Julius Leber, Friedrich Olbricht,
Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Werner von Haeften, Adam von Trott zu Solms, Erwin von Witzleben, Peter Graf Yorck von Wartenburg, Ludwig Beck, Alfred Delp,
Helmuth James Graf von Moltke und viele andere mithelfende Menschen.
Ihnen wurde für die Versuche, das deutsche Volk zu befreien und den 2. Weltkrieg zu beenden das Leben genommen. Ihr Andenken soll auch hier geehrt werden.
Der Arbeiterführer und Kommunist Ernst Thälmann wird am 18. August im Konzentrationslager Buchenwald auf dem Ettersberg bei Weimar von den Faschisten ermordet.
Der französische Dichter und Flieger Antoine de Saint Exupéry wurde in diesem Jahr abgeschossen und verunglückte tödlich.
Ab 01. September 1944 spielen die Berliner Theater nicht mehr aber die Kinos sind voll.
Am 19. Oktober lässt Adolf Hitler den „Volkssturm“ aufstellen: „Ich befehle: Es ist in den Gauen des Großdeutschen Reiches aus allen waffenfähigen Männern von 16 – 60 Jahren der Deutsche Volkssturm zu bilden“.
Wissenschaft:
Oswald T. Avery zeigt, dass die DNA Träger des Erbmaterials ist (siehe auch 1869).
Technik:
Ab Juni steht die Entwicklung (seit 1942) der düsengetriebenen „Wunderwaffe Vergeltungswaffe“ V 1 in Peenemünde vor dem Test (Typenbezeichnung Fieseler Fi 103, ein „langsamer „Marschflugkörper“). Sie wird von einer leicht ansteigenden Rampe aus „erprobungshalber“ von der Ostseeküste nach England geschickt. Sie fliegt mit einer Geschwindigkeit von 650 km/h. Sie gilt als der erste Marschflugkörper.
Ab September startet das „Aggregat 4“, auch genannt V 2 als erste echte Groß-Rakete mit über 5.000 km/h. Sie ist das erste von Menschen gebaute Objekt, das bis in das Weltall vordringen konnte. Es werden davon ca.1.100 Stück nach England geschossen. Konstrukteur der Flugkörper ist Wernher von Braun, zu dessen Mitarbeiterstab auch die Raketenspezialisten Max Valier und Arthur Rudolph gehören. In den USA entwickelt er später deren Mondraketen.
Wirtschaft:
Die normale Arbeitszeit beträgt in den USA wöchentlich 60 Stunden und der landesweit festgesetzte Mindestlohn 20 Dollar in der Woche (ungefähr 60 Deutsche Mark).
Unterhaltung /Filmkunst:
„Baron Münchhausen“ (Drehbeginn 1943) mit Hans Albers in der Hauptrolle (Jubiläumsfilm 25 Jahre UFA) nach dem Stoff von Erich Kästner. Dessen Autorenschaft wurde aber verschwiegen, weil er „ein verbotener Schriftsteller“ war. Er konnte unter dem Pseudonym „Berthold Bürger“ schreiben. “Es leuchten die Sterne“, „Der Mann meiner Träume“ mit Marika Rökk. „Die Frau meiner Träume“, „Die Feuerzangenbowle“ mit Heinz Rühmann in der Hauptrolle als Schüler Hans Pfeiffer.
1945 – 1990
Die unmittelbare Nachkriegszeit, ihr folgte die „Zeit des Kalten Krieges“ und im Westteil Deutschland „Das Wirtschaftswunder“, der Mauerbau 1961 … bis zum Fall der deutschen Teilung 1989.
1945
Politik:
Ab Januar 1945 ist der von Deutschland ausgehende „Totale Krieg“ in „seine Heimat“ zurückgekehrt.
Am Nachmittag des 27. Januar: Das Konzentrationslager in Auschwitz – Birkenau wird von der 1. Ukrainischen Armee aufgelöst. Die SS-Schergen hatten die Stätte bereits verlassen, so dass es nicht mehr zu Kämpfen kommen musste. Während des Dritten Reiches wurden allein im Rahmen der „Endlösung der Judenfrage“ etwa 6 Mio. „missliebige“ Menschen vernichtet, davon über eine Mio. im KZ Auschwitz (im Süden des heutigen Polen). Eine „industriemäßige Vernichtung von Menschen“ seitens der SS („Schutzstaffel“). Im Januar ist Ostpreußen von der roten Armee eingekesselt. Daher ist nur noch die Flucht über die Ostsee möglich. Eine Haffüberquerung, um nach Pillau zu gelangen, bedeutete einen Gang von 25 bis 30 km. Das Eis war in diesem Januar relativ dünn. Es gab immer wieder Einbrüche durch Überlastung oder Bombenabwürfe bei denen Mensch und Tier, Hab und Gut in den eisigen Fluten versank. Über 700 Schiffe holten ostpreußische Flüchtlinge vom Hafen Pillau ab.
Am 30. Januar wird das bisherige Urlauber-Schiff der Organisation „Kraft durch Freude“, die „Wilhelm Gustloff“ von 3 sowjetischen Torpedos getroffen. 10.000 Menschen, vor allem Frauen und Kinder sowie Greise ertrinken in der Ostsee. Etwa 1.200 können von anderen Schiffen aufgenommen und gerettet werden. Vermutet wird, dass auch die in Kisten verpackte Ausstattung des Bernsteinzimmers (letzte Station: Keller des Königsberger Schlosses) untergegangen sein könnte. Später wird zumindest das Wrack in 42 m Tiefe aufgefunden. Außer den Torpedolöchern soll die Wand gesprengt und das Schiff ausgeraubt worden sein. Das Schiff „General von Steuben“ verließ am 09. Februar den Hafen von Pillau. Etwa 16 Seemeilen vor Stolp sank es in der Nacht zum 10. Februar mit 4.000 Menschen an Bord nach sowjetischem Torpedobeschuss. 630 Menschen konnten gerettet werden. Das Wrack liegt in der Nähe der „Gustloff“ („2002 und 2004 geortet). Das Schiff „Goya“, ebenso ein Lazarett- und Flüchtlingsschiff wurde noch im April 45 versenkt.
Es bestand der Befehl des Führers, Königsberg als Festung zu halten. Daraufhin wird Königsberg von der Roten Armee total zerschossen. Erst Ende April kapitulieren die letzten Verteidiger der Stadt.
Am Ende des zweiten Weltkrieges werden es rund 2,5 Mio. Menschen sein, die mit 1.100 Schiffsfahrten aus den damaligen deutschen Ostgebieten über die Ostsee flüchteten. 73 Schiffe liegen zerschossen auf dem Grund der Ostsee.
Am 07. Februar wird Berlin 1 1/2 Stunden lang mit Schwerpunkt des Gebietes zwischen dem Potsdamer Platz und dem Leipziger Platz zerbombt. Von dem Gebiet bleibt eine Trümmerwüste. Unter den vielen Toten befindet sich auch der vorsitzende Richter des „Volksgerichtshofes“, Herr Freisler, der viele Widerstandskämpfer verhöhnt und zum Tode verurteilt hatte. Innerhalb der Volksopfersammlung wird aufgerufen, Kleidung zu sammeln, für Wehrmacht und Volkssturm.
Lebensmittel: Diese sind natürlich rationiert. Es gibt Lebensmittelkarten mit Abschnitten für Brot, Fleisch, Fett, Zucker / Eier, Nährmittel / Milch. Nicht zu vergessen die Karten mit den Reisemarken für jene, die unterwegs sein müssen sowie eine Karte für Kleidung und Seife. Für Schwer- und Schwerstarbeiter gab es Zusatzkarten.
In der Nacht vom 13. zum 14. Februar 1945 wir die Stadt Dresden von den Westalliierten als Vergeltungsschlag für das Bombardement auf die englische Stadt Coventry bombardiert. Das alte Dresden ist zerstört (in 60 Jahren wird man die wieder aufgebaute Frauenkirche betreten können). Am 15. Februar wird Cottbus bombardiert.
1. März: Nach den Großangriffen der Sowjetarmee mit dem Vorstoß auf die deutsche Hauptstadt, gibt das Oberkommando der Wehrmacht bekannt: An der Oderfront gelang es dem Feind, seine kleinen Brückenköpfe südlich von Küstrin geringfügig zu erweitern.
15. / 16. März: Schwerste Bombardierung der Stadt Oranienburg (Nach 60 Jahren werden bei Bauarbeiten immer noch gefährliche Blindgänger gefunden und entschärft; in Potsdam ebenfalls).
Die Entwicklungsanstalt für Raketen in Peenemünde wird im März gänzlich verlassen (nach Süden zur amerikanischen Besatzung verlagert. Auch diese schaffen alles weiter fort, bevor sie bestimmte Landstriche als Besatzungsgebiete an die sowjetischen Militärs übergeben, Restanlagen werden vor der herannahenden Roten Armee zerstört). Die sowjetischen Truppen fanden, als sie am 2. Mai dort eintrafen, nichts wesentlich interessantes mehr vor, kein Personal, keine Technik.
Im Harz bei Nordhausen, in Bleicherode allerdings, sind jetzt noch Zwangsarbeiter / Häftlinge unter Tage mit der Montage der V 2-Rakete beschäftigt.
Im April zieht die sowjetische Armee in die ostpreußische Ruinenstadt Königsberg ein.
Potsdam war bisher von Bombardements weitgehend verschont geblieben. Meist überflogen die Bomber nur die Stadt, um ihre todbringende Fracht über Berlin abzuladen.
In der Nacht vom 14. zum 15. April 1945, in der kurzen Zeit zwischen 22.40 und 23.00 Uhr wurde das Potsdamer Stadtzentrum von den Briten in zwei Angriffswellen mit fast 500 Flugzeugen in Schutt und Asche gebombt. Ein rund 65 km langer Bomberstrom, bestehend aus 488 viermotorigen Lancaster-Bombern und zwei Mosquitos.
Die Lancaster hat 31.09 m Spannweite und eine Länge von 21,18 m. Die Höhe des Daches der Kabine beträgt 6.10 m über dem Erdboden. Die Geschwindigkeit beträgt bis zu 462 km/h bei einer Riechweite von 2.670 km und einer Steighöhe von maximal 7.470 m.
Etwa 1.752 t Sprengmittel wurden abgeworfen, etwa 1.593 Menschen starben, davon blieben viele unidentifiziert. Drei Minuten vor Mitternacht explodiert ein Munitionszug im Bahnhof. Auch das Häuserviertel zwischen Leipziger Straße und Reichsarchiv gleicht einer Trümmerlandschaft. Das Kino „Berg-Theater“ am Brauhausberg wurde während der Filmvorstellung getroffen. Auch in den überdeckten Splitterschutzgräben waren alle Menschen tot.
Von den Bomben der Luftangriffe wurden beeinträchtigt:
- Nikolaikirche: Einige Splitterschäden,
- Heiligengeistkirche: Schäden an der Ostwand,
- Neustädter Tor mit den Doppelobelisken: beschädigt
- Berliner Tor: Beschädigt
- Kino „Alhambra (Französische Straße):Völlig zerstört
- Kino „Bergtheater“ am Leipziger Dreieck: Völlig zerstört
- Theater am Kanal = Schauspielhaus: Leicht beschädigt
- Wasserwerk Leipziger Straße: Schwere Schäden
- Straßenbahndepots: Schwere Schäden
- Hauptpost, Am Kanal: Schwere Schäden
- Oberrechnungskammer, Am Kanal: Schwere Schäden
16. April: Beginn des letzten großen Gefechts mit dem Sturm in Richtung Reichshauptstadt Berlin. Allein die dreitägigen Kämpfe bei den Seelower Höhen kosteten etwa 30.000 sowjetischen Menschen, 12.000 Deutschen und 5.000 Polnischen Soldaten das Leben.
Am 16. April wurden die Häftlinge des Konzentrationslagers Sachsenhausen von der Roten Armee befreit, am 17. April die des KZ Ravensbrück (gegenüber Fürstenberg – dazwischen nur der Schwedter See) und anschließend die Außenlager für die Zwangsarbeit in der Rüstungsindustrie.
Pfarrer Dietrich Bonhoeffer wird im KZ Flossenbrück kurz vor der Befreiung durch die Alliierten ermordet. Er gehörte zu dem Vorbereitungskreis des Attentats vom 20. Juli 1944 auf Adolf Hitler.
Zwischen dem 24. April und 30. April toben in Potsdam die Kämpfe gegen die vordringende sowjetische „Rote Armee“. Was vorher nicht durch Bomben (50 – 60%) getroffen war, wird jetzt von der Artillerie erfasst und zerstört (40 – 50%)
Bei den Kämpfen zwischen dem 24. und dem 30. April 1945 wurden schwer beschädigt:
- Nikolaikirche
- Heiligengeistkirche, am 26. April
- Theater am Kanal = Schauspielhaus („Die Kanaloper“), am 26. April
- Die Burgstraße, die Garde du Corps-Straße,
- Das Militärwaisenhaus an der Breiten Straße
- Die Historische Mühle
- Das Belvedere auf dem Klausberg
- Die Communs am Neuen Palais
Am 30. April übernimmt in Berlin und im Osten Deutschlands die sowjetische „Rote Armee“ das Kommando. Andreij Bersarin ist sowjetischer Stadtkommandant. Am 01. Mai 45 erschießt sich Hitler in der Berliner Reichskanzlei.
Bersarin setzt am 2. Mai Friedrich Bestehorn als Potsdamer Bürgermeister ein. Der jedoch wird nach 11 Tagen abgesetzt und verhaftet. Ab 19. Mai residiert Heinz Zahn als Bürgermeister, der erst nach zwei Monaten abgesetzt wird. Vom 21. Juli an wird der amtierende Bürgermeister von Babelsberg, Walter Paul, Bürgermeister von Potsdam.
Am 03. Juli wird der Deutsche Kulturbund, die Gesellschaft zur demokratischen Erneuerung, gegründet. Die im Jahre 1926 gegründete Lufthansa wird von den Alliierten aufgelöst.
Die Spitzenkräfte der Flugzeug- und Raketenforschung haben sich im Wesentlichen bei den amerikanischen Siegern angebiedert, dorthin wichtige, bisher geheime Unterlagen mitgenommen. Etwa 500 Spitzenwissenschaftler, so auch die Physiker Hahn und Heisenberg, gingen in die USA. Die Arbeitsgruppe um Werner von Braun, ließ sich von den US-Militärs in Garmisch freiwillig internieren. Später wurden sie in die USA ausgeflogen und dort erneut in Ungewissheit und ohne Arbeitsaufgaben in Lagern mit Militärbaracken interniert (Friedensgefangene im Wartestand ohne konkrete Aussichten), bis 1947 eine Zustimmung der US-Regierung auf Arbeitserlaubnis kommen wird. Die Charta der Vereinten Nationen (UNO) wird am 26. Juni im Kriegsveteranengebäude in San Francisco gegründet.
Am 16. Juli 1945 zündeten die USA eine Test-Atombombe im Testgelände Trinity bei Alamagordo in der Wüste von New Mexico. Bei der Explosion wurde ein etwa 800m großer Krater eröffnet und der Wüstensand schmolz zu grünlichen Glasklumpen. Abschreckungsverheißung und Verhängnis wurden erkennbar. Beobachtet wurde die Explosion aus einem 10 km entfernten unterirdischen Bunker. Entwickelt wurde die Bombe von einer Spezialistengruppe um Robert Oppenheimer.
02. August 1945: Unterzeichnung des Potsdamer Abkommens durch die UdSSR, USA und Großbritannien zur Beendung des 2. Weltkrieges und der Neuordnung für Deutschlands Zukunft.
Wenige Wochen später, wird am 06. August um 8.15 eine Atombombe über Hiroshima und am 09. August über Nagasaki abgeworfen, die unendliches Grauen und Leid verursachten. Die über Nagasaki abgeworfene Bombe trug eine Plutoniummenge etwa von der Größe einer Walnuss in sich. Daraufhin kapituliert Japan und der 2. Weltkrieg geht zu Ende.
Der US-Präsident Roosevelt stirbt. Truman wird sein Nachfolger.
Schon im Mai 45 schreibt Dr. Manfred von Ardenne an Stalin und bietet ihm seine Mitarbeit an (vorher hatte er in Berlin-Lichterfelde für Hitler in der Atomphysik gearbeitet). Manfred von Ardenne bekommt in Suchumi am Schwarzen Meer ein Sanatorium als Forschungsstätte zur Verfügung gestellt.
Im östlichen Teil Deutschlands, bleibt die „zweite Garnitur“ der deutschen Raketenentwicklung zurück, die aber doch ebenfalls große Spezialisten darstellen.
Sept. 45 – Sept. 46: Die sowjetische Militäradministration konzentriert sich auf jene verbliebene Spezialisten und lässt sie bei guten Arbeitsbedingungen nun in ihrer ostdeutschen Besatzungszone für sich arbeiten, weiterforschen und entwickeln – (etwa 5.000 Personen) für ein Jahr, bis zum Herbst 1946.
Ab Oktober beginnt in Nürnberg der Prozess gegen die Nazis, gegen Kriegsverbrecher und Völkermord.
Bauen in Potsdam:
Hier wird auch der „Rückbau“ erfasst. Deutsche Truppen der Wehrmacht sprengen die Lange Brücke über die Havel am 24. April, die Nedlitzer Brücke am 25. April, die Glienicker Brücke am 30. April und am gleichen Tage die Baumgartenbrücke bei Geltow.
Die Gloriette auf dem Bassinplatz, 1739 von J. Boumann d. Ä. errichtet, wurde noch 1945 abgerissen.
Musik:
Glenn Miller komponierte und spielte mit seiner Band, in erster Linie auch für die Soldaten. “In the mood“ („in Stimmung“), bevor er seit einem Flug als verschollen gilt.
Filmkunst.
„Es fing so harmlos an“, mit Theo Lingen und Johannes Heesters.
Hilde Hildebrand und Hans Albers singen in dem Film „Große Freiheit Nr. 7“ „Beim ersten Mal, da tut’s noch weh.“ Es handelt sich um einen Kriegsfilm, in Prag gedreht, der aber erst nach dem Kriege gezeigt werden durfte. „Meine Herren Söhne“.
Naturereignisse:
- Die Winter 1945 / 46 und 1946 zu 47 zeigten anhaltend strenge Fröste.
Aus der
Zeitgeschichte des Jahres 1946
Politik:
Am 5. März beginnt in der Deutschen Zone der USA die Entnazifizierung.
Zwischen den Siegermächten Ost und West, kommt es zu ersten Spannungen.
Im Nürnberger Prozess werden 22 ehemalige Politiker und Offiziere als Hauptkriegsverbrecher angeklagt. 11 Monate lang dauerten die Anhörungen. Am 1. Oktober werden die Urteile verkündet; dabei werden 12 Urteile „Tod durch den Strang“ verhängt. Göring entzieht sich dem durch Selbstmord. Die anderen erhalten Freiheitsstrafen von 10 Jahren bis lebenslänglich. Bis 1949 erfolgen weitere Prozesse gegen Ärzte, Juristen, Konzernbosse und Angehörige des Oberkommandos der Wehrmacht vor USA-Militärgerichten.
1. Juli: Auf das Bikiniatoll (Hawaii) ist die erste amerikanische Nachkriegsbombe gefallen. Für den 25. Juli ist eine weitere Unterwasserexplosion geplant. Das Atoll (der Name wegen seiner geografischen Form) ist seither unbewohnbar. Große Schlachtschiffe / Flugzeugträger und viele kleinere Schiffe, die sich dort in der Nähe aufhielten wurden dabei derart radioaktiv verseucht, dass die Radioaktivität mindestens 10 Jahre „abklingen“ musste, um sie dann nur noch verschrotten zu können. Auf die Menschen des paradiesischen Atolls, vorher umgesiedelt aber doch noch von der Radioaktivität erreicht, hatten durch die Versuche lebensbedrohende und erbgutschädigende Wirkungen.
Die Sowjetunion evakuiert in einer geheimen Militäraktion auf Befehl von Stalin, in den Nachtstunden des 22. Oktober 46 etwa 5.000 Wissenschaftler und ihre Familien mit deren sämtlichen Mobiliar aus der sowjetischen Besatzungszone (z. B. aus Dessau, Jena, Berlin, Bleicherode) zur sofortigen Umsiedlung in die Sowjetunion. Es handelt sich um Kräfte, die „in der zweiten Reihe“ an der Flugzeug- und Raketenentwicklung in der Nazizeit (an den Wunderwaffen) gearbeitet hatten. Pro Haushalt wurden 80-100 Kisten bereitgestellt, von Soldaten gepackt und mit Lkw und dann Güterwagen noch in der gleichen Nacht Richtung Sowjetunion mit unbekanntem Ziel gebracht. Das waren etwa 20 Güterzüge geistigen Potenzials an Kriegsbeute, die ihre Ladung z. B. in Kuibyschew an der Wolga „ausluden“. Bald darauf trafen auch die demontierten deutschen Maschinen als Grundlage der Weiterentwicklungen ein, bis hin zu den Schreibtischen der Wissenschaftler und Ingenieure mit all ihren Inhalten. In der Folgezeit hatten die Deutschen die Aufgabe, die sowjetischen Ingenieure mit dem Entwicklungsstand der deutschen Kriegstechnik vertraut zu machen.
Der Radio-Sender „RIAS“ (Radio im Amerikanischen Sektor) in West-Berlin nimmt seine Tätigkeit auf. Er versteht sich als „eine freie Stimme der freien Welt“. Später wird er von der DDR aus mit einem Störsignal überlagert aber trotzdem gehört.
Am 21. / 22. April wird die Sozialistische Einheitspartei (SED), hervorgegangen aus SPD und KPD, gegründet. Es wird von einer Zwangsvereinigung auf Betreiben der weitaus kleineren KPD mit sowjetischer Unterstützung gesprochen, um den wesentlichen Regierungseinfluss ohne freie Wahlen gewinnen zu können.
Seit dieser Zeit, (von 1946 – 1954) regieren Wilhelm Pieck (aus der KPD) und Otto Grotewohl (aus der SPD) gemeinsam das Land. W. Pieck wurde allerdings 1949 zum Staatspräsident der DDR erhöht. Er lebte von 1876 – 1960. Beide Familien leben in Berlin-Niederschönhausen im Majakowskiring, unweit der Pankower „Breiten Straße“, in einem abgeschirmten Regierungsviertel.
In der sowjetischen Besatzungszone gibt es willkürliche Verhaftungen, Terror, Weiternutzung von Konzentrationslagern aus der Hitlerzeit (wie Buchenwald, Sachsenhausen) auch gegen Linke, also so genannte Fortschrittliche Kräfte. Die übrigen Parteien (CDU, LDPD und NDPD, wie auch der DPD werden der führenden Rolle der SED nachgeordnet und angepasst). In der sowjetischen Besatzungszone beginnen die materiellen Reparationsleistungen an die Sowjetunion trotz Ermangelung einer verwertbaren Währung. Materiell bedeutet z. B.: Eisenbahngleise wurden herausgerissen und in die Sowjetunion verbracht, ebenso komplette Fabrikanlagen, egal, ob diese tausende Kilometer weiter jemals wieder sinnvoll eingesetzt werden konnten, bis hin zur Beschlagnahmung der Autos und Fahrräder – es sei denn, man verfügte über eine zweisprachige Bescheinigung als Erlaubnis, das Fahrrad behalten zu dürfen, um damit wirtschaftwichtige Verrichtungen zu beflügeln.
