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Schellerhau im Ost-Erzgebirge


05. Juni bis 25. Juni 1958.


Teil I: Drei herrliche Wochen des Aufenthalts im Kindererholungsheim


Die Kinder- und Jugendfürsorge in Potsdam-Babelsberg hatte bei der ärztlichen Untersuchung empfohlen, dass ich in ein Kindererholungsheim fahren solle. Der Zeitraum liegt in der Schulzeit vor den Großen Ferien. Deshalb bin ich auf dem Klassen-Foto vom Ende des Schuljahres nicht zu sehen. Anschließend muss ich „für die Schule“ etwas nacharbeiten – aber das wird nicht so aufwendig sein. Die Vorfreude auf die verlängerten Großen Ferien überwiegt natürlich. Es soll „wegen des milden Reizklimas“ in das östliche Erzgebirge gehen. Fein. Dort war ich bisher noch nie.

Wir sammeln uns in Berlin. Wir, das sind einige Jungen, wohl aus den Bezirken Rostock, Schwerin und Potsdam. Mit dem Zug fahren wir vorerst nach Dresden und etwas darüber hinaus. In Freital steigen wir mit vielen anderen Kindern, die im Raum Leipzig zu Hause sind, in einen kleineren Zug, der uns nach Kipsdorf bringt. Es ist eine Kleinbahn mit einer Spurweite von 750 mm, wie man sie auch im Harz findet oder auch an der Ostsee zwischen Bad Doberan und Heiligendamm. Von hier an, also von Kipsdorf aus, brauchen wir nicht mehr auf unseren Koffer aufpassen, denn ein Pferdefuhrwerk mit zwei sehr treu aussehenden Braunen, schleppt diese Last bis zu unserem Ziel. Wir Kinder aber rollen von Kipsdorf aus die letzten sechs Kilometer mit dem Bus über die Landstraße nach Schellerhau. Bis vor die Haustür. Eine weite Reise.


Anmerkung:

Wir, die Leser dieser Zeilen, begleiten das Kind Christoph durch jene drei Wochen des Erholens vom Alltag, indem wir in seine Notizen hineinschauen dürfen, aus denen er nach Hause, zu seiner Familie denkt, ihr seine Erlebnisse zum Teil auch schon aufschreibt und später alles ausführlich erzählen wird. Außerdem besitzt er von Schellerhau und der Umgebung eine Menge an Bildern (die hier, in diesem Dokument, aber nicht enthalten sind). Nun geht es richtig los:


Liebe Eltern, liebe Geschwister und lieber Struppi (spitze bitte sehr schön Deine Ohren)!


Mittwoch, 05. Juni

Unsere Fahrt, hierher nach Schellerhau, verlief gut. Der Bus hielt vor einem weißen Gebäude mit der Hausnummer 38. Das Oberteil des Hauses ist aber mit rotbraunen Holzbrettern verkleidet, also befindet sich vielleicht ein Fachwerk dahinter. So ähnlich, wie dieses Gebäude, sehen hier viele der Häuser aus. Das Haus steht nahe der Dorfstraße aber wie es scheint, ist es trotzdem recht ruhig. Das also ist unser Erholungsheim.

Der Busfahrer wünscht uns einen guten Aufenthalt und fährt wieder los. Da stehen wir nun in einer Schlange. Die Leiterin des Heimes, Schwester Marie, begrüßt uns recht freundlich. Sie stellt uns alle Erzieherinnen, das Küchenpersonal, die Raumpflegerinnen und den Hausmeister sowie sich selber vor, damit wir uns schnell kennen lernen. Also, sie heißt Frau Marie Badstübner, ist aber weder eine katholische Nonnenschwester noch eine evangelische Diakonisse. Sie läuft „zivil“ daher. Wahrscheinlich hat sie also zuerst Krankenschwester gelernt, bevor sie Heimleiterin wurde. Erzählt hat sie es uns noch nicht. Ein bisschen seltsam ist es: Die höchste Dame sollen wir mit Ehrentitel und ihrem Vornamen anreden, zu den anderen, jüngeren, dagegen müssen wir Frollein sagen und dazu aber deren Nachnamen. Die Erzieherinnen heißen: Fräulein Maiwald, Frau Münzer und Fräulein Walter. Natürlich erst viel später bekommen wir so nebenbei mit, dass Frau Münzer auch Anita heißt und Fräulein Walter den schönen Vornamen Renate trägt. Im Büro arbeitet Frau Berger, die in unsere Versicherten-Ausweiskarten unter „Diagnose“ einträgt, dass wir hier zur Erholungskur pünktlich eingetroffen sind. Der umsichtige Meister des Hauses ist Herr Horst Klammer.


Weil ich schon 12 1/2 Jahre alt bin, werde ich der Gruppe der großen Jungen zugeordnet. In der gleichen Gruppe wie ich, sind Bernd, Eberhard, Günter, Hartwig, Henri, Holmer, Jürgen, Karl-Heinz, Karl-Otto, Manfred, Walter und noch einige andere, deren Namen ich mir noch nicht merken konnte. Wir wählen uns im Schlafsaal unsere Betten und packen die Koffer aus. Unsere Erzieherin, also das Fräulein Maiwald, scheint recht nett zu sein. Ich kann schon sagen, dass uns das Heim gut gefällt. Doch haben wir noch nicht viel erlebt, worüber ich schon berichten könnte.

Donnerstag, 06. Juni:

Gleich heute haben wir eine Schreibstunde, um die Eltern wissen zu lassen, dass wir gut angekommen sind. Es wird auch geprüft, dass keiner nur so tut, als ob – alle Eltern sollen ja beruhigt sein und auch wir wollen ja gerne Post von zu Hause bekommen. Unser Absender ist ganz einfach, denn das Heim hat keinen schwierigen Namen – oder richtiger: das Heim hat überhaupt keinen Namen. Niemandem ist dazu 'was Hübsches eingefallen und dabei gibt es doch so viele Namen zwischen „A und Z“, wie zum Beispiel „Kinderland“ oder „Sonnenblume“. Auch „Roter Oktober“ wird wohl recht häufig genutzt. Nein, es heißt schlicht und einfach nur FDGB. (Das heißt: Freier Deutscher Gewerkschaftsbund). Also, die Frau Münzer schreibt als Absender: FDGB-Kindererholungsheim, Schellerhau über Dippoldiswalde (weil das die bekanntere Kreisstadt ist). Und die Post stempelt so: Schellerhau über Kipsdorf (weil das der übliche Postweg ist). Eine Straße sollen wir nicht angeben. Die Post kommt auch ohne an, so sehr berühmt ist hier das Kindererholungsheim. Aber ich verrate es Euch trotzdem: Das Heim steht in der Dorfstraße Nr. 38 – und das ist auch die Hauptstraße (ein halbes Jahrhundert später wird das gleiche Grundstück die Hauptstraße 95 sein, obwohl die meisten Häuser noch an der gleichen Stelle stehen).

Ach, fast hätte ich es vergessen: Wichtig war, dass wir am Vormittag alle auf die Waage kamen (also zwar alle, aber einzeln, nacheinander). Das gleiche wird sich dann kurz vor der Abfahrt wiederholen. Die Kinder sind aus verschiedenen gesundheitlichen Gründen hier, doch der Erfolg des Erholens wird dann mit der Gewichtszunahme bestimmt, denn die schönen Erlebnisse und die frische Luft, lassen sich ja schlechter messen und dem Heimatarzt mitteilen. Doch ich weiß nicht so recht – ich habe auch zu Hause schon ganz gut gegessen. Hoffentlich kann man dann in drei Wochen trotzdem einen schönen Unterschied feststellen. Und wenn nicht, – darf ich vielleicht noch einmal fahren?

Hinter dem Haus, am Berghang, befindet sich (aber auf einer geraden Fläche) unser Spielplatz.

Am Nachmittag unternehmen wir den ersten Spaziergang in die schöne Umgebung, um ganz tief die frische Luft einzuatmen. Sparsam werde ich von den schönsten Motiven auch einige Bilder mit dem „Pouva-Start“-Fotoapparat knipsen, den ich zum Weihnachtsfest geschenkt bekam (Geheim: 16,50 DM).


Freitag, 07. Juni:

Unser Tagesablauf: Morgens, nach dem Wecken geht es schnell zum Waschen und Zähneputzen. Fast alle liegen ja zu dieser Stunde bereits munter in den „Startlöchern“. Im Heim haben wir sechs Toiletten. Auf dem Hof am Haus findet dann auch die Morgengymnastik statt.

Dann werden die Betten gemacht und die Zimmer aufgeräumt. Die Betten müssen immer ganz ordentlich aussehen, so dass wir auch mal helfen, damit beim Zimmerdurchgang kein Stirnrunzeln bei unserem Fräulein Maiwald auftritt. Helfen, ja – aber nur in unserem Zimmer. Bei den kleineren Jungen, in den anderen Räumen, unterstützen wohl auch mal die Erzieherinnen.

