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Eine Zeit im Kinderkurheim „Kraushübel“, in Rautenkranz (Vogtland),

vom 15. August bis 04. September 1959


Die Vorbereitung

Es war der wahrscheinlich schon ein wenig schwerhörige Schularzt, der im Winter recht laut festgestellt, hatte: „Der Junge ist sehr groß, etwas zu rank und auch recht blass“ (das wusste ich schon). „Er soll mal zum Erholungsaufenthalt. Das milde Reizklima eines Mittelgebirges würde ihm sicherlich gut tun“, verkündete der Medizinmann.


Vergangen ist inzwischen wohl rund ein halbes Jahr. Wir sind jetzt im Spätfrühling oder im Frühsommer '59. Ich habe schon gar nicht mehr an die Schuluntersuchung gedacht – und plötzlich kommt da eine Nachricht, eine Einladung, eine Aufforderung, den Koffer zu packen.

Die Sozialversicherung war dem ärztlichen Rat gefolgt und hatte für mich aus ihren Angeboten und Möglichkeiten, einen dreiwöchigen Sommer-Sonnen-Kuraufenthalt ausgewählt, in dem schönen Doppelort „Morgenröthe-Rautenkranz“, im tiefen Süden unseres Landes.


Es liegt wieder eine Zeit vor mir, in der ich nicht hier in Potsdam-Babelsberg, meiner angestammten Heimat, bin. Das merkt man, wenn man das Klassenbild vom Beginn des achten Schuljahres sieht, – dass heißt, man sieht mich eben nicht darauf, denn ich darf etwas länger in den Großen Ferien sein.


Unsere Reise und Ankunft

So fahre ich nun nach Rautenkranz, in das Kinderkurheim „Kraushübel“, in einen Ort, der eine Anzahl von Stunden südlich meiner Heimatstadt liegt.

Nach der langen Fahrt von Potsdam nach hierher, in das Vogtland, ist es einem komisch zumute, dass man dann plötzlich doch am Ziel eingetroffen ist – es nicht mehr weiter geht.

Da sind wir nun. Ein Bus voller Jungen. Kleinere und größere.

Die Heimleiterin heißt Frau Böhm. Sie begrüßt uns freundlich, ruft unsere Namen von einer langen Liste auf und weist uns in die Zimmer ein (es beginnt ein leichter, kurzer Sturm auf die Betten mit den „besten“ Standorten). Nachdem wir die Betten mit unseren Sachen kennzeichnend belegt haben (Taschen oder Koffer haben natürlich auf dem Bett „nichts zu suchen“), machen wir uns mit einer kleinen Katzenwäsche frisch.

Im Anschluss an die Begrüßungs-Mahlzeit (Brühnudeln) stellt uns Frau Ursula Böhm auch gleich alle Leute des Hauses vor, die sich um uns bemühen, die uns den Aufenthalt angenehm gestalten wollen: die Erzieherinnen, die Küchenkräfte, das Reinigungspersonal und den Hausmeister. Sie alle sehen uns recht erwartungsvoll einladend, lächelnd an, als ob wir 'was Besonderes seien (und das ist schön), obwohl wir ja nicht die Einzigen sind. Vor uns waren andere Kinder hier und nach uns werden auch wieder weitere Erholungsbedürftige folgen. Nur, gleich alle Namen der Erwachsenen zu behalten, ist eine zu schwere Aufgabe.


Die Leiterin für unsere Jungengruppe, wir sind 21 Mann (oder heißt es richtiger: wir sind 21 Männer?), ist Fräulein Hennersdorf, wie wir sie ansprechen sollen. Eigentlich heißt sie Inge und ist sehr nett. Blond, hübsch anzuschauen. Immer sehr adrett mit weißer, gestärkter Schürze und weißen Söckchen, was uns erinnert, dass wir uns in einem Kurheim befinden und nicht etwa denken, wir hielten uns (nur) in einem Ferienlager auf. Fräulein Inge (so dürfen wir sie aber eben nicht nennen) ist etwa so groß wie wir größten Jungen (ich bin ja jetzt 13 Jahre und 8 Monate alt) und sie ist bestimmt auch nur ein paar Jährchen älter als wir.