Am 2. Dezember wird der Zusammenschluss von britischer und amerikanischer Zone (Bi-Zone) von den Alliierten vereinbart. Später wird das Gebiet der Franzosen hinzugenommen und die Tri-Zone gebildet.
Im nordvietnamesischen Hanoi hatte 1945 der Kommunist Ho Chi Minh die unabhängige Demokratische Republik Vietnam ausgerufen. Die Kolonialmacht Frankreich, die nur noch im Süden präsent ist, will nunmehr den Norden zurück erobern. Mit ihrer Bombardierung der Stadt Haiphong am 23. Nov. 1946 beginnt der Vietnamkrieg. (1954 werden die Franzosen die entscheidende militärische Niederlage erleiden, worauf die USA 10 Jahre später frisch als Weltmacht in den Krieg einsteigt aber nach weiteren 11 Jahren 1975 das Land ebenfalls geschlagen verlassen muss.
In China ringen bis 1949 Tschiang Kai-schek und Mao Tse-tung um die Macht.
Wissenschaft:
Es entwickelt sich die Radioastronomie (mit Radioteleskopen).
Im Juni 1946 wird in Potsdam das Institut für Ernährungsforschung gegründet.
Technik:
Waschmaschine - In Deutschland ist der erste Vollwaschautomat ausgereift.
Wirtschaft:
Das Volkswagenwerk in Wolfsburg beginnt mit bescheidener Serienproduktion des „Käfer“, des ehemaligen KdF-Wagens. (Kraft durch Freude).
Soziales:
In Italien kommt der erste Vespa-Motorroller auf den Markt. Entwickelt wurde das Fahrzeug von Corradino d’ Ascanio.
Amerikanische Hilfsorganisationen unterstützen die Menschen in ihren Zonen durch Care Pakete mit Lebensmitteln und Kleidung.
Alltag:
Die Wohnraumsituation ist äußerst angespannt. Oftmals leben mehrere fremde Personen in einer gemeinsamen Wohnung. Hatte man zum Gewinn zusätzlichen Wohnraumes nach dem 1. Weltkrieg noch in Ruhe Rabitzwände (Zaungeflecht, beiderseits mit Putz beschichtet, statisch nicht belastbar, etwa 40 mm dick) als Teilung einbauen können, zwang die fehlende Zeit, das fehlende Material dazu, nur einfach bestimmte Türen zu verschließen, um geteilten, kleineren aber „mehr“ Wohnraum zu schaffen. Anfangs diente auch mitunter eine Wäscheleine mit übergehängtem Tuch als Trennung.
Musik:
Friedrich Holländer schreibt für Marlene Dietrich englischsprachige Schlager.
Buly Buhlan besingt den Schwarzmarkt mit: „Ich tausch so gern um“.
Es wird der Film „Schwarzwaldmädel“ gedreht, mit Sonja Ziemann in der Hauptrolle.
Hildegard Knef spielt nach Kriegsende 1946 in dem Staudte-Film: „Die Mörder sind unter uns“. Hans Albers spielt in dem Film: „Und über uns der Himmel“. Optimistisch zwischen Ruinen hervor blickend, sang Po Werner: „Nach Regen scheint Sonne“, eine lustige Weise aber doch auch auf den zurückliegenden Krieg bezogen.
Das Jahr 1947
Politik:
In der Wüste von New Mexico können deutsche Wissenschaftler um Werner von Braun wieder arbeiten und die mitgebrachten Bauteile erneut zum Aggregat 4 (V 2)-Rakete zusammensetzen und weiterentwickeln.
Im Oktober 47 fliegt eine neue „Aggregat 4-Rakete“ auch in der Sowjetunion, von Deutschen dort gebaut. Für eine Prämie von 15.000 Rubel wurde der Typ von Bleicherode dort jetzt nachgebaut. Nachdem das wesentliche Wissen als abgeschöpft galt, kam der Regierungsbeschluss der SU, nun in der Raketenentwicklung alles selber zu machen. Die Weiterführung sollte nun auch vor den Deutschen geheim bleiben. Tatenlos befanden sich die Deutschen in einer „Abkühlungsphase zum Vergessen im Urlaub“. 1950 durften die ersten Forscher nach Deutschland zurück. So haben USA und UdSSR beide als Siegermächte über Deutschland 1947 etwa den gleichen Stand der früheren deutschen Kriegstechnik im Raketenbau und nutzen dieses Wissen für die gegenseitige Abschreckungsbedrohung, im Aufrüstungswettbewerb des „Kalten Krieges“.
Nach dem Beschluss des Kontrollrates der Alliierten (Gesetz Nr. 46) wird der Staat Preußen aufgelöst.
Im August erreicht Indien auf gewaltlosem Weg die Loslösung von der britischen Krone, als deren bisherige Kolonie. England hatte allerdings religiöse und soziale Spannungen bisher unterdrückt, die sich jetzt in einem blutigen Bürgerkrieg zwischen Hindus und Moslems entladen. Die Moslems haben mit britischer Hilfe Pakistan von Indien abgespalten. Eine Völkerwanderung beginnt daraufhin. So fliehen etwa sechs Millionen Hindus in die Indische Union und ebenfalls etwa sechs Mio. Moslems fliehen nach Pakistan. Trotzdem verblieben noch ungefähr weitere 40 Mio. Moslems in Indien. Es kommt zu schlimmen Ausschreitungen gegen die Minderheiten.
Am 20. Nov. 1947 wird im Saarland die französische Währung eingeführt. Zum Jahresende erfolgt die Trennung von Deutschland. Siehe auch 1955 und 1957.
Viele jüdische Überlebende wollen nach Palästina, „nach Hause“, ins „gelobte Land“ als Traumziel. Briten beschießen Flüchtlingsschiffe, versuchen diese zu entern und jüdische Menschen wieder nach Europa zurückzuschicken.
Am 29. Nov. 1947 beschließt die UNO die Gründung des Staates Israel. Mit der Geburtsstunde Israels wird Palästina geteilt. Ein Staat Palästina für die Araber, ein Staat Israel für die Juden.
Wissenschaft:
Im April tritt der Norweger Thor Heyerdahl mit dem Balsaholz-Segelfloß „Kon Tiki“ eine Forschungs-Seereise von Peru über 7000 km nach Tahiti (Polynesien) an und kommt dort nach etwa 100 Tagen an.
Technik:
Das erste Überschallflugzeug der Welt wird von der amerikanischen Luftwaffe geflogen. Die „Bell X – 1“ erreicht eine maximale Geschwindigkeit von 1078 Km/h. was 1,015 Mach entspricht. Siehe auch 1949.
Wirtschaft:
Starke Lebensmittelknappheit. Schwarzmarktpreise: 1 Ei: 12 RM (Reichsmark), 1kg Kaffee: 1.200 RM, 20 amerikanische Zigaretten: 150 RM, 1 Schachtel Streichhölzer 5 RM.
Im August die erste Nachkriegs-Exportmesse in Hannover: Die Nylonfaser und Erzeugnisse daraus werden vorgestellt, die Volkswagenwerke präsentieren den verbesserten KdF-Wagen, den erwachsen gewordenen Käfer.
Musik:
Man will wieder mehr Zeit für das Schöne haben: Davon singt der Schlager: „Hallo kleines Fräulein, haben Sie heute Zeit?“ Rudi Schuricke komponiert die „Caprifischer“ und Theo Lingen ist im Sprechgesang der Reporter über das Fußballspiel, bei dem der Theodor der Torwart ist. „Der Theodor, der Theodor, der steht bei uns im Fußballtor …“.
In der sowjetischen Besatzungszone wird die staatliche Unterhaltungs-Schallplattenfirma „Amiga“ gegründet.
Am 28. August gibt Wilhelm Kempff jun. ein Konzert in Potsdam, dessen Erlös dem Wiederaufbau der Nikolaikirche dienen soll.
Naturereignisse:
Die Winter 1945 / 46 und 46 zu 47 waren anhaltend, mit strengen Frösten.
Zeitgeschichte
im Jahr 1948
Politik:
In Südafrika wird die Apartheid, die strikte Rassentrennung als Unterdrückungsmaßnahme gegen die schwarze Bevölkerung eingeführt.
Am 27.4. wird in der 1. Tagung des Verfassungsausschusses des Volksrates in der Ostzone die Ausarbeitung einer Verfassung für eine Deutsche Demokratische Republik beschlossen.
Im Mai verlassen die Briten Palästina. Israel und die Palästinensischen Nachbarn geraten bald in Konflikte. Am 14. Mai verliest der israelische Minister David Ben Gurion in Tel Aviv die Unabhängigkeitserklärung. Der Staat Israel hatte sich geboren und lädt alle Juden der Welt ein, hier Wohnsitz zu nehmen.
20. Juni: Währungsreform in den drei Westzonen Deutschlands. Die Reichsmark wird abgelöst. Jetzt gibt es in den Westzonen die „Deutsche Mark“ Jeder Bürger erhält 40,-- DM, im August nochmals 20,-- DM umgetauscht. Was darüber hinaus an Reichsmark vorhanden war (der Kapitalüberhang) ist verloren, wenn ein Guthaben nicht vorher bereits in Sachwerten angelegt (und vielleicht anschließend in die neue Währung zurückverwandelt) wurde. So waren an diesem Tage aus Sicht des Staates alle Reichen gleich arm und alle Armen vergleichbar reich – eine relative Gerechtigkeit. Mit der Währungsunion füllen sich im Westen die Geschäfte schlagartig. Der Nachkriegsaufschwung, das “Wirtschaftswunder“ beginnt.
Die Sowjetunion kappt sofort alle Straßen- und Bahnverbindungen und damit auch jeglichen Personen- und Güterverkehr zwischen den Westzonen und Berlin. Sie stoppt die Energielieferungen. Die Stadt wird damit in Ost- und Westberlin gespalten. Die Berlin-Blockade beginnt. West-Berlin soll der sowjetischen Besatzungszone einverleibt werden. Sofort beginnen ab 23. Juni die West-Alliierten, also Engländer und Amerikaner, Westberlin mit Flugzeugen mit allen Artikeln des täglichen Bedarf, von Mehl über Eipulver, Kartoffeln bis zu Kohlen zu versorgen (Luftbrücke Flugplatz Tempelhof). Starts und Landungen im Minutentakt. Die zweimotorigen „Dakota“, werden im Berliner Volksmund schnell „Rosinenbomber“ genannt. Notwendiges Lande-Licht für die Piloten wurde vorerst außer mit Kerzen auch mittels aufgebockter Fahrräder erzeugt.
Im August 1948 wird die Sektorengrenze über den Potsdamer Platz in Berlin mit weißen Farbstreifen markiert. Diese Grenze trennt auch Grundstücke „zerschneidet“ in ihrem Verlauf auch Häuser in Ost- und West-Berlin.
Der Regierende Bürgermeister des Westteils von Berlin bittet am 09. September die Welt um Hilfe: “Ihr Völker der Erde! Schaut auf diese Stadt“, wird zum Höhepunkt der Rede Ernst Reuters zur belagerten Stadt. Volkstreffen vor dem Reichstag. 11 Monate wird die Blockade anhalten, bis die Sowjetunion diese im Mai 1949 aufgibt. In dieser Zeit sind etwa 1 1/2 Millionen t Güter in die Stadt geflogen worden. Eine Anzahl von Maschinen stürzte dabei aber ab und fast ebenso viele Piloten verlieren dabei ihr Leben.
Auch in der sowjetischen Besatzungszone zwischen Elbe und Oder findet der erste Nachkriegsgeldumtausch statt. Noch tragen die Münzen die Aufschrift „Deutschland“.
Wissenschaft:
Auguste Piccard erreicht mit einem Tauchboot im Meer 1.380 m Tiefe, der bisherige Tiefenrekord (siehe auch 1953).
Der Desktop-Computer wird in diesem Jahr in den Bell-Laboratories entwickelt. (Zu uns, in das Gebiet der DDR kommen erste Geräte im Jahr 1990 in die Betriebe).
Medizin:
Gründung der Weltgesundheitsorganisation am 7. April.
Wirtschaft:
Mit der Währungsumstellung gibt es auch keine gesamtdeutschen Briefmarken mehr.
Bildung:
Im Berliner Westen wird die Freie Universität gegründet. In Ost-Berlin besteht die Humboldt-Universität.
Soziales:
Kriegshinterbliebene erhalten in Westdeutschland ab Frühjahr 1948 monatlich 27 Mark Rente.
Musik:
Bertold Brecht dichtet das „Aufbau-Lied“. „Bau auf (4x), Freie deutsche Jugend bau auf. Für eine bess’re Zukunft richten wir die Heimat auf.“
Der RIAS beginnt mit der satirischen Hörspiel-Musik-Serie über Berlin: “Der Insulaner verliert die Ruhe nicht. Der Insulaner liebt keen Jetue nich. Der Insulaner hofft unbeirrt, dass seine Insel wieder schönes Festland wird – ach wär’ das schön“, nachdem Westberlin nach Einführung der neuen Währung von der Sowjetunion abgeriegelt wurde. Ernst Hilbich fragt mahnend in seinem Lied: „Wer soll das bezahlen, wer hat das bestellt? Wer hat soviel Pinke, Pinke, wer hat soviel Geld...? Viele Leute leben aus Lebenslust–Nachholebedarf über ihre Verhältnisse.
Kriminalität:
Am 30. Januar wurde der indische Politiker und Staatspräsident Mahatma Gandhi von einem fanatischen Hindu ermordet. Er war etwa 1870 geboren worden.
1949 – 1990
Die Trennung –
40 Jahre lang wird es zwei deutsche Staaten geben: (Die Bundesrepublik
Deutschland und die Deutsche Demokratische Republik) – Diese Trennungszeit
endet mit der Wiedervereinigung durch Beitritt der DDR zur BRD nach dem
wirtschaftlichen und politischen Zusammenbruch der DDR.
Das Jahr 1949
Politik:
31. Januar: Die chinesische Rote Armee nimmt Peking ein.
23. April: Tschiang Kai check siedelt (als Rückzug) nach Kanton über.
21. September: Der Volksrat proklamiert die Volksrepublik China. Peking bekommt „Den Platz des himmlischen Friedens“ und die Landreform.
Durch die Arbeiten des Manfred von Ardenne erhält Ende August 1949 die Sowjetunion in Semipalatinsk die erste eigene Atombombe. Seither wird Ardenne „Der rote Baron“ genannt. 1955 wird er nach Deutschland zurückkehren.
Dezember: In China erobert Mao Tse - Tung (die Laute auch mit De sung oder Dse Dong umschrieben) während des Bürgerkrieges die Macht. Es entstehen die Volksrepublik China und auf der Insel Formosa (später Taiwan) ein Nationalchina unter Tschian Kai - Tschek.
Die alte chinesische Nationalregierung unter Tschiang Kai check flieht auf die Insel Formosa (später Taiwan / Tai huan).
Während dieser Zeit des Machtwechsels sind innerhalb von China etwa 40 Mio. Menschen auf der Flucht – schon wieder eine katastrophale „Völkerwanderung“ der Neuzeit.
Am 01. Mai wird in der DDR der Ort Neuhardenberg (am Rande der Märkischen Schweiz gelegen) umbenannt. Für viele ist das nicht nachvollziehbar, weil der Name der Hardenbergs in der Deutschen Geschichte sehr positiv belegt ist und auch der letzte Gutsbesitzer als Antifaschist galt. Nach Diskussionen um einen neuen Namen wie Thälmannberg oder Engelsdorf, entschied man sich für Marxwalde (nach der deutschen Wiedervereinigung in Neuhardenberg zurück benannt).
Die NATO wird durch 12 Länder als Nordatlantisches militärisches Schutzbündnis gegründet. Die drei Deutschen Westzonen bilden mit Zustimmung der Westalliierten die Bundesrepublik Deutschland. Bundeskanzler wird der bisherige Kölner Bürgermeister Konrad Adenauer (CDU). Bereits im Jahre 1947 hatten die Westalliierten ohne deutsche Verhandlungsbeteiligung die Gründung eines Weststaates beschlossen. Das Grundgesetz der BRD, tritt am 23. Mai 1949 in Kraft.
Nach Aufhebung der Berlin-Blockade im September 1949 sind im Westteil Berlins die Geschäfte sehr schnell wieder gefüllt. Ein Schlaraffenland tut sich auf. Ost-Besucher haben dafür allerdings das falsche Geld. Pech gehabt.
Am 07. Oktober wird aus der sowjetischen Besatzungszone, der zweite deutsche Staat, die Deutsche Demokratische Republik gebildet. Staatspräsident ist von der früheren KPD Wilhelm Pieck, sein Stellvertreter von der früheren SPD ist Otto Grotewohl. Der mächtige KPD-Einfluss (zahlenmäßig gering) kam nur durch den von der Sowjetunion befohlenden Befehl des Zusammenschlusses zur SED zustande. Natürlich hat die junge DDR alle Kriegs-Reparationsleistungen für ganz Deutschland gegenüber der Sowjetunion aufzubringen.
Wissenschaft:
Für das Palomar Observatorium in Kalifornien wurde von 1928 – 1949 das derzeitig größte Teleskop (Hale-Teleskop), „das große Auge“ gebaut. Es ist sieben Stockwerke hoch und verfügt über einen Spiegel von 5 m Durchmesser mit einer Oberfläche aus Borsilikat. Allein die Spiegelherstellung (gießen, schleifen, polieren) dauerte 14 Jahre. Benannt wurde es nach seinem Erbauer George Ellery Hale.
Technik:
Die Engländer bauen „De Havilland Comet“, das erste Düsenpassagierflugzeug der Weltgeschichte.
Soziales:
In der BRD wird die Bewegung „SOS-Kinderdörfer“ ins Leben gerufen.
Musik:
Bert Brecht dichtet die Kinderhymne „Häuser sollen nicht brennen…“
Neues aus Potsdam:
In das frühere Reichsarchiv am Brauhausberg zieht jetzt die Landesparteileitung der SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands) des Landes Brandenburg. 1952 werden die Länder in der DDR abgeschafft. Dann wird dort die SED-Kreis- und Bezirksleitung Potsdam sitzen – bis 1990.
Einige
Hinweise zum Jahr 1950
Politik:
Auf dem III. Parteitag der SED wird der erste 5-Jahr-Plan für die Wirtschaft der DDR beschlossen.
Es werden noch immer 1,5 Millionen Deutsche vermisst. Im Radio werden vom DRK stets die Suchmeldungen durchgegeben. Am 5. Mai erklärt die SU (UdSSR) die Rückführung deutscher Kriegsgefangener als abgeschlossen, obgleich noch Tausende lebend vermutet werden. Deshalb tritt der Bundeskanzler Konrad Adenauer eine Fahrt nach Moskau an, in deren Ergebnis viele weitere Kriegsgefangene freigelassen werden.
Am 31. Mai: Pfingsttreffen der „Freien Deutschen Jugend“, Jugendorganisation der SED, in Berlin.
Im Juni tritt die Bundesrepublik dem Europarat bei.
Prachtvolle Hochzeit des Schahs von Persien Mohammad Reza Pahlavi mit Prinzessin Soraya (und nach ca. 7 Jahren Trennung wegen Kinderlosigkeit).
In den USA werden nach Anklage der Spionage und Verurteilung (wobei es sich jedoch um einen Justizirrtum handelt) die Wissenschaftler Ethel und Julius Rosenberg hingerichtet.
130 ehemalige deutsche Spezialisten für Flug- und Raketentechnik wurden US-Bürger.
Beginn der Jagd um die politische und militärische Vorherrschaft zwischen den Großmächten. Der „kalte Krieg“ bricht aus.
In West-Berlin („Eine freie Stadt der freien Welt“) werden Nachrichten auf großformatigen Leuchtbändern abgespielt, die auch gut aus dem Osten (und besonders für die Ostbevölkerung gedacht) lesbar sind. Es wirbt auch: „Westberliner, kauft bei der HO“. Das ist die staatliche Handelsorganisation der DDR, die es nur im Ostteil Berlins gibt.
Juni 1950: Beginn des Korea-Krieges. Nur fünf Jahre nach dem 2. Weltkrieg spürt man, dass leicht ein neuer Weltbrand ausbrechen kann. Das kommunistisch regierte Nordkorea marschiert am 25. Juni 50 in das Südkorea kapitalistischer Prägung ein, um eine Wiedervereinigung unter kommunistischer Herrschaft zu erzwingen. Im November des gleichen Jahres greift die Volksrepublik China in diesen Konflikt ein. China unterstützt Nordkorea, womit die Gefahr eines möglichen neuen Weltkrieges verstärkt wird, denn die USA unterstützen Südkorea. Letztendlich werden die nordkoreanischen Truppen aufgehalten und zurückgeschlagen.
Wissenschaft:
Der Schweizer Geologe Toni Hagen darf als erster Europäer acht Jahre lang das Königreich Nepal besuchen / erforschen (ein verbotenes Land). Er wird ein Freund des Königs und des Dalai Lamas. Hagen setzt sich u. a. auch für das Ansiedlungsrecht von Flüchtlingen ein, denn als Tibet von der Volksrepublik China erobert wird, versuchen viele Tibeter nach Nepal zu fliehen.
Wissenschaft – Medizin:
Die erste bekannte Nierentransplantation! Die 49jährige USA-Bürgerin Ruth Tucker ist der erste Mensch, dem erfolgreich eine Spenderniere eingepflanzt wird. Am 17. Juni 1950 gelingt dem Chirurgen Richard H. Lawler in Chikago die erste Nierentransplantation in der Geschichte der Medizin.
Der britische Bakteriologe Alexander Fleming entwickelte das erste Antibiotikum aus dem Schimmelpilz „Penicillium notatum“. (Erst) 1950 wird er u.a. dafür mit dem Nobelpreis geehrt.
Technik:
Jetzt gibt es Langspielplatten aus Kunststoff („unzerbrechlich“), statt wie bisher aus Schellack.
Es wurden Patronenfüllfederhalter entwickelt, die wahrscheinlich zum Teil den bisherigen Kolbenfüller ablösen werden. Der austauschbare Tintentank, von einer Kugel verschlossen, hat die Form einer „Patrone“.
Wirtschafts-Wissenschaft:
In Westdeutschland laufen erste Fernseh-Versuchsprogramme.
Wirtschaft:
Die Bundesregierung entscheidet sich für den Weg der „Sozialen Marktwirtschaft“ und hebt schrittweise die Zwangswirtschaft auf. Auch die Lebensmittelrationierung kann aufgehoben werden.
In der DDR entsteht die „Erste Sozialistische Stadt „Stalinstadt“ bei Fürstenberg, nach 1953, nach Stalins Tod in „Eisenhüttenstadt“ umbenannt, eine Wohnsiedlung für das Erzverhüttungs-, Stahl- und Walzwerk, das ebenfalls im Entstehen ist.
Film – Musik:
In diesem Jahr wurde der Film „Schwarzwaldmädel“ gedreht (Mädle aus dem Schwarzenwalde sind net leicht zu habe – nur ein Schwabe hat die Gabe...“). In der folgenden Zeit sehen 16 Mill. Zuschauer der BRD diesen Film.
Es wird der Film „Die Sünderin“ mit Hildegard Knef und Fröhlich als Maler gedreht. Ein Sturm der Empörung. Die erste (kaum als solche erkennbare) Nacktszene - für den Maler - im deutschen Kino. Gerhard Wendtland singt zu den ersten Nylonstrümpfen für 15,-- DM: „Das machen nur die Beine von Dolores“. Conny Froboess singt ganz toll: „Pack die Badehose ein“. Nach Erich Kästner wird der Film: “Das fliegende Klassenzimmer“ gedreht.