Zum Frühstück gibt es Brot, köstliche Butter in Sternchenportionen, oft noch mit „Tautropfen“ drauf, damit sie vorher im Wassertopf nicht zusammen kleben. Dazu verschiedene Marmeladen und Michkafe (ich schreibe das Wort extra so, damit man auch sieht, dass nicht etwa teure und aufregende Bohnen dabei sind, sondern vielmehr gesundes Getreide und Malz und so 'was).

Nach dem Zimmerdurchgang geht es dann zum Spielen, zu Spaziergängen oder zu größeren Wanderungen, die, bis auf wenige Ausnahmen, so eingeteilt werden, dass wir gegen 12.00 Uhr wieder zurück sind, um uns an den Mittagstisch zu setzen. Das Essen ist recht schmackhaft und reichlich.

Anschließend folgt eine Mittagsruhezeit. Wir müssen nicht unbedingt fest schlafen, uns aber zumindest ruhig auf oder in den Betten verhalten. Anschließend die Nachmittagsmahlzeit, Vesper genannt, mit Brötchen, Butter und Marmelade. Am Wochenende soll es sogar Kuchen geben.

Zum Abendessen um 18.00 Uhr, stehen wir, wieder zu zweit nebeneinander angestellt, vor der Tür des Speisesaales. Zur Abendmahlzeit gibt es dann Brot, Butter, Käse und Wurstscheiben verschiedener Sorten und den guten Tee, der bestimmt mit für den Erholungserfolg verantwortlich gemacht wird. Ich vermute, er besteht aus einer Vielzahl von typisch erzgebirgischen Heil- und sonstigen Kräutern.

Wir Großen haben einen Schlafraum für uns. In den Zimmern stehen 6 Betten. In einem Durchgang sind 42 Jungen hier. Es kommen auch mal erholungsbedürftige Mädchen, nie aber vermischt mit den Jungen. Das ist ein bisschen schade. Zwischen dem Zubettgehen und dem Beginn der Nachtruhe um 20.00 Uhr, singt der Chor der Erzieherinnen mit glockenreinen Stimmen auf dem Gang schöne Volkslieder und in dieser Zeit bleiben die Schlafraumtüren geöffnet. Die meisten Lieder, die in diesen Tagen gesungen werden, sind mir vom Elternhaus vertraut. Neu ist für mich das kurze, den Schlaf fördernde Lied:

- Oh, du stille Zeit, kommst, eh wir's gedacht. //: Über die Berge weit :// Gute Nacht.

- In der Einsamkeit rauscht es nur so sacht. //: Über die Berge weit. :// Gute Nacht.

Das passt auch gerade zu Schellerhau. Die so wahren Worte sind von dem Romantiker Joseph v. Eichendorff, der leider in einer nicht sehr friedlichen Zeit lebte.

Auf der Gitarre spielen auch ab und zu Schwester Marie und Frau Münzer.

Das alles zeigt sich recht harmonisch, wie in einer großen, guten Familie. Dann aber, mit dem Beginn der Nachtzeit, muss auch in den Schlafräumen Ruhe herrschen. Es wird darauf streng geachtet, damit sich alle Kinder ausreichend erholen. Unser Fräulein Maiwald ist tatsächlich ganz toll.


Sonnabend, 08. Juni:

Nachdem wir nun das Heim und die nahe Umgebung erkundet haben, kann ich nach Hause schreiben: „Liebe Eltern, hier ist es fein. Es gefällt mir sehr gut. ...“. Wir lernen die Sage kennen, wie der Ort Schellerhau und der Name „Schinderbrücke“ entstanden ist. Also, das war damals so: Eines unguten Tages hatte sich der Teufel mal wieder heftig mit seiner Großmutter gezankt. (Schuld daran waren in Wirklichkeit wohl meist beide). Weil er beim Herumstreiten meist unterlag, reichte ihm das nun endgültig und er wollte lieber weit in die Welt hinaus wandern und irgendwo, weit fort von der Großmutter, eine hübsche kleine, teuflische Siedlung aufbauen. Wütend nahm er also einen großen Sack, steckte einige Häuschen hinein und schritt damit durch das Erzgebirge. Ihm war allerdings entgangen, dass beim Packen des Sackes ein Stückchen Kohlenglut des Höllenfeuers mit in den Sack hinein geraten war, das sich im Laufe der Wanderung durch die Sackleinwand gebrannt hatte. Als er nun in die Nähe des heutigen Ortes Schellerhau kam, fielen durch dieses Brandloch nach und nach viele der Häuser aus seinem Sack heraus, ohne dass der Teufel es merkte. So entstand das sehr lange Dorf Schellerhau. Als sich der Teufel nun dem Flüsschen „Rote Weißeritz“ näherte, merkte er, dass seine geschulterte Bürde immer leichter wurde. Nun erst fiel ihm auf, dass er fast alle Häuser verloren hatte. So nahm er auch das letzte Haus aus dem Sack heraus, setzte es ab und sagte: “zum Schinder mit dir“, denn er konnte ja nicht gut sagen „zum Teufel mit dir“, denn der war er ja selber. Und danach wurde die Brücke am Ortsausgang in Richtung Altenberg benannt, die über das Gewässer führt: Die Schinderbrücke. Seither musste dort, weitab von der Dorfmitte, der Schinder (der Tierkörperbeseitiger, auch Abdecker genannt) leben. Und es ist wohl auch nicht weiter verwunderlich, dass ausgerechnet dort der Geisterweg beginnt, der später sogar noch in den Leichenweg übergeht.

Der Teufel aber hatte seine Macht über die Häuschen freiwillig aufgegeben, auf eine Teufelssiedlung verzichtet. Und deshalb lebten dann in Schellerhau auch recht brave, rechtschaffene Menschen. Diese waren über lange Zeiträume sehr arme Leut', die ihr karges Brot im Bergbau, mit Fuhrmanns-Leistungen und verschiedenen handwerklichen Tätigkeiten zu verdienen suchten.

Über diese Schinderbrücke führte schon in früherer Zeit die alte Zinnstraße von Altenberg nach Freiberg, auf der die Fuhrwerke das Erz und auch die Holzkohle für die Freiberger Schmelzhütten sowie das Rohmetall zu den Stätten der Weiterverarbeitung transportierten.

Ja, es ist schon wahr – der Teufel hat damals die Häuser sehr unregelmäßig und in größeren Abständen fallen lassen. Schellerhau hat rund 450 Einwohner und das Dorf ist etwa 4.500 m lang. Das sind weniger als 90 Häuser und diese auf beide Seiten der Hauptstraße und den Matthäusweg nach Bärenfels verteilt, da will man wirklich nicht direkt von einer Großstadt sprechen. Das soll auch nicht sein, denn deshalb ist die Luft hier herrlich rein. Bis auf die Winterzeit, wenn die Schornsteine der Kachelöfen rauchen und die Witterung mal ungünstig ist. Dann aber haben die Kinder feine Rodelbahnen. Wir sind jedoch im Frühsommer hier.

War von meinen Klassenkameraden inzwischen jemand bei Euch, um die neuen Schul- oder Hausaufgaben und auch das alte Diktat zu bringen? Ich hoffe, es steht eine recht niedrige rote Zahl darunter.



Sonntag, 09. Juni:

Heute wanderten wir bei strahlendem Wetter nach Bärenfels. Wir gingen bei der Kirche hinab ins Tal. Von dort aus nach links den Matthäusweg entlang, wie auf einer Berg- und Talbahn, später ein Stückchen die Böhmische Straße durch den Ort und schon waren wir am Kurpark des Ortes. Dort steht als ein besonderes Schmuckstück seit drei Jahren ein Glockenturm mit Porzellanglocken, den „Glocken des Friedens“. Zehn Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde der Turm errichtet. Die 25 Porzellanglocken wurden in Meißen hergestellt. Nur deshalb tragen sie, obwohl sie Friedensglocken sind, die gekreuzten Schwerter – als Markenzeichen Meißens. Bald nach dem Krieg (1947) kamen sie als Geschenk aus Meißen hierher und als Dank dafür, dass die Bärenfelser Einwohner bei der Reparatur des Meissener Ferienheim „Misnia“ sehr unterstützt hatten. Damals gab es aber noch keinen Glockenturm, so dass man das Glockenspiel erst am Tage der Einweihung, am 18. September 1955 erstmals hören konnte. An diesem Haus sind zwei Tafeln angebracht. Auf der Tafel links vom Fenster steht: „Glocken des Friedens“ und auf der rechten Tafel: „Gestiftet von der Staatlichen Porzellanmanufaktur Meißen – erbaut 1955.


Diese Glocken können auch eine ganze Reihe erzgebirgischer Heimatlieder sowie andere Volkslieder spielen. Es handelt sich um eine große und schöne Seltenheit. Es ist so eingerichtet, dass die Glocken oftmals am Tag spielen, denn es geht alles „von ganz alleine“, es muss also kein Glockenist dort sitzen und immer wieder die gleichen Lieder spielen. So etwas habe ich vorher in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen! In Potsdam gab es bis zu den letzten Kriegstagen auch ein Glockenspiel, im Kirchturm der Garnisonkirche.