Einige Notizen zum Haus

Das Wort „Hübel“ kommt aus dem vogtländischen Sprachschatz und bedeutet soviel wie , „kleiner Berg“, also „Hügel“. Diese hügeligen Wiesen, auf denen das schöne Kinder-Kurheim steht, gehörten früher mal, da sie noch nicht als Volkseigentum galten, einem Ackermann,

der Kraus oder Krause hieß – vielleicht, weil einer der ersten seiner Sippe ja gekräuselte Haare auf dem Kopf trug – und dieser Name blieb über die Zeiten noch bis heute erhalten.


Natürlich haben wir dann erstmal das Haus „beschnuppert“, uns mit den Einrichtungen vertraut gemacht. Es ist ein schönes Gebäude und es ist wohl sogar noch etwas jünger als ich, das ist also kein Alter für ein Haus. Unten ist es gemauert und die geputzten Mauern sind geweißt – oben aber mit dunkelbraun gestrichenen Holzbrettern verkleidet.

Innen ist das Haus viel größer, als es von außen wirkt.

Im Speisesaal stehen mehr als 20 Tische für jeweils 4 Kinder. Vorn die Bühne für kulturelle Veranstaltungen, so richtig erhöht und mit Vorhang. Nebenan die Küche. Es gibt aber auch einen Raum für Spiele aller Art und darin auch Platz zum Schreiben. Ob wir wohl ab

1. September auch Unterricht bekommen und Schularbeiten erledigen sollen?

Von den Räumen gefällt mir besonders die große Sonnenveranda, die sich weit um eine Hausecke herumzieht, so dass man lange Zeit am Tage einen schönen hellen Platz haben kann, mit einer prima Aussicht auf Wiesen und Wälder.

Eine Treppe höher befinden sich die Schlafräume. Dort werden die Koffer ausgepackt und deren Inhalte mit den Verzeichnissen abgeglichen. Eine „besondere gedankliche Bindung an zu Hause“ sind das mitgebrachte, frisch duftende Seifenstück in der Seifenschale, die Tube mit der Zahnpasta und der neue braune Taschenkamm.


Ja, Kinderkurheim. Das merken wir auch am nächsten Vormittag, denn wir werden gemessen, gewogen, abgehorcht und beklopft, befragt sowie mit ernsten, ärztlichen Augen prüfend betrachtet und alle diese gewonnenen Ergebnisse werden in eine Karteikarte geschrieben. Unser Erholungserfolg wird bestimmt nach der Zunahme an Gramm, Zentimetern, Bauchumfang und Art der Gesichtsfarbe bemessen. Die gleiche Prozedur wird uns dann noch einmal kurz vor der Rückreise erwarten und unserem Rückweg wird vielleicht ein triumphierender Brief über den Kurerfolg, zur SVK oder an den Schularzt geleitet, folgen. Was wir aber an Wissen zugenommen haben, auf welche schönen Erlebnisse wir zurück blicken, wie viele Anregungen wir bekamen, welche Erholung an Geist und Seele wir am Ende aufweisen, hat uns später „von offizieller Seite“ niemand gefragt. Das jedoch erscheint uns Kindern als das Wichtigste. Denn dass wir hier herrlich frische Luft mit Nadelbaumduft „schnappen“ und gut zu essen bekommen, das ahnt doch schließlich jeder. Und wer genaueres wissen möchte, dem erzählen wir alles „haarklein“.

Ach so, ja, an diesem gleichen Tag nach der Ankunft sollen wir den Eltern berichten, dass wir gut angekommen sind und wir schreiben ihnen auch unsere ersten Eindrücke. Es wird darauf geachtet (durchgezählt), dass ja kein Kind seine Eltern ohne eine Nachricht lässt.


Warum heißt denn der Ort so, wie er heißt?

Uns erscheinen beide Namen dieses Doppel-Ortes „Morgenröthe-Rautenkranz“ ungewohnt. Ungewöhnlich. Wie die Ansiedlungen zu ihren Namen kamen, hat man uns schnell erklärt.