Alltag:
In Ostberlin wird das Kaiserlich-königliche Schloss der Hohenzollern gesprengt. Der „Schlossplatz“ heißt jetzt „Marx-Engels-Platz“ - eine öde Fläche. 25 Jahre später wird dort der „Palast der Republik“ stehen, dem nur eine Lebensdauer von 2 Jahrzehnten zugemessen sein wird. Dann wird „aus politischen Gründen“ auch mit dessen Abbruch begonnen.
In Australien beginnen die Schafzüchter einen energischen Kampf gegen verwilderte Haushunde, die in ihren Herden wildern.
Unterhaltung:
Es darf in der DDR die „Deutsche Veranstaltungsdienst GmbH“ gegründet werden. Diese wird 1952 in die „Konzert- und Gastspieldirektion“ umgewandelt.
Es beginnt die Zeichentrickserie „Asterix und Obelix“.
Die Schwimmhilfen „Schwimmflügel“ für Kinderoberarme wurden erfunden.
Zur
Zeitgeschichte im Jahre 1951
Politik:
Der 01. Januar 51 ist der Starttermin für den ersten Fünf-Jahr-Plan der DDR-Wirtschaft (1951 – 1955).
23. Februar: Die Rationierung von Textilien wird in der DDR aufgehoben.
26. Juni: Die BRD verbietet in ihrem Land die FDJ – Freie Deutsche Jugend, wegen erkannter Verfassungswidrigkeit – in der DDR wird sie besonders gefördert (als Kader- und Kampfreserve der SED). Erich Honecker ist Vorsitzender der FDJ.
Am 09. Juli erklären die westlichen Besatzungsmächte den Kriegszustand mit Deutschland für beendet. Ein Festtag für Westdeutschland. Das hat jedoch für die DDR keinerlei Bedeutung. Die Sowjetunion erkennt in diesem für sie greifbaren Teil Deutschlands den Nachfolger des Deutschen Reiches, der für Kriegsreparationen aufzukommen hat. Für die Bevölkerung wird jedoch ausschließlich die völkerverbindende „unverbrüchliche“ Freundschaft zwischen der DDR und der Sowjetunion zur Schau gestellt.
12. Juli: In der DDR werden die Arbeitsämter abgeschafft. Es besteht sowohl das Recht, als auch die Pflicht zur Arbeit. Arbeit ist genug für alle da. Ein Arbeitsamt ist überflüssig.
05.-19. August 51: In der DDR, in Ost-Berlin finden, die III. Weltfestspiele der Jugend und Studenten statt „Jugend aller Nationen uns vereint gleicher Sinn, gleicher Mut…“
BRD: Bildung des Bundesgrenzschutzes.
Wissenschaft:
Die „Pille“ zur Schwangerschaftsverhütung wurde entwickelt. Sie wird ab 1961 in der BRD nur vom Arzt auf Rezept und nur an verheiratete Frauen verschrieben.
J. André-Thomas entwickelt die Herz-Lungen-Maschine, die nun längere Operationen am offenen Herzen ermöglicht.
William Brigdeman erreicht mit seiner Rakete, die er von einem fliegenden Flugzeug aus startete, die 1,88fache Schallgeschwindigkeit und eine Höhe von 24.080m.
Wirtschaft:
Am 18. April reist Bundeskanzler Adenauer zur Unterzeichnung des Abkommens über die Montanunion nach Paris.
Es erscheint in der Bundesrepublik die erste Nachkriegs Dauerserien-Briefmarke: Der Posthornsatz in 16 verschienenen Werten.
20. September: Der erste von acht Hochöfen wird in Eisenhüttenstadt (DDR) angeblasen.
08. Oktober: Lebensmittelmarken werden zum Teil abgeschafft. Diese sind jetzt nur noch für Fleisch, Fett und Zucker erforderlich.
Kultur / Musik:
Am. 14. April schreibt Herbert Roth in Thüringen das „Rennsteig-Lied“.
31. August: Premiere des DEFA-Film „Der Untertan“.
Beiträge zur
Zeitgeschichte des Jahres 1952
Politik:
In Südafrika entbrennen Aufstände gegen die Apartheid.
Tod des britischen Königs Georg VI. Seine Tochter – Elisabeth II. wird Königin.
Prof. Dr. Albert Schweitzer (1875 – 1965), Urwaldarzt in Lambarene, erhält den Friedensnobelpreis.
Die USA zünden die erste Wasserstoffbombe.
Im November wird nach Roosevelt, Dwight Eisenhower Präsident der USA und John Fitzgerald Kennedy Senator von Massachusetts.
Bundesrepublik Deutschland:
Theodor Heuss ist Bundespräsident. Er erklärt das Deutschlandlied zur Nationalhymne, wobei zu offiziellen Anlässen, wegen des Textes, nur die dritte Strophe zu singen ist.
Am 25. April schließen sich die Bundesländer Württemberg-Hohenzollern und Württemberg-Baden nach einem Volksentscheid zu dem neuen Bundesland „Baden-Württemberg“ zusammen.
26. Mai 1952: Deutschlandvertrag. Die Westmächte und die BRD unterzeichnen ein Abkommen über die Einbindung Westdeutschlands in das Westbündnis.
Der Deutschlandvertrag, in dem die Bundesrepublik von einigen zeitweiligen Vorbehalten abgesehen die Souveränität zurückerhält, wird unterzeichnet – tritt aber erst am 5. Mai 1955 in Kraft.
In der BRD wird am 27. Mai das Gesetz über die Sorge für die Kriegsgräber erlassen.
Die Insel Helgoland wird wieder unter Hoheit der BRD gestellt.
Berlin-West: Der RIAS (Radio im amerikanischen Sektor) bringt täglich die Meldung der Flüchtlingszahlen aus der DDR in die BRD. Das wirkt auch ermunternd auf andere – ein Sog.
Deutsche Demokratische Republik:
Die Sozialistische Einheitspartei in der Deutschen Demokratischen Republik beschließt den Aufbau des Sozialismus.
Ab 1952 verhängt die DDR ein Einreiseverbot für Westberliner Bürger.
Für die DDR wurde als Nationalhymne das Werk: „Auferstanden aus Ruinen“ mit einem guten Text neu geschaffen. Die Texte und Melodien der BRD und der DDR-Nationalhymne lassen sich austauschen. Es passt.
Die DDR-Regierung stellt das nationale Aufbauprogramm vor. Nationales Aufbauwerk (NAW).
Am 27. Mai beginnt in Leipzig das IV. Parlament der FDJ.
Die DDR reagiert auf den „Deutschlandvertrag“ der Westmächte mit der BRD, sofort mit der „Verordnung über Maßnahmen an der Demarkationslinie zu Westdeutschland. Das bedeutet: Die bisherige Zonengrenze wird DDR-Staatsgrenze mit 5km breiter Sperrzone im Landesinneren der DDR. An der Grenze zur BRD werden 180 Straßenverbindungen, 32 Eisenbahnlinien und 3 Autobahnen unterbrochen, unpassierbar gemacht. „Unzuverlässige Personen“ werden aus dem grenznahen Bereich ausgesiedelt. Von den 190 Straßenübergängen zwischen den Zonen innerhalb von Berlin, werden etwa die Hälfte geschlossen. Einführung der Passierscheinpflicht für Westdeutsche.
Anfang Juni 1952: Beginn der Kollektivierung der Landwirtschaft mit der „Förderung der LPGen“, der landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften. Die Grenzsteine der Bodenreform aus der Anfangszeit der DDR werden entfernt. In einem Jahr werden etwa 800 Genossenschaften gegründet aber es gibt auch viele Landwirte, die den Hof im Stich lassen und in den Westen flüchten.
Aus der DDR fliehen, insbesondere seit der Ost-West-Staatenbildung, immer mehr Menschen in den Westen. Aus politischem oder wirtschaftlichem Druck. Allein im August werden 16.000 Menschen gezählt.
Juli 1952: Bildung der Kasernierten Volkspolizei in der DDR.
23. Juli Auflösung der 5 Länder in der DDR, Bildung von 16 Bezirken, um alte Strukturen zu zerschlagen. Das frühere Land Brandenburg sind nun die Bezirke Magdeburg, Potsdam, Frankfurt und Cottbus.
Der Grenzpolizist Philipp Müller wird während seines Dienstes von Grenzverletzern erschossen.
Etwa ab Herbst 1952 wuchsen die Versorgungsprobleme für die Bevölkerung an. Zu den Gründen gehörten hauptsächlich das verstärkte geldschluckende Rüstungsbestreben einschließlich der Rekrutierung, die starre zentralisierte Planwirtschaft, die überstarke Förderung der Schwerindustrie zu Lasten der anderen Volkswirtschaftsbereiche, die Kriegs-Reparationszahlungen an die Sowjetunion, der Beginn der Kollektivierung der Landwirtschaft mit den Anfängen der Republikflucht vieler Bauern, Repressalien gegen private Unternehmer und selbständige Gewerbetreibende, die „Gleichschaltung“ von Parteien, Kultur und religiös tradierten Bestrebungen“. Alle diese Vorhaben überstiegen sowohl das Leistungsvermögen der DDR und forderten zum Widerspruch heraus, bauten einen Druck in der Bevölkerung auf.
Technik:
Der Amerikaner Harold Egerton entwickelte in diesem Jahr das elektronische Blitzlicht.
Wirtschaft und Verkehr:
Das „Blaue Band“ für die schnellste Atlantiküberquerung gewinnt in diesem Jahr das Schiff „United States“. Mit einer Geschwindigkeit von 66 km/h benötigte das Schiff drei Tage und zehn Stunden.
Der neue Wolga-Don-Kanal verbindet das Schwarze Meer mit der Kaspi-See. Er ist 100 km lang und benötigt wegen des Gefälles 13 Schleusen.
Bauwesen:
In Berlin wird mit dem aufwändigen Bau der Stalinallee begonnen. Es entsteht das erste Hochhaus der DDR auf der Weberwiese. In Leipzig wird der Rossplatz, wie die Berliner Stalinallee im „Zuckerbäckerstil“ nach den 16 Grundsätzen des sowjetischen Städtebaus gestaltet – denn „von Freunden lernen, heißt siegen lernen“.
Aus dem Ort Fürstenberg entsteht die neue Stadt Stalinstadt (später in Eisenhüttenstadt umbenannt).
Bauen in Potsdam:
Das „Berliner Tor, erbaut 1752 von Jan Boumann dem Älteren, wird 1952 abgerissen.
Soziales:
In der BRD, Hotel Luisenhof in Hannover, wird die Katholische „Johanniter-Unfallhilfe“ gegründet.
Alltag:
Die „Cola“ und die „Jeans“ gehören zu den USA-Segnungen, die in der Bundesrepublik Einzug gehalten haben.
Am 21. Dezember 52 wird in der DDR das Fernsehen eingeführt. Es gibt jetzt in bescheidenen Stückzahlen die Fernsehtruhe „Leningrad“ zu kaufen. Ein großer Kasten mit kleiner Bildröhre für 3.500 Mark der DDR. Nicht viele haben so viel Geld.
Weitere Fernsehgeräte gab es aber noch nicht im Handel für die Bevölkerung, sondern vorerst in den Dienstgebäuden des Staatsapparates. Es handelt sich um 75 Importgeräte, aus der SU gekauft, ebenfalls des vorgenannten Typs. Der erste Nachrichtensprecher war Herbert Köfer. Aus dem Studio in Berlin-Adlershof wird stundenweise gesendet. Die Reichweite des Senders reicht für die Stadt Berlin.
Zu Weihnachten, am 25. Dezember 1952 beginnt in Westdeutschland die Ära des Fernsehens. Eine der ersten Polit-Sendungen ist „Der Internationale Frühschoppen“, eine Journalisten-Diskussionsrunde von und mit Werner Höfer. Die Themen sind oft von Problemen des „Kalten Krieges“ geprägt.
Das Jahr 1953
Außenpolitische Ereignisse:
01. März: Der sowjetische Staatschef Stalin erleidet einen Schlaganfall, von dem er sich nicht wieder erholt.
05. März: Der sowjetische Staatspräsident Josef Wissarionowitsch Dschugaschwili (seit 1912 Stalin genannt – „der Stählerne“), stirbt in Moskau. Auch im eigenen Land ist das volle Ausmaß seiner Grausamkeit bei der Vernichtung Intellektueller und politisch anders Denkender noch nicht bekannt. Nach dem Tod Stalins regiert übergangsweise die Trojka: Ministerpräsident Malenko, Außenminister Molotow und der Erste Sekretär der KPdSU des Gebietes Moskau, Nikita Sergejewitsch Chruschtschow die Sowjetunion. Sicherheitsminister ist Berija, der schon Ende Juni wieder gestürzt wird. Die Minister der sowjetischen Regierung ermahnten Walter Ulbricht, den Aufbau des Sozialismus langsamer, verträglicher zu gestalten, als von ihm und dem verblichenen SU-Führer vorgesehen.
14. Mai: Es stirbt der tschechische Staatspräsident Klement Gottwald mit 56 Jahren.
Die 27 jährige Elisabeth II besteigt den britischen Thron. Die erste Krönung der Menschheitsgeschichte, die im Fernsehen übertagen wurde.
1949 – 1953: Der Koreakrieg. Er wurde durch den Waffenstillstand von Panmunjon –ohne einen Friedensvertrag – beendet.
Politik in der DDR:
In der DDR regiert inzwischen nicht mehr Wilhelm Pieck, sondern Walter Ulbricht an der Leine der UdSSR (Union der sozialistischen Sowjetrepubliken).
Im Januar werden die Straßenbahngleise auf dem Potsdamer Platz in Berlin, die Ost und West noch verbinden, getrennt.
28. Februar 1953: Die SED veranstaltet einen Bauernkongress in Leipzig zur Intensivierung der Bildung von LPGen auf freiwilliger Basis, mit vorerst sanftem Druck. Das hatte trotzdem allein zwischen Januar und April 1953 zur Folge, dass monatlich etwa 2.000 Bauern ihre Gehöfte und das Land verließen.
Bereits in den Monaten April, Mai und Anfang Juni gab es in einer Anzahl von Betrieben in der DDR Arbeitsniederlegungen.
Am 9. Juni verkündet das Politbüro der SED den „Neuen Kurs“, der aus der anhaltenden Versorgungskrise hinausführen und die Republikflucht in die BRD Einhalt verschaffen sollte. Ein höherer Lebensstandard wird bei freierem Handel versprochen.
Am 17. Juni formieren sich verschiedene Protestmärsche sternförmig in Richtung Berlin. Die SED versperrt die Zufahrtstraßen zur Stadt und stellt den S-Bahn-Verkehr ein. Aber auch in anderen Landesteilen finden regionale Proteste statt, so dass man durchaus von einem „Flächenbrand“ sprechen kann.
Die Demonstranten ließen sich von den Abriegelungsmaßnahmen der kasernierten Volkspolizei nicht aufhalten. Dazu bedurfte es erst des Auffahrens sowjetischer Panzer. Drei sowjetische Divisionen mit etwa 600 Panzern und 20.000 Soldaten hielten sich allein in Berlin auf. Von der sowjetischen Militäradministration wurde über etwa 80% des DDR-Territoriums das Kriegsrecht verhängt und damit der drohende Zusammenbruch der DDR verhindert, eine eventuelle Wiedervereinigung als Folge, unmöglich gemacht.
Die Geschehnisse aus einer anderen Zusammenfassung:
16./17./18. Juni: Aufstand in der DDR gegen die SED-Staatsführung, beginnend mit einem Streik der Bauarbeiter in der DDR wegen höherer Arbeits-Normen für das gleiche Geld, quasi eine Lohnsenkung. Stalinallee in Ostberlin. Forderungen nach Rücktritt der Regierung, gesamtdeutschen geheimen Wahlen, Straffreiheit für Streikende, Abzug der sowjetischen Besatzungstruppen wurden laut. Am 17. Juni, 13 Uhr verkündete der sowjetische Stadtkommandant von Ost-Berlin den Ausnahmezustand. Aufstand militärisch erstickt (Volkspolizei und sowjetischen Truppen). Sowjetische Führung schickt Panzer gegen die Aufständischen. Bei Hunderten von Opfern gab es auch etwa 20 Standrechtliche Erschießungen von Demonstranten aber auch von (nur die bekannt gewordene 40 Erschießungen russischer Soldaten, die sich geweigert hatten auf das Volk der DDR zu schießen. Etwa 10.000 Regimegegner werden verhaftet. Die Vorgänge wurden auch vom Westfernsehen und vom RIAS (Radio im amerikanischen Sektor – von West-Berlin-) übertragen. Forderungen nach der Deutschen Einheit sind hörbar – verlaufen aber im Sande. Die Flüchtlingswelle nimmt weiter zu.
In den Folgetagen gab es eine Ausgangssperre zwischen 20.00 und 06.00 Uhr, um Zusammenrottungen in der Dunkelheit auszuschließen. So fuhr auch die Potsdamer Straßenbahn nicht. In Berlin wurde der kriegsrechtliche Ausnahmezustand vom 17. Juni bis zum 11. Juli aufrecht gehalten. Auch die S-Bahn fuhr während dieser Zeit nicht.
Die Ursachen zu den Protestmärschen lagen in der schlechten Versorgungssituation und in neuen, strengeren Arbeitsnormen, bei gleichem Lohn. Die Normerhöhung bedeutete damit eine relative Lohnsenkung. Sie war auch faktisch nicht durchsetzbar, da Materialengpässe, stockende Zulieferungen und Maschinendefekte es unmöglich machten, die Leistungen zu steigern. Die Regierung wollte aber den Arbeitern quasi das Kompensieren der vorhandenen Schwierigkeiten aufbürden. Der 17. Juni 1953 wurde von der DDR-Führung als ein von außen gesteuerter Aktionstag bezeichnet, der es der BRD ermöglichen sollte, die DDR in einem „Blitzkrieg“ zu beseitigen, durch einen neofaschistischen Putsch. Bei den eigenen protestierenden Menschen habe es sich um Irregeleitete und Saboteure gehandelt.
II. Parteikonferenz der SED vom 09.-12. Juli 1952. Die DDR-Regierung verkündet zum Abschluss „den planmäßigen Aufbau des Sozialismus in der DDR“ („Ja?“ Typisches Ulbricht-Anhängsel) gemäß Stalins Vorstellungen.
Vom 27. Juli an, bis zum 15. August und dann nochmals vom 28. August bis zum 3. Oktober, gaben die USA Lebensmittelpakete in West-Berlin für DDR-Bürger aus. Selbstverständlich sollten diese Spenden von den DDR-Bürgern nicht angenommen werden. Bei Kontrollen der Transportpolizei / Grenzpolizei und Arbeiterkontrolleuren an der Grenze, wurden ihnen diese abgenommen. Ich entsinne mich eines Berichtes, wie ein Maurer im Mörtel-Rückentragebehälter (Tuppe) mit künstlichem doppelten Boden, Schmalzfleischdosen herüber bringen wollte und auf dem Grenzbahnhof Griebnitzsee alles ausschütten musste. Angeblich sollen diese konfiszierten Spenden auch in staatlichen DDR-Läden (HO) verkauft worden sein. Für die S-Bahn gab es eine Einschränkung des Fahrkartenverkaufs. Nur die Personen, die gemäß Personalausweis im S-Bahn-Bereich wohnten und arbeiteten, durften S-Bahnfahrkarten kaufen, um mit dieser Einschränkung anderen Personen, die von weiter her anreisten, das Abholen der Lebensmittelgeschenke zu vereiteln.
Politik BRD:
6. Sept. 53. Adenauer tritt seine zweite Amtszeit als Bundeskanzler an. Die politische Entwicklung hat ihm offenbar einen beträchtlichen Stimmenzuwachs gebracht.
Wissenschaft:
Ein starres Radioteleskop von 305 Metern Durchmesser wurde in Puerto Rico in Betrieb genommen. Einen Durchmesser von 100 m hat das Radioteleskop in Effelsberg in der Eifel. Es besitzt den Vorteil frei schwenkbar zu sein. Die Reichweite beträgt bis zu 15 Milliarden Lichtjahren.
Molekulare Genetik – die Struktur der DNA wird von James Watson und Fracis Crick beschrieben und als eine Doppelhelix bezeichnet (siehe auch 1869 und 1944).
Der Schweizer Wissenschaftler Auguste Piccard (1884 – 1962) taucht mit einem gekapselten Boot, der frei beweglichen „Trieste“, vorerst bis auf -3.150 m, später im Pazifik (im Marianengraben) mit der Tauchkugel bis auf -10.912 m tief, bei gewaltigen Druckverhältnissen. Hounot und Willm erreichen eine Meerestauchtiefe von 2.100 m.
Julius Fromm erfindet das Kondom aus Naturgummi.
Technik:
Mercedes-Benz baut 1953 bis 1957 den MB 180, 126 km/h, 52 PS (38 KW), 4 Zyl., 1767 ccm, Länge: 4490 mm.
Bauen in Potsdam:
Abriss des Belvederes auf dem Brauhausberg, ein Geschenk von König Friedrich Wilhelm III für seine Gemahlin Luise (1803). Der Baumeister Andreas Ludwig Krüger hatte es im neogotischen Stil entworfen.
Bauwirtschaft:
Am 31. Mai wird in Dresden der Grundstein für ein neues Stadtzentrum im Sinne des Wiederaufbaus gelegt.
Kunst und Kultur:
In der DDR gibt es die großen Zirkusse Busch, Aeros, Barley (später in Berolina umbenannt) und weitere kleinere, wie Sarani. Aus diesen wird jetzt der „VEB Zentralzirkus“ gebildet. Vorteile: Staatliche Ausbildung der Artisten, soziale Absicherung, eigener Kindergarten, eigene Schule, zentrale Essensversorgung, Bibliothek, Rentenanspruch.
Sport:
Seit 1924 gab es dramatische Versuche den Mont Everest zu besteigen, die jedoch sämtlich scheiterten. Am 29. Mai gelingt Sir Edmund Hillary (Neuseeland) und Tensing Norkay die Erstbesteigung (siehe auch 1979). Dazu waren Sauerstoffgeräte erforderlich.
Eine Amerikanerin schwimmt von Gibraltar nach Afrika.
Alltag:
In der BRD existieren zurzeit 4.000 Fernsehapparate – in Dienststellen, Gaststätten, Geschäfte-Schaufenstern und in Wohnungen. Das Pantoffelkino. Viele Bekannte und Nachbarn finden sich interessiert vor der großen Kiste mit dem kleinen Bildschirm (max. 35 cm) ein. In der BRD läuft u. a. der Film „Die letzte Brücke“, mit Maria Schell.
In der DEFA-Filmfabrik in Babelsberg wird unter Wolfgang Staudte der Märchenfilm „Der kleine Muck“ gedreht, nach der Geschichte von Wilhelm Hauff aus dem Zyklus „Die Karawane“).
Juni: Verlobung des US-Senators John Fitzgerald Kennedy mit Miss Jaqueline Bouvier.
Am 12. Sept. heiratet der amerikanische Senator John F. Kennedy (36 J.) und Jaqueline Bouvier (24 J.)
Schah Mohammad Reza Pahlavi von Persien (Iran): Seine erste Frau war Fausia, Prinzessin aus Ägypten. Scheidung, weil kein männlicher Thronfolger geboren wurde, sondern nur Töchter. Seine nunmehrige zweite Frau wird Soraya, schön, schüchtern, zurückhaltend. Tochter einer Deutschen und des iranischen Botschafters in Berlin. Sie bekommt kurz vor der Hochzeit Typhus. Aufstand gegen den Schah während dieser Ehe, weil England mit Einverständnis des Schahs persische Ölquellen ausbeutet. Flucht der Kaiserfamilie nach Rom ins Exil. Scheidung im Jahre 1958, weil kein Kind geboren wird.