Liebe Eltern: Wenn Ihr Sangesfreudigen das auch hören könntet, würde Euch „so recht das Herz aufgeh'n“. So richtig versteht man die Glocken aber erst, wenn man einige der Lieder in der hier üblichen schönen Mundart hört. Natürlich – Ihr wisst es, habe ich fast all' diese Lieder von Euch gelernt und kann sie auswendig.


Der Höhenluftkurort Bärenfels ist noch etwas kleiner als Schellerhau. Ungefähr 340 Leute (also die Eltern mit ihren Kindern und auch deren Großeltern) haben hier ihr Zuhause. Der Ort liegt zwischen dem Spitzberg (750 m) und dem Hofehübel (= Hügel, 740 m hoch) im Tal der Roten Weißeritz und wird vom Pöbelbach begleitet.

Bärenfels ist so wie wohl fast jeder Ort hier „Die Perle des Erzgebirges“.

Das Wasser der Roten Weißeritz sieht tatsächlich rötlich aus. Das kommt wohl von dem Abrieb des roten Porphyrgesteins.

Den Rückweg gingen wir rechts von der Chaussee durch den Wald, hielten uns also zwischen dem Spitzberg und dem Pöbeltal. Da sah man so recht, wie klein wir Menschen eigentlich sind. Nach links war es nicht möglich, bis zur Spitze des steil ansteigenden Berges zu sehen und nach rechts ging es ebenfalls steil hinab, so dass man - wegen der Tiefe - auch oft den Grund nicht erkennen konnte und aus dieser Tiefe wachsen kerzengerade die Fichten, vielleicht 30 bis 40 m oder sogar noch größer, zum Licht empor.

Nach unseren Rufen: „Was essen die Studenten?“ oder „Wie heißt der Bürgermeister von Wesel?“ echote es zu uns zurück. Das machte ein Weilchen Spaß.

Am Wegesrand blühen jetzt zum Beispiel weiß-gelbe Margeriten, blaue Glockenblumen, roter Klatschmohn, der Wegerich und der giftige lila Fingerhut. Fräulein Maiwald hat uns belehrt, dass man diese nicht anfassen oder gar kosten darf, (nicht mal, wenn wir damit etwa eine Herzerkrankung heilen wollten). Ja, die Aufklärung für uns scheint nötig. Die klugen Tiere des Waldes wissen das dagegen von ganz alleine. Große dicke schöne weißgraue Weinbergschnecken eilten mit ihrem Haus über den Weg. Wir kamen auch ein einem Hochsitz der Jäger vorbei, den sie auch „Anstand“ nennen. Ich weiß ja nicht, was es mit Anstand zu tun hat, harmlose Tiere totzuschießen. Wir finden auch große Disteln und Brennnesseln, die sehr gesund sein sollen.

Manch einer von uns, zu denen auch ich gehöre, sammelte auch Steine als weitere Andenken. Hier finden wir den roten Porphyr (sieht so aus, wie auf dem Sportplatz). Quarz-Porphyr!

Auf sonnigen Wegen gleißt Quarz-Porphyr uns entgegen“.

Also, das ist kein neues Lied, sondern der Reim fiel mir vorhin beim Wandern ein. Damit hat es eine besondere Bewandtnis: Ist man einige Meter entfernt, dann strahlt der Quarz ganz doll. Wenn man näher kommt, um ihn zu greifen, wenn sich also unsere Sichtweise oder der Blickwinkel ändert, ist er nur noch schwer erkennbar. Das geht aber sowieso eben nur bei Sonnenschein. Ansonsten sieht man gar nichts glitzern. Einige ganz kleine Stückchen habe ich schon fürs Fotoalbum. Unscheinbar sehen sie aus. Wenn man sie anderen zeigt, muss man wohl mit der Taschenlampe nachhelfen. So weit wie sie strahlen, könnte sie auch gut ein Juwelier in einen Damenring ... dann erscheinen diese Steine natürlich künstlich, würden aber viele Meter weit gleißen können ... oder auch auf ein Verkehrszeichen geklebt, das man in der Dunkelheit sonst schlecht erkennt, würden sie nützlich sein.

Ja, es gefallen mir besonders diese kleinen, munteren, plätschernden Bäche und Rinnsale.

Wir lernen im Heim auch Volkslieder selber singen. Das hört sich dann ungefähr so an: „Koan scheenren Baam gibt's, als den Vugelbeerbaam“. In diesem Jahr trägt er aber noch keine orangefarbenen Früchte. Das beginnt erst im Hochsommer.

Bergbau und Volkslieder – dabei fällt mir eine Geschichte ein, die ich hier den Kumpels erzähle, denn Ihr kennt diese ja schon: Die DEFA drehte neulich, das heißt von Januar bis April, den Film „Der Lotterieschwede“. Einige Außenaufnahmen entstanden im Norden der Insel Rügen am Kap Arkona aber die meisten Szenen wurden im Tonkreuz in Babelsberg gedreht. Diese Halle der Babelsberger Filmstudios heißt wegen der Form ihres Grundrisses „Kreuz“. Hier war es möglich, erste Tonfilme zu drehen, weil es ja vorher nur Stummfilme gab, die ein Klavierspieler musikalisch „untermalte“ und ein Erklärer mit dem Zeigestock in der Hand, vorn an der Leinwand die Filmhandlung erzählte und dabei manchmal auch störte.

Also gut. Unsere Schulklasse wurde ausgewählt, um im Tonkreuz für diesen Film die “Erzgebirgische Nationalhymne“, „Glück auf, Glück auf, der Steiger kommt“, zu singen (alle Strophen), nachdem nach den ersten Versuchen dieses „reinen Knabenchors“, von der Regie unser bekannter Brummer ausgesondert worden war. An dem Tag gab es wegen dieser „gesellschaftlich wichtigen Tätigkeit“ schulfrei. Freizeitgewinn hatten wir nicht davon, aber immerhin einen schönen Zuwachs für unsere Klassenkasse.


Ihr könnt Euch vielleicht vorstellen, dass es hier wenige Autos aber sehr viele Handwagen gibt. Anders als bei uns im Flachland, sind diese mit einer Handbremse ausgerüstet, weil auf den geneigten und manchmal steilen Straßen und Wegen, niemand die Wagen halten kann, wenn sie schwer beladen sind. Es fehlt ihnen allerdings noch ein Antrieb, wenn es bergan gehen soll.


Montag, 10. Juni:

Heute unternahmen wir eine Wanderung zum ungefähr 824 bis 825 m hohen Geising-Berg direkt bei Altenberg. Bei guter Sicht kann man bis in das Elbsandsteingebirge blicken. Allein der Hinweg hat etwa 9 km Länge. In Altenberg besuchten wir das Bergbaumuseum. Sehr interessant. Hier in der Gegend wurden in grauer Vorzeit zuerst „Zinngraupen“ aus den Bächen gefischt, also Metall oberirdisch, das heißt, „über Tage“, gewonnen. Auf der böhmischen Seite begann man schon im 15. Jahrhundert, die zinnhaltigen Erze „unter Tage“ abzubauen aber auf sächsischem Gebiet wurde erst etwa hundert Jahre später, im Berg zinnhaltiges Gestein gebrochen. Auch Lithiumglimmer baute man ab. Viel später erst, gewann man dann auch den Roteisenstein. Die Roherzbrocken kamen in die Pochwerke. Dort wurden sie zerstoßen, Metalladerstücken zum Teil aus dem tauben Gestein freigelegt und waschend gespült, um daraus in den Schmiedeberger Hochöfen das Rohmetall zu erschmelzen und – ja eben: zu schmieden, wie es uns der Name des Ortes schon sagen will. Das Abbauen des erzhaltigen Gesteins war eine körperlich sehr schwere Arbeit. Früher hatten die Bergleute dafür nur einfache Handwerkzeuge, wie Schlägel (Fäustel) und Keilhammer (Bergeisen). Sie arbeiteten in ewiger Finsternis beziehungsweise bei dem eigenen, selbst mitgebrachten Funzellicht. Das alles, auch die einfachen Gerätschaften, kann man im Bergbaumuseum besichtigen.

Die Pinge bei Altenberg, ist ein großer, trichterförmiger Einbruchkessel, fast 150 m tief. (Man kann sie aber auch „mit'm, bappsch'n, P“ sprechen, meinen die Leipziger). Also, die Binge entstand um 1620, weil das Gebirge bei der Suche nach Erz und bei dessen Abbau, bereits damals in vielen Etagen bis in eine Tiefe von 250 m von Stollen und Schächten durchzogen war, etwa so aussah, wie ein Schweizer Käse. Der Berg gab dann einfach nach, stürzte zum Teil in sich zusammen. Man kann sich das vorstellen, denn auch heute noch, nach fast 340 Jahren, sind die steilen Schutthänge kahl, nur wenige Pflanzen können sich dort festhalten. Eine ständige Mahnung, die Eigenheiten der Natur zu beachten. Eine schreckliche Katastrophe, der zahlreiche Bergleute zum Opfer fielen.