Und das war damals ungefähr so:

Es war einmal ein Mann, der recht gern ein Hammerwerk am Flüsschen errichten wollte, um das aus dem Berg geförderte Erz zu pochen, fein zu zerstoßen. Dazu brauchte der Mann aber eine Genehmigung, „ein Privileg“ vom Sächsischen König, das man nur schwer, fast nur ausnahmsweise, erhalten konnte. Der Mann aber bat in artig gesetzten Worten sehr um das Privileg und erhielt es dann sogar für den Bau eines Hammerwerkes, nahe des Zusammenflusses der Zwickauer Mulde mit der Großen Pyra.

Aus untertänigstem Dank sann der Mann dann darüber nach, wie er zum Wohlgefallen des Königs das Hammerwerk und die umliegenden Häuser nennen könne und er verfiel auf den schönen Namen „Rautenkranz“. Das ist ein grünblättriger Kronenreif. Auch das Königlich-Sächsische Wappen trug diagonal eine Raute. Daher für die neue Ansiedlung nun dieser Name, der wohl dem König gefiel.

Aus solchen Gründen der Erzbearbeitung gibt es in der Nähe auch die Orte „Muldenhammer“ und „Hammerbrücke“. Mit dem im Bergwerk grob gebrochenen und nun fein zerkleinerten Erz geht es dann zur Verhüttung im Hochofen weiter, wo aus der Ader des Gesteins das Rohmetall erschmolzen wird. Dieses Roheisen muss aber dann in der Frischhütte erneut geschmolzen werden. Dabei wird frische Luft in den Schmelzofen eingeblasen und somit der Kohlenstoffanteil gesenkt. Erst jetzt lässt sich dieses Eisen schmieden.


Wie aber kam es zu dem Namen „Morgenröthe“? Dieser Name hängt ebenfalls eng mit dem Bergbau zusammen. Die erste Begehungsöffnung zur Schacht- und Stollenanlage, das so genannte Mundloch, das die Bergknappen nutzten, um in den Berg zu steigen, zeigte gen Osten. Wenn die Bergarbeiter aus der Nachtschicht, aus dunkler Bergeshöhle kamen, sahen sie zu bestimmter Jahreszeit froh und müde die Strahlen der rötlich aufgehenden Sonne.

Es ist noch heute so: Wenn man von Rautenkranz aus nach Süd-Osten schaut, sieht man den Ort Morgenröthe und dann tatsächlich auch manchmal die Morgenröte.

Den Ort schrieb man früher ganz normal mit „th“, wie auch Thier, Thür, Thor usw. – das hat man erst im Jahre 1901 mit einer Reform der Rechtschreibung geändert. Bei Eigennamen aber, bleibt die alte Schreibweise erhalten. Deshalb muss ich es mal so – und mal anders schreiben.

Der Rautenkranz und die rot aufgehende Sonne sind im Wappen des Doppelortes enthalten. Dazu auch noch ein Teil des Gezähes (des Bergmanns Handwerkzeug), hier bestehend aus Schlägel (oder Fäustel), Keilhammer (auch Bergeisen genannt) und der Schlacke- oder Frischegabel. Gutes, gepflegtes Handwerkzeug brauchte man selbstverständlich, um in den erzgebirgischen Stollen, im harten Eibenstocker Granit, das Erz per Hand abzubauen.


Diese Erzählung der Bergbaugeschichte erinnert mich deutlich an das vorige Jahr. Zwischen Januar und April 1958 drehten die Kollegen der DEFA bei uns in Babelsberg den Film „Der Lotterieschwede“. Gerade unsere Klasse wurde ausgewählt, um in den DEFA-Studios, im großen „Tonkreuz“ (so benannt nach der Form des Gebäudegrundrisses), für diesen Film das Bergmannslied „Glück Auf, Glück Auf, der Steiger kommt ...“ klar zu singen (ein Brummer musste ausgesondert werden). Wir hatten vorher dafür geübt und unser Klassenlehrer, Herr Donath, hat uns etwas mit dem Thema beschäftigt. Ja, das ist auch ein „Leib- und Magenlied“ der erzgebirgisch - sächsischen / vogtländischen Bergleute, ihrer Familien und auch von all den anderen, die sich mit ihrer Gebirgs-Haamit* verbunden fühlen. (*für unkundige Laien: das heißt „Heimat“).

