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Carl Heinrich Franz Runge

11. Mai 1846 - 19. Januar 1936

geboren in Berlin, zeitweilig gelebt auch in Nowawes, in Neuendorf bei Potsdam und gestorben in Berlin.

Der Alltag und einige Merkwürdigkeiten im Leben von mir,

 

meiner ersten Ehefrau

Marie Josephine Glaeser

15. Februar 1845 - 27. Juli 1901

geboren in Hamburg, gelebt auch in Berlin, gestorben in Neu-Weißensee bei Berlin,

 

meiner zweiten Ehefrau

Anna Luise Ulrich, geb. Schütte

28. Mai 1865 - 29. März 1946

geboren in Stüdenitz, gewohnt in Berlin, in Neuendorf bei Potsdam und wieder in Berlin. Dort auch gestorben,

 

und meiner zeitweiligen Lebensgefährtin

Maria Zborowski

in Berlin

 

Ein Beitrag zur Familienforschung und Heimatgeschichte

Autor und Kontaktpartner für Fragen, Meinungen oder Hinweise: Christoph Janecke.

E-Mail: christoph@janecke.name

Bei den oben Genannten handelt es sich um die Generation der Urgroßeltern des Autors. Wenn du Interesse hast, mehr darüber zu lesen, was sich in dieser Zeit im Leben der Menschen abspielte, so sieh’ bitte auch in die Dokumentationen „Zeitgeschichte“ und „Zeitgenossen“.

Zu dem hier vorliegenden Text besteht beim Autor ein personen- und ortsbezogenes Bilderbuch.

Momentaner Bearbeitungsstand: Dezember 2008

 

Eins zu sein, mit allem was lebt, das wäre der Himmel des Menschen.

In seliger Selbstvergessenheit wiederzukehren ins All der Natur, das ist der Gipfel der Gedanken und Freuden. (nach Friedrich Hölderlin)

 

Franz Runge teilt uns mit:

Heute, am Sonntag, dem 19. Januar 1936 endet mein Leben im Charlottenburger Heim, im Städtischen Bürgerhaus, wegen meiner fortschreitenden Altersschwäche. Nun ja, zwar wollte ich hier mein Dasein gern mit einer „90“ (mit Eichenlaub) eher abrunden als krönen, es hat aber nicht sollen sein. Meine inzwischen schon 22jährige Enkelin Anne Marie Sommer (in Nowawes) hat es übernommen, die Benachrichtigungen über mein Erden-Ende an Freunde und Bekannte zu schreiben. Viele sind es nicht mehr, die meisten sind vor mir abberufen worden. Deshalb kann es nicht mehr viele freuen. Manche werden zeitweilig ein Gedenken an mich bewahren.

Am 24. Januar trete ich, nun schon der Bürde des Alters ledig, in Ruhe und mit Leichtigkeit die letzte Fahrt an - zum Krematorium in der Gerichtsstraße am Bahnhof Wedding. Erhalten bleiben werde ich ohnehin nur im Geiste, falls sich noch jemand für den alten Franz interessiert, der ernst und lustig gelebt hat, arbeitsam und über lange Zeiten mit Alltagssorgen belastet. Mein Urenkel Christoph (der ja erst in einem Jahrzehnt geboren wird) wird alles das, was meine Enkelin Anne-Marie aufbewahrte, zusammenhalten und auch verschiedenes von Nachkommen und aus Archiven zusammensuchen – ein Stückchen meines Lebens aufschreibend nachgestalten. Dass es nur ein Stückwerk sein kann, wissen wir alle. Trotzdem: Frisch auf! Das aber wird eben erst später sein, so dass ihr es im nächsten Jahrtausend lesen könnt – wenn ihr mögt.

 

 

Und so begann damals alles:

 

Mein Geburtsjahr 1846

Im schön sonnigen und warmen Monat Mai, im Wonnemond, genauer gesagt am Montag, dem 11.05., wurde ich am Abend gegen 9 1/2 Uhr, in den Wohnräumen meiner Eltern im Hause Berlin, Linienstraße 48 geboren.

Meine Eltern, das sind der Zimmermann Erdmann Daniel Franz Runge, der am 07. September 1815 in Schildow bei Schönerlinde geboren wurde und den Beruf des Zimmermanns ausübt sowie seine Ehefrau, Johanne Friederike Henriette Ehm, die am 16. Januar 1812 in Rheinsberg (Mark) geboren wurde. Meine Eltern hatten am 16. Januar 1841 in der Berliner Sophienkirche geheiratet, ein Geburtstagsgeschenk für meine Mutter. Eine Doppelfeier stand also damals an.

Neugierig warten schon meine beiden älteren Geschwister auf mich. Das sind: 1. Wilhelm Carl Franz (geboren in Berlin am 01. September 1841) und 2. Therese Auguste Albertine (geboren am 10. Juli 1843).

So richtig amtlich wurde meine Anwesenheit auf dieser Erde dokumentiert – als der 507. Täufling des Jahres 1846 in der Sophienkirche zu Berlin, im dicken Kirchenbuch auf der Seite 242 vermerkt. Das war an dem Tage, als ich am 31. Mai im Taufkleidchen von der Mamá stolz über das Taufbecken gehalten und mit einigen Spritzern des kalten Taufwassers, aus der hochbarocken Schale, gespendet von Herrn Prediger Ideler, (also, nur das zuerst genannte) in die Gemeinschaft der evangelisch Gläubigen aufgenommen wurde.

Als Gevattern standen den Eltern und mir zur Seite: 1. Herr Zochaw, Zimmergeselle, 2. Herr Müller, Zimmergeselle und 3. Herr Schulz, Maurer. Sie alle gelobten, mein Wachsen in gut christlichem Sinne begleiten zu wollen, mein Wohl, wenn nötig auch mein Wehe, im Auge zu behalten und wahrscheinlich auch, mich auf den rechten Weg ihres Lieblingshandwerks zu führen.

 

1848

Mein jüngerer Bruder Louis Emil Martin, das vierte Kind in unserer Familie, wird

am 22. September 1848 geboren.

 

1850

August Oscar Daniel heißt das 5. Geschwisterkind, am 03. August 1850 geboren.

 

1851

Anna Berta Ida, so nennen meine Eltern das 6. Geschwisterkind in unserer Familie, von dem am 07. November 1851 bei uns zu Hause meine Mutter entbunden wurde.

 

1852

In dieses Jahr fällt die Zeit meiner Einschulung.

 

1853

Das 7. Geschwisterkind unserer Berliner Runge-Familie ist Adolph Otto Emil, geboren am 06. April 1853.

 

1856 - ich begehe meinen 10. Geburtstag.

Das 8. und damit letzte Geschwisterchen, geboren am 22. Januar 1856, erhält die Namen Richard Paul Rudolph.

(Anmerkung: Über die Lebensläufe dieser sieben weiteren Geschwisterkinder des Carl Heinrich Franz Runge ist uns noch nichts bekannt geworden).

Das Jahr 1860 – ein großes Jahr

In diesem Sommer erhalte ich die Einsegnung und beende den Besuch der Volksschule. Natürlich weiß ich aber auch, dass das Lernen für das Leben weitergeht und beginne das edle Zimmerhandwerk zu erlernen, trete also in die beruflichen Fußstapfen meines Vaters und meiner Paten.

 

1861

Von nun an werde ich euch zwischendurch auch einige Dinge erzählen, die sich in meiner Stadt Berlin oder in der großen, weiten Welt zutragen. Zum Beispiel dieses:

Der König ist tot. Es lebe der König! Am 02. Januar ist Wilhelm IV. verschieden. Sein jüngerer Bruder Wilhelm, der aber auch schon ganz schön alt aussieht, wird nun unser Monarch.

Herr Philipp Reis bastelt das erste brauchbare Telefon zusammen. Die Stimmen sollen sich recht komisch anhören. Wer solch ein Ding hat, kann sich viele Wege sparen – wenn jener, von dem er etwas möchte, auch solch einen Apparat angeschafft hat.

 

1862

Der Otto v. Bismarck wird Ministerpräsident. Er will vor dem König mit eisernem Besen einhergehen und die groben Arbeiten erledigen.

Ein neues Dampfschiff schafft es, die USA in acht Tagen zu erreichen.

Von und auch nach Berlin führen jetzt sieben Eisenbahnlinien, deren Gleise aber vor den Stadttoren in den Kopfbahnhöfen enden. 42 Züge verlassen täglich die Hauptstadt.

 

1864

Meine Lehrzeit schließe ich erfolgreich mit der Gesellenprüfung ab, werde frei- und losgesprochen und erhalte den Lehrbrief.

 

Durch einen schnellen Krieg hat unser Preußenland Schleswig-Holstein gewonnen. Um genauso viel ist Dänemark nun kleiner geworden.

 

1865

Der USA-Präsident Abraham Lincoln wurde ermordet. Als Strafe für den Sieg seiner Armee über die Südstaaten und weil er die Sklaverei abgeschafft hat.

Durch das Wasser wird von Europa nach Amerika ein Kabel gelegt, um sich besser schreiben und sprechen zu können. Ein unheimlicher Aufwand. Es reißt auch mal die Leitung wegen großer Tiefen und das hohe Eigengewicht des Kabels. Ja, meine Lieben, mit einfachem Zusammenknoten ist es da nicht getan.

 

1866 - Ich vollende mein 20. Lebensjahr.

Ein rechtschaffener Zimmergeselle bin ich und werde noch als Spund behandelt. Beschimpft mich doch heute auf offener Straße ein alter Herr und will handgreiflich werden und einen Schutzmann rufen lassen, weil ich, als wohl noch nicht einmal Großjähriger, meine Zigarre rauche. So war ich genötigt, dem Menschen meine Personenidentifikation mit Eintragung meiner Profession unter die Nase zu reiben. Er stammelte seine Entschuldigung mit Bücklingen und Rückziehern sowie dem geräusperten Bemerken, „das ich in meinem Alter noch so herrlich jung aussähe – nur daher solch ein peinliches Versehen“. Eine fast friedliche Zeit also im Kleinen. Ansonsten gibt es nichts zu lachen. Wir sind schon wieder im Krieg. Preußen und Österreicher haben sich ein Schlachtfeld in Thüringen bei Bad Langensalza ausgesucht, um die Vorherrschaft in Europa zu klären.

Die Medizin macht Fortschritte, um faulende Wunden und Tod zu vermeiden. Bei manchen Ärzten wird neuerdings alles „desinfiziert“, werden Krankheitskeime abgetötet. Das ist nicht nur für die Soldaten wichtig, sondern beispielsweise auch bei uns auf dem Bau – bei Arbeitsunfällen, beispielsweise.

1867

Die USA hat viel Geld. Sie kauft dem russischen Zaren das riesige Land „Alaska“ ab – für etwas mehr als 7 Millionen Dollar.

 

1869

Schon wieder Neuigkeiten aus Thüringen. In Eisenach gründen August Bebel und Wilhelm Liebknecht die Sozialdemokratische Arbeiterpartei.

 

1870

Damals, auf der Wanderschaft, hatte ich in Hamburg Marie Josephine Glaeser kennen gelernt. Sie ist die Tochter eines Maurermeisters, dessen Vorväter im Thüringer Schiefergebirge und dort im Ort Lehesten beheimatet waren. Er zog wohl von diesem mittelhohen Gebirge an die platte See, weil er meinte, dort würde ohnehin mehr gemauert. Maries Mutter, das ist Johanne Magdalene Caroline, eine geborene Fohrmann, stammt hingegen aus Celle.

Ja, ja, die schöne Zeit der Wanderschaft – vorbei ist sie längst.  Heute bin ich nun Zimmermeister und in eigener Verantwortung tätig. Nun habe ich die Marie wiedergesehen. Na, ihr wisst, eine Schönheit ist sie nun gerade nicht - also, ich darf das nicht verallgemeinern und sage, dass sich diese Feststellung nur auf die unverhüllten Linien bezieht, die ihr Gesicht zeichnen. An diesen herbstlichen Abenden aber dunkelt es ohnehin früher. Sie ist immerhin mit einnehmender Stärke an mir interessiert, und, wie soll ich es sagen, wir sind uns durchaus auch recht zu Willen und lernfreudig, so dass es eines anbahnenden Vermittlers für unser Zusammenkommen keinesfalls bedurfte. Und ich bin gesund und kräftig. Zumindest haben wir mal alles schön probiert, bis ich dann wieder in die Berliner Metropole zurückziehen musste.

Eine kleine Weile der Zeit vergeht.

Ach, du lieber Schreck. Unerwartet kommt lieber Besuch. Neueste Nachrichten aus dem Norden? Die Marie Josephine vonneer Küs-tee s-teht vor der Türe und eröffnet mir, dass ich ein versehentlicher Erzeuger neuen Lebens bin, aber nun nachträglich zum geplanten künftigen Vater avancieren soll, und brachte auch die nachdrücklichen Grüße ihres Herrn Papá mit. Hui, das war vielleicht ein Schlag ins Kontor. Sie wollte aber partout jetzt keinen echten Zimmermannsschnaps auf diesen Schreck, sondern sich nur „mit klaren Fronten“ begnügen. Schuld an dem Schlamassel bin ich selber. Ich hatte mich nicht gut genug informiert. Der Name „Josephine“ bedeutet im Hebräischen „Gott möge vermehren“ und dieser Name wurde wohl von oben als Wunsch missdeutet und viel zu schnell erhört.

Als meine Eltern von diesem neuen Lebensabschnitt hörten, appellierten sie natürlich recht energisch an mein Verantwortungsbewusstsein hinsichtlich der Konsequenzen. Ist ja alles zu verstehen: Meine Mutter kam als uneheliches Kind auf die Welt, gezeugt von einem Rheinsberger Schneiderlein im schönen Boberower Walde. Und sie wünscht natürlich sehr, dass es ihren Kindern und Enkelkindern einmal besser ergehen soll.