Die Wiesen an den Berghängen sehen „sehr viel fröhlicher“ aus, als bei uns im Bezirk Potsdam. Es handelt sich also, besonders in dieser ansprechenden Jahreszeit, weniger um grüne Gräserwiesen, als um Blumenblütenwiesen mit vielen geschützten Pflanzen. Deshalb darf man nichts pflücken und auch die Kühe und die Pferde auf der Weide ... – wir aber haben sie dabei ertappt. Man findet die gelbe Arnika-Heilpflanze, viele Buschnelken, wenn man Glück hat, auch mehrere Sorten von Orchideen, die Trollblume, das Wollgras und andere seltene Pflanzen, deren Namen ich aber nicht behalten habe. Später werde ich „nachschlagen“. Zwischen diesen Blumen tummeln sich graugrüne Eidechsen, gelb- bis orange-schwarze Salamander, Blindschleichen und Ringelnattern. Vor uns schienen sie an diesem Tage aber alle rechtzeitig die Flucht ergriffen zu haben. Bei den Kreuzottern war mir das auch ganz recht. Man kann also sagen: derartige Wiesen sind ein vielfältiger Lebensraum, ein Lehrgarten ohne Zaun.


Auf dem Rückweg kamen wir an den „Galgenteichen“ vorbei. Im großen Galgenteich befindet sich eine Insel. Es gibt auch noch den kleinen Galgenteich. Keine erfreulichen Namen. Sie erinnern mahnend daran, dass sich hier in früheren Zeiten 'mal eine Hinrichtungsstätte für Verbrecher befand oder für jene Menschen, die man zumindest als Rechtsverletzer ansah. Ich jedoch habe andere Gedanken: Hätte man mehr Zeit und befände sich nicht in der fröhlich schwatzenden Kindergruppe, dann könnte man sich hier bei Ferienstimmung, Sonnenschein, Wasser, Wald und Insel, in die romantisch-abenteuerliche Geschichte von Tom Sawyer und Huckleberry Finn hineinträumen, über die Mark Twain schrieb. Ein Floß mit einem Zelt sollte dann hier noch am Ufer liegen. Ein kleiner Vorrat an Essen und Getränken wäre auch nicht zu verachten. Na gut, Leute sollen hier nicht baden, denn der größere Teich ist ein Stausee und er dient als Trinkwasserreserve. Bei dem Wort „Teich“ dürft Ihr Euch bitte keine falschen Vorstellungen machen. Es ist kein Gartenteich. Der „Große Galgenteich“ besitzt eine Fläche von ungefähr 180.500 qm und ist maximal 5 1/2 m tief. Das Wort „Teich“ soll nur bedeuten, dass es sich um ein künstliches Gewässer handelt. Das Gebiet war nämlich früher ein Hochmoor, aus dem Torf als Brennmaterial zum Heizen und Kochen gestochen wurde, bis es leer war. Seit dem Einleiten von Wasser, ist das Gebiet eine „große Wanne“, die nach unten von vulkanischem Gestein abgedichtet wird. Im kleinen Galgenteich ist das Baden dagegen erlaubt.

Vermisst Struppi mich sehr? Frisst er noch etwas? Ich werde ihm später auf unseren Spaziergängen alles noch einmal erzählen, was ich hier Nettes erlebe. Wassermühlen soll es hier früher eine ganze Menge gegeben haben. Davon ist aber heute nicht mehr viel zu sehen.


Dienstag, 11. Juni:

Für den heutigen Tag war für unsere Gruppe Turnstunde auf dem Spielplatz am Haus angesetzt und es hat Spaß gemacht, denn Geräteturnen (Barren und Reck) waren ja nicht dabei, sondern Völkerball wurde gespielt.

Auf dem Nachmittagsspaziergang sammelte ich heute als Andenken für zu Hause große Fichtenzapfen. Die Jungs, die aus der Leipziger Gegend kommen, sagen aber fachmännisch: „Dos sinn Dannezapp'n“.

Zum ersten Mal ging ich heute etwas später schlafen: Am Vorabend des Lehrertages, „wenn um 20.00 Uhr schon alles schläft“, wollten die Erzieherinnen ihre Leiterin, also die Schwester Marie, mit einem Blumenstrauß überraschen, verbunden mit einem Gedicht von Johannes R. Becher. Diese Überraschung gelingt wohl in jedem Jahr. Das mir noch unbekannte Gedicht vorzutragen, dazu wurde ich von den Erzieherinnen zwanzig Minuten vorher ausgewählt – auch eine gelungene Überraschung. Und so habe ich mir dann fix das Gedicht eingepaukt – es ging ganz gut und ich habe noch einige persönliche Worte (also keine von Herrn Becher) dazu gesagt. Nicht auszudenken, wenn ich stecken geblieben wäre, vor allen Erwachsenen, die so feierlich lächelten.

Beste Grüße bitte auch an Muttchen Dyck, Tante Luzie, Tante Liesel sowie an Herrn Hansen.


Mittwoch, 12. Juni:

Heute ist nun der richtige Lehrertag und somit also auch Ehrentag der Kindergärtnerinnen, Erzieherinnen und Hortnerinnen sowie der Pionierleiterinnen und für ihre männlichen Kollegen, die wir hier aber nicht besitzen. Bis auf Herrn Klammer, den Hausmeister. Der aber gilt ja nun nicht direkt als Lehrer. Gleiches gilt leider auch für die fleißigen Küchenfrauen und die Raumpflegerinnen. Wir ehren sie und ihre Arbeit aber trotzdem. Eigentlich jeden Tag – nur merkt man das nicht so deutlich, weil es von uns keine richtige staatliche Ehrung ist.

Jede Gruppe überreichte ihrer Erzieherin (schon wieder als unerwartete Überraschung) einen Blumenstrauß (den aber Schwester Marie rechtzeitig vorher besorgt hatte). Den Strauß unserer Gruppe durfte ich mit freundlichen Worten unserer Erzieherin überreichen – diesmal ohne Gedicht aber dafür bei einem Fahnenappell auf dem Spielplatz, damit es besonders feierlich aussah. Eigentlich wurde die Staatsfahne ausschließlich für die Erzieherinnen und deren Ehrung gehisst; keine anderen ernsthaften Anlässe gab es. Fräulein Maiwald sagte, sie habe sich sehr darüber gefreut und las uns (als Dank für die Badstübner-Blumen) eine spannende Geschichte vor. Es ist also auch mal zwischendurch so wie Sonntag. Aber so ist hier ja fast jeder Tag für uns, und von mir aus könnte auch öfter mal im Jahr Lehrertag sein.

Vielen Dank für Eure Post. Mir geht es gut, ich esse viel.


Donnerstag, 13. Juni:

Heute gingen wir 'mal einer nützlichen Beschäftigung nach. Es war ein gutes Stündchen – oder waren es zwei, kurzweilige? Ein Lese-Steine-Sammel-Einsatz. Wir lasen Feldsteine von einer Ackerfläche der LPG auf, weil in jedem Jahr neue kleine Felsen aus dem steinigen Boden hochgepflügt werden, diese also fast „aus dem Acker heraus wachsen“. Und derer sind es viele! Wenn die Menschen dieser Gegend früher auch recht arm gewesen sein sollen, – steinreich waren sie schon immer. Was mit den Steinen gemacht wird? Also wir trugen sie in Körben ja nur zum Feldrand, zum Rain, und schütten sie dort als Haufen auf. Aber dort bleiben sie nicht. Irgendwann, wenn wir schon längst wieder zu Hause sein werden, wird man die Steine abholen und auf die Reise schicken. Ständig lief ja zu Hause im Radio das Lied: „Steine für Rostock, der Hafen muss wachsen, Steine für Rostock, am Kai ist kein Platz …“. So wird aus lauter Solidarität dann langsam auch das Erzgebirge zur Ostseeküste gebracht, die Berge werden hier immer kleiner und kleiner. Hoffentlich kommt davon die Erdkugel nicht aus ihrem naturgegebenen Gleichgewicht. Viel Erz ist aber in diesen Steinen nicht zu sehen. Nur manchmal glitzert metallisch ein Körnchen. Und sollten mal ein paar Steine nicht abgeholt werden und liegen bleiben, können sich vielleicht kleine Tiere darunter ein Versteck bauen oder, wenn die Steine von der Sonne durchwärmt sind, sich oben darauf aalen. Also, echte Aale werden es kaum sein, eher ähnlich aussehende Nattern. Das weiter zu beobachten, reicht aber die Zeit unseres Hierseins nicht.