Nun aber wieder zurück zum Aufenthalt im Heim:


Der Tagesablauf

Gegen 7.00 Uhr werden wir geweckt, dass heißt, es wäre wohl meist nicht nötig aber für uns gilt es zumindest als Signal zum Aufstehen. Dann waschen wir uns, machen die Betten. (Bitte recht ordentlich, Ecke auf Ecke, glatt gezogen und auch mal Hilfestellung für die Kleineren). Aufzuräumen ist nicht viel, aber umherliegen darf auch nichts. Dann sammeln wir uns, geordnet angestellt, vor dem Speisesaal, wo uns schon das leckere Frühstück erwartet. Ja, die guten Küchenfrauen werden schon eine reichliche Weile früher ihr Tagewerk begonnen haben, bevor wir aufstanden.

Nach dem Frühstück treffen wir uns zum Losgehen – auf unsere kleine Wanderschaft. Meist kehren wir mit einem Bärenappetit zurück und manchmal auch mit müden Füßen.

Etwa um 12.00 Uhr müssen wir zurück sein, denn zu dieser Zeit steht das schmackhafte Mittagessen für uns bereit.

Ungefähr zwei Stunden dauert die sich anschließende Mittagsruhe. Liegeruhe! Wir müssen nicht unbedingt schlafen, uns aber in den Betten ruhend und ruhig verhalten.

Ungefähr gegen 14.30 Uhr gibt es das kürzere, fröhliche Milchkafetrinken, wozu wir ein Stückchen Kuchen bekommen.

Und wieder steht eine rund dreistündige Freizeitbeschäftigung im Plan.

Pünktlich um 18.00 Uhr schreiten wir dann zur Abendmahlzeit. Zu den Schnitten gibt es meist Kräutertee. Darauf folgt das Waschen / Duschen, das Zähneputzen und anschließend geht es schon wieder „in die Federn“, denn wir sollen uns ausreichend erholen. In dieser Zeit können wir uns noch etwas unterhalten oder Fräulein Hennersdorf liest uns eine Geschichte vor oder die Erzieherinnen singen draußen im Flur etwas vom vogtländischen Volks- und Abendliedgut, wobei die Türen zu den Schlafräumen offen stehen, damit wir etwas davon haben.

Um 20.00 Uhr ist dann Nachtruhe. Zu dieser Zeit ist auch das Schwatzen einzustellen, weil für wichtige Mitteilungen ja auch am nächsten Tag genügend Zeit ist.


Unsere Wanderungen und Entdeckungen, die Spaziergänge und Besichtigungen

Eindrücke sammeln wir in den nächsten Tagen viele, denn das Wetter ist meist gut und Fräulein Hennersdorf erzählt und zeigt uns eine ganze Menge.

Wir gehen viel spazieren oder unternehmen größere Wanderungen auf Wald- und Feldwegen. Das Beste sind dabei für mich die kleinen, Bäche, deren Wasser bergab gurgelt, plätschert und über Steine springt. Zwischendurch probieren wir (mehr heimlich, denn die Gruppe zieht sich beim Wandern in die Länge), das Wasser mit den Füßen. Hui, ist das aber kalt. Eine Kostprobe, mit der hohlen Hand geschöpft, beweist, dass es wohlschmeckend ist. Kleine „Schiffe“ setzen wir aus, zu einer gefahrvollen Reise durch die Stromschnellen. Bei uns zu Hause geht so etwas in der Straße nur nach einem starken Regen sehr gut, wenn das schmutzige Wasser im Rinnstein zum Straßengully läuft. Hier aber geht das jeden Tag, ginge es auch jede Nacht, mit kristallklarem Wasser.

Wir besuchen natürlich auch die „Große Pyra“, begleitet sie doch, sich schlängelnd, auch die Straße zwischen Rautenkranz und Morgenröthe. Ihr braucht aber keine Angst um uns haben, denn die Große Pyra, das ist keine Schlange, wie man vermuten könnte, wenn sie auch von weit oben etwa so aussehen mag. Sie ist einer dieser größeren Bächle oder ein kleiner Fluss. Sie wird von der Natur mit der Zwickauer Mulde vereinigt.