Juni: Krönung der (mit Marilyn Monroe gleichaltrigen) Queen Elisabeth II von England.
In der DDR wird die sächsische Industriestadt Chemnitz in den etwas sperrigen aber ehrenvollen Namen „Karl-Marx-Stadt“ umbenannt. So wird sie für etwas weniger als 50 Jahre heißen und wegen der ortsüblichen Aussprache als die Stadt mit den drei „O“ in die Geschichte der DDR eingehen.
Das Jahr 1954
Politik:
In den Pariser Verträgen vereinbaren die USA und Großbritannien mit der Bundesrepublik die Wiederbewaffnung.
Die USA zündet für einen Waffentest die Wasserstoffbombe über dem Bikiniatoll, mit einer 600fachen Leistung der Hiroshima-Bombe. (Mehr als 100 Mio. t TNT. Eine weitere Bombe hat die 1000fache Wirkung. Die Waffen wurden in Los Alamos entwickelt. Vorher wurden die Bewohner dieser paradiesischen Pazifikinsel von den USA zwangsumgesiedelt. Der Erfinder der H-Bombe ist Edward Teller. Oppenheimer, der Entwickler der Atombombe, bekommt Skrupel angesichts dieser Entwicklung. Die Anti-Atom-Bewegung beginnt.
Auf einer Konferenz in Genf wurde Vietnam geteilt. Das wird als ein Keim des folgenden Krieges angesehen.
Bundeskanzler Adenauer erreicht bei seinen Verhandlungen im September in Moskau bei dem sowjetischen Ministerpräsidenten Bulganin und Staatschef Nikita Sergejewitsch Chruschtschow die Aufnahme diplomatischer Beziehungen und die Freilassung der letzten überlebenden deutschen Kriegsgefangenen. (Entlassungsreihenfolge schrittweise nach dem Alphabet). Es handelt sich um etwa 9.600 Spätheimkehrer, die bisher als tot oder vermisst galten. Das DRK verfügt in der Kartei noch immer über 1.245.000 vermisste Angehörige der Wehrmacht. Der DRK-Suchdienst versucht auch immer noch, so auch mit Suchmeldungen über das Radio, seit dem Kriege auseinander gerissenen Familien bei der Wieder-Zusammenführung zu helfen. In Westdeutschland gilt die Nachkriegszeit als abgeschlossen.
Von 1954 – 1962 wird Algerien von Unruhen erschüttert. Das Unabhängigkeitsbestreben vom „Mutterland Frankreich“ wird unüberhörbar laut.
Wirtschaft:
Die Filterzigarette wird erfunden.
Die erste Autoparkuhr Deutschlands wird in Duisburg aufgestellt. 1 Stunde Parken kostet 10 Pfennige Gebühr. Die deutschen Autobahnen sind in jenen Jahren noch ziemlich leer.
Maschinenbau:
Der Mercedes 300 Sl Sport wird vorgestellt. L: 4520 mm.
Musik:
Marylin Monroe (1926 - 1962) tritt als Sängerin vor den amerikanische GI’s in Südkorea auf.
Bill Haley leitet in den USA eine neue Musik-Ära mit dem Rock’n Roll ein und löst mit dieser Musikrevolution vor allem für viele junge Leute damit den eher volksliedhaften Schlager ab.
Nat King Coole und Frank Sinatra werden in Deutschland bekannt.
Filme:
„Fanfan der Husar“ mit Gerarde Philipe (der sich gerade mit Gina Lollobridgida zusammen tat), “Der Graf von Monte Christo“.
Sport:
In diesem Jahr findet die Fußballweltmeisterschaft in der Schweiz statt. Deutschland wird Fußballweltmeister. „Das Wunder von Bern“. Deutschland gegen Ungarn 3:2.
Naturgewalten;
Verletzt wurde die US-Amerikanerin Ann Hodges von einem etwa 4 Kilogramm schweren, außerirdischen Gesteinsbrocken (einem Meteoriten) / einer „Sternschnuppe), die zuvor das Dach ihres Hauses in Alabama durchschlagen hatte. Jährlich erreichen ungefähr 150 Meteoriten die Erdoberfläche, ohne vorher zu verglühen.
Alltag:
Die Wegwerfwindel hält in den USA Einzug. Mitte der 60er Jahre wird es die Marke „Pampers“ geben, mit hochwirksamem Nässeschutz. Ein „Superabsorber“ wird das Wasser halten. Der englische Begriff „Pamper“ bedeutet: umsorgen.
In der üblichen Eheschließungsformel der USA haben die Frauen zu geloben, ihren Ehemann zu lieben, zu achten und ihm zu gehorchen.
In diesem Sommer findet der Evangelische Kirchentag in Leipzig statt.
Zeitgeschichte
– Verschiedenes aus dem Jahr 1955
Politik in der DDR:
Die Sowjetunion erklärt am 25. Januar den Kriegszustand mit Deutschland für beendet und die eventuelle Wiedervereinigung als eine Sache der Deutschen. Einen Friedensvertrag gibt es aber nicht. Die Besetzung der DDR (nunmehr mit militärischen Freunden aus der Sowjetunion) bleibt mit ca. 38.000 Soldaten (bis 1994) bestehen, die aber in ihren Kasernengebieten eher wie in selbstgewählten Ghettos leben. Ein engerer Kontakt, eine Vermischung mit der DDR-Bevölkerung ist von sowjetischer Seite aus undenkbar und wird unterbunden. Nicht übersehen werden darf dabei: „Der kalte Krieg“ bleibt bestehen. In Deutschland liegt die Grenze der Einflusssphären der Supermächte. Der wackelige Frieden hält eher durch die gegenseitige Atom-Abschreckung, als durch Vernunft.
Nach den Bemühungen von Konrad Adenauer im Vorjahr nach der Entlassung von noch verbliebenen Kriegsgefangenen, erklärt die SU nach zahlreichen weiteren Entlassungen, dass sich keine Deutschen Kriegsgefangenen mehr in der UdSSR aufhalten. Auch Dr. Manfred von Ardenne (1907 – 1997) kehrt aus der SU zurück. Er erhielt vom sowjetischen Staat (vor 1953) den Stalinpreis 2. Klasse. „Der rote Baron“ erhält von der DDR-Regierung sofort Institutsbauten in Dresen „Weißer Hirsch“ zur Verfügung gestellt. Hier hat er das einzige private Forschungsinstitut der DDR mit 7.500 Mitarbeitern. Seine Anpassung an drei verschiedene Diktaturen gelang ihm vorzüglich. Er wird Volkskammerabgeordneter (des höchsten Parlaments der DDR) und vertritt dort den Kulturbund. Seine Söhne Thomas und Alexander werden später auch Physiker. Manfred von Ardenne wird u. a. an der Entwicklung des Elektronenmikroskops arbeiten und die Sauerstoff-Mehrschritt-Therapie begründen. Auch in der Krebsforschung ist er mit der Wärmebehandlung (41 – 42°C) aktiv. Ein Leben voller wissenschaftlich hervorragender Ergebnisse.
Die saarländische Bevölkerung erklärt sich hinsichtlich der Zugehörigkeit nach Frankreich oder Deutschland, mehrheitlich für ein deutsches Saarland. (1957 wird es zum Bundesland der Bundesrepublik).
In diesem Jahr wird in der DDR für die Jugendlichen mit 14 Jahren / 8. Schuljahr die Jugendweihe angeboten, die Teilnahme gilt später fast als obligatorisch.
In der DDR wird, beginnend etwa 1952, die Kollektivierung der Landwirtschaft betrieben. Es werden Staatsgüter (Volkseigene Güter) und LPG (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften) gebildet. Dabei werden unterschieden:
LPG Typ I: Zusammenlegen der Nutzflächen (Auch inoffiziell „Schein - LPG“ genannt. „LPG Typ eins – jeder macht seins“)
LPG Typ II: Zusammenlegen aller Bodenflächen, deren gemeinsame Bearbeitung und gemeinsamer Maschinenpark (MAS: Maschinenausleihstation, MTS: Maschinen- und Traktorenstation.
LPG Typ III: Gemeinsamer Feldbau und gemeinsame Viehwirtschaft.
Die Genossenschaften erhielten staatliche Unterstützung.
Ziel war: Das vollgenossenschaftliche Dorf. Die Errichtung sozialistischer Produktionsbedingungen in der Landwirtschaft. Der Zusammenschluss war anfangs freiwillig – „vom ich zum wir“, später, da die Kollektivierung zu zögerlich voranschritt, mit immer stärker werdendem Druck durch SED und Regierung. Alle Bauern, die mehr als 35 ha besaßen, wurden vorher bereits, im Zuge der Bodenreform, als Ausbeuter benannt und enteignet. Weil die Produktivität der LPG trotz staatlicher Stützung noch unter der der Einzelbauern liegt, traten 1953 / 54 etwa 33.000 Bauern aus den Genossenschaften wieder aus. Die Regierung setzt dagegen: „Industriearbeiter auf’s Land“, um die Ernährung zu sichern. Das bedeutet, politikgeschulte Kräfte ohne landwirtschaftliche Kenntnisse werden in Führungspositionen eingesetzt, was die Ergebnisse durchaus nicht verbesserte. Man schätzte, dass die Arbeitsmoral gesunken sei, durch den Übergang vom freien Bauern zum Tagelöhner, vom eigenverantwortlichen kenntnisreichen Landwirt zum Empfänger von Anordnungen von Politniks, die wesentlich weniger Kenntnisse hatten, als sie selbst.
Schüler und Jugendliche müssen beispielsweise als Erntehelfer aufs Land, als Ersatz für die republikflüchtigen Bauern. Die Kollektivierungstand unter solchen Aufrufen, wie „Von der Sowjetunion lernen – heißt siegen lernen“.
Der Warschauer Vertrag wird geschlossen – ein „Freundschafts- und Beistandspakt“ der Bruderländer, die den Sozialismus aufbauen (von der BRD „der Ostblock“ genannt).
Berlin:
Besuch der Soraya, Ehefrau des Schah von Persien in West-Berlin bei ihren Eltern. Sie wurde von der Bevölkerung wie eine Kaiserin empfangen.
Wissenschaft und Forschung:
Der US-Präsident Dwight D. Eisenhower kündigt (der Sowjetunion) den „Wettlauf ins All“ an.
Arthur Fischer aus Schwaben erfindet den Spreizdübel aus Kunststoff.
Östlich von Mossul, nahe der persischen Grenze entdeckten Geologen und Archäologen eine kleine prähistorische Dauersiedlung, die vor etwa 5.000 Jahren bewohnt war. Sicheln als Arbeitsgerät waren offenbar unbekannt. Es gab auch keine Bruchstücke von Tongefäßen zu finden, obwohl die Bewohner Tonfiguren formten. Feuersteinwerkzeuge, Steinmörser mit Stößel, Reibsteine und Äxte wurden geborgen.
Das 101. Element des Periodensystems der Chemischen Elemente ist gefunden. Es erhielt die Bezeichnung „Mendelevium“.
In diesem Jahr beginnt eine Antarktis-Expedition, die bis 1958 andauern wird. Zur Leitung gehören Vivian Ernest Fuchs und Edmund Hillary. Es geht um eine erste Durchquerung des Süd-Kontinents auf dem Landwege.
Wirtschaft /Maschinenbau:
Nach nur sieben Jahren rollt der 1 Millionste „VW-Käfer“ in Wolfsburg vom Band.
In den Bayerischen Motorenwerken (BMW) wird mit der Produktion des Kabinenrollers „Isetta 250“ begonnen (Die Knutschkugel) mit 12 PS. 1956 – 1962 baut BMW dann auch „Isetta 300“, mit 13 PS (9,5 kW), 1 Zylinder, 300 ccm, 85 Km/h, Länge 2340 mm.
In Zwickau wird die Produktion des Kunststoffautos „Trabant P 50“ aufgenommen, der den „P 70“ ablöst. Beide waren Kunststoffkarossen, die aus harzgetränkter Baumwolle bestanden. Der Volksmund macht wegen des Karossen-Materials daraus schnell „Papp 70“.
Die Lufthansa war 1926 gegründet worden. 1945 wurde sie von den Alliierten aufgelöst (da sie in der Kriegszeit im Wesentlichen an Waffentransporten beteiligt war). Nun wird sie 1955 in Westdeutschland wieder zugelassen. Sie beginnt mit fünf Propellerflugzeugen. Am 01. April geht der erste Flug von München nach Hamburg. Im Jahre 2004 wird der Flugpark 400 Maschinen umfassen und in jenem Jahr werden 50 Mio. Passagiere transportiert werden.
Wirtschaft, sonstiges:
Als Gegenstück zu Nivea (in der BRD) wird in der DDR „Florena“ als Kosmetikhersteller gegründet. Der Betrieb wird sehr gute Produkte auf den Markt bringen.
Die Stadt Hoyerswerda zählt 8.000 Einwohner. Nun werden hier das Braunkohleveredlungswerk und das Kraftwerk „Schwarze Pumpe“ mit verschiedenen Folgeeinrichtungen gebaut. In wenigen Jahren wird die Einwohnerzahl deshalb auf 65.000 Bürger ansteigen.
Film:
Das Fernsehen der DDR beginnt Ausschnitte aus alten Filmwerken zu zeigen. Die Sendefolgen, an jedem Montag, heißen „Willy Schwabes Rumpelkanmmer“ (Dachboden) auf dem auch Requisiten, passend zu den Filmausschnitten, gezeigt werden. Diese Serie läuft als die längste überhaupt, 35 Jahre lang. Solange die DDR noch bestehen wird. In der Endphase ist Willy Schwabe auch schon recht betagt.
Es wird in der BRD der Film über die junge österreichische Kaiserin Elisabeth (Sissi) mit der jungen, wunderschönen Romy Schneider gedreht.
Musik: Conny Froboess und Peter Kraus singen Schlager, auch im Duett, Cliff Richard erscheint am Schlagerhimmel und Bill Haley macht nach den USA auch Westdeutschland verrückt mit „Rock around the clock“ – eine revoltierende Absage an den Sound der Vierziger oder das Heimatvolkstümeln des ersten Nachkriegsjahrzehnts. Gegen derartige „dekadenten Strömungen“ wird in der DDR der naturreine, anständige Tanz des „Lipsi Schritts“ aus der Taufe gehoben.
Literatur:
Das Buch „Der Herr der Ringe“ wird geschrieben.
Ab Dezember 55 erscheint in der DDR „Das Mosaik“, eine Bildgeschichte mit Dig, Dag und Digedag (später sind es die Abrafaxe). Im Westen dagegen begeistern Comics wie die „Mickey Mouses“.
Sonstiges aus dem Alltag:
Das bisherige Versuchsprogramm des Fernsehens (seit 1952) gilt in der DDR als abgeschlossen, denn mit dem Beginn des Jahres 1956 soll auch die Bevölkerung ein „offizielles Programm“ empfangen können. Die Reichweite des Senders ist über „die Kinderschuhe“ (Berlin und Umgebung) hinaus gewachsen. In der DDR erscheinen die Fernsehgeräte „Rembrandt“ und „Rubens“ in den Geschäften. Große dunkle Holzkästen mit Bildschirmdiagonale von 33 cm,
Nordafrika wird von einer Heuschreckenplage heimgesucht. Der Schwarm ist etwa 250 km lang und 20 km breit. Die sich vorwärtsfressenden Wander-Ungeheuer nehmen somit eine Fläche von 5.000 qkm ein (siehe auch 1727 und 1899).
Das Jahr 1956
Politik:
Am 18. Januar beschließt die Volkskammer den Aufbau einer 120.000 Soldaten starken Nationalen Volksarmee.
In der Bundesrepublik wird die Bundeswehr gegründet und die allgemeine Wehrpflicht eingeführt. Die Bundeswehr tritt der NATO bei.
Das Innenministerium der BRD gibt bekannt, dass außer den vermissten Wehrmachtsangehörigen und verschollenen 100.000 Kriegsgefangenen das Schicksal von 3,2 Mio. Zivilpersonen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten und 800.000 Zivil-Verschleppten bisher ungeklärt sei. 16.000 - 17.000 Eltern suchen ihre Kinder und umgekehrt.
Israel führt Krieg gegen Ägypten, bekannt unter der Bezeichnung: Sinai – Suez – Krise. Die Intervention Englands und Frankreichs am Suez-Kanal erregt die Weltöffentlichkeit.
Seit dem 23. August: Aufstand in Ungarn gegen die sozialistische Diktatur mit sowjetischer Vorherrschaft. Ungarische Polizei und Armee stehen auf der Seite des Volkes. „Wir Ungarn wollen in eigener Heimat frei leben“, so ihr Wahlspruch. Vom 23. Oktober an, schlagen sowjetische Truppen mit Panzern und Flugzeugen den Volksaufstand in Ungarn nieder. Der Westen protestiert, kann sich aber wie 1953 in der DDR aus Sorge vor einem erneuten Weltbrand, nicht zum Eingreifen durchringen. Am 16. November kapitulieren die Aufständischen vor der militärischen Übermacht der „sowjetischen Bruderarmee“.
Wissenschaft:
Am 11. August 1956 geht in dem kleinen hessischen Ort Breitscheid im Dillkreis, 36 km der Universitätsstadt Gießen entfernt, ein Meteorit nieder. Ein kleiner (etwa 1 kg schwerer) äußerlich schwarzer, heißer Stein. Prof. Dr. F. A. Paneth vom Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz untersucht diesen. Er stellt fest, dass das Gestein vor etwa 3.000 Mio. Jahren erstarrte und von einem Stück stammt, das vor 50 Mio. Jahren zerbarst.
Wirtschaft:
Ein Kabel verbindet die Kontinente: Am 25. September 1956 wird das erste transatlantische Untersee-Telefonkabel zwischen Europa und Nordamerika in Betrieb genommen. Erstmals kann man miteinander telefonieren.
Im Iran brach eine Ölquelle aus. Drei Monate lang schoss das Öl als 50 m hohe Fontäne aus dem Bohrloch, bis man die Öffnung „fassen“ konnte, um einen geregelte Entnahme zu gewährleisten.
Literatur / Film:
Jaques –Yves Cousteau befindet sich mit dem Forschungsschiff 1955 und 56 auf einer Reise, bei der der Unterwasser-Film „Die schweigende Welt“ gedreht wird. Mit diesem Streifen gewinnt er „Die goldene Palme“ von Cannes. Es entsteht der Film „Der Hauptmann von Köpenick, mit Heinz Rühmann in der Hauptrolle, nach einer wahren Begebenheit (Berlin und Potsdam), die Carl Zuckmayer bearbeitet hatte. In der BRD entsteht das Filmwerk „Des Teufels General“ mit Curd Jürgens in der Hauptrolle.
Soziales:
In Berlin wird die anonyme Telefonseelsorge eingerichtet.
Zur
Zeitgeschichte des Jahres 1957
Politik:
Die ersten 10.000 Wehrpflichtigen ziehen am 1. April in die Kasernen der BRD ein. Der Bundestag stimmt am 05. Juli dem Beitritt zur Europäischen Atomgemeinschaft (Euratom) zu.
Das Saarland geht von Frankreich fort und wird friedlich der BRD eingegliedert. Den Ausschlag dazu gab eine Volksbefragung vom 23. Oktober 1955. (Ab 06. Juli 59 wird das Saarland sich dann auch vom französischen Geld verabschieden und dann die Währung der BRD übernehmen).
Mao Tse Tung führt in China einen harten Kampf gegen Intellektuelle („Abweichler“).
Wissenschaft:
Erdumflug: Drei USA-Düsenflugzeugen vom Typ „B 52“ gelingt es am 18. Januar 57 erstmals, die Erde ohne Zwischenlandung zu umrunden. Für die über 40.000 Kilometer lange Strecke benötigen die Flugzeuge 45 Stunden und 19 Minuten. Der Sputnik benötigt für die wesentlich längere Strecke im Kosmos 90 Minuten. Doch wer oder was ist „Sputnik“?
04. Oktober 57. Beginn des Zeitalters der Raumfahrt. Die Sowjetunion startet mit einer Trägerrakete das erste künstliche Objekt der Menschheit, das den Raum des Weltalls erreicht: Einen Satelliten (was bitte bedeutet dieses neue Wort?). Er ist als Sputnik 1 (Begleiter) benannt, ist von Kugelgestalt mit einem Durchmesser von 58 cm, Er besitzt eine Masse von 84 kg und verfügt über vier Antennen mit denen er Funksignale aussendet. Der Sputnik 1 (vom sowjetischen Weltraumgelände Baikonur gestartet, wird die Erde drei Monate lang mit einer Geschwindigkeit von 30.000 km pro Stunde umkreisen. Ein Schock für die amerikanischen Wissenschaftler und Militärs beim Kampf um Erstentwicklungen für das Weltall. Wir nehmen die Erstmaligkeit für das Weltall an – wissen aber nicht, ob es wirklich erstmalig ist, denn in uralten Schriften der Sumerer und auch im Alten Testament der Bibel (Hesekiel) werden ja bereits technische Fluggeräte erwähnt, die man der Raumfahrt zuordnen könnte, wüsste man mehr. Am 03. November folgt Sputnik 2 mit der Hündin „Laika“. Die liebe Laika schlief in ihrer Weltraumkapsel an Sauerstoffmangel ein.
Im Wettlauf ziehen die USA nach und schießen einen Schimpansen ins Weltall.
Am 12. April richten 12 bekannte Wissenschaftler der BRD einen Appell gegen die Atomrüstung an die Öffentlichkeit.
Als in den USA die „Überproduktion von Weizen und anderen Lebensmitteln in das Meer geschüttet wird, um die Preise stabil zu halten, tat man das in Südafrika auch – und hier wie dort hungerte gleichzeitig die Bevölkerung.
Wissenschaft / Archäologie:
Bei Ausgrabungen im Norden des Irak wurde die untergegangene Stadt Zawi Chemi Shanidar wiederentdeckt. Sie soll vor etwa 11.000 Jahren gegründet worden sein und gilt daher als die älteste bekannte Stadt der Erde. Ortschaften ähnlichen Alters werden später in der Türkei entdeckt.
Technik:
Felix Wankel stellt am 22. April erstmals einen Kreiskolben-Motor vor, der später nach ihm „Wankel-Motor“ genannt wird. Dieser überträgt die Energie ohne die Verluste der Hin- und Her- Bewegung des Kolbens direkt auf einen etwa dreieckigen flachen Drehkolben. der in einem ovalen Gehäuse rotiert. Die Besondere Schwierigkeit besteht in Gas-Abdichtungsproblemen für die Kompression. 1964 werden die ersten Serienautos mit Wankel-Motor vom Band laufen.
In der DDR rollt der erste Kleinkraftwagen vom Typ „Trabant 500“ / P 50 vom Band, im Werk Sachsenring Zwickau. Verbrauch 6,8 l, 600 ccm, 4 Plätze, 4 Vorwärtsgänge, 1 Rückwärtsgang. Mit Duroplast-Karosse. L: 3361, B: 1493, H: 1460.
Bau
In West-Berlin findet die Internationale Bauausstellung statt. Sie wird am 06. Juli eröffnet. Eine der neuen Attraktionen ist das Hansa-Viertel im Tiergarten. Sehr bekannte Architekten sind daran beteiligt wie Alvaro Alto, Walther Gropius, Max Taut und Oscar Niemeyer.