Kurz: Am 20. und 27. November und nochmals am 4. Dezember 1870 wurde unsere als dringend angesehene Heiratsabsicht öffentlich in der Sankt - Marcus - Kirche zu Berlin (an der Großen Frankfurter Straße / Ecke Wassermannstraße) aufgeboten; ebenso in der stolzen Hansestadt Hamburg proklamiert. Und in diesen beiden Städten, die ja so sehr viele Einwohner haben, fand sich niemand, kein Einziger, der Einwände gegen eine Verbindung zwischen Marie und mir hat vorbringen wollen. Selbst an der See – kein Rettungsanker – ich schicke mich also hinein.

Ja, und so kommt es nun, dass wir nach dem Höhenflug des äußeren und innerlichen Kennenlernens am Sa., dem 17. Dezember, mitten im Krieg, von dem man hier nicht viel merkt, gemeinsam vor dem Traualtar des Friedens stehen, uns das „Ja-Wort“ geben und die Ringe tauschen. Darüber berichtet das Kirchenbuch von St. Marcus unter Nr. 561 des Jahres 1870 auf Seite 186 (mein Gott – so oft findet dieser Akt statt), eingetragen vom guten Prediger Hentschel. Marie ist jetzt 25 Jahre jung (geboren wurde sie am 15. Februar 1845, als zweite Tochter und gleichfalls viertes Kind des Maurermeisters Glaeser un siner leewen Fru), ich bin noch 24 Jahre alt.

 

Ja, wir als Preußen schon wieder im Krieg, diesmal gegen Frankreich. Also, die Franzmänner haben ihn uns erklärt (wie sich das anhört), nachdem Bismarck sie dazu gereizt hatte. Als Absender des Zankapfels, dieser Emser Depesche nach Paris, hatte er aber natürlich den König gewählt. Am 02. September fand die verlustreiche Schlacht bei Sedan statt, aus der Preußen siegreich hervorging.

 

1871

Und so gewannen wir dann schon wieder einen Krieg, den viele Soldaten auszubaden hatten. Unser König erhält die Kaiserwürde – am 18. Januar. Die Krone wird ihm aber nicht etwa in Berlin oder in Potsdam aufs Haupt gedrückt, nein es wird ein Ausflug bevorzugt, um dieses Fest im gerade niedergerungenen Frankreich zu feiern. In dessen Residenz. Im Schloss Versailles. Das ist schon mehr als eine starke Geste.

Aber immerhin sind wir nicht mehr nur Preußen, sondern (noch ungewohnt) das Deutsche Reich. Das zweite Reich sozusagen, denn ein Deutschland unter Kaisern gab es ja schon einmal im Mittelalter, allerdings damals noch mehr römisch und auch recht heilig. Nun wird auch eine neue Währung eingeführt. Ein etwas komischer Name: Die „Mark“ zu einhundert Pfennigen. Taler, Groschen und Sechser des Nordens gelten von nun an ebenso wenig, wie im Süden die bisherigen Gulden und Kreuzer. Die Zukunft wird wissen, dass dies bis zum Ende des Jahres 2001 auch so bleibt.

Von diesem Jahr an gibt es Korrespondenzkarten. Man braucht keine Briefe mehr zu falten – jeder kann alles lesen.

 

Marie gebar dann, wie etwa vorauszusehen, am 16. Juli unser erstes, ja schon ein bisschen bekanntes Liebes-Kind, das am 24. September in der St. Marcus-Kirche getauft wird und das wir Carl nennen. Carl Robert Franz Runge. Ein schöner Name. Alt und deutsch. Die Taufzeugen sind: Carl Götte, Herr Kläpius, Herr Kufstaedt, Robert Hass und Fräulein Johanne Göcking.

Ja, ja, später merken wir, dass er von uns beiden Elternteilen etwas mitbekommen hat. Von Marie die Liebe zum Meer (das ist auch sicherer), denn er wird Seemann, von mir die Freude am Handwerk. Er wird im Elektrofach lernen.

 

Da wir, wie geschildert und leise verraten, gut in Übung sind, erweitert sich unsere Familie in den Jahren um einige Mädchen. Eigentlich sollte ein Junge dabei sein, damit ich mal wieder den ehrenvollen Namen „Franz“ einstreuen kann. Mal sehen, wie es sich gestalten lässt.

 

1872

Am Mittwoch, dem 24. Januar, erlischt das Lebenslicht meiner Schwiegermutter Johanne Magdalene Karoline Glaeser, geborene Fohrmann, in der Seestadt Hamburg. Sie wurde 68 Jahre alt. Im Kirchenkreis St. Pauli findet sie ihre letzte Ruh’.

 

1873

Unsere Johanna Wilhelmine Marie wird am 11. März 1873 geboren.

 

In Berlin beginnt man die Abwässer zentral zu erfassen. Vorerst werden in den Straßen Kanalisationsleitungen verlegt und in den Häusern, oft auf den Treppenabsätzen Klosetts installiert. Nun werden die Straßen sauberer und der Beruf der Emmas, die bislang in der Nacht die Geschirre leerten wird wohl aussterben. Der alten Methode wird wohl niemand eine Träne hinterher weinen.

 

1874

Von dem nächsten Mädchen wurde Marie am 04. Juli entbunden. Marie steuerte die Namen Henriette und Bertha hinzu und ich wählte den Hauptnamen Franziska aus. Na, geht doch.

1875

Bertha! Das „Licht der Welt“ sah die Kleine erstmals am 19. September 1875. Bertha wird in unserer Erinnerung ewig die Kleine bleiben, denn sie stirbt am Ende ihres ersten Lebensjahres, im Oktober '76.

 

Unser Preuße Heinrich Schliemann hat sich die Aufgabe gestellt, im osmanischen Reich die fast vergessene, sagenhafte Stadt Troja zu finden und auszugraben.

 

1876

Es kommt schon etwas überraschend: Ich werde plötzlich 30 Jahre alt. Wir wohnen in der Greifswalder Straße 9. (E!). Dieser Buchstabe, bitte, steht für Eigentümer. Wir sind inzwischen schon ein bisschen „Wer“!

Tief betrübt hat uns, wie ihr es euch vorstellen könnt, das Ableben unserer kleinen Bertha.

 

Der Erfinder Nikolaus Otto stellt einen Viertakt-Benzin-Motor vor, der im Austausch zu den Pferden vor die Kutsche gespannt wird.

 

1877

Gemeinsam mit dem befreundeten Zimmermeister Friedrich Wilhelm Julius Schmidt kaufe ich ein Haus in der Stralauer Straße No. 49. Nicht, um da zu wohnen - wir denken, diese Anlageform des Geldes wird sich mit den Mieteinnahmen günstig entwickeln. Dieses Haus ist ein altehrwürdiger Bau. Er wurde anno 1690 als Wohn- und Brauhaus errichtet und später mit einem Seiten- und Quergebäude auf dem Hofe und auf der Wiese erweitert. Ein Gang am Hause führt zur Spree hinunter. Es ist ein schönes Wassergrundstück. Wie ein „Filet“ nimmt es sich zwischen den Nachbarflächen aus.

 

Dieser Tage wurden von der Postverwaltung die ersten beiden Telefonanschlüsse fest miteinander verkabelt. Wenn das Mode wird, wird ja die Luft über einigen Straßen wie Spinnengewebe aussehen – oder wie?

 

1878

In Hamburg, im Kirchenkreis von St. Pauli, stirbt nun auch mein Schwiegervater, der Maurermeister Johann Christoph Glaeser, am 19. September, 74 Jahre alt.

 

Zwei Attentate auf den Kaiser sind in Berlin zu beklagen, doch er ist diesen nicht zum Opfer gefallen.

 

1879

Berlin macht wieder von sich reden: Siemens und Halske bauten die erste kleine elektrische Lokomotive der Welt. Jene bekam Wägelchen angehängt und so zuckelt der Zug mit den Besuchern der Gewerbeausstellung durch das Schaugebiet. Siemens beleuchtete auch versuchsweise die Leipziger Straße elektrisch.

 

1880

Unser Töchterchen Anna Margarethe wird am 05. Januar geboren.

 

Seit einem Jahrzehnt bin ich nun Zimmermeister. Ihr müsst euch das anders vorstellen, als ihr viel später Geborenen das Kennengelernt habt. Zu meiner Zeit errichtet ein guter Zimmer-Meister oder ein Maurer-Meister die Gebäude komplett. Vom Grundstückserwerb begonnen, über die Gebäudeplanung, das Verfassen der Entwürfe. Dazu gehörend die Baubeschreibungen, alle Finanzierungs- und Materialzusammenstellungen, die Statischen Berechnungen, das Abstimmen aller Gewerke untereinander, die handwerkliche Ausführung - dafür stand letztlich ein Mann. Also: Maurer-Meister oder Zimmer-Meister bauen diese herrlichen Wohnhäuser. Große Ingenieur- und Architekturbüros (wie sie später in eurer Zeit, in hundert Jahren, üblich sind), in denen immer einer ein bisschen was vom Ganzen versteht und bearbeitet, sind uns nicht geläufig. Selbst Wenzeslaus v. Knobelsdorff und Karl Friedrich Schinkel trugen vorerst den schlichten Titel „Baumeister“ und waren doch auf der ganzen Linie, allumfassend, einfach genial.

 

Wissenschaftler der Medizin entdeckten verschiedene Bakterienarten, die für übertragbare Krankheiten verantwortlich sind. Und verantwortlich fühlen sich manche Wissenschaftler für die Suche nach Mitteln und Methoden, um diese Krankheitserreger zu bekämpfen.

 

1881

Zar Alexander II von Russland stirbt nach einem speziell auf ihn abgezielten Bombenattentat.

Doch das Leben geht weiter. Siemens und Halske stellen nun die erste elektrische Straßenbahn der Welt vor. Diese Linie führt vom Bahnhof Lichterfelde-Ost zur Hauptkadettenanstalt (und zurück). Mit 40 km/h braust sie davon. Vollbeladen. Später im regulären Betrieb darf sie nur halb so schnell sein. Wie sollten sonst Pferdefuhrwerke oder Passanten so schnell auch ausweichen?

Das Berliner Telefonnetz besitzt inzwischen 99 Anschlüsse. Es gibt dazu das Begleitbuch der 99 Namen mit einer ausführlichen Benutzungsanleitung.

 

1882

Ernst v. Bergmann, der berühmte Arzt bringt Trapp in seine Kollegenschaft – zumindest in jene, die ihm untersteht (andere belächeln ihn noch nachsichtig). Er fordert von jedem Arzt, sich vor der Behandlung die Hände zu waschen. Er verbannt die schwarzen Fracks aus den Krankenhäusern, die vom Fleiß ihrer Träger künden, wenn sie steif stehen von getrocknetem Blut und Eiter. Er führt helle waschbare und desinfizierbare Kittel und Schürzen ein und hat damit gute Erfolge. Wunden heilen besser. Wesentlich weniger Verletzte sterben in seiner Einrichtung.

Versuchsweise beginnt man das holprige Straßenpflaster mit einer Schicht heißen Asphalts zu überziehen, der eine schöne, glatte Oberfläche ergibt.

Siemens & Halske lassen in Berlin einen elektrischen Oberleitungsbus fahren – mit gutem Erfolg (besonders auf dem Asphalt sind die Holzspeichenräder mit den Eisenreifen leise).

 

1883

Es stirbt am 31. Januar nun auch mein Vater, der Zimmermann Erdmann Daniel Franz Runge, im Alter von 67 Jahren, in seiner Wohnung in Weißensee, Falkenberger Straße 32. Wir tragen ihn am 04. Februar zu Grabe. Im Kirchenbuch findet man die pfarramtliche Eintragung unter der Nr. 7 / 1883.

 

Die Welt wird erschüttert von des Ausbrüchen des Vulkans Krakatau in Indonesien. Die Berichte sprechen von grausamen Auswirkungen. Allein schon die Druckwelle konnte auf der gesamten Erde gespürt werden.

 

1884

Deutschland wird Kolonialmacht, so wie der Kaiser es immer wollte.

 

1885

Unser zweiter Sohn schließt nach den Mädchen, den Reigen der Kinder ab. Paul – „der Kleine“ heißt er. Er ist unser letztes Kind. Marie ist jetzt im 40. und sechs Geburten sind ja auch ausreichend. Denken wir. Müssen wir denken, denn Marie wurde doch in dieser Schwangerschaft absonderlicher als bereits je zuvor und erlitt während der Geburt auch einen Zusammenbruch, den die Ärzteschaft als Schlaganfall bezeichnete, der seine Spuren in Geist, Seele und Körperkraft hinterließ.

 

Der „Petroleum-Reitwagen,“ das ist das erste Motorrad der Welt, von Gottlieb Daimler im wesentlichen aus Eichenholz gefertigt (der Motor beispielsweise aber nicht) und ebenso das erste dreirädrige Automobil von Carl Benz, kennzeichnen die weiteren stürmischen Entwicklungen in unserer Zeit.

 

Auf der Havel zwischen Spandau und Potsdam leben etwa 2.000 Schwäne. Denen scheint es hier auch zu gefallen.

 

1886

Nun habe ich schon das 40. Lebensjahr erreicht.

Irgendwie läuft unsere Ehe nicht mehr so. Mit Marie wird es schwieriger, ihr Verhalten ist oft seltsam. Konflikte hatten sich schon immer mal über lange Zeit angebahnt, doch wir fanden immer wieder zusammen. Zumindest ist diese Ehe nicht mehr von uneingeschränkter Liebe und immer währendem Verständnis getragen, obwohl wir ja in den vergangenen 15 Jahren immerhin sechs Kinder miteinander zeugten und uns bemühten. Marie wohnt in Weißensee, im Kolonistenhaus Goethestraße 25, wir aber, also die größeren Kinder und ich, wohnen inzwischen separiert in Weißensee, Elbinger Straße 11. Ich möchte auch nicht, dass die Großen ihre Mutter in Weißensee besuchen – es sind doch zu schwierige Verhältnisse, bedauernswerte Zu- und Umstände, da Marie den Kindern nichts geben kann, eher selber einer pflegenden Stützung bedarf.