Anschließend hatten wir einen Bären-Appetit und das schöne Gefühl, auch mal 'was Gutes getan zu haben, nicht immer nur bedient zu werden. Heute, nach diesem Arbeitseinsatz, und freitags, wird geduscht. Ansonsten waschen wir uns nur gründlich und die Füße mindestens an jedem zweiten Tag oder wenn es nötig ist. Mancher versucht schon von alleine darauf zu achten, dass die Haut nicht zu dünn wird aber die Erzieherinnen sehen manchmal nach, ob die Finger sauber sind, bevor es zum Essen geht.

Oben erwähnte ich das Rostock-Lied. Es gibt aber nicht nur aktuelle Lieder über Steine. Hier haben wir zwar kein Radio aber zu Hause tönt es, außer den Volksliedern, derzeitig so: „Souvenirs, Souvenirs“, von Bill Ramsey // „Weißer Holunder“ von und für Bärbel Wachholz // „Lollipop“ (nur in englisch) // „Bueno Sera Seniorina“, singt Louis Prima, aber auf italienisch; der „River-Kwai-Marsch“ wird gepfiffen und Fred Bertelmann singt: „Zwei gute Freunde“. Verschiedene dieser Lieder, nämlich jene, die gleich von nebenan aus Berlin kommen, versteht man im Radio aber nur sehr schlecht, weil unser eigener starker Störsender das Zuhören erschwert. Das ist Absicht. Man soll nur auf Gutes hören, also auf das Rechte, was mehr von links kommt. Noch viele weitere Schlager gibt es – doch man vermisst sie hier in Schellerhau gar nicht weiter, denn die Tage sind voll ausgefüllt. Zu dieser Fülle gehören auch die erzgebirgischen Lieder, die der Schellerhauer Einwohner, Herr Helmut Liebscher, für uns singt.


Freitag, 14. Juni:

Wir besuchten auf unserer Tageswanderung (wieder eine der Strecken mehr als 9 km) das Hochmoor bei Zinnwald-Georgenfeld und durchwanderten es auf Holzstegen, weil man sonst sofort versinken würde, 4 bis 5 Meter tief. „Glucks“. Wir mussten recht gut auf uns aufpassen und niemand durfte Unfug treiben. Dazu gibt es grausige Geschichten, die mit ihren Schauplätzen wohl auch weit ins böhmische Gebiet reichen, weil sich dort sogar der mit zwei Dritteln größere Teil des Hochmoores befindet. Man kann demzufolge also von erheblich größeren Grausigkeiten auf tschechoslowakischem Gebiet ausgehen. Moorbehandlung war früher auch so eine Methode, wenn der Galgen geschont werden sollte.

In weit zurückliegenden Tagen, wurde hier Torf als Brennmaterial gewonnen. Davon ist unser Hochmoor-Teil, diesseits der Grenze, so klein geworden. Aber heute überlässt man den Rest des Moores, aus Naturschutzgründen, sich selber. Sehr seltene Pflanzen (z. B. Kuhschelle oder auch Küchenschelle genannt, der klebrige Sonnentau, eine Fleisch verzehrende Pflanze, die Trollblume und das Knabenkraut) konnten wir betrachten. Wir sahen sie auch schon am Geising – alte Bekannte. Das Wollgras und den Siebenstern selbstverständlich auch. Und das Wichtigste: Das Moos im Moor. Im Moor wachsen die Kiefer-Kuscheln (sie werden niederdeutsch „Kussel“ ausgesprochen) und auch die Latschenkiefer (diese kennen wir ja schon von der würzig-erfrischenden Fuß-Einreibung). Auch sahen wir bei dem gutem Wetter über die Grenze weit in das Land der Tschechoslowakei hinein – das war aber nichts Besonderes – dort sieht alles so aus, wie bei uns. Der Kahleberg ist etwa 905 m hoch, die höchste Erhebung weit und breit.


Sonntag, 16. Juni:

Heute hatten wir am Nachmittag einen herrlichen Lichtbildervortrag über die sorbischen Mitmenschen der Lausitz: Über den Spreewald, das Kahnfahren (egal ob die Post, das Heu, Tiere oder Menschen befördert wurden), zu Gurken, über das Bemalen von Ostereiern, Stickerei und die Plauderei der Frauen dabei. Männer bemalen weniger Eier. Eine Frau in echter sorbischer Tracht saß beim Vortrag mit uns im Speisesaal (vielleicht war es die Frau des Dia-Vorführers). Die Sorben gehören zu den alten Wenden und die wiederum zu den Slawen. Richtig sozialistisch ist aber nur die Bezeichnung „Sorben“, als geehrte Minderheit in der DDR. Sehr interessant war das.

Grüßt bitte auch Tante 'Lene Runge und Tante Lieschen Hasait von mir.


Montag, 17. Juni:

Unser Fräulein Maiwald macht es uns nicht immer leicht. Wenn nach dem Mittagessen die Post verteilt wird, liest sie unsere Namen immer rückwärts laut vor und man meldet sich dann sofort, wenn man seine Post erkannt hat – falls man sie haben möchte.

Klar, man muss aufpassen aber nach zwei Tagen war das mit dem Raten für alle nicht mehr so neu. Einige haben vorher erst mal geübt, ihren Namen rückwärts aufzuschreiben, zu lesen und langsam vor sich hin zu sprechen, und manchmal auch so als Absender auf den Brief zu schreiben: So wird dabei aus dem (polnischen) Kidrowski plötzlich der ziemlich echt norwegische Name Ikswordik, aus dem deutschen Müller entsteht der türkische Rellüm, aus Janecke wird Ekkenaj (zwar bleibt die „Ecke“ fast erhalten aber aus der Bejahung wird plötzlich eine Verneinung), aus Eisenkolb wird Bloknesie und Baumann wird zu dem typisch arabischen namuab gemodelt, was mich sehr an „Mutabor“ aus der Geschichte „Kalif Storch“ von Wilhelm Hauff erinnert – .Oder Kunze = Eznuk., nicht wahr? Hört sich das nicht an, wie ein umgekehrter Name aus dem sowjetischen Kinderbuch „Im Königreich der schiefen Spiegel“? So 'was macht sie alles mit uns.

Ansonsten war heute kein offizieller Gedenktag. Vor fünf Jahren begann es in der Berliner Stalinallee unruhig zu werden.

Ich freue mich immer sehr über Eure Briefe, obwohl Ihr ja bei der vielen Arbeit nicht soviel Neues und Schönes erlebt, wie wir hier.


Dienstag, 18. Juni:

Heute wurde mir das Vertrauen geschenkt, dass ich während der Zeit der Beschäftigung alleine zum Schellerhauer Friseur (oder zu gut deutsch: zum Haarsör) gehen durfte, weil ich meinte, dass es nötig sei. „Bitte einmal Kurzschnitt“, bestellte ich. „Recht so, der Herr, macht 0,85 DM“. Der gleiche Preis wie zu Hause in Babelsberg. Der Weg war nicht weit: Man verlässt das Heim nach rechts in Richtung Ortsmitte, geht vorbei an Heimatstube und Kirche und bald dort, wo von links, aus dem Tal herauf, der Schellermühlenweg einmündet, ist man schon da. Ein kurzer Weg für den kurzen Sommer-Haarschnitt.


Wir hörten, dass es ein alter Brauch sei, in der Advents- und Weihnachtszeit (deshalb haben wir es nicht miterlebt) selbst geschnitzte und bemalte Lichter-Engel und -Bergleute innen an die Fenster zu stellen. Für jedes Kind der Familie, die Mädchen natürlich als Engel dargestellt, die Jungen als Bergmann, wurde eine neue, eigene Figur geschnitzt oder gedrechselt. So konnte man an den Fenstern ablesen, wie viele Kinder im Hause wohnten. Manchmal war bei den armen Leuten gar nicht mehr genug Platz am Fenster. Geschnitzt habe man aber nicht nur aus Spaß bei Kerzenlicht zur Feierabendzeit, sondern, besonders als der Zinnbergbau zurückging, als notwendigen Nebenverdienst, um die Familien dürftig ernähren zu können.


Die Erholungskinder, die zur Winterszeit hier sind, unternehmen dann aber eher Rodelfahrten, statt wie wir eine Schnitzeljagd als Geländespiel und wenn wir putzmunter am Bach zur Putzmühle wandern, stapfen sie durch den tiefen Schnee, denn der Winter mit Kälte, Eis und Schnee, kommt hier früher, als bei uns im Flachland.


Mittwoch, 19. Juni:

Hier sah ich wieder einen solchen weinroten Krankenfahrstuhl mit Moped-Motor von der Firma Krause (Ihr wisst schon: aus Leipzig, Elsbethstraße 7), der so eine ähnliche Vorderrad-Verkleidung hat, wie der Pitty-Motorroller, nur etwas breiter. Das Dreirad schafft die erzgebirgigen Berge.