In der DDR entsteht das erste (und letzte – aber das weiß noch niemand) sozialistische Musterdorf der DDR in Mestlin, Kreis Parchim
Zwischen Potsdam und Berlin wird der Reichsbahn-Außenring zur Umgehung der Fahrt durch West-Berlin gebaut. Dazu müssen auch im Templiner See in 40 m Tiefe Brückenpfeiler gegründet werden, die durch die dicke Schlammschicht des Seebodens hindurchreichen. Es entstehen die Bahnhöfe Potsdam-Pirschheide, eine Erweiterung des Bahnhofs Bergholz-Rehbrücke, Saarmund, Genshagener Heide und die Erweiterung des Bahnhofs Berlin-Schönefeld.
Wirtschaft:
BRD: Am 25. März 57 werden die Römischen Verträge zur Bildung einer Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) geschlossen. Der Bundestag beschließt am 5. Juli den Beitritt zur EWG. Später wird daraus die Europäische Gemeinschaft und dann die Europäische Union.
DDR: Der V. Parteitag der SED setzt sich in diesem Jahre das Ziel, bis zum Jahr 1961 die Produktivität der landwirtschaftlichen Produktion der Bundesrepublik Deutschland überholt zu haben. Bisher sind 37% der Bauern den LPG beigetreten. Die bisherigen Maschinen-Ausleih-Stationen (MAS) werden zu Maschinen-Traktoren-Stationen (MTS) umbenannt.
Das Kino erobert das Dorf. Der fahrende Landfilm ist da.
Der Maisanbau wird in der DDR gefördert. „Der Mais das ist die Wurst am Stängel“ – ein Werbeslogan (in dieser Zeit aber „Stengel“ geschrieben).
Der Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht proklamiert: „Jedermann an jedem Ort – einmal in der Woche Sport“ (zur Gesundheitsförderung der Bevölkerung).
Aufhebung der Lebensmittelkarten in der DDR am 28. Mai. Jetzt braucht man nur noch in der „Stammverkaufsstelle“ mit Namen und Adresse anschreiben und abhaken lassen, z. B. für Butter. Für die Verkäuferinnen recht mühsam und zeitaufwändig.
Gesundheit:
Die asiatische Virus-Grippe vom Stamm „A 2, Asia“ geht um die ganze Welt und erreicht nun auch Deutschland.
Alltag -Musik:
Beim staatlichen Rundfunkkomitee der DDR wird ein Nachwuchsstudio für Schlagergesang eingerichtet. In der DDR bereitet Heinz Quermann Freude, wenn auch etwas „hölzern“. In der Sendung „Da lacht der Bär“, die jetzt begann, versucht er „Deutsche an einen Tisch“ zu bringen. 1965 wird die Sendefolge eingestellt.
In der BRD bestehen bereits 1 Million Fernsehgeräte. In Gaststätten und Clubs werden Plattenspieltruhen, die Music-Boxen aufgestellt. Mit Münzbetrieb. Peter Kraus singt: „Wenn Teenager träumen“. In der Unterhaltung sind allgemein bekannt: Lu van Burg, Kuhlenkampf, Peter Frankenfeld, Robert Lembke, Heinz Erhardt, Willi Millowitsch in Köln, Heidi Kabel in Hamburg und viele andere.
Am 06. Juli treffen sich zwei junge Männer bei dem Fest der Kirchengemeinde St. Peter im englischen Liverpool, mehr zufällig. Sie heißen John Lennon (17 Jahre alt) und Paul McCartney (15 Jahre alt) – und hier liegt der Beginn der Geschichte der späteren Musikgruppe „The Beatles“.
Sport:
1957 / 58 ist Bubi Scholz Europameister im Mittelschwergewicht.
Alltag:
Häufig wird in jener Zeit Federball gespielt. Junge Mädchen tragen gern den Petticoat.
Naturgewalten:
Vulkanausbruch vor der Insel Faial (Azoren im Atlantik), der die Insel erheblich vergrößerte aber auch Dörfer verschüttete.
Am 06. Dezember beobachtet man in der Sternwarte Sonneberg (Thüringen) um 12.00 mittags eine rote Feuerkugel und ein silberhelles, bläulich-weißes Wolkengebilde und hört einen mächtigen Knall mit nachfolgendem Donnergrollen. Es wird der Absturz eines „Himmelskörpers“ in der Nähe von Oberhof vermutet. Reste oder die Aufschlag- / Einschlagstelle wurden jedoch nie gefunden.
Untergang eines Schiffes im August 57. Die westdeutsche Viermastbark „Pamir“ ein Handelsfrachter als Segelschulschiff (1905 bei Blohm und Voss in Hamburg gebaut, Heimathafen Lübeck) ist im Atlantik bei den Azoren gesunken. Das Schiff hatte eine Länge von über 100 m bei einer Wasserverdrängung von mehr als 3.000 Brutto-Register-Tonnen. Es handelte sich um ein Schiff mit 86 Mann Besatzung, darunter 16 Kadetten, die ihre erste Fahrt der Ausbildung zu späteren Offizieren der Handelsmarine absolvierten. Sie befand sich auf der Rückfahrt von Buenos Aires (Argentinien) und hatte Getreide geladen. Die Hafenarbeiter in Buenos Aires streikten gerade und so wurde das Schiff von argentinischer Armee und der Schiffsbesatzung beladen. Das Schiff kenterte wegen Verrutschens der Ladung im Hurrikan „Carry“, da selbst die Ballastwassertanks, die der Schiffsstabilisierung dienen, widerrechtlich aus Profitgründen mit Getreide gefüllt wurden. Der Erste Offizier und der Bootsmann wollten den Kapitän zum teilweisen Entladung bewegen, wurden vom Kapitän jedoch mit Waffengewalt zum Stillschweigen gezwungen, bzw. wären wegen Meuterei verklagt worden. Es hätte auch durchaus die Möglichkeit gegeben, nach den Orkanwarnungen dem Hurrikan auszuweichen aber der Kapitän setzte aus Geld- und damit aus Zeitgründen im Sinne des Reeders die Route und somit den Kollisionskurs mit dem Hurrikan fort. Das Schiff erlitt durch das verrutschende Getreide immer mehr an Schräglage, bis es vollends umschlug und sank. Den SOS-Ruf des sinkenden Seglers hörten mehrere Schiffe. Diese waren aber zu weit entfernt, um noch rechtzeitig die verunglückte Besatzung aufnehmen zu können. An der Suche nach Überlebenden waren etwa 60 Schiffe und 20 Flugzeuge beteiligt. Am neunten Tag nach dem Unglück wurde die Suche nach weiteren Überlebenden eingestellt. Auch das zweite Rettungsboot wurde nie gefunden.
Nur sechs Überlebende gab es (Ein Seemann, der auf hoher See operiert war und bereits in Buenos Aires ins Krankenhaus gekommen war, der Bootsmann und vier Kadetten, die sich in ein stark beschädigtes, voll Wasser stehendes Rettungsboot retten konnten). Vier Tage trieben sie in der rauen See ohne Versorgung bis sie gefunden wurden. Ursprünglich waren es drei Gerettete mehr, von denen einer jedoch im Rettungsboot starb, zwei weitere das Rettungsboot geistesverwirrt unter Halluzinationen mit dem Sprung in die See verließen.
(Die DDR besaß zu dieser Zeit das kleinere Segelschulschiff „Wilhelm Pieck“).
Das Jahr 1958
Politik im Ausland:
Kriegshandlungen im Nahen Osten – die Libanon-Krise.
Im französischen Straßburg konstituiert sich das Europäische Parlament.
Charles de Gaulle wird Präsident der Französischen Republik (bis 1969).
Das iranische Kaiserpaar Reza Pahlavi und Soraya trennen sich, weil kein Kind geboren wird, er aber einen männlichen Thronfolger braucht. Für ihn wird aber bereits Ausschau nach der dritten Frau gehalten. Der Schah ist 37 Jahre alt, seine künftige Frau Farah Diba, eine Muslimin, Architekturstudentin in Paris, aus Persien stammend, ist 19 Jahre jung. (weiter 1959).
Mao verkündet (befiehlt) in China „Den großen Sprung nach vorn“, den Übergang vom Sozialismus zum Kommunismus.
Die sowjetische Führung wünscht erneut, den Westteil Berlins unabhängig von der Stützung der BRD zu machen und ihr den Status einer „entmilitarisierten, freien Stadt“ – ohne amerikanische, britische und französische Schutzmacht zu geben.
Erster Ostermarsch der Kernwaffengegner in Aldermaston.
DDR:
Geldumtausch in der DDR. Es gibt nach 10 Jahren wieder eine neue Währung.
Es setzt eine stärkere Werbung zu den LPG- Beitritten ein. Derzeitig noch mit dem Versuch des Argumentierens zu den Vorteilen wie Kinderkrippennutzung, Versorgung mit Kindergartenplatz, keine 80-Stunden-Woche wie bisher für die Einzelbauern, Fort vom Familienbetrieb (nur der Vater verdiente – alle anderen waren abhängige Mitarbeiter mit Taschengeld), also künftige soziale Unabhängigkeit. 1958 waren etwa 1/3 der landwirtschaftlichen Betriebe in den Genossenschaften vertreten.
10. – 16. Juli 58: Auf dem VI. Parteitag der SED verkündet Walter Ulbricht persönlich „Die zehn Gebote der sozialistischen Moral und Ethik“. Ab September waren aus Grundschule (8. Schuljahre), Mittelschule (10 Schuljahre) und Oberschule (12 Schuljahre) die ZAPO und die EOS geworden. (SED = Sozialistische Einheitspartei Deutschlands, ZAPO = Zehnklassige Allgemeinbildende Polytechnische Oberschule, EOS = Erweiterte Oberschule).
BRD:
In der BRD wird die gesetzliche Gleichstellung von Mann und Frau (gegen Widerstände) beschlossen. Jetzt darf Frau sich im Westen sogar ein Bankkonto einrichten oder sich auch für den Autofahrschulbesuch anmelden, ohne die schriftliche Erlaubnis des Ehemannes vorlegen zu müssen. Eine große Neuerung – in der DDR seit einem Jahrzehnt normaler selbstverständlicher Alltag.
Wissenschaft:
Der Schwede Arne Larsson (1916 - 2002, 86 J.) erhält mit 43 Jahren wegen lebensbedrohlicher Herzschwäche den ersten Herzschrittmacher der Welt.
Am 01. Februar bringt die USA eine Rakete mit dem Mess-Satelliten „Explorer 1“ in den Weltraum. Sie umfliegt die Erde in 106,7 Minuten auf einer elliptischen Bahn mit Erdabständen zwischen min. 348 km und max. 1.170 km.
10. Februar: Es gelang der erste Funkkontakt mit dem Planeten Venus, der zurzeit von der Erde 45 Mio. km entfernt ist. Für den Hin- und Rückweg benötigt das Signal elektromagnetischer Wellen fünf Minuten. Bei der Versuchswiederholung am 12. Februar betrug die Entfernung bereits 46,1 Mio. km und die „Reisezeit der Funkwellen dauerte 7,5, Sekunden länger. Sowjetische Funkmessungen ergaben, dass sich die Venus in etwa 10 Erdentagen einmal um ihre eigene Achse dreht. Ein Venustag = fünf Erdentage. Gemessen wurde daraus folgend auch die Entfernung zwischen Sonne und Erde mit 149.457.000 km, für die ein Lichtstrahl acht Minuten benötigt.
Die Entfernung Erdmond – Erde beträgt dagegen nur 384.393 km. Eine Kometenkugel würde eine Reisezeit von reichlich zwei Wochen benötigen. Ein rüstiger Wanderer würde eine solche Strecke theoretisch in 27 Jahren bewältigen. Das Licht durcheilt diese Strecke aber in einer reichlichen Sekunde. (Erdumfang 40.000 km, Erddurchmesser 12.740 km).
Im März bringen die USA den Forschungssatellit Vanguard 1 ins Weltall.
Hundegebell im Weltall: Wohlbehalten und mit wedelnden Schwänzen kommen drei sowjetische Hunde, die mit einer Versuchsrakete 90 km hoch ins All geschossen wurden, auf die Erde zurück. So geschehen am 18. Juni.
Am 01. August unternehmen die USA eine Atombombenversuchsexplosion hoch über der Johnston-Insel.
Maschinenbau / Technik:
Im Juli erreicht eine Bohrung nach Erdöl in Texas die Tiefe von 7.300 m. Eine Höchstleistung.
Am 7. August wird in Hamburg der Großsegler „Gorch Fock II“ fertig gestellt und am 17. Dezember beginnt sein Diensteinsatz. Das Schiff ist 90 m lang und seine Masten haben eine Höhe von 45 m. „Gorch Fock“ ist der Künstlername / das Pseudonym des niederdeutschen Schriftstellers Johann Kinau.
Wirtschaft:
Die Wellrad-Waschmaschine aus dem VEB dkk Scharfenstein (deutsche Kühl- und Kraftmaschinen) kommt auf den Markt und aus dem gleichen Werk der „Kristall“-Kühlschrank
Religion:
Papst Pius XII, der Pontifex Maximus = Oberster geistlicher Würdenträger, stirbt in Rom. Nachfolger wird Johannes der XXIII, der bis 1963 Papst sein wird.
Musik:
Elvis Presley (The King of Rock’n Roll, Nachkomme der in die USA ausgewanderten Thüringer Familie Pressler) leistet seinen Wehrdienst in der BRD ab und wird schon in Bremerhaven bei der Ankunft stürmisch begrüßt.
Erziehung:
In der Bundesrepublik bestehen so genannte „Bräuteschulen“. Hier werden junge Mädchen, die nach dem Schulabschluss keinen Beruf erlernen werden (sollen / wollen) bei Internats-Unterbringung und in Schuluniform auf das Leben als Hausfrau vorbereitet. Sie lernen Kleintiere schlachten, kochen, nähen, weben, die Hausreinigung und manch anderes. Vor dem Krieg gab es in Potsdam auch so eine Haushaltsschule (Berliner- Ecke Rembrandtstr.) und in Berlin unterhielt der Lette-Verein derartige Ausbildungsstätten.
Alltag Aus den USA kommt der Hula-Hup-Reifen in die BRD und ist auch schon bald in der DDR ein beliebtes Gymnastikgerät.
In der BRD wächst die Italiensehnsucht, ist aber kaum erreichbar. Oft sind die Ferienziele Kufstein, der Teutoburger Wald, Ruhpolding u.a. Der westdeutsche Arbeiter hat dafür 12 Tage im Jahr Urlaubsanspruch.
In der DDR sind für die Gewerkschaftsmitglieder FDGB-Ferienschecks (Urlaubsplatz zu geringem Preis oder Freizeit auf einem Campingplatz) für viele üblich, die nicht zu Hause bleiben wollen.
An neuen Autos gibt es in der DDR: Den „Sachsenring-Horch“, den sowjetischen „Pob(j)eda“ (Sieg) und schon kommt der „IFA F9“ (später auch mit Wartburg-Motor) aus der DDR-Produktion.
Wohnen Herren möbeliert auswärts, so ist in der Wohnung der Wirtin Damenbesuch nicht üblich. Zum üblichen Ausstattungsstandard des Zimmers für den Untermieter gehören: Waschkommode mit Marmorplatte, Waschschüssel und Wasserkanne aus Porzellan oder Steingut.
Naturgewalten:
Der USA-Bundesstaat Texas wurde von einem Tornado betroffen. Bei Witchia Falls erreichte er eine Geschwindigkeit von 450 km pro Stunde und hinterließ große Verwüstungen.
Am 26. Juli stürzt in Ramsdorf bei Münster (BRD) ein Meteorit von 4,7 kg Masse auf die Erde.
Am 18. Oktober kommt in Zentralschweden ein Meteorit von acht kg Masse hernieder.
Zeitgeschichte
1959
Politik:
„Volks-China“ erobert Tibet (seit 1950) in einem grausamen Feldzug, vor allem gegen die Klöster und ihre Bewohner. Die tibetische Sprache verschwindet, eigene Sitten und Bräuche werden untersagt. Ein kultureller Völkermord. In den Städten werden zu etwa 2/3 Chinesen angesiedelt. Der 14. Dalai Lama (1935 geboren), derzeitig als 24jähriges geistiges und geistliches Oberhaupt flieht mit seinem Orakelpriester aus dem Netchungkloster, dem Potala (der Palastburg), von Khamba-Kriegern geleitet, in das indische Dharmsala. Ein 15 Jahre währender Guerillakrieg der tibetanischen Kämpfer im eigenen Land folgt, aber die Chinesen gewinnen wegen ihrer Überzahl. (Im Jahre 2005 feiert der Dalai Lama, Friedensnobelpreisträger seinen 70. Geburtstag).
Kuba: Fidel Castro zieht nach einem Staatsstreich gegen die Batista-Regierung in Havanna ein (vom Revolutionär zum Staatschef), wird Präsident und verspricht der Bevölkerung Freiheit. Sein Bruder Raoul Castro und Che Guevara erhalten als revolutionäre Kommunisten Staatsämter. (Der Diktatur von rechts, ist die Diktatur von links gefolgt). Die neue Regierung ist nicht weniger grausam als die alte es war.) Die USA schicken Mörder, um das System wieder zu stürzen, doch die Regierung, geübt im militärischen Guerillakampf ist „auf der Hut“. Castro sucht politische und wirtschaftliche Hilfe bei Moskau. Moskau ist an einem militärischen Gebiet auf Kuba, vor Amerika, sehr interessiert – die Kubaner sollen aber ihren Sozialismus ansonsten alleine aufbauen.
In diesem Jahr heiraten der Schah von Persien und Farah Diba. (Die vorige Ehe mit Soraya wurde geschieden, weil sie vom Schah kein Kind bekam) Nun wird 10 Monate nach der Eheschließung ein Sohn als Thronfolger geboren (weiter siehe 1967).
Als 49. Bundesstaat tritt Alaska (das aleutische Wort: “Alyeska“ = das große Land) am 03. Januar den USA bei und am 21. August die Hawaii-Inseln, als 50. Bundesstaat.
Heinrich Lübke wird als neuer Bundespräsident der BRD gewählt. Später wird er von der DDR als KZ-Baumeister entlarvt.
1959 und 1960 wir das kriegsbeschädigte Potsdamer Stadtschloss, am Alten Markt, auf Beschluss der SED und Staatsführung abgerissen, nachdem FDJ-Kolonnen ihren Auftrag ausführten, das preußische Denkmal weitgehend abrissreif zu demolieren.
Bisher hatten beide deutsche Staaten die schwarz-rot-goldne Flagge. In diesem Jahr fügt die DDR ihr Emblem hinzu, das zum Zeichen des Staates der Arbeiter, der Bauern und der Technischen Intelligenz aus dem Ährenkranz mit Hammer und Zirkel besteht.
Wissenschaft / Raumfahrt:
Im Juli meldet das Mount-Palomar-Observatorium, dass eine der etwa 1 Mio. erkannten Sonnen des kosmischen Spiralnebels NGC 7331 ihre Helligkeit um das Hunderttausendfache gesteigert habe. Ein neuer Stern ist durch das Zusammenballen kosmischen Materials entstanden (Supernova). Man erkannte bei der Betrachtung des Nebels: Dieses nächste „Milchstraßensystem“ ist von der Erde 750.000 Lichtjahre entfernt. Was wir heute beobachten können, geschah dort also vor 750.000 Jahren. Bereits 1572 beobachtete Tycho Brahe in Prag und 1604 auch Johannes Kepler einen Stern sehr hell aufleuchten, der dann, nach einigen Monaten, wieder dunkler wurde.
12. September: Die sowjetische Sonde Luna 2 „landet hart“ auf dem Mond und die Kapsel mit den wissenschaftlichen Instrumenten zerschellt (vergleiche 1966).
Vom Mond ist von der Erde aus immer nur eine Seite, stets die gleiche, sichtbar. Am 04. Oktober 59 machte man mit den Kameras der sowjetischen automatischen interplanetarischen Station „Luna 3“, nach zwei Tagen Flugzeit zwischen der Erde und der Umlaufbahn um den Mond, Bilder mit zwei Kameras von der Rückseite des Mondes, die bisher noch kein Mensch sehen konnte, weil die Sonde den Mond als der erste künstliche Flugkörper umrundete und übermittelte diese zur Erde. In 40 min. wurden einige Hundert Bilder des Mondes an die Erde übermittelt. Die Station arbeitete bis März 1960.
Im türkischen Anatolien, in der Nähe des 5060 m hohen Ararats vermutet man vom Flugzeug aus die Konturen der Überreste der Arche Noah’ zu sehen. Die Ausdehnung „des Schiffes“ beträgt etwa 150x25x15 m. Bei späteren Expeditionen bestätigt sich diese Vermutung aber nicht. Es handelt sich um eine Gesteinsformation, die an die Form eines Schiffskörpers erinnert.
Wissenschaft und Technik:
Die theoretischen Grundlagen für die LASER-Technik werden gelegt (Light Amplifikation by stimulated Emission of Radiation) – siehe auch 1985.
Wissenschaft / Naturforschung:
Bei Torca de Carlista (Nordspanien) wurde eine ca. 500 m lange Höhle entdeckt, die etwa 300 m hoch ist.
Jaques-Yves Cousteau erhält für sein Forschungsschiff „Calypso“ ein Mini-U-Boot von 3,5 t Masse, das 350 m tief tauchen kann. Mit der automatischen Kamera, montiert auf dem „Fotoschlitten“ und ausgestattet mit dem elektronischen Blitzlicht, sind Aufnahmen bereits bis zu 8.000 m Tiefe möglich. Es entstehen Fotos von Lebewesen, die noch kein Mensch sah.
Bauen in Potsdam:
Das Stadtschloss, Ruine, (letzter Umbau 1744 – 1752 v. Knobelsdorff mit dem Fortunaportal des Jean de Bodt aus dem Jahre 1701) wird in den Jahren 1959-1961 abgerissen.
Literatur:
Die Regierung der DDR ruft die werktätige Bevölkerung zur Literaturarbeit auf, unter dem Motto: „Greif zur Feder, Kumpel – die sozialistische Nationalkultur braucht dich! Es wird zur Bildung von „Klubs / Zirkel schreibender Arbeiter“ aufgerufen – zur Darstellung eines schönen Sozialismus. Der „Bitterfelder Weg“ hat zum Inhalt „die Höhen der Kultur zu erstürmen“. Laienensembles und -Theater entstehen. Kunst und Kultur soll der Arbeiterklasse passiv und aktiv zu eigen gemacht werden.
Kunst:
In West-Berlin hat der Anti-Kriegs-Film „Die Brücke“ Premiere.
In den USA wird mit Marylin Monroe der Film „Blondinen bevorzugt“ gedreht. Ebenso „Manche mögen’s heiß, mit Marylin Monroe und Toni Curtis. In der Film- und Musikszene sind zu sehen und zu hören: Anita Egbert, Sophia Loren, Brigitte Bardot, Liselotte Pulver, Gina Lollobridgida und andere.
Sport:
Marika Kilius und Hans-Jürgen Bäumler beginnen ihre gemeinsame Eiskunstlauf-Karriere.
Alltag:
In der DDR kommt der Staubsauger „Purimix“ auf den Markt. Seine Besonderheit: Umgerüstet mit einigen Handgriffen kann er sowohl als Kaffemühle oder auch als Teigknetmaschine eingesetzt werden. - Hat sich wohl aber wegen der erforderlichen Umbauten und der Ansprüche an die Hygiene nicht so recht durchgesetzt.
Alltag:
Das Sandmännchen nimmt im Fernsehen der DDR seine Tätigkeit auf. Noch sieht er ein bisschen weniger schön aus, als später in seinen Hauptaktionsjahren. In diesem Jahr beginnt auch die Förderungsserie für junge Talente im DDR-Fernsehen: „Herzklopfen kostenlos“.