Über die Pfingstfeiertage fahre ich mit den Töchtern Johanna, Franziska und Margarethe in das Riesengebirge. Wir wollen diese Tage gern an und auf der Schneekoppe verleben. Nach langer Wanderung kommen wir abends müde bei der Baude an. Die regulären Unterkünfte waren zwar schon belegt, aber da es bereits dunkelte und man mich nicht gut mit den drei Kindern in der Nacht in die unbekannten Gegend schicken konnte, erhielten wir eine Notunterkunft. Nach heißem Tee und kräftigem Essen erwachten die Lebensgeister der Gören wieder und statt auch mir etwas Ruhe zu gönnen, entbrannte zwischen den Mädels eine Kissenschlacht, eine übermütige schwesterliche Balgerei, in deren Verlauf ein damenfußloser Mädchenschnürstiefel gegen die Holzbretterwand der Kammer flog. Aus dem Nebenraum ertönte das sonore mäßige Räuspern eines ebenfalls ruhebedürftigen Nachbarn, das durch die leichte Holzwand sehr gut vernehmbar war, was die Kinder erschreckte und ihnen augenblicklich Ruhe gebot.

Am nächsten Morgen grüßte uns vom Nebentisch zur Frühstückszeit ein gut situierter Herr. Es war der Pastor Dr. Hoppe, der Vorsteher von dem bekannten Nowaweser Oberlin-Haus. Er meinte augenzwinkernd – er habe fast die ganze Nacht kein Auge schließen können, da er doch (im benachbarten Notquartier) auf das Poltern eines zweiten Stiefel gewartet habe.

Nachbemerkung mit einer Sicht in die Zukunft: Meine spätere kleine Enkelin Anne-Marie Sommer wird um 1920 mit ihrer Mutter, also meiner vorgenannten Tochter Margarethe (wie fast täglich zum Einkauf) durch Nowawes gehen. Ganz erstaunt ist sie, als ihre nun schon über 40jährige Mutter Margarethe plötzlich einen Knicks vor einem älteren Herrn als Zeichen der Ehrerbietung macht, als jene sich begegnen. Es war wieder der Pastor Dr. Hoppe aus der Baude von der Schneekoppe. Ja, manche verhalten geräusperten pädagogischen Winke haben eine jahrzehntelange Wirkung.

 

Nachdem ich nun mit Erfolg verschiedene Wohnbauten errichtet habe, will ich daran gehen und ein Haus bauen, in dem später auch meine Kinder leben können – wenn sie wollen. Es soll sehr gut und solide ausgeführt werden, eben ein Haus von typischer Runge-Qualität und womöglich einen Jahrhunderte langen Bestand haben. Dafür denke ich mit Bedacht an das Moabiter Gebiet, das gegenwärtig erschlossen wird.

Es findet sich auch der finanzkräftige Auftraggeber, also der Bauherr (denn ich baue zwar, habe aber nicht so viel Geld flüssig). Die Urkunde für das Grundstück ist vorerst ausgestellt auf: Straße 15a, Parzelle 1, in Moabit, Kreis Niederbarnim. Die Erwerber dieses Landstücks, wie auch der benachbarten Parzelle 2, sind „N. Oppenheim und Söhne“. Die Verhandlungen mit ihm gehen zügig voran, ich bekomme den Zuschlag für das Bauen. Oppenheim folgt meinen Empfehlungen. Er ist ein gewiefter Geschäftsmann. Die Verwaltung kommt gar nicht so schnell nach, wie sie von den Bauwilligen gedrängt wird. Schon muss die Baugrundstücksnummerierung neu geordnet werden. Jetzt ist es an gleicher Stelle die Parzelle Nr. 35. Schon wird die Bauflucht mit dem Absteckungs-Attest festgelegt: Am 25. April 1886 sind in der Straße 15a für die Parzelle 35, (bald in Parzelle 46 umgeschrieben), vom Maurerpolier Herrn Fick, die Winkelzeichen in die Bordschwelle (der Granitkante zwischen Fahrbahn und Bürgersteig) für den Oppenheimschen Neubau eingemeißelt worden.

Inzwischen erarbeite ich sämtliche Bauunterlagen für das Haus und für die Baupolizei, natürlich komplett einschließlich der detaillierten Baubeschreibung, der Zeichnungen und Statischen Berechnungen usw. usf.

Am 17. Dezember 1886 ist dann der „Bau-Erlaubnis-Schein“ Nr. 2420 für „die unbenannte Straße 15 a“, Nr. 46, ausgestellt worden. Es darf ein Wohngebäude in folgender, beantragter Kubatur errichtet werden:

1. Vorderhaus:18,83 m lang;14,10 m tief;  22,95 m hoch.

2. Seitenflügel, rechts:14,41 m lang;  6,74 m tief;  22,95 m hoch.

3. Seitenflügel, links:14,40 m lang;  6,74 m tief;  22,95 m hoch.

4. Quergebäude:18,83 m lang;11,60 m tief;  22,95 m hoch.

5. Anbau im 2. Hof, rechts:  5,34 m lang;  2,80 m tief;  20 m hoch.

6. Anbau im 2. Hof, links:  5,34 m lang;  2,80 m tief;  20 m hoch.

Noch am Tage der Ausstellung des Bau-Erlaubnis-Scheines ist Baubeginn.

 

1887

Am 07. Juli sichere ich mir ein Trennstück vom Bauland in der Größe von 8 Ar und 65 qm, durch Kauf bei der Aktiengesellschaft Alt-Moabit. Indessen geht die Vierseiten-Umbauung des Hofes wunschgemäß zügig voran. Alles läuft preußisch korrekt wie am Schnürchen.

Im Herbst können die Oppenheimers ein Richtfest geben. Am 26. November ist es soweit! Ich kann der Baupolizei im Königlichen Polizeipräsidium anzeigen, dass der Neubau in der Straße 15a, Parzelle 46 fertig gestellt ist – bitte, zur gefälligen Abnahme desselben.

Nachtrag: Dieses Grundstück wird später, nachdem die Straßenzeile fertig bebaut ist, die Spenerstraße 32 sein. Nicht mal ein Jahr haben wir für das gewaltige Gebäude benötigt. Nun kann dieser große Bau schon in diesem Winter trocken geheizt (gewohnt) werden. Der Namensgeber für die Straße war Philipp Jakob Spener. Er lebte 1635 – 1705, war Probst in Berlin und gilt als Begründer des Pietismus. Wollen wir davon ausgehen, dass auch unser Haus unter seinem Segen steht.

Wir aber wohnen weiterhin in Weißensee, Elbinger Str. 11.

 

1888

In diesem Jahr sieht Deutschland drei Kaiser. Der nun hochbetagte Kaiser Wilhelm I. Starb. Nach 99 Tagen des Regierens folgte ihm sein krebskranker Sohn Kaiser Friedrich III. Und nun ist der 29jährige Wilhelm II. Unser Kaiser. Hoffentlich geht’s gut.

 

1889

Am 07. März wird Johanna eine Woche vor ihrem 16. Geburtstag in St. Marcus konfirmiert.

 

Weltausstellung in Paris. Viele ganz hervorragende Ausstellungsstücke soll es geben (ich war ja nicht selber dort). Eines davon avanciert bereits zum neuen Wahrzeichen von Paris: Der 300 Meter hohe Stahlturm des Gustave Eiffel. Wenn das Schinkel hätte noch erleben dürfen.

(Für das Jahr 1889 steht im Berliner Adressbuch Herr Göttling, ein Kaufmann, als Eigentümer des Hauses Spener Straße 32)

 

1890

Nichts als Ärger mit den Leuten. Am 03. August entstand vormittags um 6 Uhr und 9 Minuten in der Frühe (so das überpeinlich genaue Polizeiprotokoll) ein Brand im Vorderhaus des schönen Neubaus in der Spener Straße. Es brannten feucht eingelagerte Presskohlen im Keller nach Selbstentzündung. Nach dem Forträumen der Briketts wurde mit Wasser gelöscht.

(Für das Jahr 1890 steht im Berliner Adressbuch Herr Hornemann, Ziegeleibesitzer und Steinhändler, als Eigentümer des Hauses Spener Straße 32)

 

Inzwischen habe ich meinen schönen Großbau vom momentanen Besitzer erworben. Gut gebaut – gut gekauft. Die Saat meiner Planung ist voll aufgegangen.

Doch keine Rose ohne Dornen: Von den Läden im Erdgeschoss habe ich auf Wunsch der Ladenmieter nachträglich je eine Wendeltreppe in den Keller (mit Klappe im Fußboden als Zutritt) vorgesehen. Eine kleine Leistung für den Baufachmann. Das kam jedoch dem Polizei-Lieutenant Albrecht zu Ohren und schon gab es eine Anzeige, da ich nicht vorher um eine Genehmigung zu dieser Baumaßnahme nachgesucht hatte, eine bürokratische Sache, die länger dauert, als die Bauleistung daselbst. Nun gut, ich habe das Gesuch beim Königlichen Polizei-Präsidium ohne weiteres schuldhaftes Verzögern ergebenst nachgeholt. Jetzt mag der Amtsschimmel ruhig wiehern und lange Zeit brauchen. Es ist ja schon alles schön fertig.

 

Der Kaiser hat Bismarck zum Herzog gemacht und ihn auf ein schönes Altenteil verschoben. Er wollte ihn einfach los sein. Junge und alte Ansichten vertragen sich oft nicht und beide wollen sie wohl manchmal mit dem Kopf durch die Wand.

 

1891

Meine Große, die Tochter Johanna, sie ist wohl vom Nachwuchs die Blitzgescheiteste, heiratet nun mit 18 Jahren und mitten im Winter, am 29. Dezember den Fleischermeister Friedrich Wilhelm Dankhoff.

 

Otto Lilienthal segelt 15 Meter weit durch die Lüfte. Dr. Karl Ludwig Schleich hat die örtliche Betäubung erfunden. Jetzt können kleinere Probleme schmerzarm operiert werden, ohne den gesamten Menschen mit einem Gefühl des Erstickens in den Kunstschlaf zu bringen. In dem zurückliegenden Jahr sind in Preußen mehr als 36.000 Menschen an der Bräune gestorben. Zum Weihnachtsfest gelang es Dr. Emil v. Behring zahlreiche Kinder mit seinem neuen Heilserum vor dem Tode durch die „Diphtherie“ zu retten. Ein großartiges Geschenk.

 

1892

Der Bau der Transsibirischen Eisenbahn beginnt. Die Gewerkschaften beschließen, nun auch Frauen in die Reihen ihrer Mitglieder aufzunehmen.

In Hamburg bricht nochmals eine Cholera-Epidemie aus. Es wird die letzte sein, denn auch gegen diese Infektionskrankheit wird bald ein Schutzimpfstoff anwendungsbereit sein.

Freude und Leid liegen oft dicht beieinander. Tochter Johanna (Dankhoff) entlässt Anfang Oktober ihre erste Tochter, Frieda, das lütte Friedelchen, aus dem Mutterschoße ins rauhe Leben.

Meine gute Mutter stirbt am 15. November 1892 in Weißensee im gesegneten Alter von 80 Jahren in ihrer Wohnung, Falkenberger Straße 32. Das Ableben ist im dortigen Kirchenbuch unter der Nr. 592 / 1892 vermerkt.

Ich sehe vor, demnächst in die Spener Straße 32 zu ziehen. Mit der Verwaltung des Hauses habe ich den Schuhmachermeister Lauk betraut. Das lässt sich für ihn gut mit der Miete verrechnen.

 

1893

Aber nicht nur alte Menschen werden von höherer Stelle abberufen. Der junge Ehemann von Tochter Johanna, Fleischer Wilhelm Dankhoff, ist nach zweijähriger Ehe (und die war daran nicht schuld) im Alter von 28 Jahren an galoppierender Schwindsucht gestorben und Hannchen nun mit 23 Jahren Witwe, das kleine Friedelchen schon Halbwaise.

 

1894

Unsere Tochter Anna Margarethe hat nach den üblichen acht Jahren nun die Schulzeit abgeschlossen und wird im Lettehaus in die Geheimnisse der Hauswirtschaft eingeweiht.  Dort ist sie auch im Internat untergebracht und während der Ausbildung am besten versorgt.

 

Der Grundstein für den neuen Dom an der Spree, an der Stelle des alten Gotteshauses von Boumann / Schinkel, wurde am 17. Juni gelegt. Es soll ein pompöses Bauwerk werden, um dem vatikanischen Dom auf dem Petersplatz „Paroli zu bieten“. Das Reichstagsgebäude nahe dem Brandenburger Tor ist fertig und wird am 05. Dezember eingeweiht. Es ist auch dieses ein prächtiges Bauwerk.

 

1895

Der norwegische Forscher Fridjof Nansen wollte mit einer großen Expedition den Nordpol erreichen, scheitete jedoch an den extremen Naturbedingungen.

Der Kaiser-Wilhelm-Kanal, der die Ostsee mit der Nordsee verbindet, ist fertig gestellt und wird feierlich dem Schiffsverkehr übergeben.

Am 01. November erlebte die Welt für einige lange Minuten die erste Filmvorführung der Welt mit. „Lebende“ Bilder, von einem Zelluloidstreifen, mit starker Lampe an die Wand geworfen. Erfinder sind die Brüder Skalandowski. Diese Neuvorstellung fand im Berliner Wintergarten statt – mit erklärenden Worten und Umrahmung vom Pianoforte. Unerhörtes Amüsement!

 

1896

Im Mai vollende ich mein 50. Lebensjahr. Tochter Johanna verlässt den Witwenstand, heiratet nun wieder und zwar den Wachtmeister Emil Julius Seehafer, der 1865 in Althof, Kreis Bromberg, geboren war. Er ist der Sohn des Ackerwirts Friedrich Seehafer und seiner Ehefrau Albertine Caroline (eine geborene Diedrich), die beide heute noch in Althof wohnen. Mein künftiger Wachtmeister-Schwiegersohn hat seine bisherige Wohnung hier in der Lehrter Straße 55 a. Johanna wohnt bereits in unserem Hause Spenerstraße 32.