Der Besuch der Heimatstube, also es ist ein kleines Museum, war für uns recht lehrreich. Man sieht viel darüber, wie die Leute früher gelebt haben. Besonders ausführlich ist die Arbeit der Bergleute und das bäuerliche Leben, auch mit den Arbeitsgeräten und dem Hausrat, dargestellt. Die Dorfkirche ist mit Schiefertafeln gedeckt. Sie soll mit der kunstvollen Innenmalerei, eine der reizvollsten im Erzgebirge sein. Wir waren aber nicht drinnen. Das Bauwerk ist schon über 350 Jahre alt, sieht aber wesentlich jünger aus, neuer auch, als das Erholungsheim.


Donnerstag, 20. Juni:

Am heutigen Tage besuchten wir eine Filmvorführung. Wir sahen den sowjetischen Farbfilm „Das gefiederte Geschenk“. Ein Film über eine Königsadler-Familie. Es gibt in Schellerhau aber kein richtiges Kino. Es ist der Landfilm, der die Filmwerke im Cronau-Heim zeigt. Wie weit es bis dorthin ist? Na, von der Dorfstraße biegt man beim Friseur nach links in den Schellermühlenweg ab, der hinab ins Tal führt. Wir überqueren das Flüsschen, „Rote Weißeritz“, begleiten es nach links einige Schritte, um es dann, nochmals nach links gehend, auf der Brücke des Heimes der Margarethe Cronau, erneut zu überschreiten. Man kommt also nur über die Brücke in dieses Ferienheim. So ähnlich, sieht es vielleicht in Venedig aus, nur städtischer.

In der Beschäftigungszeit übten wir uns im Schießen mit der Armbrust – aber nur auf einen Adler aus Pappe mit angesteckten „Federn“ und die Pfeile haben vorne Gummisaugpuffer. Also nur so aus Spaß – und nicht auf Königsadler oder Menschen. Ihr braucht Euch also keine Sorgen zu machen.


Freitag, 21. Juni:

Der Botanische Garten ist für einen kleinen Ort (und weit darüber hinaus), eine große Sehenswürdigkeit. Und das schon seit seiner Gründung im Jahre 1906. Man kann sich auf dem Wege dorthin nicht verlaufen. Vom Heim aus geht man immer die Dorfstraße in Richtung Altenberg entlang und muss dann nur noch, etwa 55 Hausnummern weiter, hinter dem scharfen Linksknick der Straße, rechtzeitig anhalten. Nur wäre es noch schöner, wenn zwischen der vielen Botanik, darin auch einige Tiere Platz hätten. Na ja, einige haben sich schon von allein angesiedelt, weil's ja so verlockend ist, dort zu wohnen – wenn nur nicht die Besucher stören würden.

Nicht weit hinter unserem Heim beginnt der Weg, der zur Stephanshöhe führt. 804 m hoch sind wir dort und haben einen guten Ausblick auf die Umgebung. Doch Vorsicht! Bald dahinter beginnt das Pöbeltal. Das ist ja nun erst mal 'was. Schon allein dieser Name.

Heute habe ich wieder Waschraumdienst und vor der Nachtruhe soll alles blank und sauber sein. Für das Abschiedsfest haben wir schon geprobt. Unsere Gruppe führt für die Kleineren, für das Küchenpersonal und für die Erzieherinnen, ein Laienspiel auf (was sonst, wir sind ja keine beruflichen Künstler) und wir haben natürlich auch unseren Spaß dabei und etwas „Lampenfieber“, – ob auch alles gut „klappen“ wird? Danke für Euren langen Brief.


Sonnabend, 22. Juni:

Heute besuchten wir den Dresdener „Zo-ologischen Garten“. (So „gebrochen“ wird ja zumindest die Station „Zoo“ bei der Berliner S-Bahn immer ausgerufen, also in West-Berlin, denn unser viel größerer DDR-Tierpark befindet sich ja, im Sommer vor drei Jahren unter Professor Dr. Dathe gegründet, in Berlin-Friedrichsfelde). Solche Arten von Tieren kann man natürlich nicht im Botanischen Garten Schellerhau unterbringen. Das ist schon klar. Aber tierlieb sind die Schellerhauer Einwohner bestimmt. Besonders die Bären scheinen es ihnen angetan zu haben, denn wir wissen ja: Es gibt in der Nähe die Orte Bärenfels, Waldbärenburg, Oberbärenburg, Bärenstein, etwas weiter entfernt Bärenklau sowie Bärenhecke und auch einen Tierarzt.

Aber im Ernst: Ein früherer Herrscher dieser Gegend soll bereits um 1530 ein Herr zu Bernstein gewesen sein, der sich später „Bärenstein“ schrieb (vielleicht weil es hier nicht so viel versteinertes Baumharz gibt) und der alles Mögliche in der Nachbarschaft mit dieser Bären-Benennung als sein Eigentum kennzeichnete. Also, Ber-lin gehörte aber nicht zu seinem Reich, wenn auch im Wappen der Hauptstadt keine Bernsteine, sondern ebenfalls Bären zu sehen sind. Umso mehr war ich beim Besuch von Bärenfels erstaunt, dass uns dort, in der Nähe des Glockenspiels, kein Bär, sondern ein steinernes Widdertier begrüßte. Aber auch das (oder er) wird sicher seine Geschichte haben.


Montag, 24. Juni:

Für Mutti habe ich mal aufgeschrieben, was es bei uns alles so zu essen gibt, dann braucht sie sich in der nächsten Zeit nicht für jeden Tag selbst etwas Neues einfallen lassen. Also:

- Brühnudeln. (Einige von uns kannten dafür die Bezeichnung „Rennfahrersuppe“) // - Kartoffelsalat mit Bockwurst // - Kartoffeln mit Rotkohl, Fleisch und Soße (hier wurde zur Tunke geunkt: „Vielleicht aus der Talsperre Sosa“ – auch im Erzgebirge liegend) // - die guten Graupen (manche Jungen nannten sie „Kälberzähne“) // - Thüringer Klöße (eingeschnitten' Thieringer Kließ') mit erzgebirgischem Rotkohl (Blaukraut sagt man hier) und Zubehör // - Eierkuchen (nach anderer Mundart auch als „Plinsen“ benannt) // - Grießbrei mit Pflaumen (entsteint) // - Kartoffelsuppe.

Also recht abwechselungsreiche Mahlzeiten.

Oft gibt es auch Nachtisch wie Apfelmus // Rote Bete // Stachelbeerkompott // Apfelschnitzel und anderes. Es hat alles prima geschmeckt und wir sind auch immer gut satt geworden.

Beim Abschiedsfest haben die Aufführungen ordentlich geklappt. Heute schreibe ich Euch nun zum letzten Mal, denn unser schöner Aufenthalt neigt sich schon wieder seinem Ende zu.


Dienstag, 25. Juni:

Wie Ihr vielleicht merkt, habe ich nicht alles von jedem Tag aufgeschrieben, nicht jeden vollen Tag beschrieben. Es gab also zum Beispiel noch andere Speisen. Auch an den Tagen, für die ich es nicht extra aufzählte, hatten wir nette Beschäftigungen mit Gesellschaftsspielen, Basteln, Malen, einer Kaspertheatervorstellung und auch Post-Schreibstunden sowie noch weitere Wanderziele.

Heute aber heißt es: Koffer packen. Fräulein Maiwald hakt bei Jedem von uns am Inhaltsverzeichnis im Kofferdeckel ab, ob auch alles vorhanden ist.

Morgen früh geht es schon wieder fort von hier.

Ein eigenartiges Gefühl. Es wird eine kurze Nacht und keiner will verschlafen.


Mittwoch, 26. Juni:


Tschüss liebes Heimpersonal und danke für alles, das wir hier erleben durften.

Auf ein späteres Wiedersehen – schönes Schellerhau im Osterzgebirge!


In halber Nacht bringt uns ein Bus den kurzen Weg nach Kipsdorf. Von dort fahren wir um 4.21 mit der Weißeritztalbahn weiter. In Freital findet dann das große Verabschieden statt, weil wir von dort aus in kleinen Gruppen, in alle möglichen Himmelsrichtungen fahren. Jeder von uns bekam als Andenken an das Erholungsheim, für die Fahrt noch eine Tüte mit Proviant. Als weitere Souvenirs habe ich mitgenommen: Einige Ansichtskarten (die ja im Laufe der Zeit schon zu Hause angekommen sind), ein Abziehbild mit der Ortsansicht in Wappenform sowie dazu noch einige Fotos, die ich ja aber selbst noch nicht gesehen habe, weil sie noch im Fotoapparat sind. Und nicht zu vergessen – die Quarz-Porphyrsteine und einige schöne, etwas harzig duftende Fichtenzapfen, an denen noch kein Eichhörnchen genagt hatte.