Im Westen wird die erste „Barbie-Puppe“ hergestellt.
Am 21. Dezember 1959: Der Schah (siehe Schachspiel) Mohammad Reza Pahlavi von Persien (später Iran), heiratet zum dritten Mal. Diesmal ist es die Studentin Farah Diba.
Die erste Ehe mit der ägyptischen Prinzessin Fawzia / Fausia wurde 1949 geschieden und die zweite Ehe mit der deutschstämmigen Soraya 1958.
Zur Zeitgeschichte
im Jahr 1960
Politik:
Der Bürgerrechtler Nelson Mandela wird in Südafrika wegen seiner Gesinnung und wegen des friedlichen Auflehnens gegen die Apartheid für ein viertel Jahrhundert eingekerkert.
Bürgerkrieg im Kongo (1960 – 1963). Die UNO greift ein, um dem Krieg ein Ende zu bereiten. Am 1. August wurde Französisch-Kongo frei und erhielt den Namen Republik Gabun. Ihre Unabhängigkeit erhalten in diesem Jahr 14 afrikanische Länder, die bisher (auf Zeit) Kolonien europäischer Staaten waren.
Am 08. November gewinnt In den USA John Fitzgerald Kennedy (mit Unterstützung des Texaners Lyndon Baines Johnson, Vizepräsident, Demokrat) hauchdünn die Präsidentschaftswahlen gegen Nixon (Republikaner). Kennedy wurde der 35 Präsident der USA. In den USA herrscht eine Aufbruchstimmung, die von dem jungen Präsidenten John Fitzgerald Kennedy ausgeht. Ein Hoffnungsträger für eine neue, gerechte Politik. Am 19. Mai wird er 43 Jahre alt.
Die Schauspielerin Grace Kelly wird durch Heirat mit Fürst Rainier II (Grimaldi), Fürstin Gracia Patricia von Monaco.
Der Kriegsverbrecher Adolf Eichmann, einer der Hauptverantwortlichen für die Judenvernichtung, wird vom israelischen Geheimdienst in Argentinien nach 15 Jahren der Flucht und des Versteckens, trotz des Annehmens einer neuen Identität aufgespürt und nach Israel entführt. In Jerusalem wird er 1961 zum Tode verurteilt und hingerichtet.
DDR:
Die Kollektivierung der Landwirtschaft wird angesichts des Ziels, die BRD-Landwirtschaft 1961 zu überflügeln, mit großem Druck vorangetrieben. Etwa 100.000 Agitatoren werden zu der Überzeugungsarbeit auf das Land geschickt. Die Figuren „Flora und Jolante“ (Kuh und Schwein) werben für die Landwirtschaft und ihre Produkte – sie sind auch Maskottchen der Kollektivierungswerbung. Partei und Polizei fahren mit Lautsprecherwagen durchs Dorf und fordern Bauern namentlich zum Eintritt auf. Teilweise werden sie auch persönlich bedroht. Auch Studenten aus der Stadt, die nichts von Landwirtschaft verstehen und keine größere Lebenserfahrung haben, werden zum „Überzeugen“ eingesetzt. Wer sich von den Bauern weigert, wird z. B. als Kriegstreiber bezeichnet oder als „Steigbügelhalter für Adenauer“ oder wie Walter Ulbricht sagte: Für die „Bonner Ultras, ja?“ Im Frühjahr Kirchenkanzelabkündigungen gegen Zwangseintritte. Im April aber ist in der DDR trotzdem „der vollgenossenschaftliche Stand“ erreicht.
In diesem Jahr flüchten etwa 200.000 Bürger der DDR in die BRD.
In der Schule werden die Lehrer (Klassenleiter) für die FDJ-Arbeit verantwortlich gemacht. Die Freie Deutsche Jugend gilt als die „Kampfreserve der Partei“ (SED). Man kann sie nicht unbedingt als einen fröhlichen Jugend-Selbstläufer ansehen.
Nach dem Ableben von DDR-Präsident Wilhelm Pieck, wird Walter Ulbricht Vorsitzender des Staatsrates der DDR. (Neuer Titel des Staatsoberhauptes).
Wissenschaft:
Der schweizerische Tiefseeforscher Jaques Picard und der US-Marineleutnant Don Walsh dringen am 23. Januar 1960 mit dem Tauchboot „Trieste“ zum Grund des Marianengrabens im Pazifik vor. Sie erreichen mit -10.916 m den tiefsten Punkt der Weltmeere. Diese Expedition bringt auch aufsehenerregende Erkenntnisse über die Strömungsverläufe im Stillen Ozean und die geophysikalische Beschaffenheit des Meeresbodens.
Die sowjetische Weltraumkapsel „Sputnik 5“ brachte ihre Test-Tiere wohlbehalten zur Erde zurück.
Medizin:
Nach der Einnahme des Schlafmittels „Contergan“ gibt es in der BRD Missbildungen an Neugeborenen, die jene das ganze Leben lang behindern. Das Mittel, obwohl bald verdächtigt, wird erst viel zu spät vom Markt genommen. Erst nach jahrelangem Kampf wird es für die Betroffenen zu einer „Entschädigung“ kommen.
Bauen in Berlin:
Die neue Gedächtniskirche für Berlin (vom Volksmund „Lippenstift und Puderdose“ genannt, ist im Bau, (Bauzeit 1957 – 63), Architekt Egon Eiermann 1904 – 1970, einer der bedeutendsten Architekten Deutschlands im 20. Jahrhundert. Geb. 1904 in Neuendorf bei Potsdam. Er schuf u. a. das Abgeordnetenhaus in Bonn (1966 – 69). Dozent an der Technischen Hochschule Karlsruhe, gest. 1970 in Baden-Baden.
Bauen in Potsdam:
Abriss der Stadtschlossruine auf dem Alten Markt. Einarbeitung ihres Bauschutts und dem von Bürgerhäusern mit vielen wertvollen Architektur- und Ausstattungsdetails in die Sandwälle des Ovals der Besuchersitzreihen des Ernst-Thälmann-Stadions im ehemaligen Lustgarten (dem Exerzierplatz).
Kultur / Unterhaltung in der DDR:
In unserem Fernsehprogramm fördert Heinz Quermann junge Talente in der Sendereihe „Herzklopfen kostenlos“. Es erscheint das DDR-Sandmännchen jetzt ansprechender gestaltet. Wunderschön anzusehen, mit guter Vor- und Abspannmusik und guten Inhalten – davon kann sich der komische Westsandmann eine dicke Scheibe abschneiden. Meister Nadelöhr und Professor Flimmerich erfreuen die Kinder ebenfalls; etwa so wie Flax und Krümel mit Struppi beim Maler Taddeusz Punkt.
Als Antiunterhalter nimmt im März Karl Eduard von Schnitzler die Polit-Sendung „Der schwarze Kanal“ auf, in der ausschließlich gegen die BRD kommentiert, polemisiert und gehetzt wird. 30 Jahre werden die Sendefolgen anhalten – bald bis zum Ende der DDR, obwohl die Einschaltquoten sehr niedrig liegen.
Sport:
In Rom finden die Olympischen Spiele statt. Eine gemeinsame deutsche Mannschaft trägt die Wettkämpfe aus. Noch verhinderte das Nationale Olympische Komitee (BRD), dass zwei einzelne deutsche Mannschaften auftreten. Die vier Kanuten (zwei Ost, zwei West) erringen die Goldmedaille. Armin Harry läuft den Weltrekord. Ingrid Krämer (Kunstspringen) und Gustav Adolf (Täve) Schur (Radrennen) werden als große Stars gefeiert.
Bildung:
Zum September 1960 werden für die Schulen der DDR die Bezeichnungen der Zensurenskala verändert:
|
„Note“ |
1 |
2 |
3 |
4 |
5 |
|
bisher: |
sehr gut |
gut |
genügend |
mangelhaft |
ungenügend |
|
Neu: |
sehr gut |
gut |
befriedigend |
genügend |
ungenügend |
Alltag:
Im Jahre 1960 wirbt die Post in der DDR vorbereitend bezüglich der Einführung von Hausbriefkästen (kompakte Postzustellanlagen), um eine beschleunigte Zustellung ermöglichen zu können. Bisher mussten die Briefträger treppauf, treppab bis zu jeder Wohnungstür laufen. Ähnliches wird später auch mit größeren Metallboxen als Paketzustellanlage eingeführt, die alle paar Straßenzüge zur Selbstbedienung aufgestellt waren. Diese verschwanden jedoch einige Jahre später wieder aus dem Straßenbild.
BRD: Vom 1. März an wird im Anschluss an die Tagesschau des Fernsehens jetzt auch der Wetterbericht an einer Wetterkarte erläutert.
Der US-Amerikanische Schauspieler Clark Gable (Vom Winde verweht) stirbt im Alter von 59 Jahren im November 1960 an einer Herzattacke (Starkraucher). Seine fünfte Ehefrau erwartet gerade wieder ein Kind von ihm.
Der Tanz namens „Twist“ kommt auf.
Im Westen gibt es „Kofferradios“, bei uns die kleinen „Schachtelradios“ namens „Sternchen“, vom VEB Sternradio.
Die Erdbevölkerung beträgt derzeitig bereits über 3 Milliarden Menschen. 1800 schätzte man diese auf 800 Millionen.
Naturgewalten:
Der 3.236 m, hohe Ätna ist auf Sizilien ausgebrochen.
Tiefentemperatur: Im Forschungsstützpunkt Wostok in der Antarktis wurde im August der Kälterekord von -88,3°C gemessen.
In diesem Jahr wurde die Ursache des „Vredefort-Ringes nahe Johannesburg (Südafrika) erforscht. Der Kraterdurchmesser des „Ringes“ beträgt fast 220 km. Ergebnis: Die Ursache war ein Meteoreinschlag vor etwa 250.000 Jahren. Der Meteor wird einen Durchmesser von 1,5 bis 2,0 km gehabt haben. Wahrscheinlich wurde beim Einschlag ein sehr starkes Erdbeben ausgelöst.
Ebenfalls in diesem Jahr wurde erneut der „Barringer-Krater“ in Arizona untersucht, der von einem Meteor-Absturz vor etwa 25.000 Jahren herrühren soll. Dr. E. M. Shoemaker vom Geologischen Bundesamt Washington ermittelte einen Einschlagkessel von 1,2 km Durchmesser und einer Tiefe von 174 m. Am Kraterboden wurden viele Metallbrocken gefunden. Der Sandstein des Kraters ist glasartig geschmolzen. Hier tritt auch das Mineral „Coesit“ auf, das bei jedem Meteoreinschlag gebildet wird.
Dr. Shoemaker untersuchte auch das „Nördlinger Ries“, nördlich der Donau, zwischen Ulm und Ingolstadt. Die Senke des Ries’ teilt die Höhenzüge der schwäbischen Alb von denen der fränkischen Alb. Der Kessel hat einen Durchmesser von 25 km und besteht aus einem Feld von Granittrümmern aus den Zeiten Jura und Trias, die teilweise glasüberzogen sind. Auch hier wurde Coesit vorgefunden. Es wird geschätzt, dass hier ein Meteoreinschlag vor 15 – 20 Millionen Jahren stattgefunden hat.
Zeitgeschehen
im Jahre 1961
Politik:
Auf Kuba schlägt der Versuch Fidel Castro zu stürzen fehl.
Im Juli verkündet das zentrale Presseorgan „Neues Deutschland“ (Zeitung) der SED, dass der Kommunismus in der DDR zwischen 1961 und 1980 aufgebaut werden soll. Dazu werden Teilziele und Arbeitsinhalte bekannt gegeben.
Die Massenflucht der DDR-Bevölkerung nimmt unwahrscheinliche Ausmaße an. Das Land blutet aus. Allein im Juli über 30.400 Flüchtlinge. Auch viele ausgezeichnete Fachkräfte gehen. Eine innenpolitische Katastrophe droht. Die Regierung bittet Moskau um Duldung und Unterstützung, die DDR mit militärischer Macht abriegeln zu dürfen. Eine Einverleibung von Westberlin in das Gebiet der DDR droht. Im Juni fragt eine westdeutsche Journalistin die DDR-Regierung, ob es stimme, dass die DDR ihre Grenze befestigen wolle. Walter Ulbricht antwortet darauf. „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“ – aber am Sonntag den 13. August ist es dann doch schon soweit: Ost- und West-Berlin werden durch eine Mauer getrennt, die hundert Jahre bestand haben soll aber 28 Jahre Bestand haben wird. Der stark belebte Potsdamer Platz beispielsweise wird ein völlig kahles Niemandsland zwischen Ost und West. Westberlin ruft zum Boykott der S-Bahn auf, die zur DDR gehört. Auf Westberliner Gebiet entstehen Geisterbahnhöfe. Westberliner Züge durchfahren den Ostteil Berlins ohne Halt. (Potsdamer Platz, Unter den Linden). Gleis A des Bahnhofs Friedrichstraße liegt im Westen, Gleis B im Osten, voneinander getrennt mit einer Stahlwand. Eine Verbindung besteht nur über „eine Schlaufe“ durch den „Tränenpalast“ (Glashalle zur Pass- und Personenkontrolle und zum Abschied).
Auch die innerdeutsche Grenze wird mit Mauern, Stacheldrahtzäunen, Wachtürmen, Selbstschussanlagen und Minenstreifen, befahrbaren Kontrollstreifen (für Autos aber auch Hundelaufstreifen) „befestigt. Die BRD nennt diese Grenzbefestigung „Der eiserne Vorhang / „die Mauer“/ „der Todesstreifen“, die DDR-Führung spricht vom „Antifaschistischen Schutzwall zur Sicherung der Staatsgrenze“, einer Grenze gegen „die Bonner Ultras“ die sich allerdings hauptsächlich gegen die eigene Bevölkerung richtet. Die Westmächte protestieren, greifen aber nicht ein, um wegen der eingesperrten 17 Millionen Ostdeutschen nicht einen dritten Weltkrieg zu riskieren. Damit ist der Strom der bisher geflüchteten 2,76 Millionen DDR-Bürger abrupt gestoppt. Nur noch 12.316 Personen gelingt die Flucht im Zeitraum der geschlossenen Grenze zwischen 1961 und 1989.
Nachdem man die Nationalhymne der DDR „Auferstanden aus Ruinen … lass’ es dir zum Guten dienen, Deutschland, einig Vaterland“, nur noch ohne Text, instrumental vorgetragen hört, spielt man auch solche Lieder nicht mehr wie :“Wir sind jung, die Welt ist offen“, obwohl, wenn der Urlaub lange genug währt, man doch eine Fahrkarte bis nach Wladiwostok kaufen könnte.
Den Friedensnobelpreis erhält der Generalsekretär der UNO: der Schwede Dag Hammerskjöld.
In Jerusalem wird Adolf Eichmann, einer der Hauptverantwortlichen für die Judenvernichtung im Zweiten Weltkrieg, hingerichtet.
Der Bürgerrechtler und kongolanische Präsident Patrice Lumumba wird ermordet.
Zu den Politischen Größen dieser Zeit gehören Molotow, Malenko, Nikita Sergejewitsch Chruschtschow (SU), Indira Gandhi (Indien), Habib Burgiba (tunesischer Präsident), McNamara, Henry Kissinger, Generalstaatsanwalt Robert (Bobby) Kennedy, US-Außenminister Dean Rusk, De Gaulle (Frankreich) Kaiser Haile Selassi v. Äthiopien und andere.
Wissenschaft und Technik:
Und schon wieder ein neuer Schock für die USA. Nach dem Sputnik 1 und dem Start der Hündin „Laika“, schießt nun die UdSSR den ersten Menschen in einer ballistischen Flugbahn durch das Weltall, den Fliegerkosmonaut Juri Gagarin, Sohn eines russischen Bauern.
Am 12. April 1961 fliegt Juri Gagarin im Raumschiff Wostok 1 als erster Mensch ins Weltall. Er bleibt circa 108 Minuten in der Schwerelosigkeit, umkreist dabei die Erde und kommt dann wohlbehalten zurück. Er erlebt als erster Mensch den Blick auf den Heimatplaneten aus der Ferne.
In Texas stieß bei einer Erdölbohrung der Bohrer in einer Tiefe von 500 m auf Eisen. Eisenvorkommen sind hier jedoch erdgeologisch ausschließbar. Man hatte einen Meteoriten erbohrt, der 500 m tief in der Erdkruste steckt. Er besteht zu 82% aus Eisen, 10% Nickel und Spuren weiterer Elemente.
Medizin:
In Westdeutschland kam die Anti-Baby-Pille auf den Markt – nach ärztlicher Verschreibung und anfangs nur an verheiratete Frauen. Ein Aufschrei, besonders aus den Reihen der katholischen Kirche geht um die Welt aber die große Mehrheit der Frauen ist damit zufrieden.
Maschinenbau:
Die westdeutsche Autofirma Borgward, die seit 1954 die schöne „Isabella“ gebaut hatte, geht in Konkurs.
Bauen in Potsdam:
Die kriegsbeschädigte Nikolaikirche trägt wieder ein Gerüst zur späteren Aufnahme der Kuppelbeplankung.
Wirtschaft:
In der DDR werden die bis dahin noch selbständigen kleinen bäuerlichen Betriebe (z.T. den Menschen mit der Bodenreform übergeben) mit staatlichem Druck kollektiviert. Das Flüchten in den Westen ist ja nun nicht mehr möglich, so dass die Zusammenschlüsse erfolgreicher verlaufen, sofern nicht verschiedenen Bauern den Ausweg im Selbstmord suchen. Daneben bestehen noch die Volkseigenen (d. h. Staats-)Güter.
Die Wartezeit für einen Personenkraftwagen vom Typ „Trabant“ beträgt jetzt etwa sieben Jahre.
Mit Elektro-Loks bis zum Baikal. Am 10. Oktober ist die Elektrifizierung des 5.500 km langen Teilstücks der Transsibirischen Eisenbahn zwischen Moskau und dem Baikalsee beendet. Die Bahnlinie, die von Moskau bis Wladiwostok am Pazifik führt, ist die Hauptverkehrsader Sibiriens.
Alltag:
Die Stalinallee in Ost-Berlin wird „geteilt“ und in Karl-Marx-Allee und Frankfurter Allee umbenannt, nachdem der frühere sowjetische Staatschef Josef W. Stalin wegen seiner Untaten bei der jetzigen Moskauer Regierung posthum in Ungnade gefallen ist.
In der DDR besitzt derzeitig etwa jede vierte Familie einen Fernsehapparat.
Naturgewalten:
In Hamburg gibt es ein schreckliches Hochwasser. Viele Menschen werden obdachlos.
Im Fernsehen läuft die Dauerserie „Familie Hesselbach“.
Im Alter von nur 36 Jahren stirbt Marylin Monroe in New York unter bisher nicht völlig aufgeklärten Umständen.
Alltag:
Zu den weltbekannten Persönlichkeiten der Gegenwart werden gezählt:
Sängerin Maria Callas, Geliebte des griechischen Milliardärs Aristoteles Onassis (Ari)., Marilyn Monroe, Greta Garbo (Die Göttliche) Christiaan Banard, Herzchirurg in Südafrika, Frank Sinatra und viele andere
Einige Informationen
aus dem Jahre 1962
Politik:
Der Besuch des französischen Staatschefs Charles de Gaulle bildet den Beginn einer engeren französisch - deutschen Zusammenarbeit (Ein Freundschaftsvertrag wird vorbereitet).
Ein unbemanntes Spionageflugzeug vom Typ U 2 entdeckt im Oktober / November den Bau von Raketen-Hangars auf Kuba und erste Raketen sowjetischer Bauart. (Kuba überlebt durch Versorgung seitens der SU, daher ist das Stationieren nicht gut ausschlagbar). Das Stationieren sowjetischer Atomraketen auf Kuba führt zur Kuba-Krise bei der die Welt erzittert. Steht die Erde am Rande des 3. Weltkrieges – diesmal eines atomaren? Die USA befürchtet eine Invasion der SU von Kuba aus. Daher veranlassen die USA eine Seeblockade Kubas gegenüber den Militärschiffen der SU. Das Militär der USA und der Warschauer-Pakt-Staaten stehen in Alarmbereitschaft. Nach dieser gefährlichen Situation drehen letztendlich die mit Raketen bestückten Schiffe der UdSSR den Rückweg an. Der vorbereitete sowjetische Stützpunkt „vor der Haustür der USA“ wird aufgegeben. Der persönliche Kontakt zwischen Nikita Sergejewitsch Chruschtschow und John Fitzgerald Kennedy erbrachte diesen Ausweg aus der Krise. Kuba soll seinen Sozialismus alleine weiter aufbauen.
Zwischen den Regierungen der UdSSR und den USA wird eine direkte Telefonverbindung ermöglicht. Sie entstand, als wegen der Kuba-Krise ein neuer Weltkrieg drohte. Solche Gefahrensituationen, gilt es durch sofortige Absprachemöglichkeit zu verhindern.
Zwischen den sozialistischen Bruderländern UdSSR und der Volksrepublik China gibt es einen ernsten kriegerischen Konflikt um die Zugehörigkeit bestimmter Inseln. Hungersnot in China. Es werden die Opfer auf 30 Millionen Menschen geschätzt
Die DDR führt in diesem Jahr die allgemeine Wehrpflicht ein.
Nach sechsjährigen Kämpfen erzwingen die Algerier die Unabhängigkeit von der Kolonialmacht Frankreich.
Hanns Peter Herz moderiert im RIAS die Sendung „Aus der Zone, für die Zone“, politische Kommentare zur Situation, womit die DDR-Bürger angesprochen werden sollen.
Im November erhält Premnitz das Stadtrecht. Die junge Stadt zählt 10.000 Einwohner.
Wissenschaft:
Im Mai hält Herr Dr. Dr. Heinz Dombrowski vom Institut für Physikalische Medizin in Bad Nauheim Aufsehen erregende Vorträge, so z. B. vor der New Yorker Akademie der Wissenschaften: In einer Salzprobe aus Irkutsk hatte er Mikrobenarten gefunden, bei denen die einzelnen Individuen 650 Mio. Jahre alt sind. Die Bakterienkulturen wurden 1.400 m tief unter der Erdoberfläche lebens- und keimfähig, eingeschlossen in den festen Kristallkörpern des „Zechsteinmeeres“ aufgefunden. Sie gelten derzeit als älteste Lebewesen – also tatsächlich nicht die Bakterienart, sondern das einzelne Lebewesen. Auch in einem kanadischen Salzstock fanden sich in 1.000 m Tiefe Bakterien, die lebensfähig sind. Das Salz wurde nach seiner geologischen Schichtung auf ein Alter von 380 Mio. Jahre geschätzt.
Forschungen von Jaques Yves Cousteau mit dem Forschungsschiff „Calypso“: Im Atlantik werden in Nord-Süd-Richtung verlaufende Unterwassergebirge, eine ungeheure unterseeische Gebirgskette mit aktiven Vulkanen geortet. Während der Aktion Précontinent I vom 14. – 21. September wird das Unterwasserhaus „Diogène“ erfolgreich erprobt.
Technik:
In der BRD erscheint die erste elektrische Schreibmaschine auf dem Markt.
In Japan kommen Filzstifte auf den Markt – in Deutschland erheblich später.