Als Trauzeugen im Standesamt dienen ihnen bei der Eheschließung am 08. August '96 unser Freund, der 30jährige Frisör August Tost aus der Rathenower Straße 104, und ich, als ihr Vater. Der Standesbeamte, der diensteifrige Herr Knörke, schreibt den Ehevollzug fein säuberlich unter Nr. 389 / 1896 in sein Urkundenbuch ein. Emil Seehafer wird ja dann auch in den nächsten Tagen in der Spenerstraße 32 einziehen. So wird aus diesem großen Mietgebäude beinahe noch ein „Einfamilienhaus“. Na, darin lag ja auch meine Absicht.

Verwalter des Hauses Spener Straße 32 ist inzwischen der Schlosser G. Zober. 37 Mieterfamilien bewohnen zurzeit mein Haus.

Freude und Leid liegen wie so oft dicht beieinander:

Der kühne Aviatiker Otto Lilienthal stürzt am 09. August '96 mit seinem Segler am Gollenberg im Rhinower Land aus etwa 15 Meter Höhe ab und wird dabei tödlich verletzt.

Am 18. August findet die Einweihung des Kyffhäuserdenkmal statt. Das Völkerschlachtdenkmal (des gleichen Architekten) ist bei Leipzig-Probstheida im Bau. Es soll die Erinnerung an die Befreiungskriege gegen Frankreich und wach halten und die vielen Opfer ehren.

Die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit finden in Athen statt.

 

1897

Am 21. April wird Tochter Johanna (Seehafer) von einem gesunden Sohn entbunden. Er erhält die Namen Franz Friedrich.

 

1898

Erstes Autorennen zwischen Berlin und Potsdam und am 23. April das erste Motorradrennen in Berlin. Ab Herbst wird es in Berlin Miet-Kraftdroschken geben – „Taxis“ wird man sie später nennen.

Es stirbt am 30. Juli der betagte Otto, Fürst v. Bismarck-Schönhausen. 10. September: Es erschüttert uns die Nachricht über den Mordanschlag eines offenbar verwirrten Einzeltäters auf die Österreichische Kaiserin Elisabeth. Der Stich mit einer Feile direkt ins Herz führte zu ihrem Ableben. Der Täter hatte es nicht speziell auf sie abgesehen. Sie war ihm persönlich gar nicht bekannt. Er wollte nur an irgendjemanden von den Reichen seinen Unmut kühlen.

Auch unser märkischer Schriftsteller Theodor Fontane stirbt. Er allerdings aus Altersgründen.

 

1900

Mit Tochter Margarethe wohne ich in inzwischen in Neuendorf bei Potsdam, in der Forststraße 15 (spätere Lützowstraße15, spätere Dieselstraße 12). Mit Marie, meiner Ehefrau, lebe ich lediglich separiert. Geschiedene Leute sind wir von Amts wegen mitnichten. Aber das ist nur ein familienrechtlicher Unterschied. Es war zu schwierig, als dass ein erquickliches Zusammenleben noch möglich gewesen wäre.

 

 

Am 07. August stirbt Wilhelm Liebknecht, Führer der Deutschen Sozialdemokratie.

Graf v. Zeppelin entwickelt sein erstes starres Motor-Luftschiff.

In Österreich wird herausgefunden, warum es bei Blutübertragungsversuchen von Mensch zu Mensch immer wieder zu plötzlichen Todesfällen kommt. Herr Dr. Landsteiner erkennt, dass es mehrere Blutgruppen gibt, die sich miteinander nicht vertragen und benennt, diese unterscheidend, mit A, B, AB und 0.

Zwischen Wannsee und Zehlendorf wird der versuchsweise Betrieb mit einem elektrisch angetriebenen Zug aufgenommen.

Im Dezember hebt an der Glienicker Lake der Bau des Teltowkanals an. 1906 etwa soll er fertig sein.

In den Haushalten beginnt man elektrisches Licht zu installieren. Man hat dann statt der Petroleumlampe die nicht blakende Glühlampe aber für Ausfälle immer noch die bewährten Kerzen zur Hand, also „für gut“ sozusagen.

In Berlin werden in diesem Jahr 2.712.200 Einwohner gezählt. Zu deren besserer Versorgung wurden kürzlich Markthallen eröffnet.

 

1901

Von diesem Jahr an, werden in Preußen alle erfassten Wetterdaten auch für die Nachwelt aufgehoben; die Wetterküche besitzt nunmehr regelmäßige Aufzeichnungen und ein Archiv.

Nichts als Ärger mit den Mietern (II): Unser Neuendorfer Postbote Müller (ein Königlicher Beamter, da kann ich nicht mithalten) überbringt mir am 14. Februar eine amtliche Postzustellungsurkunde. Nanu – Post von der Regierung? - Am 12. 02. im Berliner Amte verfasst. Der urkundliche Siegel-Brief enthält für mich die Nachricht, dass der Schuhmachermeister W. Husemann, der in meinem Hause Moabit, Spenerstraße 32, das Ladengeschäft betreibt, im Lager-Keller eine Werkstatt für seinen Gesellen eingerichtet habe – ganz im Widerspruch zur Baupolizeiordnung stehend, denn der düstere Keller ist nur 1,90 m hoch, wenn just auch der Geselle kleinerer Statur. Sieh’ mal da, wenn man nicht als Herr im Hause die Allgegenwärtigkeit zeigt. Das habe ich nun von meiner Gutmütigkeit mit Falltür und Wendeltreppe zwischen Laden und Keller. So muss ich nun reagieren und ihm wird es noch saurer, das tägliche Brot zu verdienen.

Am 01. Mai hat meine Tochter Johanna (Seehafer) nun nach Frieda und Franz, ihr drittes Kind geboren. Das Mädelchen soll in der Taufe den Namen Dorothea erhalten und dann auch gerne tragen. Vorerst wird sie schon mal Dörthchen gerufen – nur, dass sie noch nicht darauf hört und reagiert.

Am 27. Juli, zur Mittagszeit, ist meine Frau Marie Josephine mit 55 Jahren in Weißensee, in der Wohnung Goethestraße 25, für immer entschlafen. (Kirchenbuch Nr. 525 / 1901). Nun findet die gequälte Seele ihre Ruhe. Ich fahre noch einmal nach Hamburg (zu meinem Neffen Glaeser), um alles Erforderliche zu regeln.

Ich wohne, wie ihr wisst, inzwischen in Neuendorf bei Potsdam in der Luisenstraße 16 (das ist die spätere Wollestraße) in einem ebensolchen sechsachsigen Kolonistenhaus aus der Zeit Friedrichs des Großen, wie wir es in Weißensee hatten, nur, dass hier der Eingang von der Hofseite angelegt ist, man dort aber das Haus von der Straßenseite aus betrat.

Ich bin Zimmermeister nun zwar noch, übe diese Tätigkeit aber nicht mehr aus, überlasse diese Arbeit den Jüngeren. Ich trete ruhiger und werde im Adressbuch als Rentier geführt, was bitte nie schwedisch, sondern stets französisch auszusprechen ist. Das übliche deutsche Wort „Ruhegeldempfänger“ mag ich nicht, denn einerseits habe ich viel zu tun und überhaupt keine Ruhe, andererseits unterscheidet jenes auch nicht, ob die Rentenkasse oder wie in meinem Falle, ich selber etwas an mich auszahle – und das ist ein wesentlicher Unterschied!

 

Hier am Orte in Neuendorf, finde ich zum Jahresende Kontakt zu Anna Ulrich (geb. Schütte), die im Alter von 36 Jahren steht und verwitwet ist. Sie führt die Gaststätte „Deutsches Wirtshaus“ in der Potsdamer Straße 9 (spätere Wilhelmstraße 15, zwischen Linden- und Charlottenstraße gelegen). Ihr Ehemann war Georg Adolf Hermann Ulrich, ausgebildet am Lehrerseminar in Neuruppin. Anschließend hatte er sich einige Zeit in den USA aufgehalten und nach der Rückkehr ein Porzellangeschäft in Cassel eröffnet. Zu jener Zeit lernte er dort wohl das zarte, noch halbe Kind Anna Schütte kennen, das in Cassel zu Besuch weilte. Viel später aber wechselte er in die Berliner Gastronomie, vielleicht, weil sein Bruder auch in dieser Branche tätig war und ist. Am 27. November dieses Jahres 1900 aber war er in seiner Wohnung ganz plötzlich nach einem Schlaganfall im 44. Lebensjahr verschieden. Er hinterlässt die Witwe Anna mit den beiden majorennen Söhnen Walter und Hermann, die damals noch in Cassel zur Welt gekommen waren. Das ist die eigentliche Vorrede. Die Fortsetzung folgt im Jahre 1902.

 

In Neuendorf lerne ich den Zeichner und Landschaftsmaler Otto Thomasczek kennen, der unter vielen anderen Ortsansichten auch ein hübsches „Konterfei“ vom Ulrichschen „Deutschen Wirtshaus“ gezeichnet hat. Eine größere Anzahl seiner Zeichnungen halten die  Partien in ihrem Aussehen wunderschön fest. Bleibende Erinnerungen.

 

Die schwebenden Wissenschaftler Arthur Berson aus Berlin und Reinhard Süring aus Potsdam bewiesen bei einer Ballonfahrt das Vorhandensein der Stratosphäre. Sie erreichten 10.800 Höhenmeter, wurden dort aber wegen des Sauerstoffmangels ohnmächtig, bis die  abkühlende Luft die Sinkfahrt des Ballons einleitete und damit die Beiden rettete. Im Hochsommer herrschte dort oben eine Temperatur von etwa -40°C. Sibirische Verhältnisse also.

Die Zeitungen berichten uns, dass im sibirischen Frostboden kürzlich ein vollständiges  Mammut gefunden wurde. Nicht nur ein Skelett.

Auf der Militärbahnstrecke Berlin – Zossen erreichte ein Elektrotriebwagen die noch nie da gewesene Geschwindigkeit von mehr als 200 km /h.

 

1902

Fortsetzung meiner persönlichen Worte von 1901: Nun, da seit Maries Tod etwas Zeit ins Land gegangen ist ergibt es sich, dass ich mich wieder binden möchte. Anna und Franz sind ja beide frei. Nun, der jüngsten Einer bin ich nicht mehr, doch so ganz ohne Wünsche braucht man auch noch nicht sein. Am Sonnabend, dem 05. Juli 1902, heiraten wir, Anna Luise Schütte verwitwete Ulrich, 37 Jahre alt und ich, gestandene 56 Jahre alt. Annas Vater war Landwirt in Stüdenitz bei Breddin, das südwestlich von Kyritz liegt. Im Alter von 15 Jahren zog sie aber nach Berlin, weil sich ihr die Möglichkeit auftat, ab 1880 in der Nähe, namentlich in Rixdorf, eine Lehre im Bankgeschäft aufzunehmen und sich im Mädchenlyzeum (Moabit) weiterzubilden. Der gute Bekannte der Eltern, „der Onkel Schmidt“ aus Rixdorf, vermittelte hier hilfreich.

Unsere kirchliche Trauung findet in der erst vor drei Jahren fertig gestellten Neuendorfer Bethlehemkirche statt. Ein stolzer neugotischer Bau von Ludwig v. Tiedemann, mit einem Glockenturm, der 55 Meter hoch in den Himmel ragt. Herr Pfarrer Karl Schlunk, der seit einem Jahrzehnt Pfarrer dieser Gemeinde ist, traut uns und trägt diese frohe Denkwürdigkeit in das Kirchenbuch Neuendorf unter Nr. 17 / 1902 ein. Auf dem Standesamt im Rathaus in der Lindenstraße, waren wir am Vormittag des gleichen Tages. Eigentlich hätte es auch gern eine doppelte Hochzeit mit halbierten Kosten geben können: Mein Ältester, Sohn Carl, heiratet am 30. September die Helene Beerbaum aus Biesdorf bei Berlin. Und irgendwie scheint das ansteckend zu sein:

 

1903

Tochter Franziska heiratet als Jungfrau, gleich uns, in der Bethlehemkirche zu Neuendorf, am 19. Januar 1903 (16. Februar) mit 28 ½ Jahren den Junggesellen und Buchhalter Gustav Richard Oscar Eschert, 30 ¼ Jahre alt (Nr. 02 / 1903 im Kirchenbuch Nowawes). Die Escherts haben in Nowawes ihren Familienstammsitz, auch wenn Oscar in Berlin arbeitet. Das Haus in der Spenerstraße 32 lasse ich nun von meiner Tochter Franziska und ihrem buchhalterisch geschulten Mann verwalten. Sie können dafür auch günstig im Hause in der Belle-Etage wohnen und mir spart es die Arbeit. Diese Wohnung liegt in unserem Hause über Erdgeschoss und Hochparterre, zählt also als 1. Obergeschoss. Ihre Wohnung (links) hat folgende Größe und Ausstattung:

 

Ihr wisst ja: Schauen sie nach rechts aus dem Haus, liegt 150 Schritte weiter an der Straße „Alt Moabit“ das Kriminalgericht mit Haftanstalt – kurze Wege! Lieber gucken sie deshalb nach links und bevorzugen sie schöne Aussicht, wie der Name schon andeutet, in Richtung Bahnhof Bellevue“.

 

In diesem Jahr wird am 09. August in Berlin mein Enkel Hellmut Franz Ernst Runge, Sohn meines Sohnes Carl und seiner Frau Helene, geboren. Sie wohnten bislang in Berlin, Pasewalker Straße 8, nahe am Bahnhof Wedding, unmittelbar an der Ecke zur Gerichtstraße mit dem Krematorium . Sie zogen aber kürzlich ebenfalls nach Neuendorf und bekamen in der Blücherstraße 5 (spätere Fultonstraße 5) eine gute Wohnung. Die Straße ist hübsch mit Rotdornbäumen bepflanzt.

Enkel Hellmut wird in der Blücher' 5 schon früh eine Murmelfreundschaft mit dem Töchterchen der Nachbar-Familie (Blobel) beginnen, die dem Vernehmen nach ein Leben lang anhalten soll.

Aber auch wir sind nicht untätig. In der Neuendorfer Luisenstraße 16 gebiert Anna am 22. Oktober unseren Sohn Georg Franz. Das würfelt die sauber geschichteten Generationen ein wenig durcheinander, nicht wahr?