Die Höhenzüge erreichen hier durchaus beachtliche Meterzahlen. Der Thierberg 785 m, der Aschberg im Süden sogar 936 m und der Königshübel soll etwa 888 m hoch sein. Das mit dem Hübel scheint aber hier wie eine untertreibende Bescheidenheit. Wenn schon König (er hat ihn ja nicht dort hingesetzt), hätte er wohl eher den Namen „Großer Königsberg“ verdient. Nur sehen wir das nicht so genau, weil uns ja der Vergleich zur Meereshöhe fehlt – aber wir können ja nicht zur gleichen Zeit ...

Wir wandern in Richtung Wilzschmühle und Blechhammer, auch in Richtung Frischeberg, umrunden die Kirche im Ort, besuchen den Stauweiher sowie den Zinnberg. In den Norden geht es beispielsweise zum Zinsbach und zum Katzenstein. Schauergeschichten gibt es über Hochmoore und Menschen, die darin versanken – doch ich wette, Fräulein Hennersdorf weiß noch mehr darüber, als sie uns erzählt. Das wäre vielleicht auch für die Jüngeren in unserer Gruppe nicht so gut. Na ja.

Die Kleinbahn ist hübsch anzusehen. Solche kleinen Dampflokomotiven wurden auch bei uns in Neuendorf und Drewitz (Orenstein & Koppel) und später im VEB Maschinenbau „Karl Marx“ in Babelsberg auf dem gleichen Betriebsgelände gebaut (dort aber natürlich auch die riesengroßen Schnellzuglokomotiven der 01er bis 03er-Baureihe).

In Morgenröthe gibt es die Eisengießerei mit dem gewaltigen Hochofen. Hier wurden früher sogar Kirchenglocken aus Eisen gegossen, „nach einem Geheimrezept“ aus Eisenschmelze mit verschiedenen Zusätzen, ein „Klanghartguss“, der wohl den alten Bronzeglocken in der Schönheit des vollen Tones in nichts nachstand und sich außerdem viel preisgünstiger stellte. Sonst waren die Glocken ja früher eher aus Bronze, einem Schmelzgemisch (einer Legierung) aus Kupfer und Zinn. Wir betrachten die Cotta-Tanne (benannt nach dem großen Forst-Forscher) und lernen, die Unterschiede zwischen Fichte und Tanne zu erkennen (wusste ich schon). Es gibt auch einen Cotta-Felsen zu seinem Andenken. Ein weiteres Ziel ist die Radon- oder auch Radiumquelle, über die man viel Heilsames hört. Wir aber sind ja hier nicht zu einer Trinkerkur angereist. Das Schlucken der Radioaktivität (oder wie das heißt) ist wohl sowieso mehr 'was für Erwachsene (ich hörte darüber schon früher mal etwas in einem Vortrag über Bad Brambach).


Nach dem Frühstück, vor den Wanderungen, achtet Fräulein Hennersdorf auch darauf, dass unsere Schuhe pflegend gefettet sind und wir ordentlich aussehen. Das klappt meist, denn wer möchte schon neben ihr unordentlich „abstechen“? Nach den Wanderungen, vor dem Essen, schaut sie auch mal bei einigen von uns, „bei ihren Pappenheimern“, ob die Fingernägel keine Trauerränder aufweisen. Zwar hat sie, was man von ihrem Beinamen (Fräulein) ja vermuten kann, noch keine Erfahrung mit eigenen Kindern aber dafür ist sie immerhin Erzieherin und kommt mit der Horde ganz gut klar – besser wahrscheinlich, als manche Eltern es verstehen. Und ihre eigenen Fingernägel sehen immer schneesauber aus. Na ja, sie macht schließlich auch keine dreckigen Arbeiten, gräbt auch auf den Wanderungen keine interessanten Steine mit den Fingern aus.


Kulturelle Erlebnisse

Heute wird von uns allen ein Gruppenfoto gefertigt, damit wir bis zum Lebensende eine lebendige Erinnerung an diese schöne Zeit in den Händen haben.


An einem der Abende sehen und hören wir einen farbigen Lichtbildervortrag über andere Gegenden des Vogtlandes, in die wir jetzt nicht kommen, denn dazu ist das Land zu groß – es gibt nämlich das Vogtland sowohl in Sachsen, als in auch in Thüringen und früher konnte man im Süden (also inzwischen im Westen liegend) auch das bayerische Vogtland erreichen. Es soll sogar in der Tschechoslowakei (CSR) auch noch ein Vogtlandteil geben, mit hübschen böhmischen Dörfern.