Viel zu schnell sind diese herrlichen, abwechselungsreichen Tage „vorbeigeflogen“ aber natürlich freue ich mich auch schon wieder auf das Babelsberger Elternhaus und die Schule – eigentlich müsste ich ja schnell allerlei nacharbeiten aber in 10 Tagen, pünktlich zu Muttis Geburtstag am 6. Juli, beginnen ja die Großen Ferien und ich werde alle Schulaufgaben schön verteilen, mir Zeit und Ruhe lassen, denn die „Nachkur“ muss gut wirken können und der Schularzt soll mit mir zufrieden sein (ich werde ihn froh anstrahlen).


Gewiss wird unser Klassenlehrer, Herr Donath, im September wieder einen Aufsatz schreiben lassen – „Mein schönstes Ferienerlebnis“. Das wird für mich nicht schwierig sein – habt Ihr doch eben das Wesentliche dazu gelesen.



Besucht doch Schellerhau und seine reizvolle Umgebung auch einmal!




- Ende -




Teil II: Spätere Notizen – denn ich denke oft an Schellerhau


Der dreiwöchige Aufenthalt in Schellerhau, der von der Sozialversicherung des Gewerkschaftsbundes, in Verbindung mit dem Staatlichen Gesundheitswesen der DDR ermöglicht wurde, war für mich (und ungezählte weitere Kinder) ein Raum der Erholung für Körper und Geist, eine Zeit prächtiger Erlebnisse, die ich bis heute nicht vergessen habe, derer ich mich gern und dankbar erinnere.


Wieder zu Hause, in den Großen Sommerferien des Jahres 1958, schaute ich im „sozialistischen Einzelhandel“ nach, ob es vielleicht als ein weiteres Andenken, einige Bilder über diese Erholungs-Region gibt – und siehe da – ich wurde fündig. Der Fachhandel „Foto - Kino - Optik“ hat alles! Ich erstehe einen Dia-Film mit dem Titel: „Im Wandergebiet von Altenberg - Schellerhau“, Fotoaufnahmen der Staatlichen Fotothek in Dresden.

So kann ich den Eltern, Geschwistern und Freunden noch besser zeigen, das heißt, mit dem Dia-Projektor tatsächlich vor Augen führen, welche Landschaft auch ich durchwanderte, wie's in Schellerhau wirklich aussieht.

Der erforderliche Dia-„Bildwerfer“ aus schwarzem Duroplast-Kunststoff, namens „Pouva magica“ von der Fa. Karl Pouva KG in Freital / Sachsen, Preis: 22,10 DM, war schon in unserem Haushalt vorhanden, war mit einer 40-Watt-Allgebrauchslampe, ausgestattet. Da die schwarz/weißen Bilder des Erzgebirges auf der Leinwand matt, grau-blass aussahen, ganz anders als in der Natur, wählte ich eine 75 Watt-Glühlampe und baute einen kühlenden Ventilator ein. Nun war der sommerlich lebendige Eindruck, die besonnte Erinnerung an Schellerhau, wieder da. Jetzt konnten die Bildervorführungen (mit dem Vortrag: „Mein schönstes Ferienerlebnis“) beginnen!


Notizen zum Ankunftstag, den 05. Juni 1958 – viel später notiert:

Die Schmalspurbahn zwischen Freital und Kipsdorf besteht seit 1882 und ist damit die älteste deutsche Schmalspurbahn. Auf dieser reichlich 26 km langen Strecke muss der Zug etwa 351 Höhenmeter überwinden.

Ihr könnt es ja nicht wissen: Mein Großvater und auch mein Vater haben in unserer heimatlichen Lokomotivbaufabrik „Orenstein & Koppel“ gearbeitet. Daher interessiert mich auch alles, was mit der Eisenbahn zusammenhängt.

10 Lokomotiven der 99er Baureihe sind hier mit ihren Wagen auf der Strecke unterwegs. Schmalspur heißt es deshalb, weil der Mittenabstand der Schienenköpfe 750 mm (die Spurweite) beträgt aber die Normalspur (oder auch Regelspur) einen Schienenabstand von 1.435 mm aufweist.

Es handelt sich um 4 Lokomotiven mit jeweils 600 PS Zugleistung (1952 bis 1956 gebaut) aus dem Lokomotivbauwerk „Karl Marx“ in Potsdam-Babelsberg, das ist der Nachfolgebetrieb des Vorgenannten, auf gleichem Betriebsgelände, auf denen Vati und Opa tätig waren.

1 Lok mit nur 200 PS stammt aus der Zeit vor 1921, zusammengeschraubt und genietet in der Maschinenfabrik von Richard Hartmann in Chemnitz (das heutige Karl-Marx-Stadt, also in der Stadt mit den 3 „O“, wie es sich im Scherz anhört). Die restlichen 4 Loks, mit je 600 PS Leistung, baute man in der Zeit der „Weimarer Republik“, zwischen den beiden Weltkriegen, bei Firma Schwartzkopf in Berlin auch auch bei Hartmann in Chemnitz.



Kipsdorf ist viel größer als Schellerhau“. Der Ort hatte im Jahre 1950 mit etwa 900 Personen seine höchste Einwohnerzahl. Von dieser Zeit an gab es eine kontinuierliche Absenkung der Bevölkerungszahlen. Waren es im Jahre 1858 dann 800 Einwohner, so waren im Jahr 2002 nur noch 347 Einwohner zu zählen.

Kipsdorf hatte ab 1935 den größten Kleinbahn-Kopfbahnhof Deutschlands. Die Züge fuhren damals in Spitzenzeiten im 10-Minuten-Abstand. Die Strecke Freital-Hainsberg bis Kipsdorf wurde von 1882 bis zur Naturkatastrophe im August 2002 durchgängig betrieben. Sie ist heute (2011) noch im Wiederaufbau und wird bereits zwischen Freital und Dippoldiswalde befahren.


Ergänzung des Berichts zum 6. Juni 1958

Inzwischen heißt die Anschrift des Ortes nicht mehr „Schellerhau, Kreis Dippoldiswalde“, auch nicht „Schellerhau über Kipsdorf“, sondern nach der jüngsten Kreis- und Gemeindegebietsreform:

Schellerhau, Stadt Altenberg, Kreis Sächsische Schweiz / Osterzgebirge“.

Ein etwas „sperriger“ Ortsname vielleicht, aber recht fürsorglich anmutend, hat man doch viele der Schönheiten aus der Region wörtlich in diese Bezeichnung mit hineingelegt.


Zum 8. Juni 1958

Ja, so war das also mit dem Streit zwischen dem Teufel und seiner Großmutter. Schellerhau sei dann im Jahre 1543 gegründet worden, von dem feudalistischen Bergwerksbesitzer Herrn Schelle. Sagt man. Aber nur, weil man eine frühere urkundliche Erwähnung nicht mehr gefunden hat. Doch auf einem Siedlungsplatz gab es hier bestimmt schon viel früher Menschen. Und auch der Teufel mag streng darauf geachtet haben, die Häuschen weitaus früher zu streuen und nicht erst als Thomas Müntzer die Bauern zum Kampf aufrief und Martin Luther sie schimpfend zur Ruhe mahnte. Also auch diese beiden Pastoren haben sich gestritten – und die armen, fleißigen aber kriegsunkundigen Bauern dazwischen.

Der Name „Schellerhau“ rührt aber nicht daher, dass Bergleute und Bauern diesen Bergwerksbesitzer verhauen hätten, sondern weil eben zinnhaltiges Erz aus den Gruben des Schellerbesitzes herausgehauen wurde. Man stelle sich das vor: Da erbt oder kauft ein Mann einfach einen großen Berg, ein Stück von der Erdkugel, das doch Allgemeingut, Volkseigentum sein sollte, das doch eigentlich für alle da ist und macht mit dem Bergesinhalt viel Gewinn für sich. Oder man sagt: Er gab der armen Bevölkerung: den Bergleuten, Kleinbauern und Waldarbeitern, Arbeit, Lohn und Brot.

Aber wir waren gerade im Jahr 1543. Meine jung aussehende Stadt Potsdam ist da noch viel älter. Der Ort wurde schon im Jahre 993 mit Haus und Hof, mit Mann und Maus, vom jungen Herrscher Otto III. seiner lieben Tante Mathilde, Äbtissin von Quedlinburg, als ein Geburtstagsgeschenk überreicht. Weil er sie so lieb hatte. So also kann es laufen. In unserer Familie geht es da bescheidener zu.


Die alte Schinderbrücke. Es ist eine Brücke aus Porphyr, die 1789 / 1790 aus einem Bogen bestehend, vom Landesbaumeister Knöffel entworfen wurde. „Diese löste eine „elende“ Holzbrücke von 8 Ruthen (= 31,6 m) Länge ab, deren Knuppel im Moraste leicht faulten“. Diese Brücke der alten Handelsstraße ist heute „nicht mehr alleine“ Als das Hotel Stephanshöhe gebaut wurde, war sie überlastet und bekam eine tragfähigere Betonbrücke beigestellt.



Teil III: Zeit ist seither vergangen.