Wirtschaft:
Premnitz ist ein Standort der Chemiefaserproduktion. Zur Produktionspalette gehören: „DEDERON“, (DDRon) eine Modifikation des früher gesamtdeutschen „Perlon“ bzw. des amerikanischen „Nylon“. „Wolpryla“, (Wolfen-Premnitz-Polyacrylnitrit), „GRISUTEN“ eine Polyesterfaser. Bereits vor dem 2. Weltkrieg wurden dort „VISTRA“ und „TRAVIS“ (Kunstfaser+Seide) hergestellt.
Religion:
Papst Johannes XXIII. will die katholische Kirche reformieren.
Unterhaltung:
In diesem Jahr beginnen die Dreharbeiten zu der Filmserie James Bond – Agent 007 mit dem Film „James Bond jagt Dr. No“. Brigitte Bardot wird als Filmschauspielerin zum Sex-Idol.
Im Fernsehen läuft die Krimi-Serie „Stahlnetz“ in Westdeutschland und „Blaulicht“ in der DDR. Aber es erscheint auch regelmäßig der Fernsehkoch Kurt Drummer und der Fischkoch Kroboth aus Rostock.
In der Musik kommt aus den USA der Twist als Tanzschrittfolge nach Deutschland.
Alltag:
05. August 62: Angeblicher Selbstmord von Marilyn Monroe (Norma Jean). Nach von zwei Ärzten verordneten aber miteinander unverträglichen Schlaf- und Beruhigungsmitteln stirbt sie des Nachts im Schlaf im Alter von nur 36 Jahren.
In der BRD kommt der glasklare Klebeband „Tesa-Film“ auf. In der DDR gibt es vergleichbar „Prena-Band“ und „Nadir-Band“.
Mode:
Von England aus „geht der Minirock“ um die Welt“.
Schule:
Mit dem Herbst 1962 beginnend, bietet sich die Möglichkeit einer Berufsausbildung mit Abitur und dem Abitur mit Berufsausbildung. Die Schwerpunkte sind etwas unterschiedlich angelegt aber die Abschlüsse gelten als gleichwertig.
Naturgewalten:
Schwere Stürme vor Island. Das Containerfrachtschiff „Irina“ sinkt. Andere Schiffe ebenso, auch die Bohrinsel „Frieda“ muss in der Nordsee aufgegeben werden.
Bei einer schweren Sturmkatastrophe am 15., 16., und 17. Januar an der deutschen Nordseeküste sterben 395 Menschen und etwa 100.000 werden obdachlos.
Am 16. und 17. Februar muss Hamburg die große Sturmflut erleben (Sturm von 120 km/h, am Abend des 16. Februar brechen in Hamburg die Deiche). Es ist die größte, die seit 1825 auftrat. Ein Sechstel der Stadt Hamburg steht unter Wasser. 20.000 Menschen mussten evakuiert werden. Viele starben. Besonders stark betroffen ist der Stadtteil Hamburg-Wilhelmsburg. Allein hier wurden 15.000 Personen von den Wassermassen eingeschlossen. Die Verwaltung war unvorbereitet und noch am ersten Tag ziemlich hilflos – wie gelähmt. Es bestand keine Katastrophenvorsorge, niemand hatte mit solch einem Ereignis gerechnet.
Helmut Schmidt, Innensenator in Hamburg, leitet die Katastropheneinsätze. Er bringt den NATO-Oberbefehlshaber in Paris dazu, militärische Hilfe zu schicken (Hubschrauber, Lkw, Zelte, Decken). Am 26. Februar findet auf dem Hamburger Rathausplatz die Trauerfeier für die Gestorbenen statt.
Einige
Informationen aus dem Jahre 1963
Politik:
Ab 10. Dezember 1963 gibt es die erste Passierscheinregelung, das bedeutet, nach dem Errichten der Mauer dürfen Westberliner Bürger nach Antrag / schriftlicher Einladung und Genehmigung durch die DDR-Behörden, über Weihnachten Verwandte im Osten Berlins besuchen. Die Besucher haben sich sofort nach der Ankunft bei den Besuchten, in das jeweilige Hausbuch einzutragen. Das Hausbuch – die stille Auskunftei- mitunter eine „schwarze Kladde“ mit einem hellgrünen Heftklammereinband auf dem das Staatswappen prangte. Hat der DDR-Bürger aber in Ostberlin keine Wohnung, so verbringt man die Besuchszeit gemeinsam auf der Straße, im Tierpark oder in einer Gaststätte.
26. Juni 63: Vier Wochen nach seinem 46. Geburtstag übt Kennedy bei einem Besuch der Mauer (in West-Berlin) Solidarität: Zum Schluss seiner kurzen ergreifenden Rede sagt er (zwischen Konrad Adenauer und Willy Brandt stehend) in deutscher Sprache: „Ich bin ein Berliner“, womit er einen stürmischen Jubel auslöste. Er gilt als Symbolfigur der Freiheit und wurde begeistert empfangen.
Am 22. November wird der 35. USA-Präsident John Fitzgerald Kennedy, der sich für die Bürgerrechte einsetzte, für die Gleichberechtigung der Menschen afrikanischer und lateinamerikanischer Herkunft und sich damit den Hass von Südstaatlern zuzog, in Dallas / Texas bei einer Autofahrt durch die Stadt um 13.30 von weitem aus einem Fensterspalt der 5. Etage eines Schulbuchverlages erschossen. Mehrere Täter (?) lauerten ihm planmäßig auf. Zwei Schüsse trafen JFK, ein Schuss den Gouverneur von Texas John Conally. Der Mord wurde nie aufgeklärt. Nachfolge-Präsident wird Lyndon B. Johnson, der bisherige Vize-Präsident.
Am 24. November wurde der vermutliche Täter, Lee Harvey Oswald, als Gefangener zwischen zwei Polizisten gehend, erschossen, von Jack Ruby, der ebenfalls festgenommen wurde. Waren Auftraggeber vielleicht dem CIA zuzurechnen, dem FBI, der Mafia oder sollten es wirklich nur ein, zwei verrückte Einzelgänger ohne Auftraggeber gewesen sein? Kaum denkbar. JFK wurde auf dem Arlington-National-Friedhof beerdigt.
Bundeskanzler Konrad Adenauer tritt altershalber vom Amt zurück. Neuer Bundeskanzler wird der bisherige Wirtschaftsminister Prof. Ludwig Erhard.
Wissenschaft / Raumfahrt:
16. Juni: Die erste Frau im Weltall ist die 26jährige Sowjetbürgerin Walentina Nikolajewna Tereschkowa „Walja“. Sie blieb fast einen ganzen Tag allein im Weltall und umrundete unsere Erde 49mal. Wohlbehalten kam sie wieder zur Erde zurück.
Die Forscher um Cousteau erproben erfolgreich Précontinent II, ein kleines „Unterwasserdorf“, errichtet im Roten Meer an einem unterseeischen Abhang in 11 – 28 m Tiefe. Zwischen Haien, Seeschlangen, Barracudas und vielen anderen Tieren wird hier der Film „Welt ohne Sonne“ gedreht.
Naturgewalten:
Vor der Küste Islands bricht ein Vulkan aus, der eine neue Insel erschafft, die „Surtsey“ genannt wird.
Im Westdeutschen Bergbaugebiet in Lengede sterben Bergleute. Ein Bergmann kann noch nach etwa einer Woche gerettet werden.
Bautechnik:
Am 15. Oktober 63 wird in West-Berlin die neue Philharmonie, mit einem Dach, wie ein Zelt, eingeweiht. Der Architekt ist Hans Scharoun. Die Eröffnung geschieht mit einem festlichen Konzert, das Herbert v. Karajan dirigiert. (Die alte Philharmonie war 1944 zerbombt worden).
Religion:
Es stirbt im Juni in Rom Papst Johannes XXIII. Als sein Nachfolger wird Papst Paul VI. gewählt, der das Amt bis zu seinem Tode im Jahre 1978 ausüben wird.
Sport:
Die DDR spielt Eishockey gegen die BRD und gewinnt relativ 2:4.
Unterhaltung:
Am 01. April nimmt ein zweiter Fernsehkanal Westdeutschlands, das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) den Sendebetrieb auf.
Das 11. Plenum des Zentralkomitee der SED zieht „Sicherheit und Ordnung“ stärker an: Bereits gedrehte DEFA-Filme wie „Die Sprengung“, „Die Spur der Steine“, mit Manfred Krug oder „Das Kaninchen bin ich“, mit Angelika Waller, werden verboten, kommen nicht in die Kinos.
Dagegen startet die Überraschungsserie „Mit dem Herzen dabei“, moderiert von Hans-Jürgen Ponesky (auch recht hölzern) im Fernsehen der DDR. Hier läuft im Sommer zurzeit der Mehrteiler „Das grüne Ungeheuer“ über die Machenschaften der United Fruit Compagny in Guatemala mit Kathi Szekeli und Jürgen Frohriep.
In der DDR werden neue Tänze eingeführt: Der „Patschula“, der aus Ungarn kommt und der „Letkiss“, von einem finnisches Volkstanz abgeleitet. Das DDR-Fernsehen beginnt mit der Sendefolge „Prisma“ in denen Eingaben / Beschwerdegründe aus der Bevölkerung diskutiert und der Rechtsweg, sowie Ergebnisse aufgezeigt werden.
Alltag:
In der DDR haben wir den gefriergetrockneten Mocca „Presto“, portionsweise in Aluminiumtütchen luftdicht abgefüllt im Handel.
Neues aus dem
Jahre 1964
Politik:
BRD: Die Arbeitslosenquote in der Bundesrepublik beträgt 0,6%. (2004 werden es mit etwa 11 – über 20 % mehr als 4 Millionen Menschen sein). In Westdeutschland werden Gastarbeiter aus Süd- und Osteuropa angeworben, weil die Arbeitskräfte nicht ausreichen, vor allem auch für die Tätigkeiten, die nicht so sehr beliebt sind.
DDR:
Am 12. Juni wird ein Vertrag über Freundschaft, gegenseitigen Beistand und Zusammenarbeit zwischen der Sowjetunion und der DDR unterzeichnet, in dem unter anderem die Existenz zweier deutscher souveräner Staaten erwähnt und West-Berlin als selbständige politische Einheit bezeichnet werden.
Der sowjetische Staats- und Parteichef Nikita Sergejewitsch Chruschtschow wird von seinem „Brudergenossen“ und Nachfolger Leonid Breshnew entmachtet.
Pfingsttreffen: Deutschlandtreffen. Es wurde der Jugendsender DT 64 in Berlin, Hauptstadt der DDR, gegründet.
DDR - BRD: Nach dem 01. November 1964 dürfen (seit dem 13. August 1961) Rentner der DDR (aber eben nur diese), erstmals wieder auf zu prüfendem Antrag und dessen Genehmigung, Besuchsreisen in die BRD unternehmen. Vielleicht gefällt das einem Teil der belastenden Rentenempfänger und sie bleiben für immer dort am Ziel ihrer Wünsche?
Nachdem Frankreich 1946 den Vietnamkrieg begann und eine Niederlage erlitt, übernehmen jetzt die USA diesen unsinnigen Krieg gegen das nordvietnamesische Volk, der bis 1975 andauern wird – bis auch die USA dieses zerstörte, vergiftete, verbrannte Land fluchtartig verlassen. Es ist ein Krieg der unterschiedlichen Ideologien von Ost und West, der hier in diesem unschuldigen Land ohne Kriegserklärung, ohne einen erkennbaren Grund, mit allen militärischen Mitteln geführt wird.
Papst Paul VI. richtet am 26. August einen eindringlichen Friedensappell an die Völker der Welt und erinnert dabei an den Ausbruch des Ersten Weltkrieges vor 50 Jahren und an den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges vor 25 Jahren.
Medizin:
In der Bundesrepublik wird das Schlafmittel „Contergan“ endlich vom Markt genommen, von dem vermutet wird, dass es die Ursache Tausender missgebildeter Säuglinge ist. Der Gerichtsprozess wird sich bis 1970 hinschleppen und zur Aufhebung wegen kaum schuldhaften Verhaltens führen. Für die Opfer wird eine (relativ geringe) Summe gezahlt.
Wissenschaft / Raumfahrt:
Am 12. Oktober umkreisten zum ersten Mal mehrere Menschen in einem Raumschiff die Erde. Es sind die sowjetischen Kosmonauten Komarow, Feokisto und Jegorow an Bord der Raumkapsel Woschod 1.
Technik:
Das Fahrzeug- und Gerätewerk in Suhl bringt das verbesserte Moped / den Stadtroller „SR 2 E“ auf den Markt.
Das historische Baudenkmal (Weltkulturerbe) des Tempels von Abu Simel (Ägypten) wird in mehrjähriger Arbeit vor den Fluten des Nils gerettet.
In Betrieb genommen werden kann die Verrazano-Hängebrücke in New York, mit größter Stützweite von 1.298 m.
Bau:
In Berlin wird das Haus des Lehrers mit der Mosaikbauchbinde in der Nähe des Alexanderplatzes übergeben.
Unterhaltung:
„Lausbubengeschichten“ mit Hansi Kraus, geht in der BRD in die Kinos.
Anlässlich des Deutschlandtreffens der Jugend, nimmt in Ostberlin der Jugendsender DT 64 seine Rundfunksendungen auf.
Die Sendung mit Heinz Quermann „Da lacht der Bär“ (deutsche Verständigung in Berlin) wird eingestellt.
Frank Schöbel singt „Party –Twist“ und „Mädchen, du bist schön“ (Er darf erstmals in den staatlich verpönten Bluejeans auf der Bühne stehen).
Die Liverpooler Musikgruppe „The Beatles“ hat Hochkonjunktur und die Gruppe Rolling Stones formiert sich.
Neue Schlager:
Sport:
Der Boxer Cassius Clay („Ich bin der Größte“) legt mit 22 Jahren seinen wie er sagt: amerikanischen Sklavennamen ab, tritt zum Islam über und nennt sich künftig Muhammed Ali. Für den Vietnam-Krieg verweigert er den Kriegsdienst als Soldat.
Natur:
Im Mai wurde bei uns im Raum Berlin die ungewöhnliche Temperatur von etwa 30°C erreicht. Nach dem langjährigen Mittel wären etwa 17°C als normal anzusehen.
Naturkatastrophen:
In diesem Jahr häufen sich die Erdbeben. Sie traten auf in Italien, in der UdSSR, in China, in der Türkei, in Indonesien, auf den Philippinen und in Guatemala,
„Gedächtnissplitter“
zum Jahr 1965
Politik:
Der sinnlose Krieg der Amerikaner (nun nach den Franzosen als Kriegsherren) in Vietnam breitet sich immer mehr aus. Die Zivilbevölkerung, die den Amerikanern noch nie etwas angetan hat, hat unter den Bombenangriffen sehr zu leiden. Napalm, Gifte, Entlaubungsmittel „für bessere Sicht“ bei den Bombardements.
Es entsteht zwischen Indien und Pakistan der Kaschmir-Konflikt.
Der Führer der Schwarzen in den USA: Martin Luther King, nannte er sich, wird ermordet. Er hatte sich sehr für die Gleichberechtigung der farbigen Menschen eingesetzt.
In vielen Ländern Afrikas finden in den Jahren 1965 – 67 Militärputschs statt.
Die BRD und Israel nehmen diplomatische Beziehungen auf. Neun arabische Staaten brechen darauf hin ihre diplomatischen Beziehungen zu Bonn ab.
Der britische Ministerpräsident Churchill stirbt.
Der „Politische Erdball“ ist derzeitig in 144 Staaten gegliedert.
Wissenschaft
Der sowjetische Kosmonaut Leonow ist der erste Mensch im freien Weltraum. Er verlässt am 18. März das Raumschiff Woschod 2 für 10 Minuten – so auch später, am 03. Juni 65 der Astronaut E. H. White aus den USA am 03. Juni 65.
Die weiche Augenkontaktlinse wurde entwickelt.
Der Forscher Jaques Cousteau und seine Mannen errichten im Ozean, in 100 m Tiefe, die Anlage Précontinent III auf dem Unterwasserfestlandsockel des Meeres. Einen Monat lang halten sie sich ununterbrochen in dieser Meerestiefe auf.
Technik:
Erstmals in der Geschichte der Bundesbahn erreicht am 26. Juni 65 ein fahrplanmäßiger Schnellzug auf der Strecke von Augsburg nach München die Geschwindigkeit von 200 km/h.
Im Pionierpark in der Ost-Berliner Wuhlheide (Karlshorst) wird eine Pioniereisenbahn in Betrieb genommen, die von Jugendlichen und Kindern betrieben wird. Sie dient der sinnvollen Freizeitgestaltung und hat vielen eine Berufsorientierung gegeben. Spurweite: 600 mm. Dampf- und Diesellokomotiven. Im Jahr 1979 wird die Betriebsführung an die Deutsche Reichsbahn (DR) übergehen. 1993 wird die gesamte Anlage restauriert (auch Bahnhöfe und Nebeneinrichtungen) sowie die Spurweite auf 700 mm vergrößert. Ihr Name ist dann: „Parkeisenbahn“.
Bauen in Berlin
Im Sommer, am 05. August wird mit dem Bau des rund 360 m hohen Fernsehturmes in Ost-Berlin am Alexanderplatz begonnen. Vorerst liegt noch keine Baugenehmigung vor, noch ist die Finanzierung dieses gigantischen Baues unklar aber auf Befehl Walter Ulbrichts wird eben begonnen. Vier Jahre wird die Bauzeit betragen.
Wirtschaft:
Februar 65: Auf der diesjährigen Mustermesse in Leipzig sind auch eine Reihe von Unterhaltungskünstler aus dem Westen eingeladen und angereist, so Mr. Acker Bilk, Wolfgang Sauer, Gus Backus. Auch Fips Fleischer und Gerti Möller sind anwesend.
Am 18. Juli 65 verlässt der erste 5t-Lkw („W 50“)das Montageband in Ludwigsfelde. Er wird fast gleich aussehend später als „L 60“ wohl bis 1990 produziert. Vorher wurden im IWL, Industriewerk Ludwigsfelde, die Motorroller Pitty, dann, Wiesel, später Berlin und Troll, der Tourenroller sowie der Einradanhänger Campifix gebaut.
Medizin:
In der DDR wird ein Schutzimpfungsprogramm gegen Virusgrippe mittels Nasalspray (Parfumzerstäuber / Glasbehälter mit Gummiballpumpe und Verbindungsschlauch) eingeführt.
Unterhaltung:
Hans Rosenthal beginnt in West-Berlin die Sendereihe „Das klingende Sonntagsrätsel“.
Bei uns im Fernsehen begann vor geraumer Zeit die Sendereihe „Mit dem Herzen dabei“ von Hans-Joachim Ponesky. Mit vielen kostenaufwendigen Überraschungen aber wie üblich etwas hölzern, steif das Ganze.
Der Musik-Film „Reise ins Ehebett“ mit Anna Prucnal, Eva-Maria Hagen, Günther Simon und Frank Schöbel als Schiffs-Stewart wird gedreht (1966 gezeigt).
Musik:
Die Musikgruppe „Beatles“ (Pilzköpfe) aus Liverpool kommt nach Deutschland. Von den Jugendlichen heiß umjubelt. Die zweite große revolutionierende Musikwelle nach dem Krieg.
Die Rolling Stones spielen in der West-Berliner Waldbühne. Die Anlage ist danach von fanatischen Anhängern zertrümmert, sieht aus wie ein Schlachtfeld.
Der Schlager „Marmor, Stein und Eisen bricht, gesungen von Drafi Deutscher ist aktuell. Bei uns läuft der (amerikanische?) Film Honeymoon 65.
Naturereignisse:
Ich kann es nicht mehr zeitlich genau einordnen – es wird zwischen 65 und 67 gewesen sein: Bei Ketzin (Raum Potsdam) wurde unterirdisch in die Gesteinsformationen Erdgas eingespeichert. Unter der 350-Seelen-Gemeinde Knoblauch kam es zu einer unterirdischen Gaseruption, so dass auch in den Häusern eine explosible bis lebensgefährdende Gaskonzentration zu verzeichnen war. Die Bewohner kamen in Notunterkünfte, später wurde für sie ein Neubaublock in Ketzin errichtet. Das alte Dorf Knoblauch wurde abgerissen.
Alltag:
Babysan! Das liebe Babygesicht auf der Verpackung. Etwa 30 Jahre lang wird (neben Milasan und Citrosan) das hauptsächliche Trockenmilchprodukt „Babysan“ aus dem VEB Dauermilchwerke Stendal sein und das Baby schaut solange aus jedem Ladenregal der DDR freundlich die Käufer an. Das Gesichtchen gehört zu Susan Wanke – die aber kein Säugling blieb, sondern später Lehrerin wurde.
1966 – Notizen zum Schließen von
Gedächtnislücken
Politik:
Enorme Wirtschaftsschwierigkeiten in der BRD. Anstieg der Arbeitslosigkeit. Der Bundeshaushalt hat 10 Milliarden Mark Defizit. Bundeskanzler Erhardt tritt zurück. Sein Nachfolger: Kurt Georg Kiesinger. Willy Brandt (SPD) wird Vizekanzler und Außenminister.
Präsident von Südafrika wird der konservative Calvinist Balthazar Johannes Vorster. Unter seiner Präsidentschaft werden ca. 3 Millionen Schwarzafrikaner deportiert, in unfruchtbaren „Homelands“ eingepfercht, in Reservaten, nach dem Beispiel, wie man mit den Prärieindianern in Nordamerika umgegangen war.
Wissenschaft / Raumfahrt:
Die USA lassen einen bemannten Ballon aufsteigen. Er erreicht die Rekordhöhe von 37.735 Metern.
Luna 9 landete weich auf dem Mond und sandte zahlreiche Bilder von der Mondoberfläche zur Erde (siehe auch 1959).
05. November: Der Astronaut E. Aldrin schwebt 5 Stunden im All; natürlich mit dem Raumschiff verbunden.
Technik:
Am 09. Mai 1966 findet die Inbetriebnahme des Lehr- und Versuchskraftwerks Rheinsberg (Mark) bei Menz statt. Es ist das 1. Kernkraftwerk Deutschlands und ging etwa 3 Monate früher als das erste Atomkraftwerk der BRD ans Netz.
Waschmaschine - In der DDR wird das Wellrad-Modell WM 66 (die Generation nach der WM 60) auf den Markt gebracht. Man konnte mit dem Gerät selbstverständlich Wäsche waschen, aber auch Würstchen erhitzen, Obst und Gemüse in Gläsern konservieren (einwecken) oder manch andere Arbeiten verrichten lassen.
Das erste Faximile-(Fax) Gerät kommt auf den westdeutschen Markt. Mit diesem ist es möglich, eine A4-Seite in 7 Minuten zu drucken und anschließend unter Umgehung des langen Postweges, zu versenden.
Potsdamer Bauten:
Das Schauspielhaus (volkstümlich „Die Kanaloper“) erbaut im Jahre 1795 von Jan Boumann dem Älteren, wird als Kriegsruine am 28. Mai 1966 gesprengt.
Film / Literatur / Unterhaltung:
Das Cousteau-Team dreht den Film „Die Unterwasser-Odyssee der Mannschaft Cousteaus“. Fürst Rainier III (Grimaldi) und seine Gattin Fürstin Gracia Patricia von Monaco (die frühere Schauspielerin Grace Kelly) verabschieden die Mannschaft der „Calypso“ am Beginn ihrer Fahrt.
Alltag:
In Berlin-West wird das erste Auto-Kino eröffnet. Es läuft darin der Film „Dr. Schiwago“.
Die Filmschauspielerin Brigitte Bardot und der Playboy Gunter Sachs heiraten.