Also: Beim Dia-Vortrag wurde uns außer der Landschaft so einiges gezeigt über die Musikinstrumentenherstellung in Klingenthal und über das komplizierte Klöppeln der Plauener Spitze. Wir erhielten Einblicke in die Kunst der erzgebirgischen feinen Schnitzereien, in die Drechselkunst, sahen Laubsägearbeiten und manches mehr.


Besuch kam heute aus Lauscha, einem Ort in Thüringen. Nein, in diesem Ort werden keine Hörhilfen hergestellt. Dort liegt viel Schnee, vernahmen wir. Aber jetzt ist August. Es kam ein Kunst-Glasbläser, früher ein recht ungesunder Beruf, wie wir hörten. Der Herr brachte zierliche Tierchen aus dünnem Glas, in allen möglichen Farben, mit und blies auch einige vor unseren Augen. Künstliche Augen hatte er, für uns nur so als Anschauungsmaterial, auch im Gepäck. Das Auge ist größer, als man denkt. Solch eines erhielt Onkel Toni, nach seiner Verletzung durch den Granatsplitter. Heute müssen schon nicht mehr ganz so viele Augen hergestellt werden, wie damals nach dem Krieg, und das ist gut so. Und Glasbucker, Kugeln mit bunten spiraligen Fäden, macht der Kollege auch, das ist aber einfacher, als ein Auge. Diese Glaskugeln bläst er aber keinesfalls, die sind massiv, kommen von der Stange. Kleine Mühlen im Glas hatte er ebenfalls dabei, mit schwarzen und blanken Flügeln, die sich im Sonnenschein hurtig drehen.

Interessant sind unsere Besuche in der Heimatstube und im alten Bergwerk gewesen. Eine sehr harte Handarbeit, außer der kleinen Funzel, in ständiger Dunkelheit, bei staubiger Luft.


Anfangs hatten zwei von uns, also von den Kleineren, Heimweh, aber mir ist es eher mulmig, da nun schon das Bergfest vorbereitet wird. Zum Üben (für die kommenden Feste) wird die Bühne des Speisesaales fast jeden Tag benutzt. Bei Fräulein Hennersdorf lernten wir schon bald zum Beginn unseres Aufenthaltes die „Vogtländische Nationalhymne“ „Der Vugelbeerbaam“ und jetzt, da wir auf das Erntefest zusteuern, das Handwerkerlied: „In Waage und Winkel und Lot steht das Haus ...“ und „Beim Kronenwirt ...“, sowie auch: „Es hat ein Bauer ein schönes Weib ...“, wovon wir dann zum Fest auch etwas vortragen.

Erntefest ist im Dorf und dort eine Art Fahnenmast oder künstlicher Maibaum (also jetzt, im Hochsommer) aufgestellt. Ein frohes Treiben. Einige Buden mit Speis und Trank. Wir üben uns im Vogelschießen mit der Armbrust und Pfeilen, vorn mit Gummisaugpuffer, damit ja nichts in Auge gehen kann. Das Ziel ist sowieso ein aufgestellter Adler aus Pappe mit Pappfedern, die er auch mal verlieren soll, wenn sie getroffen werden.

Zwischendurch aber ruhen wir uns auch mal bei gemeinsamen Spielen aus. Halma, Dame, auch „Mensch ärgere dich nicht“, „Mau, mau“, Bauwerke errichten wir, usw. Einer der Jungen hat ein kleines Westauto zum Aufziehen bei. Man kann machen, was man will, es fällt nie vom Tisch hinab, sondern es stoppt an der Tischkante und wechselt von alleine die Fahrtrichtung. Interessant anzusehen aber ich brauche das nicht unbedingt, denn auf Dauer wird es langweilig. Dann wieder eine Schreibzeit, denn ich freue mich ja auch, wenn ich alle zwei, drei Tage Post erhalte und so sollen Mutti, Vati, Anne und Jörg auch lesen, was wir hier alles erleben und Struppi spitzt gewiss auch aufmerksam seine Ohren.