 

Die Brüder Wright aus den USA, sie sind fleißige Fahrradmechaniker, bauen das erste Motorflugzeug der Weltgeschichte, soviel wir wissen, soweit nicht Andere noch im Geheimen basteln.

Am Potsdamer Wilhelmplatz wird neben der Kaiserlichen Hauptpost eine Synagoge aus rotem Sandstein errichtet. Der Entwurf stammt vom Architekten Kerwin, der ja auch das Nowaweser Rathaus baute.

 

Nachtrag: Im Vorjahr entdeckte man die Überreste eines großen Raubsauriers, der zu Lebzeiten etwa 8 t auf die Waage gebracht hätte; bei einer Körperlänge von 15 Metern. Erst jetzt, etwas sehr spät, erhielt er seinen Namen: „Tyrannosaurus Rex“.

Auf dem Brauhausberg in Potsdam beendeten die Bauleute das Gebäude der neuen Kriegsschule, von Architekt Schwechten gestaltet.

 

1904

Und schon wieder ist ein jüngster Säugling zu begrüßen. Diesmal ist die Kindsmutter meine Tochter Franziska (Eschert). Geboren hat sie ihre Tochter Gertrud am 06. Januar 1904. Wir hingegen lassen unser Söhnchen Georg Franz am 04. April 1904, am 2. Osterfeiertag, von Herrn Pfarrer Schlunk in der Bethlehemkirche taufen. Als Paten baten wir Selma Quappe, das Frollein Marie Ebert aus Velgast und Georg Brucker aus Minden.

 

Der gute Maler Otto Thomasczek hat unsere Gegend wieder verlassen und zieht in das Eichsfeld, nach Mühlhausen. Einige Heimatblätter von seiner Hand haben wir als Erinnerung an ihn und viele beliebte Post-Ansichtskarten, mit Motiven die er zeichnete sind im Umlauf.

 

1905

Tochter Margarethe (25 Jahre jung) und der in Potsdam und Nowawes ansässige Schlosser und Elektrotechniker Max Sommer (30 Jahre alt) heiraten am 29. Juli. Natürlich auch in der Neuendorfer Bethlehemkirche bei Herrn Pfarrer Schlunk. Wohnen werden sie in der Priesterstraße 68. So ist auch sie gut unter die Haube gekommen. Wieder eine Sorge weniger. Ihre große Schwester Johanna zeigt ihr dann, wie es so weitergeht, denn am 02. Oktober bringt sie ihr viertes Kind „Anneliese“ auf die Welt.

 

1906

Am Morgen des 08. April kam es in San Francisco zu einem gewaltigen Erdbeben, weil zwei Erdplatten aneinander stießen. Die Großstadt liegt in Trümmern und ein Feuersturm brachte die Einwohner um die Reste von Hab und Gut.

Professor Albert Einstein stellt seine Relativitätstheorie vor.

Es gelingt erstmals ein weltumspannendes Telefongespräch ohne Draht, ermöglicht von den riesigen Sende- und Empfangsantennen der neuen Großfunkstation in Nauen.

In der Spandauer Straße 32 / 33 ist der neue Verwaltungskomplex für die Provinzialregierung Brandenburg fertig gestellt worden.

 

Kinder, wie die Zeit vergeht! 60 Jahre zähle ich nun schon. Meine Tochter Grete (Margarethe Sommer) hat am 05. Mai ihren ersten Sohn zur Welt gebracht. Wie er heißt? Die Familientradition gebietet es doch, dass auch er Franz heißt. Max Fritz Franz. Es gibt aber  gewisse Leute, die sich meinen Traditionsvorstellungen nicht so recht beugen wollen – oder hat es noch andere Gründe? Später stellt sich heraus, dass die Eltern dieses Kind immer nur „Hans“ rufen werden, obwohl diese Bezeichnung keineswegs sein“ eingetragenes Warenzeichen“ ist.

Kaum kommt man dazu, in Ruhe Atem zu schöpfen, bei all’ diesen Aufregungen, denn nun bringt auch Tochter Fränzi (Eschert) am 24. Juni ihr zweites Kind zur Welt. Wie im Wettlauf, diese Töchter. Ausgerechnet Günther soll er heißen - mein neuer Enkel (also ohne eine Spur von Franz).

 

1907

Unsere Sippe wird wohl nicht so schnell aussterben. Nach ihrem vierten Kind „Anneliese“ hat Tochter Johanna als fünftes Kind nun eine „Irmgard“ auf die Welt gebracht. Sippe hin, Sippe her – dieser Nachwuchs heißt ja, wenn auch zur Hälfte unser eigen Fleisch und Blut, nicht mehr so richtig Runge, sondern mehr Seehafer. Aber was tut’s?

 

Das Leben wird noch sauberer und schmackhafter: Der Apotheker Meyenburg in Dresden hat eine Paste (beileibe keine Salbe) erfunden, mit der man sich die Zähne bürsten soll. Also selbst gesunde Zähne! Er hat diese Paste „Chlorodont genannt“.

Seit dem 02. September rollt nun auch durch Potsdam die „Elektrische.“ Eine große Umstellung von der Pferdestraßenbahn bei laufendem Betrieb, der nicht unterbrochen werden durfte. Ein großes Volksfest rund um die geschmückten Bahnen an diesem Tage. Kinder liefen hinterher, kühne Radfahrer suchten die Wagen zu überholen. Hunde schauten sehr verdutzt – allein, Pferde standen nicht mehr im Mittelpunkt.

Am Ende der neuen Königsstraße wird am Jagdschoss Glienicke eine neue Brücke über die Havel geschlagen. Die bisherige Schinkelsche hat damit ausgedient. Die neue ist eine wunderbar „leicht über dem See schwebende“ Stahlkonstruktion.

 

1908

Am 30. Juni gab es einen die Erde streifenden Zusammenstoß mit einem Meteor von vielleicht 30 – 60 Metern im Durchmesser. Er ging in einem ausgedehnten sibirischen Sumpfgebiet nahe der Faktorei Wanawara nieder. Ein ungeheurer Aufprall in diesem zum Glück wenig besiedelten Gebiet, mit der Verwüstung des Waldes in mindestens 30 Kilometer Umkreis. Die Druckwelle nach dem Aufschlag war in allen Erdteilen zu spüren und auch in Europa war der Nachthimmel erhellt. Messina wird von einem starken Erdbeben heimgesucht. Etwa 86.000 Menschen sterben.

Die weltweit erste Lokomotive mit Dieselmotor geht in Betrieb.

Henry Ford stellt in den USA ein Auto, „die Blechliesel“, am „Fließband“ her.

Das neue Märkische Museum, ein architektonisches Glanzlicht am Spreeufer, öffnet seine Pforten für die Besucher.

Das erste öffentliche Familienfreibad, also ohne Trennung nach Frauen und Männern, wird am Wannsee eröffnet.

Zur Vorweihnachtszeit sehen wir erstmals so genannte Adventskalender für die Kinder, mit Fenstern und einer Tür, „um die Wartezeit bis zum Fest spannend abzukürzen“.

 

1909

Der Amerikaner Edwin Peary gelangt als erster an den Nordpol unseres Heimatplaneten.

Das Sechstage-Fahrradrenen findet zum ersten mal statt. Es ist der Auftakt für die Veranstaltungsreihe im neuen Sportpalast, der in der Potsdamer Straße in Berlin errichtet wurde. Im Palast finden 12.000 Zuschauer Platz. Wegen des großen Erfolges soll das Rennen nun jährlich wiederholt werden. Eigens dazu wurde der Sportpalastwalzer komponiert.

Im August wird das Jugendherbergswerk gegründet, das unter dem Motto steht: „Begegnung  - Gemeinschaft - Toleranz“. Eine gute Sache für die Freizeit junger Menschen.

 

1910

Im August stelle ich einen Antrag an die Bau-Polizei-Behörde, im Hause Spenerstraße 32 nachträglich Badestuben einrichten zu dürfen. Das ist neuzeitlich, für feinere Leute modern und auch zweckmäßig, der Volksgesundheit dienend. Diesmal überholte die Bauausführung den Antrag nicht, sondern hielt die vorgegebene Reihenfolge ein. Alles nach den Buchstaben des Gesetzes, alles schön nach Vorschrift!

 

Der Halleysche Komet ist für uns am Nachthimmel gut erkennbar. Obwohl er in jedem Moment seines Fluges an Masse verliert, soll er nach den Berechnungen im Jahre 1986 wieder Erdnähe erreichen und für uns zu sehen sein. Also, das gilt dann für mich nicht mehr.

Die zulässige Geschwindigkeit des Verkehrs mit motorisierten Fahrzeugen wurde jetzt unter dem Drucke des bestehenden Bedarfs heraufgesetzt. Die Automobile dürfen jetzt mit einer Geschwindigkeit bis zu 25 Kilometer pro Stunde durch die Straßen jagen. Eine hohe Verantwortung für die Automobillenker, denn so schnell kann dem Automobil ja kein Pferdegespann oder Handkarren ausweichen.

 

1911

Am 31. Januar stirbt der beliebte Abgeordnete der SPD, Paul Singer, in Berlin. Fast eine Million Menschen gaben im das Geleit auf seinem letzten Weg. Schade, das er das nicht mehr mit erleben konnte.

Im März wird, von den Linken angeregt, zum ersten Mal der internationale Frauentag begangen, ein Erinnerungstag, der stets neuen Aufschwung geben soll, hinsichtlich des ständigen Kampfes um die politische und soziale Gleichberechtigung.

August Bebel hat die Vision, dass Deutschland auf einen neuen Krieg zugeht. Er mahnt und warnt die Parlamentarier.

Am Templiner See, in der Potsdamer Pirschheide, entsteht ein Luftschifflandeplatz, Hallen und Werkstätten.

Nun bauen auch die Herren Schütte und Lanz (beide 1873 geboren) Luftschiffe.

In Potsdam fand man bei hochsommerlichem Niedrigwasser an der Heiligengeistkirche die Reste eines Palisadenringwalls, der als Schutz das slawische Dorf Potztupimi umschlossen hatte, das es bereits lange vor dem Jahr 993 gab. Nimmt man an. Es war von uns ja niemand dabei.

Das zweite Berliner Rathaus, das Stadthaus am Molkenmarkt, wird am 29. Oktober der Verwaltung zur Nutzung übergeben. Architekt ist Herr Hoffmann.

Am Bahnhof Friedrichstraße öffnet der neue Admiralspalast.

Am 14. November erreicht der Norweger Roald Amundsen mit seiner Expedition, wohl als die erste Menschengruppe überhaupt, den unwirtlichen Südpol der Erde. Dem Vernehmen nach sind ihnen keine Eisbären begegnet.

 

1912

Tochter Johanna Seehafer wohnt nun mit der Familie in Nieder-Schönhausen, Blankenburger Straße 2, zwei Treppen hoch.

Kürzlich habe ich den kleinen Neubau in der Neuendorfer Schulstraße 2 erworben; bisher noch Baustelle (das wird später zur Zeit der Umnummerierung das Grundstück 15).

Die Verbindung mit Anna läuft leider doch nicht so uneingeschränkt reibungslos. Viele andere sind mit ihrem Familien-Los zufrieden. Ich aber spüre nie, irgendwo endlich angekommen zu sein. Franz wächst weiter bei Anna auf; ich gehe fürderhin wieder nach Berlin. Das Neuendorfer Adressbuch weist in diesem Jahr noch aus: Franz Runge, Maurer- und Zimmermeister, Wilhelmstraße 15.

Die Gaststätte „Deutsches Wirtshaus“ in der Wilhelmstraße führt Annas Schwager, der Bruder ihres verstorbenen ersten Mannes, Walter Ulrich ,weiter. Er war früher Koch im Centralhotel und Wintergarten in Berlin.

 

Nationale „Draufgänger“ gründen den deutschen „Wehrverein“. Die großspurigen Äußerungen erwecken aber den Anschein, als seien sie eher um Krieg bemüht.

„Groß-Berlin“ entsteht! Am 01. April, das ist kein Scherz, ist die Hauptstadt um 29 Gemeinden und deren Ländereien und damit um ein Vielfaches seiner Fläche gewachsen. Es entstand damit ein riesiges Gebiet, das wir nicht mehr wie bisher in einem längeren Spaziergang von einem zum anderen Ende durchmessen können. Man kann sagen, dass die Hauptstadt nun im wesentlichen aus Dörfern besteht. Damit wuchs die Einwohnerzahl Berlins mit einem Schlag auf knapp 4 Millionen Menschen. Die meisten der Ortsnamen blieben erhalten, nur dass jetzt immer „Berlin -“ davor steht.

 

Eine Katastrophe – der größte Passagierdampfer den es je gab sinkt auf seiner Jungfernfahrt nach der Kollision mit einem Eisberg in der Nacht vom 14. zum 15. April im Nordatlantik. Das Eis hatte „einfach“ die dicken Stahlplatten aufgeschlitzt. Die meisten der Reisenden ertranken.

In Berlin - Dahlem nehmen eine Anzahl wissenschaftlicher Institute („Kaiser-Wilhelm-Institute“) ihre Arbeiten auf. „Höhere Mädchenschulen“ werden jetzt offiziell eingerichtet.

Die Olympiade findet in diesem Jahr in und um Stockholm herum statt. Zu den sportlichen Wettbewerben gehören auch das Tauziehen und das Seil klettern. Unter den Athleten sind auch Damen zu finden.

Der Archäologe Ludwig Borchardt gräbt in Ägypten die farbige Kalksteinbüste der Nofretete, der Gattin Echnatons aus und bringt sie mit nach Berlin. Sie ist inzwischen etwa 3.300 Jahre alt.

 

1913

Am 06. Juli wurde meine Enkelin Anne-Marie in Nowawes geboren. Das zweite Kind meiner Tochter Margarethe Sommer, also Grete. Sie wohnt dort von der fischreichen Havel nicht weit entfernt.