Mein erneuter Besuch in Schellerhau im Jahre 2011


Mit dem Eintritt in das Rentenalter, beginne ich, das damalige Erholungsurlaubskind Christoph, meine Lebenserinnerungen aufzuschreiben. Dazu gehört auch der vorstehende kleine Bericht, der nun erst nach über einem halben Jahrhundert anhand der aufbewahrten Briefe, den geistigen Bildern der Erinnerung und mit Hilfe der Fotos entstand. Manches aus jener Zeitspanne scheint ein wenig verblasst, anderes steht noch deutlich vor Augen. Und wenn mal etwas nicht ganz exakt beschrieben wurde – seien wir tolerant. Ist es doch schließlich die Sichtweise eines damals Halbwüchsigen.


53 Jahre nach meinem damaligen Erholungsaufenthalt besuchte ich das Dörfchen Schellerhau nochmals. In der Zeit vom 3. – 6. Juli 2011 weilte ich in Schellerhau, um das Alte nochmals zu sehen, Erinnerungen aufzufrischen, „damit der Kreis sich schließt“ und neues im Ort zu begrüßen. Vorher hatten wir eine längere Periode prächtigen Wetters, die kommende, wunderschöne Wandertage versprach. – Schon am 2. und 3. Juli regnete es in Dresden wie aus Kannen.


Sonntag, 3. Juli 2011

Mit dem Bus fuhr ich – nicht wie damals, 1958, bis Kipsdorf mit der schmalspurigen Weißeritztalbahn, denn auch der Gleiskörper dieser Bahn war, wie bereits erwähnt, vom gewaltigen Hochwasser in der Zeit zwischen dem 12. und 19. Juli 2002 hinweggespült worden. In Dippoldiswalde war man jetzt noch bei Reparaturarbeiten an der Straße – bis dorthin fährt die von Freital - Hainsberg kommende Schmalspurbahn vorerst, bis alle Schäden beseitigt sein werden. Nach einer Stunde Fahrzeit von Dresden aus, kam ich mit dem Bus in Schellerhau an meinem Ziel, Haltestelle „Café Rotter“ an.

Sehr freundlich wurde ich von Anita und Christoph Rotter, in der sehr angenehmen Unterkunft, Hauptstraße 97, aufgenommen (Tel. 035052 / 67933).

Das frühere Grundstück des Kindererholungsheims in der Dorfstraße 38, ist nun die Hauptstraße 95. Das Kindererholungsheim steht heute jedoch nicht mehr. Im Jahre 2000 wurde es abgerissen und das Grundstück neu bebaut. Auf dem Nachbargrundstück errichtete Familie Rotter anschließend, ab 2001, das Café in der Hauptstraße 96.


Zu Mittag aß ich als einziger Gast (zu dieser Zeit) in der Gaststätte „Heimatstube“, in dessen oberer Etage das Museum des Ortes untergebracht ist. Diese Ausstellung bezog ich natürlich gleich in meine Besichtigungstour ein. Nach dem Essen ließ ich mich in den Erinnerungen treiben und besuchte auch die Kirche.

Die frühere HO-Gaststätte „Gebirgshof“ an der Dorfstraße besteht nicht mehr und ist dem Verfall preisgegeben. Im Veranda-Anbau des verschlossenen Gebäudes, der den neuen Fußweg etwas einengt, kann man Sportgeräte ausleihen.

Das nahegelegene große FDGB-Ferienheim „Casino“, ist geschlossen und unterliegt dem Vandalismus.

Das Ferienheim „Schellermühle“, nahe dem Cronau-Heim, besteht nur noch als Ruine.

Ja, man sieht es: Zeit ist vergangen, die Verhältnisse wurden drastisch verändert, ohne Vorhandenes erhalten und einer sinnvollen Nutzung zuführen zu können – wie zu oft im gesamten Lande.

Am Botanischen Garten, an dem gerade der Naturkostmarkt abgehalten wurde, sah ich eine Anzahl von Verkaufsständen mit vielfältigen Angeboten aber keinen Besucher – zumindest bei meinem Gang, an dem mäßiger Regen und Starkregen einander abwechselten. Böiger Wind versuchte den Nebel zu vertreiben.

Die Schinderbrücke an der Roten Weißeritz mit dem Hotel Glückspilz besuchte ich. Zurück lief ich durch den Wald. Vom berühmten „Schellerhauer Blick“ (778 m hoch, nördlich des Matthäusweges) hatte ich bei dem Regenwetter natürlich ebenfalls keine Aussicht.


Montag, 4. Juli 2011

Von Sonntagmittag bis Montagmittag stürzten auch auf Schellerhau 80 Liter Regen / qm bei maximal 12°C hernieder und das blieb auch weiterhin so.

Fernsicht? Oftmals im Nebel keine 50 m weit. Dunkelgrau selbst um 12 Uhr am Mittag, als wenn der Abend eingeläutet werden sollte.

Daher gibt es auch kaum neue Fotos. Aber Ansichtskarten konnte ich erstehen, sogar noch Exemplare aus der DDR-Zeit. Die gute Einkaufsstätte für Lebensmittel, Ansichtskarten und alles Sonstige, heißt „Elektro-Rümmler“. Wie gut, dass es diese Einrichtung, ein kleines Landwarenhaus, im Ort gibt! Wie viele Dörfer stehen heute völlig unversorgt da.


An diesem Tag ging ich über den Matthäusweg nach Bärenfels und besuchte natürlich auch wieder das Glockenspiel, lauschte um 10.00 Uhr den Liedern: „Am Brunnen vor dem Tore“ und „Wenn alle Brünnlein fließen“. War der Glockenturm bei meiner vorigen Besichtigung 3 Jahre alt, so besteht er inzwischen 56 Jahre. Im Jahre 2006 erhielt das Werk eine elektronische Steuerung. Erst seit dieser Zeit kann ein erweitertes Repertoire automatisch geregelt werden. Zum Programm des Bärenfelser Glockenspiels gehören nun:

Ännchen von Tharau // Am Brunnen vor dem Tore // Auf dem Berg, da ist's halt lustig // Der Vogelbeerbaum // Im Frühtau zu Berge // Im schönsten Wiesengrunde // Wenn alle Brünnlein fließen // Oh Erzgebirg', wie bist du schön // Oh Täler weit, oh Höhen // Sah ein Knab' ein Röslein steh'n. // 'S ist Feierabend. Zur Advents- und Weihnachtszeit ertönen auch: Am Weihnachtsbaume, die Lichter brennen // Bald nun ist Weihnachtszeit // Der Blumenwalzer aus der Nussknackersuite // Kling Glöckchen klingelingeling // Schneeflöckchen, weiß Röckchen.

Heutzutage kann man das Glockenspiel sogar schon im Internet hören, also bequem ins eigene Wohnzimmer holen.


Zurück ging es „auf dem 1958er Weg“ wieder die Böhmische Straße entlang, dann durch den Wald, in Augenhöhe von windgezausten Wolken umgeben, vorbei an kerzengeraden Nadelgehölzen, die irgendwo tief unten im vernebelten Abgrund fußen, hinaus über die Stephanshöhe (804 m) und das „Steinmeer“ zurück nach Schellerhau.


Dienstag, 5. Juli 2011

Ich wanderte nach Altenberg, besuche die Tourismus-Information am Bahnhof, das Bergbaumuseum und die Galgenteiche, dehnte den Besuch wegen des Dauerregens nicht weiter aus, bis auf den Abstecher zum früheren Ferienlager „Philipp Müller“ in der Dresdener Straße, wo ich mich im Sommer 1970 als Gruppenleiter einer Kindergruppe des VEB Kraftwerksanlagenbau Berlin aufhielt. Wegen der anhaltenden Witterungsunbilden verzichtete ich auf einen erneuten Besuch des Hochmoores.


Dort, wo wir damals (1958) auf dem Feld Steine aufsammelten, besteht kein Acker mehr. Fast alles Land ist in Wiesen und Weiden umgewandelt.


Das Haus des Friseurs an der Dorfstraße, Ecke Schellermühlenweg, den ich am 18. Juni 1958 „beehrte“ (heute befindet sich daneben die Bushaltestelle „Talblick“) steht noch, aber als „reines“ Wohnhaus, nicht mehr als Friseur. Am Giebel verkündet ein sehr verblasster Schriftrest: „Da ...“. Zu „meiner Zeit“ stand dort wohl deutlich lesbar „Damen- und Herrenfriseur“, worin sinngemäß auch „Kinderfriseur“ als einbezogen galt, denn ich kam ja auch dran.

Heute, im Juli 2011 gibt es aber keinen Talblick, sondern ausschließlich eine dicke „Nebelsuppe“. Das Licht der Scheinwerfer entgegenkommender Autos, durchdringt den Nebel nur wenige Meter.


Mittwoch, 6. Juli 2011

Am Abfahrtstag lachte mir ein strahlender Morgen entgegen. Zum Abschied – Schellerhau im Sonnenschein. Wie schön!



Christoph Janecke, Potsdam, im Juli 2011. E-Mail-Anschrift: christoph@janecke.name