Und schon naht das Ende unserer Erholungszeit

Kurz vor der Abreise kommt der Fotograf, wieder mit Baskenmütze und brauner, abgegriffener Aktentasche, und bringt die Fotos mit. Hat er gut gemacht. Wir sehen alle ziemlich echt aus. Mutti wird sich freuen, denn ich habe extra den Hemdkragen aufgemacht (so wie auf den Schiller-Bildern), „damit auch ja genug frische Luft an den Körper kommt“, wie sie sagt. Davon ist hier zum Glück reichlich vorhanden.

Einer von uns hatte kein ausreichendes Taschengeld mitbekommen können, da haben wir für ihn diese Pfennige für das Bild untereinander gesammelt. Mein kleiner Geldvorrat reichte gut, weil ich keine weiteren „Andenken“ kaufte und Briefpapier und das Porto von zu Hause mitgebracht hatte (Marken jeweils 10 Pf. für die Ansichtskarte, 20 Pf. für den Brief. Wir haben jetzt die blauen 10er Marken mit den Arbeitern drauf und dem Fünf-Jahr-Plan-Emblem).


Vor kurzem kamen wir hier an, erlebten viel, und schwupps, steht uns schon wieder die Abreise bevor. Das Abschiedsfest findet natürlich im Speisesaal statt und jede Gruppe hat ein kleines Programm eingeübt. Es klappte bei uns recht zufriedenstellend.

Nach dem Abschied und auf der Rückfahrt ist es erst mal stiller. Viele hängen ihren Gedanken nach – aber natürlich freuen wir uns auch schon auf unser Zuhause.



Danke für das Umsorgen bei unserem Aufenthalt, liebes Heimpersonal!

Auf Wiedersehen – schönes Rautenkranz!



Gewiss wird unser Klassenlehrer, Herr Donath, wieder einen Aufsatz schreiben lassen – „Mein schönstes Ferienerlebnis“. Das wird für mich nicht schwierig sein – hoffentlich finde ich dabei ein Ende.



- Ende -



Einige Nachworte:

Mit dem Eintritt in das Rentenalter, beginnt das damalige Kur-Kind Christoph seine Lebenserinnerungen aufzuschreiben. Dazu gehört auch der vorstehende kleine Bericht, der nun erst nach über einem halben Jahrhundert entstand. Manches ist in jener Zeitspanne in der Erinnerung verblasst, anderes steht noch deutlich vor Augen. Der Autor denkt jedoch, dass er das Wesentliche hinreichend richtig wiedergegeben hat.

Seine Anfrage an den Heimatverein in Morgenröthe-Rautenkranz im Januar 2011, beantwortete Herr Konrad Stahl freundlich und ausführlich. Er sandte auch die Kopien der Ansichtskarten des Heimes, das Bild des früheren Wappens und sah den Textentwurf durch, den er um einige Informationen ergänzte. Seine Unterstützung war für den Autoren eine wertvolle Erinnerungshilfe. Dafür sei ihm an dieser Stelle noch einmal herzlich gedankt.

Dem Schüler Christoph ist zur Zeit seines Aufenthaltes im Jahre 1959 nicht bekannt, dass Rautenkranz keine vier Kilometer entfernt vom Kindererholungsheim Grünheide liegt – wo er sich im Jahre 1955 aufhalten durfte. (Dem Schularzt deuchte es wohl, dass der vorherige Kur-Erfolg noch nicht ausreichende Früchte getragen hatte).

Der dreiwöchige Aufenthalt in Morgenröthe-Rautenkranz war für Christoph und ungezählte weitere Kinder eine Zeit schöner Erlebnisse.

Weltbekanntheit erlangt dieser Ort aber 20 Jahre später, als Heimatort des Kosmonauten der DDR, Sigmund Jähn, wo er Anfang des Jahres 1937 geboren wurde. So ist der Ort mit dem Raumfahrtzentrum schon wieder um eine Attraktion reicher.


Besucht doch Morgenröthe-Rautenkranz auch einmal – es lohnt sich bestimmt!















Christoph Janecke, Potsdam, 13. Februar 2011. E-Mail-Anschrift: christoph@janecke name