 

Feier des 200sten Geburtstages des „Alten Fritzen“. Verschiedene Festredner erinnern an die Gefahr möglicher heutiger Anschläge der Nachbarn. Das erinnert indirekt daran, dass Friedrich der Große auch nicht nur technischen Fortschritt brachte, sondern eine Anzahl unnötiger Kriege mit viel Leid führte. Begann. So hatten die Festredner es aber nicht gemeint, kann ich euch versichern.

Der Arzt und Organist Dr. Albert Schweitzer aus Elsaß-Lothringen ist jetzt in dem Urwalddorf Lambarene am Ogowe in Französisch-Kongo tätig. Er will etwas davon gut machen, was die Kolonialpolitik den Afrikanern genommen hat.

Die Flugmaschinen werden immer größer und schneller. Herr Sikorski baute jetzt ein Riesenflugzeug mit 28 Metern Flügelspannweite und vier Motoren mit einer Leistung von je 100 Pferdestärken.

Der Berliner Untergrundbahnhof „Alexanderplatz“ wird dem Verkehr und damit auch dem Publikum übergeben.

Die Nowaweser Sternwarte erhielt ein Fernrohr mit 65 Zentimetern Linsendurchmesser.

Für das Kronprinzenpaar Wilhelm und Cecilie (welch ein schönes Monogramm sie doch haben) entsteht im Potsdamer „Neuen Garten“ am Jungfernsee ein Wohnschloss im englischen Fachwerk-Landhausstil. Der Architekt ist Schultze-Naumburg.

 

1914

Am 28. Juni: Schüsse in Sarajewo. Zwei serbische Attentäter greifen bei einer Kutschfahrt Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich an. Er erliegt diesem Anschlag. Begründet wird das Attentat damit, dass Österreich das Serbische Volk unterdrückt. Der österreichische Kaiser will deshalb einen Rache-Krieg gegen ganz Serbien und unser Kaiser Wilhelm II. sieht sich leider in einer Bündnispflicht zu Österreich stehend. Letztendlich werden die Verhältnisse so dargestellt, als hätte nur Deutschland einen Krieg gegen die halbe Welt begonnen. Viele deutsche Freiwillige sind leider für einen schnellen siegreichen Krieg zu begeistern – doch wir werden später wissen, dass dieser sich zu einem jahrelangen Völkermorden auswächst, mit unglaublichen Verlusten für alle Beteiligten.

 

1915

Ein schrecklicher Stellungskrieg in Frankreich vor Verdun. Unsere Militärs, unsere Industrie, unsere Wissenschaftler setzen jetzt sogar Giftgas ein „um Bewegung in die Fronten“ zu bringen. Allein bei Verdun gibt es etwa eine Million getöteter Soldaten ohne irgendeinen Sinn oder Gewinn. Selbst die noch junge Flugzeugentwicklung setzt schon fliegende Kampfmaschinen ein. Ihr wisst ja: Flugzeuge - das sind diese leichten Rohrgestelle mit lackiertem Segeltuch bespannt und vorn dem schweren Motor dran.

Prof. Hugo Junkers entwickelt das erste Ganzmetall-Flugzeug, das auch ohne Drahtseilverspannungen hält.

In den Schulen wird statt der bisherigen althergebrachten Deutschen Schrift, die Schreibweise nach der Sütterlin-Methode eingeführt (Rauf, runter, rauf, Pünktchen drauf). Recht spitzig das Ganze. Da müssen wir vielleicht auch noch mal umlernen. Na ja, die Jüngeren.

 

Oh, ha, hier in Berlin, läuft mir doch das hübsche Ding, die Maria Zborowski, über den Weg. Eine ansehnliche Erscheinung, lebhaftes Auge sowieso. Sie ist eine Kathol’sche aber den schönen und auch deftigen Seiten des Lebens nicht abgeneigt. Von ihrer Profession her, ist sie Zimmervermieterin, obwohl nicht Eigentümerin des Hauses. (Jene Position gebührt der Rentiere, Frau Lüssow). Maria Z. lebt im Hause Kirchbachstraße 19, in W 57 Schöneberg und daselbst nun auch ich. (Anm.: Nachkriegsneubebauung. Kein zeitgenössisches Foto).

Bei „Kirchbach“ denke ich eigentlich nicht an die Großstadt Berlin – es drängen sich eher romantische Gefühle in Richtung Waldeslust, Vögelgesang und erquickendem Quell auf. Nicht wahr? Nichts aber da: Der Namensgeber für diese gerade reichlich einhundert Meter kurze Straße war Herr Hugo Ewald Graf v. Kirchbach, geb. 23. Mai 1809, gest. 06. Okt. 1887. Er war General der Infanterie, im Kriege 1870 / 71 Kommandierender General des 5. Armeecorps. So ernüchternd also kann das Leben sein. Hoffentlich wohnte zumindest der Erste seiner Sippe an einem Kirchbach.

 

1916

Es ist nicht zu fassen. Ich stehe schon mitten im 70. meines Lebens. So sehr viel Neues kann nun für mich wohl nicht mehr kommen.

Anna wohnt noch immer in Nowawes. Söhnchen Franz ist inzwischen 13 Jahre alt. Stiefsohn Walter Ulrich geht mit unserem Fränzchen gern ins „Waldschlösschen“, Stahnsdorfer Straße, zum Kegeln.

 

Der große Krieg geht unvermindert weiter. Auch in unserer kriegsverschonten Heimat wird gehungert. Der „Kohlrübenwinter“ 1916 / 17 wird schmerzlich Eingang in die Geschichte finden. Nach der Rationierung des Brotes, führt die Regierung nun auch die Fleischkarte ein. Es wird alles immer knapper.

Architekten der Bauhausbewegung beginnen die Gestalt künftiger Gebäude und Gebrauchsgegenstände radikal zu reformieren.

 

1917

Der Krieg soll nach dem Willen von Regierung und Rüstungsindustrie immer weiter gehen – bis zum Erreichen eines „Siegfriedens“ Dazu gibt es Gegenstimmen im Parlament – zumal ein solcher Frieden nicht in Sichtweite ist.

Innerhalb von Russland rumort es mächtig. Verschiedene Bewegungen sind für uns undurchsichtig. Erst sind viele Bürger gegen den Zaren. Danach Putschversuche gegen die junge bürgerliche Regierung. Im Spätherbst kommt es dort zur Großen Revolution, in der die Sozialisten / Kommunisten die Macht beanspruchen.

In all' diesem Trubel gründet man in Neubabelsberg die Universum-Film-Aktiengesellschaft, kurz „UFA“ genannt.

 

1918

Anna verkauft das „Deutsche Wirtshaus“ in Nowawes. Der neue Inhaber der schönen Gaststätte soll ein Herr namens „Blau“ sein.

 

Der russische Zar Nikolaus II. und seine Familie werden von den Bolschewiki ermordet. Vorher hatte der Zar den Bruder  des Arbeiterführers Lenins umbringen lassen.

Deutschland ist mit seiner Kampfkraft am Ende. Die Generäle Hindenburg und Ludendorff haben die Absicht des Siegfriedens aufgegeben und bitten um Waffenstillstand. Der Kaiser hält sich zurück, tritt aber nicht zurück. Das besorgt ohne sein Wissen, Prinz Max von Baden hilfreich für ihn. Die kaiserliche Familie flieht, recht gut ausgestattet, in die Niederlande. Max v. Baden legt die Regierungsgewalt in die Hände von Friedrich Ebert (SPD).

Am 09. November wird von Philipp Scheidemann in Berlin die bürgerliche Regierung ausgerufen. Zwei Stunden später lässt Dr. Karl Liebknecht einen ähnlichen Ruf über den Schlossplatz hallen, der aber doch ein ganz anderer ist. Er ruft die sozialistische Republik aus. Es ist nicht leicht, die verlorene Macht aufzunehmen, ohne in ein Gerangel zu geraten, denn so richtig war darauf niemand vorbereitet.

 

1919

Anna wohnt inzwischen in Berlin - Charlottenburg, Grolmannstraße 22, mit unserem 16jährigen Franz, ihrem großen Sohn Walter und dessen Frau, also mit der Schwiegertochter Frieda, geb. Hahn (aus Nowawes) zusammen. Die Wohnung liegt auf dem Straßenstück zwischen Pestalozzistraße und Savignyplatz; ein fünfgeschossiger Bau. Die Straße ist mit Linden bepflanzt. Es geht hier turbulent zu, denn es befinden sich viele Gaststätten in dieser Straße. Eine wahre Flaniermeile. Am 02. September wird dort Ulrichs Tochter Senta Annemarie geboren.

Unser Franz kommt mehr nach Anna. Er ist immer so zurückhaltend, freundlich, aber schüchtern. Das hat er nicht von mir geerbt. Er wird wohl mit diesem eher zarten Gemüt nicht gleich mir ins raue Baufach einschlagen.

Anna verdient sich ihren Lebensunterhalt als Verkäuferin in der „Confiserie Eyssenhardt“ in der Neuen Kantstraße 26 in Charlottenburg, handelt also mit Zuckerwerk und Pralinen. Die Eyssenhardtsche Chefin und Besitzerin, eine große elegante Person mit modernen Ansichten und mit Ausstrahlung, wohnt gleich über dem Geschäftsraum in der Belle-Etage.

Später hat Anna einen eigenen Laden mit dem gleichen Verkaufsangebot in der Augsburger Straße 30 eröffnet. (Anmerkung 2008: Das Haus steht nicht mehr.) Hier wohnt sie auch in den Räumen hinter dem Laden. Das Haus gehört Herrn Baldermann, der auf der anderen Seite des Hausflures, ebenfalls im Erdgeschoss, eine Porzellanwarenhandlung betreibt. Das erinnert sie bestimmt an ihre Casseler Besuche. Im Hause leben 10 Mietparteien. Jetzt nach dem großen Krieg wird es nicht gern gelitten, französische Begriffe zu verwenden. Aus diesem Grunde erscheint auch der Begriff „Confiserie“ dieses Geschäftszweiges nicht im Berliner Adressbuch, sondern es wurde schlichtweg gottesfürchtig und irreführend mit „Konfitürenladen“ übersetzt und auch so eingetragen.

Tochter Margarethe war mit meiner Enkelin Anne-Marie zu Besuch bei Stiefmamá Anna in dieser besagten Confiserie. Anna hatte gerade das Mittagessen zubereitet, als ein Praliné-Handelsvertreter kam. So roch es ihm im Schoko-Laden mehr nach Kohl, denn nach Cacao-Erzeugnissen. Das sprach sich bis zu mir herum.

Walter Ulrich und sein Freund Alfred Kunze (der wie er ein renommierter Koch ist) bewirtschaften nun in Charlottenburg die Menzelklause „Zum Augustiner“, die ebenfalls in der Grolmannstraße liegt.

 

Das waren Notizen zu „der kleinen Welt“. Ansonsten zeigt die allgemeine politische Lage Gewalt, Revolten, Morde, Massendemonstrationen und Strikes. Zwei völlig verschiedene Bilder in einer Stadt. Am 15. Januar ermorden rechtsradikale Offiziere Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht und werfen sie in den Landwehrkanal. Das Leben und Streben des Einzelnen, die Achtung vor dem Menschen, gilt nichts mehr.

Am 18. Januar wird in Versailles der Friedensvertrag geschlossen. Deutschland wird in 440 Artikeln geknebelt, so niedergedrückt, dass es nie wieder als moderner Industriestaat für einen Angriffskrieg aufrüsten kann. Vieles wird uns verboten. Die Reparationsansprüche sind erdrückend und werden sich über viele Jahrzehnte dieses Jahrhunderts hinziehen. In Weimar wird am 19. Januar die Nationalversammlung gewählt, eine neue Verfassung ausgearbeitet.

Erstmals erhalten auch die Frauen in Deutschland das politische Wahlrecht. Der Acht-Stunden-Arbeitstag wird gesetzlich eingeführt. Es gründet sich die Deutsche Arbeiterpartei.

Die Fa. Krupp baut den ersten Motorroller. Das erste Passagierflugzeug stellt Hugo Junkers her. Es ist die F 13 – erstmals ein Fluggerät mit geschlossener, windabweisender Kabine. In Berlin spricht man von den Versuchen, einen „Tonfilm“ herzustellen. An der Warschauer Straße wird das Glühlampenwerk „Osram“ gegründet. Der Bedarf an Glühlampen im Lande ist riesengroß. In diesem Jahr herrscht eine weltweite Grippeepidemie. Allein in Deutschland fallen ihr rund 200.000 Menschen zum Opfer.

 

1920

Das Jahr ist wie im Fluge vergangen. Weihnachten. Erstmals werden von der Postsendestation Königswusterhausen Nachrichten nicht mehr durch den Draht oder als Morsezeichen weitergeleitet, sondern als richtige Sprache oder Musik übertragen. Man kann sie gut mit dem Kristalldetektor und dem Kopfhörer empfangen. Zum Auftakt wurde ein kleines Weihnachtskonzert geboten. In der Zukunft, vielleicht in drei Jahren, soll es dann regelmäßig lange „Rundfunksendungen“ geben.

 

1922

Am 10. November verkaufe ich in (oder trotz) der starken Inflation mein Haus in Moabit, Spenerstraße 32, an den Kaufmann Heinrich Heschel-Bregmann aus Zoppot und dessen Ehefrau Bella Bregmann, eine geborene Sackheim aus Charlottenburg. Ob das die günstigste Entscheidung ist, sagen die neunmalklugen Kinder, wird die Zukunft besser wissen. Sie sind nicht begeistert von dem Auflösen dieser doch so schönen Erbmasse, das sieht man bereits von weitem an der Stellung ihrer Mundwinkel. Die Kinder erben ja sowieso den Rest und sind noch jung genug, um für sich selbst zu sorgen. Ich aber bin jetzt immerhin 76 Jahre alt und denke an die „Greifbarkeit“ und „Flüssigkeit“ der finanziellen Absicherung meines Lebensabends und damit auch an das Aufrechthalten der bisherigen Lebensweise.

Stiefsohn Walter hat sich ein Motorrad, eine Harley-Davidson, gekauft. Er war wohl nicht der einzige Interessent an diesem fremdländischen Modell, denn er ist einem kürzlich gegründeten Liebhaberclub beigetreten, in dem natürlich viel gefachsimpelt wird, als wären es alles „alte Hasen“.