Die englische Musikgruppe „The Beatles“ aus Liverpool treten im Münchener Zirkus Krone auf. Begeisterungs-Ohnmachtsanfälle junger Mädchen sind zu verzeichnen.
Im Straßenverkehr wird für Fußgängerüberwege versuchsweise der „Zebrastreifen“ eingeführt.
Das Jahr 1967
Politik:
Der frühere und 1. Bundeskanzler der BRD, Konrad Adenauer, stirbt am 19. April im Alter von 91 Jahren.
Gewaltsame Demonstrationen linker Studenten gegen den Besuch des Schah (Kaisers) Pahlavi (Persien / Iran) in Berlin. Der Schah kommt mit seiner dritten Ehefrau Farah Diba nach West-Berlin (weiter siehe 1972). Am 2. Juni gibt es Anti-Schah-Demonstrationen. „Freiheit für Persien“ rufen die Studenten, laufen mit Papiertüten mit dem Konterfei des Herrscherpaares über den Kopf gezogen. Der Demonstrant Benno Ohnesorg, Student der Germanistik, Gedichteschreiber, seit fünf Wochen verheiratet, wird unweit der Deutschen Oper von dem Polizisten Kriminalobermeister Karl-Heinz Kurras, aus 150 cm Entfernung in den Hinterkopf geschossen. Zurzeit ist Erich Duensing, der „Knüppel Erich“ Polizeipräsident von Berlin. Um 20.07 Uhr, der Schah ist längst in der Oper, gibt Duensing das Signal, die Demonstranten von berittener Polizei zu „knüppeln“.
Die APO (Außerparlamentarische Opposition), die von Rudi Dutschke ausgerufen wurde, erhält großen Zulauf. Eine Serie von Studentenunruhen (1967/68) in den deutschen Universitätsstädten beginnt. Alles wurde plötzlich üblich und bekannt: Frauenbewegung, Kinderläden, die Dritte Welt, die antiautoritäre Erziehung der Kinder, die erwachsenen „Blumenkinder“ – Verstärkung der Hippie-Bewegung, Anti-Vietnamkriegs-Demonstrationen.
Entspannungsbemühungen Willy Brandts (Neue Ostpolitik) mit der DDR, auch mit der Tschechoslowakei und Rumänien.
Bei den Wahlen in Bremen erhält die NPD großen Zulauf (8% der Wahlbeteiligten).
Juden erhalten in der geteilten Stadt Jerusalem nach der Eroberung des Tempel-Bezirks (Ölberg) nach 1.600 Jahren wieder Zugang zur Klagemauer.
Der ägyptische Präsident Gamal Abd el Nasser stützt die palästinensischen Araber gegen Israel. Israel greift Ägypten und dessen arabische Verbündete überraschend mit 200 Flugzeugen an. Nach diesem 6 Tage - Krieg, am 5. Juni beginnend, unter der Führung des Verteidigungsministers Moshe Dayan (der Mann mit der Augenklappe) ist Israel dreimal so groß als vorher. 3x so groß, als sein 1848 von der UNO zuerkanntes Staatsgebiet. Es erbeutet von Palästina den Gaza-Streifen und die Sinai-Halbinsel, das Westjordanland, die Golan-Höhen und Ost-Jerusalem, das von Jordanien besetzt war. Der Suez-Kanal wird für jeglichen Schiffsverkehr gesperrt.
Ernesto (Che) Guevara geht nach Bolivien, um die unterdrückten Indios in ihrem Guerilla-Freiheitskampf zu unterstützen und wird dort als Guerillero erschossen. 1929 geboren, als argentinischer Revolutionär mehrjährig Kampfgefährte von Fidel Castro auf Kuba und eine zeitlang (aus Versehen) dessen Finanzminister.
In Griechenland putschen rechtgerichtete Militärs unter Papadopulos und übernehmen am 21. April die Macht. Der Umsturz beendet die königliche Demokratie. König Konstantin II geht ins Exil. Der bekannte Komponist Mikis Theodorakis wird im Zuge dieses Militärputsches verhaftet.
Pu Yi stirbt in
In Nordamerika beginnt die Bewegung der Blumenkinder „Flower Power“, die Hippie- Bewegung für ein freundliches Zusammenleben ohne militärische Gewalt und soziale Spannungen.
In West-Berlin wird Klaus Schütz Regierender Bürgermeister und behält diese Funktion bis 1977.
Wissenschaft und Technik:
Am 27. Januar Raumfahrtkatastrophe in den USA mit „Apollo 1“. Brand der Sauerstoff-Füllung (wahrscheinlich wegen eines elektrischen Fehlers) auf der Startrampe bei einer Startübung. Die Astronauten Vigil Grissom, Edward White und Roger Chaffee sterben.
Der Engländer Donald Campbell will mit einem Rennboot seinen eigenen bisherigen Geschwindigkeitsrekord überbieten. Bei 500 km/h zerbricht das Fahrzeug in der Luft. Sein Erbauer, der Pilot, stirbt.
Die erste Herzübertragung in der Geschichte der Medizin, ausgeführt von dem südafrikanischen Chirurgen Christiaan Banard gelingt.
Unterhaltung:
In diesem Jahr nimmt das Fernsehen der DDR die Sendung „Du und Dein Garten“ in das Programm auf und ebenso TTT „Tausend Tele Tips“ für Warenwerbung. Diese wird Jahre später wieder eingestellt, um nicht unstillbare Wünsche zu wecken.
Soziales:
In der DDR wird die Fünf-Tage-Arbeitswoche eingeführt. Erst alle 14 Tage ein freier Sonnabend, später wurde jeder Sonnabend gänzlich frei.
In Westdeutschland macht das Model „Twiggy“ Furore, als superschlankes Mannequin Vorbild für viele Mädchen. Sie stirbt später nach Mangelerscheinungen an Unterernährung.
Alltag:
5. oder 6. Juli. Für das Wochenende ist das Zentrale Sportfest der Eisenbahner in Halberstadt in Vorbereitung. Zu dieser Zeit geschieht ein großes Unglück am Bahnübergang Langenweddingen bei Magdeburg. Ein Schrankenbaum, der die Straße bei Zugdurchfahrt sperren sollte, verfing sich in einem provisorisch gespannten Kabel und konnte deshalb nicht herabgelassen werden. Ein Tanklastwagen mit Benzin näherte sich zeitgleich mit dem Doppelstock-Personenzug dem Bahnübergang und fuhr mit ihm zusammen. Beide Fahrzeuge gingen sofort in Flammen auf. 94 Menschen starben, davon 44 Kinder, von denen die meisten wohl ins Ferienlager fuhren. Viele Verletzte wurden in den umliegenden Krankenhäusern behandelt, viele auch in der Uni-Klinik Jena.
In der Gewitternacht vom 13. zum 14. Juli fällt in New York der elektrische Strom total aus. In dieser Nacht gibt es viele Raubüberfälle, Einbrüche, ein allgemeines Verkehrschaos und reichlich neun Monate später einen Babygeburtenboom
Ab 25. Aug. 67 hält das Farbfernsehen in der BRD (Nach dem PAL-System) seinen Einzug; eröffnet mit der Sendung „Galaabend der Schallplatte“ u.a. mit Hildegard Knef. Für die DDR dauert es mit der Farbe noch eine Weile. Hier wird später das französische Secam-System eingeführt, so dass man in der DDR sowieso den Westen nicht in Farbe wird sehen können.
In West-Berlin werden die Straßenbahnen eingestellt und durch Busse ersetzt. In Ost-Berlin fahren sie aber weiter.
Die Bevölkerungsmithilfeserie in Kriminalfällen „Xy ungelöst“, beginnt im BRD-Fernsehen von und mit Eduard Zimmermann. Neun Jahre später wird er „den weißen Ring“ gründen.
Das Jahr 1968
Politik:
Die UNO ruft das Jahr 1968 zum Jahr der Internationalen Menschenrechte aus.
Am 27.10.68 wurde in der BRD die Deutsche Kommunistische Partei gegründet, nachdem die KPD 1956 verboten wurde.
Georg Kiesinger wird Bundeskanzler der BRD. Der SPD-Mann Gustav Heinemann wird neuer Bundespräsident. Er löst Lübke ab, der von der DDR als KZ-Baumeister bezeichnet wird. Joseph Strauß von der CSU ist Bundesfinanzminister und Schiller Wirtschaftsminister. Die FDP wurde bisher von Erich Mende geführt, von diesem Jahr an ist Walter Scheel der Vorsitzende.
Heftige Zusammenstöße bei Studentenunruhen gegen das kapitalistische Staats- und Wirtschaftswesen in Berlin. Rudi Dutschke, einer der führenden Köpfe der Sozialistischen Deutschen Studentenbewegung (SDS) und der außerparlamentarischen Opposition (APO) wird am 11. April in West-Berlin schwer verletzt. Die Neuen Linken äußern sich in radikalen Gewalttaten. Aus diesen entsteht die RAF (Rote-Armee-Fraktion).
Vorlagen für Notstandsgesetze werden in der Regierung debattiert.
Am 21. August beenden militärische Verbände der Sowjetunion und anderer Staaten des Warschauer Vertrages (die sich seit Juli bereits in der CSSR zu einem Manöver aufhielten) in der Tschechoslowakei mit Panzer-Gewalt die Reformpolitik des „Prager Frühlings“ unter Alexander Dubcek. Die UdSSR fürchtete ein „schlechtes Beispiel“ im sozialistischen Lager unter den „Bruderländern“. Am 12. November kehren die in Potsdam stationierten Truppen der Westgruppe der sowjetischen Streitkräfte aus der CSSR in ihre Potsdamer Kasernen zurück. Walter Ulbricht hätte auch sehr gerne die Nationale Volksarmee der DDR in das Bruderland geschickt, was jedoch von sowjetischer Seite untersagt wurde. Die Erinnerungen an den 2. Weltkrieg und die Rolle der Deutschen waren wohl noch zu frisch.
In Potsdam wird auf das Betreiben der SED die Garnisonkirche an der Plantage in der Breiten Straße gesprengt, die1730 – 1735 von Gerlach erricht und 1735 eingeweiht wurde. Die ehemalige Hof- und Garnisonkirche, die in der Nacht vom 14. zum 15 April 1945 vom Brand beschädigt wurde, sollte nicht für einen späteren Aufbau gesichert werden, um die Erinnerung an den preußischen Militarismus auszulöschen. Hier fand die Übergabe des Deutschen Reiches von dem greisen Generalfeldmarschall v. Hindenburg an den Reichskanzler Adolf Hitler am 21. März 1933 statt und man hatte Sorge, dass der preußische Militarismus noch in diesem Gebäude hockt. Den Befehl zur Sprengung gab im Juni 67 Walter Ulbricht. Stadtarchitekt Werner Berg und der Leiter der staatlichen Bauaufsicht, Herr Rönn, gaben befehlsgemäß ihre Zustimmung. Brunhilde Hanke ist zurzeit Oberbürgermeisterin. Viele Stimmen erhoben Einspruch gegen den Abriss. Bis zum Abriss fanden im Turm noch kirchliche Handlungen statt. Mit der Sanierung des Turms war unter der Leitung der Kirche bereits begonnen worden.
Es wurde dann in mehreren Etappen gesprengt, weil das Bauwerk / der Turm äußerst solide ausgeführt war. Am Brauhausberg wird eine Ziegelbrecheranlage errichtet, die auch die Garnisonkirche zerbröselt.
Im Frühjahr wurde die Ruine der 1732 fertig gestellten Garnisonkirche gesprengt, da sie der SED als Symbol des preußischen / deutschen Militarismus bedeutet.
Im Osten sind die Rebellionen bekämpft – im Westen gehen die Demonstrationen weiter.
April: Der amerikanische farbige Bürgerrechtler Dr. Martin Luther King wird während einer Ansprache in Memphis / Tennessie am 04. April von einem weißen Attentäter erschossen.
04. Juni: Es wird Senator Robert (Bobby) Kennedy in Los Angeles (Kalifornien) durch den Palästinenser Sirhan Sirhan ermordet. Er war Präsidentschaftskandidat für die Demokraten zur Wahl 1968. Beerdigung am 08. Juni auf dem Nationalfriedhof Arlington.
Meldung: „Die Bevölkerung der DDR nimmt die neue sozialistische Verfassung der DDR durch Volksentscheid mit überwältigender Mehrheit an, so dass sie am 09. April in Kraft tritt.
Wissenschaft und Technik:
Medizin:
Auch unsere Region wird von einer Influenza-Pandemie des Typs A heimgesucht.
Im Dezember 68 startet die amerikanische Rakete „Apollo 8“ mit 3 Astronauten an Bord zum Mond und kehrt nach 10 Mondumkreisungen planmäßig zur Erde zurück.
Live-Übertragung aus dem Weltall: Am 21. Dezember wird die erste Sendung aus dem Weltall auf die Erde übertragen. Die Astronauten der Apollo-8-Mission Frank Borman, James Lovell und William Anders beantworten aus 220.000 km Entfernung von der Erde, eine Viertelstunde lang Reporterfragen.
Durch die neue Möglichkeit von Satellitenfotos sehen die Menschen zum ersten Mal wie wunderschön blau/weiß und erst beim Näherkommen auch grün und gelb unser Heimatplanet aus dem Weltall aussieht. Wir DDR-Bürger sehen das im Fernsehen vorerst in schwarz/weiß, so wie es in der Tageszeitung zu sehen ist, haben aber unsere lebhafte Phantasie.
Dr. Paolo Matthiae von der Uni Rom grub ab 1968 aus großen Ruinenhügeln in Syrien, südlich von Aleppo die Stadt Ebla aus, die um 3.000 v. Chr. bewohnt war. Dort wurde auch eine Tontafelbibliothek ausgegraben. Mehr als 15.000 Stück. Die hier gefundene Keilschrift war aber eine für die heutige Wissenschaft neue, nicht mit der bereits bekannten sumerischen identisch. Es fanden sich aber als „Schlüssel-Werk“ 100 Tafeln mit zweisprachiger Keilschrift als Wörterbuch: Sumerisch / Eblaisch. Mit deren Hilfe konnte geklärt werden, dass dieses Land vor 4.500 Jahren ein mächtiges Reich zwischen Mesopotamien und Ägypten war.
Am 02. Sept. entdeckt Dr. Manson Valentine etwa 15 m unter der Meeresoberfläche die „Straße von Bimini“ der Bahamas, eventuell ein mächtiges Stück Mauer. Die Bahama-Bank etwa von der Größe Großbritanniens habe vor der letzten Eiszeit als Insel aus dem Atlantik geschaut.
Bautechnik:
In West-Berlin wird das Hochhäuser-Neubaugebiet „Gropiusstadt“ eingeweiht.
Soziales:
Papst Paul VI. lehnt die Anti-Baby-Pille ab. (Er wird auch nicht gezwungen diese zu nehmen).
Sport:
Olympiade in Mexico: Bob Beamon erreicht im Weitsprung 8,90 m – die größte bisher erreichte Weite.
Unterhaltung:
Bei uns in der DDR läuft der DEFA-Musikfilm „Heißer Sommer“ mit Chris Doerk und Frank Schöbel. Erika Krause leitet die Fernseh-Beratungsreihe „Du und Dein Garten“.
Preil und Herricht machen ihre Sketsch-Spiele.
“Das Verkehrsmagazin“ trägt zu Aufklärung und Erziehung bei.
Alltag:
Der griechische Milliardär Aristoteles Onassis (Ari) (62) heiratet am 20. Okt. 68 auf Skorpios die 39jährige Witwe Jaqueline Kennedy. (1972 wird diese Ehe als endgültig gescheitert gelten. 1975 stirbt er).
Naturereignisse:
Ein Wirbelsturm jagt durch das westdeutsche Pforzheim und richtet große Schäden an.
Zeitgeschehen
im Jahre 1969
Politik:
Am 21. Oktober 69 wird Willy Brandt von der SPD der 4. Bundeskanzler der BRD. Gustav Heinemann (SPD) wird neuer Deutscher Bundespräsident. Den Vorsitz über die FDP hat Walter Scheel inne. Dieser ist gleichzeitig Vizekanzler und Außenminister.
Neuer Präsident der USA wird Richard Nixon. Später wird er wegen der „Watergate-Affäre“ vorzeitig aus dem Amt scheiden müssen. Am 21. Oktober wird Willy Brandt mit knapper Stimmenmehrheit vierter Bundeskanzler der BRD.
Im November tritt die Bundesrepublik dem Atomwaffensperrvertrag bei.
Der französische Staatschef Charles de Gaulle tritt zurück. Sein Nachfolger wird George Pompidou (ihm folgen später als Präsidenten: Valeri Giscard d’ Estaind, dann Jaques Mitterand und Jaques Giraq).
Wissenschaft:
Das Raumschiff Apollo 10 tauchte bei seiner Rückkehr zur Erde mit einer Geschwindigkeit von 39.897 km pro Stunde in die Atmosphäre ein. Es ist die höchste Geschwindigkeit, die ein Mensch je erlebt hat.
20. Juli. Erster bemannter Flug der Menschheit zum Mond mit der Apollo 11 Raumkapsel, die Werner von Braun baute, der bis in den 2. Weltkrieg hinein an der Ostsee bei Peenemünde an Raketen und anderen Flugkörpern gearbeitet hatte.
Astronauten: Neil Armstrong, Edwin Buzz Aldrin, John Glanon, Michael Collins. Am 21. Juli 69 betrat Neil Armstrong um 21.18 MEZ als erster Mensch den Mond. Mit ihm in der Mondfähre „Eagle“ (Adler) war Aldrin, während Collins mit dem Raumschiff „Columbia“ in „Warterunden“ den Mond umkreiste. “Es ist für mich ein kleiner Schritt auf dem Mond, doch ein großer für die Menschheit“, so der Funkspruch von Armstrong. Armstrong und Aldrin blieben 21 Stunden auf dem Mond.
Zwischen 1969 und 1972 wurden 6 erfolgreiche Mondflüge unternommen. 12 Menschen hatten den Mond besucht und verrichteten wissenschaftliche Arbeiten. Einige fuhren mit dem Mondauto. Fast 400 kg mitgebrachten Mondgesteins befinden sich seither auf der Erde.
Technik:
Das Fernsehen (der DDR) beginnt in diesem Jahr Sendungen in Farbe auszustrahlen. Natürlich braucht man für den Empfang ein neues Fernsehgerät.
Bauen in Berlin:
In Ost-Berlin (Berlin, Hauptstadt der DDR) wird am Alexanderplatz seit vier Jahren der Fernsehturm gebaut und ist nun fertig. Am 3. Oktober, vier Tage vor dem 20. Jahrestag der DDR, wird er durch den Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht eröffnet. Bald hat er seine Spitznamen weg: Erst Telespargel, dann Sankt Walter (W. Ulbricht), da sich auf der waffelstrukturierten Oberfläche der Restaurant-Kugel bei Sonnenschein ein Kreuz abbildet.
Die Weltzeituhr am Alexanderplatz wird am 7. Oktober eingeweiht. Die DDR feiert ihr 20jähriges Bestehen am 7. Oktober. Auch das Centrum-Warenhaus am Alex wird mit 12.000 qm Verkaufsfläche fertig gestellt.
Bauen in Potsdam:
1969 – 1971: Bau der Schwimmhalle am Brauhausberg.
Sport:
Turnerinnen der DDR werden von der BRD nach Mainz eingeladen und zeigen dort ihre Kunst unter der Fahne der DDR. Diese wird vom BRD-Verfassungsschutz wegen Verfassungsfeindlichkeit eingeholt, was einen Tumult auslöst. Die DDR-Turnerinnen werden trotzdem von den BRD-Zuschauern geehrt, ihre Leistungen gewürdigt.
Alltag:
In Westdeutschland erscheinen Möbel aus Plastic-Folie (Sessel) in den Geschäften und die Fa. Henkel (Persil) bringt Klebestifte („Pritt“) auf den Markt. Wir arbeiten fleißig weiter mit Büroleim in der Flasche und Pinsel. Ebenfalls im Westen gibt es erstmals Plastic-Flaschen für Getränke. Für die Milchverpackung wird in der DDR der Plasteschlauch erfunden (abgeschnitten und zugeschmolzen als 1Liter-Kissen).
In der BRD beginnt Dieter Thomas Heck mit der Musik-Sendereihe „Hit Parade“.
Das Jahr 1970
Politik:
Im März treffen der Bundeskanzler der BRD Willy Brandt und der Vorsitzende des Ministerrates der DDR Willi Stoph in Erfurt zusammen, um über künftige verbesserte Beziehungen beider deutscher Staaten zu beraten. Im Mai werden die Gespräche in Kassel fortgesetzt.
Brandt wird von der Thüringer Bevölkerung als Hoffnungsträger stürmisch begrüßt. Die „Protokollstrecke“ wurde renoviert Dazu gehörte auch der Anstrich der Betonmasten entlang der Erfurter Bahnlinie. Wegen Zeit- und Geldknappheit wurden die Masten aber nur einseitig gestrichen, auf der Seite die dem durchfahrenden Zug zugewandt ist.
Am 12. August unterzeichnen W. Brandt und Ministerpräsident Alexej Kossygin in Moskau den Vertrag über Gewaltverzicht und Anerkennung der Grenzen in Europa.
Der Terrorist der „Rote Armee-Fraktion“ Andreas Bader wird von Gleichgesinnten gewaltsam aus dem Gefängnis befreit.
Der Contergan Prozess beginnt. Nach der Einnahme dieses Medikamentes durch Frauen traten viele schwerste Missbildungen bei Neugeborenen auf. Schon vor rund einem Jahrzehnt.
Willy Brandt besucht am 7. Dezember Polen. Am Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus im ehemaligen Warschauer Ghetto kniet er nieder und bittet um Vergebung für die Untaten der Deutschen während der Nazidiktatur, um Verständigung und für Versöhnung Diese Geste findet große Beachtung, wird von rechtsgerichteten deutschen Kräften aber nicht als gut geheißen, zumal sie auch mit den Themen Gewaltverzicht und Anerkennung der Grenzen von 1945 im engen Zusammenhang steht.
Das aktive Wahlalter wird in der BRD dem in der DDR angeglichen, vom 21. auf das 18. Lebensjahr herab gesetzt.
Der amerikanische Präsident Richard Nixon lässt den Vietnamkrieg nach Kambodscha / Kampuchea ausweiten.
Wissenschaft: / Raumfahrt:
Die automatische sowjetische Weltraumstation „Luna 16“ landet weich auf dem Mond, schürft dort Mondgestein und bringt es zur Erde.
Im November wurde von der sowjetischen Mondsonde „Luna 17“ ein unbemanntes „Auto“ auf dem Mond abgesetzt. Man gab ihm den Namen „Lunochod I“. Es kann von der Erde aus gesteuert werden. Im Jahr 1971 wird es 11 Monate lang die Oberfläche des Kraters „Regenmeer“ erkunden und dabei 80.000 qm kartieren. Das Fahrzeug wird nach Abschluss der Arbeiten einsam auf dem Mond bleiben. Wir denken, dass es später noch einmal Besuch bekommen könnte (siehe 1971).
Wissenschaft und Technik:
Ein Querdenker meint, in 30 Jahren würde es kleine Telefone geben, vielleicht so groß wie ein Brillenetui mit dem man völlig ohne Elektroleitungen von Deutschland selbst nach Amerika oder Australien telefonieren könne. Er wurde als etwas verrückt erklärt.
Der norwegische Zoologe und Geograph Thor Heyerdahl überquert den Atlantik im Mai / Juni mit seinem Papyrusschiff Ra II in 57 Tagen von Safi nach Barbados. Der erste Versuch im vergangenen Jahr