 

In Italien findet ein Machtwechsel statt. Der Faschist Mussolini geht als Sieger hervor.

 

1923

Am 05. Januar sende ich Tochter Margarethe Sommer zum Geburtstag meine Grüße nach Nowawes. „…und die Zinsen von den 3.000 Mark für die Kinder habe ich mit 5 1/2% für die Zeit vom 15. November bis 31. Dezember 1922 von dem jetzigen Eigentümer meines Hauses erhalten und werde dieselben bei Gelegenheit bei Euch abführen“, schreibe ich zu diesen Sümmchen eines „Vorab-Erbes“. Ihr wisst ja, wenn die Hand noch warm ist, vererbt es sich schöner – man selbst hat dann auch noch eine kleine Freude daran. Natürlich kann ich nicht wissen, dass bereits im Herbst dieses kleine Guthaben keinen Pfennig mehr Wert sein wird, wenn sie es nichtbesser schon bald ausgegeben haben.

Im April heiratet mein Enkel Franz Seehafer die Gertrud Stoyke. Ist das denn möglich – wenn ich so zurück denke – er war doch vor einigen Jahren noch so klein.

Ebenso zweckoptimistisch wie ich, ist auch meine Enkelin Frieda Dankhoff, Johannas Große. Sie heiratet in diesem äußerst schwierigen Jahr am 22. Oktober Herrn Gustav Liebnow.

 

Frankreich und Belgien besetzen das deutsche Ruhrgebiet, weil unsere Regierung nicht in der Lage ist, die Reparationsforderungen zu zahlen. Ständig werden wegen des Zwangs der Inflation neue Geldscheine und andere Wertpapiere gedruckt, denen jedoch die Waren als Gegenwert fehlen. So rutscht Deutschland rasend schnell immer tiefer in die Inflation. Die Geldscheine verlieren fast täglich an Wert. Fürs Geld bekommt man nicht mehr viel zu kaufen. Der Tauschhandel (wer was hat) setzt ein, so z.B. Teppiche und Kunstgegenstände für Lebensmittel.

In der Superinflation, die im November ihren Gipfel und Endstand der Krise findet, die zum totalen Zusammenbruch des Finanzsystems und des Wirtschaftslebens führte, verloren viele Menschen ihr Hab und Gut. Sehr viele Menschen sind völlig verarmt.

Am 01. Dezember aber ist diese schwindelerregende „Karussellfahrt“ zu Ende. Die „Rentenmark“ oder auch die Goldmark, die Reichsmark wird eingeführt.

 

Das Schicksal hat auch um mich keinen Bogen gemacht. Meine Ersparnisse, der Erlös aus dem Verkauf des Hauses Spenerstraße 32, sind auf einen lächerlich kleinen, kaum noch bezifferbaren Wert abgesunken. Ich bin praktisch trotz lebenslanger Arbeit mittellos an Barem. Da helfen keine Vorwürfe, da hilft kein Schimpfen, es rettet kein Zagen. Man wird sich hoffentlich wieder erholen. Kopf hoch!

 

Der britische Archäologe Howard Carter legt in Luxor (Ägypten) das Grab des Kindkönigs Tutanchamun frei. Unermessliche Schätze kommen ans Tageslicht. Wie mag es da erst in den Gräbern der „gestandenen“ Herrscher ausgesehen haben? Diese bisher gefundenen anderen Grabstätten waren bereits alle vor Zeiten ausgeraubt. Wo mögen diese Schätze geblieben sein? In Nordafrika? – am 05. Mai haben wir hier bei uns rund 30°C im Schatten. Eine ungewöhnliche Wetterkapriole.

 

1924

Ein Mitglied der Arbeiterpartei, ein gewisser Hitler, wird verurteilt wegen eines blutigen Putsch-Versuches. Wollte sich anmaßen, das etwas wackelige Weimarer Reich umzukippen, der schneidige Gefreite, dat Männeken.

Ein Zeppelin Luftschiff, die LZ 126, mit Dr. Hugo Eckener als Kapitän an Bord, überquert zum ersten Mal den Atlantik nach Lakehurst. Reichlich 71 Stunden dauerte die Passage. Das Luftschiff blieb aber drüben. Ist war als Reparationsleistung gedacht, denn Deutschland darf nach dem Versailler Vertag ja keine derartige Flottille mehr unterhalten.

Unsere Vorortbahnen nach Berlin werden in diesem Jahr auf Elektrobetrieb umgestellt.

 

1925

Elsaß und Lothringen fallen endgültig an Frankreich.

Es gibt Versuche nicht nur Sprache und Musik, sondern sogar Bilder über weite Strecken drahtlos durch die Luft zu schicken. Das steht aber erst in den Köpfen beziehungsweise im Versuchsstadium.

Prof. Hugo Junkers regt den Zusammenschluss von vorerst 12 Staaten zu einer „Europa-Union“ vor – etwa nach dem Vorbild der USA aber noch verbessert.

 

1926 – mein 80. Lebensjahr

Meinen 80. Geburtstag begehen wir im Garten des „Spandauer Bock“ mit meinen Kindern und deren Ehepartnern.

Anna hat inzwischen den Süßwarenladen aufgegeben und wohnt als Rentnerin in NW 21, in der Wilsnacker Straße 60.(?)

Unser jüngster Sohn Franz (Runge) hatte mit der Harley-Davidson einen Sturz. Der Junge war schwer verletzt. Ein Milz- und Leberriss wurden im Krankenhaus (Nähe Funkturm) wieder geflickt. Nun soll er zur Nachsorgekur in den Schwarzwald. Dazu leiht er sich bei Tochter Margarethe Sommer in Nowawes, seiner Halbschwester eine finanzielle Unterstützung (das heißt: diese eigentlich von Max Sommer).

Meine Enkelin Anne-Marie Sommer machte bei meinem Besuch kürzlich in Nowawes, dort im Hausgarten der Priesterstraße 68, einige photographische Aufnahmen von mir, ihrem alten Großvater Franz. Der Anlass meines Besuches war allerdings ein trauriger: Ihr großer Bruder Franz Sommer starb am 03. September an Krebs, der sich nach einer Knieverletzung beim Hockeyspiel ausbreitete. Da half selbst die Amputation des Beines nichts mehr. Traurig, gerade 20 Jahre alt ist er geworden und sollte doch später die Firma des Vaters übernehmen.

 

Deutschland wird im September in den Völkerbund aufgenommen, nicht mehr als Kriegsaggressor geächtet. So kann man wieder etwas aufatmen und die Lufthansa darf auch als ziviles Flugunternehmen gegründet werden. Der ehemalige Exerzierplatz Tempelhofer Feld ist in den vergangenen Jahren zu einem Flugplatz umgebaut worden. So öffnet in diesem Jahr hier der weltweit erste Flughafen für den Linienverkehr. (Für immer geschlossen wird er im November 2008, zugunsten des dann am Stadtrand liegenden „Großflughafens Berlin-Schönefeld // Berlin - Brandenburg – International“).

 

1927

Schweren Herzens hatte ich mich entschieden, nun doch in das „Städtische Bürgerhaus“ , das Altenheim, zu ziehen. Das gibt dem Leben Ruhe und einen Angelpunkt mit festen Regeln sowie bescheidener, ordentlicher Versorgung. Die Adresse ist Sophie-Charlottenstraße 115 aber der Eingang durch den Torbogen und den kleinen Hauspark in der Mollwitzstraße ist wesentlich schöner.

Spaziergänge in der Stadt, allein und mit Maria sind trotz meines jetzigen Wohnens im „Stiftszimmer,“ nicht ausgeschlossen. Maria bleibt hingegen in der Kirchbachstraße 19 wohnen.

Trotz des Verkaufs des Hauses ist Schwiegersohn Richard Eschert noch immer als Verwalter des Hauses bestellt. In diesem Jahr ist es Zeit, die Fugen der Schornsteinköpfe zu überarbeiten und die Verschlussbleche der Reinigungsöffnungen im Kellergeschoss erneuern zu lassen. Als Hausbesitzer und Verhandlungspartner tritt inzwischen nicht mehr der Kaufmann Heschel-B., sondern ausschließlich seine Frau, inzwischen bitte Frau Dr. jur. Bella Bregmann, auf.

 

Der Brite Sir Alexander Fleming entdeckt aus Versehen einen Schimmelpilz mit bakterientötenden Eigenschaften in seinem Labor. Hieraus wird ein Antibiotikum, das Penicillin, entwickelt. Bisher hatte man zur Bekämpfung nur Schwefelpräparate (Sulfonamide) zur Verfügung.

Die Fa. Opel testet ein Automobil mit Raketenantrieb.

Der amerikanische Postflieger Charles Lindbergh fliegt als erster Mensch völlig allein von New York nach Paris. Sein Flugzeug ist die „Spirit of St. Louis“ und stellt, umgebaut, quasi einen fliegenden Benzintank dar. Doppelt so schnell wie das Luftschiff war er und benötigte ohne Schlaf, ohne Ablösung 33,5 Stunden Flugzeit.

 

1928

Am 19. Januar: Feier der Silbernen Hochzeit meiner Tochter Fanziska und Richard Eschert in meinem „alten“ Hause in Moabit, Spenerstraße 32. 15 Mann hoch waren da: Liebnows, die Eschert-Kinder, deren Freundschaft, Anna, ihre Kinder und Enkel sind dabei; ich aber nicht.

Am 21. Oktober wird Mariannchen als Kind meines Enkels Franz Seehafer geboren. Bei seiner Frau Gertrud haben bereits zu Hause die Wehen eingesetzt, aber sie soll ihr Kind in der schon vorbestimmten Klinik in Berlin - Mitte zur Welt bringen. Deshalb wird ein Taxi gerufen. Helle Aufregung. Die Fahrt führt aber in eine eher unbekannte Gegend, weil der Fahrer den Weg zu einem gleichnamigen Krankenhaus in Steglitz einschlägt. Ganz knapp, in höchster Not, erreichen sie den richtigen Ort. Und der werdende Vater Franz ist bei der Geburt seiner Einzigen mit dabei.

„Der Krieg als Mittel zur Lösung politischer Probleme wird geächtet.“ Dieser Übereinkunft tritt auch Deutschland bei. Man hofft wieder auf mehr Stabilität und Sicherheit.

Die Arbeitslosigkeit steigt aber leider bei einem neuen Höhepunkt der Wirtschaftskrise auf etwa 2 Millionen Menschen.

In der Berliner Funkausstellung können wir heute zum ersten Mal Fernsehen. Ein großer Holzkasten mit einem etwa 3x4 cm großen Bild in der Vorderfront, das uns schemenhaft irgendetwas andeuten möchte. Gewiss ein hervorragender Fortschritt - aber vom Mann auf der Straße nicht so recht zu nutzen.

Ende Mai stürzt der italienische General Umberto Nobile mit dem Luftschiff „Italia“ in der Nordpolarregion ab. Ein Teil der Besatzung flog nach dem Aufprall auf das Eis mit dem zerrissenen Luftschiff davon und wurden nie gefunden. Einige waren auf das Eis gestürzt, darunter auch der Kapitän, und wurden nach einem Monat des Wartens in grimmiger Kälte bei geringen Proviantresten, gerettet.

Die elektrische S-Bahn (Schnellbahn, Stadtbahn aber ohne Speisewagen) nimmt zwischen Potsdam und Berlin-Friedrichstraße ihren durchgehenden Betrieb auf.

Nun wird der angekündigte Tonfilm Wirklichkeit. Klavierspieler und Filmerklärer sind jetzt nur noch Zuschauer – wenn sie wollen.

 

1929

In der Nacht vom 2. zum 3. Februar herrschen hier -23°C. Klirrende Kälte.

Nur Ärger mit den Leuten (III) in der Spenerstraße. Ein kalter Winter mit extrem niedrigen Temperaturen. Am 16. Februar bricht in der Wohnung des Schneidermeisters Karvet ein Schadensfeuer aus. Infolge der Unvorsichtigkeit beim versuchsweisen Auftauen von Wasserleitung und Abflussrohr, kohlen ihm die Fußbodendielen und daselbst Balken unter den Fußsohlen an. Was soll der Mensch dazu sagen? Schade drum. Aber mich geht das alles nichts mehr an, obwohl ich gerade eben noch fühlte: „Meine Dielen“ seien verkohlt. Das ist doch ein typischer Fall für den Schwiegersohn-Verwalter Eschert.

 

Seit dem 11. Februar besteht innerhalb der Stadt Rom der Vatikanstaat mit 850 Einwohnern. Auch Briand und Stresemann legen den Plan für ein vereintes Europa vor.

Das Luftschiff „Graf Zeppelin“ LZ 127 umrundet den Erdball in 20 Tagen und legt dabei 24.000 Kilometer zurück.

Der „schwarze Freitag“ mit dem Börsenkrach in den USA hat Auswirkungen auch auf das Ausland. Die Weltwirtschaftskrise beginnt, die bis nach 1933 andauern wird. Immer mehr Leute werden arbeitslos. Die Arbeitslosenunterstützung beträgt 10 Pfennige am Tag.

 

1930

Mein kleiner Enkel Hellmut (also der von Sohn Carl – nur erwähnt, damit ihr nicht durcheinander kommt), der 1903 geboren wurde, so wie unser letzter Sohn Franz, heiratet am 02. September die Telefonistin Lucie Höpfner. Mögen sie glücklich werden und sich Geborgenheit geben – die ich eigentlich immer suchte.

 

Die Weltwirtschaftskrise drückt Deutschland immer tiefer. 4,4 Millionen Arbeitslose. Die Nationalsozialistische Arbeiterpartei (NSDAP) wird nach der SPD zweitstärkste Partei.

Mahatma Gandhi ruft das indische Volk zum gewaltfreien Widerstand gegen die ausbeutenden Kolonialherren auf. Das „Mutterland“ England reagiert mit militärischer Gewalt.

Ein kleiner, sonnenferner Planet wurde in unserer Milchstraße entdeckt und Pluto benannt.

Prof. Einstein eröffnete die diesjährige Funkausstellung.

Der Berliner Max Schmeling wird Boxweltmeister.

Es kommen schnelle Schneuztücher aus weichem Papier auf den Markt; Tempo mit Namen.

 

1931

Neuerlicher Ärger mit den Menschen (IV). Im Mai gibt es eine Ofenexplosion (wieder Spenerstraße 32) in der Wohnung des Kriminalassistenten A. Peter. Der Mensch konnte aber nichts dafür. Schuld daran war der darunter wohnende Tischler Masch, weil er spiritusgetränkte Lappen im Ofen verbrannte. Man hört es so. Es ist ja nicht mehr meine Sache. Aber die strenge Juristin Bella Bregmann wird es nicht gefreut haben.

 

Die Arbeitslosigkeit steigt in diesem Jahr auf fast 5,7 Millionen Menschen. Ist denn der Tiefpunkt noch immer nicht erreicht?

Auf der diesjährigen Funkausstellung erneut Fernsehfreuden. Diesmal kann man schon mehr an Bildern erkennen. Hier ist nicht mehr die Nipkowscheibe, sondern ein elektronischer Strahl in einer Braunschen Röhre eingesetzt.

Siemens kann nicht nur große Maschinen bauen: Kürzlich hat er den elektrischen Rasierapparat „Sirama“ vorgestellt. Kein Einseifen, schaben und sich schneiden mehr.

 

1932

Es müssen in diesem Jahr knapp 7 Millionen Arbeitslose gezählt werden. Bei der Reichspräsidentenwahl erhält der 85jährige Hindenburg 53% der Stimmen (bei aller Achtung – was soll das - einen Knaben meines Alters und seiner Gebrechen an die Spitze des Staates zu schieben). Der vormals putschende kriminelle Hilfsbibliothekar und angehende Kunstmaler Hitler bekommt 37% der Stimmen und der Kommunist Thälmann 10%. Gemeinsam verhindern die Deutsch-Nationalen, die nationalen Sozialisten und die Kommunisten eine neue ordentliche, demokratische Regierung.

Die Olympischen Spiele finden in diesem Jahr in Los Angeles statt.

 

1933

Am 27. Februar hat es im Reichstagsgebäude gebrannt. Nicht so von ganz alleine. Vermutlich Brandstiftung.

Bei der Reichstagswahl am 05. März erreichen die Nationalsozialistische Arbeiterpartei und die Deutsch-Nationalen vereint, die absolute Mehrheit. Wegen der Brandschäden, so heißt es, findet die erste Sitzung des Reichstags der neuen Wahlperiode mit der Machtübergabe von Hindenburg an Hitler, in der Potsdamer Garnisonkirche statt. Am 30. April wird Hitler Reichskanzler. Bald werden alle Parteien außer der Hitler-Partei verboten. Die Gewerkschaften sowieso. Eine unerhörte Hetz-Propagandamaschinerie beginnt zu laufen. Kunst, Geistesschaffen und Zeitungen werden „gleichgeschaltet“ und streng zensiert.

Ab Mai fegt der „Fliegende Hamburger“ ein dieselelektrischer Schnelltriebwagen durch das Land. Seine Reisegeschwindigkeit beträgt 125 Kilometer je Stunde. Die Höchstgeschwindigkeit wird mit 160 angegeben.

 

1934

Mein Enkel Günther Eschert hält Hochzeit. (Ich erinnere mich noch seiner Taufe, als ob es neulich gewesen wäre). Er ehelicht die um bereits 10 Jahre über ihm stehende Anni Wassermann. Versteh’s wer will. Irgendetwas muss schon an ihr sein. Bei mir zumindest wurden die Damen mit meinem ansteigenden Alter eher jünger.

 

Hitler, so sickert durch, habe Angst vor starken Nebenbuhlern. Wegen des „Röhmputsches“ lässt er viele Leute sogar oder besonders gleichgesinnte Führungskräfte ermorden. Ebenso Intellektuelle, starke Charaktere, bei denen er eine mögliche Gegnerschaft wittert. Auch die  erfolgreichen jüdischen Mitbürger scheinen besonders gefährdet.

Gegründet wurde im krassen Gegensatz besonders sozial erscheinend, die gleichgeschaltete Volkserholungsorganisation „Kraft durch Freude“.

 

1935

Nun bin ich schon häufiger recht müde. Mit 89 Jahren darf man es ja wohl auch sein. Jede kleinere Verrichtung, jeder längere Gang, strengt mich an. Die Zeit des Bäume ausreißens liegt hinter mir. Mit einigen wenigen der vielen Alten halte ich noch den Gedankenaustausch oder gehe spazieren, lasse die Bilder dieses merkwürdigen, „in gebogenen Linien“ durchlebten Erdendaseins an mir vorbeiziehen.

Neues interessiert mich nicht mehr so sehr – höchstens mal zu hören, wie es bei den Kindern und Enkeln weitergeht. Aber ansonsten – und vor der neuen Politik des 1000jährigen Reiches kann’s Einen bestenfalls grausen.

 

Am 16. März wird die Wehrpflicht eingeführt unter Verletzung der Auflagen des Versailler Vertrages. Ab 15. September ermöglichen es die „Nürnberger Gesetze“ anders denkende Mitmenschen, Menschen fremder Religion oder ausländischer Herkunft zu drangsalieren.  „Konzentrationslager“ zum Erfassen und Absondern missliebiger Personen (und derer scheint es viele zu geben) werden errichtet.

Trotz alledem laufen in den Kinos, wie ich höre, die ersten Farbfilme. Die erste landwirtschaftliche Ausstellung, „Die Grüne Woche“, findet am Berliner Funkturm statt.

 

1936

Heute, am Sonntag, dem 19. Januar 1936, endet mein Leben im Charlottenburger Heim, im Städtischen Bürgerhaus, wegen meiner fortschreitenden Altersschwäche. Nun ja, zwar wollte ich hier mein Dasein gern mit einer „90“ (mit Eichenlaub) eher abrunden als krönen, es hat aber nicht sollen sein. Als einzigen verbliebenen Besitz habe ich einen schönen Ring mit einem Onyx-Halbedelstein. Eben, es war nicht alles edel. Mehr ist nicht zu vererben.

Meine inzwischen schon 22jährige Enkelin Anne Marie Sommer (in Nowawes) hat es übernommen, die Benachrichtigungen über mein Erden-Ende an Freunde und Bekannte zu schreiben. Viele sind es nicht mehr, die meisten sind vor mir gegangen. Deshalb kann es nicht mehr viele freuen. Manche werden zeitweilig ein Gedenken an mich bewahren.

Am 24. Januar trete ich, nun schon der Bürde des Alters ledig, in Ruhe und mit Leichtigkeit die letzte Fahrt an - zum Krematorium in der Gerichtsstraße 37 / 38 in der Nähe des Bahnhof Wedding. Es ist ein gutes Gefühl zu wissen, dass alles sauber, alles rein wird, sich kein Erdgetier an mir laben wird. Dort haben wir im Gebäude Kolumbarien (Urnennischen) aber auch draußen begrünte Freiflächen. Ich werde mich in jedem Falle gut aufgehoben fühlen.

 

Eins zu sein mit allem was lebt,

das wäre der Himmel des Menschen.

In seliger Selbstvergessenheit wiederzukehren,

ins All der Natur, das ist

der Gipfel der Gedanken und der Freuden.

Nach Friedrich Hölderlin

 

Anschriftenliste der bekannten Wohnorte des Carl Heinrich Franz Runge:

 

Jahre

Lebensalter

Anschrift

 

1

1846

00

Berlin-Mitte, Linienstraße 48, auch

Berlin-Mitte, Mulackstraße

2

1871

25

Weißensee bei Berlin, Goethestraße 25, (Eigentum)

 

3

1876

30

Weißensee bei Berlin, Greifswalder Straße 9, Eigentum

Zimmerplatz in der Greifswalder Straße 25 (Eigentümer sind Carl Heinrich Franz Runge und Friedr. Wilh. Julius Schmidt)

-

1877

31

Berlin, Stralauer Straße 49, Teil - Eigentum

(Keine selbst genutzte Wohnung, sondern nur Kaufobjekt)

 

4.1

1886

41, Marie

Weißensee bei Berlin, weiterhin Goethestraße 25

 

4.2

5.

6.

 

um

1890

40, Franz

 

54

 

Mit den Kindern:

Weißensee bei Berlin, Elbinger Straße 11, Parterre

Neuendorf, Forststraße 12

 

 

1893 - 1896

43 – 46

Spener Straße 32 in Moabit. Eigentümer F. Runge, Zimmermeister

7

1902

55

mit Anna Schütte: Neuendorf, Luisenstraße 16

8

1915

69

mit Maria Zborowski: Berlin, Kirchbachstraße 19

9

1926/

1927

80

Berlin-Charlottenburg, Sophie-Charlotte-Straße 115

(Städtisches Bürgerhaus)

Die Wohnorttabelle erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

In den Berliner Adressbüchern (Stadtbibliothek, Breite Straße) gibt es weitere Runge-Anschriften, die sich aber nicht zuverlässig zuordnen lassen. Es gibt auch weitere Runge-Geschwister in Berlin (und deren Kinder) und darüber hinaus viele Namensvettern, ohne dass sich derzeitig eine Verwandtschaft nachweisen lässt. Auch der Vater unseres Carl Heinrich Franz Runge, der Hauptperson dieser Dokumentation, Erdmann Daniel Franz Runge (1815 – 1883) war Zimmermann. Ich habe nur einmal die Runges notiert, die mit Vornamen Franz heißen und etwas mit dem Zimmerhandwerk zu tun haben:

1870 – 1873: F. Runge, Zimmermeister, Köpenicker Straße 59, IV.

1881Fr. Runge, Architekt und Zimmermeister, NO, Landsberger Allee 141, I.

1892Fr. Runge, Zimmermeister, NO, Landsberger Allee 136

1920Franz Runge, Rentier, SW68, Markgrafenstraße 1, III, Eigentümer

1925Franz Runge, Zimmerer, Schöneberg, Wartburgstraße 40, Erdgeschoss

 

Nachbemerkungen:

 

1937

Im April wird das Runge-Haus, Spenerstraße 32, in Berlin-Moabit für 118.000 Reichsmark von Frau Dr. Bregmann weiterverkauft an ihren Berufskollegen Herrn Dr. Ludwig Ketteler, Rechtsanwalt und Notar aus Düsseldorf, der derzeitig in Berlin W 50, Prager Straße 22 wohnt.

 

Im Zweiten Weltkrieg verlassen die Verwalter, Familie Eschert, das Haus und suchen für einige Zeit Unterkunft bei Schwester Margarethe (Sommer) in der Nowaweser Priesterstraße 68. Sie hatten es in der Spenerstraße, als der Krieg nach Berlin zurückkehrte, bei den Übergriffen, beim Sperrenbau, nicht mehr aushalten können / wollen.

Am Ende des Krieges wird auch dieses Haus bombardiert. Enkelin Friedel Dankhoff / Liebnow, die Älteste von Tochter Johanna Runge (oo I. Dankhoff / oo II Seehafer), verehelichte Seehafer, hat aus den Schuttbergen nur noch eine Bodenfliese des Hausflures als Andenken bergen können.

 

1941

Anna Runge und die Ulrichs (der Sohn Walter mit Familie) wohnen 1941 in Berlin, nicht mehr in der Grolmannstraße, sondern in der Wilsnacker Straße, Ecke Birkenstraße. Wie der Name schon sagt, ist die Straße mit Birken bestanden, deren lichtes Grün uns erfreut. Von hier aus sind es nur wenige Schritte bis zu der Großen „Heilige-Geist-Kirche“ in der Birkenstraße, Ecke Perleberger Straße. Aber es muss nochmals ein Wohnungswechsel stattfinden, weil sie hier im Kriege ausgebombt werden. Das neue Notdomizil befindet sich in der Nähe der Deutschen Oper vor dem Neuen Tor.

 

1946

In Berlin stirbt am 29. März 1946 Anna Luise Runge, geborene Schütte, verwitwete Ulrich im 81. Lebensjahr.

 

1953

Seit Monat März wird an dem Abreißen dieses vormals schönen, großen Hauskomplexes Spenerstraße 32 gearbeitet. Der Zimmereibetrieb Fritz Reichert ist damit beauftragt. Die Abbruch-Aufsicht obliegt dem Zimmerer Max Geissler aus der Essener Straße 10. Der gewaltige Häuserkomplex, dessen Errichtung ein knappes Jahr währte, bestand nur etwa ein halbes Jahrhundert. Er ist nicht mehr.

 

1955

Mit dem neuen Generalbebauungsplan von diesem Jahr, wird auch die Gesamtberäumung mehrerer Nachbargrundstücke beschlossen und 1958, am …

 

1958

….29. April begonnen, ausgeführt von der Abrissfirma Karl Barthel, Lichterfelde-West, Malvenstraße 1. Die Arbeiten wurden am 22. Juli beendet. Damit erinnern an das Haus Spenerstraße 32 und Umgebung nur noch die hier ausgewerteten Bauakten., Fotos und eine Fußbodenfliese unter der Kaffeekanne von Frieda.

 

Die Akte für dieses Haus auf Flur 52, Flurstück 114, Liegenschaftsbuch = Gebäudebuch - Nr. 1540, 553 / 100, im Grundbuch Band 68 Nr. 3024 und Band 74 Blatt 3189 des Grundbuchamtes Tiergarten (bisher Moabit) wurde für immer geschlossen. (Die Bauakte liegt im Landesarchiv Berlin, Kalckreuthstraße 1-2, 10777 Berlin).

Auf dem gleichen Wohnplatz der Grundstücke entstanden in den 60er Jahren Neubauten, an deren Rückfront sich ein kleiner Park anschließt.

 

- Ende -

Zwar endet hier der heutige Bericht, aber es wird daran gearbeitet, den Lebenslauf weiter zu vervollständigen.

Über die Kinder und Enkelkinder der hier erwähnten Personen, bestehen gesonderte Dokumentationen.